Hinter allem steckt Geschichte und wir erzählen sie euch – euer History-Podcast.
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Das Ringen um Freihandel und Zölle prägt die Weltwirtschaft seit gut 200 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Handel jahrzehntelang im großen Stil liberalisiert, nun geht es wieder um Strafzölle und Handelskriege, auch dank US-Präsident Donald Trump. Ist das nun das Ende der Globalisierung? Von Maike Brzoska (BR 2025)
Credits
Autorin: Maike Brzoska
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Susanne Schröder
Technik: Regine Elbers
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Nikolaus Wolf, Prof. Oliver Lorz, Claudia Schmucker, Hanns-Günther Hilpert
Linktipps:
ARD alpha (2020): Freihandel – Fluch oder Segen
alpha-demokratie befasst sich diesmal mit dem Thema: "Freihandel – Fluch oder Segen". Zu Gast ist: ist Dr. Martin Braml, Ifo-Institut. JETZT ANSEHEN
radioWissen (2023): David Ricardo – Begründer des Freihandelns
Selfmade-Wissenschaftler, Börsenmakler, Multimillionär und ein Urvater der Volkswirtschaftslehre: David Ricardo. (BR 2018) JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Aus dem Flüsschen Tollense in Mecklenburg-Vorpommern bargen Archäologen viele tausend Menschenknochen: die Überreste einer mörderischen Schlacht vor gut 3000 Jahren. Doch wer kämpfte mit wem? Reichten damals Schockwellen aus dem östlichen Mittelmeer bis ins heutige Norddeutschland? Von Matthias Hennies (BR 2022)
Credits
Autor: Matthias Hennies
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Karin Schumacher
Technik: Michael Krogmann
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Joachim Krüger, Dr. Detlef Jantzen, Prof. Thomas Terberger, Prof. Lorenz Rahmstorf
Linktipps:
ZDF (2019): Tatort Steinzeit
Immer wieder stoßen Forscher auf die Spuren von Gewalt, die in diesem Ausmaß aus früheren Epochen unbekannt sind. Wer waren die Opfer und wer die Täter? JETZT ANSEHEN
BR (2024): Bewegter Mensch – Der neue Blick in der Archäologie
Was erzählen versteinerte Fußspuren über das Leben in der Steinzeit? Inwiefern haben Wege dazu beigetragen, dass sich Menschen ihre Umwelt zu Nutze machen und weiterkommen konnten? Eine neue Denkrichtung in der Archäologie versucht, sich homo sapiens als bewegtem Wesen zu nähern. Ein Podcast von Katharina Hübel. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO
Sprecher
In weiten Schleifen zieht sich ein Flüsschen durch das Grünland, im Schilf steht ein Graureiher. Nach dem letzten eisigen Schauer ist die Sonne wieder herausgekommen und über der Waldkante erscheint ein Regenbogen. Spätherbst im Tal der Tollense, im ländlichen Mecklenburg.
1. OT Krüger_1 5:17
Das ist der Fundplatz, wo alles begann, Weltzin 20, das ist der Fundplatz, wo der berühmte Oberarmknochen mit der eingeschossenen Flintpfeilspitze herstammt, das ist der Fundplatz, wo die ersten eingeschlagenen Schädel gefunden worden sind und das ist der Fundplatz, der auch noch drei Holzkeulen geliefert hat. Also zu den eingeschlagenen Schädeln auch noch die entsprechenden Mordwerkzeuge.
MUSIK
Sprecher
Joachim Krüger ist fasziniert von diesem Ort – dem weiten stillen Tal, das ein großes Rätsel birgt. Krüger ist Taucher und Archäologe, er lehrt an der Uni Greifswald. Im Tollense-Tal hat er mit einem Team ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer mehr als 10.000 menschliche Knochen geborgen, bei Tauchgängen aus den Sedimenten des Flusses und bei Ausgrabungen an den Ufern.
MUSIK
2. OT Krüger_1 8:01
Da drüben die Fundstelle ist auch interessant, weil ich dort den Schädel mit der eingeschossenen Bronzepfeilspitze gefunden habe, aber wir gehen erstmal zum Hauptfundplatz.
3. OT Krüger_1 9:58
Hier sind insgesamt über 90 Individuen anhand des linken Oberschenkels nachgewiesen worden, das ist der Bereich an Land, der am intensivsten ausgegraben worden ist, und Sie sehen das vielleicht dort drüben, wo das Gras etwas grüner ist, da wurde damals festgestellt, dass eigentlich über den gesamten Bereich mit Knochen zu rechnen ist.
MUSIK
Sprecher
Ein makabrer Fundplatz in einer idyllischen Landschaft. Das Wasser des Flusses ist kristallklar und voller Fische. Durch die üppigen Wiesen geht mal ein Spaziergänger mit Hund, sonst ist es still. Wer wurde hier massakriert? Der Ausgräber zuckt die Schultern: Er weiß nur, wann es geschah: Zu Anfang des 13. Jahrhunderts vor Christus, in der späten Bronzezeit. Das verrieten die bronzenen Pfeilspitzen, die zahlreich ans Licht kamen, denn daran fanden sich noch winzige Reste des hölzernen Schafts – und das Holz ließ sich mit der C-14-Methode auf die Jahre um 1275 vor Christus datieren. Ein älteres Schlachtfeld kennt man in ganz Europa nicht. Doch wer hier die Sieger, wer die Besiegten waren, kann niemand sagen. Es gibt keine Aufzeichnungen über Götter und Helden, geschweige denn über reale Menschen dieser Zeit, denn vor gut 3000 Jahren kannte dieser Teil Europas die Schrift noch nicht.
ATMO
Sprecher
Mindestens auf 2 ½ Kilometern entlang des Flusses sind Menschenknochen verteilt, berichtet Krüger. Es war ein furchtbares Gemetzel. Bei jahrelangen Forschungen fanden die Archäologen Beckenschaufeln, Oberschenkelknochen, Wirbelsäulen, alle hervorragend erhalten, weil sie im feuchten Sediment des Flusses und im moorigen Boden an den Ufern nicht mit Sauerstoff in Berührung gekommen waren. Die Skelette waren zwar in Einzelteile zerfallen, doch oft überraschend vollständig.
4.OT Krüger_3 8:52
Das ist an dieser Stelle so, das ist da drüben so, da ist von Kopf bis Fuß noch alles vorhanden. Das ist dann nur die Aufgabe der Anthropologen, das zusammenzupuzzeln.
Sprecher
Die konnten bisher rund 150 Personen rekonstruieren – und die Archäologen haben einiges gefunden, was die Menschen bei sich hatten. Kleidung ist im feuchten Grund längst vergangen, aber Gegenstände aus Holz oder Edelmetall blieben erhalten.
5. OT Krüger _3 12:32
Wo die Individuen gut zugänglich gewesen sind, findet man fast nichts an Ausrüstungsgegenständen - was auf eine Plünderung hindeutet: Hier auf 90 Personen ein Fingerring und dann dieser massive Armring. Aber wo die Toten tiefer abgelagert waren, da haben wir auch tolle Metallfunde. Man hat ja in diesem Tal vier goldene Spiralringe gefunden – oder der Fundort da drüben an der Waldkante, da haben wir eine phantastisch erhaltene Gürteldose und Gewandschmuck, Nadeln, im Zusammenhang mit menschlichen Überresten.
Sprecher
Die Sieger haben sich beim Plündern offenbar viel Zeit gelassen: Sie nahmen den Toten alles ab, was sie zu fassen bekamen, sammelten sogar die Spitzen der verschossenen Pfeile ein. Zurück blieb nur, was an tieferen Stellen des Flusses im Wasser versunken war.
5a. OT Krüger_4 6:03
Da vorne ist ne kleine Brennnessel-Stelle, macht nix, ne?
Sprecher
Wenn man sich durchs feuchte, hohe Gras ein Stück flussaufwärts arbeitet, versteht man, warum es gerade hier zum Kampf kam. Joachim Krüger zeigt auf einige Holzpflöcke und einen helleren Grasstreifen am anderen Ufer: Dort verlief vor gut 3000 Jahren ein Dammweg, so breit, dass man mit Fuhrwerken darauf fahren konnte. Weil das Tal damals sehr sumpfig war, hatte man aus großen Rasensoden den Damm gebaut und an den Seiten aufwändig befestigt.
6. OT Krüger_5 3:21
An den Rändern mit Feldsteinen belegt im trockenen Bereich und im feuchten Bereich Eichenstämme hineingerammt und die Datierungen haben ja ergeben, dass diese Konstruktion in der frühen Bronzezeit 1800-1900 vC. errichtet wurde und anhand von Reparatur-Hölzern konnte man feststellen, dass der noch um 1300 in Betrieb gewesen ist.
MUSIK
Sprecher
Der Damm war schon mehr als 500 Jahre in Stand gehalten worden, als der Kampf entbrannte. Die Angreifer hatten eine günstige Stelle gewählt, denn der Weg führt hier herunter zur Tollense und ihre Gegner mussten den Fluss schutzlos auf einer Brücke überqueren. Holzreste der Brückenkonstruktion konnten die Archäologen im Wasser identifizieren. Ein über Jahrhunderte gepflegter Fahrweg und sogar eine Brücke: Diese Strecke hatte in der Bronzezeit offensichtlich große Bedeutung. Vermutlich war es eine weitreichende Handelsverbindung – und hier kreuzte sie den Fluss, der mit Einbäumen oder Booten ebenfalls für den Fernhandel genutzt werden konnte.
7. OT Krüger_3 16:28
Die Tollense ist zwischen 70 und 80 km lang, sie entspringt im Tollense-See bei Neubrandenburg, das ist in Richtung Süden, dort hinten, wo die Windräder stehen, und dann fließt sie hier ziemlich genau Richtung Norden und bei der Stadt Demmin mündet sie in die Peene – und über die Peene haben Sie Zugang zur Ostsee.
MUSIK
Sprecher
Diese Fernverbindungen waren wohl die Ursache für die Schlacht, denn sie hatten immense Bedeutung für die Menschen in Norddeutschland – und mehr noch für die florierende Kultur der „Nordischen Bronzezeit“ in Dänemark. Aus dem Süden kamen nämlich die Rohstoffe für die Bronze, den golden glänzenden, hochbelastbaren Schlüsselwerkstoff der Epoche: Bronze wurde aus etwa neun Teilen Kupfer und einem Teil Zinn hergestellt – und in Nordeuropa waren weder Kupfer noch Zinn verfügbar. Aber im heutigen Sachsen wurde viel Bronze verarbeitet und weiter südlich, im böhmischen und slowakischen Erzgebirge, baute man sowohl Kupfer- als auch Zinnerz ab. Wurde also an der Tollense-Brücke ein Transport von Zinn und Kupfer ausgeraubt, eine Handelskarawane? Oder trafen vielleicht die Truppen zweier Lokalfürsten aufeinander, die um die Kontrolle über eine Fernhandelsroute stritten? Dann konnten sie von jedem Händler, von jeder Karawane Abgaben eintreiben! Wer die Antwort sucht, muss ermitteln, ob die Menschen aus Siedlungen in der Umgebung stammten, die man bisher nicht kennt, oder von weit her kamen. Und wie viele waren es überhaupt?
ATMO
Sprecher
Um diese Fragen zu klären, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein großes, interdisziplinäres Projekt gefördert. Die Funde, die dabei analysiert wurden, ruhen nun im Magazin des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin.
Sprecher
Detlef Jantzen ist der Landesarchäologe in Mecklenburg-Vorpommern. Er sitzt vor einem Stapel Fundkartons und fasst zusammen, was die Analysen ergaben. Aufschluss über die Waffen der Kämpfer haben die anthropologischen Knochenuntersuchungen geliefert:
9. OT Jantzen_1 2:22
Viele dieser Individuen haben Pfeiltreffer, wir haben Schnittverletzungen zwischen den Rippen, da ist dann mit Lanzenspitzen oder Dolchen gestochen worden, wir haben einige Hiebverletzungen, es gab also offenbar auch Schwerter, und wir haben Spuren stumpfer Gewalt, vor allem an den Schädeln in Form von Frakturen, die durch gezielte Keulenschläge im Nahkampf beigebracht worden sind.
V. Atmo Jantzen_1 11:15
Dann gucken wir uns mal die Langknochen an.
Sprecher
Im nächsten Karton zeigt Jantzen einen Oberschenkelknochen:
10. OT Jantzen_2 3:30
Knistern. Und an der tiefsten Stelle entdeckt man ein Loch, das ungefähr dem Querschnitt einer Pfeilspitze entspricht. Hier ist offensichtlich eine Pfeilspitze eingedrungen und dann ist diese Pfeilspitze wahrscheinlich wieder herausgezogen worden, das ist ein Phänomen, das wir an vielen Knochen feststellen können, dass eingedrungene Projektile wieder herausgezogen wurden.
Sprecher
Vielleicht hat ein Kamerad versucht, dem Verletzten zu helfen. Wahrscheinlicher ist aber, dass jemand den Pfeil beim Plündern herauszog, weil er die Spitze wiederverwenden wollte.
ATMO
11. OT Jantzen_2 16:35
Das hier ist eine Gürteldose, das ist ein kleines Gefäß aus gegossener Bronze, dessen Oberfläche sehr schön verziert ist mit einem strahlenförmigen Muster -
MUSIK
Sprecher
- ein prachtvolles Stück, das nichts Kriegerisches an sich hat: Die eingetieften Kreise und Strahlen des sonnenähnlichen Musters sind mit schwarzem Birkenpech gefüllt worden und ergeben einen schönen Kontrast zur golden schimmernden Bronze. Solche Dosen trugen Frauen häufig am Gürtel. Tatsächlich sind unter den Opfern der Schlacht auch einige Frauen identifiziert worden – waren sie Kriegerinnen? Oder zogen sie mit den Truppen mit wie später die legendäre Mutter Courage? Sie könnten aber auch eine Handelskarawane begleitet haben – die Frage, welche Rolle die Frauen spielten, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Die anderen naturwissenschaftlichen Analysen blieben unergiebig. Hinweise auf die Herkunft eines Toten kann das Mischungsverhältnis von Strontium-Atomen geben, die sich in der Jugend in den Zähnen anlagern. Doch das Rätsel der Tollense-Schlacht ließ sich damit nicht lösen: Die Messungen deuteten auf Landschaften quer durch Europa hin.
Auch Genetiker konnten nicht helfen: DNA-Spuren aus den Skelettresten zeigten nur, dass die Toten nicht miteinander verwandt waren. Daher stützt sich Detlef Jantzen bei seiner Interpretation vor allem auf anthropologische Erkenntnisse: Durch anhaltende Belastungen verursachte Veränderungen an den Knochen deuten darauf hin, erläutert er, dass die Menschen in ihrem Leben viel gelaufen waren und dass sie schwere Lasten getragen haben.
12. OT Jantzen_2 44:45
Wir haben dort also eine Menschengruppe vor uns, weit überwiegend Männer, einige Frauen, regionale Herkunft ist sehr unterschiedlich, sie sind offenbar nicht mit einander verwandt und sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie weite Strecken gelaufen sind und dass sie teilweise auch schwere Lasten trugen. Und das Bild passt nicht wirklich zum Bild eines Kriegerbundes, sondern führt zu der Notwendigkeit, in Betracht zu ziehen, ob man dort nicht eine Gruppe vor sich hat, die für Warentransport zuständig war?
MUSIK
Sprecher
An den Ufern der Tollense wurde eine Karawane überfallen, die auf der Fernhandelsroute unterwegs war, glaubt Detlef Jantzen. Die Angreifer überraschten sie mit einem Hagel von Pfeilen, dann kam es zum Nahkampf mit der bewaffneten Bedeckung der Händler. Wer den Kampf gewann? Ungeklärt. Wer die Sieger auch waren, sie nahmen alles mit: Die Wertgegenstände der Gefallenen und das Handelsgut – doch was war das Handelsgut? Vielleicht Zinn, meint der Landesarchäologe: Bei den Ausgrabungen sind zwei kleine Zinn-Objekte von normierter Größe ans Licht gekommen. Oder Pferde, denn auch Knochen von fünf Pferden sind gefunden worden.
Dieses Szenario ist jedoch auf entschiedene Kritik gestoßen. Thomas Terberger, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen, hat das DFG-Projekt zusammen mit Detlef Jantzen geleitet.
13. OT Terberger 36:01
Erst mal stimmen ja die Hypothesen darin überein, dass wir hier ein Gewalt-Level sehen und eine Opferzahl, wie wir sie noch nie gehabt haben in der Bronzezeit – aus ganz Mitteleuropa und darüber hinaus!
Sprecher
Doch aus den Erkenntnissen zieht Terberger andere Schlüsse. Er betont:
14. OT Terberger 36:01
Dass, wenn wir 150 Opfer kennen, wir davon ausgehen müssen, dass mindestens noch mal so viele, möglicherweise noch mehr, dort im Boden liegen – und dann haben wir eine Anzahl von Individuen, die mir für eine Handelskarawane schon als sehr groß erscheinen würde.
Sprecher
Terbergers Rechnung: Da nur kleine Abschnitte in der 2 ½ Kilometer langen Kampfzone ausgegraben wurden, liegen im Boden weitere Opfer. Und die Sieger haben ihre Toten wahrscheinlich mitgenommen, um sie würdig zu bestatten: Daher könnten an der Tollense insgesamt 300 bis 600 Menschen gefallen sein – wie viele Kämpfer standen sich demnach bei Beginn des Gefechts gegenüber?
15. OT Terberger 2:16
Ich halte es nicht für übertrieben, dass wir durchaus auf weit mehr als 1000 Individuen kommen. So dass es nicht unrealistisch ist, von bis zu 2000 Personen auszugehen.
Sprecher
Auch andere Forscher halten die Kalkulation für plausibel. Terberger schließt daraus, dass sich zwei Heerhaufen in einer Feldschlacht gegenüberstanden. Er bezweifelt, dass es schon reguläre Armeen in der Bronzezeit gab. Eher waren es kleinere Kriegergruppen, die sich zusammengeschlossen hatten, weil es um eine attraktive Beute ging - wie die Kontrolle über eine wichtige Rohstoff-Handelsroute. Thomas Terberger hebt einen anderen Punkt hervor:
17. OT Terberger 36:46
Was sehen wir denn, was tatsächlich auf Handel hinweist? Wenn eine Handelskarawane überfallen wird, dann würde ich zumindest teilweise erwarten, dass sich Handelsgüter in unserem Fundmaterial widerspiegeln. Natürlich wird geplündert und alles mitgenommen, was man in die Hände bekommt, aber es sieht ja so aus, als seien Opfer in den Fluss gelangt und nicht mehr zugänglich gewesen. Und die Funde, die im Fluss liegen, zeigen uns von Menge und Charakter her eher kleine Mengen. Das ist eher persönliche Ausstattung als nun Handelsgut.
Sprecher
Die Archäologen fanden beispielsweise 250 Gramm Bronzebruch und die beiden Zinnobjekte zu je 22 Gramm: Darin sieht Jantzen Reste von Handelsgut. Doch für professionelle Händler auf einer langen, gefährlichen Reise wären das allzu kleine Mengen. Überdies haben sie nicht die Form von Handelsgut, die Terberger für die späte Bronzezeit erwartet:
18. OT Terberger 39:33
Typisch sind zum Beispiel Barren, also Kupfer-, Zinn-Barren – die müssen ja nicht gleich 50 Kilo wiegen, aber Fragmente davon, also irgendetwas, was auf eine standardisierte Form des Handels mit Rohstoffen hinweist. Wir wissen, dass in dieser Zeit Glasperlen in den Norden gelangen – dann würde ich doch mal Glas erwarten. Alles, was als Handelsgut in größerem Stil zu erwarten wäre, sehe ich im Tollense-Tal nicht. Ich sehe, dass unsere Funde aus Metall oder Bronze-Waffen sind oder zur persönlichen Ausstattung von Männern passen.
MUSIK
Sprecher
Der Streit ist nicht entschieden, das Rätsel ungelöst. Eine eindeutige Antwort liefern die Funde nicht, deswegen plädieren die beteiligten Wissenschaftler für weitere, vor allem naturwissenschaftliche Auswertungen des vorliegenden Materials. Einig sind die Forschenden nur darüber, dass die Toten aus dem Tollense-Tal letztlich zu den Opfern einer überregionalen Umwälzung gehören, eines großen politischen und auch ideologischen Wandels. Detlef Jantzen:
19. OT Jantzen_2 57:47
Die Zeit um 1300 vor Christus ist nun eine Zeit des Umbruchs, da passiert eine ganze Menge, es gibt im religiösen Bereich einen Wandel, man geht weg von der Körperbestattung hin zur Brandbestattung und man stellt fest, dass die Metallversorgung ins Stocken gerät, also der Metallzufluss, der bisher offensichtlich problemlos geklappt hat, wird jetzt schwieriger. Man fängt noch mehr an zu recyceln, als man das vorher getan hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Ereignisse im Tollense-Tal mit diesem Umbruch etwas zu tun haben, dass sie mit einer Neustrukturierung oder Kämpfen um die Handelswege zusammenhängen.
MUSIK
Sprecher
Es waren die Schockwellen einer Katastrophe im östlichen Mittelmeerraum, die das norddeutsche Flüsschen erreichten. Dort entwickelte sich im 13. Jahrhundert vor Christus in den reichen Hochkulturen eine existenzielle Krise: durch eine Reihe schlechter Ernten, soziale Unruhen und Angriffe fremder Völker. Nur die ägyptischen Pharaonen konnten sich behaupten. Die anderen Reiche fielen wie die Dominosteine: Das Imperium der Hethiter in Anatolien, die Herrschaft der Mykener in Griechenland, das Königtum auf der Kupfer-Insel Zypern. Damit endete die Bronzezeit – und man weiß heute davon, weil die Schrift im östlichen Mittelmeerraum seit langem bekannt war: Auf Tontäfelchen und in Inschriften ist eine Vielfalt schriftlicher Zeugnisse erhalten.
Die Staaten dieser Region waren untereinander wirtschaftlich und diplomatisch eng vernetzt – und unterhielten auch Handelsbeziehungen nach Mittel- und Nordeuropa. Der Umfang ist unklar, nachgewiesen nur der Austausch von Luxusgütern: Bernstein von der Ostsee erfreute sich bei Eliten des Südens großer Beliebtheit. In nordeuropäischen Gräbern wiederum kam Schmuck aus den südlichen Kulturen ans Licht, berichtet Professor Lorenz Rahmstorf, Spezialist für die europäische Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen:
20. OT Rahmstorf_1 3:18
Zum Beispiel Glasperlen, das können wir direkt nachweisen, dass sie bestimmte Formen aufweisen, die wir aus dem Ostmittelmeerraum kennen, das ist nach Norden gekommen, die mykenische Keramik ist zumindest bis nach Norditalien gekommen. Die Glasperlen können wir auch analysieren, da hat sich gezeigt, dass dieses Glas, das sogar in dänischen Gräbern als Perlen gefunden wurde, aus dem Ostmittelmeerraum stammen muss, möglicherweise sogar aus mesopotamischen Werkstätten, es gibt auch ägyptische Werkstätten. Aber sicher war Bernstein und Glas auch nur ein Beiprodukt des Austausches, weil das Neue in der Bronzezeit war, dass die jetzt Metalle in sehr großem Umfang getauscht haben.
Sprecher
Ein Austausch drängt sich auf, denn die Hochkulturen hatten Bedarf und Mitteleuropa die Ressourcen. Seit langem bekannt ist der frühgeschichtliche Zinnabbau in Cornwall:
21. OT Rahmstorf_1 6:45
Es gab mehr Lagerstätten als nur in Cornwall, Europa ist da vergleichsweise gut gesegnet mit Zinnlagerstätten, auch das Erzgebirge, in den letzten Jahren ist das tatsächlich sehr wahrscheinlich geworden, dass bronzezeitlich hier dies Metall auch schon abgebaut wurde.
MUSIK
Sprecher
Und Bergbau auf Kupfer ist im Erzgebirge wie auch in den Alpen nachgewiesen worden. Wenn die Abnehmer am Mittelmeer aber plötzlich vom Thron gestürzt wurden oder die Herrscher nicht mehr ihre schützende Hand über die Händler hielten, geriet das ganze Netzwerk in Unordnung. Dann wurden Karawanen ausgeraubt und neue Herren sicherten sich die Kontrolle über die Fernhandelsrouten. Doch was an der Tollense genau geschah, liegt noch immer im Dunkel. Die Toten, ihre Anführer und ihre Heimat werden erst einmal namenlos bleiben.
Schon vor tausenden von Jahren haben sich Menschen Rohstoffe zunutze gemacht. Wie konnte es ihnen gelingen, unter Tage nach Kupfer, Feuerstein oder Braunkohle zu graben? Und welche Rolle spielten Rohstoffe in ihrem Leben? Von Katharina Hübel (BR 2022)
Credits
Autorin: Katharina Hübel
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Berenike Beschle
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Michael Rind, Prof. Thomas Stöllner, Prof. Philipp Stockhammer
Linktipps:
radioWissen (2020): Granit – Der Stein aus der Tiefe
'Hart wie Granit' steht für etwas besonders Widerstandsfähiges und Robustes … Deshalb wird Granit immer dann verwendet, wenn quasi für die Ewigkeit gebaut werden soll: Vom Grund- bis zum Grabstein. (BR 2018) JETZT ANHÖREN
MDR (2024): Kohlefrauen
Vier selbstbewusste, hochqualifizierte Frauen, die jenseits jeglicher Klischees um die Bedeutung ihrer Arbeit wissen - und sie verteidigen. Denn sie wissen, dass mit dem Kohleausstieg das Bild von stolzen Frauen, die riesige Bagger oder andere Tagebaugroßgeräte bedienen, Geschichte sein wird. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
SPRECHERIN:
Es ist ein über 3.000 Jahre alter Zahn, der Professor Philipp Stockhammers Blick auf das Leben der Menschen in der Bronzezeit verändert hat:
01 / OT Stockhammer
Ich habe mir das nicht vorstellen können.
SPRECHERIN:
Philipp Stockhammer ist Archäologe und wollte eigentlich nur wissen, was die Menschen vor tausenden von Jahren gegessen haben. Stattdessen ist er auf einen für ihn völlig neuen Forschungszweig gestoßen.
MUSIK
SPRECHERIN:
In dem bronzezeitlichen Zahn hat das Team von Professor Stockhammer etwas gefunden, mit dem keiner gerechnet hatte: Reste von Braunkohle.
02 / OT Stockhammer
Wir hatten damals eine ganz neue Methode zur Verfügung, um aus menschlichem Zahnstein Nahrungsreste zu isolieren.
SPRECHERIN:
Zahnstein. Mineralisierter Zahnbelag. Die harten Verfärbungen am Zahn, die heutzutage der Zahnarzt entfernt. Archäologen können sie genauso abkratzen – von Zähnen, die zu ihren Funden gehören. Zum Beispiel von Menschen, die einst in der Bronzezeit gelebt haben.
03 / OT Stockhammer
Ich dachte, wie cool ist das denn? Ich kann sehen, was Menschen vor 4000 Jahren gegessen haben, indem ich Zahnstein rausnehme.
SPRECHERIN:
In den Ablagerungen sind nämlich chemische Signaturen von den Speisen eingeschlossen, die die Menschen damals zu sich genommen haben. Der Zahnstein ist wie ein Tresor für die Forscher.
04 / OT Stockhammer
Und dann kam heraus, dass im Zahnstein noch viel mehr drinsteckt als nur, was die Menschen gegessen haben, nämlich auch, was sie so alles sonst noch eingeatmet haben.
MUSIK
SPRECHERIN:
Vor allem, wenn sie über lange Zeit am Feuer gesessen oder gearbeitet haben. Spuren von Holzkohle, sogar verschiedene Baumarten kann man chemisch identifizieren, Tier-Dung, der verfeuert wurde.
Aber mit einem hatte Philipp Stockhammer nicht gerechnet: In dem über 3.000 Jahre alten Zahnstein, den er untersucht hat, war eindeutig die chemische Signatur von Braunkohle zu finden. Genauer: von den Verbrennungsprodukten der Braunkohle.
05 / OT Stockhammer
Und ich dachte mir so: Wie? Braunkohle? Griechenland, zweites Jahrtausend vor Christus – Braunkohle? Häh?
SPRECHERIN:
Die Menschen aus der Bronzezeit, deren Zähne Philipp Stockhammer untersucht hat, müssen sich regelmäßig in der Nähe eines Feuers aufgehalten haben, das mit Braunkohle befeuert wurde – ein überraschender Befund. Bis vor Kurzem noch, bis ins Jahr 2021, nahmen Archäologen nämlich an, dass die Menschen erst rund 1.000 Jahre später die Braunkohle als Rohstoff entdeckt haben.
06 / OT Stockhammer
Blöd! Die Forschung ist jetzt hundert Jahre davon ausgegangen, dass es so war, nicht anders… (…) Wie erkläre ich jetzt die Vergangenheit neu?
MUSIK
SPRECHERIN:
Der Bergbau ist eine sehr alte Kulturtechnik. Die zurückreicht in Zeiten, zu denen noch der Neandertaler existiert hat und die Menschen noch nicht sesshaft waren.
07/OT Stöllner
Die frühe Rohstoffgewinnung, die Aneignung von mineralischen Ressourcen, beginnt eigentlich vor Ackerbau und Viehzucht. (…) In Südafrika haben wir Beispiele, die etwa 40- bis 60.000 Jahre vor heute zurückreichen.
SPRECHERIN:
Dort wurde beispielsweise roter Farbstoff abgebaut, in Form von Pigmenten, erzählt der Montan-Archäologe Professor Thomas Stöllner von der Ruhr-Universität Bochum. Er leitet das Deutsche Bergbau-Museum:
08/OT Stöllner
Es zeigt Ihnen, dass die Aneignung der Erde und damit eigentlich Bergbau zu einer Urproduktion des Menschen gehört. Das, finde ich, ist vielleicht nicht jedermann bewusst, ist aber ein ganz wesentlicher, sozusagen kultureller Faktor, der für die Menschen einfach wichtig ist.
SPRECHERIN:
„Aneignung der Erde“ – damit meint Thomas Stöllner, dass die Menschen die Erde über tausende von Jahren immer besser kennen gelernt haben. In der menschlichen Umwelt gibt es eben nicht nur Pflanzen und Tiere, die als Nahrungsquelle dienen, sondern auch: Georessourcen. Also: Mineralien, Rohstoffe. Die haben die Menschen nach und nach entdeckt.
MUSIK
SPRECHERIN
In der Regel haben sie sie wohl erst einmal zufällig an der Erdoberfläche gefunden. Dort sind ihnen vielleicht besonders schön gefärbte oder glitzernde Steine aufgefallen. Und, einmal genutzt, haben sie dann systematisch nach ihnen gesucht – und auch irgendwann danach gegraben. Dass Bergbau so eine alte Kulturtechnik ist, wissen Archäologen übrigens deshalb, weil an denselben Stellen heute manchmal immer noch Bergbau betrieben wird. Und ab und an stoßen die Menschen, die im modernen Bergbau arbeiten, dann eben auf alte Stollen oder alte Werkzeuge. Wenn die Archäologen Glück haben, werden sie dann auf den Plan gerufen.
09 / OT Stöllner
Zum Beispiel gibt es da drin Horn. Stellen Sie sich vor: ein eiszeitliches Tier, die Saiga-Antilope, die dort heimisch war. (…) Und diese Saiga-Antilope, deren Gehörn, wurde zum Ausgraben dieser Pigmente genutzt.
SPRECHERIN:
Immer wieder finden die Forscher Erstaunliches.
MUSIK
SPRECHERIN:
In der Nähe von Kelheim in Niederbayern entdeckte ein Hobby-Archäologe merkwürdige Verfärbungen im Boden eines großflächigen Sand- und Kiesabbaus. Das war in den 1980ern. Die Verfärbungen waren kreisrund. Eine neben der anderen. Wie ein Schweizer Käse sah das Areal aus. Nur, dass der Boden eben nicht durchlöchert, sondern merkwürdig befüllt war. So kam bei Abensberg-Arnhofen etwas an die Oberfläche, das lange Zeit verschüttet war. Das Archäologen aber schon wie eine Stecknadel im Heuhaufen gesucht hatten: eines der größten und qualitativ hochwertigsten Feuersteinbergwerke der Steinzeit, 5- bis 7000 Jahre zurück in der Menschheitsgeschichte. Hier wurde Feuerstein für Waffen und Arbeitsgeräte abgebaut und auch weithin in ferne Regionen gebracht. Es war nicht irgendein Feuerstein. Es war mit der beste Feuerstein seiner Zeit.
10 / OT Michael Rind
Man spricht von dem gebänderten Plattenhornstein. Der Hornstein ist charakteristisch und sieht im Grunde genommen aus wie ein aufgeschnittener Baumkuchen. Das heißt, es gibt ganz viele einzelne Schichten, dunkel- und hellgrau. Das hängt mit der Entstehung dieses Hornsteins vor etwa 160 Millionen Jahren zusammen. Das Material ist schon von besonderer Qualität und Güte, sodass es sich für die Menschen auch gelohnt hat, dieses Material vor Ort abzubauen. (…) Und zwar im ganz ganz großen Stil. (…) Das war schon eine kleine Sensation. Vor allen Dingen für den süddeutschen Raum. Man wusste ja aufgrund der Funde aus den Siedlungen nicht nur in Bayern, auch im angrenzenden Österreich, dass dieser Hornstein hier abgebaut worden sein muss. Man kannte nur die Stelle einfach noch nicht.
MUSIK
SPRECHERIN:
Im Landkreis Kelheim sind bislang drei solcher Feuersteinbergwerke gefunden worden, in Deutschland insgesamt sieben. Doch der Fund von Abensberg-Arnhofen bleibt für Professor Michael Rind, damals der Kreisarchäologe vor Ort, ein besonderer:
11 / OT Michael Rind
(…) weil das für den ganzen süddeutschen Raum das größte Bergwerk ist, das wir haben. Wir gehen im Moment davon aus, dass ungefähr 200- bis 300.000 Schächte damals dort abgeteuft worden sind. Das ist schon eine ganze Menge.
MUSIK
SPRECHERIN:
Hunderttausende Löcher, eines neben dem anderen. Manche sind so schmal, dass dort vermutlich Kinder gearbeitet haben. Wahrscheinlich sind sie an einem Seil nach unten gelassen worden, haben den Feuerstein, der lose in der Erde lag, aufgesammelt und sind wieder hochgezogen worden. Es gab keine unterirdischen Gänge oder Stollen.
MUSIK
12 / OT Michael Rind
Sie müssen sich vorstellen, Sie stehen in einer acht Meter tiefen Röhre, die Sie ausgegraben haben. Und Sie gucken nach oben. Das ist schon eine gewaltige Distanz. Diese Löcher, die man damals gegraben hat, die haben ja häufig nur einen Durchmesser, sodass man sich gerade darin bewegen konnte. (…) Da bekommt man schon Angst, wenn man nach oben schaut, vor allen Dingen, wenn man weiß, dass die ganzen Seitenwände nicht verstärkt worden sind. Das heißt also, dass der Erddruck jederzeit dazu führen kann, dass man dort verschüttet wird.
SPRECHERIN:
Die Menschen gruben in die Tiefe, von oben nach unten, immer dem Feuerstein nach, und wenn sie tief genug unten waren, hörten sie dort auf und gruben daneben ein neues Loch.
13 / OT Michael Rind
Das war ein riskantes Unterfangen. Natürlich, weil die Seitenwände nicht stabil waren. Und das Ganze wurde immer sofort wieder verfüllt, weil man auch Angst hatte, dass diese Schächte in sich zusammenstürzen könnten. Und man hat immer mit dem Aushub des gerade bearbeiteten Schachtes den letzten alten Schacht wieder verfüllt.
SPRECHERIN:
Das heißt: An der Oberfläche sind deshalb Kreise zu sehen, weil die gegrabenen Löcher gleich wieder zugeschüttet worden sind. Schicht für Schicht.
SPRECHERIN
Michael Rind hat zehn Jahre lang mit seinem Team hunderte der Schächte ausgegraben, untersucht und dokumentiert. Dabei haben die Archäologen viel Erde gesiebt und einige wichtige Funde gemacht: Arbeitsgeräte zum Beispiel, die die Menschen in der Steinzeit zum Graben verwendet haben.
14 / OT Michael Rind
Es gab bis zu diesem Zeitpunkt am Beginn der 2000er Jahre keinen einzigen Fund von so einer Geweih-Hacke und wir haben jetzt immerhin aus mehreren Schächten solche Geweih-Gezähe gefunden. Das ist schon ein ganz wichtiger Aspekt. Denn diese Dinge, die sich auch nur schwer im Boden halten, würden sonst überhaupt nicht entdeckt werden.
MUSIK
SPRECHERIN:
Zwischen 1998 und 2009 konnte Michael Rind insgesamt 650 dieser Schächte ausgraben. Das gibt eine Idee von der unglaublichen Dimension und Schaffenskraft, die die Menschen in der Steinzeit an den Tag gelegt haben müssen, die hunderttausende dieser Löcher gegraben haben.
MUSIK
SPRECHERIN:
Einen spezialisierten Beruf, den des Bergmannes, gibt es wohl ziemlich sicher in der Jungsteinzeit noch nicht. Die Menschen haben das Einsammeln der Feuersteine nebenbei betrieben.
Den Ertrag pro Schacht schätzt Michael Rind auf zirka 50 Kilogramm Feuerstein. Genug für eine Siedlung, um zwei bis drei Jahre damit auszukommen. Die Menschen der Steinzeit benötigten Feuerstein etwa, um hochwertiges Werkzeug herzustellen, so genannte Silex-Klingen, sehr scharfe Messer, die teilweise heute noch in der Chirurgie eingesetzt werden. Aber auch Waffen wurden damit hergestellt, Holz bearbeitet, Jagd-Bögen geschnitzt oder Tiere gehäutet. Guter Feuerstein sicherte
das Überleben. In Abensberg-Arnhofen ist viel, viel mehr Feuerstein abgebaut worden, als die umliegenden Siedlungen für sich selbst gebraucht hätten. Und es lässt sich mit Funden belegen: Der niederbayerische Feuerstein ist bis zu 600 Kilometer weit, bis nach Osteuropa, transportiert worden. Unklar ist für die Forschenden, wie genau diese Handelskette funktioniert hat:
17 / OT Michael Rind
Konnte da jeder an diese Stelle herangehen? War die Stelle frei zugänglich oder haben die Menschen ihre Monopolstellung erkannt? Das haben sie offensichtlich nicht, denn das Material wurde zwar vertauscht, und man kannte Qualität und Güte des Materials, war sich dessen bewusst. Aber man hat es nur vertauscht und nicht verhandelt, denn sonst hätte man mit viel mehr Profitgier aus dem Material etwas herausschlagen können.
MUSIK
SPRECHERIN:
Die steinzeitlichen Siedlungen rund um das Feuersteinbergwerk Abensberg-Arnhofen sind nicht besonders reich ausgestattet. Ohne besondere Prestige- oder Luxusobjekte. Die Menschen vor rund 5.000 Jahren tauschten also vermutlich den Feuerstein ein gegen das, was sie brauchten – aber auch nicht gegen mehr.
MUSIK
SPRECHERIN:
Ein Profi-Business rund um den Bergbau, mit hoch spezialisierten, komplexen Tätigkeiten, mit technologischen Innovationen und intellektuell ausgereiften Erfindungen, ein Bergwerk im heutigen Sinne mit unterirdischen Stollen, zum Teil auch mit hölzernen Stützkonstruktionen, mit Gangsystemen, Entwässerung und Belüftungsschächten, ein komplexes Unterfangen, das von mehreren Siedlungen als Gemeinschaftswerk betrieben wurde – das ist für die Bronzezeit, also gut 1.000 Jahre weiter in der Menschheitsgeschichte, gut dokumentiert. In unmittelbarer Nähe zu Bayern: am Mitterberg in der Nähe von Salzburg. Die mächtigste Kupfer-Erz-Lagerstätte der Ostalpen. Für Zentraleuropa die bedeutendste.
18 / OT Prof. Stöllner
Der Mitterberg ist so ein Paradebeispiel für diese frühe Kupfer-Erz-Gewinnung in den Zentral- und Ostalpen und durch seine gute Erhaltung der Quellen, der Schmelzplätze, der Bergwerke, der Siedlungen im Umfeld, der so genannten Aufbereitung, dieser technischen Anlagen eben auch zu Recht berühmt.
SPRECHERIN:
Schon seit Mitte des 19. Jahrhundert werden am Mitterberg archäologische Funde gesichert: Bronzezeitliche Werkzeugkästen, Pickel, Halterungen aus Holz für Hacken, aber auch oberirdische Schmelzplätze mit Öfen und so genannte Röstbetten, also Gruben, in denen das zerkleinerte Kupfererz erhitzt wurde, bevor es dann zum Schmelzen ging… ein wahres Füllhorn für Archäologen, Funde, die von einer Art früh-industrieller Produktion erzählen.
MUSIK
19 / OT Stöllner
Diese frühe Erschließung des Mitterbergs hat große Bedeutung. Weil man mit diesen frühen Funden praktisch überhaupt das erste Mal so ein Kupfererz-Bergbau-Revier der Urgeschichte mit Funden verstanden hat: Betriebsgeräte, Schäftungen, Pickel, Hölzer…Das hat damals große Furore gemacht. Viele Funde waren zum Beispiel bei der Weltausstellung in Paris.
SPRECHERIN:
Sie haben die Montan-Archäologie und die Archäo-Metallurgie als Spezial-Disziplinen mitbegründet, die sich noch heute an den Funden vom Mitterberg abarbeiten. Bis zu 200 Meter tief haben die bronzezeitlichen Bergleute gegraben.
MUSIK
20 / OT Stöllner
Das sind die weltweit größten und tiefsten Bergwerke der Zeit. Das ist wirklich auffällig. (…) 24.000 Tonnen Quarz-Kupfer ist schon eine Hausnummer. Wir glauben, dass halb Europa vom Mitterberg versorgt wurden. Und das ist schon sehr, sehr beeindruckend.
MUSIK
SPRECHERIN:
Und die Menschen der Bronzezeit hatten bereits sehr komplexes und spezialisiertes Wissen.
21 / OT Stöllner
Der Stein wurde in Teilen häufig noch mit Feuer geschwächt. Man nennt das Feuer setzen…
SPRECHERIN:
Unterirdisch haben die bronzezeitlichen Bergarbeiter also ein Feuer vor der Wand entfacht, in der das Kupfer-Erz eingeschlossen war, um das sehr feste Gestein aufzulockern. Durch die Hitze dehnt sich das Gestein und reißt. So kann das Kupfer-Erz dann einfacher aus der Felswand geschlagen werden. Doch wer unterirdisch Feuer setzt, muss für eine gute Belüftung sorgen. Sonst könnten die Bergleute ersticken. Den Menschen in der Bronzezeit war dieser Zusammenhang bewusst und sie setzten systematisch so genannte „Durchstiche“ nach oben, um die Frischluftzufuhr unter Tage sicher zu stellen. Ein technisch hoch aufwändiger Bergbau, meint Thomas Stöllner vom Deutschen Bergbau-Museum.
22 / OT Stöllner
Vielleicht ein Fund, der besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, ist ein Zirkel, den wir 2004 in einer Grabungsstrecke entdeckt haben.
SPRECHERIN:
Zwei hölzerne Schenkel, die von einem Nagel zusammengehalten wurden.
23 / OT Stöllner
Wir wissen, dass mit diesem Zirkel Winkel abgenommen werden konnten. Und wir wissen an einer anderen Stelle, nicht weit von dieser Fundstelle entfernt, dass man in der Bronzezeit vermessen hat, also vielleicht so einen Zirkel eingesetzt hat. Warum wissen wir das? Dort sind zwei Strecken im so genannten Gegen-Ort-Betrieb aufeinander zugeführt worden – von zwei verschiedenen Grubenbauteilen eben aufeinander zugeführt…
SPRECHERIN:
Zwei Gänge sind also, so stellt Thomas Stöllner fest, systematisch aufeinander zu gegraben worden. Das geht nur, wenn es vorherberechnet wurde.
MUSIK
24 / OT Stöllner
Und man hat sich wirklich punktgenau an einer Stelle getroffen. Das ist ein ganz klarer Beleg für eine Vermessungsingenieursleistung. In der Zeit des 15. Jahrhunderts vor Christus. Was ein Eye-Opener war für die hohen technologischen Fertigkeiten mancher bronzezeitlicher Bergleute in dieser Zeit. Die beherrschen, wenn Sie so wollen, eine Urform des Pythagoras oder auch der Trigonometrie, anders wäre so etwas nicht möglich. Wir haben mittlerweile auch andere Belege für Längenmaße und sowas. Daran sehen Sie, dass der Bergbau, der ja hoch aufwändig ist, auch ein Innovationstreiber war. (…) Und man kann füglich davon sprechen, dass der Bergbau Mitterberg einer der Hochtechnologiekomplexe der Zeit war, überregional weit über die alte Welt hinaus, ist es sicherlich DIE innovativste Bergbautechnik, die wir in der Bronzezeit kennen. Und das ist auch schon sehr erstaunlich, weil es unser Bild von den Hochkulturen des Alten Orients doch ein bisschen relativiert.
SPRECHERIN:
Hochtechnologie gab es eben auch im Alpenraum der Bronzezeit. Und manchmal brauchen auch die Forscher Heute ausgeklügelte Technologien, um dem Leben vor tausenden von Jahren auf die Spur zu kommen.
25/ OT Philipp Stockhammer
Das sind Methoden, die sind brandneu. Das ist nicht so, dass Sie da diesen Zahnstein in die Maschine stecken, ein Knopfdruck, dann kommt auf der anderen Seite die Analyse raus, sondern sie müssen es aufbereiten, Sie sind Monate dran, diese Daten auszuwerten, das ist wahnsinnig schwierig.
SPRECHERIN:
Professor Philipp Stockhammer aus München, der Zahnstein aus der Bronzezeit untersucht, hat sich zu diesem Zweck mit dem ehemaligen Lebensmittelchemiker Stephen Buckley zusammengetan.
26 / OT Stockhammer
Das ist einfach ein Crack, der in diesen so genannten Chromatogrammen, das ist das, was wir aus den Maschinen rauslesen, einfach all diese Biomoleküle identifizieren kann und sagen kann: Dieses Biomolekül steht für die Pflanze oder die und die Substanz.
SPRECHERIN:
Als Stephen Buckley – ein Pionier auf seinem Gebiet – also auf Philipp Stockhammer zukam mit dem Ergebnis, Verbrennungsstoffe von Braunkohle in den rund 4.000 Jahre alten Zähnen aus Griechenland gefunden zu haben, konnte es Philipp Stockhammer zunächst nicht fassen. Aber chemisch war das Ergebnis absolut eindeutig.
27 / OT Stockhammer
Wir konnten tatsächlich bei den verschiedenen Individuen auch sehen, wo die Braunkohle herkam, die sie eingeatmet haben, weil wir eben genau diese chemische Zusammensetzung feststellen konnten, die in Griechenland heute für eine bestimmte Lagerstätte bekannt ist. Es ist einfach fantastisch.
SPRECHERIN:
Und dennoch zunächst ein kleiner Schock für Philipp Stockhammer.
28 / OT Stockhammer
Warum haben wir von der Archäologie nie irgendetwas gewusst oder gesehen? Ich meine, da wird seit Schliemann seit 130 Jahren gegraben. Und wir hatten keine Ahnung, dass sie Braunkohle genutzt haben.
SPRECHERIN:
Mehr noch: Die Braunkohle wurde offenbar über 150 Kilometer aus einem anderen Teil Griechenlands importiert. Die Zähne, die Philipp Stockhammer und Stephen Buckley untersucht haben, stammen von Menschen, die um das 13. Jahrhundert vor Christus in Tiryns gelebt haben, einer antiken Stadt im Nordosten der Peloponnes. Sie atmeten über eine lange Zeit Verbrennungsstoffe von Braunkohle ein – von Braunkohle, die aus Olympia angeliefert wurde. Hatten sie vor Ort nichts Anderes zum Feuermachen?
MUSIK
SPRECHERIN
Und die Menschen in Tiryns brauchten viel Feuer. Denn in Tiryns fand eine Massenproduktion an Keramik statt.
29 / OT Stockhammer
Nur für den Export, zum Teil nach Zypern oder in die Levante. Es waren Manufakturen, antike Mega-Werkstätten, in denen man einfach mal 40.000 Gefäße pro Jahr nur für den Export hergestellt hat. Das sind Tonnen an Produkten, für die ich auch Tonnen an Brennmaterial brauche. Keramik brennt sich ja nicht von alleine.
SPRECHERIN:
Die Brenn-Öfen liefen auf Hochtouren. Offensichtlich mit Braunkohle. Ein bislang übersehener Aspekt in der Archäologie. Aber bei genauer Betrachtung nur allzu logisch, dass es so gewesen sein muss für Philipp Stockhammer:
30 / OT Stockhammer
Aber im Endeffekt passt es auch so gut, weil ich hab mir dann überlegt, naja, Griechenland war damals sehr dicht besiedelt. Wir hatten Paläste, wir hatten Wirtschaftssysteme, umfangreichen Schiffsbau. Da standen nicht allzu viele Bäume.
SPRECHERIN:
Weil schon alles abgeholzt war.
31 / OT Stockhammer
Und was für mich eben jetzt auf einmal klar wird, worüber ich mir nie Gedanken gemacht hatte: Welches Brennmaterial nehmen die denn? Auf einmal ist mir klar, dass in einer dicht besiedelt und zugleich völlig entwaldeten Gegend man trotzdem was braucht, mit dem man die Brennöfen auf Hochtouren laufen lassen kann und auf einmal macht die Braunkohle natürlich Sinn.
SPRECHERIN:
In einem Text von Theophrast rund 1.000 Jahre später ist beschrieben, wie in Olympia Braunkohle an der Erdoberfläche zu finden ist.
32 / OT Stockhammer
Wenn noch im 4. Jahrhundert vor Christus Theophrast die an der Oberfläche bei Olympia finden kann, dann konnte ich die tausend Jahre früher auch dort an der Oberfläche finden. (…)
Ich hatte ja ursprünglich gar nicht vor zur Braunkohle zu arbeiten und bin jetzt total fasziniert, auf einmal gibt es neue Denkmöglichkeiten und neue Antworten, es gibt viele Fragen. Und bin selber noch so ein bisschen überwältigt. Man muss das Ganze auch noch kulturell einordnen, was das eigentlich bedeutet. (…) Für mich öffnet so ein Projekt dann manchmal so eine Tür, einen Spalt in eine Denkwelt, die uns bislang einfach verloren war.
MUSIK
SPRECHERIN:
Braunkohle in der Bronzezeit. Kupfer-Erzabbau mit mathematischen Berechnungen und hoch komplexen Ingenieursleistungen. Und hunderttausende handgegrabene Schächte in Niederbayern, aus denen Feuerstein für halb Europa an die Oberfläche geholt worden ist. Nur drei Geschichten, die zeigen, wie innovativ, organisiert und erfindungsreich die Menschen vor tausenden von Jahren die Erde mit ihren Schätzen für sich nutzbar gemacht haben.
MUSIK
Dass Frauen in der Steinzeit nicht in einer Kinderschar ums Feuer saßen und auf den Familienernährer warteten, ist inzwischen weitgehend bekannt. Doch wie lebten Frauen dann? Welche Belege gibt es und welche Thesen? Und - was bringt uns die Frage nach Geschlechterrollen in grauer Vorzeit? Von Silke Wolfrum (BR 2025)
Credits
Autorin: Silke Wolfrum
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Christoph Jablonka, Julia Fischer
Technik: Lorenz Kersten
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Brigitte Röder, Claudine Cohen
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radioWissen (2025): Beruf Hausfrau – Die Geschichte einer Arbeiterin
Die klassische "Hausfrau" ist tot. Oder doch nicht? Wer kocht, putzt und wäscht, wenn alle arbeiten? Und wann entstand das Bild der "Hausfrau"? Von Julia Fritzsche (BR 2019) JETZT ANHÖREN
funk (2022): Frauen an der Front
Wenn wir an Schlachten und Kriege denken, kommen vielen wohl ähnliche Bilder in den Kopf: Männer in Schützengräben. Panzerfahrer. Ritter auf Pferden. Generäle in Uniform. Dabei spielen Frauen oft eine größere Rolle im Krieg als vielen auf den ersten Blick erscheint. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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MUSIK
ZUSPIELUNG 01 a: Brigitte Röder
Einer der größten Irrtümer ist, dass man von den Frauen in der Steinzeit spricht. Denn genauso wie heute die Lebensverhältnisse von Frauen sehr, sehr verschieden sein können, war das auch in der Vergangenheit der Fall.
SPRECHER:
Sagt Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Uni Basel.
ZUSPIELUNG 01 b: Brigitte Röder
Und das andere ist, dass man sich klarmachen muss, dass die Steinzeit 2,8 Millionen Jahre umfasst. Also das ist ein ungeheuer langer Zeitraum, in dem sehr viele Veränderungen stattgefunden haben. Und von daher muss man schon davon ausgehen, dass sich auch die Lebensverhältnisse für die Geschlechter in diesem langen Zeitraum verändert haben.
MUSIK
SPRECHER:
Aussagen über Geschlechterrollen in der Steinzeit zu treffen ist nicht leicht. Nicht nur aufgrund des immensen Zeitraums, auch weil es sich um eine Zeit vor der Schrift handelt, ihre Überreste also ausschließlich aus Knochen, Steinen, Siedlungsresten, aus Kunstobjekten, evtl. auch aus Stoff- oder Nahrungsresten bestehen. Ein nicht minder großes Problem stellt zudem der häufig subjektiv gefärbte Blick dar, mit dem die Steinzeit betrachtet wird, so die Philosophin und Wissenschaftshistorikerin Claudine Cohen von der l'EHESS, einer Universität für Sozialwissenschaften in Paris.
ZUSPIELUNG 02: Claudine Cohen - OVERVOICE
Il se trouve bien que... les cadres bourgeois de nos sociétés
Man hat sich in der Geschichte lange Zeit nicht wirklich mit Frauen beschäftigen wollen, man hat sehr lange die Rolle der Frauen praktisch ausgelassen, unsichtbar gemacht. Es gab schon eine Reihe von Darstellungen, aber es waren extrem, sagen wir mal, banale Darstellungen, die die Konzepte der Gesellschaft des 19. oder 20. Jahrhunderts aufgriffen, um sie auf diese sehr, sehr weit entfernte Vergangenheit zu projizierten, die natürlich nichts mit den bürgerlichen Konzepten unserer Gesellschaften zu tun hat.
SPRECHER:
So wurde und wird z.T. immer noch in populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur wie in wissenschaftlichen Abhandlungen behauptet, Männer hätten in der Steinzeit die Rolle des Ernährers eingenommen, Frauen die der Kinderbetreuung und des Haushalts. Von dieser vermeintlich ursprünglichen und natürlichen Rollenaufteilung wird gern auf entsprechende angeblich geschlechtsspezifische Charakterzüge von Frauen und Männern geschlussfolgert. Hier der mutige Mann, der sich bestens orientieren kann, dort die fürsorgliche und eher vorsichtige Frau mit den besseren Kommunikationsfähigkeiten. Und so dient DIE Steinzeit, die es ja so - wie gerade gehört - gar nicht gibt, zur Projektionsfläche für Geschlechterfragen unserer Zeit, in der reichlich Verunsicherung herrscht. Stichwort Me too, Gendersternchen und „Krise der Männlichkeit“.
ZUSPIELUNG 03: Brigitte Röder
In solchen Situationen kommt es eigentlich regelmäßig vor, dass man nach Orientierung in der Vergangenheit sucht und dann häufig in der Urgeschichte landet, weil die Urgeschichte bei uns als eine Art Ur- und Naturzustand gilt, also als ob man quasi da noch mal auf das eigentliche Wesen des Menschen von Frauen und Männern gucken könnte, ohne die ganzen zivilisatorischen Prozesse, die dieses Wesen vielleicht verändert haben. Also man merkt schon dahinter steht ein essentialistisches Menschenbild, also die Vorstellung, dass es so etwas wie das Wesen des Menschen oder das Wesen der Frau, des Mannes gäbe. Dass man dieses Wesen dann in der Urgeschichte sucht und dann meint, man könne von dort quasi eine Antwort erhalten, wie Frauen und Männer eigentlich von Natur aus seit Urzeiten sind.
SPRECHER:
Neuere Ansätze gehen einen anderen Weg, stellen andere Fragen und können auf eine Vielfalt auch neuer wissenschaftlicher Methoden zurückgreifen. Wer heute seriös über die Rolle der Frau in der Vorgeschichte forscht, ist interdisziplinär, bedient sich der Paläontologie, die sich mit Fossilien befasst oder der Anthropologie, die Knochen untersucht, genauso wie der prähistorischen Archäologie, die sich mit behauenen Knochen oder Steinen beschäftigt oder der so genannten Trassologie, die Auskunft gibt über die Herstellung und Verwendung von Werkzeugen und den Spuren, die sie hinterlassen. Auch moderne DNA-Analysen bringen neue Erkenntnisse oder ethnografische Studien, die sich mit noch heute lebenden traditionellen Gesellschaften befassen und teilweise Rückschlüsse auf Bedingungen prähistorisches Lebens erlauben. Die Methoden ergänzen sich gegenseitig.
ZUSPIELUNG 04: Brigitte Röder
Da gibt es eine Untersuchung, die zeigt, dass es bei männlichen und weiblichen Skeletten aus der Altsteinzeit keine Unterschiede bei den Verletzungen gibt. Das heißt, dass man davon ausgehen muss, dass Männer und Frauen in der Altsteinzeit denselben Gefahren ausgesetzt waren, also haben sie offensichtlich ähnliche Tätigkeiten ausgeübt. Also das wäre jetzt ein indirekter Hinweis darauf, dass Frauen auch gejagt haben. Dann kann man sich mit ethnografisch überlieferten Gesellschaften beschäftigen. Eine Kollegin aus der Archäologie, Linda Owen, eine andere Kollegin, die aus der Ethnologie und der Archäologie kommen, Sibylle Kästner, haben beide dazu gearbeitet und haben aus der ethnografischen Literatur Beispiele zusammengestellt von Gesellschaften, in denen Frauen jagen, teilweise alleine, teilweise sogar mit Baby auf dem Rücken auf die Jagd gehen, teilweise in Treibjagden und in Gruppenjagden involviert sind.
MUSIK
SPRECHER:
Bei den Inuit sind es v.a. Männer, die Eisbären, Karibus oder Wale jagen. Doch gibt es zu wenig männliche Nachkommen, fällt den Frauen diese Aufgabe zu. Die Arbeitsteilung ist unter gewissen Bedingungen also flexibel.
Generell spielte die Großwild-Jagd in der Urgeschichte wohl nicht die entscheidende Rolle, die ihr oft zugeschrieben wurde. Ein Großteil der Nahrung setzte sich aus Kleinwild wie z.B. Hasen und pflanzlicher Nahrung zusammen. Frauen leisteten einen großen Anteil bei der Nahrungsbeschaffung, so Claudine Cohen:
ZUSPIELUNG 05: Claudine Cohen OVERVOICE
Pendant longtemps, on a cru … et même qu'elles chassaient.
Lange Zeit glaubte man, dass Frauen zu Hause blieben, nichts taten, darauf warteten, dass man ihnen etwas zu essen brachte, und sich um eine reiche Nachkommenschaft kümmerten. Da denkt man heute wirklich ganz anders. Man glaubt, dass sie extrem mobil waren, dass sie nach draußen gingen, entweder Pflanzen sammelten, Wild sammelten, Eier und Muscheln sammelten und sogar jagten.
MUSIK
SPRECHER:
Frauen schafften nicht nur Nahrung ran, sie spielten auch eine Rolle im Bereich der Kunst. Untersuchungen des amerikanischen Archäologen Dean Snow ergaben, dass Handnegative, die auf verschiedenen Höhlenmalereien neben den Tierzeichnungen zu sehen sind, zu Dreivierteln von Frauen stammen. Frauen legten also ihre Hand auf die Felswand, dann wurden mit einem Röhrchen Farbpigmente darauf geblasen und der Handumriss blieb erhalten.
ZUSPIELUNG 07 Claudine Cohen OVERVOICE
Alors effectivement, pendant longtemps… qu'on voit et qu'on admire sur les parois des grottes.
Als man die Kunst des Paläolithikums, die Kunst der Höhlenmalereien fand, dachte man sofort, dass es sich um die Kunst von Jägern handelte, die ihren Wunsch nach der Fortpflanzung des Wildes zum Ausdruck brachten, Jagdgeschichten erzählten usw., ohne sich auch nur vorzustellen, dass Frauen daran beteiligt gewesen sein könnten. Heute geht man davon aus, dass Frauen in den bemalten Höhlen waren, dass sie an dem teilnahmen, was dort stattfand, wahrscheinlich an Zeremonien, und dass sie vielleicht auch an der Herstellung dieser Malereien beteiligt waren, die man an den Höhlenwänden sieht und bewundert.
MUSIK
SPRECHER
Frauen waren ebenso auch häufig selbst Gegenstand von Kunst. Aus der Alt- und Jungsteinzeit sind zahlreiche figürliche Darstellungen von Frauen erhalten. Erstaunlich ist ihre Ähnlichkeit untereinander. Die Körperformen sind stets stark überzeichnet, sie haben oft riesige Brüste, eine gut sichtbare Vulva, einen prallen Bauch, Kopf, Arme und Beine sind dagegen stark reduziert oder ganz weggelassen. Solche Frauendarstellungen fand man an der Atlantikküste genauso wie in Sibirien. Zu ihren berühmtesten Exemplaren zählen die 6cm große 40.000 Jahre alte so genannte Venus vom Hohlefels von der Schwäbischen Alb oder die 30.000 alte 11cm große Venus von Willendorf aus Österreich. Sie nach der römischen Liebesgöttin „Venus“ zu benennen, zeugt bereits von voreingenommenen Zuschreibungen. Lange sah man in den Figuren Fruchtbarkeit-Symbole.
ZUSPIELUNG 08 Claudine Cohen OVERVOICE
Alors, c'est vrai qu'il y a un certain nombre… aller plus loin dans l'interprétation
Es stimmt, dass es eine Reihe von Statuetten gibt, die schwanger sind und die Schwangerschaft darstellen. Sie sind sehr klein und waren vielleicht Amulette. Amulette weniger, um Fruchtbarkeit hervorzurufen, als vielmehr, um die Schwangerschaft und die Geburt zu schützen. Dies ist eine Interpretation, die heute vorherrschend ist. Was sie auf jeden Fall aussagen, ist, dass es eine Symbolik gab, die mit der Frau und dem Körper der Frau zusammenhing. Weiter kann man eigentlich nicht gehen.
SPRECHER:
Was diese Figuren auf alle Fälle nicht sind: Belege für die Existenz eines Matriarchats, wie es einige Feministinnen v.a. ab den 70er-Jahren behaupteten. Die in Kalifornien lebende Anthropologin Marija Gimbutas sah in den üppigen Statuetten einen Beleg für einen Fruchtbarkeits-Kult um die „Große Mutter“, der von der jüngeren Altsteinzeit bis zur Bronzezeit in ganz Europa geherrscht haben soll. Es gibt dafür jedoch keinerlei Beweise. Überhaupt ist schon allein die Begrifflichkeit des Matriarchats problematisch, findet Brigitte Röder:
ZUSPIELUNG 09: Brigitte Röder
Matriarchat und Patriarchat sind Begriffe, die auch im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft entstanden sind, sind auch zutiefst essentialistisch von den damaligen Vorstellungen, vom Wesen von Männern und von Frauen geprägt. Auch von der Idee, dass ein Geschlecht in allen gesellschaftlichen Bereichen über das andere herrscht. Und da ist die Wissenschaft inzwischen doch auf einem ganz anderen Standpunkt, was jetzt die Rekonstruktion von Herrschaftsverhältnissen zwischen Geschlechtern in Gesellschaften anbelangt. Da geht man eher davon aus, dass es in Gesellschaften verschiedene Felder gibt, in denen Geschlechter mehr oder weniger zu sagen haben und dass diese Felder sich auch ständig verändern.
SPRECHER:
Es ist also anzunehmen, dass sowohl Machtstrukturen wie Rollen- und Familienkonzepte in der Steinzeit vielfältig waren, sich immer wieder veränderten und stark von äußeren Bedingungen abhingen. Ebenso scheint sich auch die Vorstellung von Geschlecht immer wieder verändert zu haben, wie man historisch gut nachweisen könne, so Brigitte Röder. Während wir nämlich heute mit einem Zwei-Geschlechter-Modell sozialisiert sind, in dem Männer und Frauen als grundsätzlich ganz verschiedene Wesen angesehen werden, gab es früher vermutlich auch völlig andere Vorstellungen. Das legen jedenfalls Funde von Menschen-Figuren oder Plastiken nahe.
ZUSPIELUNG 10 Brigitte Röder
Also es gibt eindeutig weibliche, eindeutig männliche Darstellungen und dann gibt es aber auch Darstellung, die nicht geschlechtlich für uns heute identifizierbar sind oder die auch mehrdeutig sind. Also beispielsweise kleine Plastiken, die man sowohl als Brüste als auch als ein Penis mit Hoden interpretieren kann. Da scheint mir, dass es eher ein Kontinuum war, wie man sich Geschlecht gedacht hat, vielleicht sogar, dass es so eine Art Wechselspiel zwischen männlichen und weiblichen Aspekten gab. Es wird auch dazu passen, dass man offenbar auch damals keinen kategorialen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gemacht hat, sondern es gibt Mensch-Tier-Mischwesen, die in diese Richtung deuten könnten.
MUSIK
SPRECHER:
Die Altsteinzeit macht den größten Teil der Urgeschichte aus, man verortet ihren Beginn grob vor über 2,5 Millionen. Vor ca. 10.000 Jahren beginnt die Mittelsteinzeit, während der die Menschen noch überwiegend Jäger waren und vor etwa 7.500 Jahren die Jungsteinzeit mit einer geradezu revolutionären Veränderung der Lebensweise: mit der ersten Sesshaftwerdung, dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, wobei auch das grobe Vereinfachungen sind, denn die Menschen wurden nicht überall gleichzeitig sesshaft. Wenn überhaupt sind wir wohl eher die Erben des Neolithikums, also der Jungsteinzeit. In der so genannten Schnurkeramischen Kultur Ende der Jungsteinzeit finden sich z.B. Bestattungskulturen, denen vielleicht ein binäres Geschlechtermodell zugrunde liegt. Männer und Frauen werden hier unterschiedlich begraben, in anderen Posen, mit anderen Grabbeigaben. Im Lechtal bei Augsburg fand man Gehöfte mit daran anschließenden Friedhöfen ebenfalls vom Übergang der Jungsteinzeit in die Bronzezeit. Hier konnte man ein sogenanntes patrilokales Heiratssystem nachweisen, d.h. der Wohnort des Mannes war ausschlaggebend für die angeheiratete Frau. Auch das ein uns vertrautes Muster.
ZUSPIELUNGEN 11 Brigitte Röder
Da konnte man jetzt dank sehr guter DNA-Erhaltung Verwandtschaft rekonstruieren und konnte sehen, dass das Gehöft immer in der männlichen Linie weitergegeben wurde. In Kombination mit so genannten Isotopenanalysen, über die man die Mobilität von Individuen rekonstruieren kann, konnte man auch sehen, dass die Frauen, die mit den lokalen Männern Nachwuchs gezeugt haben, von weit her kamen, also die Männer blieben immer vor Ort, die Frauen kamen von außen rein. Das wäre jetzt durchaus zum Beispiel eine Erwartung, die man aufgrund des bürgerlichen Geschlechter-Modells gehabt hat. Allerdings, was auch damit verbunden war, nämlich die Vorstellung, dass die Frauen einfach getauscht und verheiratet werden. Das ist wiederum ein kulturelles Konzept. Es kann ja auch sein, dass die Frauen aus eigener Freiheit raus in diese andere Gruppe gegangen sind, um dort zu leben. Das finden wir jetzt wiederum nicht raus mit archäologischen Quellen.
MUSIK
SPRECHER:
Es scheint sich also abzuzeichnen, dass sich mit der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit einige Gepflogenheiten und Vorstellung gegenüber der Altsteinzeit wohl grundsätzlich geändert haben. Denn einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die nomadischen Gesellschaften der Altsteinzeit eher gleichberechtigt bzw. frei von festen Hierarchien waren. Tatsächlich finden sich kaum Spuren von physischer Gewalt an Frauenskeletten der Altsteinzeit, so Claudine Cohen. Sie denkt sogar, dass die Vorstellung von Macht, sei sie nun von Männern oder Frauen, zu dieser Zeit gar nicht existierte. Aber in manchen Bereichen hatten Frauen sicher trotzdem eine besondere Bedeutung, z.B. bei der Familienplanung. Für Nomaden sind viele Kinder von Nachteil, schließlich gibt es schon genug andere Dinge, die man mit sich herumschleppen muss.
ZUSPIELUNG 12 Claudine Cohen OVERVOICE
Ce qu'on sait des sociétés nomades … le rapprochement entre les hommes et les femmes
Wir wissen über nomadische Jäger- und Sammlergesellschaften, dass sie die Anzahl ihrer Kinder stark begrenzen. Das heißt, sie sorgen dafür, dass sie nur alle drei oder vier Jahre ein Kind bekommen, und zwar nicht nur durch Verhütungspraktiken, die den Gebrauch von abtreibenden oder empfängnisverhütenden Pflanzen beinhalten konnten, sondern auch, wenn es nötig war, und das war in diesen Gesellschaften bekanntlich der Fall, durch Kindstötung. . Und dann gibt es natürlich auch Normen, die von der Gruppe auferlegt werden, die von den Männern auferlegt werden, die die Annäherung zwischen Männern und Frauen einschränken können.
SPRECHER:
Als die Menschen in der Jungsteinzeit dann sesshaft werden und Ackerbau betreiben, ändert sich die Bedeutung von Kindern und damit auch die Rolle der Frau, so Claudine Cohen. Jetzt ist es von Vorteil möglichst viele Kinder zu haben, denn ihre Arbeitskraft wird gebraucht. Sie müssen auch helfen, das Eigentum zu verteidigen.
ZUSPIELUNG 13 Claudine Cohen OVERVOICE
Au moment du néolithique … plus fort qu'au paléolithique.
In der Jungsteinzeit, als die Menschen sesshaft wurden, als sich all diese Revolutionen in der Landwirtschaft, der Viehzucht usw. vollzogen, wurde die Lage der Frauen sehr viel schwieriger, weil sie im Haus eher isoliert waren. Sie sind an die Kinder gebunden, sie sind an die häusliche Pflege gebunden, und zu diesem Zeitpunkt entsteht tatsächlich eine soziale Ungleichheit und eine Unterjochung der Frauen, die sicherlich viel stärker ist als im Paläolithikum.
MUSIK
Ebenso wie Frauen vermutlich gegenüber Männern einen Wissensvorsprung rund um die Themen der Fortpflanzung und Geburt hatten, so könnte dies auch in Bezug auf Pflanzenkenntnisse der Fall gewesen sein. Claudine Cohen hält es für nicht unwahrscheinlich, dass Frauen mit der Sesshaftwerdung den Garten- wie Ackerbau erfunden haben. Denn dazu würde als Vorgeschichte passen: So wie es heute in vielen traditionellen Gesellschaften Aufgabe der Frauen ist, Früchte, Beeren und Kräuter zu sammeln, so könnte das auch in der Altsteinzeit schon der Fall gewesen sein.
ZUSPIELUNG 14 Claudine Cohen OVERVOICE
Si elles étaient spécialistes des plantes… le relais de cette activité féminine
Wenn sie Pflanzenspezialistinnen waren, kannten sie sich auch bestens mit Fasern aus, was sie sicherlich zu den Ersten machte, die Seile, Körbe, Stoffe usw. herstellten. Aber sie haben sicher auch beobachtet, wie die Pflanzen wuchsen, wo die Samen am besten aufgingen, welche Böden am fruchtbarsten waren usw. Und so ist diese Erfindung der Landwirtschaft sicherlich etwas, das man den Frauen zuschreiben kann, auch wenn es nach der Erfindung sicherlich zu Veränderungen in der Rollenverteilung gekommen ist. Und wahrscheinlich, als die Feldarbeit schwerer wurde, als die Arbeitsgeräte schwerer und schwieriger zu bedienen waren, vielleicht gab es hier eine Umkehrung und vielleicht übernahmen dann die Männer diese weibliche Tätigkeit.
SPRECHER:
Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen das Aufkommen einer Hierarchisierung der Gesellschaft wie auch die Entstehung von Kriegen in engem Zusammenhang mit der Sesshaftwerdung des Menschen und dem Beginn des Eigentums. Gewalt, vielleicht sogar Formen von Krieg kann es allerdings schon vorher gegeben haben. Brigitte Röder mahnt hier zur Vorsicht:
ZUSPIELUNG 15 Brigitte Röder
Ich finde es schwierig zu sagen, die Altsteinzeit war egalitär, ab der Jungsteinzeit haben wir Hierarchien. Es gibt andere Konzepte, die sagen die Herrscher-Hierarchien entstehen mit den Metallen in der Bronze-Zeit, also da gibt es verschiedene Ansätze heute, die aber meines Erachtens alle nicht wissenschaftlich fundiert sind. Wir können in der Archäologie immer nur über Fallstudien seriöse Aussagen machen. Und wenn man jetzt auf der Ebene von Fallstudien wäre, da könnte man dann einiges zusammentragen und sagen ja, in der Fallstudie kommt das raus, in der Fallstudie kommt jenes raus, und dann könnten wir zeigen, dass es eben nicht die Lebensverhältnisse in der Steinzeit gab, sondern dass man immer auf der Fall-Ebene argumentieren muss.
MUSIK
SPRECHER:
Der Blick auf die Frauen in der Urgeschichte hat sich geändert, vieles ist noch ungewiss, vieles bleibt noch Hypothese, doch dank moderner Untersuchungsmethoden konnten auch schon zahlreiche Fehlinterpretationen geradegerückt und neue Erkenntnisse gewonnen werden, und das ist erst der Anfang. Eines ist für Brigitte Röder wie Claudine Cohen aber sicher: Die Menschen der Steinzeit haben viele Transformationen erlebt und folglich gab es eine Vielzahl von Formen des Zusammenlebens und eine Vielfalt von Geschlechterrollen.
ZUSPIELUNG 16 Claudine Cohen OVERVOICE
Jamais dans les sociétés humaines… doivent aussi changer
In den menschlichen Gesellschaften gab es nie ein naturgegebenes Geschlechter-Verhältnis. Es war immer eine Struktur, die von der Gruppe durch Verwandtschaftsregeln, durch Verhaltensregeln und durch die Hierarchie in diesen Gruppen erzeugt wurde. Es gibt kein Modell, an das wir uns in unseren Beziehungen zwischen Männern und Frauen halten sollten, sondern es handelt sich um variable Beziehungen.
MUSIK
SPRECHER
Geschlechterverhältnisse während der Steinzeit – ein Thema mit noch vielen offenen Thesen und Überlegungen. Es bleibt spannend.
Afrika. Der schwarze Kontinent. Dunkel, gefährlich, primitiv. So hat das Europa lange dargestellt. Erst nach der Kolonialzeit hat sich eine andere Geschichtsschreibung herausgebildet - von Afrikanern selbst, nicht nur über sie. Von Klaus Uhrig (BR 2016)
Credits
Autor: Klaus Uhrig
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Friedrich Schloffer, Heinz Peter
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Gerda Kuhn & Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Dr. Toyin Falola, Prof. Dr. Andreas Eckert
Besonderer Linktipp der Redaktion:
SR: Fragen an den Autor
Die traditionsreichste Sachbuchsendung im deutschen Sprachraum stellt seit über 50 Jahren jeweils ein Buch eines Autors eine Stunde lang im Gespräch vor – und das mittlerweile auch als Podcast. Die Themen reichen von Politik und Wirtschaft bis zu Gesundheit, Erziehung oder Psychologie. Dabei kann auch das Publikum Fragen an die Autorinnen und Autoren stellen. ZUM PODCAST
Linktipps:
Deutschlandfunk (2024): Afrika im Aufbruch – Koloniales überwinden, sich selbst bestimmen
Die Geschichte Afrikas reicht Jahrmillionen zurück. Kulturschaffende wie Designerinnen und Musiker wollen heute auf dieser reichen Vergangenheit aufbauen, den Kolonialismus überwinden und selbst bestimmen, was Afrika ist. JETZT ANHÖREN
ZDF (2023): Afrika von oben - Menschen
In Afrika existieren viele unterschiedliche Volksgruppen. Ihre Art zu leben unterscheidet sich stark – von sehr ursprünglich als Jäger und Sammler bis hypermodern. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Erzähler:
Das große Missverständnis zwischen Afrika und der Geschichtswissenschaft zeigt sich bereits ganz am Anfang.
Erzählerin:
Also ganz am Anfang der Geschichtswissenschaft.
MUSIK
Erzähler:
Am 26. Mai 1789 hält ein gewisser Friedrich Schiller seine Antrittsvorlesung an der Universität von Jena - mit dem Titel: "Was ist und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?"
Erzählerin:
Der Saal ist völlig überfüllt. Schiller ist zu diesem Zeitpunkt längst als Schriftsteller berühmt. Außerdem ist das Fach neu. So neu, dass der Historiker Schiller offiziell eine Professur für Philosophie bekommt - denn Lehrstühle für Geschichte gibt es noch nicht. Die Geschichtswissenschaft beginnt gerade erst, sich als akademische Disziplin herauszubilden.
Erzähler:
Schillers Antrittsvorlesung findet ein begeistertes Publikum. Dass sie so lebendig wirkt, liegt auch an einem rhetorischen Kniff: Schiller zählt nicht nur die Errungenschaften der abendländischen Geschichte auf, sondern er kontrastiert sie immer wieder mit einem anschaulichen Gegenbeispiel: Die nach seinem Wissen völlig unzivilisierten Weltgegenden außerhalb Europas. Südamerika. Der Südpazifik. Afrika.
Zitator (Schiller):
„Was erzählen uns die Reisebeschreiber nun von diesen Wilden? Manche fanden sie ohne Bekanntschaft mit den unentbehrlichsten Künsten, ohne das Eisen, ohne den Pflug, einige sogar ohne den Besitz des Feuers. Manche rangen noch mit wilden Thieren um Speise und Wohnung, bei vielen hatte sich die Sprache noch kaum von thierischen Tönen zu verständlichen Zeichen erhoben.“
Erzählerin:
Schiller ist kein Rassist. Das muss man dazu sagen. Er hat nur - wie fast alle Europäer - wenig Ahnung von der Welt außerhalb Europas.
Erzähler:
Er weiß zum Beispiel nicht, dass zu diesem Zeitpunkt mitten in diesem Afrika das zweitgrößte Bauwerk der Menschheitsgeschichte steht: Die Mauern von Benin im heutigen Nigeria. Eine mächtige Festungsanlage, die weltweit nur von der Chinesischen Mauer übertroffen wird.
Erzählerin:
Er weiß auch nichts von den Staaten an den großen Seen: Den Königreichen Bunyoro und Buganda und Ruanda, ihren komplexen Kulturen und ausgefeilten staatlichen Strukturen.
Erzähler:
Und dass es in Afrika - und zwar nicht nur in Ägypten - antike Hochkulturen gab, die bereits 2.000 Jahre vor seiner Zeit große Leistungen vollbrachten - auch das ist Schiller völlig unbekannt.
Erzählerin:
Seine Idee von "Universalgeschichte" ist eine Geschichte des Abendlandes. Dass irgendwelche Afrikaner dazu irgendetwas beizutragen haben könnten, ist offenbar selbst für einen der klügsten Köpfe des späten 18. Jahrhunderts kaum vorstellbar.
Erzähler:
Das ändert sich auch im 19. Jahrhundert nicht. Beispiel Hegel: Der berühmte Philosoph formuliert 1837 einen Gedanken über Afrika, der sich in den nächsten eineinhalb Jahrhunderten großer Beliebtheit erfreuen wird: Afrika, der Kontinent ohne Geschichte.
MUSIK
Zitator (Hegel):
„Jenes (...) Afrika ist, so weit die Geschichte zurückgeht, für den Zusammenhang mit der übrigen Welt verschlossen geblieben; es ist das in sich gedrungene Goldland, das Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewußten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist.“
O-Ton Andreas Eckert:
Die Vorstellung, Afrikaner könnten irgendwas entwickeln oder zur Menschheitsgeschichte Entscheidendes beitragen, das erschien den meisten Zeitgenossen einfach absurd oder unmöglich.
Erzählerin:
Andreas Eckert, Professor für Afrikanische Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin.
O-Ton Andreas Eckert:
Sicherlich gab es auch nicht so furchtbar viele Quellen. Aber der Hauptgrund ist glaub ich doch ein zutiefst rassistisches Denken. Und für ihn war Afrika etwas Unbekanntes, etwas Anderes, das er vor allem mit dem Sklavenhandel und der Sklaverei verband, und damit auch sehr stark ein zeitgenössisches Bild transportierte, das Afrika auch als Opfer auch des Sklavenhandels zeigte, aber eben als irgendwie erbärmlichen Kontinent, wo eigentlich nichts passiert.
MUSIK
Erzähler:
Natürlich ist so ein Afrikabild für die europäische Öffentlichkeit auch durchaus praktisch. Denn im 19. Jahrhundert liefern sich die Europäer einen kolonialen Wettlauf um Afrika. Briten, Franzosen und Portugiesen annektieren große Gebiete. Der belgische König sichert sich den Kongo als Privatkolonie. Und gegen Ende des Jahrhunderts tauchen auch noch die Deutschen auf und besetzen die paar Landstriche, die noch übrig sind.
Erzählerin:
Und wenn das so arme Primitive sind, dort in Afrika, geschichts- und kulturlos, dann ist es natürlich völlig in Ordnung, sich ihre Länder einzuverleiben.
Erzähler:
Und die verquere Logik des Kolonialismus geht sogar noch einen Schritt weiter.
Erzählerin:
Es ist nicht nur natürlich, es ist sogar die verdammte Pflicht eines zivilisierten Europäers. Die Bürde des weißen Mannes.
Erzähler:
Das Bild vom geschichtslosen Kontinent hält sich noch lange - und das, obwohl mit den Kolonialherren auch die ersten europäischen Wissenschaftler nach Afrika kommen. Darunter auch ein paar Historiker.
Erzählerin:
Das Interesse an afrikanischer Geschichte ist allerdings immer noch überschaubar. Aus mehreren Gründen. Zum einen traut man den Afrikanern nicht zu, allzu viel Geschichte zu haben. Zum anderen versteht man die afrikanischen Sprachen noch zu wenig – und Schriftzeugnisse gibt es kaum.
Erzähler:
Das hält die Historiker und Sprachforscher aber nicht davon ab, wilde Theorien über die Geschichte Afrikas aufzustellen.
Erzählerin:
Eine der bizarrsten und mit Sicherheit die von den Auswirkungen her tragischste dieser Theorien ist die sogenannte Hamitentheorie.
Erzähler:
Sie hat ihren Ursprung in den Überlegungen des englischen Forschungsreisenden John Hanning Speke. Speke hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine Expedition angeführt, die sich auf die Suche nach den Quellen des Nils machte. Dabei drang er bis ins Gebiet des heutigen Uganda und Ruanda vor.
Erzählerin:
Dort traf er - für ihn überraschend - auf äußerst komplexe Gesellschafts-Strukturen, die er sich nur dadurch erklären kann, dass dort unterschiedliche Stämme nacheinander eingewandert seien. Für ihn und seine Nachfolger war dadurch klar: Die Geschichte Afrikas musste eine Geschichte von Wanderungsbewegungen sein.
O-Ton Andreas Eckert:
Das war allerdings oft sehr rassistisch geprägt und immer mit der Idee verbunden, bestimmte Entwicklungen in der Geschichte Afrikas könne man eigentlich nur erklären über den Einfluss von Nicht-Afrikanern, von Gruppen, die nach Afrika eingewandert sind, hellhäutige Gruppen. „Hamiten“ wurden die oft genannt und es gibt eine sogenannte Hamitentheorie, die im Grunde besagt, dass alles, was in Afrika an Entwicklung vor der Kolonialzeit geschah, von diesen Völkern von außen initiiert worden ist.
Erzähler:
Der Begriff „Hamiten“ geht auf die biblische Geschichte des Ham zurück. Ham, ein Sohn des Noah, wird darin von seinem Vater verflucht. Wobei sich der Fluch nicht direkt auf ihn bezieht, sondern auf seine Nachkommen.
Erzählerin:
Schon früh wurde diese Geschichte von Juden, Moslems, und Christen auch rassistisch interpretiert: Der Makel des Fluches sei sichtbar geworden durch die dunkle Hautfarbe der Nachkommen Hams.
Erzähler:
In der modernen Interpretation wurden die Hamiten dann zu einer eigenen Rasse erklärt. Hamiten seien zwar dunkelhäutig, aber bei genauerem Hinsehen nicht ganz so schwarz, wie andere Schwarze. Außerdem seien sie intelligenter und kriegerischer und hätten so, aus dem Nahen Osten kommend, viele "minderwertige" Völker unterworfen.
Erzählerin:
Ein Beispiel: Ruanda. Die Gesellschaft in Ruanda gliedert sich traditionell in zwei Gruppen: Hutu und Tutsi. Die Hutu waren früher großteils Bauern und stellten die große Masse der Bevölkerung. Die Tutsi dagegen waren großteils Viehhirten und bildeten die schmalere Oberschicht der ruandischen Kultur.
MUSIK
Erzähler:
Die Vertreter der Hamitentheorie interpretieren diese Gesellschaftsstruktur so: Die Hutu seien die ursprüngliche Bevölkerung Ruandas, und vergleichsweise primitiv. Die kriegerischen und klugen, weil angeblich „hamitischen“ Tutsi seien irgendwann von Norden her eingewandert, hätten die Hutu-Bauern unterworfen und bildeten nun die "natürliche Oberschicht" des Landes. Jahrzehntelang ist diese Theorie wissenschaftlicher Konsens. Und das, obwohl sie schon im Falle Ruandas voller Widersprüche ist. So kann sie kaum erklären, wieso die angeblich völlig unterschiedlichen Völker der Hutu und Tutsi die gleiche Sprache sprechen, die gleichen Götter anbeten, überhaupt: Teil derselben Kultur sind. Andreas Eckert:
O-Ton Andreas Eckert:
Die Hamitentheorie ist wissenschaftlich völliger Humbug. Sie ist aber natürlich wirkungsmächtig gewesen, weil sie auch in ein bestimmtes Bild hineinpasst. Und weil es eben durchaus sehr bekannten Wissenschaftlern der Zeit gleichsam gelungen ist, diese Theorie wissenschaftlich scheinbar zu belegen. Mit bestimmten sprachgeschichtlichen Zeugnissen, die dann vermeintlich Hinweise auf bestimmte Wanderungen geben und so weiter und so fort. Sie hat eben den Zeitgeist relativ gut widergespiegelt und schien gewissermaßen rassistische Annahmen auch wissenschaftlich zu belegen. Das klärt ein Stück weit ihren großen Erfolg bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.
Erzähler:
Im Falle Ruandas entwickelt die Hamitentheorie dann schließlich ein gespenstisches Eigenleben. Die Belgier übernehmen 1918 Ruanda von den Deutschen und errichten ein äußerst rassistisches Kolonialregime. Dabei bedienen sie sich der traditionellen Tutsi-Eliten, denen sie mit der Hamitentheorie eine Rechtfertigung für ihre Höherstellung in der ruandischen Gesellschaft liefern.
Erzählerin:
Gemeinsam schreiben Tutsi und Belgier eine neue Geschichte des Landes, in der Tutsi zu einer überlegenen Eroberer-Rasse stilisiert werden, die sich ganz „natürlich“ die Herrschaft über die Hutu erkämpft hat.
Erzähler:
Später wird genau diese Geschichtserzählung den Tutsi zum Verhängnis. Nach der Unabhängigkeit kommt in Ruanda die Hutu-Mehrheit an die Macht. Die neuen Hutu-Eliten übernehmen die rassistische Geschichtsschreibung – deuten sie aber in ihrem Sinne um. Denn wenn die Tutsi tatsächlich irgendwann später nach Ruanda eingewandert waren – sind sie dann nicht eigentlich Invasoren? Fremde, die gar nicht nach Ruanda gehören, und die man genauso gut wieder vertreiben könnte?
Erzählerin:
Jahrzehntelang kocht die Hutu-Rassenideologie vor sich hin, immer wieder gibt es Pogrome an den Tutsi, dann einen Aufstand von Tutsi-Rebellen. Schließlich bildet sich Anfang der 90er Jahre eine radikale Hutu-Bewegung, die ganz offen über die Ausrottung der zu „fremden Einwanderern“ erklärten Tutsi nachdenkt.
O-Ton Andreas Eckert:
Ruanda ist ohne Zweifel das radikalste und traurigste Beispiel, dass eine solche Theorie dann eben nicht nur von Europäern, sondern auch von afrikanischen Eliten blutig gleichsam in die Praxis getragen wurde.
Erzähler:
Was dann passiert im Frühjahr 1994 ist bekannt: Der Genozid an den Tutsi. Eine Million Tote.
MUSIK
Erzählerin:
Natürlich gibt für den Genozid zahlreiche weitere Gründe: wirtschaftliche, machtpolitische. Aber als Begründung für den größten Massenmord der afrikanischen Geschichte wird immer wieder die angebliche „Fremdrassigkeit“ der Tutsi angeführt.
Erzähler:
Nicht überall wird die koloniale Geschichtsschreibung so wenig hinterfragt, wie in Ruanda. Im Gegenteil.
Erzählerin:
Als in den späten 1950er und frühen 60er Jahren die meisten afrikanischen Staaten unabhängig werden, ist das Interesse an der eigenen Geschichte groß. Für den bekannten nigerianischen Historiker Toyin Falola ein beispielloser Aufbruch.
O-Ton Toyin Falola:
Very big interest. Because we want to know our past. We want to use the information on this past to build development. We are interested in making history relevant to contemporary education and were also interested in connecting history to nation building.
Overvoice:
Das Interesse an Geschichte war riesig. Wir wollten unsere Vergangenheit erforschen. Und wir wollten dieses Wissen nutzen, um uns weiter zu entwickeln. Wir wollten, dass die Geschichte eine wichtige Rolle in unserem Bildungssystem spielt. Und natürlich ging es auch um die Rolle der Geschichte für den Aufbau unserer Nation.
Erzähler:
In vielen afrikanischen Staaten entwickelt sich eine eigene Geschichtswissenschaft. Von den Europäern übernimmt man wissenschaftliche Methoden – ohne sich allerdings die europäischen Geschichtsdeutungen zu eigen zu machen.
Erzählerin:
Mündliche Erzählungen werden von einigen dieser Historiker erstmals als gleichwertige Quellen akzeptiert. Und die alten Quellen, die Reiseberichte und Kolonialgeschichtsbücher, werden sozusagen gegen den Strich gelesen. Also analysiert und hinterfragt. Toyin Falola:
O-Ton Toyin Falola:
There was a generation before me that was interested in what we call Nationalist Historiography. The idea of Nationalist Historiography is to argue that Africans in the past were able to create great civilizations, like Egypt, Mali Empire or Ghana Empire. They wanted to argue that Africans have been able to manage their continent and to create leadership that could manage.
Overvoice:
Das war eine Generation vor mir. Da gab es großes Interesse an dem, was man "Nationalist Historiography" nannte. Die Idee dahinter ist, zu argumentieren, dass Afrikaner in der Vergangenheit große Zivilisationen geschaffen haben. Ägypten, Mali, das Reich von Ghana. Die Forscher wollten zeigen, dass Afrikaner durchaus in der Lage waren, ihren Kontinent zu verwalten und eigene Führungsschichten hervorzubringen.
Erzähler:
Die Vertreter dieser “nationalistischen Geschichtsschreibung” konzentrieren sich stark auf die positiven Errungenschaften afrikanischer Völker. Viele von ihnen betätigen sich nebenbei auch als Schriftsteller oder Politiker.
Erzählerin:
Zahlreiche europäische Geschichtsdeutungen werden auf einmal von afrikanischen Wissenschaftlern völlig auf den Kopf gestellt. Und nicht nur das: Auch in Europa und den USA beginnt in den 50er und 60er Jahren ein Umdenken – weg vom Rassismus, hin zu einer neuen, weniger vorurteilsbelasteten Art der Geschichtsschreibung.
Erzähler:
Einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten afrikanischen Historiker dieser Zeit ist der Senegalese Cheikh Anta Diop.
O-Ton Andreas Eckert:
Der hat betont, dass das alte Ägypten viele Impulse gesetzt hat, die nachher die Griechen gleichsam geklaut und als ihre eigenen ausgegeben haben. Also dass die Wiege der Zivilisation eigentlich in Ägypten und damit in Afrika spielt. Um das ganze Argument noch zu verstärken hat er behauptet, dass eben ein Großteil des alten Ägyptens von einer schwarzen Bevölkerung bevölkert war, und das ist natürlich etwas, was sich wissenschaftlich als kaum haltbar erweist, zeigt aber noch mal sehr deutlich diesen Versuch jetzt, in besonders radikaler Weise auch die Geschichte gleichsam zu politisieren und für die Gegenwart relevant zu machen, indem man eben sagt, wir haben eine glorreiche Geschichte, und an diese Geschichte müssen wir jetzt nach dem Joch der Kolonialzeit wieder anknüpfen.
Erzählerin:
Bei Cheikh Anta Diop lassen sich Geschichtswissenschaft und politischer Aktivismus kaum trennen. Drei Parteien gründet er im Laufe seines Lebens - von denen allerdings nie eine die Regierung stellt. Seine Schriften sind leidenschaftliche Manifeste gegen die europäische Geschichtsdeutung.
Erzähler:
Heute ist zwar die Universität der senegalesischen Hauptstadt Dakar nach Diop benannt. Doch seine radikalen Interpretationen teilen nur noch wenige afrikanische Forscher.
MUSIK
Erzählerin:
Auf den großen Aufbruch der 60er Jahre folgt in den meisten afrikanischen Ländern die große Ernüchterung. In einigen Staaten brechen schon kurz nach der Unabhängigkeit blutige Bürgerkriege aus - im Kongo zum Beispiel, etwas später auch in Nigeria. Dazu kommt: Die allgegenwärtige Korruption.
Erzähler:
Die weißen Kolonisatoren sind weg - doch die neuen, einheimischen Eliten beuten ihre Bevölkerung weiter aus. Viele der jüngeren Intellektuellen, darunter auch Historiker, werden zu den schärfsten Kritikern ihrer eigenen Staaten.
O-Ton Toyin Falola:
In my own generation we began to look for new ideas. Especially Marxism. We’re looking for socialist ideas to transform the continent. Because of the disappointment with the performance of the states. So in the 70s and 80s you find academics of the left trying to write radical history and use that radical history to make an argument regarding the failure of the postcolonial state. I was part of that movement.
Overvoice:
Meine Generation begann dann, sich neuen Ideen zuzuwenden. Vor allem dem Marxismus. Wir wollten mit sozialistischen Idealen unseren Kontinent verändern - Weil wir so enttäuscht waren von den postkolonialen Staaten. Also gab es in den 70ern und 80ern viele linke Akademiker, die anders an die Geschichtsschreibung herangegangen sind. Radikal. Politisch. Um auf das Scheitern der Postkolonialen Staaten hinzuweisen. Auch ich habe zu dieser Bewegung gehört.
Erzählerin:
Trotz aller Versuche, die Geschichtswissenschaft in Afrika neu zu etablieren, ist ihr Einfluss in den letzten Jahrzehnten eher zurückgegangen. Viele afrikanische Staaten haben ihren Universitäten die Gelder gekürzt.
Erzähler:
Und gerade die Geisteswissenschaften haben in vielen Ländern einen schweren Stand, wie Toyin Falola am Beispiel seines Heimatlandes Nigeria erklärt.
O-Ton Toyin Falola:
It is not useful to find jobs. (…) You find the same argument in other places. Arguments that humanities in general, English, literature art history, history, they’re a waste of time in the sense that if you get degrees in them, there are no jobs waiting for you. And the second argument, specific to Nigeria is that they fought a civil war and they thought that talking about that civil war may create problems for the country.
Overvoice:
Man findet eben keinen Job damit. Das Argument gibt es doch immer wieder: Dass die ganzen Geisteswissenschaften, Sprache, Literatur, Kunstgeschichte, Geschichte, dass das alles Zeitverschwendung ist, weil mit so einem Abschluss keine Jobs auf einen warten. Und in Nigeria gibt es noch ein ganz anderes Argument: Dort gab es ja den Bürgerkrieg. Und heute denken viele, wenn man über diesen Krieg reden würde, könnte das große Probleme für unser Land verursachen.
Erzählerin:
Noch dazu verlassen häufig die besten Forscher ihre Heimatländer und gehen ins Ausland - vor allem in die USA.
Erzähler:
Auch Toyin Falola hat zwar in Nigeria studiert, unterrichtet aber schon seit vielen Jahren an der University of Texas in Austin.
O-Ton Toyin Falola:
The brain drain started in the 1980s with the structural adjustment program. African countries owed a lot of money. (…) And then the World Bank and IMF asked them to devalue their currencies. Asked them to cut down the number of university professors. Cost of living was high. And that’s the brain drain – in which you find African engineers, African doctors, African professionals leaving Africa and coming to the west.
Overvoice:
Dieser "Brain Drain" begann in den 1980ern mit dem sogenannten Strukturanpassungsprogramm. Die Afrikanischen Länder hatten viele Schulden. Und dann kamen die Weltbank und der IWF und sagten, sie sollten ihre Währungen entwerten. Uni-Professoren entlassen. Die Lebenshaltungskosten waren hoch. Da begannen afrikanische Ingenieure, Ärzte und andere Akademiker, Afrika zu verlassen und in den Westen zu gehen.
MUSIK
Erzählerin:
Trotz aller Probleme werden immer noch viele spannende Entdeckungen aus der afrikanischen Geschichte zu Tage gefördert. Das ist auch der Archäologie zu verdanken.
Erzähler:
Lange hatten sich europäische und amerikanische Archäologen in Afrika ausschließlich für Ägypten interessiert. Das ändert sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - mit teilweise spektakulären Ergebnissen.
Erzählerin:
Alleine in Nigeria finden Archäologen Artefakte zahlreicher antiker Kulturen. Darunter die faszinierenden Kunstwerke des Volkes der Nok, die schon um 600 vor Christus qualitativ hochwertige Eisengegenstände herstellten.
Erzähler:
Und auf dem Gebiet des heutigen Sudan studieren Forscher sogar die Überreste von drei aufeinanderfolgenden Hochkulturen: Kerma, Kusch und Meroe, jeweils benannt nach den Hauptstädten der antiken Staaten. Die späteste dieser Kulturen, das Königreich von Meroe, existierte rund um Christi Geburt. Die Meroiten erbauten nicht nur beeindruckende Tempel und Grabstätten, sondern hatten auch eine eigene Schrift und weitreichende Handelskontakte bis ins antike Europa.
Erzählerin:
Kurz gesagt: Was die Archäologen in vielen Regionen des Kontinents zu Tage fördern, lässt sich nun wirklich überhaupt nicht in Einklang bringen mit dem Bild des wilden und geschichtslosen Afrika, das so lange unsere Vorstellung dominiert hat. Und auch die europäische und US-amerikanische Afrikanistik forscht mittlerweile an so vielen unterschiedlichen Kulturen, Epochen und Fragestellungen zur Geschichte Afrikas, dass schon eine bloße Aufzählung den Rahmen dieser Sendung sprengen würde.
MUSIK
Erzähler:
Bleibt die Frage: Warum haben sich diese Erkenntnisse zwar in der Wissenschaft langsam durchgesetzt, aber nicht in einer breiteren Öffentlichkeit? Warum spielen die Meroiten oder Nok noch keine Rolle in unserem Geschichtsunterricht? Warum gibt es in unseren Fernsehprogrammen zwar zahllose Dokumentarfilme über die europäische Geschichte, aber aus Afrika fast immer nur Tier-Dokus oder Kriegsberichterstattung?
Erzählerin:
Auch der nigerianische Historiker Toyin Falola stellt fest, dass sich die alten Afrika-Bilder erstaunlich hartnäckig halten, egal was die Historiker herausfinden.
O-Ton Toyin Falola:
It has to be exotic, National Geographic, Massai, Wildlife. And then it has to be erotic. About sex. Many of these stereotypes relate to issues about backward people. Issues about a continent that doesn’t contribute to civilization. Issues about poverty and lack of dignity, issues about in popular imagination, that the place is a jungle and that it is all about violence, war, disease, those are the major stereotypes, that you find expressed in the media. Especially in a place like the US. (…) In other words, it’s the bad, bad, bad things that shape the media imagination of Africa.
Overvoice:
Es muss immer exotisch sein, so National Geographic-mäßig. Die Massai! Wilde Tiere! Und dann muss es noch erotisch sein. Es muss um Sex gehen. Diese Stereotype zeigen Afrikaner immer als rückständig. Ein ganzer Kontinent, der nichts zur Zivilisation beiträgt, arm und würdelos. Viele Menschen stellen sich ja vor, dass in Afrika überall Dschungel ist, dass es überall Gewalt gibt, Krieg, Seuchen. Das sind so die gängigen Vorurteile in den Medien. Vor allem in den Vereinigten Staaten. Kurz gesagt: Es ist immer das ganz, ganz, ganz Schlimme, das die mediale Vorstellung von Afrika prägt.
Erzähler:
Aber warum? Warum fällt es uns scheinbar so schwer, zu akzeptieren, dass Afrika weder ein exotischer Abenteuerspielplatz ist, noch ein Kontinent der ausschließlichen und permanenten Katastrophen?
Erzählerin:
Vielleicht müssen wir für eine Antwort wieder zum Anfang der Geschichte zurückkehren, also zu Schiller und zu seiner Antrittsvorlesung.
MUSIK
Erzähler:
Wir erinnern uns: Schiller hat ja überhaupt keine Ahnung von der Geschichte oder auch nur der Gegenwart der von ihm als "Wilde" bezeichneten Völker. Er benutzt sie nur als Gegenbeispiel. Als Kontrast, um daran zu zeigen, wie weit die europäische Zivilisation schon gekommen ist.
Erzählerin:
Vielleicht brauchen wir noch immer Afrika als Kontrast. Um uns besser zu fühlen, sicherer, fortschrittlicher.
Erzähler:
Und vielleicht ist dieses Bild auch immer noch - wie zur Kolonialzeit - nicht ganz unpraktisch. Zur Rechtfertigung westlicher Machtpolitik und ganz handfester wirtschaftlicher Interessen.
Weiße US-Amerikaner kauften 1822 Land an der westafrikanischen Küste, um dort ehemalige Schwarze Sklaven anzusiedeln, in ein "freies Land", nach "Liberia". Doch die Neusiedler trafen auf bereits ansässige Ethnien, mit denen es bald zu Konflikten kam. Von Ariane Stolterfoht (BR 2022)
Credits
Autorin: Ariane Stolterfoht
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Christian Schuler, Andreas Dirscherl, Julia Cortis
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Eric Burin, Dr. Patrick C. Burrowes, Dr. Cassandra Mark-Thiesen
Besonderer Linktipp der Redaktion:
NDR: Becoming The Beatles – Die Hamburger Jahre (mit Bonusfolge)
We grew up in Hamburg", hat John Lennon gesagt. Und auch: "Live waren wir nie besser." Obwohl der erste Auftritt der Band in einem Stripclub auf St. Pauli ein totaler Reinfall war. Was ist da also passiert auf dem Hamburger Kiez zwischen 1960 und 1963? Wie wurden aus ein paar unbedarften Liverpooler Jungs absolute Superstars? Der Podcast erzählt, wie die jungen Beatles auf den Bühnen der Reeperbahn die Nächte durchspielen. Mit eisernem Willen einen Traum verfolgen. Und für immer die Popmusik-Geschichte verändern. ZUM PODCAST
Linktipps:
Deutschlandfunk (2019): Liberias blutige Vergangenheit
Vor 30 Jahren brach in Liberia einer der blutigsten Bürgerkriege der Geschichte Afrikas aus. Heute herrscht in dem westafrikanischen Land zwar Frieden, aber die Aufarbeitung der Kriegsgräuel ist ins Stocken geraten. Viele Kriegsverbrecher sind straffrei geblieben. Der Kampf um Gerechtigkeit geht weiter. JETZT ANHÖREN
ZDF (2022): Enslaved – Auf den Spuren des Sklavenhandels: Schweres Erbe
Viele Nachkommen der Sklaven in den USA haben ihre Verbindung zu ihren afrikanischen Wurzeln verloren. Samuel L. Jackson ist einer der wenigen Glücklichen, die ihre Abstammung kennen. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
SPRECHER
1816. Die Vereinigten Staaten sind eine Nation in den Kinderschuhen – erst vor 27 Jahren haben sich die ehemaligen britischen Kolonien von Großbritannien getrennt.
SPRECHERIN
Die junge Nation sucht noch nach sich selbst. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Darüber sind sich die Amerikaner nicht einig. Insbesondere dann, wenn es um die Frage der Sklaverei geht.
SPRECHERIN
Im Süden schuften Sklaven weiterhin auf Plantagen und in den Haushalten der Weißen. Im Norden dagegen wird die Sklaverei nach und nach abgeschafft. Immer mehr Schwarze leben nun in Freiheit – einige arbeiten sogar als erfolgreiche Kleinunternehmer, erzählt die Historikerin Marie Stango von der staatlichen Universität Idaho:
O-TON Stango
“Generally, historians understand that following the period of the American Revolution, really brought about by the revolution, there was this movement towards gradual emancipation in the Northern States. And it is important to understand, too, that a lot of this was driven by enslaved people themselves. So for instance in MA, where there was an immediate abolition, this had to do with enslaved people themselves petitioning for their freedom. Using that same rhetoric of the American Revolution to argue that they also party to freedom, as much as the colonists should be no longer subject to the British Empire.”
Übersetzerin
„Historiker haben inzwischen herausgefunden: Die Emanzipation wurde vielerorts von versklavten Menschen selbst vorangetrieben – mit der Rhetorik der Amerikanischen Revolution. Die Freiheit stehe ihnen genauso zu wie den Siedlern, die nicht länger dem britischen Empire unterworfen sein wollten.“
SPRECHERIN
Im Süden dagegen verursacht diese Entwicklung eine erhebliche gesellschaftliche Unwucht, erzählt Stango.
O-TON Stango
“Some of these enslavers start to worry that these free people might inspire enslaved people in other states to seize their own freedom. The Haitian revolution, for example, looms very large in the US imagination at this time. So in the early 19th century there is this fear that something like what happened in Haiti in which enslaved people overturned the colonial govt of Santo Domingo, overturned the system of Slavery.”
Übersetzerin
„Manche Sklavenhalter befürchten, dass sich ihre Sklaven an den freien Schwarzen ein Vorbild nehmen und auch in den USA Sklavenaufstände organisieren könnten. Die Revolution in Haiti beflügelt ihre Phantasie: Dort haben Sklaven gerade die französische Kolonialregierung gestürzt und die Sklaverei abgeschafft.“
SPRECHER
Und so bekommt eine Idee Aufwind, die schwarzen Amerikanern zwar ein Leben in Freiheit ermöglichen soll, aber eben nicht in den Vereinigten Staaten, erzählt Eric Burin, Professor für Geschichte an der University of North Dakota.
O-TON Eric Burin
“For a lot of individuals, including Thomas Jefferson, they just couldn’t imagine black and white people living together on terms of equality. So even those individuals who had some misgivings about slavery, believed that if you are going to end slavery you also have to remove black Americans from the US and this becomes sort of the central idea of colonization.”
Übersetzer 1
“Viele Menschen, darunter auch der Gründungsvater Thomas Jefferson, konnten sich einfach nicht vorstellen, dass Schwarze und Weiße gleichberechtig zusammenleben. Selbst die, die die Sklaverei abschaffen wollten, wollten auch, dass schwarze Amerikaner anschließend die USA verlassen. Und so entsteht die Idee von der Kolonialisierung.“
MUSIK
SPRECHERIN
Für die Ansiedlung von Schwarzen rückt erst der amerikanische Westen in den Fokus, dann die Karibik, Zentral- und Südamerika. Schließlich kristallisiert sich immer deutlicher heraus: Afrika soll es sein, der Herkunftskontinent der amerikanischen Schwarzen.
SPRECHER
Die Herausforderung heißt jetzt: Alle Befürworter dieser Idee zusammenbringen. Tatsächlich gelingt das im Dezember 1816. Sir Robert Finley gründet die American Colonization Society, kurz ACS, also eine „Amerikanische Gesellschaft für Kolonialisierung“. Alle Mitglieder sind verdiente weiße Amerikaner – weder schwarze Amerikaner noch Afrikaner sind erwünscht.
SPRECHERIN
Allerdings unterscheiden sich die Interessen der Gründungsmitglieder deutlich voneinander. Sklavenbesitzer unterstützen die Idee der Kolonialisierung, wie gesagt, aus Angst vor Sklavenaufständen.
SPRECHER
Aber auch Sklavereigegner sind mit von der Partie, darunter viele Kirchenvertreter. Insbesondere die Quäker unterstützen das Projekt.
O-TON Burin
“So in their minds, this was a patriotic endeavour that would somehow gradually end slavery in America, remove a population that they perceived to be a danger to the US, would benefit the emigrants themselves by removing them from the canopy of American racism and potentially redeem – in their words - Africa to Christianity and modern commerce if you will.”
Übersetzer 1
„In deren Auffassung war das ein patriotisches Unterfangen: Die Sklaverei würde in den USA schrittweise abgeschafft und die schwarzen Landsleute, die sie für gefährlich hielten, würden außer Landes gebracht. Außerdem dachten sie, dass es gut für diese Menschen wäre, dem amerikanischen Rassismus zu entkommen. Nebenbei könnten die Emigranten auch gleich Afrika zu Christentum und modernem Handel bekehren.“
SPRECHER
Mächtige Politiker lassen sich in die Sache einspannen. In späteren Jahren sogar die Präsidenten Thomas Jefferson, James Monroe und James Madison. Auch sie: Sklavenhalter.
MUSIK
SPRECHERIN
Diese weißen Amerikaner machen sich also reichlich Gedanken. Was ihnen zur Umsetzung ihres Plans allerdings fehlt, ist die Finanzierung – Geld für Nahrungsmittel, für Schiffspassagen, für Waffen, für den Landkauf.
SPRECHERIN
Völlig unverhofft hilft ihnen dann ein neues Gesetz, staatliche Behörden zur Unterstützung zu überreden. Seit 1808 ist der Sklavenimport verboten. Alle von Menschenhändlern illegal ins Land gebrachten Afrikaner müssen wieder zurückgeführt werden. Hier bietet sich jetzt die American Colonization Society – ganz clever – als Dienstleister an: „Wir bringen diese Menschen – zusammen mit amerikanischen Schwarzen – „zurück“ nach Afrika. Dafür erhalten wir die Finanzierung für unser Projekt“.
SPRECHER
Sie bekommen den Zuschlag. Hunderttausend Dollar stellt der amerikanische Kongress 1819 für den Deal zur Verfügung.
SPRECHERIN
Jetzt fehlen der ACS nur noch die potentiellen Siedler – also schwarze Amerikaner, die tatsächlich bereit sind, die USA zu verlassen. Für eine völlig ungeklärte Zukunft an einem noch unbestimmten Ort, irgendwo in Afrika, dem Kontinent, den sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern vor langer Zeit verlassen hatten… Die Vorbehalte der schwarzen Amerikaner gegenüber der Kolonialisierungsidee sind mächtig. Ein Großteil empfindet sie schlicht als Unverschämtheit.
O-TON Burin
“Black Americans had been in what became the US before the pilgrims. This in their estimation was THEIR land, it was THEIR society. It was the only one that they knew. They had helped it grow with their blood, sweat and tears. And so for White Americans to say: This is not really your country” “You don’t belong here” “you are not a part of this society and never will be”, was an affront!
Übersetzer 1
„Schwarze Amerikaner waren der Auffassung, das sei auch ihre Gesellschaft und ihr Land – für viele das einzige, das sie kannten! Sie hatten mit Blut, Schweiß und Tränen zu seinem Aufbau beigetragen. Und jetzt sagten Weiße: Das ist nicht Euer Land, Ihr werdet nie dazugehören!“
MUSIK
ATMO Hafen, Segelschiff, Unruhe, Geschrei, Möwen
SPRECHER
1820 schließlich haben sich doch 86 Auswanderungswillige gefunden. Im Hafen von New York beginnt auf dem Segelschiff Elizabeth die Reise in ihr neues Leben.
ATMO Hafen, Segelschiff, Unruhe, Geschrei, Möwen
SPRECHER
Ungefähr drei Monate später – endlich – kommt Land in Sicht.
O-TON Stango
“So that first ship, the Elizabeth, initially goes to Sierra Leone as does the Nautilus, which is the second ship. There is the British settlement at Sierra Leone, the development of Sierra Leone shares a lot of similarities with Liberia. So initially they land there, hoping to find a place further down the coast where they can negotiate a land sale. They are waiting there for quite some time. // So this process is quite gradual in fact. And the sources that talk about these early, early years of colonization talk about the precarity of these settlers. // They are desperate. They don’t have enough food supplies. Many of these settlers fall victim to illness and disease. Some scholars have examined the mortality rate during the early years of colonisation and it is very high.”
Übersetzerin
„Die Elizabeth segelt zunächst nach Sierra Leone, // Die Auswanderer warten dort auf der Insel Sherbro eine halbe Ewigkeit darauf, dass sie weiter unten an der Küste Land kaufen können.“
ATMO Sumpf
SPRECHERIN
Mangrovensümpfe, Gelbfieber, Malaria, Hunger: Über ein Viertel der Siedler sterben in dieser unwirtlichen neuen Heimat. Die Mission endet im Desaster. Einige retten sich zurück auf’s Festland, aber feststeht: Die ACS muss neue Wege finden, damit die Ansiedlung gelingen kann.
MUSIK
SPRECHER
Und nun passiert etwas, was die Geschichte Liberias und deren Erzählung für zweihundert Jahre prägen wird. Im Jahr 1821 reisen zwei Männer nach Westafrika, die das Projekt auf neue Füße stellen sollen – der ACS-Agent Dr. Eli Ayres sowie der Marineoffizier Robert Stockton.
Sie suchen und finden ein passendes Siedlungsgebiet und verhandeln schließlich vor Ort mit Stammesführern der Dey und der Bassa – insbesondere mit König Peter Zolu Duma. Sie einigen sich auf den Verkauf von einem Küstenstreifen am Cap Mesurado – der Preis: Lebensmittel, Geschirr, Waffen, Schießpulver, Schuhe, Schirme, Hüte und Spiegel sowie Rum. Der Gesamtwert: 300 Dollar.
MUSIK
SPRECHERIN
Doch wie friedlich lief dieses Tauschgeschäft wirklich ab? Diesen Landstrich – so die offizielle Geschichtsschreibung – erwerben die Amerikaner mit Waffengewalt: Stockton habe seine Pistole gezückt und die Einheimischen zum Einlenken gezwungen. Auch hätten die gar nicht richtig verstanden, was sie da unterschrieben. Und damit habe eine lange Tradition des Landraubes und der Korruption begonnen, der die Streitigkeiten zwischen den arglosen Einheimischen und den Siedlern immer wieder angeheizt habe.
SPRECHER
Dieser Konflikt habe sich wie ein Schwelbrand durch die Geschichte gefressen. Bis in die Neuzeit hinein. Die Folge: Zwei verheerende Bürgerkriege in den 1990er und 2000er Jahren. Soweit die etablierte Geschichtsschreibung.
MUSIK
SPRECHERIN
Doch ein liberianischer Historiker wollte das lange nicht glauben. Patrick Carl Burrowes weiß aus seinen Forschungen: Die immerhin 16 ortsansässigen Stämme waren alles andere als naiv:
O-TON Burrowes
“By the 1650s, people were drinking French Brandy and Caribbean rum, you had smoked Herring from the Mediterranean but you also had cod from the sea around Norway, that was salted. And brought here as well. And these would be added as seasoning as flavouring and also as a kind of prestige element in the cuisine. Because they weren’t readily available. In addition to that: clothing! A lot of fabrics that were preferred by West Africans at the time were actually from Asia. So European traders would bring them and trade them for local goods. They tried selling European fabrics. But people here weren’t interested in wool. And in some cases, they didn’t like the patterns. So, the preferred the colors etc that were coming out of Asia. So, you are talking about a kind of sophisticated consumer market with its own tastes influencing the products that were preferred. And then, of course, there were guns. Guns were exchanged for captives. So, there were Danish muskets and you know, other weapons available.”
Übersetzer 2
„In den 1650er Jahren bereits tranken die Menschen französischen Brandy und karibischen Rum. Geräucherter Hering aus dem Mittelmeer sowie gesalzener Kabeljau aus Norwegen wurden einheimischen Gerichten als Zutat beigefügt – aus Prestigegründen. – Und Westafrikaner liebten Stoffe aus Asien! Europäische Händler brachten sie mit, um sie gegen lokale Waren einzutauschen. Sie versuchten auch, europäische Stoffe zu verkaufen. Aber die Leute hier interessierten sich nicht für Wolle. // Wir sprechen also von einer Art anspruchsvollem Verbrauchermarkt mit eigenen Präferenzen. Und dann waren da natürlich Waffen – darunter auch dänische Musketen – sie wurden unter anderem gegen Gefangene getauscht.“
SPRECHERIN
Burrowes sagt: Es gibt diesen Ansatz in der Geschichtsschreibung, immer „große Männer“ als die einzig wichtigen Akteure darzustellen. In diesem Fall: die weißen Begleiter der schwarzen Siedler.
SPRECHER
Ein anderer Ansatz sieht die schwarzen Einwanderer als erfolgreiche Pioniere.
SPRECHERIN
Burrowes dagegen ist der Auffassung, dass es drei Player brauchte, um den Prozess der Ansiedlung erfolgreich voranzubringen. Ohne die Zustimmung der Einheimischen, so seine Überzeugung, wäre der Deal nie zustande gekommen. Und es ist genau dieser Blick, der gerade eine ganz neue Dynamik in die Geschichtsschreibung rund um die Gründung Liberias bringt.
SPRECHER
In Washington gräbt sich Burrowes unermüdlich und immer tiefer in die Archive ein.
O-TON Burrowes
“I was doing research on the founding of Liberia and the secondary sources were available. And the diary or journal kept by Dr. Ayres was published in newspapers of that period. But I really wanted to track down the primary sources, if I could. And having worked with the papers, the collection of the ACS for years, I had come to know that there were three lawyers to whom legal issues were referred by the society. And one of them was Francis Scoot Key. His papers were in MD, and I was living in MD at the time. So I had access. I went through his legal papers but I didn’t find the purchase agreement. There was a second person and he somewhat faded into obscurity. His papers didn’t seem to have been preserved. And the third lawyer was Elias Caldwell who served as the secretary of the society. But it was a voluntary position and it was part-time. His main position was as clerk to the Supreme Court. And he worked with justice Bushrod Washington who was head of the ACS. I went looking for papers of Elias Caldwell and I found that some of his papers were in a collection of Bushrod Washingtons! And it turned out that apparently, he died with some ACS papers in his office at the Supreme Court. They ended up being housed with Bushrod Washingtons papers and the purchase agreement was in it – and the next day I wake up and I wonder is it still true??”
Übersetzer 2
„Weil ich jahrelang mit der Sammlung der ACS gearbeitet hatte, wusste ich, dass die ACS drei Anwälte beschäftigt hatte. Einer hieß Elias Caldwell, er war Hauptberuf Gerichtsschreiber am Obersten Gerichtshof. Und als er starb, verblieben einige ACS-Akten in seinem Büro am Obersten Gerichtshof. Am Ende fand ich sie unter Bushrod Washingtons Papieren. Und – da war er: Der Kaufvertrag!! Am nächsten Tag wache ich auf und frage mich, ob ich das nicht alles geträumt habe!“
SPRECHERIN
Exakt 200 Jahre nach der Ankunft der ersten Siedler in Westafrika entdeckt er die Nadel im Heuhaufen – das Dokument, das die Geschehnisse von 1822 plötzlich ein einem völlig anderen Licht dastehen lässt:
O-TON Burrowes
“What unfolded was a series of conferences over several days, about a week. And a number of issues were being discussed: Why do you want this land? How will it benefit us? We want schools, we want our kids to be exposed to the workings of the Western world or the global economy. // But a critical moment came when two people showed up that were living in Freetown. One worked on a slave ship and the other was himself a slave catcher in Sollar(?). And they both came to press on the local rulers that had assembled that they were not to sell this land because if they did, the Americans were abolitionists and they would interfere with their trade. So, the first person, from the slave ship, explained his story: he said Lieutenant Robert Stockton who represented the US Navy had fired on his ship without provocation and then the next speaker, the slave trader began his denunciation of the abolitionist etc. It was at that point that Stockton who had two pistols hidden in his pants, in the back, he carried the pistols for duelling purposes and he had participated in duels before, he pulled out these pistols – none of the other Americans were armed, they had deliberately come on land unarmed to portray a sense of being pacifist – but him being a military person, he had kept his arms. So, he pulled out the pistols and he threw one to Ayres and says: If the slave seller continues to speak, shoot him! Because I need to talk, I want to present myself. And he held the other pistol at the chiefs, the local rulers, and he explained his side: The slave ship had fired on him and he returned fire. He said he wasn’t allowed to interfere with slavers unless they were Americans and that ship was not.”
Übersetzer 2
„Die Amerikaner und die Einheimischen treffen sich über mehrere Tage hinweg, etwa eine Woche. Sie diskutieren eine Reihe von Fragen: Warum wollt Ihr dieses Land? Welchen Nutzen haben wir von dem Verkauf? Wir wollen Schulen, wir wollen, dass unsere Kinder lernen, wie die westliche Welt und die globale Wirtschaft funktionieren. Kritisch wird es plötzlich, als zwei Leute aus Freetown auftauchen. Einer arbeitet auf einem Sklavenschiff und der andere als Sklavenfänger. Die beiden wollen verhindern, dass die einheimischen Führer ihr Land verkaufen, weil sie befürchten, dass die Amerikaner als Sklavereigegner ihren Handel stören. Der Händler vom Sklavenschiff behauptet nun, Lieutenant Robert Stockton von der US-Marine, habe ohne Provokation sein Schiff beschossen. Um sich friedfertig zu zeigen, war die amerikanische Delegation unbewaffnet zu dem Treffen gekommen. Nur Stockton trägt für Duellzwecke immer zwei Pistolen bei sich. Er zieht also die beiden Pistolen und sagt: „Wenn der Sklavenhändler weiterspricht, erschieße ich ihn! Ich will, dass Ihr mich anhört.“ Er richtet die andere Pistole auf die Häuptlinge und erzählt seine Version der Geschehnisse: Das Sklavenschiff habe auf ihn geschossen und er habe das Feuer nur erwidert. Und er beteuert, dass er sich gar nicht in den Sklavenhandel einmischen darf, es sei denn, es geht um ein amerikanisches Schiff.“
SPRECHERIN
Die Verhandlungen enden kurz darauf. Die Stammesführer kündigen an, dass sie den Amerikanern am kommenden Tag ihre Entscheidung mitteilen werden. Und tatsächlich: Am folgenden Morgen stimmen sie dem Verkauf zu.
O-TON Burrowes
“So, the image that has developed over time, of people signing a contract a with the pistol to their heads was not really accurate. To characterize the sale as being done under duress, when… - the signing took place a day later – it’s problematic to me, it is inaccurate. Furthermore, writing history it is important to look at the context. What preceded and what follows. And really what follows the sale of Cape Mesurado are a series of other sales, other tracks of land. And they were sold by five of the six who signed the original contract. So, again this suggests that there was an ongoing understanding and agreement and relationship between local rulers and the Americans who had come to this area.”
Übersetzer 2
„Es stimmt also nicht, was jahrelang als historische Tatsache hingestellt wurde. Den Verkauf als Zwangsverkauf zu charakterisieren, wenn die Unterzeichnung einen Tag später stattfand, ist unlogisch. In der Geschichtswissenschaft ist es wichtig, auf den Kontext zu achten: Was auf den Verkauf von Cape Mesurado folgt, ist nämlich der Verkauf von anderen Grundstücken. Und die wurden von fünf der sechs Einheimischen verkauft, die den ursprünglichen Vertrag unterzeichnet hatten. Auch das deutet darauf hin, dass es ein gutes Einvernehmen gab zwischen den lokalen Herrschern und den Amerikanern.“
SPRECHER
Das Land am Kap Mesurado nennen sie Liberia, das Land für freie Schwarze. Die Hauptstadt erhält den Namen des amtierenden amerikanischen Präsidenten James Monroe. Sie heißt: Monrovia.
MUSIK
SPRECHERIN
Gleichzeitig rekrutiert die ACS in den Vereinigten Staaten unermüdlich weiter. Sie holt sogar ein paar Auswanderer zurück, damit sie für Liberia werben.
SPRECHER
Manche Weiße lassen einzelne ihrer Sklaven ziehen. Die Sklavenhalter, sagt Eric Burin, haben dabei unterschiedliche Motive.
O-TON
“One thing worthwhile considering is why people liberate persons. Sometimes they do it out of a sense of guilt, sometimes they have perhaps a special relationship like a familial relationship with an enslaved person. But liberating slaves could also be a way of eliciting dutifulness or obedience from enslaved workers, right? You dangle the carrot of freedom in front of some enslaved workers in the hope that they will do what you ask them to do.”
Übersetzer 1
„Einige tun das aus Schuldgefühlen, andere wollen nicht, dass ihre eigenen, illegitimen Kinder in Gefangenschaft aufwachsen. Aber die Befreiung einzelner Sklaven ist auch eine Methode, um andere Sklaven gefügig zu machen. Sie halten die Karotte der Freiheit vor sie hin, in der Hoffnung, dass die dann weiter das tun, was von ihnen verlangt wird.“
SPRECHERIN
Gleichzeitig bangen viele Weiße um ihre Existenzgrundlage. Was passiert mit ihren Plantagen und in ihren Haushalten, wenn die Arbeitskräfte nicht mehr parieren oder gar nicht mehr verfügbar sind?
Was weitere Unruhe schafft: Sobald Nachbarn einzelne Sklaven freilassen, wirkt sich das auf die ganze Community aus. Historische Quellen zeigen: Die Freigelassen wollen nicht allein auswandern, sie bestehen darauf, ihre Familien mitzunehmen. Häufig aber leben andere Familienmitglieder – weil sie weiterverkauft wurden – in anderen Haushalten, bei anderen Sklavenhaltern.
SPRECHER
Auch hier zeigt sich, was Burrowes bereits über den Land-Deal in Westafrika gesagt hat: Die schwarze Bevölkerung – ob versklavt oder frei – ist jederzeit aktiv beteiligt und nutzt ganz bewusst ihre Ressourcen. Marie Stango kann das aus ihrer Forschung bestätigen.
O-Ton Stango
“Liberia, in the early years suffers from famine, these settlers suffer from Malaria, Yellow Fewer, and really many of them are incredibly poor. Because they have been enslaved people in the US, they didn’t have capital or wealth before migrating. So they are really invested in maintaining some of these networks. In some cases as trading partners. So Lott Carry does this with some VA tobacco merchants. He has a business where he is trading tobacco with them. And then for people like the Skipwiths from VA: they are asking for material supplies and food, because their lives are so precarious in Liberia. “
Übersetzerin
„Viele Siedler hatten vor der Migration kein Vermögen. Sie halten deshalb frühere Netzwerke aufrecht – das sehe ich in entsprechenden Briefen in den Archiven. Manchmal werden sie sogar Handelspartner. Der Siedler und Tabakfabrikant Lott Carry handelt mit Tabakunternehmern in Virginia. Und dann gibt es Menschen wie die Familie Skipwith aus Virginia: Sie bittet ihre ehemaligen Sklavenhalter um materielle Versorgung und Lebensmittel, weil ihr Leben in Liberia so prekär ist.“
MUSIK
SPRECHERIN
Und dann passiert trotz der Existenznöte in den Anfangszeiten der Kolonialisierung etwas Erstaunliches: Die Siedler, die ab 1822 ans Kap Mesurado kommen, bringen das amerikanische Gesellschaftsmodell mit nach Afrika. Nur, dass die amerikanischen Schwarzen dieses Mal nicht am unteren Ende der Gesellschaft stehen, sondern oben.
SPRECHER
Alte Fotos zeigen amerikanische Siedler in westlicher Kleidung, ihre Haut deutlich heller als die der Einheimischen. Die Ironie dabei: Eben diese helle Hautfarbe ist ein körperlicher Beleg für die Gewalt, die Sklaven in den USA erlitten haben. Sklavinnen wurden von ihren Eigentümern so regelmäßig vergewaltigt, dass die Sklavenpopulation mit der Zeit immer hellhäutiger wurde. Und jetzt beanspruchen diejenigen, die in der Heimat aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert und ausgebeutet wurden, wegen ihrer helleren Hautfarbe in Afrika einen höheren gesellschaftlichen Status? Für die ACS sind diese Entwicklungen unwichtig.
O-TON CMT
„Natürlich war Colorism Teil dieser gesellschaftlichen Schichtungen, aber schnell danach sind wirtschaftliche Unterschiede fast wichtiger geworden. Es gab Leute, die mit Geld angekommen sind und es gab andere, die sich sofort Arbeit suchen mussten.“
O-TON Burrowes
“I am very familiar with this narrative where African Americans returned and they constructed a society very much like the one they had left behind in the US. They had dominated indigenous groups etc. etc., but I would say to you that this version of Liberian history emerged in the 1950s, 1960s and now it is entrenched. The idea that the Civil War which took place in the 1990s, early 2000s can be explained by the founding of Liberia for me its problematic. Because it means that you jump over all of the proximal causes, events that are more closely related, that occurred shortly before the Civil War, 5, 10, 20 years before, and you go back 200 years to say: This is why there was a war! Who does that? How can you use history in such a way! It is to me unacceptable. But it has become common. It is a lazy way of understanding the Liberian condition! It’s linked to a refusal to critique the behaviour of people who are living today, people who are architects of the war! “So it’s not our fault, it’s people 200 years ago who caused us to do this”… Doesn’t make sense to me.“
Übersetzer 2
„Ich kenne dieses Narrativ sehr gut, in dem Afroamerikaner zurückkehrten und eine Gesellschaft aufbauten, die der in den USA zurückgelassenen sehr ähnlich war und dann die indigenen Gruppen unterdrückt haben. Aber diese Version der liberianischen Geschichte tauchte erst in den 1950er und 60er Jahren auf und hat bis heute feste Wurzeln geschlagen. Die Idee, dass der Bürgerkrieg, der in den 1990er, frühen 2000er Jahren stattfand, durch die Gründerzeit Liberias erklärt werden kann, ist für mich problematisch. Denn das bedeutet, dass man über alle anderen Ursachen hinwegsieht, über Ereignisse kurz vor dem Bürgerkrieg – fünf, zehn, 20 Jahre davor – und die viel mehr damit zu tun haben! Stattdessen geht man 200 Jahre zurück und argumentiert: „Deshalb gibt es heute Krieg!“. Das ergibt für mich keinen Sinn.“
SPRECHERIN
Spätestens ein Jahrzehnt nach der Atlantiküberquerung der Elizabeth wird den Männern von der ACS klar, dass sie weitere Auswanderer nur dann gewinnen können, wenn sie einen neuen Staat gründen – unter schwarzer Führung.
SPRECHER
1847, also 24 Jahre nach der Gründung der Kolonie ist es tatsächlich soweit: Liberia erlangt die Unabhängigkeit – mit einer Verfassung nach amerikanischem Vorbild.
MUSIK
SPRECHERIN
Nach der Staatsgründung kommen immer mehr Immigranten aus Amerika und der Karibik an – am Ende sind es allerdings insgesamt nur 17.000. Und damit hat die American Colonization Society ihr ursprüngliches Ziel – ein Amerika ohne Schwarze zu schaffen – gründlich verfehlt.
SPRECHER
Die erfolgreiche Ansiedlung von schwarzen Amerikanern in Westafrika dagegen, ist ihr gelungen.
MUSIK
SPRECHERIN
Ein freies Land unter schwarzer Führung – eine schwarze Nation: Wie ein Leuchtfeuer strahlt diese Errungenschaft jetzt in andere Länder aus. Liberia ist die erste Republik in Afrika und – nach Haiti – erst die zweite schwarze Republik weltweit.
SPRECHER
In einer Zeit, in der sich europäische Länder in Afrika einen Wettlauf liefern, um den Kontinent in Kolonien aufzuteilen und auszubeuten! Wie auch immer diese Diskussion ausgeht – eins ist klar: Nach Burrowes Archivfunden, muss sich die Geschichtsschreibung in Liberia jetzt neu sortieren.
O-TON Burrowes
“I’m not sure but I am optimistic that a more professional telling of the story, a more disciplined telling of the story will emerge. Of the Liberian story that is, very generally speaking. I am optimistic that we will see a shift in the paradigm.”
Übersetzer 2
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich bin optimistisch, dass sich ein professionellerer, ein disziplinierterer Umgang mit der liberianischen Geschichte durchsetzen wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald einen Paradigmenwechsel erleben.“
MUSIK
Eine Medizin sollte sie unverwundbar machen: Im Maji-Maji-Krieg kämpften afrikanische Völker gegen die deutschen Kolonialherren. Es war ein aussichtsloser Kampf, die Folgen sind bis heute spürbar in Ostafrika. Von Linus Lüring (BR 2019)
Credits
Autor: Linus Lüring
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Hans-Jürgen Stockerl, Hemma Michel, Stefan Wilkening
Technik: Adele Kurdziel
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Felicitas Becker
Besonderer Linktipp der Redaktion:
WDR: Der Germanwings-Absturz – Zehn Jahre ohne euch
Der Germanwings-Absturz reißt im März 2015 riesige Lücken in zahlreiche Familien: 150 Menschen sterben. Wie machen Familien weiter, wenn geliebte Menschen plötzlich fehlen? WDR-Reporterin Justine Rosenkranz hat Angehörige zehn Jahre lang begleitet. ZUM PODCAST
Linktipps:
phoenix (2023): Bezugspunkte – Der Völkermord an den Nama und Herero
Das Forum Demokratie beschäftigt sich in diesem Jahr mit der Schuld die Deutschland auf sich geladen hat. Wie weit ist die Aufarbeitung der Geschichte, wenn es um die Kolonialzeit geht und wie prägt die Erinnerungskultur unsere heutige Identität? JETZT ANSEHEN
rbb (2024): Deutscher Kolonialismus – Ein blinder Fleck in der Erinnerungskultur
Die deutschen Verbrechen während des Kolonialismus haben in der Erinnerungskultur bisher nur wenig Raum. Dieses Defizit hat auch das Berliner Abgeordnetenhaus erkannt. Ende April wurde ein Erinnerungskonzept vorgestellt, das nun überarbeitet wird. Wie stehen Menschen dazu, die aus afrikanischen Ländern stammen und in Berlin wohnen? Von Wolf Siebert JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO Grillenzirpen
Sprecher
Der Anfang wirkt harmlos: Es ist der 20. Juli 1905 im Süden von Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Eine kleine Gruppe von Männern vom Volk der Matumbi beginnt damit, Baumwollpflanzen auszureißen. Die Plantagen sind für die Afrikaner das Symbol für Fremdherrschaft und Ausbeutung durch die deutsche Kolonialmacht.
Sprecherin
Seit 1885 haben die Deutschen das Gebiet besetzt. Damit soll jetzt Schluss sein. Was aussieht wie ein bloßer Streik, ist allerdings eine lange vorbereitete Kriegserklärung. So beginnt der Maji-Maji-Krieg, der bis dahin größte antikoloniale Befreiungskrieg in Afrika.
Sprecher
Als der Statthalter der Deutschen von den Vorfällen auf der Baumwollplantage hört, schickt er sofort einige Ordnungskräfte, um die Lage in den Griff zu bekommen. Aber die haben gegen die Übermacht der afrikanischen Kämpfer keine Chance und werden davongejagt. Kurze Zeit später überrennen die afrikanischen Krieger auch den Amtssitz des deutschen Statthalters. Auch er muss fliehen. Wenig später wird der deutsche Plantagenbesitzer Hopfer umgebracht.
Sprecher
Trotzdem ahnen die Deutschen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was da auf sie zukommen wird. Felicitas Becker, Professorin für afrikanische Geschichte an der Universität Gent:
O-Ton Becker 1
Die Deutschen hatten glaub ich wirklich keine Ahnung. Das hat zu tun damit, weil die Deutschen eh nicht viel wussten. Die paar Hämpfe da im Land, was die Leute so sagten und dachten. Es hat auch damit zu tun, dass gerade die Gegend wo der Maji-Maji-Krieg anfing eigentlich galt als bewohnt von, sagen wir mal, dumm-harmlosen Menschen. Es wurde ja sehr rassistisch gedacht. Und es gab bestimmte Ethnien, die galten als kriegerisch und es gab andere Ethnien, die galten als nicht kriegerisch. Und die Leute, die da wohnten, die galten als nun überhaupt nicht waffenfähig und die waren auch wirklich bei Kriegen, die es in der Gegend im 19. Jahrhundert gab, eigentlich immer auf der Seite der Verlierer gewesen.
ATMO Trommel und Rufe
Sprecher
Aber jetzt sind die Einheimischen wild entschlossen. Sie fühlen sich stark wie nie, ja sogar unverwundbar. Dank dem Maji, einer Wundermedizin, sollen die Kugeln der Deutschen an ihnen einfach abprallen. „Maji“ bedeutet auf Swaheli „Wasser“, und das war auch die Grundlage der Medizin, zusammen mit gekochter Hirse.
Sprecherin
Etwa ein Jahr vor dem Ausbruch des Krieges hatte ein Mann namens Kinjikitile die Maji-Medizin erfunden. Eine eindrucksvolle Erscheinung soll er gewesen sein - groß mit langen Haaren und stets ganz in weiß gekleidet.
O-Ton Becker 2
Kinjikitile war von Beruf ein Heiler, also ein Experte in traditioneller Medizin. Und das waren Menschen, die eigentlich immer eine starke Beziehung hatten zu Geistern, spirits, also Gottheiten, die in der Regel irgendwo in Natur verortet waren. Bei Kinjikitile war das ein bestimmter Teich, einer Verbreiterung in einem Fluss, wo er in der Nähe von wohnte. Und es gibt dann Beschreibungen davon, dass er eine Vision hatte. Er wurde entführt von Geist. Er verbrachte mehrere Stunden unter Wasser und kam dann zurück mit diesem neuen Programm.
Sprecher
Anschließend verkündete Kinjikitile seine Vision und warb dabei für die Maji-Medizin. Die Botschaft muss sich in der Region rasant verbreitet haben: Denn Maji sollte nicht nur unverwundbar machen im Kampf gegen die Deutschen. Mehr noch: Auch die Ernten sollten gut und wilde Tiere zahm werden. Manche tranken das Maji, andere schütteten es sich über den Kopf. Es wurde zu einer Art Allheilmittel für tausende von Menschen.
O-Ton Becker 3
Kinjikitile ist eine sehr interessante Figur. Und es ist klar, dass seine Leistung genau die war, Ideen, die schon lang bestanden, neu zu kombinieren und in eine Form zu bringen, in der sie brauchbar waren als Reaktion auf eine noch nie dagewesene Situation.
Sprecher
Denn nie zuvor waren die Menschen in der Region so bedroht, wie durch die deutsche Kolonialherrschaft. Kinjikitile empfing immer häufiger Vertreter der unterschiedlichsten Volksgruppen und überreicht ihnen in ausgedehnten Zeremonien das Maji.
Sprecherin
Das Besondere: Kinjikitile organisierte dabei auch regelrechte militärische Trainingseinheiten - eine gezielte Vorbereitung auf den Kampf. Völker, die bisher nichts miteinander zu tun hatten oder sogar verfeindet waren, verbündeten sich: Eine bis dahin ungeahnte Entwicklung.
MUSIK
Sprecher
Die Botschaft vom beginnenden Aufstand mobilisiert die Massen. Mit dem Schlachtruf “Maji!” stürzen sich die Krieger in den Kampf gegen die Deutschen. So bekommt der Konflikt auch seinen Namen – „Maji-Maji-Krieg“. Hunderte Kämpfer überrennen und plündern die Küstenstadt Sangawa. In Liwale erobern die Krieger auch die erste Festung der Deutschen. Mit Brandpfeilen attackieren die Kämpfer die Gebäude. Ein deutscher Offizier, Siedler und afrikanische Hilfssoldaten werden getötet. Diese raschen Erfolge Mitte 1905 und der Glaube an das Maji beflügeln die afrikanischen Kämpfer regelrecht.
Sprecherin
Die Deutschen Kolonialisten dagegen sind geschockt. Für sie kommt die Erhebung zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt. Die Kolonialverwaltung steht bereits unter enormem Druck. Denn seit längerem wächst die Kritik im Deutschen Reich am teuren Kolonial-Abenteuer. Der Grund: Die versprochenen Gewinne bleiben aus, stattdessen sind die Kolonien ein enormes Zuschussgeschäft.
O-Ton Becker 4
Es gab in Deutschland und auch sonst in Europa eine sehr naive Annahme, dass es ganz einfach sei, tropische Kolonien profitabel zu machen. Da ist es so schön warm, da wächst doch alles. Die Leute liegen sowieso auf der faulen Haut. Man muss sie nur endlich zum Arbeiten bringen. Und das war natürlich eine totale Fehlkalkulation. Tatsächlich ist es so, dass tropische Landwirtschaft vielen, vielen Herausforderungen gegenübersteht und gerade Arbeitskräftemangel ein ständiges Problem ist. Das Land war ja wahnsinnig gering bevölkert. Und nachdem sich dann verschiedene Versuche, durch die Einführung neuer landwirtschaftlicher Produkte in dem Land Gewinne zu machen, als Holzweg herausstellten, verfiel man eben auf Zwangsarbeit in Baumwollfeldern.
ATMO Grillenzirpen
Sprecher
Mit aller Macht versuchten die Deutschen, möglichst viel Profit aus der Kolonie herauszupressen - ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Prügelstrafen und überlange Arbeitstage waren an der Tagesordnung. Mit dem Amtsantritt des neuen Gouverneurs der Kolonie, Gustav Adolf Graf von Götzen, verschärfte sich die Lage nochmals. Anfang des Jahres 1905 verfügte er eine drastische Steuererhöhung und außerdem wurde immer mehr Land enteignet.
Es wurde für die immer größeren Plantagen gebraucht. Unter den Einheimischen staute sich die Wut an. Dieses Gefühl griff Kinjikitile auf und versprach eine Lösung. Sein Maji sollte der Ausbeutung ein Ende bereiten!
Sprecherin
Allerdings gelingt es den Deutschen, ihn als Hauptverantwortlichen hinter dem Aufstand auszumachen. Kinjikitile wird mit anderen festgenommen und wenige Wochen nach dem Beginn des Maji-Maji-Krieges hingerichtet - bis zum Schluss soll er überzeugt gewesen sein von seiner Vision. So hält es Gouverneur von Götzen in seinen Erinnerungen fest.
Zitator
Der Ältere der Verurteilten, der Oberzauberer, sollte nun kurz vor seiner Exekution geäußert haben, er fürchte sich nicht vor dem Tode. Seine Hinrichtung werde auch nichts mehr nützen, denn seine Medizin habe schon bis nach Kilossa und Mahenge hin ihre Wirkung getan. Trotz der bekannten Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod und ihrer Neigung zum Renommieren, durfte diese fast triumphierende Warnung nicht leichtgenommen werden. Angesichts der Gesamtlage war Vorsicht geboten.
Sprecherin
Die Ahnung soll sich bestätigen. Im August 1905 folgt beinahe täglich eine größere Attacke auf Stationen und Siedlungen der deutschen Kolonialherren. 10.000 Kämpfer greifen die größte Militärstation der Gegend in Mahenge an. An diesen Angriff erinnert sich der deutsche Feldarzt Wilhelm Arning später so:
Zitator
Sie sind mit einer Einigkeit und Entschlossenheit in den Aufstand von 1905 eingetreten, die erstaunlich ist und fast Bewunderung erwecken könnte. Zu vielen Tausenden fanden sie sich aus der Ebene und von den Bergen zusammen, um die verhasste Station niederzuwerfen. Sie gaben ein für die deutsch-ostafrikanische Kriegsgeschichte unerhörtes, kaum für möglich gehaltenes Beispiel, indem sie einen großen, gut gebauten und stark besetzten festen Platz mit stürmischer Hand zu nehmen versuchten.
Sprecherin
Der Angriff kann von den Deutschen schließlich gerade noch abgewehrt werden. Dabei wird eines immer deutlicher: Das zentrale Versprechen des Maji wirkt nicht - nämlich, dass es unverwundbar macht. Unzählige afrikanische Angreifer sterben im Kugelhagel der deutschen Truppen. Ein deutscher Kommandant beschreibt in seinem Tagebuch “Berge von toten Afrikanern”.
Sprecher
Aber der Glaube an das Maji lebt trotzdem noch weiter. Denn, damit das Maji wirkt, mussten bestimmte Vorgaben eingehalten werden - sexuelle Enthaltsamkeit zum Beispiel. Aber auch manche Speisen waren Tabu, wie Historikerin Felicitas Becker erklärt:
O-Ton Becker 5
Und wenn dann welche erschossen wurden, dann war es für die Boten des Maji, bekannt unter dem Namen Hongo, relativ einfach zu sagen - naja die haben irgendwas falsch gemacht. Und als sich dann schnell herausstellte, dass das Maji nicht wirksam war, kam es auch dazu, dass dann neue Runden Maji gekocht oder geschickt wurden und dann wurde, das ist jetzt besser. Oder es wurden neue Tabus hinzugefügt und auf diese Weise konnte die Glaubwürdigkeit des Maji mehrmals erneuert werden.
Sprecher
So breiten sich die Kämpfe immer weiter aus. Bereits zwei Monate nach dem Beginn des Maji-Maji-Kriegs, hat dieser seine größte Ausdehnung erreicht: Die komplette Südhälfte der Kolonie Deutsch-Ostafrika ist betroffen, ein Gebiet etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.
Sprecherin
Der deutschen Kolonialverwaltung fehlt es schlicht an Personal, um sich den Kämpfern wirkungsvoll entgegenzustellen und nicht nur Verwaltungsstationen zu verteidigen. Bei Gouverneur von Götzen macht sich Verzweiflung breit.
Zitator
Es wurde bereits angedeutet, daß der Sparsamkeitsdrang des Mutterlandes den Gouverneur von Deutsch-Ostafrika vor eine in gewissen Fällen unlösbare Aufgabe stellt. Diese Aufgabe bestand im Jahre 1905 in kurzen Worten darin, eine Million Quadratkilometer Landes mit beträchtlichen darin investierten europäischen Werten zu sichern.
Sprecherin
Die koloniale Armee der Deutschen ist zahlenmäßig völlig unterlegen. Die sogenannte “Schutztruppe” umfasst nicht mal 4500 Mann. Dabei sind nur die Offiziere Deutsche. Die meisten Soldaten sind Afrikaner, die sogenannten Askaris. Söldner, die vor allem im Sudan angeworben worden waren. Verzweifelt bittet Gouverneur von Götzen die Führung des Deutschen Reichs um Unterstützung.
Sprecher
Allerdings gilt deren Aufmerksamkeit gerade eher Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort haben sich die Herero und die Nama erhoben. Hier ist das Deutsche Reich bereits in einen langwierigen Kampf verwickelt. Dennoch: Schließlich wird Verstärkung bewilligt. Aber die Verlegung deutscher Marinesoldaten braucht Zeit, ebenso die Anwerbung neuer Askari. Erst im Oktober 1905 trifft die Verstärkung ein.
Sprecherin
Nun gehen die deutschen Truppen in die Offensive. In sogenannten “Straf-Expeditionen” folgen sie den Maji-Maji-Kämpfern. Es kommt nicht selten zu regelrechten Massakern. Weit weg von der Kolonialverwaltung in Daressalam fühlen sich die Offiziere ohne Kontrolle. Ihre Brutalität kennt daher oft kaum Grenzen. Besonders verheerend ist dabei eine Waffe: Das Maschinengewehr, die sogenannte „Gatling gun“.
O-Ton Becker 6
Da gibt es wieder einen schönen englischen Reim:
“Whatever happens, we have got
the Gatling gun and they have not.”
Sprecherin
Egal was passiert – wir haben das Gatling-Maschinengewehr, sie haben es nicht.
Sprecher
Die afrikanischen Krieger sind mit ihren Pfeilen, Speeren und anderen veralteten Wurfgeschossen ohne jede Chance - auch wenn sie zu tausenden angreifen. In Schlachten auf offenem Feld werden sie regelrecht niedergemäht. Spätestens jetzt verlieren die meisten den Glauben an die übernatürlichen Kräfte des Maji. Dennoch setzen Maji-Maji-Kämpfer den Krieg fort, meiden allerdings jetzt größere Feldschlachten.
Sprecherin
Der Maji-Maji-Krieg tritt in eine neue Phase ein. Die afrikanischen Kämpfer setzen stattdessen setzen sie auf Guerilla-Taktiken. Sie kennen sich im Gelände besser aus und versuchen den Truppen der Deutschen aufzulauern und sie in Hinterhalte zu locken. Zwar können sie den Feind immer wieder überraschen. Aber nachhaltig stoppen können sie die Kolonialtruppen nicht. Auch nicht, indem sie immer wieder Telegraphenleitungen zerstören, die die Deutschen zur Kommunikation dringend brauchen.
Sprecher
Dazu kommt - da so viele unterschiedliche Völker beteiligt sind, gibt es keine einheitliche Strategie unter den Maji-Maji-Kämpfern, keine Absprachen, kein gemeinsames Vorgehen.
O-Ton Becker 7
Es gab die, die dann einfach mit dem Mut der Verzweiflung weitergekämpft haben. Das war zum Beispiel der Fall bei den Ngoni. Obwohl auch die ziemlich am Anfang ihrer Kampagne sozusagen eine Attacke durch deutsche Maschinengewehre katastrophal verloren und dadurch wurde ihre strategische Einheit zerstört und sie kämpften dann eben in kleinen Gruppen weiter. Es gab auch die, die ziemlich schnell aufgaben. Aber das Problem ist, die Deutschen erkannten ihrerseits unter den Aufständischen überhaupt keine legitimen Herrschaftsstrukturen mehr an.
Sprecher
Der Maji-Maji-Krieg wird gegen Ende des Jahres 1905 unübersichtlich. In dem oft gebirgigen Gelände entwickelt sich immer häufiger ein Kleinkrieg. Wirkliche Gebietsgewinne gibt es bei vielen Angriffen nicht. Auch die Deutschen wechseln deshalb ihre Taktik und hinterlassen, wo sie können, “verbrannte Erde”. Gouverneur Gustav Adolf von Götzen rechtfertigt das Tun der Schutztruppe später.
Zitator
Wie in allen Kriegen gegen unzivilisierte Völkerschaften, sei es nun in Marokko oder in Java oder im tropischen Afrika, war auch im vorliegenden Fall die planmäßige Schädigung der feindlichen Bevölkerung an Hab und Gut unerläßlich.
Die Vernichtung von wirtschaftlichen Werten, wie das Abbrennen von Ortschaften und Lebensmittel-Beständen, erscheint wohl dem Fernstehenden barbarisch. Vergegenwärtigt man sich aber einerseits, in wie kurzer Zeit afrikanische Hütten wieder entstehen und wie rasch die Üppigkeit der tropischen Natur neue Feldfrüchte hervorbringt, andererseits, daß in den meisten Fällen, wie auch dieser Aufstand bewiesen hat, ein solches Vorgehen einzig und allein den Gegner zur Unterwerfung zu zwingen vermag, dann wird man zu einer milderen Auffassung gelangen.
Sprecherin
Was Gouverneur von Götzen hier zu verharmlosen versucht und als alternativlos beschreibt, wird später dramatische Folgen für die Bevölkerung haben. Überall im Aufstandsgebiet werden nun Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Vorratskammern zerstört und Brunnen vergiftet. Diese Drecksarbeit überlassen deutsche Offiziere afrikanischen Hilfstruppen, den sogenannten Rugaruga.
Sprecher
Zwar haben sich immer mehr kämpfende Volksgruppen ergeben, aber auch zu diesem Zeitpunkt gibt es noch Widerstand. Das Elend wird immer größer und die Deutschen wissen, dass sie jetzt eigentlich nur noch abwarten müssen, wie Gouverneur von Götzen einmal in seinem Tagebuch notiert.
Zitator
Major Johannes ist heute aus den Matumbi-Bergen zurückgekehrt. Er hat die Auffassung mitgebracht, dass die Unterwerfung der Aufständischen dort noch lange Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Da die Kulturen überall vernichtet sind, kann aber die Truppe darauf rechnen, dass der Hunger das Seine zur Beschleunigung tun wird. Eine unvermeidliche und traurige Aussicht, wenn man bedenkt, dass diese Wunden nicht Feindesland, sondern der eigenen, vielen schon zur Heimat gewordenen Erde geschlagen werden!
Sprecher
Die Deutschen machen keinen Unterschied zwischen Aufständischen und Zivilisten, erklärt Historikerin Felicitas Becker.
O-Ton Becker 8
Männer, Frauen, Kinder, Alte. Alle galten dann als legitimes Ziel. Und das zog sich hin über viele Monate. Sodass, obwohl die größten Kampfhandlungen des Krieges Mitte 1906 dann vorbei waren, die größte Hungersnot, die der Krieg auslöste, erst Ende 1907 stattfand. Der größte Anteil der Menschen, die durch Maji-Maji gestorben sind, starb an Hunger.
Sprecherin
Missionare berichten von einer gespenstischen Stimmung in den menschenleeren Gegenden, von Verwesungsgestank und Seuchen, die sich ausbreiten. “Es ist kein frohes Leben mehr zu beobachten. Nicht einmal mehr unter der sonst so lustigen Jugend”, heißt es in einem Bericht.
Sprecher
Erst Mitte 1908 ergeben sich dann die letzten Maji-Kämpfer. Drei Jahre nach dem Ausbruch des Krieges. Die Einheimischen müssen sich der deutschen Übermacht ergeben.
O-Ton Becker 9
Einer der bekanntesten Historiker der Gegend weist auch darauf hin, dass die Menschen im Aufstandsgebiet auch eine Schlacht gegen die Natur verloren hätten. Darüber gibt es viele Berichte. Nach dem Ende von Maji-Maji wurden Elefanten gesehen in Gegenden, wo sie schon verdrängt gewesen waren. Und es gibt auch Berichte darüber, dass die Löwen zum Teil dann in die erbärmlich gebauten Hütten der Überlebenden eindrangen und die Menschen in den Häusern verschlangen, weil die so geschwächt waren, dass sie Abwehr der Löwen nicht mehr organisieren konnten.
Sprecher
Über die Gesamtzahl der Opfer im Aufstandsgebiet gibt es sehr unterschiedliche Schätzungen.
O-Ton Becker 10
Wie viele genau, das ist schwer zu sagen, weil man so wenig drüber weiß, wie viele Menschen vorher da waren. Aber 200.000 ist so `ne Zahl, die oft genannt wird.
MUSIK
Sprecher
Wie ungleich der Krieg war, wird klar, wenn man diese Zahl mit den Opferzahlen auf der Seite der deutschen Kolonisatoren vergleicht - zwar sollen mehr als 1000 der afrikanischen Hilfssoldaten der deutschen Kolonialtruppen gestorben sein - aber gerade mal 15 Europäer starben durch die Kämpfe.
Sprecherin
Nachdem der Krieg beendet ist, beginnt in den Aufstandsgebieten ein langwieriger Wiederaufbau. Erst nach Jahren ist die Landwirtschaft wiederhergestellt und die Menschen kehren mehr und mehr zurück in den Süden der Kolonie.
Sprecher
In den folgenden Jahrzehnten verschwindet der Maji-Maji-Krieg aus den öffentlichen Debatten. Die verheerende Not, die Massaker durch die Deutschen - daran möchte niemand erinnert werden. Ähnliche Widerstandsbewegungen gibt es in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr. Weder gegen die deutschen noch - nach dem Ersten Weltkrieg - gegen die britischen Kolonialisten.
Sprecherin
Erst in den 1950er-Jahren ändert sich das schlagartig. Die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region werden lauter. Dabei erinnern sich viele wieder an den Maji-Maji-Krieg. Der völkerübergreifende Charakter des Widerstands wird immer wieder betont. Darin habe sich bereits ein gewisses Nationalgefühl angedeutet, erklärt zum Beispiel Julius Nyerere, einer der führenden Köpfe der Unabhängigkeitsbewegung. Er wird später auch der erste Staatspräsident Tansanias. Nicht mehr Not und Elend sollten bei der Erinnerung an den Maji-Maji-Krieg im Mittelpunkt stehen, sondern Stolz auf den Widerstandsgeist und die Hoffnung auf Selbstbestimmung.
Sprecher
Gleichzeitig stößt die Unabhängigkeitsbewegung, die sich in der Tradition der Maji-Bewegung sieht, im ehemaligen Aufstandsgebiet auf große Skepsis. Vor allem ältere Menschen, die den Krieg noch erlebt haben, befürchten, dass es wieder zu einem Blutvergießen kommen könnte. Die Sorgen sind unbegründet: 1961 wurde Tansania unabhängig - völlig friedlich.
Sprecherin
Und im heutigen Tansania? Da ist die Erinnerung an den Maji-Maji-Krieg nicht unbedingt gerne gesehen.
O-Ton Becker 11
Es ist ja so, dass derzeit das politischen Klima in Tansania eigentlich auch eher repressiver wird und die Vorstellung von spontanem Protest ist auch den postkolonialen tansanischen Politikern nicht unbedingt willkommen. Man will spontane anführerlose, soziale Proteste als solche eigentlich nicht feiern.
Sprecher
Dahinter steht die Sorge, dass sich eine Widerstandsbewegung jetzt nicht mehr gegen Kolonialherren richtet, sondern gegen die Regierung. Obwohl der Maji-Maji-Krieg einer der großen antikolonialen Befreiungskämpfe in Afrika war, droht er so weiter in Vergessenheit zu geraten.
Kaum ein Ereignis der deutschen Geschichte wurde in den letzten 200 Jahren derart unter ideologischen Vorzeichen interpretiert wie der Bauernkrieg. Mit seinem Ende begann der Kampf um die Deutung. Von Stefan Nölke (MDR/BR/SWR 2025) *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum Bauernkrieg Aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP: Der Rest ist Geschichte Hört doch auch mal bei "Der Rest ist Geschichte" rein. Unsere Kollegen vom Deutschlandfunk greifen jede Woche ein aktuelles Thema auf und erklären die historischen Hintergründe. https://www.deutschlandfunk.de/deutschlandfunk-der-rest-ist-geschichte-100.html *** CREDITS Autor: Stefan Nölke Es sprachen: Meike Rötzer - und: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Grafik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal Eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Vielen Dank an die Gesprächspartnerinnen und -partner: Dr. Christoph Engelhard, Stadtarchivar und Vorsitzender des Historischen Vereins Memmingen Bernhard Geisler, Heimatforscher und Vorsitzender der Gruppe Historisches und Kulturelle Königshofen Dr. Nora Hilgert, Historikerin, Fachreferentin Kulturgeschichte, Mühlhäuser Museen Dr. Ulrich Hahnemann, Stadtarchivar und Leiter des Regionalmuseums Bad Frankenhausen Stephen Jüngling, Kastellan auf der Festung Marienberg Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Theologe und Kirchenhistoriker, Universität Göttingen Nicole Lang, Gästeführerin, Weinsberg Prof. Dr. Rainer Leng, Historiker, fränkische Landesgeschichte, Universität Würzburg Gerd Linder, Kunsthistoriker und Direktor des Panorama Museum Bad Frankenhausen Dr. Thomas T. Müller, Historiker, Direktor "Stiftung Luthergedenkstäten in Sachsen-Anhalt, Vorsitzender der Thomas-Müntzer-Gesellschaft Dr. Wolfgang Petz, Historiker und Geschichtsdidaktiker, Kempten Prof. Dr. Lyndal Roper, Historikerin, Universität Oxford Heide Ruszat-Ewig, Literaturwissenschaftlerin, Herausgeberin, Übersetzerin der 12 Artikel von Memmingen ins Hochdeutsche Prof. Dr. Gerd Schwerhoff, Historiker, Geschichte der Frühen Neuzeit, Technische Universität Dresden Herbert Seger, Altbürgermeister und Vorsitzender des Heimatverein Durach im Oberallgäu Christoph Wegele, Vorsitzender des Fördervereins Schloss Waldburg e.V.; Museumsführer auf der Stammburg des Georg Truchsess von Waldburg Lea Wegner, Historikerin und Leiterin "Deutsches Bauernkriegsmuseums" Böblingen (Museum Zehntscheuer) Dr. Helge Wittmann, Fachbereichsleiter Stadtarchiv/Stadtbibliothek Mühlhausen und Vorsitzender des Mühlhäuser Geschichts- und Denkmalpflegeverein
Im Sommer 1525 steht es schlecht um die Bauern. Da erscheint ihnen bei Frankenhausen ein Regenbogen. Der charismatische Prediger Thomas Müntzer verheißt daraufhin den Bauern einen großen Sieg. Von Michael Zametzer (MDR/BR/SWR 2025) *** Credits Autor: Michael Zametzer Sprecherin: Meike Rötzer Weitere Sprecher und Sprecherinnen: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Graphik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal "Das war der Bauernkrieg" ist eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Alle Gesprächspartnerinnen und -partner in den Shownotes zu Folge 4. *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum Bauernkrieg Aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP: Tatort Geschichte Bei Tatort Geschichte reisen Niklas Fischer und Hannes Liebrandt zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit - True Crime aus der Geschichte unterhaltsam besprochen. http://1.ard.de/bauernkrieg-tatort-geschichte *** BUCHTIPPS: Peter Blickle, Der Bauernjörg. Feldherr im Bauernkrieg. Georg Truchsess von Waldburg 1488-1531. C.H. Beck 2015. (Viel mehr als eine Biografie, geschrieben vom 2017 verstorbenen Nestor der Bauernkriegsforschung. Immer noch grundlegend.) Thomas Kaufmann, Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis, Verlag Herder 2024. (Ohne Buchdruck kein Bauernkrieg, so die These des renommierten Göttinger Medienhistorikers.) Thomas T. Müller, Mörder ohne Opfer: Die Reichsstadt Mühlhausen und der Bauernkrieg in Thüringen, Michael Imhof Verlag 2021. (Grundlegend für das Geschehen in Thüringen und die Rolle Thomas Müntzers) Lyndal Roper, Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller, S. Fischer 2024. (Hinter dem Aufstand steht der Traum für eine bessere Welt, erklärt die gebürtige Australierin und Expertin für die Reformationszeit.) Gerd Schwerhoff, Der Bauernkrieg. Eine wilde Handlung, C.H. Beck 2024. (Nach so viel Parteinahme seitens der Historiker und Historikerinnen für die Sache der Bauern ist dies ein wohltuend distanzierterer, zugleich umfassender Blick auf dem letzten Stand der Forschung.)
Im Sommer 1524 gärt es unter Bauern und einfachen Leuten in weiten Teilen Deutschlands. Sie fordern ein Ende von Leibeigenschaft und drückenden Abgaben. Bald eskaliert die Lage. Von Michael Zametzer (MDR/BR/SWR 2025) *** Credits Autor: Michael Zametzer Sprecherin: Meike Rötzer weitere Sprecher und Sprecherinnen: Udo Rau, Rudolf Guckelsberger, Marcus Westhoff, Janis Hanenberg, Elisabeth Findeis Regie: Günter Maurer Technik: Claudia Peycke Musik: Matthias Schneider-Hollek Graphik: Martin Pfeiffer, Christiane Jäger Distribution: Mara May, Theresa Wünsch Redaktion: Thomas Morawetz, Nicole Ruchlak, Stefan Nölke, Gabor Paal "Das war der Bauernkrieg" ist eine Gemeinschaftsproduktion des MDR, BR und SWR *** Alle Gesprächspartnerinnen und -partner in den Shownotes der Folge 4, Literatur-Tipps in den Shownotes zu Folge 3. *** PEN & PAPER-Rollenspiel zum Bauernkrieg Aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse um 1525 kann man im improvisierten Live Rollenspiel "1525 Wenn Worte brennen" blicken. In dem fiktiven Dorf Schillingsfurt in Franken versucht eine Truppe aus einem rebellischen Mönch, einer radikalen Papiermacherin und einem kampfbereiten Bauern die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Hier geht es zum ersten Teil 1: http://1.ard.de/1525-wenn-worte-brennen *** PODCAST-TIPP: WDR Zeitzeichen Was gestern war, ist lange nicht vorbei: Was Geschichte mit unserem Leben heute zu tun hat, erfahrt Ihr jeden Tag im Zeitzeichen-Podcast. Das alles immer in einer knappen Viertelstunde spannend erzählt. https://1.ard.de/bauernkrieg-zeitzeichen
Er war verehrt und gefürchtet. Den Stadtplaner Robert Moses nennt man bis heute den "Master Builder" New Yorks. Er galt als ebenso arrogant wie brillant, als visionär und rücksichtslos. 44 Jahre lang konnte er die Metropole mit gewaltigen und umstrittenen Bauprojekten wie kein anderer im Alleingang formen. Von Florian Kummert (BR 2021)
Credits
Autor: Florian Kummert
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Rainer Buck, Sven Hussock
Technik: Adele Kurdziel
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Jason Harber
Besonderer Linktipp der Redaktion:
NDR & mdr: OZ. Graffiti-Künstler. Schmierfink. Rebell.
Zwei Jahrzehnte lang geht der Graffiti-Sprayer OZ – bürgerlich Walter Fischer – jede Nacht raus und »macht Hamburg bunter«, wie er sagt – oder, wie andere urteilen: Er verschandelt die Stadt. Immer wieder wird er verprügelt. Und immer wieder verurteilt, insgesamt zu mehr als acht Jahren Gefängnis. Doch OZ macht immer weiter, am Ende stirbt er als Künstler. Was war sein Antrieb? Kai Sieverding und Sven Stillich begeben sich auf die Suche nach dem Menschen hinter der Sprühdose und finden ein Leben, das geprägt ist von Extremen.
Linktipps:
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MUSIK
ERZÄHLERIN
New York City. Die Stadt der Städte, mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Stadt der Luxusvillen und der Slums. Stadt der atemberaubenden Ausblicke und der stundenlangen Staus. Eine Weltmetropole, wie die belgisch-amerikanische Schriftstellerin Lucy Sante einmal sagte, mit einem zwiespältigen Charakter, durchsetzt von Widersprüchen, anziehend und abstoßend zugleich, so gewaltig und extrem, dass niemand ihn allein ersonnen haben könne.
ERZÄHLER
Und doch gibt es einen Mann, der diese Stadt formen konnte. Einer, der ihr seinen Stempel aufdrückte und die Landschaft von New York City und Umgebung über Jahrzehnte hinweg modellierte.
ERZÄHLERIN
Ein Mann, der immense Macht anhäufte, der Bürgermeister und Gouverneure kontrollierte, der das Rampenlicht mied und aus dem Schatten heraus sein New York bauen konnte. Sein Name: Robert Moses.
OTON VOICEOVER Jason Haber 1
„He is alive in spirit anyway, because you're on his roads, you're in his traffic. The routes that you take, whether you use Google Maps or just your own intuition, they are plotted by Robert Moses.“
„Sein Geist schwebt bis heute über der Stadt, vor allem auf seinen Straßen, in seinem Verkehr. Die Routen, die wir heute mit oder ohne Navi nehmen, hat Robert Moses vorgeplant.“
ERZÄHLERIN
Jason Haber, Autor und früherer Professor für Städteplanung am John Jay College, lebt und arbeitet in New York. Je mehr er sich mit der Geschichte und den städteplanerischen Herausforderungen seiner Heimatstadt auseinandersetzte, desto häufiger stolperte er über einen Namen.
OTON VOICEOVER Jason Haber 2
„I was struck by the fact that living on Long Island to the east of New York City and then coming into the city how much of my life’s movement and patterns were directed by a man that I didn't know, that most people didn't know by name and I think didn't realize the implications of what he did and how he did it and when I started asking questions like who created the Long Island Expressway, why Robert Moses, who created this tunnel, this bridge, this road, this park, it always seemed to come back to Moses.“
„Ich bin lange von Long Island östlich der Stadt nach Manhattan gependelt. Dabei ist mir bewusstgeworden, dass für all diese Lebenszeit, für meinen Bewegungsablauf ein Mann verantwortlich ist, dessen Namen viele gar nicht kennen, von dem viele nicht wissen, wie einflussreich er war. Aber als ich recherchiert habe: Wer hat den Long Island Expressway gebaut, wer hat diesen Tunnel, jene Brücke, diese Straße, jenen Park gebaut, dann war die Antwort immer: Moses.“
ERZÄHLERIN
Robert Moses war der Bauherr öffentlicher Bauten, und zwar einer der einflussreichsten und mächtigsten des 20. Jahrhunderts. Moses galt als brillant und arrogant, als visionär und rücksichtlos.
OTON VOICEOVER Jason Haber 3
„When you talk to people in New York about Robert Moses who aren’t deeply enmeshed in the topic they'll say things like was he the governor? Was he the senator? Was he the mayor? Most people are surprised that he was none of those three. Most notably, Robert Moses was never elected to any public office. In a democracy the way it supposed to work, we have a representative government where the officials who are in power are responsible and have to answer for their decisions or lack of decisions at the ballot box. Moses gets around this entirely and as a result it changes the story of how things evolved here in New York.“
„Wenn ich von Robert Moses und seinem Einfluss erzähle, werde ich oft gefragt: War er Gouverneur? War er Senator? War er der Bürgermeister? Und die Antwort überrascht die Leute: Er war nichts davon. Robert Moses wurde nie in ein öffentliches Amt gewählt. Dabei sollte es in einer Demokratie doch anders laufen. Wir haben eine repräsentative Regierung, in der die Machthaber sich vor den Wählern verantworten müssen, und auch abgewählt werden können. Moses umgeht dieses System komplett und verändert so den Werdegang von New York.“
ERZÄHLERIN
Jason Haber ist ein ausgesprochener Kritiker von Robert Moses und dessen städteplanerischen Visionen und Machtpolitik.
ERZÄHLER
Damit folgt er dem Gros der öffentlichen Meinung, die in den USA vor allem von einem Buch und der Rechercheleistung seines Autors geprägt wurde: „The Power Broker“ von Robert A. Caro. Eine über 1200 Seiten umfassende, mit dem Pulitzer Preis prämierte Mischung aus Biographie und Stadtgeschichte. Caros 1974 erschienenes Buch geht dem Leben und Werk von Robert Moses nach und - wie es im Untertitel heißt - dem „Niedergang von New York“. „The Power Broker“ zählt an der New Yorker Columbia Universität bis heute zur Pflichtlektüre und gilt als eines der wichtigsten stadtgeschichtlichen Bücher des 20. Jahrhunderts.
MUSIK
ERZÄHLER
Robert A. Caros Buch versucht, Robert Moses zu enträtseln. Wer ist dieser Mann, der 44 Jahre als Oberster Baumeister von New York das Bild der Stadt bestimmt. Der „Master Builder“, der kaum einen Bereich unberührt lässt und hunderte Meilen an Parkways und Stadtautobahnen schafft, ebenso hunderte von Parks, Spielplätzen und öffentlichen Stränden, der Brücken und Tunnel bauen und Viertel niederreißen lässt und hunderttausende Sozialwohnungen errichtet. Von den 1920er bis in die 1970er Jahre hinein macht Robert Moses seinen Einfluss geltend, in den fünf so genannten „Boroughs“, den fünf großen Verwaltungsbezirken der Stadt: Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staten Island.
ATMO Autos, Hupen
ERZÄHLER
Robert Moses baut knapp 700 Kilometer an Straßen für die New Yorker, aber er selbst lernt Zeit seines Lebens nie ein Auto zu fahren. Da er ebenso die öffentlichen Verkehrsmittel meidet, lässt er sich von einem Chauffeur durch New York kutschieren.
ERZÄHLERIN
1888 als Sohn einer wohlhabenden, großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie geboren, steht Robert Moses bereits als Jugendlichem ein Fahrer zur Verfügung. Er wächst in gediegenem Luxus auf, nahe der Fifth Avenue. Und entwickelt sich zu einem ehrgeizigen Schüler, der 1909 in Yale zu den Besten des Abschluss-Jahrgangs gehört, ebenso wie anschließend in Oxford und an der Columbia University.
MUSIK
ERZÄHLER
Ab 1914 arbeitet er im öffentlichen Dienst und findet dabei einen wichtigen Verbündeten: Gouverneur Al Smith fördert die Karriere seines Protegés, obwohl die beiden Männer unterschiedlicher nicht hätten sein können. Moses, Spross einer privilegierten Familie und Al Smith, in armen Verhältnissen an der Lower East Side aufgewachsen, aber vom Wunsch beseelt, das Leben der ganz normalen Bürger zu verbessern. Voller Tatendrang unterstützt Moses Al Smiths Reformprogramm, doch gleichzeitig entwickelt er - mit Unterstützung des Gouverneurs - ein eigenes Projekt, so ambitioniert wie neuartig.
ERZÄHLERIN
Ende 1923, Anfang 1924. George Gershwin komponiert die Musik zu „Rhapsody in Blue“. F. Scott Fitzgerald vollendet den „Großen Gatsby“, den meisterhaften Roman über den amerikanischen Traum und seine Abgründe, dessen Handlung zwischen den Uferpromenaden auf Long Island und den Straßenschluchten von Manhattan pendelt.
ERZÄHLER
Da beginnt Robert Moses mit der Komposition einer anderen Art von Sinfonie, einer urbanen Rhapsodie. Statt Wörtern oder Noten benutzt er den Stadtplan, und zwar das gesamte 2100 Quadratmeilen umfassende Areal der Stadt New York und der sie umgebenden Landschaft, die er für das anbrechende Automobilzeitalter erschließen will.
ERZÄHLERIN
Er würde Parkanlagen bauen. Keine nur wenige Quadratmeter großen Spiel- und Sportflächen mit etwas Grün an den Rändern, wie es sonst üblich ist. Nein, Robert Moses schwebt ein Netz an Parks vor, durch breite, baumgesäumte Straßen verbunden, mit ausgedehnten Naturflächen und langen Sandstränden. Dazu Badehäuser, Umkleidekabinen, Open-Air-Cafés und Restaurants.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Der Zugang zu den Stränden von Long Island war lange Zeit nur den Superreichen auf ihrem Privatgrund vorbehalten. Doch Robert Moses schafft weitläufige Park- und Strandanlagen für die wachsende Mittelschicht, komfortabel, hygienisch und gut zu erreichen. Ebenso revolutionär wie die Anlagen sind die Anfahrtswege. Moses - mittlerweile Vorsitzender der „Long Island State Park Commission“ sowie Präsident des „State Council of Parks“ - lässt mit den sogenannten „Parkways“ ein Netz aus landschaftlich schön gestalteten Straßen bauen, ohne Kreuzungen, Ampeln, oder Bahnübergänge.
ERZÄHLER
Im Sommer 1929 eröffnet Jones Beach und wird für Robert Moses ein triumphaler Erfolg. Allein am Eröffnungstag setzen sich 25.000 New Yorker in ihre Autos, um den neuen Park und die Anlagen zu besuchen. Weitere 325.000 werden im ersten Monat folgen, um sich an den weißen Sandstränden und der Brandung zu erfreuen, und später auch an einem Amphitheater mit Meeresblick und Musikshows. Zudem lässt Moses eine Minigolfanlage errichten und einen eleganten Wasserturm, eine Kopie des Campanile auf dem Markusplatz in Venedig. Landschaftsarchitekten aus der ganzen Welt strömen nach Jones Beach um die Anlagen und das Straßennetz zu bewundern.
OTON VOICEOVER JASON HABER 4
„We have to remember the New York before World War Two, there was a huge lack in infrastructure. And so I've argued that New York actually needed A Robert Moses, someone with the vision and ability to build and create and modernize. But instead we got THE Robert Moses. And it's that difference that makes all the difference in in the New York story.
Because the Robert Moses that we got was a a racist who used his racial hatred to punish minority communities very clear in how certain roads were built.“
„New York vor dem Zweiten Weltkrieg litt unter einer mangelhaften Infrastruktur. Deshalb sage ich immer, dass die Stadt einen Robert Moses dringend nötig hatte, also einen Städteplaner mit Vision, der bauen und kreieren und modernisieren konnte. Stattdessen haben wir aber den Robert Moses bekommen, und das macht in der Stadtentwicklungsgeschichte einen gewaltigen Unterschied aus. Denn der Robert Moses, den New York bekam, war ein Rassist, der seinen Rassismus benutzte, um Minderheiten auszugrenzen, etwa indem er Straßen auf bestimmte Weise bauen ließ.“
ERZÄHLERIN
Robert Moses, der subtile Rassist, dessen Vorbehalte gegen bestimmte Bevölkerungsschichten sich von Anfang an in der städtebaulichen Anlage seiner Projekte zeigen. Ein Vorwurf, den Jason Haber bereits in den Zufahrten zu Jones Beach bestätigt sieht. Wer zu den neuen Parks und Stränden wollte, musste mit dem Auto anfahren. Für die New Yorker, die auf U-Bahnen, Busse und Züge angewiesen waren, blieben die Anlagen unerreichbar. Moses selbst hatte die Zustimmung zum Bau einer Eisenbahnstrecke nach Jones Beach verweigert. Und die vielen elegant geschwungenen Brücken über die Parkways ließ er so niedrig bauen, dass sie für die meisten Busse unpassierbar waren.
OTON VOICEOVER JASON HABER 5
„Why in the world were the overpasses of these roads build so low? The answer is he wanted cars only on them. Minority communities at the time typically took busses. They weren't car owners at the time, and this kept minorities out of Jones Beach. And if you look at all the early photos of Jones Beach there, on many of them you will only see white people. It’s done by design. It’s racism by design. And Moses is responsible for that.“
„Warum um alles in der Welt waren diese Brücken mitten in der freien Natur so niedrig gebaut? Die Antwort: Moses wollte auf den Parkways nur Autos haben. Denn die schwarze Bevölkerung war überwiegend auf Busse angewiesen. Schwarze konnten sich nur in Ausnahmefällen ein eigenes Auto leisten. Sehen Sie sich all die frühen Fotografien von Jones Beach an. Auf den meisten sind ausschließlich Weiße zu sehen. Das war so geplant. Rassismus durch Städteplanung. Und Moses ist dafür verantwortlich.“
MUSIK
ERZÄHLER
Nach dem Erfolg mit Jones Beach und weiteren Anlagen versucht Robert Moses seine politische Macht durch eine Wahl zu zementieren, aber er scheitert krachend. Bei den Gouverneurswahlen 1934 verliert Moses gegen den demokratischen Kandidaten, und zwar mit dem höchsten, bis heute jemals gemessenen Abstand an Stimmen. Er mag ein brillanter Redner sein, doch sein Auftreten wirkt kühl, mitunter arrogant und alles andere als volksnah.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Volksnähe hingegen hat der 1934 neu ins Amt gewählte Bürgermeister Fiorello LaGuardia im Übermaß. Unter ihm sieht Moses eine andere Chance, Macht anzuhäufen. LaGuardia bittet Moses, sich um die städtischen Parkanlagen zu kümmern und City Park Commissioner zu werden. Moses ist einverstanden, doch macht etliche Bedingungen. Er lässt alle Bezirksparkverwaltungen zu einer einzigen zusammenlegen, unter seiner Leitung. Zudem besteht er darauf, sämtliche bisherigen Staatspark-Ämter auf Long Island zu behalten.
ERZÄHLER
Und er besteht auf einen weiteren Posten: Geschäftsführer und Generaldirektor der „Triborough Bridge Authority“, eines groß angelegten öffentlichen Brücken-Bauprojekts, das Manhattan, die Bronx und Queens miteinander verbinden soll. Der Bürgermeister stimmt zu. Und Moses selbst schreibt das Gesetz, das ihm seine neue Position einrichtet.
ERZÄHLERIN
Theoretisch sollten öffentliche Behörden wie die Triborough Bridge Authority nach Fertigstellung des jeweiligen Projekts und Begleichung der Kosten wieder aufgelöst werden. Doch Robert Moses hat nicht die Absicht, diese Behörde jemals wieder zu schließen. Denn die Brücken mit ihren Mautstationen sind eine ideale Einnahmequelle. Und diese Millionen von Münzen aus der Maut nutzt er durch geschickt formulierte Gesetzespassagen als stetigen Geldstrom, um damit Mittel für zukünftige Projekte zur Verfügung zu haben. So schafft sich Robert Moses eine Machtbasis, die ihn vor etwaigen Eingriffen des Bürgermeisters, des Gouverneurs und anderer absichert. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hat er 12 Posten gleichzeitig inne.
ERZÄHLER
Moses kann sich - ohne Wahl, nur durch Ernennung - über die Amtszeiten von fünf New Yorker Bürgermeistern und sechs Gouverneuren an der Macht halten. 1946 übernimmt er das neu geschaffene Amt des Stadtbaukoordinators. Damit hat er das Sagen über sämtliche öffentliche Bauvorhaben in allen fünf Boroughs. Nicht nur über Parks und Parkways, Tunnel und Brücken, sondern auch über Wohnungsbauprogramme, Schulen und Gemeindezentren.
ERZÄHLERIN
Moses fädelt den Bau des UNO-Hauptquartiers auf einem ehemaligen Schlachthofgelände am Ostufer Manhattans ein. An der Upper West Side lässt er das Slum-Viertel San Juan Hill abreißen, um das Kulturzentrum Lincoln Center, mitsamt dem Neubau der Metropolitan Opera zu errichten. Ganz im Sinne von Le Corbusieur und anderer Verfechter des Modernismus verfolgt Robert Moses seinen Plan einer Stadt der Moderne. Störende Stadtbewohner werden zur Verschiebemasse.
MUSIK
ERZÄHLER
Die Vorkriegseleganz von Projekten wie Jones Beach ist nun passé. Moses prägt den Wohnungsbau der Nachkriegszeit, indem er in den 1950er und 60er Jahren kastenförmige Apartmenthochhäuser errichten lässt. Allein in Harlem verschwinden 100 Hektar an alter Bausubstanz und müssen 40.000 neuen Wohneinheiten weichen. Ein zweischneidiges Schwert. Viele Anwohner können zum ersten Mal in eine eigene Wohnung ziehen, doch die kasernenartige Backsteinarchitektur ist anonym und abweisend. Der Schriftsteller John Cheever kritisiert die Mietskasernen: Sie würden jedes Fünkchen Fantasie vermissen lassen, kein Mensch wäre jemals auf eine Stadt von solcher Monotonie auch nur im Traum gekommen.
OTON VOICEOVER JASON HABER 6
„Planners from around the country and around the world came to New York to learn the ways of Moses. So in the Twentieth Century there were Moses disciples that saw what he was doing and then took that to their own cities. The problem was the centerpiece of Moses urban plans: it didn't revolve around people. It revolved most importantly around the car. And I've called it the error of the autocracy where the car is the dominant actor on the streetscape.“
„Städteplaner aus dem ganzen Land und sogar weltweit kamen nach New York um von Robert Moses zu lernen. Es gab im 20. Jahrhundert viele Moses-Schüler, die seine Konzepte dann auch in ihren Städten verwirklichten. Das Problem daran war aber: Diese Art der Stadtplanung drehte sich nicht um die Menschen, sondern vor allem um das Automobil. Ich nenne es den „Fehler der Autokratie“. Wir haben unser Straßenbild von den Bedürfnissen der Autos bestimmen lassen.“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Für Stadtplaner wie Jason Haber ist dieser Fokus auf das Automobil die Ursünde, die einen Teufelskreislauf in Gang gesetzt hat. Ursprünglich hatte Moses seine Parkways gebaut, um Großstadtbewohnern die Möglichkeit zu einer Landpartie zu geben. Doch ab den 50er-Jahren werden neben diesen Parkways immer mehr Vorstadtsiedlungen aus dem Boden gestampft. Die Zahl der Pendler wächst und wächst, und mit ihnen die Staus und Wartezeiten und auch der Frust der Autofahrer. Für Robert Moses als Verkehrsplaner gibt es nur eine Lösung: mehr Straßen.
ERZÄHLER
Keine alleeartigen Parkways mehr, sondern achtspurige Expressways, 70 Meter breit, ohne unnötige Kurven und Umwege. Für den sieben Meilen langen Cross-Bronx Expressway lässt Moses 40.000 Menschen umsiedeln und die Arbeitersiedlung East Tremont dem Erdboden gleichmachen.
ERZÄHLERIN
Elf Expressways entstehen in der Ära Moses. Betonschneisen auf einer Länge von 130 Meilen, die einige der am dichtesten besiedelten Wohngebiete der Welt durchschneiden. Betonschneisen, für die über eine Viertelmillion New Yorker Bürger - meist aus der Unterschicht - ihre Wohnung verlassen müssen. Doch die neuen Highways sind bald schon wieder überlastet. Und der Widerstand gegen weitere Trassen quer durch Manhattan wächst.
MUSIK
ERZÄHLER
Moses lässt ein 14 Block großes Areal am westlichen Rand von Greenwich Village als „Stadterneuerungsgebiet“ ausweisen, sprich: zum Abriss freigeben. Doch diesmal wehren sich die Bewohner des West Village - mit Erfolg. An der Spitze des Widerstands steht eine kämpferische Frau und begnadete Autorin: Jane Jacobs.
ERZÄHLERIN
Mit ihrem Sachbuch „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ prangert sie die Sünden des modernen Städtebaus an, vor allem die Siedlungen für Geringverdiener – in ihren Augen schlimmere Brutstätten für Verbrechertum, Vandalismus und soziale Hoffnungslosigkeit als die Slums, die sie ersetzen sollten. Sie kritisiert Promenaden, die kein Spaziergänger benutzt, die irgendwo sinnlos beginnen und nirgendwo hinführen, und Schnellverkehrsstraßen, die die Großstädte ausweiden. All das sei keine Stadterneuerung, sondern Raubbau, Städteabbau.
MUSIK
ERZÄHLER
Mit Protestaktionen kämpfte Jane Jacobs um den Erhalt des West Village. Sie betonte die für das städtische Klima die so wichtige Vielfalt, das Nebeneinander von Geschäften, Bars, Restaurants, Wohn- und Mietshäusern, Fabriken und Werkstätten, das Stadtplanern wie Jason Haber bis heute als Vorbild dient.
OTON VOICEOVER JASON HABER 7
„Her vision of urban planning comes from her looking out her window. She would see the ballet of the city, as she called it the butcher coming in to open his shop, the kids walking home from school, the people doing commerce in the small retail spaces. Everyone played a part in this ballet and the intricacy of it kept the city and the neighborhood safe. When you remove that and you create these lack of retail areas like the the public housing projects that Moses built, no retail, inner courtyards, you know they're breeding grounds for bad behavior.“
„Woher kam ihre Vision für eine Stadtplanung? Indem sie aus dem Fenster sah. Und was sie sah, nannte sie „das Ballett der Stadt“. Der Metzger, der morgens kommt um seinen Laden zu öffnen. Die Kinder, die nach der Schule nach Hause gehen. Das Gewusel der Leute, die in den Läden ihre Einkäufe erledigen. Alle spielen in diesem Ballett eine wichtige Rolle, halten die Stadt lebendig und machen das Viertel so auch sicherer. Stoppt man aber dieses Miteinander, wenn es etwa in den Siedlungen keine Geschäfte und Treffpunkte mehr gibt, und vor allem nur nach innen gerichtete Höfe, wie in den Wohnungsbauprojekten von Moses, dann fördert das den Verfall der Sitten.“
ERZÄHLERIN
Jane Jacobs schafft es, eine breite Allianz gegen Moses zusammenzutrommeln und seine Highwaypläne durch das West Village endgültig zu stoppen. Zudem sorgt ab 1965 die New Yorker „Landmarks Preservation Commission“, die erste Denkmalschutzbehörde in den Vereinigten Staaten, für ein Umdenken. Hunderte Einzelgebäude sowie komplette historisch gewachsene Viertel wie Greenwich Village werden unter Denkmalschutz gestellt. Die Ära von Robert Moses neigt sich dem Ende zu. Gouverneur Nelson Rockefeller – selbst ein fintenreicher Machtmensch - entzieht ihm nach und nach die Ämter.
ERZÄHLER
Widerwillig geht Robert Moses 1968 in den Ruhestand. Bis ins hohe Alter bleibt er streitlustig. Er stirbt 1981, im Alter von 92 Jahren. Bald gerät sein Name immer mehr in Vergessenheit.
ERZÄHLERIN
Es ist eher Jane Jacobs‘ Vision von einer Metropole, die sich in den kommenden Jahrzehnten durchsetzen wird. New York stoppt fast alle großen Straßenbauvorhaben und steckt Milliarden Dollar in den Um- und Ausbau des U-Bahn-Netzes. Und die Stadtverwaltung wird so neuorganisiert, dass keine Einzelperson mehr die Machtfülle anhäufen kann, die Robert Moses innehatte.
Allerdings gibt es dennoch bis heute Anhänger einer solchen Ausnahmeposition. Jason Haber:
OTON VOICEOVER JASON HABER 8
„You hear that all the time about Robert Moses: „ At least he got it done!“ But that's not the whole story. Tell „At least he got it done!“ to the hundreds thousands of minorities who lost their homes, their jobs, their wellbeing, their livelihood because of decisions that Robert Moses made. Tell it to the guy sitting in traffic for two and a half hours when it should only be 25-30 minutes because of poorly planned roads. People are so enamored by the new, the shiny, by construction, that sometimes they don't take a step back and say is it worth the cost?“
„Immer wieder höre ich diesen Satz über Robert Moses: „Er war wenigstens ein Macher!“ Sagen Sie mal „Er war ein Macher!“ zu den Hunderttausenden, meist Schwarzen oder Latinos, die ihre Häuser, ihre Lebensgrundlage, ihr Viertel verloren haben, wegen Entscheidungen, die Robert Moses getroffen hat. Sagen Sie das den Leuten, die wegen der Straßenplanung jeden Tag zweieinhalb Stunden im Stau stehen, obwohl sie eigentlich nur eine halbe Stunde entfernt wohnen. Wir lieben alles Neue, lieben die glänzenden Fassaden, die Bauten. Und so vergessen wir innezuhalten und uns zu fragen: sind die Kosten nicht zu hoch?“
MUSIK
ERZÄHLER
Andere sind weniger kritisch und loben das umfangreiche Fernstraßennetz, das Robert Moses hinterlassen hat. Ein Netz, dass der moderne Großstadtverkehr zum Überleben braucht, heißt es, auch wenn in vielen amerikanischen Metropolen die Stadtzentren von Expressways zerrissen und verunstaltet wurden.
ERZÄHLERIN
Zumindest Manhattan ist dieses Schicksal erspart geblieben. New York hat sich von Robert Moses formen lassen, hat sich mal verschönern und oft verwunden lassen, aber hat sich - rechtzeitig - zur Wehr gesetzt.
Das untergegangene Angkor war eine Stadt der Superlative. Ihr Gebiet war so groß wie Berlin heute. Bis zu eine Million Menschen sollen dort gewohnt haben. Sie haben ihren Herrschern Tempel erbaut, über hundert davon sind noch heute begehbar, viele sind noch versteckt im Dschungel von Kambodscha. Der wohl berühmteste Tempel ist der Angkor Wat, größer als der Petersdom in Rom. Von Johannes Marchl (BR 2020)
Credits
Autor: Johannes Marchl
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Hemma Michel, Stefan Wilkening, Michael Atzinger
Technik: Christian Schimmöller
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Wibke Lobo, Dr. Hans Leisen, Touch
Linktipps:
NDR (2024): Kambodscha – Zwangsumsiedlung in Angkor Wat
Seit fliegende Händler nicht mehr um die Tempel arbeiten und leben dürfen, haben viele Familien Angst um ihre Zukunft. JETZT ANSEHEN
ZDF (2021): Angkor Wat – Kambodschas antike Tempelstadt
Versteckt im Dschungel von Kambodscha steht der größte religiöse Bau der Welt: die Tempelanlage von Angkor Wat. Moderne Technik hilft den Forscherteams bei der Studie des Bauwerks. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO
OT 1 Touch, AW 3 auf kambodschanisch
Sprecher Overvoice:
Das ist Angkor Wat, der wunderbarste Platz in Kambodscha, Weltkulturerbe. Phantastisch. Auch für die Kambodschaner ist er sehr wichtig, und wir sind glücklich, dann das ist ein Meisterwerk der Ahnen, die den Tempel gebaut haben und es ist wichtig für die nächsten Generationen, über dieses Meisterwerk Bescheid zu wissen.
Sprecherin
Touch, Tuktukfahrer, Restaurator und Privatgelehrter
Zitator
Einer dieser Tempel – ein Rivale zu Salomon und gebaut von einem antiken Michelangelo – könnte einen würdigen Platz an der Seite unserer schönsten Baudenkmäler einnehmen. Er ist größer als alles, was Rom und Griechenland uns je hinterlassen haben und steht im traurigen Kontrast zu der Barbarei, in die diese Nation versunken ist.
Sprecherin:
Henri Mouhot, französischer Naturfoscher um 1860.
OT 2 Leisen
Ich erzähle jedem der sagt:“ Ja, ich hab ja Bilder gesehen“: Das ist ganz was anderes. Wenn man dann vor dem ganzen Tempel steht. Man kann die Dimension, denke ich, auch aus gut gemachten Bildern nicht wirklich ablesen. Und ich glaub´, dass da alle Vergleiche hinken, das ist schon einmalig hier.
Sprecherin
Hans Leisen, Professor für Geologie und seit über 25 Jahren am Angkor Wat Konservator.
Sprecher
Einmalig, ein Meisterwerk, größer als alles, was Rom und Griechenland uns hinterlassen hat – was ist das für eine Tempelanlage, was sind das für Bauwerke, von denen hier die Rede ist? Die Forscher ebenso anziehen wie Touristen – drei Millionen und mehr sollen es jedes Jahr sein, die nach Angkor kommen.
OT 5 Leisen im Auto
Jetzt sind wir hier am Ost Eingang von Angkor Wat. Das ist also eines der Eingangsgebäude. Wir sind gerade über den Damm, über den breiten Wassergraben gefahren und fahren jetzt auf den eigentlichen Haupttempel zu
MUSIK
Sprecherin
„Haupttempel“ – klingt jetzt erstmal wenig schillernd. Aber dieser Haupttempel trägt den Namen Angkor Wat. Und ist mit Sicherheit der berühmteste Tempel Kambodschas, wenn nicht von ganz Asien. Vor uns ragt er auf, majestätisch und doch elegant, und vor allem unglaublich groß.
OT 6 Leisen
Genau. Es ist ja ein Tempelberg, der sich eben aus der Ebene von Angkor heraushebt und das stufenweise. Da ist zunächst mal so eine Plattform mit Treppenaufgängen und mit Balustraden und Naga Köpfen gesäumt, also Nagas - Schlangenköpfen. Und dann sehen wir schon jetzt links die nächste Ebene und dann das ganze bis zum zentralen Heiligtum ganz oben. Und wir sehen natürlich auch unsere Gerüste.
Sprecher
Hans Leisen spricht von „unseren Gerüsten“, weil er sowas wie der heutige Tempel-Baumeister des Angkor Wat ist. „Tempeldoktor“ oder „Tempelretter“ wurde er auch schon genannt. Hans Leisen ist inzwischen emeritierter Professor für Geologie an der Kölner Universität. Seit mehr als zwei Jahrzehnten versucht er mit seinen Leuten den Angkor Wat vor dem nagenden Zahn der Zeit zu bewahren.
Sprecherin
Wie schwierig das ist, Hans Leisen wird es später noch beklagen. Aber jetzt erstmal: Was ist das, der Angkor Wat?! Wo steht er? Und: es gibt ja auch noch nur „Angkor“ – ohne „Wat“ – wie passt das denn zusammen?!
OT 7 Leisen
Also, man muss da die Begriffe auseinanderhalten. Das riesige Gebiet das ist Angkor, also „die Stadt“ bedeutet das. Und der Angkor Wat ist ein Tempel in diesem riesigen Gebiet. Das ist das, was als UNESCO Welterbe eingetragenes ist, 501 Quadratkilometer sind das, mit sicher über hundert begehbaren Tempeln. Und einer davon ist der Angkor Wat. „Wat“ ist der Tempel. „Tempel in der Stadt“ bedeutet das.
MUSIK
Sprecher
In der Tat gehören die Tempelanlangen Angkors zu den größten religiösen Bauwerken überhaupt. Und vom Angkor Wat-Tempel heißt es, er sei doppelt so groß wie der Petersdom in Rom.
Sprecherin
Begonnen hat die Blütezeit Angkors im neunten Jahrhundert. Bis zum 15. Jahrhundert umfasst das Khmerreich ein riesiges Gebiet, ist das bedeutendste Reich in Südostasien. Ein Land übrigens ohne Namen. Wir wissen zumindest nicht, wie die Khmer selbst ihr Land genannt haben, es existieren keine schriftlichen Überlieferungen dafür. Andere Völker nannten das Reich „Kambuja“.
Sprecher
Was man weiß, ist, dass sich das Reich über das ganze heutige Kambodscha erstreckte, über Süd- und Ostthailand bis fast an die Grenze des heutigen Myanmar. Auf der anderen Seite gehörten auch Teile von Vietnam und von Laos zum Angkor-Reich. Und die Stadt Angkor selbst?
OT 8 Leisen
Die Kollegen von der University of Sydney sprechen von der ersten Megapolis. Oder besser noch oder genauer „Low Density Megapolis“, also wirklich so was wie heutzutage die Ballungsräume bei uns, das Ruhrgebiet oder der Osten der USA, Tokio, nur, dass das Ganze sich eben mehr in die Fläche verbreitet hat und nicht so kondensiert war.
Sprecherin
36 Könige folgen aufeinander. Und jeder neue König baut sich seine neue, seine eigene Tempelstadt, sagt die Kunsthistorikerin Wiebke Lobo:
OT 9 Kunsthistorikerin Wibke Lobo
Jeder Herrscher hat eben einen Staats-Tempel gebaut, dann auch einen Ahnentempel, Memorial Tempel wird er auch genannt, um seine Herrschaft zu legitimieren und noch einen riesigen künstlichen See, den sogenannten Barey, der als Ur Ozean angesehen wurde, der für die Wasserversorgung zuständig war und auch als Badeplatz, als Heiliger Badeplatz.
MUSIK
Sprecher
Das Korn, aus dem all diese Tempel und Gebäude keimen, ist der Reis. Er ist der Reichtum des Landes. Auch rund um die Metropole Angkor wird Reis angebaut. Und für Reis braucht man Wasser. Zwei riesige Wasser-Becken werden angelegt, sie heißen Baray. Das östliche Baray ist 7,5 Kilometer lang und fast 2 Kilometer breit, das zweite Baray im Westen ist sogar noch länger und breiter. Und ein ausgeklüngeltes Bewässerungssystem sorgt dafür, dass er wächst, der Reis. Und dass es nicht nur eine Ernte gibt, sondern drei! Der Ertrag wird von Forschern auf zweieinhalb Tonnen Reis pro Hektar im Jahr geschätzt. Zum Vergleich: im Mittelalter erntet man in Europa nur ein Achtel davon: 0,3 Tonnen Getreide pro Hektar.
OT 10 Lobo
Es war ein sehr mächtiges Reich zu Zeiten des Königs Suryavarmann II., dem zweiten, dem Erbauer des Angkor Wat, war es neben dem chinesischen Kaiserreich das mächtigste Reich Südostasiens. Handel, Landwirtschaft, Tropenholz war sehr begehrt. Gold, Edelsteine, dann Früchte, das Horn des Rhinozeros.
MUSIK
Sprecherin
Doch leider hat uns diese Kultur kaum schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen – außer einigen Inschriften an Säulen, über die Heldentaten der Könige, beispielsweise. Von den Bewohnern dagegen, von den Khmer, wissen wir so gut wie nichts. Überragende Baumeister müssen sie gewesen sein, davon zeugen die Tempel. Exzellente Ingenieure: der Beweis ist das ausgeklüngelte Bewässerungssystem mit riesigen Becken und einem weitverzweigten System aus Kanälen und Wasserspeichern. Meister der Steinmetzkunst: Den Angkor Wat umgibt das längste Relief der Welt, in höchster Kunstfertigkeit ausgeführt. Gute Bauern, die viel Reis anbauten, der verkauft werden konnte und Grundlage des Reichtums war. Und nicht zuletzt gehorsame und gläubige Untertanen: Bei jedem Wechsel auf dem Königsthron wurden neue Tempel gebaut, ihren Göttern und ihrem gottähnlichen König zu Ehren. Und Angkor, die Stadt, war das Zentrum des historischen Khmer-Königreichs „Kambuja“.
OT NEU LOBO
Eine großartige Kultur hervorgebracht, durch Buddhismus und Hinduismus, Herrscher und Hof sehr gebildete Menschen, die einzigen Sanskrit Inschriften.
Sprecher
Inschriften in Sanskrit also, doch nur wenige, in Stein gehauen. Denn die Khmer benutzten und schrieben normalerweise auf Palmblätter, die längst zerfallen sind, ein Grund, warum wir gerade über die „normalen“ Menschen so wenig wissen – was nicht aus Stein ist, ist vergangen… Worauf gründen wir unser Wissen über Angkor dann?!
MUSIK
Sprecherin
Einmal auf archäologische Funde, vor allem auf Reliefs an einer Reihe von Tempelwänden. Dort werden neben mythologischen Szenen aus großen Volksepen auch ganz normale Alltagsszenen dargestellt: Einkaufen auf dem Markt, Fische aus dem nahen See Tonle Sap oder Musikinstrumente wie Stabzither, Bogenharfe und Schneckenhorn. – Und dann auf Berichte von chinesischen Diplomaten, Händlern und Reisenden. Und noch etwas hat viel Licht in das „Rätsel Ankgor“ gebracht hat: Aufnahmen aus der Luft. Ab 2012 hat ein Forscherteam eine Fläche von 1900 Quadratkilometern mit dem Laser abgetastet. Unter den dichten Dschungelbäumen wurden ganze Städte entdeckt, von denen niemand wusste, Tempel, Kanalsysteme. Mit Folgen für die Forschung: Unter anderem musste die gängige Theorie über den Untergang des Khmer Reichs revidiert werden.
Sprecher
Wozu wir noch kommen werden. Aber zunächst mal zu den schriftlichen Quellen: Forscher sagen, die authentischste Erzählung über die Blütezeit Angkors stammt von Zhou Daguan, einem chinesischen Botschafter. 1296 kam er für ein Jahr nach „Chenla“, wie die Chinesen das Khmer-Königreich nannten.
MUSIK
Zitator
Wenn der König ausgeht, führen Truppen seine Eskorte an. Dann kommen Flaggen, Banner und Musik… Palastfrauen mit Blumen in den Haaren halten Kerzen in den Händen, selbst bei strahlendem Tageslicht sind die Kerzen angezündet… Minister und Prinzen reiten auf Elefanten und vor ihnen kann man ihre unzähligen roten Schirme sehen. Hinter ihnen kommt der König, stehend auf einem Elefanten, sein heiliges Schwert in der Hand haltend. Die Stoßzähne des Elefanten sind umhüllt von Gold.
Sprecherin
Zhou Daguans Beschreibung mag eine Vorstellung geben, wie prächtig so eine königliche Parade ausgesehen hat. Doch die Wirklichkeit übertrifft dies bei weitem. Wenn man vor dem berühmtesten und am besten erhaltenen Tempel dieser Zeit steht, kann einem schon kurz der Atem stocken. Der Angkor Wat. Ein Mammut-Projekt von König Suryavarman II. aus dem 12. Jahrhundert. In nur 37 Jahren hat er den Tempel erbauen lassen. Logistisch extrem anspruchsvoll, meint Kunsthistorikerin Wiebke Lobo:
OT 11 Lobo
Denn es musste ja auch das Material herantransportiert werden. In der Umgebung gab es keine Felsen, keine Steine. Die wurden aus den Bergen Kolehn herantransportiert. Eine Riesenleistung, die nur möglich war, weil man gute Wasserwege hatte.
Sprecher
Wasserwege und Zehntausende von Arbeitern, die dem König zu dienen hatten, egal ob er sie in den Krieg schickte oder einen Tempel bauen ließ.
OT 13 Lobo
Die Tempel wurden nach kosmologischen Gesichtspunkten gebaut. Die Menschen waren der Meinung, dass kosmologische Kräfte, der Kosmos auf ihr Wohlbefinden und auf ihr Schicksal einwirken. Und das bedeutet, dass sie nach indischen Vorstellungen bei den Tempelanlagen ein Abbild des Kosmos schufen. Es gab den Ur-Ozean, der die Welt umgab, dann Gebirgsketten, die den Mittelpunkt der Welt, den Berg Meru einschlossen und alles zusammen wurde auf die Tempelarchitektur übertragen.
Sprecher
Geplant und ausgeführt ist der Angkor Wat also als hinduistischer Tempel. Später wurde er allerdings die buddhistische Glaubensstätte, die sie heute immer noch ist.
Sprecherin
Die Umrandung ist also ein gigantischer Wassergraben – aber nicht der Blickfang, der befindet sich dahinter. Der Blick, der ist unweigerlich gefangen vom Tempel an sich, der den Berg Meru symbolisiert – den Sitz der Götter. Über drei Ebenen ansteigend ragt er 65 Meter hoch auf, fünf Türme mit einer Lotusblütenspitze, vollkommen in der Proportion, gewaltig und doch harmonisch in dieser Landschaft.
MUSIK
Sprecher
Aber es ist nicht nur der gigantische Bau mit seinen Lotus-Türmen, es sind auch die Details, die den Angkor Wat einmalig machen. Die Reliefs – in feinster Arbeit zieren sie die kilometerlangen Korridore und Galerien, die den eigentlichen Tempel umrahmen. Forscher gehen heute davon aus, dass diese unterste Ebene offensichtlich für das Volk angelegt war. Szenen aus den großen Volksepen Mahabharata und Ramayana sind verbildlicht: Der göttliche Held Rama im Kampf um seine entführte Gattin Sita, der Entführer und Dämonenfürst Ravana im Kampf gegen den Führer der Affenarmee Hanuman – ringsherum ein Wimmelbild an Kämpfern und Dämonen.
Sprecherin
Aber König Suryavarman II. vergisst auch nicht, seinen Untertanen zu zeigen, was passiert, wenn sie kein gehorsames, gott- und königgefälliges Leben führen: mit einem 66 Meter langen Fries, auf dem eine Art Jüngstes Gericht dargestellt wird und wo neben dem Paradies auch sehr deutlich die Strafen, die in der Hölle warten, zu sehen sind: zum Beispiel von Löwen zerfleischt werden oder von Elefanten niedergetrampelt; alternativ wäre da noch der Scheiterhaufen oder die Streckbank, auf der man mit einem Reibeisen die Haut abgeschabt bekommt.
OT 14 Leisen
Also, das ist sicherlich auch das ähnliche bei uns, dass eben der Erbauer mit dem Tempel sich auch quasi sein ein Denkmal setzt. Alles andere war ja vergänglich gebaut bis auf die Tempel, die Paläste, die Häuser, alles war aus Holz. Ich würde schon denken: Angkor Wat, das war eine ungeheure Machtdemonstration auch.
Sprecher
Eine Machtdemonstration, die im Innersten, im Tempel selbst, dem König vorbehalten war – wohl neben den Priestern. Hier, im Allerheiligsten seines Staatstempels, ist der König - und nur der König - den Göttern nahe.
OT 15 Lobo
Man kann sagen, in ihm war die göttliche Essenz des Königtums verkörpert. Aber er war kein Gott-König.
Sprecherin
Wobei man nie vergessen sollte: der Angkor Wat mag der prächtigste aller Tempel sein, aber er ist bei weitem nicht der einzige.
OT 16 Lobo
Hunderte von Tempeln, aber nicht nur dort, sondern im ganzen Land. Man entdeckt immer noch heutzutage im Urwald überwucherte Tempelanlagen.
Sprecher
Hunderte von Tempeln. Und was für Tempel! Neben dem Angkor Wat zum Beispiel der Bayon, mit seinen über 200 Gesichtern, vier an jedem der 54 Türme, die einen buddhistisch weise anlächeln.
OT 17 Lobo
Das ist ja das Großartige der späten Angkor-Zeit, dass dann plötzlich architektonische Strukturen auftreten, die man nie gesehen hat, nämlich die Gesichter-Türme, monumentale Gesichter, von ungefähr einen Meter 80 Höhe. Man kann die Gesichter noch nicht wirklich deuten. Man spekuliert, man weiß nicht. Stellen Sie den Gott Brahma dar, der seit alter Zeit traditionell mit vier Gesichtern dargestellt wird. Oder ist es der König selbst? Oder es ist der Bodhisattva Lokeshvara? Also, das ist alles noch unklar.
Sprecherin
Oder der Ta Prohm Tempel, berühmt geworden durch Angelina Jolie, die als Lara Croft zwischen seinen Mauern nach dem „Auge der Vorsehung“ sucht. Mauern, die von ungeheuren Baumriesen überschattet sind, ein Dschungel. Die Wurzeln der Würgefeigen umklammern den Tempel, wie Kraken sitzen sie auf den Mauern.
Sprecher
Doch was ist der Grund für den plötzlichen Zusammenbruch dieser Mega-Metropole, warum verlegen die Khmer die Hauptstadt ihres Reiches an den Mekong, nach Phnom Phen? Lange wurden externe Feinde – der Einfall der Thai, das Erstarken des Königsreichs Siam – dafür verantwortlich gemacht. Kunsthistorikerin Wibke Lobo stellt einen anderen Grund nach vorne:
OT 18 Lobo
Heute weiß man, dass auch andere Gründe ausschlaggebend waren, und einer der ganz wichtigen Gründe ist Klimaveränderung. Durch paläoklimatologische Forschungen weiß man, dass im 14. und 15. Jahrhundert Jahrzehnte lange Dürren stattgefunden haben, unterbrochen von katastrophalen Regenfällen. Und diese Klimakapriolen haben dazu geführt, dass das empfindliche Kanalsystem, auf dem ja die Reiswirtschaft, überhaupt die Landwirtschaft beruhte, dass das nicht mehr zu pflegen war. Die Kanäle waren verschüttet, sie waren verstopft, alles funktionierte nicht mehr.
Sprecherin
Überbevölkerung, Klimaveränderung, Überfälle von Feinden – Anfang des 15. Jahrhunderts verlassen die Bewohner Angkor; die Stadt verschwindet von der Landkarte als mächtige Megametropole. Der Dschungel bemächtigt sich der Gebäude. Die Holzhäuser verwittern, die Tempel verfallen. Aber Angkor ist nie vergessen, in dem Sinne, dass niemand mehr um die Stadt wusste.
OT 19 Lobo
Es war den Europäern unbekannt, aber in Kambodscha, in Südostasien insgesamt war es bekannt. Der Angkor Wat war ja zu einem buddhistischen Tempel geworden, umfunktioniert worden, erst hinduistisch, dann buddhistisch, und es gab immer Pilger aus ganz Südostasien, die zum Angkor Wat gepilgert sind.
Sprecher
Insofern ist es nur ein europäisches „Entdecken“, als der Naturkundler Henri Mouhot und ein paar Jahre später der Deutsche Völkerkundler Adolf Bastian in den 1860er Jahren hierherkommen und mit Berichten und Skizzen und Zeichnungen die Europäer staunen lassen. Niemand in Europa hatte damals geglaubt, dass im Urwald Südostasiens solche ungeheuren Bauwerke schlummern. Und heute? Ein Riesenproblem sind sicherlich die Touristen, die Angkor regelrecht überrennen. Zur Touristenerosion kommt die ganz normale Erosion, wenn man Konservator Hans Leisen fragt, wie es zum Beispiel um den Angkor Wat bestellt ist, sagt er:
OT 20 Leisen
Ja, in vielen Bereichen sehr gut, in manchen Bereichen sehr, sehr schlecht. Insbesondere die Flachreliefs in den Galerien, die sind in relativ gutem Zustand. Aber alles, was dann außen ist, also wo der Regen direkt rankommt, wo dann anschließend die Sonne richtig aufheizen kann. Da sind schon viele Bereiche sehr, sehr dramatisch oder schon ganz verschwunden. Es sind vor allem ja, was unserem Projekt dann auch den Namen gegeben hat, German Apsara Conservation Project, diese so genannten Apsaras. Es sind eigentlich Göttinnen, die überall an den Eingangsbereichen zu finden sind. Insgesamt 1.950 sowas in der Richtung. Da sind ganz extreme Schäden, ganz dramatische Schäden.
MUSIK
Sprecherin
Dazu kommt noch eine andere Art des Verschwindens: Während der französischen Kolonialherrschaft sind schon unzählige Objekte aus dem Land gebracht worden, ebenso unter den Roten Khmer. Und der Kunstraub ist keineswegs zu Ende. Erst vor ein paar Jahren hat eine frisch gestohlene Khmer-Figur den Versteigerungskatalog von Sotherbys auf der Titelseite geziert. Auf der anderen Seite ist Angkor weit mehr als eine sentimentale Erinnerung oder der Name einer Biersorte in Kambodscha, sagt die Kunsthistorikerin Wiebke Lobo
OT 21 Lobo
Mit Angkor identifizieren sich die Kambodschaner, es ist ihr Anker und ihr Wert an sich. Es ist sicherlich das Bewusstsein, dass das Land mal eine große Kultur hatte. Und diese Sehnsucht nach dieser Größe ist da auf jeden Fall, der Stolz darauf ist da, alles zusammen es eben wirklich überwältigend.
MUSIK
Sprecher
Was auch unser wunderbarer Tuktukfahrer und Angkor Wat Führer Touch nochmal bestätigt:
OT Touch 6 auf englisch
SPRECHER: Overvoice
Dieser Tempel, der Angkor Wat ist so interessant, die Leute kommen, machen ein Selfie, aber wissen nichts über den Wert der Steine. Wir Kambodschaner wissen, dass wir aufpassen müssen, dass wir das bewahren und uns darum kümmern müssen, es zu konservieren. Das ist meine Meinung.
Die ersten Holzhütten in den Sümpfen der Lagune¬ - wann sind sie entstanden und vor allem: warum? Schließlich war nicht einmal Venedigs Boden unter den Füßen sicher. Wie konnte diese ärmliche Siedlung zu einer europäischen Großmacht aufsteigen? Von Thomas Morawetz (BR 2021)
Credits
Autor: Thomas Morawetz
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Irina Wanka
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Arne Karsten, Dr. Francesco Borri
Linktipps:
Das Kalenderblatt (2024): Casanova wird in den Dogenpalast gesperrt
Irgendwann ist auch mal gut - beschließt der Adel in Venedig und macht dem Möchtegern Casanova einen dicken Strich durch die Rechnung. Statt weiter so zu tun, als wäre er einer der ihren, Frauen zu bezirzen, Männern Geld abzuschwatzen, wandert er in den Kerker. Vorrübergehend. JETZT ANHÖREN
WDR (2023): Venedig – Ausverkauf einer Traumstadt?
Kaum eine Stadt auf der Welt bietet eine solche Vielfalt an Bau- und Kunstwerken wie Venedig. In Mittelalter und Renaissance war sie eine Großmacht. Heute verdrängt der Massentourismus die Venezianer aus ihrer Stadt, Kreuzfahrtschiffe verpesten die Luft und gefährden das sensible Ökosystem der Lagune. Ist Venedig noch zu retten? JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO Wasserwellen, Frösche
SPRECHERIN
Kann man es sich so vorstellen? Beginnt so der einzigartige Zauber, der Venedig weltberühmt machen wird? Haben die ersten Besiedler dieses Ortes mit ihren Kähnen einfach angehalten? An ein paar beieinanderliegenden Inseln im brackigen Sumpf… So muss es damals auf jeden Fall in der Lagune ausgesehen haben. Dr. Arne Karsten ist Historiker an der Bergischen Universität Wuppertal und der Autor mehrerer Bücher über die Geschichte Venedigs:
1 Zusp. Karsten
In der Spätantike, da gab es eine ganze Serie von Lagunen im Bereich der nördlichen Adria. Ein ganz eigenartig amphibischer, könnte man sagen, Lebensraum, zum Meer getrennt durch schmale Sandbänke, die sogenannten Lidi. Vom Land kommt Wasser nach durch Flussmündungen, und so haben wir einen Lebensraum der höchstgradig labil ist, bedroht einerseits durch Sedimentierung aus den Flüssen oder Erosion vom Meerwasser, was zufolge hatte, dass tatsächlich auch die meisten dieser Lagunen heute verschwunden, sind, entweder vom Meer gefressen oder vom Lande zugespült.
MUSIK & ATMO Wasserwellen
SPRECHER
Ein Wunder, dass man in einer solchen Landschaft überhaupt eine dauerhafte Siedlung anlegen konnte. Zunächst musste der sandig-sumpfige Untergrund für Hütten und Holzhäuser stabil befestigt werden. Wie genau die ersten Hüttenbauer dabei vorgegangen sind, weiß man heute nicht mehr. Aber das Prinzip, wie man unter diesen Bedingungen sicheren Grund zum Bauen gewann, ist für spätere Jahrhunderte belegt – und auf diesem Prinzip steht Venedig bis heute.
2 Zusp Karsten
Die entscheidende Rolle spielt dabei, das Einrammen von idealerweise in Teer getränkten Baumstämmen in den sandigen, morastigen Untergrund. Wenn diese Baumstämme dann tatsächlich unter Wasser sind, halten die ewig. Das Problem ist immer, Oxidation und Zerstörungsprozesse setzen ein, wenn durch Tidenhub, durch unterschiedliche Wasserhöhen, Luft an diese Stämme kommt.
MUSIK
SPRECHERIN
Auf diese eingerammten Pfähle nagelte man Bretter. Sie gaben das Fundament, auf das gebaut wurde. Viel später trugen solche Holzgerüste auch riesige Steinlasten. Die prächtige Kirche Santa Maria della Salute am Ausgang des Canal Grande wurde im 17. Jahrhundert erbaut. Sie steht auf über einer Million solcher Pfähle.
SPRECHER
Doch soweit ist es noch lange nicht, als die ersten Hütten am heutigen Canal Grande entstehen. Die Hauptwasserader Venedigs mündet im Süden der Stadt in die Lagune. In der Spätantike konnte man es vielleicht noch deutlicher sehen: Der Verlauf des Canal war ursprünglich Teil einer Fluss-Mündung. Der Fluss Brenta aus den Alpen suchte sich hier einen Weg zum Meer. Erst über 1000 Jahre nach der ersten Besiedlung des Orts gräbt Venedig diesem Flussarm ein neues Bett, das ihn heute südlich von Chioggia in die Adria leitet. Der Canal Grande: Vielleicht wurde also diese Stelle in der Lagune für eine Siedlung gewählt, weil sie über eine Flussströmung gut vom Festland aus zu erreichen war – und gut zum Meer hin lag.
SPRECHERIN
Aber warum sollten Menschen einen solchen völlig unwirtlichen Ort besiedeln? Sicheres weiß man über diese ersten Anfänge Venedigs nicht, aber der Hintergrund lässt sich ermitteln. Er ist eng verbunden mit der politischen Großwetterlage der Spätantike. Ein Rückblick: Schon länger war das Römische Kaiserreich in eine West- und eine Osthälfte geteilt. Der Westen hatte ebenfalls noch einige Zeit einen Kaiser, allerdings wurde dieser letzte Herrscher Westroms im Jahr 476 abgesetzt. Danach herrschten die Ostgoten in Italien. Ein kurzes Gastspiel. Schon bald eroberte der byzantinische Kaiser Justinian große Teile Italiens für sein Römisches Reich zurück. Viel von der byzantinischen Bau- und Kirchenkunst, die sich bis heute in Italien erhalten hat, ist eine Folge dieser römischen Rückeroberung. – Auch im späteren Venedig. Denn die nördliche Adria samt dem dahinterliegenden Festland bis zu den Alpen war nun der äußerste westlichste Rand des byzantinischen Reichs.
SPRECHER
Lange hielt die Ruhe nicht. Schon wenige Jahrzehnte später brachen die Langobarden in den Raum südlich der Alpen ein. Und sie blieben. Bis heute heißt das Gebiet um Mailand „Langobardenland“ – Lombardei.
SPRECHERIN
Nach und nach festigten die Langobarden ihre Herrschaft. Dabei nahmen sie auf dem Festland, das heute Venedig gegenüberliegt, Städte ein, die für die byzantinische Verwaltung unverzichtbar waren. Die Bevölkerung brauchte einen neuen Plan: Wohin sollte sie ausweichen?
SPRECHER
Direkt vor ihnen, in Sichtweite, lag das weite Terrain der Lagune. Spätestens jetzt werden wohl die ersten Hütten Venedigs gebaut.
SPRECHERIN
Doch waren die künftigen Venezianer überhaupt die ersten Siedler in der Lagune? Der Historiker Dr. Francesco Borri von der Universität Ca‘ Foscari in Venedig:
3 Zusp Borri
La laguna ha una storia di abitazione molto antica. Si è pensato che fosse frequentata dai tempi dei greci e dei romani. La questione spesso per gli storici: da quando esiste un insediamento permanente nella laguna, ossia da quando le persone si sono trasferite permanentemente a vivere nella laguna?
ZITATOR OV
Die Besiedlung der Lagune reicht weit zurück, schon Griechen und Römer sind hier zu belegen. Entscheidend ist aber: Seit wann gibt es eine dauerhafte Besiedlung der Lagune? Wann sind die Leute dort rausgezogen, wollten dort wirklich leben?
MUSIK
SPRECHER
Francesco Borri glaubt, dass es zur Zeit der Langobarden-Invasion in Norditalien durchaus sogar schon dauerhaftes Leben in der Lagune gegeben haben kann. Vielleicht hat schon die Invasion der Ostgoten hundert Jahre zuvor dort vereinzelt Siedlungen entstehen lassen. Doch jetzt war der Druck noch einmal erheblich gewachsen: Die byzantinische Verwaltung musste das Festland vor der Lagune räumen. Die sumpfige Lagune war nun direkt der Rand des Oströmischen Reichs.
SPRECHERIN
Die ersten Holzhütten Venedigs scheinen in diesem Zusammenhang entstanden zu sein: zwischen etwa 500 und 650, zwischen dem Ende des weströmischen Reichs und der Etablierung der Langobarden auf dem Festland. Aber selbst wenn nun erste Hütten am Canal Grande stehen - einen einzelnen Ort, der Venedig hieß, gibt es noch nicht. Denn „Venezia“ ist der Name einer ganzen Region – und das schon seit langem. Francesco Borri:
4 Zusp. Borr:
Venezia non fu una città all'origine. Venezia è il nome di una regione dell'Italia romana. L'Italia romana dei tempi di Augusto era divisa in 10 regioni. La regione di Nord-Est, la regione che comprende anche i territori dell'attuale Croazia e Slovenia, si chiamava Venezia ed Istria. Quindi il nome Venezia è il nome di una provincia che gradualmente si è spostata verso il mare. Quindi Venezia originalmente era un gruppo di più insediamenti.
ZITATOR OV:
Venezia war zunächst keine Stadt, sondern der Name einer Region im römischen Italien. Zu Augustus‘ Zeit hieß die nordöstliche Region Italiens „Venezien und Istrien“. Und nun ist der Name Venezien immer weiter Richtung Meer gewandert, wo er aber ursprünglich eine ganze Gruppe von Siedlungen bezeichnet hat.
SPRECHER
Und tatsächlich hatten andere Orte beim byzantinischen Umzug Richtung Lagune und Küste zunächst die Nase vorn. Der nächste zentrale Ort der byzantinischen Verwaltung wurde Eraclea, am Nordende der Lagune. Die Stadt soll mehrere zehntausend Einwohner gehabt haben, ein echtes Schwergewicht, und ein Hinweis darauf, wie viele Menschen zu dieser Zeit auf Schutzsuche vor den Langobarden in Bewegung geraten waren. Bald wird die Verwaltung von diesem Ort aber schon wieder verlegt – nach Malamocco – direkt auf die Sandbank, die die Lagune von der offenen Adria trennt – und nur noch gut fünf Kilometer Luftlinie vom heutigen Venedig entfernt.
SPRECHERIN
Dass man das heute überhaupt weiß, liegt vor allem daran, dass die Quellen hier schon von einem Funktionsträger berichten, der in späteren Zeiten untrennbar mit Venedig verbunden sein wird: dem Dogen.
5 Zusp. Karsten
Ein vom oströmischen Kaiser bestimmter Vorsteher der Gemeinde… Im Lauf der Zeit entwinden dann die Venezianer der Oströmischen Zentrale in Konstantinopel die Bestallung dieses Dogen, wählen ihn. Die einflussreichen Familien wählen aus ihrem Kreise selber einen Dogen, einen Wahlmonarchen auf Lebenszeit.
MUSIK
SPRECHER
Doch wie kommt der Doge endlich an den Canal Grande? – Gleich ist es soweit: Die nächste große Auseinandersetzung in Norditalien trifft zunächst die Langobarden: Im Jahr 774 ist ihr Reich Geschichte. Der Franke Karl, später Kaiser und „der Große“, erobert Norditalien, und die Langobarden werden ein Teil des Frankenreichs. Als Karls Sohn Pippin versucht, die Lagune gleich noch mitzuerobern, wird er jedoch zurückgeschlagen.
SPRECHERIN
So viel wird den Lagunenbewohnern bei diesen Auseinandersetzungen klar: Die neue Landmacht im Norden ist schlecht auf dem Wasser. Auf See ist man einigermaßen in Sicherheit. Und Konstantinopel im Osten ist zwar eine starke Seemacht – aber eben doch sehr weit weg. Man ist also Teil einer Großmacht, und trotzdem schwer kontrollierbar. Das gibt Freiräume.
SPRECHER
Zur Sicherheit wird der Verwaltungssitz der Region samt Dogen ins besser zu schützende Innere der Lagune verlegt. Der Ort wird schlicht „Hochufer“ genannt, riva alta. Daraus wird im Lauf der Zeit: Rialto.
SPRECHERIN
Aus venezianischer Sicht könnte man spätestens jetzt also sagen: Geschafft! Jetzt sitzt der Doge endlich am Rialto, am Canal Grande. Das muss Anfang des 9. Jahrhunderts gewesen sein, aus der Spätantike war das frühe Mittelalter geworden. Wie die Siedlung damals ausgesehen hat, weiß man nicht. Vermutlich gab es noch nicht einmal eine feste Brücke über den Canal Grande. Ein letzter Blick zurück: Denn Venedig wird später behaupten, ein genaues Gründungsdatum seiner Stadt zu kennen: Exakt am 25. März 421 sei die Stadt gegründet worden. Das wäre früher als alles, was man nach heutiger Forschungslage plausibel machen könnte. Dazu der Venedig-Experte Arne Karsten:
6 Zusp. Karsten
Das ist, wie so viele Gründungsdaten, eine Projektion aus späteren Zeiten. Sie passte zum venezianischen Selbstverständnis, Selbstbild, insofern, als es eine Zeit ist, in der es das Imperium Romanum noch gab. Man stellte sich damit in die Tradition des großen antiken römischen Kaiserreiches. Andererseits ist im Jahre 421 schon das Christentum siegreich gewesen. Auch die christliche Tradition kann man also einbeziehen. Tatsächlich wissen wir nichts über ein Gründungsdatum. Die Vorstellung überhaupt, dass eine Stadt in einer einem so lebensfeindlichen Umfeld wie der Lagune gegründet wurde, dass Grundsteine gelegt wurden, ist auch eine ganz anachronistische und mit der historischen Realität sicherlich nicht übereinstimmende Vorstellung.
SPRECHER
Wie einzigartig war damals schon die Siedlung am Rialto? Auf jeden Fall ist sie auch jetzt nicht der einzige wichtige Ort in der Lagune. Da wäre etwa noch die Insel Torcello. Sie liegt rund eine Stunde mit dem Wasserbus von Venedig entfernt im Brackwasser der „laguna morta“, wo Ebbe und Flut nicht mehr zu bemerken sind. Unübersehbar dagegen ragt die Basilika Santa Maria Assunta mit ihrem 50 Meter hohen Campanile auf der fast unbewohnten Insel empor. Heute ein surrealer Anblick, doch im frühen Mittelalter war die Insel ein Zentrum der Lagune mit geschätzten 10-20.000 Einwohnern zu der Zeit, als der Doge an den Canal Grande zog.
SPRECHERIN
Eigentlich hätte also auch Torcello beste Karten gehabt, zum Hauptort der Lagune aufzusteigen – und wer weiß – eines Tages zur Weltmacht? Doch spätestens im 12. Jahrhundert wurde die Insel aufgegeben und die Einwohner zogen einfach um, nach Venedig und Murano. Dabei nahmen sie alles wertvolle Baumaterial mit, vor allem Stein, so dass es auf der Insel heute keine weiten Ruinenlandschaften zu besichtigen gibt. Nur die alte Kathedrale mit ihren prächtigen byzantinisch beeinflussten Mosaiken und ein Baptisterium sind übriggeblieben.
SPRECHER
Was ist passiert? – Möglicherweise ist Torcello einer Umweltkatastrophe zum Opfer gefallen. Eine These geht davon aus, dass im Mittelalter in diesem seichten Teil der Lagune der Süßwassereintrag gestiegen sei. Dadurch soll mehr Schilf gewachsen sein – der ideale Brutort für Moskitos. Das Leben wurde unerträglich, die Bewohner gaben auf.
SPRECHERIN
Nach einer anderen Überlegung lag Torcello strategisch einfach um einen Tick schlechter als der Rivale weiter im Westen der Lagune. Der Historiker Francesco Borri:
7 Zusp. Borri
Torcello era un insediamento vicino alla terraferma molto vicino da Altino. Da Torcello è possibile vedere l'antica città romana. E credo che la Venezia assumesse un carattere più marittimo, si cercava un insediamento al centro della laguna, più distante dalla terraferma.
ZITATOR OV
Torcello liegt sehr nahe bei Altinum auf dem Festland. Die Stadt konnte man von der Insel aus sehen. Ich glaube, dass Venedig einfach den besseren Meerzugang hatte und weiter vom Festland entfernt lag.
SPRECHER
Die alte Römer-Stadt Altinum war inzwischen längst von Langobarden und Franken übernommen worden. In Sichtweite von Torcello hatte also die nächste Großstadt des Nachbarreichs gelegen, mit dem man in ständigen Auseinandersetzungen lag.
SPRECHERIN
Der politische Schwerpunkt der Provinz Venezien zieht sich also immer mehr zusammen in der Siedlung am Canal Grande, sie wird mehr und mehr - Venedig. Und dieser Siedlung war vor kurzem ein Coup gelungen, der sie in der ganzen Christenheit bekannt machen sollte. Die Stadtlegende erzählt die Ereignisse so:
MUSIK
SPRECHER
Zur Zeit des Dogen Giustiniano Partecipazio, in den 820er-Jahren, reisen zwei venezianische Kaufleute nach Alexandria. Dort hören sie, dass der muslimische Herrscher der Stadt christliche Kirchen abreißen lassen will. Doch in einer von ihnen liegt ein unermesslicher Schatz: die Gebeine des Evangelisten Markus. Es gelingt den Kaufleuten, die Reliquien aus der Kirche zu schmuggeln.
Um sie am neugierigen Zoll vorbeizubekommen, bedecken sie den Heiligen mit Schweinefleisch. Tatsächlich winken die Zöllner die für sie anrüchige Fracht schnell durch – und San Marco ist auf dem Weg nach Venedig!
SPRECHERIN
Was stimmt an dieser Geschichte? Das ist bis heute völlig unklar. Tatsache ist, dass die Venezianer im 9.Jahrhundert in den Besitz von Knochen kommen, für die sie eine eigene Kirche bauen: die spätere Basilica di San Marco.
SPRECHER
Noch ist es der Vorgängerbau, kleiner und sicher weniger prächtig, als die heute weltberühmte Kathedrale auf dem Markusplatz. Aber die Art, wie die Venezianer im 9. Jahrhundert mit diesen Reliquien umgehen, sagt schon viel über das Selbstvertrauen des jungen Aufsteigers in der Lagune aus: Der Heilige wird nicht dem Patriarchen in Grado übergeben, der auch das Oberhaupt über den Bischof in Venedig mit seinen vielen kleinen Pfarreien ist. Der Evangelist soll nämlich nicht den Ruhm der Kirche erhöhen, sondern den der Gemeinde. Die neue Markus-Kirche, die nun entsteht, wird auch nicht der Sitz des Bischofs. Dessen Kirche steht abgelegen auf San Pietro in Castello, einer Insel im äußersten Südosten der Stadt. San Marco dagegen steht zentral und ist eigentlich die Hauskapelle des Dogen. Arne Karsten:
8 Zusp. Karsten
Die Möglichkeit, auf einen herausragenden Heiligen wie den Evangelisten Markus sich berufen zu können als Schutzpatron der Stadt ist in einer Zeit in der Vormoderne, in der religiöse und politische Realität schwer auflösbar ineinander aufgehen, miteinander zusammenspielen, ein ganz wesentlicher Trumpf. (…) In ganz Europa spricht man im Mittelalter - was sagt San Marco dazu? Welche Politik macht San Marco? Das ist gleichbedeutend mit welche Politik macht Venedig.
SPRECHERIN
Und die Geschichte von der Entführung des Heiligen aus Alexandria gibt noch eine weitere wichtige Information: Venedigs Kaufleute waren schon im 9. Jahrhundert bis nach Ägypten unterwegs.
MUSIK
SPRECHER
Von was lebt diese Lagunenstadt überhaupt in ihren ersten Jahrhunderten? Auf jeden Fall brauchte ein wachsendes Venedig viel Geld, allein schon, um die Unmengen an Bauholz für die Unterbauten im Sumpf zu beschaffen. Anfangs lebt der Ort viel vom Handel mit Fischen und von Salinen. Salz ist damals unentbehrlich, um Nahrungsmittel haltbar zu machen. Aber bald mischt Venedig sogar im Fernhandel mit. Dabei geht es vor allem um Luxusgüter, die venezianische Kaufleute aus dem Orient für die Herrscher des Festlands im Norden beschaffen, etwa kostbare Stoffe und Gewürze.
SPRECHERIN
Und noch eine weitere „Ware“ wird zu einer Haupteinnahmequelle der Kaufleute am Rialto: Sklaven! Ob Christen oder Muslime, kümmert die Kaufleute wenig. Schon im Mittelalter werden sie deswegen durchaus auch scheel angesehen. Über die Jahrhunderte sollen es Millionen Menschen gewesen sein, die in Venedig verkauft wurden.
SPRECHER
Doch wie ist das zu erklären, dass eine kleine Kommune, die eben noch im Sumpf um die Existenz kämpfte, sich in nur zwei bis drei Jahrhunderten zu einer unübersehbaren Größe im Mittelmeerhandel aufschwingen kann?
9 Zusp. Karsten
Venedig liegt halt glücklich für die Handelsbedingungen einer Zeit, die für den Transport einfach auf Menschen und Natur-Energie angewiesen ist. Sie haben ja noch keine fossilen Verbrennungsmotoren oder so was. Man muss Handel betreiben mit Menschen oder Windkraft, und das macht den Transport von Gütern über lange Strecken außerordentlich mühsam, langsam, gefährlich, teuer. Wenn man nun die raren Güter des Orients, Luxusgüter, bestimmte Gewürze, Seide möglichst lang auf dem Seeweg transportieren möchte, um sie dann nach Frankreich oder ins Heilige Römische Reich zu transportieren, dann war man gut beraten, eben möglichst weit nach Norden in die Adria hinaufzufahren. Und hier entwickelt sich Venedig dann aufgrund dieser strategisch günstigen Lage zum - neben Genua - wichtigsten Umschlagplatz für die Luxusgüter des Orients.
SPRECHERIN
Das ist Venedigs Erfolgsgeheimnis: Es liegt weit im Norden des Mittelmeers, und jede Seemeile Richtung Norden ist leichter und billiger zurückzulegen als die Wegstrecke über Land. Dazu liegt die Stadt auch noch genau an der Grenze zum Frankenreich, später dem Heiligen Römischen Reich. Wer die begehrten Luxusgüter aufkaufen will, hat also am besten gleich eine Handelsniederlassung in der Stadt. Der Fernhandel macht aus Venedig bald einen internationalen Ort, an dem sich Reiche und Mächtige aus der Mittelmeerwelt und von nördlich der Alpen begegnen.
SPRECHER
Dabei war Venedig während dieser ersten Jahrhunderte immer eindeutig ein Teil des Byzantinischen Reichs
SPRECHERIN
Doch das Verhältnis zu Byzanz läuft auf eine tragische Wende zu. Während Konstantinopel im Mittelmeer durch die Normannen und vor allem durch die aufblühende muslimische Welt immer stärker unter Druck gerät, wird Venedig immer reicher. Die ferne Provinz im Westen wird für Byzanz mehr und mehr zum Bündnispartner - und zum Konkurrenten, der sich seine Hilfe durch Handelsprivilegien und durch besonders günstige Zolltarife teuer bezahlen lässt.
SPRECHER
Im Jahr 1204, beim Vierten Kreuzzug, endet das immer gespanntere Verhältnis in einer Katastrophe. In Venedig hat sich ein Kreuzfahrerheer gesammelt. Doch der Glaubenskrieg gegen das Heilige Land kommt nicht in Gang. Was also anfangen mit diesem riesigen Heerhaufen, den Venedig nur auf Schiffe verfrachten muss, um ihn zum Einsatz zu bringen?
MUSIK
SPRECHERIN
Da passiert es: Wegen innerer Machtkämpfe ruft Konstantinopel das Heer zu Hilfe. Doch als Venedigs Schiffe vor Ort ankommen, wird die versprochene Summe nicht bezahlt. Es sind vor allem venezianische Forderungen, die jetzt mit schockierender Skrupellosigkeit eingelöst werden. Konstantinopel wird erobert und geplündert. Die Stadt erlebt ein tagelanges Blutbad.
SPRECHER
Venedig sichert sich einen großen Teil des oströmischen Territoriums, des Reichs, zu dem es eigentlich selbst gehörte. Ein Triumph? Arne Karsten:
11 Zusp. Karsten
Nun, das Problem ist natürlich, dass hier eine christliche Hauptstadt von einem christlichen Heer, das eigentlich zum Kampf gegen die Muslime im Heiligen Land zur Rückeroberung Jerusalems ausgezogen war, erobert wird. Das Ganze wird von Papst Innozenz III. mit schweren Kirchenstrafen belegt. Das ist in der Folgezeit in der ansonsten so sehr intensiv gepflegt venezianischen Erinnerungskultur, in der historische Erfolge gerne gefeiert werden, durch aufwendige Gemälde, durch eine bald auch einsetzende, wirklich städtische Geschichtsschreibung, eine lange Zeit eher totgeschwiegener Punkt.
MUSIK
SPRECHERIN
Trotzdem ist Venedig nun unbestritten eine Großmacht auf eigene Faust. Noch würde man wenig von der Stadt erkennen, die heute Touristenströme aus aller Welt begeistert. Noch nicht einmal der Markusdom mit seinem byzantinischen Flair ist fertig. Die große Zeit der venezianischen Republik mit ihren großartigen Renaissance-Bauten wird jetzt erst beginnen. Aber aus der Gründung im Sumpf ist ein global player geworden.
Der erste Sozialdemokrat im Kanzleramt versöhnt Ost und West und viele Deutsche mit der deutschen Vergangenheit. Dafür wird Brandt gefeiert wie ein Popstar. Doch dann kam der schnelle Absturz. Bedeutet sein Fall, dass Charisma in der Politik völlig überschätzt ist? Von Birgit Frank (BR 2021)
Credits
Autorin: Birgit Frank
Host: Christine Auerbach
Regie: Helen Malich
Ton & Technik: Regina Staerke
Sounddesign: Martha Bahr
Redaktion: Till Ottlitz
Redaktions-Team: Birgit Frank, Ingo Lierheimer, Linus Lüring, Katja Paysen-Petersen, Klaus Uhrig
Besonderer Linktipp der Redaktion:
BR (2025): Kanzlercast
Er hat dafür gesorgt, dass viele auf der Welt ein neues deutsches Wort kennen: Zeitenwende: Olaf Scholz. Dass er wirklich Kanzler wird, das hat damals viele überrascht. Wie hat er es trotzdem geschafft? Und dann, kurz nach der Wahl, war der neunte Kanzler der Bundesrepublik plötzlich Kriegskanzler. Was hat das verändert? Und was bleibt von dem Mann, dessen Accessoire eine Aktentasche ist? Das erzählt der „Kanzlercast“ – dem Podcast über die Menschen im wichtigsten Amt in Deutschland. Von Adenauer – bis eben Scholz. ZUM PODCAST
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Die 1950er sind nicht nur WM-Sieg, Wirtschaftswunder und biedere Heimatfilme. Die Jahre der Besinnung aufs private Familienglück sind gleichzeitig die Zeit, in der größere Demonstrationen stattgefunden haben als 1968. Die grundlegenden Fragen, wie wir zusammen leben wollen, müssen erst verhandelt werden. Und die Jugendliche werden aufmüpfig. JETZT ANHÖREN
radioWissen (2024): Utopie und Ernüchterung – Die 70er Jahre
Die Siebziger Jahre begannen grenzenlos optimistisch, was sich auch in Design, Musik und Architektur widerspiegelte. Doch die Ölpreiskrise 1973 läutete das Ende des Nachkriegsbooms ein, und eine allgemeine Zukunftsangst begann um sich zu greifen. Ein Jahrzehnt zwischen Aufbruch und Krise. JETZT ANHÖREN
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Nach dem Krieg verankert Konrad Adenauer die Bundesrepublik quasi im Alleingang fest in Westeuropa und der Nato. Aber hat er damit die historische Chance verspielt, dass die Berliner Mauer niemals gebaut worden wäre? Von Johannes Berthoud (BR 2021)
Credits
Autor: Johannes Berthoud
Host: Christine Auerbach
Regie: Helen Malich
Ton & Technik: Regina Staerke
Sounddesign: Martha Bahr
Redaktion: Till Ottlitz
Redaktions-Team: Birgit Frank, Ingo Lierheimer, Linus Lüring, Katja Paysen-Petersen, Klaus Uhrig
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Die Siebziger Jahre begannen grenzenlos optimistisch, was sich auch in Design, Musik und Architektur widerspiegelte. Doch die Ölpreiskrise 1973 läutete das Ende des Nachkriegsbooms ein, und eine allgemeine Zukunftsangst begann um sich zu greifen. Ein Jahrzehnt zwischen Aufbruch und Krise. JETZT ANHÖREN
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Nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl 1943 beschlossen der Student Hans Leipelt und seine Freundin Marie-Luise Jahn deren Widerstand gegen die NS-Diktatur fortzusetzen. Sie fanden Unterstützung in einem losen Netzwerk regimekritischer Freundes- und Familienkreise in Leipelts Heimatstadt Hamburg. Nur ein Teil von ihnen überlebte den NS-Terror. Von Renate Eichmeier (BR 2022)
Credits
Autorin: Renate Eichmeier
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Johannes Hitzelberger
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Angela Bottin
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BR (2018): Widerstand als Familienerbe
Sie gelten als Ikonen des Widerstands, die Mitglieder der „Weißen Rose“, die gegen das nationalsozialistische Regime kämpften. Am 22. Februar 1943, wurden die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst zum Tode verurteilt und hingerichtet. Für ihren Mitstreiter Willi Graf prüft das Erzbistum München und Freising derzeit ein Seligsprechungsverfahren. Auch heute ist Widerstand geboten, bei Verletzung der Menschenwürde, menschenverachtender Politik und Ungerechtigkeit. Doch wie ist Widerstand überhaupt möglich? Wann beginnt Widerstand? Und welche Rolle spielt die Religion dabei? JETZT ANSEHEN
Tatort Geschichte (2021): Die letzten Tage der Weißen Rose
Ihren mutigen Widerstand gegen das NS-Terrorregime bezahlten Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst von der Weißen Rose mit dem Leben. Von ihrem Auffliegen bis zur Vollstreckung des Todesurteils vergingen nur vier Tage. Wir zeichnen diese nach und beleuchten die Personen, die an ihrer Verurteilung maßgeblich beteiligt waren. JETZT ANHÖREN
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MUSIK
SPRECHER:
Kommilitoninnen! Kommilitonen!
SPRECHERIN:
Nach der verheerenden Niederlage der deutschen Wehrmacht in Stalingrad richtete sich die Widerstandsgruppe Weiße Rose im Februar 1943 mit einem Flugblatt an die Münchner Studentenschaft.
SPRECHER:
Erschüttert steht das deutsche Volk vor dem Untergang der Männer in Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer sind sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben geführt worden, ist auf dem Flugblatt zu lesen und: Es gibt jetzt nur eine Parole: Kampf gegen die Partei! Heraus aus den Parteiorganisationen, aus den Hörsälen der SS-Führer und Parteikriecher!
SPRECHERIN:
Das sechste Flugblatt war das letzte, das die Mitglieder der Münchner Weißen Rose verbreiteten. Hans und Sophie Scholl wurden bei der Verteilung an der Universität im Februar 1943 festgenommen und einige Tage später hingerichtet. Das Flugblatt war in die Hände von Hans Leipelt gelangt, der in München Chemie studierte. In den Osterferien fuhr er in seine Heimatstadt Hamburg, wo seine Familie und Freunde bei der Weiterverbreitung des Flugblattes halfen. Diese waren Teil eines losen Netzwerkes regimekritischer Menschen, das bereits seit 1942 Kontakte zur Weißen Rose nach München hatte.
MUSIK
Viele bezahlten einen hohen Preis für ihre oppositionelle Haltung: Inhaftierungen, Misshandlungen, Todesurteile. Hans Leipelt wurde Ende Januar 1945 hingerichtet. Wer waren die Menschen der Hamburger Weißen Rose?
O1 BOTTIN 25''
Hans Leipelt ist ja 1921 in Wien geboren, und seine Mutter war promovierte Chemikerin, die 1918 vom jüdischen zum evangelischen Glauben konvertiert war, aber in einem ganzen Verbund von Menschen und Freunden lebte, wo sich eigentlich alles zusammen fand in – ja, toleranter Weltoffenheit.
SPRECHERIN:
Die Juristin Angela Bottin hat sich intensiv mit der Familiengeschichte von Hans Leipelt und anderer NS-Verfolgter in Hamburg beschäftigt.
O2 BOTTIN 10''
Katharina Baron, wie Sie ursprünglich hieß, traf als berufstätige Frau in Wien den Katholischen Diplom-Ingenieur Conrad Leipelt.
MUSIK
SPRECHERIN:
Die beiden heirateten, zogen nach der Geburt von Hans nach Hamburg, wo Conrad Leipelt zum Direktor der Zinnwerke Wilhelmsburg aufstieg. Dort kam 1925 Maria zur Welt, die Schwester von Hans. Die Leipelts führten einen großbürgerlichen Lebensstil mit offenem Haus und großem Bekanntenkreis, pflegten enge Kontakte zur jüdischen Verwandtschaft in Österreich und förderten ihre Kinder, die beide sehr begabt waren. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nahm der antisemitische Druck auf die Familie zu. Obwohl die Mutter zum Protestantismus konvertiert war, galt sie in der rassistischen Weltsicht der Nationalsozialisten als Jüdin. Da der Vater keinen jüdischen Hintergrund hatte, verlief das Leben von Hans und seiner Schwester vorerst ohne Einschränkungen.
O3 BOTTIN 41''
Hans Leipelt hat mit 16 Jahren Abitur gemacht in Hamburg. Und Reichsarbeitsdienst und Wehrdienst war natürlich für ihn wie für alle verpflichtend, wenn er studieren wollte – und das wollte er natürlich. Und er hat sich dann, um nicht zwei Jahre warten zu müssen, freiwillig in Anführungszeichen gemeldet. Zuerst zum Reichsarbeitsdienst und dann zur militärischen Ausbildung, damit er keine Zeit verlor. Sein Einsatz im Reichsarbeitsdienst beim sogenannten Bau des Westwalles, der für Nazi-Deutschland ja ausgesprochen wichtig war, war eine überaus strapaziöse und im Grunde entsetzliche Zeit.
MUSIK
SPRECHERIN:
Kurz bevor Hans Leipelt seinen Arbeitsdienst an der Westgrenze begann, marschierten die deutschen Truppen in Österreich ein. Mit katastrophalen Folgen für seine jüdische Verwandtschaft in Wien. Sein Onkel, der Bruder seiner Mutter Katharina, beging Selbstmord. Seine Großeltern flüchteten in die Tschechoslowakei, wo sein Großvater starb. Daraufhin kam seine Oma Hermine nach Hamburg. Im November 1938 begann Hans seine Ausbildung bei der Wehrmacht, war ab Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 zuerst in Polen, dann in Frankreich im Einsatz. Trotz Auszeichnungen wie dem Eiserne Kreuz II. Klasse wurde er im August 1940 als sogenannter "jüdischer Mischling" aus der Wehrmacht entlassen und begann in Hamburg mit dem Chemie-Studium. In Frankreich hatte er Karl Ludwig Schneider kennengelernt, ebenfalls Hamburger, ebenfalls anti-nazistisch eingestellt. Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft. Schneider war als Schüler auf der reformpädagogischen Lichtwark-Schule gewesen. Aus privaten Lese- und Diskussionszirkeln der Lehrerin Erna Stahl entwickelte sich der Kern des regimekritischen Netzwerkes, das von der Forschung später als Weiße Rose Hamburg bezeichnet wurde. Neben Karl Ludwig Schneider spielten Traute Lafrenz, Heinz Kucharski und Margaretha Rothe eine wichtige Rolle. Sukzessive wuchs das Netzwerk, kamen gleichgesinnte Männer und Frauen hinzu und mit ihnen ihre Freunde und Angehörigen: Etwa der Medizinstudent Albert Suhr mit befreundeten Ärzten und Ärztinnen aus dem Universitäts-Krankenhaus Eppendorf, der Buchhändler und Philosophiestudent Reinhold Meyer - und eben auch Hans Leipelt und seine Familie. Hans Leipelt und die Medizinstudentin Traute Lafrenz fungierten später als Verbindungsglieder zwischen dem Münchner und dem Hamburger Widerstands-Netzwerk. Vorerst aber traf man sich zu Diskussionsrunden, feierte bei verbotener Jazzmusik, hörte gemeinsam ausländische Sender, las regimekritische Literatur – und amüsierte sich mit eigenen satirischen Texten gegen die NS Machthaber.
MUSIK
SPRECHER:
Hans Leipelt habe, so der Oberreichsanwalt in seiner Anklageschrift vom Juli 1944, mit seiner Schwester Maria und Karl Ludwig Schneider Texte verfasst und bei privaten Zusammenkünften aufgeführt, die eine ausgesprochen staatsfeindliche Tendenz hatten. Außerdem habe Leipelt in Gesprächen immer die Ansicht vertreten, dass Deutschland den Krieg begonnen habe und deshalb die zerstörten Städte in der Sowjetunion wiederaufbauen müsse. Hans Leipelt habe ausländische Hetznachrichten gehört und darauf vertraut, dass die Feindmächte die Verhältnisse in Deutschland in seinem Sinne ändern. Außerdem sei er mit seinen Freunden darin übereingekommen, dass sie dabei mithelfen müssten, den Nationalsozialismus zu vernichten.
SPRECHERIN:
Die Anklageschrift von 1944 ist eines der wenigen Dokumente, die Aufschluss über die Aktivitäten von Hans Leipelt und seinem Freundeskreis geben. Zu den Ermittlungen gegen andere Mitglieder der Weißen Rose in Hamburg ist wenig überliefert – so Angela Bottin:
O4 BOTTIN 16''
Es gibt kaum Verfolgungs-Dokumente, also Vernehmungsprotokolle und Unterlagen aus dieser Zeit. Wir wissen, dass in Hamburg die Gestapo vor dem Einmarsch der Briten im Mai 1945 systematisch vieles noch vernichtet hat.
SPRECHERIN:
Selbstauskünfte oder eigene Schriften gibt es nur von einigen des Hamburger Netzwerkes – etwa von Leipelts engem Freund Karl Ludwig Schneider oder auch von dem Buchhändler Reinhold Meyer. Von Hans Leipelt selbst ist kaum etwas greifbar. Er war nicht nur als regimekritischer Student in den Fokus der Nationalsozialisten geraten. Wegen der jüdischen Wurzeln seiner Mutter wurde seine Familie genauso brutal verfolgt wie alle anderen jüdischen Familien.
O5 BOTTIN 17''
Alles, was diese Familie besaß in ihrem Haus wurde – ja, vom Staat übernommen, verwertet, versteigert, öffentlich versteigert und wie bei allen anderen, wurden persönliche Dokumente vernichtet. Und das ist das große Problem auf den Spuren von Hans Leipelt.
MUSIK
SPRECHER:
Ein neues Gesicht im Chemischen Labor habe sie im Winter 1941 neugierig gemacht, schrieb Marie-Luise Jahn später über ihre Studienzeit in München. Es war Hans Leipelt, der sie faszinierte mit seiner Art über Bücher zu sprechen – über Bücher, die seit 1933 verboten waren.
SPRECHERIN:
Zwischen den beiden entwickelte sich eine Liebesgeschichte.
SPRECHER:
Gemeinsame Spaziergänge im Englischen Garten folgten, so die Erzählung von Marie-Luise Jahn, zahlreiche Umzüge, weil sie gegen das Verbot von sogenannten "Herrenbesuchen" abends verstießen, gemeinsames Hören von verbotener Jazzmusik, laut aus dem Koffergrammophon auf dem Fensterbrett …
SPRECHERIN:
Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht hatte Hans Leipelt zum Wintersemester 1940/41 zunächst in Hamburg mit dem Chemiestudium angefangen – unter schwierigen Bedingungen, so Angela Bottin.
O6 BOTTIN 36''
Man muss vielleicht noch ergänzen zum Verständnis, dass Hans Leipelt nicht einfach mit seinem Studium beginnen konnte. Er brauchte eine – wie alle Mischlinge ersten Grades – eine Ausnahme-Genehmigung durch das Reichs-Erziehungsministerium. Das war ein erniedrigender Prozess, dem er sich unterwerfen musste, und er erlebte dann in Hamburg kurze Zeit später doch sehr viel antisemitische diskriminierende Ereignisse. Und das war der Grund, warum er den Studienort wechselte, obwohl das bedeutete, weit weg von der sehr bedrohten Familie zu sein.
SPRECHERIN:
So war Hans Leipelt nach München gekommen. Am chemischen Institut an der Münchner Universität herrschte eine offene Atmosphäre. Professor Heinrich Wieland hatte 1927 den Nobelpreis bekommen, nutzte seine Prominenz und akzeptierte auch sogenannte "nichtarische" Studenten und Studentinnen. Auch Marie-Luise Jahn studierte in München. Die Juristin Angela Bottin:
O7 BOTTIN 36''
Sie hat dann in dem Staatslaboratorium, dem chemischen Institut unter der Leitung von Professor Heinrich Wieland, erst mal näher kennengelernt, dass es Menschen gab, die besonderen Schutz brauchten, eben die dort von Heinrich Wieland nicht ausgeschlossenen, sogenannten Mischlinge ersten Grades. Marie-Luise Jahn kam aus einer anderen Welt. Sie war Tochter einer Gutsbesitzerfamilie in Ostpreußen, hatte Privatunterricht gehabt, war sehr behütet, hatte dann in Berlin Abitur gemacht und war dann nach München gekommen und hatte begonnen, Chemie zu studieren.
SPRECHER:
Das Vordiplom im Sommer 1942 sei nicht gut ausgefallen, schrieb Marie-Luise Jahn in ihren Erinnerungen, da sie sich lieber mit Hans getroffen hat, anstatt zu lernen. Die beiden haben ihre Freundschaft ganz offen gezeigt, sind Arm in Arm durchs Chemische Labor gelaufen. Ein regimetreuer Kommilitone habe sie beim NS Studentenführer denunziert. Allerdings sei außer einer Standpauke nichts weiter passiert – was, wie sie später erfuhr, damit zu tun hatte, dass Professor Wieland zu ihren Gunsten eingegriffen hatte.
MUSIK
SPRECHERIN:
Den Sommer 1942 verbrachte Marie-Luise Jahn zuhause bei ihrer Familie in Ostpreußen – und Hans Leipelt bei seiner Familie in Hamburg. Die Situation hatte sich dramatisch verschlechtert. Maria, die Schwester von Hans, musste wegen ihres jüdischen Hintergrundes das Gymnasium verlassen. Die Großmutter wurde ins KZ Theresienstadt deportiert. Und im September 1942 starb der Vater überraschend. Für die Mutter fiel damit der Schutz weg, den sie durch ihren nicht-jüdischen Mann hatte. Hans kümmerte sich um die Beerdigung seines Vaters.
O8 BOTTIN 25''
Das bedeutete aber, dass er sehr, sehr viel mehr Zeit in Hamburg verbracht hat als als Student in München. Und dadurch ist es auch Marie Luise gar nicht sozusagen präsent gewesen, was alles auch in Hamburg passierte.
SPRECHERIN:
Neben Hans Leipelt pendelte ein weiteres Mitglied des Hamburger Netzwerkes zwischen München und Hamburg: Traute Lafrenz, ehemalige Schülerin der Lichtwark-Schule, befreundet mit Heinz Kucharski und Margaretha Rothe, studierte mittlerweile in München Medizin. Sie war eng mit Hans Scholl befreundet, mit dem sie kurzzeitig auch liiert war, und kannte auch andere Mitglieder des Münchner Widerstandsnetzwerkes, Sophie Scholl, Professor Kurt Huber und Alexander Schmorrell, den sie bereits drei Jahre vorher während ihres Reichsarbeitsdienstes in Ostpommern kennengelernt hatte. Unter dem Eindruck der brutalen Kriegsverbrechen im Osten hatten die Münchner im Sommer vier Flugblätter verfasst und verbreitet. Sie nannten sich Weiße Rose und riefen zum Widerstand gegen das NS Regime auf. Als Traute Lafrenz im November 1942 auf Heimatbesuch nach Hamburg kam, brachte sie eines dieser Flugblätter mit und gab es ihrem alten Freundeskreis. Heinz Kucharski, Margaretha Rothe, Reinhold Meyer, Albert Suhr hatten das Flugblatt in Händen, diskutierten und verteilten es. Ob auch Hans Leipelt das Flugblatt kannte, lässt sich nicht nachweisen, ist aber wegen seiner engen Beziehungen ins Hamburger Netzwerk anzunehmen. In den Erinnerungen von Marie-Luise Jahn findet sich nichts darüber. Dazu Angela Bottin.
O9 BOTTIN 45''
Sie hat als einzige eigentlich – Hans Leipelt konnte es nach seiner Ermordung ja natürlich nicht mehr: sie hat, sagen wir mal, eine Wir-Geschichte, Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn, ab Mitte der 1980er Jahre entwickelt. Je mehr man über die komplexen Zusammenhänge, die es tatsächlich gegeben hat, herausfindet – dann erkennt man das diese Wir-Geschichte eben doch vieles außer Acht lässt, was zur Wirkungsgeschichte und zum Leben und Sterben von Hans Leipelt im Besonderen und der weiteren, mit ihm verbündeten aktiven Menschen in München und Hamburg tatsächlich geschah.
MUSIK
SPRECHERIN:
Über Flugblätter zum Widerstand aufzurufen war lebensgefährlich. Alle zusätzlichen Mitwissenden erhöhten das Risiko, entdeckt zu werden. Ihren Erinnerungen zufolge wurde Marie-Luise Jahn erst ab 1943 von Hans Leipelt in seine Oppositionsaktivitäten eingebunden. Hans Leipelt, der zwischen Hamburg und München pendelte, war laut Marie-Luise Jahn am 13. Januar 1943 in München, als es im Kongresssaal des Deutschen Museums zu spontanen Studentenprotesten kam. Gauleiter Paul Giesler hatte in seiner Rede im Rahmen der 470 Jahrfeier der Münchner Universität beleidigende Äußerungen über studierende Frauen gemacht. Unter Protest verließen viele der Anwesenden, darunter viele Soldaten in Uniform, den Saal und lieferten sich Handgreiflichkeiten mit den Ordnungskräften.
SPRECHER:
Das sei ein Hoffnungsschimmer gewesen, dass endlich etwas passieren würde – so Marie-Luise Jahn in ihren Erinnerungen. Hans sei bei der Veranstaltung gewesen und habe ihr freudestrahlend von dem Protest der Studenten gegen die unverschämte Rede des Gauleiters erzählt. Sie dachten, so Marie-Luise Jahn, dass ein Aufstand der Studenten folgen würde.
SPRECHERIN:
Aber nichts dergleichen geschah. Auch nicht als Ende Januar 1943 die Schlacht um Stalingrad mit einer verheerenden Niederlage der deutschen Wehrmacht endete und das sechste Flugblatt der Weißen Rose in München zum Widerstand gegen die NS-Diktatur aufrief.
Den Text hatte größtenteils Professor Huber verfasst. Die meisten der Flugblätter wurden per Post verschickt. Als Hans und Sophie Scholl den Rest an der Münchner Universität verteilten, wurden sie verhaftet.
SPRECHER:
Eines Morgens sei Hans Leipelt mit dem Flugblatt in der Hand zu ihrem Laborplatz im Chemischen Institut gekommen, schrieb Marie-Luise Jahn in ihren Erinnerungen. Gemeinsam haben sie es gelesen und waren beeindruckt, dass jemand gewagt hatte, das zu schreiben. Sie waren der gleichen Meinung, hätten aber nie gewagt, das offen zu sagen, geschweige denn zu schreiben. Hier hatte jemand den Mut, sich öffentlich gegen das Unrechts- und Willkürregime der Nationalsozialisten aufzulehnen.
MUSIK
Hinter vorgehaltener Hand, so Marie Luise Jahn machten Gerüchte über Verhaftungen im Chemischen Institut die Runde.
SPRECHERIN:
Am 22. Februar 1943 wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst in München hingerichtet.
SPRECHER:
Ihre Hoffnungen hätten ein jähes Ende gefunden, so Marie Luise Jahn über die verzweifelte Stimmung, in der sie und Hans Leipelt waren. Sie hatten das Flugblatt, aber die es geschrieben hatten, waren von den Nazis dafür hingerichtet worden. Wer sollte nun den Menschen die Augen öffnen? Wer die Wahrheit über das verbrecherische Regime sagen? Und ihnen beiden war klar, dass sie weitermachen müssten. Sie tippten das Flugblatt mit vielen Durchschlägen ab. Um die Verbundenheit mit den Ermordeten zu zeigen, wählten sie als Überschrift: "… und ihr Geist lebt trotzdem weiter."
SPRECHERIN:
Das sechste Flugblatt und weitere regimekritische Schriften im Gepäck fuhr Marie-Luise Jahn in den Osterferien mit Hans Leipelt nach Hamburg, lernte dort seine Mutter, seine Schwester Maria und auch seine Freunde Karl Heinz Schneider und Heinz Kucharski kennen, bevor sie zu ihrer Familie nach Ostpreußen weiterreiste. Leipelts Hamburger Freundeskreis sorgte für eine Vervielfältigung und Weiterverbreitung des Münchner Flugblattes.
SPRECHER:
Nach den Osterferien, so Marie-Luise Jahn, sei sie mit dem beklemmenden Gefühl nach München zurückgefahren, ihr bisher behütetes Leben verloren zu haben.
MUSIK
SPRECHERIN:
Die Situation für die antinazistischen Netzwerke in München und Hamburg verschärfte sich. Bereits im März 1943 war Traute Lafrenz im Rahmen der Ermittlungen gegen die Weiße Rose in München verhaftet worden. Im Juli wurden Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber hingerichtet. Um die mittellose Familie des letzteren zu unterstützen, beteiligten sich Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn an Geldsammlungen, wurden schließlich denunziert und im Oktober 1943 verhaftet – und mit ihnen sieben weitere Personen aus ihrem Münchner Freundeskreis, die meisten davon Studierende am Chemischen Institut. Auch in Hamburg folgte Verhaftung auf Verhaftung: Albert Suhr, Maria Leipelt, die Schwester von Hans, Heinz Kucharski, Margaretha Rothe, Karl Ludwig Schneider, Reinhold Meyer und auch die Mutter von Hans, Katharina Leipelt. Ende 1943 waren die zentralen Akteure des Hamburger Netzwerkes in Haft.
MUSIK
SPRECHER:
Er beschuldige Hans Leipelt, so der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof in seiner Anklageschrift: der Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen.
SPRECHERIN:
Am 13. Oktober 1944, etwa nach einem Jahr Untersuchungshaft in München-Stadelheim, fand der Prozess gegen Hans Leipelt und seinen Münchner Freundeskreis statt. Wegen der Luftangriffe auf München wurde er nach Donauwörth verlegt.
SPRECHER:
Laut Anklageschrift wurde Hans Leipelt vorgeworfen, dass er in Gesprächen staatsfeindliche, zum Teil auch kommunistische Positionen propagiert habe, dass er ausländische Sender gehört und ein Flugblatt der Weißen Rose weiterverbreitet habe, in dem zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Staatsführung aufgerufen wurde. In Gesprächen habe er die Geschwister Scholl als Märtyrer gefeiert und seine Bewunderung für sie zum Ausdruck gebracht. Außerdem habe er in seinem Hamburger Freundeskreis über die Möglichkeiten von Terror- und Sabotageakten beratschlagt, etwa eines Sprengstoffanschlages auf eine wichtige Eisenbahnbrücke. Und schließlich habe er für die Hinterbliebenen des zum Tode verurteilten Professor Kurt Huber Geld gesammelt und auch selbst gespendet.
MUSIK
SPRECHERIN:
Hans Leipelt wurde zum Tode, Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 29. Januar 1945 wurde Hans Leipelt in München-Stadelheim hingerichtet. Aus dem Umfeld des Hamburger Netzwerkes kamen acht Menschen ums Leben – darunter Katharina Leipelt, die Mutter von Hans, Margaretha Rothe und Reinhold Meyer. Von Familie Leipelt überlebte als einzige Maria, die Schwester von Hans.
Vor dem Völkermord im Osten begannen die Nationalsozialisten mit der mörderischen Umsetzung ihrer rassistischen Ideologie im Reichsgebiet. Sie töteten Tausende von Kranken und Behinderten im Rahmen der sogenannten Aktion T4. Von Renate Eichmeier (BR 2018)
Credits
Autorin: Renate Eichmeier
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Gerrit Hohendorf
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Anhand von drei Opferbiografien zeichnet "Ohne Gnade" das perfide System der Euthanasie im Nationalsozialismus nach und begleitet Angehörige auf ihrer Suche nach der Wahrheit. JETZT ANSEHEN
SR (2024): NS-Ärzte, ihre Verbrechen, ihre Karrieren
Sie experimentierten für ihre Forschungszwecke mit Menschenleben, setzten skrupellos die Ideologie des NS-Regimes um. Deutsche Mediziner agierten als willige Erfüllungsgehilfen des „Dritten Reichs“. Allein 350.000 Menschen wurden damals durch ihre biologisch und juristisch willkürlichen Einordnungen als minderwertig abgestempelt und zwangssterilisiert. Viele verantwortliche Mediziner konnten nach dem Krieg 1945 aber ungehindert ihre Karrieren fortsetzen. JETZT ANSEHEN
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ERZÄHLER:
Martin B., Schuhmachermeister, geboren 1901, erkrankt als Jugendlicher 1918 an einer Gehirnentzündung und leidet jahrelang unter den Folgen: Parkinson-Symptome wie Zittern der linken Hand, später auch Nachziehen des linken Beines. Ab 1926 ist der junge Familienvater wiederholt in Behandlung in einer psychiatrischen Klinik in Tübingen, arbeitet nach seiner Entlassung immer wieder als Schuhmacher. Im September 1938 weist ihn der behandelnde Arzt in die Heilanstalt Schussenried ein. Anfang Mai 1940 schreibt er eine letzte Postkarte an seine Familie. Zwei Monate später erhalten seine Frau und seine Kinder einen sogenannten „Trostbrief“ aus der Anstalt Schloss Grafeneck bei Reutlingen, in dem sie mit Bedauern darüber informiert werden, dass Martin B. an einem Hirnschlag gestorben sei.
O-TON1 HOHENDORF 18‘‘
Aktion T4 bedeutet die systematische Erfassung, Selektion und Vernichtung der Patienten in psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches in den Jahren 1939 bis 1941.
ERZÄHLER:
Ballastexistenzen – Rassenhygiene – Erbkranke – lebensunwertes Leben – Aufartung – Erbgesundheit – Volkskörper – minderwertige Erbmasse – Euthanasie – Gnadentod
ERZÄHLERIN:
T4 ist das Kürzel für die Tiergartenstraße 4 in Berlin und war die Adresse einer eleganten Stadtvilla aus der Gründerzeit, die sich nahe der heutigen Philharmonie befand. Im Auftrag der „Kanzlei des Führers“, einer Dienststelle, die Adolf Hitler unmittelbar unterstand, waren dort ab 1940 Verwaltungsbeamte, Sachbearbeiter, Sekretärinnen, Fahrer und Ärzte mit einer sogenannten „Geheimen Reichssache“ beschäftigt: Unter dem Tarnnamen „Zentraldienststelle T4“ organisierten sie die Ermordung von etwa siebzigtausend Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht waren. Dazu der Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf.
O-TON2 HOHENDORF 1‘ 05‘‘
Wie bei vielen anderen nationalsozialistischen Massenvernichtungsaktionen auch gibt es hier nicht so etwas wie einen eindeutigen Befehl, eine eindeutige Anordnung. Es gibt die Euthanasie-Ermächtigung von Adolf Hitler, rückdatiert auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginns, aber wahrscheinlich im Oktober 1939 verfasst, die namentlich zu bestimmende Ärzte ermächtigen sollte, bei kritischer Prüfung des Gesundheitszustandes den Gnadentod zu gewähren. Das klingt jetzt zunächst einmal sehr human, war aber eigentlich eine verklausulierte Formulierung, dass sich innerhalb der Psychiatrie ein Expertenkreis bilden sollte, der das Programm zur Vernichtung lebensunwerten Lebens plant und ausführt.
ERZÄHLERIN:
Die Idee vom sogenannten „lebensunwerten Leben“ war keine nationalsozialistische Erfindung, sondern lässt sich zurückverfolgen ins 19. Jahrhundert. Auf dem Hintergrund von Kolonialismus und aufstrebenden Naturwissenschaften braute sich ein explosives Gedankengemisch zusammen, das biologistische Vorstellungen zu gesellschaftlichen Maßstäben machte. Sozialdarwinisten wie der britische Soziologe Herbert Spencer prägten Begriffe wie den vom „survival of the fittest“, wörtlich dem „Überleben der Passendsten“. Autoren wie der Franzose Arthur Gobineau fantasierten von Ariern und dem unterschiedlichen Wert von menschlichen Rassen.
Ärzte wie der Deutsche Alfred Plötz beschäftigten sich mit der in Mode gekommenen „Eugenik“, sprich: „Erbgesundheitslehre“, in der es um die Verbesserung des menschlichen Erbgutes ging. Und die Diskussionen um Sterbehilfe, ursprünglich gedacht als Erlösung für Schwerkranke, verlagerten ihren Fokus zusehends auf eine Pflicht zum Tod für all diejenigen, die der Gesellschaft keinen ökonomischen Nutzen brachten. Begriffe wie „Rassenhygiene“ und „lebensunwertes Leben“ etablierten sich und kursierten weltweit in wissenschaftlich verbrämten Diskussionen.
ERZÄHLER:
1920 veröffentlichte Alfred Hoche, Professor für Psychiatrie in Heidelberg, gemeinsam mit dem Juristen Karl Bindung in dem renommierten Wissenschaftsverlag Felix Meiner in Leipzig ein Buch mit dem Titel: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“; in dem befürworteten die beiden Autoren neben der Sterbehilfe für Schwerkranke auch die Tötung von Zitat: „geistig toten Menschen“. Darunter subsummierten sie Menschen mit den verschiedensten geistigen, psychischen oder körperlichen Handicaps, die als „Ballastexistenzen“ der Gesellschaft Geld kosten und ihr schaden würden.
ERZÄHLERIN:
Sozialdarwinistische und rassistische Vorstellungen eskalierten in der nationalsozialistischen Ideologie zu einer Extremform. Auf der einen Seite das arische Ideal des germanischen Herren-Menschen: blond, blauäugig, stark, gesund. Auf der anderen Seite die – in Anführungszeichen „Untermenschen“: die Juden, die Kranken, die Schwachen … Sofort nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der politischen Umsetzung ihrer rassistischen Ideologie. Einerseits sollten durch Projekte wie dem „Lebensborn e.V.“ diejenigen zur Fortpflanzung animiert werden, die dem blonden Ideal entsprachen. Andrerseits diente eine Flut von Gesetzen der Durchsetzung der sogenannten „Rassenhygiene“ und legalisierte staatliche Sanktionen gegen Menschen mit unerwünschtem Erbgut – egal ob aus gesundheitlichen oder anderen Gründen.
ERZÄHLER:
Vom Juli 1933 stammte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das staatlich verordnete Zwangssterilisationen erlaubte und im Laufe der Jahre systematisch erweitert wurde, ebenfalls 1933 „Gesetz über Förderung der Eheschließungen“, Juni 1935 „Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, September 1935 „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, Oktober 1935 „Ehegesundheitsgesetz“ ...
ERZÄHLERIN:
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges war der normale Alltag außer Kraft gesetzt. Die Nationalsozialisten begannen mit der Ermordung all jener, die sie vorher gesellschaftlich ausgegrenzt hatten. Um die Mordaktion zu verschleiern, trat die Zentraldienststelle T4 nach außen hin je nach Bedarf unter verschiedenen Tarnnamen auf.
ERZÄHLER:
Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten, Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege, Gemeinnützige Krankentransport GmbH und Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten.
ERZÄHLERIN:
Im Deutschen Reich gab es etwa 800 psychiatrische Einrichtungen. Initiiert durch die Zentraldienststelle T4 in Berlin wurden ab Oktober 1939 sechs der großen Pflegeanstalten gemietet oder beschlagnahmt:
ERZÄHLER:
Als erstes Schloss Grafeneck in Württemberg, weitere folgten in Brandenburg an der Havel, Bernburg an der Saale, Hartheim bei Linz, Hadamar bei Limburg und auf Schloss Sonnenstein bei Pirna.
ERZÄHLERIN:
Gaskammern und Krematorien wurden eingebaut und zuverlässiges Personal angeworben: Verwaltungspersonal, Fahrer für die Deportationen, Leichenbrenner, Ärzte, die das Töten der Patienten übernahmen.
O-TON3 HOHENDORF 43‘‘
Bei der Rekrutierung wurde den Leuten noch nicht klar gesagt, was auf sie zukommt. Die wurden also so sukzessive damit konfrontiert. Man hat die Aktion im Groben erläutert. Aber dass es sich tatsächlich um ein industrielles Massenvernichtungs-Programm gehandelt hat, das ist, glaub ich, vielen erst klargeworden, als sie dann tatsächlich in den Tötungsanstalten angekommen sind. Angedeutet wurde das in jedem Fall, verklausuliert formuliert, aber die ganz konkrete brutale Umsetzung – die haben sie, denke ich, vor Ort erfahren.
ERZÄHLER:
Unter dem Decknamen Doktor Schmitt war der junge Arzt Aquillin Ullrich 1940 einige Monate in der Tötungsanstalt in Brandenburg tätig – als Vertreter des Leiters Irmfried Eberl, der als Arzt für die Ermordung zuständig war. Nach dem Krieg sagte Ullrich aus, dass er – wie für die Ärzte vorgeschrieben – bei der Untersuchung der entkleideten Opfer und bei der sich daran anschließenden Ermordung in der Gaskammer beteiligt war. Aus seiner Studentenzeit kannte Ullrich den Würzburger Professor für Psychiatrie Werner Heyde, der von Beginn an in die Euthanasie-Morde verwickelt war. Heyde hatte ihm von der Aktion erzählt und gefragt, ob er als Assistenzarzt beim Zitat: „Einschläfern“ ausgewählter Patienten mitarbeiten wolle. Nach einiger Bedenkzeit hatte er zugesagt, weil er – so sagte er aus – den „unheilbar Kranken“ bei der Erlösung von ihren Leiden habe helfen wollen. Bei seinem ersten Besuch in der Tötungsanstalt Brandenburg sei ihm klargeworden, dass es sich um industriellen Massenmord handle, er habe sich niedergeschlagen gefühlt, habe aber nicht den Mut aufgebracht abzusagen.
ERZÄHLERIN:
Aquillin Ullrich warb Studienfreunde für die T4 Aktion und wechselte Ende 1940 in die Zentraldienststelle nach Berlin, wo er in der Planungsabteilung arbeitete. Mit großem bürokratischen Aufwand plante und organisierte die Berliner Zentrale die Morde – nicht zuletzt auch aus Gründen der Verschleierung. In Zusammenarbeit mit dem Reichsministerium des Inneren erfolgte die Auswahl der Opfer mittels Meldebogen –
O-TON4 HOHENDORF 38‘‘
…wo gefragt wurde nach der Diagnose der Erkrankung, nach der Dauer der Erkrankung, nach der Dauer der Anstaltsbehandlung, nach der Prognose, nach dem Kontakt zu Angehörigen und vor allem auch nach dem Verhalten. Und ganz am Ende sollte dann die Arbeitsfähigkeit in Prozent der Arbeitsleistung Gesunder eingeschätzt werden. Diese fehlende ökonomische Brauchbarkeit der Anstaltspatienten war das entscheidende Selektionskriterium der Aktion T4.
ERZÄHLERIN:
Die Direktoren der Heil- und Pflegeanstalten füllten die Meldebögen aus und schickten sie nach Berlin. Die Zentraldienststelle T4 verteilte sie dann an die psychiatrischen Gutachter, die in einem Kästchen am linken unteren Rand des Meldebogens ihr Urteil abgaben: ein rotes Kreuz stand für Liquidierung des Patienten; ein blaues Minus-Zeichen bedeutete, dass der Patient weiterleben durfte. Das war alles. Danach ging der Meldebogen an einen Obergutachter, der letztendlich über Leben und Tod entschied. Insgesamt waren etwa 40 Psychiater als Gutachter für die T4 Aktion tätig. Darunter waren Universitäts- und Anstaltspsychiater, die sich in den 1920er Jahren intensiv für die Reform der Psychiatrie eingesetzt hatten, nationalsozialistische Überzeugungstäter und auch solche, die sich eher als Verwaltungsbeamte verstanden und die Kosten in den überfüllten Anstalten reduzieren wollten.
O-TON5 HOHENDORF 1‘12‘‘
Der Großteil der Psychiater hat in den 1930er Jahren den Schwerpunkt seiner Arbeit auf Prävention gelegt und gesagt: Unsere Hauptaufgabe ist eigentlich das deutsche Volk auf erbliche psychiatrische Erkrankungen zu screenen, das Sterilisationsprogramm zu unterstützen und an einem großen Erlösungswerk teilzuhaben. Und ich glaube, dass dies es den Psychiatern erleichtert hat, die Patienten dann auch letztlich den Deportationen der Aktion T4 auszuliefern. Es gibt eine enge Verknüpfung zwischen Heilen und Vernichten, also zwischen der Idee, dass man die unheilbaren Patienten, die sich auch durch die damals modernen Schocktherapieverfahren therapeutisch nicht positiv beeinflussen lassen, dass man diese Patienten loswird, um die damit verbundenen Ressourcen lieber für die heilbaren Patienten einzusetzen.
ERZÄHLERIN:
Die Direktoren der Pflege- und Heilanstalten wurden nicht offiziell darüber informiert, welchen Zweck die Erfassung durch die Meldebogen hatte. Spätestens aber als die ersten Transportlisten kamen mit den Namen von denjenigen, die verlegt werden sollten, war klar, dass es sich nicht nur um eine Erfassung für bürokratische Zwecke handelte. Unter dem Decknamen „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ organisierte die Zentralstelle die Deportationen in die Tötungsanstalten. Pro Transport wurden 40 bis maximal 150 Personen abgeholt: Menschen mit körperlichen oder geistigen Handicaps, mit psychischen Störungen, chronischen Krankheiten, Lernschwierigkeiten, Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, Akademiker, Kaufleute, Handwerker, Arbeiter, Menschen, die sozial auffällig waren – etwa als Obdachlose oder Prostituierte.
O-TON6 HOHENDORF 39‘‘
Im Grunde genommen setzen sich die T4 Opfer zusammen aus den Menschen, die damals aus den unterschiedlichsten Gründen heraus in Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen wurden, weil sie als psychisch krank angesehen waren, weil sie mit den Leistungsanforderungen der NS Volksgemeinschaft nicht zurecht gekommen sind, weil sie vielleicht auch Straftaten begangen haben oder auf der Straße auffällig geworden sind, von der Polizei aufgegriffen wurden und dann eben in eine Heil- und Pflegeanstalt kamen.
ERZÄHLERIN:
Die Tötungsanstalten gaben sich den Schein einer normalen Heil- und Pflegeanstalt. Das Personal trug weiße Kittel. Bei Ankunft wurden die Männer und Frauen in einen Aufenthaltsraum gebracht, wo sie sich unter dem Vorwand einer Untersuchung ausziehen mussten. Anschließend wurden sie Ärzten wie Aquillin Ullrich vorgeführt, die ihre Identität überprüften, kontrollierten, ob die Entscheidung eines Obergutachters vorlag und entschieden, welche Todesursache offiziell angegeben werden sollte. Unter dem Vorwand, dass sie eine Dusche nehmen sollten, wurden die Gruppen dann geschlossen in die Gaskammern geführt. Das Einführen von Kohlenmonoxid war die Aufgabe der Ärzte. Durch ein Sichtfenster konnten sie das Sterben der Menschen beobachten. Nach einer knappen halben Stunde wurde der Gashahn zugedreht, die Gaskammern entlüftet und die Leichen dann ein bis zwei Stunden später von Pflegern in einen Totenraum gebracht, wo ihnen vor ihrer Verbrennung im Krematorium Goldzähne herausgenommen wurden.
ERZÄHLER:
Schloss Grafeneck bei Reutlingen: 9.839 Ermordete; Brandenburg an der Havel: 9.772 Ermordete; Bernburg an der Saale: 8.601 Ermordete; Hadamar in Nordhessen: 10.072 Ermordete; Hartheim bei Linz: 18.269 Ermordete; Schloss Sonnenstein bei Pirna 13.720 Ermordete.
ERZÄHLERIN:
Jeder Tötungsanstalt war ein Standesamt angeschlossen. Es stellte die Sterbeurkunden für die Ermordeten aus, die den Hinterbliebenen mit einem Begleitschreiben zugesandt wurden.
ERZÄHLER:
In diesen sogenannten „Trostbriefen“ drückten die Verantwortlichen ihr Bedauern aus, gaben natürliche Todesursachen wie Hirnschlag an und verwiesen darauf, dass nach dem langen unheilbaren Leiden der Tod sicher eine Erlösung gewesen sei.
ERZÄHLERIN:
Trotz strengster Geheimhaltung machten Gerüchte die Runde. Die grauen Busse, der Rauch über den Tötungsanstalten, der Gestank nach verbrannten Leichen … Das massenhafte Sterben der Psychiatriepatienten und -patientinnen sorgte für Aufsehen in der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1940 wussten oder ahnten zumindest weite Teile der Bevölkerung, was in den Tötungsanstalten vor sich ging. Widerstand und Protest regte sich insbesondere in kirchlichen Kreisen. Katholische und evangelische Bischöfe haben sich mit Eingaben an das Justizministerium gewandt, Staatsanwälte Ermittlungsverfahren eingeleitet. Doch der Versuch, die Morde auf legalem Weg zu stoppen, hatte keinen Erfolg.
O-TON7 HOHENDORF 29‘‘
Das einzige was Erfolg hatte, war der öffentliche Protest. Und den hat beispielhaft der Bischof von Münster, Graf von Galen, in seiner Predigt am 3. August 1941 in der Lambertikirche in Münster umgesetzt, wo er öffentlich über die Deportation der Münsteraner Psychiatriepatienten berichtet hat.
ERZÄHLERIN:
Die mutige Predigt Graf von Galens gegen die Euthanasiemorde schlug hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Um die Bevölkerung zu beruhigen, ließ Adolf Hitler im August 1941 die Mordaktion unterbrechen. Die Zentraldienststelle T4 in Berlin stellte ihre Tätigkeit zwar nicht ein, die Meldebogenerfassung ging weiter, aber die Deportationen der Patienten aus den Heil- und Pflegeanstalten fanden nicht mehr statt. Die Tötungsanstalten haben das Morden zum Teil ganz eingestellt. Andere hatten eine neue Opfergruppe.
ERZÄHLER:
In den Gaskammern in Bernburg an der Saale, auf Schloss Sonnenstein bei Pirna und in Hartheim bei Linz wurden Häftlinge aus Konzentrationslagern ermordet, die als arbeitsunfähig galten.
ERZÄHLERIN:
Neben der Ermordung der etwa siebzigtausend Patienten und Patientinnen, die von der Berliner Zentraldienststelle T4 aus den psychiatrischen Anstalten deportiert wurden, ließen die Nationalsozialisten noch weitere Zehntausende von Menschen unter dem Deckmantel der Euthanasie töten. Bereits seit 1939 wurden im Reichsgebiet Kinder und Jugendliche mit geistigen oder körperlichen Handicaps in extra dafür eingerichteten Kinderfachabteilungen ermordet. In den besetzten Ostgebieten wurden Psychiatrieinsassen erschossen, mit Gas oder wie auch immer getötet. Und in den psychiatrischen Anstalten vor Ort wurden ab August 1941 Patienten zwar nicht mehr von Bussen abgeholt und in den Tötungsanstalten ermordet, aber man forcierte ihr Sterben auf verschiedenste Art und Weise. Die Sterblichkeit in den Heil- und Pflegeanstalten stieg rapide an: von etwa 5 Prozent Ende der 1930er Jahre auf 20, 30 oder 40 Prozent in einzelnen Anstalten.
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Das hatte natürlich System, das bedeutet, dass man durch die Sparmaßnahmen und die schlechte Versorgung der Patienten einen deutlichen Anstieg der Sterblichkeit, insbesondere beispielsweise an Infektionskrankheiten, an Tuberkulose, bewusst in Kauf genommen hat. Und diese deutliche Erhöhung der Sterblichkeit, die muss man eigentlich zu den dezentralen Formen der Euthanasie rechnen. Und dann kommt man letztlich zu dem Ergebnis, dass durch Vernachlässigung, schlechte medizinische Versorgung, durch Verhungernlassen, aber auch durch überdosierte Medikamente in den Heil- und Pflegeanstalt noch deutlich mehr Patienten gestorben sind und zu Tode gebracht wurden, als der Aktion T4 zum Opfer gefallen waren. Dadurch erklärt sich auch die hohe Gesamtopferzahl geschätzt mit den besetzten Gebieten auf 300.000.
ERZÄHLERIN:
In den nationalsozialistischen Mörder-Kreisen diskutierte man immer wieder die Möglichkeit, die Morde durch ein Euthanasie-Gesetz zu legalisieren. Doch Adolf Hitler war dagegen. Noch wollte er kein Euthanasie-Gesetz, weil er sich damit öffentlich zu der Ermordung von Patienten psychiatrischer Anstalten hätte bekennen müssen. Er hatte Angst vor Widerstand und Protest in der Bevölkerung.
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Er hat gedacht, wir können die Euthanasie, die Vernichtung lebensunwerten Lebens, eigentlich erst dann in unsere Lebensform integrieren, ja, also Euthanasie als normaler Bestandteil der medizinischen Norm psychiatrischen Versorgung, wenn das deutsche Volk reif dafür ist und wenn der Widerstand der Kirche gebrochen ist. Und das erhoffte man sich eben erst nach dem Endsieg. Da wollte man alles offenlegen. Und da wollte man mit allen Gegnern abrechnen.
ERZÄHLERIN:
Vorerst jedoch begannen die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten. Die Zentraldienststelle T4 in Berlin stellte morderprobte Experten zur Verfügung: Köche, Fahrer, Kuriere, Krankenpfleger, Leichenbrenner, aber auch Führungspersonal, das sich mit Gas-Massenmorden auskannte. Sie fanden ein neues Aufgabengebiet in den Todeslagern Belzec, Sobibor und Treblinka, in deren Gaskammern 1942/43 innerhalb weniger Monate ein bis zwei Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.
Witold Pilecki war wohl der einzige Häftling, der freiwillig im KZ Auschwitz war. Unter falschem Namen berichtete der polnische Untergrundkämpfer von 1940 bis 1943 den Alliierten von den Zuständen im Lager. Von Niklas Nau (BR 2017)
Credits
Autor: Niklas Nau
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Merki
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Giles Bennett
Linktipps:
BR (2023): Verfolgt. Versteck. Verschleppt. – Die letzten Überlebenden des Holocaust
Am 27. Januar 1945 wurde das Nazikonzentrationslager Auschwitz befreit. Innerhalb weniger Jahre sind dort über eine Million Menschen vernichtet worden. Der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie entkamen nur wenige. Thomas Muggenthaler berichtet über die letzten Überlebenden des Holocaust und ihre exemplarischen Geschichten aus Bayern. JETZT ANHÖREN
arte (2019): Geboren in Auschwitz
1944 brachte eine junge Jüdin in Auschwitz ein Baby zur Welt. Das Kind wurde Angela genannt und wog nur ein Kilo. Die Mutter versteckte Angela fünf Wochen lang – bis zur Befreiung des Todeslagers. - Eine Dokumentation über zwei Generationen von Frauen, die entschlossen sind, sich von dem Schrecken von Auschwitz und den anhaltenden transgenerationalen Wunden zu befreien. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO Straßenatmosphäre, Schreie
SPRECHERIN
19. September 1940, 6 Uhr morgens. Razzia im besetzten Warschau. Die SS treibt aufgegriffene Männer in Fünfergruppen zusammen. Einer von ihnen trägt einen Pass mit dem Namen Tomasz Serafiński bei sich. Doch der Pass ist falsch, und der Mann, der ihn bei sich trägt, hat sich absichtlich festnehmen lassen, um nach Auschwitz verfrachtet zu werden. Tatsächlich heißt er Witold Pilecki und ist ein polnischer Untergrundkämpfer. Er ist wohl der einzige Mensch der Welt, der freiwillig ins Konzentrationslager Auschwitz geht. 945 Tage wird Pilecki dort zubringen und später alles genau niederschreiben. Tag 1: Ankunft im Lager:
ZITATOR
Wir wurden auf eine größere Gruppe Scheinwerfer zugetrieben. Unterwegs wurde einem von uns befohlen, zu einem Posten am Straßenrand zu laufen; ein kurzer Feuerstoß aus einer automatischen Waffe mähte ihn nieder. Zehn Mann wurden willkürlich aus der Gruppe herausgezerrt und als „Kollektivstrafe“ für den von der SS inszenierten „Fluchtversuch“ mit Pistolen erschossen. Die elf Leichen wurden dann mit Stricken an den Beinen hinterhergeschleift, die Hunde auf die blutigen Körper gehetzt. All das unter Gelächter und Scherzen. Wir kamen zu einem Tor in einem Stacheldrahtzaun, über dem „Arbeit macht frei“ zu lesen stand. Erst später verstand ich, was das bedeutete.
MUSIK
SPRECHERIN
Auschwitz. Ein Name, der gleichbedeutend geworden ist mit der Vergasung von Millionen Juden durch die Nazis. Doch bei seiner Errichtung 1940 hat das Lager einen anderen Zweck, erklärt Giles Bennett vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München.
GILES BENNETT 1
Das, was wir heute Vernichtungslager nennen, war es nicht, es gab keine industrielle Massenvernichtung, und es gab dort auch noch keine Vergasung. Am Anfang, 1940, ist das Lager Auschwitz ganz klar gegründet, um die polnischen Eliten zu unterdrücken. In den Augen Hitlers, in den Augen des Nationalsozialismus galten die slawischen Völker, darunter die Polen, als – in Anführungszeichen – minderwertig. Und Ziel war es, die Eliten Polens zu zerstören, um aus ihnen ein – in Anführungszeichen – anführerloses Sklavenvolk zu machen.
SPRECHERIN
In dieses Lager kommt Witold Pilecki. Ein Foto zeigt ihn in gestreifter Lageruniform, die Haare kurz rasiert, mit der Häftlingsnummer 4859. Scharf geschnittene Nase, buschige Brauen und tief liegende Augen, in denen man glaubt, Entschlossenheit zu sehen. Ein polnischer Patriot. Später beschreibt er die Erlebnisse in einem Bericht, der unter dem Titel "Freiwillig nach Auschwitz" von Orell Füssli auch auf Deutsch herausgegeben wurde. Darin schildert Pilecki, warum er nach Auschwitz gekommen ist:
ZITATOR
Die Hauptaufgabe war: Die Einrichtung einer militärischen Organisation, um die Moral der Kameraden zu stärken, indem ich Nachrichten aus der Außenwelt beschaffte und weitergab; wann immer möglich, Nahrungsmittel und Kleidung zu organisieren und unter den Mitgliedern zu verteilen; Informationen aus dem Lager an die Außenwelt weiterzuleiten und, als krönenden Abschluss, unsere eigenen Kräfte aufzustellen, um das Lager zu übernehmen, wenn die Zeit reif war, uns durch Fallschirmtruppen oder abgeworfene Waffen zu unterstützen.
SPRECHERIN
Die Ausgangsbedingungen, die Pilecki für diese Aufgabe bei seiner Ankunft im Lager vorfindet, erscheinen ihm auf entsetzliche Weise – günstig.
MUSIK
ZITATOR
Krankenmann war dafür zuständig, die fast täglichen Häftlingszugänge so schnell wie möglich umzubringen. Sein Charakter war für diese Aufgabe besonders gut geeignet. Wenn jemand versehentlich einige Zentimeter zu weit vorne stand, rammte ihm Krankenmann das Messer, das er im rechten Ärmel trug, in den Bauch. Wer davor so viel Angst hatte, dass er zu weit zurückwich, bekam von diesem Mörder einen Messerstich von hinten in die Nieren, während er durch die Reihen lief. Der Anblick des schreiend zusammenbrechenden Häftlings, dessen Beine im Sand scharrten, brachte Krankenmann in Wut. Er sprang dem Mann auf die Brust, trat ihm in die Nieren und in die Genitalien und brachte ihn so schnell wie möglich um, während wir gezwungen waren, schweigend zuzusehen. Der Anblick traf uns wie ein elektrischer Schlag. Dann spürte ich einen einzigen Gedanken, der diese Schulter an Schulter aufgestellten Polen durchlief. Ich spürte, dass wir alle endlich durch dieselbe Wut vereint waren, in einem Durst nach Rache. Ich spürte, dass ich hier die perfekte Umgebung für meine Arbeit finden würde, und empfand tatsächlich so etwas wie Freude…
SPRECHERIN:
Der brutale Krankenmann ist dabei kein Angehöriger der SS, sondern Teil eines perfiden Systems, das die SS schon im „Modell-Lager“ Dachau entwickelt hat:
Aus den Reihen der Gefangenen werden Vorarbeiter – sogenannte Kapos – sowie Blockälteste und Lagerälteste ausgewählt. Funktionshäftlinge:
GILES BENNETT 2
Diese Funktionshäftlinge, die hatten durch ihre Position gewisse Privilegien, also ein eigenes getrenntes Bett, mehr zu essen, ein bisschen andere Kleidung. Gleichzeitig mussten sie dann auch die Befehle der SS tatsächlich umsetzen – und hatten dabei aber manchmal auch kleine Spielräume, also wenn es hieß, du musst fünf Leute von deinem Block in das schlechte Arbeitskommando schicken, dann konnte der Funktionshäftling oft entscheiden, welche fünf das waren.
SPRECHERIN
Doch viele der – anfangs meist deutschen - Funktionshäftlinge gehen mit besonderer Brutalität gegen ihre Mitgefangenen vor, wie etwa Krankenmann.
GILES BENNETT 3
Solche Dinge passieren auch, wenn man Menschen die Möglichkeit dazu einfach gibt, ihren niedersten Instinkten nachzugehen. Und man darf auch nicht vergessen, auch jeder Funktionshäftling befindet sich in einem Kampf ums nackte Überleben. Es ist also eine künstlich durch die SS hergestellte Situation, in der es einen Kampf aller gegen alle grundsätzlich ums Überleben gibt. Und das ist denke ich auch ein Grund, warum dann diese Positionen von „ein kleines bisschen Macht“ – nicht von allen aber von vielen Funktionshäftlingen – so missbraucht wurden.
SPRECHERIN
In den Auschwitzprozessen nach Kriegsende werden mehrere Funktionshäftlinge wegen mehrfachen Mordes oder Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt. Krankenmann ist nicht darunter. Er war schon 1941 bei der SS in Ungnade gefallen und auf dem Weg in ein anderes Lager entweder von seinen Mithäftlingen erhängt, oder später mit ihnen vergast worden.
MUSIK
SPRECHERIN
Pilecki beginnt mit dem Aufbau seiner Organisation. Er organisiert Mithäftlinge, von denen er viele noch aus dem polnischen Untergrund kennt, in Fünfergruppen.
MUSIK
Einzelne Zellen, die vorerst nichts voneinander wissen sollen, damit bei der Enttarnung einer Zelle nicht die gesamte Organisation gefährdet wird. Doch mit steigender Anzahl der Zellen gibt es zufällige Aufeinandertreffen:
ZITATOR
Mehr als einmal kam ein Angehöriger dann zu mir und berichtete: „Übrigens, da ist noch irgendeine andere Organisation als unsere im Lager tätig.“ Ich sagte dann immer, er solle sich keine Gedanken machen.
SPRECHERIN
Auch andere Häftlinge gründen in Auschwitz Widerstandsgruppen, mit denen Pileckis Organisation teilweise zusammenarbeitet. Schon relativ bald nach seiner Ankunft, im November 1940, gelingt es Pilecki außerdem, mittels eines freigekauften Häftlings, der zu seiner Organisation gehört, einen ersten Bericht an seine Vorgesetzten in Warschau zu schicken. Ab jetzt werden weitere Berichte über verschiedene Kanäle folgen, die der Welt Informationen über die Zustände im Lager liefern.
GILES BENNETT 4
'41 kommt der erste längere Bericht, wo auf Grundlage seiner Informationen im polnischen Untergrund ein Bericht über Auschwitz verfasst wird, nach London übermittelt wird, über Kuriere meistens, über Funksprüche, wo sehr viele Leute also ihr Leben riskiert haben, um diese Informationen nach draußen zu bringen. Und diese Informationen hat die polnische Exilregierung dann auch an die anderen Alliierten weitergegeben.
SPRECHERIN
Pilecki hofft, dass die Alliierten durch seine Informationen überzeugt werden, das Lager zu bombardieren oder zumindest Waffen für einen Aufstand abzuwerfen. Dann will er das Lager mit seiner Organisation übernehmen. Doch Generalleutnant Peirse, Oberbefehlshaber des britischen Bomberkommandos, erklärt 1941, dies sei momentan unmöglich. Die britischen Bomber würden für Einsätze gegen die deutsche Industrie gebraucht, und bei Angriffen auf Auschwitz würde man wahrscheinlich lediglich selbst Häftlinge töten. Pilecki plant langfristig – und weiß selbst doch nie, ob er den nächsten Tag noch erleben wird. In Auschwitz gibt es viele Möglichkeiten, zu sterben. Anfang 1941 kämpft Pilecki im läuseverseuchten Lazarett, das viele Häftlinge nicht mehr lebend verlassen, mit einem schweren Fieber; wahrscheinlich aufgrund einer Lungenentzündung.
ZITATOR
Im Sommer war es eine Zeit lang verboten gewesen, die Fenster zu öffnen – die Kranken hätten sich ja erkälten können. Alle litten unter der Hitze und dem Gestank. Jetzt, bei scharfem Frost, wurden zweimal täglich alle Fenster aufgerissen und der Krankenbau ausführlich gelüftet.
SPRECHERIN
Am dritten Tag kann Pilecki Kontakt zu einem polnischen Arzt aufnehmen, der Pfleger im Lazarett ist – und eines der ersten Organisationsmitglieder.
ZITATOR
Wenn du mich nicht sofort rausholst, verbrauche ich meine letzten Kräfte im Kampf gegen die Läuse. In meinem jetzigen Zustand habe ich es nicht mehr weit bis zum Schornstein des Krematoriums.
SPRECHERIN
Der Arzt schafft es, ihn auf eine andere Station zu verlegen, ihm Decken und Medizin zu verschaffen. Pilecki entkommt dem Krematorium – dank seines langsam wachsenden Netzwerkes.
MUSIK
SPRECHERIN
Im Jahr 1941 werden einige der Häftlinge, die bei Straßenrazzien aufgegriffen wurden, von ihren Familien aus Auschwitz freigekauft. Eine Chance für Pilecki, das Lager zu verlassen. Er hat bereits reichlich Informationen gesammelt und mit dem Aufbau des Widerstandes begonnen. Außerhalb des Lagers warten seine Frau und seine zwei Kinder. Doch in seinen Bericht schreibt er später:
ZITATOR (S. 114)
Die Aufgabe, die ich auszuführen begonnen hatte, nahm mich inzwischen aber so völlig in Anspruch, dass ich mir, seit mein Plan in Gang gekommen war, wirklich Sorgen machte, dass meine Familie mich womöglich freikaufen und so mein Spiel durchkreuzen würde, denn auch ich saß ja ohne Anklage hier und war bloß bei einer Razzia aufgegriffen worden. Ich durfte meine Aufgabe hier natürlich nicht erwähnen und schrieb deshalb an meine Familie, es gehe mir gut, sie sollten meinen Fall nicht wieder aufbringen, und ich wolle bleiben und abwarten, was das Schicksal für mich bereit halte.
MUSIK
SPRECHERIN
Als Hitler im Sommer 1941 die Sowjetunion überfällt, wird in Auschwitz zum ersten Mal das Giftgas Zyklon B gegen sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt. Pilecki berichtet von einer dieser Vergasungen, bei der mehrere hundert sowjetische Offiziere in einen Raum gesperrt werden.
ZITATOR
Am Abend traf eine Gruppe deutscher Soldaten unter Führung eines Offiziers ein. Die Gruppe betrat den Raum, legte Gasmasken an, warf einige Behälter mit Gas hinein und beobachtete die Auswirkungen. Kameraden von uns, die als Pfleger arbeiteten und am folgenden Tag die Leichen bergen mussten, erzählten, wie schrecklich es war. Die Männer waren so dicht zusammengequetscht, dass sie sogar als Tote nicht umfallen konnten.
SPRECHERIN
Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz, schreibt in seinen Aufzeichnungen, der Anblick der vergasten Menschen habe ihn damals beruhigt. Denn es müsse ja „in absehbarer Zeit mit der Massen-Vernichtung der Juden begonnen werden“, und nun habe man endlich die richtige Methode dafür entdeckt. Pilecki selbst reagierte damals noch naiv, als ihm ein Mitglied seiner Organisation von der Vergasung berichtet:
ZITATOR
Er war sehr verstört und kam schnell zu der Vermutung, dass diesem Versuch weitere folgen würden, womöglich mit Häftlingen. Das erschien damals noch unwahrscheinlich.
MUSIK
SPRECHERIN
Der polnische Untergrund im Lager Auschwitz ist langsam stark genug, um mehr zu tun, als seine Leute in guten Arbeitskommandos zu platzieren und einige der Kapos auf seine Seite zu ziehen. Er schafft regelmäßig Informationen nach draußen und erhält Medizin und andere Hilfsgüter, etwa über zivile Arbeiter, die im Lager ein und aus gehen können. 1942 bauen die Widerständler aus Einzelteilen einen funktionierenden Radiosender zusammen und berichten der Außenwelt über das Lager. Die Lagerleitung tobt, und bald müssen sie den Sender wieder abbauen, um nicht aufzufliegen. Als Fleckfieber, von Pilecki als Typhus bezeichnet, unter den Häftlingen ausbricht, versucht sich der Untergrund sogar in biologischer Kriegsführung.
ZITATOR
Im Labor des Krankenbaus züchteten wir typhusinfizierte Läuse und setzten sie bei jedem Apell und bei Blockinspektionen den SS-Männern auf die Mäntel.
SPRECHERIN
Welchen Anteil die Aktion daran hat, lässt sich nicht genau sagen, doch in den folgenden Monaten sterben mehrere Mitglieder der SS an Fleckfieber. Einer der größten mutmaßlichen Erfolge des Untergrunds ist, dass Lagerkommandant Höß seinen Posten vorübergehend räumen muss. Wohl deshalb, weil zu viele grausame Vorgänge aus dem Lager durch den Widerstand an die Weltöffentlichkeit gelangt waren. Doch die Vorgänge selbst kann der Widerstand nicht aufhalten. Neben dem bestehenden KZ Auschwitz wird ein neues Lager errichtet - das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
GILES BENNETT 5
Man beginnt dann ab der ersten Jahreshälfte 1942 im Stammlager Ausschwitz vor allen Dingen aber im neu damals zur errichtenden Lager Auschwitz 2, Auschwitz-Birkenau, in zwei umgebauten Bauernhäusern damit, Vergasungen durchzuführen mit Zyklon B, also mit Zyankali. Und da beginnt der Charakter von Auschwitz eine zusätzliche Dimension zu bekommen. Es bleibt die ganze Zeit auch ein Konzentrationslager, und ab dieser Zeit bekommt es zusätzlich den Charakter eines Vernichtungslagers, das heißt die Funktion dieses Lagers wird erweitert.
MUSIK
SPRECHERIN
Ab Sommer 1942 werden fast jeden Tag mehrere hundert, manchmal auch mehrere tausend Juden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau getötet, die anderen zu Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie gezwungen.
ZITATOR (S.157)
Man teilte sie in zwei Gruppen. Männer und Jugendliche über dreizehn bildeten die eine, Frauen und alle Kinder unter dreizehn die andere. Das geschah unter dem Vorwand, dass sie jetzt duschen würden und man sie, weil sie sich dazu ausziehen mussten, des Schamgefühls wegen trennte. Auch die Kleidung mussten die Angehörigen beider Gruppen auf großen Haufen deponieren, die angeblich zur Desinfektion gingen. Jetzt bekamen die Menschen wirklich Angst, dass ihre Kleidung und Unterwäsche durcheinandergeraten würden. Dann gingen sie zu Hunderten, Frauen und Kinder von den Männern getrennt, in die Gebäude, wo sich angeblich die Duschen befanden. In Wirklichkeit waren es die Gaskammern.
SPRECHERIN
Es wird noch bis Ende 1943 dauern, bis Auschwitz zum Zentrum der Judenvernichtung wird – dies sind im Moment noch die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Doch auch jetzt schon ist Auschwitz ein großindustrieller Schlachthof für Menschen.
MUSIK
SPRECHERIN
Auch im Stammlager werden die Häftlinge nun nicht mehr wahllos totgeprügelt. Der Tod kommt nun auch hier mit kalter Präzision. Erschießungen, Gas, Phenolspritzen. Doch groteskerweise sind die Bedingungen für die polnischen Häftlinge im Lager, die nicht durch Todesspritzen oder an der Erschießungswand sterben, besser als vielleicht jemals zuvor. Ihre Arbeitskraft wird gebraucht, Misshandlungen sind seltener geworden, sie dürfen sogar Lebensmittelpakete empfangen. Der Widerstand ist inzwischen gut organisiert und vernetzt, besitzt laut Pilecki sogar Nachschlüssel für die Waffenlager
MUSIK
Kommt es jetzt bald zum Aufstand, den Pilecki sich erträumt hat?
Im Frühjahr 1943 verlegt die Lagerleitung tausende von polnischen Häftlinge in andere Lager. Pileckis Organisation wird auseinandergerissen.
ZITATOR (S.212)
Da entschied ich, dass es jetzt zu schwierig sei, hier noch weiterzumachen. Nach zweieinhalb Jahren hätte ich mit „neuen Jungs“ völlig von vorne beginnen müssen.
SPRECHERIN
Pilecki beschließt, das Lager zu verlassen.
GILES BENNETT 6
Ich kann nicht in seinen Kopf blicken, und wir haben im Wesentlichen zu dieser Frage Aufzeichnungen, die ein, zwei Jahre später unter anderen Voraussetzungen aufgeschrieben wurden. Ich denke, dass es sicher ein Ursachenbündel ist. Es ist wahrscheinlich die sich verändernde Situation im Lager, der zunehmende Druck auf die Widerstandsorganisation im Lager, das Scheitern eines großen Aufstandsversuchs, aber es geht auch darum, dass er ausführliche Informationen über das Lager nach außen bringen möchte. Und so einen langen Bericht wie er ihn da geschrieben hat, den kann er eigentlich nur nach einer Flucht schreiben.
MUSIK
SPRECHERIN
Pilecki legt die Zukunft der Organisation in die Hände seiner Vertrauten im Lager und plant seine Flucht. Er schleust sich und zwei Mithäftlinge mit Unterstützung seines Netzwerkes in die Nachtschicht der Bäckerei ein, die außerhalb des Lagers liegt. Mithilfe eines vorher nachgemachten Schraubenschlüssels öffnen sie heimlich die schwere Stahltür nach draußen.
MUSIK
ZITATOR
Dann geschah das Unerwartete. Von einem sechsten Sinn oder einfach einem momentanen Einfall getrieben, ging der SS-Mann zur Tür hinüber, stellte sich dicht davor und inspizierte sie. (…) Wenn der SS-Mann plötzlich Alarm gab, würden wir uns auf ihn stürzen, ihn bewusstlos schlagen und fesseln müssen, ohne uns erst absprechen zu müssen. Fiel ihm denn nichts auf? Schlief er mit offenen Augen, dachte er an etwas anderes? Ich weiß bis heute nicht, warum er nichts bemerkte.
SPRECHERIN
Pilecki und seinen Begleitern gelingt die Flucht. Nach 945 Tagen in Auschwitz ist Pilecki wieder frei. Er hat überlebt.
MUSIK
SPRECHERIN
Nach seiner Flucht schreibt Pilecki mehrere Fassungen seines Berichts. Zusammen mit anderen Berichten werden seine Schilderungen Teil der Auschwitz-Protokolle, die 1944 die Alliierten detailliert über die Vernichtung in Auschwitz aufklären und vor dem bevorstehenden Mord an den ungarischen Juden warnen. Doch die Alliierten konzentrieren ihre Bombenangriffe weiter auf militärische Ziele.
GILES BENNET 7
Die Überlegungen resultierten in einer Entscheidung, je schneller wir diesen Krieg gewinnen, desto schneller hört die Verfolgung auf. Und man darf nicht vergessen, damals für Präzisionsbombardierung, nach den damaligen technischen Gegebenheiten und geographischen Gegebenheiten, die lange lange Flugstrecke, das war eine hoch-schwierige, wahrscheinlich nicht wirklich mögliche Operation. Ein Flächenbombardement hätte immer auch bedeutet, die Häftlinge zu gefährden. Wir reden hier von einem Ziel am absoluten Limit der Bomberreichweiten.
MUSIK
SPRECHERIN
1944: Innerhalb weniger Wochen werden 450.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert und größtenteils sofort ermordet. Auschwitz ist zum Zentrum der Judenvernichtung geworden, als das wir es heute in Erinnerung haben.
SPRECHERIN
Neueste Forschung stellt in Frage, ob die Idee, sich nach Auschwitz bringen zu lassen, wirklich Pileckis eigene war oder die einer seiner Vorgesetzten.
GILES BENNETT 8
Es kann sein, dass ihm jemand da den Befehl gegeben hat, den er dann auch angenommen hat. Ich persönlich finde die Frage nicht so wichtig. „Freiwillig nach Auschwitz“ – das ist natürlich ein sehr plakativer Titel. Aber seine Leistung, seine Taten beschränken sich nicht in dieser einen Entscheidung. Sondern wir sehen hier jemanden, der bewusst, von der Freiheit seines Volkes überzeugt, sich in sehr gefährliche Situationen begibt.
MUSIK
Auch nach Auschwitz riskiert Witold Pilecki weiter alles. Er kämpft beim Warschauer Aufstand gegen die Deutschen. Er überlebt den Krieg und schließt sich im Nachkriegspolen dem antikommunistischen Untergrund an. Dann wird er von der kommunistischen polnischen Geheimpolizei festgenommen, gefoltert und 1948 nach einem Schauprozess hingerichtet. Ein imperialistischer Spion soll er sein, ein Vaterlandsverräter. Er, der ohne zu zögern für die Freiheit Polens nach Auschwitz ging.
Bittere Armut trieb die Menschen in Norditalien dazu, sich in den Sommermonaten auf bayerischen Baustellen und Ziegeleien zu verdingen. Der Bauboom des späten 19. Jahrhunderts ist auch ihr Verdienst, doch die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren drückend. Mit dem Ersten Weltkrieg kam diese Arbeitsmigration schlagartig zum Erliegen. Von Julia Devlin (BR 2024)
Credits
Autorin: Julia Devlin
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Caroline Ebner, Sebastian Fischer
Technik: Robin Auld
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Lambert Grasmann
Linktipps:
Alles Geschichte (2024): Kinderarbeit – bei uns doch nicht!
Gertraud Seidl aus der Nähe von Augsburg ist stolz: Sie ist vier Jahre alt und darf nun endlich auch mit auf die Weide und ihren Schwestern beim Hüten der Kühe helfen. Es bleibt aber nicht bei dieser Aufgabe. Auf dem Bauernhof ihrer Eltern ist in den 1950er Jahren so viel zu tun, dass sie nur wenig Zeit zum Spielen und für die Schule übrig hat. Dabei macht ihr nichts so viel Spaß wie zu lesen und zu lernen. Als sie in der achten Klasse ist, treffen ihre Eltern hinter ihrem Rücken eine folgenschwere Entscheidung. Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab. JETZT ANHÖREN
SWR (2021): Wie werden Ziegelsteine hergestellt?
Ziegelsteine dienen seit tausenden von Jahren überall auf der Welt als wichtiger Baustoff. Für ihre Herstellung braucht man Ton, Lehm und heiße Öfen. Für die richtige Form sorgen Strangpressen. Moderne Ziegel haben Hohlräume, die eine bessere Schall- und Wärmedämmung bewirken. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO Eisenbahn
ZITATOR Pietro Menis
Meinen Einstand, meine erste Erfahrung in Deutschland erlebte ich zu Beginn des Jahrhunderts in der Ziegelei von Marktoberdorf in Bayern. Ich war noch keine elf Jahre alt und hatte nie zuvor einen Zug bestiegen, noch die Welt jenseits der Berge von Gemona gesehen. Dreißig Stunden dauerte die Fahrt in drei verschiedenen Zügen: einer bis zur Grenze bei Pontebba, ein zweiter durch Österreich bis Kufstein und ein dritter durch Ebenen, dichte Wälder und geschäftige Städte des fetten Bayern. Wie groß war doch die Welt!
SPRECHERIN
So beschrieb der Schriftsteller Pietro Menis, wie er im Jahr 1903 das erste Mal nach Bayern kam, um als "Mui", als Wegtrager in einer Ziegelei zu arbeiten. Er war zehn Jahre alt, und ihn quälte das Heimweh.
ATMO Dampfzug
ZITATOR Pietro Menis
'Gleich sind wir da, "mui", packt eure Sachen.' Durch das beschlagene Fenster sah ich dichtes Schneetreiben. Kurz danach hielt der Zug unter einem kleinen Dach, unter das der Sturm den Schnee trieb. Ich zitterte vor Kälte und Angst. 'Um diese Zeit macht deine Mutter die Polenta!' sagte einer. Ich begann zu weinen; sie hatten ihr Ziel erreicht und lachten mit unmenschlichem Vergnügen. Ich erinnere mich, daß 'die Großen', die 'eisenharten' Ziegler, auch später, in den folgenden Jahren, ihren Sadismus auslebten, indem sie den Jüngsten ihre heiligste Zuneigung in Erinnerung riefen - die geliebten Gesichter in der Ferne.
SPRECHERIN
Pietro war einer von tausenden Italienern, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre ländlich geprägte Heimat in Norditalien verließen, um sich während der Sommersaison im Ausland zu verdingen.
ZITATOR Pietro Menis
Die 'Arbeit', die Ziegelei, befand sich in einem kleinen Tal zwischen einem Hügel, der rechts anstieg, und einem Fluß, der links hinunterfloß. 'Beim Morgengrauen geht's los. An die Mutterbrust könnt ihr euch im Herbst wieder werfen...'
MUSIK
SPRECHERIN
Es war die bittere Not, die die Menschen dazu zwang. Schon immer war es in den kargen Alpentälern schwer gewesen, sich ein Auskommen zu verschaffen, und Saisonwanderung, besonders von spezialisierten Handwerkern wie Terrazzolegern und Schmieden, aber auch von Krämern, hatte jahrhundertealte Tradition. Dann geriet die italienische Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Krise, da billige Agrarprodukte aus Russland und den USA auf den Markt kamen. Dies traf besonders die norditalienische Region Friaul schwer. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung stark an, vor allem, weil die Kindersterblichkeit erheblich zurückging. Die Menschen verarmten, denn es gab nicht genug Arbeitsplätze in der Nähe. Nun waren es nicht mehr nur die spezialisierten Handwerker, die saisonal nach Arbeit suchten, sondern vor allem ungelernte Kräfte.
ATMO Baulärm
SPRECHER
Anders nördlich der Alpen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Industrialisierung im Deutschen Kaiserreich Fahrt auf, die Städte wuchsen, das Eisenbahnnetz verdichtete sich. Es gab immer mehr Arbeit, und immer mehr Baustellen. Gleichzeitig wurde es auch immer schwieriger, in den Sommermonaten genügend Arbeitskräfte für die Saisonarbeit zu finden. Mit Einheimischen war das nicht mehr zu stemmen - zumal am Ende des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle knapp zwei Millionen Deutsche nach Übersee geführt hatte. Da lag es nahe, ausländische Arbeitskräfte anzustellen. Sie waren bereit, die harte Arbeit zu leisten, die bei den Einheimischen nicht beliebt war.
MUSIK
SPRECHERIN
Auch Bayern boomte. Hier fanden vor allem Arbeitskräfte aus Italien Arbeit. Weil sie von jenseits der Alpen kamen, wurden sie "transalpini" genannt. Sie fanden - wie Pietro Menis - vor allem in den zahlreichen Ziegeleien Arbeit. Wo immer sich im lehmreichen Bayern im 19. Jahrhundert ein Vorkommen dieses Rohstoffs fand, wurde er alsbald abgebaut, zu Ziegeln verarbeitet und zu den nächstgelegenen Baustellen gebracht. Zahlreiche Ziegeleien gab es zum Beispiel um Augsburg und München. Die dort gefertigten Ziegel wurden für den Bau der rasch wachsenden Stadt benötigt, für die großen Kasernen, für die Pflasterung der Gehwege und Straßen und für die Tunnel der neuen Kanalisation. Die Städte waren ziegelhungrig, sie verschlangen Unmengen des Baustoffes.
SPRECHER
Doch auch anderswo, wo der Rohstoff Lehm zu finden war, entstanden aufgrund der großen Nachfrage Ziegeleien. So auch im niederbayerischen Vilsbiburg. Im Heimatmuseum der Stadt erfährt man viel zu der Ziegeleigeschichte. Lambert Grassmann hat hier in seiner Zeit als Direktor des Heimatmuseums die Abteilung "Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburger Land" eingerichtet. Im obersten Stockwerk des stattlichen Baus - dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital aus dem Spätmittelalter- kann man seine Funde bewundern.
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Da gibt es Dachziegel aller Formen und Größen, tönerne Wetterhähne, die hölzernen Formen, in denen der rohe Lehm gepresst wurde. Es gibt markierte Ziegelsteine, die Beschriftungen tragen, auf denen eine Zeichnungen eingeritzt ist oder ein Name. Dies sind die Feierabendziegel, bei denen sich ein Ziegler die Freude gemacht hat, einen Ziegel individuell zu verschönern. Anrührend das Exemplar, das den Abdruck einer kleinen Hand zeigt: Hier hat ein Kind, vielleicht so alt wie Pietro Menis, seine Hand in den noch feuchten Lehm gedrückt. Lambert Grasmann hat diese Exponate zusammengesucht. Wie er erzählt, hat er
O-Ton Grasmann 1
Darunter einen Ziegelstein erhalten, eine Bodenplatte, die bezeichnet ist: "Buia, Santi Angelo". Kein Mensch hat gewusst, was das bedeutet.
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Die quadratische Platte aus Ton stammte aus einem Bauernhaus der Umgebung. Sie war Teil des Fußbodenbelags gewesen. Jemand hatte sich große Mühe damit gegeben, in sorgfältigen Buchstaben in den noch feuchten Ton zu ritzen: Buia Santi Angelo.
O-Ton Grassmann 2
Der Kreisheimatpfleger von Dingolfing, Fritz Markmüller, hat mir das aufgelöst: Buja ist eine Stadt, wo - aus dem Umkreis vor allem - Ziegler nach Bayern, in die Schweiz und nach Frankreich gewandert sind und haben Ziegel hergestellt.
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Buja liegt im Friaul, einer Landschaft in Venetien im Nordosten Italiens. Die in Bayern tätigen transalpini kamen vor allem aus dieser Gegend. Lambert Grassmann hat sogar noch einen persönlichen Kontakt zu den transalpini herstellen können.
O-Ton Grassmann 3
Und ich habe einen alten Herrn gefunden, der ist mir verraten worden von der Gemeinde, einen Domenico Calligaro, dessen Vater in Vilsbiburg von 1883 bis 1908 Akkordant, also Ziegelmeister war, und der für die Anwerbung der Arbeiter, dann fürs Essen zuständig war, und auch für die Bezahlung, die er ja vom Ziegeleibesitzer erhalten hat, die hat er dann an die Arbeiter weitergegeben.
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Die Akkordanten waren Zwischenunternehmer. Sie waren oft selber Ziegeleiarbeiter gewesen und beherrschten die benötigten Sprachen - deutsch, italienisch und das im Friaul gesprochene furlanisch. Vor Saisonbeginn handelten sie mit den Ziegeleibesitzern einen Vertrag aus. Darin wurde festgelegt, wieviele Steine zu liefern waren und wie die transalpini untergebracht und verpflegt würden. Auch der Preis für 1000 Stück Steine wurde ausgehandelt. Mit dem Vertrag in der Tasche kehrten die Akkordanten ins Friaul zurück und warben dort eine Mannschaft, die sogenannte squadra an. Die Menschen, die die Wintermonate ohne Einkommen gewesen waren, verpflichteten sich bereitwillig. Diese Tage des Anheuerns wurden in einigen Dörfern wie ein Volksfest begangen, auch wenn kritische Stimmen von einem "Markt für Menschenfleisch" sprachen.
MUSIK
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Im März oder April brachen die Ziegler dann nach Deutschland auf. Vor dem Bau der Bahn war dies ein Fußmarsch von etwa zehn Tagen. Die Route folgte jahrhundertealten Pfaden, über den Plöckenpass, den Felbertauern und den Pass Thurn nach Kitzbühl und Kufstein bis nach Bayern. Der Akkordant führte seine Arbeitsgruppe, organisierte die Verpflegung und die Unterkunft auf der Strecke.
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Mit der Brennerbahn wurde 1867 eine direkte Verbindung zwischen Deutschland und Italien geschaffen. Dies verkürzte die Reisedauer nach Bayern auf zwei Tage. Im Herbst ging es dann zurück. Der Akkordant Luigi Calligaro blieb jedoch in Vilsbiburg, wie Lambert Grassmann von dessen Sohn erfahren hat.
O-Ton Grassmann 4
Der Domenico Calligaro, 1890 geboren, war natürlich bei seinem Vater mit dabei, und der Mutter, und die haben diese Jahre, von 1883 bis 1908 in Vilsbiburg gelebt. Die sind praktisch nicht heimgefahren, oder heimgewandert, wie die Ziegelarbeiter, die ja im März gekommen sind und im Oktober, spätestens Anfang November wieder in die Heimat mit Geld zurückgekehrt sind, sondern der ist dageblieben. Dieser Luigi Calligaro, dieser Akkordant, der hat in Vilsbiburg eine gehobene Stellung gehabt. Der war schon jemand, den man auch gehört hat.
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Durch ihre Orts- und Sprachkenntnisse hatten die Akkordanten eine mächtige Position, denn die von ihnen geworbenen Saisonarbeiter waren auf sie ebenso angewiesen wie die Ziegeleibesitzer. Möglicherweise war die verbesserte Bahnverbindung der Grund dafür, dass der Akkordant Luigi Calligaro nicht mehr als Begleitung benötigt war. Auch war es für das Familienleben einfacher - der Sohn Domenico musste nicht aus seinem Alltag herausgerissen werden.
O-Ton Grassmann 5
Er war ja im Kindergarten in Vilsbiburg, und ist auch in die Schule gegangen, er hat mir sein Schulzeugnis gezeigt.
Ich hab von seinem Sohn dann, vom Piere-Luigi, ein Erstkommunionzeugnis von 1901 bekommen; das kann man im Heimatmuseum sehen.
MUSIK
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Fast achtzig Jahre später kehrte Domenico Calligaro nach Vilsbiburg zurück - 1979, zu einem Klassentreffen. Lambert Grassmann hat ihn dann kurz darauf während eines Italienurlaubs in Buja besucht. Daraus entwickelte sich nicht nur eine persönliche Freundschaft, sondern auch eine lebendige Städtepartnerschaft zwischen Vilsbiburg und Buja.
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Sehr gerne kommen die Besucher aus Buja ins Museum, denn hier liegt ein Verzeichnis mit über 2.300 italienischen Ziegelarbeitern und -arbeiterinnen aus. Lambert Grasmann hat dazu Krankenversicherungsunterlagen ausgewertet. Denn im wilhelminischen Kaiserreich waren ab 1883 alle Beschäftigten in Handwerks-, Fabrik- und Gewerbebetrieben krankenversicherungspflichtig.
O-Ton Grassmann 7
Da sind also die Namen drin, die Herkunft der Ziegler, die persönlichen Daten, der Arbeitsort, und die Arbeitszeit, also vom Anfang bis zum Herbst, solang sie halt da waren.
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Eine Fundgrube für die Familienforschung.
O-Ton Grassmann 8
Wenn Besucher aus Buja kommen, da können die wunderbar suchen drin, die finden dann einen Angehörigen, der da gearbeitet hat.
MUSIK
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Die Arbeit in den Ziegeleien war hart. Ein zeitgenössischer Beobachter schreibt:
Zitator Giovanni Cosattini
Die Arbeiter, welche der größten Anstrengung unterworfen sind, sind die Handformer, deren Arbeit, den Tonklumpen hochzuheben und in die Form zu drücken, eine große Arbeitskraft in Armen und Brust erfordert... Jeder Ziegelformer hat eine Arbeitsbank zu seiner Verfügung nebst einer kleinen Kiste für den Sand, der auf das Rohmaterial gestreut wird... Ihm helfen zwei Muli, wie im Berufsjargon die beiden Knaben zwischen 10 und 15 Jahren genannt werden, denen es obliegt, die gefüllte Form aufzuheben, den Ziegel herauszunehmen, ihn auf den Trockenplatz zu schaffen, die Form zur Bank zurückzubringen, sie mit Sand zu bestreuen und dem Former zu reichen.
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Auch Frauen wurden als Muli eingesetzt.
O-Ton Grassmann 15
Die Frauen, das waren die Wegtrager. Und die Kinder. Die mui auf Furlan, auf Friulanisch, und sonst auf Italienisch heißen sie muli. So hat man sie genannt, und so hat man sie auch benutzt.
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Zwischen fünf- und siebentausend Ziegel musste ein einzelner stampatore, ein Ziegelpatscher, wie er auf bayerisch hieß, an einem Tag schlagen. Die Arbeit begann zwischen vier und fünf Uhr morgens und dauerte bis in die Nachtstunden. Und dies bei ebenso dürftiger Ernährung, die vor allem aus Polenta und Käse bestand, und bei dürftiger Unterkunft: Die Schlafräume waren meist mit Stroh ausgelegte Bretterverschläge auf dem Gelände der Ziegelei, oder die Holzböden der Trockenstadel.
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Im Jahre 1879 setzte das Königreich Bayern eine Gewerbeaufsicht ein, um den Schutz von Arbeitern und Arbeiterinnen in Betrieben zu kontrollieren. Lambert Grassmann weiß zu berichten:
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Da ist der sogenannte Fabrikeninspektor gekommen aus Landshut und hat nachgeschaut, wie es mit den Arbeitsstellen ausschaut, mit den Unterkünften, etc., mit den hygienischen Verhältnissen, und das waren natürlich nicht die besten. Gerade die sogenannten Aborte, hat er geschrieben: "Es gibt kein Dach, es gibt keine Seitenwand, es gibt keine Rückwand, es gibt keine Türe. Es gibt nur einen Balken." Und dann, aufgrund dieser Beanstandung, ist es dann besser geworden. Es sind dann feste Unterkünfte gemacht worden, ein paar Häuser stehen noch...
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Besonders die Kinder- und Jugendarbeit in den Ziegeleien war der Gewerbeaufsicht ein Dorn im Auge. Sie versuchten, das Mindestalter für die Jugendlichen heraufzusetzen und ihre Arbeitszeit zu begrenzen.
O-Ton Grassmann 10
Es hat einen Aushang geben müssen, wo also diese Schüler aufgelistet werden müssen, 28.47 und da ist also immer wieder aufgefallen, dass welche unter 13 Jahren, mit 10 Jahren also haben sie welche mitgenommen. Und die san dann heimgeschickt worden. Wie das gegangen ist, weiß ich nicht, aber sie sind dann heimgeschickt worden.
MUSIK
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Auch in der bayerischen Schulbehörde sorgte man sich um die minderjährigen Italiener. Denn die Schulpflicht erstreckte sich in Bayern auch auf ausländische Kinder. So richtete ab 1890 die Schule an der Wörthstraße im Münchener Stadtteil Haidhausen eigene Schulklassen ein, in denen die Kinder der transalpini und jugendliche Ziegeleiarbeiter auf Italienisch unterrichtet wurden. Hier, am Ostufer der Isar, befanden sich zahlreiche Ziegeleien, denn zwischen Ismaning und Ramersdorf erstreckte sich eine ertragreiche Lehmzunge.
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Das Ansinnen mutet heute bemerkenswert fortschrittlich an. Es war ein bayerisch-italienisches Prestigeprojekt. Der päpstliche Nuntius schaute gelegentlich vorbei. Der italienische Generalkonsul und der Vizekonsul ließen sich gerne bei der jährlichen Abschlussfeier sehen, und dank großzügiger Spenden wurde jedes Kind an diesem Tag mit einem neuen Gewand, einer Brotzeit und einem Glas Bier bedacht. Doch die gutgemeinte Idee scheiterte an der Praxis. Zu weit waren die Wege, und zu sehr wurde die Arbeitskraft auch der Jüngeren gebraucht. Und so wurde das Projekt schon 1904 wieder aufgegeben.
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Auch die katholische Kirche kümmerte sich um die transalpini. Dies war aufgrund der Konfession naheliegend. Die Kirche verglich die Arbeitsmigration mit dem Exodus der Israeliten aus Ägypten oder mit der Flucht der Heiligen Familie. Sie gründete die Hilfsorganisation "Opera di assistenza". Lambert Grassmann weiß von Vilsbiburg zu berichten:
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31.01 1898 hat also die Obrigkeit möglich gemacht, dass die italienischen Ziegelarbeiter in der Wallfahrtskirche Maria Hilf zu Vilsbiburg einen Gottesdienst haben besuchen können, und die Predigt hat ein aus München stammender ... Pater gehalten, der Pater Linus, der war Vikar des Kapuzinerklosters in München, hat natürlich Italienisch können, vielleicht war's sogar ein Italiener.
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Neben den Ziegeleien waren die zahlreichen Baustellen im Boomland Bayern ein Betätigungsfeld der transalpini. Im Hoch- und Tiefbau, für Häuser, Tunnels, Straßen und Eisenbahn wurden die italienischen Wanderarbeiter eingesetzt. Hier kamen den transalpini ihre Erfahrung mit dem schwierigen Terrain der Alpen zugute. Der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf schildert in seinem autobiografisch geprägten Roman "Das Leben meiner Mutter", wie er einen solchen Bautrupp erlebte:
ZITATOR Oskar Maria Graf
Die Bauleute setzten sich zum Teil aus bärtigen, dunkelhäutigen, ausgedörrten Italienern zusammen... Sie redeten ein ziemlich unverständliches Kauderwelsch zusammen, aber sie schufteten viel ergebener als die einheimischen, meist schon gewerkschaftlich organisierten Maurer. Sie kamen scharenweise Sommer für Sommer aus den armen Gegenden ihrer fernen Heimat, arbeiteten für jeden Lohn und kannten nur eine Kameradschaft unter sich, die wahrscheinlich auch nur von der gleichen Sprache herrührte. Sie knauserten und sparten und waren auf jeden Pfennig Nebenverdienst gierig erpicht...
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Oskar Maria Graf beschreibt, warum die transalpini als Arbeitskräfte so beliebt waren: sie waren zuverlässig, anspruchslos und bereit, die unbeliebte, harte Arbeit zu leisten. Zudem waren sie durch ihre mangelnden Deutschkenntnisse und ihren immer nur saisonalen Einsatz isoliert. Daher wurden sie gerade auf Baustellen immer wieder als Streikbrecher und Lohndrücker eingesetzt, wo sie teilweise durch Polizei von den einheimischen Arbeitern abgeschirmt werden mussten. Denn sie machten sich dadurch natürlich nicht beliebt. Die Bezeichnung "Furlan", eigentlich nur die Bezeichnung für eine Person aus dem Friaul, wurde in deutschen Maurerkreisen sogar ein Synonym für einen Streikbrecher.
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Graf spricht auch die Sparsamkeit der transalpini an. Sie gaben kaum etwas für sich selber aus, denn sie wollten möglichst viel Geld mit zurück nach Hause nehmen. Das trug in der Tat Früchte. Der Lebensstandard in der Heimat besserte sich, denn die Wanderarbeiter brachten nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Wissen und ihre Fertigkeiten mit ins Friaul. Die Schattenseite war jedoch, dass sie über ein halbes Jahr zuhause fehlten - ein geregeltes Familienleben war mit monatelang abwesenden Familienvätern nur schwer möglich, und die Arbeit in der Landwirtschaft mussten die Daheimgebliebenen stemmen.
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Eine weitere Schattenseite war der gestiegene Bierkonsum der Heimgekehrten. Oft wurde auf den bayerischen Ziegeleien Bier ausgeschenkt, und viele transalpini wollten es auch während der Wintermonate in der Heimat nicht mehr missen. Die Brauereien im Friaul steigerten ihre Produktion zwischen 1890 und 1914 um das Neunfache. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Todesfälle durch Alkohol rasant an. Besonders beunruhigend war, dass gerade die Kinder und Jugendlichen, die aus Bayern zurückkehrten, sich das Biertrinken angewöhnt hatten.
MUSIK
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Wie viele transalpini in Bayern arbeiteten, lässt sich nur ungenau feststellen, Schätzungen gehen von zwölf- bis fünfzehntausend Personen für eine Sommersaison aus. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam die Massenwanderung schlagartig zum Erliegen. Die Italiener, die sich gerade zur Saisonarbeit in Bayern aufhielten und im August 1914 von der Kriegserklärung überrascht wurden, kehrten überstürzt nach Hause zurück. Angetrieben von der Furcht, dass eine Rückkehr später nicht mehr möglich sein könnte. Es gab Unruhen und Staus in vielen Grenzorten, so auch in Kufstein, ein Nadelöhr für die transalpini, die von Bayern ins Friaul zurück wollten. Oder mussten: Denn viele transalpini erhielten einen Einberufungsbefehl. Aus Zieglern wurden nun Soldaten. Das Kriegerdenkmal in Buja zählt 101 Ziegler auf, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind.
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Und so kam die lange Tradition der Arbeitsmigration von Italien nach Bayern zum Erliegen. Erst gute vier Jahrzehnte später, in der Wirtschaftswunderzeit, schloss die junge Bundesrepublik ein Abkommen über Arbeitswanderung mit Italien. Dabei zeigte sich, dass beide Seiten noch stark auf die Erfahrung der transalpini vor dem Ersten Weltkrieg zurückgriffen, was eine Illusion der Rückkehr anbetraf. Vor allem die Bundesregierung glaubte, dass die sogenannten Gastarbeiter saisonal oder nach Konjunktur zu steuern wären, weil man sich noch an der zyklischen Arbeitsstruktur des Kaiserreichs orientierte.
MUSIK
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Was bleibt von Jahrzehnten der Arbeitsmigration? Nur wenige transalpini ließen sich auf Dauer in Bayern nieder. Doch ihr Vermächtnis findet sich in den Bauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, vermauert in Häusern und Schulgebäuden, Kirchen und Kasernen, Krankenhäusern und dem unterirdischen Kanalnetz der Städte.
Oft trugen sie 50 Kilo auf dem Rücken. Sie kamen dahin, wo die Säumer mit ihren Pferden und Wagen nicht hinkamen. Zu Fuß trugen sie auf ihren "Kraxen"-Gestellen Waren über die Alpen und bedienten einen inneralpinen Handel, der heute schon fast vergessen ist. Von Markus Mähner (BR 2021)
Credits
Autor: Markus Mähner
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Berenike Beschle, Friedrich Schloffer
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Robert Büchner
Besonderer Linktipp der Redaktion:
Radiowissen (2025): Rezepte des Überlebens
Ganz typische Verhaltensweisen rund ums Essen gibt es in fast jeder Familie - dass man zum Beispiel als Kind immer seinen Teller leer essen sollte. So war es jedenfalls bei Iska Schreglmann. Als ihre Mutter stirbt und sie die Wohnung ausräumt, fällt Iska ein Kochbuch von 1871 in die Hände. Als sie erfährt, dass ihre Eltern als Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg hungern mussten, beginnt sie zu recherchieren: Was hat das rätselhafte Kochbuch mit dem Hungerwinter von 1946/47 zu tun? Und was mit ihr selbst - etwa damit, dass sie immer alles aufessen musste? ZUM PODCAST
Linktipp:
SWR (2023): Hast du mal ‚nen Euro? Zur Kulturgeschichte des Bettelns
Mal sind es Hilfsbedürftige in auswegloser Lage, mal arbeitsunwillige Faulenzer oder gar Kriminelle - das Bild des Bettelns ist widersprüchlich und wandelbar: Genoss es im Mittelalter noch einen guten Ruf, störten Bettler in der Neuzeit immer öfter die öffentliche Ordnung und Arbeitsmoral. Und heute? Welche Rolle hat Bitten und Betteln in unseren Gesellschaften? Warum hat sich das Bild vom Betteln so verändert? Und ist Crowdfunding auch eine Form des Bettelns? JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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MUSIK
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Ein bekanntes Gemälde Carl Spitzwegs zeigt einen Mann mit langem Stock und mannshoher Holzkiste auf dem Rücken, wie er gerade auf einem Baumstamm, der als Brücke dient, eine Schlucht überquert. Er trägt zerfranste Kleidung und einen Tirolerhut mit Feder. Das Vorbild für diesen „Kraxenträger“, wie der Bildtitel den Mann bezeichnet, war der Berchtesgadener Anton Adner, den Spitzweg als Kind noch kennengelernt hatte. Adner, der im Jahr 1822 im stolzen Alter von 117 Jahren starb, gilt heute noch als der älteste bekannte Bayer. Ein Zusammentreffen mit dem bayerischen König Maximilian I. Joseph, fünf Jahre vor seinem Tod, machte den Berchtesgadener endgültig unsterblich.
ZITATOR
„Der Mann mit seinen Silberhaaren, klein und mager von Gestalt, aber noch frisch und froh, ohne alle Stütze eines Stabes, nahte sich dem freundlich ihm zugewandten Könige.“
SPRECHER
Heißt es über Adner in einem 1827 veröffentlichen Buch mit „Anekdoten aus dem Leben Maximilian I. Joseph“
ZITATOR
„Nachdem er früh sich mit dem Gewerbehandel mit Berchtoldsgadner Waren zu widmen begann, trug er noch in dem Alter von hundert Jahren zu Fuß hölzerne Fabrikarbeiten und Spielzeuge aus der Heimat mit dem beladenen Tragkorbe auf dem Rücken über die Berge nach Salzburg, der Schweiz, Tirol, Steiermark, Österreich und Bayern. Seine weiße Kappe trug er bereits 33 und seinen Rock 55 Jahre.“
SPECHER
Was hier wie ein romantisch verklärtes Idyll klingt, war für die Betroffenen oft die einzige Möglichkeit ihren dürftigen Lebensunterhalt zu verdienen. Und Adner war beileibe nicht der Einzige. In manchen Gegenden stellten die „Kraxenträger“ zeitweise einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung dar. Denn die Hochgebirgsregionen wie das Walsertal, das Zillertal oder das Defereggental waren noch keine Tourismusziele. Robert Büchner, emeritierter Geschichtsprofessor an der Universität Innsbruck:
Büchner
Die Hochzeit für sie war so 1760 bis erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dann kommt schon die Massenproduktion und so weiter, Massenindustrie.
SPRECHER
Wanderhandel gab es schon immer. Doch dass im 18. Jahrhundert dieses mühsame Gewerbe - besonders in gebirgigen oder moorigen Regionen - besonders stark anwuchs, lag an zwei Faktoren.
Büchner
[...] Bleiben wir mal bei Bayern und bei Tirol und angrenzende Länder: Im Alpenvorland und in den Gebirgsgegenden, besonders den Hochgebirgsgegenden wie in Tirol, war zu wenig Land vorhanden, das bebaubar war, war ein karger Boden. Das heißt zu gut Deutsch: Wenn die Bevölkerung wächst - und sie wächst bei uns seit Ende des 15. Jahrhunderts im Reich deutlich sichtbar an, die Verluste seit der großen Pest von 1348 sind dann aufgeholt - es waren zu viele Leute da.
Aus Studien aus Oberbayern wissen wir, dass die Landwirtschaft nicht mehr genügend Leute anstellen / aufnehmen konnte.
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Und somit war es nicht nur für landwirtschaftliche Tagelöhner ohne eigenen Grund notwendig sich ein anderes Auskommen zu suchen. Auch mancher Hof ernährte nur mehr den Erstgeborenen. Die jüngeren Geschwister mussten „auf Wanderschaft“ gehen, wie Robert Büchner sagt:
Büchner
Das sind also alles einkommensschwache, unterbäuerliche Schichten, die gezwungen sind, aus Armut auf Wanderschaft zu gehen und einen Nebenverdienst zu suchen. Und der war bei einem normalen Kraxenträger um 1800 sehr gering. 30 Gulden pro Mann. Davon konnten sie - selbst wenn sie eine kleine Bauernschaft mit zwei Kühen hatten und zwei, drei Feldern - nicht leben. Sie konnten leben davon, wenn die ganze Familie auf Reisehandel sich einließ.
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Denn auch die Frauen – ja manchmal sogar Kinder, obgleich das eigentlich verboten war – durchstreiften die Lande als Händler. Zunächst verkauften sie eigene landwirtschaftliche Produkte oder gesammelte Kräuter auf dem Markt einer nahen Stadt. Doch schon bald zog es sie auch weiter in die Ferne mit anderen, oft selbst hergestellten Produkten. Vielerorts waren ein Drittel der Händler Frauen. Gerade ledige, verwitwete oder geschiedene Frauen hatten keine andere Chance als sich als Kleinhändler/innen durchzuschlagen und selbst ausgegrabene Enzianwurzeln – zum Brennen von Schnaps – oder selbstgeklöppelte Spitze zu verkaufen. Im Grödnertal, wo das Spitzklöppeln große Tradition hatte, gab es teils sogar mehr Frauen als Männer im Wanderhandel.
MUSIK
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Doch meist waren es doch die Männer die mit der Kraxe losgingen. Und meist auch länger und weiter als die Frauen. Wie sehr das auch das Leben in manchen Orten verändert hat, zeigt sich noch heute in Chroniken aus dieser Zeit. Manche sprichwörtliche „Wanderhändlerdörfer“, wie in Bayern zum Beispiel Mittenwald oder Dießen am Ammersee, waren im Sommer oft menschenleer. Da besonders die männliche Bevölkerung in diesen Monaten unterwegs war, fanden Hochzeiten nahezu ausschließlich im Januar und Februar statt. Geburten gab es dementsprechend hauptsächlich im Oktober und November. Denn: Ein Wanderhändler war oft den ganzen Sommer hindurch unterwegs, er kehrte nicht einfach um, sobald er seine Waren verkauft hatte.
Büchner
Das Problem ist - sie haben es ja schon sagt – mitnehmen: Selbst, wenn man die Kraxe voll hat. Man geht ja nicht gleich wieder nach Hause. [...] Man geht von zu Hause aus mit den heimischen Waren. Aber damit man nicht immer wieder gleich die Kraxe leer hat, wenn man kein Warenlager anlegen konnte, hat man im Ausland Waren zugekauft. Das wäre viel zu schlecht gewesen für den Verdienst, wenn man nur mit einer Kraxe rausgeht. […] Die haben sich alle im Ausland weiter eingedeckt und das mussten nicht dieselben Waren sein. Man geht mit Kurzwaren, mit Schnittwaren von Tirol aus und deckt sich in Nürnberg mit anderen Kurzwaren ein oder anderswo mit Spielzeug und geht dann weiter hausieren.
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Der Begriff „Hausieren“ beschreibt sehr deutlich die Eigenheit dieses Handels. Denn die meisten Kraxenträger haben sich nicht auf den Markt gestellt und gewartet bis ein Käufer zu ihnen kommt, sondern sind tatsächlich von Haus zu Haus gegangen, um ihre Waren zu verkaufen. Eine solch unökonomische Tätigkeit kennt man heute – in Zeiten von Kaufhäusern und Internethandel - nicht einmal mehr vom Staubsaugervertreter! Denn da Wanderhändler ja nicht nur in Städten unterwegs waren, lagen die Häuser oft sehr weit auseinander:
Büchner
In einem Jahr hatte so ein Kraxenträger leicht mal 700-800 Kilometer zurückgelegt. Die waren das gewohnt, und die sind ja zum Verkauf - als dann die Massenproduktion gekommen ist im 19. Jahrhundert – sind sie weitergezogen. Sie sind dann die abgelegensten Einödhöfe weiterhin gegangen. Wegen zwei, drei Kunden sind sie 20 Kilometer gegangen.
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Und dort wurden sie oft schon erwartet. Denn nicht jeder hatte die Möglichkeit in eine Stadt mit reichhaltigem Warenangebot zu fahren. Und in vielen Dörfern oder kleineren Städten gab es selbst Dinge des alltäglichen Bedarfs nicht immer zu kaufen. Das wussten die Kraxenträger und konnten somit zielgerichtet mit einem spezifischen Warenangebot all jene besuchen, die sie sehnlichst erwarteten.
Büchner
Es gibt kaum einen Krämer, einen Kraxenträger, der ein breites Warensortiment hat. Man hat sich schon spezialisiert. Aber wenn Sie so wollen, das reichte bei den Kraxenträgern von Kurzwaren - darunter sind etwa zu verstehen Nägel, Messer, Scheren, Nadeln, Knöpfe, Garn, Zwirn, Fingerhüte, Bleistifte, Tinte, Schnürsenkel, Borten, Seitenbänder und so weiter - über Haushaltswaren wie Glas und Tongeschirr, Töpfe und Pfannen. Ferner waren Kraxenträger unterwegs mit Decken, Strümpfen, Bettfedern, landwirtschaftlichen Geräten wie Sensen, Sicheln und Wettstein und meistens einfachem Schmuck, Paternoster - also Rosenkränze - Ringe, Ohrgehänge, Broschen, Ketten. Sie sehen, das ist ein ganz breites Spektrum.
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Doch auch Spezialwaren wie Barometer, Thermometer oder Ferngläser, die hauptsächlich im Friaul hergestellt wurden, trugen sie von Norditalien über die Alpen bis nach Bayern. Dort konnten sie dann Waren kaufen, auf die man sich in diesen Gegenden spezialisiert hatte. Wie zum Beispiel von den sprichwörtlichen „Herrgottsschnitzern“ aus Oberammergau, den Hinterglasmalern aus Murnau am Staffelsee oder den Uhrmachern im Schwarzwald.
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Und auch den Vogelhändler gab es, wie wir ihn noch aus Mozarts Singspiel kennen.
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Manche Wanderhändler haben ihre Waren zum Teil selber hergestellt, wie Anton Adner, der im Anfertigen von Holzschachteln und wohl auch im Stricken einiges Talent zeigte. Doch die Meisten kauften ihre Waren bei lokalen Händlern – auf Reisen wäre das anders auch gar nicht rentabel gewesen. Da sie aber oft nicht genug Geld hatten, standen sie immer wieder in der Schuld dieser lokalen Händler:
Büchner
Oft ist es so, dass Kraxenträger auf Kredit gehandelt haben. […] Und wenn sie dann von ihrer Handelsreise zurückkamen, um im nächsten Jahr wieder auf Reise zu gehen, dann haben Sie erst mal die Altware, die sie verkauft hatten, bezahlt und neue wieder eingekauft. Kraxenträger sind eher die Ärmeren - besonders arm waren etwa unter den Kraxenträgern die Glashändler und die mit Tonwaren, also Küchengeschirr. Man hat ja gesagt: Wenn ein Glashändler hinfällt, steht dann ein Bettelmann wieder auf.
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Viele ortsansässige Händler rechneten mit diesen billigen Lieferdiensten und banden sie fest an sich. Wie zum Beispiel der Verleger Matthäus Rieger, der in Augsburg 1745 eine riesige Buchhandlung eröffnete. Der Schriftsteller Johann Pezzl schrieb über ihn:
ZITATOR
„Sein Verlag ist sehr dick und er hat dabei ein schönes Vermögen gesammelt. Er hält das ganze Jahr hindurch einige dreißig Kerle, die mit Butten auf den Rücken, oder mit Karren voll heiliger Sermone ganz Tirol, Bayern, Schwaben, Franken und Österreich durchstreifen und den gemächlichen Pfarrern das Futter für ihre geistliche Herde auf Jahre lang verkaufen. Es soll manchen alten Ruraldekan geben, der schon den ganzen Riegerschen Verlag durchgepredigt hat."
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Weniger an Pfarrer, mehr an das bäuerliche Volk wurden auch gerne Schriften wie frivole Gedicht- und Liederbüchlein oder religiöse und politische Traktate verkauft. Da durften dann gerne wieder die Frauen und Kinder übernehmen von Tür zu Tür zu gehen. Denn sollten sie aufgegriffen werden, so drohte ihnen eine mildere Strafe als den Männern, wenn sie solch „anstößige“ Literatur vertrieben!
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Tatsächlich war der Kleinhandel mit Büchern, Bilddrucken oder Heiligenbildchen sehr gefragt. Schon im 17.Jahrhundert beschäftigte der in Padua geborene Giovanni Antonio Remondini mehrere Wanderhändler und baute so ein europaweites Handelsnetz aus, das farbenfrohe Drucke und kleine Bücher an die einfachen Leute brachte. Manchmal haben sich aber auch Wanderhändler selbst untereinander zusammengetan um gemeinsam ein Lager im Ausland zu finanzieren. Robert Büchner:
Büchner
Dann kamen Sie darauf: Sie können gemeinsam einkaufen und verkaufen. Und je nach der Einlage mussten sie die Unkosten tragen und wurden aber nach der Einlage auch am Gewinn beteiligt. Und aus diesen Warenlagern sind oft Handelsgesellschaften entstanden, die dann etwa in den Niederlanden - das konnte bis nach Spanien und so weitergehen - floriert haben. Das ist aber alles ursprünglich entstanden aus dem Zusammenschluss von Buckelträgern. […] Peek & Cloppenburg, das ist doch eine Bekleidungskette. Die sind aus ursprünglich Wanderhändlern, die mit Stoffen und Tuchen und Leinen und so weiter, unterwegs waren, entstanden.
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Doch so eine Karriere war den wenigsten vergönnt. Schon allein deshalb, weil die „Hausierer“ nicht immer gerne gesehen waren. So erließ zum Beispiel die Stadt München im Jahr 1690 ein Verbot „des Hausiererhandels“. In Landsberg am Lech wurde 1715 ein „Bettelverbot“ verabschiedet. Um die Jahrhundertwende 1800 gab es überall „Hausierordnungen“. So durfte in Österreich nur mit bestimmten Waren gehandelt werden; Arzneiwaren zum Beispiel wurden verboten – sowohl für Tier als auch für den Menschen. Ferner durften keine Wagen zum Transport benutzt werden. Ausschließlich Tragegeräte – also Kraxen – waren erlaubt. Die meisten Wanderhändler konnten sich mehr ohnehin nicht leisten – nicht einmal einen Schubkarren, der von einem Hund mitgezogen wurde. Denn auch das gab es.
Büchner
Die Kraxenträger stellen überhaupt die größte Gruppe unter den Wanderhändlern. Also die Leute, die mit Karren und mit Pferd und Wagen und Saumtieren zogen, sind deutlich in der Minderzahl gegenüber den Kraxenträgern.
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Besonders beim Kleinhandel über die Alpen war die Kraxe oft auch sinnvoller als ein Wagen. Denn die Wege waren oft schlecht und mit Wägen gar nicht zu befahren – oder sie blieben im Schnee stecken. Zudem konnte man beim Überschreiten eines hohen Alpenpasses auch Zoll- und Mautgebühren sparen. Wenngleich es natürlich Schwerstarbeit war, die mit den Jahren oft zu Rückengratverkrümmungen, Knochen-, Gelenk- oder Wirbelsäulenschäden führte.
Büchner
Und Kraxenträger haben die Männer in der Regel bis 50 Kilo getragen, die Frauen bis 30 Kilo.
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So eine Warenkraxe war demnach mehr als nur ein kleines Rückengestell. Denn man wollte ja möglichst viel transportieren.
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[...] bei uns war es üblich, dass der Kopf mitgetragen hat. Die Kraxe wurde bis über den Kopf gezogen und in Höhe des Kopfes war ein Riegel, ein Brett gepolstert, das direkt auf dem Kopf auflag. So hat der Kopf mitgetragen, nicht nur die Schultern.
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Die Form und das Material, aus dem die Kraxe gefertigt wurde, hing von den Waren ab, die ein Händler dabeihatte. Für Töpfe und Geschirr reichte oft ein grob geflochtener Korb aus. Vogelhändler stapelten die Käfige bis weit über ihren Kopf hinaus. Teppiche oder größere Drucke wurden einfach zusammengebunden und über die Schultern geworfen. Frauen benutzten oft ein Tragetuch. Und: Kleidung oder Hüte wurden auch schon mal selbst übereinander angezogen.
Doch viele Kraxen waren kompliziert gebaute Gestelle aus verschiedenen Holzkisten. Etwa wenn mit ganz unterschiedlichen Waren gehandelt wurde. Denn die Kraxe stellte ja gleichzeitig den Verkaufsladen da.
Büchner
Ätherische Öle, Seifen, Balsam, Pulver, gebrannte Wässer und die Allheilmittel wie Theriak oder Vitridat. Das sind alles kleine Sachen, aber die konnte man nicht zusammen haben. Dann haben sie richtig kleine Schubfächer gehabt und haben die Sachen da rausgeholt. Genauso wenn sie mit Kurzwaren gehen: In einem kleinen Schubfach haben sie Nadeln, in einem anderen Zwirn und so weiter. Gerade bei Arzneien und Olitheken sehen Sie immer die Kraxenhändler mit solchen Kästen auf den Rücken. Das ist kein einfaches Gestell mehr.
MUSIK
SPRECHER
Die Zeiten wurden immer schwerer für die Wanderhändler, besonders, wenn sie aus dem Ausland kamen. Wer im frühen 19. Jahrhundert in Österreich einen „Hausierpass“ erwerben wollte, der musste mindestens 20 Jahre alt sein und die Österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Dadurch dachte man zumindest die ausländischen Wanderhändler in ihrer ständig steigenden Zahl einzuschränken.
Doch oft gab es diese Regeln nur auf dem Papier, um die ortsansässigen Händler zu beschwichtigen. Tatsächlich wurden Verstöße von der Obrigkeit selten geahndet. Denn die Kraxenträger behoben einfach ein Versorgungsdefizit: Sie befriedigten Bedürfnisse, die die sesshaften Kaufleute schuldig blieben.
SPRECHER
Doch außer bei ihrer Kundschaft waren die Kraxenträger alles andere als beliebt. So wurde Ihnen oft nachgesagt, sie schleppten Krankheiten wie Cholera oder Typhus ein, sie hätten geklaut oder sie verdürben die Sitten – wie das der konservative Jurist und Literat Justus Möser in seinen „Patriotischen Phantasien“ schon im Jahr 1775 in einer „Klage wider die Packenträger“ behauptete.
ZITATOR
Die Packenträger sind der Verderb des ganzen Landes. Wer hat die guten Sitten verderbt? Gewiss niemand mehr als der Packenträger, der mit seinen Galanteriewaren nicht auf den Heerstraßen, sondern auf allen Bauernwegen wandelt, die kleinsten Hütten besucht, mit seinem Geschwätz Mutter und Tochter horchend macht, ihnen vorlügt, was diese und jene Nachbarin bereits gekauft.
Er hat von allem was sich für jeden Stand passt und weiß einer jeden gerade das anzupreisen, was sich am besten für sie schickt. Das Vermögen aller Familien ist ihm bekannt; er weiß wie die Frau mit dem Manne steht, und nimmt die Zeit wahr, jene heimlich zu bereden, wenn der grämliche Wirt nicht zu Hause ist. Kurz, der Packenträger ist der Modekrämer der Landwirtinnen, und verführt sie zu Dingen, woran sie ohne ihm niemals gedacht haben würden.
SPRECHER
Den sesshaften Händlern waren die Kraxenträger mehr als nur ein Dorn im Auge. Ihnen ging es schlichtweg darum, die unliebsame Konkurrenz loszuwerden. Und deswegen gab es auch allerlei üble Nachrede. Professor Robert Büchner:
Büchner
Sie haben behauptet, sie hätten falsches Maß und Gewicht. Das hatten sie selbst wahrscheinlich noch öfter. Sie hätten schlechte, und verfälschte Ware. Ein Trick war zum Beispiel bei den Tuchhändlern: Es gab begehrte Tücher - etwa aus Brabant. Und ab einer gewissen Zeit bekamen die eine Plombe. Jetzt haben sie einfaches Tuch gekauft und haben die falsche Plombe drangemacht.
SPRECHER
Im Grunde gibt es das heute auch noch. Nur die nachgemachten Rolex-Uhren, Adidas-Turnschuhe und vermeintlichen Designerkleider werden heutzutage industriell hergestellt und weltweit im Internet vertrieben.
Büchner
Oder ein anderer Trick bei den Tuchhändlern war: Man spannt das Tuch auf einen Rahmen, macht es nass und dehnt es. Dann schindet man wieder ein paar Zentimeter raus. Natürlich haben das aber auch die stationären Händler gemacht. Ich habe mal ausführlich darüber geschrieben. Und man kann absolut nicht sagen, dass die Wanderhändler mehr geschummelt hätten - um es höflich auszudrücken - als die lokalen Händler.
SPRECHER
Das war schon allein deswegen nicht möglich, weil sie sich ihr Geschäft damit kaputt gemacht hätten.
Büchner
Denn man muss sich vorstellen, diese Kraxenträger gingen alljährlich fast dieselben Bezirke ab. Sie hatten ihre Stammkunden, die konnten sie gar nicht betrügen, denn dann wären sie diese Kundschaft los gewesen.
MUSIK
SPRECHER
Mit zunehmender Industrialisierung, der steigenden Mobilität – auch ländlicher Bevölkerungen – und dem Beginn der Massenproduktion im 20.Jahrhundert erledigte sich der Wanderhandel mit Kraxe auf dem Rücken von selbst. Wer heute etwas benötigt, bestellt immer öfter im Internet. Kurz darauf steht dann schon der Bote mit seinem Lieferwagen vor der Tür ... oder auch der moderne Kraxenträger: der Radler, der auf seinem Rücken die Pizzakisten ausfährt.
Die Pyramiden hätte es ohne Wanderarbeit nie gegeben. Bis heute sind ganze Wirtschaftszweige auf Menschen angewiesen, die oft von weit her kommen. Von Susanne Hofmann (BR 2021)
Credits
Autorin: Susanne Hofmann
Regie: Anja Scheifinger
Es sprachen: Christian Baumann, Katja Bürkle, Christian Schuler
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Willi Kulke, Lars Petersen
Besonderer Linktipp der Redaktion:
MDR (2025): Iron East – Heavy Metal im Osten
Heavy Metal war in der DDR eine besonders laute und pulsierende Subkultur. Mit dem Mauerfall änderte sich für diese Metal-Szene alles. Fans reisten in den Westen, um ihre Ikonen auf der Bühne zu sehen. Ost-Metal-Bands bekamen Konkurrenz. Und der DDR-Metal wurde Teil von etwas Größerem. Wie ging es in den 90er Jahren mit dem Ost-Metal weiter? Und was ist heute noch davon geblieben? Darum geht es in der zweiten Staffel Iron East – Heavy Metal im Osten. Host und Autor Jan Kubon begibt sich auf eine Zeitreise durch die 90er und Nullerjahre in Ostdeutschland. Dabei spricht er mit vielen Ost- und auch West-Metal-Größen: Mit Kerstin Radtke von Blitzz und Sabina Claaßen von Holy Moses, mit Eric und Ingo von Subway to Sally und mit Maik Weichert von Heaven Shall Burn. ZUM PODCAST
Linktipps:
hr (2024): Magie & Medizin – die Geheimnisse des Papyrus Ebers
Der Papyrus Ebers ist mit seinen etwa 3.500 Jahren das älteste, vollständig erhaltene Medizinhandbuch der Welt. Auf 18,6 Metern wurden hier im alten Ägypten Rezepte niedergeschrieben, unter anderem gegen Haarausfall, Husten oder Verdauungsprobleme. Als sich Georg Ebers 1872 auf die Suche nach der Schriftrolle macht, ist ihre Existenz fraglich und ihr sensationeller Zustand nur ein Gerücht. Der Film begleitet den Ägyptologen bei seinem Abenteuer und erzählt dazu die fast vergessene Geschichte eines königlichen Schreibstoffes, der jahrtausendealtes Wissen zugänglich und heute anwendbar macht. JETZT ANSEHEN
radioWissen (2024): Söldner – Geschichte der Schattenarmeen
Der Krieg ist ihr Handwerk. Doch sie kämpfen nicht als Soldaten für ihr Land, sondern gegen Sold, also gegen Bezahlung, für eine fremde Macht. Das Söldnertum besteht schon seit langem. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ERZÄHLER
Nach der sengenden Hitze des Tages legt sich die kühlende Nacht über das Land, diesen südlichsten Teil der ägyptischen Wüste. Beinahe lautlos gleitet das Boot des deutschen Ägyptologen Johannes Dümichen den Nil entlang, der Mond erhellt die zerklüfteten Felsen am Ufer in dieser Sommernacht des Jahres 1869. Fasziniert lässt der Reisende seinen Blick schweifen – und traut seinen Augen nicht:
ZITATOR
„War es Täuschung oder Wirklichkeit? … Wir kamen näher und ich konnte nun die Erscheinung in ihrer ganzen Grossartigkeit, konnte die riesenhafte Gestalt, wie die der anderen, ganz ebenso gebildeten neben ihr, deutlich übersehen, wie sie, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, die Hand auf das Knie gestützt, in imposanter Ruhe dasassen und auf den Strom zu ihren Füssen herniederschauten.“
ERZÄHLERIN
Vier gigantische Statuen. Sie sitzen vor dem Felsentempel Ramses des Zweiten in Abu Simbel. Gut 20 Meter ragen sie in die Höhe. Ein Monument, das vom Selbstbewusstsein des Pharaos zeugt, der sich vor mehr als 3.000 Jahren in diesen Statuen verewigen ließ: Ramses der Große. Seine größte Errungenschaft ist jedoch nicht die Vielzahl imposanter Bauwerke, die er hinterlässt. Die Ägypter verdanken ihm eine nie dagewesene Blütezeit, ein halbes Jahrhundert in Wohlstand und Frieden.
ERZÄHLER
Denn Ramses gelingt die Aussöhnung mit den Erzfeinden Ägyptens, den Hethitern. Die Herrscher beider Länder schließen den ersten erhaltenen schriftlichen Friedensvertrag der Geschichte, und beide Höfe nehmen einen regen Austausch auf, schildert der Ägyptologe Lars Petersen. Er arbeitet am Badischen Landesmuseum in Karlsruhe.
1. ZUSPIELUNG Petersen (09:20)
„Man will dann ja auch sich weiterhin gut vertragen. Und dazu gehörten dann natürlich Prestigeobjekte und wertvolle Geschenke, die dann von beiden Seiten ausgetauscht worden sind.“
ERZÄHLERIN
Bei diesen diplomatischen Beziehungen spielt eine Personengruppe eine besondere Rolle: ägyptische Ärzte, die die damalige Welt in Erstaunen versetzen. Für Lars Petersen sind diese ägyptischen Ärzte die ersten Wanderarbeiter der Antike, von denen man sicher weiß. Wanderarbeiter - also Menschen, die, so die Definition des Duden, ihren „Arbeitsplatz weit entfernt von ihrem Wohnort aufsuchen“ müssen. Der Ägyptologe Lars Petersen:
2. ZUSPIELUNG Petersen (09:20)
„Weil diese ägyptischen Ärzte so bedeutend waren, hat dann der hethitische Herrscher darum gebeten, dass für eine Zeit die Ärzte zu ihm kommen, um da auch die Bevölkerung medizinisch zu versorgen - also die ganze Bevölkerung wahrscheinlich nicht – das ist dann der Königshof gewesen. Also die ägyptische Medizin war in der Zeit sehr, sehr fortschrittlich, man hatte erste chirurgische Eingriffe, die für die damalige Zeit, das ist ja 3.300 Jahre her, so bedeutend waren, dass sich die gesamte damalige Welt die Hände nach ihnen geleckt hat, um auch die an ihren Hof zu bekommen.“
ERZÄHLER
Allerdings dürfte die zeitweilige Betätigung am hethitischen Hof nicht wie bei den späteren und heutigen Wanderarbeitern aus ökonomischer Notwendigkeit erfolgt sein, so Petersen, sondern im Rahmen eines Austausches im Dienste der Diplomatie.
ERZÄHLERIN
Die ägyptischen Ärzte waren hoch spezialisiert, davon zeugen Papyrus-Quellen. Sie praktizierten beispielsweise als Augen-, Zahn- oder Ohrenärzte. Und Untersuchungen der erhaltenen Mumien mit den Mitteln der Endoskopie und der Computertomographie haben ergeben: Die ägyptischen Chirurgen konnten sogar Amputationen vornehmen und Prothesen einsetzen – eine Kunst, die in anderen Kulturen damals wahrscheinlich unbekannt war. Der Ägyptologe Petersen ist überzeugt, dass diese frühen Wanderarbeiter, …
3. ZUSPIELUNG Petersen 12:04
„… die Fachkräfte der damaligen Zeit dann natürlich ihre Techniken und ihr Wissen auch weitergegeben haben. Und so hat sich natürlich auch die gesamte antike Welt immer auch weiterentwickelt. … Für einen Ägypter war es sehr, sehr wichtig, von seiner Religion her, dass er wieder zurück kehrt nach Ägypten, … dass er, wenn er verstirbt, in der Erde Ägyptens nahe beim Nil bestattet wird … Deshalb wissen wir auch, dass diese ägyptischen Ärzte auch wieder zurück nach Ägypten kamen.“
MUSIK
ERZÄHLER
Ebenfalls im antiken Ägypten finden sich erste Spuren einer weiteren Gruppe historisch bedeutsamer Wanderarbeiter: Als Anfang des 19. Jahrhunderts europäische Abenteuerreisende die monumentalen Ramses-Statuen im ägyptischen Abu Simbel wiederentdecken, machen sie an den Figuren eine spannende Beobachtung. Lars Petersen:
4. ZUSPIELUNG Petersen 21:00
„Die waren ganz erstaunt, dass sie neben den ägyptischen Hieroglyphen auch griechische Inschriften gefunden haben, also keine offiziellen Inschriften, die wirklich gezielt in Stein gemeißelt waren, sondern wie heute, so Graffiti, also „I was here“.
ERZÄHLERIN
Die griechischen „Graffiti“ geben den Archäologen zunächst Rätsel auf. Wie haben sich Griechen nach Ägypten verirrt, mehrere Tausend Kilometer südlich ihrer Heimat?
5. ZUSPIELUNG Petersen 21:00
„Da haben sich griechische Söldner, die unter einem bestimmten Pharao tätig waren, nämlich dem Pharao Psammetich dem Zweiten im sechsten Jahrhundert, die haben sich da verewigt, und die haben dann quasi so aufgeschrieben ihren Namen und ihre Kompagnie und unter wem sie gedient haben. Die müssen da irgendwie eine Rast gehalten haben.“
ERZÄHLER
Griechische Söldner sind ab 600 vor Christus im östlichen Mittelmeerraum überaus gefragt – nicht nur bei den ägyptischen Herrschern. In der Region kommt es immer wieder zu militärischen Konflikten, gute Kämpfer sind gefragt. In den Quellen werden die griechischen Söldner „eherne Männer“ genannt, in Anspielung auf ihre Rüstung und ihre Waffen, die aus Eisen geschmiedet sind, so Lars Petersen:
6. ZUSPIELUNG Petersen 24:47
„Die waren sehr gut ausgebildet, aber auch ausgerüstet, und das war vor allem das, was man schätzte. Die kamen mit Sack und Pack, also die hatten ihre Rüstung, ihre selbstgeschmiedeten oder die sie sich haben fertigen lassen, die sie natürlich gut schützten. Sie hatten präzise, gute Waffen, die sie selbst verwendeten, und die einfach dann den Gegnern überlegen waren. … also das muss wohl so eine richtige Eliteeinheit gewesen sein, … vielleicht so etwas wie die französische Fremdenlegion, die bestimmte Aufgaben dann im Militärdienst in Ägypten übernommen haben.“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Für ihre Dienste unter fremden Herrschern und in fremden Regionen werden diese frühen militärischen Wanderarbeiter fürstlich entlohnt. In Ägypten erhalten sie pures Gold. Dafür müssen sie allerdings auch fern der Heimat kämpfen, und manch einer muss in der Fremde auch sein Leben lassen.
ERZÄHLER
Daheim ist das Ansehen von Söldnern eher gering, sie gelten als Außenseiter, leben meist abseits der Polis. Aber oft sehen Männer keinen anderen Ausweg: Die Bevölkerung Griechenlands wächst und im gebirgigen Land werden die Lebensmittel knapp. Viele Männer müssen sich anderswo nach einer Lebensgrundlage umschauen und entscheiden sich oft für ein Leben als Söldner auf fremden Territorien.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Im gleichen Zeitraum, um 500 vor Christus, sind andere frühe Wanderarbeiter dokumentiert: Im antiken Persien entsteht die heutige Weltkulturerbe-Stätte Persepolis, die Stadt der Perser. Eine riesige, prachtvolle Palast- und Tempel-Anlage. Erbauen ließen sie die persischen Großkönige, so Lars Petersen:
7. ZUSPIELUNG Petersen
„Die haben wirklich gezielt aus ihren neuen Provinzen oder Satrapien, so hieß es bei den Persern, haben die sich dann die interessanten Leute geholt. Also da gibt es …Quellen aus Persepolis, die dann sagen: Auf unserer Baustelle des Königspalastes haben 200 Ägypter und 200 Syrer gearbeitet… teilweise Namen und die Gehaltsforderungen und was die bekommen haben und was die auch gemacht haben - also das waren Steinmetze, das waren Holzhandwerker, also Schreiner, die auf diesen Baustellen dann auch gearbeitet haben, und dann wahrscheinlich auch wieder in die Regionen zurückgegangen sind, wo sie ursprünglich herkamen.“
ERZÄHLER
Auch für das römische Reich ist der Einsatz diverser Wanderarbeiter verbürgt. Insbesondere in der Landwirtschaft waren sie gang und gäbe. Zu Erntezeiten waren Kolonnen von Erntehelfern aus anderen Regionen für Großgrundbesitzer tätig, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
ERZÄHLERIN
Schon die frühen Wanderarbeiter kommen bei Tätigkeiten zum Einsatz, die besondere Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern – und, wenn die heimische Bevölkerung nicht damit dienen kann oder will. Der Historiker Willi Kulke, der das Industriemuseum in Lage leitet, hat dem Phänomen der Wanderarbeit in Geschichte und Gegenwart eine Ausstellung gewidmet. Er ist davon überzeugt: Wanderarbeiter gab es schon immer.
8. ZUSPIELUNG Kulke 1:39
„Es gab immer schon Gegenden, in denen Mehrbedarf war an Arbeit, und wo weniger Bedarf war und Wanderarbeit ist ganz häufig auch davon bestimmt, dass die Arbeit nur saisonal anliegt. … in der Landwirtschaft gibt‘s ganz viele Bereiche, die nie existieren würden, … ohne dass Menschen aus Gegenden kommen, in der sie noch weniger verdienen und die deswegen ein Interesse daran haben, für einen bestimmten Zeitraum auch in der Fremde zu arbeiten.“
MUSIK
ERZÄHLER
Gerade im Mittelalter gab es viele Handwerker, die davon lebten, mit ihrem Leiterwagen über Land von Ort zu Ort zu ziehen, um den Menschen ihre Dienste und Waren anzubieten. Viele waren gezwungen, längere Zeit auf der Straße zu leben, sie schliefen in Schuppen oder Unterständen. Liefen die Geschäfte schlecht, waren sie auf Almosen angewiesen. Kesselflicker, Bürstenbinder, Scherenschleifer, genauso wie etwa auch Hausierer – alle zählen zum fahrenden Volk. Viele von ihnen sind Juden, Sinti und Roma, die sich nicht in den Städten niederlassen dürfen und von den Zünften ausgeschlossen sind. Der Historiker Willi Kulke:
9. ZUSPIELUNG Kulke 12:12
„Das waren vor allen Dingen Berufe, die in der Menge in der Stadt nicht gebraucht wurden – so ein Kesselschmied, der konnte ein ganzes Jahr nicht davon in einer Stadt leben. Genauso wenig ein Scherenschleifer, … der zog durch ein bestimmtes Gebiet und war halt eins, zwei, vielleicht auch viermal im Jahr in den entsprechenden Dörfern für einen Tag oder zwei, verrichtete seine Arbeit, aber dann war das auch erledigt mit der Menge der Scheren und Messer, die entsprechend nachzuschleifen waren, und er zog weiter in den nächsten Ort nach. Also bei diesen Berufen ist es vor allen Dingen ein Gewerbe, bei dem die Nachfrage in den einzelnen Orten nicht so groß war, zum anderen aber auch eine gewisse Fachkenntnis notwendig war, um Messer, Scheren entsprechend richtig zu schleifen oder einen Kupferkessel also wirklich wieder dicht zu bekommen, der unter Umständen durchgescheuert war oder aus anderen Gründen Löcher bekommen hatte.“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Diese Wanderhandwerker und-kaufleute decken Nischen ab, die die ansässigen Handwerker und Kaufleute nicht bedienen. So bieten die Hausierer ein buntes Sortiment an Kurzwaren, Tüchern, Bändern, Kerzen, aber auch Tee, Kaffee oder Schmuck an. Die niedergelassenen Krämer betrachten sie oft als lästige Konkurrenz, sie werden als arbeitsscheu und sittlich verdorben verunglimpft. So heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1769:
ZITATOR
„Sie betrügen den geringen Mann nicht nur mit schlechten Waren und übersetzen ihn im Preise, sondern bestehlen ihn auch noch manchmal dazu. Sie verführen die Weiber zu unnützer Pracht und Üppigkeit; sie schleppen ihnen heimlich Kaffee und starke Getränke zu, und verleiten sie gar oftmals zu andern Ausschweifungen.“
ERZÄHLER
Die Dienste der umherziehenden Hausierer und Handwerker werden zwar benötigt, dennoch müssen sie eher am Rande der Gesellschaft leben, so der Historiker Willi Kulke. Man beäugt sie mit Argwohn. Fehlt irgendwo ein Silberlöffel, fällt der Verdacht schnell auf diese wandernden Arbeiter.
10. ZUSPIELUNG Kulke 13:31
„Es waren halt Menschen, von denen man nicht so genau wusste, wo sie herkamen, wo sie lebten, wie sie lebten. … Das war dieser Makel der unehrenhaften Handwerker, Gewerke oder Gewerbe, die halt eben nicht wie ein Kaufmann oder ein Tischler oder ein Schumacher fest am Ort etabliert waren und entsprechend anerkannt. So waren halt eben Scherenschleifer, Kesselflicker oder andere halt schon eher ein unehrbares Handwerk.“
11. ZUSPIELUNG Museum (mit Musik)
ERZÄHLERIN
Das Ziegelei-Museum Lage. Eine eigene Ausstellung ist hier einer besonderen Gruppe von Wanderarbeitern aus dem westfälischen Lippe gewidmet. Die lippischen Wanderziegler haben vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur ihre Heimat-Region geprägt, sagt der Leiter des Ziegeleimuseums, Willi Kulke.
12. ZUSPIELUNG Kulke
„Ich würde einfach mal so vereinfacht sagen: Die Lipper haben Berlin aufgebaut. Die saßen in Glindow, Zehdenick rund um Berlin und haben Millionen von Ziegeln produziert, mit denen dann später diese riesen Mietskasernen mit drei, vier bis zu sieben Hinterhäusern entstanden, mit denen große Fabriken entstanden – und ohne die Lipper wäre diese Industrialisierung so nicht möglich gewesen, weil sie den Baustoff lieferten eben dafür.“
ERZÄHLER
Am Anfang ist die Not. Im damaligen Fürstentum Lippe leben die meisten Menschen von der Handspinnerei und -weberei in Heimarbeit. Mit dem Aufkommen der Textilfabriken ab Mitte des 19. Jahrhunderts verlieren sie ihr Einkommen. Die Landwirtschaft wirft zu wenig ab, um die ganze Bevölkerung davon zu ernähren. Da bietet der Bauboom in Städten wie Berlin, Hamburg oder Bremen den arbeitssuchenden Lippern eine Chance. Der Historiker Willi Kulke:
13. ZUSPIELUNG Kulke 7:56
„Die schaffen einen Baustein, einen von vielen, um Industrialisierung in Deutschland überhaupt möglich zu machen. … Und da konnte man aber auch nur Wanderarbeiter gebrauchen, weil Ziegel kann man nur von März bis Oktober herstellen, danach es zu kalt und friert dieser Lehm. Und es ist nicht möglich, also Steine zu formen, die nicht wieder auseinanderbröseln. Dafür braucht man dann Wanderarbeiter, die bereit sind, genau das tun, in einer bestimmten Saison zu arbeiten und dann das Land aber auch wieder zu verlassen oder die Gegend wieder zu verlassen, weil man sie nicht haben wollte, wenn sie keine Arbeit hatten.“
ERZÄHLERIN
In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschreibt Theodor Fontane 1873 das arbeitsame Leben der lippischen Wanderarbeiter vor den Toren Berlins:
ZITATOR
„Die Lipper, nur Männer, kommen im April und bleiben bis Mitte Oktober. Die Leute sind von einem besonderen Fleiß. Sie arbeiten von drei Uhr früh bis acht oder selbst neun Uhr abends, also nach Abzug einer Eßstunde immer noch nah an siebzehn Stunden. Sie verpflegen sich nach Lipper Landessitte, das heißt im wesentlichen westfälisch. Man darf sagen, sie leben von Erbsen und Speck, die beide […] aus der lippeschen Heimat bezogen werden, wo sie diese Artikel besser und billiger erhalten. Mitte Oktober treten sie, jeder mit einer Überschußsumme von nahezu 100 Talern, den Rückweg an […].“
MUSIK
ERZÄHLER
In geschlossenen Gruppen fahren die Wanderziegler mit der Bahn jedes Frühjahr in die Fremde, um dort auf den Ziegeleien in Akkordarbeit ihr Geld zu verdienen. Vor allem die Familienväter schicken den Großteil ihres kargen Lohns sofort zurück in die Heimat, behalten nur ein kleines Taschengeld für sich. Die finanzielle Lage der Ziegler bessert sich erst in den 1920er Jahren – da können sich einige den Luxus eines eigenen Fahrrads oder Radios leisten, allerdings nur, wenn sie dafür monatelang eisern sparen.
ERZÄHLERIN
Die Männer werden in der Fabrik angelernt und eingearbeitet, jeder spezialisiert sich auf eine bestimmte Tätigkeit in der Produktion – sei es als Tongräber, Former oder Brenner. Bei schlechtem Lehm, Krankheit oder Unfällen müssen alle den Verlust tragen.
ERZÄHLER
Meist leben zwei Dutzend Arbeiter zusammen in einem Wohnhaus, manchmal auch nur in einer einfachen, spartanisch eingerichteten Bretterbude, immer jedoch in unmittelbarer Nähe zur Fabrik mit dem Ziegelofen. Immer wieder kommt es deshalb zu Bränden. Die Männer teilen sich einen Schlafsaal, jeder hat eine einfache Bettstatt, als Unterlage dient ein mit Stroh gefüllter Leinensack. Oft werden die Jüngsten, vielfach erst 14-Jährigen, abstellt zum Kochen, später leisten sich viele Mannschaften eine Haushälterin. Die Mahlzeiten nehmen sie gemeinsam ein. Man bildet eine Ersatzfamilie, hat kaum Kontakt zur Außenwelt -das schweißt zusammen.
ERZÄHLERIN
Die Familie bleibt während dieser Monate zuhause. Die meisten Frauen bewirtschaften einen kleinen Hof, halten Hühner und vielleicht ein Schwein, bauen Gemüse an, ziehen die Kinder groß und müssen zum Teil für die Pacht ihres Hofes beim Großbauern arbeiten. Ein richtiges Familienleben, einen Alltag, den Frau und Mann teilen, findet nur im Winter statt. Kontakt halten sie während der Monate der Trennung über Briefe, immer wieder bekommen die Wanderziegler auch ein Stück Schinken oder Speck aus der Heimat geschickt. Der Lohn für die Zieglerarbeit soll schließlich am Ende der Saison möglichst vollständig in den gemeinsamen Haushalt fließen.
ERZÄHLER
Die Hochphase der Wanderarbeit der lippischen Ziegler endet nach dem Ersten Weltkrieg. In Lippe entwickelt sich eine eigene Industrie und die Ziegler werden zunehmen durch Maschinen ersetzt.
ERZÄHLERIN
Und heute? Heute sind weltweit ganze Wirtschaftszweige auf Wanderarbeiter angewiesen – Menschen, die ihrer Heimat vorübergehend oder regelmäßig für etliche Monate oder Jahre den Rücken kehren, um dorthin zu ziehen, wo es Arbeit und ein Auskommen für sie gibt. Viele von ihnen werden ausgebeutet und wie Sklaven behandelt.
China: Abermillionen von Chinesen ziehen durch das riesige Land und ermöglichen dort unter härtesten Arbeitsbedingungen den gigantischen Bauboom. Indien: Rund 40 Millionen Wanderarbeiter kommen vom Land in die Städte, um dort meist als Tagelöhner in Fabriken, auf dem Bau oder für Transportunternehmen zu schuften. Unzählige leben in den Slums buchstäblich von der Hand in den Mund, etliche schlafen auf der Straße.
ERZÄHLER
Deutschland: Altenpflegerinnen aus Osteuropa stemmen ein Gros der häuslichen Pflege hierzulande; sie leben im Haushalt mit den Pflegebedürftigen, um die sich für einen kargen Lohn kümmern, fern der eigenen Familie in der Heimat. Spanien: Ein Heer an Saisonarbeitern schwärmt alljährlich auf die Felder, um Salat zu pflanzen, Melonen und Tomaten zu ernten oder Spargel zu stechen.
ERZÄHLERIN
In Europa arbeiten die Saisonarbeitskräfte zum Mindestlohn – zumindest auf dem Papier. Doch immer wieder ziehen die Arbeitgeber einen großen Anteil ab und behalten ihn ein – für die Verpflegung, Arbeitsgeräte und die Unterbringung; eine Unterbringung, oft in einfachen Containern oder überfüllten Sammelunterkünften. Gewerkschaften kritisieren die Arbeitsbedingungen als Sklaverei: Oftmals muss ohne Ruhetage durchgearbeitet werden, Zehn-Stunden-Tage sind bei der körperlichen schweren Arbeit keine Ausnahme. Die Betriebe müssen für die Arbeiter während eines Zeitraums von drei Monaten keine Sozialabgaben zahlen.
MUSIK
ERZÄHLER
Auch wenn der Auszug in die Fremde quer durch die Geschichte sicherlich abenteuerliche Aspekte hat - als schiere Wanderslust ist das Massenphänomen der Wanderarbeit nicht zu erklären. Freiwillig lassen die wenigsten ihr Zuhause und ihre Familie zurück, um der Arbeit nachzuwandern. Davon ist Willi Kulke überzeugt. Der Arbeit wegen zeitweise oder langfristig seiner Heimat den Rücken zu kehren, bedeutet für die Menschen schließlich den Sprung ins kalte Wasser, das Kappen von gewachsenen Beziehungen und den Verlust der Heimat. Für viele eröffnet Wanderarbeit aber auch eine Perspektive, oftmals die einzige. Daran hat sich in den letzten Jahrhunderten nichts geändert.
14. ZUSPIELUNG Kulke 10:32
„Solange, wie Menschen arm sind irgendwo und Arbeit suchen, wird es immer Wanderarbeit geben. Und genauso wird es immer das Bedürfnis geben, für einen bestimmten Zeitraum möglichst billige Arbeitskräfte anzuwerben, die Dinge tun, die die heimische Gesellschaft selber so nicht tun will, so wie sie heute fast niemanden mehr finden, der bereit ist, für diese Löhne Erdbeeren zu pflücken oder Spargel zu stechen. … Solange wie keine gerechten, also wirklich auskömmliche Löhne dafür gezahlt werden für eine wirklich sehr, sehr schwere körperliche Arbeit, solange wird man immer andere Arbeitskräfte anwerben, die oft aus eigener Not halt eben bereit sind, jetzt zum Beispiel aus der Ukraine zu kommen, um hier Spargel zu stechen.“
Ganz typische Verhaltensweisen rund ums Essen gibt es in fast jeder Familie - dass man zum Beispiel als Kind immer seinen Teller leer essen sollte. So war es jedenfalls bei Iska Schreglmann. Als ihre Mutter stirbt und sie die Wohnung ausräumt, fällt Iska ein Kochbuch von 1871 in die Hände. Als sie erfährt, dass ihre Eltern als Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg hungern mussten, beginnt sie zu recherchieren: Was hat das rätselhafte Kochbuch mit dem Hungerwinter von 1946/47 zu tun? Und was mit ihr selbst - etwa damit, dass sie immer alles aufessen musste?
Ein Kontinent wird in der Mitte durchgeschnitten und eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt entsteht. Die Geschichte des Panamakanals von seinem Baubeginn 1881 bis zu seiner Übergabe an Panama 1999 ist dramatisch: Es gab Tausende von Toten, Putschversuche, Machtkämpfe und militärische Konfrontationen. Von Klaus Uhrig (BR 2019)
Credits
Autor: Klaus Uhrig
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Jerzy May
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak
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Im laufenden Betrieb - Tunnelbau unter der Großstadt
Planet Wissen | ARD alpha
Bauingenieure wissen häufig nicht, auf welche Überraschungen sie im Untergrund stoßen werden. Fundamente von Wohn- und Geschäftshäusern müssen gesichert werden. Tunnelbau unter der Großstadt ist eine komplexe technische Herausforderung. (Verfügbar bis 11.02.2024)
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Emily Warren Roebling vollendet die Brooklyn Bridge
Frauengeschichte – Frauen schreiben Geschichte | ARD alpha
Der deutsche Einwanderer John August Roebling entwarf die berühmte Hängebrücke, verunglückte aber tragisch. Sein Sohn Washington und dessen Frau Emily führten seine Mission fort und betraten dabei technisches Neuland. Ihr gelang es schließlich, die Brücke fertigzustellen.
ZUM BEITRAG
Brücken dieser Welt
Von Seilen und Bögen | ARD alpha
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Kinder der Flucht – Frauen erzählen
Podcastserie mit 4 Folgen | ARD Audiothek
Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen?
Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde.
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Außerdem ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Für ihre Gegner waren sie "banditi" und "ribelli", für die meisten Landsleute Helden: Rund 300.000 italienische Widerstandskämpfer führen aus dem Untergrund einen Guerillakrieg und bekämpften in den letzten Kriegsjahren die deutschen Besatzer und deren italienischen Vasallen.Von: Christiane Büld-Campetti (BR 2020)
Credits
Autorin: Christiane Büld Campetti
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann, Jerzy May
Technik: Robin Auld
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Matthias Durchfeld, Giacomo Notari, Giacomina Castagnetti
Linktipps:
hr (2024): Verräterkinder – Die Töchter und Söhne des Widerstands
Die Männer des 20. Juli 1944 werden heute verehrt als Helden, die ihr Leben im Widerstand gegen Hitler geopfert haben. Für ihre Kinder ist der gewaltsame Tod des Vaters eine Katastrophe, an deren Folgen sie bis in die Gegenwart zu tragen haben. JETZT ANSEHEN
SWR (2022): Zivilcourage im Nationalsozialismus
Sophie und Hans Scholl - diese Namen kennt jeder. Doch 75 Jahre später beginnen Historiker, sich auch mit kleineren Formen des Widerstands im Nationalsozialismus zu beschäftigen: Ein verweigerter Hitler-Gruß, ein übermaltes Propaganda-Plakat. - Was zeichnet den Widerstand aus und wie groß war er? Von Birgit Bernard und Michael Kuhlmann (SWR 2021). JETZT ANHÖREN
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ATMO Bella Ciao instrumental
MUSIK
SPRECHERIN
Am 8. September 1943 um 19 Uhr 45 unterbricht der italienische Rundfunk sein Programm für eine Ankündigung des Regierungschefs Pietro Badoglio.
O-Ton 01 Originalausschnitt RAI-Archiv
ZITATOR OV
Die italienische Regierung hat angesichts der Unmöglichkeit, den ungleichen Kampf gegen die überwältigende gegnerische Macht fortzuführen und um weiteres Unheil von der Nation abzuwenden, General Eisenhower, den Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte, um einen Waffenstillstand gebeten. Dem Gesuch wurde stattgegeben.
SPRECHERIN
400 Kilometer Luftlinie weiter nördlich verfolgt der 17-jährige Giacomo Notari in seinem Heimatdorf im tosco-emilianischen Apennin die Rede am Radio.
O-Ton 02 Giacomo Notari
ZITATOR OV
Wir haben der Nachricht vom Waffenstillstand zunächst keine große Bedeutung beigemessen. Wir lebten schließlich in den Bergen des Apennins, weit weg von Krieg und Bomben. Wir machten deswegen erst einmal weiter wie gewohnt.
MUSIK
SPRECHERIN
Doch schon bald wird sich auch für Giacomo Notari alles ändern.
Denn Deutschland besetzt Nord- und Mittelitalien,
schafft dort einen faschistischen Bündnisstaat
und aus dem Bauernjungen wird ein Partisan.
O-Ton 03 Matthias Durchfeld
Ein Partisan ist jemand, der – wie das Wort sagt - eine Position einnimmt. Der auf einer Seite steht, eben auf einem pars. Ein Partisan ist jemand der hinguckt und Entscheidungen trifft.
SPRECHERIN
Für Matthias Durchfeld, Direktor des Institutes für die Geschichte des italienischen Widerstandes in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia hat sich Giacomo Notari damit für die richtige Seite der Geschichte entschieden, selbst wenn man ihn und seinesgleichen damals als Banditen und Rebellen abtut.
O-Ton 04 Matthias Durchfeld
So wurden sie von der deutschen Besatzungsmacht oder den italienischen Faschisten bezeichnet, banditi, wurde dann aber auch trotzig angenommen, ja dann sind wir das eben banditi e ribelli. Kokettiert auch mit der Gesetzlosigkeit, was eine sehr hoch anzusehende Eigenschaft ist, dass man dem Gewissen mehr Gewicht gibt als dem Gesetz, gerade in Jahren des Krieges. (ausblenden)
MUSIK
SPRECHER
Seit Herbst 1922 wird die parlamentarische Monarchie Italien von der faschistischen Partei unter Benito Mussolini regiert und verwandelt sich schrittweise in ein totalitäres Regime.
SPRECHERIN
Die Pressefreiheit ist eingeschränkt, es gelten Rassengesetze, eine politische Opposition existiert nicht mehr. Die Antifaschisten sitzen in Haft oder leben in der Verbannung.
SPRECHER
1936 schließen Mussolini und Hitler einen Freundschaftsvertrag, die „Achse Berlin-Rom“, 1940 tritt Italien an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg ein.
SPRECHERIN
Der Krieg nimmt für das unzureichend vorbereitete und schlecht ausgerüstete Land einen katastrophalen Verlauf. Als sich noch die Lebensbedingungen der Bevölkerung verschlechtern, kommt es im Frühjahr 1943 zu Massenprotesten.
SPRECHER
Mitte 1943 landen die Alliierten auf Sizilien und bombardieren Rom. Daraufhin entzieht das oberste Gremium der Faschistischen Partei Benito Mussolini das Vertrauen. Noch am selben Tag lässt König Vittorio Emanuele III. ihn verhaften und übernimmt den Oberbefehl über die Streitkräfte. Marschall Pietro Badoglio wird zum neuen Regierungschef ernannt.
SPRECHERIN
Die Italiener jubeln und sofort formieren sich die antifaschistischen Parteien neu.
SPRECHER
Die Badoglio-Regierung verspricht Hitler, weiterhin an seiner Seite zu kämpfen. Im Geheimen verhandelt sie mit den Alliierten über einen Waffenstillstand, der am 8. September eintritt. Hitler schäumt und spricht von Verrat.
MUSIK
SPRECHERIN
Dieser Vorwurf wird von der NS-Propaganda gebetsmühlenartig wiederholt und gilt bis heute als einer der Gründe, warum sich die Deutsche Wehrmacht für im späteren Verlauf für eine „Politik der verbrannten Erde“ gegen Widerstandskämpfer und die Zivilbevölkerung entscheiden.
SPRECHER
Da sie mit einem Rachefeldzug der Deutschen rechnen, flüchten König und Regierung in den von den Alliierten kontrollierten Süden. Das Land überlassen sie dem Chaos und der deutschen Wut.
SPRECHERIN
Noch am selben Tag gründen die antifaschistischen Parteien und Organisationen ein nationales Befreiungskomitee und rufen zum Widerstand auf. Denn noch ist das faschistische Regime nicht besiegt.
SPRECHER
Wie befürchtet, marschieren deutsche Truppen sofort in Italien ein und besetzen den noch nicht befreiten Teil des Landes bis Neapel. Ein Spezialkommando holt Mussolini aus dem Gefängnis und Hitler beruft ihn zum Regierungschef der neu geschaffenen Marionettenregierung Repubblica Sociale Italiana, auch Republik von Salò genannt, nach ihrem Sitz am Gardasee.
SPRECHERIN
Italien ist faktisch zweigeteilt. Der von den Alliierten befreite Süden, il Regno del Sud, erklärt Deutschland der Krieg. Nord- und Mittelitalien untersteht der deutschen Besatzung und ihren italienischen Vasallen.
SPRECHER
Vor diesem Hintergrund, so Matthias Durchfeld, beginnt eines der wichtigsten Kapitel der neueren italienischen Geschichte - die zwanzigmonatige Resistenza.
O-Ton 05 Matthias Durchfeld
Resistenza ist der antifaschistische Widerstand von 1943-45 gegen die deutsche Besatzung und den italienischen hauseigenen Faschismus. Es ist bewaffneter Widerstand und politischer Widerstand. Und der fällt nicht vom Himmel, sondern entwickelt sich aus dem politischen Widerstand, den es auch vorher gegeben hat.
MUSIK
SPRECHERIN
In den folgenden Monaten schließen sich Hunderttausende Italiener, Männer und Frauen, dem antifaschistischen Widerstand an. Den Kern bilden Oppositionelle, die in dem Durcheinander-Sommer zwischen 25. Juli und 8. September aus der politischen Haft entlassen werden. Sie gründen in den Städten erste „Gruppen für patriotische Aktionen“, kurz GAP genannt. Noch ist es ein unbewaffneter Widerstand, mit dem Stift in der Hand, um politische Propaganda zu betreiben oder auf dem Fahrrad, um die Ortsgruppen oder die alliierten Streitkräfte mit Informationen zu versorgen, erläutert Matthias Durchfeld:
O-Ton 06 Matthias Durchfeld
Am Anfang allerdings, als die Partisanen noch sehr wenige waren, gab es einzelne Kleingruppen in den Städten, die Attentate auf faschistische Offiziere durchführten, um zu zeigen, a) sie sind angreifbar, und b) es gibt Leute die angreifen, es gibt Widerstand, es gibt eine Alternative
MUSIK
SPRECHER
Im Herbst und Winter 1943/44 verläuft die Front auf der so genannten Gustavlinie, rund hundert Kilometer südlich von Rom. Dort stehen sich deutsche Truppen und alliierte Streitkräfte gegenüber. Um die Wehrmacht zu unterstützen, ruft die Republik von Salò junge Italiener zu den Waffen, mit wenig Erfolg.
SPRECHERIN
Der antifaschistische Widerstand hat hingegen großen Zulauf: Kriegsdienstverweigerer, die sich verstecken müssen, sowie italienische Soldaten, die bis zum 8. September an der Seite Deutschlands gekämpft haben.
SPRECHER
Auch die italienische Armee wird von dem Waffenstillstand überrascht. Als der König und die Badoglio-Regierung hinter die Linien der Alliierten fliehen, stehen sie zudem ohne Oberbefehlshaber da. Daraufhin legen Soldaten und Offiziere die Waffen nieder.
Um nach Hause zu gelangen, müssen sie den deutschen Machtbereich durchqueren. Dort stellt man sie vor die Wahl:
Eingliederung in die neugegründete faschistische Armee oder Entwaffnung und anschließende Deportation in deutsche Arbeitslager.
MUSIK
SPRECHERIN
Nur 20 Prozent der Soldaten sind bündniswillig, mehr als eine halbe Million landen in deutschen Arbeitslagern, mindestens ebenso viele desertieren.
Sie machen sich auf den Weg nachhause, und oft führt der Weg über den Apennin, der sich südlich von Bologna von der französischen Grenze bis zur Adria hinzieht.
SPRECHERIN
Der nicht enden wollende Zug aus Rückkehrern ist für Giacomo Notari, der in einem Dorf oberhalb von Reggio Emilia lebt, die erste Begegnung mit den Auswirkungen des Krieges. In Erinnerung bleibt ihm vor allem eine Gruppe Gebirgsjäger, die geschwächt und ausgehungert aus Russland zurückkommt.
O-Ton 07 Giacomo Notari
ZITATOR OV
Diese Jungs stürmten den Sitz der faschistischen Partei im Dorf und schmissen alles aus dem Fenster. Für uns war es fast schon ein Schock auch das Porträt Mussolinis im Staub liegen zu sehen. Wir hatten schließlich alle eine faschistische Ausbildung erhalten.
O-Ton 08 Matthias Durchfeld
Wie Giacomo Notari gesagt hat: Die Alpini verwüsten das Büro, nachdem sie aus dem Krieg zurückkommen, nicht vorher. Das heißt, ihre konkrete Situation bringt sie auf den Gedanken, sich anders zu Verhalten. Und einige gehen zu den Partisanen. Und sie sind sehr wichtig aufgrund der Erfahrung, die sie mitbringen.
SPRECHERIN
Für Giacomo Notari ist die Episode ein Schlüsselerlebnis. Sie macht ihm Mut und er nimmt zu einer lokalen GAP-Widerstandsgruppe Kontakt auf. Dort erhält er den Auftrag, sich bei der Armee der Republik von Salò zu melden, um sie zu infiltrieren. Auch andere Zivilisten reagieren. Sie wollen verhindern, dass die Rückkehrer in die Hände der Deutschen und ihrer faschistischen Unterstützer fallen, und versorgen sie mit ziviler Kleidung, verstecken ihre Waffen und verbrennen die Uniformen. Dabei kann schon diese Hilfe Folgen haben, erklärt Giacomina Castagnetti, eine 18-Jährige, die sich ebenfalls einer GAP-Gruppe anschließt.
O-Ton 09 Giacomina Castagnetti
ZITATORIN OV
Zu den Familien zu gehen und zu fragen, ob sie eine Hose oder ein Paar Schuhe übrighaben, konnte gefährlich werden. Viele waren nach wie vor wie vor Faschisten und unterstützten die Deutschen. Wir riskierten also, angezeigt zu werden und im Gefängnis zu landen oder gefoltert zu werden.
MUSIK
SPRECHER
Im Mai 1944 gelingt es den alliierten Streitkräften, die Gustavlinie bei Rom zu durchbrechen und die Wehrmacht zieht sich langsam gen Norden zurück.
SPRECHERIN
Noch hat der Widerstandskampf da keine militärische Bedeutung. Vielmehr schützt man die Zivilbevölkerung vor den Schikanen der Besatzer und Faschisten oder stört die Versorgung der deutschen Truppen.
SPRECHERIN
Mit dem Rückzug der Wehrmacht verlegt sich der Widerstand jedoch von den Städten in die Berge und wird dort zunehmend als Guerillakrieg ausgetragen.
SPRECHERIN
Für ihre Ausbildung zu Guerillakämpfern sorgen die desertierten Soldaten, für ihre politische Indoktrination sogenannte politische Kommissare.
O-Ton 11 Matthias Durchfeld
Das waren oft ältere, die politische Erfahrung hatten, aus dem Exil, im Gefängnis. Für die zwanzigjährigen Partisanen, die von nichts eine Ahnung hatten, die aus einer ländlich geprägten Gegend kamen, waren das ganz wichtige Vaterfiguren, die wirklich versuchten einem das ABC der Politik beizubringen.
SPRECHERIN
Die politischen Kommissare sollen auch dafür sorgen, dass sich das Verhältnis zur Bevölkerung verbessert. Gerade zu Beginn des bewaffneten Befreiungskampfes sind die Bewohner der Bergregionen nicht davon begeistert, dass sie einen undisziplinierten Haufen junger Männer, die in ihrer Nähe einen Guerillakrieg führen, mit Lebensmitteln versorgen sollen.
O-Ton 12 Matthias Durchfeld
Wenn du selber wenig zu essen hast, wird es auch schwierig, andere Leute durchzufüttern. Es ist also nicht nur politisch zu sehen.
SPRECHERIN
In der Regel können die Partisanen jedoch während der gesamten 20 Monate auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen, besonders gegen Ende des Krieges, als Neutralität nicht mehr möglich ist. Und hier tun sich vor allem die Frauen hervor. Zwar trauen sich nur wenige – weil es sich einfach nicht gehört – sich den bewaffneten Partisanen anzuschließen. Trotzdem ist ihre Mithilfe unverzichtbar, gerade als Stafette, weiß Giacomina Gastagnetti.
O-Ton 13 Giacomina Castagnetti
ZITATORIN OV
Wir haben Flugblätter verteilt und die Partisanen in den Bergen mit Informationen versorgt. Die Jungs mussten schließlich wissen, wo sich genau die deutschen Truppen befanden. Wir haben auch Waffen in unseren Körben transportiert, zum Beispiel Handgranaten zwischen den Kartoffeln versteckt. Wer erwischt wurde, landete geradewegs im Gefängnis und kam meist nie mehr nach Hause.
MUSIK
SPRECHERIN
Allein im Jahr 1944 beteiligen sich bis zu einhundertfünfzigtausend Partisanen gleichzeitig an dem bewaffneten Befreiungskampf in den Apennin-Regionen Piemont, Ligurien, Emilia Romagna und Toskana. Es sind vorwiegend junge Männer, die sich in den Bergen verstecken, dort in Hütten und Höhlen übernachten und von der Bevölkerung versorgt werden. Von dort machen sie ihre Vorstöße ins Tal, schießen aus dem Hinterhalt auf vorbeifahrende deutschen Truppen, sprengen Brücken, kappen Telefon- und Stromleitungen. Waffen, Geld, Lebensmittel oder Benzin erhalten sie - nach anfänglichem Zögern - von den Alliierten. Manchmal kommen auch deren Offiziere, um sie zu schulen.
SPRECHERIN
Natürlich wissen die Allliierten, dass sie den Krieg gegen die Deutschen auch alleine gewonnen hätten, so Matthias Durchfeld. Trotzdem kommen sie irgendwann an den Partisanen nicht vorbei, obwohl sie anfangs als Banditen und Rebellen gelten.
O-Ton 14 Matthias Durchfeld
Die Partisanen werden aber für die Regierungen im Süden ein wichtiges Argument den Alliierten gegenüber, schon in Sichtweite auf die Nachkriegszeit: Das gute Italien, das wir hinterher auf die Waagschale bei den Friedensverhandlungen legen können. Insofern gibt es die Legitimation der Truppen und des Befreiungskomitees ganz offiziell. Sie waren in gewisser Weise die reguläre Armee
SPRECHERIN
Partisanen, eine reguläre Armee? Das sehen die Deutschen und ihre italienischen Vasallen anders. Für sie sind sie bloß Banditen, die einen hinterhältigen Bandenkrieg führen. Daher fühlt sich der deutsche Oberbefehlshaber Kesselring auch nicht verpflichtet, sich an die Genfer Konvention zu halten, die den Umgang mit Kriegsgegnern regelt.
MUSIK
SPRECHER
Das Resultat ist verheerend:
die deutschen Soldaten und ihre faschistischen Verbündeten wie die Spezialeinheit Decima Mas brandschatzen, vergewaltigen, morden ungestraft.
Partisanen, die in deutsche Gefangenschaft geraten, werden gefoltert und getötet.
Sie benutzen die Bevölkerung als Druckmittel: jeder Partisanenangriff wird mit Repressalien gegen umliegende Dörfer geahndet und selbst das Verschweigen von Informationen wird mit dem Tode bestraft.
SPRECHERIN
Weil die Partisanen trotzdem weitermachen, werden die Vergeltungsmaßnahmen im Sommer 1944 sogar noch verschärft. In dieser Zeit nehmen auch die deutschen Massaker an der Zivilbevölkerung zu. Als so genannte Sühnemaßnahmen werden rund 10.000 Frauen, Kinder und alte Männer auf bestialische Weise abgeschlachtet - sowohl von der SS als auch von der Wehrmacht - was lange geleugnet wird. Als Grund für diese Politik der verbrannten Erde gelten neben der Verbitterung über das Waffenstillstandsabkommen der Italiener mit den Alliierten, natürlich noch weitere Gründe, so Matthias Durchfeld.
O-Ton 15 Matthias Durchfeld
Erst einmal ist sicherlich eine totale Verrohrung und eine nicht Italienspezifische Nichtachtung des Lebens vorauszusetzen bei vielen Leuten, die sich an den Kriegsalltag und an Gewalt gewöhnt haben. Dazu kommt, wenn man über Massaker redet 1944, über Marzabotto, das schlimmste, da war eigentlich klar, die Deutschen verlieren die Krieg. Diese Verbrechen im letzten Jahr haben auch den zweiten Grund: die Situation, es ist sowieso alles ist egal, wir sind dabei zu verlieren.
SPRECHERIN
Nach einem Massaker in seiner Nachbarschaft, bei dem 32 Zivilisten lebendig verbrannt werden, wechselt Giacomo Notari zum bewaffneten Widerstand und legt sich den Codenamen „Partisan Willi“ zu.
O-Ton 16 Giacomo Notari
ZITATOR OV
Es war ein traumatisches Ereignis. Sie hatten auch vorher getötet, Doch hier verhöhnten sie die Toten und vor allem töteten sie Kinder. Danach konnte man überall hören: "Damit muss Schluss sein." Und viele griffen zu den Waffen.
MUSIK
SPRECHER
Mittlerweile verläuft die Front auf der Gotenlinie. Die 320 Kilometer lange deutsche Verteidigungslinie mit Minenfeldern, Schützengräben und Luftschutzbunkern zieht sich zwischen Bologna und Florenz von der toskanischen Küste quer durch den tosco-emilianischen Apennin bis zur Adria.
SPRECHERIN
Während die Alliierten vorwiegend aus der Luft angreifen, kämpfen die Partisanen am Boden weiterhin ihren Guerillakrieg: angreifen, zurückziehen, angreifen.
Denn für größere Aktionen reicht ihre Kampfkraft nicht. Das merkt auch Giacomo Notari, alias Partisan Willi, als er, nur mit Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstet, gemeinsam mit mehreren Einheiten die Division Göring angreift, die hingegen über Panzerfahrzeuge, Artillerie und Kleinflugzeuge verfügt.
O -Ton 17 Giacomo Notari
ZITATOR OV
Das ist uns teuer zu stehen gekommen, es gab viele Tote, mehr als 1000 von uns wurden gefangen genommen und nach Deutschland deportiert. Anderthalb oder zwei Tage konnten wir dagegenhalten. Dann lösten wir unsere Verbände auf. Nur ganz langsam schlossen sich unsere Reihen wieder.
SPRECHER
Dann folgt der letzte Kriegswinter.
MUSIK
SPRECHERIN
Für die Partisanen in ihren provisorischen Unterkünften werden die Zustände unhaltbar. Es schneit wie lange nicht mehr, sie leiden unter der Kälte und müssen hungern. Als dann die Alliierten vorübergehend ihre Truppen abziehen, um sie anderswo einzusetzen, geben viele auf und gehen nach Hause. Nur ein kleiner Teil, darunter Giacomo Notari, hält durch und setzt den Guerillakrieg fort.
ATMO Akkordeon
SPRECHERIN
Im Frühjahr 1945 nehmen die Alliierten die Kampfhandlungen wieder auf und auch die bewaffnete Resistenza bekommt erneut Zulauf. Gemeinsam befreien sie Schlag auf Schlag eine Stadt, eine Provinz nach der anderen.
Am 25. April fällt die Gotenlinie und kurz darauf kapituliert Deutschland.
Während Partisan Willi noch bis zum 2.Mai in den Bergen bleibt, um versprengte faschistische Milizen zu bekämpfen, feiert Giacomina Castagnetti bereits die Befreiung.
O-Ton 19 Giacomina Castagnetti
ZITATORIN OV
Das erste was ich getan habe, nach Hause laufen und die Fenster öffnen. Denn sie waren fünf Jahre lang mit lichtundurchlässigem Zuckerpapier verklebt gewesen. Dann habe ich mir eine Fahne unseres Befreiungskampfes besorgt und bin bis nach Reggio heruntergelaufen, um zu feiern.
MUSIK
SPRECHERIN
Der zwanzigmonatige Befreiungskampf kostet rund 120.000 Partisanen und Zivilpersonen das Leben. Genaue Zahlen über Gefallene auf der gegnerischen Seite existieren nicht, auch weil dieses Kapitel der deutsch-italienischen Geschichte nie wissenschaftlich untersucht wurde.
SPRECHER
Im ganzen Land kommt es danach zu einer persönlichen, später dann auch zu einer politischen und gerichtlichen Abrechnung mit dem Faschismus. Letztere finden jedoch durch ein Amnestiegesetz im Juni 1946 ein vorzeitiges Ende.
MUSIK
SPRECHERIN
Für die Männer und Frauen aus dem antifaschistischen Widerstand eine Enttäuschung. Sie trösten sich damit, dass die Monarchie abgewählt wird und ein neuer demokratischer Staat aus ihrem Befreiungskrieg hervorgeht.
MUSIK
Vor allem aber hat er mündige Bürger hervorgebracht, wie Giacomo Notari. Als Vertreter der kommunistischen Partei ist er später lange Zeit Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. Zeit seines Lebens engagiert er sich zudem dafür, dass die Gründe, die Erfahrungen und Folgen der Resistenza nicht in Vergessenheit geraten. Den für ihn ist nichts schlimmer, als dass der Faschismus als eine Meinung unter vielen wieder salonfähig wird.
Im Sommer 1943 wird Mussolini gestürzt und festgesetzt, wenige Wochen später aber von deutschen Fallschirmjägern befreit. Kurz darauf gründet er südlich der Alpen die "Republik von Salò", in der er versucht, als Staatschef von Hitlers Gnaden einen noch radikaleren Faschismus durchzusetzen. Das Unternehmen endet im Desaster. Von: Rainer Volk (BR 2023)
Credits
Autor: Rainer Volk
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Jungwirth, Peter Weiß, Silke von Walkhoff
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Amedeo Osti Guerazzi, Roberto Vivarelli
Linktipps:
Deutschlandfunk (2025): Mussolini – Italiens Weg in den Faschismus
Benito Mussolini war bereits fast drei Jahre lang Ministerpräsident, als er am 3. Januar 1925 endgültig den Weg Italiens in die Diktatur ebnete. Er übernahm öffentlich die Verantwortung für den Mord an einem politischen Gegner. JETZT ANHÖREN
ZDF (2023): Mussolini – Der erste Faschist
Er gilt als Erfinder des Faschismus: der Diktator Benito Mussolini. Über zwei Jahrzehnte lang steht er an der Spitze Italiens und stürzt am Ende sein Land in die Katastrophe. JETZT ANSEHEN
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
OT 1 Kriegserklärung Italien an Frankreich/GB am 10.6.1940
Rufe „Duce, Duce, Duce“ – L’ora delle decisione…
MUSIK
Erzähler:
Die Stunde der Entscheidung ist da, ruft Benito Mussolini am 10. Juni 1940, als er Frankreich und Großbritannien den Krieg erklärt. Die Menschen auf dem Platz vor dem Palazzo Venezia in Rom jubeln. Entscheidend ist dieser Tag in der Tat. Mit ihm beginnt auch die Geschichte der Republik von Salò. – Denn der 2.Weltkrieg überfordert Mussolinis Diktatur: Zwei Feldzüge in Äthiopien und Libyen haben Italien viel Kraft gekostet. Es ist Hitlers Blitzfeldzug durch Frankreich, der Mussolini in den Krieg lockt – er spekuliert auf einen Teil der Beute.
1943 hat Italien diese Hoffnungen begraben müssen. An allen Fronten ist das Bündnis mit dem NS-Regime, die so genannte „Achse“, in der Defensive. Amedeo Osti Guerazzi, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Padua sagt zur Kriegslage im Sommer 1943:
OT 2: OV Amedeo Osti Guerazzi Osti-Guerazzi – Sommer 43
„The reports of the political police … in the hands of Hitler.”
Übersetzer:
“Die politische Polizei berichtete damals, dass die Menschen sauer waren über das Regime. Man wusste, der Krieg war verloren. Es war völlig sinnlos, gegen die Amerikaner zu kämpfen. Die Bombenangriffe der amerikanischen und britischen Luftwaffe hatten viele Städte bereits stark zerstört. Im Süden wie im Norden. Zudem hungerten die Italiener – Menschen starben, weil es nicht genug zu essen gab. Man war sich einig: Mussolini ist nur eine Marionette Hitlers.“
OT 3: Landung Sizilien
„Hello the OWI in New York – this is Allied Force Headquarters in North Africa. …
Erzähler:
Am 10.Juli 1943 merken alle, es wird ernst: Briten und Amerikaner beginnen die Invasion Siziliens. Die Landung führt dazu, dass Mussolinis Gefolgsleute das Vertrauen in ihn verlieren. Sie beantragen für den 24.Juli eine Sitzung des „Faschistischen Großrats“. Das Gremium hat seit 1939 nicht mehr getagt, ist eigentlich unnütz, meint Amedeo Osti Guerazzi:
OT 4: OV Amedeo Osti Guerazzi (Osti Guerazzi – Großrat)
„But it was the only way… to summon these hierarchs in the Gran Consiglio.”
Übersetzer:
“Aber es war der einzige Weg wie die Bonzen der Faschistischen Partei, Mussolini zwingen konnten etwas zu tun. Die intelligentesten unter ihnen hatten kapiert, dass der Krieg verloren war. Sie hatten Mussolini bekniet, den Faschismus zu retten – und damit sich selbst. Jetzt zwangen sie ihn zu handeln. Seltsamerweise ist er einverstanden – das Motiv ist bis heute unklar. Wir wissen nicht, weshalb er die Parteigrößen zum Faschistischen Großrat einberuft.“
MUSIK
Erzähler:
Man tagt zehn Stunden. Als ein Antrag gestellt wird, Mussolini das Kommando über die Streitkräfte zu entziehen und es König Viktor Emmanuel III. zu übertragen, schweigt der Duce. Prompt wird der Vorschlag angenommen. Konsterniert bittet Mussolini tags darauf um eine Audienz beim König. Dieser erklärt ihm dabei, er sei als Regierungschef entlassen und festgenommen.
OT 5: („Nachrichten des italienischen Rundfunks“ MB: W0030442Z00) - „Attenzione! Attenzione!... Pietro Badoglio.“
Erzähler:
Die Nachricht von Mussolinis Sturz ist eine Sensation. In Rom feiern die Menschen auf der Straße. Offiziell heißt es im Radio: Seine Majestät der König und Kaiser habe der Bitte Mussolinis entsprochen, ihn von den Ämtern als Ministerpräsident, Regierungschef und Staatssekretär zu entbinden. Diese Ämter seien Feldmarschall Pietro Badoglio übertragen worden.
Erzähler:
Ein 71jähriger General als Nachfolger eines Mannes, der für Millionen ein Idol war? Das bestürzt Millionen Italiener. Der Historiker Roberto Vivarelli erinnert sich, sein Vater habe als überzeugter Faschist von „Verrat“ gesprochen. Vivarelli lehrt nach dem Krieg Geschichte an italienischen Universitäten und forscht auch zu den Ursprüngen des Faschismus. Anfang dieses Jahrhunderts sorgt sein freimütiges Bekenntnis in Italien für Furore, der Staatsstreich gegen Mussolini 1943 sei für ihn als damals 13jährigen ein Schlag gewesen. Hier ein Ausschnitt eines Gesprächs mit Roberto Vivarelli aus dem Jahr 2004.
OT 6: OV Roberto Vivarelli Vivarelli – Staatsstreich
„Era colpito …all’interno di regime fascista stesso.“
Übersetzer II:
„Es war Frustration und auch Wut, weil es nicht möglich schien, dass die Dinge so enden würden. Wie Mussolini gestürzt wurde, schien für uns wie ein Verrat. Verrat seitens der Italiener, aber auch seitens einiger Faschisten, denn es war ja der Großrat, der den Sturz herbeiführte - gewissermaßen als Putsch innerhalb des faschistischen Regimes.“
Erzähler:
Die Hoffnungen des Monarchen in General Badoglio werden bald enttäuscht. Viktor Emmanuel hat Angst vor dem Kommunismus und einem Ende seines Königreichs. Gleichzeitig soll Badoglio die Deutschen daran hindern, Italien zu besetzen. Denn in Berlin ahnt man, dass Italien den Krieg gegen Briten und Amerikaner beenden will. So viele Probleme kann ein Polit-Neuling wie Badoglio nicht lösen, meint der Historiker Amedeo Osti Guerazzi
OT 7: OV Amedeo Osti Guerazzi
„It was a failure, of course… where he was in the hands of the Anglo-Americans.”
Übersetzer:
“Das ging schief - klar. Das Einzige, was er schaffte, war auf Demonstranten gegen den Faschismus zu schießen. Er war unfähig, einen Waffenstillstand mit den Anglo-Amerikanern zu erreichen, der Hand und Fuß hatte. Er konnte die Rache der Deutschen nicht verhindern. Sie besetzten am 9./10.September das ganze Land. Daraufhin floh er mit dem König flugs in den äußersten Süden, nach Brindisi, wo er in den Händen der Alliierten war.“
MUSIK
Erzähler:
Die Schilderung zeigt, wie sich die Ereignisse überstürzen. Die Waffenruhe mit den Alliierten, die am 8. September 1943 publik wird, ist für die Deutschen Vorwand, ganz Nord- und Mittelitalien zu besetzen, Rom zu belagern und 800-tausend italienische Soldaten gefangen zu nehmen. Für Roberto Vivarelli, der in Siena lebt, ist die Einigung mit Amerikanern und Briten der Schlüsselmoment. Denn er zwingt alle sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen:
OT 8: OV Roberto Vivarelli Vivarelli – 8. September
„Il momento decisivo … contre gli tedeschi.”
Übersetzer II:
„Der entscheidende Moment ist der 8. September, der Tag des Waffenstillstands. Denn ab da ging es bergab, sogar in einer kleinen Stadt wie Siena. Die Einwohnerschaft war gespalten. Es gab diejenigen, die für die eine Seite waren und diejenigen, die gar keine Haltung einnahmen. Die auf der anderen Seite zeigten sofort eine, sagen wir mal, positive Haltung zur Regierung des Südens. Also gegen die Deutschen. Entscheidend war also, für die Deutschen oder gegen die Deutschen zu sein.“
MUSIK
Erzähler:
Am 12. September befreien deutsche Fallschirmjäger Mussolini aus der Gefangenschaft in einem Hotel am Gran Sasso-Massiv. Für die Nazis ein Coup – auch der Empfang durch Hitler in dessen Hauptquartier in Ostpreußen. Dort erklärt dieser seinem einstigen Vorbild, SS und Wehrmacht seien nun die Herren in Italien. – Ein Eklat, den man durch eine Radiorede Mussolinis an seine Landsleute kaschieren will.
OT 9: Radio-Rede Mussolinis nach der Befreiung
„Camiceneri, italieni é italiane…
Erzähler:
Der Duce spricht an diesem 18. September aus München - sehr verhalten. Er verkündet, Italien werde den Kampf an der Seite Deutschlands wieder aufnehmen. - De facto ist die „Repubblica Sociale Italiana“, die er am 23. September 1943 ausruft, ein Staat von Hitlers Gnaden. Die erste Kabinettssitzung findet in der deutschen Botschaft in Rom statt. Da wissen aber alle schon, dass die Ministerien und Führungsriege des neuen Regimes an den Gardasee umziehen. Amedeo Osti Guerazzi:
OT 10: OV Amedeo Osti Guerazzi Osti – Saló
“First of all…it was secret.
Übersetzer:
Erstens lag Rom zu nahe an der Front. Zweitens verachtete Mussolini Rom, weil er hier verraten worden war am 25. Juli 43. Mailand war zu gefährlich - die US-Luftwaffe bombardierte die Stadt täglich. So kam man auf diesen Ort am Garda-See, in der Nähe wichtiger Nazi-Kommandostellen, wo ihn der SS-General Wolff überwachen konnte. Die Bezeichnung „Republik von Salò“ rührt daher, dass dort das Propaganda-Büro saß. So hieß es offiziell immer: „Salò sagt dieses, Salò berichtet jenes.“ Die Leute meinten, Mussolini sei dort. Aber wo er wirklich war, war geheim.“
OT 11: Musik Giovinezza - instrumental
Erzähler:
Zur Propaganda gehört auch, dass im Radio wieder die Faschisten-Hymne „Giovinezza“ ertönt. Auch das ein Zeichen, es ist alles wieder wie Juli 1943. Allerdings zieht Mussolini auch Lehren aus seinem Debakel. Das zeigt der offizielle Staatstitel „Repubblica Sociale Italiana“ – Italienische Sozialrepublik. Er soll an die populistischen Anfänge der faschistischen Partei im Jahr 1919 anknüpfen, sagt Amedeo Osti Guerazzi:
OT 12: OV Amedeo Osti Guerazzi Osti – RSI-Name
„The first name, not given by Mussolini… against the monarchy, against the king, who betrayed him in July 1943.”
Übersetzer:
Zunächst dachten die Nazi-Bonzen – nicht Mussolini – als Bezeichnung an „Nationale Faschistische Regierung“. Mussolini wusste aber: der Begriff „Faschismus” kommt im September 1943 nicht mehr gut an bei den Leuten. Er argumentierte: Wir müssen zurück zum wahren Faschismus – dem sozialen Faschismus, populistischen Faschismus. So entstand “Italienische Sozialrepublik“. Klar, das ging auch gegen die Monarchie - den König, der ihn im Juli 43 verraten hat.“
MUSIK
Erzähler:
Im Alltag führt das zu einer Radikalisierung: einer verschärften Zensur, Polizei und Gestapo verstärken erheblich die Verfolgung der Juden – tausende landen nun in deutschen Vernichtungslagern in Osteuropa. Wer politisch missliebig ist, landet im Gefängnis. Drakonische Maßnahmen, die Italien spalten. Eine Minderheit der Bevölkerung bleibt Mussolini treu; eine Mehrheit wartet ab oder leistet Widerstand. Schätzungen zufolge schließen sich 150-tausend Männer und Frauen Partisanen- und Widerstandsgruppen an - „Partigiani“ oder „Resistenza“ genannt.
MUSIK
Erzähler:
Berühmt – und in unzähligen Versionen nachgesungen – wird ab Herbst 1943 die Partisanen-Hymne „Bella ciao“, ursprünglich ein Volkslied. Der Text handelt vom Abschied eines Partisanen von seiner Geliebten, ehe er sich in den Bergen versteckt. Der „Eindringling“, der besungen wird, sind die deutschen Besatzer Italiens.
Erzähler:
Die Fronten werden unübersichtlich, was das Misstrauen wachsen lässt und tausende italienische Zivilisten das Leben kostet. Berüchtigt sind die Massaker deutscher Soldaten in Orten wie Sant‘ Anna di Stazemma unweit von Pisa und Marzabotto bei Bologna. Auch in Rom schlagen die deutschen Besatzer erbarmungslos zu:
OT 14: Atmo „Fosse Ardeatine“
Erzähler:
Eine Landstraße im Süden der italienischen Hauptstadt windet sich an den Ardeatinischen Höhlen vorbei. Der Weg in die Gedenkstätte dort führt durch ein schmiedeeisernes Tor in einen weiten Innenhof, von dem aus man Gänge sieht. Am 24. März 1944 erschießt die SS hier per Genickschuss 335 italienische Geiseln, darunter 75 Juden – Vergeltung für einen Bombenanschlag der Widerstandsbewegung tags zuvor in Rom. – In den Höhlengängen sind zur Erinnerung steinerne Tafeln angebracht; in einem Mausoleum stehen die Särge der Hingerichteten – eine düstere Szenerie.
MUSIK
Erzähler:
Militärstrategen nennen Kriege zwischen Staats-Armeen und kleinen Guerrilla-Gruppen „asymmetrisch“. Sie sind zäh, verlustreich, kaum zu gewinnen. Deshalb akzeptieren die Deutschen widerwillig Truppen der Republik von Salò an ihrer Seite, vor allem für den „Partisanen-Kampf“. Hier zeigt sich deren militärischer Wert, sagt der Experte Amedeo Osti Guerazzi:
OT 15: OV Amedeo Osti Guerazzi Osti – RSI-Truppen
„They were quite effective fighting against the partisans… Alessandro Pavolini was wounded – on the back, by the way.”
Übersetzer:
„Sie waren nützlich– einige von ihnen zumindest waren ganz gut. Die so genannten “Schwarzen Brigaden”, die Miliz der faschistischen Partei, waren dagegen ein Desaster: Wirkungslos, disziplinlos, ohne Material und Waffen
Erzähler:
Trotz der mangelhaften Ausrüstung ihrer Gegner tun sich Amerikaner und Briten schwer auf dem italienischen Kriegsschauplatz. Erst Anfang Juni 1944 erreichen sie Rom. Die Stadt ist schwer mitgenommen, schreibt die Schriftstellerin Elsa Morante, eine Römerin, später in ihrem Roman „La storia“:
MUSIK
Zitatorin:
„In den letzten Monaten der deutschen Besatzung nahm Rom das Aussehen gewisser indischer Metropolen an, wo nur die Aasgeier ihr Futter bekommen.“
OT 17: Roosevelt – Rom ist gefallen
„Ladies and gentleman – the President of the United States. - My friends, yesterday… one up – two to go.”
Erzähler:
Anlässlich der Befreiung spricht in den USA Präsident Roosevelt im Radio. Die Deutschen haben Rom zur „offenen Stadt“ erklärt – sie wird nicht verteidigt. Roosevelt sagt: Dies ist die erste befreite Hauptstadt der Hitler-Allianz. Eine ist geschafft – zwei stehen noch aus.
Erzähler:
Die Symbolik der Befreiung Roms kann kaum überschätzt werden – hinter der reinen Machtfrage, wem die Hauptstadt gehört, verbirgt sich ein ideologischer Kontext. Deshalb habe der Verlust Roms dazu geführt, dass sich die weltanschauliche Perspektive der Faschisten von Salò weiter verschärft, meint der Historiker Amedeo Osti Guerazzi:
OT 18: OV Amedeo Osti Guerazzi Guerazzi – Bedeutung Rom
“Because since summer 1944 the fascists didn’t consider them (as) Italians anymore. … And the Italians were part of this plot against this Europe.”
Übersetzer:
“Ab Sommer 1944 betrachteten sich die Faschisten nicht mehr als Italiener, sondern als Verteidiger der Festung Europa, der europäischen Zivilisation. Sie wurden Nazi-Faschisten, versuchten, wie die Deutschen zu sein, so hart, so erbarmungslos, so verschlagen. Ihr Kampf als Faschisten richtete sich gegen Italiens Bevölkerung. Daher die blutigen Aktionen gegen Zivilisten. Daher sind die Faschisten dieser Zeit im kollektiven Gedächtnis Italiens so verhasst.“
Erzähler:
Das Überleben von Mussolinis Marionetten-Regime in Oberitalien wird dadurch erleichtert, dass Briten und Amerikaner im Herbst 1944 das Interesse an diesem Krieg verlieren. Sie ziehen ihre kampfstärksten Truppen ab nach Frankreich. So können Wehrmacht und Salò-Soldaten die „Goten-Stellung“, eine Verteidigungslinie von Carrara in Ligurien bis Pesaro an der Adria lange halten. Trotzdem verlässt Mussolini die Region am Gardasee kaum noch. Roberto Vivarelli, damals inzwischen 15, berichtet noch Jahrzehnte später von der Not bei seinen Einsätzen gegen Partisanen in Piemont und gegen Briten und Amerikaner bei Bologna.
OT 20: OV Roberto Vivarelli Vivarelli – Verpflegung
„Mentre in vece … mangiaba molto male.“
Übersetzer II:
„Verpflegung gab es nicht. Wenn, dann einmal in der Woche riesige Laibe Schwarzbrot. Ich erinnere mich an Stempel mit einem Datum darauf – sie waren Monate alt. Und dann hatten wir eine Art Salami und einige Bonbons, die angeblich Vitamine enthielten. In Piemont war die Versorgung ein Problem. Tatsächlich haben wir sogar versucht, Mehl von den Bauern zu bekommen und ab und zu auch ein paar Hühner zu stehlen, um sie an Ort und Stelle zu kochen, denn sonst war die Verpflegung wirklich übel.“
MUSIK
Erzähler:
Als Briten und Amerikaner Anfang April 1945 ihre Schlussoffensive starten, geht es mit Mussolinis Pseudo-Staat rasch zu Ende. Am 25.April stehen die Alliierten vor Mailand und die Partisanen rufen einen allgemeinen Aufstand aus. Mussolini sucht mit seiner Geliebten Claretta Petacci Schutz bei einem Trupp deutscher Soldaten, der nordwärts zieht, aber am Comer See von Partisanen gestoppt wird. Das besiegelt sein Schicksal. Stolz berichten einige der Partisanen später, wie sie das Paar am 28. April 1945 kurzerhand erschießen. Anschließend bringen sie die Leichen nach Mailand, wo sie geschändet kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt werden. Auch mit anderen Bonzen des Regimes wie Parteichef Pavolini macht man kurzen Prozess. Es beginnt eine Welle von Säuberungen. Schätzungen zufolge werden allein 1945 zwischen 5- und 8000 Gefolgsleute der Republik von Salò gelyncht. 10-tausende verlieren ihre Arbeitsplätze. Bis 1948 eine Amnestie kommt, sind viele politisch aktive Mussolini-Anhänger zu den Christdemokraten gewechselt. Dort ist es sicherer als im neu gegründeten „Movimento Sociale Italiana“, der an den Faschismus anknüpfen will. In derlei ultrarechten Gruppierungen der italienischen Nachkriegszeit sieht der Historiker Amedeo Osti Guerazzi das bleibende Erbe der Republik von Salò – und bezieht die „Fratelli d’Italia“ der derzeitigen Regierungschefin Georgia Meloni mit ein.
OT 22: OV Amedeo Osti Guerazzi Guerazzi – MSI
„Movimento Sociale italiana … Italian Social Republic.”
Übersetzer:
“Italienische Sozialbewegung, Italienische Sozialrepublik – das soll Erinnerungen wecken. Erster Präsident des Movimento war Rodolfo Graziani, Verteidigungsminister und Generalstabschef von 1943 bis ’45. Bis in die 1970er Jahre war der ideologische Spielraum des Movimento gering. Dann machte Silvo Berlusconi den rechten Flügel akzeptabel. Und Georgia Meloni ist die Tochter einer langen, langen Geschichte. Auch wenn ich sie nicht für eine Faschistin halte, liegen die Wurzeln ihrer Partei in der Italienischen Sozialrepublik.“
MUSIK
Erzähler:
Der Marionettenstaat Hitlers wirft in Italien also Schatten bis heute. Benito Mussolinis Leiche wird 1945 übrigens zunächst anonym verscharrt, dann ausgegraben und in einen Sarkophag gelegt. Predappio, sein Geburtsort, wo der Sarkophag ausgestellt ist, gilt als Wallfahrtsstätte für Neofaschisten. Nicht wenige kommen in schwarzen Hemden.
Die Angst vor einem Atomkrieg treibt die Menschen in den 80er Jahren um und auf die Straße. Als Reaktion darauf formiert sich sowohl in der BRD als auch in der DDR eine breite Friedensbewegung, die unabhängig von etablierten politischen Parteien agiert - ein Phänomen, das sich auch in anderen westlichen Ländern beobachten lässt. Die Aktivisten kritisieren dabei besonders die ihrer Ansicht nach völlig überzogene Aufrüstungsspirale zwischen den Supermächten. Da Deutschland durch seine geografische Lage im Falle eines Atomkonflikts zwischen den Großmächten als erstes betroffen wäre, finden die Anliegen der Friedensbewegung in beiden deutschen Staaten besonders großen Anklang in der Bevölkerung.
Credits
Autoren: Christian Schaaf & Michael Zametzer
Redaktion: Eva Kötting & Heike Simon
Im Interview: Dr. Claudia Kemper
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Sagenhafte Reichtümer, weise Herrscher, seltsame Bräuche. Marco Polos Bericht von seiner Asienreise macht ihn bis heute zum berühmten Abenteurer. Doch lässt sich der historische Marco Polo von seinem Mythos trennen? Von Niklas Nau (BR 2018)
Credits
Autor: Niklas Nau
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Stefan Wilkening, Beate Himmelstoß, Christian Schuler
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Marina Münkler
Linktipps:
MDR (2020): Auf Marco Polos Spuren – Biwak nonstop
Spätestens seit den Reiseberichten Marco Polos strahlen die Länder der Seidenstraße eine ungeheure Faszination aus. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie ein Besuch in Kirgistan und Usbekistan zeigt. JETZT ANSEHEN
WDR (2024): „Die Wunder der Welt“ – Der venezianische Reisende Marco Polo
Am 8.1.1324 ist Marco Polo gestorben, das steht fest. Aber was ist wahr von all den unglaublichen Geschichten und Abenteuern, die er auf der Reise seines Lebens erlebt haben will? Der venezianische Asienreisende Marco Polo wird durch die Berichte über seine Reise ins Kaiserreich China des 13. Jahrhunderts bekannt. Obwohl einzelne Historiker Zweifel an der China-Reise äußern, wird diese von den meisten Historikern als erwiesen angesehen. JETZT ANHÖREN
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
SPRECHER
Es ist der 11. April 1241. Als die Sonne untergeht, ist vom dem einst so stolzen ungarischen Heer, das sein Lager südwestlich des Flusses Sajó aufgeschlagen hat, fast nichts mehr übrig. Eine mongolische Streitmacht hatte den Fluss überschritten und das ungarische Camp dem Erdboden gleichgemacht.
SPRECHERIN
Nur zwei Tage zuvor hatte ein anderes mongolisches Heer bei Liegnitz ein schlesisch-polnisches Heer vernichtend geschlagen. Nichts scheint den mongolischen Eroberungszug Europas aufhalten zu können.
SPRECHER
Doch so schnell die furchterregenden Reiter gekommen waren, so schnell verschwinden sie damals auch wieder. Der mongolische Heerführer will bei der Wahl des neuen Großkhans weit entfernt in der asiatischen Steppe mitreden und zieht sich zurück – er hinterlässt das Abendland im Schockzustand.
MUSIK
SPRECHERIN
Wer waren diese Krieger, denen die schwerfälligen christlichen Ritter so wenig entgegenzusetzen hatten? Man nannte sie damals „Tartaren“, das Volk aus dem Tartaros – der Hölle. Religiöse Hysterie machte sich breit, erklärt die Literaturwissenschafts-Professorin Marina Münkler von der TU Dresden:
Prof. Marina Münkler 1
„Man hat sich gefragt, ob das die Vorboten des Weltendes sind, ob das apokalyptische Völker sind, die nun die Welt verheeren werden. Und deswegen hat man die ersten Gesandtschaften in den Osten gesandt.“
SPRECHER
Doch es sind nicht diese ersten Gesandten zu den Mongolen, mit klingenden Namen wie Johannes de Plano Carpini, Andreas von Longjumenau oder Wilhelm von Rubruk, an die wir uns heute noch erinnern. Nein, es ist der Name eines anderen Mannes, der erst einige Jahre später überhaupt geboren werden sollte, der die Jahrhunderte überdauern wird.
MUSIK
SPRECHERIN
Marco Polo
SPRECHER
Der Name eines Abenteurers, ja des Abenteurers schlechthin. Warum wurde gerade aus ihm, dem Sohn eines venezianischen Kaufmanns, ein weltweit bekannter Mythos? Venedig, im Jahr 1254, dreizehn Jahre nach dem mongolischen Einfall in Europa: Es ist das Geburtsjahr Marco Polos. Wo genau er das Licht der Welt erblickt, weiß man nicht. Doch es ist wahrscheinlich, dass er seine Jugend irgendwo hier, in den Gassen und auf den Kanälen Venedigs verbringt.
SPRECHERIN
Schon damals war die „schwimmende Stadt“ eine blühende Handelsmetropole – mit gehöriger militärischer Schlagkraft. Ihre Macht reichte bis weit in den Osten, in Städte wie Konstantinopel oder Soldaia auf der Krim – wichtige Tore nach Asien, ins Reich der Khans.
MUSIK
SPRECHER
Dorthin blickte Europa, nachdem die ersten Gesandten zurückkehrt waren, mit gemischten Gefühlen. Die religiöse Hysterie war zwar abgeebbt, aber die Furcht vor den Tartaren, die damals das bis heute größte zusammenhängende Landimperium der Welt errichteten, blieb. Doch gleichzeitig keimte die Hoffnung, in den Mongolen Verbündete im Kampf gegen die muslimischen Heere im Heiligen Land zu finden. Und gerade hier in Venedig muss damals noch ein anderes Versprechen in der Luft gehangen haben - von den sagenhaften Reichtümern des Ostens.
MUSIK
SPRECHERIN
Wenn der junge Marco Polo seine Gedanken nach Osten schweifen ließ, sehnte er sich vielleicht nach etwas ganz anderem: Denn er wuchs als Halbwaise bei Verwandten auf. Seine Mutter war gestorben, und sein Vater Niccolò Polo war schon vor Marco‘s Geburt zusammen mit seinem Bruder Maffeo den Verheißungen des Ostens gefolgt und als Händler schließlich sogar bis an den Hof Kublai Khans gelangt. So behauptet es jedenfalls der Bericht, den Marco Polo viele Jahre später über sein eigenes großes Abenteuer verfassen sollte. Laut diesem Bericht empfing der Großkhan Niccolò und Maffeo Polo freundlich, mehr noch - er machte sie kurzerhand zu seinen Gesandten:
MUSIK
ZITATOR
„Hierauf befahl er, dass in seinem Namen an den Papst zu Rom Briefe in tatarischer Sprache abgefasst und ihnen in ihre Hände übergeben werden sollten. Auch ließ er ihnen eine goldene Tafel geben, auf welche das kaiserliche Zeichen eingegraben war, nach dem Brauch, den seine Majestät eingeführt hatte: der, dem diese Tafel verliehen, wird mit samt seinem Gefolge von den Gouverneuren aller Plätze in den kaiserlichen Ländern von Station zu Station sicher geleitet.“
SPRECHER
Marco Polo soll 15 Jahre alt gewesen sein, als sein Vater zurückkehrte. Wie lief die erste Begegnung ab? In Polos Bericht steht darüber kein Wort. Nur, dass Niccolò und Maffeo Polo sich zwei Jahre später abermals auf den Weg zum Großkhan machten. Mit Geschenken, einem Antwortbrief des Papstes – und dem jungen Marco. Dieser sollte Venedig lange Jahre nicht wiedersehen.
MUSIK
Prof. Marina Münkler 2
„Das war eine weite und auch nicht ungefährliche Reise, denn natürlich konnte auf dem Weg alles Mögliche passieren. Andererseits hatten die Mongolen zu diesem Zeitpunkt schon ein sehr gut funktionierendes Postsystem aufgebaut, das heißt, es gab Stationen an denen man die Pferde wechseln konnte. Wenn man denn eine solche mongolische Gesandtentafel hatte, dann wurde man tatsächlich geleitet.“
SPRECHERIN
Man könnte nun vermuten, die vielen packenden Abenteuer, die der junge Mann trotz goldener Tafel auf der Reise durch fremde Länder bestehen musste, seien der Grundstein seines Mythos. Doch paradoxerweise sind vom großen Abenteurer so gut wie keine Abenteuer überliefert.
MUSIK
SPRECHERIN
Der Prolog von Polos Bericht fasst die Reise in nur wenigen Zeilen zusammen: Sie habe dreieinhalb Jahre gedauert und die Polos an manch gefährliche Orte geführt. Auch über seine Zeit im Reich Kublai Khans, wo Polo 17 Jahre zugebracht haben will, und die vier Jahre dauernde Rückreise verliert der Prolog nur wenige Worte.
SPRECHER
Im Hauptteil seiner Erzählung taucht Marco Polo selbst dann nur noch sehr selten auf. Etwa, wenn bei der Beschreibung der heilenden, reinen Bergluft in der Provinz Balaschan kurz angemerkt ist, dass Marco Polo diese Heilung am eigenen Leib beobachten konnte, weil er ein Jahr lang „krank darniederlag“.
MUSIK
SPRECHERIN
An anderer Stelle berichtet Polo von einem Räuberstamm, den Karaunas:
ZITATOR
„In Indien erlangten sie die Kenntnis magischer und teuflischer Künste, vermittels derer sie eine Finsternis hervorbringen können, die das Licht des Tages so sehr verdunkelt, dass die Leute einander unsichtbar werden […] Marco Polo wurde selbst in eine solche zauberkünstliche Finsternis gehüllt, entkam aber daraus in das Schloß Konsalmi. Einige seiner Gefährten jedoch wurden gefangen und verkauft und andere erlagen den Schwertern der Feinde.“
SPRECHER
Doch von solch spärlichen Ausnahmen abgesehen: Der Bericht ist kein Abenteuerroman, sondern eine enzyklopädische Abhandlung des Ostens: Hier gibt es Gewürze und Gold, hier Rhabarber, dort prächtige Pferde und Falken. Doch Polo beschreibt nicht nur Waren, sondern auch Land und Leute – natürlich auch die in Europa als grausam und hinterlistig gefürchteten Mongolen.
Prof. Marina Münkler 3
„Aber Marco Polo beschreibt die Mongolen ganz anders. Marco Polo beschreibt den Mongolischen Aufstieg seit 1206 unter Dschingis Khan, er beschreibt ihn aber unter dem Vorzeichen einer guten Herrschaft, die die Mongolen über den Osten ausgeübt hätten. Er beschreibt die weise Herrschaft Kublai Khans, das ist der Mongolenherrscher, mit dem er es dann zu tun hat, und hat eine ganz neue Perspektive, und die ist sehr stark von Faszination und nicht von Furcht geprägt.“
SPRECHERIN
Der berüchtigte Dschingis Khan, dessen Feldzüge wohl Millionen Menschen das Leben kosteten – bei Polo wird er zum überall bejubelten Befreier. Vor allem aber schwärmt der Venezianer von Dschingis Khans Enkel – Kublai Khan.
MUSIK
SPRECHER
Dieser Kublai Khan sei nicht nur mächtiger als alle anderen Fürsten der Welt zusammen und sammle in seinen Palästen unermessliche Reichtümer. Sondern eben auch ein tapferer, tugendhafter Krieger, gerecht und gütig:
ZITATOR
„Der Großkhan sendet jedes Jahr Abgeordnete aus, um zu sehen, ob irgend welche von seinen Untertanen in ihren Kornernten von ungünstigem Wetter, von Sturm oder heftigem Regen, oder von Heuschrecken, Würmern oder irgend anderen Plagen gelitten haben, und in solchen Fällen steht er nicht allein von Eintreibung der gewöhnlichen Schatzung ab, sondern versorgt sie von seinen Kornböden.
SPRECHERIN
Wie kommt Marco Polo zu einer so positiven Einschätzung?
Prof. Marina Münkler 5
„Man könnte sagen, Marco Polo ist so etwas wie ein kultureller Überläufer. Er ist ja wenn seine zeitlichen Angaben korrekt sind, fast 25 Jahre im Reich des Großkhans gewesen, wenn man die Hin und Rückreise mitnimmt jedenfalls, und da ist es relativ plausibel, dass er in dieser Zeit einfach sehr viel gesehen und erfahren hat, was ihm den Eindruck vermittelt hat, die Mongolen seien den Europäern in vielen Belangen überlegen.“
SPRECHER
Die riesigen Städte Chinas etwa, über das Kublai damals herrschte, oder das ausgeklügelte Post- und Kuriersystem müssen Eindruck auf ihn gemacht haben. Besonders hat es ihm außerdem das Papiergeld, das im Reich des Großkhans damals verwendet wird, angetan.
SPRECHERIN
Doch was hat Marco Polo eigentlich während dieser ganzen 25 Jahre gemacht? In seinem Buch heißt es lediglich, er sei im Dienste des Großkhans durch dessen riesiges Reich gereist, und habe sich so sein einzigartiges Wissen über den Osten erworben:
Prof. Marina Münkler 6
„Also man weiß im Grunde nichts. Die einzige Angabe, die er macht, ist, er sei als Gesandter tätig gewesen. Das kann man nicht ganz ausschließen, denn die Mongolen haben gerne Europäer aber auch andere Nicht-Chinesen in ihre Dienste genommen und ihnen Aufträge gegeben. Möglich wäre auch und das lässt sich schlussfolgern aus den Gegenständen, über die Marco Polo besonders viel weiß, dass er so eine Art Beamter in der Salzbehörde gewesen ist.
SPRECHERIN
Doch es gibt auch Zweifel an Marco Polos Bericht.
MUSIK
SPRECHER
1995, London. Die Historikerin Frances Wood veröffentlicht ihr Buch: „Did Marco Polo go to China?“. Und schreibt: Nein, Marco Polo hat es selbst nie bis an den Hof Kublai Khans im heutigen Peking geschafft. Sein Wissen über den Osten: Aufgeschnappt oder aus anderen Quellen abgeschrieben.
SPRECHERIN
Medien und Öffentlichkeit stürzten sich damals auf das Buch. Der große Marco Polo – nichts weiter als ein gemeiner Schwindler?
SPRECHER
Tatsächlich ist Polos mehrere hundert Seiten langer Bericht gespickt mit Fehlern und Ungenauigkeiten. Er vertut sich beim Todesdatum von Dschingis Khan, bringt Ortsnamen, Entfernungen und Herrscher durcheinander.
SPRECHERIN
Als zentralen Beleg für ihre These führt Frances Wood aber etwas anderes an: nämlich dass Polo über viele Dinge nichts geschrieben hat, die ihm doch hätten auffallen müssen, wenn er selbst in China gewesen wäre: die chinesische Teekultur, die Schrift – die chinesische Mauer! Für Marina Münkler ist diese Argumentation zu einfach:
Prof. Marina Münkler 6
„Das sind alles argumenta ex silentio, also aus dem Schweigen über bestimmte Sachverhalte. Aber das unterschlägt einerseits die historische Differenz, denn was einem Autor vor 700 Jahren aufgefallen sein muss, kann etwas ganz anderes sein, als das, was Frances Wood, als sie in China war, selbst aufgefallen ist. Dann kommt noch hinzu, dass die chinesische Mauer beispielsweise überhaupt nicht so ausgesehen hat im 13.Jahrhundert, wie sie im 17.Jahrundert dann erbaut ist und bis heute steht. Also zu erwarten, dass Marco Polo etwas beschrieben haben müsste, was es in der Form noch gar nicht gegeben hat, das ist schon reichlich absurd.“
SPRECHER
2013, Tübingen. Der Sinologe Hans-Ulrich Vogel veröffentlicht „Marco Polo was in China“, gewissermaßen eine Gegenschrift zum Buch von Frances Wood. Während Wood sich auf das konzentriert hat, was Polo nicht aufgeschrieben hat, analysiert Vogel das, was er aufgeschrieben hat. Und kommt zu dem Schluss: Marco Polo besaß ein unglaubliches Detailwissen über das mongolische Reich. Vom Papiergeld, das den Venezianer so faszinierte, kennt er etwa nicht nur Farbe und Größe, sondern weiß auch, zu welchem Kurs beschädigtes Geld gegen neues eingetauscht werden konnte. Und: Moderne Laboruntersuchungen an gefundenen Scheinen zeigen: Das Geld wurde – wie von Polo behauptet – tatsächlich aus Rindenfasern des Maulbeerbaums hergestellt. Auch zu Verwaltungsorganisation oder den Feinheiten des Salzhandels hat Polo solches Detailwissen.
Kein endgültiger Beweis. Doch vieles scheint darauf hinzudeuten, dass Polo tatsächlich vor Ort war.
SPRECHERIN
Und doch hat die intensive historische Forschung auch gezeigt: Marco Polo war zu seiner Zeit keine Ausnahme: Auch andere Händler waren bis tief nach Asien gereist, hatten lange Jahre dort verbracht oder sich dauerhaft niedergelassen. Warum also wurde gerade ihm solcher Ruhm zuteil?
MUSIK
SPRECHER
1298, in einer Gefängniszelle in Genua: Marco Polo ist nach knapp 25 Jahren in der Fremde zurück nach Italien gekommen. Doch drei Jahre später gerät er in den Konflikt der Dauerrivalen Venedig und Genua. Er wird gefangen genommen. Und genau das ist das „Unglück“, das aus Polo letztlich eine Weltberühmtheit machen wird.
SPRECHERIN
Denn Polo‘s Zellengenosse ist Rustichello da Pisa, ein Autor von höfischen Romanen. Und Rustichello schreibt nieder – so behauptet es jedenfalls das fertige Buch –, was Marco Polo ihm von seinen wundersamen Reisen berichtet. Das ist es, was Marco Polo zu einer absoluten Ausnahme macht. Nicht, dass er als Händler nach Osten gereist war, sondern dass aufgeschrieben wurde, was er dort gesehen hatte.
SPRECHER
Rustichello macht Polo dabei aber eben nicht zur Hauptfigur eines Abenteuerromans, sondern zum Gewährsmann seines Tatsachenberichts.
Prof. Marina Münkler 7
„Wenn es dort heißt “Ihr Kaiser, Könige und Herren, nehmt dies Buch und lasst es euch vorlesen, denn kein anderer seit Adam weiß so viel über den Osten wie Messer Marco allein”, dann steckt darin der eigentliche Geltungsanspruch dieses Buches, nämlich ein Wissen zu vermitteln, das exklusiv ist und das auf Augenzeugenschaft beruht.“
MUSIK
SPRECHERIN
Gleichzeitig verschwimmt der historische Marco Polo. Wie sehr hat der erfahrene Romanautor Rustichello das, was Marco Polo ihm erzählte, verändert, zusammengefasst, was hat er neu strukturiert, weggelassen oder hinzugedichtet? Niemand weiß das heute.
MUSIK
SPRECHER
Der Bericht, wird zum Bestseller. Was damals, in einer Zeit vor dem Buchdruck, bedeutet: Er wird wie verrückt abgeschrieben und in andere Sprachen übersetzt. Zu Marco Polo und Rustichello kommen so noch weitere „Koautoren“ dazu:
Prof. Marina Münkler 8
„Naja das Mittelalter kennt kein Urheberrecht. Das heißt, es gibt kein geschütztes Buch, sondern jeder kann im Grunde genommen, und das passiert beim Abschreiben auch immer wieder, denn das ist ja die Art und Weise, wie Literatur im Mittelalter verbreitet worden ist, (…) und bei diesem Prozess des Abschreibens ist es immer wieder zu Veränderungen gekommen. (...) Das hält diese Veränderer des Textes aber keineswegs davon ab, immer mal wieder einflechten zu lassen, “und das habe ich, Marco Polo, wirklich gesehen, und wenn ich es nicht selbst gesehen hätte würde ich es überhaupt nicht glauben.”
SPRECHERIN
Etwa 150 Versionen des Reiseberichts sind heute bekannt. Das Original gilt als verloren und kann aus den verschiedenen existierenden Versionen auch nicht rekonstruiert werden.
SPRECHER
Jede Abschrift, jede neue Version mehrt den Ruhm Marco Polos, als Mann, der mehr weiß über den Osten als jeder andere. Dabei werden Polo unterschiedlichste Aussagen in den Mund gelegt, die sich teilweise sogar widersprechen können. Etwa, wenn es um die sogenannte Gastprostitution in Tibet geht: Dass sich junge, unverheiratete Frauen dort gerne Reisende für eine Nacht ins Bett holen.
Prof. Marina Münkler 9
„Da steht in den franko-italienischen Varianten, weil das so sei, dass die tibetischen Frauen möglichst viele Sexualkontakte vor ihrer Heirat gehabt haben sollen, sei es ja sehr nett, wenn man dort vorbeikomme als junger Mann – hingegen steht in den lateinischen Fassungen, das sei ein widerwärtiger und abscheulicher Gebrauch, und an dem man dann quasi erkennen kann, auf welch niedriger zivilisatorischer und kultureller Stufe diese Völker stehen.“
MUSIK
SPRECHERIN
Trotz der vielen Abschriften hätten Marco Polo und seine Reise irgendwann in Vergessenheit geraten können, wie andere mittelalterliche Autoren auch. Dass das nicht passierte, hat er wohl auch einem anderen berühmten Abenteurer zu verdanken, vermutet Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler:
Prof. Marina Münkler 10
Dadurch, dass Cristoph Kolumbus diesen Bericht gelesen hat und im Grunde genommen ihn zum Anlass seiner Reise genommen hat, hat Marco Polo die Grenze zwischen Mittelalter und früher Neuzeit überschreiten können.“
ATMO (Sevilla)
SPRECHER
2018, Sevilla in Spanien. Vor der mächtigen gotischen Kathedrale drängen sich die Touristen in einer langen Warteschlange. Im Inneren: Das opulente Grabmal von Christoph Kolumbus. Nur einige Meter weiter aber, hinter einer unscheinbaren Pforte, liegt in der Kolumbus-Bibliothek noch heute die persönliche Marco-Polo Ausgabe des Amerika-Fahrers. In fein geschwungener Handschrift hat er sich am Rand Notizen gemacht. Häufig sind es nur einzelne Wörter, die er herausgeschrieben hat:
Prof. Marina Münkler
„Man kann sich das anschauen und dann stellt man fest, was ihn interessiert hat: Die Reichtümer des Ostens. Da wo Marco Polo von Perlen, Gold und Edelsteinen schreibt, da notiert das Kolumbus immer ganz eifrig ((am Rand)), das ist das was ihn interessiert.“
MUSIK
SPRECHER
Nach Amerika wollte Kolumbus nie. Er war auf der Suche nach einem neuen Seeweg nach Indien, um die von Marco Polo beschriebenen Reichtümer von dort nach Europa bringen zu können. Und auch wenn er sich im Kontinent irrte: Er machte sich selbst berühmt, und hielt die Berühmtheit Marco Polos weiter am Leben.
SPRECHERIN
Durch die vielen Jahrhunderte hindurch, hat sich allerdings durchaus die Form des Mythos Marco Polo geändert. Marco Polo ist eine wandelbare Projektionsfläche für die Tugenden eines Zeitalters.
Marina Münkler
„Mal ist Marco Polo der ritterliche Abenteurer, mal ist er der venezianische Kaufmann, mal ist er der gläubige Christ. Also das sind ganz unterschiedliche Gestalten, die da hervortreten. (…) Im 18. Jahrhundert interessiert man sich intensiv für Asien und schaut dann auch zurück, was wissen frühere Generationen (...)? Und dann ist man beeindruckt und macht aus Marco Polo so eine Art von frühem Wissenschaftler. Und im 19. Jahrhundert versucht man dann zu zeigen, dass Marco Polo der einzige Reisende ist, der wirklich etwas verstanden hat, weil er eben ein realistisch beschreibender Kaufmann gewesen sei, und im 20. Jahrhundert stellt man sich dann den großen Abenteurer, den man dann in Filmen verarbeiten, kann vor. Also es ändert sich relativ stark, was man sich von Marco Polo so alles vorstellt. Was sich nicht ändert ist, dass man sich unentwegt an ihm abarbeitet.“
MUSIK
SPRECHER
Diesem Abarbeiten ist zu verdanken, dass wir zumindest bruchstückhaft auch wissen, wie der historische Marco Polo sein Leben nach der Rückkehr nach Venedig verbrachte. Aus historischen Dokumenten lässt sich ablesen, dass er eine Frau aus dem venezianischen Adel heiratete, drei Töchter hatte und sich weiter an Handelsunternehmungen beteiligte. Mit rund 70 Jahren ist er gestorben. Sein Grab ist heute nicht mehr auffindbar. Der mythische Marco Polo aber ist unsterblich geworden.
SPRECHERIN
Wahrscheinlich ist es auch dieser mythische Marco Polo, dem man die Legende zurechnen muss, die man sich gerne von seinen letzten Stunden erzählt: Auf seinem Totenbett hätten seine Freunde ihn angefleht, nun endlich zuzugeben, dass sein fantastischer Bericht erlogen sei. Marco Polo soll darauf geantwortet haben: „Ich habe nicht die Hälfte dessen erzählt, was ich gesehen habe.“
Große Veränderungen passierten um das Jahr 1000: Die Wikinger kamen in Neufundland an, der Welthandel begann sich vor allem in Asien und Afrika zu entwickeln, in Europa brachten mildes Klima und Erfindungen Agrarüberschuss, die Städte wuchsen. Die Epoche war aber auch von Endzeitstimmung geprägt. Von Brigitte Kramer (BR 2022)
Credits
Autorin: Brigitte Kramer
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann
Technik:Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Johannes Preiser-Kapeller, Prof. Dr. Kristin Skottki
Linktipps:
Alles Geschichte (2024): Altes Arabien – Als Spanien arabisch war
Fast 800 Jahre lang herrschten auf der Iberischen Halbinsel arabische Fürsten, Emire, Kalifen. Diese Epoche wird Al Andalus genannt. Al Andalus war eine Glanzzeit für Kultur und Naturwissenschaften. Aber nicht nur das: Christen, Juden und Muslime lebten in dieser Epoche lange meist friedlich mit- und nebeneinander. Aber ab dem 12. Jahrhundert kam es zu immer mehr gewalttätigen Auseinandersetzungen. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2013) JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2020): Die Grönland-Mission
Im Jahr 999 bekam der Wikinger Leif Eriksson vom norwegischen König den Auftrag, das Gebiet im Atlantik zu christianisieren. Kirchen wurden gebaut und Klöster errichtet. Doch in der abgeschiedenen Region wurde der neue Glaube kaum praktiziert. Der Grund: fehlende Priester. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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MUSIK
SPRECHERIN
Im Jahr 1000 eröffneten die Fahrten der Wikinger von Skandinavien nach Kanada erstmals eine Route von Europa nach Amerika. Die US-amerikanische Historikerin Valerie Hansen setzt dieses Ereignis in ihrem Buch „Das Jahr 1000, als die Globalisierung begann“ mit der Entstehung eines globalen Netzwerkes gleich: Waren, Wissen und Menschen konnten erstmals quer über den Globus transportiert werden – theoretisch zumindest.
SPRECHER
Mitgekriegt hat die Anlandung von Leif Eriksson vor Neufundland allerdings kaum jemand. Und viel passiert ist auf dieser ersten, europäisch-amerikanischen Achse auch nicht. Anderswo auf dem Globus dagegen schon. Hansens knapp 400 Seiten dickes Buch erklärt, wie die Welt um die erste Jahrtausendwende aussah, wer mit wem wo Handel trieb und wie groß die kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede der Regionen damals waren. Geschätzte 250 Millionen Menschen lebten damals auf der Welt, davon allein 100 Millionen in China. Die meisten Menschen wussten gar nichts von anderen Völkern und Kulturen. Dazu fehlten ihnen Bildung und Zeit. Ihr Leben glich sich in gewisser Weise, sagt der Wiener Historiker Johannes Preiser-Kapeller:
O 0 JPK
80 bis 90 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig und deren Leben ist natürlich ein sehr stark von harter Arbeit, von Entbehrungen geprägtes. Das können wir auch sehen, etwa in paläo-pathologischen Befunden. Wenn man Skelette dieser Menschen sich anschaut, dass die eigentlich starke Belastungserscheinungen haben, auch immer wieder von Phasen durch, wenn nicht von Hunger, zumindest von Mangelernährung. Im Gegensatz etwa zu den Skeletten der Eliten, wo man eben zeigen kann, dass die besser ernährt waren. Die waren größer, die haben mehr Fleisch konsumiert. Die haben manchmal mehr Verletzungen, weil sie dann eben im Krieg kämpften.
SPRECHERIN
Abgesehen von einigen Gelehrten der islamischen Welt hatten im Jahr 1000 nur wenige überhaupt eine Vorstellung von der Welt. Die vollständigste Weltkarte – die den größten Teil Afro-Eurasiens, aber nichts von Amerika zeigte –wurde erst im Jahr 1154 auf Sizilien angefertigt.
MUSIK
SPRECHER
Die Welt war also alles andere als globalisiert, wenn man den Begriff im modernen Zusammenhang versteht: Alles ist weltweit vernetzt und verfügbar, heute vor allem durch’s Internet, aber auch durch Containerschiffe, Flugzeuge, Hochgeschwindigkeitszüge. Der Begriff Globalisierung, geprägt in den 1960er Jahren, hat etwas mit Gleichzeitigkeit, Geschwindigkeit und Technologie zu tun – und ist in diesem Sinne natürlich nicht auf das Jahr 1000 anwendbar.
SPRECHERIN
Immerhin gibt es an der Wende vom Früh- zum Hochmittelalter vielleicht aber dennoch „globalisierende Tendenzen“. Kleriker und Herrschende kommunizierten zunehmend schriftlich. Die Europäer begannen, Arabisch zu lernen und arabische Texte zu übersetzen, und so gelangten immer mehr Kenntnisse über die islamische Welt nach Europa. Auch spirituell war die Welt in Bewegung: Die Weltreligionen begannen, sich zu verbreiten. Das Christentum kam nach West-, Ost- und Nordeuropa, zeitgleich breitete sich der Islam in Westafrika und Zentralasien aus. Und christliche und muslimische Lehren erkannten das Judentum als legitime Religion an. Kristin Skottki ist Mittelalterexpertin. Sie lehrt an der Universität von Bayreuth:
O 1 Skottki
Das Mittelalter ist ja eigentlich ne Zeit, die in der Global- Geschichtsschreibung, sagen wir mal immer relativ hinten runterfällt, weil man immer davon ausgeht, dass natürlich die Globalisierung ein Phänomen der Moderne ist. Oder die meisten setzen das eben frühestens ab 1500 an, mit der Entdeckung der Amerikas …
SPRECHER
Entdeckung Amerikas durch die Spanier, die darüber auch ausführlich und zeitnah berichtet haben, im Gegensatz zu den Skandinaviern 500 Jahre zuvor.
O 2 Skottki
Die Quellenlage für Westeuropa um Eintausend ist einfach nicht besonders gut, so dass das Alltagsleben sich da relativ schlecht nachvollziehen lässt.
SPRECHERIN
Auch Johannes Preiser-Kapeller hält Hansens Einordnung der Nordamerika-Expeditionen für gewagt:
O 3 JPK
Hansen in ihrem Buch verknüpft das dann sehr spekulativ mit der Idee, dass dann die Wikinger vielleicht sogar weiter bis Mittelamerika vorgestoßen sein, weil dort in bestimmten Darstellungen der Maya auf blonde Menschen auftauchen. Das ist aber reine Spekulation. Also wir haben keine Belege, dass die Wikinger über diese kurzzeitigen Besitzungen oder Kolonien, die sie da in Nordamerika hatten, weiter nach Süden vorgestoßen sind.
MUSIK
SPRECHER
Als Quelle der Amerika-Expeditionen dient vor allem die Vinland-Saga – Vinland war der Name, den die Nordmänner einer Region an der amerikanischen Ostküste gaben, vermutlich zwischen New Jersey und dem Sankt-Lorenz-Golf. Die Texte der Saga, die erst im 13. und 14. Jahrhundert verfasst wurden, also mehrere hundert Jahre nach den Ereignissen, dienten der Unterhaltung aber auch der Verherrlichung von Ruhmestaten der Vorfahren – viele Historiker lehnen sie als zuverlässige Quellen ab.
SPRECHERIN
Laut Vinland-Saga legte Leif Eriksson genau im Jahr Tausend im Nordosten Kanadas an. Er war von Island über Grönland gekommen und suchte vor allem Holz zum Schiffsbau. Es folgten mehrere Expeditionen, bei denen mit den kanadischen Ureinwohnern Handel aufgebaut wurde.
MUSIK
SPRECHER
Unabhängig von den Sagas gibt es handfeste Beweise für die Präsenz der Wikinger in Nordamerika: Im Jahr 1960 begann das norwegische Paar Helge und Anne-Stine Ingstad mit Ausgrabungen an der kanadischen Küste. Die Beschaffenheit der Landschaft ist dort so, wie sie in der Grönland-Saga beschrieben wird: Ebenes, bewaldetes Land, das sanft zum Meer hin abfällt. In L’Anse aux Meadows, an der äußersten Nordküste der kanadischen Insel Neufundland, legten die Ingstads über mehrere Jahre insgesamt acht Gebäude frei, in denen sie Reste einer Schmiede, einer Feuerstelle und verrostete Nägel fanden. Eisenverarbeitung war damals in Nordamerika weitgehend unbekannt. Schließlich fanden sie auch eine bronzene Ringnadel. Skandinavier nutzten solche Nadeln, um damit ihre Umhänge im Nacken zusammenzuhalten. Doch wie lange die Skandinavier dort waren, wie wichtig der Ort war und wie weit sie auf dem amerikanischen Kontinent herumkamen – dazu fehlen verlässliche Quellen.
SPRECHERIN
Valerie Hansen schreibt, der Kontakt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen habe sich auf einige Gespräche, gelegentliche Tauschgeschäfte und hin und wieder Handgemenge reduziert. Schließlich gaben die Skandinavier nach wenigen Jahren L’Anse aux Meadows auf und wandten sich anderen Gebieten zu.
Selbst Hansen kommt somit zu dem Schluss, dass, verglichen mit anderen Begegnungen der Skandinavier um das Jahr 1000, der Kontakt mit den amerikanischen Ureinwohnern kaum langfristige Auswirkungen hatte. Allerdings gibt es seit den 980er Jahren bis ins späte 14., frühe 15. Jahrhundert anderswo im geografisch als Nordamerika zu betrachtenden Teil der Welt stabile, europäische Siedlungen:
O 4 JPK
Was aber stimmt, ist, dass Grönland dauerhaft besiedelt wird. Da entstehen zwei Siedlungen und Grönland ist ja geografisch Teil schon von Nordamerika. Und diese Kolonien wären tatsächlich mit dem Rest Europas vernetzt.
MUSIK
SPRECHER
Wie sah Westeuropa rund um das Jahr 1000 aus? Es gab kaum Städte. Paris, eines der europäischen Zentren, hatte etwa 20.000 bis 30.000 Einwohner. Die Herrscher hatten noch keinen festen Wohnsitz, und es gab einen sehr starken Christianisierungs-Schub. Karl der Große hatte in Europa schon vor 200 Jahren begonnen, das Christentum zu verbreiten, auch mit Gewalt. Und jetzt? Kristin Skottki:
O 5 Skottki
Da sind ganz interessanterweise um 1000 vor allem die einheimischen Herrscher:innen dabei, selbst das Christentum anzunehmen, weil sich das für sie sozusagen als doppelter Gewinn herausstellt. Einerseits können sie damit nämlich die missionarischen Tätigkeiten ihrer Nachbarn abwehren, und andererseits ist es natürlich die schriftliche Kultur, die mit dem Christentum Einzug hält und natürlich auch die Institution wie eben Kirchen und Klöster, eine ganz wichtige Herrschafts- und Machtbasis.
SPRECHERIN
Die europäische Missionierung verfolgte die Strategie der Ausbreitung des Glaubens von oben nach unten:
O 6 Skottki
Dann gibt es sozusagen die kirchliche Nacharbeit durch die Priester, Prediger, Bischöfe. Und das gilt natürlich insbesondere für Mitteleuropa und Osteuropa. Und wann kommt sozusagen das Christentum dann wirklich bei den Leuten an? Ich würde jetzt einfach mal so behaupten nach zwei bis drei Generationen, so 60 bis 90 Jahre, nachdem eben so ein Territorium offiziell christlich geworden ist, können wir wohl schon davon ausgehen, dass dann auch in der Tiefe die Leute vertraut sind mit dem Christentum.
MUSIK
SPRECHER
Und politisch? Wo heute Teile von Deutschland, Italien, Österreich und Frankreich sind, lag das Ostfrankenreich. Es wurde regiert von der sächsischen Dynastie der Ottonen, den damals mächtigsten Männern Westeuropas. Und wie lebten die Menschen in diesem Reich? Die Bauern stellten auf Fruchtwechsel um, was die Ernten steigerte und die Versorgung mit Nahrung verbesserte. Sie begannen, zwischen Rüben und Klee, Gerste und Weizen abzuwechseln. Pferdegezogene Pflüge, Windmühlen, eisernes Werkzeug kamen erstmals zum Einsatz.
SPRECHERIN
Immer mehr Fläche wurde landwirtschaftlich genutzt – Europas Landschaft veränderte sich. Die Bevölkerung wuchs, auch weil in Westeuropa zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert die so genannte mittelalterliche Warmzeit herrschte.
SPRECHER
Globalisiert, also vernetzt, waren die Menschen hier aber nicht. Westeuropa war damals, wie Johannes Preiser-Kapeller sagt, nur das „westliche Anhängsel“ einer Welt, die sich vor allem rund um den Indischen Ozean und in Asien entwickelte.
MUSIK
SPRECHERIN
Die chinesische Hafenstadt Guangzhou war damals zum Beispiel schon eine Millionenstadt. Metallarbeiter hatten dort um 1000 gelernt, Eisendraht zu härten, Magnetnadeln daraus zu fertigen und so die ersten frei beweglichen Kompassnadeln herzustellen. Der Kompass brachte den chinesischen Handelsschiffen enorme Vorteile, denn er zeigte im Gegensatz zum Astrolabium auch bei bedecktem Himmel den Weg.
SPRECHER
Die Chinesen exportierten am Übergang vom 10. zum 11. Jahrhundert hochwertige Keramik und andere Waren in den Mittleren Osten, nach Afrika, Indien und Südostasien, und importierten vor allem Aromastoffe, Perlen und Edelsteine. China befand sich nicht erst in der Phase der Vorbereitung auf die Globalisierung, es lebte mittendrin, wie Valerie Hansen schreibt. Auch Chinesen der unteren städtischen Schichten profitierten von den Importwaren, zum Beispiel für Körperdüfte und Raum-Aromen: Die Menschen badeten selten.
SPRECHERIN
Zurück ins „rückständige“ Europa. Kristin Skottki findet hier an der ersten Jahrtausendwende viele Ereignisse spannender als die Fahrten der Skandinavier über den Atlantik:
O 7 Skottki
Das Kalifat von Cordoba um die Zeit ist für mich persönlich sogar eigentlich der fast interessanteste Ort in Westeuropa um 1000 – wirklich eine internationale Metropole. Offensichtlich hat eben diese Gesellschaft derartig prosperiert, weil man eben besonders tolerant und weltoffen war.
SPRECHER
Córdoba in Südspanien war mit 450.000 Menschen die größte Stadt Europas. Auf der Iberischen Halbinsel lebten Moslems, Christen und Juden unter muslimischer Herrschaft, die fast 800 Jahre dauerte.
O 8 Skottki
Da ist eben Wissensaustausch da, da haben wir eine internationale Metropole, die eingebunden ist in diese globalisierte Welt, die Valerie Hansen ja so stark betont. Sie lässt ja Westeuropa doch auch in ihrem Buch weitestgehend außen vor. Genau aus diesen Gründen, weil da einfach, muss man sagen, im Vergleich zu anderen Regionen der Welt nicht so wahnsinnig viel Spannendes passiert ist. Also es ist ja auch ein Plädoyer gegen den Eurozentrismus.
MUSIK
SPRECHERIN
Doch bleiben wir noch zumindest zum Teil in Europa, denn nicht nur auf der iberischen Halbinsel, auch im östlichen Mittelmeerraum netzwerkte man schon. Das Byzantinische Reich, das sich um das Jahr 1000 auf Teile der heutigen Türkei und des Balkans beschränkte, brachte bedeutende Werke des Rechts, der Literatur und Kunst hervor und spielte bei der Christianisierung des Balkanraums und Russlands eine wichtige Rolle. In der Hauptstadt Konstantinopel – heute Istanbul – vertrat der Patriarch die Oströmische Kirche – und stand mit dem Papst in ewigem Konkurrenzkampf, gegenseitige Exkommunikation inbegriffen.
MUSIK
SPRECHER
Byzanz stand auch mit Skandinavien im Austausch, denn die Nordmänner legten nicht nur nach Westen ab, sie erkundeten auch die Ostsee: Etwa um das Jahr 1000 eröffneten sie neue Routen in Osteuropa, die viel ergiebiger, langfristiger und folgenschwerer waren als die Verbindung über den Atlantik. Heute kennen wir diese Skandinavier als die Rus, die Russland ihren Namen gaben. Sie waren den Bevölkerungsgruppen der Wälder Osteuropas überlegen. Diese lebten von Fischfang und Fallenstellen und betrieben sozusagen ambulante Landwirtschaft: Im Frühjahr säten sie bestimmte Pflanzen, die sie bei ihrer Rückkehr im Herbst ernteten.
SPRECHERIN
Die skandinavischen Einwanderer handelten mit Pelzen und versklavten Einheimische, die sie an byzantinische und muslimische Abnehmer verkauften: In Konstantinopel und Bagdad waren „slawische Sklaven“ sehr gefragt. Die Wörter ähneln sich seit dem elften Jahrhundert, als das griechische Wort Sklabos, Slawe, seine ursprüngliche Bedeutung verlor und für „Sklave“ verwendet wurde, wie Hansen erklärt. Das Gold und Silber, das die Rus in Osteuropa in großen Mengen verdienten, revolutionierte die Wirtschaft in der alten Heimat: Im heutigen Norwegen, Schweden und Dänemark entstanden Städte, Wohlstand verbreitete sich. Der Handel mit osteuropäischen Pelzen und Sklaven war also viel lukrativer als die Verbindungen nach Neufundland.
SPRECHER
Wachstum, Fortschritt, Entwicklung - auch durch Kriege und Sklaverei. Das späte 10., frühe 11. Jahrhundert war eine wegweisende Zeit für die Europäer Wie empfanden die Menschen ihre Gegenwart? Hatten sie das Gefühl, in einer Zeit zu leben, die etwas Besonderes war? Johannes Preiser-Kapeller erkennt vor allem eine Phase der Stabilität:
O 9 JPK
Also etwa in Westeuropa enden dann im späten 10. Jahrhundert die Einfälle der Ungarn in Mitteleuropa, der arabischen Seefahrer im Mittelmeerraum und auch allmählich der Wikinger in Skandinavien. Das heißt, es wird etwas ruhiger, auch an den Außengrenzen. Ähnliches kann man für Byzanz beobachten.
O 10 JPK
Was wir uns aber nicht vorstellen dürfen, ist, dass deswegen dann eine große Aufbruchsstimmung gibt. Also man hat das jetzt nicht wahrgenommen, so wie das heute oft ist mit einem Fortschrittsnarrativ. Ja, jetzt beginnt das neue Jahrtausend und alles wird besser. Das ist vor allem eine moderne Idee.
SPRECHERIN
Wer hat sich damals in der christlichen Welt überhaupt Gedanken über eine mögliche Zäsur gemacht, wie sie das runde Jahr 1000 bedeuten könnte? – Vor allem Kleriker spekulierten über das volle Jahrtausend seit Christi Geburt, aber auch nur einige.
SPRECHER
Der Großteil der Weltbevölkerung lebte ohnehin in einer anderen Zeitrechnung, und auch in Europa wird die Datierung, die mit Christi Geburt beginnt, erst um 1500 von der Kirche offiziell anerkannt. Viele nennen das Jahr 1000 einfach das zweite Jahr der Herrschaft von Papst Silvester dem Zweiten. Und die, die im Jahr 1000 leben und es als ein besonderes Datum wahrnehmen ...
O 11 JPK
… die sind doch sehr stark in Denkmustern drinnen, die die Vergangenheit verklären und weniger auf eine hoffnungsvolle Zukunft setzen.
SPRECHERIN
Also herrschte eher eine gedrückte Stimmung? Es hing tatsächlich etwas in der Luft. Kristin Skottki:
O 12 Skottki
Wie kommen die Leute überhaupt darauf, im Jahr 1000 vielleicht irgendwas Besonderes zu erwarten? Und zwar gibt es so ein paar Passagen in der Offenbarung des Johannes, die man dann wiederum mit Texten aus dem Alten Testament auch kombiniert hat. Und in der Offenbarung des Johannes wird beispielsweise beschrieben, dass eben nach 1000 Jahren wird der Antichrist für dreieinhalb Jahre freigelassen und treibt sein Unwesen und dann besiegt ihn Christus.
SPRECHER
Die Texte beschreiben in sehr bildhafter Sprache Katastrophen, Kriege und Seuchen als Zeichen dafür, dass Christus kommen und das Weltgericht abhalten wird. Glaubten die Menschen also, das Jüngste Gericht sei nah? Tatsächlich wurden viele Kirchen gebaut und viele Pilgerfahrten unternommen, wohl um vorsorglich das eigene Sündenkonto auszugleichen.
O 13 Skottki
Das Interessante ist aber, dass diese biblischen Texte viel weniger auf die Hölle fokussieren. Das interessiert die eigentlich weniger als vielmehr eben diese Hoffnung auf das himmlische Reich, auf das Himmelreich, auf diese Erlösung, auf die Auferstehung. Also witzigerweise ist tatsächlich die Endzeiterwartung grundsätzlich nach diesem biblischen Zeugen erst mal etwas, worauf man sich freuen kann. Denn die Rezipienten dieser Texte, die waren ja davon überzeugt, sie sind ja Christen, sie sind wahrhaft Gläubige, also wird das für sie gut ausgehen.
MUSIK
SPRECHERIN
Vorfreude auf das Jüngste Gericht? Die Angst vor Hölle und Fegefeuer wurde erst im 13. Jahrhundert gezielt verbreitet. Glückselige Christen des 11. Jahrhunderts also? Die Historiker sind sich uneins, weil sich das ohnehin magere Quellenmaterial nicht eindeutig interpretieren lässt:
O 14 Skottki
Das Hauptproblem ist natürlich, dass im Nachhinein Endzeiterwartungen immer enttäuscht wurden, bis heute ist die Welt noch nicht komplett untergegangen, und das war im Grunde auch eigentlich etwas Peinliches für die Christen im Mittelalter. Denn der Kirchenvater Augustinus, der ja schon im fünften Jahrhundert nach Christus lebte, aber im Mittelalter extrem wichtig war, der hatte den Christen im Grunde ein Beschäftigungsverbot für die Endzeit auferlegt.
ATMO (Uhr tickt)
SPRECHER
Einige, gerade Intellektuelle, warteten also nicht auf eine Zukunft in einer globalisierten Welt, sondern auf den Untergang der Welt. Leif Eriksson, der vermutlich erste Europäer auf amerikanischem Boden spielte in der Epoche kaum eine Rolle, ja die Entdeckungsfahrten waren nicht einmal für die Nordmänner selbst von großer wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung – abgesehen davon, dass sie den Stoff für Heldensagen lieferten.
SPRECHERIN
All das weiß auch die US-amerikanische Historikerin Valerie Hansen. Sie nutzt die Ereignisse in ihrer Heimat vor allem dazu, um unser Interesse an der ersten Jahrtausendwende zu wecken. Die Welt war viel vernetzter, als wir das auf Anhieb vermuten. Globalisiert war sie allerdings nicht. Dazu tickten die Uhren damals noch zu langsam.
MUSIK & ATMO
In den weiten Steppengebieten Zentralasiens lebten über Jahrtausende Reiternomaden, die von Zeit zu Zeit auch in den Westen vorrückten. Vom 5. bis ins 10. Jahrhundert nach Christus gründeten Hunnen, Awaren und Ungarn in Europa drei aufeinander folgende frühmittelalterliche Reiche.Von Thomas Grasberger (BR 2024)
Credits
Autor: Thomas Grasberger
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Katja Amberger, Thomas Loibl, Christopher Mann
Technik: Laura Picerno
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Arnold Muhl
Linktipps:
Radiowissen (2022): Attila und die Hunnen – Das Kriegervolk aus der Steppe
Attila heißt "Väterchen", aber am Rhein und am Tiber nannte man den Hunnenkönig nur die "Geißel Gottes". Wenn seine Reitertrupps unter schrecklichem Kriegsgeheul auf ihre Gegner losstürmten, schien sich die Hölle geöffnet zu haben: Mit ihren kahl rasierten Schädeln, plattgedrückten Nasen und narbenzerfurchten Gesichtern sahen sie wie Dämonen aus. (BR 2010) JETZT ANHÖREN
ZDF (2019): Die Geschichte von Mensch und Pferd
Wann, wo und wie wurde erstmals das Pferd gezähmt? Der Film folgt den Spuren einer einzigartigen Beziehung zwischen Menschen und einem Tier, eine Beziehung, die die Welt verändert hat. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2021): Die Gene der Barbaren
Wenig ist wirklich bekannt über die Gruppen von Menschen die zwischen dem 3. und 8. Jahrhundert durch Europa, Asien und Afrika zogen. Wer waren sie? Und was trieb sie an? Was wir über sie wissen und erzählen, beruht auf einer recht dünnen Quellenlage. DNA-Analysen könnten einige ihrer Geheimnisse verraten. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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MUSIK
Erzähler
„Ex oriente lux“ – lautet ein lateinisches Schlagwort: „Aus dem Osten kommt das Licht!“ Gemeint ist das Tageslicht der aufgehenden Sonne. Manchmal aber erschienen am östlichen Horizont auch dunkle Wolken. Staubwolken, aus denen urplötzlich furchteinflößende, schreiende Gestalten auf kleinen Pferden heraus stürmten.
Zitator
„Gedrungene“ Figuren mit „starken Gliedern“ und „muskulösen Nacken“, „entsetzlich entstellt und gekrümmt“, sodass man sie für „zweibeinige Bestien“ halten könnte.
Erzählerin
Schreibt der römische Historiker Ammianus Marcellinus im späten vierten Jahrhundert nach Christus. Die berittenen Fremdlinge, die Ammianus in seiner Römischen Geschichte dämonisiert, kommen aus den Weiten Zentralasiens. Es sind die Hunnen, die als erstes Steppenvolk bis nach Mittel- und Westeuropa vorstoßen.
Erzähler
Für die Römer sind sie nur wilde „Barbaren“ ohne festen Wohnsitz. Auf dem Rücken ihrer Pferde lebend, ziehen sie – stets gierig nach Gold – plündernd, mordend und brandschatzend durch die Lande.
Erzählerin
Was die Historiker der Spätantike über die Hunnen berichten, ist nicht völlig falsch, aber voller Klischees und Stereotype. Und genau dieses Bild vom grausamen Steppenkrieger hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben und lange nachgewirkt.
MUSIK
Erzähler
Denn nach den Hunnen kamen in den folgenden Jahrhunderten weitere Reiternomaden: Awaren, Magyaren, Mongolen. Dass diese zähen und kampferprobten Steppenreiter mehr waren als nur marodierende Invasoren und blutrünstige Krieger, belegen heute viele archäologische Befunde und wertvolle Kunstschätze. Als Hirten, Handwerker und Händler brachten sie ihre eigenen Moden, Bräuche und Technologien mit nach Europa.
ATMO (MUSEUM GERÄUSCHE)
Erzähler
Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale waren 2023 zahlreiche Nomaden-Schätze zu bewundern. Prunkvolle Anhänger aus Gold und Granate, reich verzierte hunnische Gürtelschnallen und Fibeln oder eine künstlerisch gestaltete Schale mit einem gehörnten Löwen aus einem awarischen Schatz. „Reiternomaden in Europa“ hieß die Ausstellung, die ihre Besucher in eine schillernde Welt entführte:
MUSIK
Erzählerin
Die Welt der Hunnen, Awaren und Ungarn. Vom 5. bis ins 10. Jahrhundert nach Christus gründeten sie in Europa drei aufeinander folgende frühmittelalterliche Reiche. Ihre Basislager schlugen sie am westlichsten Rand der eurasischen Steppenzone auf. Diese unendlich weite Landschaft erstreckt sich über 7000 Kilometer, von der Mongolei und dem Nordwesten Chinas bis ins heutige Ungarn und an die Ostgrenze Österreichs.
Erzähler
In der pannonischen Tiefebene, dem sogenannten Karpatenbecken, fanden die Nomadenvölker vertrautes Terrain, sagt Arnold Muhl, Kurator am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Denn Klima und Vegetation waren hier ganz ähnlich wie in den kargen Gegenden Innerasiens. Dort war es oft sehr heiß, aber auch sehr kalt, in jedem Fall aber trocken und für Ackerbau ungeeignet.
ZSP 1 Muhl Halbwüsten 0,17
Also verlegt man sich auf die Viehwirtschaft, und zwar anspruchslose Tiere. Und damit das überhaupt trägt, muss das auch eine gewisse Anzahl sein. Aber dafür muss ich halt die verschiedensten Weideplätze aufsuchen und wenn irgendwas abgegrast ist, dann muss ich halt dann wirklich schon mehrere Dutzend Kilometer weiterziehen.
Erzähler
Die Reiterhirten waren also ständig unterwegs mit ihren Herden – mit Kamelen, Schafen, Ziegen, Rindern, vor allem aber mit Pferden. Bevor Kleinkinder richtig laufen konnten, saßen sie schon auf dem nicht allzu hohen Ross. Gut reiten zu können, das war für Hirten überlebenswichtig. Denn auch inner-nomadische Konkurrenzkämpfe um gute Weideplätze waren keine Seltenheit.
ZSP 2 Muhl Pferd 0,16
Nicht umsonst ist das Pferd das verehrteste Tier bei den Reiternomaden. Wir wissen schon, dass im vierten Jahrtausend vor Christus die Leute dort Pferdewirtschaft betrieben, und das Pferd ist aus dieser Art der des Wirtschaftens nicht herauszudenken.
MUSIK
Erzählerin
Wer als Hirte ständig unterwegs ist, reist besser mit leichtem Gepäck. Auch dauerhafte Behausungen wären hinderlich. Deshalb haben sich bei den Reitervölkern die Jurten durchgesetzt. Jene traditionellen Nomaden-Zelte, die in Kasachstan, Kirgisien und der Mongolei bis heute weit verbreitet sind.
Erzähler
Die in Halle ausgestellte kirgisische Jurte hat einen Durchmesser von etwa acht und eine Höhe von vier Metern. Ihre runde Form bietet wenig Angriffsfläche für den kalten Wind der Steppe. Vor allem aber lässt sich so eine Jurte leicht auf- und abbauen.
ZSP 3 Muhl Jurte 0,15
Diese geniale Konstruktion, die hat sich über die Jahrtausende bewährt. Ein Scherengitter, das sie zusammenklappen können. Dann einzelne Spanten, die auch sehr leicht sind, und sofort haben sie, wenn sie noch viel Filz haben, eine wunderbare, warme Behausung.
MUSIK
Erzählerin
Pferd und Jurte haben eine lange Tradition. Bereits 1000 Jahre vor dem Einzug der Hunnen berichtet der antike griechische Historiker Herodot im fünften vorchristlichen Jahrhundert von den Kimmeriern und den Skythen. Die Kimmerier – eine Föderation von einzelnen Stammesgruppen – tauchten im zehnten Jahrhundert vor Christus am östlichen Rand Europas auf.
ZSP 4 Muhl Kimmerier 0,13
Es gibt einige wenige Spuren, aber das waren eben auch Reiternomaden. Und die wollten hier gar nicht siedeln. Das wäre auch gar nicht ihr Lebensraum gewesen, sondern man suchte schon Profit zu schlagen, vor allem durch Sklaverei, Sklavenhandel.
Erzählerin
Mitte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts werden die Kimmerier vertrieben, von den Skythen, die in den Steppengebieten der Ukraine und Südrusslands das erste Nomadenreich Europas errichten. Auch für diese Reiternomaden ist der Menschenhandel ein lukratives Geschäftsmodell.
ZSP 5 Muhl Sklaven 0,16
Bei den Skythen ist es haargenau das Gleiche. Und letztendlich wissen wir das auch von den Awaren und den Magyaren, also die sogenannten Ungarn. Und später auch die Mongolen. Das war ein festes Budget, das schon eingeplant ist, dass man Leute versklavt und verkauft.
MUSIK
Erzählerin
Tausend Jahre, nachdem Kimmerier und Skythen aus der Weltgeschichte verschwunden waren, tauchten die Hunnen in Europa auf. Über ihre genaue Herkunft und Ethnizität streiten die Gelehrten. Eine direkte Abstammung von den chinesischen Reiternomaden der Xiongnu hält die neuere Forschung für unwahrscheinlich. Eventuell könnte der prestigeträchtige Name „Hunnen“ von anderen, ethnisch heterogenen Reiternomaden-Gruppen übernommen worden sein.
ZSP 6 Muhl Hunnen 0,24
Wir wissen aber nur, dass diese Hunnen tatsächlich aus der Mongolei kamen und dann nach dem Prinzip einer Wanderlawine viele Völker mit sich gerissen haben. Zum Schluss tauchten die irgendwo auf und haben gesagt: Passt mal auf, entweder ihr werdet Hunnen oder ihr sterbt. Da haben die meisten gesagt: Ja, machen wir halt mit. Und es gab hier natürlich auch viel zu verdienen. Also der Khan der Hunnen der hat nur damit zu tun gehabt, alle Leute zufriedenzustellen.
Erzähler
Vielleicht rührt daher jene „schreckliche Begierde“, „fremdes Gut zu rauben“, wie der Historiker Ammianus klagt. Für ihn waren die Hunnen, die seit 375 nach Christus das Abendland aufmischten und eine zweihundert Jahre dauernde Völkerwanderung auslösten, die furchtbarsten aller Krieger,
Zitator
weil sie im Fernkampf mit Pfeilen kämpfen, die mit spitzen Knochen anstelle von Pfeilspitzen (…) zusammengefügt sind.
Erzähler
In der Halleschen Ausstellung war ein Lendenwirbelknochen zu sehen, durchschlagen von einer hunnischen Pfeilspitze. Eine tödliche Verletzung, die nicht selten war. Denn die geschwungenen Reflexbögen der Hunnen schleuderten die Pfeile mit enormer Wucht, sagt Kurator Muhl.
ZSP 7 Muhl dreikantig 0,13
Das durchschlägt alles. Und das Problem ist, die Pfeile sind nicht normal wie bei uns, zweikantig, sondern dreikantig. Und das ist ein Problem, denn dreikantige Wunden, die wachsen nicht von alleine zu. Die kann ich auch ganz schlecht nähen. Also das ist absolut tödlich.
Erzählerin
Vor allem, wenn hunderte solcher Geschosse auf die Gegner niedergehen. Wie man sich so einen Pfeilhagel vorstellen muss, zeigte ein Videofilm in der Ausstellung. Der ungarische Bogenbauer Lajos Kassai, Jahrgang 1960, ist ein Meister des traditionellen Pferdebogenschießens. Ohne Sattel reitet er im vollen Galopp und schießt seine Pfeile im Sekundentakt ab – nach vorne, nach hinten, zur Seite. Selbst im Sprung trifft Kassai noch ein ums andere mal ins Ziel.
ZSP 8 Muhl Video 0,15
Mit einer Frequenz schießt er da und trifft jedes Mal. Also das ist irre. Und die konnten das alle. So was gab´s in Europa gar nicht. Und wenn davon 300 Leute auf einen zukommen, dann machen sie gar nichts mehr. Dann nützt ihr kleiner Schild und ihr kleines Kettenhemdchen gar nix.
Erzähler
Kein Wunder, dass die Steppenkrieger gefürchtet waren. Zumal sie auch recht exotisch aussahen. Allerdings waren nur 20 Prozent der hunnischen Krieger vom Phänotyp erkennbar asiatisch, sagen Wissenschaftler. Viele hunnische Verbündete waren nämlich Germanen, Alanen oder Sarmaten. Ein buntes Völkergemisch also, allerdings nur an der Basis.
ZSP 9 Muhl hunnischer Kern 0,20
Die Hunnen haben immer die Oberschicht gestellt. Die Familie um Attila beispielsweise und seine Söhne und seine Brüder, die stellten den Kern. In dieses beratende Gremium, in diesen Generalstab konnten natürlich dann auch germanische Häuptlinge und sarmatische Häuptlinge mit aufsteigen. Das ist kein Problem. Aber die Zügel in der Hand hatte immer dann tatsächlich die asiatische Familie.
MUSIK
Erzählerin
Der legendenumrankte, charismatische Hunnenkönig Attila ging als „Geißel Gottes“ ins kollektive Gedächtnis ein. Seit 444 Alleinherrscher der Hunnen, führte er sein Heer bei Kriegszügen gegen Ost- und Westrom bis nach Mittel- und Westeuropa. Zum militärischen Showdown mit Westrom kam es dann im Nordosten Frankreichs.
Erzähler
Dort traf Attilas Heer im Juni 451 auf den einstigen Verbündeten Flavius Aëtius. Der war zwischenzeitlich der mächtigste Mann Westroms. Die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern verlief für beide Seiten sehr verlustreich und endete ohne klaren Sieger. Attilas Nimbus aber war danach zerstört, sagt Arnold Muhl.
ZSP 10 Muhl Attila 0,31
Die Hunnen sind nur so lange erfolgreich, wie Attila es schafft, andere zu besiegen, sich genügend Gold oder Besitztümer anzueignen, die er verteilen kann. Jetzt kommt er dann aber auf die Katalaunischen Felder, trifft auf Aëtius, der selber auch bei den Hunnen eine Zeit lang gelebt hat. Der kennt die Taktik. Und dann passiert eines: Attila gewinnt nicht. Es wird zwar immer gesagt, er hätte verloren. Stimmt nicht. Es ging unentschieden aus, aber Attila zog sich zurück, weil er gemerkt hat: Da kommt er nicht weiter. Und da hieß es: Oh, der ist ja doch nicht unschlagbar.
Erzählerin
Im Jahr nach der unentschiedenen Schlacht stirbt Attila. Seine Söhne können nicht an die Erfolge des Vaters anknüpfen. Es folgen militärische Niederlagen und bald auch inner-hunnische Konflikte. Das Konstrukt ihrer Herrschaft zerfällt. Und die Clans ziehen mit ihren Herden zurück in die Steppe.
MUSIK
Erzähler
Die Geschichte der Hunnen in Europa dauert nur 80 Jahre. Entsprechend gering sind die Siedlungsspuren, die sie hinterlassen haben. Aber das Bild vom blutrünstigen Steppenkrieger prägen sie höchst nachhaltig. Jahrhundertelang wird es in den Köpfen der Europäer herumspuken.
Erzählerin
Teils zu Unrecht, wie Wissenschaftler der englischen Universität Cambridge zeigen konnten. Viele der ehemaligen Reiternomaden waren nämlich sesshaft geworden und trieben Viehzucht. Die angeblich so wilden Hunnen lebten mit den lokalen Bauern friedlich zusammen, sie waren kaum mehr voneinander zu unterscheiden.
MUSIK
Erzähler
Ein Jahrhundert nach den Hunnen tauchen wieder Reiternomaden in Europa auf – das Turkvolk der Awaren. Ihre ethnischen Wurzeln sind unklar, fest steht nur: Auch sie kamen aus der Mongolei. In den Steppen Asiens war der Name „Awaren“ damals weit verbreitet. Gleich mehrere nomadische Gruppen nannten sich so.
Erzählerin
Als Mitte des sechsten Jahrhunderts in der Mongolei das Steppenreich der Róurán zerfiel, machte sich einer dieser Stammesverbände auf den Weg nach Westen. An die 20.000 Awaren-Krieger mit ihren Familien zogen in kleineren Gruppen nach Europa und siedelten zunächst an der unteren Donau. Im Jahr 568 nahmen sie das Karpatenbecken in Besitz.
Erzähler
Ihr Reich sollte 250 Jahre bestehen. Zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung erstreckte es sich vom heutigen Niederösterreich bis weit nach Rumänien hinein. Dort hatten die Awaren ihre Verwaltungs- und Machtzentren. Aber sie blieben weiterhin mobil, sagt Arnold Muhl.
ZSP 11 Muhl mobil 0,16
Man weiß zum Beispiel von den Awaren, dass sie auch ihre Kontakte bis weit bis 3000 oder 4000 Kilometer in die Steppe zurückhalten. Also da gibt es Heiratsverbindungen, das heißt, die bleiben nicht hier, sondern das ist wie die Seidenstraße auf und ab. Man kommuniziert miteinander. Und das wissen wir übrigens durch die genetischen Untersuchungen.
MUSIK
Erzähler
Die Krieger der awarischen Oberschicht zeigten sich traditionsbewusst. Selbst wenn sie schon sesshafter geworden waren, verstanden sie sich weiter als Nomaden, die ihre Tracht und Umgangsformen bewahrten. In der Ausstellung von Halle stand gleich am Eingang die Rekonstruktion eines höchst eindrucksvollen Awarenreiters auf seinem Pferd.
Erzählerin
Stolz und wild entschlossen dreinblickend, mit langen, geflochtenen Haaren und zotteligem Vollbart, in seiner Rechten eine Lanze, so als wolle er den kostbaren Goldschatz in der Vorhalle des Museums verteidigen. Dieser awarische Panzerreiter, sagt Kurator Muhl, verkörpert auf perfekte Weise den Steppenkrieger des Frühmittelalters.
ZSP 12 Muhl awarischer Reiter 0,13
Man sieht an ihm alles, was ein Reiternomade braucht. Seinen Bogen, sein Schwert, seine Lanze, ein sehr fittes Pferd, einen Sattel. Und als Aware natürlich Steigbügel. Damit hat er alles, was er braucht.
Erzählerin
Und was dem Gegner Angst einjagt. Kein Heer, nicht einmal das byzantinische, war damals in der Lage, sich diesen Panzerreitern erfolgreich zu widersetzen. Was auch an der Rüstung der Awaren lag.
ZSP 13 Muhl Lamellen 0,12
Das sind Lamellen aus Eisen, kleine Lamellen, die man zu einem ganz beweglichen Panzer zusammengeschnürt hat und die viel besser gegen Pfeile helfen als Kettenhemden. Damit war man doch relativ gut geschützt.
Erzähler
Als Angriffswaffe diente den Awaren der sogenannte Kompositbogen. Zusammengesetzt aus einem Holzteil, das auf der Innenseite mit Sehnen zusammengeleimt und auf der Rückseite mit einem dünnen Horn verstärkt ist, entwickelt er eine hohe Durchschlagskraft. Der untere Bogenteil ist kürzer als der obere. Dadurch werden die awarischen Kämpfer zu Pferd beweglicher.
Erzählerin
Sie überraschen den Feind mit blitzschnellen Attacken, schießen reitend ihre Pfeile ab und fechten mit gekrümmten Säbeln. Entscheidend für diese Art des Kämpfens ist ein kleines Utensil, das dem Reiter Halt gibt: der eiserne Steigbügel. Erst die Awaren haben diese revolutionäre Erfindung nach Europa gebracht, sagt Arnold Muhl.
ZSP 14 Muhl Steigbügel 0,20
Das ist eine tatsächlich entscheidende Änderung, weil das verändert das Reiten völlig. Vorher gab es diesen Steigbügel nicht. Heute erscheint uns das völlig selbstverständlich. Aber wenn man bedenkt: Römer, Griechen, die hatten keinen. Und erst mit dem Steigbügel ist ein Reiten, wie man es dann später bei der Kavallerie oder beim Rittertum sieht, erst möglich.
Erzähler
Panzerrüstung, Steigbügel, Säbel – das Erbe der Steppe besteht vor allem aus militärischen Neuerungen, die die Armeen des Westens später übernommen haben. Ohne die Awaren wäre also das europäische Rittertum des Mittelalters gar nicht denkbar.
MUSIK
Erzähler
Die Schätze der Awaren sind fast sprichwörtlich. Das meiste Gold aber haben sie nicht durch Kampf und Raub eingeheimst, sondern durch Schutzzahlungen und diplomatische Geschenke. Denn die Awaren waren in Europa schnell zum politischen Player aufgestiegen, zu einem Faktor im Machtgefüge.
Erzählerin
566 hatten sie die Franken besiegt und im Jahr darauf die ostgermanischen Gepiden in Pannonien unterworfen. Um ihren Machtbereich auch auf dem Balkan zu erweitern, wandten sich die Awaren schließlich gegen Byzanz und belagerten im Jahr 626 die schwer befestigte Hauptstadt Konstantinopel. An deren Mauern aber bissen sich die awarischen Panzerreiter und Bogenschützen letztlich die Zähne aus, sagt Arnold Muhl.
ZSP 15 Muhl Verlust 0,23
Also die holen sich da eine ziemlich blutige Nase, sind dann ziemlich geschwächt. Auch Teile ihrer unterworfenen Slawen lösen sich dann auf, ein Teil ihrer Macht geht flöten. Und die Franken nutzen die Situation und greifen die ein paar Mal an. Das führt zu einem gewissen Substanzverlust letztendlich. Aber erst tatsächlich, als sie untereinander zerstritten sind, sind die dann so schwach, dass sie dann einzeln aufgerieben werden.
Erzähler
Ende des 8. Jahrhunderts erobert und plündert Frankenkönig Karl, der spätere Kaiser Karl der Große, das wohlhabende Awarenreich im Donau-Theiß-Zwischenstromland. Nur zwei Jahrzehnte später sind die Awaren aus den Annalen verschwunden. Ihr 250 Jahre währendes Reich ist Geschichte. Und die Reste der awarischen Bevölkerung gehen in anderen Volksgruppen auf.
MUSIK
Erzähler
Aber es dauert keine hundert Jahre, da tauchen aus den Steppen Asiens erneut Reitervölker auf. Die Ungarn oder Magyaren, wie sie sich selbst nennen. Ihre Urheimat lag östlich des Urals, und ihr Idiom, das zur finno-ugrischen Sprachenfamilie gehört, klang in europäischen Ohren reichlich fremd. Auch sie lassen sich in der pannonischen Tiefebene nieder. Und starten von hier aus ihre Raubzüge.
Erzählerin
Wie ein Wirbelsturm fegen die Ungarn Ende des 9. Jahrhunderts über Mitteleuropa hinweg. Leicht gerüstet und äußerst wendig, führen sie blitzschnelle Reiterattacken aus. Die schwerfälligen gepanzerten Fußsoldaten des bayerischen Heeres erleiden im Jahr 907 vor Pressburg eine vernichtende Niederlage gegen diese pfeilschnellen Madjaren. Die werden zur permanenten Bedrohung. Sie zerstören Dörfer und plündern Klöster. In ihre Pfeilspitzen bohren sie Löcher. Dadurch entsteht im Flug ein heulendes, pfeifendes Geräusch, das die Gegner in Angst und Schrecken versetzt.
Erzählerin
Die ostfränkische Landbevölkerung verschanzt sich hinter hohen Erdwällen und tiefen Gräben. Oft genug vergeblich. Wie schon die Hunnen ein halbes Jahrtausend zuvor werden auch die magyarischen Reiternomaden zum Alptraum Europas. Als blutsaufende Bestien verschrien, galten sie als Vorboten einer drohenden Apokalypse. Die schriftkundigen Mönche sahen in den schamanistischen Heiden den personifizierten Satan. Aber waren diese Ungarn wirklich so grausam wie sie beschrieben werden?
ZSP 16 Muhl erfolgreich 0,22
Nicht grausamer als die anderen. Das hat sich damals nicht viel gegeben. Ein Menschenleben zählte nicht so besonders viel. Aber sie waren halt erfolgreich wieder durch ihre Reiterei, auch mit ihren Säbeln waren sie ein bisschen besser ausgerüstet. Also das war für die Leute kein Spiel, wenn die hier anrückten. Weil auch die wieder militärisch so erfolgreich waren, dass man dem wenig entgegenzusetzen hatte.
Erzählerin
Mitte des 10. Jahrhunderts enden die Ungarneinfälle. König Otto I. kann 955 auf dem Lechfeld vor den Toren Augsburgs das militärisch weit überlegene ungarische Heer vernichtend schlagen. In den Jahrzehnten danach wird das Nomadenvolk langsam sesshaft. Und gut katholisch. Fürst Stephan christianisiert seine heidnischen Magyaren und gründet im Jahr 1000 das Königreich Ungarn. Als einziges der bedeutenden Steppenvölker können sich diese Ungarn in Mitteleuropa bis heute behaupten.
MUSIK
Erzähler
Aber schon Mitte des 13. Jahrhunderts tauchten erneut Reiternomaden auf. Die mongolischen Stämme der Goldenen Horde unter Batu Khan dringen bis Niederschlesien, Ungarn, Mähren und Niederösterreich vor.
Erzählerin
Hunnen, Awaren, Ungarn, Mongolen. Die Geschichte der Reiternomaden auf dem europäischen Kontinent ist lang, auch wenn manche ihrer Reiche nur kurz bestanden. Als Krieger, aber auch als Hirten und Händler haben die eurasischen Steppenvölker Spuren hinterlassen. Sie sind Teil unserer europäischen Geschichte.
Vor rund 4500 Jahren scheint sich in Europa eine Religion zu entwickeln: Die Steinzeitleute begannen, ihre Toten anders zu bestatten und ihnen glockenförmige Keramikbecher ins Grab legten. Wer waren diese Leute, die man als Glockenbecherkultur zusammenfasst? Von Matthias Hennies (BR 2024)
Credits
Autor: Matthias Hennies
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Constanze Fennel
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Elisabeth Reuter, Prof. Philipp Stockhammer, Dr. Wolfgang Haak, Dr. Guido Brandt, Prof. Harald Meller
Linktipps:
Deutschlandfunk (2023): Trauer der Frühmenschen – Kein Totenbett aus Blüten
Nur Menschen begraben ihre Toten, doch wann haben sie damit angefangen? Anfangs wollten die Steinzeitmenschen vielleicht Aasjäger fernhalten, später den Weg ins Jenseits bereiten. JETZT ANHÖREN
SWR (2024): Migration in der Steinzeit – Warum wir fast alle anatolische Wurzeln haben
Egal, für wie "deutsch" wir uns halten; im Erbgut der meisten Europäer stecken Spuren von drei frühen Einwanderungswellen - aus Afrika, aus Anatolien und aus der russisch-ukrainischen Steppe. Diesen Migranten verdanken wir Landwirtschaft und Viehhaltung - und die indoeuropäische Sprache. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO (Werkstatt)
Sprecher
Elisabeth Reuter, Töpferin, sitzt in ihrer Werkstatt an einem alten Tisch und knetet eine Rolle Ton. Trennt ein Stück ab und formt ein Gefäß.
1. O-Ton Reuter 13:20
(Geräusche) Ich drehe es auf der Unterlage immer und bearbeite es auf der einen Seite mit den Daumen und auf der anderen Seite mit den restlichen Fingern, also mit beiden Händen gleichzeitig -
Sprecher
Sie töpfert einen Becher, der in der Jungsteinzeit, im 3. Jahrtausend vor Christus, in ganz Europa verbreitet war. Damals kannten die Menschen die Töpferscheibe noch nicht, auf der sich Tongeschirr viel schneller produzieren lässt. Die Töpferin aus Friedland in Hessen ist Spezialistin für Gefäße aus frühen Jahrtausenden. Im Handumdrehen formt sie ein rundes Schälchen, Basis für einen „Glockenbecher“, der mit jeder neuen Rolle Ton, die sie auf den Rand aufsetzt, größer wird.
2. O-Ton Reuter 17:45
Und damit das Gefäß breiter wird, setze ich das nicht in die Mitte, sondern eher zum Rand hin und drücke es auch noch nach außen. Wir brauchen die Glockenform.
MUSIK
Sprecher
Der „Glockenbecher“ ist ein gutes, gründlich erforschtes Beispiel für eine große Frage der Geschichtswissenschaften: Wie haben sich in der Vergangenheit neue Ideen verbreitet? In einer Epoche, als es noch keine Schrift gab, als die Menschen nicht in großen, gut organisierten Staaten, nicht in dicht bevölkerten Städten lebten: Haben Einwanderer in jenen Zeiten neues Gedankengut eingeführt? Oder verbreitete es sich von Mund zu Mund, durch Reisende oder Händler, als Ideen-Transfer?
ATMO (Schaben)
3. O-Ton Reuter 45:59
Ich bearbeite es noch mal nach, um es zu glätten und oben auseinanderzuziehen-
Sprecher
Das Gefäß erinnert an eine Glocke, die auf dem Kopf steht: Ein voluminöser Bauch, dann ein schmaler Hals, der sich wieder zu einer weiten Mündung öffnet. Es war mit regelmäßigen Linien und Mustern verziert. Die Töpferin demonstriert, wie man sie herstellt: Sie legt behutsam eine Schnur um das weiche, ungebrannte Gefäß.
4. O-Ton Reuter 53:08
Das sind so Kordeln, gedrehte, die kann ich in den Ton eindrücken, muss ich mit gutem Augenmaß arbeiten, ich habe jetzt eine Linie rund um mein Gefäß eingedrückt, das sieht man als leichte schräge Spuren in dieser Linie.
MUSIK
Sprecher
Linie wird unter Linie gesetzt, danach ist der Becher fertig zum Brennen. Etwa acht Stunden später kommt ein fein verziertes, stabiles Gefäß aus dem Feuer. Wozu mag man es im dritten Jahrtausend vor Christus verwendet haben?
4 ½. O-Ton Stockhammer 2’20 neu
Wir wüssten natürlich sehr gern, was es mit denen auf sich hat, gerade mit dieser einheitlichen Form: Es gibt Nahrungsrückstands-Analysen an einigen wenigen dieser Becher, in denen man „Mädesüß“ gefunden hat. Ein mir vorher auch unbekanntes Kraut, aus dem man eine alkoholische Substanz ziehen konnte, vielleicht war der Glockenbecher einfach ein spezifisches Gefäß zum Konsum alkoholischer Getränke, so wie wir in Bayern einen Maßkrug haben.
Sprecher
Für die Archäologie ist etwas Anderes wichtiger, stellt Philipp Stockhammer klar, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Dass Glockenbecher gegen Ende der Jungsteinzeit massenhaft als repräsentative Grabbeigaben dienten. Unzählige Exemplare haben sich bis heute erhalten, quer durch Europa, und die Gräber hatten – mit kleinen Abweichungen – immer dieselbe Ausstattung, immer dieselben Beigaben.
5. O-Ton Stockhammer 1‘37
In Mitteleuropa würde das Glockenbechergrab eine Körperbestattung sein, mit angezogenen Beinen, es ist eine so genannte Hockerbestattung, wobei alle Skelette Nord/Süd orientiert waren und die typischen Beigaben waren bei den Männern neben einem Keramikbecher oft ein Kupferdolch und eine so genannte Armschutzplatte, das ist etwas, was man am Arm trägt, damit die Sehne des Bogens, wenn man schießt, nicht den Unterarm verletzt.
MUSIK
Sprecher
Viel weiß man nicht über die Gemeinschaften, die diese Bestattungssitte praktizierten. Die Krieger kämpften offensichtlich mit Pfeil und Bogen, sie nutzten vermutlich schon Pferde als Reittiere. Lebensgrundlage war die Landwirtschaft, die Menschen bearbeiteten Äcker und züchteten Vieh. Siedlungen sind in Mitteleuropa bisher nur selten zu Tage gekommen. Die auf dem gesamten Kontinent verbreiteten, einheitlichen Gräber deuten aber auf ein weit gespanntes Kommunikationsnetzwerk hin, das Bevölkerungsgruppen über große Entfernungen verband. Zugleich lassen sie auf eine ziemlich egalitäre Sozialstruktur schließen, doch mancherorts gab es auch eine wohlhabendere Schicht.
5 ½. O-Ton Stockhammer 4:55 neu
Es gibt Gräber auch in Süddeutschland, mit Gold, mit Bernstein – und wir haben auch ein Grab in Süddeutschland, das mit spanischem Silber ausgestattet ist, also Objekte, die klar zeigen, ja, es gab Menschen, die in diesem Netzwerk offensichtlich eine herausragende Position innehatten und denen es möglich war, über dieses Netzwerk aus fremden Regionen Objekte und natürlich auch Wissen zu beziehen.
Sprecher
Entscheidend für die Entwicklung der „Glockenbecher-Kulturen“ war der Einfluss von Steppenhirten, die aus Osteuropa kamen.
6. O-Ton Stockhammer 6:01
Im frühen dritten Jahrtausend wanderten aus der heutigen Ukraine, kann man vielleicht sagen, Steppenhirten nach Mitteleuropa ein, ja, sie kamen bis nach Spanien und wir sehen genetisch bei diesen Einwanderern, dass es vor allem Männer waren. Es ist sehr spannend – wir sehen es am Y-Chromosom, das wird ja auf der männlichen Linie weitergegeben – dass sich das in ganz Europa ausbreitet und auch quasi durchsetzt. Wir wissen nicht, wie friedlich das abgelaufen ist, vor allem, weil zur selben Zeit die männlichen lokalen Linien alle enden.
MUSIK
Sprecher
Friedlich kann es wohl kaum abgegangen sein. Archäologische Belege dafür sind allerdings noch nicht zutage gekommen. Am Erbgut von Skeletten aus Glockenbecher-Gräbern lässt sich nur nachweisen, dass die Steppenhirten einheimische Frauen nahmen und sich mit der mitteleuropäischen Bauernbevölkerung vermischten.
MUSIK aus
7. O-Ton Stockhammer 7:22
Und aus dieser Vermischung ist eben nicht nur genetisch was passiert, sondern auch kulturell was passiert: Und dieses Glockenbecher-Phänomen ist quasi eine kulturelle Bewältigung dieser Einwanderer aus dem Osten.
Sprecher
Mit der Expansion der Männer aus der Steppe verbreiteten sich die Glockenbecher-Kulturen rasant, quasi parallel zum Weg der Einwanderer. Quer durch Europa, von Osten nach Westen zunehmend, gaben die neuen Gemeinschaften ihren Toten die unverwechselbaren Tongefäße mit ins Grab. Offen war bisher jedoch, ob allein die Migranten aus dem Osten die neue Sitte weitergetragen haben oder ob sie auch unabhängig von den Steppenhirten praktiziert wurde. Ein internationales Forscherteam hat nun Knochen und Zähne von 400 Menschen aus Glockenbecher-Gräbern auf Erbgut der Steppenhirten untersucht, in einer der bisher umfangreichsten Untersuchungen prähistorischer DNA. Archäologen aus ganz Europa holten dafür Skelettreste aus früheren Ausgrabungen aus den Magazinen.
8. O-Ton Haak 8:23
Wir sprechen von Proben aus Portugal, Spanien, Frankreich, den britischen Inseln, dann über Benelux und Mitteleuropa bis hin nach Tschechien, Italien und Ungarn hinein.
Sprecher
Das Projekt eröffnete neue Einblicke in die Veränderungen im Genom der Europäer und illustriert zugleich die großen Fortschritte der Genforschung, erläutert Dr. Wolfgang Haak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, der als Genetiker daran mitgearbeitet hat.
8 ½. O-Ton Haak
Ich komme ja noch aus einer Generation, wo man das ganz mühselig aus diesen alten Knochenfunden herausarbeiten musste, das waren ganz langwierige Prozesse, und man hat da mit großem Aufwand ganz wenig Informationen herausbekommen, also nur noch wenige Bruchstücke aus dem Genom, die man dann zusammengestückelt hat, und damals hat man noch alles allein gemacht, man hat alles von A-Z, der Probennahme bis letztlich zur Publikation machen können, das ist heute nicht mehr der Fall.
Sprecher
In den großen Projekten der Paläogenetik arbeiten jetzt Spezialisten in Dutzenden Labors von Harvard über Kopenhagen bis Jena zusammen. Das ist möglich – und oft auch nötig –, weil Millionen von Erbgut-Proben nun parallel, in Massen-Analysen, untersucht werden können.
9. O-Ton Haak 4:09
Da musste man auch sich auf den Hosenboden setzen, schön Hausaufgaben machen, das war ne steile Lernkurve für uns alle, das hat natürlich die gesamte Molekulargenetik betroffen, also nicht nur die alte DNA, sondern die Biologie insgesamt, und da ist es egal, was man sequenziert, ob das jetzt die Hefe ist oder der Löwe aus dem Zoo oder eben prähistorische Menschen, wir sind jetzt in der Lage, mit höchster Auflösung die Dinge anzugehen.
MUSIK & ATMO (Labor)
Sprecher
Ein Roboter fährt auf einer Laborbank des Jenaer Forschungsinstituts hin und her. Er pipettiert minimale Mengen Erbgut und Chemikalien in winzige Kanäle in einem blauen Kunststoffklotz. Damit beginnt das erste der drei entscheidenden neuen Verfahren: die „Library Preparation“, der Aufbau einer DNA-Bibliothek. Laborleiter Dr. Guido Brandt erläutert die Hintergründe.
10. O-Ton Brandt 3:38
Ich habe ein DNA-Fragment aus einer Probe und damit ich dieses DNA-Fragment analysieren kann, muss ich es manipulieren. Und das machen wir, indem wir an die beiden Enden dieses DNA-Fragments bekannte DNA-Sequenzen herankleben. Das sind selbst designte Sequenz-Schnipsel, die Sie bei Firmen in Auftrag geben und die synthetisieren synthetische DNA. In diesen „Adaptern“, wie wir sie nennen, sind bestimmte Bereiche enthalten, die dafür verantwortlich sind, dass ich die DNA vervielfältigen kann, dass ich sie später aber auch von Fragmenten einer anderen Probe unterscheiden kann. Man muss sich das so vorstellen wie einen Barcode, wie an der Supermarktkasse einen Strichcode.
Sprecher
Dank dieses “Strichcodes” sind die Proben aus dem Erbgut eines Menschen identifizierbar – und können im nächsten Arbeitsschritt zusammen mit der DNA mehrerer hundert anderer Individuen sequenziert werden. Die „Massive Parallele Sequenzierung“, der zweite große Fortschritt, beruht einer dramatischen Verbesserung der Sequenziermaschinen.
11. O-Ton Brandt 7:30
Die Technik von vor 15 Jahren, die wurde letzten Ende verwendet, um das erste humane Genom zu erzeugen, man hat da zwei Jahrzehnte dran gearbeitet und es hat Millionen von Dollar verschlungen, heute ist es möglich, ein humanes Genom für unter 1000 Dollar in 24 Stunden zu erzeugen. Der große Vorteil ist einfach diese massive parallele Sequenzierung, die es mir erlaubt, viele hundert Individuen auf einmal zu bearbeiten und eben Millionen von DNA-Sequenzen in einem Sequenzierlauf zu erzeugen.
Sprecher
Früher mussten Forscher für die Sequenzierung einen Abschnitt aus einer DNA-Probe auswählen. Dass beim „Next Generation Sequencing“, wie es auch genannt wird, nun Millionen DNA-Sequenzen gleichzeitig bearbeitet werden, vereinfacht insbesondere die Erforschung Alten Erbguts: Nun fällt eine solche Fülle von Daten an, dass es keine Bedeutung mehr hat, wenn einige DNA-Sequenzen nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden nicht mehr intakt sind. Die Paläogenetik erlebt daher einen mächtigen Boom.
MUSIK
Sprecher
Die neue Technik wäre nicht komplett ohne den Entwicklungssprung in der Bioinformatik. Um die gigantischen Datenmengen aus der Parallelen Sequenzierung auswerten zu können, mussten neue Computerprogramme geschrieben und leistungsstarke Rechner angeschafft werden.
12. O-Ton Brandt 22:18 (O-Ton vorn gekürzt!)
Durch das Library Prep werden einfach alle Moleküle, die in meiner Probe drin sind, in eine Library transferiert und damit ist es möglich, alle sofort zu sequenzieren. Und später dann eben am Computer der richtigen Position im Genom zuzuordnen. Es wird dann über bestimmte bio-informatische Algorithmen errechnet, wo ein Sequenzschnipsel im Genom am besten hinpasst.
MUSIK
Sprecher
Den Wissenschaftlern eröffnen sich damit neue Erkenntnis-Möglichkeiten:
Statt vor der Analyse auf gut‘ Glück einen DNA-Abschnitt auszuwählen, können sie jetzt das komplette Erbgut mehrerer Individuen rekonstruieren und danach entscheiden, wo die vielversprechenden Abschnitte liegen: Die Y-Chromosomen für die männlichen Linien etwa, die mitochondriale DNA für die Vererbung auf mütterliche Seite oder Mutationen im Erbgut, wenn es um die Charakterisierung von Bevölkerungsgruppen geht.
Sprecher
Im Glockenbecher-Projekt fanden die Genetiker das Erbgut der Steppenhirten in fast allen Skelettresten aus Mittel- und Westeuropa. Nur in den ältesten Proben, die auf etwa 2800 vor Christus datiert werden und aus Spanien stammen, ließ sich keine DNA der Einwanderer feststellen. Für den Archäologen Stockhammer ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Glockenbecher waren auf der iberischen Halbinsel schon vor Ankunft der Einwanderer bekannt. Die neue Bestattungssitte hat sich also nicht nur durch Migration in Europa verbreitet, sondern ist unter iberischen Bevölkerungsgruppen schon vorher weitergetragen worden: als Ideentransfer, sozusagen von Mund zu Mund.
13. O-Ton Stockhammer 11:11& 23:17
Der Impetus kam durch Einwanderer, aber das Glockenbecher-Phänomen an sich ist dann nicht durch großräumige Wanderungen entstanden, sondern durch Kontakt zwischen den Beteiligten. Es war sicher das erste großräumige Phänomen, von dem man zeigen konnte, dass es nicht vor allem durch Migration entstanden ist.
Sprecher
Ausnahme: Die britischen Inseln, die die Einwanderer ab Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus eroberten. Sie löschten die Einheimischen, deren Vorfahren einst Stonehenge erbaut hatten, fast vollständig aus. Und sie brachten die Glockenbecher mit: Auf den britischen Inseln verlaufen Einwanderung und Verbreitung von Glockenbechern eindeutig parallel.
Insgesamt gesehen, liefert die Studie neuen Stoff für einen alten Streit. Lange meinten Altertumswissenschaftler, wo einheitliche Fundensembles zu Tage kamen, hätte auch eine einheitliche Menschengruppe gelebt. So sprach man von einem „Glockenbecher-Volk“.
Oder man meinte, überall, wo eiserne Bratspieße und so genannte „Antennendolche“ ausgegraben wurden, hätten Kelten gewohnt. In den sechziger Jahren kamen Zweifel auf: Kann man tatsächlich aus ähnlichen Objekten schließen, dass ein Volk sie hervorgebracht hat, mit einer übereinstimmenden Signatur des Erbguts? Die Glockenbecher-Untersuchung spricht dagegen.
14. O-Ton Stockhammer 7‘57
Wir haben ja die Gräber der Einwanderer, bevor sie nach Mitteleuropa kamen. Die hatten eben auch Becher, aber die waren keine Glockenbecher, die waren eben ein bisschen anders, die waren schnurverziert. Die hatten keine Kupferdolche, die hatten Steinäxte, die hatten auch Hockerbestattungen, aber nicht Nord-Süd, sondern Ost-West. Und das Spannende ist, das Glockenbecher-Phänomen dreht quasi alle kulturellen Aspekte dieser Steppenhirten in ihr Gegenteil, aber es bleibt ein Dialog, wie eine Dialektik, zwischen dem, was da aus dem Osten in den Westen gekommen ist und dem, was vorher schon im Westen da war.
Sprecher
Die Glockenbecher-Sitte und die Kultur der Einwanderer gehen nicht auf denselben Ursprung zurück, betont Stockhammer, haben sich im Umbruch der massiven, blutigen Einwanderungswelle aber gegenseitig beeinflusst.
Doch die alte Streitfrage ist noch nicht entschieden. Gerade am entscheidenden Resultat der Studie, das den Ideentransfer belegen soll, hat der Genetiker Wolfgang Haak Zweifel. Er hebt hervor: Die Verbreitung von Glockenbechern fällt räumlich und zeitlich zum allergrößten Teil mit der massiven Expansion der Steppenhirten zusammen. Nur die ältesten, auf 2800 vor Christus datierten Glockenbecher aus Spanien passen nicht ins Bild.
15. O-Ton Haak 18:28 (vorn gekürzt!)
Das sind nur diese ersten 300 Jahre, wo das nicht zusammengeht, dann später geht es wirklich 1:1 zusammen, was wir im Rest des Genoms sehen und auch die archäologische Sachkultur, das geht Hand in Hand.
MUSIK
Sprecher
Ist die Datierung der spanischen Funde wirklich zuverlässig? Die Jahreszahl 2800 vor Christus wurde nicht aktuell im Rahmen der Studie ermittelt, sondern lag bereits aus der Ausgrabung vor. Und, so Haak weiter, lassen sich diese Gräber eindeutig der Glockenbecher-Kultur zuordnen? Der Genetiker, der in mehreren internationalen Großprojekten aktiv ist, will das europaweite Phänomen nun noch detaillierter erforschen: mit neuen archäologischen Daten und Erbgut-Analysen von mehreren tausend Individuen.
Sprecher
Weitere Untersuchungen bieten sich auch an, weil hinter der neuen Bestattungssitte mehr steht als nur eine andere Grabbeigabe: Die Menschen begannen eines Tages, ihren Toten Glockenbecher ins Grab zu legen, weil sie für sie eine konkrete Bedeutung hatten. Sie waren Ausdruck einer bestimmten Überzeugung, eines Glaubens. Welche Wünsche und Hoffnungen damit verbunden waren, lässt sich nicht rekonstruieren, doch es war eine neue Religion oder eine neue Ideologie. Und sie hatte erstaunlichen Erfolg, verbreitete sich von Ungarn bis Portugal, von Italien bis auf die britischen Inseln. Die Menschen standen trotz der Entfernung miteinander in Verbindung, sie bildeten ein Netzwerk, sagen die Forscher.
16. O-Ton Haak 25:30
Warum hat es immer wieder funktioniert? Da muss es ja ein kulturelles oder soziologisches Konzept gegeben haben, vielleicht auch eine Ideologie, die dann attraktiv war, das war möglicherweise einfach das Wirtschaftsmodell, das gezogen hat, das Gelobte Land, das neue Ding, es ging aufwärts, vorwärts, das ist ein Modell, das man mal prüfen müsste.
Sprecher
Dieses Netzwerk bereitete wahrscheinlich der Innovation den Boden, die eine neue Epoche einläutete: der Herstellung der Bronze, des ersten praktischen Metalls. Mancherorts in Europa hatten Menschen schon vorher Kupfer bearbeitet, aber kupferne Waffen und Werkzeuge sind relativ weich. Legiert man Kupfer jedoch mit etwas Zinn, wird das Material härter, lässt sich gut bearbeiten und glänzt obendrein wie Gold: Das sind die Vorzüge der Bronze. Bronze ist aber nicht leicht herzustellen, weil Zinnvorkommen in Europa rar sind: Größere Lagerstätten finden sich nur im äußersten Westen Englands, im heutigen Cornwall. Dort ließen sich Menschen der Glockenbecher-Kulturen ab 2450 vor Christus nieder. Viele Archäologen vermuten, dass sie die Kenntnis von der Zinnbronze über den Kontinent verteilten. Philipp Stockhammer:
MUSIK
17. O-Ton Stockhammer 37:22
Gerade das Glockenbecher-Netzwerk war einer der entscheidenden Momente, Wissen auszutauschen: Oh, hier haben wir die Zinnlagerstätten, oh, hier haben wir Kupfer, oh, hier haben wir die neuen metallurgischen Techniken aus dem Orient. Und deshalb war das Glockenbecher-Phänomen eigentlich die entscheidende Triebfeder für die Herausbildung der Bronzezeit in Mitteleuropa, und ich sehe in meinen Forschungen, dass sich in Mitteleuropa eigentlich nur dort die frühe Bronzezeit entwickeln konnte, wo wir vorher auch das Glockenbecher-Phänomen fassen.
ATMO (Besucher im Museum)
Sprecher
Etwa ab 2400 vor Christus entwickelte sich ein Zentrum der frühen Bronze-Herstellung im östlichen Mitteldeutschland. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle kann eine Fülle einschlägiger archäologischer Funde präsentieren.
18. O-Ton Meller 5:38
Die frühesten Bronze-Objekte, die wir hier haben, kann ich Ihnen zeigen, das sind Dolche…
ATMO (Schritte)
Sprecher
Professor Harald Meller, Museumsdirektor und Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, ist an mehreren Forschungsprojekten zum Anfang der Bronzezeit in Europa beteiligt. Auch er zieht eine Verbindung zwischen der Glockenbecher-Kultur und der Metallverarbeitung.
19. O-Ton Meller 13:27
Die Fähigkeit, Bronze herzustellen, gibt es schon ganz alt im Vorderen Orient und am Balkan, aber bei uns in Mitteleuropa ist die Bronzeherstellung noch mal erfunden worden, zumindest ist das die Hypothese, durch die Eroberung von Südengland, Glockenbecherleute erobern Südengland, und die entdecken dann in Cornwall das Zusammentreffen von reichen Zinnquellen in den Flüssen und dieses Zinn ermöglicht es natürlich, Bronze herzustellen.
ATMO (Schritte)
Sprecher
Vor einer Wand-hohen Vitrine, in der auf dunklem Stoff mehrere Reihen bronzener Beilklingen aufgehängt sind, eine wie die andere, wird deutlich, welche Revolution die Entdeckung dieses Materials bedeutete: Sie veränderte die Gesellschaft grundlegend.
20. O-Ton Meller 18:39
Der Bronzeguss ist für uns so wahnsinnig wichtig, weil damit die Menschen zum ersten Mal selbstgeschaffen identische Dinge herstellen. Vorher hast du ein Steinbeil, jedes Beil ist anders, abhängig von der Quelle. Das heißt, ein Fürst lässt 100, 200, 300 Beile gießen, und die sind völlig identisch, die kann er jetzt an die Bauernsöhne verleihen, kann er eine Armee aufstellen.
MUSIK
Sprecher
Ab Ende des dritten Jahrtausends vor Christus herrschten erstmals mächtige Fürsten in einigen Gegenden Mitteleuropas. Aus den Glockenbecher-Kulturen, die kaum Hierarchien kannten, hatte sich eine neue Gesellschaftsstruktur gebildet. Meller spricht dabei übrigens von „Glockenbecherleuten“ – als ob sich die bauchigen Tongefäße doch mit einer genetisch einheitlichen Bevölkerung identifizieren ließen. Über die Frage, ob die Bestattungssitte mit Glockenbechern, die erfolgreiche neue Religion, von Einwanderern verbreitet wurde oder als Idee von Mund zu Mund wanderte, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
In der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, haben die Menschen das Überlebensprinzip "Arbeit" erfunden. Bislang lebten Jäger und Sammler von der Hand in den Mund, doch die ersten Bauern und Viehzüchter mussten das Ackerland pflügen, Unmengen Unkraut jäten und Tiere hüten. Sie wurden Bauern, sesshaft, innovativ - und offenbar auch gewalttätiger, als sie es bis dahin waren. Von Matthias Hennies (BR 2019)
Credits
Autor: Matthias Hennies
Regie: Martin Trauner
Sprecher: Thomas Birnstiel
Technik: Christian Schimmöller
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Martin Hinz, Dr. Helmut Schlichtherle, Manuela Fischer, Margarethe Schweikle, Prof. Thomas Saile, Dr. Heiner Schwarzberg
Linktipps:
ZDF (2019): Tatort Steinzeit
Immer wieder stoßen Forscher auf die Spuren von Gewalt, die in diesem Ausmaß aus früheren Epochen unbekannt sind. Wer waren die Opfer und wer die Täter? JETZT ANSEHEN
SWR (2018): Archäologie erleben – Akte Jungsteinzeit
Wieso wurden vor 7.500 Jahren die Menschen im Südwesten sesshaft? Dank neuer wissenschaftlicher Methoden können Archäologen endlich Rätsel aus unserer Geschichte lösen. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO (Gespräch & Knistern)
Planen drüber! Ist das Timing, Baby? Eine Minute, dann geht’s los hier! Dann geht das richtig los. Blende, unterlegen.
Sprecher
Dunkle Wolken ziehen auf, der Wind schüttelt die Kronen der alten Buchen und die Archäologen legen die Schaufeln beiseite. Wenige Kilometer von der Ostseeküste entfernt, in einem Wald bei Wangels in Holstein, untersuchen sie ein Großsteingrab aus der Jungsteinzeit. Rund um die riesigen Findlinge, die den Bestattungsplatz der frühen Bauern markieren, tragen sie Zentimeter für Zentimeter die Erde ab. Doch nun droht der nächste Regenguss und sie müssen die Ausgrabung mit einer dicken Plane zudecken.
ATMO (Gespräche & Knistern)
Muss da noch höher, das regnet sonst rein!
MUSIK
Sprecher
Nach dem Schauer tupfen die Forscher, großenteils Studenten von der Universität Kiel, mit Schwämmen das Regenwasser aus der Grabungsfläche. In einem großen Forschungsprojekt zum Neolithikum, der Epoche der ersten Bauern, suchen sie nach einer Erklärung für den Boom der Megalithbauten: In Norddeutschland haben sich ab 4000 vor Christus die Ackerbauern und Viehzüchter durchgesetzt. Nur wenige Menschen zogen noch als Jäger und Sammler umher, die meisten hatten sich an einem festen Ort niedergelassen, ernteten Getreide und Hülsenfrüchte, züchteten Rinder, Pferde und Schweine. Um 3600 vor Christus begannen die Bauern dann, für ihre Toten mächtige Grabhügel aus schweren Steinbrocken aufzutürmen. Aber warum? Das muss die Archäologie noch klären. Am Grab bei Wangels allerdings ist es im Augenblick zu nass zum Ausgraben.
ATMO (Gespräche & Plätschern)
Hier kannst du noch näher an die Steine ran, oh ja.
Sprecher
Ihre geräumigen Langhäuser bauten die frühen Bauern aus Holz und Lehm, berichtet Martin Hinz, der Grabungsleiter, doch die Gräber errichteten sie aus Stein. Darin zeigt sich, welche Bedeutung sie ihren Vorfahren zumaßen: Die steinernen Wohnstätten der Toten waren dauerhaft, die hölzernen Bauten für die Lebenden aber vergänglich. Die Leute wussten genau, wie man mit Stein baut: Die Lücken zwischen den mächtigen, unförmigen Findlingen haben sie sorgsam mit Trockenmauerwerk gefüllt, so dass geschlossene Wände entstanden. Der Eingang blieb offen, denn die Bauten wurden in der Regel mehrere Generationen lang genutzt. Im Volksmund Norddeutschlands heißen sie wegen ihrer Größe "Hünengräber", doch die Forschung hat gezeigt:
2. O-Ton Hinz XIV 099-033, 31'23
Dass hier kein ausgewählter Personenkreis bestattet worden ist. Wir haben Kinder, Frauen, Männer, daher ist anzunehmen, dass es wirklich ein Bestattungsort war für jedermann, keine expliziten Häuptlingsgräber, wie man das früher immer noch gedacht hat.
Sprecher
Um aus tonnenschweren Findlingen einen Grabbau zu errichten, mussten alle Bewohner eines Dorfes anpacken – und später setzten alle ihre Toten darin bei. Niemand stach aus der Gemeinschaft heraus: Weder im Tod durch ein Einzelgrab oder kostbare Beigaben, noch im Leben durch ein riesiges Haus oder prunkvollen Besitz. Die frühen Bauern lebten einige Jahrhunderte lang in einer weitgehend egalitären Gesellschaft. Mit den gemeinschaftlich errichteten Grabbauten dokumentierten sie ihre Zusammengehörigkeit. Zugleich markierten sie damit ihren Grund und Boden, erklärt Dr. Hinz:
3. O-Ton Hinz XIV 099-033, 35'52
Das ist sicher nicht losgelöst davon, dass Land jetzt eine ganz andere Qualität bekommt, es wird eine Ressource, man investiert in das Land, man muss den Acker roden, man muss Arbeit hinein investieren und da kommt sicher auch ein anderes Bewusstsein auf für Landschaft.
Sprecher
Die mobilen Jäger- und Sammler-Gruppen waren immer dorthin gezogen, wo die Natur ihnen gerade die besten Ressourcen bot. Die Bauern aber siedelten sich an einem Ort an und entwickelten eine engere Beziehung zum Land, ihrer Lebengrundlage: Sie nahmen es dauerhaft in Besitz, deshalb errichteten sie ihre steinernen Gemeinschaftsgräber darauf. Die Bauten demonstrieren das neue Bewusstsein für Dauer und Besitz, das sich in der Jungsteinzeit entwickelte. In Süddeutschland dagegen, da, wo die Gletscher der Eiszeit keine Findlinge abgelagert haben, entwickelten die Menschen des Neolithikums andere Bräuche, um ihre Ahnen zu ehren und sich ihrer Zusammengehörigkeit zu vergewissern. Dort ließen sich die ersten Bauern um 5500 vor Christus nieder, etwa ab 3800 entstanden Pfahlbauten an den Seeufern des Voralpenlandes. Die Pfahlbauten bieten den Archäologen die besten Forschungsmöglichkeiten, weil Holz und Lehm, Textilien und Pflanzenreste im feuchten Boden, abgeschlossen vom Sauerstoff, Jahrtausende überdauern können.
ATMO (Schritte)
Sprecher
Zentrum der Pfahlbau-Forschung ist das Amt für Denkmalpflege in Hemmenhofen am Bodensee, Dr. Helmut Schlichtherle hat es lange geleitet. Er kann ein einzigartiges Beispiel für den jungsteinzeitlichen Ahnenkult zeigen, das kürzlich aufwändig rekonstruiert wurde. In Ludwigshafen am Bodensee, ausgerechnet im Strandbad, waren Bruchstücke von der lehmverputzten Wand eines neolithischen Hauses zutage gekommen – einer Wand, die großflächig mit Malereien bedeckt war.
5. O-Ton Schlichtherle OT 12, 9'02
Die Badegäste standen mehrere Sommer schon in diesen Malereifragmenten, die durch die Wellen freigelegt worden sind und wir waren dann mit unseren Tauchern dort und haben vor allem das geborgen, was im Seegrund noch zugedeckt war-
Sprecher
Ergebnis war ein Puzzle von weit über 1.000 Teilen, das dann in die Labors der Denkmalpflege wanderte. Dort hat Schlichtherle die Lehmbruchstücke mit seinen Mitarbeiterinnen Margarethe Schweikle und Manuela Fischer in mühsamer Kleinarbeit nach und nach zusammengesetzt.
6. O-Ton Schweikle OT 12, 11'16
Das lag dann hier jahrelang rum, oder? Gelächter. Schon ein paar Jahre. Und ich hab quasi dann die Einzelscherben rausgeholt und dann geklebt, das kann man jetzt auch in die Hand nehmen, hier dran sieht man die Schultern und das Händchen, also das ist ein ganz wichtiges Stück-
O-Ton Fischer OT 12
Hier hinter Ihnen in diesem Regal sind, ich weiß nicht, wie viele Kisten, über hundert, da liegen immer noch sehr viele Stücke drin. Die wo wir zuordnen konnten, das sind diese bemalten Hüttenlehmstücke, haben wir den Frauen zugeordnet, aber ansonsten gibt es in diesem Chaos noch sehr viele Stücke, die teils keine Bemalung haben, einfach nur aus der Wand rausgebrochen sind, ohne Hinweis, die können wir gar nicht zuordnen, das liegt alles noch in diesen Kisten.
Sprecher
Das mehrere Meter lange Fresko zeigt sieben fast lebensgroße, stilisierte Frauengestalten, mit weißer Farbe auf die braune Wand gemalt. Ihre Brüste stehen plastisch, aus Lehm geformt, aus der Wand hervor, ihre Arme dagegen sind nur angedeutet, die Beine gar nicht dargestellt. Bei vier Gestalten ist der Kopf wiedergegeben, mit einem auffälligen Kranz von Haaren oder Strahlen darum herum.
Schlichtherle interessiert sich besonders für die abstrahierten Figuren zwischen den Frauengestalten: Strichmännchen mit ausgebreiteten Armen oder Beinen: Zu neun, zehn, elf übereinandergestapelt, ergeben sie ein Muster, das an einen Baum erinnert – einen Lebensbaum, nennt es der Archäologe. Er deutet die Abfolge von Strichmännchen als eine Ahnenreihe, die Generation um Generation in die Vergangenheit zurückführt. Den Schlüssel zu dieser Interpretation liefern ihm Verzierungen auf neolithischen Keramikgefäßen.
7. O-Ton Schlichtherle OT 12, 24'25
Auf diesen Gefäßen gibt es wieder diese Lebensbäume, in denen wir die Ahnenreihen sehen können. Gleichzeitig sehen wir, dass es hier sonnenartige Knubben und Ösen auf den Gefäßen gibt, die ganz stark erinnern an die sonnenartigen Köpfe der weiblichen Gestalten.
Und in einem Fall ist auch klar, dass die weiblichen Gestalten mit ihren sonnenartigen Köpfen über den Ahnenreihen sitzen.
Sprecher
Die Ahnenreihen führen demnach zurück zu den großen Frauengestalten: Sie sind die weiblichen Urahnen der verschiedenen Sippen im Dorf. Nicht zu verwechseln mit der Muttergottheit oder Urmutter, die man lange in der Glaubenswelt der Steinzeitkulturen finden wollte. Die Wand spiegelt also vermutlich die Genealogie der Dorfgemeinschaft. Anhand der Malerei vergewisserte sich das Dorf seiner Identität. Diese Deutung deckt sich mit einer Erkenntnis der Ethnologie: Kulturen, die keine Schrift haben, definieren sich häufig durch detailliertes, sorgsam memoriertes Wissen über ihre Ahnenreihen. Dass der Ahnenkult in der geistigen Welt des Neolithikums eine zentrale Rolle spielte, weiß man seit langem. Doch nirgends ist bisher eine so subtile Ikonographie aufgetaucht wie auf der Kultwand von Ludwigshafen am Bodensee. Und sie scheint direkt aus dem Leben gegriffen: Kein spektakulärer Großbau, kein überregionales Kultzentrum, sondern ein alltäglicher Gegenstand, den es vermutlich in jedem Dorf gab - wie der Altar der Pfarrkirche, vor dem sich die Kinder zur Kommunion versammeln.
9. O-Ton Schlichtherle OT 13, 8'18
Ich könnte mir gut vorstellen, dass vor dieser Wand, in diesem Innenraum, Initiationsfeiern stattfanden, dass über diese Gestalten gesprochen wurde, dass die Mythen repliziert und immer wieder wiederholt wurden. Eine schriftlose Kultur lebt von der Wiederholung solcher Geschichten und auch diese Wand ist eine Verbildlichung von Inhalten, das ist der Überbau dieser Gesellschaft, der hier eine Bildform gekriegt hat. Sowas hat es sicher häufig gegeben, wir haben die einmalige Chance gehabt, es mal zu finden.
Sprecher
Nicht dass Schlichtherle Mangel an eindrucksvollen Funden hätte: Da ist auch das Modell der Steinzeit-Siedlung Torwiesen, die am Rand des Federsees in Oberschwaben nahezu komplett geborgen werden konnte. Als die Menschen den Ort um 3300 vor Christus verlassen hatten, wuchs Torf über die Häuser und Bohlenwege: Stützpfähle, Fußböden, auch eingestürzte Wände blieben erhalten – darüber hinaus die Reste der Pflanzen, die hier in der Jungsteinzeit verzehrt oder verarbeitet wurden, tote Insekten und zerrissene Fischernetze.
4. O-Ton Schlichtherle
(Innen, Schritte) Ich mache mal die Tür zu, da sind oft Geräusche. (Klappert)
Sprecher
Helmut Schlichtherle hat das Dorf auf einer Sperrholzplatte im kleinen Maßstab nachbauen lassen: 15 Häuser, rechts und links eines soliden Bohlenweges aufgereiht, alle aus Holzstäbchen und Bastfäden, ein bisschen größer als die Gebäude einer Modelleisenbahn. Darunter liegt, grauschwarz angestrichen, das vertorfte Ufer aus Pappmaschee. Alle Häuser bis auf drei wirken gleich groß und stehen parallel nebeneinander, die Giebel zur zentralen Dorfstraße ausgerichtet. Vor jedem Eingang liegt ein Dreschplatz – doch der erste Eindruck täuscht: "Torwiesen" war kein egalitäres Dorf.
12. O-Ton Schlichtherle OT 9, 9'56
Wenn wir etwas genauer hingucken, sehen wir, dass die Häuser im Dorf von vorn nach hinten kleiner werden. Das erste Haus hier ist am längsten und gehen wir die Dorfstraße entlang bis zum letzten, dann ist das nur noch halb so groß.
Sprecher
Dasselbe Muster zeigte sich, als die Archäologen die Verteilung der Kleinfunde analysierten: Die ersten, größten Häuser waren gut mit Getreide und anderen Kulturpflanzen versorgt, in den letzten Häusern dagegen fanden sich nur wenige Dreschreste, dort brachte der Feldbau offensichtlich nur geringe Erträge. Und dann sind da noch drei winzige Häuser hinter und zwischen die geräumigen Bauten der Landwirte gequetscht: Die Grundfläche reichte gerade aus, dass sich zwei Personen abends auf dem Boden ausstrecken konnten.
14. O-Ton Schlichtherle OT 9, 17'12
Das könnte tatsächlich eine andere Schicht sein. Wir wissen, dass in den kleinen Häuschen spezielle Dinge gemacht worden sind: In diesen beiden saßen Bogenbauer, wir wissen, dass in zwei der kleinen Häuser Fischereigerät war, das ist auch eine Ausnahme in der Siedlung, und dann wissen wir, dass Sammeltätigkeit eine große Rolle spielt: Also nicht landwirtschaftliche Produkte, sondern in der Natur gesammelte Produkte und teilweise sogar Samen von Ackerunkräutern, die in großer Menge eingesammelt wurden. Also die Kleinhäusler hatten das Recht, auf den Feldern der Großbauern die Unkräuter einzusammeln und zu verwerten.
Sprecher
Das Ende der egalitären jungsteinzeitlichen Gesellschaft hatten Forscher bisher nur an neuen Bestattungssitten erkannt: Anstelle gemeinschaftlicher Grabstätten wie den Megalithbauten begannen die Menschen, Einzelgräber anzulegen, offenkundig für Anführer oder Häuptlinge. Jetzt aber zeigen die kleinteiligen Funde aus Torwiesen sehr anschaulich, wie sich im alltäglichen Leben der frühen Bauern eine hierarchische Schichtung der Dorfgemeinschaft herausbildete.
ATMO (Zug)
Sprecher
Megalithgräber im Norden und Pfahlbauten im Süden haben Wissenschaftlern in den letzten Jahren neue Einblicke in die Welt der Jungsteinzeit eröffnet. In ganz Deutschland verbreitet, aber am rätselhaftesten sind die "Erdwerke" der Steinzeitleute.
Sprecher
Der Regionalexpress von München nach Regensburg verringert kurz hinter Landshut seine Geschwindigkeit. Er quert das Tal des Eichelbachs und rollt über einen Bahndamm gemächlich auf die scharfe Kurve Richtung Norden zu. Schaut man auf der rechten Seite aus dem Fenster, fällt der Blick auf ein Raps-, dahinter ein Getreidefeld: Hier im Landshuter Löss liegt das wohl berühmteste Erdwerk Bayerns.
15. O-Ton Saile 018-144, 8'46
Wenn man in dem Zug sitzt, kann man in dieses Tälchen schauen und wenn man das häufiger macht, auf der Strecke von Landshut nach Regensburg fährt, dann guckt man hier ab und an rein, das hat der Pollinger offenbar damals auch getan und hat dann eben in dem gepflügten Zustand viele dunkle Verfärbungen auf gelblichem oder hellerem Grund gesehen.
Sprecher
Vor hundert Jahren hat der Oberlehrer Johann Pollinger die dunklen Verfärbungen als ein System zusammenhängender Gräben identifiziert – weil er von oben darauf herunterblickte, so Thomas Saile, Archäologie-Professor aus Regensburg. Das war der Anfang der Luftbildarchäologie. Heute ist Geländeerkundung aus der Luft ein Standardverfahren: Wo Reste von Gebäuden in der Erde liegen oder wo einst Gräben verliefen, zeigt der Boden nach der Ernte oder beim ersten Schnee eine andere Farbe. Gräben zum Beispiel speichern Feuchtigkeit und Kälte länger, daher ist die Erde dunkler als der umgebende Boden. Von oben lässt sich erkennen, ob die Verfärbungen ein regelmäßiges Muster ergeben, ob also von Menschen geschaffene Anlagen in der Erde ruhen. Die Gräben beim Weiler Altheim wurden 1914 ausgegraben und als "Erdwerk" identifiziert Den Kern bildete eine rechteckige Grabenanlage von etwa 40 mal 60 Metern Seitenlänge, also gut ein halbes Fußballfeld groß. Angelegt wurde der Bau um 3600 vor Christus. Später zogen die Menschen außen noch zwei Gräben darum herum. Über schmale Erdbrücken konnten sie das Innere der Anlage betreten – doch was sich dort einst befand, weiß man nicht: Archäologen finden keine Spuren mehr, weil die oberen Erdschichten im Lauf der Zeit komplett erodiert sind. Nachweisbar ist nur, dass der Innenraum von einer Reihe Holzpfosten umschlossen war, die aber längst zerfallen sind.
ATMO (Schritte & Auto)
Sprecher
Wie der Bau einmal ausgesehen haben könnte, zeigt im Museum Stadtresidenz in Landshut eine imposante, gut zwei Meter hohe Rekonstruktion.
17. O-Ton Saile 36-141, 0'41
Diese Palisade, die soll den Eindruck dieser Altheimer Anlage erwecken. Und wenn man jetzt hier durchgeht, durch den Eingang, dann gelangt man in den Saal, der sich nun mit Altheim beschäftigt.
AMTO (Schritte)
Sprecher
Die Palisade zog sich entlang des Grabens um den Innenraum der Anlage. Lange wurde sie als Befestigung interpretiert, doch heute schließen Forscher eine militärische Funktion aus: Dann hätte man das Bauwerk auf einem Hügel errichtet und nicht an einem abfallenden Hang, wo es von oben beschossen werden konnte. Die beiden Durchgänge zum Innenraum waren auch keine Tore. Professor Saile hat kürzlich erneut in der Anlage gegraben und erkannt, dass die Durchgänge exakt in einer Linie angelegt worden sind, so dass man sie für astronomische Beobachtungen nutzen konnte:
18. O-Ton Saile 37-143, 26'10
Wenn Sie jetzt auf dieser Linie stehen und durch den nordwestlichen Ausgang der Anlage schauen, dann schauen Sie auf die Horizontlinie und an einem Punkt der Horizontlinie können Sie den Untergang des Mondes bei der nördlichsten Mondwende sehen.
Sprecher
Wie Erdwerke und Kreisgrabenbauten auch anderswo zeigen, wussten die Leute der Jungsteinzeit, dass der Mond – genau wie die Sonne - nicht immer an derselben Stelle des Horizonts auf- oder untergeht. Die Orte verschieben sich im Lauf der Monate und Jahre langsam von Süden nach Norden und wieder zurück. Alle 18,61 Jahre erreicht der Mond den nördlichsten Punkt: Dann findet die Große Nördliche Mondwende statt. Diesen Zeitpunkt kannten manche Menschen im Neolithikum - und setzten ihr Wissen in Architektur um.
19. O-Ton Saile 37-143, 29'40
Wenn man diese Nördliche Mondwende bestimmen kann, dann kann man den Menschen hier vorhersagen, wann es eine Mondfinsternis geben wird. Und dann ist man also der Herr über die Zeit und die Himmelsphänomene – und das schafft natürlich Prestige.
Sprecher
Das Erdwerk von Altheim ermöglichte den "Wissenden", ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Gräben und Palisade waren vermutlich dazu da, sie symbolisch von der übrigen Bevölkerung abzugrenzen. Das Erdwerk diente demnach zur Organisation und Selbstvergewisserung der Gemeinschaft. An diesem Ort versammelte sie sich zu wichtigen sozialen und religiösen Anlässen, Feiern inclusive. Auch das wohl bedeutendste Ritual des neolithischen Weltbilds haben die Menschen hier offensichtlich zelebriert: das Gedenken an die Ahnen. Die Archäologen stießen in den Gräben auf Menschenknochen, die unterschiedlich arrangiert worden waren. Sie identifizierten Einzelbestattungen in Hockerposition, sie fanden Schädel, sorgsam in Gruppen angeordnet und wild durcheinander liegende Knochen, die scheinbar achtlos weggeworfen worden waren. Möglich, sagt Saile, dass man sich hier von herausragenden Toten in einer Reihe unterschiedlicher Rituale verabschiedete, die im Lauf der Zeit aufeinander folgten.
20. O-Ton Saile 37-143, 37'21
Man kann sich vorstellen, dass man diese Menschen eben nicht gleich bestattet, sondern als Leichname vielleicht mumifiziert, vielleicht als Personen, die man immer wieder befragt, aufbewahrt, vielleicht in einem Gebäude, das darin errichtet ist. Und möglicherweise sind diese Knochen dann nach einigen Generationen auch wertlos, wenn die ihre Funktion nicht mehr erfüllen können, kann man die einfach in den Graben werfen, ohne dass man damit irgendeinen Frevel beginge.
Sprecher
Bei Ausgrabungen in den Gräben kamen auch fast 200 Pfeilspitzen aus Feuerstein zutage – eine ungewöhnliche Menge für die weitgehend friedliche Jungsteinzeit. Sie können nicht alle von Pfeilen für die Jagd stammen, meint der Ausgräber, sondern lassen einen Angriff auf das Erdwerk vermuten.
21. O-Ton Saile 37-143, 48'33
Das könnte man sich so erklären, dass diese Anlage, die über viele Generationen ja genutzt ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt in einen Konflikt gerät. Man weiß jetzt nicht, wer gegen wen, vermutlich gar nicht weit entfernte Gruppen, sondern einfach die benachbarten Siedlungsgemeinschaften, die aus irgendeinem Grund jetzt mit dieser Siedlungsgruppe am Eichelbach in einen Konflikt geraten ist und den dann auch gewalttätig austrägt.
Sprecher
Die Kampfspuren bestätigen eine aktuelle Erkenntnis der Forschung: In den letzten Jahren sind an neolithischen Fundstellen mehrfach Spuren von Gewalt ans Licht gekommen: Belege für Überfälle, ja Massaker in kleinen Siedlungsgemeinschaften. Im Vergleich zu anderen Zeiten sind es Einzelfälle – sie belegen jedoch, dass die Epoche nicht die friedliche Idylle war, die man sich lange vorstellte.
ATMO (Schritte & Tür zuschlagen)
Sprecher
Die spektakulärsten Funde aus den Altheimer Gräben findet man nicht im Museum in Landshut. Sie liegen wohlverpackt im Magazin der Archäologischen Staatssammlung in München.
ATMO (Rascheln & Klappern)
22. O-Ton Schwarzberg 34-139, 0'50
Wir haben hier zwei Kupferbleche, das eine ist 1914 gefunden worden, das andere mit eingerollten Enden ist aus den neuen Grabungen, das ist 2013 entdeckt worden. Hier ist ein weiterer Fund, das ist ein sehr kleines Beil, nicht ganz 10 Zentimeter lang, ein grün korrodiertes Kupferbeil, es ist sehr gut erhalten, es ist noch heute relativ scharf-
Sprecher
- aber es wurde sicher nicht als Werkzeug benutzt, erklärt Dr. Heiner Schwarzberg, Experte für Vorgeschichte bei der Staatssammlung: Die Kupferobjekte glänzten ursprünglich in rötlich-goldenen Farbtönen. Wer so etwas besaß, in einer Zeit, als praktisch alle Waffen und Geräte aus Stein, Holz und Knochen gefertigt wurden, trug sie als prestigeträchtige Schmuckstücke zu Schau.
Auch die Funde aus Altheim illustrieren, wie sich gegen Ende des Neolithikums die egalitäre Gesellschaft in unterschiedliche soziale Schichten spaltete. Zugleich kündigt der Werkstoff Metall, von dem hier gerade mal sieben Objekte gefunden wurden, bereits den Übergang in die nächsten Epochen an: die Metallzeiten.
Vor 30.000 Jahren hatte die Eiszeit Europa noch fest im Griff. Damals, in der Altsteinzeit, verdrängte der anatomisch moderne Mensch zunehmend den Neandertaler. Was wissen wir über unsere Vorfahren? Von Katharina Hübel (BR 2024)
Credits
Autorin: Katharina Hübel
Regie: Irene Schuck
Sprecherin: Jennifer Güzel
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. George McGlynn, Prof. Dr. Cosimo Posth, Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Prof. Dr. Thorsten Uthmeier
Besonderer Linktipp der Redaktion:
NDR (2024): Becoming the Beatles – Hamburger Jahre
"We grew up in Hamburg", hat John Lennon gesagt. Und auch: "Live waren wir nie besser." Obwohl der erste Auftritt der Band in einem Stripclub auf St. Pauli ein totaler Reinfall war. Was ist da also passiert auf dem Hamburger Kiez zwischen 1960 und 1963? Wie wurden aus ein paar unbedarften Liverpooler Jungs absolute Superstars? Der Podcast erzählt, wie die jungen Beatles auf den Bühnen der Reeperbahn die Nächte durchspielen. Mit eisernem Willen einen Traum verfolgen. Und für immer die Popmusik-Geschichte verändern. Eine sechsteilige Podcast-Serie von NDR Kultur. ZUM PODCAST
Linktipps:
WDR (2023): Die Eiszeitkünstler – Als der Homo Sapiens kreativ wurde
Die ältesten Kunstwerke der Menschheit liegen in einer schwäbischen Höhle - das berichtet "Nature" am 18.12.2003. Ein neuer Blick auf die frühe Menschheitsgeschichte ... Wissenschaftler finden bei Ausgrabungen auf der Schwäbischen Alb drei kleine Skulpturen aus Mammutelfenbein. Sie sind ein neuer Beleg dafür, dass das Gebiet an der oberen Donau ein wichtiges Zentrum der kulturellen Entwicklung des anatomisch modernen Menschen ist. JETZT ANHÖREN
ARD alpha (2022): Vom Geben und Nehmen – Jäger und Sammler
Steinzeitmensch Ötzi erzählt uns von seinen Vorfahren und aus seiner Zeit. Vor 15000 Jahren arbeiteten die Menschen zwei bis vier Stunden täglich. Sie arbeiteten und lebten für den Moment und planten nicht für die Zukunft. Die Männer jagten, die Frauen sammelten: eine erste klare Arbeitsteilung! Trotzdem waren alle gleichgestellt. Das Ergebnis der eigenen Arbeit ließ man - anders als heute - anderen zukommen. Man teilte, weil es sich so gehörte. Ab ca. 10000 v. Chr. wurden die Menschen dann sesshaft. Zu ihnen gehörte auch Ötzi. Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht. Die Frauen hatten ihren "Preis". Nach und nach entstand die wirtschaftliche Basis für Herrschaft und Ungleichheit. JETZT ANSEHEN
ARD alpha Uni (2024): Archäologin
Elena arbeitet als Archäologin bei einer Grabungsfirma in Bayern. Natürlich ist das Ziel alte Befunde auszugraben, doch ein großer Teil der Arbeit ist Koordination, Bürokratie, Spurensuche bei den kleinsten Details und auch Fehlschläge. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO (Knistern)
01 OT McGlynn
Wie Sie sehen: sehr gut verpackt, um den Schutz zu gewähren… In diesem Fall haben wir hier einen Oberschenkel und sehr schön intakt…
Sprecherin:
In drei unspektakulär grauen Pappkartons – Spezialanfertigung, säurefrei – lagert er: der älteste Homo Sapiens, den Wissenschaftler bislang in Deutschland gefunden haben, der Menschentyp, der dem Neandertaler den Rang ablaufen wird. Rund 34.000 Jahre alt, aus der Eiszeit. Ein „Bayer“, wenn man so will. Der so genannte „Mann von Neu-Essing“. In den Kisten der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München lagert sein Schädel, mit deutlichen Löchern zwar, aber dennoch gut erkennbar als menschlich, die beiden Kiefer mit Zähnen, Rückenwirbel, Arm- und Fingerknochen, Rippenbögen, Bruchstücke des Beckens, Schenkelknochen…
02 OT McGylnn
Knochenoberflächengelenk hier… und Muskelansätze auf der anderen Seite sehr gut zu erkennen…
MUSIK
Sprecherin:
Der „Mann von Neu-Essing“ ist einer der ersten anatomisch modernen Menschen, die in Europa überhaupt gelebt haben. Menschen, die uns mitgeprägt haben. Können deren Skelette Antworten geben auf die Fragen: Woher stammen wir? Wer sind unsere Vorfahren?
03 OT McGlynn
Funde aus dieser Zeit sind absolute Raritäten.
Sprecherin
Sagt der Wissenschaftler Dr. George McGlynn. Das heutige Nordspanien, Frankreich oder Belgien, beispielsweise, sind Regionen, die vor 34.000 Jahren ebenfalls eisfrei waren und bewohnt von homo sapiens. Zudem waren Teile des heutigen Tschechiens und Österreichs von einzelnen Menschengruppen bewohnt. Jäger und Sammler, die mobil waren und den Tieren hinterher zogen.
04 OT McGlynn
Wir sprechen von einem Zeitpunkt, wo doch viel Vergletscherung war und eine sehr harsche Umgebung. Der Neuessinger Mann ist ein fast vollständig intakter Skelettfund, manche von den anderen Funden sind lediglich einzelne Knochenfunde, ein Kiefer, ein Schädelstück, deshalb ist der Neuessinger Fund auch etwas ganz Besonderes wegen seiner Intaktheit. Man kann schon sagen, die Fundzahl von fünf, sechs Fundplätzen beträgt so um die 35 bis 40 Funde. Das ist ein absoluter Glücksfall, wenn man etwas findet, ganz selten findet man mehrere Teile eines einzelnen Individuums. Und anhand dieser fragmentierten Funde ist man praktisch als Wissenschaftler gezwungen, sehr viel reinzulesen. Aber es ist auch eine Riesenherausforderung.
Sprecherin
Die George McGlynn nicht alleine angeht.
MUSIK
Sprecherin
Die Archäologie hat im letzten Jahrzehnt durch naturwissenschaftliche Methoden einen Modernisierungsschub bekommen. Archäologen kooperieren mit Chemikern, Genetikern, Informatikern. Denn manchmal trügt der Anschein und erst das Labor verrät die korrekten Daten. Wie beim „Mann von Neu-Essing“, der über viele Jahrzehnte falsch datiert, nämlich viel jünger geschätzt, in den Archiven verschwunden war. Sein Fall ist nun wieder aufgerollt und liefert neue Erkenntnisse über die Menschen in der Eiszeit.
ATMO (Wind und Schritte)
Sprecherin
Wobei mit „Eiszeit“ die letzte Kaltzeit in der Geschichte unseres Planeten gemeint ist. Durchgängig kalt und eisig war es dabei gar nicht immer, erklärt Prof. Thorsten Uthmeier, der am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet und den Fundort des Mannes von Neu-Essing mit untersucht hat.
OT05 Uthmeier
Im Schnitt ist es so, dass die Jahresmitteltemperaturen bestimmt so zwischen sechs und acht Grad niedriger waren als die heutigen Jahresmittelwerte, mit auch während der Eiszeiten relativ milden Sommern, aber eine kurze Vegetationsperiode und sehr, sehr kalte Winter. Also im Schnitt Temperaturen von minus zwanzig bis minus zehn Grad.
ATMO (Schritte auf Schnee / Wintersturm)
Sprecherin
Die Temperaturen konnten aber auch auf Minus vierzig Grad fallen, Dauerfrost war angesagt. Und oft gab es Winterstürme. Klima-Archäologen rekonstruieren die Temperaturen der Vergangenheit über Eisbohrkerne, aus Grönland oder der Antarktis. Gigantische Bohrkerne von über 3 Kilometern Länge.
MUSIK
Sprecherin
Im Eis ist Staub eingeschlossen, außerdem Luft. Noch wichtiger: Sauerstoff, der im gefrorenen Eiszeitwasser konserviert ist. Er kann Chemikern etwas über die damalige Temperatur verraten. Je nachdem, wie viele Neutronen sich in den Sauerstoffatomen befinden. Ihre Anzahl schwankt je nach Außentemperatur. Außerdem geben Knochen-Funde Aufschluss über die eiszeitlichen Lebensbedingungen. Wissenschaftler nennen sie: „Umwelt-Archive“. Über die Knochen bestimmen die Archäologen die Tierarten und wann sie gelebt haben. Damit wissen sie, wovon sich die Menschen damals ernährt haben und bekommen auch eine Vorstellung von den Temperaturen.
07 OT Uthmeier
Hier sind es in der Regel Rentiere, zum Teil auch Pferde, die haben eine große Temperaturtoleranz, die weichen dann vielleicht auf andere Weidegebiete aus. Die können auch niedrigeren Temperaturen widerstehen.
Sprecherin
Kleinere Tiere wie bestimmte Maus- oder Nagerarten hingegen halten extreme Kälte nicht so gut aus. Auch Pflanzen verraten mehr über das Klima und über die Möglichkeiten der Menschen.
OT08 Uthmeier
Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, dass das Wälder gewesen sind, sondern in aller Regel sind das so kleine buschartige Gewächse von Nadelgehölzen. Wir wissen, dass die Beschaffung von Brennholz wahrscheinlich eine relativ schwierige Aufgabe gewesen ist. Weil es durchaus Konstruktionen gibt, um mit dem Brennholz besonders ökonomisch umzugehen. Regelrechte Herdkonstruktionen, eine Steinsetzung, die man dann mit einer Steinplatte abgedeckt hat. Und auf diese Art und Weise hatte man eigentlich einen kleinen Ofen und konnte auf diese Weise mit der Erhitzung der Steine ganz ökonomisch mit dem Brennholz umgehen, und das waren meistens nur kleine Zweige.
Sprecherin
Das Eis der kilometerhohen Gletscher bedeckte vor 34.000 Jahren ganz Nordeuropa, aber auch das heutige Nord- und Ostdeutschland, sowie den untersten Zipfel Süddeutschlands. Bayern hingegen – der Lebensraum des Mannes von Neu-Essing - war größtenteils eisfrei. Die Gebiete des heutigen Bodensees, Ammersees, Starnberger Sees und Chiemsees lagen allerdings unter einer über ein Kilometer dicken Eisschicht. Die Landschaft weiter nördlich bestand aus üppigen Steppen, die im Sommer auch schnee- und eisfrei waren und in denen Jäger und Sammler ein gutes Nahrungsangebot finden konnten. Da viel Wasser in den Gletschern gespeichert war, war der Himmel recht wolkenfrei und hell, mit viel Sonnenschein.
OT09 Rosendahl
Damals waren die Tiergruppen, die in großen Herden vorhanden waren, das wichtige Lebenspotenzial.
Sprecherin
Professor Wilfried Rosendahl ist wissenschaftlicher Vorstand des „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“, das den „Mann von Neu-Essing“ neu durchleuchtet hat.
MUSIK
Sprecherin
Weitläufige Gras-Steppen voller Kräuter und Blumen sind der Lebensraum für zahlreiche Herden von Wollhaar-Mammuts, Wild-Pferden, Riesenhirschen oder Moschusochsen. Aber auch für gefährlichere Tiere, die sich heute in Mitteleuropa nicht mehr wohl fühlen würden wie Flusspferde und Wollhaarnashörner; zottelige Höhlenbären, -Löwen, -Hyänen und Säbelzahntiger. Die Menschen zur letzten Kaltzeit hatten – trotz aller Gefahren – also einen reich gedeckten Tisch:
OT10 Rosendahl
Die können Wurzeln essen. Sie können im Herbst Nüsse essen, im Frühjahr Beeren. Sie können frische Blätter essen, aber das limitiert sich natürlich mit dem Vorhandensein von Vegetation. Aber im Frühjahr gibt es eben Pflanzensprösslinge, die sie essen können.
Sprecherin
Löwenzahnblätter, junge Fichtenspitzen. Heilende Kräuter wie Thymian oder Spitzwegerich, Birkenblätter. Als besondere Delikatesse gab es manchmal sogar Honig – und fischen konnten die Menschen vor 34.000 Jahren natürlich auch schon.
ATMO (peitschender Wind)
Sprecherin
Der Winter konnte mit Stürmen recht ungemütlich und kalt werden, aber die Jäger und Sammler wussten sich zu helfen – mit Zeltkonstruktionen, Rückzug in Höhlen und natürlich: Feuer.
11 OT Rosendahl
Die Menschen konnten Leder gerben, sie konnten Kleidung herstellen, sie konnten nähen, sie haben Knochenwerkzeuge hergestellt, Steinwerkzeuge hergestellt. Sie haben aus Elfenbein Kunstwerke geschnitzt. Sie haben aus Knochen Flöten gemacht, sie haben sich wahrscheinlich geschminkt. Also sie hatten ein ganz, ganz buntes Leben. Um das tägliche Überleben zu sichern, mussten sie nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Man muss sich bewusst machen: Es gibt Eiszeit-Kunstwerke in Südwestfrankreich, da sind in die Felswand hineingepickelt mit Steinwerkzeugen Pferde, die galoppieren über einen Meter Länge, drei, vier Pferde hintereinander. Das machen Sie nicht, wenn Sie täglich jede Sekunde irgendwie am Lebenslimit nagen und gucken müssen, dass Sie überleben, da ist auch Zeit für Muße, für Schönes und für Kreativität.
Sprecherin
Für die Jäger und Sammler vor zehntausenden von Jahren gab es mehr im Leben als nur das Überleben. Das Neu-Essing-Skelett wurde in einer Höhle gefunden, gut vier, fünf Meter unter der Erdoberfläche begraben. Eingefärbt mit Rötel.
12 OT Rosendahl
Also mit einem roten, pulverartigen Ton, das kann rituelle Bedeutung haben. Und wenn ich eine Bestattung habe, dann verrät mir das schon was, dann muss das mit einer Glaubensvorstellung verbunden sein. Dass es nach dem Tod noch was gibt, das zeigt schon mal wie intensiv auch das Gruppenleben war und wie die Gedankenwelt dieser Menschen war.
Sprecherin
Beim Fund von Neu-Essing handelt es sich um die älteste menschliche Bestattung, die Archäologen in Deutschland bislang finden konnten.
MUSIK
Sprecherin
Es ist deshalb ein so wichtiger Fund, weil er ein entscheidendes Puzzle-Teil mehr für die Forscher darstellt. 1913 wurde er von Archäologen ausgegraben – an einem vielschichtigen Fundort in der Nähe von Kelheim in Niederbayern, den inzwischen auch Thorsten Uthmeier mit seinem Team untersucht hat.
13 OT Uthmeier
Wenn man auf dem Kirchplatz in Neu-Essing steht, dann links sieht man den Felsen, wo die Sesselfelsgrotte ist. Da gibt es Fundschichten aus der Zeit der Neandertaler. Da gibt es zehntausende von Steinwerkzeugen. Es gibt die ganze Jagdbeute, es gibt Umweltdaten. Und dann gibt es aber auch Daten aus der Zeit der späteiszeitlichen Jäger und Sammler…
Sprecherin
Ein ganzer Höhlenkomplex. In der so genannten „Mittleren Klause“ war der „Mann von Neu-Essing“ bestattet. Auch wenn der „Mann von Neu-Essing“ schon 1913 eine Sensation war, als er ausgegraben wurde – die wirkliche Dimension des Fundes ist erst in den letzten Jahren deutlich geworden.
MUSIK
Sprecherin
Ein großes, interdisziplinäres Archäologenteam beginnt, den Fund nach modernsten Standards zu untersuchen. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München schaut sich zunächst die Knochen an, vermisst sie und prüft ihren Zustand. Da gibt es die nächste Überraschung für die Forscher – die eine bis dahin gültige Annahme über die Eiszeit widerlegt:
15 OT McGlynn
Der Neu-Essinger ist interessanterweise kein großer, robuster, kräftiger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde bei solch widrigen Lebensumständen, allein die Kälte und die Wildtiere. Wir wissen, dass der frühere Mensch, der Homo Sapiens, in Europa und auch in Afrika, wo er herkommt, in Gruppen gelebt hat – er muss in Gruppen gelebt haben...
Sprecherin
Als Gruppe zu funktionieren war der entscheidende Vorteil des Homo sapiens in der Kältezeit.
16 OT McGlynn
Vielleicht 30 Personen, ist jetzt rein spekulativ, aber damit eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern überleben kann, muss es diese Anzahl betragen. Sie haben ganz sicher miteinander gejagt, miteinander gesammelt, einander verteidigt, füreinander gesorgt. Und genau diese Gruppendynamik muss existiert haben, um die Überlebenschancen zu sichern. Ein Einzelkämpfer in so einer Umgebung, das gab es einfach nicht.
Sprecherin
So konnte er auch mit gerade mal ein Meter sechzig und nicht besonders muskulös gesund alt werden. Wie ausgeprägt die Muskeln waren, kann George McGlynn an Veränderungen und Verfärbungen auf der Knochenoberfläche erkennen.
17 OT McGlynn
Unser Neu-Essinger Mann ist eigentlich ein kleiner, grazil gebauter Mann, er hat auch kaum irgendeine nennenswerte Knochenveränderung, was auf Gewalt oder Verletzungen hindeuten würde. Und ist aber trotzdem fast 50 Jahre alt geworden.
Sprecherin
George McGlynn schätzt sein Sterbealter, indem er sich anschaut, wie sehr die Backenzähne und Beckengelenke abgenutzt sind. Demnach ist der Mann von Neu-Essing mit zirka 50 Jahren deutlicher älter geworden als Forscher das bislang für Menschen aus der Eiszeit angenommen haben – mit einem Durchschnittsalter von 30 bis 35 Jahren. Knochen und Zähne des Neu-Essingers sehen mustergültig aus, stellt Archäologe George McGlynn fest.
18 OT McGlynn
Er hatte auch keine so genannten physiologischen Stressmarker. Zum Beispiel, wenn im Kindesalter, wenn sich der Zahnschmelz vom Dauergebiss entwickelt, lang anhaltende Fieber oder Unterernährung oder schwere physiologische Stresse leiden, unterbricht der Körper den Entwicklungsprozess. Und das führt zu einer Verzögerung von dieser Bildung von Zahnschmelz. Diese Verzögerung führt dazu, dass man wellenartige Linien an den Zähnen sieht. Das ist ein Beispiel.
MUSIK
Sprecherin
George McGlynn konnte noch mehr herausfinden: Wo der Mann von Neu-Essing unterwegs war. Mit der so genannten Stronziumanalyse. In Knochen ist unter anderem auch Stronzium enthalten. Je nachdem, welche Nahrung ein Mensch zu sich nimmt, auf welchem Boden die Pflanzen gewachsen sind, die er isst, oder welche Luft er atmet, welche Temperaturen ihn umgeben haben, lagern sich andere Varianten der Elemente im menschlichen Körper ab – auch in Knochen und Zähnen, die Archäologen zehntausende Jahre später noch finden können. Diese chemische Varianz macht sich die Archäologie zu nutze.
19 OT McGlynn
Ich stamme persönlich aus den USA, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das hat sich in meinen Knochen und meinen Zähnen verfestigt als Baustein und in den Zähnen, was Zahnschmelz wird. Diese werden nicht abgebaut, sie verändern sich nicht, sie sind praktisch amerikanische Zähne. Aber meine Knochen, die bauen sich ständig um. Jeden Tag, jede Minute. Binnen zehn Jahren sind alle Baustoffe in einem Knochen komplett ausgetauscht. Ich habe keine Spur von amerikanischen Knochen in mir. Wenn man meine Zähne und Knochen vergleichen würde auf chemischer Ebene, würde man sofort sehen: Dieser Mensch ist woanders geboren und aufgewachsen als wo er jetzt ist.
Sprecherin:
Archäologen können feststellen, in welcher Gegend ein Mensch gelebt haben muss, indem sie die chemischen Signaturen seiner Zähne und Knochen vergleichen mit Funden aus verschiedenen Regionen. Und wenn die chemische Signatur von Zähnen und Knochen gleich ist, wie beim Mann von Neu-Essing, wissen sie: Er ist zeitlebens in einer ähnlichen Gegend geblieben.
20 OT McGlynn
Allerdings heißt es nicht, dass er sich nicht bewegt hat. Jäger und Sammler haben sich mit den Saisonen sehr stark bewegt, an die Kältezeit, Wärmezeit, sie haben sich auch an die Herden angepasst, an die Bewegung von Tieren.
Sprecherin
Auch wissen die Forscherinnen und Forscher mehr über seinen Speiseplan. Durch die Isotopen-Analyse. Dabei werden erneut chemische Elemente in den Knochen untersucht. Wie zum Beispiel Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Sie unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl der Neutronen. Diese Varianten eines Elements heißen Isotope.
21 OT McGlynn
Für Ernährung ist es wichtig, eine Isotopie-Karte von der Gegend zu machen. Das heißt, wir nehmen Pflanzen, Tiere, Erdproben, Knochenfunde aus der Zeit. Und wir untersuchen diese zuerst und kriegen für Kohlenstoff eine gewisse so genannte Signatur, was für Wollnashorn, für Mammut, für alle Rothirsche, für Gräser oder Baumrinde spezifisch ist.
Sprecherin
Die Isotopenwerte haben beim Mann von Neu-Essing ergeben, dass er eine Allround-Ernährung hatte: Er nahm Großwild wie Mammuts und Riesenhirsche genauso zu sich wie Hasen oder Eichhörnchen. Auch Schnecken, Raupen, Frösche, Beeren, Gräser, Kräuter und Fisch.
MUSIK
Sprecherin
Doch wer war der „Mann von Neu-Essing“? Darauf gibt die Genetik Antwort.
22 OT McGlynn
Die übliche Darstellung von Jägern und Sammlern aus dieser Zeit weicht sehr stark ab phänotypisch, wie er ausgesehen hat, von dem, was wir gefunden haben durch die molekulargenetischen Untersuchungen, die in Mainz von meinem Kollegen Burger und Team durchgeführt wurden. Diese Methoden gibt es erst seit vielleicht einem Jahrzehnt. Sein Aussehen ist mit bis zu 98, 99 Prozent dunkelhaarig, mit dunklen Augen, aber auch dunkler Hautfarbe, und die übliche Darstellung von den nordisch ausschauenden Menschen stimmt einfach nicht. Wir sehen, dass diese Wanderung aus der so genannten out of Africa-Theorie mit hundertprozentiger Sicherheit auch zutrifft. Diese Homo-Sapiens-Gruppen sind vor etwa 50.000 Jahren aus Afrika in zwei Wellen nach Europa ausgebreitet.
Sprecherin:
Auch die Vorstellung, davon, wie „Ötzi“ ausgesehen hat, ist übrigens erst 2023 durch die Gen-Analyse korrigiert worden: Auch die berühmte Gletschermumie aus den Südtiroler Alpen hatte dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare. Und Ötzi ist rund 30.000 Jahre jünger als der „Mann von Neu-Essing“. Die dunkle Hautfarbe der ersten Menschen in Europa hat sich also viel länger gehalten als bislang angenommen. Auch die Darstellung des Ötzi im Museum muss jetzt korrigiert werden. Dort steht immer noch eine Gestalt mit heller Haut. Die ersten Europäer – sie waren auf jeden Fall dunkelhäutig.
MUSIK
Sprecherin:
Und auf die Archäologinnen und Archäologen warten noch weitere Überraschungen. Jetzt hat ein Forscherteam von 125 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die bislang umfangreichste Genom-Analyse eiszeitlicher Jäger und Sammler in Europa begonnen: 116 Individuen, die eine Zeitspanne von rund 30.000 Jahren abdecken. Professor Cosimo Posth ist Paläogenetiker an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und leitet das Projekt. Ihn hat erstaunt, dass die eiszeitlichen Homo Sapiens genetisch längst nicht so einheitlich waren wie bislang angenommen. Es gab ihn nicht: DEN Eiszeit-Menschen. Besonders drastisch zeigt sich das an einem Beispiel. Lange haben sich Archäologen gefragt: Was ist eigentlich mit den ersten Menschen in Europa passiert, als sich die Eispanzer von Norden her weiter ausgebreitet haben, vor 25.000 bis 19.000 Jahren? Als viele Gebiete, auch im heutigen Bayern, unbewohnbar wurden? Eine Theorie war: Sie gingen ins heutige Italien. Das hat sich zwar bewahrheitet. Doch was dann geschehen ist, damit hatte Cosimo Posth nicht gerechnet: Die komplette Bevölkerung starb aus. Die Menschen, die danach im heutigen Italien lebten und nachweisbar zu unseren Vorfahren gehören, haben genetisch nichts mit den aus dem Norden zugewanderten Eiszeitmenschen zu tun.
24 OT Cosimo Posth
Wo ist der Ursprung der Population, die uns mehr als zehn Prozent der DNA gegeben hat?
MUSIK
Sprecherin:
Die Spurensuche geht weiter für die Archäologinnen und Archäologen. Sicher ist: Eiszeitmenschen gehören zu unseren Vorfahren, doch wie sich das genetisch darstellt, stellt sich heute komplexer dar, als jemals zuvor.
Gladiatorenspiele, Tierkämpfe und Schiffsschlachten - die Veranstaltungen im Kolosseum sollten unterhalten und die Macht des Kaisers feiern. Genauso wie der Bau - ein architektonisches Meisterwerk der Antike. Von Lukas Grasberger (BR 2020)
Credits
Autor dieser Folge: Lukas Grasberger
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Friedrich Schloffer, Jerzy May, Marlene Reichert
Technik: Robin Auld
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:
Dr. Marcus Junkelmann: Historiker und Experimentalarchäologe, Mainburg
Dr. Heinz-Jürgen Beste: Archäologe, Deutsches Archäologisches Institut, Rom
Marie Jackson: Professorin für Geologie und Geophysik, University of Utah
Martin Crapper: Professor für Maschinenbau und Bauingenieurwesen, Northumbria University, Newcastle
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
Was "ungefähr" der Westen sein soll, ist wenig umstritten. Wer heute in "westlichen Gesellschaften" lebt, hat meist den diffusen Eindruck, irgendwie einer der vielen gängigen Normen zu entsprechen. Genaueres regelt jeder für sich selbst. Doch schon dieser individualistische Ansatz ist typisch für den Westen, beschreibt Jean-Marie Magro in seiner dreiteiligen Überlegung "Der Westen". Und "normal" finden das andere Gesellschaften, die nicht zum Westen gehören, nicht. Vor allem die politische Kultur des Westens reizt in anderen Teilen der Welt zu entschiedenem Widerspruch.
Credits
Autor: Jean-Marie Magro
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Jean-Marie Magro, Thomas Loible, Jerzy May, Christopher Mann, Florian Schwarz, Benjamin Stedler, Peter Veit und Hemma Michel
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz und Nicole Ruchlak
Im Interview: Bertrand Badie, Stephan Lessenich, Thomas Gomart, Abubakar Umar Kari, Heinrich August Winkler, Anne Applebaum, Joseph Henrich, Sadiq Abba
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Deutschlandfunk (2024): Wie Amerika Weltmacht wurde
Der deutsche Blick auf die USA ist geprägt von Bewunderung, Kritik und Klischees. Manche fragen sich: Spinnen die Amis? In dieser Serie liefern wir historische Erklärungen für transatlantische Missverständnisse. Folge eins: Amerika als Weltpolizist. JETZT ANHÖREN
SWR (2023): Die Zukunft der NATO – Wohin entwickelt sich das westliche Verteidigungsbündnis?
Zerstritten und nur bedingt einsatzfähig - diesen Eindruck hat die 1949 gegründete Nato lange gemacht. Mit dem Ukraine-Krieg scheint sich das westliche Verteidigungsbündnis wieder gefangen zu haben. Dennoch bleiben eine Menge Fragen: Wie geht die frisch erweiterte Nato künftig mit Russland um? Wo liegen die nächsten militärischen Hotspots? Was ist von den sich abzeichnenden Anti-Natos im Osten zu erwarten? Und wer folgt den USA in der Führungsrolle nach? JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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MUSIK
SPRECHER
In dieser Serie über den Westen stellen wir große Fragen. Im ersten Teil haben wir erläutert, wer wir eigentlich sind, im zweiten Teil wie andere auf den Westen schauen.
MUSIK
Jetzt kommt der dritte und letzte Teil: Der Westen – Und die Frage: Was kann aus ihm werden?… Ich bin Jean Marie Magro. Wo ist also der Platz des Westens in einer Welt, die sich stetig verändert und in der die Ordnung der Nachkriegszeit ins Wanken gerät? In den ersten beiden Folgen haben wir viel über Werte, Psychologie und Ökonomien westlicher Staaten gesprochen, aber kaum über einen Aspekt, der elementar ist für die Stärke des Westens: seine Verteidigungsfähigkeiten. Es gibt verschiedene Gründe, warum nach dem Zweiten Weltkrieg Europäer und Nordamerikaner in Frieden leben und Wohlstand schaffen konnten. Einmal, weil sie Allianzen schlossen, sich nicht mehr bekriegten und zusammenarbeiteten. Aber auch, weil Feinde sich nicht trauten, sie anzugreifen. Die USA sind mit Abstand die größte Militärmacht der Welt, die Nato die stärkste Militärallianz. Fast alle westlichen Staaten sind Mitglieder des Bündnisses. Wobei auch die Türkei der Nato angehört, die nicht als westlicher Staat gewertet werden kann. Die Stärke der Nato, ihre Abschreckungsfähigkeit, gründet auf dem Artikel 5 ihres Vertrags: Wird ein Mitglied angegriffen, stehen ihm alle zur Seite. Ein Angriff auf das Baltikum bedeutet einen Angriff auf Washington. So die Idee. Aber was passiert, wenn der Präsident des stärksten Mitglieds das Bündnis infrage stellt, es „obsolet“ nennt?
1 Donald Trump, 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika
Einer der Präsidenten eines großen Landes fragte: „Sir, wenn wir nicht zahlen und von Russland angegriffen werden, werden Sie uns verteidigen?“ Ich sagte: „Sie haben nicht gezahlt, Sie sind Straftäter? Nein, ich werde Sie nicht beschützen. Ich würde Russland sogar dazu ermutigen, das zu tun, was zur Hölle es auch machen möchte. Zahlen Sie Ihre Rechnungen.“ Und das Geld sprudelte nur so herein.“
MUSIK
SPRECHER
Donald Trump erzählt hier von einem angeblichen Nato-Gipfel. Ob die Begegnung tatsächlich so stattgefunden hat, spielt hier gar keine Rolle. Trump stellte ab Frühjahr 2017 an die Nato vor große Herausforderungen, drohte sich aus dem Bündnis zurückzuziehen, wenn Länder wie Deutschland nicht - wie eigentlich zugesagt – zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben. Ende 2019, als es auch noch Streit zwischen Frankreich und der Türkei gab, diagnostizierte der französische Präsident Macron den „Hirntod“ der Allianz. Dabei ist die Nato für viele europäische Länder die wichtigste Sicherheitsgarantie, der Schild vor einem möglichen russischen Einmarsch, sagt Anne Applebaum, Kolumnistin beim amerikanischen Magazin „The Atlantic“:
2 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin
Menschen wie Trump könnten dieser Praxis ein Ende setzen und zwar wesentlich schneller, als viele denken. Natürlich gibt es einen Vertrag und Verpflichtungen, aber allein, wenn man sagt: ‚Ich, der Präsident, werde Polen nicht verteidigen, wenn es angegriffen wird‘, eröffnet er den Russen die Möglichkeit, es zu tun. Das ist meiner Meinung die größte Gefahr für den Westen.
SPRECHER
Donald Trump wurde nun erneut zum Präsidenten gewählt. Und er wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch wieder mächtig Staub aufwirbeln. Die Republikaner wollen nicht mehr, wie unter George W. Bush, den Weltpolizisten spielen, sondern sich auf die USA zurückbesinnen. Isolationismus ist das Schlagwort. Aber auch die Demokraten fordern die Europäer dazu auf, eigenständiger, souveräner zu werden, dass sie sich mehr um ihre eigene Sicherheit kümmern sollen. Der Pazifik verlangt mehr Aufmerksamkeit, vor allem der Systemrivale China. Die Welt von morgen wird anders aussehen als die von heute, ist der französische Politikwissenschaftler Bertrand Badie überzeugt. Und ohnehin, meint Badie, zwinge die Globalisierung die westlichen Länder, sich von den Logiken der Nachkriegsordnung zu verabschieden und den Ländern des Globalen Südens - China, Indien, Südafrika, Brasilien und vielen mehr - auf Augenhöhe zu begegnen:
3 Bertrand Badie, emeritierter Professor für int. Beziehungen Sciences Po Paris
Wie all diese aufstrebenden Länder müssen wir im Westen lernen, uns von dem Begriff Allianz zu verabschieden, der altmodisch und auch gefährlich ist, weil er andere ausschließt: Die NATO ist das wichtigste Militärbündnis, das es in der Welt gibt. Das Ergebnis ist, dass sie von allen, die außerhalb stehen, als etwas bezeichnet wird, das sich nur um sich selbst kümmert und eine ständige Bedrohung darstellt. Russland nutzt das böswillig aus. Aber die Länder des Südens verstehen die Sprache Putins, weil sie sehen, dass die alten europäischen Mächte weiterhin dieses aggressive Eigenleben pflegen, das sich in einem Militärbündnis ausdrückt. Daher muss das Wort Bündnis durch Partnerschaft ersetzt werden.
SPRECHER
Die Kommunistische Partei in China, sagt Bertrand Badie, schließe niemals Allianzen, weigere sich sogar den Begriff in den Mund zu nehmen. In anderen Teilen der Welt besiegeln Länder zwar Handelszonen, verzichten aber meist auf Allianzen, die andere ausschließen. Getreu einem alten Zitat, das Charles de Gaulle während des Zweiten Weltkriegs zugeschrieben wird: „Staaten haben keine Freunde, nur Interessen.“ Derselbe de Gaulle unterzeichnete zwei Jahrzehnte später den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Doch welche Vorteile sollen losere Partnerschaften im Verhältnis zu Allianzen bieten? Bertrand Badie:
4 Bertrand Badie, emeritierter Professor für int. Beziehungen Sciences Po Paris
Partnerschaften mit jedermann zu entwickeln, bedeutet nicht, sie zu heiraten. Es ist wie mit der freien Liebe im privaten Bereich. Je nach Umständen wechseln Sie den Partner, was die Grundlage für ein neues Gleichgewicht in der Welt schaffen könnte. In einer globalisierten Welt akzeptiert jeder, mit jedem zu arbeiten. Gerade befinden wir uns noch in einer Welt der Vertikalität.
MUSIK
SPRECHER
In der internationalen Staatengemeinschaft, meint Bertrand Badie, gebe es immer noch zu große Ungleichheiten. Früher redete man in westlichen Staaten noch häufiger über die Erste, Zweite und Dritte Welt, was viele als abfällig empfanden. Diese Ungleichbehandlung, meint Badie, ist in der Architektur der Nachkriegsordnung angelegt. Auffällig sei sie bei den Vereinten Nationen. Zwar sollen diese für Austausch und Interessensausgleich sorgen, doch gibt es immer Ungleichgewichte. Von den fünf permanenten Mitgliedern des Sicherheitsrates mit Veto-Recht sind drei westlich: die USA, das Vereinigte Königreich und Frankreich. Der Soziologe Stephan Lessenich denkt, wenn westliche Staaten sich nicht darum bemühen, anderen Teilen der Welt mehr auf Augenhöhe zu begegnen, werde der Westen automatisch unbedeutender. Internationale Organisationen müssten demokratisiert werden, fordert Lessenich, auch, wenn das dann massive Konsequenzen für den „alten Westen“ hätte:
5 Stephan Lessenich, Professor Soziologie Uni Frankfurt
Das würde ja auch da heißen "One Man, One vote" - dass man das abbildet. Die Struktur der Weltgesellschaft in eine Institutionordnung, in der natürlich dann der Westen peripherisiert wird oder provinzialisiert wird, das wäre die Folge davon. Dass der Westen dann nicht mehr, keine Ahnung, 50, 40, 30% Stimmanteile hat, sondern eben deutlich weniger.
SPRECHER
In der Welt von morgen, sind Badie und Lessenich überzeugt, sollten westliche Staaten also nicht mehr tonangebend sein, sondern eine von vielen gleichberechtigten Parteien. Beharren sie weiter auf der alten Logik, fachen sie nur die Abneigung an, die ihnen jetzt schon entgegengebracht wird. Auf lange Sicht ein gefährliches Szenario, das den Wohlstand des Westens erst recht gefährden könnte.
MUSIK
Aber wie sieht eine gerechtere, eine partnerschaftliche Welt aus? Sollte jedes Land, egal wie groß es ist, eine Stimme haben? Ginge es danach, hätten drei Viertel der Staatengemeinschaft den russischen Großangriff am 24. Februar 2022 auf die Ukraine verurteilt. ((Ähnlich deutlich wäre das Ergebnis, ginge es nach der wirtschaftlichen Stärke der Länder.)) Nehmen wir aber die Größe der Bevölkerungen, so wäre die Sache nicht mehr eindeutig. Länder wie China, Indien, Vietnam, Südafrika, Pakistan und Iran enthielten sich. Zählt man die Staaten dazu, die bei der Abstimmung abwesend waren, haben die Vertreter von 4,6 Milliarden Menschen der Resolution ES-11/1 nicht zugestimmt. Das ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Das heißt nicht, dass diese Staaten Russlands Einmarsch ausdrücklich befürworten würden. Aber sie haben eben nicht öffentlich verurteilt. Jedenfalls zeigt diese Zahl: Der Westen ist nicht die Welt. Dass gehandelt werden muss, darüber sind sich eigentlich alle einig. Aber wie kann eine neue Weltordnung aussehen? Erwartungsgemäß liegt die Antwort nicht leicht auf der Hand: So hat unter deutsch-namibischer Führung die Vollversammlung der Vereinten Nationen Ende September den sogenannten Zukunftspakt angenommen. Sicherheitsrat und globale Finanzarchitektur sollen reguliert werden, damit Länder des Globalen Südens leichter an Kredite kommen. Klingt vage, für Kritiker ist es der kleinste gemeinsame Nenner. Doch selbst gegen diesen stimmte Russland. Es hat schon mehrere Initiativen gegeben, den Einfluss von nicht-westlichen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen zu steigern. Sogar angetrieben vom Westen, berichtet Thomas Gomart von der Pariser Denkfabrik Ifri. Doch diese Vorstöße scheiterten häufig an den aufstrebenden Ländern selbst - im folgenden Beispiel an China:
Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris
Frankreich befürwortet als ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats, dass dieser um vier Länder erweitert wird. Nur ist es nach Ansicht von China inakzeptabel, dass Indien oder Japan in den Sicherheitsrat aufgenommen werden.
MUSIK
SPRECHER
Trotzdem wird China in den Ländern des Globalen Südens oft als fairerer und besserer Partner wahrgenommen als die USA oder ehemalige Kolonialmächte wie Frankreich und das Vereinigte Königreich. China wirbt damit, dass es einst von denselben Ländern unterworfen wurde wie Staaten im Nahen Osten oder in Afrika. China investiert. Zugstrecken, Staudämme, Flughäfen, Raffinerien, ja sogar Fußballstadien baut es in Afrika. Inzwischen hat Peking die USA und Frankreich als ersten Handelspartner des Kontinents abgelöst. 170 Milliarden Dollar beträgt das Volumen. Dafür sichert sich China wichtige Rohstoffe, die es braucht, um zum Beispiel Elektroautos zu bauen. Wir sind wieder bei dem Punkt angekommen, den wir schon in der zweiten Folge angerissen haben. Das Zitat der aus Nigeria stammenden Generaldirektorin der Welthandelsorganisation WTO, Ngozi Okonjo-Iweala: „Wenn wir mit China reden, bekommen wir einen Flughafen. Reden wir mit Deutschland, einen Vortrag.“ Der nigerianische Politikwissenschaftler Abubakar Umar Kari fordert, der Westen müsse sein Verhältnis mit den ehemaligen Kolonien auf neue Füße stellen:
7 Abubakar Umar Kari, Professor Politikwissenschaften Uni
Und zwar durch Kooperationen und Partnerschaften, die für beide Seiten vorteilhaft sind, und kein einseitiges, parasitäres Verhältnis, das die Beziehungen in der Vergangenheit geprägt hat.
MUSIK
SPRECHER
In dieser Forderung schwingen zwei Vorwürfe mit: Der erste lautet, selbst Jahrzehnte nach dem Kolonialismus beute der Westen weiterhin den Kontinent aus. Aber afrikanischen Staatschefs und Intellektuellen geht es auch um die Werte, die der Westen proklamiert. Hilfen würden zurückgehalten, dringend benötigte Infrastrukturprojekte auf Eis gelegt, wenn westliche Staaten Defizite bei Rechtsstaat und Demokratie feststellten. Dabei, wenden Kritiker wie Abubakar Umar Kari ein, seien diese Werte von Nordamerikanern und Europäern. Denkt man diesen Vorwurf zu Ende, bedeutet das, dass zum Beispiel die Menschenrechte nicht universell sind und damit nicht für alle Menschen gelten würden. Dem widerspricht Thomas Gomart entschieden. Niemand werde gerne gefoltert, Punkt. Nur weil eine kleine Gruppe diese Werte erfand, ändere das nichts an ihrer Allgemeingültigkeit, so der Franzose. Trotzdem tut sich der Westen schwer, diese Werte einzufordern. Der Historiker Heinrich August Winkler:
8 Heinrich August Winkler, Historiker
Die westlichen Demokratien können ihre Werte niemandem aufzwingen, sie können aber immer für die unveräußerlichen Menschenrechte werben und sich für ihre weltweite Einhaltung einsetzen. Glaubwürdig wirkt das Engagement für die westlichen Werte freilich nur, wenn sich die Demokratien des Westens selbst an ihre Werte halten und selbstkritisch mit ihren Verstößen dagegen ins Gericht gehen. Die westlichen Demokratien dürfen nie mehr versprechen, als sie halten können.
MUSIK
SPRECHER
Nur wer seine eigenen Werte einhält, kann anderen vorwerfen, sich nicht an diese zu halten. Dafür ist entscheidend, dass westliche Länder afrikanische, südamerikanische oder asiatische nicht von oben herab behandeln. Allerdings müssen westliche Staaten auch lernen, mit Parteien umzugehen, die sich selbst häufig widersprechen, wenn es ihrer Erzählung passt, sagt der französische Historiker Thomas Gomart. Auf der einen Seite fordern nämlich Staaten des Globalen Südens, der Westen solle sich zurückhalten, dem Rest der Welt mehr Raum einräumen. Er habe viele Krisen auf der Welt zu verantworten, in Afrika, in Südamerika, im Nahen und Mittleren Osten. Der Interventionismus westlicher Staaten habe Weltregionen in Kriege und Krisen gestürzt. Gleichzeitig aber beklagen sich oft dieselben Länder, wenn der Westen sich in geopolitischen Fragen zurückhält. Ob im Nahostkonflikt, in Syrien, Jemen oder im Sahel: Wenn sich der Westen nicht einschaltet, scheint es genauso falsch zu sein, wie wenn er es tut.
MUSIK
Der Westen muss neue Logiken aufbauen, meint Thomas Gomart. Er muss aber auch die an Konflikten beteiligten Parteien dazu ermuntern, selbst Lösungen zu finden. Seine eigenen Allianzen dagegen über Bord zu werfen, davon rät der französische Historiker ab. Brasilien, einige afrikanische Staaten, aber auch Indien verfolgen laut Gomart einen transaktionalen Ansatz. Sie schließen keine Allianzen, sondern machen Geschäfte mit allen. Indien zum Beispiel kauft französische Kampfflugzeuge, verurteilt jedoch nicht den russischen Einmarsch in der Ukraine. Klingt rational, birgt aber Risiken, meint Gomart – speziell für Deutschland.
9 Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris
Dieser Ansatz breitet sich zwar aus, er hat aber auch Grenzen. Und das sieht man speziell beim Thema Sicherheit in Europa. Die meisten Mitgliedsstaaten sind angewiesen auf die Sicherheit, die ihnen die EU und die Nato bieten. Das trifft ganz besonders auf Deutschland zu. Deutschlands Sicherheit hängt von der Nato ab.
SPRECHER
Man kann, man muss mit allen reden und in einer multipolaren Welt Beziehungen zu allen pflegen. Doch geht es um das Überleben des Staates und seiner Bürger, sei es wichtig, sein Lager nicht zu verlassen, meint Thomas Gomart. Sicherheit beschränkt sich dabei nicht allein auf einen militärischen Angriff eines feindlichen Staates. Es geht auch darum, dass jeder einzelne Staat seine Bürgerinnen und Bürger bestmöglich vor Risken und Gefahren schützen und Ängste ernst nehmen soll. In westlichen Ländern werden dabei häufig Debatten über Zuwanderung geführt. Ein großes Thema: Die Sorge vor einer Veränderung, gar Gefährdung der westlichen Kultur durch Migration von Menschen, die mit anderen als westlichen Werten aufgewachsen sind. Vor allem aus patriarchalisch geprägten islamischen Kulturen. Einige politische Kräfte, nicht nur extremistische, kritisieren zuviel Einwanderung. Diese gehe mit hörerer Kriminalität einher und verändere die Gesellschaften zum Schlechteren. Erfolgsgeschichten, die es auch im großen Stil gibt, werden dabei meistens unterschlagen.
MUSIK
Tatsache ist, dass der Anteil an Zuwanderern an der Gesamtbevölkerung wesentlich höher ist als in anderen Teilen der Welt. So sei in Europa, so die Internationale Organisation für Migration, fast jeder Achte zugewandert, lebe also in einem Land, in dem sie oder er nicht geboren wurde. Binnenflüchtlinge zählen also nicht mit rein, deshalb ist die Zahl in Asien und Afrika sehr gering; nicht einmal zwei Prozent.
Mehr als 50 Millionen Migranten leben in den USA, viele kamen aus Lateinamerika.
MUSIK
Politikerinnen und Politiker in westlichen Ländern wie Donald Trump, Viktor Orban und Marine Le Pen, beschreibt Anne Applebaum, bedienen sich der Ängste vieler Menschen vor Zuwanderung und Veränderungen. Sie trügen eine nationalistische Erzählung vor, sagt die Kolumnistin und Historikerin. In einer Zeit des schnellen Wandels versprechen sie die Rückkehr in eine Vergangenheit, in der alles gut gewesen sein soll:
10 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin
Es ist kein Zufall, dass viele politische Bewegungen nicht über die Zukunft sprechen, sondern in die Vergangenheit blicken. Make America great again ist ein Paradebeispiel dafür. Diese Politiker bedienen Nostalgie und sprechen von Revivals/Wiederaufleben. Das ist die Auswirkung eines sehr, sehr schnellen sozialen, politischen, demografischen und wirtschaftlichen Wandels.
SPRECHER
Der alte und neue Präsident Donald Trump versprach seinen Landsleuten im Wahlkampf, sich wieder auf sie zu besinnen. America first, les Francais d’abord, Deutschland zuerst. Diese Erzählung hat in vielen westlichen Staaten mal mehr, mal weniger Erfolg. Ein großes Problem unserer derzeitigen politischen Debatten im Westen, meint Applebaum, sei es, dass viele den innenpolitischen Wettstreit mit kriegsähnlichen Zuständen gleichsetzten. Es gehe um Gut gegen Böse, den Untergang des Abendlandes, das Ende der Zivilisation:
11 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin
Und genau hier wird es gefährlich, denn Politiker können Identitäten nicht ändern, sondern sich nur darüber aufregen. Wir sollten uns dafür stark machen, dass sich die Politik um Probleme kümmert, die sie lösen kann. Das Gesundheits- und das Bildungssystem, Straßen und Schulen. Wenn Sie es schaffen, die Debatte dorthin zurückzubringen, bekommen Sie eine normalere Politik.
SPRECHER
Egal ob in den USA, Frankreich oder Polen: Politik müsse wieder normaler werden, sich auf wesentliche Politikfelder konzentrieren, fordert die Historikerin, die 2024 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.
MUSIK
Die Welt setzt sich neu zusammen – und wo ist unser Platz? Der Platz des Westens? Von Gesellschaften, die in den vergangenen Jahrhunderten entscheidend dazu beitrugen, dass die Welt auf verschiedene Weisen revolutioniert wurde. Sei es gesellschaftlich oder auch technologisch. Vielleicht ist an dieser Stelle, so kurz vor dem Ende dieser dreiteiligen Serie, die Zeit für eine Zusammenfassung gekommen. In der ersten Folge ging es um die Grundpfeiler des Westens, warum Menschen aus westlichen Ländern nicht „normal“, sondern „seltsam“ sind, wie der Harvard-Anthropologe Joseph Henrich sagt:
12 Joseph Henrich, Humanbiologe Universität Harvard
In einigen Regionen der Welt ist besonders wichtig, wie man sich anderen gegenüber präsentiert. Es geht darum, das Gesicht zu wahren, darum wie ein Netzwerk von Personen über Sie als Individuum denkt. (…) In westlichen Gesellschaften müssen Sie sich dagegen abheben und von anderen unterscheiden, um erfolgreich zu sein.
SPRECHER
Es ging außerdem um Gewaltenteilung, um Checks and Balances, um Vertrauen in unabhängige Institutionen. Die zweite Folge handelte davon, warum andere Teile der Welt Kritik am Westen üben. Besonders prägnant fasste das Sadiq Abba zusammen, der nigerianische Professor für Internationale Beziehungen:
13 Sadiq Abba, Professor Internationale Beziehungen Uni Abuja
Unsere Wahrnehmung der westlichen Welt ist die eines bösen Imperiums, das nur für sich selbst da ist. Wenn du ihre Spiele, ihre Regeln mitspielst, bleibst du für immer ein Gefangener und ein Untertan, der ausgebeutet und enteignet wird.
SPRECHER
Es ging um die Vorwürfe, die den westlichen Staaten gemacht werden. Dass sie auf der einen Seite versprechen, jeder Mensch habe dieselben Rechte und eine unveräußerliche Würde. Andererseits hatten und haben viele Entwicklungsländer den Eindruck, westliche Leben seien mehr wert als die von sagen wir Venezolanern, Maliern oder Palästinensern.
Es ging um die Ambitionen der BRICS-Staaten, insbesondere Chinas, eine neue Weltordnung aufzubauen, in der dem Westen eine kleinere Rolle zukommen soll. Und natürlich ging es auch um die Bedrohungen des westlichen Projekts aus dem Inneren: Wie stark werden Demokratie, Rechtsstaat und internationale Zusammenarbeit von Autokraten bedroht, die durch Wahlen an die Macht kamen – oder kommen könnten?
MUSIK
Jahrhundertelang hat der Westen die globale Wirtschaft dominiert. Der Westen hat andere Teile der Welt unterworfen und ausgebeutet, Grenzen gezogen, die bis heute Krieg und Zerstörung nach sich ziehen. Man nehme nur den Nahen Osten mit den Grenzziehungen der Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg. Das kapitalistische Wirtschaftssystem und der Energiehunger der Menschen fördern einen solchen Raubbau an der Erde, dass wir inzwischen fast zwei brauchen, um unseren Wohlstand aufrechtzuerhalten. Aber der Westen brachte auch große Errungenschaften hervor: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In Europa wurden aus Erbfeinden Freunde, Frieden wurde geschlossen, internationale Zusammenarbeit gefördert, es entstand technologischer Fortschritt, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hatte.
Im Laufe der Jahrtausende gab es immer wieder Zivilisationen, die einen Vorsprung hatten und ihn einbüßten, gar verschwanden. Die alten Ägypter, Griechen und Römer, das Osmanische Reich oder China etwa, das heute seinen alten Platz für sich beansprucht. Wird es dem Westen ähnlich ergehen, dessen Bevölkerung immer kleiner und älter wird? In Deutschland hat sich wahrscheinlich niemand so intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt wie der Historiker Heinrich August Winkler. Und so ist es für mich nur logisch, dass ich ihm das letzte Wort lasse:
14 Heinrich August Winkler, Historiker
Der Westen hat seine weltpolitische und weltwirtschaftliche Dominanz längst verloren, aber die Anziehungskraft der Ideen von 1776 und 1789, also der Ideen der Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der repräsentativen Demokratie - diese Anziehungskraft hält unvermindert weltweit an.
MUSIK
Ich bin Jean-Marie Magro, und das war „Der Westen“.
Mit der dritten und letzten Folge: Was kann aus ihm werden?
Alle drei Folgen gibt’s in unserem Feed „Alles Geschichte“ - in der ARD-Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. Da können Sie auch „Alles Geschichte“ abonnieren.
Was "ungefähr" der Westen sein soll, ist wenig umstritten. Wer heute in "westlichen Gesellschaften" lebt, hat meist den diffusen Eindruck, irgendwie einer der vielen gängigen Normen zu entsprechen. Genaueres regelt jeder für sich selbst. Doch schon dieser individualistische Ansatz ist typisch für den Westen, beschreibt Jean-Marie Magro in seiner dreiteiligen Überlegung "Der Westen". Und "normal" finden das andere Gesellschaften, die nicht zum Westen gehören, nicht. Vor allem die politische Kultur des Westens reizt in anderen Teilen der Welt zu entschiedenem Widerspruch.
Credits
Autor: Jean-Marie Magro
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Jean-Marie Magro, Thomas Loible, Jerzy May, Christopher Mann, Florian Schwarz, Benjamin Stedler, Peter Veit und Hemma Michel
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz und Nicole Ruchlak
Im Interview: Joseph Hendrich, Sadiq Abba, Abubakar Umar Kari, Bertrand Badie, Stephan Lessenich, Thomas Gomart, Heinrich August Winkler, Anne Applebaum, Yasheng Huang
Linktipps:
Deutschlandfunk (2023): Putin und der Westen – Strategien der Destabilisierung
Der russische Präsident Wladimir Putin tut alles, um sich aus der Schlinge der Kriegsfolgen zu winden und seine Partner auf eine neue Allianz einzuschwören. Das gemeinsame Ziel: dem Westen schaden. Aber was hat Westen dem entgegenzusetzen? JETZT ANHÖREN
ARD alpha (2022): China und wir
Innerhalb von wenigen Jahrzehnten haben sich die Machtverhältnisse zwischen China und Deutschland fundamental verschoben. Aus dem einstigen Empfängerland deutscher Entwicklungshilfe ist eine Weltmacht geworden, wirtschaftlich und politisch. Unsere Abhängigkeit von China würden wir gern verringern - aber in welchem Maß ist das überhaupt möglich? alpha-demokratie befasst sich mit den zentralen Fragen und Entwicklungen unserer Demokratie in einer unruhigen Welt - über die Aktualität hinaus. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
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Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, das sind, so behaupten viele, historische Errungenschaften des Westens. Gegen diese Werte kann man doch gar nichts haben, denken viele. Aber so einfach ist es nicht. Ich bin Jean-Marie Magro und das ist: Der Westen – Eine Überlegung in drei Teilen. Folge 2: Wie uns die anderen sehen. In vielen Teilen der Welt wird das Auftreten des Westens als anmaßend und belehrend wahrgenommen. Andere gehen sogar so weit zu sagen, die internationale Weltordnung sei von westlichen Staaten allein zu deren Vorteilen errichtet worden und müsse umgebaut werden. 2023 ging ein Zitat um den Erdball, ein Satz der aus Nigeria stammenden Generaldirektorin der Welthandelsorganisation WTO, Ngozi Okonjo-Iweala. Sie sagte auf einer Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt in Berlin: „Wenn wir mit China reden, bekommen wir einen Flughafen. Reden wir mit Deutschland, einen Vortrag.“ Joseph Henrich, Harvard-Professor für biologische Anthropologie und Autor von „Die seltsamsten Menschen der Welt“, kam schon in Folge eins zu Wort. Als ich den Satz zitiere, muss er lachen:
1 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard 10
„Ja, ich glaube, das ist wahr. Und eines der Dinge, die ich in dem Buch versucht habe anzusprechen, ist, obwohl die allgemeinen Menschenrechte für mich einfach zu verstehen und wichtig sind: Es ist nicht so, dass alle von ihnen überzeugt sind.“
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Der Westen dominiert seit Jahrhunderten Weltpolitik und Weltwirtschaft. Und, aus Sicht vieler Staaten im sogenannten Globalen Süden, zulasten der anderen. Selbst viele Jahre nach Kolonialismus und Sklaverei beuten westliche Länder noch immer andere aus – so lautet zumindest der Vorwurf. Besonders deutlich wird dieser in afrikanischen Staaten formuliert. Sadiq Abba ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Abuja, der Hauptstadt Nigerias:
2 Sadiq Abba, Professor Internationale Beziehungen Uni Abuja 5
„Wir haben genug. Afrika ist der westlichen Welt überdrüssig. Es ist sehr wichtig, dass die westliche Welt damit beginnt, offen über ihr bösartiges Verhalten gegenüber Afrika zu sprechen.“
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Sadiq Abba spitzt in seiner Kritik sehr zu: Er sagt, Zitat: Die angeblich universellen Menschenrechte haben keinen Wert, weil für die Europäer ein Menschenleben in Westafrika weniger Wert hat als ein Straßenköter in Paris. Das sind die Doppelstandards des Westens. Zitat Ende. In den vergangenen Jahren habe ich häufig aus Marokko berichtet. Dort ist mir immer wieder der Vorwurf begegnet, dass sich westliche Staaten empört zeigen, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert. Wenn aber in Afrika Menschen sterben, interessiere das die Weltgemeinschaft recht wenig. Besonders häufig wird auch der Vergleich zwischen Israel und Palästina gezogen. Hier verweisen Kritiker des Westens auf die Todeszahlen: Egal, ob man denen der Hamas glauben möchte oder nicht, klar ist: Auf palästinensischer Seite sterben viel mehr Menschen als auf israelischer. Trotzdem verurteilen westliche Staaten das Vorgehen der Netanjahu-Regierung zögerlicher als das der Hamas und liefern Israel sogar Waffen. Ein Vorwurf, der sich folgendermaßen zuspitzen lässt: Der Westen misst mit unterschiedlichem Maß. Egal, ob man sich dem Urteil anschließen will oder nicht: Es verdeutlicht, dass in einigen Teilen der Welt der Eindruck vorherrscht: Der Westen fordere andere auf, seine Regeln zu befolgen, halte sich selbst aber nur an diese, wenn sie ihm passen. Abubakar Umar Kari lehrt wie Sadiq Abba ebenfalls an der Universität Abuja. Der Politologe meint mit einem Blick auf die Geschichte:
3 Abubakar Umar Kari, Professor Politikwissenschaften Uni Abuja 5
„Die westlichen Staaten predigen Dinge, die sie nicht ernsthaft glauben. Es gibt so viele Beispiele, z. B. sprechen sie von Demokratie und Freiheit, aber sie haben in der Vergangenheit diktatorische Regime unterstützt und Militärjuntas gefördert. Sie schaffen Monopole, sorgen für Instabilitäten und sie tolerieren Despoten. Das steht im Widerspruch zu ihrem Engagement.“
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Und der Vorwurf wird noch eine Runde weitergedreht: Einer der Hauptkritikpunkte, die sich der Westen immer wieder anhören muss, ist: „Eure Werte sind nicht die unseren: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit – klingt gut, aber diese Werte habt ihr entworfen. Nicht wir.“ Bertrand Badie ist emeritierter Professor an der renommierten Pariser Hochschule Sciences Po. Er sagt:
4 Bertrand Badie 2, emeritierter Professor für int. Beziehungen Sciences Po Paris
„Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, ein sehr schönes Dokument. Es wurde von einer Kommission ausgearbeitet, in der nur Europäer und Amerikaner vertreten waren, mit zwei kleinen Ausnahmen:“
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Eine Ausnahme, so Badie, war ein Libanese, der aber als Maronit den katholischen Glauben praktizierte. Der andere war ein Chinese, der in den USA studiert hatte. Ein Ähnliches Bild liegt bei den Institutionen vor, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden: Die Vereinten Nationen mit fünf ständigen Mitgliedern im Sicherheitsrat, die jeweils ein Veto-Recht besitzen. Drei davon sind westlich, womit eine Machtverteilung entsteht, die weder im Verhältnis zur Bevölkerung noch zur wirtschaftlichen Stärke dieser Länder steht. Als Sonderorganisation der UN wurde auch der Internationale Währungsfonds gegründet, der Ländern in Zahlungsschwierigkeiten helfen soll, aber unter anderem wegen seiner drakonischen Sparforderungen immer wieder in der Kritik steht. Seit 1946 stammen alle seine Präsidentinnen und Präsidenten aus Europa. Ebenso eine Sonderorganisation der UN ist die Weltbank, die Entwicklungsprojekte finanzieren soll: Seit ihrer Gründung hatte nur eine Präsidentin keine US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die Bulgarin Kristalina Georgiewa 2019, die nur kommissarisch für kurze Zeit übernahm. In den vergangenen Jahren wurden deshalb die Rufe nach einer neuen Weltordnung immer lauter. Einer Weltordnung, die nicht den Westen bevorteilt, sondern aufstrebende Mächte aus den unterschiedlichen Teilen der Welt mehr einbezieht. Das bekannteste und wahrscheinlich auch einflussreichste Bündnis haben die sogenannten BRICS-Staaten geschlossen: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Der Nigerianer Sadiq Abba setzt hierauf große Hoffnungen:
5 Sadiq Abba, Professor Internationale Beziehungen Uni Abuja 7
„BRICS Ist ein Wind der Veränderung, der 1979 angefangen hat zu blasen. BRICS steht am Ende einer langen Geschichte der unterentwickelten, der unterdrückten, der ausgebeuteten Welt. Eine Welt, die endlich aufatmen und einen Hauch von Freiheit und Wohlstand spüren kann.“
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BRICS nahm zu Jahresbeginn 2024 weitere Mitglieder auf: Ägypten, Äthiopien, die Emirate und Iran. Eigentlich sollten Argentinien und Irans Erzfeind Saudi-Arabien noch dazukommen. Argentinien lehnte ab, Saudi-Arabien prüft den Beitritt noch. Dass Länder mit so entgegengesetzten Interessen, gar offen ausgetragenen Feindschaften, sich verbünden, überrascht den Soziologen Stephan Lessenich von der Goethe-Universität in Frankfurt nicht. Er hat sich in seiner Forschung mit dem sogenannten Globalen Süden befasst. Diese vermeintlichen Partner vereint alle, dass sie, wie Lessenich es nennt, „Geschädigte westlicher Modernisierungsfantasien“ sind.
6 Stephan Lessenich, Professor Soziologie Uni Frankfurt 4
„Das rechtfertigt überhaupt nicht das chinesische Land Grabbing in Afrika oder die neuen Machtasymmetrien, die jetzt in der Weltwirtschaft entstehen. In Lateinamerika gilt ähnliches: Riesige Abhängigkeit der argentinischen Sojaindustrie von den Lieferungen nach China und so weiter. Also da verschieben sich dann auch wiederum Abhängigkeiten. Aber dass es in zentralafrikanischen Staaten keine Lust mehr gibt, sich von Frankreich irgendwie sagen zu lassen, was man zu tun und zu lassen hat, das liegt irgendwie auf der Hand und ist nachvollziehbar.“
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Bleiben wir beim Beispiel Frankreich und Afrika: Die meisten Kolonien erklärten sich in den Jahren zwischen 1956 und 1960 unabhängig. So zum Beispiel Tunesien, Marokko und auch westafrikanische Länder wie Senegal, Mali und Niger. 1962, nach einem blutigen Krieg, zog Frankreich auch aus Algerien ab. Doch noch Jahre danach bauen französische Konzerne wertvolle Ressourcen in Afrika ab. Bis Juli 2024 hatte etwa der Kernbrennstoffhersteller Orano im Norden Nigers eine Uran-Mine unterhalten, damit die französischen Atomkraftwerke versorgt sind. Der schwerwiegendste Vorwurf aber, der Frankreich in den vergangenen Jahren gemacht wurde, hängt mit der Terrorbekämpfung in Westafrika zusammen. Länder wie Mali, Burkina Faso und Niger müssen seit Jahren gegen dschihadistische Terrormilizen kämpfen. Frankreich schickte zwar Soldaten, die Attentate wurden aber nicht weniger. Das nutzte vor allem ein Land, um seinen Einfluss auszuweiten: Russland. Thomas Gomart leitet den Pariser Thinktank Institut francais des relations internationales, kurz Ifri. Er beschreibt:
7 Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris 4
Viele dieser Länder hatten nach ihrer Unabhängigkeit marxistisch-leninistische Regime. Ihre Führungskräfte wurden oft in Moskau ausgebildet oder haben von sowjetischen Helfern gelernt. Besonders stark ist das zum Beispiel in Mali ausgeprägt. Während wir im Westen Russland als imperiale Macht wahrnehmen, verbinden diese jungen Nationen Moskau mit ihrer Unabhängigkeit, die sie erst 1960 oder 1962 errungen haben. Das hat Russland ausgenutzt.
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Seit Jahren ist Moskau mit Paramilitärs in Afrika aktiv. Sie unterstützen die Staaten im Kampf gegen die Terroristen. Die westafrikanischen Militärregierungen wie Mali und Burkina Faso schätzen sehr, dass Putin keine Bedingungen wie demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien für seine Hilfe stellt. Dafür dürfen die Russen Minen abbauen, in denen sich seltene Erden, Gold und Diamanten befinden. Russland zeigt sich aufmerksam, liefert Waffen, schenkt Getreide und bringt Radiosender an den Start.
Doch nicht nur wegen Afrika ist Putin-Russland unbestritten eine der größten Herausforderungen für den Westen. Putin betrachtet die USA, die Europäer, die Nato als Feinde. Der Westen wolle die Entwicklung Russlands ausbremsen und es unterworfen, so Russlands Präsident. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 sagte Putin noch im Deutschen Bundestag, der Kalte Krieg sei vorbei. Doch mit den Jahren ändert sich der Ton. Immer wieder spricht er vom dekadenten Westen und kritisiert die Nato-Osterweiterung. 2014 annektiert Russland die Krim völkerrechtswidrig, weil sich die Ukraine Europa annähern möchte. Acht Jahre später, am 24. Februar 2022, startet Putin-Russland einen Großangriff. Schuld daran sei auch der Westen, sagt Putin:
9 Wladimir Putin, Russischer Staatspräsident
„Der Westen nutzt die Ukraine als Rammbock und als Testfeld gegen Russland. Aber eines sollte allen klar sein: Je mehr Langstreckenwaffen in die Ukraine geliefert werden, desto weiter müssen wir die Gefahr von unseren Grenzen verschieben. Sie sollten sich bewusst sein, Russland ist auf dem Schlachtfeld nicht zu besiegen.“
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Den Historiker Heinrich August Winkler kam auch schon in der ersten Folge zu Wort. Er hat vier große Bände über die Geschichte des Westens geschrieben:
10 Heinrich August Winkler, Historiker 8
Putin knüpft an eine alte russische, von der orthodoxen Kirche gepflegte Tradition an. Russland sieht sich seit langem als wahrer Erbe des Christentums, von dem der aufgeklärte, liberale, der angeblich dekadente Westen vor langem schon abgefallen sei.
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Putins Vorgehen verwundert Heinrich August Winkler nicht. Es sei logisch für einen Mann, der den Zusammenbruch der Sowjetunion nie überwinden konnte:
11 Heinrich August Winkler, Historiker 9
Die Ukraine hat sich 1991, wie alle ehemaligen Sowjetrepubliken, für unabhängig erklärt und die Russische Föderation hat diese Unabhängigkeit anerkannt. Aber abgefunden hat sich Putins Russland mit der Unabhängigkeit der Ukraine nicht. Putin betreibt die Wiederherstellung eines Großrussischen Reiches, in dem kein Platz ist für eine selbstständige Ukraine. Seine Politik ist radikal-revisionistisch, ja offen imperialistisch.
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Will Putin die Sowjetunion wiederherstellen? Oder steht hinter den Partnerschaften, die er mit Iran und Nordkorea eingeht, und der Annäherung an China noch mehr? Thomas Gomart ist ebenfalls Historiker und Kenner Russlands:
12 Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris 3
Ich glaube, Putin hat ein Kalkül: Seiner Meinung nach befinden wir uns in einem Moment, in dem weltweit der Westen, aber vor allem Europa abgelehnt wird. Weil Europa schrumpft und an Bedeutung verliert. Putin möchte diese Situation auf brutale Weise für sich nutzen.
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In diesem Zusammenhang, nimmt Thomas Gomart an, wäre ein Erfolg für Putin:
13 Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris 6
Wenn sich die USA zunehmend aus Europa zurückziehen. Dadurch, dass die Europäer sicherheitspolitisch und strategisch nicht reif sind, wäre das für Putin gleichbedeutend mit einer Art Vorherrschaft über einen Teil Europas und damit könnte er China mehr auf Augenhöhe entgegentreten.
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China: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, Exportweltmeister, Mitglied im UN-Sicherheitsrat, Atommacht… Präsident Xi Jinping verurteilt nicht die russische Invasion in der Ukraine. Das kritisierte unter anderem Bundesaußenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in Peking im April 2023 – und fuhr sofort die Retourkutsche ihres Amtskollegen Qin Gang ein:
14 Qin Gang, Außenminister Volksrepublik China
"Diese Meinungsverschiedenheiten sollten uns nicht davon abhalten, im Austausch zu bleiben. Aber dieser Austausch sollte auf gegenseitigem Respekt und Gleichberechtigung basieren. Was China am wenigsten braucht, sind Lehrmeister aus dem Westen."
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Was verbindet die Volksrepublik mit Putin-Russland, Iran und anderen Mächten, die sich gegen den Westen stellen? Die amerikanische Journalistin und Pulitzerpreisträgerin Anne Applebaum:
15 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin 13
„Sie sehen die liberale Welt als eine Bedrohung für sich und arbeiten zusammen, um die Verbreitung liberaler Ideen in ihrem Land zu verhindern. Und sie glauben, dass ihr eigenes Überleben davon abhängt, liberale Ideen zu unterdrücken, wo auch immer in der Welt sie zu finden sind.“
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Unter „liberalen Ideen“ fasst Applebaum vieles zusammen: Freie Wahlen, ein unabhängiger Rechtsstaat, aber auch der Schutz von Minderheiten. Gerade Letzteres wird von Putin immer wieder aufgegriffen als ein Beispiel des Verfalls des dekadenten Westens. Doch so sehr Putin und der chinesische Außenminister auch poltern: Sind sie die größte Gefahr für den Westen? Nein, findet Yasheng Huang:
16 Yasheng Huang, Direktor des China und India Lab am MIT 6
„Sie brauchen doch nicht China, um Amerika zu untergraben. Das ist einfach lächerlich.“
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Die größte Bedrohung für westliche Demokratien, ist der Direktor des China und India Lab am MIT in Boston überzeugt, stellen antiliberale Kräfte im Westen selbst dar. Menschen, die das politische System aus dem Inneren heraus zerstören wollen. Egal ob aus Politik oder Wirtschaft. Für die USA, wo er lebt, nennt er Elon Musk als Beispiel, der auf seinem sozialen Medium X und mit seinem Vermögen eine politische Agenda verfolge. Wo hingegen liege das Problem, wenn China Brücken, Autobahnen, Zugtrassen und Häfen in Afrika baue, fragt Huang:
17 Yasheng Huang, Direktor des China und India Lab am MIT 10
„Falls die Neue-Seidenstraße-Initiative objektiv dafür sorgen sollte, dass das Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern gefördert wird, dann sollten wir das feiern. Warum schadet es dem Westen, wenn Afrika nicht mehr in Armut und Hunger versinkt?“
MUSIK
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Können Sie sich noch an den Anfang der Folge erinnern und das Zitat der Präsidentin der Welthandelsorganisation? „Wenn wir mit China reden, kriegen wir einen Flughafen – Reden wir mit Deutschland, einen Vortrag.“ Wenn Yasheng Huang diesen Satz hört, reagiert er fast schon beleidigt. Er ist Professor, verdient sein Geld mit Vorträgen und ist der festen Überzeugung, dass ein richtiger Vortrag mehr wert sein kann als ein Flughafen. So nämlich sei China von einem der ärmsten Länder der Welt zur zweitgrößten Volkswirtschaft geworden – in einem Zeitraum von nicht einmal 50 Jahren:
18 Yasheng Huang, Direktor des China und India Lab am MIT 12
„Im Jahr 1978 wurde den Führern der Kommunistischen Partei von amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern erklärt, dass die zentrale Planung versagt habe und marktwirtschaftliche Reformen eingeleitet werden müssen. Das war ein Vortrag, kein Flughafen. Nachdem sie die Wirtschaftsreformen eingeleitet hatten, wuchs die Wirtschaft, der Staat sparte und nahm Geld ein, das dann verwendet wurde, um Flughäfen zu bauen. Ich würde sagen, dass sie zu viele Flughäfen bauen, aber das ist eine andere Diskussion.“
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Man darf das Pferd nicht von hinten aufzäumen, meint Yasheng Huang. China habe einen Vortrag bekommen – und genau zugehört:
19 Yasheng Huang, Direktor des China und India Lab am MIT 8
„China ist reich geworden, weil es sich dem Westen angenähert hat. Ein bekanntes Zitat von Deng Xiaoping lautet: "Schauen Sie sich die Freunde der Sowjetunion an. Sie sind alle arm geworden. Die DDR, Rumänien, Polen. Und schauen sie auf die Freunde der Vereinigten Staaten, die sind alle reich geworden: Japan und Südkorea und auch Westdeutschland." Die Kommunistische Partei Chinas hat als Institution enorm von der engeren Bindung an den Westen profitiert.“
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Während die Sowjetunion zusammenbrach, weil sie die Wirtschaft nicht entwickelte und zu viel Geld für Militär ausgegeben habe, habe China wie kaum ein anderes Land von der Globalisierung profitiert, so Huang. Wer aber wirtschaftlich erfolgreich ist, wolle auch mehr Macht: Wie ein Pilzgeflecht breite China sich mit seiner Neue-Seidenstraßen-Initiative auf unterschiedlichen Kontinenten aus. Eine gute Entwicklung, meint der nigerianische Professor für Internationale Beziehungen Sadiq Abba:
20 Sadiq Abba, Professor Internationale Beziehungen Uni Abuja 8
„Die Welt von morgen wird bereits ohne den Westen gebaut. Der Westen versucht nur verzweifelt, seinen Rückstand aufzuholen. Die Welt braucht den Westen nicht. Der Westen braucht die Welt.“
SPRECHER
Das sind Worte, die sitzen. Vorhin hatte Abba schon gesagt, dass BRICS ein Wind der Hoffnung sei. Die Sehnsucht, dass sich etwas ändert, ist in China, in Afrika, aber auch in anderen Regionen groß. Thomas Gomart aus Paris kann die Kritik nachvollziehen. Der Westen sei nicht unfehlbar. Trotzdem, so Gomart, müssten sich dieselben Staaten, die Vorwürfe erheben, auch welche gefallen lassen:
21 Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris 15
„Wir beobachten auch, dass die Führer der Länder, die den Westen heftig kritisieren, Vermögen im Westen haben, ihre Kinder hier auf Schulen und Universitäten schicken. Sie kaufen Privilegien und Sicherheit. Und das ist auch ein Paradoxon, das man ansprechen muss. Menschen machen sich auf den Weg nach Europa, nach Kanada, in die USA, in offene Systeme. Da sieht man, welch Anziehungskraft die westlichen Gesellschaften haben.“
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An Gomarts Argument merkt man, dass es der Debatte guttut, wenn man sie differenziert führt. Ja, die westlichen Länder haben viele Fehler gemacht und sich auf Kosten von schwächeren Staaten bereichert. Aber heißt das, dass sie für alles verantwortlich gemacht werden können? Als erstes müsse der Westen vor allem eines schaffen, meint der Leiter des Thinktanks Ifri: Entwicklungsländer als gleichwertige Partner anzuerkennen. Und Anerkennung fängt damit an, verstehen zu wollen, wie der andere die Welt sieht:
22 Thomas Gomart, Direktor d. Denkfabrik Ifri in Paris 18
„Der grundlegende Unterschied zwischen dem Westen und dem globalen, ich sage lieber transaktionalen, also geschäftsorientierten Süden auf der anderen Seite ist meiner Meinung nach der historische Referenzpunkt. Wir bauen unsere Politik, unsere politische Kultur, unsere philosophischen und intellektuellen Debatten seit 1945 auf der Erinnerung an die Shoah auf. Im globalen Süden wiederum, so kommt es mir vor, ist der Referenzpunkt die Erinnerung an den Kolonialismus.“
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Natürlich müssten auch konkrete politische und wirtschaftliche Ergebnisse aus einer Zusammenarbeit folgen. Aber dem vorgeschaltet ist, so Gomart, dass der Westen nicht mehr als belehrend und anmaßend wahrgenommen werden darf. Sondern dass sich die ehemals unterworfenen Länder von denen, die sie einst beherrschten, ernstgenommen und gleichberechtigt fühlen. Der Historiker Heinrich August Winkler bleibt zuversichtlich, dass das möglich ist:
23 Heinrich August Winkler, Historiker 10
„Sklaverei und Sklavenhandel, Kolonialismus und Imperialismus, die gehören zum historischen Sündenregister des Westens. Die Geschichte des Westens war immer auch eine Geschichte von brutalen Verstößen gegen die eigenen Werte, sie ist aber auch eine Geschichte von Selbstkritik und Selbstkorrekturen, also von Lernprozessen.“
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Der Westen hat es über Jahrhunderte geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden, sagt Heinrich August Winkler. Gelingt ihm das auch dieses Mal? Oder steht das, wie Winkler es nennt, „normative Projekt des Westens“ vor dem Aus? Darum wird es in der dritten und letzten Folge gehen.
Ich bin Jean-Marie Magro, und das die zweite Folge unseres Dreiteilers „Der Westen“: Wie uns die anderen sehen.
Alle drei Folgen gibt’s in unserem Feed „Alles Geschichte“ - in der ARD-Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. Da können Sie auch „Alles Geschichte“ abonnieren.
Was "ungefähr" der Westen sein soll, ist wenig umstritten. Wer heute in "westlichen Gesellschaften" lebt, hat meist den diffusen Eindruck, irgendwie einer der vielen gängigen Normen zu entsprechen. Genaueres regelt jeder für sich selbst. Doch schon dieser individualistische Ansatz ist typisch für den Westen, beschreibt Jean-Marie Magro in seiner dreiteiligen Überlegung "Der Westen". Und "normal" finden das andere Gesellschaften, die nicht zum Westen gehören, nicht. Vor allem die politische Kultur des Westens reizt in anderen Teilen der Welt zu entschiedenem Widerspruch.
Korrigierte Version vom 28.11.2024
Credits
Autor: Jean-Marie Magro
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Jean-Marie Magro, Thomas Loible, Benjamin Stedler, Heinz Gorr, Jerzy May und Hemma Michel
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz und Nicole Ruchlak
Im Interview: Joseph Hendrich, Tappei Nagatsuki, Yasheng Huang, Sadiq Abba, Anne Applebaum
Besonderer Linktipp der Redaktion:
WDR (2024): Killing Jack – Warum der Ripper-Mythos uns nicht loslässt
Es ist der wohl bekannteste True-Crime-Fall der Welt: Jack the Ripper. Was fasziniert uns am Mythos eines brutalen Frauenmörders? Und muss die Geschichte vom Ripper heute nicht ganz anders erzählt werden? In „Killing Jack“ gehen die Hosts Caro und Jürg zurück zur Geburt des vielleicht bekanntesten Cold Case der Welt. Dem Godfather of True Crime. Sie stoßen auf brutale Fakten; fragen, wie der Mythos entstand - und versuchen ihn zu killen. Warum? Und wie das gehen soll? ZUM PODCAST
Linktipps:
ARD alpha (2019): Andere Länder, andere Verbote
Wann darf der Staat etwas verbieten? Dana Newman, gebürtige Amerikanerin, fragt nach den Grenzen der individuellen Freiheit in Deutschland. Die ist zwar in der Verfassung vielfach garantiert, aber sie endet dort, wo sie Freiheiten anderer oder das Gemeinwohl berührt. Wo diese Grenze konkret erreicht ist, darüber wird in der Demokratie oft heftig gestritten. Die Reportage zeigt verschiedene Freiheitskämpfende – von Klimaaktivisten bis zum Ernährungswissenschaftler – und zeigt, dass Fakten und Vernunft längst nicht immer entscheiden sind, wenn es um die Freiheit geht. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2019): Warum sich der Westen neu erfinden muss
Viel zu lang habe der Westen gebraucht, um die Veränderungen im weltpolitischen Machtgefüge nach 1990 zu begreifen, kritisiert Ramon Schack. Und hat dabei vor allem den Aufstieg Chinas im Blick. Uns dagegen droht der Rückfall in die Mittelmäßigkeit. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Wer bin ich?... Wenn Sie jetzt befürchten, das könnte eine Folge über den Existenzialismus werden: Keine Angst. Aber je nachdem, wo Sie aufgewachsen sind, werden Sie diese Frage „Wer bin ich?“ höchstwahrscheinlich unterschiedlich beantworten. Wenn Sie mich, den Autor dieser Folge fragen, wer ich bin, dann würde ich Ihnen so antworten:
Jean-Marie Magro, Journalist, ich spreche in Mikrofone, fahre viel Rad, lese in meiner Freizeit, mal ein Sachbuch, mal eine japanische Romanreihe oder einen Manga. So in der Art. Ich definiere mich also über meinen Beruf und das, was ich gerne tue. In anderen Teilen der Welt klingt das völlig anders. Wenn Sie in einem malischen Dorf fragen würden, würde die Person höchstwahrscheinlich erst die Namen ihrer Eltern zitieren. In Südkorea ist das Alter entscheidend, weil man die Älteren respektieren muss. Und so gibt es ganz viele Beispiele.
Joseph Henrich ist leidenschaftlicher Kayakfahrer, aber deshalb habe ich ihn nicht für diese Reihe interviewt. Henrich ist Professor für biologische Anthropologe an der Harvard University in Boston. Er sagt, dass viele Psychologen jahrzehntelang einem großen Irrtum aufgesessen seien:
1 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard
Wir haben festgestellt, dass viele Forscher fast ausschließlich amerikanische Studenten oder Menschen in westlichen Gesellschaften, aber nur sehr wenige Menschen aus anderen Weltregionen untersucht haben. Und so haben diese Wissenschaftler allgemeine Annahmen vorgenommen und formuliert, die verzerrt waren.
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In Wahrheit ist nämlich nicht der Rest der Welt eigenartig, sondern wir – meint jedenfalls Joseph Henrich. Wer sind wir, wer ist der Westen?
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Das ist: Der Westen – Eine Überlegung in drei Teilen. Folge 1: Wer sind wir eigentlich? Da fängt das Problem schon an, weil es keine scharfe Trennlinie gibt. Sollte man die Mitgliedsstaaten der OECD nehmen, die NATO oder allgemein jene Länder, die Demokratie, Menschen- und Freiheitsrechte vertreten? Letzteres könnte auch Japan oder Taiwan miteinschließen. In den drei Folgen dieser Reihe möchte ich mich auf Nordamerika und die Europäische Union konzentrieren. Knapp über 800 Millionen Menschen.
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Wir, die wir in westlichen Gesellschaften aufgewachsen sind und leben, sind also laut Joseph Henrich komisch. Wir tanzen aus der Reihe. Henrich hat einen weltweiten Bestseller geschrieben. Auf Deutsch heißt er „Die seltsamsten Menschen der Welt“. Das Wort seltsam ist die Übersetzung für das englische WEIRD, ein Akronym, das Henrich und andere Psychologen gewählt haben. WEIRD steht in diesem Fall für Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic. Also westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch. Henrich meint, aus seinen Studien gehe hervor, dass wir im Westen, in Nordamerika und den europäischen Staaten, ganz anders auf die Welt blicken als alle anderen.
2 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard
Ein klassisches Beispiel: Sie geben einer Versuchsperson ein Bild mit einem Kaninchen und fragen, ob das Kaninchen besser zu einer Karotte oder zu einem Hund passt. Wenn Sie analytisch denken, würden Sie sagen: Kaninchen und Hund, beides Tiere. Wenn Sie aber holistisch, also ganzheitlich denken, suchen Sie nach Beziehungen. Diese Menschen denken: "Kaninchen fressen gerne Karotten, also gehören Kaninchen und Karotten zusammen. Und wenn man sich in der Welt umschaut, dann ist es so, dass die westlichen Gesellschaften die Orte sind, an denen das analytische Denken sehr stark ausgeprägt ist, und an anderen Orten ist es schwer, jemanden dazu zu finden, der eine analytische Entscheidung trifft.
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Ich persönlich habe mich immer als eine Person gesehen, die versucht, die Welt aus anderen Blickwinkeln und nicht nur durch meine deutsche Brille zu sehen. Das kommt alleine daher, dass ich einen französischen Vater habe und zweisprachig aufgewachsen bin. Ich bin schon lange von japanischer und südkoreanischer Popkultur fasziniert, habe mehrfach für die ARD in Nordwestafrika gearbeitet. Aber ich kann mich noch ganz genau an den Moment erinnern, als ich bemerkt habe, dass ich WEIRD bin.
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Es war in Tokio im Mai 2023. Ich habe den Schriftsteller Tappei Nagatsuki interviewt, der meine Lieblingsfantasy-Reihe schreibt. Nagatsuki schreibt darin echt gruselige Szenen, sein Protagonist Subaru muss unheimlich leiden. Ich habe dem Japaner dann die Frage gestellt, was er von dem, wie ich dachte, weltbekannten US-amerikanischen Autor John Irving hält. Der hat einmal gesagt, er entwerfe in seinen Romanen Figuren, die er wirklich liebt – und dann tue er ihnen das Schlimmste an, das ihm einfiele. Hier antwortet mir Tappei Nagatsuki:
3 Tappei Nagatsuki, japanischer Schriftsteller
Was dieser John Irving sagt, damit kann ich mich sehr gut identifizieren. Je mehr ich Charaktere mag, umso schlimmere Sachen möchte ich Ihnen antun. Und da Subaru mein Protagonist ist, kriegt er am meisten ab. (lacht)
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Mein erster Reflex war: Er kennt John Irving nicht? Und kurz darauf fiel mir dann auf, wie sehr ich die Welt durch meine westliche Brille betrachtet hatte. Woher soll ein japanischer Fantasyautor vom anderen Ende der Welt einen amerikanischen Schriftsteller kennen? Nicht nur hierin unterscheidet sich unsere westliche, deutsche Öffentlichkeit von der östlich-japanischen. Der Anthropologe Joseph Henrich sagt, das hinge damit zusammen, dass im Westen die Schuld eine treibende Kraft für menschliches Handeln sei. In anderen Teilen der Welt dominiere jedoch die Scham:
4 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard
In einigen Regionen der Welt ist es besonders wichtig, wie man sich anderen gegenüber präsentiert. Es geht darum, das Gesicht zu wahren, darum wie ein Netzwerk von Personen über Sie als Individuum denkt. Das führt oft zu Konformität und einer großen Sorge, wie man sich selbst darstellt. Der innere Geisteszustand spielt dabei keine große Rolle. Es geht um das äußere Verhalten und darum, wie sich die Menschen der Welt präsentieren. In westlichen Gesellschaften müssen Sie sich abheben und von anderen unterscheiden, um erfolgreich zu sein. Hier neigen Menschen dazu, nicht Scham-, sondern Schuldgefühle zu haben.
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Ein Beispiel für solche Schuldgefühle: Sie können sich schlecht fühlen, weil sie nicht ins Fitnessstudio gegangen sind. Ihrem Nachbarn ist das wohl egal. Schämen würden sie sich also vor ihm nicht. Stattdessen fühlten sich im Westen viele dazu verpflichtet, etwas für sich und ihren Körper zu tun, um mit sich selbst im Reinen zu sein. Es geht also um uns selbst, das Individuum. Ein Beispiel dafür ist das Tragen eines Mund-Nasenschutzes. In Japan gab es während der Corona-Pandemie nie eine Maskenpflicht – das war gar nicht nötig, die Menschen trugen sie freiwillig. In fast allen westlichen Staaten dagegen schon. In Europa und den USA wurde das Tragen von Masken zunehmend heftig kritisiert. Eines der am häufigsten genannten Argumente dabei war: Die Maskenpflicht schränke die individuelle Freiheit ein.
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Warum sind wir so „eigenartig“? Und es geht ja noch viel weiter: Warum sind wir im Westen verhältnismäßig wohlhabend? Für Joseph Henrich ist dabei zentral, wie schnell sich Lesen und Schreiben in Europa ausgebreitet haben. Dabei hat ein gewisser Martin Luther vor über 500 Jahren eine wichtige Rolle gespielt:
5 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard
Man kann an den deutschen historischen Daten tatsächlich ablesen, dass die Nähe zu Wittenberg einen Einfluss auf die Lese- und Schreibfähigkeit hatte. Je näher man also dem Zentrum der Reformation war, desto wahrscheinlicher war es, dass man auch im 19. Jahrhundert noch lesen und schreiben konnte.
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Die Reformation war also der Grundstein dafür, dass das sogenannte Abendland abhob? An dieser Stelle hilft vielleicht ein Blick von außen. Der Wirtschaftswissenschaftler Yasheng Huang ist Professor am Massachusetts Institute of Technology in Boston, kurz MIT. Er unterrichtet Internationales Management und leitet das China und India Lab an der Universität. Huang sagt, die Alphabetisierung allein kann nicht der ausschlaggebende Grund dafür sein, warum die Vereinigten Staaten und Europa über Jahrhunderte mehr Wohlstand schufen als China.
6 Yasheng Huang, Direktor des China und India Lab am MIT
In China konnten schon recht früh verhältnismäßig viele Menschen lesen und schreiben. Die Zahl stagnierte dann aber. Im Westen war es umgekehrt. Am Anfang gab es relativ wenige Alphabeten, dann aber wurden es schnell immer mehr.
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Huang hat ein Buch geschrieben, das sich fast wie eine Fortsetzung von Joseph Henrichs „Die seltsamsten Menschen der Welt“ liest. Huangs Buch trägt den Titel: „The Rise and Fall of the EAST”, also Aufstieg und Fall des Ostens. Huang, 1960 in Peking geboren, meint: Die Stärke des Westens liegt in seiner Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Und das lasse sich schon vor rund 1000 Jahren sehen:
7 Yasheng Huang, Direktor des China und India Lab am MIT
Die katholische Kirche erhob sich, um die damalige politische Autorität herauszufordern, und dann wurde die katholische Kirche selbst von anderen Ideen wie dem Protestantismus und weltlichen Ideen herausgefordert. Es entstand also ein Markt der Ideen.
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Vor dem sechsten Jahrhundert hatte es auch in China so einen Marktplatz der Ideen und auch einen regen Handel gegeben, sagt Huang. Es gab unterschiedliche Glaubensrichtungen: Konfuzianismus, Buddhismus, Daoismus. Westen und Osten waren sich ähnlich, meint der Professor. Doch dann endete das abrupt. Huang meint, das hänge damit zusammen, dass in China ein Regime die Macht übernahm, das andere Ideen unterdrückte und nicht mehr herausgefordert wurde. Während im Westen die Revolutionen in den USA und Frankreich Demokratie, Nationalstaat und Rechtsstaatlichkeit hervorbrachten, wurden in China trotz mehrerer Rebellionen nur die Köpfe ausgetauscht, die Ordnung blieb gleich. Der Harvard-Anthropologe und Psychologe Joseph Henrich stimmt dem China-Experten zu: Die westliche Kirche spielt für den Westen und wie unsere Gesellschaften heute strukturiert sind, eine besonders wichtige Rolle. Verbot der Vielehe und des Heiratens enger Verwandter waren nur eine Sache. Die katholische Kirche hatte auch ihre eigene Streitmacht, erhob gegen die Königshäuser das Schwert. Rund 900 bis 1000 nach Christus schließen sich Menschen zu freiwilligen Vereinigungen zusammen. Auch und vor allem innerhalb der Kirche.
8 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard
Man schloss sich einer Stadt oder einem Verein an, und wenn sich jemand von ihnen verletzte oder alt wurde, kümmerten sich die anderen um diese Person. Es handelte sich also um eine Art Versicherungssystem, das auf Gegenseitigkeit beruhte. An einigen Orten entstanden daraus Gilden. Das waren Berufsgilden vorstellen müssen, die als gegenseitige Selbsthilfe begannen und bestanden lange Zeit als Gesellschaften bestanden.
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Viele Historiker und Anthropologen sagen, dass diese freiwilligen sozialen Versicherungssysteme, die über die Familienbande hinausgehen, eine frühe Besonderheit westlicher Gesellschaften waren. Später, als es zu Abkommen zwischen Königen und Kirchen kam, wurde die katholische Kirche selbst durch den Protestantismus herausgefordert. Dazu kommen Revolutionen. Politische, wie etwa die amerikanische 1776 und die französische 1789, die jeweils zu gesellschaftlichen Umstürzen führten. Aber auch technologische wie die Erfindungen des Buchdrucks, der Dampfmaschine oder der Elektrizität. Westliche Gesellschaften erlangen so einen Vorsprung, auch auf Kosten anderer Weltregionen. Dem Thema Kolonialismus wollen wir uns aber erst näher in der zweiten Folge widmen. Zuerst einmal sollten wir klären: Welche sind die Pfeiler des Westens? Einer, der sich wie kaum ein anderer mit dieser Frage beschäftigt hat, ist Prof. Heinrich August Winkler. Der Historiker hat vier Bände über die Geschichte des Westens geschrieben. Er schlägt dabei einen weiten Bogen, über die alten Ägypter und das byzantinische Reich, die Magna Carta und die Bill of Rights bis ins Heute. Winkler spricht vom „normativen Projekt des Westens“:
9 Heinrich August Winkler, Historiker
Zu diesem Projekt gehören die Ideen der allgemeinen unveräußerlichen Menschenrechte, des Rechtsstaates oder der Rule of Law, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie. Man kann diese Ideen, auch die politische Konsequenz der Aufklärung nennen.
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Fassen wir mal all diese Punkte in einem Satz zusammen: Der Westen gründet auf dieser einen Idee:
10 Heinrich August Winkler, Historiker
Die Maxime, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, ist die säkularisierte Fassung des Satzes, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.
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Sprich: Die Trennung zwischen Staat und Religion, die Säkularisierung. Die hat auch im Westen unterschiedliche Formen. In Deutschland wird Kirchensteuer fällig und Religion an Schulen unterrichtet, in den USA werden Millionen Kinder zuhause unterrichtet, was vor allem Evangelikale und Erzkonservative in Anspruch nehmen. Frankreich hingegen bezeichnet sich als laizistischen Staat, Religion darf in öffentlichen Gebäuden im Prinzip nicht stattfinden. Die Trennung zwischen Staat und Religion, sagt Heinrich August Winkler, gehe auf ein Wort Jesu zurück. In der Bibel heißt es nämlich:
11 Heinrich August Winkler, Historiker
"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Damit wird der weltlichen Gewalt eine Eigenverantwortung zugestanden und einem Gottesstaat oder einer Priesterherrschaft eine Absage erteilt.
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Wobei man natürlich immer wieder Einschränkungen machen muss. In einigen osteuropäischen Ländern spielt die Kirche in der Politik weiterhin eine wichtige Rolle. Sie werden nun vielleicht denken, dass die Kommunistische Partei in China auch keine Priesterherrschaft anstrebt. Doch was bei westlichen Demokratien besonders wichtig ist, sagt Heinrich August Winkler, ist die Gewaltenteilung, die Checks and Balances. Dass Gesetzgebung, ausführende Gewalt und Gerichte unabhängig voneinander sind:
12 Heinrich August Winkler, Historiker
Für den Westen, das sogenannte Abendland, war diese Entwicklung grundlegend. Im Europa der Ostkirche, dem byzantinisch-orthodoxen Osten Europas, kam es nicht zu einer solchen Ausdifferenzierung der Gewalten und damit auch nicht zu einer freiheitlichen Evolution wie sie sich im Westen vollzogen hat.
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Grundlegend für das normative Projekt des Westens ist also die Teilung der Gewalten. Aus dem Vertrauen in den Rechtsstaat leiten Menschen im Westen ein Verständnis von Gerechtigkeit ab, das sich im Vergleich zu anderen Teilen der Welt grundlegend unterscheidet, wie der Harvard-Anthropologe Joseph Henrich beobachtet. Ein Gedankenexperiment veranschaulicht das deutlich: das sogenannte Passagierdilemma.
13 Joseph Henrich, Anthropologe und Psychologe, Harvard
Sie sind mit einem Freund oder einem Familienmitglied im Auto unterwegs. Sie stoßen mit jemandem zusammen, weil ihr Freund rücksichtslos gefahren ist und dabei stirbt die andere Person. Es gibt einen Rechtsstreit. Der Anwalt Ihres Freundes sagt Ihnen, dass niemand sonst den Unfall gesehen habe und wenn Sie aussagen, dass Ihr Freund nicht zu schnell gefahren ist, wird er freigesprochen. Wenn Sie aber die Wahrheit sagen, kommt Ihr Freund ins Gefängnis. Was also tun? An vielen Orten auf der Welt scheint es absurd, die Frage überhaupt zu stellen: Natürlich werde ich meinen Freund bzw. mein Familienmitglied unterstützen. Aber an manchen Orten sind die Menschen der Meinung, dass sie den Rechtsstaat respektieren müssen. Sie sind also eher geneigt, die Wahrheit zu sagen.
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Während also die einen – komme, was wolle – zu ihren Nächsten halten, finden in westlichen Gesellschaften die meisten Menschen, der Übeltäter habe eine Strafe verdient. Um also nochmal zusammenfassen: Westliche Gesellschaften sind im Vergleich zum Rest der Welt individueller, sie zeichnen sich dadurch aus, dass Staat und Religion zumindest zu einem gewissen Grad voneinander getrennt sind – und sie haben mehrheitlich ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit. Dieser Prozess hat nicht gleichzeitig in allen westlichen Gesellschaften stattgefunden. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis sich die Ideen der amerikanischen und der französischen Revolution im Alten Westen selbst durchgesetzt haben. Heinrich August Winkler:
14 Heinrich August Winkler, Historiker
In Deutschland etwa wurde im 19. Jahrhundert zwar der Rechtsstaat verwirklicht, gegen die Ideen der allgemeinen Menschenrechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie aber gab es bis weit ins 20 Jahrhundert hinein vor allem bei den Herrschaftseliten und im gebildeten Bürgertum massive Vorbehalte. Der Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen die Ideen des Westens war die Herrschaft des Nationalsozialismus. Erst nach der totalen Niederlage von 1945 öffnete sich der westliche Teil Deutschlands auf breiter Front der politischen Kultur des Westens.
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Und in Ostdeutschland sind die Ideen des Westens erst nach dem Fall der Mauer eingeführt worden. Auch wenn die DDR rhetorisch versuchte, diese Werte zu repräsentieren: Es gab keine freien Wahlen und erst recht keinen von der Partei unabhängigen, funktionierenden Rechtsstaat. Keine individuelle Freiheit, sondern der Versuch der absoluten Kontrolle. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama wurde damals mit seiner These berühmt, die liberale Demokratie habe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gesiegt. Die Geschichte sei nun zu Ende.
15 Heinrich August Winkler, Historiker
Der Sieg der Freiheit, der 1989 gefeiert wurde, war aber kein weltweiter Sieg. Russland wurde nur zeitweise und oberflächlich von den revolutionären Ideen des Westens erfasst. In China wurden die Freiheitsbestrebungen der akademischen Jugend im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking blutig unterdrückt. Die Geschichte ist 1989 / 90 eben nicht zu Ende gegangen, sie ist in ein neues Stadium eingetreten.
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Die westlichen Ideen – Demokratie, Rechtsstaat, unabhängige Medien, der Schutz von Minderheiten – , sie müssen sich heute aber in jeder westlichen Gesellschaft Angriffen erwehren, sagt Anne Applebaum. Die Journalistin ist eine der anerkanntesten Expertinnen für Osteuropa und Russland. Für ihr Werk „Der Gulag“, in dem sie über die sowjetischen Gefangenenlager schreibt, erhielt sie den weltweit wichtigsten Journalistenpreis, den Pulitzer-Preis. Im Oktober 2024 wurde außerdem sie mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Applebaum ist mit dem aktuellen polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski verheiratet und lebt seit vielen Jahren in Polen. Die Amerikanerin schrieb seit Jahren über die rechtsnationale PiS-Regierung in Warschau, die Staatsmedien und Gerichte nach ihrem Geschmack besetzte. 2023 verlor die PiS jedoch die Mehrheit an eine Koalition aus Liberalen, Konservativen und Linken. Das Bündnis versucht nun, die Entscheidungen der PiS rückabzuwickeln.
16 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin
Diese Veränderung wird von der Bevölkerung in hohem Maße unterstützt. Die Regierungskoalition verfügt über eine klare Mehrheit und hat eine große öffentliche Unterstützung. Aber es wird hart. Es ist viel einfacher, den Rechtsstaat zu zerstören, als ihn wiederherzustellen.
17 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin
Fast jede westliche Demokratie ist von diesen ideologischen Angriffen gegen die Demokratie ausgesetzt, wenn sie auch an verschiedenen Orten unterschiedliche Formen annehmen. Die extreme Rechte und die extreme Linke könnten sowohl die französische als auch die deutsche Demokratie bedrohen. Die Vereinigten Staaten, Polen und Ungarn: Niemand ist vor dieser Gefahr gefeit.
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Was sind die Gründe für die Krise des Westens? Es ist unstrittig, dass die westlichen Staaten, allen voran die europäischen, international an Bedeutung verlieren. Ihr Anteil an der Bevölkerung und an der Weltwirtschaft wird kleiner. Diese Tatsachen sind aber nur eine Erklärung für die Krise. Wesentlich sind für Anne Applebaum die Folgen der gegenwärtigen Kommunikationstechnologie. Sie führen dazu, befürchtet die Journalistin, dass in westlichen Gesellschaften immer mehr Menschen Vertrauen in Demokratie und seine Repräsentanten verlieren:
18 Anne Applebaum, Kolumnistin „The Atlantic“ und Historikerin
Es geht um eine demokratische Krise, die mit den Entwicklungen zusammenhängt, die uns die moderne Wirtschaft und das moderne Informationssystem gebracht haben. Also wie Menschen untereinander kommunizieren und an politische Informationen gelangen und sie verarbeiten. Da gibt es ähnliche Muster in wirklich jeder westlichen Demokratie.
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Zu einer gut funktionierenden Demokratie gehört, dass die Bevölkerung frei und geheim ihre Vertreterinnen und Vertreter wählen kann. Das Ergebnis muss von allen Seiten akzeptiert werden. Schon hier merkt man, dass dies keine Selbstverständlichkeit mehr in westlichen Ländern ist.
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In dieser Folge haben wir uns damit beschäftigt, was uns Menschen im Westen ausmacht, was die Grundpfeiler des Westens sind und wie sie entstanden sind, und wir haben angeschnitten, warum sich westliche Demokratien in der Krise befinden. Freiheit, die Gleichheit von Menschen, Demokratie und der Rechtsstaat. Viele würden diese Grundsätze wahrscheinlich unterschreiben und stolz auf sie sein. In der nächsten Folge wollen wir uns aber damit beschäftigen, wie der Rest der Welt auf den Westen blickt. Und was soll man sagen: Dort wird ganz anders empfunden:
19 Sadiq Abba, Professor Internationale Beziehungen Uni Abuja 1
Unsere Wahrnehmung der westlichen Welt ist die eines bösen Imperiums, das nur für sich selbst da ist. Wenn du ihre Spiele, ihre Regeln mitspielst, bleibst du für immer ein Gefangener und ein Untertan, der ausgebeutet und enteignet wird.
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Ich bin Jean-Marie Magro, und das war die erste Folge des Dreiteilers
„Der Westen“: Wer sind wir eigentlich? Alle drei Folgen gibt’s in unserem Feed „Alles Geschichte“ - in der ARD-Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. Da können Sie auch „Alles Geschichte“ abonnieren.
Nach der Ausstrahlung der ersten drei Folgen von "Paula sucht Paula" bekommen wir viele Zuschriften. Eine davon von einer Dame, die Paula Schlier persönlich kannte. BR-Autorin Paula Lochte trifft sie und erfährt eine Geschichte, mit der sie nicht gerechnet hat. Und die heute aktueller ist denn je.
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Autorin: Paula Lochte
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Xenia Tiling, Rainer Schaller
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Monika Decker, Katja Wildermuth a
Linktipps:
Hitlerputsch 1923: Das Tagebuch der Paula Schlier
Dokumentation in der ARD Mediathek
Deutschland 1923: Inflation, Hunger, instabile politische Verhältnisse. In dieser Zeit schleicht sich die 24-jährige Paula Schlier undercover beim "Völkischen Beobachter", dem Kampfblatt der NSDAP, ein und gerät mitten in Hitlers Putschversuch.
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Der Hitlerputsch 1923. Demokratie in Gefahr
Podcastfolge / Bayerisches Feuilleton / ARD Audiothek
Am Abend des 8. November 1923 stürmte Adolf Hitler mit seinen Gefolgsleuten eine politische Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller, schoss mit einer Pistole in die Luft und verkündete die nationale Revolution. Der Putschversuch scheiterte blutig vor der Feldherrenhalle. Die Folgen aber waren gravierend. Thomas Grasberger rekonstruiert die historischen Ereignisse jener Tage.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Der vielfach preisgekrönte Alles Geschichte-Podcast "Paula sucht Paula" geht in die Verlängerung mit einer neuen Folge! Undercover-Reporterin - so würde man sie heute nennen: Paula Schlier. Kurz vor dem Hitlerputsch 1923 hat sie sich beim Nazi-Hetzblatt "Völkischer Beobachter" eingeschleust. Nur knapp entging sie KZ-Haft und Ermordung in der Psychiatrie. Nun kommt ein neues Kapitel hinzu: Denn nach der Ausstrahlung haben wir viele Zuschriften erhalten, darunter von einer alten sehr guten Bekannten Paula Schliers....
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Regie: Rainer Schaller
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Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
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Wir empfehlen außerdem den fünfteiligen Podcast, der 2020 anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung der bayerischen Konzentrationslager Flossenbürg und Dachau veröffentlicht wurde:
Die Befreiung | Folge 1-5
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Autorin: Paula Lochte
Regie: Rainer Schaller
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Am Abend des 8. November 1923 stürmte Adolf Hitler mit seinen Gefolgsleuten eine politische Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller, schoss mit einer Pistole in die Luft und verkündete die nationale Revolution. Der Putschversuch scheiterte blutig vor der Feldherrenhalle. Die Folgen aber waren gravierend. Thomas Grasberger rekonstruiert die historischen Ereignisse jener Tage.
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Die eine steigt als First Lady der jungen USA zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Folge 3. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024)
Credits
Autorin & Regie : Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Florian Schwarz, Katja Schild, Peter Weiß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel, Peter Veit, Gudrun Skupin, Jennifer Güzel
Technik: Josef Angloher
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Catherine Allgor, Michaela Lindinger
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD (2024): Kalte Füße
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind ständig Orte in den Nachrichten, die die italienische Autorin Francesca Melandri aus Erzählungen und Büchern ihres Vaters kennt, aus seinen Geschichten über den Zweiten Weltkrieg bei den Alpini, den italienischen Soldaten, die an der Seite Hitler-Deutschlands in die Sowjetunion, eigentlich aber in die Ukraine einmarschierten. Was wurde nicht erzählt? Bestsellerautorin Melandri verknüpft in ihrem neuen Buch Familiengeschichte mit Weltgeschichte angesichts des erneuten Endes des Friedens in Europa. Vollständige Lesung mit Nina Kunzendorf. ZUM HÖRBUCH
Linktipps:
Deutschlandfunk (2019): First Ladies in Deutschland – Die Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen
Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss – doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert. JETZT ANHÖREN
radioWissen (2021): Frei, gleich und brüderlich – Die Französische Revolution
In schwarzem Trauergewand sitzt Marie Antoinette in ihrer primitiven Zelle in der Conciergerie - bewacht von Soldaten der Revolutionsregierung. Mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schafften die Revolutionäre nicht bloß die Abkehr vom feudalen Ständestaat - sie formulierten ein Ideal, das heute in den Verfassungen der Demokratien zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Noch heute gedenken die Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, des Sturms auf die Bastille. Doch das anfängliche Hochgefühl wich bald dem Terror. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2024): George Washington – Das Erbe des ersten „Mr. President“
Am 30. April 1789 wurde George Washington als erster US-Präsident vereidigt. Er begründete nicht nur den Supreme Court, die US-Marine und die nach ihm benannte Hauptstadt. Washington prägte auch das neue Amt und wie sich ein Mr. President inszeniert. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO
1 ERZÄHLERIN
Die Independence Hall in Philadelphia, Pennsylvania – ein breites Backsteingebäude mit weißem Glockenturm. Es ist der 4. Juli 1776. Die 13 britischen Kolonien in Nordamerika proklamieren die Loslösung von Großbritannien und das Recht einen eigenen, souveränen Staatenbund zu bilden. Als Gründerväter gehen in die Geschichte ein Washington, Franklin, Jefferson, Adams, Madison –
2 ERZÄHLERIN
Insgesamt nur Männer.
1 ERZÄHLERIN
Martha Washington zum Beispiel hätte es auch verdient gehabt.
2 ERZÄHLERIN
Sie kümmert sich nun bald um ihr erstes Enkelkind: ein Mädchen. Elizabeth. Kurz: Betsy.
1 ERZÄHLERIN
Dass die Oma demnächst die erste First Lady der Vereinigten Staaten sein wird, ahnt zu dem Zeitpunkt noch niemand.
2 ERZÄHLERIN
Die Vereinigten Staaten erringen nach dem Frieden von Paris endgültig ihre Eigenständigkeit. Die Arbeit scheint jetzt beendet. Die Geschichtsbücher schließen sich für die Washingtons.
1 ERZÄHLERIN
Vorrübergehend.
MUSIK
05 ZITATOR PRESSE 1
Am 23. Dezember 1783 tritt George Washington vor den versammelten Kongress in Annapolis. Die Anspannung der Abgeordneten ist groß. Kaum jemals hat ein siegreicher Feldherr alle Macht einfach wieder zurückgeben an eine zivile Gesellschaft. Kein Cäsar und kein Cromwell. Aber ein George Washington. Ein gutes Omen für den jungen amerikanischen Staat.
1 ERZÄHLERIN
Und eine Erleichterung für seine Frau Martha. Nach langen Jahren des Krieges wird Weihnachten 1783 wieder zusammen daheim gefeiert. Zuhause auf Mount Vernon.
1 ERZÄHLERIN
Was in den USA weiter passiert, ist offen. Die neue Nation geht auf volles Risiko, wagt etwas Unbekanntes. Wie der Staat künftig aussehen wird? Wer ihm wie vorsteht? Eine Schablone dafür existiert nicht.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Bloß der überkommene Entwurf aus dem alten Europa, den viele in Amerika nicht wollen. Genauso wie sich Europa dagegen auflehnt. Die Menschen begehren auf gegen Monarchie, Despotie und Willkür. Das absolutistische System muss weg. Frankreich ächzt unter Hungersnöten. Die Staatskasse ist leer. Der König baut groß um in Versailles. Denkmäler im eigenen Land will er sich setzen. International mitmischen auch, also beteiligt er sich am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Damit möchte Louis XVI. dem großen Rivalen Großbritannien eins auswischen.
MUSIK
ZITATOR INFO
Beide Länder versuchen Fuß zu fassen in Nordamerika und kommen sich in die Quere. Auseinandersetzungen gibt es mit indigenen Bevölkerungsgruppen und untereinander: Wer kolonisiert wo was und wen? Die Briten erkämpfen sich die Vorherrschaft. Frankreich will Revanche und unterstützt die amerikanischen Rebellen finanziell wie militärisch. Handels- und Bündnisverträge sichern schließlich zu, dass Frankreich bis zur Unabhängigkeit an der Seite der jetzt noch abhängigen Kolonien stehen wird. In der entscheidenden Schlacht bei Yorktown verhelfen französische Truppen der amerikanischen Revolution zum Sieg. 1783 fädelt Frankreich ein, dass die Briten im „Frieden von Paris“ die Souveränität der USA anerkennen.
2 ERZÄHLERIN
Problem bloß: Frankreich ist nach dem amerikanischen Einsatz erst recht pleite. Die Bevölkerung begeistert sich noch mehr als eh schon für die antimonarchistische Sache.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Und Die Zeitungen erfinden immer wildere Geschichten über die Königin: Verschwendungssucht! Sex mit Frauen. Mit Männern. Mit allen zugleich. Der Versailler Intrigenstadel bestätigt die Gerüchte.
1 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette ist jung und unbedarft. Das wird ihr immer wieder zum Verhängnis.
6 ZU Lindinger 24:54
Ich glaube, wie sie gemerkt hat, dass gar nix mehr geht. Ich glaube, das war erst die Halsband Affäre.
2 ERZÄHLERIN
Wertet Biografin Michaela Lindinger.
7 ZU Lindinger 25:44
Das war dann schon in Richtung auf die Revolution hin, wie man ihr unterstellt hat, sie habe mehr oder weniger das teuerste Halsband der Welt auf Kredit gekauft, was überhaupt nicht gestimmt hatten.
1 ERZÄHLERIN
Das Komplett ist vertrackt. Adel und Klerus übervorteilen sich gegenseitig, wer am Ende was war, weiß man nicht.
2 ERZÄHLERIN
Nur eins: Schuld an allem ist Marie Antoinette. Die von nichts eine Ahnung hat.
1 ERZÄHLERIN
Das will aber niemand glauben. Man traut der prunksüchtigen Königin eine solche Charade zu.
8 ZU Lindinger 25.44
Ja, da war dann gar nichts mehr für sie zu machen. (26:36) Man wollte diese Königin fertigmachen.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Und diese Königin hat nichts entgegenzusetzen. Sie kriegt in Frankreich keinen Fuß auf den Boden. Man mag sie nicht. Kollektiv.
1 ERZÄHLERIN
Dabei hatte ihr die Mutter Kaiserin Maria Theresia eingeschärft: Sieh zu, dass die Leute Dich lieben! Die Menschen müssen ihre Monarchen lieben.
2 ERZÄHLERIN
Aber wie bringt man die Menschen dazu?
1 ERZÄHLERIN
Vielleicht in dem man es gar nicht erst versucht. Weil man es nicht versuchen muss. Martha Washington betreibt null Eigen-PR.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Die amerikanischen Unabhängigkeitskriege sind vorbei. George und sie leiten wieder die florierende Plantage Mount Vernon an den Ufern des Potomac, kümmern sich um die Enkelkinder, empfangen Gäste aus der Alten und Neuen Welt. Viele wollen den berühmten Feldherren sehen. Der etwas ungelenk und ein bisschen kühl wirkt. Anders als seine Frau:
06 ZITATOR PRESSE 1
„Mrs. Washington ist die Güte in Person. Ihre Seele scheint damit überzufließen wie ein sprudelnder Springbrunnen.“
1 ERZÄHLERIN
Notiert ein junger Besucher.
07 ZITATOR PRESSE 1
„Und ihre Fröhlichkeit bemisst sich ganz nach der Zahl der Menschen, denen sie ihr Wohlwollen schenken kann“. (Brady 2005: 185)
MUSIK & ATMO
1 ERZÄHLERIN
Martha wird dieses ungezwungene Leben vermissen. Ihr Mann wird gewählt. Ab 1789 ist George Washington Mister President. An seiner Seite geht es erst nach New York, Ende 1790 steht der Umzug an in die damalige Hauptstadt Philadelphia.
05 ZITATOR INFO
Für angemeldete Besucher gibt es zweimal wöchentlich Empfänge zur Mittagszeit. Niemand Wichtiges darf bevorzugt oder übergangen werden. Regelmäßig stehen Theaterbesuche an. Datum und Uhrzeit erfährt man aus der Zeitung. Wenn Präsident und Gattin die Loge betreten, erhebt sich das Publikum, das Orchester intoniert „The President´s March“.
2 ERZÄHLERIN
Pendant heute ist „Hail to the Chief”... Bälle muss das Paar geben oder Einladungen dazu folgen. Wobei: „Muss“ ist relativ, sagt die Bostoner Historikerin Catherine Algor:
9 ZU (1.07 Algor) I would say…
OV w
Martha Washington hat schon deshalb eine Sonderrolle, weil sie die erste der First Ladies ist. Sie muss innovativ sein, ein Protokoll erfinden. An Europas Höfen gibt es solche Protokolle längst. In Marthas DNA liegt ein steifes Zeremoniell aber nun mal einfach nicht.
10 ZU (2.14 Algor) Martha had to invent …
OV w
Sie soll aus dem Stand Veranstaltungs- und Dialogformen ausdenken für eine neue Nation, die ausgesprochen antiaristokratisch und antimonarchisch ist. Jetzt.
ATMO Pferdekutsche
2 ERZÄHLERIN
Ihr Mann grübelt ebenfalls: Wie viele Pferde soll Mister President anspannen lassen, wenn er durch die Straßen fährt? Zehn? Zwei? Er entscheidet sich für sechs.
11 ZU Algor 20:58 He wants enough
OVw
Er will genug Pferde, um anerkannt zu werden als Autorität, aber nicht so viele, dass man ihn für einen König halten könnte. Und das sind die Herausforderungen: Spricht man den Präsidenten an als Hoheit? Sollen Kongressabgeordnete Titel bekommen wie „Lord“? Das ist ja eigentlich verrückt, denn gegen all das Aristokratische hatte man ja jahrelang in der Revolution gekämpft.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Aber: Alles ist jetzt Statement.
2 ERZÄHLERIN
Und Kalkül.
1 ERZÄHLERIN
Martha fühlt sich mit den Jahren füllig. Sie tanzt nicht mehr so gern wie früher.
2 ERZÄHLERIN
George schon. Am liebsten Menuette bis nach Mitternacht.
1 ERZÄHLERIN
Ums Gernemachen geht es aber nicht mehr.
12 ZU (Algor 8.28) This is a very patriarchal society…
OVw
Das ist damals eine patriarchale Gesellschaft. Ob das jetzt bei Hofe ist oder eine brandneue Republik: Wer Politik machen will, braucht zwei Sphären. Eine offizielle, da entstehen Gesetze und Verträge. Wichtig ist aber genauso eine zweite Ebene, die politische Prozesse überhaupt ermöglicht. Das ist meist eine inoffizielle Ebene, da finden Gespräch statt bei Partys, beim Abendessen, im heimischen Umfeld. Und hier kommen besonders die Frauen ins Spiel.
1 ERZÄHLERIN
Raum geben für sozialen und damit politischen Austausch. Frauensache. Martha beherrscht das aus dem Effeff.
2 ERZÄHLERIN
Der neue Staat hat noch keine Bürokratie. Wer welchen Job im System bekommt, machen wenige unter sich aus.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Bevorzugt beim Abendessen. Die Tage sind aus Marthas Sicht viel zu fremdbestimmt. Sie kümmert sich um ihren Mann, wie sie es in all den Jahren auf Mount Vernon getan hat oder während der Revolution in den Heerlagern der Armee.
1 ERZÄHLERIN
Das wertet sie als ihre Hauptaufgabe als First Lady.
2 ERZÄHLERIN
Andere sehen das anders. Plötzlich sind da Repräsentationspflichten, weil die Menschen das zu erwarten scheinen und weil Macht offenbar Repräsentation braucht. Und eine gewisse Aura.
1 ERZÄHLERIN
Die – oder eine sehr ähnliche - Aura, wie sie in der alten Welt oftmals Könige und Kaiser umgab.
MUSIK
06 ZITATOR INFO
Bis Mitte der 1770er Jahre betrachten sich viele Einwanderer in Amerika als Europäerinnen und Europäer. Etliche kommen gerade erst aus der alten Welt, die meisten aus Großbritannien und Deutschland. Selbstverständlich gilt: Herrschaft ist Aristokratie, und das wiederum meint Autorität. Nach den Unabhängigkeitskriegen ist die Frage: Die Monarchie ist man los, wer oder was soll aber nun Autorität verkörpern? Und kann oder muss man aus Europa bekannte aristokratische Modelle adaptieren – wenn auch dezent - für ein neues, republikanisches Zeremoniell? Weil einen sonst keiner als Staatsoberhaupt ernst nimmt?
1 ERZÄHLERIN
Martha Washington als erste Präsidentengattin nimmt es pragmatisch. Zuerst rekrutiert sie einen eigenen Stab. Mit Polly Lear verfügt sie über eine Sekretärin, die ihr vor allem bei der Korrespondenz behilflich ist. Bob Lewis wird Sekretär und Leibwächter.
2 ERZÄHLERIN
Buchhaltung beherrscht sie als langjährige Managerin von Mount Vernon. Mit spitzem Stift rechnet sie nach, ob die Repräsentationskosten die monetäre Ausstattung des Präsidentenamtes übersteigen.
1 ERZÄHLERIN
Samuel Francis ist Wirt einer Taverne. Ihn macht Martha zu ihrem Caterer um tea times auszurichten, Parties und Abendessen.
02 ZITATOR
„Ich habe Bälle anlässlich des Geburtstags des Präsidenten erlebt“ -
2 ERZÄHLERIN
Berichtet ein französischer Besucher, der Herzog de la Rouchefoucauld-Liancourt.
03 ZITATOR
„Die an Glanz der Räumlichkeiten, an Vielfalt und Pracht der Kleider keinen Vergleich mit Europa zu scheuen brauchen“. (Gerste 2000:24)
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Wann immer es geht, versucht Martha ein bisschen altes Leben zurückzugewinnen. Mit einigen Frauen anderer führender Politiker ist sie seit den Revolutionsjahren befreundet. Abigail Adams, Betsy Hamilton oder Lucy Knox bilden ihren inneren Zirkel. Vertraute, die es braucht.
2 ERZÄHLERIN
Und die es bleiben, selbst als die Ehemänner anfangen, politisch sehr andere Richtungen einzuschlagen.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Über Kinder reden, echte Freunde haben statt nur Intriganten in Versailles und vor den Palasttoren das aufgebrachte Volk und eine geifernde Presse - Das würde Frankreichs Königin Marie Antoinette auch gerne. Die jüngste Tochter hat sie verloren, den ältesten Sohn nach langer Krankheit ebenso.
13 ZU Lindinger 30.52
Das war 1789 eben, da hat sie sagen müssen ja, mein Sohn ist tot, und es interessiert niemanden.
2 ERZÄHLERIN
Die Revolutionäre nehmen es als Zeichen von oben: Der Kronprinz ist tot, der Adel kann weg.
1 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette will auch weg. Ins Exil, in Sicherheit mit den beiden verbliebenen Kindern.
14 ZU Lindinger 35:54
Das Problem war es, dass ihr Mann nicht mitgezogen hat. Er war grundsätzlich ein unfassbar unentschlossener Mensch. Und dann ist Ludwig XVI. in einen Alkoholismus und in eine Depression verfallen. Und das war dann auch die Zeit, wo Marie Antoinette bei den diversen politischen Sitzungen präsidiert hat. Weil ihr Mann unpässlich war, wie man offiziell gesagt hat, also, der ist durch die Gegend getorkelt und ist vor den Ministern gestürzt. Es war relativ kurz vor der Revolution und dann, als die Revolution wirklich ausgebrochen ist im Juli 1789, da wollte sie fliehen. Wie alle anderen Adeligen auch.
15 ZU Lindinger 35:54
Und dann ist aber der König gekommen und hat gesagt „Nein, ich bin der König von Frankreich, ich bleibe in meinem Land“. Und es geht natürlich nicht, dass sie Entscheidungen ganz allein trifft, hat sie die Koffer wieder ausgepackt.
MUSIK & ATMO Revolutionsmenge
ZITATOR INFO
Im Oktober 1789 ziehen die Arbeiterfrauen – darunter auch viele Männer – nach Versailles. Sie singen Revolutionslieder, schlagen alles kurz und klein, holen die Pferde aus den Stallungen, schlachten und braten sie. Die Königsfamilie muss nach Paris umziehen, in den seit Jahrhunderten unbewohnten Tuilerien-Palast. Kein Schritt mehr ohne Erlaubnis. Ausflüge in den Garten oder in die Stadt – nur unter Bewachung. Nach der Versammlung der Generalstände geht die Macht über an die Volksvertretung. Eine Verfassung gilt es noch auszuarbeiten, man gestünde dem König sogar eine Art Machtposition zu. Der will von einer konstitutionellen Monarchie wie andernorts in Europa nichts wissen. Er regiert. Nein, entgegnet die Volksvertretung: Dann ist die Monarchie eben ganz vorbei.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Zum ersten Mal in ihrer Zeit auf dem Thron nimmt Marie Antoinette das strategische Heft in die Hand.
2 ERZÄHLERIN
Ihr schwedischer Geliebter Hans Axel von Fersen ist zu der Zeit wieder in Paris.
1 ERZÄHLERIN
Die beiden werden zum politischen Powerpaar wie George und Martha Washington.
16 ZU Lindinger 41.18
Der war in Europa sehr gut vernetzt, und sie hat dann alle mögliche Geheimpost, verschlüsselte Post, nicht sichtbare Post mit Zitronensaft versucht, hinauszuschmuggeln. Und manche von diesen Briefen sind ja auch durchaus angekommen, mit den exilierten Adeligen hat es Versuche gegeben, die Monarchie in Frankreich wieder zu reinstallieren sozusagen.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette verhandelt, arbeitet Ideen aus zusammen mit Fersen. Fluchtrouten werden erstellt.
1 ERZÄHLERIN
Der König sitzt in seinem Zimmer, trinkt Wein und tut nichts.
2 ERZÄHLERIN
Als Frau allein gelingen Allianzen unter solchen Umständen nicht.
17 ZU Lindinger 41.18
Ich glaube, dass Marie Antoinette keine reale Chance gehabt hat, sich selber wieder zu installieren als Königin. Und das hat sie dann auch eingesehen.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Ein letzter Fluchtversuch aus dem Gefängnis scheitert. Das Urteil Tod durch die Guillotine ist längst gefällt. Auch auf Basis einer erzwungenen Falschaussage ihres kleinen Sohnes. Der König ist zu diesem Zeitpunkt schon hingerichtet. Einzig die älteste Tochter wird es außer Landes schaffen und die Revolution überleben.
1 ERZÄHLERIN
In ihrer engen dunklen Zelle im schlichten dunklen Gewand wäre Marie Antoinette jetzt die züchtige Königin, die Frankreich immer aus ihr machen wollte.
2 ERZÄHLERIN
Sie betet für ihre Kinder und wünscht sich eines: Ein letztes Mal den geliebten Fersen sehen.
1 ERZÄHLERIN
Selbst der hat aufgegeben. Und was sie nie erfahren wird, schon eine neue Herzensdame gefunden weit weg von Paris. Dort wird Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 auf der Guillotine hingerichtet.
2 ERZÄHLERIN
Während in der Alten Welt das Ende der des Absolutismus eingeläutet ist, bahnt sich in der Neuen längst ein republikanischer Anfang.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Martha Washington hätte gerne mehr Zeit für die Enkel, würde gerne endlich wieder heim auf die Plantage Mount Vernon. Sie sieht aber auch, wie sehr politische Freunde auf eine zweite Amtszeit ihres Mannes drängen, wie sehr die jungen Vereinigten Staaten noch ein bisschen länger diesen Vater der Nation brauchen, um stabil zu werden. Die Kongressarbeit läuft, aber es bilden sich Parteien heraus, die sich nichts schenken. Die Kluft zwischen Nord- und Südstaaten klafft tiefer. George berät sich mit seiner Frau.
1 ERZÄHLERIN
Wenn er bereit ist, ist sie es auch.
2 ERZÄHLERIN
Wie immer.
1 ERZÄHLERIN
Im Frühjahr 1793 ist er zum zweiten Mal der erste Mann im Staat. Die innen- und außenpolitischen Umstände sind verschärft. Die Französische Revolution radikalisiert sich zunehmend.
MUSIK
07 ZITATOR INFO
Weniger als eine Woche nach Georges erneutem Amtsantritt kommt die Nachricht aus Frankreich: Nach König Louis XVI. ist jetzt auch seine Frau Marie Antoinette hingerichtet worden. Viele der aristokratischen französischen Offiziere, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatten, sind eingekerkert und warten auf die Guillotine. In Philadelphia und anderen Städten feiern Anhänger den Sieg der französischen Revolution. Die reiche konservative Oberschicht an der Ostküste dagegen fordert lautstark, nun wieder Großbritannien zu unterstützen. Theoretisch sind die USA noch als Partner an Frankreich gebunden, das ja einst die amerikanische Unabhängigkeit unterstützt hatte.
2 ERZÄHLERIN
Aber das Frankreich Louis XVI. gibt es nicht mehr, argumentiert Washington. Er versucht vehement, sein Land zu den französischen Ereignissen auf Abstand zu halten.
1 ERZÄHLERIN
Martha unterstützt ihn. Sie hat genug gesehen von Krieg. Die Gräuel in Frankreich machen sie fassungslos. Das junge amerikanische Staatswesen hat aus ihrer Sicht Europa einiges voraus.
08 ZITATOR PRESSE 1
„Das außerordentliche Wissen, das sie erworben hat im Austausch mit Menschen aus aller Welt, macht sie zu einer besonders interessanten Gesprächspartnerin.“
1 ERZÄHLERIN
Schreiben Journalisten über sie.
09 ZITATOR PRESSE 1
„Sie hat ein lebhaftes Gedächtnis und kann die komplette Historie eines halben Jahrhunderts aufleben lassen.“ (Brady 2005:215)
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Im März 1797 zieht Martha Washington mit ihrem Mann zurück nach Mount Vernon, endgültig. Ihr bekanntester Satz in den Geschichtsbüchern wird sein:
08 ZITATORIN MARTHA
Bleiben sie standhaft meine Herren. George wird es auch sein.
1 ERZÄHLERIN
Von Marie Antoinette bleibt als prominentestes Zitat:
03 ZITATORIN MARIE
Wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen.
2 ERZÄHLERIN
Das hat sie so nie gesagt.
1 ERZÄHLERIN
Es traute ihr nur jeder zu. Und das ist typisch für Marie Antoinette, die Dauerverleumdete. Der die Presse alles unterstellte – die aber vielleicht auch einfach nur sie selbst sein wollte, doch zerrieben wurde in einem überkommenen System, das sie zeitlebens vor das Rätsel stellte: Was will die Welt denn nun von einer Königin Frankreichs?
2 ERZÄHLERIN
Martha Washington hatte eine ganz ähnliche Frage: Was wollen die USA von der Gattin des ersten Präsidenten? Auch sie gab einfach mal sich selbst – im Unterschied zu Marie Antoinette durfte sie das. Weil es für sie noch keine Folie gab, kein Zeremoniell und keine dynastischen Verpflichtungen, weil das Amt des Mannes es in sich hat, dass man es irgendwann abgibt, und der nächste ist gewählt.
1 ERZÄHLERIN
Martha und Marie – Marie und Martha: Mit der einen geht eine Ära zu Ende.
2 ERZÄHLERIN
Mit der anderen beginnt ein neues Zeitalter.
Die eine steigt als First Lady der jungen USA zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Folge 2. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024)
Credits
Autorin & Regie : Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Florian Schwarz, Katja Schild, Peter Weiß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel, Peter Veit, Gudrun Skupin, Jennifer Güzel
Technik: Josef Angloher
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Catherine Allgor, Michaela Lindinger
Besonderer Linktipp der Redaktion:
NDR (2024): Föhr nach New York – eine Auswanderergeschichte
Erst die Weltwirtschaftskrise, dann der Zweiter Weltkrieg – mittendrin zwei junge Friesen in New York. Inge und Hermann sind unabhängig voneinander hierher ausgewandert und verlieben sich 1938. Doch dann muss Hermann für die Amerikaner an die Front. Wird er als Deutscher auf Deutsche schießen? Wie geht es weiter? Ihr Enkel Bente Faust hat ihre Spuren bis nach Harlem, New York, verfolgt und erzählt in sechs Folgen ihre Liebesgeschichte. ZUM PODCAST
Linktipps:
Deutschlandfunk (2019): First Ladies in Deutschland – Die Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen
Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss – doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert. JETZT ANHÖREN
radioWissen (2021): Frei, gleich und brüderlich – Die Französische Revolution
In schwarzem Trauergewand sitzt Marie Antoinette in ihrer primitiven Zelle in der Conciergerie - bewacht von Soldaten der Revolutionsregierung. Mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schafften die Revolutionäre nicht bloß die Abkehr vom feudalen Ständestaat - sie formulierten ein Ideal, das heute in den Verfassungen der Demokratien zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Noch heute gedenken die Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, des Sturms auf die Bastille. Doch das anfängliche Hochgefühl wich bald dem Terror. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2024): George Washington – Das Erbe des ersten „Mr. President“
Am 30. April 1789 wurde George Washington als erster US-Präsident vereidigt. Er begründete nicht nur den Supreme Court, die US-Marine und die nach ihm benannte Hauptstadt. Washington prägte auch das neue Amt und wie sich ein Mr. President inszeniert. JETZT ANHÖREN
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO
1 ERZÄHLERIN
Es ist Frühling 1789: Martha Washington ist gerade angekommen in New York, dem provisorischen Amtssitz des ersten, eben erst gewählten Präsidenten der neuen Vereinigten Staaten von Amerika. Die Menge jubelt ihrem Mann George und ihr zu. Sie ist die erste First Lady.
2 ERZÄHLERIN
Bloß, dass der Begriff „First Lady“ damals noch gar nicht richtig etabliert ist und auch keiner weiß, welche Aufgaben die Ehefrau eines gewählten Präsidenten so übernehmen könnte. Soziales Engagement zeigen? Politische Ämter übernehmen? Oder nichts tun, außer an Gattenseite huldvoll lächeln?
ZITATORIN MARTHA
„Ich schätze nur das, was von Herzen kommt.“
1 ERZÄHLERIN
Betont Martha Washington in ersten Interviews häufig.
2 ERZÄHLERIN
Und jedes Mal will die Presse direkt wissen: Wofür genau schlägt dieses Herz? Die Gazetten drängen auf Privates.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Nicht verwunderlich, würde eine Königin wie Frankreichs Marie Antoinette urteilten. Für sie, wie überhaupt, den europäischen Hochadel der damaligen Zeit ist klar: Privatheit gibt es bei Königs nicht. Von Gottes Gnaden meint für alle, ganz und gar. Am besten, man legt sich ein dickes Fell zu.
1 ERZÄHLERIN
Aber gilt das auch in einem demokratischen System, wie es zu der Zeit in den USA entsteht? Martha Washington ringt lange und oft mit der Frage: Was sollen und dürfen die Menschen sehen und erfahren von einer First Lady der Vereinigten Staaten?
2 ERZÄHLERIN
Als Frau eines gewählten Staatsoberhauptes für eine bestimmte Zeitspanne sich völlig ausliefern?
1 ERZÄHLERIN
Martha wird zu dem Schluss kommen: Sie ist der Geschichtsschreibung nichts schuldig.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Nach dem Tod ihres Mannes 1799 verbrennt sie die Briefe der beiden. 41 gemeinsame Jahre, hunderte Dokumente. Weil sie die Nachwelt nichts angehen.
2 ERZÄHLERIN
Übrigens: Ihre Korrespondenz schreibt sie selten selbst.
1 ERZÄHLERIN
Vielleicht ausgenommen der Liebesbriefe an ihren George, den sie wirklich gerne hat, was für damalige Ehen keine Selbstverständlichkeit ist. Ansonsten diktiert sie einem Sekretär.
2 ERZÄHLERIN
In Grammatik ist sie nicht firm. Geboren am 13. Juni 1731 ist Martha das ältestes von acht Kindern eines solide gestellten Tabakpflanzers. Auf dem weitläufigen Landgut am York River erzieht sie der Vater, wie für Oberschichtmädchen in der Region gängig:
05 ZITATOR PRESSE 2
Lesen und Schreiben in Grundzügen genügt.
ATMO Stadt viktorianisches England
1 ERZÄHLERIN
Der Vater setzt aufs Praktische, Kaufmännische. Weil das einer vermutlich angehenden Plantagenbesitzergattin nicht schaden kann, nimmt er die junge Martha oft die paar Kilometer mit nach Williamsburg, in die Hauptstadt des Commonwealth of Virginia, der ältesten englischen Kolonie in Nordamerika.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Im Provinzparlament beobachtet die Tochter, wie Politik gemacht wird. Die wohlhabenden Pflanzer dominieren – wiederum untereinander abgestuft nach Hektar, Ertrag, Gewinn. Geld, Beziehungen, Hierarchien bestimmen Entscheidungen, weniger die besseren Argumente.
2 ERZÄHLERIN
Spannenderweise sind es genau diese Mechanismen von „Ober sticht Unter“, die man in der neuen Welt zwar selbst bedient, die man sich aber nicht gefallen lassen will von einem Kolonialherren. Geldadel – ja. Erbaristokratie – ganz und gar nicht.
ATMO Offiziersclub
1 ERZÄHLERIN
So verkürzt erfährt das auch Martha, wenn der Vater sie nach den Parlamentssitzungen mitnimmt in Tavernen wie „Raleigh´s“ oder den „Apollo Room“. Am Biertisch schmieden Revolutionäre erste Pläne, um sich loszulösen vom Mutterland England.
MUSIK & ATMO
2 ERZÄHLERIN
Noch liegt die amerikanische Revolution in der Ferne. Mit 17 Jahren heiratet Martha ihren ersten Mann. Dem nahezu doppelt so alten Daniel Park Curtis gehören umfangreiche Ländereien und wie bei Virginias Grundherren damals üblich eine stattliche Anzahl von Sklavinnen und Sklaven.
1 ERZÄHLERIN
Die dunkelhaarige Martha mit den warmen braunen Augen ist hübsch, einfühlsam, grundsätzlich gut gelaunt, vertritt aber – wenn geboten –einen eigenen Standpunkt. So zierlich sie ist, so zupackend kann sie sein. Geldzählen interessiert sie peripher. Gesellschaftliche Verpflichtungen kümmern sie nur, wenn man dabei ausgelassen tanzen kann.
2 ERZÄHLERIN
Sie ist in erster Linie ein Familienmensch.
1 ERZÄHLERIN
Es trifft sie schwer, als zwei ihrer vier Kinder früh sterben.
2 ERZÄHLERIN
Dieses Schicksal teilt sie mit vielen Eltern in den Kolonien. Krankheiten grassieren, die medizinische Versorgung ist sogar in den Großstädten prekär. Die Kindersterblichkeit ist hoch.
1 ERZÄHLERIN
Martha trauert lange, will für sich sein.
2 ERZÄHLERIN
Ist aber auf einen Schlag wieder ganz gefordert.
1 ERZÄHLERIN
Der überraschende Tod ihres Manns Daniel reißt sie aus der Lethargie. Sohn Jack und Tochter Patcy sind noch klein.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Martha ist 25 Jahre alt und die mit Abstand reichste Witwe in weitem Umkreis. Mit Verve übernimmt sie die Plantagengeschäfte. Die Herren geben sich die Klinke in die Hand. Anteilnahme und Brautwerbung gehen nahtlos ineinander über.
1 ERZÄHLERIN
Bis dann der eine kommt, 1758. Sie kennt ihn von früheren gesellschaftlichen Anlässen, hat auf Bällen mit ihm getanzt.
2 ERZÄHLERIN
Virginias Oberschicht ist überschaubar.
1 ERZÄHLERIN
George Washington, groß, athletisch, elegant –
2 ERZÄHLERIN
Die Nase etwas zu lang, die Haut leicht pockennarbig –
1 EZRÄHLERIN
Das rotbraune Haar kess gewellt, die grauen Augen - er schaut nur eben zum Dinner vorbei und reitet, wie es die Legende will…
ZITATOR WASHINGTON
„Erst am nächsten Morgen weiter als die Sonne schon hoch am Himmel stand“.
1 ERZÄHLERIN
Liebe auf den ersten Blick?
2 ERZÄHLERIN
Eher praktische Überlegungen?
1 ERZÄHLERIN
Sie finden sich und heiraten.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Washingtons Vita ist bereits zum Zeitpunkt des Dinners, das bis zum Frühstück dauert, beeindruckend.
02 ZITATOR INFO
Ländereien in Virginia, am Potomac und am Rappahannock. Geschäftssinn in Sachen Immobilienkauf und -verkauf. Plus der Ruf eines jungen Kriegshelden. Seit fast drei Jahren tobt der Kolonialkrieg Briten gegen Franzosen. Die Lage generell: chaotisch. Für Washington aber bislang durchaus ruhmreich. Beispiel:
ZITATORIN
Die erfolgsverwöhnten britischen Soldaten versuchen den französischen Stützpunkt Fort Duquesne in der westlichen Wildnis, hinter dem heutigen Pittsburgh zu erobern. Die Franzosen aber stellen mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung eine Falle. Die Briten verlieren die Nerven, werfen die Waffen weg oder schießen aus Versehen auf die eigenen Leute. Der Einzige, der mit seiner Einheit einen einigermaßen geordneten Rückzug hinbekommt, ist George Washington, der Colonel der Miliz von Virginia. Die Briten nennen seine Truppe aus Freiwilligen lange „Freizeitmannschaft“. Nach dem Debakel bei Duquesne nicht mehr.
1 ERZÄHLERIN
Am 6. Januar 1759 ist Hochzeit. Ein Leben in der Politik an der Seite eines bekannten Feldherren bahnt sich für Martha Washington an. In der neuen Welt gerät vieles in Aufruhr. Die Unzufriedenheit mit dem despotischen Kolonialherren in Großbritannien, George III., wächst.
2 ERZÄHLERIN
Warum an irgendeine Hoheit horrende Steuern zahlen auf alles Mögliche – für nichts?
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Im alten Europa fragen sich das die Menschen auch. Sei es in England oder Frankreich. Doch durch die dicken Schlossmauern Versailles beispielsweise, wo eine unglückliche Königin Marie Antoinette ihren Platz sucht, dringen solche Stimmen selten.
2 ERZÄHLERIN
Man lebt weiterhin nach der bewährten Gebrauchsanleitung für Monarchen. Was soll schon schief gehen?
ATMO Marktplatz Frankreich
1 ERZÄHLERIN
Es sind die 1780er, die Jahre vor der Französischen Revolution. In Paris schwirrt die Luft. An Straßenecken und in Cafés tauscht man Neuigkeiten aus, tratscht. Das Lieblingsthema egal welcher Gesellschaftsschicht: Die Eskapaden der Königin. Billige Heftchen, genannt „Libelles“, bringen einen Skandal nach dem anderen. Sex, Alkohol, Intrigen –
2 ERZÄHLERIN
Wer nicht lesen kann, lässt es sich vorlesen. Wer sich die Libelles nicht leisten kann, klaubt sie aus dem Müll.
ZITATORES
l'Autrichien/ Die Ausländerin/ l'étranger/ Die Fremde
1 ERZÄHLERIN
Ist offensichtlich zu allem fähig!
2 ERZÄHLERIN
Tatsächlich will Marie Antoinette nur endlich zu einem fähig sein: Mama werden. Die Ehe mit Ludwig XVI. ist zu lange kinderlos. Ihre Mutter in Wien, Kaiserin Maria Theresia bangt um die Allianz mit Frankreich.
1 ERZÄHLERIN
Ein Thronfolger muss her, bitte danke!
1 ZU Lindinger 15:50
Deswegen hat sie dann zum Josef II. gesagt, der war Mitregent, dann schon später Kaiser, war sehr berühmt in Österreich für eben seine aufklärerischen Prinzipien, und der ist hinuntergefahren nach Paris, hat sich getroffen mit dem Ludwig XVI. und hat ihm erklärt, wie der eheliche Verkehr funktioniert.
1 ERZÄHLERIN
Erzählt Michaela Lindinger. Die Kuratorin des Wien Museums hat 2023 eine Biografie veröffentlicht über Marie Antoinette.
2 ZU Lindinger 15:50
Da gibt's einen Brief, den er geschrieben hat an seinen anderen Bruder zwar Leopold II., der war später auch Kaiser. Damals war er noch Fürst in der Toskana, und der Brief lässt wirklich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und am Schluss steht halt dann ja, seine Schwester sei ja auch eine unfassbar leidenschaftslose Person, und gemeinsam sind sie die größten Stümper, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Es ist ein sehr, sehr böser Brief. Aber trotzdem es hat etwas gebracht. Es sind ja dann doch in relativ kurzer Zeit mehrere Kinder hintereinander zur Welt gekommen.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Endlich erfüllt die französische Königin die Erwartungen eines Volkes, das gar nicht ihres ist oder sein will. „Die Österreicherin“ nennt Frankreich Marie Antoinette hartnäckig. Am Versailler Hof fasst sie nicht Fuß, in den Straßen und Gassen Paris und an etlichen anderen Orten im Land köchelt bereits der Aufstand gegen das überkommene System der Monarchie.
1 ERZÄHLERIN
Während in Frankreich eine Epoche zu Ende geht, beginnt einen Kontinent weiter eine neue: Die jungen Vereinigten Staaten von Amerika wählen ihren ersten Präsidenten an die Spitze des neuen Staates. An seiner Seite Martha Washington als – ja was? Das Konzept der First Lady wird sie definieren, während im alten Europa mit Marie Antoinette des Konstrukt Königin zu Grabe getragen wird zumindest in Frankreich. Zwei Frauen – zwei Schicksale, sehr verschieden, aber in vielem auch ganz ähnlich.
2 ERZÄHLERIN
Treffen werden sie sich nie.
1 ERZÄHLERIN
Verstanden hätten sie sich vielleicht.
MUSIK & ATMO Kinder
2 ERZÄHLERIN
Beide sind Familienmenschen. Martha Washington, weil sie es liebt und sein darf. Marie Antoinette gegen alle Konventionen. Sie stillt ihre Kinder –
1 ERZÄHLERIN
Ein No Go für französische Königinnen.
2 ERZÄHLERIN
Sie liest den vier Kleinen vor, musiziert mit ihnen, tollt zusammen durch den Park. Kümmert sich um den Ältesten, der an einer Erbkrankheit leidet und nicht laufen kann – was das Volk nicht wissen darf.
1 ERZÄHLERIN
Besser gestellte Damen in Paris sind längst beides: Begeisterte Mutter und Grand Dame.
2 ERZÄHLERIN
In Versailles meckert man. Marie Antoinette ist von vornherein abonniert auf Kritik. Eine festgelegte Aufgabe für Königinnen gibt es nicht. Was soll sie machen? Hofzeremoniell? Weil das einengend ist und der Ehemann desinteressiert, schafft sie sich eine eigene Welt.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Sie lässt einen pompösen Gartenpalast bauen und trifft in diesem Trianon ausgesuchte Freundinnen und Freundin.
1 ERZÄHLERIN
Wählerisch ist die Königin nicht. Lust an Spiel und Tanz und neuster Mode genügt.
2 ERZÄHLERIN
Eine Gast ist besonders: Der schwedische Diplomat Hans Axel von Fersen.
3 ZU Lindinger 17:35
Es war ihre große Liebe, mit dem sie innerlich sehr eng verbunden war und ihr Mann, der natürlich selber gewusst hat, er kann sie nicht glücklich machen. Also er hat diese Beziehung zum Fersen ja auch definitiv erlaubt.
2 ERZÄHLERIN
Fersen wird ihre Konstante sein. Als er Anfang der 1780er Jahre nach Amerika geht, um dort zu kämpfen für die Unabhängigkeit der Kolonien, fiebert Marie Antoinette mit. Freiheit – das ist ihr großer Wunsch, ihr Antrieb. Leben wie man will und sagen was man möchte und entscheiden, handeln und dafür nicht ständig angegriffen und verleumdet werden.
1 ERZÄHLERIN
Man kann alles auswarten, hat ihr die Mutter, Kaiserin Maria Theresia beigebracht.
2 ERZÄHLERIN
Die Wiener Boulevardzeitungen sind jedoch milde im Vergleich. Die französischen Spottschriften überbieten sich an reißerischen Fake News.
4 ZU Lindinger 24:54
Es ist ein Pamphlet erschienen. Und das hieß „Vor Sonnenaufgang“. Da hat man so beschrieben wie sie mit ihren jugendlichen Freunden in irgendwelche Gebüsche in Versailles Schlosspark kriecht und sich dort mit Männern und Frauen vergnügt. Das war ein sehr, sehr langes Pamphlet, das so zahlreiche unterschiedliche sexuelle Beziehungen verdeutlicht hat. Und es ist immer wieder zitiert worden am Hof.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette bekommt Angst. Der König wimmelt sie ab.
1 ERZÄHLER
Er ist froh, als der enge Freund seiner Frau, Fersen, endlich aus den USA zurückkehrt und sich mit ihr beschäftigt.
2 ERZÄHLERIN
Sie auch.
MUSIK
5 ZU Lindinger 48.50
Es war ihre Art der persönlichen Rettung. Ja, wenn ich mit einem Mann verheiratet bin, der so ist wie Ludwig XVI. - und wenn ich gleichzeitig diese ganze Hofgesellschaft rund um mich habe, die mich jeden Tag nur fertig macht. Und dann weiß ich auch noch, dass diese Hofgesellschaft in Paris die Journalisten zahlt, die Lügen über mich verbreiten. Ich glaube diese Beziehung mit dem Fersen, das war das große Glück in Marie Antoinettes Leben. Auf Dauer nicht, der war ja viel weg.
2 ERZÄHLERIN
Fersen wird tatsächlich auch diesmal bald abkommandiert, er muss den schwedischen König auf einer Europa-Reise begleiten. Marie Antoinette lenkt sich ab: Sie designt Kleider, sitzt für Portraits, tobt im Garten mit den Kindern, abends ist Party.
1 ERZÄHLERIN
Über die am nächsten Morgen die wildesten Gerüchte in den Spottzeitungen stehen. Das Leben der Königin von Frankreich: Ein infernalisches Chaos!
MUSIK & ATMO
1 ERZÄHLERIN
Ganz anders das Eheleben der später ersten First Lady der USA, Martha Washington in den 1770er Jahren. Sie muss nicht lange überlegen, was ein Zeitvertreib sein könnte. Einen Ersatzalltag, eine Flucht braucht sie nicht. Sie hat reichlich Aufgaben auf der Plantage Mount Vernon. Um vier Uhr morgens steht sie auf, kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, sie ist auch die, die die Arbeitseinteilung der Sklaven organisiert, die vorwiegend auf den Feldern schuften müssen. Ihrem Mann hält sie den Rücken frei. Der engagiert sich politisch als Abgeordneter des House of Burgesses in Virginia. Höhen und Tiefen gehen beide an. An einem strahlenden Sommertag 1773 beim Familiendinner hat Marthas Tochter aus erster Ehe, Patcy, einen epileptischen Anfall. Wie oft. Nur diesmal weit heftiger als sonst. Der Teenager stirbt in den Armen des Stiefvaters.
2 ERZÄHLERIN
Es ist eine persönliche Tragödie. Auch Königin Marie Antoinette wird Kinder zu Grabe tragen, aber immer unter den Augen der französischen Öffentlichkeit. Der Fortbestand der Monarchie hängt an gesundem Nachwuchs.
1 ERZÄHLERIN
Martha und George Washington bewältigen den Schmerz über den Verlust gemeinsam, reden viel. Darüber und alles andere.
MUSIK
03 ZITATOR INFO
Die politische Situation spitzt sich zu. Im Dezember 1773 entern erboste Bürger im Hafen von Bosten Handelsschiffe und werfen deren Ladung ins Wasser: Es ist Tee aus Indien, den die britische Krone mit eklatanten Steuern belastet hat. In Virginia bilden sich Fronten. Auf der einen Seite steht der Gouverneur, der die Kolonie verwalten soll, zusammen mit englandtreuen Loyalisten. Auf der anderen Seite eine Opposition, die auf die Einhaltung ihrer Rechte pocht, sich den Menschen in Boston an die Seite stellt und Zulauf bekommt, aus den verschiedensten Schichten. Ihr Slogan: Keine Besteuerung ohne Repräsentation. Ihr Ziel: Entweder Mitspracherecht im britischen Parlament oder kein britischer König mehr als Kolonialherr. Der Erste Kontinental-Kongress in Philadelphia will ein gemeinsames Vorgehen der 13 Kolonien beraten gegen ein zunehmend repressives Mutterland Großbritannien. George Washington ist eingeladen als Repräsentant von Virginia.
2 ERZÄHLERIN
Am Vorabend des Kongresses treffen sich einige Delegierte auf Mount Vernon und diskutieren:
1 ERZÄHLERIN
Überhaupt am nächsten Tag hinzufahren – das ist keine einfache Entscheidung.
2 ERZÄHLERIN
Schon die Teilnahme am Kongress werden die Engländer ansehen als Verschwörung zum Hochverrat.
1 ERZÄHLERIN
Washington entscheidet sich für Philadelphia.
2 ERZÄHLERIN
Seine Kollegen auch.
1 ERZÄHLERIN
Und Martha. Als sich die Gesellschaft am Morgen auf den Weg macht dorthin, sagt sie ihren wohl berühmtesten Satz:
04 ZITATORIN MARTHA
„Bleiben Sie standhaft, Gentlemen – ich weiß, dass George es sein wird.“
MUSIK
ZITATOR INFO
Im Frühjahr 1775 eskaliert die Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und den Kolonien. Washington wird Oberbefehlshaber einer Armee, die er erst aufbauen muss. Und die der größten Militärmaschinerie der Welt trotzen soll. Er zieht direkt ins Feldlager der Freiwilligenarmee von Boston.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Martha folgt ihm – und später von Heerlager zu Heerlager. Sie pflegt verwundete Soldaten, spendet Trost, stopft Socken. Sie kümmert sich um die Menschen und um militärische Belange. Bei den strategischen Planungssitzungen in Washingtons Hauptquartier sitzt ist sie gerne dabei. Sie sitzt bei ihrem Mann an der Tafel, wenn bedeutende Besucher ins Heerlager der Kontinentalarmee kommen, etwa amerikanische Befehlshaber oder in der späteren Phase des Krieges französische.
2 ERZÄHLERIN
Der aus Deutschland stammende General von Steuben nennt sie:
01 ZITATOR
„Eine römische Matrone!“
1 ERZÄHLERIN
Das Kompliment amüsiert sie. Als Tochter eines Tabakpflanzers, Witwe eines Gutsbesitzers und nun wieder Frau eines solchen ist sie reine Männerrunden gewohnt. Ob Geschäftspartner daheim beim Diner – gewinnbringend – zu unterhalten oder eben jetzt am Tisch im Zelt des Kommandanten strategische Wogen zu glätten – Martha Washington schüttelt sowas aus dem Ärmel.
2 ERZÄHLERIN
Wobei die Revolution langsam mal rum sein könnte.
MUSIK
05 ZITATORIN MARTHA
„Ich hoffe und vertraue darauf, dass alle Staaten den großen Durchbruch schaffen, die britischen Grausamkeiten stoppen und uns Frieden, Freiheit und Freude bringen, nach denen wir uns so lange bereits sehnen“.
1 ERZÄHLERIN
Schreibt Martha Washington in ihren Briefen.
06 ZITATORIN MARTHA
„Ich wünschte, der Krieg ginge zu Ende.“
2 ERZÄHLERIN
Der zieht sich. Mehrfach ist die Moral der Truppe am Boden. Es fehlt an Ausrüstung und Lebensmitteln, die Niederlagen gegen die oft übermächtig erscheinenden Briten sind schmerzlich. George Washingtons Charisma reißt seine Männer ein ums andere Mal mit.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Und vielleicht überzeugt die Soldaten auch der unerschütterliche Glaube seiner Frau an ihn – nach wie vor gilt ihr:
07 ZITATORIN MARTHA
„Bleiben Sie standhaft, Gentlemen – ich weiß, dass George es sein wird.“
2 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette hat keine Ahnung, auf was sie sich bei Louis XVI. verlassen kann und ob überhaupt. Arrangierte Adelsehen sind politisch, nicht pathetisch.
1 ERZÄHLERIN
Altbewährtes Konzept.
2 ERZÄHLERIN
Nein, es macht sie nicht glücklich – aber: … Was soll schiefgehen?
Die eine steigt als First Lady der jungen USA zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Folge 1. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024)
Credits
Autorin & Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Florian Schwarz, Katja Schild, Peter Weiß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel, Peter Veit, Gudrun Skupin, Jennifer Güzel
Technik: Josef Angloher
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Catherine Allgor, Michaela Lindinger
Linktipps:
Deutschlandfunk (2019): First Ladies in Deutschland – Die Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen
Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss – doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert. JETZT ANHÖREN
radioWissen (2021): Frei, gleich und brüderlich – Die Französische Revolution
In schwarzem Trauergewand sitzt Marie Antoinette in ihrer primitiven Zelle in der Conciergerie - bewacht von Soldaten der Revolutionsregierung. Mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schafften die Revolutionäre nicht bloß die Abkehr vom feudalen Ständestaat - sie formulierten ein Ideal, das heute in den Verfassungen der Demokratien zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Noch heute gedenken die Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, des Sturms auf die Bastille. Doch das anfängliche Hochgefühl wich bald dem Terror. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2024): George Washington – Das Erbe des ersten „Mr. President“
Am 30. April 1789 wurde George Washington als erster US-Präsident vereidigt. Er begründete nicht nur den Supreme Court, die US-Marine und die nach ihm benannte Hauptstadt. Washington prägte auch das neue Amt und wie sich ein Mr. President inszeniert. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO
1 ERZÄHLERIN
Martha kommt. In dichten Reihen drängen sich die Menschen an diesem Frühlingstag in den staubigen Straßen von New York. Die Menge jubelt, schwenkt Fahnen, wirft Hüte.
2 ERZÄHLERIN
Ellbogen stechen in Rippen. Hände schieben.
1 ERZÄHLERIN
Dreizehnmal donnern die Kanonen zum Salut. Als die prächtig geschmückte Fähre - Stoffbahnen und Blumenranken an Bug und Heck in rot, weiß und blau - als die prächtig geschmückte Fähre anlegt an der Südspitze Manhattans –
2 ERZÄHLERIN
Sehen die meisten in der Masse gar nichts vor lauter wedelnder Wimpel und grüßender Taschentücher.
1 ERZÄHLERIN
Dabeisein ist alles an diesem 27. Mai 1789.
ZITATOR PRESSE 1
Der erste Präsident bezieht offiziell seinen provisorischen Amtssitz an der Ecke Cherry und Queen Street –
ZITATOR PRESSE 2
Wochenlang haben George Washington und sein Stab hier alles vorbereitet – nun kommt seine Frau Martha nach –
ZITATOR PRESSE 1
Cherry Street Number 3 –
ZITATOR PRESSE 2
Später wird der Präsident mit seiner Familie in Philadelphia wohnen, in der neuen Hauptstadt der – neuen – Vereinigten Staaten.
1 ERZÄHLERIN
Die USA haben einen Präsidenten, gewählt vom Volk, seine Macht ist eine qua Amt. Damit beginnt eine neue Zeitrechnung: Die westliche Moderne.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Nur drei Wochen später, am 14. Juli 1789 geht eine andere Ära zu Ende. Im alten Europa, in Frankreich stürmen die Revolutionäre die Bastille. Die Monarchie muss weg.
1 ERZÄHLERIN
Im Zentrum dieser beiden Großereignisse so knapp hintereinander, stehen zwei Frauen, deren Leben gar nicht so unähnlich sind. Getroffen haben sie sich nie. Aber sicher ähnliche Erfahrungen gemacht – wenn auch mit sehr unterschiedlichem Ausgang. Die eine: Marie Antoinette, Königin von Frankreich, bekannt für ihre berüchtigte Verschwendungssucht, ihre modischen Exzesse, frivolen Partys. Die andere: Martha Washington. Die erste Mutter einer neuen Nation. Die eine Tochter aus österreichischem Kaiserhaus. Der Vater der anderen ein Tabakpflanzer aus Virginia. Beide stehen irgendwann an der Spitze eines Staates, in der Rolle einer Königin, einer First Lady. Die eine wird helfen ein neues System zu etablieren, der anderen wird ein altes System aus den Fingern gleiten.
2 ERZÄHLERIN
Ausgesucht haben sich die beiden ihre jeweiligen Spitzenposten nicht.
MUSIK & ATMO
2 ERZÄHLERIN
Als am 27. Mai 1789 ganz Manhattan auf den Beinen ist, um die Gattin des Präsidenten zu begrüßen, macht Martha Washington mit, weil man an die Seite des Mannes gehört, wie sie findet:
ZITATORIN MARTHA
„Er ist viel zu alt, um nochmal groß einzusteigen in die Politik. Aber da es nicht zu verhindern ist, gehe ich mit.“
1 ERZÄHLERIN
Per Fähre holt er sie feierlich ab von der anderen Seite des Hudson River. Die begeisterten Bürgerinnen und Bürger der rund 33.000 Einwohner zählenden Stadt New York, überhaupt der neuen Nation, der United States of America, feiern: Martha Washington…
2 ERZÄHLERIN
Die winkt. Wohl eher verhalten.
MUSIK & ATMO
2 ERZÄHLERIN
Die kleine, rundliche Frau mit den weißen Locken unter der Haube ist 58 Jahre alt, mehrfache Großmutter und mit Leib und Seele Managerin des Familienanwesens Mount Vernon. Das liegt 250 Meilen, also mehrere Tagesreisen entfernt, idyllisch an den Ufern des Potomac River, mit Blick auf die grünen Hügel und Wälder des ländlichen Virginia.
1 ERZÄHLERIN
Jetzt ist sie zudem die erste –
2 ERZÄHLERIN
Ja, was eigentlich?
1 ZU (0.52+5.42) It is interesting… without job description
OVw
Diese Rolle der „First Lady“, hatte keine Jobbeschreibung.
2 ERZÄHLERIN
Sagt Catharine Allgor. Sie ist Vorsitzende der Massachusetts Historical Society in Boston.
2 ZU (6.02) This happens a lot…
OVw
Wenn man sich mit Frauengeschichte beschäftigt, hat da vieles keinen offiziellen Rahmen. Bei George Washington als erstem Staatsoberhaupt einer Republik war klar, eine aristokratische Ansprache geht gar nicht. Also wurde er auf eigenen Vorschlag „Mister President“.
2 ERZÄHLERIN
Und sie?
MUSIK
03 ZITATOR PRESSE 1 + 03 ZITATOR PRESSE 2 + div.
„Gott schütze Lady Washington!“
1 ERZÄHLERIN
Rufen die Menschen bei ihrer Ankunft in New York.
2 ERZÄHLERIN
Die Zeitungen titeln genauso. Oder ganz anders. Der Daily Advertiser vom 15. Juni 1789 etwa berichtet:
04 ZITATOR PRESSE 2
„Ihre Hoheit (Martha Washington), die letzte Woche durch einen Schmerz im dritten Gelenk des vierten Fingers der linken Hand sehr indisponiert war, ist – wir sind in der glücklichen Lage, dies kundzutun – auf dem Wege der Genesung, nachdem sie sich eine Erkältung zugezogen hatte, als sie in jenem Pelzmantel ausging, den ihr jüngst der russische Botschafter als Geschenk der Prinzessin vermacht hatte.“
2 ERZÄHLERIN
Lady Washington. Hoheit. Prinzessiale Pelzmantelgeschenke. Und plötzlich ist das dritte Gelenk des vierten Fingers -
1 ERZÄHLERIN
Der linken Hand -
2 ERZÄHLERIN
Ist selbst das von allseitigem Interesse. Offizielle Dinner und Empfänge müssen sein -
ZITATORIN MARTHA
“Mein Leben ist langweilig. Tatsächlich fühle ich mich wie eine Staatsgefangene.”
2 ERZÄHLERIN
Schreibt Martha Washington am 23. Oktober 1789 aus New York an ihre Lieblingsnichte Fanny, wenige Monate nach dem Amtsantritt ihres Mannes.
MUSIK
03 ZITATORIN MARTHA
“Es gibt bestimmte Grenzen für mich, die ich einhalten muss. Und da ich nicht hartnäckig angehen kann dagegen, sitze ich eben viel zuhause. Der Präsident ist diese Woche aufgebrochen zu einer Reise an die Ostküste.“
2 ERZÄHLERIN
Einsamkeit von Amtswegen. Genauer ob Amt des Ehemannes. In Europa kennen diesen Zustand Kaiserinnen und Königinnen seit Jahrhunderten. An den Höfen ist alles Ritus. Wer da was warum mehr oder weniger traditionell zu tun und zu lassen hat, wird nicht hinterfragt. Man unterwirft sich der Routine, folgt der Folie, weil es erwartet wird.
1 ERZÄHLERIN
Rang und Rolle definieren, wo man geht und steht. Neben wem, hinter wem und bei wem gar nicht. Ausbrechen aus dem Regelwerk wäre Verrat am System. Die europäischen Adelshäuser funktionieren als streng geführte Familienunternehmen.
2 ERZÄHLERIN
Nicht die oder der einzelne ist bedeutsam als Person, die Firma muss weiterlaufen, expandieren, Gewinne bringen. Kinder, besonders Söhne, sichern die Zukunft. Gebiete erweitert man durch Kriege - oder Heirat. Dabei gilt: Allianzen mit Nachbarn entstehen und vergehen.
2 ERZÄHLERIN
Die Sippe soll bleiben –
1 ERZÄHLERIN
Und zwar an der Macht.
2 ERZÄHLERIN
Ein Paradebeispiel dafür:
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Fünfzehn Jahre, bevor Martha Washington „Lady Hoheit Mrs. President“ wird, am 10. Mai 1774, besteigt in Frankreich Louis XVI. den Thron. Seine Frau Marie Antoinette macht das zur Königin.
01 ZITATORIN MARIE
"Die Leute glauben es sei so einfach die Königin zu spielen, aber sie irren. Nichts als Vorschriften und Zeremoniell, natürlich zu sein ist anscheinend ein Verbrechen."
1 ERZÄHLERIN
Dabei wäre Marie Antoinette –
2 ERZÄHLERIN
Ganz anders als Martha Washington, Tochter eines Tabakpflanzers in der Kolonie Virginia –
1 ERZÄHLERIN
Maria Antoinette, eigentlich Maria Antonia Josepha Johanna, wäre
vorbereitet gewesen auf ein Leben an der Spitze eines Staates in Pracht und Prunk.
2 ERZÄHLERIN
Theoretisch. Schon als kleinem Mädchen ist ihr vieles, um es Österreichisch zu sagen, wurscht.
1 ERZÄHLERIN
Ihrer Mutter nicht. Die nur Regentin, aber gerne genannt Kaiserin Maria Theresia ist ehrgeizig. Auch für das Nesthäkchen, Kind Nummer 16, Maria Antonia Josepha Johanna, gibt es keine Ausnahme.
3 ZU Lindinger 1:30
Es ist kein Honigschlecken gewesen.
1 ERZÄHLERIN
Sagt Michaela Lindinger. Die Kuratorin des Wien Museums hat 2023 eine Biografie veröffentlicht: „Marie Antoinette. Zwischen Aufklärung und Fake News“.
4 ZU Lindinger 1:30
In Österreich ist noch immer dieses Bild von Maria Theresia, dass sie so eine Mutterfigur war und alles so wunderbar und auch die vielen Kinder, die hat sie nicht bekommen, weil sie eine große Familie wollte, sondern die wollte Macht und Kontrolle, die sie mit Hilfe dieser Kinder in Europa ausüben kann.
2 ERZÄHLERIN
Eroberungskriege sind teuer, also expandiert Maria Theresia lieber mittels Heirat. Statt Herz – Kalkül.
1 ERZÄHLERIN
Hauptsache Throne besetzen. Wenn nicht durch die eine, dann durch die andere Tochter.
5 ZU Lindinger 1:30
Maria Josepha hätte Königin werden sollen von Neapel-Sizilien. Nachdem die tot war, hat sie eine Woche später schon den Leuten unten die nächste Kandidatin präsentiert: Maria Carolina. Die ist dann Königin von Neapel-Sizilien geworden und es war dadurch für die nächste Maria Antonina: So und Du wirst jetzt Königin von Frankreich.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Mit Toben im Spielzimmer ist Schluss. Schnell engagierte französische Lehrer sollen das Kind im Crashkurs vorbereiten.
2 ERZÄHLERIN
Das Kind hat keine Lust auf Lesen. Lernen nach Lehrbuch fällt dem Mädchen schwer. Klassische Bildung langweilt. Maria Antonia liebt Musik, Tanz und Theater.
1 ERZÄHLERIN
Die Kaiserin resigniert und setzt auf Aussteuer und Aussehen der Tochter. Aus Paris kommt ein neuer Schönheitstrend: Lächeln. Also muss ein französischer Zahnarzt an die Hofburg, um Maria Antonia eine Spange zu verpassen.
1 ERZÄHLERIN
Mit korrekt reguliertem Lächeln kommt die künftige Braut in Versailles an.
2 ERZÄHLERIN
Und merkt: Pariser Bürgerinnen mögen übers ganze Gesicht strahlen, das gilt als modern. In der Hauptstadt treffen sich die besser gestellten Damen in fröhlichen Salons, flanieren durch Parks, spielen nachmittags mit den Kindern, tanzen abends auf Bällen.
ATMO Tischglocke
1 ERZÄHLERIN
In französischen Königspalästen, erklären die ältlichen Madams, die Marie Antoinette zur Seite gestellt werden, blickt man angemessen drein.
6 ZU Lindinger 4:30
Dieser hohe Adel in Versailles hat den Mund verkniffen zugehabt und es war ja das ganze Gesicht auch mit einer sehr giftigen Paste zu gepudert. Also man hat den Mund kaum aufgebracht. Und somit war das Mädchen, das mit 14 Jahren nach Frankreich gekommen ist, für das Umfeld, in dem sie leben sollte, überhaupt nicht vorbereitet. In Paris glaube ich, hätte es ihr sehr gut gefallen, in Versailles war sie eine Katastrophe.
2 ERZÄHLERIN
Insgesamt ist hier gar nichts wie daheim in Wien.
7 ZU Lindinger 7:24
Maria Theresia hat diese 16 Kinder gehabt und dauernd Kriege führen müssen und hat schauen müssen, dass Geld in die Staatskasse kommt und dadurch war dieser Hof ein bissl schlampig. Durchreisende haben das immer wieder betont, es funktioniert schon alles irgendwie. Im Vergleich zu Versailles, wo alles durchorganisiert war, wo jeder genau gewusst hat, wo er an welchem Tag zu welcher Stunde sein wird, wo man nur Floskeln sagen durfte, überhaupt nicht frei herausreden, was man denkt, das war die Marie Antoinette überhaupt nicht gewohnt.
MUSIK
ZITATOR INFO
Von einem aufgeklärten Absolutismus wie in der Wiener Hofburg ist Versailles damals weit entfernt. Das französische Staatssystem orientiert sich streng an der Vergangenheit. Ludwig XV. macht weiter, wie Ludwig XIV. es vor ihm gemacht hat – und Ludwig XVI. es nach ihm beibehalten wird. Man ist auf Bestand ausgerichtet, auf Wahrung dessen, was man kennt. Der politische Weitblick der französischen Monarchen endet denn meist an den mit reichen Tapeten geschmückten Wänden Versailles. Statt weltmännisch mitzumischen auf europäischem Parkett, zerreiben sich der König und alle unter ihm in der kleinteiligen Tagestaktung des Hofzeremoniells.
2 ERZÄHLERIN
Das ist so filigran austariert, dass man es einer Neuen im System wie Marie Antoinette lang und ausführlich erläutern müsste.
1 ERZÄHLERIN
Das lassen die ältlichen Tanten, deren Aufgabe es hätte sein sollen. Vielleicht denken sie, das Kind müsste das doch eh wissen.
2 ERZÄHLERIN
Oder sie wollen gar nicht, dass die Ausländerin etwas weiß. Ihnen womöglich den Rang abläuft, Einfluss gewinnt. Marie Antoinette bleibt folglich nur das, was sie von daheim kennt.
8 ZU Lindinger 10:27
Zum Beispiel hat sie gesagt okay, wenn ich das Zimmer verlasse, dann kann die Kerze ruhig dort in dem Kerzenständer drinnen bleiben. Und wenn ich wieder zurückkehre, hat sie zum Personal gesagt, dann zündet sie einfach wieder an. So ist es in Wien gehandhabt worden.
MUSIK
Aber der Hausbrauch in Versailles war eben so: Die Kerzen, die bereits angezündet waren, wurden dem Dienstpersonal übergeben. Die haben die weiterverkauft. Und dadurch, dass diese neue Dauphin gesagt hat, wir lassen die Kerzen einfach drinstehen, haben die einen Verdienstentgang gehabt. Und was man dann weitererzählt hat, war: Die neue Dauphine nimmt den Dienstboten das Geld weg. So ist von Anfang an ist diese junge Frau in einem sehr schlechten Ruf geraten.
ZITATORES
l'Autrichien/ Die Österreicherin/ Die Ausländerin/ l'étranger
1 ERZÄHLERIN
Ganz Versailles schüttelt darüber den Kopf. Und über ihren Kleidungstil. Ihr noch wenig geschliffenes Französisch. Ihre unverblümte Art. Über alles an ihr. Ständig.
2 ERZÄHLERIN
Und man sticht alles und ständig durch an die Boulevard-Presse. Die entsteht in Paris gerade, immer mehr Menschen können lesen. Klatschheftchen wie die sogenannten „Libelles“ überschlagen sich bald in Geschichten und Skandalen über eben:
ZITATORES
l'Autrichien/ Die Österreicherin/ Die Ausländerin/ l'étranger
2 ERZÄHLERIN
Von ihrem Mann Ludwig XVI. kommt keine Hilfe.
9 ZU Lindinger 13.06
Was natürlich auch alle gewusst haben, dass er überhaupt kein Interesse an ihr hat. Und somit waren da im Endeffekt sieben Jahre, wo kein ehelicher Verkehr stattgefunden hat und dadurch natürlich Marie Antoinette keine Kinder bekommen hat und wo immer dieses Damoklesschwert über ihr gehangen ist. Sie hat keinen Thronfolger auf die Welt gebracht.
MUSIK
ZITATORIN MARIA THERESIA
Bitte sei doch nett zu deinem Mann. Alles hängt von dir ab. Also schau, dass du möglichst viel Zeit mit deinem Mann verbringst.
10 ZU Lindinger 13.06
Diese Marie-Antoinette hat sich unfassbar unter Druck gesetzt gefühlt durch diese ständigen Schreiben ihre Mutter.
2 ERZÄHLERIN
Zugleich setzen ihr die kursierenden Spottschriften zu. Auch weil immer irgendein Bediensteter oder Adeliger ganz zufällig so ein Papier in Versailles herumliegen lässt. Sie ist die Königin von Frankreich.
1 ERZÄHLERIN
Die nicht zu Frankreich passt. Was soll sie anfangen mit dieser Rolle?
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
15 Jahre später und einen Kontinent weiter steht unter sehr anderen Umständen, aber doch ähnlich eine andere Frau vor genau der Frage. Der große Unterschied: Die Menschen lieben sie und ihr George auch. Dazu kommt: Sie steckt in keinem tradierten System fest, in keiner Dynastie, die auf Gedeih und Verderb weiter existieren muss. Die Kinderfrage ist keine Staatsraison, sondern eine private. Verwandtschaftsbeziehungen über Grenzen hinweg spielen keine Rolle. Die Gnade Gottes erweist sich vielleicht in kleinen Dingen und spendet Trost in großen Tragödien. Prädestiniert aber nicht für eine Thronfolge. Hier wählt das Volk. Oder wählt ab.
1 ERZÄHLERIN
Als Martha Washington im Mai 1789 ankommt in New York, bejubelt von den Massen, weiß sie nicht, was von ihr erwartet wird. Aber wahrscheinlich weiß das niemand so recht.
MUSIK
01 ZITATOR INFO
Präsident George Washington leitet ein völlig neues Staatskonstrukt. Es wundert wenig, dass sich die ebenfalls neu eingeführten Wahlmänner als Repräsentanten des amerikanischen Volkes entschieden haben für ihn. Washington, den integren, hochangesehenen Helden der Unabhängigkeitskriege. Ehemaliger Chef der Kontinentalarmee, ein herausragender Stratege und General, der den Sieg über die Briten herbeigeführt hat und damit das Ende der Kolonialherrschaft von George III. besiegelt. Politische Gegner halten ihn mit 67 Jahren für zu alt, zu schwach, zerrieben und verbraucht in den langen, durchaus nicht durchgängig erfolgreichen Revolutionsjahren. Befürworter koppeln an diesen unermüdlichen Einsatz und seine Lebenserfahrung die Erwartung: Washington wird die Vereinigten Staaten zusammenführen zu etwas Ganzem, Einheitlichem. Der Präsident soll gemeinsam mit dem frisch gewählten Kongress aus vormals 13 Kolonien eine unabhängige Nation formen, als demokratisch legitimierter Vater der Nation, nicht als Herrscher von Geburtswegen und Gottes Gnaden.
2 ERZÄHLERIN
Wird man als Ehefrau damit automatisch zur „Mutter der Nation“? Martha Washington ist ein Familienmensch, kümmert sich rührend um ihre Enkel, die bei ihr leben. Familie ist für sie etwas Privates.
1 ERZÄHLERIN
Auf einmal wird all das Gegenstand begeisterter Neugier. Allein schon, was sie anzieht, erregt plötzlich höchstes öffentliches Interesse. Martha trägt gerne Weiß. Die Zeitungen schwärmen: Weiß, die Farbe der Bescheidenheit! Der Güte! Freundlichkeit, menschlichen Wärme.
MUSIK
04 ZITATOR PRESSE 1
„Sie war gekleidet in Gewänder unseres Landes, in denen ihre natürliche Güte und ihr Patriotismus auf das Vorteilhafteste herausgestellt wurden.“
1 ERZÄHLERIN
Martha mag am liebsten französische Schnitte. In jungen Jahren verspielt und enganliegend, später gesetzter, reifer.
03 ZITATORIN MARTHA
„Schönheit liegt nicht in unserem Aussehen, sondern in dem Gefühl, das wir anderen Menschen geben“.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Königin Marie Antoinette in Frankreich teilt diese Ansicht. Auch wenn sich die beiden nicht kennen, nie begegnen werden. Diesen Drang nach Leben außerhalb jeglicher von anderen zugeschriebenen Rollen formulieren beide in ihren erhaltenen Briefen. Marie Antoinette ist weit jünger als Martha Washington, als sie erste Frau im Lande wird. Sie will weniger einfach mal nur Ruhe mit der Familie und Bekannten wie Martha. Marie möchte unter Menschen sein, mittendrin, frei – lachen und romantisch lieben. Wie die Heldinnen in den damals angesagten Romanen, die sie verschlingt.
1 ERZÄHLERIN
Ihr Mann erweist sich weiter als Totalausfall. Auf dem Thron und im Bett.
9 ZU Lindinger 13.06
Das hat dann sehr viel damit zu tun gehabt, dass
sie eine sehr tanzfreudige, eine sehr amüsierwütige junge Frau geworden ist, die sich hauptsächlich in Paris eben mit ihren Freundinnen und Freunden aufgehalten hat und versucht hat, diesem unfassbar anstrengenden Leben mit diesem schrecklichen Mann an der Seite so viel wie möglich fernzubleiben. Das war eine innere Rebellion.
1 ERZÄHLERIN
Zeremoniell hin oder her: Versailles ist ein perfekt und perfide eingespielter Intrigenstadel.
2 ERZÄHLERIN
Dem Teenager aus Österreich ist das egal! Ihre Vorgängerinnen sieht man vielleicht einmal im Jahr bei öffentlichen Auftritten, sittsam gekleidet. Die einzige Aufgabe: Kinder bekommen und Erzieher für sie aussuchen. Die Männer sollen Geschichte schreiben, fahren per Prunkgespann durch die Avenuen.
MUSIK
2 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette ist eine Frohnatur. Frisch in Frankreich ist sie der Obhut der ältlichen Tanten bald überdrüssig. Sie versammelt eine Clique Gleichaltriger um sich. Jeden Tag: Picknick, Schnitzeljagd, Ausfahrt. Jeden Abend: Gelage und Party.
1 ERZÄHLERIN
Politisch verhandelt wird bei diesen Veranstaltungen nichts. Auch wenn die Mutter, Kaiserin Maria Theresia, aus Wien mahnende Briefe schreibt, das Kind möge helfen mehr österreichische Botschafter am Versailler Hof zu installieren, die eine oder andere strategische Strippe ziehen, sich nicht dauernd von der angeheirateten Familie abwimmeln lassen und abstempeln als „Die Österreicherin“. Und: Sie kleide sich bitte angemessen!
2 ERZÄHLERIN
Marie Antoinette liebt Designerstücke, die oft märchenhaft-bürgerlich anmuten. Schneidern lässt sie dort, wo es ihr gefällt: Hoflieferant oder Hinterhof-Atelier. Wichtig ist nur: Üppige Prachtroben, eng geschnürt, in denen man sich kaum bewegen kann und permanent Atemnot droht –
Nein, Danke! Das grand corps, ein spezielles Korsett, edelsteinbestickt von französischen Prinzessinnen bleibt im Schrank.
1 ERZÄHLERIN
Das kommt beim Hochadel nicht gut an.
2 ERZÄHLERIN
Luftig soll es sein – in angedeuteter Bescheidenheit absolut extravagant.
1 ERZÄHLERIN
Und orbitant. Teuer. Das steuergeplagte Volk verurteilt sie dafür.
2 ERZÄHLERIN
Was weiß das Volk schon?
1 ERZÄHLERIN
Das, was die Gazetten schreiben, erklärt Biografin Michaela Lindinger.
10 ZU Lindinger 20:39
Dann hat sie es auch noch gewagt, Herrenkleidung zu tragen. Und hat sie sich auch noch zu Pferd in eben diesen Herrenhosen porträtieren lassen, also praktisch wie ein König. Und man hat nicht nur den Kopf geschüttelt. Man hat versucht, gegen diese Frau vorzugehen. Sie war eine Persona non grata, wirklich von Anfang an.
MUSIK
1 ERZÄHLERIN
Das weiß das Volk.
2 ERZÄHLERIN
Aber eins kann man ihr nicht nehmen: Sie ist die Königin!
1 ERZÄHLERIN
Was soll schon schiefgehen?
Die Wall Street ist eine kleine Straße in Lower Manhattan, New York - und gleichzeitig der Inbegriff von Geld, Macht und Kapitalismus. In der Wall Street Nummer elf sitzt die größte Wertpapierbörse der Welt. Hier spekulieren Händlerinnen und Händler seit über 200 Jahren - mittlerweile täglich mit zig Milliarden Dollar. Wegen der exorbitanten Summen können Krisen der Wall Street, Börsen-Crashs, die ganze Welt erschüttern. Von Maike Brzoska (BR 2023)
Credits
Autorin: Maike Brzoska
Regie: Anja Scheifinger
Es sprachen: Caroline Ebner, Andreas Neumann, Diana Gaul, Benjamin Stedler, Clemens Nicol
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Boris Gehlen, Prof. Julia Rischbieter
Besonderer Linktipps der Redaktion:
ZDF – Terra X (2024): USA – Der Riss
Am 5. November 2024 wird bei den US-Präsidentschaftswahlen nicht nur über den nächsten Präsidenten, sondern auch über die demokratische Entwicklung des Landes entschieden. Vieles deutet darauf hin, dass diese, je nach Gewinner, sehr unterschiedlich verlaufen könnte. Dabei spielt der tiefe Riss, der die US-Gesellschaft durchzieht, eine wichtige Rolle. Jetzt, wo Donald Trump zum zweiten Mal zur Wahl steht, wird er besonders offensichtlich. In den Medien, vor Gericht, beim Beten, in Sachen Einkommen, Bildung und Ernährung. Und natürlich immer und überall beim Thema Race. ZUM PODCAST (externer Link)
Linktipps:
WDR (2020): Der große Crash – Die Wirtschaftskrise von 1929 in Deutschland
Am 24. und 25. Oktober 1929 stürzen an der New Yorker Börse Aktienkurse ins Bodenlose. Innerhalb kurzer Zeit werden gewaltige Vermögenswerte vernichtet: der "Schwarze Freitag" an der Wall Street. Nach den Jahren des Booms kann sich auch Deutschland dem Sog nicht entziehen. Der Film berichtet detailgenau, wie die Krise an den Börsen das alltägliche Leben veränderte. Eindrucksvoll erzählen Zeitzeugen von Not, Hunger und dem Verlust der Würde. Auch die Gier von Spekulanten ist Thema der Sendung.
JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2016): Geld schläft nie – Ein Blick hinter die Kulissen der Wallstreet
Nach der Finanzkrise ist die Wallstreet wieder Ziel der Träume junger Ökonomen. Nicht jeder hält der exzessiven Arbeit stand. Unternehmen haben darauf reagiert. Sie verbieten Mitarbeitern, nachts E-Mails zu bearbeiten und verordnen einen freien Tag in der Woche. JETZT LESEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN
Die Geschichte der Wall Street begann unter einem Baum – und zwar mit einem Versprechen:
ZITATOR
We the Subscribers do hereby solemnly promise, that we will not buy or sell from this day on any kind of Public Stock, at a less rate than one quarter percent Commission and that we will give a preference to each other in our Negotiations.
ZITATOR
Wir, die Unterzeichner, versprechen hiermit feierlich, dass wir von diesem Tag an keine Aktien zu einem geringeren Satz als einem Viertel Prozent Kommission kaufen oder verkaufen und dass wir uns gegenseitig den Vorzug geben werden.
SPRECHER
24 Männer unterzeichneten diese Vereinbarung im Mai 1792. Sie trafen sich unter einer Platane, einem buttonwood, deshalb spricht man vom Buttonwood Agreement. Es gilt als Gründungsdokument der mächtigsten Börse der Welt – die New York Stock Exchange, wie sie später heißen wird.
MUSIK
SPRECHERIN 2
Die ersten Jahre – oder: Das Geld fließt in die Neue Welt
SPRECHERIN
Die Platane, unter der sich die Männer trafen, stand in der Wall Street im südlichen Manhattan. Die Straße heißt so, weil es dort tatsächlich einen Wall, also eine kleine Mauer gab.
SPRECHER
Ende des 18. Jahrhunderts begannen Händler dort Wertpapiere feilzubieten. Ihre Geschäfte machten sie in Kaffeehäusern, vor allem im Tontines Coffee House, Wall Street Nr. 85. Die Geschäfte gingen gut, aber immer wieder kam es zu Betrug und Tricksereien, schreibt Charles R. Geisst in seinem Buch „Geschichte der Wall Street“. Kurse wurden manipuliert, Gelder veruntreut. Das sollte sich ändern. Und so gründeten mit dem Buttonwood Agreement die 24 Unterzeichner eine Art Club. Mit bestimmten Regeln, festen Gebühren und Handelszeiten. Wer sich nicht daran hielt, flog raus.
SPRECHERIN
In der Anfangszeit konnte man in der Wall Street vor allem Staatsanleihen erwerben. Wer der jungen US-amerikanischen Bundesregierung Geld leihen wollte, brachte es zu den Händlern und bekam im Gegenzug das Versprechen, das Geld nach einer bestimmten Zeit zurückzubekommen, inklusive Zinsen versteht sich.
SPRECHER
Gleich die allererste Anleihe brachte dem Staat 80 Millionen Dollar ein – damals eine enorme Summe. Das Geld war aber auch nötig, denn die amerikanische Bundesregierung hatte sämtliche Schulden aus dem Unabhängigkeitskrieg übernommen.
MUSIK
SPRECHERIN
An Kapital mangelte es nicht. Amerika war für viele Menschen in Europa ein verheißungsvolles Land. Die junge Republik bot ausreichend Land und barg Unmengen an Rohstoffen wie Holz und Eisenerz. Das versprach riesige Gewinne. Viele wollten deshalb ihr Geld dort investieren – oder wanderten gleich selbst in die USA aus.
SPRECHER
Im Tontines Coffee House gab es täglich zwei Sitzungen, eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Die zum Verkauf stehenden Wertpapiere wurden ausgerufen und die Händler gaben Gebote ab. Alle Verkäufe zusammen ergaben am Ende des Tages den Börsenkurs. Die Geschäfte liefen gut. In der Wall Street herrschte reges Treiben, sagt der Wirtschaftshistoriker Boris Gehlen. Er ist Professor an der Universität Stuttgart.
01 O-TON (Gehlen)
Man muss sich das tatsächlich sehr hektisch vorstellen, weils da eben in kurzer Zeit um sehr große Geldsummen ging, die dann bewegt werden sollten und eben auch um die Möglichkeit als Erster an einem Geschäft teilzunehmen.
SPRECHERIN
Um Geschäfte geordnet abwickeln zu können, führte man Verhaltensregeln für das Börsenparkett ein.
02 O-TON (Gehlen)
Bekannt ist aus den Regelwerken, dass man explizit verboten hat, über das Parkett zu laufen, um dieser Hektik ein wenig entgegenzuwirken.
MUSIK
SPRECHER
Die Zahl der Wertpapiere stieg. Viele der damals neu gegründeten Eisenbahngesellschaften und Schifffahrtsunternehmen brauchten Kapital, das sie sich über die Börsen besorgten. Entweder über Anleihen oder über Aktien, also Anteile an ihrem Unternehmen.
SPRECHERIN
Die Händler verdienten sehr gut, deshalb zog die Wall Street viele Einwanderer an. Aber nicht jeder konnte Mitglied im exklusiven Club der New York Stock Exchange werden – denn dafür musste man schon einiges an Geld mitbringen.
03 O-TON (Gehlen)
Wenn wir uns die Mitgliedschaftskosten anschauen, dann war das das X-fache eines Jahresgehalts von Arbeitern. Also man musste eben erst einmal eine enorm hohe Summe an Geld überhaupt aufbringen, um dort handeln zu können.
MUSIK
SPRECHERIN 2
Fragwürdige Geschäfte – oder: Kurse, die plötzlich purzeln
SPRECHER
Aber es gab auch kleinere Börsen und andere Wege, in der Wall Street Geld zu verdienen. Manche Händler versuchten, hoch spekulative Wertpapiere unter die Leute zu bringen. Die gab es nämlich schon damals. In den Kaffeehäusern waren sie nicht geduldet, deshalb handelten sie auf der Straße. Man nannte sie Curbstone Brokers, also Bordsteinhändler. Später ging daraus die American Stock Exchange hervor.
SPRECHERIN
Wobei fragwürdige Geschäfte überall vorkamen. Es wurden zum Beispiel Kurse manipuliert.
SPRECHER
Um trotzdem das Vertrauen in den Finanzmarkt aufrecht zu erhalten, drohte die New York Stock Exchange mit drastischen Strafen – eine staatliche Regulierung gab es zu dieser Zeit allerdings nicht.
05 O-TON (Gehlen)
Kläger waren Börsenhändler, die Beklagten waren Börsenhändler und die Richter waren Börsenhändler. Und da ging es dann um die Bewertung, ob Transaktionen mit den Regeln der New York Stock Exchange vereinbar waren oder nicht. Und wenn man zu dem Schluss kam, dass jemand gegen die Regeln verstoßen habe, konnten die Strafen sehr, sehr hart sein, bis hin zum dauerhaften Ausschluss von der Börse. Und damit ging einher faktisch die wirtschaftliche und soziale Existenzvernichtung. Und insofern war das natürlich ein Anreiz, sich doch weitgehend an die Regeln zu halten.
SPRECHERIN
Das dämmte die unlauteren Geschäfte an der Wall Street zwar ein. Dennoch kam es immer wieder zu Kursstürzen, und zwar während des gesamten 19. Jahrhunderts.
06 O-TON (Gehlen)
Und das hat dann mit dazu beigetragen, dass eben auch das Finanzsystem in den USA sehr häufig von Finanzkrisen geschüttelt war und dass auch die Spekulation doch andere Dimensionen als in europäischen Staaten angenommen hat.
SPRECHER
Schon damals zeigte sich ein Muster, das wir heute noch kennen: Boom and Bust, übersetzt bedeutet das so viel wie: Aufschwung und Niedergang.
MUSIK
SPRECHERIN
1837 kam es beispielsweise zu einer Börsenpanik, die einen schwere Wirtschaftskrise nach sich zog. Vorausgegangen war ein Boom, der mit dem Indian Removal Act von 1830 begann. Das Gesetz sah die zwangsweise Umsiedlung und Deportation der indigenen Bevölkerung vor. Das freigewordene Land erzielte Höchstpreise. Eine Spekulationswelle setzte ein. Aktien von Eisenbahngesellschaften und Baumwollfirmen waren stark nachgefragt – in der Annahme, dass sie nun gute Geschäfte machen.
SPRECHER
Aber die Spekulationsblase platzte, nachdem die US-Regierung vorschrieb, dass Land nur noch mit Gold und Silber und nicht mehr mit Banknoten gekauft werden durfte. Das schränkte den Kreis der Käuferinnen und Käufer stark ein. Die Stimmung kippte. Alle wollten so schnell wie möglich ihre Wertpapiere loswerden. In der Wall Street gab es Tumulte. Soldaten marschierten auf, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten.
SPRECHERIN
Ähnliche Börsenpaniken gab es 1857, 1869, 1873 und 1893. Häufig kam es danach zu Firmenpleiten und Wirtschaftskrisen. Denn Unternehmen geht das Geld aus, wenn Menschen ihre Unternehmensanteile, ihre Wertpapiere im großen Stil verkaufen. Es fehlt an Liquidität.
08 O-TON (Gehlen)
Was auch damit zu tun hat, dass wir bis 1913 eben kein Zentralbanksystem in den USA haben, keinen Lender of Last Resort, also jemand, der einspringen kann, wenn tatsächlich die Liquidität an den Märkten knapp wird.
MUSIK
SPRECHERIN 2
Große Geschäfte – oder: Als Banker panisch wurden
SPRECHERIN
Die Industrialisierung veränderten die US-amerikanische Wirtschaft. Riesige Unternehmen entstanden – und machten einige Männer sagenhaft reich. Zum Beispiel Cornelius Vanderbilt, den man König der Eisenbahnen nannte, oder der John D. Rockefeller mit seinem Öl-Imperium.
SPRECHER
Gleichzeitig war der Kapitalbedarf groß. Die Zahl der Aktien nahm Ende des 20. Jahrhunderts stark zu. Aber auch große Bankhäuser wurden zu dieser Zeit gegründet. Viele davon hatten ihren Sitz in oder nahe der Wall Street.
09 O-TON (Gehlen)
Die beiden größten Bankhäuser Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war Kuhn, Loeb & Co. und der Gegenspieler war JP Morgan, also das große Bankhaus der Wall Street.
MUSIK
SPRECHERIN
John Piermont Morgan war der einflussreichte Banker seiner Zeit – er hatte fast überall seine Finger im Spiel über sein Bankhaus JP Morgan & Company, damals in der Wall Street Nr. 23, arrangierte er zahlreiche Fusionen und Übernahmen, zum Beispiel bei der United States Steel Corporation, der damals größten Aktiengesellschaft der Welt. Zeitweise hatten er und seine Partner von JP Morgan & Company mehr als 72 Aufsichtsratsmandate in 47 großen Gesellschaften inne.
SPRECHER
Morgan war es dann auch, der die Geschicke des Landes nach dem nächsten Börsensturz lenken sollte …
SPRECHERIN
Im Herbst 1907 gab es erneut einen Kurssturz an der Wall Street. Auslöser war ein gescheiterter Versuch von Augustus Heinze, Spross deutscher Einwanderer, Aktien seiner Firma zurückzukaufen. Er verspekulierte sich aber und scheiterte grandios.
SPRECHER
Die Banken, bei denen er sich Geld geliehen hatten und denen er es nicht mehr zurückzahlen konnte, gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Es folgten Bankruns, weil die Menschen ihr Geld in Sicherheit bringen wollten. Aktienkurse rauschten in den Keller, niemand vergab mehr Kredite. Bald reihte sich ein Konkurs an den anderen.
SPRECHERIN
Viele der kleineren Banken hatten ihr Geld bei den großen Banken angelegt. Vor allem bei JP Morgan. Eine Zentralbank, wo sie ihr Geld hätten parken können, gab es ja damals nicht. Als die kleineren Banken sich die Gelder vorzeitig auszahlen lassen wollten, weigerte sich JP Morgan zunächst. Eine und Bankenpleite folgte auf die nächste. Und so sagten JP Morgan und andere Banker letztlich doch zu, große Summen, auch aus eigenen Vermögen, als Darlehen bereitzustellen.
SPRECHER
Mehrere solche Rettungsaktionen waren nötig. Die Gespräche fanden zum Teil in Morgans Privatbibliothek statt. Der Patriarch soll viele Banker persönlich überredet haben. Wobei er sie einmal auch einfach in seiner Bibliothek einschloss, bis eine Einigung gefunden war.
SPRECHERIN
Die sogenannte Bankers Panic blieb nicht ohne Folgen. Um dem offensichtlich gewordenen Machtvakuum zu begegnen, gründete man ein Zentralbankensystem in den USA, das Federal Reserve System, kurz Fed. Die New Yorker Dependance der Fed hat ihren Sitz in der Liberty Street, zwei Blocks von der Wall Street entfernt.
MUSIK
SPRECHERIN 2
Die 1920er Jahre – oder: Beifall für die Wall-Street-Banker
MUSIK
SPRECHER
Wenige Jahre später der nächste Aufschwung. Es waren die Roaring Twenties, die wilden 20er Jahre. Der Wohlstand stieg merklich, die USA wurden zur Konsumgesellschaft. Man kaufte Radios, Telefone – und erstmals auch Wertpapiere. Das war jetzt nicht mehr nur wenigen Vermögenden und Bankern vorbehalten, denn nun hatten mehr Menschen etwas Geld übrig.
10 O-TON (Gehlen)
Und die haben im Grunde dann in Aktien investiert. Und dadurch stiegen die Kurse eben weiter an. Das hat dann neue Anleger immer wieder angezogen, so dass da das klassische Phänomen einer Überspekulation zu betrachten war.
SPRECHERIN
Mit steigenden Kursen stieg auch das Ansehen der Wall-Street-Mitarbeiter. Die Bewunderung und Popularität war so groß, dass sie morgens auf dem Weg zur Börse oder zur Bank von Touristen beklatscht wurden.
MUSIK
SPRECHER
Im Oktober 1929 folgte der Absturz. Und damit der berühmt-berüchtigte Schwarze Freitag – bzw. Black Thursday in den USA. Als möglicher Auslöser gilt der Bankrott eines Londoner Spekulanten, aber schon länger erwarteten viele auf eine Kurskorrektur. Was dann kam, übertraf allerdings die schlimmsten Erwartungen.
SPRECHERIN
Die Kurse der New Yorker Börse fielen ins Bodenlose. Zeitungen warnten davor, der Wall Street einen Besuch abzustatten. Die Bürgersteige dort seien nicht sicher, weil sich immer wieder Menschen aus dem Fenster stürzten.
SPRECHER
Auf den Börsen-Crash folgte die Great Depression, die Große Depression. In den USA war zeitweise knapp die Hälfte der Bevölkerung ohne Arbeit. Menschen hungerten. Die Kindersterblichkeit war hoch.
SPRECHERIN
Die Regierung unter Franklin D. Roosevelt reagierte Anfang der 1930er mit mehreren Gesetzen. Zum ersten Mal in der über 100-jährigen Wall-Street-Geschichte wurde der Wertpapierhandel umfassend reguliert.
11 O-TON (Gehlen)
Im Zuge dessen wird die Securities Exchange Commission eingerichtet. Im Grunde als staatliche Börsenaufsichtsbehörde, weil man inzwischen dann doch gemerkt hat, dass es doch eine einheitliche Rahmensetzung benötigte.
SPRECHER
Daneben gab es mit dem Glass-Steagall-Act von 1933 ein Gesetz, das die Bankenlandschaft in den USA fundamental verändern sollte. Dieses Gesetz wird bis heute in anderen Ländern zitiert und diskutiert. Die Wirtschaftshistorikerin Julia Rischbieter. Sie ist Professorin an der Universität Konstanz.
12 O-TON (Rischbieter)
Der Glass-Steagall-Act sah vor, dass es eine strikte Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investitionsbanken geben sollte.
SPRECHERIN
Auf diese Weise trennte man das risikoreiche Geschäft der Investmentbanken von den Guthaben der Sparerinnen und Sparer. Und auch eine Einlagensicherung wurde eingerichtet, die Sparguthaben im Fall einer Bankenpleite schützt.
SPRECHER
Das Gesetz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigt und blieb viele Jahrzehnte in Kraft, bis es 1999 unter Bill Clinton mehr oder weniger abgeschafft werden soll.
SPRECHERIN
Zurück zu den 1950ern: In dieser Zeit wurden Investmentfonds zum Verkaufsschlager. Solche Fonds bündeln verschiedene Wertpapiere, so dass auch Kleinanleger und Kleinanlegerinnen an verschiedenen Aktien teilhaben können.
SPRECHER
Und 1967 gab es noch ein Novum: Die erste Frau erhielt einen festen Sitz an der New York Stock Exchange - nach mehr als 170 Jahren Wertpapierhandel. Die Mitgliedschaft kostete übrigens knapp eine halbe Million US-Dollar – denn noch immer war der Börsenhandel den Reichen vorbehalten.
MUSIK
SPRECHERIN 2
Der Aufstieg der USA – oder: Als Staatsschulden zur Ware wurden
SPRECHERIN
Auch auf der weltpolitischen Bühne änderte sich einiges für die USA. Das Land etablierte sich immer mehr als größte Handelsmacht und wurde von einer Schuldner- zu einer Gläubigernation. Sie verlieh und investierten also mehr Geld im Ausland als umgekehrt. Spätestens ab dieser Zeit war die Wall Street nicht mehr nur das Finanzzentrum Amerikas, sondern der Welt.
SPRECHER
Ein Beispiel für Auslandsinvestitionen war der sogenannte Eurodollarmarkt. Er entstand während der Ölpreiskrise Anfang der 1970er Jahre. Die Preise für Erdöl stiegen zu dieser Zeit enorm an.
13 O-TON (Rischbieter)
Das bedeutet, dass die ölfördernden Länder auf einmal sehr hohe Gewinne machen. Und diese Ölförderländer hatten natürlich ein hohes Interesse, ihre Gewinne gut zu verzinsen und einzulegen bei Banken. Und das haben sie getan, vor allem bei europäischen Banken und New Yorker Banken.
SPRECHERIN
Um die Zinsen auf die eingelegten Gelder zahlen zu können, mussten die Banken es investieren. Es gab zu dieser Zeit allerdings an Überangebot an Kapital – die Banken wussten kaum, wohin damit.
14 O-TON (Rischbieter)
Und somit befanden sich ja diese großen Banken dann in der Situation, dass sie ja Verluste gemacht hätten. Sie hätten eigentlich Zinsen auszahlen müssen und hatten aber gar nicht die Gewinne dafür. Und in dieser spezifischen Situation haben sie angefangen, Ländern weltweit Kredite anzubieten, und diese Länder waren aber nicht unbedingt immer so kreditwürdig wie europäische Länder.
SPRECHER
Die Staatsverschuldung stieg zu dieser Zeit stark an, insbesondere in den lateinamerikanischen Staaten. Das wurde zum Problem, als die amerikanische Fed in den 1980er die Zinsen massiv anhob, wodurch sich die Kredite stark verteuerten. Als eines der ersten gab Mexico 1982 seine Zahlungsfähigkeit bekannt. Die Lage war für viele Staaten dramatisch.
15 O-TON (Rischbieter)
Die Folgen waren desaströs, weil alle Sozialindikatoren sich verschlechtert haben, also Kindersterblichkeit, Lebenserwartung. Und in Lateinamerika heißt das Jahrzehnt deshalb auch lost decade, also das verlorene Jahrzehnt.
SPRECHERIN
Als absehbar war, dass viele Länder ihre Schulden bei Banken, auch bei den Wall Street Banken, nicht bedienen konnten, suchte man auf internationaler Ebene nach Lösungen. Einige Kredite wurden umgeschuldet, Schuldenerlasse debattiert – und auch ein Mann der Wall Street machte einen Lösungsvorschlag. Er hieß Richard A. Debs, der spätere Gründer von Morgan Stanley International.
SPRECHER
Debs Idee war, die Kredite umzuwandeln in handelbare Anleihen. So konnten diejenigen sie kaufen, die große Risiken eingehen wollten. Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank unterstützten das Vorhaben. Und so wurde der Plan 1989 umgesetzt – und viele Banken wurden ihre Kredite auf diese Weise los, während die verschuldeten Staaten zum Teil noch höhere Zinsen berappen mussten …
MUSIK
SPRECHERIN
Etwa zu dieser Zeit passierte der nächste Börsensturz, der heftigste seit über 50 Jahren. Der Handel mit den Wertpapieren wurde ausgesetzt, die Fed stellte Liquidität bereit, viele Unternehmen kauften eigene Aktien auf, um den Kurs zu stabilisieren. Das beruhigte die Lage.
SPRECHER
Nach diesem Börsensturz von 1987 gab es erneut eine Debatte über die Risiken, die von den Finanzmärkten ausgehen. Aber anders als früher sprachen sich nun viele nicht für mehr, sondern für weniger Regulierung aus. Das würde die Finanzmärkte sicherer machen, meinte etwa Alan Greenspan, lange Zeit Chef der amerikanischen Zentralbank.
16 O-TON (Rischbieter)
Er hat argumentiert, dass die bisherige Regulierung, die man habe, nicht nur ausreicht, sondern die würde eigentlich die Geschäfte behindern. Wenn wir diese verschiedenen Regularien aufheben, dann hätten wir eine Situation, in der nämlich die Banken eigenverantwortlich überhaupt handeln könnten und dann könnten sie sozusagen erstens mehr Gewinne machen und würden auch im Sinne des Staates besser handeln können.
SPRECHERIN
Das führte letztlich zur Abschaffung des Trennbankensystems, das mit dem Glass-Steagall-Act eingeführt worden war, und zu weiteren Liberalisierungen der Finanzmärkte.
MUSIK
SPRECHERIN 2
Finanzinnovationen – oder: Rettungsschirme für die Banken
MUSIK
SPRECHER
Die Geschäfte weiteten sich aus, immer neue Finanzprodukte wurden an der Wall Street ersonnen. Derivate wurden der Renner. Damit kann man zum Beispiel auf Kursentwicklungen wetten. Solche hoch spekulativen Wertpapiere gab es schon länger, aber ab den 1990ern wurden sie im großen Stil gehandelt.
SPRECHERIN
Mit Derivaten kann man auch fallende Kurse setzen, deswegen gab es die Vorstellung, sie würden die Finanzmärkte sicherer machen. Das Gegenteil war allerdings der Fall. Es kam zur Dotcom-Blase, investiert wurde in alles, was mit dem damals neuartigen Internet zu tun hatte. Die Blase platzte im Jahr 2000.
SPRECHER
Wenige Jahre später folgte die weltweite Finanzkrise. Auslöser war eine geplatzte Immobilienblase in den USA. Dort hatten sich viele Menschen teils ohne Vermögen oder Einkommen Häuser auf Kredit gekauft. Man hielt diese „Risiken“ für beherrschbar, weil man sie als komplexe Wertpapiere handelbar machte und in die ganze Welt verkaufte. Das funktionierte allerdings nur solange, wie die Preise am Häusermarkt nicht fielen – was 2007 aber der Fall war. Einige kleinere Banken gingen Pleite – und drohten größere mitzureißen.
MUSIK
SPRECHERIN
Regierungen unterstützten sie und stellten Liquidität bereit. Sie schossen also Geld in astronomischem Ausmaß zu, indem sie milliardenschwere Rettungsschirme aufspannten. Die Banken seien too big to fail hieß es, sie würden ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund reißen. Teilweise überforderte das die Staaten. Aus der Finanzkrise wurde erst eine Euro- und dann mancherorts eine Staatsschuldenkrise, zum Beispiel in Griechenland. Zeitweise war knapp ein Drittel der Menschen in Griechenland ohne Arbeit. Sozialausgaben wurden zusammengestrichen, Krankenhäuser geschlossen, viele Menschen wurden obdachlos.
SPRECHER
Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, senkten Zentralbanken weltweit die Zinsen auf neue Tiefststände. Das sollte die Kreditvergabe stimulieren. Auch viele Kleinanlegerinnen und Kleinanleger investierten ihr Geld, weil das Ersparte auf der Bank keine Zinsen mehr einbrachte – der nächste Börsenboom.
SPRECHERIN
Und ist das nun das Ende der Geschichte? Keineswegs. Denn wenn man eines aus der Geschichte der Wall Street lernen kann, dann das: Auf jeden Boom folgt ein Bust, nach jedem Aufschwung kommt ein Niedergang. Bleibt die Frage, wann es soweit ist – und wie schlimm es dann wird.
MUSIK
It's the economy, stupid! Bill Clinton hat diesen Ausdruck in den 1990ern im US-Wahlkampf berühmt gemacht. Er beschreibt, dass vor allem die Wirtschaftslage darüber entscheidet, ob ein Politiker gewählt wird oder nicht. Weil die Wirtschaft so zentral ist, versuchen auch Ökonominnen und Ökonomen Einfluss auf sie zu nehmen - und hatten immer wieder neue Ansätze, um die Wirtschaft in den Griff zu kriegen. Von Maike Brzoska (BR 2023)
Credits
Autorin: Maike Brzoska
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Katja Amberger, Frank Manhold, Maren Ulrich
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Peter Spahn, Prof. Alexander Nützenadel, Katrin Hirte
Besonderer Linktipps der Redaktion:
mdr aktuell & hr (2024): Wendehausen – Heimat im Todesstreifen
Zu DDR-Zeiten lag das Dorf Wendehausen im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze. Das Grenzregime der DDR war hart, die Kontrollen scharf. Zeitzeugen berichten von Vertreibung, Flucht und zerstörten Existenzen. Wendehausen an der thüringisch-hessischen Grenze hat eine Vielzahl von dramatischen Familiengeschichten zu bieten, voll von Brüchen, Tragik und teilweise Tod. Dieser Podcast zeichnet die Geschichte des Ortes und der Menschen im Todesstreifen nach. Es geht auch darum, wie die DDR-Geschichte die Menschen vor Ort bis heute prägt. Und was das über das Ost-West-Verhältnis aussagt, 35 Jahre nach dem Fall der Mauer. ZUM PODCAST
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2024): Verliert Deutschland Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit?
Die deutsche Wirtschaft rutscht tiefer in die Krise. Die Industrie will die Transformation zur Klimaneutralität, fordert aber einen klaren politischen Rahmen und bessere Infrastruktur. Kann das Konzept soziale Marktwirtschaft den Standort retten? JETZT ANHÖREN
ARD alpha (2022): Arbeit, Zins und Geld – Keynesianismus
Nichts hat den britischen Ökonomen John Maynard Keynes mehr geprägt als die Folgen der dramatischen Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den vielen Millionen Arbeitslosen war sein Glaube an den Kapitalismus jedoch nicht erschüttert. Doch statt auf die Selbstheilungskräfte des freien Marktes, setzte er lieber auf die wirtschaftliche Gestaltungskraft des Staates. Der Staat sollte das ewige Auf und Ab zwischen Wirtschaftskrise und -boom entschärfen. Vor allem in den 50er, 60er und 70er Jahren bestimmte die von Keynes angeregte Wirtschaftspolitik die weltweiten Märkte. Vollbeschäftigung, Wachstum und Stabilität - war dies endlich ein verlässliches Programm für die Zukunft? JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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MUSIK
ZITATOR
Die Ideen der Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als man im Allgemeinen glaubt. Um die Wahrheit zu sagen, es gibt nichts anderes, das die Welt beherrscht.
SPRECHERIN
Ideen von Ökonomen und Philosophen sollen die Welt beherrschen – eine merkwürdige Aussage. War es Größenwahn, was John Maynard Keynes zu dieser Aussage veranlasste? Jedenfalls gilt der Brite gilt als einflussreichster Ökonom des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen haben nicht nur die Wirtschaftstheorie revolutioniert, sondern hatten auch ganz praktischen Einfluss auf die Politik, genauer: auf die Wirtschaftspolitik. Keynes hat seine Theorie vor gut hundert Jahren entworfen. Anlass waren die damaligen Krisen, sagt der Ökonom Peter Spahn. Er ist emeritierter Professor der Universität Hohenheim.
01 O-TON (Spahn)
Der Börsencrash und die Große Depression, die danach kam, das bildete sicherlich den Anstoß für die Keynsche Theorie. Das war so eine Art Anschauungsmaterial für ihn. Aber auch schon in den 1920er Jahren war die englische Wirtschaft durch anhaltende Arbeitslosigkeit geprägt, und das hat Keynes eigentlich auch umgetrieben.
SPRECHERIN
Wie funktioniert eine Volkswirtschaft? Wenn man so will, ist sie das Ergebnis von zig Tausenden Entscheidungen, die wir alle täglich treffen. Was kaufe ich ein? Wie viel gebe ich dafür aus? Soll ich mehr sparen? Oder, von der Warte von Unternehmerinnen und Unternehmer aus betrachtet: Zu welchem Preis biete ich meine Waren an? Investiere ich in neue Maschinen oder muss ich demnächst Mitarbeitende entlassen? Ökonominnen und Ökonomen sind nun diejenigen, die verstehen wollen, wie das alles zusammenhängt. Das beschäftigte auch Keynes.
02 O-TON (Spahn)
Keynes kam zu der Einsicht, dass es gar keine überzeugende Theorie über die normale Funktionsweise der Gesamtwirtschaft gab. Und das hat ihn umgetrieben und ihn dann dazu gebracht, 1936 seine Allgemeine Theorie vorzulegen.
SPRECHERIN
Um zu verstehen, was Keynes Ideen so revolutionär machte, muss man wissen, wie man sich das Zusammenspiel in der Wirtschaft vorher vorgestellt hat.
03 O-TON (Spahn)
Es gab immer so die Idee, na ja, die Volkswirtschaft reguliert sich selber. Das ist ja die Idee einer Marktwirtschaft. Wenn einzelne Märkte im Ungleichgewicht sind, wenn es irgendwie ein Überangebot von bestimmten Gütern gibt, dann vertraut man darauf, dass die Preise sich entsprechend anpassen. Und so funktioniert das gewissermaßen im Sinne einer Selbstregulierung.
SPRECHERIN
Ein Beispiel: Nehmen wir an, auf einem Markt ist das Angebot an Broten größer als die Nachfrage. Dann senken die Bäckerinnen den Preis, damit die Markbesucher denken; oh, wie günstig! und ein paar Brote mehr kaufen. Am Ende sind trotz des übergroßen Angebots alle Brote verkauft und für den nächsten Markttag backen die Bäckerinnen ein paar weniger. So regulieren sich Angebot und Nachfrage über den Preis, der Knappheit oder Überfluss signalisiert. Der Markt ist am Ende wieder im Gleichgewicht. Diese Art der Selbstregulation ist eine der grundlegenden Ideen von klassischen ökonomischen Denkern wie Adam Smith oder Jean-Baptiste Say. Keynes beobachtete allerdings, dass sich die Gesamtwirtschaft nicht unbedingt mit einzelnen Märkten vergleichen lässt.
04 O-TON (Spahn)
Und dann stieß er auf zwei zentrale Gegenargumente in Bezug auf den Glauben, dass sich das alles gesamtwirtschaftlich selbstreguliert.
SPRECHERIN
Eines seiner Argumente bezog sich auf den Arbeitsmarkt. Die Arbeit ist, wenn man so will, die Ware, die auf diesem Markt angeboten wird. Der Lohn ist der Preis der Arbeit. Nach der klassischen Logik sinken die Löhne, wenn es Arbeitslosigkeit gibt – denn es gibt mehr Menschen, die Arbeit suchen. Die niedrigeren Löhne führen nun dazu, dass mehr Menschen eingestellt werden. Für die Unternehmen mag das erst mal Sinn machen, allerdings haben sinkende Löhne – gesamtwirtschaftlich betrachtet – auch noch andere Effekte, so Keynes.
05 O-TON (Spahn)
Er hat gesagt, gerade wenn die Löhne bei Arbeitslosigkeit sinken, macht das die Sache möglicherweise schlimmer. Weil wenn die Löhne sinken, dann sinken natürlich auch die Haushaltseinkommen der Arbeitnehmer, dann geht der Konsum zurück und das vertieft wieder die Krise. Das bedeutet, was die Unternehmen bei den Kosten durch sinkende Löhne an Entlastung gewinnen, das verlieren sie dann auf der Nachfrageseite, weil eben der Konsum zurückgeht.
MUSIK
SPRECHERIN
Daneben zeigte Keynes, dass auch der Geldmarkt besonders ist und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen hat. Heute sind solche Zusammenhänge bekannt – vor gut hundert Jahren war das anders. Da sahen Politiker dem Abwärtstrend, der in die Große Depression führte, weitgehend untätig zu. Am Ende lag in zahlreichen Ländern der Welt die Wirtschaft brach und die Menschen verzweifelten, viele hungerten auch. Eine traumatische Erfahrung. Aber der Rat lautete damals eben: Stillhalten, Krisen gehen vorbei – und können sogar positive Effekte haben. Sagt der Wirtschaftshistoriker Alexander Nützenadel. Er ist Professor am Institut für Geschichtswissenschaften der Berliner Humboldt Universität.
06 O-TON (Nützenadel)
Das Problem war natürlich auch, dass man eine solche Krise bislang noch nie erlebt hatte und deswegen nicht wusste, was für Folgen sich daraus ergeben können. Aber tatsächlich war das für viele der damaligen Akteure eigentlich selbstverständlich zu sagen: Wir müssen durch diese Krise durchgehen und sie hat auch reinigende Effekte und danach stehen wir eigentlich wieder besser da.
SPRECHERIN
Von sogenannten Reinigungskrisen war damals die Rede. Erst die Theorien von Keynes lieferten das Verständnis für makroökonomische, das heißt gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge – und damit auch Instrumente, um eine Volkswirtschaft zu beeinflussen. Deshalb hielten Keynes Ideen in vielen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug in die Wirtschaftspolitik. Hierzulande allerdings sollte es noch etwas dauern– Keynes Ideen der gesamtwirtschaftlichen Steuerung waren vielen Politikern in der Bundesrepublik sehr suspekt.
07 O-TON (Spahn)
Das galt merkwürdigerweise in Deutschland als geradezu planwirtschaftlich verdächtig. Und die damals herrschende Partei, die CDU, war also strikt dagegen.
SPRECHERIN
Insbesondere CDU-Kanzler Konrad Adenauer, ab 1949 Bundeskanzler, war es wichtig, sich von den Planwirtschaften der DDR und des Ostblocks abzugrenzen.
08 O-TON (Nützenadel)
In den 50er Jahren hatten viele den Eindruck, dass die Planwirtschaften des kommunistischen Bereichs durchaus in der Lage waren, Investitionen gezielt auf bestimmte Wachstumsfaktoren zu lenken und dass da vielleicht sogar mehr Wachstum entstehen könnte als im Westen. Also es gab durchaus so eine Art von Wettbewerb zwischen Ost und West.
SPRECHERIN
Die zentral geplante Wirtschaft der DDR wollte man mit einer Marktwirtschaft übertrumpfen. Allerdings gab es auch in der Bundesrepublik die Überzeugung, dass eine Marktwirtschaft einen starken ordnungspolitischen Rahmen braucht. Der sogenannte Ordoliberalismus war zu dieser Zeit in der Bundesrepublik dominierend. Nach dieser Spielart hält sich der Staat aus dem Markt raus, setzt also auf die Selbstregulierung von Angebot und Nachfrage. Dennoch spielt der Staat im Ordoliberalismus eine wichtige Rolle, denn er legt die Regeln für den Markt fest.
09 O-TON (Nützenadel)
Es geht darum, die Rahmenbedingungen zu setzen, um etwa fairen Wettbewerb zu ermöglichen oder auch eine Vermachtung von großen Unternehmen zu verhindern.
SPRECHERIN
Denn eine Vermachtung von Unternehmen, also eine Machtanhäufung, geht in der Regel zulasten von Verbraucherinnen und Verbraucher. Noch mal das Beispiel Wochenmarkt: Wenn alle Bäckerinnen sich absprechen und darauf einigen, einen doppelt so hohen Preis zu verlangen, haben die Käufer das Nachsehen. Das „Brotkartell“ hat den Wettbewerb außer Kraft gesetzt. Solche Kartelle wollte insbesondere der CDU-Politiker Ludwig Erhard verhindern. Der spätere Wirtschaftsminister und Bundeskanzler war in der Nachkriegszeit zuständig für die Wirtschaftspolitik in den westlichen Besatzungszonen.
10 O-TON (Hirte)
Das Gesetz gegen Marktmacht-Missbrauch – das sind Kartelle, das sind Syndikate – das war sein Kind, was er gegen alle Widerstände damals durchgesetzt hat.
SPRECHERIN
Sagt die Soziologin Katrin Hirte. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft der Universität Linz. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg musste vieles neu gedacht und umgebaut werden, auch staatliche Institutionen und Regeln für die Märkte. Erhard wollte einen starken Rahmen setzen, wandte sich aber gegen jedwede Umverteilung, etwa in Form eines Rentensystems.
11 O-TON (Hirte)
Weil die Wirtschaft ja so eingerichtet ist, dass sie sich die Menschen ja selber versorgen können. Weil jeder wird ja in einer funktionierenden Marktwirtschaft reich und nimmt Anteil. Wir brauchen diese ganzen Versorgungssysteme gar nicht.
SPRECHERIN
So Erhards Begründung. Auf Druck von CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer musste Erhard allerdings Alfred Müller-Armack, Professor für Wirtschaftspolitik, in seine Grundsatzabteilung holen. Und Müller-Armack sprach sich für Umverteilungen aus.
12 O-TON (Hirte)
Deswegen nennt man ihn dann den Erfinder der sozialen Marktwirtschaft.
SPRECHERIN
Die neue Ordnung in der Bundesrepublik sollte laut Müller-Armack…
ZITATOR
… das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs verbinden.
SPRECHERIN
Die soziale Marktwirtschaft gilt als zentrale Errungenschaft der jungen Bundesrepublik. Auch andere Institutionen, die das Land bis heute prägen, entstanden zu dieser Zeit. Zum Beispiel die Bundesbank, die – anders als etwa in Frankreich oder in Italien –, allein der Stabilität der D-Mark verpflichtet war und nicht etwa noch die Konjunktur im Blick haben sollte.
13 O-TON (Nützenadel)
Das war eine Grundsatzentscheidung, die gerade von vielen Ordoliberalen gefordert wurde.
SPRECHERIN
Einen Paradigmenwechsel gab es hierzulande Mitte der 1960er Jahre. Eingeleitet 1963 mit Gründung des Sachverständigenrates, den sogenannten Wirtschaftsweisen.
ZITATOR
Der Bundestag hat das folgende Gesetz beschlossen: Zur periodischen Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (…) wird ein Rat von unabhängigen Sachverständigen gebildet.
14 O-TON (Spahn)
Und dieser Sachverständigenrat hatte ja auch die Aufgabe, die Grundlagen einer makroökonomischen Politik zu entwerfen, um konkrete Dinge dem Staat auch vorzuschlagen. Und auf der anderen Seite gab es dann das sogenannte Stabilitätsgesetz von 1967.
MUSIK
SPRECHERIN
Im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz waren vier Ziele für die Wirtschaftspolitik festgeschrieben, das ist das sogenannte Magische Viereck:
ZITATOR
Vollbeschäftigung, Preisstabilität, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes Wirtschaftswachstum
SPRECHERIN
Angemessenes Wirtschaftswachstum bedeutete: nicht zu viel und nicht zu wenig wachsen. Dahinter steckt die Annahme, dass man die Konjunktur entsprechend steuern kann.
15 O-TON (Nützenadel)
Natürlich geht es auf die Vorstellung zurück, die auch durch Keynes in den dreißiger Jahren geprägt worden ist, dass der Staat durch eine Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage die wirtschaftliche Entwicklung stabilisieren und auch langfristig positiv beeinflussen kann. Das ist sozusagen das Keynesianische Modell, das hier 1967 auch in die Gesetzgebung Eingang gefunden hat.
SPRECHERIN
Keynes Ideen passten gut in die Zeit, die geprägt war von allgemeinem Fortschrittsoptimismus. Das konjunkturelle Auf und Ab der Wirtschaft, so hoffte man, gehört der Vergangenheit an. Von nun an sollte es dauerhaft angemessenes Wachstum geben. Erreichen wollte man das vor allem mit der antizyklischen Konjunkturpolitik.
MUSIK
16 O-TON (Spahn)
Das heißt ganz praktisch: Wenn wir eine schwache Konjunktur haben, dann soll der Staat also mehr Geld ausgeben, Budgetdefizite zulassen …
SPRECHERIN
… um die schwächelnde Konjunktur durch mehr Nachfrage anzukurbeln. Zum Beispiel durch Steuersenkungen, damit die Menschen mehr Geld zum Einkaufen haben, oder indem der Staat selbst Waren nachfragt.
17 O-TON (Spahn)
Aber in der Hochkonjunktur soll er gewissermaßen Kaufkraft stilllegen. Er soll also die Steuern vielleicht ein bisschen erhöhen und soll dazu beitragen, die Nachfrage zu bremsen.
SPRECHERIN
Ein schöner Plan – allerdings kam bald schon Ernüchterung auf.
18 O-TON (Nützenadel)
Man merkte schon in den frühen 70er Jahren, dass es sehr schwer war, alle vier Ziele gleichzeitig zu erreichen. Das hing damit zusammen, dass durch die Ölpreiskrise ein exogener Schock, ein Angebotsschock, in die Wirtschaft getragen wurde, den man durch eine Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, und das ist ja der keynesianische Ansatz, nicht begegnen konnte.
SPRECHERIN
Durch die stark steigenden Ölpreise 1973 und 1979 gerieten viele Länder, auch die Bundesrepublik, in schwere wirtschaftliche Krisen. Die ohnehin schon hohe Inflation stieg weiter an.
19 O-TON (Nützenadel)
Man hatte dann die berühmte Stagflation der 70er Jahre, wo hohe Inflationsraten und stagnierendes Wirtschaftswachstum zusammen auftreten, und damit auch diese ganze keynesianische Konzeption doch sehr stark in die Kritik gerät.
SPRECHERIN
Unter anderem weil die keynesianische Politik die Inflation durch die zusätzliche Nachfrage tendenziell noch weiter verschärft. Hinzu kam, dass es zunehmend Einflüsse von außen gab, nicht nur in Form von exogenen Schocks wie der Ölpreiskrise, sondern auch in Form von internationalen Handels- und Finanzströmen, die immer weiter zulegten. In dieser Zeit kam es zum nächsten Paradigmenwechsel.
20 O-TON (Nützenadel)
Die Bundesbank hat im Grunde in den frühen 70er Jahren schon eine monetaristische Wende vollzogen ab 1973, auch wegen der hohen Inflation.
SPRECHERIN
Der Monetarismus ist gewissermaßen der Gegenentwurf zum Keynesianismus. Hinter diesem Konzept steht vor allem der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman. Der Monetarismus geht davon aus, dass es langfristig zum besten wirtschaftlichen Ergebnis kommt, wenn der Staat sich raushält.
21 O-TON (Nützenadel)
Diese kurzfristige Steuerung von Konjunktur, das war ja die Idee von Keynes, die lehnte man ab, sondern man sagte eben, wir müssen eigentlich nur ganz langfristig die Geldmenge so wachsen lassen, dass es sich dem Wachstum der Realwirtschaft anpasst.
SPRECHERIN
Die Geldmenge sollte so gesteuert werden, dass es weder zu Inflation noch zu Deflation kommt. Denn sowohl sinkende als auch stark steigende Preise schaden der Wirtschaft, so die Meinung der Monetaristen. Darüber hinaus sollte die Wirtschaftspolitik aber möglichst wenig eingreifen und stattdessen auf die Selbstregulation der Märkte setzen. Diese Idee verfolgten ab 1976 auch die Wirtschaftsweisen, als sie den Begriff der Angebotspolitik in die Debatte einbrachten. Angebotspolitik bedeutet, dass man die Unternehmensseite langfristig stärkt.
22 O-TON (Spahn)
Was bedeutet das praktisch? Es geht darum, genügend Arbeitsangebot, genügend Bildung, genügend Forschung, genügend technischen Fortschritt, genügend Energie in der Volkswirtschaft zu haben, aber auch so schwierige Dinge zu fördern wie die Bereitschaft, unternehmerische Risiken zu tragen und anderes mehr.
SPRECHERIN
Der Fokus liegt also auf der Seite von Unternehmerinnen und Unternehmern. Wie das konkret aussah, war je nach Land verschieden.
23 O-TON (Spahn)
Wir unterscheiden bei der Angebotspolitik noch mal zwei Spielarten. Diese englische und amerikanische Variante, das ist im Grunde genommen so eine Art Deregulierungsstrategie, oder man kann auch sagen Privatisierungsstrategie. Die These war, der Staat sei eigentlich eine Wachstumsbremse. Seine vielfältigen Regulierungen würden die privaten Aktivitäten bremsen und man müsse den Staat aus vielen Bereichen zurückziehen.
SPRECHERIN
Bekannt für diese Spielart sind insbesondere die britische Premierministerin Margret Thatcher und der US-Präsident Ronald Reagan. Aber auch in der Bundesrepublik wurden in den 1980ern und 90ern viele Märkte privatisiert, zum Beispiel der Telefonmarkt.
24 O-TON (Spahn)
Wir hatten ja in den 80er Jahren noch das staatliche Telefon, und das kann man sich heutzutage ja gar nicht mehr vorstellen, dass wenn man ein Telefon haben wollte, dann musste man einen Antrag stellen. Der wurde dann nach ein paar Monaten auch bestätigt und nach weiteren Monaten kam dann ein Techniker von der Post und stellte uns diesen staatlichen Apparat dahin. Das war eine staatliche, eine hoheitliche Angelegenheit.
SPRECHERIN
In der Bundesrepublik und mehr noch in Frankreich gab es aber auch noch eine zweite Spielart.
25 O-TON (Spahn)
Da kann man sagen, Angebotspolitik geht in Richtung von Industriepolitik oder vielleicht sogar in Planification. Da ist die Idee, dass der Staat bestimmte Bereiche als zukunftsträchtig einschätzt und sich aktiv dafür einsetzt, dass die Firmen in diesem Bereich was machen, also etwa heutzutage Halbleiter-Produktion oder Chip-Produktion.
MUSIK
SPRECHERIN
Ab 2008 dann die große weltweite Finanzkrise. Die Preise auf dem US-Immobilienmarkt brachen ein, Immobilienfinanzierer gingen Pleite, das brachte auch Banken und Versicherungen in große Schwierigkeiten. Die Staaten spannten milliardenschwere Rettungsschirme auf – und mussten in den Jahren danach teils selbst gerettet werden. Nicht wenige fragten sich danach: Wie konnte das passieren? So auch die britische Queen Elizabeth II, die auf einer Veranstaltung der renommierten Londoner School of Economics fragte:
ZITATORIN (britischer Akzent)
Why did nobody see this coming?
SPRECHERIN
Ja, warum hat niemand die Krise kommen sehen? Hatten Ökonominnen und Ökonomen zu sehr auf die Selbstregulation der Märkte vertraut? Braucht es vielleicht eine neue Theorie, ähnlich wie nach der Großen Depression? Peter Spahn meint Nein.
26 O-TON (Spahn)
Die Finanzkrise war ein Betriebsunfall innerhalb des Banksystems, allerdings dann mit desaströsen Folgen für die Gesamtwirtschaft. Aber man brauchte eigentlich keine makroökonomisch neuen Theorien, um zu verstehen, welche Folgen diese Finanzkrise hatte. Das war eben ein wichtiger Unterschied zu den dreißiger Jahren.
SPRECHERIN
Während der Finanzkrise und auch während Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg zeigte sich aber erneut ein Umdenken. Denn anders als früher ist Wirtschaftspolitik heute recht pragmatisch.
27 O-TON (Nützenadel)
Die meisten versuchen eigentlich undogmatisch an solche Fragen heran zu treten, ich würde sagen, das Fach hat sich insgesamt sehr stark pluralisiert. Man versucht ganz pragmatisch einzelne Elemente herauszugreifen.
SPRECHERIN
Zwei Beispiele: Als die Konjunktur während der Corona-Pandemie einzubrechen drohte, beschloss die Regierung kurzerhand den Konsum über eine Senkung der Mehrwertsteuer anzukurbeln – das ist klassische Nachfrage-Politik im Sinne von Keynes. Auf der anderen Seite sollen ein verändertes Einwanderungsgesetz und der Zuzug von Fachkräften langfristig die wirtschaftlichen Aussichten von Unternehmen, also der Angebotsseite stärken.
28 O-TON (Nützenadel)
Insofern würde ich sagen, es gibt diese Schulen in dem Sinne heute nicht mehr, wie wir sie früher beobachtet haben.
SPRECHERIN
Vielleicht auch, weil ihre Verheißungen ein Stück weit entzaubert worden sind im Laufe der Jahrzehnte.
29 O-TON (Nützenadel)
Die Nachkriegszeit war schon von einem sehr großen Optimismus geprägt, dass man Wirtschaft steuern könnte, dass man wirtschaftliches Wachstum auf Dauer gewährleisten könne und dass die Wirtschaftspolitik hierzu einen positiven Beitrag leisten könne. Ich glaube, dieser Optimismus, der ist doch sehr stark erschüttert worden. Man weiß, dass Prognosen sehr komplex sind. Spätestens seit der Finanzkrise hat man gesehen, dass die Prognosen eigentlich oft gar nicht so gut sind. Gerade die etablierten Prognose-Verfahren haben sich eigentlich nicht immer bewährt. Aber nach wie vor sind Ökonominnen und Ökonomen in der öffentlichen Debatte sehr prominent vertreten, mehr als andere Fächer.
SPRECHERIN
Diese herausragende Stellung der Wirtschaftswissenschaften hat sich vor allem im Laufe des 20. Jahrhunderts herausgebildet, aus mehreren Gründen.
30 O-TON (Nützenadel)
Das hing zum einen damit zusammen, dass natürlich die Schwankungen in der Wirtschaft viel extremer geworden sind und dass damit auch große Krisen politische Systeme vernichten können. Und dass natürlich auch die Politik immer stärker auch von der Wirtschaft abhängt.
SPRECHERIN
Zum Beispiel von den Steuereinnahmen, die in Boom-Zeiten sehr viel höher ausfallen und damit mehr Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen.
31 O-TON (Nützenadel)
Das war vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht so sehr der Fall, da waren die Staatseinnahmen ja viel geringer. Die Staatsquote war irgendwo bei unter 10 Prozent, und das hat sich natürlich im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert.
SPRECHERIN
Heute liegt die Staatsquote hierzulande bei rund 50 Prozent, das bedeutet, die Staatsausgaben entsprechen etwa der Hälfte der Wirtschaftsleistung. Und nicht zuletzt machen Wähler die Politik für ihre wirtschaftliche Situation verantwortlich. It´s the economy, stupid! – Es kommt auf die Wirtschaft an! lautet ein geflügelter Satz, der das beschreibt. Politik und Wirtschaft sind also in mehrfacher Hinsicht eng miteinander verknüpft.
MUSIK
32 O-TON (Nützenadel)
Insofern ist es ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, was sich im 20. Jahrhundert verändert hat im Vergleich zu früheren Epochen.
SPRECHERIN
Deshalb stimmt es schon irgendwie, was Keynes gesagt hat: Es sind auch die Ideen von Ökonomen, die die Welt beherrschen. Seien sie nun richtig oder falsch.
Wirtschaftswachstum - da ist erstmal nur eine Zahl. Aber was für eine! Geht die Zahl nach oben, dann steigt die Stimmung. Und umgekehrt genauso. Denn unsere Wirtschaft soll wachsen, da sind sich die meisten einig. Dabei ist diese Idee historisch betrachtet relativ neu. Sie hat mit dem Kalten Krieg zu tun. Von Maike Brzoska (BR 2024) *** Podcast-Tipp: mdr & detektor.fm (2024): Deutschland - ein halbes Leben. 35 Jahre Mauerfall https://1.ard.de/dhl?cp=br
Credits
Autorin: Maike Brzoska
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Dorothea Anzinger, Frank Manhold
Technik: Ruth-Maria Ostermann
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Matthias Schmelzer, Robert Groß
Besonderer Linktipps der Redaktion:
mdr & detektor.fm (2024): Deutschland – ein halbes Leben. 35 Jahre Mauerfall
In diesem Herbst feiern die Deutschen den 35. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Nach Plauen am 7. Oktober, Leipzig am 9. Oktober und dann dem Höhepunkt am 9. November 1989 in Berlin, ist der Weg zu einem wiedervereinten Deutschland im Herbst 89 frei. In dem sechsteiligen Storytelling-Podcast trifft der ostdeutsche Journalist Christian Bollert drei Menschen, die zufälligerweise an diesem historischen Tag geboren worden sind und die er bereits seit ihrem 18. Geburtstag begleitet. Mit ihnen blickt er auf ihr Leben, Deutschland und die Zukunft. ZUM PODCAST
Linktipps:
Bundeszentrale für politische Bildung (1980): Die Bedeutung des Marshall-Plans für die Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland
Das „European Recovery Program" (ERP) - auch nach seinem Urheber, dem US-Außenminister Georg C. Marshall, als Marshall-Plan bezeichnet - hat die europäische und vor allem die deutsche Nachkriegsentwicklung in einem solch starken Maße beeinflusst, wie kaum ein anderes Ereignis dieser Zeit. Aber was bedeutete das Programm für die wachsenden wirtschaftlichen Probleme damals? Und was wirft er für ein Licht auf die amerikanische Nachkriegspolitik? JETZT LESEN
ARD alpha (2022): Arbeit und Mehrwert – Kommunismus
Was würde Karl Marx (1818 - 1883) tun, wenn er noch einmal auf diese Welt käme? Er würde in ein Einkaufszentrum gehen und staunen, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft seit seiner Zeit entwickelt haben. Das wird ihn aber nicht davon abhalten, seine Theorie des Kommunismus unter die Leute zu bringen. Die Ware, die Arbeitskraft, das Tauschproblem, die Arbeitszeit und den Mehrwert: Marx findet auch in einem modernen Einkaufszentrum genügend Beispiele, die seine Theorien belegen. Denn für ihn liegt der Kommunismus nicht etwa in der Vergangenheit, sondern noch in (weiter) Zukunft. JETZT ANSEHEN
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MUSIK
SPRECHERIN
Kaum zu glauben: Da stehen die beiden mächtigsten Männer der Welt – und streiten über Haushaltsgeräte. So geschehen auf einer Weltausstellung in Moskau 1959, mitten im Kalten Krieg. Der Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow und US-Vizepräsident Richard Nixon machten einen Rundgang durch die Ausstellung und stoppten in einer amerikanischen Musterküche, die dort gezeigt wurde. Zwischen Waschmaschine und Backmischung kippte dann plötzlich die Stimmung. Chruschtschow bezeichnete die Neuerungen der Musterküche als nutzlose Spielereien und warnte vor dem Blendwerk des Kapitalismus. Nixon hingegen pries die Überlegenheit von US-Konsumgütern wie dem Farbfernseher. Als kitchen debate, Küchendebatte, ging der Schlagabtausch in die Geschichte ein, sagt der Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer. Er vertritt die Professur für sozial-ökologische Transformationsforschung an der Universität Flensburg.
01 O-TON (Schmelzer)
Diese Debatte steht eben symbolisch für diesen hegemonialen Streit über unterschiedliche Wachstums- und Entwicklungsmodelle, die damals sehr virulent waren.
SPRECHERIN
Begonnen hatte dieser Streit bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Vieles war nach dem Krieg zerstört, den Menschen fehlte es praktisch an allem: Nahrungsmitteln, Kleidung, Kohlen zum Heizen. Die Situation schien aussichtslos.
MUSIK
SPRECHERIN
Abhilfe schaffen sollte ein US-amerikanisches Hilfsprogramm: Der Marshall-Plan, benannt nach dem damaligen US-Außenminister George Marshall.
02 O-TON (Groß)
Der Marshallplan war im Prinzip das Wiederaufbauprogramm der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Es erstreckte sich von 1948 bis 1952 und umfasste Hilfen im Wert von ungefähr 13 Milliarden US-Dollar, was heute einem Wert von ungefähr 135 Milliarden Dollar entspricht.
SPRECHERIN
Sagt der Umwelthistoriker Robert Groß. Er forscht am Institut für Soziale Ökologie der Universität Wien. Begleitet wurde der Marshall-Plan durch eine breit angelegte Informations-Kampagne, die der Bevölkerung den Marshall-Plan erklären sollte.
SPRECHERIN
Ein Beitrag aus der Wochenschau zeigt das deutlich. Anlass für den Bericht war der Europa-Zug, der in München startete.
03 TON (Wochenschau)
Feierliche Eröffnung des Europa-Zuges auf dem Münchner Hauptbahnhof. Als Erstes besichtigten hohe amerikanische und deutsche Politiker diese fahrende ERP-Ausstellung. Sie steht unter dem Motto: Zusammenarbeit der freien Völker.
SPRECHERIN
Am ERP, also am europäischen Wiederaufbau-Programm, nahmen allerdings nur westeuropäische Staaten teil.
MUSIK
SPRECHERIN
Die Staaten im sowjetischen Einflussbereich verzichteten auf die US-Hilfe.
ZITATOR
Wir brauchen keinen Marshall-Plan, wir kurbeln selbst die Wirtschaft an!
SPRECHERIN
Hieß es auf Plakaten in der sowjetischen Besatzungszone. Die Ablehnung hatte ihren Grund, denn der Marshall-Plan entsprang nicht der reinen Menschenliebe. Sondern war auch ein politisches Projekt. Ein Ziel war, sozialistische Ideen einzudämmen – denn die breiteten sich in Europa immer weiter aus.
04 O-TON (Groß)
Ganz konkret ging es da um die Kommunisten, die in Frankreich, in Deutschland, in Österreich und auch in Italien - also fast über ganz Westeuropa - Protestaktionen organisierten, was den Amerikanern ein Riesendorn im Auge war und auch als destabilisierender Faktor wahrgenommen wurde. Und das ist sozusagen ein ganz zentrales Motiv im Marshallplan drinnen, nämlich die Arbeits-, die Lebensbedingungen zu verbessern, mehr Menschen in die Beschäftigung zu bringen, den Menschen Einkommen zur ermöglichen, Nahrungsmittel bereitzustellen, um sie eben vor dieser Radikalisierung durch kommunistische Gruppierungen zu schützen.
SPRECHERIN
Neben solchen kurzfristigen Hilfen gab es auch längerfristige Projekte. So wurden mithilfe der Gelder aus dem Marshall-Plan Industrie und Infrastruktur in den europäischen Ländern wiederauf- und teilweise auch umgebaut. Davon sollte auch die US-Wirtschaft profitieren – jedenfalls erhoffte sich die US-Administration das. Daneben gründeten die Regierungen internationale Organisationen. Man wollte Handelsschranken wie Zölle abbauen und den Freihandel etablieren.
05 O-TON (Groß)
Es ging darum, die nationalen Industriepolitiken aufeinander abzustimmen, um so eben gute Bedingungen für das Wirtschaftswachstum in den Nachkriegsjahren herzustellen.
SPRECHERIN
Zentral dafür war die Gründung der OEEC, der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1948. 16 Staaten waren Mitglied. Die USA gehörten nicht dazu, dennoch waren sie allgegenwärtig.
06 O-TON (Schmelzer)
Nicht als Mitglied dieser Organisation, aber eben als der dominante Geldgeber und auch als ein sehr entscheidender Akteur in den Politiken, die durch die OEEC eben verfolgt worden sind, die auf eine spezifische, sehr marktorientierte liberale Wirtschaftsordnung abzielten und dann eben zunehmend Wachstum als Ziel in den Vordergrund stellten.
MUSIK
SPRECHERIN
Die Idee: Eine expandierende, sprich: wachsende Wirtschaft sollte die Menschen wieder in Lohn und Brot bringen und mehr Wohlstand schaffen. Heute ist uns dieser Gedanke vertraut, historisch betrachtet war diese Idee aber relativ neu.
07 O-TON (Schmelzer)
Es gibt eigentlich erst seit den 1820er Jahren relevante Wirtschaftswachstumsraten, die über das Bevölkerungswachstum hinausgehen.
SPRECHERIN
Damals begann man fossile Energieträger wie Kohle oder Öl zu nutzen.
08 O-TON (Schmelzer)
Und noch viel jüngeren Datums ist die Dominanz von Wachstumsdiskursen in unseren Gesellschaften, die nämlich erst auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgehen.
SPRECHERIN
Wachstumsdiskurse – also etwa Fragen wie: Muss unsere Wirtschaft ständig wachsen? Was genau wächst da eigentlich, wenn „die“ Wirtschaft wächst? Und können wir gleichzeitig wachsen und das Klima schonen? Heute sind das zentrale Zukunfts-Fragen. Aber Ende der 1940er Jahre waren solche Probleme noch weit weg. Stattdessen ging es um ganz anderes. Zum Beispiel um den Wiederaufbau. Für den brauchte man eine Messgröße, um zu wissen, wie er in den einzelnen europäischen Staaten läuft. Denn nur so konnte man die Gelder aus dem Marshall-Plan sinnvoll verteilen. Und daneben brauchte man eine Zahl für die Wirtschaftskraft der Länder, um festlegen zu können, wer welchen Beitrag an die OEEC zahlt. Länder, die wirtschaftlich besser dastehen, sollten mehr beisteuern, andere weniger. Um da eine vergleichbare Größe zu haben, einigte man sich schließlich auf das Bruttosozialprodukt.
09 O-TON (Schmelzer)
Das Bruttosozialprodukt ist das statistische Messwerkzeug, was in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist und was überhaupt erst möglich machte, zu messen, was denn eigentlich wachsen soll.
SPRECHERIN
Das Bruttosozialprodukt wächst, wenn es mehr Waren und Dienstleistungen als im Vorjahr gibt. Eine klare und einfache Rechnung – zu einfach, fanden schon damals viele, auch in der OEEC.
10 O-TON (Schmelzer)
Es war tatsächlich so, dass die Ökonom*innen davor gewarnt haben, diese Zahlen zu nutzen für eben diese weitreichenden Zwecke der Wohlstandsmessung und des Vergleichs von Ländern und Ähnliches.
SPRECHERIN
Unter anderem weil wichtige Bereiche ausgeklammert werden, zum Beispiel die Hausarbeit.
11 O-TON (Schmelzer)
Die Sorge-Tätigkeiten, die im Haushalt passieren, aber auch außerhalb des Haushalts, sehr stark weiblich geprägt sind, die aber essenziell sind, damit wir als Menschen und menschliche Gesellschaften überhaupt funktionieren können, die werden quasi überhaupt gar nicht mitberücksichtigt in diesem statistischen Standard.
MUSIK
SPRECHERIN
Das neue Bruttosozialprodukt, aus dem später das Bruttoinlandsprodukt wurde, erwies sich jedenfalls als äußerst nützliche Zahl. Für Regierungen war sie bald schon eine feste Zielgröße, auf die sie hinarbeiten konnten. Auf die sie politischen Maßnahmen abstimmten. Im großen Stil steigern wollten sie das Bruttosozialprodukt, indem Industrie und Landwirtschaft mechanisiert wurden.
13 O-TON (Groß)
Es ging darum, wo immer es möglich war, menschliche und tierische Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Und da war der Verbrennungsmotor ein ganz zentrales Element.
SPRECHERIN
Bis dahin gab es in Europa große Dampfmaschinen, wie etwa Dampflokomotiven, die mit Kohlen angeheizt wurden. Die kleineren Verbrennungsmotoren konnten vielseitiger eingesetzt werden – in Traktoren und Autos etwa. Statt Kohle brauchte man nun Benzin oder Diesel, also Erdölprodukte. Erdöl war das Schmiermittel, das die Wirtschaft antreiben und das Wachstum entfachen sollte.
SPRECHERIN
Aber neben diesen praktischen Hilfen, um Erträge zu erhöhen – oder, auf die gesamte Gesellschaft bezogen: um das Wachstum zu steigern –, war aus Sicht der Amerikaner auch noch etwas anderes nötig.
MUSIK
SPRECHERIN
Die Europäer brauchten ihrer Meinung nach eine andere Erwartungshaltung. Ein anderes mindset. Dafür etablierte man 1953 die Europäische Produktivitätsagentur. Man wollte allen Teilen der Gesellschaft die Steigerung der Produktion schmackhaft machen. Nicht nur Unternehmerinnen und Unternehmern, sondern auch der arbeitenden Bevölkerung.
15 O-TON (Schmelzer)
Und vor dem Hintergrund wurden quasi dezidiert auch Workshops veranstaltet mit eben diesen Akteuren, um so ein neues Set an Mentalitäten zu verbreiten, das darauf abzielt, die Idee von einem Positivsummenspiel in Europa zu etablieren. Also wegzukommen von der Idee, die Gesellschaft ist ein Nullsummenspiel. Wenn eine Gruppe mehr bekommt, dann muss eine andere weniger bekommen, hin zu einer Mentalität, in dem der Kuchen für alle wächst und alle davon profitieren können.
SPRECHERIN
Um von den Amerikanern zu lernen, reisten Tausende Europäerinnen und Europäer in den 1950er und -60er Jahren in die USA. Dort konnten sie mit eigenen Augen sehen, wie sich der Output steigern lässt. Sie schauten sich zum Beispiel an, wie PKW an Fließbändern gefertigt werden. Oder wie die just-in-time-Produktion funktioniert. Manche der Reisenden, darunter hochrangige Manager, waren danach regelrecht schockiert. So erfuhren sie in einem Ford-Werk in Cleveland, wie mehrere Tausend Motoren pro Tag gefertigt werden. Zum Vergleich: Bei Daimler-Benz dauerte der Bau eines einzigen Motors fast einen ganzen Tag. Der Schock war auch deshalb so groß, weil US-Firmen zu dieser Zeit begannen, nach Europa zu exportieren. Die europäischen Unternehmen mussten nachziehen, wollten sie nicht Pleite gehen.
Aber es ging nicht nur um Profit: Die Modernisierung der Wirtschaft und die Steigerung der Produktion hatten zu dieser Zeit auch eine starke geopolitische Komponente. Es ging darum, einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Der Kalte Krieg nahm an Fahrt auf Ende der 1950er Jahre – und damit der Kampf um das bessere Wirtschaftssystem. So sah es auch Nikita Chruschtschow, Regierungschef der Sowjetunion.
16 O-TON (Schmelzer)
Chruschtschow hat bereits 1958 auf einem Parteikongress argumentiert, dass Wirtschaftswachstum, das Wachstum der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion in der Sowjetunion, eigentlich der Rammbock ist, mit dem das kapitalistische System zerschlagen werden soll. Und die Sowjetunion legte damals sehr, sehr ambitionierte Wachstumspläne vor, die deutlich über den statistischen Wachstumsprognosen in den westlichen Ländern lagen. Was eben dazu geführt hat, dass in westlichen Politiken viel stärker auch geplante Wachstumspolitik in den Vordergrund rückte.
MUSIK
SPRECHERIN
Wo lebt es sich besser – im Kommunismus oder im Kapitalismus? Wer bietet seinen Bürgern die besseren Produkte? Wer hat technologisch die Nase vorn? Tatsächlich war die Frage damals nicht, ob die Sowjetunion die USA beim Wirtschaftswachstum einholen würde, sondern wann. Man rechnete damit, dass es Mitte der 1960er Jahre so weit sein würde. Das Wachstum der Wirtschaft wurde deshalb zur alles entscheidenden Frage. Die Devise lautete:
ZITATOR
Expand or die – expandiere oder stirb.
SPRECHERIN
Weiter angeheizt wurde die Stimmung, als die Sowjets ihre technologische Überlegenheit in der Raumfahrt aller Welt vor Augen führten.
17 TON (Sputnik)
Denn sie waren es, die den ersten Satelliten ins Weltall schossen, wie der Wochenspiegel 1957 berichtete:
MUSIK & ATMO
ZITATOR
Meine Damen und Herren, ein uralter Traum der Menschheit, der Vorstoß ins All, scheint Wirklichkeit geworden zu sein. Denn gestern Abend, genau 23.35 Minuten, erreichte eine sogenannte Flash-Meldung die Agenturen der Welt. (…) Und in dieser Meldung heißt es: Am 4. Oktober wurde in der Sowjetunion ein künstlicher Erdsatellit, der erste auf der Welt, erfolgreich aufgelassen. Der Satellit beschreibt jetzt elliptische Flugbahnen um die Erde, wie anzunehmen ist in Höhe bis zu 900 km. (…) Der Wettkampf der USA mit der Sowjetunion um den ersten Erdsatelliten wurde von den Sowjetrussen gewonnen.
SPRECHERIN
Zwei Jahre später trafen dann Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow und US-Vizepräsident Richard Nixon direkt aufeinander. Der Schlagabtausch in der amerikanischen Modellküche war ein symbolischer Höhepunkt der Systemkonkurrenz der beiden Supermächte.
18 O-TON (Schmelzer)
Diese Küche spielte darin eine entscheidende Rolle, weil sie eben quasi verdeutlichen sollte auf einer ganz konkreten Ebene, was die Vorteile sind, die eben verschiedene Wirtschaftssysteme haben.
MUSIK
SPRECHERIN
Der Wiederaufbau in den kapitalistischen Staaten Westeuropas lief nach Plan. Die von der OEEC ausgerufenen Wachstumsziele für die 1950er Jahre wurden sogar übertroffen. Und tatsächlich ging es den meisten Menschen in materieller Hinsicht sehr viel besser als noch vor ein paar Jahren: Die meisten wohnten wieder in einer warmen Wohnung, hatten genug zu essen, viele sparten für ein Auto oder einen Italien-Urlaub. Der neue Wohlstand befriedete die Gesellschaft. Die Frage bei der OEEC, die den Wiederaufbau koordiniert hatte, war nun: Wie geht es weiter?
19 O-TON (Schmelzer)
Nach dem Auslaufen der Marshall-Plan-Gelder war im Prinzip unklar, was passiert eigentlich mit dieser Organisation? Und damals intervenierte sehr stark die USA und hat quasi die OECD neu gegründet als ein Club der westlichen reichen Länder. Neue Mitglieder waren dann eben zuerst die USA und Kanada und dann später auch Japan.
SPRECHERIN
1961 wurde aus der OEEC die noch heute existierende OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Aber trotz des neuen Namens blieb sie bei ihrem bewährten Rezept: Wirtschaftswachstum.
20 O-TON (Schmelzer)
Damals proklamierte die OECD ein Wachstumsziel von 50 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Das heißt, das kollektive Bruttoinlandsprodukt aller Mitgliedsländer sollte um 50 Prozent gesteigert werden in zehn Jahren.
SPRECHERIN
Wobei die ambitionierten Ziele auch Kritik hervorriefen. Manche fragten damals, ob es überhaupt möglich ist, dass die Wirtschaft immer weiter wächst, dass jedes Jahr mehr produziert wird.
21 O-TON (Schmelzer)
Und diese Debatte ist vor allem deswegen interessant, weil sie deutlich macht, dass es damals überhaupt nicht selbstverständlich war, vor allem in Europa, längerfristige Wirtschaftsentwicklung als Expansion zu denken. Die Hauptperspektive in dieser Phase des Wiederaufbaus war ein Zurück-zu-dem-Zustand-vor-dem-Krieg.
MUSIK
SPRECHERIN
Aber genau das änderte sich zu dieser Zeit. Statt Wiederaufbau galt nun: dauerhafte Expansion. Statt Genügsamkeit hieß es: Immer-mehr. Das ständige Wachstum der Wirtschaft wurde zum unhinterfragten Politikziel. Auch weil sich irgendwann zwischen Wiederaufbau und Kaltem Krieg, zwischen Automatisierung und Erdöl-Motoren eine neue Sichtweise etabliert hatte. Matthias Schmelzer spricht von einem Wachstums-Paradigma. Und meint damit:
22 O-TON (Schmelzer)
Dass Wachstum auch ein Versprechen ist, ein Mythos, ein mächtiges Narrativ in unseren Gesellschaften, das sehr stark die Politik prägt und eigentlich auch quasi international zu dem primären Ziel von Wirtschaftspolitik geworden ist.
SPRECHERIN
Wirtschaftswachstum ist seitdem nicht nur die Steigerung des Bruttosozialproduktes, sondern gleichbedeutend mit Fortschritt, Wohlstand und besserem Leben. Das gilt für die meisten bis heute. Dabei zeigt die Forschung, dass dieser Zusammenhang nur bedingt existiert.
23 O-TON (Schmelzer)
Es gibt keine direkte Kopplung von Wirtschaftswachstum und steigendem Wohlstand. Es scheint so zu sein, dass es in den meisten Gesellschaften bis zu einem bestimmten Einkommensniveau tatsächlich diesen Zusammenhang gibt. Aber wenn diese Einkommens-Schwelle überschritten wird, die eben in europäischen Gesellschaften in den 1970er, 80er Jahren überschritten worden ist, dann führte historisch gesehen mehr Wachstum nicht zu steigendem Wohlergehen.
SPRECHERIN
Trotzdem hielt man daran fest, trotz wachsender Kritik aus verschiedenen Richtungen.
24 O-TON (Schmelzer)
Zum einen eine starke Kritik an den Verteilungswirkungen von Wachstum, die eben sehr ungleich sind.
SPRECHERIN
Denn ein stark steigendes Bruttosozial- oder Inlandsprodukt bedeutet nicht automatisch, dass es allen besser geht. Es kann auch nur einer bestimmten Gruppe – theoretisch auch nur einer einzigen Person – zugutekommen.
MUSIK
25 O-TON (Schmelzer)
Gleichzeitig kam auch eine sehr starke ökologische Kritik, Stichwort Grenzen des Wachstums, 1972, auf, die nochmal diese Abhängigkeit von Ressourcen und auch das Problem der Emission in den Vordergrund rückten.
SPRECHERIN
Können wir auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen überhaupt unendlich wachsen? Spätestens ab den 1970ern gab es grundlegende Kritik an einer Wirtschaftsweise, die unsere natürlichen Ressourcen über Gebühr beansprucht. Zu einer Abkehr von der Wachstumsidee führte das allerdings nicht. Stattdessen wollte man anders wachsen.
26 O-TON (Schmelzer)
Der erste Versuch lief unter dem Stichwort qualitatives Wachstum. Aber sehr schnell folgten dann auch andere Begrifflichkeiten, die sich eigentlich über die Jahrzehnte bis heute ziehen.
SPRECHERIN
Inklusives Wachstum, nachhaltiges Wachstum oder grünes Wachstum, zum Beispiel. Wobei sich vor einigen Jahren auch der Begriff Post-Wachstum oder degrowth dazu gesellte, also die Idee weniger zu wachsen. Aber insbesondere in Krisenzeiten zeigt sich immer wieder dasselbe Muster. So etwa nach der Finanzkrise unter der Regierung Angela Merkel.
27 TON (Angela Merkel)
Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung. (…) Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. (…) Und genau vor diesem Hintergrund beginnt die neue Bundesregierung ihre Arbeit mit einem Wachstumsbeschleunigungsgesetz.
SPRECHERIN
Oder 2023, als Finanzminister Christian Lindner erklärte, wie man den Konjunktureinbruch nach dem russischem Angriffs-Krieg bewältigen will.
28 TON (Christian Lindner)
Die Voraussetzung für eine soziale Gesellschaft und dass wir unsere ökologischen Ziele erreichen, dass man auch individuell wirtschaftlich vorankommt, das ist eine starke Wirtschaft. Und hier müssen wir besser werden. Wir haben an Wachstumsdynamik verloren und deshalb legen wir ein Wachstumschancengesetz vor.
MUSIK
SPRECHERIN
Ein Grund, warum so viele Politikerinnen und Politiker so auf Wachstum fokussiert sind, ist, dass unsere Systeme darauf ausgerichtet sind. Denn was passiert, wenn die Wirtschaft tatsächlich mal stark einbricht, zeigte sich nach der Finanzkrise in Griechenland, wo die Wirtschaft um 25 Prozent geschrumpft ist.
29 O-TON (Schmelzer)
Die sozialen Folgen waren katastrophal. Das schlägt sich dann nieder in großen Wellen von Krankenhauspleiten, Versorgungskrisen und generell einer Situation, wo Jugendarbeitslosigkeit explodiert, Menschen auswandern, Perspektiven fehlen. Also Wachstum ist in diesen Gesellschaften eine zentrale Voraussetzung für Stabilität.
SPRECHERIN
Weniger Wachstum führt in unserem Wirtschaftssystem früher oder später zu Arbeitslosigkeit. Das belastet die Sozialsysteme – es wird weniger eingezahlt und gleichzeitig brauchen mehr Menschen Unterstützung. Daneben sinken die Steuereinnahmen – und damit der politische Handlungsspielraum. Unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht unabhängiger, resilienter zu machen, wäre eine wichtige Aufgabe. Dementsprechend wichtig wäre es, Entwürfe für ein gutes individuelles als auch gesellschaftliches Leben zu stärken, für die ständiges Wachstum keine Bedingung ist.
MUSIK
30 O-TON (Schmelzer)
Für die meisten Menschen ist es sehr schwierig, sich vorzustellen, dass es ohne Wirtschaftswachstum überhaupt diese Sachen geben kann: Fortschritt, Entwicklung, eine bessere Zukunft. Und das ist, glaube ich, der Kern der ideologischen Zugkraft dieser Wachstumsidee, der moderne Gesellschaften heute vor Herausforderungen stellt.
SPRECHERIN
Man denkt, dass es gar nicht mehr anders geht. Dass unsere Wirtschaft immerzu wachsen muss. Aber eigentlich ist es eine recht neue Idee, die sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert hat. Gut möglich, dass diese Epoche nun langsam zu Ende geht.
Der Koreakrieg, ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg zwischen 1950 und `53, forderte mehrere Millionen Menschenleben. Wirklich beendet ist er bis heute nicht. Im Juli 1953 wurde nur ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Von Isabella Arcucci (BR 2013)
Autorin: Isabella Arcucci
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Rahel Comtesse, Armin Berger, Clemens Nicol
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Brigitte Reimer
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Schwul sein war in Deutschland fast das ganze 20. Jahrhundert lang verboten. Im Kaiserreich wurde Paragraph 175 ins Strafgesetzbuch aufgenommen, dann durch die Nationalsozialisten verschärft. Sie bestraften gleichgeschlechtliche Liebe mit Gefängnis oder gar KZ-Haft. Nach der NS-Herrschaft wurde das Gesetz unverändert in das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik und der DDR übernommen. Erst vor 30 Jahren, am 10. März 1994 beschloss der Bundestag, den Paragraphen ersatzlos zu streichen. Insgesamt wurden über 50.000 Männer wegen dieses Gesetzes verurteilt. Ihre Entschädigung hat erst 2017 begonnen. (BR 2024)
Credits
Autoren: Christian Schaaf und Michael Zametzer
Redaktion: Heike Simon und Eva Kötting
Linktipps:
BR2 Radioreportage (2024): Vergessene Opfer – Homosexuelle im KZ
Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit, und so ist der 27. Januar heute der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Opfer, das waren Juden und Jüdinnen, aber auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung und außerdem Menschen, die lange darum kämpfen mussten, als Opfergruppe Anerkennung zu finden: Homosexuelle. JETZT ANHÖREN
BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Nacht der langen Messer“ – Der „Röhm-Putsch“ 1934
Im Sommer 1934 brechen die Grabenkämpfe innerhalb der NSDAP offen aus und steigern sich bald zu einem "nationalsozialistischem Bruderkrieg", der dutzende Opfer fordern wird. Allen voran der Stabschef der SA, Ernst Röhm, und weitere wichtige SA-Führer werden in der "Nacht der langen Messer" hingerichtet. Im Anschluss beginnt eine Schmutzkampagne, die ihresgleichen sucht. Im Fokus steht Röhms Homosexualität, weshalb sich bald homosexuelle Menschen im ganzen Reich nicht mehr sicher fühlen können. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk Nova Eine Stunde Liebe (2024): Im Geheimen – Lesbisches Leben in der Weimarer Republik und der NS-Zeit
"Der Aufsteiger" heißt die erste Folge der dreiteiligen ZDF-Dokumentation "Hitlers Macht", die das ZDF 90 Jahre nach Hitlers Regierungsübernahme am 30. Januar 1933 zeigt. JETZT ANHÖREN
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Mit dem Sechstagekrieg eskaliert Mitte 1967 die Situation im Nahen Osten. Israel schlägt die arabischen Nachbarstaaten vernichtend. Zwar ist der Krieg nach wenigen Tagen wieder vorbei. Aber er hat Folgen bis heute. Von Linus Lüring (BR 2024)
Credits
Autor: Linus Lüring
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Rahel Comtesse, Andreas Dirscherl, Christian Baumann
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Dr. Jan Busse, Tom Segev
Linktipps:
BR24: Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza
Am 7. Oktober 2023 greifen Terroristen der Hamas Israel an - seitdem ist Krieg in Israel und Gaza. Was ist damals genau passiert - und warum eskaliert die Gewalt dort immer weiter? Dieser Podcast erklärt die Hintergründe - einmal mit Hilfe unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten – und indem wir mit Menschen aus Israel und den palästinensischen Gebieten sprechen, die eine sehr unterschiedliche Sicht auf den Konflikt haben. ZUM PODCAST
Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Palästinenser und die Nakba
Seit Jahrzehnten ist der Nahost-Konflikt ungelöst. Die Hintergründe sind kompliziert. Verbunden mit der Gründung Israels 1948 wurden Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben oder flohen. Die Vertreibung ist in der arabischen Welt unter dem Begriff Nakba ("Katastrophe") bekannt. Bis heute sind weltweit mehrere Millionen Menschen mit palästinensischen Wurzeln staatenlos. Auch für Palästinenser, die im Westjordanland leben, ist die Lage seit langem schwierig - und im Gazastreifen inzwischen verzweifelt. Ein Rückblick. JETZT ANHÖREN
Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Die Staatsgründung Israels
Am 14.05.1948 endet das britische Mandat über Palästina. Noch am gleichen Nachmittag ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staat Israel aus. Damit geht der Wunsch vieler Jüdinnen und Juden in Erfüllung, nach den letzten Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung zurückkehren zu können nach Zion, dem "Land der Väter". Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. JETZT ANHÖREN
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK & ATMO
Erzählerin
Es ist früh am Morgen, als am 5. Juni 1967 dutzende Kampfflugzeuge der israelischen Armee abheben. Ihr Ziel Ägypten. Tom Segev ist damals 22 Jahre alt. Der Israeli kann die Situation erst nicht ganz einschätzen..
1 Segev
Viele Flugzeuge, die haben wir schon gehört. Keine Ahnung was das bedeutet. Nicht mal gewusst, ob das unsere sind. Aber ja, nach der Richtung konnte man schon sehen.
Erzählerin
Dass es zu einem Krieg kommen wird, lag damals bereits in der Luft. Tom Segev ist zu der Zeit im Süden des Landes, in einem sogenannten Kibbuz – einer Gemeinschaftssiedlung. Nicht weit entfernt vom Gaza-Streifen, der damals unter ägyptischer Verwaltung steht. Tom Segev hat sich damals für die Verteidigung des Kibbuz gemeldet.
2 Segev
Wir lagen auf dem Boden. Man hat mir ein Gewehr gegeben. Und wir sahen weit weg die Lichter von Gaza und wir wussten eigentlich nicht, was wir jetzt tun sollen.
Erzählerin
Die Frage, die sich Tom Segev und die anderen um ihn herum stellen – Werden bald schon ägyptische Panzer hier angreifen?
Was Tom Segev zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß – es wird zu keinem Gegenangriff kommen. Der Krieg, der gerade erst begonnen hat – er wird schon wenige Tage später wieder vorbei sein. Und er wird die Machtverhältnisse im Nahen Osten auf den Kopf stellen, erklärt der Nahost-Experte Jan Busse. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr in München.
3 Busse
Vorher war es so, dass Israel sich selber und auch von außen so betrachtet wurde: Da ist der kleine David, umgeben von einem übermächtigen arabischen Goliath, und durch diesen Krieg von 1967 hat sich dieses eigentlich ins komplette Gegenteil verkehrt.
Erzählerin
Israel hat nicht nur gegen Ägypten, sondern auch gegen Syrien und Jordanien gekämpft und einen überwältigenden Sieg errungen. Nach nicht mal einer Woche wird das Territorium, das Israel kontrolliert, dreimal größer sein als vor dem Krieg. In weiten Teilen der Welt ist der Krieg von 1967 heute nach seiner Dauer benannt. Der Sechstagekrieg. Dabei ist dieser Titel eine israelische Wortschöpfung und soll die eigene Dominanz betonen. In der arabischen Welt ist die Wahrnehmung eine völlig andere. Dort spricht man von “Naksa”, arabisch für Rückschlag. Fest steht: Der Krieg und die Ergebnisse prägen die Region bis heute.
Wie aber konnte es zu dieser bewaffneten Konfrontation kommen?
MUSIK
Erzählerin
Mitentscheidend ist das Jahr 1948. Damals erklärt sich Israel für unabhängig. Nur wenige Stunden später wird der junge Staat von seinen arabischen Nachbarn angegriffen, darunter Ägypten, Jordanien und Syrien. Erklärtes Ziel war es, den entstehenden jüdischen Staat zu vernichten. Israel konnte in diesem Krieg allerdings große militärische Erfolge erreichen. Zwischen allen Parteien wurden später zwar Waffenstillstandsabkommen geschlossen, allerdings keine dauerhaften Friedensverträge. Keines der arabischen Nachbarländer akzeptierte Israel als souveränen Staat. Die Lage bleibt unsicher und es kommt immer wieder zu massiven militärischen Auseinandersetzungen und Drohungen. In den 1960er Jahren gerät die Situation dann außer Kontrolle, analysiert Jan Busse.
5 Busse
Das heißt, wir haben dort eine Situation, wo eigentlich alle Seiten befürchtet hatten: Es kommt zu einem Angriff, ohne dass es wirklich gewollt war. Also man ist ein Stück weit hineingeschlittert, und die Situation hat sich sukzessive seit Beginn der 1960er-Jahre eigentlich immer weiter verschärft.
MUSIK
Erzählerin
Ein erster Auslöser in der trockenen Region ist die Wasserproblematik. Israel beginnt Wasser aus dem See Genezareth abzuleiten, um Bewässerungssysteme auf eigenem Territorium aufzubauen. Dies gefährdet allerdings die Wasserversorgung Jordaniens, wogegen das Land scharf protestiert. Zudem greift in dieser Zeit Israel immer häufiger Ziele in Syrien oder Jordanien an, weil von dort palästinensische Befreiungskämpfer nach Israel eindringen und Anschläge verüben. Anfang 1967 eskaliert die Situation dann weiter.
Im Mittelpunkt dabei: Ägyptens Präsident Nasser. Führer der arabischen Welt, das ist die Rolle, die er für sich sieht. Von Jordanien oder Syrien wird er allerdings kritisch gesehen. Vor allem gegenüber Israel sei er zu wenig durchsetzungsstark. Nasser weiß, dass er jetzt liefern muss.
6 Nasser (bereits overvoiced)
Mit der Existenz des Staates Israel werden wir uns nicht abfinden. Jede israelische Aggression wird zum totalen Krieg führen. Ägypten wird jedoch nicht als erster angreifen. Truppen der Vereinten Nationen sollen nicht mehr auf ägyptischem Boden stationiert werden.
Erzählerin
Die Truppen der Vereinten Nationen, gegen die Nasser sich hier in einer Rede richtet, sind auf der Sinai-Halbinsel stationiert, an der Grenze zu Israel. Sie sichern auf ägyptischem Boden eine Pufferzone zwischen den beiden verfeindeten Ländern. Im Mai 1967 kommt es dann zu einer Entwicklung, die viele internationale Beobachter verwundert und Israel schockiert. Die Vereinten Nationen geben Nassers Forderung tatsächlich nach: Die UN-Friedenstruppen werden abgezogen. Sofort rückt das ägyptische Militär nach und hunderte Panzer werden auf dem Sinai stationiert. Auch Syrien zieht Truppen an der Grenze zu Israel zusammen. Und aus anderen arabischen Staaten sind ähnliche Pläne zu hören.
MUSIK
Erzählerin
Tom Segev, der als junger Israeli damals im Kibbuz im Süden Israels lebt, erinnert sich, dass diese Eskalation und die Vernichtungsdrohungen aus Ägypten in der israelischen Gesellschaft damals traumatischste Erfahrungen wachrufen:
7 Segev
Das war zu einer Zeit als die meisten Israelis noch gar nicht Hebräisch konnten. Die meisten Israelis waren neue Einwanderer. Viele waren Holocaust-Überlebende. Und wenn man auf schlechtem Hebräisch aus dem arabischen Radio das Wort Vernichtung hört, dann meint man Holocaust. Und diese Angst war ganz authentisch.
Erzählerin
Zu dieser existenziellen Angst vor einem erneuten Holocaust kommt, dass die israelische Gesellschaft ohnehin tief verunsichert ist. Das Land erlebt Mitte der 1960er Jahre eine tiefgreifende wirtschaftliche Rezession, immer mehr Menschen werden arbeitslos. Und immer mehr verlassen Israel – es kommt zu einer Auswanderungswelle von zehntausenden Menschen. Eine Zeitung schreibt bereits davon, dass das “Unternehmen gescheitert sei”. Gemeint ist die Vision des Staates Israel. Die Situation ist 1967 also nicht nur international, sondern auch innerhalb des Landes angespannt.
MUSIK
Erzählerin
Am 20. Mai reagiert Israels Premierminister Levi Eschkol. Er befiehlt die Mobilmachung der israelischen Streitkräfte. Davon fühlt sich wiederum Ägyptens Präsident Nasser provoziert. Mit Kriegsschiffen lässt er zwei Tage später die Meerenge von Tiran blockieren. Israelische Schiffe können nun nicht mehr passieren. Israels einziger Zugang zum Roten Meer ist geschlossen. Das bedeutet unter anderem, dass wichtige Ölimporte nun nicht mehr ins Land kommen können. Die Reaktion in der arabischen Welt ist geradezu euphorisch. Endlich droht Nasser nicht nur, sondern zeigt Stärke gegenüber dem verhassten Israel. Gleichzeitig überrascht Nasser mit diesem Schritt viele internationale Beobachter und auch die Sowjetunion, die damals Ägypten militärisch unterstützt. Allen ist klar: Die Sperrung der Meerenge von Tiran kann als Kriegserklärung gegenüber Israel aufgefasst werden.
Wie wird Israel reagieren? Die Angst vor einem Krieg bestimmt jetzt den Alltag im Land und im Kabinett beginnen hektische Beratungen. Der populäre Mosche Dajan wird am 1. Juni neuer Verteidigungsminister. Er war früher Generalstabschef der israelischen Streitkräfte. In einer seiner ersten Pressekonferenzen versucht Dajan, die Stärke Israels zu demonstrieren.
8 Dajan
Let me say I don’t want anyone else to fight for us. Whatever can be done in a diplomatic way I would welcome and encourage but if fighting does come to Israel I would not like American or British boys to get killed here and I do not think we need them.
Sprecher 1 - Voice Over 1
Ich erwarte es nicht und möchte auch nicht, dass jemand anderes für uns kämpft. Ich unterstütze alles, was auf diplomatischem Weg getan werden kann. Aber wenn es zu Kämpfen kommt, möchte ich nicht, dass britische oder amerikanische Soldaten hier getötet werden. Und ich glaube auch nicht, dass wir sie brauchen!
Erzählerin
In internen Beratungen in der israelischen Regierung sind die Einschätzungen aber keineswegs so eindeutig. Ministerpräsident Eshkol zögert. Wie stark sind die eigenen Truppen wirklich? Wie weit wird Nasser gehen? Bis heute gibt es darauf keine eindeutige Antwort, erklärt der Nahost-Experte Jan Busse.
9 Busse
Also so eine Konfrontation entwickelt der immer irgendwann eine gewisse Eigendynamik, die schwer kontrollierbar ist. Ob ein Krieg unvermeidbar ist, ist natürlich in der Rückschau ganz, ganz schwer zu beurteilen. Klar ist auf jeden Fall: Es gibt Hinweise darauf, dass Nasser eigentlich gar keinen Krieg wollte und sich eigentlich mit seiner Drohkulisse verkalkuliert hat.
TC 10:10 – Angriff ist die beste Verteidigung?
MUSIK
Erzählerin
In den ersten Juni-Tagen 1967 wächst in der israelischen Führung die Überzeugung: Nur wenn man selbst angreift und den hochgerüsteten ägyptischen Gegner überrascht, dann gibt es eine realistische Chance aus einem Krieg als Sieger hervorzugehen. Von einem „präventiven Angriff“ ist unter israelischen Militärs die Rede. Dafür gilt es aber noch, einen Punkt zu klären: Zwar ist man überzeugt, allein kämpfen zu müssen. Trotzdem möchte man so einen Angriff mit dem wichtigsten Verbündeten abstimmen: Den USA. Der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson versucht in größter Eile einen Vermittlungsversuch zu starten. Allerdings ohne Erfolg. In Israel fällt die Entscheidung zum Angriff. Am frühen Morgen des 5. Juni 1967 soll es so weit sein. Tom Segev hält damals regelmäßig Wache an der Grenze zu Gaza.
10 Segev
Meine Befürchtung war, dass ich einschlafe. Aber das ist natürlich nicht passiert. Wir hatten ein kleines Transistorradio mit uns und haben die Nachrichten gehört.
Erzählerin
Dann kommt der Moment, wo Tom Segev die Flugzeuge über sich hinweg donnern hört. Sie fliegen wenige Meter über der Erde, um vom ägyptischen Radar nicht entdeckt zu werden. Tom Segev realisiert:
11 Segev
Ja es war Krieg, es war ganz klar Krieg. Lauter Bombardierungen …
MUSIK & ATMO
Erzählerin
Was Tom Segev hier erlebt, ist die Operation “Fokus”, der Beginn des Sechstagekriegs. Gegen 7 Uhr am Morgen greifen rund 200 israelische Kampfflugzeuge ägyptische Luftwaffenbasen an. In drei Wellen laufen die Attacken ab. Die israelischen Piloten haben einen solchen Angriff lange trainiert. Sie wissen genau, wo die ägyptischen Flugzeuge stationiert sind. Die Ägypter sind von dem Angriff völlig überrascht. Viele von ihnen sitzen noch beim Frühstück, heißt es. Die Bilanz nach wenigen Stunden – Dutzende ägyptische Piloten sind tot und die meisten der Kampfflugzeuge Ägyptens wurden am Boden zerstört. An die 400 sollen es sein. Außerdem sind die Start- und Landebahnen im Land weitgehend nicht mehr einsatzfähig. Ägypten gelingt es im Gegenzug nicht israelische Flugzeuge in großer Zahl abzuschießen. Damit werden auf israelischer Seite auch nur wenige Soldaten getötet. Noch wichtiger aber: Israel hat jetzt uneingeschränkte Lufthoheit. In dieser Situation rücken israelische Bodentruppen vor auf der Sinai-Halbinsel. Sie kommen schnell voran. Ägyptische Soldaten flüchten zu Tausenden. Geräte und Fahrzeuge lassen sie in Panik in der Wüste zurück. Am Ende des Tages stellt die Führung fest: Von Ägypten droht keine Gefahr mehr für Israel.
12 Segev
Irgendwann in der Nacht hat man uns dann gesagt, der Krieg ist zu Ende!
Erzählerin
Dies ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Auf der Sinai-Halbinsel wird weitergekämpft. Bald schon werden israelische Kräfte bis zum Suez-Kanal vorstoßen. Und auch in anderen Teilen des Landes sind Kämpfe ausgebrochen. Dabei ist Jordanien der ägyptischen Propaganda aufgesessen. Dort heißt es, Israel sei bereits am Rande der Niederlage. Deshalb greift Jordanien jetzt auch israelische Städte an. Israel reagiert und rückt in Gebiete vor, die von Jordanien annektiert wurden. Dabei handelt es sich um Gebiete westlich des Jordan-Flusses, das sogenannte Westjordanland. Schnell erobern die Israelis Städte wie Dschenin. Dann rückt eine andere Metropole ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Jerusalem, die Heilige Stadt. Israel hat sie zu seiner Hauptstadt erklärt. Allerdings ist Jerusalem geteilt. Israel kontrolliert nur den Westteil. Seit 1948 besetzt Jordanien den Osten. Hier befinden sich die Altstadt und eine der heiligsten Stätten im Judentum, die Klagemauer. Auch bedeutende religiöse Orte des Christentums und des Islam liegen dort.
MUSIK
Erzählerin
Die Kämpfe um Jerusalem sind hart. In den engen Straßen wird um jeden Meter erbittert gekämpft. Dutzende Soldaten sterben auf beiden Seiten. Doch schließlich sind die Truppen Jordaniens besiegt. Zwei Tage nach dem Beginn des Krieges, am 7. Juni, gegen 10 Uhr vormittags ist der Weg in die Altstadt Jerusalems frei. Wenig später stehen dann erste israelische Soldaten an der Klagemauer. Im Land hören die Menschen im Radio wie ein General die Einnahme der Altstadt verkündet.
ATMO
Erzählerin
Die Euphorie im Land ist grenzenlos.
Jerusalem war der Sehnsuchtsort vieler Juden. Nun ist sie wieder vollständig unter israelischer Kontrolle. Auch Tom Segev macht sich elektrisiert auf den Weg nach Jerusalem, in die Stadt, in der er geboren wurde und die er nur geteilt kannte.
14 Segev
Ich war begeistert davon, dass ich ein Teil einer unglaublichen Story bin. Ich war mit einem Freund zusammen. Wir sind ja aufgewachsen in der geteilten Stadt. Und die Altstadt war hinter dem Mond. Weiter weg als Ostberlin von Westberlin. Und auf einmal sind wir dort.
Erzählerin
Die Freude, die er damals spürt und die die gesamte israelische Gesellschaft ergreift, sieht Tom Segev heute differenzierter. Er hat vor einigen Jahren ein umfangreiches Buch über den Sechstagekrieg geschrieben. Dabei hat er auch rekonstruiert, wie damals die Planungen im israelischen Kabinett abgelaufen sind.
15 Segev
Das Interessante ist, dass nicht einer von den Ministern die Frage stellt, sagt mal liebe Kollegen, warum ist das eigentlich gut für uns, Ostjerusalem zu erobern? Niemand fragt, was bedeutet das, dass wir jetzt heilige Plätze erobern, die das Allerwichtigste sind für viele hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt.
Erzählerin
Der Nahost-Experte Jan Busse hinterfragt in diesem Zusammenhang die Strategie Israels generell.
16 Busse
Also, was die israelischen Ziele angeht, ist auffällig, dass es eigentlich keine klar politisch formulierte Zielsetzung bei diesem Krieg gegeben hat, außer dass man sich verteidigen wollte vor einer als existenziell wahrgenommenen Bedrohung durch Ägypten, das heißt vorrangig ging es darum, die eigene Sicherheit zu schützen und nicht darum, Gebiet zu erobern. Das hat sich tatsächlich erst im Kriegsverlauf ergeben und war auch zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich politisch vorgegeben. Man ist strategielos an diesen Krieg herangegangen und das ist immer etwas, das problematisch ist.
MUSIK
Erzählerin
An die Folgen denkt aber in diesem Moment niemand. Die Gesellschaft ist euphorisiert von der eigenen Stärke. Israels Truppen sind vor allem strategisch überlegen und eilen von Sieg zu Sieg. Am 10. Juni hat Israel von Ägypten die komplette Sinai-Halbinsel und den Gaza-Streifen erobert. Außerdem sind die jordanischen Truppen aus dem Westjordanland und Ostjerusalem vertrieben. Gekämpft wird noch im Norden. Dort sind israelische Truppen dabei, im Kampf mit syrischen Einheiten noch die Kontrolle über die Golan-Höhen zu bekommen. Das Gebiet ist strategisch wichtig und bietet Zugang zum wertvollen Wasser des Jordan, der hier entspringt. Am 10. Juni gegen 18 Uhr tritt dann - auch auf Vermittlung der USA und der Vereinten Nationen - eine Waffenruhe zwischen Israel und Syrien in Kraft. Damit sind die letzten Kämpfe beendet, der Krieg ist vorbei. Nach 6 Tagen…
MUSIK
...
Während des Ersten Weltkriegs trafen im Nahen Osten sehr gegensätzliche Interessen aufeinander: die kriegführenden europäischen Großmächte, das späte Osmanische Reich, arabische Bevölkerung und bald eine immer größere Gruppe von jüdischen Zuwanderern. Unklare Versprechen, große Erwartungen und enttäuschte Hoffnungen prägen die Jahre zwischen den Weltkriegen. In ihnen liegen die Wurzeln des Nahostkonflikts. Von Rainer Volk (BR 2024)
Credits
Autor: Rainer Volk
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Carsten Fabian, Katja Schild
Technik: Simon Lobenhofer
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Ulrike Freitag, Prof. Peter Wien, Prof. Michael Brenner,
Linktipps:
BR24: Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza
Am 7. Oktober 2023 greifen Terroristen der Hamas Israel an - seitdem ist Krieg in Israel und Gaza. Was ist damals genau passiert - und warum eskaliert die Gewalt dort immer weiter? Dieser Podcast erklärt die Hintergründe - einmal mit Hilfe unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten – und indem wir mit Menschen aus Israel und den palästinensischen Gebieten sprechen, die eine sehr unterschiedliche Sicht auf den Konflikt haben. ZUM PODCAST
Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Palästinenser und die Nakba
Seit Jahrzehnten ist der Nahost-Konflikt ungelöst. Die Hintergründe sind kompliziert. Verbunden mit der Gründung Israels 1948 wurden Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben oder flohen. Die Vertreibung ist in der arabischen Welt unter dem Begriff Nakba ("Katastrophe") bekannt. Bis heute sind weltweit mehrere Millionen Menschen mit palästinensischen Wurzeln staatenlos. Auch für Palästinenser, die im Westjordanland leben, ist die Lage seit langem schwierig - und im Gazastreifen inzwischen verzweifelt. Ein Rückblick. JETZT ANHÖREN
Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Die Staatsgründung Israels
Am 14.05.1948 endet das britische Mandat über Palästina. Noch am gleichen Nachmittag ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staat Israel aus. Damit geht der Wunsch vieler Jüdinnen und Juden in Erfüllung, nach den letzten Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung zurückkehren zu können nach Zion, dem "Land der Väter". Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript
OT 1: Musik (Ouverture „Lawrence of Arabia – The voice of the guns”)
Erzähler:
Eigentlich beginnt die Geschichte Palästinas zwischen den Weltkriegen
schon vor diesem Zeitabschnitt – nämlich etwa ab 1916. Denn von da an zeigen sich die Folgen der Allianzen im Ersten Weltkrieg: Das Osmanische Reich ist als Verbündeter des Deutschen Reiches auch Gegner der Weltmacht Großbritannien, das sich um seine Interessen im Nahen Osten sorgt. Ab 1916 versucht London daher massiv, das Osmanische Reich zu schwächen.
Erzähler:
Konkret geht es um den Suez-Kanal: Die Briten glauben, die Osmanen könnten diese schnellste Verbindung Richtung Indien angreifen und blockieren. Deshalb inszeniert der britische Geheimdienst auf der arabischen Halbinsel einen Aufstand der dortigen Stämme - eine berühmte Geschichte. Eine wichtige Rolle dabei spielt der britische Archäologe und Geheimdienst-Offizier Thomas Edward Lawrence. Die Historikerin Professor Ulrike Freitag, Direktorin am Berliner Zentrum Moderner Orient, hält den autobiografischen Bericht „Die sieben Säulen der Weisheit“, den Lawrence in den 1920er Jahren verfasst und den daran angelehnten Film „Lawrence von Arabien“ für ebenso informativ - wie einseitig:
OT 2: (Freitag – Lawrence)
„Man kann T.E. Lawrence lesen - aber man muss wissen, dass er natürlich unterwegs war, um britische Politik durchzusetzen. Das heißt: Er gibt eine – durchaus arabophile – aber eine britische Perspektive wieder. Und wenn Sie die arabische Perspektive wissen wollen, dann müssen Sie sich eher mit den arabischen Quellen auseinandersetzen.“
Erzähler:
Anders als die Geschichte von T.E. Lawrence sind die Hintergründe und Biografien der wichtigen arabischen Akteure des Palästina-Konflikts zwischen den Weltkriegen in Europa weitgehend unbekannt. Dabei sind Herkunft, Leben und Nachkommen der politisch Handelnden teilweise bis heute prägend für die Staatenwelt in Arabien:
OT 3: (Musik-Akzent aus „After bombing raid”)
Zitator/in
„Hussein bin-Ali, geboren 1854. Er ist Oberhaupt der Haschemiten-Dynastie; ein Nachfahre des Propheten Mohammed in 37. Generation. Der türkische Sultan hat Hussein bin-Ali 1908 zum Emir – also zum Prinzen - von Mekka ernannt. //
Sein dritter Sohn ist Faisal bin al-Hussein, geboren 1885. Mit Faisal hat T.E. Lawrence intensiven Kontakt während des Arabischen Aufstands. //
Abdulaziz-bin-Abdul Rahman, allgemein bekannt als Ibn Saud, Jahrgang 1876. Er ist das Oberhaupt des Saud-Klans; Ibn-Saud beherrscht Anfang der 1920er Jahre Mitte und Norden der arabischen Halbinsel bis zum Golf von Persien. Er ist Verbündeter der Briten und Rivale der Haschemiten.
Erzähler:
Der Film „Lawrence von Arabien“ zeigt die Anfänge des Palästina-Konflikts als tragisches Abenteuer; die Gründe des so genannten „Großen Arabischen Aufstands“ ab 1916 bleiben Nebensache. Im Rückblick sagen Experten: Wichtig war, neben arabischem Nationalismus, auch die Not der Menschen. Denn im Weltkrieg haben Briten und Franzosen alle Häfen des Osmanischen Reiches blockiert. Die Folge: Fast überall sind Lebensmittel knapp und es wird gehungert, so Ulrike Freitag.
OT 4: (Freitag – Blockade)
„Da die Osmanen ja offiziell dort herrschten, betraf diese Blockade auch die arabische Halbinsel. Und deswegen waren eben nicht nur Gold, sondern auch Nahrungsmittel und Waffen sehr wichtig für diesen Aufstand. Dieser führte dann dazu, dass Hussein-bin-Ali sich – über seinen Sohn Faisal insbesondere – mit arabischen Nationalisten unter osmanischer Herrschaft in Damaskus und Beirut und Palästina zusammentat und einen Aufstand gegen die Osmanen durchführte.“
Erzähler:
Das klingt einfacher als es ist: Denn in der Großregion kämpfen bald auch Araber gegen Araber: Ibn-Saud zieht gegen Hussein-bin-Ali in den Krieg; erobert 1924 Mekka und andere heilige Stätten des Islam, gründet damit das heutige Saudi-Arabien. Vor allem treten nun die Konsequenzen europäischer Großmachtpolitik hervor. Für die Friedensverhandlungen in Versailles ab 1919, bei den auch der Nahe Osten behandelt wird, sind drei Vorabsprachen wichtig:
Zitator/Zitatorin:
Zu Kriegsbeginn 1914 sagt der britische Militärgouverneur in Ägypten, McMahon, Hussein bin-Ali die Unabhängigkeit der Region unter seiner Herrschaft zu, wenn dieser mit dem Empire paktiert. //
Im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 teilen Briten und Franzosen den Nahen Osten in Einfluss-Sphären ein – von der Levante bis zum Sinai, vom Mittelmeer bis zum Jemen. //
Im November 1917 erklärt der britische Außenminister Balfour, London wolle jüdischen Siedlern in Palästina eine Heimat gewähren.
OT 5: (Wien – Balfour I - ca. 10:50) –
„Es wird darin nicht gesprochen von einem jüdischen Staat, der gegründet werden soll, sondern es geht dabei um eine „jüdische Heimstätte“.
Erzähler:
Erklärt Peter Wien, Professor für moderne Geschichte des Nahen Ostens an der Universität von Maryland in den USA über das berühmte Dokument:
OT 6: (Wien – Balfour II) –
„Dass es dabei eine arabische Bevölkerung geben könnte, die selbst sowas wie nationale Interessen haben könnte, taucht ja in diesem Dokument gar nicht auf. Das heißt: Die Formulierungen sind sehr, sehr vorsichtig und teilweise auch in sich widersprüchlich gewählt und lassen viele Deutungen offen.“
Erzähler:
Die komplizierte Ausgangssituation wird nicht einfacher, als der neu geschaffene Völkerbund Anfang der 1920er Jahre Franzosen und Briten Mandatsgebiete in der Region zuspricht. Denn diese schaffen Fakten, die nicht der über Jahrhunderte gewachsenen Lebenswelt der Einheimischen entsprechen. Die Historikerin Ulrike Freitag sagt über die Grenzen, die nun entstehen:
OT 7: (Freitag – Grenzen) –
„Diese Grenzen gingen eben durch historisch eng miteinander verknüpfte Gebiete, durch Handelsrouten hindurch, teilweise durch Familien hindurch. Also zwischen dem was Trans-Jordanien, heute Jordanien, wurde und Syrien beispielsweise, aber auch zwischen Syrien und dem Irak. Da war das Öl von Mossul ein besonderer Zankapfel zwischen Franzosen und Briten.“ 0’25
OT 8: (Musik – „Ich fohr aheim“ – hist.)
Erzähler:
Ein jiddisches Lied aus dem frühen 20.Jahrhundert – es besingt die Alija – die Rückkehr europäischer Juden nach Palästina. Bis Anfang der 1920 Jahre ist das auch „Zionismus“ genannte Phänomen vor Ort wenig relevant. Im Oktober 1922, als die britische Verwaltung in Jerusalem die erste offizielle Einwohnerzählung in Palästina anordnet, scheint das Problem beherrschbar:
Zitatorin:
„Demnach leben zu diesem Zeitpunkt gut eine dreiviertel Million Menschen in dem Mandatsgebiet. 590-tausend davon sind Muslime, 84-tausend also etwa 14 Prozent sind Juden, 73-tausend Christen, 7-tausend gehören der drusischen Minderheit an.“
Erzähler:
Forschungen zu den Ansichten der arabischen Mehrheitsbevölkerung der Region zeigen für die 20er Jahre ein sehr breites Meinungsspektrum. Ein Indikator hierfür sind die Zeitungen und Zeitschriften, die in Städten wie Jaffa, Haifa oder Beirut erscheinen. So hofft ein Teil der Elite aus Lokalpolitikern und Journalisten offenbar, zionistische Siedler könnten durch Investitionen in Landwirtschaft und Infrastruktur ihre Welt modernisieren. Der Nahost-Historiker Peter Wien sagt über das geteilte Stimmungsbild bei den Muslimen:
O-Ton 9: (Wien – Meinungen) –
„Die einen empfinden es als Bedrohung, andere empfinden Solidarität mit den Juden, weil man sich klar darüber ist, dass Juden in Europa eine viel, viel schlechtere Position haben, als sie eigentlich über Jahrhunderte in den islamischen Ländern hatten. Also es gibt durchaus eine differenzierte Darstellung dieses Phänomens.“
Erzähler:
In der Tat vergrößern Pogrome und Wirtschaftskrisen die Bedrängnis vieler Juden in Europa, besonders im Osten, Anfang der 1920er Jahre. Die Auswandererzahlen steigen – was den Wortführern des Zionismus politisch zupasskommt. Zumal der Begriff „Palästina“ erst nach dem Ersten Weltkrieg und der Neuordnung des Nahen Ostens ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist – also auch propagandistisch nutzbar wird – erklärt Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München:
OT 10: (Brenner – Palästina-Begriff) –
„Also zunächst müssen wir mal sagen, dass überhaupt zum ersten Mal in der Geschichte Palästina auf einer Landkarte verzeichnet war als britisches Mandatsgebiet. Unter der osmanischen Herrschaft waren das verschiedene Regionen. Und der Name Palästina tauchte auf keiner politischen Landkarte auf.“
Erzähler:
Nur für eine sehr kurze Zeit hofft Großbritannien zunächst, es könne sein Mandatsgebiet mit politischem Geschick und Wachsamkeit halbwegs ruhig halten. Dann müssen Londons Vertreter in Jerusalem feststellen: Die Hitzköpfe auf arabischer wie jüdischer Seite lassen sich nur schwer im Zaum halten. Ulrike Freitag spricht von einem „Crescendo“ der Gewalt, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Palästinas der Zwischenkriegszeit zieht und sieht das Startsignal 1921 bei einer religiösen Festlichkeit:
OT 11: (Freitag – Unruhen ab 1921) –
„Da kommt es zu großen Auseinandersetzungen im Rahmen einer eigentlich sehr traditionellen muslimischen Prozession, die aber immer etwa gleichzeitig etwa stattfand mit christlichen und jüdischen Prozessionen. 1929 wäre dann zu nennen – in Jaffa, insbesondere. Aber auch Unruhen, die sich aber dann sehr schnell sehr breit ausbreiten.“
Erzähler:
Diese Einschätzung wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Bedeutung der Religion für den Konflikt. Vor allem Jerusalem mit seinen heiligen Stätten für Christen, Juden und Muslime wird zunehmend zum Zankapfel der Fanatiker. Einer von ihnen ist auf arabisch-muslimischer Seite der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini:
Zitatorin:
Das Geburtsjahr von Mohammed Amin al-Husseini – 1895, -96, oder -97, ist unklar. Seine Familie ist wohlhabend, der Vater bereits Mufti von Jerusalem – also: islamischer Rechtsgelehrter – und vehementer Anti-Zionist. Al-Husseini studiert in Kairo islamisches Recht und in Istanbul Verwaltungswissenschaft. Als 1921 sein Bruder stirbt, ernennen ihn die Briten zu dessen Nachfolger als Großmufti von Jerusalem, also zum politisch-religiösen Oberhaupt der Muslime in Palästina.
Erzähler:
Anders als der wegen der Namensähnlichkeit oft mit ihm verwechselte Emir bin-Husseini, der bei den Briten zunehmend in Ungnade fällt, erlebt der Großmufti einen Aufstieg. London unterschätzt lange, dass die Mischung aus Nationalismus und Religion ihn zur Galionsfigur muslimischer Fanatiker werden lässt. Peter Wien von der University of Maryland:
OT 12: (Wien – Al-Husseini) –
„Der genannte Amir-al-Husseini hält 1931 einen Kongress in Jerusalem und schafft es eben in dieser Veranstaltung, genau dieses Thema, dass Palästina zentral ist für islamische, politisierte, national-arabische Identitäten – zu etablieren. Und schafft auch den Felsendom – das klare Symbol, das alle mit Palästina und mit dem Ruf nach Freiheit für Palästina, der da formuliert wird – dass das damit verbunden wird.“
OT 13: (Musik „Shir Ha Emek”)
Erzähler:
Und doch braut sich der Sturm aus politisch-religiös motivierten Morden, Hinterhalten und Vergeltungstaten nur allmählich zusammen. So sind zeitgenössische Dokumentarfilme der 1920er und 30er Jahre über Palästina zum Beispiel „Land of promise – Land der Verheißung“, häufig unterlegt mit idyllischer Musik. Sie vermittelt den Eindruck einer blühenden Landwirtschaft und rasch wachsender Städte – einer besseren Zukunft für Juden.
Zitator:
Tel Aviv zum Beispiel, erst 1909 als Vorort der Hafenstadt Jaffa gegründet, wird rasch zum Vorzeige-Projekt für Einwanderer aus Europa. Viele Gebäude sind im Bauhaus-Stil errichtet – ein Sinnbild für Modernität und Fortschritt. 1931 hat Tel Aviv bereits 46-tausend Einwohner; kurz vor dem Zweiten Weltkrieg 150-tausend. Insgesamt verzehnfacht sich die jüdische Bevölkerung in Palästina bis Ende der 1930er Jahre, während sich die Zahl der arabischen Muslime nur verdoppelt.
Erzähler:
Aus heutiger Sicht erscheint es naiv, dass Großbritannien lange an eine friedliche Lösung für den Konflikt in Palästina glaubt. Seine Diplomaten lassen sich allerhand einfallen, um vor Ort Zeichen der Hoffnung zu geben. So ernennt die britische Regierung 1920 Herbert Samuel zum Hochkommissar für das Mandatsgebiet - einen praktizierenden Juden. Für Professor Michael Brenner hat diese Personalie besondere Bedeutung:
OT 14: (Brenner – Samuel) –
„Zum ersten Mal hat ein Jude sozusagen politische Gewalt über das Territorium. Aber Herbert Samuel war Brite und er hat vor allem als Brite gehandelt und hat damit viele der Zionisten auch enttäuscht, weil er doch die Versprechungen, die viele in der Balfour-Deklaration sahen, nicht unbedingt erfüllte. Und vor allem seine Nachfolger, die dann nicht mehr jüdisch waren, sind immer weiter abgerückt von der Erklärung, den Juden eine nationale Heimstätte zu schaffen.“
Erzähler:
Ab Ende der 1920er Jahre werden die Phasen der Ruhe in Palästina immer kürzer. Ein Indikator dafür ist die Zahl der Soldaten und Polizisten, die Großbritannien braucht, um Herr der Lage zu bleiben. Besteht die britische Polizei in Palästina anfangs aus weniger als 800 Mann, so steigt deren Zahl bis 1926 bereits auf 1500. Im August 1929 müssen die Polizei-Oberen eilends um Verstärkung durch Soldaten bitten – mehrere tausend Mann werden aus Kairo per Flugzeug und Zug in Marsch gesetzt, weil Unruhen ausbrechen. Die Konsequenzen für die Londoner Palästina-Politik sind drastisch – sagt die Historikerin Ulrike Freitag:
OT 16: (Freitag – Briten/Kontrolle) –
„Nach 1929 haben sie die Gewalt so gesehen, dass sie dachten: Wir müssen jetzt die Einwanderung begrenzen. Und daraufhin haben sich die ersten auch zionistisch-terroristischen Gruppen gegründet, die dann auch begannen gegen die Briten, die dann nicht mehr als Förderer des Einwanderungsprojektes, sondern als dessen Verhinderer gesehen wurden, zu kämpfen.
Erzähler:
Ulrike Freitag meint mit „zionistisch-terroristische Gruppen“ unter anderem die „Irgun“ und die „Hagana“ – zwei anfangs verbündete, dann konkurrierende Untergrund-Organisationen, die Attentate gegen arabische und britische Einrichtungen verüben. Übrigens wird die Hagana nach der Staatsgründung zur Keimzelle der Armee des Staates Israel. – Ursache für den Zorn der militanten Zionisten sind offizielle britische Stellungnahmen wie das „Passfield White Paper“ von 1930. Es formuliert erstmals eine Begrenzung der Einwanderung von Juden nach Palästina – Zitat:
Zitator:
„Es ist essenziell sicherzustellen, dass die Einwandernden keine Last sind für die Menschen in Palästina insgesamt, und dass sie keinem Teil der gegenwärtigen Bevölkerung ihre Beschäftigung streitig machen.“
Erzähler:
Ob derlei Papiere zu spät kommen oder zu zaghaft formuliert sind? Feststeht: Im April 1936 starten arabische Nationalisten unter Führung des Großmuftis von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, den so genannten „Großen Arabischen Aufstand“ in Palästina. 20-tausend britische Soldaten versuchen vergeblich, ihn zu unterdrücken. Die Zahl der Toten wird auf mindestens 6.000 geschätzt – ein Drittel davon sind Juden. Ulrike Freitag sagt zu den Konsequenzen:
OT 17: (Freitag – Konsequenzen-Aufstand) –
„Das heißt: Die Briten haben die Kontrolle zunehmend verloren. Und das ist ja auch der Hintergrund, dass die Briten angekündigt haben: Wir geben das Mandat zurück. Und dann sollen die Vereinten Nationen – ursprünglich war es ja der Völkerbund – damit machen, was sie wollen.“
Erzähler:
Einen der letzten Versuche, den Konflikt friedlich zu lösen, startet London kurz nach Beginn des Aufstands: Eine sechsköpfige Kommission – nach dem Vorsitzenden William Peel „Peel-Kommission“ genannt – reist in die Region. Man spricht mit prominenten jüdischen Exponenten wie Chaim Weizmann, arabischen Potentaten wie Ibn-Saud oder Emir Abdallah Ibn-Hussein. Am Ende entsteht der „Peel-Plan“. Er sieht vor, Palästina zwischen Juden und Arabern zu teilen und prägt so die Entwicklung nach 1945 vor, sagt Michael Brenner:
OT 18: (Brenner – Peel-Plan) –
„Nämlich 1947, als die UNO entschied, dass das Gebiet westlich des Jordans in einen jüdischen und einen arabischen Staat geteilt werden sollte. Diese Teilung sah nun ein bisschen anders aus als der Peel-Plan. Aber das ist immer noch eine Grundlage, die für die Entwicklungen bis heute prägend war.“
Erzähler:
1937 hat der Peel-Plan keine Chance. Das zionistische Lager kritisiert, dass nur noch 12-tausend Jüdinnen und Juden pro Jahr ins Land gelassen werden sollen. Arabische Wortführer verdammen die Absicht, weit über 200-tausend muslimische Bewohner in den geplanten arabischen Teil umzusiedeln. – Das Scheitern des Peel-Plans freut Nazi-Deutschland, dessen Experten das Pulverfass, das im Nahen Osten offensichtlich entstanden ist, bald so sehr interessiert, dass sie Reisen dorthin unternehmen. So fährt im Sommer 1937 Adolf Eichmann, der spätere Mitorganisator des Holocaust, in offiziellem Auftrag nach Palästina. Der Nahost-Historiker Peter Wien:
OT 19: (Wien – Eichmann)
„Eichmann interessiert sich für den Zionismus – nicht so sehr für den arabischen Nationalismus in diesem Zusammenhang. Andere Reisende, die eben in die Region reisen, die interessieren sich für die deutschen Siedler in Palästina. Für die Templer und so weiter. Es gibt ja die Auslandsorganisation der NSDAP, die sehr aktiv unter Auslandsdeutschen in Palästina ist. Das sind Verbindungen, die da bestehen.“
Erzähler:
Auch versucht Berlin zunehmend, politisch von der Eskalation des Konflikts zu profitieren. Als Großbritannien die Einwanderung nach Palästina begrenzt, verschärfen die Nazis die Judenverfolgung im Reich – auch um zu zeigen, dass kaum ein Land der Welt größere Kontingente von Juden aufnehmen will. Wie sehr die Lage in Palästina Hitlers Propaganda zupasskommt, spiegelt sich gelegentlich sogar in den Radio-Nachrichten. Subtil wird darin zum Beispiel im Sommer 1938 der Vorwurf erhoben, London engagiere sich einseitig auf Seiten des Zionismus.
OT 20: (Drahtloser Dienst, 5.7.1938) –
„Die wenigen noch nicht verbannten Araber-Führer Palästinas, darunter Nashah Shibi, forderten nach einer Meldung aus Jerusalem gestern den britischen Oberkommissar Sir McMichael erneut auf, für eine gleiche Behandlung der Juden und Araber Sorge zu tragen und nicht die Juden in auffälliger Weise zu bevorzugen.“
Erzähler:
Als Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg vom Zaun bricht, ist damit jene toxische Gemengelage geschaffen, die die Welt bis heute in Atem hält: Falsche Versprechungen und gegenläufige Interessen haben in knapp zwei Jahrzehnten religiösen und ethnischen Fanatismus groß werden lassen. Dass sowohl jüdische wie arabische Soldaten im Zweiten Weltkrieg in britischen Diensten gegen Hitlers Reich kämpfen, gibt Palästina nur eine Atempause. Nach 1945 bricht erneut ein Krieg aller gegen alle aus – der moderne Nahost-Konflikt beginnt.
Gleich mit Beginn des Kalten Krieges 1945 befand sich Deutschland im Zentrum des Konflikts. Das zerbombte Land war wegen seiner geografischen Lage, seiner Größe und seines Wirtschafts-Potenzials für die Atommächte USA und Sowjetunion äußerst interessant. In Deutschland wurde der Konflikt ausgetragen. Von Rainer Volk (BR 2022)
Credits
Autor: Rainer Volk
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Friedrich Schloffer, Hemma Michel
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Susanne Schattenberg, Prof. Bernd Greiner
Besonderer Linktipp der Redaktion:
rbb (2024): Der Zerfall Babylons
Wie war das in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg? Wie konnten Berlin und Deutschland so sehr zerfallen, das Verbrechen zum Gesetz werden? Der Podcast “Der Zerfall Babylons” taucht mit Bestseller-Autor Volker Kutscher tief ein in die Jahre 1929 bis 38. Er hat für seine Romane um Kommissar Gereon Rath präzise recherchiert in dieser Zeit. “Der Zerfall Babylons” ist ein Podcast, der Geschichte lebendig macht – zu hören überall, wo es Podcasts gibt. ZUM PODCAST
Linktipps:
ZDF (2018): Geheime Fronten – Spionage im Kalten Krieg
Manche zählen Panzer, andere stehlen Baupläne von Atombomben - alles streng gehütete Geheimnisse des Gegners. Wer sie lüften will, riskiert sein Leben im Informationskrieg verfeindeter Blöcke. JETZT ANSEHEN
BR24 (2024): 75 Jahre NATO – Kalter Krieg in Bayern
Am 4. April 1949 gründeten zwölf Staaten die North Atlantic Treaty Organization, kurz: NATO, also das westliche Verteidigungsbündnis, das Gegengewicht zum Warschauer Pakt. Das Gründungsdatum jährt sich 2024 zum 75. Mal. Der einstige Zweck gilt den Mitgliedsländern wieder als zentral: Sie wollen gemeinsam Stärke zeigen und so einen potenziellen Angreifer von vorneherein abschrecken. Verteidigt worden wäre das Bündnisgebiet während des Kalten Krieges in Bayern ? an der einstigen innerdeutschen Grenze. Kilian Neuwert hat sich für die BR 24 Reportage auf Spurensuche begeben. Denn das, was einst zu gelten schien, wirkt heute wieder brandaktuell. Mit einem deutschen Heeresgeneral ist er zu den Anfängen von dessen Karriere zurückgekehrt. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:19 – Zwischen Panik & Pokerface
TC 05:26 – Politischer, ökonomischer und militärischer Wettstreit
TC 09:40 – Der Versuch kultureller Freundschaft
TC 11:38 - Belastungsproben
TC 18:50 – Alles vorbei?
TC 21:41 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO:
(Gebet – Priester – Atombombenabwurf Hiroshima) – „We pray thee that the end of the war comes soon. And that we once more may know peace on earth. May the men who fly this night be kept safe in thy care. And may they be returned safely to us. We shall roam forward trusting in thee. Knowing that we are in thy care – now and forever. In the Name of Jesus Christ – Amen.“
SPRECHER
Zugespitzt formuliert beginnt der Kalte Krieg mit einem Gebet. Als Piloten der US-Luftwaffe am 6.August 1945 zum ersten Atombombenabwurf Richtung Hiroshima starten, bittet ein Priester um Frieden und die sichere Heimkehr der Flieger. Man wisse sich in Gottes Hand. Jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
MUSIK
SPRECHER
Tatsächlich ist der Übergang vom 2.Weltkrieg zum Beginn des neuen globalen Konflikts fließend. Für den Historiker Bernd Greiner beginnt der Kalte Krieg bei der Konferenz der Siegermächte in Potsdam im Juli 1945 – Wochen vor der Kapitulation Japans. Denn hier tauche bereits dessen entscheidender Bestandteil erstmals auf - Atomraketen.
TC 01:19 – Zwischen Panik & Pokerface
OT Greiner
Während der Potsdamer Konferenz bekommt Truman die Nachricht, dass der „Trinity-Test“ in der Wüste von New Mexico funktioniert hat. Und er raunt Churchill zu: Beobachte mich bitte mal – ich geh‘ jetzt mal zu Stalin und sage dem: Wir haben da eine Waffe, wir haben was von nie dagewesener Zerstörungskraft. Stalin reagiert wie Stalin reagiert. Nämlich erst mal gar nicht. Pokerface. Aber intern sagt er: Bestellt Kurtschakow, er möge sich beeilen, das war der Leiter des Atomprogramms.“
SPRECHER
Die Sowjetunion braucht indes bis August 1949 für die Entwicklung ihrer eigenen Atombombe. In der Zwischenzeit fühlt sich Moskau dem weltweiten Auftrumpfen der Amerikaner ausgeliefert. Die Historikerin Professor Susanne Schattenberg verweist auf die Bedeutung des Jahres 1947 und die Verkündung der Truman-Doktrin:
OT 3 Schattenberg – 1947
„1947 bringen das beide Seiten in programmatischen Reden letztlich auf den Punkt. Also dass der amerikanische Präsident, Harry Truman, sagt, wir haben hier zwei Welten, zwei Lager. Der Leningrader Parteichef Shdanov antwortet dann ein halbes Jahr später entsprechend, dass … die USA und Großbritannien eigentlich schon während des Krieges versucht hätten, die Sowjetunion zu unterdrücken und das nun endlich zutage fördern würde.“
SPRECHER
Die Deutschen in Ost und West finden sich, sozusagen, mittendrin in diesem Kräftemessen. Vor allem, als 1948 die erste große Krise ausbricht:
MUSIK & ATMO
OT 4: Reportage Luftbrücke
(Reporter) - „Alle drei Minuten landet auf dem Flughafen Tempelhof…
SPRECHERIN:
Ab Juni 1948 blockiert die Sowjetunion alle Land- und Wasser-Zugänge nach West-Berlin. Amerikaner, Briten und Franzosen versorgen die unter alliierter Kontrolle stehende Stadt elf Monate lang per Flugzeug – per „Luftbrücke“ - mit allem, was deren Einwohner brauchen. In seiner Selbstwahrnehmung wird West-Berlin zum Vorposten der freien Welt.
MUSIK
SPRECHER
Weltpolitisch aber ist die erste Berlin-Krise anders zu deuten als im Kabarett-Song der „Insulaner“: Nämlich als Stalins Antwort auf Amerikas Muskelspiele. Sie soll beweisen: Der Besitz von Atomwaffen bedeutet nicht grenzenlose Macht. Bernd Greiner, ehemaliger Leiter des „Kolleg Kalter Krieg“ in Berlin, analysiert:
OT 6: Greiner – Berlin
„Da hat Stalin versucht zu zeigen, dass der Westen ein Kaiser ohne Kleider ist. Ja, was ist denn mit Euren Atomwaffen – wie wollt Ihr denn mit Atomwaffen Berlin schützen? Da sitz‘ ich am längeren Hebel – aus seiner Perspektive. Und signalisiert: Ich kann noch einen Schritt weitergehen. Und wenn ich diesen Schritt weiter gehe, dann steht Ihr, Eure drei oder vier Atomwaffen, die ihr habt - dann steht Ihr ohnmächtig vis à vis.“
SPRECHER
Die ehemalige Reichshauptstadt hat Stalin bewusst ausgesucht für seine Strategie. Berlin symbolisiert den Kern der so genannten „Deutschen Frage“ - nämlich: Wo steht Deutschland in Europa – im Osten oder Westen? Weil dies für das Machtgleichgewicht enorm wichtig ist, beantworten die Großmächte die Frage mit der Teilung Deutschlands.
TC 05:26 – Politischer, ökonomischer und militärischer Wettstreit
MUSIK
SPRECHERIN:
Aus der sowjetischen Besatzungszone wird die DDR, aus den drei Westzonen die Bundesrepublik. Kanzler Adenauer forciert hier ab 1950 eine Integration in die Verteidigungsstrukturen des Westens – was Moskau durch die so genannte „Stalin-Note“ im März 1952 verhindern will. Der sowjetische Diktator verspricht in ihr eine Wiedervereinigung Deutschlands – falls das Land militärisch neutral bleibe. Die drei Westmächte und Adenauer halten dieses Angebot jedoch für pure Taktik – nicht ernst gemeint und lehnen es ab. Stattdessen tritt die Bundesrepublik 1954 der NATO bei, die sich auf Betreiben der USA gegründet hat. Und die DDR wird ein Jahr später Mitglied des östlichen Militärbündnisses „Warschauer Pakt“.
SPRECHER
Geografisch entspricht die innerdeutsche Grenze der Nahtstelle des Kalten Krieges. Das engt die Bewegungsfreiheit der deutschen Politik aber nicht ein – im Gegenteil. In den 1950er Jahren können etliche deutsch-deutsche Treffen stattfinden. Für viel Wirbel im Land sorgen die Reise einer Delegation der DDR-Volkskammer nach Bonn 1952 und, 1954, ein Besuch von Bundestagspräsident Hermann Ehlers (CDU) beim Evangelischen Kirchentag in Leipzig:
OT 7: Ehlers – Radio 1954
„Das haben wir bei diesem Kirchentag erfahren: Dass es etwas Erstaunliches ist, wenn Christen durch die Kraft ihrer Gemeinschaft den Mut finden, die Abschnürung und die Furcht zu überwinden und offen zu reden und miteinander zu reden. … Die politischen Auswirkungen werden sichtbar werden, denn hier ist die Einheit unseres Volkes an einer entscheidenden Stelle dokumentiert.“
SPRECHER
Darüber hinaus profitieren Deutschland-West und -Ost wirtschaftlich von ihrer herausgehobenen Lage am „Eisernen Vorhang“. Denn der Kalte Krieg ist auch ein Systemwettstreit zwischen Markt- und Planwirtschaft. Das führt dazu, dass es den Deutschen, so meint der Historiker Bernd Greiner, zumindest ökonomisch bessergeht als ihren Nachbarn:
OT 8: Greiner – Wohlergehen
„Sie liefen auf der Butterbahn. Bei allem Gefälle zwischen West und Ost, zwischen der DDR und der Bundesrepublik darf man ja nicht aus dem Auge verlieren: Den höchsten Lebensstandard im Warschauer Pakt, inklusive Sowjetunion, hatte die DDR. Da lagen Welten dazwischen, zum Westen, aber immerhin.“
SPRECHER
Militärisch hingegen sind die Freiräume klein – sowohl für die Bundesrepublik in der NATO wie für die DDR im östlichen Militärbündnis, dem 1955 gegründeten „Warschauer Pakt“. Einer der Gründe ist, dass die Sieger des 2.Weltkriegs nie einen Friedensvertrag mit Deutschland unterzeichnen – weshalb die DDR und die Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung nicht voll souverän sind.
OT 9: 1.Appell der Bundeswehr 1955
„Nochmal abzählen! „Eins-Zwo-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben-Acht-Neun-Zehn (Pause) – Elf! (Gelächter) – (Reporter): Der UvD, im taubengrauen Stahlhelm, der dem belgischen angeglichen hat, der sich am meisten bewährt hat, hat die Rekruten zusammengetrommelt. Und nun wird gleich der Kompaniechef, Major Busch, die Rekruten begrüßen…
SPRECHER
Die Aufstellung der Bundeswehr – hier eine Radioreportage vom Empfang der ersten Freiwilligen 1955 – hat im Blick zurück zwei Seiten. Die eine ist das Eintreten der Bundesrepublik in die Militär-Phalanx des Westens – als Teil der Aufrüstung im Kalten Krieg. Selbst aus der Sicht der NATO hat der Schritt aber noch einen zweiten Aspekt, den Bernd Greiner erläutert:
OT 10: Greiner – Bundeswehr/NATO
„Dieser Satz des ersten NATO-Generalsekretärs, Lord Ismay, auf die Frage eines Journalisten „Wozu brauchen wir die NATO?“ – Na ja, klar: „To keep the Russians out, the Americans in – and the Germans down.“ Also wir brauchen ein Kontrollinstrument gegenüber den Deutschen. Und Kennedy, zum Beispiel, hat das Adenauer gegenüber sehr deutlich spüren lassen, wer Koch und wer Kellner ist.“
SPRECHER
Das erklärt auch, weshalb Wünsche bundesdeutscher Politiker, die Bundeswehr mit Atomraketen auszurüsten, keine Aussicht auf Erfolg haben.
TC 09:40 – Der Versuch kultureller Freundschaft
OT 11: (Jingle AFN)
„High fellas, this is Jill with your all-time jukebox. (Musik) – Welcome to the all-time jukebox, fellas. Thirty minutes devoted to the replaying of some of the greatest phonograph records of all times.”
MUSIK
SPRECHER
Mindestens so wichtig wie Waffen sind für die Beziehungen die kulturellen Angebote der USA. AFN zum Beispiel - das „American Forces Network“. Die Senderkette versorgt im Kalten Krieg die in Deutschland stationierten US-Soldaten mit Nachrichten und Musik. Die Deutschen, die mithören können, lernen so Jazz, Rock’n’Roll und Pop kennen. AFN wird zu einem „Soft-power“-Instrument der USA. Ähnliches gelte auch für die „Amerika-Häuser“ in westdeutschen Großstädten, sagt Bernd Greiner.
OT 12: Greiner – Kultur-Assimilation
„Plus die ganzen Austauschprogramme. Also eine ganze Kohorte von bundesdeutschen Nachkriegspolitikern, Klaus von Dohnanyi, Eppler, Schmidt, inklusive Top-Journalisten - die waren in der einen oder anderen Weise in Stipendienprogramme eingebunden und waren natürlich mit Herz und Seele Atlantiker.“
OT 13:
„Das deutsche Programm von Radio Berlin International setzt seine Sendung fort mit Berichten und Informationen aus sozialistischen Ländern – Musik (ca. 10 Sek.) – „Das Panorama. Informationen und Berichte aus sozialistischen Ländern – Musik
SPRECHERIN
Auch im Osten versucht man es mit Kultur als Freundschafts-Faktor. Der Ton dieser Sendung des DDR-Programms „Radio Berlin International“ zeigt jedoch: Das klingt staatlich verordnet - und verpufft so zumeist. Deshalb kann die „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, die Ost-Berlin und Moskau 1947 gründen, trotz ihrer bis zu sechs Millionen Mitglieder für ihre Seite nie erreichen, was im Westen gelingt: Traumland USA.
TC 11:38 - Belastungsproben
SPRECHER
Die Harmonie zwischen Bundesdeutschen und Amerikanern wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, wenn der Kalte Krieg eskaliert. Die Amerikaner lassen dann keinen Zweifel, wer das Sagen hat. Das zeigt sich vor allem im Krisenjahr 1961:
MUSIK
OT 14: Reportage vom Beginn des Mauerbaus
„Seit etwa 1 Uhr heute Nacht rattern die Pressluftbohrer und bohren einen Graben quer
durch die Eberstraße hier am Brandenburger Tor. Der Graben ist etwa einen halben Meter tief und etwa einen halben Meter breit…“
MUSIK
SPRECHER
13. August 1961 – die DDR beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer. Willy Brandt verlangt als Regierender Bürgermeister eine militärische Antwort der USA auf die Provokation des DDR-Regimes. Präsident Kennedy denkt aber gar nicht daran: Er verstärkt zwar die US-Truppen in der Stadt, schickt ansonsten aber nur seinen Vizepräsidenten Johnson – mit einem Brief – zu Brandt. Egon Bahr, Vertrauter von Brandt und Sprecher des Senats von Berlin, erinnert sich an dessen Inhalt noch Jahrzehnte später:
OT 15: Bahr – Berlin-Krise/Brief
„Der Brief von Kennedy hieß: „Die Mauer ist nur durch Krieg zu beseitigen. Und niemand will Krieg – Sie auch nicht. Und: Sie dürfen nicht verkennen, dass das im Grunde eine große Niederlage für Chruschtschow ist, denn er mauert ja seine Bevölkerung ein.“ – Wir haben das damals als graue Salbe empfunden und haben erst viel später gesehen: Der hatte Recht.“
SPRECHER
Die Beziehungen zwischen den Regierungen in beiden Teilen Deutschlands und ihren Führungsmächten werden in den 60er Jahren komplizierter. Im Fall der DDR und der Sowjetunion liegt das an Walter Ulbricht. Der mächtigste Mann in Ost-Berlin ist ein Stalinist alter Schule. Stalins Nach-Nachfolger, Leonid Breschnew, der 1964 in Moskau die Macht erlangt, ist weniger dogmatisch. Susanne Schattenberg berichtet:
OT 16: Schattenberg – Breschnew/DDR
„Ich finde es sehr lustig, dass Breschnew furchtbar genervt ist von Ulbricht und dann ja auch, wie in vielen anderen sozialistischen Staaten um das Jahr 1970 herum, Führungswechsel herbeiführt – von Ulbricht zu Honecker in der DDR. Und auch Honecker findet er wahnsinnig dogmatisch und viel zu marxistisch-leninistisch. Und das heißt: Wer ist sozusagen eher der ‚Hardliner‘ - ist das eher die DDR, sowohl unter Ulbricht als auch Honecker, als letztlich Moskau selbst.“
SPRECHER
Um die gleiche Zeit entwickelt sich auch im Westen ein ernster Streit um die so genannte „Entspannungspolitik“. Der neue Bundeskanzler Willy Brandt streckt 1969 diplomatische Fühler Richtung Sowjetunion und Richtung Polen aus, um den Kalten Krieg zu deeskalieren. Im deutsch-deutschen Verhältnis will er den Alltag der Teilung etwa durch Verwandtenbesuche jenseits des Eisernen Vorhangs erleichtern. Die US-Regierung sieht das skeptisch. Das erste Gespräch in Washington zwischen Egon Bahr, der inzwischen Kanzleramtsminister ist, und Präsidentenberater Henry Kissinger verläuft daher sehr ungewöhnlich, wie Bernd Greiner erzählt:
OT 17: Greiner – Bahr/Kissinger
„Kissinger wird nervös und nervöser, rutscht in seinem Stuhl hin und her. Und stellt dauernd Zwischenfragen, aus denen man herauslesen konnte: Das geht dem von oben bis unten gegen den Strich. Und der Bahr hört sich das eine Zeit lang an und sagt dann irgendwann – und das ist protokolliert: „Henry, ich bin gekommen, um zu informieren – nicht um zu konsultieren.“ Das ist ein unerhörter Satz. Das ist ein unerhörter Satz für die deutsche Nachkriegspolitik.“
SPRECHER
Letztlich kann Brandt seinen politischen Spielraum aber nutzen und mehrere Verträge zwischen der Bundesrepublik und Staaten Osteuropas schließen. Das liegt am Vietnamkrieg. Die zweite Langzeitkrise im Kalten Krieg verlangt von der Supermacht so viel Aufmerksamkeit, dass man die West-Deutschen gewähren lässt.
MUSIK
OT 18: Kekkonen – KSZE/Eröffnung
„Ladies and Gentlemen. On behalf of the government and the people of Finland, I have the great honor to declare the third stage of the conference on security and cooperation in Europe open. It is a privilege for us to act as hosts of this conference for the second time…
SPRECHER
Helsinki, Finlandia-Halle, 1975. Der finnische Staatspräsident Kekkonen eröffnet die Abschluss-Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, KSZE. Wenige Tage später unterzeichnen Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa, den USA und Kanada einen Vertrag, der den Kalten Krieg zähmen soll. Die sogenannte „Schlussakte von Helsinki“ ist das Ergebnis von mehr als zwei Jahren Verhandlungen. Zentral ist eine Art Tauschgeschäft: Der Westen garantiert den Staaten Osteuropas, auch der Sowjetunion und der DDR, die Sicherheit ihrer Grenzen. Das zementiert die Nachkriegsordnung Europas. Im Gegenzug verspricht der Osten die Menschenrechte zu achten und einzuhalten.
OT 19: Grüne – Wahlwerbung 1983
„Guten Tag, ich komme im Auftrag der Allgemeinheit. Ich soll hier bei Ihnen im Garten diese funkelnagelneue, todsichere Atomrakete aufstellen. – Um Gottes Willen! Sowas ist doch gefährlich. Gehen Sie mir bloß aus dem Weg mit dem Ding…
SPRECHER
Die KSZE beendet den Kalten Krieg jedoch noch nicht: Das zeigt dieser leicht satirische Wahlwerbe-Spot der Grünen von1983. Zu den Momenten, in denen der Konflikt wieder aufflammt, zählt auch die Phase nach dem so genannten „NATO-Doppelbeschluss“.
SPRECHERIN
Ende der 1970er Jahre stellen westliche Experten fest: Die Sowjetunion baut neue, modernere Atomraketen. Die NATO beschließt daraufhin, amerikanische Pershing-2-Raketen in Deutschland zu stationieren und gleichzeitig mit Moskau über Abrüstung zu verhandeln.
SPRECHER
Viele Bundesdeutsche halten diese Doppelstrategie für falsches Spiel - sie befürchten eine weitere Rüstungsspirale und demonstrieren vor US-Kasernen. Die politischen Wogen schlagen hoch. Politiker, die Moskaus Raketen als Bedrohung sehen, werfen der „Friedensbewegung“ Kollaboration mit dem Kreml vor. Das empört Willy Brandt, als er im Herbst 1983 bei einer Demo vor 300-tausend Menschen in Bonn auftritt:
OT 20: Brandt – Hofgarten
„Hier steht nicht die fünfte Kolonne. Wir stehen hier miteinander für die Mehrheit unseres Volks. Über 70 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik, und das ist gut so, halten nichts davon, dass Deutschland immer mehr vollgepackt wird mit atomarem Teufelszeug.“
TC 18:50 – Alles vorbei?
MUSIK
SPRECHER
Ende der 1980er Jahre scheint sich der Kalte Krieg zwischen Ost und West aber tatsächlich seinem Ende zuzuneigen. Durch Europa scheint ein Wind der Veränderung zu wehen – hier besungen von den „Scorpions“:
SPRECHERIN
Bei mehreren Gipfel-Treffen vereinbaren die US-Präsidenten Reagan und Bush mit Michael Gorbatschow, dem neuen Generalsekretär der sowjetischen Kommunistischen Partei, Atomraketen aus Europa abzuziehen und sie zu vernichten. Im Herbst 1989 gibt Gorbatschow sein Ja zur deutschen Wiedervereinigung, 1991 löst sich der Warschauer Pakt auf – anders als die NATO.
SPRECHER
Ist der Kalte Krieg damit Geschichte? Experten sehen das skeptisch. Auf jeden Fall, so meint die Osteuropa-Historikerin Susanne Schattenberg, solle man sich davor hüten, den Westen für den Sieger und den Osten für den Verlierer des Konflikts zu halten:
OT 22: Susanne Schattenberg - Ende
„Das ist so eine Post-Facto-Interpretation, die heute vorgenommen wird. Ich bin der Meinung, dass das damals niemand so gesehen hat, dass beide Seiten es als enormen Sieg und Gewinn gesehen haben, dass diese Systemkonkurrenz sich auflöst.
SPRECHER
Mittlerweile ist das offensichtlich nicht mehr der Fall. Viele Experten meinen: Putin tue alles, um die Machtverhältnisse zu ändern. Dazu zähle auch der Versuch, das Nachbarland Ukraine, das seit 1991 unabhängig ist, wieder unter die Kontrolle Moskaus zu bringen. Und sei es durch einen Krieg, wie er ihn Ende Februar 2022 vom Zaun brach. Der Kalte Krieg hat ein Erbe hinterlassen. Dazu zählt Bernd Greiner die stete Weiterentwicklung von Atomwaffen und die unverändert starke Rüstungslobby in Ost wie West. Vor allem, meint Greiner, dächten viele noch wie im Kalten Krieg.
MUSIK
Es kann sein, dass das Tauziehen um Macht und Werte, das der Kalte Krieg symbolisierte, also nur knapp drei Jahrzehnte ruhte – und nun wieder beginnt. Denn die Ukraine liegt da, wo Deutschland einst lag: An der Nahtstelle zwischen West und Ost.
TC 21:41 – Outro
Die Volkseigenen Betriebe (VEB) waren für die meisten Bürgerinnen und Bürger der DDR viel mehr als nur eine Arbeitsstätte. Von der Theatergruppe bis zum Ferienlager organisierten die VEB zahllose Freizeitangebote. Auch für das soziale Leben der Beschäftigten und wurden so zum Lebensmittelpunkt. Von Ulrike Beck (BR 2024)
Credits
Autorin: Ulrike Beck
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Christian Baumann, Jenny Güzel
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. André Steiner, Dr. Anna Kaminsky
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD (2024): Diagnose Unangepasst – Der Albtraum Tripperburg
Machtsysteme, die Frauen systematisch unterdrücken. Der sechsteilige Podcast “Diagnose: Unangepasst” macht Geschichten von Frauen unter Macht- und Kontrollsystemen zum Thema. Dazu wird das düstere Kapitel der grausamen geschlossenen venerologischen Stationen in der DDR aufgearbeitet. Hier wurden scheinbar “unangepasste” Mädchen und junge Frauen eingesperrt und misshandelt, um sie nach sozialistischem Vorbild umzuerziehen. Die Journalistin Charlotte Witt begibt sich mit drei betroffenen Frauen auf eine emotionale Reise in die Vergangenheit. Sie blicken auf Machtsysteme damals wie heute und suchen nach Antworten. ZUM PODCAST
Linktipps:
ARD (1965): Frauen in Industrieberufen – VEB Leuna-Werke
In den Volkseigenen Betrieben (VEB) herrscht Arbeitskräftemangel. Am Beispiel des VEB Leuna-Werks "Walter Ulbricht" wird das Umdenken der Betriebsleitungen bezüglich der Beschäftigung ungelernter Frauen dargestellt. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2019): Zwischen Dichtung und Wahrheit
Auch über 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das Trauma um die Treuhand noch nicht vorbei. Die Behörde, die volkseigene DDR-Betriebe in gut funktionierende private Unternehmen umwandeln sollte, sorgt bis heute für Debatten. Sogar ein erneuter Untersuchungsausschuss wird gefordert. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:59 – Der Weg der VEBs
TC 05:19 – Monotonie, Mangel und Meckern
TC 09:06 – Viele Angebote - wenig Freizeit
TC 11:34 – Die Ära Honecker
TC 14:15 – Entscheidungen treffen andere
TC 17:26 – Und nach der Wiedervereinigung?
TC 21:50 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
1.O-Ton (Kaminsky ab 7:16)
Also nun läuft das Praktikum schon fast eine Woche. Ich bin in der Möbelfabrik in Ammendorf. Dort ist die Zweigstelle fürs Schneidern untergebracht. Wir schneiden Filzmatten. Zwei Pausen sind zulässig, fünf werden gemacht, ungeachtet der Zigarettenpäuschen, die nicht zählen. Die Norm wird immer erfüllt, und wenn Normer kommen, arbeiten die Leute betont langsam. Und statt einmal rennen sie fünfmal um den Tisch, um irgendetwas zu holen. So kommen die Normen, die erfüllten Pläne und die Pausen zustande.
Erzähler
Anna Kaminsky liest aus ihrem Tagebuch. Es sind Eindrücke, die sie mit 15 Jahren festgehalten hat. 1977 während ihres Schülerpraktikums, bei dem sie im Volkseigenen Betrieb der Möbelproduktion die sozialistische Arbeitswelt kennenlernen soll. So wie es damals auch für alle anderen Schüler und Schülerinnen in der DDR Pflicht ist:
2.O-Ton (Kaminsky ab 7:16)
Ab der achten Klasse gab es den sogenannten Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion. Das war ein Tag in der Woche oder alle zwei Wochen, wo man in einen Betrieb gehen musste als Schüler, um dort die sozialistische Arbeitswelt kennenzulernen. Und zusätzlich gab es immer am Ende des Schuljahres (…) zwei oder drei Wochen ein sogenanntes Praktikum. Und mein erstes Praktikum habe ich in der Möbelfabrik in Ammendorf in Halle absolviert, und dort war eine Zweigstelle untergebracht, die unter anderem für Neckermann Kissenbezüge und so Polsterbezüge schneiderte.
Erzählerin
Anna Kaminsky hat die Geschichte der DDR zu ihrem Beruf gemacht. Seit 2001 ist sie Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, in der die Arbeit einen ganz besonderen Stellenwert hatte:
3.O-Ton (Kaminsky ab 1:02)
Grundsätzlich muss man sagen, dass die DDR ja eine Arbeitsgesellschaft war. Also es gab keine Arbeitslosigkeit, auch wenn das natürlich staatlich ja besonders herbeigeführt worden ist, denn auch in internen Wirtschaftsanalysen ist immer wieder die Rede davon, dass, wenn man sich ehrlich machen würde, hätte die DDR auch so etwa 20 Prozent Arbeitslose. Aber aus ideologischen Gründen und aus politischen Gründen konnte man keine Arbeitslosigkeit zulassen, sondern jeder musste irgendwie beschäftigt werden. Und nach 1968 der damaligen Verfassungsreform in der DDR gab es ja nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern auch die Pflicht zur Arbeit. Ich denke, dass das auch ganz wichtig ist zu verstehen, dass Arbeit im Prinzip den Lebensmittelpunkt der Menschen darstellte.
TC 02:59 – Der Weg der VEBs
MUSIK
Erzähler
Den Grundstein dafür, dass die Volkseigenen Betriebe zum größten Arbeitgeber der DDR-Industrie werden, legen die vier alliierten Siegermächte im Sommer 1945 mit dem Potsdamer Abkommen. Wie der Wirtschaftshistoriker Professor André Steiner vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam ausführt. Er ist einer der profundesten Kenner der Wirtschaftsgeschichte der DDR.
4.O-Ton (Steiner ab 0:17)
Nazi-Funktionäre oder höhere Nazi-Funktionäre und Kriegsverbrecher sollten auf jeden Fall enteignet werden. Das war ja erstmal zunächst sozusagen der Ansatz, der von allen Alliierten vertreten wurde, der dann allerdings in den Westzonen nicht in dem Maße umgesetzt wurde, wie das in der sowjetischen Besatzungszone geschah. […] Die sowjetische Besatzungsmacht hat dann mit einem Befehl im Oktober 1945 faktisch alle Großbetriebe beschlagnahmt und unter Sequester gestellt.
MUSIK
Erzählerin
Schon ab dem September 1945 beginnt die Sowjetische Militäradministration, kurz SMAD mit wichtigen Strukturveränderungen innerhalb der sowjetisch besetzten Zone.
Erzähler
Mit der Bodenreform werden Großbauern entschädigungslos enteignet, die mehr als 100 Hektar Land besitzen. Ab Oktober werden sogenannte Sequester-Kommissionen gebildet, die darüber entscheiden, welche Betriebe beschlagnahmt und enteignet werden.
5.O-Ton (Steiner ab 1:46)
Politisch war das dann so, dass (…) insbesondere von zunächst der KPD und SPD und dann später der SED und den Gewerkschaften wurde sehr schnell dort eine Linie vertreten, dass man im Grunde genommen alle Großbetriebe unabhängig von der politischen Belastung enteignen wollte.
Erzählerin
Bis 1948 sind es rund 4000 Großbetriebe, die in sogenanntes Landeseigentum, beziehungsweise Volkseigentum überführt werden. Und nun verstaatlicht in Volkseigene Betriebe umgewandelt werden.
6.O-Ton (Steiner ab 2:47)
Juristisch wurde es gefasst als Volkseigentum, aber in der Umsetzung war es natürlich faktisch Staatseigentum.
TC 05:19 – Monotonie, Mangel und Meckern
MUSIK
Erzähler
Nach der Staatsgründung der DDR werden es über die Jahrzehnte immer mehr Volkseigene Betriebe. Die im Laufe der Zeit in immer größere Organisationseinheiten eingegliedert werden.
Erzählerin
Zunächst in die Vereinigung Volkseigener Betriebe, ab dem Ende der 60er Jahre in Kombinate. Dadurch entstehen gigantische Unternehmen, so wie das Kombinat Carl Zeiss Jena, zu dem in den Achtziger-Jahren 25 Betriebe gehören, in denen rund 70.000 Beschäftigte arbeiten.
Erzähler
1972 werden auch die letzten privaten und halbstaatlichen Firmen verstaatlicht. Was sich laut André Steiner auf das ohnehin beschränkte Warenangebot eher kontraproduktiv auswirkt:
7.O-Ton (Steiner ab ca. 10:27)
… weil letztendlich wurden dadurch verschiedene Produktionen eingestellt. Diese Betriebe wurden oftmals größeren VEBs dann zugeordnet, von denen wiederum nur als Zulieferer eingesetzt, sodass man letztendlich auch ein bestimmtes Warenangebot, was von diesen kleinen und mittleren Betrieben noch angeboten, sozusagen produziert worden war, verloren hat. Also letztendlich war das eher sozusagen ein Schritt, mit denen man sich ins eigene Knie geschossen hat.
Erzählerin
Nach der Verstaatlichung der kleinen Handwerksbetriebe und mittelständischen Unternehmen steht VEB fortan auch für „Vaters ehemaliger Betrieb“.
MUSIK
Erzähler
Nicht jeder nimmt diesen Prozess hin. Es gibt durchaus Kritik und Protest gegen die Verstaatlichung der Industrie- und Handwerksbetriebe. Nicht erst in den Siebzigern. Schon das Traditionsunternehmen Carl-Zeiss Jena wird 1948 gegen den Widerstand der Belegschaft verstaatlicht:
8. O-Ton (Steiner ab ca. 9:35)
Die hatten ein eigenes Rentensystem und die Zeiss-Stiftung hatte in Jena verschiedene soziale Einrichtungen betrieben. Und das war ja damals sozusagen noch etwas Besonderes. Und darum fürchteten die natürlich. Natürlich gab es auch an anderen Stellen Widerstände gegen Verstaatlichungen, gerade auch bei den kleinen und mittleren Betrieben. Aber 1972 entstand ein solcher politischer Druck, dass letztendlich alle es gab gar keine Möglichkeit also, sich dem dann tatsächlich zu entziehen, dieser Enteignung.
ATMO
Erzählerin
Doch gerade, was die Sozialleistungen angeht, müssen sich die Beschäftigten der Kombinate oder VEB keine Sorgen machen. Viel umfassender als im Westen wird dafür gesorgt.
9.O-Ton (Steiner ab 4:18)
Die Funktion der Betriebe wurde nach und nach sozusagen ausgeweitet dahingehend, dass eben doch viele Sozialfunktionen den Betrieben übertragen wurden. Also das fängt an bei Betriebspolikliniken oder Kindergärten und hörte im darauf bei Ferienlager oder anderen Erholungsobjekten auf, die zu einem nicht geringen Teil tatsächlich dann innerhalb der Industrie mit angesiedelt waren.
Erzähler
Die Beschäftigten der kleineren Betriebe müssen sich außerhalb des Betriebes selbst um Kinderbetreuung oder Krankenversorgung kümmern. Eine Poliklinik oder Kantine haben allerdings nur die Großbetriebe zu bieten.
TC 09:06 – Viele Angebote - wenig Freizeit
MUSIK
Erzählerin
Die Volkseigenen Betriebe bieten nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz und Sozialleistungen, sondern organisieren auch die Freizeit der Beschäftigten. Dank zahlreicher Kulturangebote vom Literatur- bis zum Fotozirkel können die Arbeitenden ihren Hobbys mit Kollegen nachgehen. Anna Kaminsky:
10.O-Ton (Kaminsky ab 2:00)
Also zumindest die größeren Betriebe organisierten auch das Kulturleben mit Theaterbesuchen, mit Konzertbesuchen, mit ja Angeboten für die Belegschaft, was Sportgymnastik, vielleicht Singegruppen und so weiter betroffen hat.
MUSIK
Erzähler
Betriebseigene Polikliniken, Kindergärten und - krippen, Ferienlager, Handballmannschaften, Singegruppen und regelmäßige Betriebsvergnügen mit der Belegschaft.
Erzählerin
Das klingt nach einem Angebot, an das man sich gewöhnen könnte. Die Betriebe haben aber nicht nur das Wohlbefinden ihrer Beschäftigten im Sinn, sondern wollen auch ein Umfeld schaffen, in dem möglichst produktiv gearbeitet werden können soll.
Erzähler
Trotz allgemein bekannter Widrigkeiten, dass Maschinen immer wieder ausfallen und erst Stunden oder Tage später repariert werden können. Oder Material nicht lieferbar ist und die Beschäftigten oft stundenlang zum Nichtstun verdammt sind.
11.O-Ton (Kaminsky ab 23:39)
Aber ansonsten war ja der Arbeitsalltag in der DDR sehr, sehr hart. Also viele Betriebe haben um sechs oder 06:30 Uhr mit der Arbeit begonnen. (…) Das heißt, die Leute mussten in der Regel um fünf aufstehen, um rechtzeitig im Betrieb zu sein. Wenn sie Kinder hatten, mussten die Kinder ja vorher in die Betreuungseinrichtungen gebracht werden. Und dann betrug der Arbeitstag oft bis 16:30 Uhr, 16:45 Uhr also auch sehr lange. Und bis man dann aus dem Betrieb raus war und vielleicht noch einkaufen gehen musste - insbesondere die Frauen mit ihrer doppelten Schicht. Wenn die dann endlich zu Hause waren, waren die natürlich auch kaputt und fertig. (…) Das ergibt eine Umfrage unter Frauen aus der DDR aus den 1980er-Jahren. Und da werden die gefragt, was ihr liebstes Hobby ist - und es sagt eine große Mehrzahl der Frauen: Schlafen.
Erzähler
Für die Frauen beginnt nämlich nach Dienstende die so genannte Mutti-Schicht, in der sie sich vorwiegend alleine um den Haushalt und die Kinder kümmern.
TC 11:34 – Die Ära Honecker
MUSIK
Erzählerin
Nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker steigt der Anteil der staatlichen Industriebetriebe in der DDR auf 99 Prozent. Erich Honecker verfolgt zunächst als Erster Sekretär, dann als Generalsekretär des SED-Zentralkomitees eine etwas andere Wirtschaftspolitik, als sein Vorgänger.
Erzähler
In der Ära Honecker wird mehr Wert auf die Konsum- und Sozialpolitik gelegt. Um die Wertschätzung für den „einfachen Arbeiter“ zum Ausdruck zu bringen. Auf dieser Grundlage sollen nicht nur die Lebensbedingungen für die Beschäftigten verbessert, sondern auch die Produktivität gesteigert werden. So das Kalkül. Das nicht ganz aufgeht. André Steiner:
12.O-Ton (Steiner ab (28:50)
Letztendlich hat sich tendenziell gerade in den 60er-Jahren schon der Lebensstandard deutlich verbessert und in den 70er-Jahren auch noch. Das bröckelt dann ab Ende der 70er-Jahre, weil da wird nach und nach klar, dass die eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten jetzt überschritten sind, und auch mit der Verschuldungskrise Anfang der 80er-Jahre geht das dann mehr oder weniger in Stagnation über. Und das Problem ist dann eben, dass man sich nicht dazu durchringen kann, an dieser Politik jetzt irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Also das berühmteste Beispiel sind immer die Preissubvention, die ja Ende der 50er-Jahre bei der Abschaffung der Lebensmittelkarten eingeführt wurden. Und die Preise, die damals für Grundnahrungsmittel festgelegt worden waren, die blieben bis zum Ende der DDR so.
MUSIK
Erzählerin
Die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen in der Hierarchie der Betriebe ganz unten. Vor ihnen kommen vom Direktor abwärts über die Fachdirektoren jede Menge andere Menschen, die mehr zu melden haben als sie. André Steiner:
13.O-Ton (Steiner ab 14:40)
Es gab die Meister-Bereiche dann unten auf der Ebene der praktischen Fertigung. Und innerhalb der Meister Bereiche gab es dann wiederum die sogenannten Brigaden. Und da gab es einen Brigadier, der die geleitet hat, und in denen waren die Beschäftigten dann faktisch organisiert. Die Parteileitung, das ist jetzt wiederum dann abhängig, wie groß das jeweilige Unternehmen war. Es gab ja große Unternehmen wie Leuna beispielsweise, die hatten ja eine eigene SED-Kreisleitung. Also da war dann sehr viel Einfluss der SED dann von vornherein auch gegeben. In dieser Kreisleitung war dann natürlich auch wieder der Betriebsdirektor, der saß da auch mit drinnen. Also das war wechselseitig miteinander verflochten.
TC 14:15 – Entscheidungen treffen andere
Erzähler
Das Mitspracherecht der Beschäftigten in den Betrieben hält sich sehr in Grenzen. Auch, wenn sie formaljuristisch als Volk die Eigentümer sind: Die Entscheidungen treffen andere. Anna Kaminsky:
14.O-Ton (Kaminsky (ab ca. 34:25)
Die DDR war ja zentralistisch organisiert, dass viele Entscheidungen einfach in Berlin, in irgendeinem Ministerium oder im Staatsrat oder im Politbüro der SED getroffen worden sind. Und das wurde dann in Anführungsstrichen nach unten durchgestellt und kam dann in den Betrieben an. Und die Betriebe kriegten dann irgendeine Norm vorgesetzt oder irgendeinen Plan, den sie erfüllen sollten und wussten angesichts der maroden technischen Infrastruktur, des Materialmangels auch des Arbeitskräftemangels wussten sie teilweise überhaupt nicht, wie sie das hinkriegen sollten. Also ich denke, da gab es relativ wenig Mitspracherecht.
MUSIK
Erzählerin
Dennoch tun sich Möglichkeiten auf, die Stimme zu erheben und dabei weder ignoriert, noch sanktioniert zu werden.
15.O-Ton (Kaminsky ab ca. 35)
Aber was immer wieder erzählt wird, ist, dass dieses Rummotzen, dass das schon sehr stark war, und natürlich war das auch ein Druckmittel. Weil natürlich wollte die Staats- und Parteiführung, die sich ja selber als Vertreterin des Arbeiter- und Bauernstaates deklariert hatte, die wollten natürlich das Wohlwollen der Arbeiterschaft, also zum einen, weil sie um ihre Macht fürchteten, aber zum anderen, weil sie natürlich auch von sich überzeugt waren: Aber wir wollen doch nur das Beste für das Volk, (…) aber letztlich wurde das Volk gar nicht gefragt, was es eigentlich will.
MUSIK
Erzähler
Ein Volk, das sich im Laufe der SED-Diktatur mit den Gegebenheiten zufrieden gibt und versucht, innerhalb der bürokratischen Planwirtschaft und zunehmenden Mangelwirtschaft zurecht zu kommen.
Erzählerin
Verbunden durch einen großen sozialen Zusammenhalt, der von Zeitzeugen immer wieder beschrieben wird. Viele erinnern sich im Rückblick auch daran, dass Konflikte offen unter Kollegen ausgetragen wurden und es so etwas wie Mobbing nicht gab.
Erzähler
Dabei litten durchaus Menschen darunter, von ihren Kolleginnen und Kollegen regelrecht geschnitten zu werden.
16.O-Ton (Kaminsky ab ca. 48:00)
Diejenigen, die aus vielerlei Gründen aus dieser Gemeinschaft ausgestoßen wurden, die wurden ja auch mit einer unglaublichen Härte behandelt, Also wenn man sich anschaut, diejenigen, die dann in den 80er-Jahren oder auch in den 70er-Jahren gewagt hatten, einen Ausreiseantrag zu stellen, wie die in den Betrieben isoliert worden sind. Wir würden heute sagen, dass war Mobbing, was mit ihnen passiert ist. Das will ja heute auch kaum noch jemand auch thematisieren oder sich daran erinnern, wie ist eigentlich mit denen umgegangen worden, die angeblich außerhalb dieser sozialistischen Menschengemeinschaft gestellt worden sind. Also ich denke ja. Die DDR-Vergangenheit wird immer schöner, je länger sie zurückliegt.
TC 17:26 – Und nach der Wiedervereinigung?
MUSIK
Erzählerin
Die Wiedervereinigung Deutschlands und damit verbundene Einführung der Marktwirtschaft bedeutet das Ende der Volkseigenen Betriebe. Ab dem Sommer 1990 gehen rund 8500 VEB mit etwa vier Millionen Beschäftigten in das Portfolio der Treuhandanstalt.
Erzähler
Die nun beginnt, die Betriebe in Gesellschaften mit beschränkter Haftung im Aufbau - also GmbH i.A. - umzuwandeln. Für die Menschen, die im Arbeitsalltag der DDR eine verlässliche Stelle und ein festes Gehalt hatten, ändert sich damit alles.
Erzählerin
Denn nun verlieren sie größtenteils nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihren Lebensmittelpunkt. Ein Trauma, das sich tief ins kollektive Gedächtnis gräbt. André Steiner:
17.O-Ton (Steiner ab ca. 36:30)
In den 90er-Jahren war das natürlich ein totaler Bruch (…) Es war ja der überwiegend größte Teil der ehemaligen DDR Bevölkerung, die Job-Veränderungen dann plötzlich erlebt haben. Was vorher im Grunde genommen nur in sehr begrenztem Maße stattfinden konnte. Und das war natürlich schon noch dazu, wie es abgelaufen ist zum Teil, oder wie es zumindest wahrgenommen wurde, dass es abgelaufen ist, war das natürlich schon traumatisch. Und also diese Erinnerung an die 90er-Jahre spielt, da glaube ich die entscheidende Rolle. Und vor dieser Folie wiederum wird dann natürlich schnell auch sozusagen der DDR Hintergrund idealisiert.
Erzähler
Die Treuhand wird zum Buhmann für alles, was in der Wahrnehmung der Menschen im Osten zu Beginn der deutschen Einheit nicht rund läuft. Teilweise zu Unrecht, wie Anna Kaminsky meint:
18.O-Ton (Kaminsky ab 42:09 )
Und natürlich wird den Mitarbeitern der Treuhand da auch Unrecht getan. Also zum einen ist die Treuhand ja keine West Erfindung. Die hat noch die letzte DDR-Regierung so eingesetzt, auch um eben dieses Volksvermögen die volkseigenen Betriebe wieder zu reprivatisieren, auch weil man wusste, die planwirtschaftlichen Strukturen, die sind nicht konkurrenzfähig, die sind nicht marktfähig. Und das, was die DDR sich an Wirtschaftsinfrastruktur gehalten hat, das sagen ja auch die geheimen Analysen des Politbüros, das war nicht marktfähig. (…ab ca. 45:30) Jenseits dessen, dass das, was da passiert ist, eben doch für einen Großteil der Menschen aus der ehemaligen DDR wirklich traumatisch war und traumatisierende Folgen hatte.
Erzählerin
Bis heute wirkt das Trauma, den Arbeitsplatz und damit auch den sozialen Lebensmittelpunkt verloren zu haben, bei vielen nach. Bei einigen offenbar mehr, als die Erleichterung, nach dem 9.November 1989 nicht mehr in einer Diktatur leben zu müssen.
Erzähler
Für Anna Kaminsky gibt es viele Gründe für diese Form der Erinnerungskultur.
17.O-Ton (Kaminsky ab ca. 47:30)
Also da werden auch Dinge beschworen, die viele von uns so wahrscheinlich gar nicht in der DDR in dieser Form erlebt haben. (…) Wenn man sich die Umfragen anschaut. 1990 sagt eine ganz große Mehrheit der DDR-Bürger das Leben in der DDR war unerträglich. Die Überwachung, die Bespitzelung, diese Unfreiheit, was man mitbekommen hat, wie mit anderen umgegangen wurde. Das war schlimm. Und je länger die DDR zurückliegt, (…) umso mehr tritt das in den Hintergrund. (…) Und ich glaube, das war ja für viele Menschen, die in den 1990er-Jahren gesehen haben, wie die Industrien zu zugrunde gegangen sind, die Betriebe geschlossen haben. Da hängt ja ganz viel dran. Wenn die Betriebe geschlossen haben, gab es keine Steuereinnahmen für die Kommunen mehr. Dann wurde die Kinderbetreuung schwierig. Wenn es keine Kinderbetreuung gab, war es schwierig, dass Frauen arbeiten gehen konnten. Dann wurde die Verkehrsanbindung ausgedünnt. Also es ist ja auch mit einer Form von Isolation und Isolierung verbunden gewesen, nicht nur im Infrastrukturbereich, sondern auch im sozialen Bereich, auf das niemand in dieser Form vorbereitet war. (…)
MUSIK
TC 21:50 - Outro
Fünf Monate nach der Gründung der BRD wird am 7. Oktober 1949 auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Dass sich mit der DDR ein eigener Arbeiter- und Bauernstaat entwickeln würde, ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht absehbar. Von Ulrike Beck (BR 2019)
Credits
Autorin: Ulrike Beck
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann
Technik: Robin Auld, Regina Stärke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Ulrich Mählert, Anita Möller
Linktipps:
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rbb (2024): Zwischenzeiten – Eine Familiengeschichte der Wendejahre
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Archivradio (2023): Gründung der DDR
7.10.1949 | Am 7. Oktober 1949 wird aus der sowjetischen Besatzungszone die DDR. Dazu wird in der Ost-Berliner Wilhelmstraße die provisorische Volkskammer ins Leben gerufen, provisorisch, weil die Wahlen erst im Folgejahr stattfinden sollten. Wichtigster Redner an diesem Gründungstag der DDR ist Wilhelm Pieck. Er ist zusammen mit Otto Grotewohl Vorsitzender der SED und wird an diesem Tag Präsident der DDR. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 02:54 – Enteignungen, Verurteilungen und andere Reformen
TC 07:39 – Anita Möller: Eindrücke einer Zeitzeugin
TC 10:45 – Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
TC 13:52 – Alltag Nachkriegszeit
TC 16:05 – Ein „antifaschistisch-demokratischer Neuanfang“?
TC 20:30 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
1.O-Ton: (Wilhelm Piek) (frei verwendbar)
Auf der Grundlage der vom 3. Volkskongress bestätigten Verfassung ist in der deutschen Hauptstadt Berlin einmütig von allen Parteien und Massenorganisationen im deutschen Volksrat die Deutsche Demokratische Republik geschaffen worden
Erzähler
Wilhelm Pieck verkündet am 7.Oktober 1949 im großen Festsaal des früheren Reichsluftfahrtsministeriums die Gründung der DDR.
Musik
Vier Tage später wählt ihn die Provisorische Volkskammer, das Parlament der DDR, zum Präsidenten des neuen Staates. Ministerpräsident und damit Staatschef wird der frühere Sozialdemokrat Otto Grotewohl.
Erzählerin
Dass sich vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwei deutsche Staaten entwickeln würden, ist 1945 nicht absehbar. Nach der Kapitulation des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht übernehmen ab dem 5. Juni die vier Siegermächte die Regierungsgewalt in Deutschland.
Erzähler
Deutschland soll entnazifiziert, demokratisiert und entmilitarisiert werden. Es soll dafür gesorgt werden, dass niemals wieder eine militärische Bedrohung von diesem Land ausgeht. Darauf einigen sich der amerikanische Präsident Harry Truman, der sowjetische Regierungschef Josef Stalin und der britische Premier Winston Churchill am 2.August 1945 mit dem „Potsdamer Abkommen“.
Musik
Erzählerin
Josef Stalin scheint es mit dem demokratischen Aufbau seiner Besatzungszone eilig zu haben. Noch bevor er das Potsdamer Abkommen unterzeichnet, lässt die Sowjetische Militäradministration SMAD als erste Siegermacht in ihrer Zone wieder Parteien zu. Bis Juli gründen sich KPD, SPD, CDU und die Liberal-Demokratische Partei LDP.
Erzähler
Die vier Parteien bilden zusammen die „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“, die als Block politische Beschlüsse nur einstimmig fassen dürfen. Ein Novum in der deutschen Parteiengeschichte.
Erzählerin
Welche Strategie Stalin mit seiner Besatzungspolitik in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone, verfolgt, erklärt der Historiker und Autor Ulrich Mählert. Er ist Referent bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und einer der profiliertesten Kenner der DDR-Geschichte:
TC 02:54 – Enteignungen, Verurteilungen und andere Reformen
2.O-Ton ( Mählert ab 3:04)
Die Sowjetunion hatte auf der einen Seite das Ziel, maximale Reparationsleistungen aus dem Land zu bekommen, weil die deutsche Wehrmacht das eigene Land verwüstet hatte. Auf der anderen Seite hatte man anfangs den Versuch unternommen, politische Strukturen zu schaffen, die für ganz Deutschland gelten sollten und auch mit dem Ziel, den Einfluss der Kommunisten in ganz Deutschland sicherzustellen.
Atmo & Musik
Erzähler
Um dieses Ziel zu erreichen, wird noch während der letzten Kriegswochen KPD-Funktionär Walter Ulbricht zusammen mit anderen deutschen Kommunisten aus seinem Moskauer Exil nach Berlin eingeflogen. Ulbricht ist als Leiter der KP-Gruppe Berlin gut auf seinen Einsatz im Nachkriegsdeutschland vorbereitet. Sein Auftrag ist klar: Er soll die Vorherrschaft der kommunistischen Partei in der sowjetisch besetzten Zone ebnen.
3.O-Ton ( Mählert ab 7:35)
Walter Ulbricht war der Mann Moskaus, der eigentliche Organisator, der eigentliche Macher in der Kommunistischen Partei und in dem sich entwickelnden politischen System der SBZ. (…) Und Ulbricht war der Funktionär, der alle anderen Funktionäre kannte. Der Personalpolitik betrieb, der das Vertrauen der Sowjets hatte, und er hat im Prinzip bis ja Ende der 60er Jahre bis Anfang der 70er Jahre weitgehend unumstritten geherrscht.
Musik
Erzählerin
Ab September 1945 beginnt die SMAD mit wichtigen Strukturveränderungen innerhalb der SBZ. Mit der Bodenreform werden Großbauern entschädigungslos enteignet, die mehr als 100 Hektar Land besitzen. Im Oktober tritt die Schulreform in Kraft - mit dem Ziel, alte Bildungsprivilegien zu überwinden. Ab dem Sommer 1946 werden unter der Losung „Enteignung der Kriegsverbrecher“ Betriebe entschädigungslos verstaatlicht.
Musik
Erzähler
Die SMAD beginnt schon wenige Wochen nach Kriegsende, nicht nur NS-Verbrecher massenweise in Speziallager wie Buchenwald, Berlin-Hohenschönhausen, Bautzen und Sachsenhausen zu internieren.
4.O-Ton: (Mahler ab ca 11:25)
Das waren häufig auch ehemalige deutsche Konzentrationslager. Da sind selbstverständlich viele Funktionsträger des NS-Systems gelandet. Da landeten aber auch ab Sommer 1945 oppositionelle Kommunisten, oppositionelle Sozialdemokraten, bürgerliche Demokraten, die irgendwie auffielen, die denunziert wurden, die im Weg standen. Und das setzte sich fort. Es gab sowjetische Militärtribunale, die bis Anfang der 1950er Jahre Deutsche im Schnellprozess zu teilweise Jahrzehnten Lagerhaft verurteilten, teilweise zum Tode verurteilten. Es wurden dann auch Tausende von Gefangenen in die Sowjetunion in den Gulag transportiert.
Erzählerin
Es sind über 50.000 Menschen, die Folter und Hunger in den Speziallagern der SBZ nicht überleben. Mehr als 20.000 werden bis 1947 in die Sowjetunion verschleppt und dort teilweise umgebracht.
Erzähler
Trotz der öffentlich inszenierten Schauprozesse nimmt die Bevölkerung an dem Schicksal der Verurteilten wenig Anteil. Was daran liegt, dass - genau wie in den westlichen Besatzungszonen - auch die Nachkriegsgesellschaft in der SBZ in erster Linie damit beschäftigt ist, zu überleben. Ulrich Mählert:
5.O-Ton ( Mählert ab ca. 14:10)
Die lebten in einem kriegszerstörten Land. Es gab Zuzugssperren. (…) alles war reglementiert. Man war froh, wenn man ein Dach überm Kopf hatte, Frauen warteten auf die Heimkehr ihrer Männer aus der Kriegsgefangenschaft. Es gab Millionen von Flüchtlingen aus den vormaligen deutschen Gebieten des Ostens, die praktisch in der SBZ erst mal Halt gemacht hatten Man war so beschäftigt mit dem Überleben, mit der Frage: Was soll ich essen? (…) Da hat man da zum Teil der Frage der Politik auch überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt . (…) und dann greift natürlich so ein Gedankengang: Die Leute, die da verhaftet werden, die werden sich schon irgendwas haben zuschulden kommen lassen und ich denke, es gab ja auch keine Massenemigration aus dem Nationalsozialismus, sondern Leute sind gegangen und geflohen, die unmittelbaren Verfolgungsdruck verspürt hatten und so ähnlich war es natürlich auch in der SBZ.
Erzählerin
Zumal die Bodenreform unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ in weiten Teilen der Bevölkerung äußerst populär ist. Schon weil ein Teil des enteigneten Agrarlandes in den Besitz von über 500.000 Landarbeitern, Kleinbauern und Flüchtlingen übergeht. Es gibt also in Zeiten des Wiederaufbaus nicht nur Verlierer, sondern viele Gewinner.
TC 07:39 – Anita Möller: Eindrücke einer Zeitzeugin
Musik
Erzähler
Außerdem sorgt die sowjetische Besatzungsmacht als erste Siegermacht dafür, dass es auch wieder ein kulturelles Leben gibt. Zwei Monate nach Kriegsende existieren im Ostsektor Berlins wieder Theater, Symphonieorchester, Opernensembles und Kabaretts.
6.O-Ton: ( Mählert ab 17:51)
Es gab einen anfänglich unglaublich hoffnungsvollen kulturellen Aufbruch. Viele Migrantinnen und Migranten, die praktisch vom Nationalsozialismus in alle Welt geflohen sind, sind in die SBZ zurückgeholt worden, sind dorthin gegangen, hatten dort auch ein kulturelles Leben entfaltet, was auch beispiellos war.
Musik
Erzählerin
Ein kleiner Lichtblick an Normalität für die Nachkriegsgesellschaft, die mit sowjetischen Besatzungssoldaten konfrontiert sind, die berüchtigt dafür sind, brutal gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Anita Möller blickt zurück:
7.O-Ton: ( Möller ab 8:22)
Ich erinnere mich nur, dass wir Angst hatten vor denen. Es hieß, die brechen ein und stehlen und vergewaltigen. Das waren halt die Dinge, die man so gehört hat im Umfeld. Also man hatte einfach Angst vor denen. Später wurde das dann anders. Als ich dann 14, 15, 16 Jahre alt war, haben wir dann Russen kennengelernt, die – wie sag ich das jetzt - sehr nett waren.
Erzähler
Anita Möller ist bei Kriegsende fünf Jahre alt. Sie hatte erlebt, dass eine Brandbombe ihr Elternhaus in Dresden zerstörte. Die Familie flüchtete nach Österreich. 1947 fällt der Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren - nach langer Diskussion zwischen den Eltern: Es geht zurück in die SBZ und nicht nach Köln, in die Heimatstadt der Mutter.
Atmo
Erzählerin
Einer der Gründe für die Entscheidung ist ein Anruf aus Dresden:
8.O-Ton: ( Möller ab 2:28)
Das war ein enger Freund meiner Eltern. Seine Frau (…) war meine Patentante. Und die beiden waren so, wie ich das nenne, Uralt-Kommunisten. Die hatten Parteibücher, ich glaube unter 300 waren die Nummern. Und die sagten: Hier wird es jetzt wunderbar. Der sozialistische Staat wird kommen, und hier gehört dann alles allen. Kommt doch her. Hier lässt sich viel besser leben als in Westdeutschland.
Erzähler
Anitas Eltern gehören zu den vielen, die sich nach der NS-Diktatur wünschen, in einem sozialistischen Staat zu leben. Es herrscht eine Aufbruchsstimmung, von der sich nicht nur in der SBZ Menschen mitreißen lassen. Der Historiker Ulrich Mählert:
9.O-Ton ( Mählert ab 18:16)
Es gab insgesamt eine Linkswende in ganz Europa. Sie müssen sich in Erinnerung rufen: 1945 wird Winston Churchill abgewählt und Clement Attlee folgt als Labour Premierminister. (…) „Nach Hitler kommen wir“ war der Slogan der Kommunisten und viele Menschen waren davon überzeugt, dass jetzt praktisch eine sozialistische, kommunistische, sozialdemokratische Zukunft anbricht.
TC 10:45 – Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
Musik
Erzählerin
Doch gab es jemals die Chance, dass aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges ein sozialistischer Staat hervorgeht, so wie ihn sich Anita Möllers Eltern und viele andere herbeisehnen und keine neue Diktatur? Schon 1946 ist der erste Schritt bereits getan, der den Weg der SBZ in die spätere DDR-Diktatur ebnet. Durch die Vereinigung von SPD und KPD zur sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der SED.
Musik
Erzähler
Die Idee, die Spaltung der Arbeiterklasse zu überwinden und sich zu einer gemeinsamen gleichberechtigten Einheitspartei zusammen zu schließen, kommt ursprünglich von der SPD. Die KPD weigert sich zunächst, ändert aber auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht ab dem Herbst 1945 ihren Kurs.
Erzählerin
Nach dem schlechten Ergebnis der Partei bei den Wahlen in Österreich und Ungarn soll sich die KPD nun mit der SPD zusammenschließen, dabei aber die Führungsrolle übernehmen. So ist es der Wunsch der sowjetischen Besatzungsmacht. Otto Grotewohl, Vorsitzender des Zentralausschusses der Ost-SPD lässt sich wie viele andere Sozialdemokraten darauf ein.
10.O-Ton ( Mählert ab 6:25)
Zum einen gab es sicherlich auch viele Sozialdemokraten, die davon überzeugt waren, dass die sozialdemokratischen Funktionäre auf allen Ebenen, die ja einen ungeheuren Rückhalt innerhalb der Arbeiterschaft und der Otto-Normalverbraucher-Bevölkerung hatten, die Kommunisten letztlich an die Wand spielen würden. Dann gab es persönlichen Druck. Es gab Überredungen, Schmeicheleien Versprechungen. (…) In dieser Gemengelage (…) ist man dann den Weg gegangen.
Erzähler
Am 21. April 1946 besiegeln KPD-Chef Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Nicht nur Pieck und Grotewohl teilen sich den Parteivorsitz, sondern auch alle anderen wichtigen Ämter werden innerhalb der SED zunächst paritätisch besetzt. Eine Regelung, die bis 1948 gilt.
Musik
Erzählerin
Bei den folgenden Landtagswahlen im Herbst 1946 rächt sich, dass die SED in der Bevölkerung als „Russenpartei“ verschrien ist, deren Funktionäre die Demontage der Industrieanlagen durch die Sowjetunion als gerechte Entschädigung der Besatzer darstellen. Die Wähler und Wählerinnen entscheiden, dass die SED in keinem der fünf Länder die absolute Mehrheit erreicht.
Erzähler
Dessen ungeachtet setzt die Partei wesentliche Pflöcke in Richtung künftiger Kontrollstaat. Im Dezember 1946 wird mit der „Deutschen Verwaltung des Inneren“ ein zentrales Innenministerium für die SBZ aufgebaut. Auf Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht entsteht darin der Grundstein für den künftigen Überwachungsapparat: die politische Polizei, die sich im Laufe der Zeit zum Führungsorgan der fünf Länder der SBZ entwickelt. Eine besondere Aufgabe kommt darin der Abteilung Kriminalpolizei 5, auch Kommissariat 5 genannt, zu. Einem Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit.
TC 13:52 – Alltag Nachkriegszeit
Musik
Erzählerin
Währenddessen versucht die Gesellschaft in der zerstörten SBZ - wie Millionen von anderen Menschen in der Nachkriegszeit, ihr Leben neu zu organisieren.
11.O-Ton (Möller 3:37)
Wir sind ganz am Anfang in das Mietshaus, in dem meine Tante wohnte. Oben unterm Dach gab es ein Zimmer, und da (…) wohnten wir dann zu sechst. Das war sehr eng und dunkel und schäbig, das weiß ich noch, aber (…) man hat es hingenommen. Es ging ja allen schlecht. Keiner hatte irgendetwas. Deshalb war das auch nichts Besonderes.
Erzähler
Auch wenn Anita Möllers Vater als Bauingenieur schnell wieder Arbeit findet, ist der Alltag der Familie davon bestimmt, sich etwas zu essen zu beschaffen.
12.O-Ton (Möller ab 12:10)
Meine Mutter ist damals - (…) Die ist immer über die sogenannte grüne Grenze gegangen nach Westdeutschland hamstern. Die gingen da rüber mit einem Rucksack durch den Wald in der Nacht auf die andere Seite und (…) hat Essen geholt und dann zurück nach Hause gebracht.
Musik
Erzählerin
In aller Not lässt es die SED-Führung am Freizeitprogramm für Kinder- und Jugendliche nicht mangeln. Gleich nach Kriegsende gründet Erich Honecker den Jugendausschuss für die Ostzone, aus dem ein Jahr später die Jugendorganisation FDJ entsteht.
Erzähler
Darüber hinaus wird im Dezember 1948 die sozialistische Kinderorganisation gegründet: der Verband der jungen Pioniere. In dem die sechs- bis 13-jährigen lernen sollen, sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Kollektiv. Die Vorsitzende der Jungen Pioniere ist Margot Feist, spätere Honecker.
Erzählerin
Auch Anita Möller geht mit acht Jahren zu den Jungen Pionieren.
13.O-Ton (Möller ab ca. 5:20)
Das fand ich damals ganz toll mit diesen gleichaltrigen Kindern in verschiedenen Gruppen zu spielen, zu arbeiten und dieser Zusammenhalt. (…) Später als ich 13, 14 Jahre alt war und die Zukunft so aussah, dass die Nachfolgeorganisation dann die FDJ Freie Deutsche Jugend sein wird. Da bin ich dann nicht mehr eingetreten.
TC 16:05 – Ein „antifaschistisch-demokratischer Neuanfang“?
Musik
Erzähler
Während Anita noch begeistert zu den Treffen der Jungen Pionieren geht, hat sich das Verhältnis der drei Westmächte zur UdSSR merklich abgekühlt. Ost und West sind längst auf dem Weg in den Kalten Krieg.
Erzählerin
Bereits im März 1947 gibt US-Präsident Harry Truman mit der „Truman-Doktrin“ als neues Ziel der amerikanischen Außenpolitik vor, freie Völker in ihrem Kampf gegen Totalitarismus künftig zu unterstützen.
Erzähler
Im Sommer 1947 legt die USA den Marshall-Plan vor. Das Milliarden-Dollar-schwere Wiederaufbauprogramm soll auch in der SBZ gelten. Doch Stalin geht diesen Weg nicht mit. Genau so wenig wie die Währungsreform, die in den westlichen Besatzungszonen am 20. Juni 1948 in Kraft tritt.
Erzählerin
Statt der D-Mark wird wenige Tage später in der SBZ die Ostmark eingeführt. Und ab Ende Juni die Planwirtschaft. Ulrich Mählert:
14.O-Ton: (Mählert 24:09)
Das war eine Planwirtschaft, die einerseits darauf ausgerichtet war, Güter für die Sowjetunion zu produzieren und andererseits war das auch ganz stark darauf ausgerichtet, die Schwerindustrie aufzubauen, die man in Ostdeutschland nicht hatte. (…) Und insofern war praktisch das ein nachholendes Industrialisierungsprogramm mit dem Versprechen nach dem Motto „So wie ihr heute arbeitet, werdet ihr morgen leben“. Und gleichzeitig blieben Lebensmittel rationiert und die Menschen haben ja nichts von den versprochenen Wohltaten des Sozialismus erkennen können.
Erzähler
Anders als die Parole vom „antifaschistisch-demokratischen Neuanfang“ glauben machen sollte, verwandelt sich die SED ab dem Frühsommer 1948 zur marxistisch-leninistischen Kaderpartei:
15. O-Ton Mählert ( ab 9:50)
Das war wirklich so eine Phase, in der überall politische Opposition ausgeschaltet worden sind. Innerhalb der SED wurden die Sozialdemokraten aus ihren Funktionen gedrängt. Man hat die christdemokratische Partei, die liberaldemokratische Partei da rigoros gleichgeschaltet. Massenorganisationen wie die Freie Deutsche Jugend, der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, die bis zu dem Zeitpunkt noch Fragmente von Pluralität in ihren Führungsgremien hatten, wurden Schritt für Schritt in den Statuten, in ihrer Organisationsform auf Linie gebracht. Die Planwirtschaft, der Wirtschaftsplan wurde neu aufgelegt und das ist dann praktisch eine Verschärfung des politischen und ökonomischen Transformationsprozesses.
Musik
Erzählerin
Als Reaktion darauf, dass die Westalliierten am 20.Juni 1948 auch in ihren drei Sektoren Berlins die D-Mark einführen, lässt Stalin alle Land- und Wasserwege in die alte Reichshauptstadt blockieren.
Erzähler
Damit sind mehr als zwei Millionen Menschen in den Westsektoren Berlins fast ein Jahr lang eingeschlossen. Um sie zu versorgen, beginnt unter Führung von US-Generalgouverneur Lucius D. Clay am 24.Juni 1948 die Berliner Luftbrücke.
Atmo
Sprecher
Mehr als 500 amerikanische und britische Transportmaschinen bringen bis zum 12. Mai 1949 Lebensmittel und Kohle nach Berlin. Sie fliegen über einen breiten Luftkorridor und landen schließlich im Zweiminuten-Takt an den Flughäfen Tempelhof, Gatow und Tegel. Es sind am Ende 1,8 Millionen Tonnen Nahrung, Kohle und Industriegüter, dank denen die Westberliner die Blockade überleben.
Erzählerin
Stalins Kalkül, wenn schon nicht ganz Deutschland, so wenigstens Berlin unter seine Kontrolle zu bringen, geht nicht auf. Stattdessen tritt am 23. Mai das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Nur 12 Tage nach der Wahl Konrad Adenauers zum Bundeskanzler erteilt Josef Stalin schriftlich seine Zustimmung, einen zweiten deutschen Staat zu gründen: die Deutsche Demokratische Republik.
Erzähler
Anita Möller ist damals neun Jahre alt:
16.O-Ton (Möller ab ca. 17:00)
Ich habe das ja alles erst sehr viel später - Ende der Fünfzigerjahre da bin ich dann auch ab und zu nach West-Berlin gefahren - gemerkt (…) dass es hier alles gab und wir so wenig hatten, aber irgendwie hat man das hingenommen. Das hat sich alles erst geändert mit dem Bau der Mauer. Da war schlagartig klar: Ich muss weg.
Erzählerin:
Anita Möller gehört zu den wenigen, die nach dem Bau der Mauer mit ihrer Familie durch einen Tunnel in den Westen fliehen kann.
TC 20:30 – Outro
Sie ist ein Experimentierfeld am Ende der Welt: die Atlantikinsel Ascension, auf halbem Weg zwischen Afrika und Südamerika. Hier entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts das erste künstlich geschaffene Ökosystem der Welt. Die Briten siedelten zahlreiche neue Pflanzen und Tiere an. Doch die koloniale Unterwerfung der Insel durch die Briten zeigt bis heute Schattenseiten. Von Lukas Grasberger (BR 2023)
Credits
Autor: Lukas Grasberger
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer
Technik: Regina Stärke, Christine Frey
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: João Vitor Tossini, Dr. Nicola Weber, Prof. David Wilkinson
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2023): Über die Tücke der ökologischen Zeitbombe
Dem Klimaschutz läuft die Zeit davon: Wenn die Erderwärmung begrenzt werden soll, braucht es globale Anstrengungen, warnt der IPCC. Der Philosoph Hans Jonas entwarf bereits 1979 eine globale Umweltethik. Heute ist sie aktueller denn je. JETZT ANHÖREN
ARD alpha (2021): Leben auf dem Mars?
Gibt es - oder gab es Leben auf dem Mars? Und wenn ja, wie könnte dieses Leben aussehen? Die Antwort finden wir möglicherweise auf der Erde. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:17 – Eine Insel im Dornröschenschlaf
TC 03:05 – Die steinerne Fregatte
TC 06:30 – Ethische Fragen der Flora und Fauna
TC 10:53 – Das Problem Vögeln, Ratten und Katzen
TC 14:07 – Ist da doch ein Plan(et) B?
TC 22:38 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO
ERZÄHLERIN
Eine Insel irgendwo im Nirgendwo, Mitten im Atlantik. Eigentlich nur ein größerer Felshaufen im Wasser - flächenmäßig in etwa so groß wie Würzburg. Jedoch so uninteressant, dass selbst frühe portugiesische Eroberer nur kurz einen Fuß daraufsetzten. Um fortan einen großen Bogen um das wüste Eiland zu machen. Mit diesen wenigen Worten könnte die Geschichte der Insel Ascension erzählt sein. Eigentlich.
MUSIK
Denn Ascension, diese Insel, auf der wahrscheinlich sechs, sieben Millionen Jahre lang so gut wie nichts passierte, seit sie sich nach einem Vulkanausbruch über die Meeresoberfläche erhob: Diese Insel wurde in den letzten gut 200 Jahren zu einem Knotenpunkt der Weltgeschichte. Und sie sollte sich letztendlich zu einem biologischen Labor unter freiem Himmel entwickeln - das sogar Antworten auf drängende Zukunftsfragen unserer Zeit liefern könnte.
TC 01:17 – Eine Insel im Dornröschenschlaf
ATMO
Es ist eine Entwicklung, die keineswegs absehbar ist, als die Seefahrer João da Nova und Afonso de Albuquerque Anfang des 16. Jahrhunderts wohl als erste Menschen Ascension Island betreten.
O-Ton 1 João Vitor Tossini, Politikwissenschaftler, englisch, deutsche Overvioce, Teil 1
„Diese portugiesischen Seefahrer machten nur kurz Station auf Ascension – das übrigens einer Überlieferung nach so heißt, weil Albuquerque sie am Feiertag von Christi Himmelfahrt erstmals gesichtet haben soll.“
ERZÄHLERIN
...weiß der brasilianische Politikwissenschaftler Vítor Tossini.
O-Ton 1 Tossini Teil 2
„Auf der Insel gab es kaum Wasser. Lebensfeindliche Bedingungen also, weshalb weder da Nova, noch ein paar Jahre später Albuquerque formale Besitzansprüche geltend machten. Die Portugiesen hatten kein Interesse daran, die Inseln bewohnbar zu machen und sie zu besiedeln.“
ERZÄHLERIN
Für gut 300 Jahre fiel die unwirtliche Insel erneut in einen Dornröschenschlaf. Im 17. Jahrhundert beschrieb ein schiffbrüchiger Seemann die Insel mit den Worten: “Jeder hätte gedacht, dass der Teufel persönlich hier seine Wohnstatt genommen - und den Eingang der Hölle hierhin verlegt hat.”
MUSIK
ERZÄHLERIN
Nicht viel schmeichelhafter äußerte sich der britische Naturforscher Charles Darwin, der 1836 zur ersten geologischen Expedition nach Ascension kam.
ZITATOR
„Der Tag war klar und heiß: Und ich sah eine Insel, die mir nicht in Schönheit zulächelte, sondern mich in nackter Hässlichkeit anstarrte. Die Lavaströme sind mit Hügeln bedeckt. Die Landschaft ist in einem Ausmaß zerfurcht, die sich geologisch nicht einfach erklären lässt.“
TC 03:05 – Die steinerne Fregatte
ERZÄHLERIN
Trotz der wenig einladenden Geologie, trotz der äußerst kargen Fauna und Flora sollte Ascension doch bald interessant für die seefahrenden Nationen der Neuzeit werden. Dies lag vor allem an Napoleon. Die Briten verbannten den französischen Ex-Kaiser nach dessen letzter Kriegs-Niederlage bei Waterloo auf die Atlantikinsel St. Helena – die 1300 Kilometer entfernte Nachbarinsel von Ascension.
O-Ton 2 Tossini OV
„Die Briten sagten sich: Wenn wir Napoleon nach St. Helena ins Exil schicken, dann brauchen wir eine Präsenz in der Region. Damit nicht das gleiche passiert wie in Elba, wo Napoleon zuletzt entkommen konnte.“
ERZÄHLERIN
Großbritannien baute Ascension Island zu einer „steinernen Fregatte“ aus. Da es der Königlichen Marine selbst untersagt war, über Land zu herrschen, stellten die Briten Ascension tatsächlich als Kriegs-Schiff in ihren Dienst. Solche „steinernen Fregatten“, sagt Vítor Tossini, wurden im 19. Jahrhundert zu strategische wichtigen Stützpunkten, mit denen das British Empire seine Position als globale Großmacht festigte.
O-Ton 3 Tossini OV
„Stützpunkte wie Ascension Island waren wichtig, als es um Napoleon ging. Sie sollten etwas später eine bedeutende Zwischenstation für britische Schiffe auf dem Weg in die Kolonien, zunächst Ost-Indien, dann Südafrika werden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Ascension und St. Helena zu Häfen, die Dampfschiffe auf diesen langen Routen mit Kohle versorgen konnten.“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Die Lage von Ascension Mitten im Südatlantik erlaubte es Großbritannien, gleich einer Spinne die Fäden im weltumspannenden Netz der Macht zu spinnen: So beschreibt es der Experte für internationale Politik, Vítor Tossini. Mit seinen „steinernen Fregatten“ machte Großbritannien seinen Einfluss geltend – etwa für die Abschaffung des Sklavenhandels. Dies, betont Tossini, sei weniger aus christlicher Nächstenliebe oder Humanismus geschehen. Vielmehr fürchtete Großbritannien im globalen Markt um die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte.
O-Ton 4 Tossini OV
„Großbritannien hatte Anfang des 19. Jahrhunderts den Handel mit Sklaven im British Empire abgeschafft – und drängte andere Nationen, es ihm gleichzutun. Das Parlament in Brasilien verabschiedete dazu eine Reihe von Gesetzen, um die Briten zu besänftigen. Praktisch ging der Sklavenhandel jedoch weiter. Deshalb begann Großbritannien, die Muskeln spielen zu lassen, und fing brasilianische Handelsschiffe ab – besonders solche Boote, die Sklaven transportierten. Wichtige Haltepunkte dafür waren St. Helena und Ascension Island: Mitten im Atlantik, genau zwischen Afrika und Brasilien waren sie dafür perfekt gelegen.“
ERZÄHLERIN
Ihren zuallererst militärisch-machtpolitischen Charakter hat die Insel, auf der offiziell gerade einmal 800 Menschen dauerhaft leben, bis heute behalten. Vítor Tossini:
O-Ton 5 Tossini OV
SPRECHER
„Bis zum heutigen Tag kann niemand eine Liegenschaft auf Ascension Island erwerben, und niemand darf sich dauerhaft dort niederlassen. Man kann seinen Aufenthalt dort verlängern - aber ob das gewährt wird: Das hängt von der britischen Regierung ab.“
TC 06:30 – Ethische Fragen der Flora und Fauna
MUSIK
ERZÄHLERIN
Um die karge Insel für die zeitweise dort stationierten Briten attraktiver zu machen, entwickelten zwei Biologen einen gewagten Plan. Charles Darwin und sein Kollege Joseph Hooker schlugen der britischen Marine vor, Bäume, Sträucher und andere Pflanzen nach Ascension zu bringen. Ein neues, künstlich angelegtes Ökosystem entstand, weiß Nicola Weber. Die promovierte Biologin forscht und lehrt an der der University of Exeter. Von 2013 bis 2016 war Weber verantwortlich für den Naturschutz auf Ascension.
O-Ton 6 Dr. Nicola Weber englisch, dt. OV
„Schiffe brachten Flora aller Art – und aus den verschiedensten Teilen der Welt nach Ascension. Vieles kam aus Key Gardens, dem Londoner Botanischen Garten, zu dem Joseph Hooker gute Beziehungen hatte. Diese Bäume, Büsche und Blumen wurden auf dem Green Mountain, dem Grünen Hügel gepflanzt.“
ZITATOR
„Nach oben hin findet man ein Dickicht von 40 verschiedenen Baumarten, daneben wachsen zahlreiche Sträucher und Obstbäume“.
ERZÄHLERIN
...heißt es in John Croumbie Browns Studie „Wälder und Feuchtigkeit“ aus dem Jahr 1877. Binnen weniger Jahrzehnte war also auf dem „Grünen Berg“ von Ascension üppige Vegetation entstanden. Die ursprüngliche Idee, die Versorgung der Inselbewohner mit Obst und Gemüse vor Ort zu verbessern, schien erreicht. Doch gelöst waren die Wassernöte Ascensions damit noch keineswegs. Und auch das neue Ökosystem, der frische Bergwald, der Wasser aus den Wolken kämmte, erwies sich als fragil: Die neu eingeführte Flora und Fauna bedrohte endemische, seit Langem auf der Insel heimische Tiere und Gewächse.
O-Ton 7 Dave Wilkinson engl., dt. OV
„Solch ein Vorgehen führt fast zwangsläufig dazu, dass man Arten ausrottet.“
ERZÄHLERIN
...sagt der Ökologe Dave Wilkinson, Professor an der University of Lincoln.
O-Ton 8 Wilkinson OV
„Diese Begrünung von Ascension war ein Experiment, das man heutzutage wohl als unethisch ablehnen würde. Fände man unberührte Natur, dann versuchte man sicher alles zu tun, sie genauso zu erhalten. Andererseits: Dieser neu geschaffene tropische Wald war viel artenreicher als die Natur, die vorher da war. Es mag vorher 20, vielleicht 30 Pflanzenarten gegeben haben: Vor allem Gräser, Farne oder Moose. Heute dürften wir ein paar hundert Arten dort haben.“
ERZÄHLERIN
Das „Experiment von Ascension“ wirft – Mitten in der aktuellen Biodiversitätskrise - Fragen nach dem Preis, und dem Wert des Erhalts einzelner Arten auf. Fragen, die eher ethischer und philosophischer als biologischer Natur sind. Nicola Weber:
O-Ton 9 Weber OV
„Naturerhalt bedeutete für uns stets, invasive Arten loszuwerden – und einer Landschaft zu erlauben, in den Zustand zurückzukehren, bevor der Mensch sich einmischte. Hier auf Ascension hat eindeutig der Mensch diese invasiven Arten eingeführt. Müssen wir nun unsere Fehler beheben, und diese ausrotten? Oder müssen wir – als Verursacher dieses Problems – mit den Folgen leben und Wege finden, wie Fauna und Flora sich dem anpassen können?“
ERZÄHLERIN
Mit dem Lehrbuchwissen zu Natur- und Artenschutz komme man auf Acension nicht weiter, betont die Biologin. Ein vielfältiges und ausgeglichenes Ökosystem, das resilient auf die aktuellen und kommenden Krisen reagieren kann: Dies ist demnach erstrebenswerter - als eine Insel wie etwa Ascension in einen fragilen, artenarmen Urzustand zurückzuführen. Nicola Weber hat auf Ascension Island die „friedliche“ Koexistenz einheimischer und invasiver Arten beobachtet.
O-Ton 10 Weber OV
„Ja, es gibt Fälle, in denen eine invasive eine einheimische Art verdrängt hat. Es gibt hier aber auch das Beispiel, wo etwa ein invasiver Baum einer endemischen Art einen Lebensraum bietet.“
TC 10:53 – Das Problem Vögeln, Ratten und Katzen
MUSIK
ERZÄHLERIN
Eine solcherart friedliche Koexistenz sicherzustellen – das gelinge nicht immer, räumt die Wissenschaftlerin Weber ein. Das bekannteste Beispiel: Die Ratten, die irgendwann beim Zwischenstopp eines Segelschiffs Anfang des 18. Jahrhunderts auf die Atlantikinsel gelangt sein müssen. Ein niederländischer Seefahrer, der 1720 auf Ascension strandete, berichtete, er habe angesichts der Masse an Ratten um sein Leben gefürchtet. Die Ratten von Ascension nährten sich nicht nur von menschlichen Hinterlassenschaften. Sie dürften, so vermutet die ehemalige Konservatorin der Insel, die Landvögel auf der Insel ausgerottet haben. Und begannen dann, die Nester der Seevögel zu plündern. Nicola Weber:
O-Ton 11 Weber OV
„Nachdem die Ratten sich auf Ascension einmal angesiedelt hatten, begannen sie die Eier der Seevögel zu räubern, was deren Bestände dezimierte. Dies taten sie jedoch nicht in dem Ausmaß wie später die Katzen – die man eigentlich auf die Insel gebracht hatte, um die Rattenplage zu bekämpfen. Die Katzen interessierten sich aber nicht sonderlich für die Ratten, ihnen schmeckten die Vögel besser. Das sollte katastrophale Auswirkungen auf die Seevögel-Populationen haben.“
ERZÄHLERIN
2001 entwickelten Vogelschützer gemeinsam mit der britischen Regierung daher einen umstrittenen Plan: Die wilden Katzen sollten getötet werden, um den Seevögeln – die sich auf Ascension vorgelagerte Felsen zurückgezogen hatten – die Rückkehr zu ermöglichen.
O-Ton 12 Weber OV
„Es gab lange ethische und moralische Diskussionen, eine Volksbefragung, bei der sich zahlreiche Bewohner gegen die Ausrottung der Wildkatzen aussprachen. Als man dann begann, die Tiere zu vergiften, erwischte es auf der Insel auch viele Hauskatzen: Fast 40 Prozent wurden unabsichtlich getötet. Aus Artenschutz-Perspektive war diese Maßnahme aber erfolgreich. Gleich nachdem die Wildkatzen ausgerottet waren, kehrten die Seevögel zurück. Zuerst die Maskentölpel, später eine endemische Fregattvogel-Art. Mittlerweile sind elf Seevogel-Arten zurückgekehrt, wir haben mehrere Tausend Paare, die auf der Insel nisten.“
ERZÄHLERIN
Trotzdem sei es schwierig, das Ökosystem im Gleichgewicht zu halten, räumt Nicola Weber ein. Bedingungen zu schaffen, in denen Vielfalt gedeihen kann – ohne dass eine Pflanze oder ein Tier ein anderes verdrängt. Sollte eine Art sich zu aggressiv ausbreiten und radikale Eingriffe nötig werden, müssten darüber nicht die Biologen, sondern die Gesellschaft als Ganzes entscheiden.
O-Ton 13 Weber OV
„Die Ausrottung einer Tier- oder Pflanzenart auf Ascension ist ein emotionales Thema, das die auch Interessen der Bewohner berührt. Wir haben gelernt, dass man in alle Programme zum Management dieses vom Menschen geschaffenen Ökosystems die Öffentlichkeit von Anfang an einbinden muss. Denn es kann auch schiefgehen. Vieles funktioniert hier nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. „Trial and Error“ hat eine lange Geschichte hier, es hat Ascension geprägt.“
TC 14:07 – Ist da doch ein Plan(et) B?
MUSIK
ERZÄHLERIN
Der aus „Versuch und Irrtum“ entstandene neue Nebelwald von Ascension stellt - nach Ansicht manches Experten - als gesichert geltende Erkenntnisse der Biologie auf den Prüfstand. Denn klassischerweise, sagt der britische Forscher Dave Wilkinson, werde die Frage, wie ein so komplexes Ökosystem wie am Green Mountain entstehen kann, mit „Koevolution“ erklärt. Koevolution meint einen oft lange andauernden, ausgefeilten Prozess, in dem sich zwei Arten wechselseitig aneinander anpassen – um daraus ihren Nutzen ziehen. Etwa bei Schmetterlingen und Orchideen: Eine Orchidee braucht das Insekt zur Bestäubung – und bietet diesem süßen Nektar, der allerdings in einem tiefen Blütenkelch schlummert. Schmetterlinge passten sich daran an, indem sie einen besonders langen Rüssel entwickelten, um den Nektar zu erreichen. In Summe entstünde aus solchen langwierigen, komplexen Prozessen ein neues Ökosystem, so die Theorie. Dave Wilkinson hat auf Ascension jedoch etwas ganz anderes beobachtet.
O-Ton 14 Wilkinson OV
„Das Ökosystem am Green Mountain wurde am Reißbrett in weniger als 50 Jahren geschaffen. Das hat mir gezeigt, dass es vielleicht nicht immer diesen langen Prozess der Koevolution zwischen Organismen – Pflanzen und Tieren – braucht. Ascension ist eher ein Beispiel für „Ecological Fitting“. Das bedeutet, es werden Arten bunt zusammengewürfelt. Findet eine Pflanze oder ein Tier passende Bedingungen vor, überlebt es. Wenn nicht, stirbt es aus.“
ERZÄHLERIN
Für den Biologie-Professor Dave Wilkinson ist Ascension Island damit ein Studienobjekt, das zumindest ein wenig Hoffnung macht im Kampf gegen die Klimakrise.
O-Ton 15 Wilkinson OV
„Wenn wir uns heute Sorgen darüber machen, wie lange etwa ein gerodeter Regenwald braucht, um sich zu regenerieren, dann zeigt ein Beispiel wie Ascension: Das kann unter bestimmten Umständen sehr schnell geschehen. Schnell bedeutet in diesem Zusammenhang: Eine für die Menschheit relevante Zeitspanne von ein- bis zweihundert Jahren.“
ERZÄHLERIN
Dass einmal gerodeter Tropenwald nachwächst – dies funktioniere aber auf Grund des einfacheren Kreislaufs von Verdunstung, Kondensation und Regen mitten im Meer einfacher als etwa im brasilianischen Binnenland mit dem komplexeren Ökosystem des Amazonas. Rode man dort zu große Flächen, so trockne der Boden aus, der Wald sei unwiederbringlich verloren.
MUSIK
ERZÄHLERIN
David Wilkinson hält Acension für „untererforscht“, was die Potenziale der Insel anbelangt. Und er vertritt eine sehr gewagte Hypothese: Wenn es auf einer kargen Vulkaninsel Mitten im Atlantik gelingt, binnen weniger Jahrzehnte ein neues Ökosystem zu etablieren, dann könnte dies auch auch auf einem anderen Planeten gelingen.
O-Ton 16 Wilkinson OV
„Es handelt sich um die Idee des Terraforming, die ein wenig nach Science-Fiction klingt. Will man einen fremden Planten wie etwa den Mars für den Menschen bewohnbar machen, dann könnte man damit anfangen, Bedingungen zu schaffen, dass das Leben auf sehr niedriger Stufe möglich wird: Wie das etwa auf der Erde der Fall war, wo es am Anfang kaum Sauerstoff gab, der dann aber dank der Photosynthese von Pflanzen zunahm, was wiederum das Wachstum neuer Vegetation ermöglicht. Eine Dynamik, die sich aus sich selbst speist. Ein Ökosystem, das sich selbst erhält und reproduziert, wie wir es auch auf Ascension beobachten konnten: Auch dort hat man es der Natur überlassen, ihren eigenen Weg zu finden.“
ERZÄHLERIN
Dass Ascension quasi eine Blaupause für Leben auf dem Mars abgeben könnte – das ist Zukunftsmusik. Bei der Erkundung anderer Planeten, für die Raumfahrt spielte – und spielt - die Insel indes bereits eine wichtige Rolle.
ATMO
ERZÄHLERIN
Es waren nicht die NASA-Mitarbeiter im Kontrollzentrum Houston – sondern ihre Kollegen auf Ascension Island, die 1969 die Nachricht von der erfolgreichen Mondlandung der amerikanischen Astrounauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin empfingen. Doch nicht nur bei der Erkundung des Alls, auch für die ganz weltliche militärische Eroberung und Verteidigung war Ascension Island bedeutend. Ob als Zwischenlande-Platz für Flugzeuge der Alliierten im Zweiten Weltkrieg – oder für die Logistik des britischen Militärs während des Kriegs um die Falkland Inseln im Jahr 1982.
O-Ton 17 Tossini OV
„Interessanterweise gab es Uneinigkeit mit den USA über diese kriegerische Nutzung: Die Amerikaner waren dagegen, Ascension zur Machtprojektion zu nutzen: also seine politischen Interessen auch mit Androhung oder Anwendung von Gewalt durchzusetzen –
auch weit entfernt vom eigenen Territorium. Premierministerin Margret Thatcher pochte jedoch auf die britische Souveränität, und betonte, Ascension sei die Insel der Krone - und damit „unsere“ Insel.“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Ascension Island galt nach der britischen Verteidigung der Falkland-Inseln mehr denn je als „unversenkbarer Flugzeugträger“, mit dem Großbritannien seine Interessen im Südatlantik durchsetzen konnte.
Heute setzt man Vítor Tossini zufolge weniger auf offene militärische Gewaltdemonstration, um sich Vorteile im internationalen Mächtespiel zu verschaffen, führt Vitor Tossini aus. Politische Widersacher – und zuweilen auch Partner – würden vielmehr ausgespäht, auch von der Atlantikinsel aus. Davon künden zahlreiche Abhör-Anlagen des britischen Geheimdienstes GCHQ, aber auch der US-amerikanischen NSA, die auf Ascension ihre Antennen in die Luft recken. Der brasilianische Experte für internationale Politik, Vítor Tossini:
O-Ton 18 Tossini OV
„Man muss die Abhör-Anlagen als Teil der Geheimdienst-Kooperation „Five Eyes“ sehen. Dabei arbeiten Großbritannien, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland zusammen. Es ist wie ein Puzzle einer möglichst lückenlosen weltweiten Überwachung, zu dem jedes der Länder seinen Teil beiträgt – und die Basis auf Ascension dürfte sich auf ihrer Lage gut dazu eignen, den afrikanischen Kontinent, aber auch brasilianische oder argentinische Telekommunikation abzuhören.“
ERZÄHLERIN
Weltweit verfüge der britische Geheimdienst über Einrichtungen zur militärischen und nachrichtendienstlichen elektronischen Aufklärung. Ob auf Ascension, Gibraltar oder Zypern – auf abgeschirmten Inseln wie Ascension bleibe der Öffentlichkeit mehr denn je verborgen, was genau Geheimdienste treiben - und wie effektiv diese smartere, digitale Art der Kriegsführung wirklich funktioniere.
Gegner und Partner über die wahre Macht und Bedeutung von Ascension im Unklaren zu lassen – dies dürfte indes durchaus im Interesse Großbritanniens liegen, betont der Politikwissenschaftler Vítor Tossini.
O-Ton 19 Tossini OV
„Es ist eine sehr große Spannbreite, wozu diese Insel den Briten nützlich sein kann. Man kann sich Ascension vorstellen als Instrument zur konventionellen Kriegsführung, wie auch der äußerst unkonventionellen, etwa zur Satellitenbild-Auswertung durch Geheimdienste. Theoretisch könnten sowohl Großbritannien wie auch die USA sogar Atomwaffen auf Ascension stationieren – ohne damit internationale Verträge zu brechen. Wie auch immer: Übersee-Gebiete wie Ascension helfen Großbritannien, trotz seiner eigentlich bescheidenen Größe ein bedeutender Akteur auf der internationalen Bühne zu bleiben – und quasi oberhalb seiner eigentlichen Gewichtsklasse zu kämpfen.“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Ascension Island – einst schon für Charles Darwins und Joseph Hooker ein „Experiment am Ende der Welt“ - ist damit bis heute in vielerlei Hinsicht eine Insel der Möglichkeiten geblieben - die auch in Zukunft einige Überraschungen bereithalten dürfte…
TC 22:38 – Outro
Korsika: Eine traumschöne Insel im Mittelmeer, bewohnt von Einwohnern, die seit Jahrhunderten um ihre Freiheit kämpfen. "Korsika ist nicht Frankreich", "Freiheit für Korsika": Solche Graffiti finden sich überall auf der Insel. Welche Rolle spielen dabei die eigene korsische Identität und Sprache? Und die alten korsischen Lieder, die Musikgruppen wie "Alba" wieder zum Leben erwecken? Von Vanja Budde (BR 2023)
Credits
Autorin: Vanja Budde
Regie: Ron Schickler
Es sprachen: Laura Maire, Florian Schwarz, Ron Schickler
Technik: Regine Elbers
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Ghjuvanfrancescu Mattei, Alain Di Meglio, Matthias Waechter
Linktipps:
BR (2022): L’Alba beim Nürnberger Bardentreffen 2022
Während die Musiker das Erbe des polyphonen Gesangs ihrer Heimat Korsika bewahren, sind sie offen für zeitgenössische Elemente aus Folk und Jazz sowie Einflüsse aus arabischen und nordafrikanischen Ländern sowie aus Italien, Griechenland, Portugal, dem Senegal und Simbabwe. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2022): Korsika, Frankreich und die ewige Frage der Unabhängigkeit
Im Frühjahr 2022 kehrte die Gewalt zurück. Nach der Ermordung eines inhaftierten Nationalisten kam es zu Protesten auf Korsika. Die Forderung nach Unabhängigkeit ist wieder da, doch die korsische Bevölkerung ist bei diesem Thema zerstritten. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:40 – Eine Insel, schon immer begehrt
TC 05:15 – 14 goldene Jahre
TC 08:53 – Die Universität Korsika Pasquale Paoli
TC 12:56 – Wege in die Autonomie
TC 19:31 – Das Korsisch Paradoxon
TC 22:45 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Sprecherin
Algajola, ein kleiner Ort an der zerklüfteten Westküste Korsikas. In der Dorf-Kirche verbinden drei Männer ihre Stimmen zum Paghjella-Gesang: Sie sind die Wurzeln der korsischen Musik, diese klagend-dramatischen mehrstimmigen Melodien. Wenn man sie hört, sieht man Korsikas schroffe Berge vor sich, die mehr als 50 Gipfel über 2.000 Meter Höhe, die eiskalten, klaren Flüsse, die zu Tal stürzen, die stachelige Macchia, die das harte Leben der Schäfer im Inneren der Ile de Beauté Jahrhunderte lang bestimme: der heute bei Touristen beliebten „Insel der Schönheit“. Denn Korsika ist schön, aber auch wild. Ein „Gebirge im Meer“, umkämpft seit Jahrtausenden, stets beherrscht von fremden Mächten, gegen die sich die Korsen immer gewehrt haben. All das klingt mit in diesem traditionellen, polyphonen Gesang. Die UNESCO hat ihn darum 2009 zum immateriellen Erbe der Menschheit erklärt.
ATMO
Sprecherin
Einer der drei Sänger ist Ghjuvanfrancescu Mattei. Seine Gruppe L’Alba lade sie dazu ein, mit in die korsische Seele einzutauchen, erklärt er den Touristen, die an diesem Abend zu annähernd 100 Prozent das Publikum stellen. Darum sängen sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache: Korsisch. Das klingt überhaupt nicht wie Französisch, sondern hat eher Ähnlichkeiten mit Italienisch. Weshalb es auch im Norden der Nachbarinsel Sardinien von vielen verstanden wird.
MUSIK
TC 02:40 – Eine Insel, schon immer begehrt
Sprecherin
Korsika ist nach Sizilien, Sardinien und Zypern die viertgrößte Insel im Mittelmeer; mit knapp 350.000 Einwohnern, in etwa so viele wie Island hat. Früher wurde in den Dörfern im Inselinneren viel gesungen, bei Festen, aber auch abends in den Familien. Doch immer mehr junge Leute wandern in die Städte ab, nach Bastia an der Ostküste mit ihren langen Sandstränden oder in die Insel-Hauptstadt Ajaccio im Südwesten. Zurück bleiben die Alten, gesungen wird immer seltener. Gruppen wie I Muvrini, A Filetta oder eben L’Alba sind darum die Hüter nicht nur von Geschichte und Tradition, sondern sie bewahren und fördern auch die korsische Identität. Sagt Ghjuvanfrancescu Mattei:
O-Ton 1 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, OV
OV MÄNNLICH
„Unsere Insel hat in der Vergangenheit gelitten. Und sie hat sich an jedes Leiden angepasst. Deshalb findet man auch in der Musik, im künstlerischen Ausdruck, eine Form von Melancholie, eine Form von Schmerz. Denn die korsische Bevölkerung wurde in all den Jahren der Fremdherrschaft mundtot gemacht. Das erzählen wir auch in unseren Liedern: Dass wir Korsen schweigen mussten. Immer wieder unsere Staatsangehörigkeit ändern mussten. Sicherlich spürt man das in unserer Musik: Korsikas melancholische Leuchtkraft.“
ATMO
Sprecherin
Sie ist lang, die Liste der fremden Herrscher über diese gebirgige Insel, die zwischen dem italienischen Festland und Sardinien liegt: Byzantiner, Langobarden, Sarazenen und Franken setzten sich an den Küsten fest. Die Markgrafen der Toskana meldeten ebenso Ansprüche an, wie die Seerepubliken Pisa und Genua. Die meisten Korsen zogen sich ins unzugängliche Inselinnere zurück.
MUSIK
Dabei war die Insel schon in prähistorischer Zeit bewohnt. Und schon immer begehrt. Ligurer und Etrusker vom nahen italienischen Festland siedelten sich an, aber auch Griechen und Araber hinterließen genetisch ihre Spuren. Unter der Herrschaft Genuas im Mittelalter kamen viele italienische Siedler, die ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Es wird daher angenommen, dass die moderne korsische Bevölkerung eine Mischung all dieser ethnischen und linguistischen Gruppen ist. So blieb Korsika, das nie eine brave Kolonie oder Provinz war, immer eine Welt für sich.
TC 05:15 – 14 goldene Jahre
1729 hatten die Korsen genug: In mehreren, Jahre langen Aufständen lehnten sie sich gegen die Zwangsverwaltung und das Feudalsystem der Genuesen auf. 1755 riefen sie ihre staatliche Unabhängigkeit aus. Unter Führung des Widerstandskämpfers Pascal Paoli, der bis heute als „Babbu di a Patria“ verehrt wird, als „Vater des Vaterlandes“, gaben sich die Korsen eine demokratische Verfassung. Übrigens war es die erste Verfassung im Zeitalter der Aufklärung, lange vor den Verfassungen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 und Frankreichs 1791. Inklusive Gewaltenteilung und Volkssouveränität und des europaweit ersten Frauenwahlrechts immerhin für alleinstehende Frauen und Witwen. Einer der engsten Mitarbeiter Paolis dabei war Carlo Buonaparte: Napoleons Vater. Die Genuesen mochten sich mit der kämpferischen Inselbevölkerung nicht länger herumärgern und verkauften ihre Ansprüche an Frankreich. Schon nach 14 Jahren war es dann vorbei mit der Freiheit: 1769 besiegte Frankreich die korsischen Truppen in der Schlacht bei Ponte Novu.
MUSIK
Sprecherin
Seither ist Korsika französisches Staatsgebiet. Sieht man von einer kurzen Periode während der Französischen Revolution ab, als die Insel unter englische Oberhoheit geriet. Pascal Paoli ging ins Exil nach England, 1807 starb er in London. Der junge Napoleon schrieb später in seinen unveröffentlichten „Lettres sur la Corse“: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“ Obwohl der korsische Kampf um Unabhängigkeit nur so kurze Zeit Erfolg hatte, beeinflusste er nicht nur viele Intellektuelle und Staatsmänner jener Zeit, unter ihnen Jean-Jacques Rousseau und die Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Sondern die Erinnerung an diese 14 goldenen Jahre der Freiheit ist auch heute noch lebendig. Vor allem in der damaligen Hauptstadt des unabhängigen Korsikas: Corté, in den Bergen im Inselinneren gelegen. Heute hat die lebendige Kleinstadt am Zusammenfluss von Restonica und Tavignano 7.500 Einwohner. Die Hälfte davon sind Studenten der einzigen Universität Korsikas.
TC 08:53 – Die Universität Korsika Pasquale Paoli
Die nach Pascale Paoli benannte Universität ist ein wichtiges Symbol des Strebens nach Autonomie, erklärt ihr Vize-Direktor Alain Di Meglio in seinem lichten Büro im oberen Stockwerk des modernen Baus.
O-Ton 2 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV, da kurz und unten erklärt)
„Pascal Paoli, der Gründer des unabhängigen Korsikas, hatte hier eine Universität ins Leben gerufen, die vier Jahre lang bestand, von 1765 bis 1769.“
Sprecherin
Denn Pascale Paoli hat hier in Corté nicht nur das unabhängige Korsika gegründet, sondern 1765 auch eine Universität, die bis zur Machtübernahme Frankreichs 1769 bestand.
O-Ton 3 Alain Di Meglio, Französisch/OV
OV ALAIN
„Korsikas Universität war 212 Jahre lang geschlossen und wurde 1981 wiedereröffnet. Und zwar unter Druck, auf Grund von Forderungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Universität wiedereröffnet wurde, saßen 120 politische Gefangene in den französischen Gefängnissen. François Mitterrand hat sich dann des Problems angenommen, Wahlen zum ersten Korsischen Regionalparlament zugelassen und die Universität wiedereröffnet. Das war erst möglich, nachdem die Sozialistische Partei unter François Mitterrand an die Regierung gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hat die Universität das Studium der korsischen Sprache wiederaufgenommen und korsischsprachige Lehrer für das Bildungssystem ausgebildet.“
Sprecherin
Neben Französisch ist an der Universität Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Fächern.
O-Ton 4 Alain Di Meglio, Französisch/OV
OV ALAIN
„Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Sprache ein Identitätskriterium ist. Aber sie ist keine geschlossene Identität, keine ethnische Identität, sondern eine offene Identität, eine kulturelle Identität.“
MUSIK
Sprecherin
Weil sie über die Sprache transportiert werde und nicht über Abstammung, erklärt Di Meglio. Die Sprachforscher der Uni haben die Jahrhunderte lang nur mündlich überlieferte Grammatik des Korsischen verschriftlicht und eine verbindliche Rechtschreibung festgelegt. Die Wissenschaftler zogen kreuz und quer über die Insel, zeichneten die verschiedenen Dialekte auf und brachten ein Wörterverzeichnis des Korsischen heraus.
O-Ton 5 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV da kurz und unten erklärt)
„Die Wiedergeburt der korsischen Sprache ist nicht der Universität allein zu verdanken, sie hat aber einen großen Beitrag dazu geleistet.“
Sprecherin
So habe die Uni einen wichtigen Beitrag für die Wiedergeburt der Sprache geleistet, sagt Di Meglio. Das war auch dringend nötig, denn unter französischer Herrschaft wurde das Korsische gezielt unterdrückt, wie Matthias Waechter erklärt. Der deutsche Historiker und Frankreich-Experte leitet das Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza. Er hat umfassende Werke über die Geschichte Frankreichs verfasst.
O-Ton 6 Matthias Waechter
„1870 bis 1940: Das war die Phase, in der sich dieses republikanische Staats- und Nationsmodell in Frankreich durchgesetzt hat. Und es musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang hat man sich gedacht, um eine einheitliche Republik zu gründen, müssen wir auch alle eine einheitliche Sprache sprechen. Die Regionalsprachen, die ja in Frankreich extrem verbreitet waren, noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden vom Zentralstaat brutal unterdrückt. Insofern hat Frankreich große Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, dass es ein Volk gibt in Korsika, das seine Kultur autonom leben möchte.“
Sprecherin
An öffentlichen Orten wie zum Beispiel den Schulen Korsisch zu sprechen, war verboten. Doch die Unterdrückung ging noch weiter, richtete sich auch gegen die musikalische Tradition, erklärt Matthias Waechter:
O-Ton 7 Matthias Waechter
„Der Harmoniegesang, der in Korsika gepflegt wurde, galt ja auch als ein Ausdruck korsischen Widerstands. Diese gesamten Ausdrucksformen einer Eigenständigkeit wurden als Widerständigkeit gegenüber der Französischen Republik angesehen. […] Man fürchtete, dass die Menschen, die in diesen Grenzregionen oder auf einer Insel wie Korsika lebten, zum Separatismus neigen würden, wenn man ihnen zu viel Eigenständigkeit lassen würde.“
Sprecherin
In der französischen Nationalversammlung ging die Angst um, dass dann etwa auch die Bretagne, das Baskenland oder das Elsass ähnliche Ansprüche wie die „störrischen“ Korsen erheben könnten.
O-Ton 8 Matthias Waechter
„Und diese Angst ist natürlich immer noch im Hintergrund, dass eine Region, die zu viel Eigenständigkeit besitzt, separatistisch wird. Und dass die Autonomie nur der erste Schritt zur Sezession ist“.
TC 12:56 – Wege in die Autonomie
MUSIK
Sprecherin
Im Falle Korsikas nicht ganz zu Unrecht: Nicht nur die restriktive Sprachenpolitik trieb die Korsen auf die Barrikaden. Nachdem Algerien 1962 in einem grausamen Krieg seine Unabhängigkeit errungen hatte, siedelten tausende Algerienfranzosen, die so genannten „Pieds noirs“ nach Korsika über. Viele Korsen fürchteten, eines Tages zur Minderheit auf ihrer eigenen Insel zu werden. Denn gleichzeitig wanderten zehntausende Korsen auf der Suche nach Arbeit von der wirtschaftlich rückständigen Insel ins Ausland ab. Wegen dieser massiven Landflucht verlor Korsika ein Drittel seiner Bevölkerung. In Sorge um die eigene Identität radikalisierte sich der korsische Nationalismus, Korsika wurde mit einer französischen Kolonie verglichen. In den frühen 1970er Jahren gründeten sich mehrere Parteien als politischer Arm der Nationalbewegung. Nachdem Frankreich Forderungen nach offizieller Zweisprachigkeit, Autonomie oder gar Unabhängigkeit strikt ablehnte, gingen einige Nationalisten in den Untergrund. Der 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu, kurz FLNC, versuchte die Unabhängigkeit mit Bombenattentaten und Morden zu erzwingen. Mehrere bewaffnete Gruppen bekämpften sich auch gegenseitig. 1998 eskalierte die Gewalt: Ein nationalistisches Mordkommando erschoss den französischen Präfekten der Insel, Claude Erignac, aus nächster Nähe, auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt Ajaccio. Die französische Öffentlichkeit war schockiert.
O-Ton 10 Matthias Waechter
„Und insofern wurde dieses Autonomiebestrebungen oder Unabhängigkeitsbestreben der Korsen auch oft als eine Bedrohung wahrgenommen.“
Sprecherin
Über diese blutigen Zeiten spricht man auf der Insel heute nicht gern. Die Täter von damals und ihre Hintermänner wurden gefasst und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die militanten Gruppen haben die Waffen niedergelegt. In den Supermärkten kauft man Baguette und auf den Dorfplätzen spielen die Korsen Boule. Haben sie ihren Frieden mit Frankreich gemacht? Nicht wirklich: Fährt man auf der sich durch die Berge schlängelnden Straße D18 nach Corte, durchquert man kurz vor der Universitätsstadt einen Straßentunnel. Dessen Wände sind über und über mit Spraydosen beschrieben: „Korsika ist nicht Frankreich“, liest man da auf Französisch. „Freiheit für Korsika“, „Franzosen raus aus Korsika“ und so weiter.
MUSIK
Sprecherin
Auf der ganzen Insel weht der „Mohrenkopf“ mit Stirnband auf Bannern und Fahnen und klebt als Aufkleber auf Autos: Das Emblem des Freiheitskampfes. Und in den Altstadt-Gassen von Corte ist das Konterfei eines Mannes allgegenwärtig: Es ist das Porträt von Yvan Colonna. Der korsische Nationalist war wegen Beteiligung an dem Präfekten-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte dabei stets seine Unschuld beteuert. Im März 2022 wurde Yvan Colonna im Gefängnis im südfranzösischen Arles von einem Mithäftling angegriffen und schwer verletzt. Daraufhin kam es auf Korsika zu Protesten und Ausschreitungen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Yvan Colonna starb drei Wochen später im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung in seinem Heimatdorf in den korsischen Bergen ordnete der Regionalpräsident der Insel Trauerbeflaggung an.
MUSIK
Anfang der 2020er-Jahre stand damit Korsikas Verlangen nach Autonomie wieder auf der Tagesordnung. Auf Korsika machte man sich Hoffnungen auf neue Verhandlungen und Fortschritte. Doch dann griff der russische Präsident Vladimir Putin die Ukraine an. Die folgende Energiekrise und eine hohe Inflation hielten ganz Europa in Atem, so auch Frankreich. Das Thema Korsika rückte wieder auf die hinteren Ränge. Dabei seien die Forderungen im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren mittlerweile gemäßigt, betont Alain Di Meglio, der Vize-Direktor der Universität in Corté: Nur noch zehn Prozent der Korsen verlangten die Unabhängigkeit ihrer Insel von Frankreich. Doch für die Autonomie seien 90 Prozent. Er eingeschlossen.
O-Ton 11 Alain Di Meglio, Französisch/OV
OV ALAIN
„Ich bin Autonomist. Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ich bin Autonomist, da ich ein Aktivist der korsischen Sprache bin! Ich fordere das Korsische als offizielle Sprache neben Französisch. Und ich bin für ein System, das mehr Vertrauen in Korsika setzt, das Korsika mehr Macht gibt, aber ohne die Armee oder die Polizei zu fordern oder sich aus dem System der Solidarität mit Europa und Frankreich zu lösen. Die deutschen Bundesländer: Die sind ein Modell für uns. Deutschland ist viel besser dezentralisiert als Frankreich.“
Sprecherin
Die Verfechter korsischer Freiheit haben ihre Ansichten auch deshalb abgemildert, weil sie den Gang in die Politik und durch die Institutionen angetreten haben: Autonomisten und Separatisten taten sich zusammen und errangen 2015 die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Doch Korsika müsse sich auch Europa und der Welt öffnen, fordert Di Meglio. Ebenso wie Frankreich, das zu sehr auf seinen einheitlichen Zentralstaat fixiert sei und Befugnisse nur zögerlich abgebe.
O-Ton 12 Alain Di Meglio, Französisch/OV
OV ALAIN
„Und ich glaube auf jeden Fall, dass das Prinzip der Autonomie heute ein notwendiges Prinzip ist, sogar weltweit: Wir werden aufgefordert, kurze Transportwege zu fördern, vor Ort zu konsumieren, um die CO2-Kosten des Großhandels zu vermeiden. Man verlangt von uns, die Verpackungen zu reduzieren, man verlangt von uns mehr Ökologie, man verlangt von uns, Energie zu sparen. All das, was in Europa und der Welt im Trend liegt, ist ein Prinzip, das in Richtung Autonomie geht.“
TC 19:31 – Das Korsisch Paradoxon
MUSIK
Sprecherin
Auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit sei die korsische Sprache ein wichtiger Trittstein, betont Di Meglio.
O-Ton 13 Alain Di Meglio, Französisch/kein OV, da kurz und oben erklärt
„Die Sprache ist das wichtigste Kriterium für das Bedürfnis der Korsen nach Identität.“
Sprecherin
Doch obwohl sie heute im öffentlichen Leben, auch in der Literatur, anerkannt sei, gebe es da eine große Gefahr: Nur noch zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sprächen aktiv Korsisch und nur noch etwa die Hälfte verstehe die Regionalsprache. Denn in den Familien wird Korsisch zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben.
O-Ton 14 Alain Di Meglio, Französisch/OV
OV ALAIN
„In den vergangenen 40 Jahren hat sich eine Art Paradoxon entwickelt: Die korsische Sprache ist sichtbarer und präsenter in der Politik und in den Medien. In der Bevölkerung geht sie jedoch zurück. Sie wird im Alltag weniger gesprochen.“
MUSIK
Sprecherin
Die UNESCO stuft Korsisch darum als bedrohte Sprache ein. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden, fordert Alain Di Meglio. Doch er ist guter Hoffnung. Auch wenn es immer weniger gesprochen wird, werde Korsisch immer häufiger an den Schulen gelehrt. Und dann sei da ja auch noch die Musik: Viele korsische Lieder sind in der Zeit der Unterdrückung verloren gegangen, doch erstaunlich viele haben auch überlebt. Dank der Überlieferung in den Familien, wie Ghjuvanfrancescu Mattei von L’Alba erzählt: Alle Mitglieder der Gruppe hätten von einer mündlichen Weitergabe profitiert. Fragt man ihn, ob er sich als Korse fühle oder als Franzose, antwortet der Musiker überraschend weltoffen:
O-Ton 17 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch/OV
OV MÄNNLICH
„Ich fühle mich sehr wohl und gut verstanden in der korsischen Sprache, natürlich. Aber ich fühle mich auch sehr gut mit Französisch. Und ich empfinde mich in gewisser Weise auch ein bisschen deutsch, und auch spanisch und auch italienisch. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in meiner Rolle als Mittelmeeranrainer und das gilt auch für die anderen Musiker der Gruppe.“
Sprecherin
Mattei erklärt: Sie stünden mit einem Bein auf jedem Ufer des Mittelmeeres. Zwar bewahren sie die Tradition der korsischen Musik und hüten damit eine uralte kulturelle Tradition. Doch sie wollen sie auch kreativ weiterentwickeln. Darum habe L’Alba sich auch anderen mediterranen Einflüssen geöffnet, sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: Griechischen, nordafrikanischen, italienischen Musiktraditionen.
O-Ton 18 Ghjuvanfrancescu Mattei, Mix aus Korsisch und Französisch/OV
OV MÄNNLICH
„Wir versuchen eigentlich mit der korsischen Sprache, der korsischen Musik, eine neue Musik zu machen, die ihre Wurzeln aber nicht verleugnet. Wir versuchen, ein Bindeglied zu schaffen, zwischen allen Ufern des Mittelmeers. Aber natürlich ist der Ausgangspunkt immer noch die Art und Weise zu singen, die für Korsika spezifisch ist.
ATMO
TC 22:45 – Outro
Fernab der einst bekannten Welten entwickelte sich um Christi Geburt auf den Kanaren eine rätselhafte Kultur. Die ersten Bewohner der Inseln im Atlantik scheinen weder über seetaugliche Boote noch über Kenntnisse der Schifffahrt verfügt zu haben. Wie aber waren sie dann auf die Inseln mitten im Meer gekommen? - Nur eines der vielen spannenden Rätsel rund um die Ur-Kanaren, die Guanchen. Von Lukas Grasberger (BR 2024)
Credits
Autor: Lukas Grasberger
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Christian Baumann, Carsten Fabian, Katja Schild, Jennifer Güzel
Technik: Matthieu Belohradsky
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Teresa Delgado, Prof. Harald Braem, Dr. Rosa Fregel, Dr. José Ignacio Sáenz
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2012): Eine Insel verlässt sich auf sich selbst
Auf den Kanarischen Inseln gedeihen Pläne und erste Projekte, den Anteil sauberen Ökostroms zu erhöhen. Die kleinste Insel der Kanaren, El Hierro, geht dabei sehr weit: Die abgeschiedene, windumtoste Vulkaninsel will sich von diesem Jahr an zu hundert Prozent mit Wind- und Wasserkraft versorgen. ZUM BEITRAG
WDR (2024): Teneriffa & Co. – Macht der Massentourismus die Kanaren kaputt?
Millionen von Menschen zieht es jedes Jahr auf die Kanaren. Obwohl der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig für die Urlaubsinseln ist, bringen die Urlauber auch einige Probleme mit sich. Deshalb protestieren im Frühjahr 2024 rund 57.000 Menschen auf Teneriffa, Gran Canaria und an vielen anderen Orten gegen den Massentourismus. Die größte Forderung: Mehr Wohnraum und günstigere Preise. Aber auch für eine bessere Wasserversorgung, eine Obergrenze für Touristen und für mehr Umweltschutz protestierten viele Einheimische. Die ARD-Korrespondentin Kristina Böker erzählt, wie es den Menschen vor Ort geht, welche Rolle der Tourismus für die Einheimischen spielt und auf wen die Menschen tatsächlich wütend sind. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge
TC 00:15 - Intro
TC 02:36 – Genetische Vielfalt
TC 06:13 – Eine Frage und zwei Thesen
TC 11:14 - Höhlenfunde
TC 13:38 – Rätsel über Rätsel
TC 18:34 – Der Streit um Pyramiden
TC 21:45 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
MUSIK & ATMO Strandpromenade, Meeresrauschen
Sprecher
Touristen schlendern über die Strandpromenade von Maspalomas auf Gran Canaria. Einige schlürfen Eis, andere lassen den Blick über den tiefblauen Atlantik streifen. Für die ovale Steinformation zu ihren Füßen, ein paar Meter strandwärts, scheinen sich die meist deutschen Urlauber kaum zu interessieren. Ganz anders die kanarische Archäologin Teresa Delgado. Für Forschende wie sie sind die Spuren derjenigen, die bereits ein paar Tausend Jahre vor den Touristen auf die Insel kamen, ein spannendes Rätsel - das sie nur nach und nach zu lösen lernen.
O-Ton 1 Dr. Teresa Delgado, Konservatorin am Museo Canario, Las Palmas, span.
Voice Over weiblich
„Das sind Reste einer Siedlung, wie sie für die Ureinwohner der kanarischen Inseln typisch war. Damals boomte die Bevölkerung auf Gran Canaria, ihre Kultur blühte. Menschen, die seinerzeit in Berg-Höhlen lebten, zogen an die Küsten. Die Gesellschaft war im Aufbruch: Vormalige Viehzüchter entwickelten ihre Fähigkeiten im Ackerbau - und begannen auch den Ozean intensiv auszubeuten.“
Sprecher
In den Ruinen von „Punta Mujeres“ fanden die Archäologen Hinterlassenschaften, die auf einen reichhaltigen Fischkonsum der ersten Bewohner Gran Canarias hindeuteten. Doch da war eine Sache, die die Forscher bald ins Grübeln bringen sollte...
O-Ton 2 Delgado
Voice Over weiblich
„Bei dieser und anderen Ausgrabungen haben die Archäologen nie Gräten oder Köpfe von Hochsee-Fischen gefunden. Die ersten Bewohner der Inseln haben wohl nur an oder nahe der Küste gefischt. Darauf, dass sie das ohne Boote taten, weist eine besondere Ohrerkrankung hin, die man in Schädeln der Urkanarier gefunden hat. Diese hatten einen Tumor im Hörkanal, der bei häufigem Kontakt mit kaltem Wasser entsteht – etwa, wenn man am Ufer nach Meerestieren taucht. Auch hat man bei Ausgrabungen nie Überbleibsel von Schiffen entdeckt. In der Gesamtschau verleitet uns das zu dem Schluss, dass die frühen Bewohner der Inseln weder über Boote, noch über Fähigkeiten der Navigation verfügt haben dürften.“
MUSIK & ATMO Meeresrauschen
Sprecher
Wie aber waren die ersten Siedler dann auf die kanarischen Inseln gekommen – und warum? Und: Falls sie doch eigene Boote hatten: Weshalb hatten sie sich überhaupt auf die lebensgefährliche Überfahrt übers offene Meer, in unbekannte Gefilde, begeben?
TC 02:36 – Genetische Vielfalt
Sprecher
Vieles zur Herkunft und Lebensweise der kanarischen Ureinwohner erscheint uns heute, gut 500 Jahre nach der endgültigen Einnahme der Inseln durch die Spanier, geheimnisvoll. Die iberischen Eroberer haben die Guanchen, Canarios, Majos und Majoreros, die Gomeros, Bimbaches und die Benahoaritas gnadenlos ausgerottet. Deren Kultur und Zivilisation versank im Dunkel der Geschichte.
MUSIK
Grabungs-Funde haben nachgewiesen, dass das mediterrane Seefahrer-Volk der Phönizier bereits im zehnten Jahrhundert vor Christus einen Fuß auf die Insel Lanzarote setzte. Später kamen die Römer. Doch beide waren keine Siedler, betont die Archäologin Teresa Delgado: Es waren wenige Menschen, die dort saisonal Stützpunkte für den Handel, etwa mit Purpur, betrieben. Die Urkanarier, das erste Volk, das die Inseln im Atlantik dauerhaft besiedeln sollte, waren andere...
O-Ton 3 Delgado
Voice Over weiblich
„Die erste nachhaltige Besiedlung der Inseln fand durch Berber-Völker aus dem Nordwesten Afrikas statt. Darauf deuten auch die jüngsten Untersuchungen von Spuren alten Erbguts hin.“
O-Ton 4 Dr. Rosa Fregel, Genforscherin, Universidad de La Laguna, Teneriffa, span.
Voice Over weiblich
„Nach unseren genetischen Analysen waren die ersten dauerhaften Bewohner der Kanaren Berber, die aus dem Norden Afrikas stammen.“
Sprecher
...bestätigt die Forscherin Rosa Fregel von der Universität von La Laguna auf Teneriffa. Die Biologin untersuchte mit ihrer Arbeitsgruppe das Erbgut von 48 Menschen, deren Überreste Archäologen an verschiedenen Orten der Inseln ausgegraben hatten. Die alten Erbgutspuren verraten, dass die Ur-Kanarier offenbar in zwei Wellen übers Wasser kamen: In Fregels Analysen zeigte das Erbgut der ersten Bewohner der östlichen Kanareninseln Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria einen größeren europäischen Einschlag - während bei den westlicher gelegenen der Anteil an nordafrikanischen Genen überwog. Und: Es war kein homogenes Berber-Volk, das da aus Nordafrika auf das Atlantik-Archipel gelangte.
O-Ton 5 Fregel
Voice Over weiblich
„Es war bereits ein Völkergemisch. Das Erbgut der ersten kanarischen Siedler weist nordafrikanische und mediterrane Elemente auf – sowie aus Subsahara-Afrika. Vor der ersten Migration auf die Kanaren dürfte es größere Wanderungsbewegungen im und in den Norden Afrikas gegeben haben. Auch von Menschen, die südlich der Sahara aufbrachen, Richtung Norden.“
Sprecher
Waren es Verwerfungen rund um die römische Einnahme von Nordafrika, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und in großer Zahl vertrieben, und diese zu einer Wanderung bis auf die kanarischen Inseln veranlassten? Nicht nur genetisch, auch ihrem Aussehen nach unterschieden sich die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, frühen Beschreibungen zufolge deutlich. Der Dominikaner-Pater Fray Alonso de Espinosa, der mit den spanischen Eroberern auf die Insel kam, schilderte die Urbevölkerung einerseits als „dunkel und braungebrannt“; andererseits fand der Priester und Geschichtsschreiber im Norden des Eilands „hellhäutige“ Menschen vor - darunter Frauen „mit blondem und schönem Haar“. Die Forschung der Biologin Rosa Fregel und ihrem Team bestätigt, dass es besonders unter den Ureinwohnern der großen Inseln Teneriffa und Gran Canaria eine große genetische Vielfalt gab.
TC 06:13 – Eine Frage und zwei Thesen
MUSIK
Sprecher
Doch: Wer genau wann auf die Inseln kam – und vor allem warum: Diese Fragen lassen sich auch mit Erbgut-Analysen nicht zufriedenstellend beantworten. Für Teresa Delgado passen die Erkenntnisse ihrer Forscher-Kollegin Fregel zumindest zu zwei Theorien über die Ankunft der ersten Siedler auf den Kanaren.
O-Ton 6 Delgado
Voice Over weiblich
„Die erste These geht davon aus, dass ein anderes Volk – wie die Römer – die ersten Inselbewohner herübergebracht, sie quasi auf den Inseln ausgesetzt hat: Als Gefangene oder Sklaven. Eine zweite These ist, dass sie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln gekommen sind. Demnach hätten die Ur-Kanarier die Kunst der Schifffahrt mit der Zeit einfach verlernt. “
Sprecher
Es gibt Quellen, die Wissenschaftler an der These vom Inselvolk ohne jegliche Kenntnisse und Mittel zur Seefahrt zweifeln lassen. So erwähnt der italienische Geschichtsschreiber Leonardo Torriani nach der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert, Boote von Ureinwohnern, gefertigt aus dem Holz von Drachenbäumen. Der deutsche Kanaren-Forscher Harald Braem verweist in diesem Zusammenhang auf Zeugnisse, die die indigene Bevölkerung selbst hinterließ.
O-Ton 7 Braem
„Gran Canaria ist stark vertreten mit interessanten Darstellungen…. die Felsbilder natürlich, sogar von einem Schilfboot. Was jetzt wirklich interessant diskutiert wird, ist, dass diese Boote Schilfboote waren. Dieses Schilf ist quasi unsinkbar, weil es ja hohl ist innen. Und dass mit diesen Schilfbooten diese Expeditionen gemacht wurden.“
Sprecher
Ob es diese Boote wirklich gab, und wie groß der Bewegungsradius damit gewesen sein mag – dies ist und bleibt eine weitere Unbekannte in der Geschichte der Urkanarier. In jedem Fall dürften die ersten Bewohner der Kanaren ihr Dasein über 1000 Jahre lang in Isolation gefristet haben - bis die Europäer die Inseln im späten Mittelalter wiederentdeckten. Selbst die benachbarten Inseln waren stets zum Greifen nah – und doch unerreichbar. Mangels Metallvorkommen stellten die Ur-Kanarier Werkzeuge und Waffen aus Stein und Knochen her. Und noch eine These wird durch DNA-Analysen von Rosa Fregel gestützt: Dass sich Wirtschaft und Gesellschaft jeder einzelnen der Kanareninseln unabhängig voneinander entwickelten, Handel oder sonstiger Austausch fand nicht statt:
Ton 8 Fregel
Voice Over weiblich
„Insgesamt recht seltene Krankheiten, die auf El Hierro gehäuft auftraten, deuten auf eine starke Blutsverwandtschaft hin - und eine geringe genetische Vielfalt der Bewohner. Auf Gran Canaria dagegen hat sich eine große genetische Diversität erhalten. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass es auf dieser ungleich größeren Insel mehr Vieh und Getreide hab – und mehr Wasser, um auch eine größere Bevölkerung durch Krisenzeiten zu bringen.“
ATMO Plätschern Wasserquelle
Sprecher
Wasser – das gibt und gab es auf der nordwestlichsten Kanareninsel La Palma im Überfluss. Noch heute füllen die unterirdischen Quellen zuverlässig die Trinkwasserreservoirs. Die Nähe zum Wasser: Sie war ein entscheidender Grund, warum gerade hier die einst wichtigste Siedlung der Ureinwohner entstand.
O-Ton 9 Braem
„Wir sind hier im barranco gomeros, im Westen von La Palma, und das ist eine besondere Zone, mit etwa 35 Höhlen der Ureinwohner. (...) Hier in dem barranco werden, hochgerechnet, 200 bis 250 Menschen gelebt haben, Männer, Frauen, Kinder.(…) Die Population der Einwohner hier, der Ureinwohner, wird ungefähr auf 10.000 geschätzt, zur Ankunft der Spanier, in zwölf Stämmen aufgeteilt.“
ATMO Schritte, Abstieg in den barranco
Sprecher
Über unwegsames Gelände geht es hinunter, zum Grund der Schlucht. Vor Ankunft der spanischen Eroberer, die Bäume und Sträucher in großer Zahl abholzten, dürfte der Barranco de Los Gomeros bewachsen und die Höhlensiedlung besser zugänglich gewesen sein. Heute prägen Sand, Fels und Geröll eine zerklüftete Landschaft, die schließlich ins Meer mündet.
O-Ton 10 Braem
„Grundnahrungsmittel war das Meer. Dann war ja hier die Anbaumöglichkeit hier am Bach gegeben… Oder natürlich die Ziegen, die meiste Grundlage beruhte auf Ziegen. Also sowohl die Felle, für Kleidung. Oder die Sehnen, die Hörner. Also man konnte von der Ziege das Fleisch, alles verwenden. Das war hier so eigentlich eine ganz gut ausgewogene Kost zwischen Früchten… Beerensammler, nä? Und Gofio gabs ja auch. Gofio, das war die geröstete Wurzel des Farnkrauts...und dann hat man ein Mehl, so n Hirte hatte nen Beutel mit Gofio dabei für unterwegs: Schnell mal ein kleines Brot backen, oder so.“
TC 11:14 - Höhlenfunde
Sprecher
In den Höhlen des Barranco de Los Gomeros fördern Archäologen noch immer zahlreiche Utensilien der Urkanarier zu Tage, weiß Harald Braem.
ATMO Klettern
O-Ton 11 Braem
„Die interessantesten Sachen sind natürlich immer im vorderen Bereich, wo die Feuerstelle war, und wo man die Abfälle ´rauswarf. Und da findet man am meisten.“
MUSIK
Sprecher
Kunstvolle, aus Knochen geschnitzte Nadeln, mit denen die Ureinwohner Kleidung aus dem Leder der Ziegen nähten, fanden sich in den Höhlen ebenso wie steinernes Werkzeug, mit denen sie Fleisch schnitten. Unmengen an Splittern tönerner Töpfe lassen erahnen, dass hier groß aufgekocht wurde: Die Benahoaritas, so der Name der ersten Siedler auf La Palma, lebten wohl in Verbünden von Großfamilien zusammen. Ein Grund, warum die kanarischen Ureinwohner nicht in einzelnen Höhlen wohnten – sondern sich in Höhlenkomplexen niederließen: Überall dort, wo ihnen die vulkanische Geographie der Inseln genügend Platz bot.
O-Ton 12 Dr. José Ignacio Sáenz, Leiter der archäologischen Stätte Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria, span.,
Voice Over männlich
„Diese Orte bestehen teils aus natürlichen Höhlen, teils aus künstlichen Eintiefungen, die die Ureinwohner so in den Berg schlugen, dass sie einerseits unterirdische Wohnräume hatten, andererseits aber auch die Flächen der Terrassen nutzen konnten, die die Geografie der Hanglage für sie bereithielt. Später kamen auch freistehende, runde Steinhäuser dazu. Es entstanden nach und nach immer komplexere Siedlungen, wie etwa im Gáldar – wo sich mehr als 60 Häuser rund um die Cueva Pintada, die „bemalte Höhle“, gruppieren.“
Sprecher
...sagt José Ignacio Sáenz. Er leitet das Museum Cueva Pintada in Gáldar, im Nordwesten von Gran Canaria. Der heute knapp 25.000 Einwohner zählende Ort war einst Hauptstadt des Nordreiches der Altkanarier. An der Cueva Pintada von Gáldar zeigt sich, dass die kanarischen Ureinwohner Höhlen nicht nur für weltliche Zwecke nutzten
O-Ton 13 Sáenz
Voice Over männlich
„Die Cueva Pintada war keine normale Grabkammer. Bei den dort aufgebahrten Mumien dürfte es sich, ähnlich wie bei christlichen Heiligen-Reliquien, um bedeutende Persönlichkeiten gehandelt haben. Diese Bestattung, möglicherweise eines kanarischen Herrschers, dürfte die Höhle zu einem ,heiligen Ort’ aufgewertet haben.“
TC 13:38 – Rätsel über Rätsel
MUSIK
Sprecher
Auch die „bemalte Höhle“ von Gáldar hält, wie José Ignacio Sánz einräumt, letztlich mehr Fragen als Antworten über das Leben und Sterben der kanarischen Ureinwohner bereit. Denn deren Kenntnisse der Mumifizierung wollen nicht recht zu einem ausgewanderten Berbervolk aus Nordafrika passen: Dies rief den französischen Forscher Jean-Paul Canamas auf den Plan: Der behauptete, verbannte oder verschleppte Ägypter seien einst gemeinsam mit den Berbern auf die Inseln gelangt, und hätten dort ihre Bestattungsbräuche eingeführt. Doch warum unterscheiden sich die Arten der Mumifizierung der alten Ägypter und der Altkanarier dann so deutlich? Wie erklärt sich, dass die Ägypter Verstorbene ausweideten, die Urkanarier ihren dagegen mitsamt aller Organe einbalsamierten – und die Leichen schließlich auch noch in Lederhäute einnähten? Auch der Sinn und Zweck der Zeichen und Formen an der Wand der Cueva Pintada von Gáldar bleibt bis heute im Dunkel der Vergangenheit verborgen. Markierten die Kreise und Dreiecke, die Archäologen in unterschiedlicher Ausprägung auf allen Kanareninseln entdecken, die Zugehörigkeit zu einem Volk, Stamm oder Familie? Dienten sie einst als eine Art Kalender – oder für religiösen Riten? Die Forscherin Teresa Delgado glaubt: In der vorzeitlichen Gesellschaft der Urkanarier waren handfeste landwirtschaftliche Zwecke und spirituelle Praxis kaum zu trennen.
O-Ton 14 Delgado
Voice Over weiblich
„Diese Menschen mussten den Blick nach oben richten, die Sterne, das Wetter und die Jahreszeiten verfolgen: Sie sahen sich also im wahrsten Sinn des Wortes den Himmelsmächten ausgesetzt.“
Sprecher
Ob sich die Geheimnisse der indigenen Bildersprache jemals vollständig lüften lassen? José Ignacio Sáenz hat daran Zweifel: Denn die ersten Bewohner der kanarischen Inseln hinterließen keinerlei schriftliche Dokumente, ihre Kultur wurde mündlich überliefert. Selbst von ihrer Sprache sind nur Bruchstücke bekannt – etwa die Ureinwohner-Bezeichnung Guanche - die sich aus den Worten „Guan“ für „Mensch“ und „Chinet“ für die Insel Teneriffa zusammensetzt. So bleibt Wissenschaftlern wie Sáenz nur, Scherben zusammenzufügen, auf dass sich ein stimmiges Bild von den ersten Kanariern ergebe; oder, im wahrsten Sinn des Wortes, die Zeichen an der Wand zu deuten: Felsgravuren etwa, oder die Malereien in der Cueva Pintada. Doch diese in ihrer tieferen Bedeutung zu entschlüsseln: Für José Ignacio Sáenz eine schwierige, wenn nicht unmögliche Aufgabe.
O-Ton 15 Saénz
Voice Over männlich
„Als Archäologen kommen wir hier oft nicht weiter, weil wir mit den materiellen Zeugnissen einer Kultur arbeiten. Sobald es um die Welt des Denkens, des Glaubens, der Rituale und der Religion der Urkanarier geht, wird es für uns sehr schnell sehr kompliziert.“
Sprecher
Der Autor Harald Braem taucht in seinen Büchern und Filmen tief ein in diese mythenumrankte Welt der kanarischen Ureinwohner. Literarisch - und mit experimentellen Expeditionen folgt er den Spuren der Urkanarier, auch in seiner Wahlheimat La Palma. Die Gesellschaft der dort lebenden Benahoaritas, das wird dabei deutlich, war eine hierarchische. Die Autorität der Adelsklasse leitete sich ab aus dem Monopol über Mythen und Riten, aber auch aus der Fähigkeit, den Himmelskalender zu deuten. Als Mittler zwischen den Menschen und den übernatürlichen Kräften, als eine Art Priester und Zeremonienmeister traten dabei die Faycanes oder Fayzagues auf dem heiligen Berg der Ureinwohner auf: Dem Idafe – auf dem man Tiere opferte, die Götter beschwor - und weissagte.
O-Ton 16 Braem
„Also, Tieropfer, insofern, als man die Ziege danach aufgegessen hat, mit der ganzen Familie (lacht)...das ist klar. Aber die Innereien, das wurde dann zum Idafe hochgebracht, und dann auf einem kleinen Opferplatz hingelegt für die Seelenvögel, also Adler, Geier und Raben. Und dann hat man beobachtet, wie die Tiere sich verhalten haben. Und daraus dann geweissagt. Das ganze Ritual ging eigentlich immer um Himmel und Wasser. Dass es wieder regnet und das Wasser kommt. Da gabs ganz ausgeklügelte Rituale von Steinanbohrungen bis zu Zicklein, die angebunden wurden. Und die haben dann so gejammert, dass dann die große Regengöttin Munaiba dann ein Erbarmen hatte. Und hat´s dann regnen lassen“.
TC 18:34 – Der Streit um Pyramiden
MUSIK
Sprecher
Für kultische Zwecke genutzt worden sein soll auch eine Reihe von Steinbauten, die ebenfalls nach Himmelskörpern ausgerichtet sind - und die bis heute Rätsel aufgeben: Stufenpyramiden, die sich auf der Hälfte der acht kanarischen Inseln finden. Um den Ursprung der imposanten Bauten aus dunklem Lavastein entstand in den 1990er-Jahren eine erbitterte Kontroverse, an der sich Wissenschaftler und geschichtsinteressierte Laien, aber auch kanarischen Nationalisten und Esoteriker beteiligten. Auch Harald Braem hat gemeinsam mit dem norwegischen Archäologen Thor Heyerdahl an der Pyramide von Güimar auf Teneriffa gegraben. Nach Heyerdahls abenteuerlich anmutender These bildeten die kanarischen Pyramiden sowohl zeitlich als auch geografisch eine Zwischenstation auf dem Weg von ägyptischen Sonnenanbetern zu den Maya in Mexiko. Demnach wäre ihre Bauzeit rund 1000 Jahre vor Christi anzusiedeln. Kanarische Wissenschaftler wie die Kuratorin des Museo Canario von Las Palmas, Teresa Delgado, reagieren auf solche Spekulationen zunehmend gereizt.
O-Ton 17 Delgado Teil 1
Voice Over weiblich
„Diese Pyramiden haben nichts mit der Welt der kanarischen Ureinwohner zu tun“
Sprecher
..erklärt Teresa Delgado, Kuratorin des Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria.
O-Ton 17 Delgado Teil 2
Voice Over weiblich
„Das sind Anhäufungen von Lesesteinen, die Bauern von ihren Feldern entfernt haben, die Stufen wurden dazu angelegt, um Früchte oder Getreide zu trocknen. Archäologen haben die Pyramiden nach Ausgrabungen eindeutig auf die Zeit nach der spanischen Eroberung datiert. Es ist schon wichtig, hier der wissenschaftlichen Evidenz zu folgen: Wir können nicht einfach Geschichten verbreiten, die nicht durch die Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnis gedeckt sind.“
Sprecher
Diese „archäologischen Erkenntnisse“, entgegnet der deutsche Professor Harald Braem, seien das Ergebnis lediglich einer Grabung - und ließen andere Funde und historische Quellen außer Acht.
O-Ton 18 Braem
„Tatsächlich beschreiben Chronisten wie Leonardo Torriani die Rituale auf solchen Pyramiden. Das gabs ja vor den Spaniern! Da wurden die Könige, die Menceys gekrönt, da wurden die Feste gefeiert an diesen Pyramiden…und wir haben zum Beispiel unter der einen Pyramide eine Höhle ausgegraben, da lagen Scherben, und zwar der Ureinwohner! Also man wird nicht ernst genommen. Oder, die Ureinwohner werden nicht ernst genommen.“
MUSIK
Sprecher
Es mangle an Finanzmitteln und Motivation, behauptet Braem. Und es fehlten Forscherinnen und Forscher mit einem frischen Blick, um das archäologische Erbe der kanarischen Ureinwohner unvoreingenommen zu erkunden, ihre steinernen Zeugnisse zum Sprechen zu bringen. Und dennoch: Trotz aller Kritik ist Harald Braem zuversichtlich, dass die weit zurückliegende Zivilisation der Urkanarier nicht in Vergessenheit geraten wird.
O-Ton 19 Braem
„Die Kultur hier ist irgendwie in den Menschen drin, in der Landschaft: Die ist auf eine magische Weise so kraftvoll, dass sie einfach überlebt.“
TC 21:45 – Outro
Schon als Jugendliche beobachtet Maria Sibylla Merian fasziniert, wie aus gefräßigen Raupen erst wie tot wirkende Puppen und dann bunte Schmetterlinge werden. Die 1646 geborene Tochter des berühmten Matthäus Merian ist künstlerisch hoch begabt. Jahre später gelingt ihr - fast undenkbar für eine Frau ihrer Zeit - eine Forschungsreise nach Surinam. Autorin: Renate Ell (BR 2013)
Credits
Autorin: Renate Ell
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild, Peter Lersch
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Brigitte Reimer
Im Interview: Dr. Katharina Schmidt-Loske, Brigitte Strehler, Dr. Andreas Curtius, Prof. Dr. Anne-Charlott Trepp
Linktipps:
Deutschlandfunk (2018): Der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian
Die Kupferstiche von Matthäus Merian zeigen deutsche Städte, wie sie vor dem Dreißigjährigen Krieg aussahen. Mit ihnen wurde der Kupferstecher und Verleger berühmt. Er ist es bis heute. Dazu haben besonders seine zwei Hauptwerke beigetragen, mit denen er zum Chronist seiner Zeit wurde. ZUM BEITRAG
radioWissen (2020): Schmetterlingssammler – Von Hesse bis Nabokov
Bis ins 20. Jahrhundert hinein streiften Schmetterlingsjäger und Sammler mit ihren Netzen durch Wald und Wiesen, um die flatternden Schönheiten zu erhaschen. Auch einige bekannte Schriftsteller frönten dem lustvollen Zeitvertreib. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:09 – Nürnberger Zeit
TC 07:20 – Das Metamorphosebild – eine ganz neue Erfindung
TC 11:31 – Geistreich & gläubig
TC 15:40 – In der Sekte
TC 18:27 – Eine Reise nach Südamerika
TC 22:55 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ERZÄHLERIN
1647, ein Jahr vor dem Ende des 30jährigen Krieges, kommt Maria Sibylla Merian in Frankfurt am Main zur Welt, als jüngstes Kind einer der bedeutendsten Künstler- und Verleger-Familien im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater Matthäus Merian stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet ein Jahr später Jacob Marrell, einen Kunsthändler und Maler, spezialisiert auf Blumen-Stillleben. Ein Glücksfall: Er erkennt und fördert die künstlerische Begabung seiner Stieftochter - in seiner Werkstatt absolviert sie eine Ausbildung als Blumenmalerin gemeinsam mit den männlichen Lehrlingen. Sie lernt, wie sie später in ihrem „Raupenbuch“ erzählt,
ZITATORIN MERIAN
"… meine Blumenmalerei mit Raupen, Sommervögelein und dergleichen Thierlein auszuzieren … eines durch das ander’ gleichsam lebendig zu machen."
ERZÄHLERIN
Mit „Sommervögelein“ meint sie Schmetterlinge.
ZITATORIN MERIAN
"Also hab’ ich oft große Mühe in Auffangung derjenigen angewandt, bis ich endlich, vermittelst der Seidenwürmer, auf der Raupen Veränderung gekommen."
ERZÄHLERIN
Frankfurt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum der Seidenspinnerei. In der Werkstatt eines Onkels beobachtet Maria Sibylla erstmals mit 14 Jahren wie aus Seidenraupen Puppen und dann Falter werden. Und entdeckt durch erste Forschungen, vielleicht im Garten hinter dem Haus, dass diese Metamorphose bei allen Schmetterlingen gleich abläuft. Aber sie streift wohl auch durch die Räume des Merian-Verlags - dort liegen Bücher mit Bildern von allen möglichen Tieren - damals bahnbrechende Werke, sagt die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske vom Museum König in Bonn.
(1. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Neben dem Ulisse Aldrovandi von 1602, das Werk über die Insektenkunde, gibt es ein zweites, das ist von Thomas Mouffet von 1634, was sich auch wiederum mit der Insektenwelt beschäftigt und diese beiden Werke von Thomas Mouffet und Aldrovandi wurden in der „Historiae naturalis“ von John Johnston zusammengeführt, ein fünfbändiges Werk, in dem eins über Insekten, Schlangen und Drachen zusammengeführt war, und das wurde in der Werkstatt der Merians hergestellt."
ERZÄHLERIN
Es sind keine biologischen Fachbücher im heutigen Sinne. Die damaligen Autoren versuchen lediglich die Vielfalt des Lebens zu erfassen und eine Systematik zu schaffen. Ihre Werke dienen auch Künstlern als Vorlagen, denn sie enthalten vor allem sehr viele präzise Abbildungen. In der „Historiae naturalis“ sind das erstmals fein schattierte Kupferstiche anstelle der zuvor üblichen, viel gröberen Holzschnitte - eine echte Pionierarbeit der Merians. Auch das Kupferstechen lernt Maria Sibylla wohl im Verlag ihres verstorbenen Vaters, meint Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen.
(2. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER
"Ich glaube nicht, dass das für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, den Kupferstich zu erlernen, und sie ist eine ganz hervorragende Kupferstecherin - sie kann sehr, sehr fein stechen, in wunderschönen schwarzweiß-Schattierungen; das ist auch durchaus eine schwierige Tätigkeit, wenn man einmal mit dem Stichel in dem Kupfer gearbeitet hat, das lässt sich ja nicht radieren, das ist fix, da ist dann eine Linie, und die lässt sich nicht mehr so leicht wieder entfernen aus der Kupferplatte, weil das ist eine Vertiefung in der Kupferplatte und die ist dann da."
ERZÄHLERIN
Im Alter von 19 Jahren heiratet Maria Sibylla Merian den Architektur-Maler Johann Andreas Graff aus Nürnberg, einen Lehrlings-Kollegen in der Werkstatt. Fünf Jahre später zieht das Paar mit der zweijährigen Tochter nach Nürnberg.
TC 04:09 – Nürnberger Zeit
MUSIK
ERZÄHLERIN
In Nürnberg herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Frankfurt - es ist eine protestantisch geprägte Freie Reichsstadt, also nur dem Kaiser untertan, und regiert von einer Bürgervertretung. Der Kunsthistoriker Andreas Curtius von den Museen der Stadt Nürnberg.
(3. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS
"Der große Rat und der Kleine Rat, das sind also die Hauptgremien in Nürnberg, die hatten das Sagen in Nürnberg und haben alles eigentlich auch entschieden innerhalb der Stadt, das zweite wesentliche für Nürnberg ist, dass es eine Handelsstadt war, dass Nürnberg Handelsbeziehungen quer über ganz Europa unterhielt, und dass dritte wesentliche Element ist das Patriziat, was sehr ausgeprägt ist in Nürnberg, sehr traditionsbewusst ist, aber gleichzeitig auch sehr weltoffen. Denn der Handel wurde z.T. auch durch das Patriziat geführt, und das Patriziat war eben auch eine sehr gebildete Schicht, und das hatte zur Folge, dass nach dem 30jährigen Krieg Nürnberg auch einen schnellen Wiederaufstieg hatte, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell."
ERZÄHLERIN
Es muss eine anregende Atmosphäre gewesen sein für die junge Künstlerin, zumal sie schnell Kontakt findet zur lokalen Oberschicht, den Patrizierfamilien: Sie gibt deren unverheirateten Töchtern Malunterricht - scherzhaft spricht sie von ihrer „Jungfern-Companey“. Und sie findet auch Kontakt zu anderen Künstlern und Dichtern, für die Nürnberg ein gutes Pflaster ist.
(4. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS
"Das Patriziat war ein sehr wichtiger Auftraggeber, und Nürnberg war auch ein Buchdruckerort ähnlich wie Frankfurt, sehr wichtig waren eben auch Unternehmungen wie illustrierte Bücher, das war eine sehr einträgliche Quelle auch für die Künstlerschaft."
ERZÄHLERIN
Sicher haben sie auch die waschechten, mit Blumenmotiven bemalten Tischdecken von Maria Sibylla Merian gekauft. 1675 veröffentlicht die ihr erstes illustriertes Buch - das „Neue Blumenbuch“. Es steht ganz in der Tradition der so genannten Florilegien, wie sie auch der Merian-Verlag auf den Markt brachte. Solche Bücher enthalten Kupferstiche mit einzelnen Blumen oder Blumen-Arrangements als Vorlagen für Amateur-Maler und für Stickarbeiten. Solche Blumenbücher verkaufen sich gut, in schwarz-weiß oder - gegen Aufpreis - einzeln koloriert. Maria Sibylla Merians Blumenbuch erscheint in drei Bänden. Wie sie es bei ihrem Stiefvater gelernt hat, krabbeln hier und da Insekten über die Blätter, flattert ein Schmetterling davon. Vier Jahre später, und ein Jahr nach der Geburt der zweiten Tochter, erscheint das zweite Buch - und da ist auf einmal alles anders. Die Schmetterlinge sind nicht mehr nur ein belebendes Element. Und für ihre Bilder verwendet sie im Unterschied zu den Malern von Stillleben keine Vorlagen aus naturhistorischen Büchern. Die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske:
TC 07:20 – Das Metamorphosebild – eine ganz neue Erfindung
(5. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Sie hat eine richtige Insektenzucht betrieben zuhause in Schächtelchen, hat jedes Stadium erfasst und hat dann als Ergebnis dessen ihr 50 Tafeln umfassendes Werk von 1679, das erste Raupenbuch mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“, in dem hat sie eine Pflanze, die Futterpflanze der Raupe meist in der Mitte dargestellt und rundherum die verschiedenen Entwicklungsstadien. Und das ist absolut neu."
ERZÄHLERIN
Dieses „Metamorphosebild“ ist ihre …
ZITATORIN MERIAN
"…ganz neue Erfindung …"
ERZÄHLERIN
… wie sie im Titel stolz vermerkt. Die meisten Menschen kennen damals die Entwicklungsstadien nicht, die sie im Vorwort ausführlich erläutert.
(6. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Was weit verbreitet war, war der aristotelische Urzeugungs-Gedanke, dass Insekten aus Schlamm und Dreck entstehen, spontan. Das ist natürlich nicht ganz weit hergeholt, denn was man optisch sehen kann, sind die Larvenstadien, die größer sind, die Eier hat man nicht gesehen, die Entwicklung des Mikroskops steht erst bevor, oder auch die Nutzung von Lupen war noch nicht so gängig, dass man sich überhaupt auf diese kleinsten, kleinen Tiere konzentrierte, das begann ja alles erst, das war also ein hoch spannendes Zeitalter."
ERZÄHLERIN
Auch Maria Sibylla Merian selbst entdeckt erst nach und nach, dass alle Schmetterlinge dieselbe Entwicklung durchlaufen wie die Seidenspinner. Sie hält ihre Beobachtungen in kleinen Aquarellen fest, und aus diesen Einzelteilen - Futterpflanze, Eier, Raupe, Puppe, Schmetterling - entsteht dann der Kupferstich für das Buch. Man merkt ihm diese Entstehung durchaus an: Manche Raupen sitzen etwas steif auf der Pflanze, und die Puppen - die sie „Dattelkern“ nennt - liegen neben der Pflanze oder auf einem Blatt wie auf einem Präsentierteller, statt darunter zu hängen, wie in der Natur. In den Begleittexten wird nur die Futterpflanze namentlich bezeichnet, die meisten Insekten hatten damals noch keine Namen.
MUSIK
ZITATORIN MERIAN
"Ob nicht die unten kriechende Raupe eine von der artigsten und fürnehmsten Gattung der bishero abgehandelten Raupen sei, soll sich bald eröffnen. Denn sie hat fünf große, gelbe Haarborstel auf dem Rücken, zu hinterst noch einen aufgerichten roten Schweif oder Haarschwanz, und ist sonst sehr schön gelb, wie ein schönes Dottergelb. Wenn sie sich streckt, so sieht man vom Kopf an zwischen etlichen Gliedern breite schwarze Streife, wie Sammet; hat auch auf jeder Seite des Leibs schwarze Düpfelein. Unter dem Kopf finden sich zu jeder Seiten sechs rote Kläulein, in der Mitte des Leibs acht gelbe Füßlein und zu hinterst noch zwei derselben. Ihre Art ist, dass sie von gar erschrockner Natur. Denn so bald sie das geringste merkt oder fühlt, so rümpft sie sich alsobald zu sammen und liegt, als wäre sie tot, so lang, bis alles wieder still ist. Zu Ende des Augusts aber hat sie sich zu ihrer Veränderung hinbegeben, und ein weißes Gespinst gemacht, worinnen sie zu einem braunen Dattelkern worden. Und weil ich derer etliche hatte, so sind mir teils Vöglein noch im November, teils aber im April des folgenden Jahres hervorgekommen, welche Motten waren, die nur bei Nacht fliegen. Ihre Farb ist weiß und schön grau, wie silberfarb; sie haben zwei braune Hörner und sechs graue oder silberfarbene Füßlein."
ERZÄHLERIN
Die detaillierte Beschreibung ist wichtig, da die meisten Leser Schwarz-Weiß-Ausgaben haben, erklärt Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. Nur sehr wenige Bücher hat Maria Sibylla Merian handkoloriert.
(7. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER
"Aber das konnte sich ein normales Bürgertum nicht leisten. Das waren dann die Luxusausgaben, die dann in die Höfe gingen oder an die etwas adligeren oder wohlhabenderen Bibliotheken, denn das war nicht üblich, dass man zuhause so ein Buch hatte, denn da war überhaupt kein Geld dafür da."
TC 11:31 – Geistreich & gläubig
ERZÄHLERIN
Während in den Schwarzweiß-Bildern die deutlichen Linien des Kupferstichs von Vorteil waren, verwendete Merian für einen Teil der kolorierten Bücher eine ganz besondere Drucktechnik.
(8. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER
"Sie hat dann ein zweites Büttenpapier, ein etwas leichteres, dünneres Büttenpapier genommen und hat das auf den ganz frischen Kupferdruck nochmal aufgelegt und nochmal durch die Walze gezogen und das abgeklatscht, abgedruckt, und damit entstand ein seitenverkehrter, viel zarterer Abdruck dieses Kupferstichs, der ganz zarte, feine Linien hatte, keinen Prägerand, und den sie dann koloriert hat, und da hatte sie dann diesen Aquarellcharakter, den sie eigentlich haben wollte. Das war eine ganz schlaue Idee von ihr, denn sie hat sozusagen das Aquarell in ein Multiple verwandelt."
ERZÄHLERIN
Nur wenige dieser so genannten Umdrucke haben die Jahrhunderte überdauert - in all ihrer Schönheit: Die farbenfrohen Schmetterlinge scheinen fast über dem Papier zu schweben. Die Bildtafeln kommen mitunter als Einzelblätter in den Kunsthandel. Durch ihr kleines Format - etwa so wie heute ein Roman - wirken aber auch die kolorierten Exemplare bescheiden. Das Raupenbuch beginnt mit dem Lobgedicht eines Nürnberger Gelehrten und Poeten, der es in eine Reihe stellt mit den Werken der ersten Insektenforscher. Aber wissenschaftliche Werke erscheinen damals in lateinischer Sprache. Und Maria Sibylla Merian widmet ihr Buch …
ZITATORIN MERIAN
"… den Naturkündigern, Malern und Gartenliebhabern."
ERZÄHLERIN
Die Naturkündiger, das sind eher Natur-Liebhaber als Gelehrte. Sie zieht auch eine klare Grenze ihrer Fähigkeiten, etwa wenn sie beobachtet, dass aus einer Puppe kein Schmetterling wird, sondern Fliegen ausschlüpfen. Das Phänomen der Parasiten war damals noch unbekannt.
ZITATORIN MERIAN
"Was nun die rechte Ursach solcher unordentlichen Veränderungen sey, … habe ich nicht ausfinden noch erdenken können, sondern den Herren Gelehrten überlassen müssen und sollen."
ERZÄHLERIN
Einen deutlichen Hinweis auf den Charakter ihres Buchs gibt Maria Sibylla Merian im Vorwort.
ZITATORIN MERIAN
"Suche … hierinnen nicht meine sondern allein Gottes Ehre, Ihn als einen Schöpfer auch dieser Kleinsten und geringsten Würmlein zu preisen. … welcher sie mit solcher Weisheit begabt, dass sie … ihre Zeit und Ordnung fleißig halten und nicht eher hervorkommen, als bis sie ihre Speise zu finden wissen."
ERZÄHLERIN
Die Historikerin Anne-Charlott Trepp von der Universität Kassel sieht das Raupenbuch in einer Tradition mythisch-spiritueller Naturfrömmigkeit.
(9. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP
"Die davon ausging dass man einen direkten Weg zu Gott findet, jeder für sich, und im 17. Jahrhundert finden wir tatsächlich eine Bewegung, sich mehr zu öffnen dem zweiten Buch, kann man so sagen, dem Buch neben der Heiligen Schrift, das ist das Buch der Natur. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert so einen Trend, sich überhaupt allgemein mehr mit niederen, gewöhnlicheren Naturphänomenen zu beschäftigen. Nicht mehr mit außergewöhnlichen. Und in diesem Rahmen geraten Insekten ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Gerade in dem angeblich Unscheinbaren, oder auf den ersten Blick Unscheinbaren sucht man eben wirklich das Höchste, Gottes Wirken in der Natur, Gottes Allmacht, Gottes Vorsehung in der Natur, gerade da, wo man es nicht vermutet."
ERZÄHLERIN
Bücher wie das von Maria Sibylla Merian sollen also gleichsam durch Wissen über die Natur den Glauben stärken.
(10. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP
"Sich Faktenwissen anzueignen und sich gleichzeitig über dieses Wissen, auch die Vermehrung des eigenen Wissens, zu erheben, zu erbauen, das ging wirklich eng zusammen in damaliger Zeit und das wurde dann durch so ein Erbauungsbuch wie das Merians wirklich sehr schön möglich."
ERZÄHLERIN
Diese überkonfessionelle, außerkirchliche Bewegung ist in Frankfurt wie auch in Nürnberg stark vertreten in gebildeten Kreisen, zu denen auch gebildete Handwerker wie die Merians zählten. In ihrem Verlag erscheinen etliche religiöse, auch kirchenkritische Schriften.
TC 15:40 – In der Sekte
MUSIK
ERZÄHLERIN
Rund 12 Jahre lebt und arbeitet Maria Sibylla Merian in Nürnberg. Nach dem Tod ihres Stiefvaters kehrt sie 1683 mit ihren zwei Töchtern nach Frankfurt zurück, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Dort erscheint auch der zweite Band des Raupenbuchs. Nach Nürnberg geht sie nicht mehr - sondern sie zieht mit ihren Töchtern und ihrer Mutter nach Friesland, um dort bei den Labadisten, einer pietistischen Sekte, zu leben.
(11. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP
"Und diese weist alle Elemente einer wirklich eher separatistischen, heute würden wir sagen, fundamentalistischen Frömmigkeit auf. Diese völlige Negation des Körperlichen, aber dies mit einer Konsequenz durchführt, wie wir das in anderen pietistischen Gemeinden, die eben auch diesen Wandlungsvorgang, eine geistige Erneuerung suchen, eben nicht haben."
ERZÄHLERIN
Mit dem Beitritt zu den Labadisten verlässt Maria Sibylla Merian ihren Mann, da die Sekte nur Ehen innerhalb ihrer Gemeinschaft anerkennt, und Johann Andreas Graff diesem Fundamentalismus offenbar nichts abgewinnen kann. Vergeblich reist er nach Friesland um seine Frau umzustimmen. Später beschreibt er seine Eindrücke in einem langen Brief an Johann Jakob Schütz, einen fundamentalistischen Frankfurter Pietisten, der seine Frau in offenbar beeinflusst hat. Es ist der Brief eines verzweifelten Vaters, der sich um seine Töchter sorgt - vor allem um die kleinere, 10-jährige, denn er habe gesehen, wie Kinder dort brutal verprügelt wurden. Und er klagt, seine Frau tue nicht alles freiwillig - und ihr Werk, das er unterstützt habe, drohe verloren zu gehen. Dieser Brief, erst 2009 bekannt geworden, revidiert das Bild von Graff, der in vielen Merian-Biografien schlecht wegkommt: Als seiner Frau künstlerisch unterlegen, womöglich ein Trunkenbold oder Weiberheld. Auch äußert der Nürnberger Rat äußert sich lobend über Graffs …
ZITATOR
"… allhie geführten guten Wandel, auch in seiner wißenschafft und Information der Jugend geführten Fleiß."
ERZÄHLERIN
Graff war offenbar nicht nur als Architekturmaler anerkannt, sondern auch als Zeichenlehrer. Auch auf Maria Sibylla Merian wirft der Brief und die genauere Betrachtung ihres geistigem Umfelds in Frankfurt ein anderes Licht als es in den Biografien bisher der Fall war. Religiöser Fundamentalismus - das passt so gar nicht zu der beliebten emanzipatorischen, gar feministischen Interpretation ihrer Biografie.
TC 18:27 – Eine Reise nach Südamerika
MUSIK
ERZÄHLERIN
Graff hat mit seinem Besuch keinen Erfolg - fünf Jahre später wird seine Ehe vom Nürnberger Rat geschieden, und er heiratet wieder. Zu dieser Zeit hat sich die Labadisten-Sekte bereits aufgelöst - und Frau und Töchter sind weitergezogen nach Amsterdam. In der pulsierenden Metropole war es unter den reichen Bürgern Mode, botanische und zoologische Raritäten in Mode zu sammeln, die regelmäßig mit Schiffen aus den Kolonien kamen, erzählt die Biologiehistorikerin Katharina Schmidt-Loske.
(12. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Was war das für eine verrückte Zeit, wo so viele Pflanzenknollen und Material getauscht wurde untereinander, zwischen botanischen Gärten und Leuten, die genug Geld hatten, gigantische Schneckensammlungen, und überall war jeder stolz über diese Sammlungen, da waren die Künstler gut im Geschäft, u.a. Maria Sibylla Merian und ihre Töchter, weil natürlich das Botanisieren eine Möglichkeit war, die Pflanzen zu erhalten, aber die viel schönere war natürlich die kraftvolle Vitalität und Farbenpracht durch einen Künstler für die Ewigkeit zu erhalten.
ERZÄHLERIN
Die Töchter, ebenfalls begabte Malerinnen, können mit zum Lebensunterhalt beitragen. Außerdem braucht die Mutter Geld für ein teures und gewagtes Unterfangen: Eine Reise in das kleine südamerikanische Land Surinam, damals niederländische Kolonie. Sie will die prächtigen Schmetterlinge, die sie aus Sammlungen kennt, in ihrem Lebensraum sehen und malen. Und sie schafft es - zu einer Zeit, als allein reisende Frauen eigentlich völlig undenkbar sind. Zwei Jahre von 1699 bis 1701, lebt sie mit ihrer jüngeren Tochter in dem tropischen Land, und erkundet das Umfeld der Zuckerrohrplantagen - unterstützt von Einheimischen und Sklaven, von denen sie vieles über die medizinische Verwendung der Pflanzen erfährt. Zurück in Amsterdam, gelingt es ihr in kürzester Zeit, einen großformatigen Prachtband über die Pflanzen und Tiere Surinams zu veröffentlichen.
(13. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Als erstes naturkundliches Werk Surinams ist ihr Werk zu bezeichnen, sie hat wirklich da Grundlagen entdeckt und beschrieben."
ERZÄHLERIN
Wird Maria Sibylla Merian am Ende ihres Lebens doch noch zur Naturforscherin, als die sie sich vorher nie gesehen hat? Für das Surinam-Werk zieht sie einen bekannten Amsterdamer Botaniker zu Rate, es erscheint auf Latein und Niederländisch. Es ist kein Andachtsbuch, dem Text fehlen jegliche Hinweise auf Gottes Wirken. Aber es ist nicht ihr letztes Werk: Kurz nach ihrem Tod 1717 veröffentlicht ihre jüngere Tochter einen dritten Band des Raupenbuchs - offenbar ist sie der Naturfrömmigkeit bis zuletzt treu geblieben. Unabhängig davon werden alle ihre Bücher später von Biologen für ihre Forschung genutzt.
(14. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Die Informationen die sie bieten konnte über manche Tierarten, das waren ja die allerersten von manchen Arten. Linné hat 136 mal ihr Werk zitiert."
ERZÄHLERIN
Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert die systematischen Grundlagen der heutigen Biologie schuf.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Maria Sibylla Merian hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Ihre wenigen überlieferten Briefe enthalten fast nur Geschäftliches - und außer dem Brief ihres enttäuschten Ehemanns gibt es auch keine persönlichen Äußerungen über sie. Nur ihre Bücher können uns Aufschluss geben über ihr Denken, ihre Ziele. Ihre Eigenständigkeit zu einer Zeit, als das für Frauen so nicht üblich war, weist zweifellos auf eine starke Persönlichkeit hin. Bei den Motiven wird es schon schwieriger. Zielstrebiges Selbstbewusstsein - trotz mancher bescheidenen Äußerung im Raupenbuch? Religion als treibende Kraft - auch für den Weg nach Amsterdam und Surinam? Die Person Maria Sibylla Merian bleibt letztlich rätselhaft - was uns nicht daran hindert, uns an ihren Bildern zu erfreuen und ihre insektenkundliche Pionierarbeit anzuerkennen.
Im Jahr 1505 segelt der Gewürzkäufer Balthasar Sprenger an die indische Malabarküste. Seine Reise mit der portugiesischen Indienflotte ist die früheste deutsche Meerfahrt dahin, wo der heißbegehrte Pfeffer wächst. Von Simon Demmelhuber (BR 2022)
Credits
Autor: Simon Demmelhuber
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Stefan Wilkening
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Maximilian Kalus
Linktipps:
WDR (2012): Bartholomeu Dias bricht zum Kap der Guten Hoffnung auf
Seine Reise ist so geheim, dass bis heute niemand genau weiß, wie sie verlaufen ist: Im August 1487 sticht der Portugiese Bartolomeu Dias mit zwei Karavellen und einem Versorgungsschiff in See. Sein Ziel: die Umschiffung Afrikas und die Entdeckung eines Seewegs nach Indien, denn der verspricht reiche Gewinne im Gewürzhandel. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2022): Vasco da Gama, das Kap der Guten Hoffnung und der Seeweg nach Indien
Vor mehr als 500 Jahren umsegelte der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung – und entdeckte den Seeweg nach Indien. Für die Portugiesen war es der Beginn eines goldenen Zeitalters, in dem sie den Seehandel mit Indien dominierten. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 02:08 – Portugiesische Waagnisse
TC 04:21 – Kupfer regiert die Welt
TC 08:42 – Der bayerische Seefahrer
TC 12:12 – Eine blutige Spur
TC 14:53 – Teile und herrsche
TC 19:19 - Heimreise
TC 22:40 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
MUSIK
ERZÄHLERIN
Indien! …
ERZÄHLER
… wo Pfeffer, Kurkuma, Kardamon, Nelken, Zimt gedeihen, wo kostbare Harze, Hölzer und Arzneien wachsen, wo Rubine, Smaragde, Diamanten, Perlen, Gold in Fülle überfließen.
ERZÄHLERIN
In der Antike schaffen Karawanen den verschwenderischen Reichtum des Orients aus den Tiefen Arabiens, aus China, Persien, Indien zu den Umschlagplätzen am östlichen Mittelmeer und in die Zentren der Alten Welt. Ab dem 10. Jahrhundert bringen vorwiegend italienische Großimporteure die Ware von Alexandria per Schiff nach Venedig und Genua, wo sie Käufer aus allen Winkeln Europas findet.
ERZÄHLERIN
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts sperrt das Osmanische Reich die uralten Handelsstraßen. Die neue Großmacht hat Konstantinopel erobert, beherrscht Anatolien und den Balkan, rückt über Syrien gegen Ägypten vor und kontrolliert nun den Zugang zum Orient. Mit weitreichenden Folgen, wie der Wirtschaftshistoriker Maximilian Kalus erklärt:
O-TON KALUS 1
Die Osmanen wollen die Christen von den asiatischen Gewürzen gewissermaßen komplett abschneiden. Das gelingt auch eine Weile, bis sie merken, dass dieser Handel verdammt lukrativ ist und sie deswegen selber mitmachen.
ERZÄHLERIN
Auch im Mittelmeer versucht das Osmanische Reich, die abendländische Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen. Die Sicherung der Warenströme und Profite lässt den europäischen Großimporteuren nur eine Chance: Sie müssen neue Lieferwege erschließen und selbst in Asien einkaufen.
ERZÄHLER
Aber wie? Die Landroute fällt aus. Bleibt nur der Seeweg. Doch niemand weiß, ob und wo ein Weg um Afrika herum nach Osten führt.
TC 02:08 – Portugiesische Waagnisse
MUSIK
ERZÄHLERIN
Die Portugiesen wagen es trotzdem. Seit 1418 rüstet die Krone zahllose Expeditionen aus, die sich Fahrt um Fahrt an der Küste Westafrikas vortasten. Eine zentrale Behörde trägt den ständig erweiterten Wissensschatz über Küsten, Winde, Strömungen, Gezeiten, Untiefen, Ankergründe zusammen, der Portugals Goldenes Zeitalter befeuert.
ERZÄHLER
Wozu die Mühe? Warum steckt ein kleines Land wie Portugal so viel Geld und Ausdauer in beschwerliche Entdeckungsfahrten mit unsicherem Ausgang? Aus Wissbegier und Missionierungseifer? Maximilian Kalus hat die Strukturen und Akteure des Orienthandels der frühen Neuzeit erforscht und hält ein anderes Motiv für ausschlaggebend:
O-TON KALUS 2
Natürlich werden religiöse Gründe vorgeschoben, da geht es immer auch um Christianisierung. Aber am Ende des Tages geht es um den schnöden Mammon. Am Ende geht es um Gewinn.
ERZÄHLER
Anders gesagt: Die Beseitigung des italienischen, osmanischen und asiatischen Zwischenhandels im Gewürz- und Orientgeschäft ist portugiesische Staatsräson.
O-TON KALUS 3
Das ist ein klassischer Verdrängungswettbewerb: Wenn ich das selber mache, greife ich den Gewinn ab, egal wie teuer das am Ende in Europa ist. Ich schöpfe hundert Prozent ab, und das ist der Deal, den die Portugiesen versuchen.
MUSIK
ERZÄHLERIN
1488 ist das Ziel zum Greifen nah: Bartholomeu Dias umfährt das Kap der Guten Hoffnung und stößt in den Indischen Ozean vor. Nur zehn Jahre später landet Vasco da Gama an der Malabarküste: Der erste Europäer hat Indien auf dem Seeweg um Afrika erreicht und kehrt mit Zimt, Nelken, Pfeffer, Ingwer, Harz, Weihrauch, Duft- und Farbstoffen reich beladen heim.
ERZÄHLER
Die Welt hat sich für immer verändert: Die alten Monopole sind gebrochen, das Tor zur indischen Schatzkammer ist aufgestoßen, der direkte Zugriff auf die Schätze Indiens verheißt fantastische Renditen.
TC 04:21 – Kupfer regiert die Welt
ERZÄHLERIN
Auch den Augsburger und Nürnberger Kaufherrn ist die Tragweite des Durchbruchs auf Anhieb klar: Die Zentren des Orienthandels werden sich von Venedig, Genua oder Alexandria nach Lissabon und nach Antwerpen verlagern, wo Portugal die Gewürzimporte vermarktet. Wer im Geschäft bleiben will, muss dort präsent sein und investieren.
O-TON KALUS 4
Die Eliten der Reichsstädte, die europaweit Handel treiben, wissen genau, wo die Musik spielt, deswegen ist anzunehmen, dass sie diese Chancen wittern. Gerade die Welser gehen da ziemlich forsch voran.
ERZÄHLERIN
Heute würde man die Augsburger Welser vermutlich als Early Mover bezeichnen. Schon 1502 gründen sie eine Niederlassung in Lissabon, wenig später ziehen mit den Fuggern weitere Handelshäuser nach. Und vermutlich sind es auch die risikobereiten Welser, die ab 1503 das Projekt einer deutschen Handelsfahrt nach Indien vorantreiben.
ERZÄHLER
Direktimporte aus Asien? Die ganze Lieferkette in einer Hand? Das klingt interessant, setzt aber einen Vertrag mit König Manuel von Portugal voraus. Zum Glück stehen die Chancen dafür gut. Denn die Deutschen haben zwei Dinge, die Manuel fehlen: Geld und Kupfer!
ERZÄHLERIN
Portugal schickt seit 1498 alljährlich Handelsschiffe nach Indien, deren Finanzierung schwer auf der Staatskasse lastet. Vor allem der militärische Geleitschutz blutet die Ressourcen aus. König Manuel braucht also Fremdkapital, das er über ein beiderseits profitables Beteiligungsmodell einwirbt: Der Investor zahlt die Ausrüstung, den Unterhalt und die Heuer der portugiesischen Besatzung eines oder mehrerer Schiffe, dafür kann er frei in Indien einkaufen. Einen Teil der Rückfracht behält die Krone, den Rest der Geldgeber.
ERZÄHLER
Aber Manuel hat noch ein zweites Problem: Indien besitzt keine eigenen Kupferminen. Das Metall ist begehrt, muss aber importiert werden und entwickelt sich so zum wichtigsten Tauschgut des Gewürzgeschäfts.
O-TON KALUS 5
Die Formel ist einfach: ohne Kupfer kein Pfeffer. Kupfer ist im Grunde das wichtigste Metall, Kupfer braucht man in wahnsinnigen Mengen für Dächer, für Alltagsgegenstände, alles Mögliche im Haushalt wird aus Kupfer hergestellt. Später werden auch die Rümpfe von Schiffen mit Kupfer beschlagen, Geschütze sind aus Kupfer […].
ERZÄHLER
In großen Mengen liefern können das begehrte Metall nur Augsburger und Nürnberger Handelsgesellschaften, allen voran die Fugger. Maximilian Kalus:
O-TON KALUS 6
Die Leute, die auf dem Kupfer hocken, sind im Grunde die oberdeutschen Kaufleute. Die haben fast die absolute Marktmacht. Die drei deutschsprachigen Reviere, nämlich Tirol, Neusohl und Mansfeld sind die größten Kupferabbaugebiete, und die Leute, die im Montanwesen tätig sind, sind genau die Leute, die dann im Pfefferhandel tätig sind.
ERZÄHLER
Um mit der Investitionslücke zugleich seine Kupferlücke zu schließen, kommt Manuel den Deutschen entgegen. Er gewährt ihnen beträchtliche Handelsvorteile in Portugal und fordert einen vergleichsweise geringen Kronanteil von 30 Prozent auf die in Indien geladene Ware.
MUSIK
ERZÄHLERIN
1504 ist der Vertrag unter Dach und Fach. Ein Konsortium, dem die Augsburger Handelsgesellschaften der Welser, Fugger, Gossembrot und Höchstetter sowie die Nürnberger Firmen Imhoff und Hirschvogel angehören, bringt 65.000 Dukaten für drei Handelsschiffe auf. Ein Drittel der Summe, die etwa 7 Millionen Euro entspricht, tragen die Welser, den Rest die Mitgesellschafter.
ATMO
ERZÄHLERIN
25. März 1505: 20 Schiffe der siebten königlichen Indienflotte lichten im Hafen von Lissabon die Anker. Das Oberkommando hat Dom Francisco de Almeida, dem 1500 Soldaten, 200 schwere und 100 leichte Geschütze sowie ein Tross von Segelmachern, Zimmerleuten, Handwerkern, Geschützgießern, Beamten und Einkäufern unterstehen.
TC 08:42 – Der bayerische Seefahrer
MUSIK
ERZÄHLER
Und: ein junger Mann, der an diesem Tag auf einer der drei deutschen Schiffe zur Reise seines Lebens aufbricht.
ZITATOR
Ich, Balthasar Sprenger aus Fils in Tirol, ein Bestellter der Welser zu Augspurg!
ERZÄHLERIN
Balthasar Sprenger, von dem wir kaum mehr als den Namen wissen, wird für seine Auftraggeber 15 Monate auf See und fünf Monate in Indien zubringen. Er wird 42.000 Kilometer zurücklegen, wird unbekannte Tiere, Pflanzen und Merkwürdigkeiten bestaunen, wird in Seenot und Todesangst geraten, wird beten, bangen, hungern, dürsten und bisweilen an der Heimkehr verzagen.
ERZÄHLER
Er wird aber auch mit verstörender Selbstverständlichkeit an Gewaltexzessen, Kriegsgräueln, brutalen Plünderungen und Brandschatzungen teilhaben. Er wird auf Menschen treffen, deren Fremdheit sein Begreifen überfordert. Er wird sehen, ohne zu verstehen, und urteilen, ohne zu prüfen. Nur eines wird er nicht tun: Er wird nie, wird mit keinem Wort, keinem Gedanken an der Überlegenheit des christlichen Abendlands und seinem Vorrecht auf alle Schätze dieser Erde zweifeln.
ERZÄHLERIN
Nach vier Wochen auf See legt die Flotte erstmals eine lange Pause an der Küste des heutigen Senegal ein. Hier leben Wolofstämme, die sich mit den Europäern arrangiert haben. Viele Wolofhändler sprechen genug Portugiesisch, um Frischwasser und Proviant gegen Werkzeug oder Schmuck zu tauschen.
ERZÄHLER
Die Rast vor der Kapumfahrung ist dringend nötig. Navigationsfehler, Stürme, Strömungen und Havarien haben die Flotte zerstreut. Ohne sichere Sammelplätze wären die Nachzügler verloren. Außerdem sind selbst die modernen portugiesischen Naos, Karacken und Karavellen schwimmende Dauerbaustellen. Marodes Tauwerk und gerissene Segel müssen geflickt, gesplitterte Masten, gebrochene Anker und Steuerruder erneuert, Lecks gestopft und faulende Planken ausgetauscht werden.
ATMO
ERZÄHLERIN
Dann wird es ernst. Die Umsegelung der Südspitze Afrikas entfesselt alle Schrecken des Meeres: Wolkenbrüche, gewaltige Strömungen, Fallböen und unberechenbare Winde zersprengen den Verband, drücken und schieben die Schiffe gegen Klippen und Riffe. Zwei später wiedergefundene Schiffe gehen verloren, für die übrigen öffnet sich nach schweren Tagen der Indische Ozean.
MUSIK
ERZÄHLER
Bislang liefert Sprengers Bericht erwartbare Entdeckerexotik: Wasser, Wellen, tanzende Horizonte, fremde Sterne, wundersame Tiere und Pflanzen, schwarze Menschen mit ‚seltsamen‘ Kleidern, Haaren und anstößiger Nacktheit. An der ostafrikanischen Küste kippt das launige Seestück.
ERZÄHLERIN
Acht Schiffe ankern vor Kilwa, der Hauptstadt des gleichnamigen Swahili-Sultanats. Der reiche Handelshafen herrscht über den heute tansanischen Teil der Küste Ostafrikas. 1502 unterstellt Vasco da Gama das Sultanat der Herrschaft Portugals und verhängte einen jährlichen Tribut. Dass Kilwa diese Abgabe und den Vasallenstatus seither ungestraft verweigert, schwächt die Autorität Portugals.
ERZÄHLER
Höchste Zeit, ein warnendes Exempel zu statuieren!
TC 12:12 – Eine blutige Spur
MUSIK
ERZÄHLERIN
Am Morgen des 24. Juli 1505 künden Kanonenschüsse ein blutiges Lehrstück an. 500 Bewaffnete stürmen den Palast des Sultans, der inzwischen geflohen ist und die Stadt einer so raub- wie mordlustigen Soldateska überlässt. Balthasar Sprenger ist, unklar ob als Zeuge oder Täter, in den Überfall verwickelt.
ZITATOR
Da fuhren wir hin mit ganzer Macht zu der Stadt und schossen etlich Heiden tot, plünderten und fanden große Schätze von Gold, Silber, Perlen, Edelsteine sowie kostbare Kleidung.
ERZÄHLER
Von Skrupeln keine Spur. Auch als Generalkapitän Almeida kurz danach das feindliche Mombasa belagern, angreifen, plündern und bis auf den Grund niederbrennen lässt, billigt Sprenger die zügellose Gewalt. Was hier geschieht, ist Ausfluss der Gewissheit, gemeinsam einer überlegenen christlichen Zivilisation anzugehören, die einen universalen Herrschaftsanspruch begründet.
MUSIK
ZITATOR
Durch Gottes Vorsehung blieb mancher Heide tot. Wir eroberten und besetzen die Stadt mit großem Frohlocken, dankten dem Allmächtigen und begannen zu plündern und fanden unsagbar große Reichtümer. Amen!
ERZÄHLER
Die siebte Indienarmada von 1505 bis 1506 unter Francisco de Almeida ist keine Entdeckungs- und noch nicht einmal vorrangig eine Handelsfahrt. Sie ist eine brutale Inkasso- und Strafaktion. Die Demonstration militärischer Macht soll Widerstände brechen, Aufwiegler züchtigen, Nachahmer schrecken und allen zeigen, wer an den afrikanischen Küsten und im Indischen Ozean künftig das Sagen hat.
ERZÄHLERIN
Dabei verzichtet Portugal trotz massiver Militärpräsenz auf die Eroberung geschlossener Herrschaftsräume. Die expansive Strategie setzt vorerst auf die Sicherung des Seewegs und der Logistikkette durch befestigte Faktoreien, die den Armadas als Brückenkopf, als Waren- und Ausrüstungslager, als Nachrichtenbörse, Herberge und Servicezentrum dienen. Welche Mittel der Generalkapitän einsetzt, um seine Ziele zu erreichen, ist ihm überlassen: Er kann Freundschafts- und Bündnisverträge schließen, notfalls aber auch Gewalt anwenden.
O-TON-KALUS 7
In Westafrika gibt es hochentwickelte Kulturen und Königshäuser, da müssen sich die Portugiesen mit den Eliten arrangieren.
TC 14:53 – Teile und herrsche
ERZÄHLER
Malindi ist der letzte ostafrikanische Halt vor der Überfahrt nach Indien. Im geschützten Hafen des muslimischen Stadtstaats kann die Armada gesichert ankern, Vorräte auffrischen, Schäden ausbessern, auf vermisste Schiffe warten. Dafür sorgt ein Beistandsvertrag auf Gegenseitigkeit: Der König gewährt das Aufenthaltsrecht, Portugal verspricht Schutz vor dem aggressiven Nachbarn Mombasa. Entsprechend freudig nimmt man die Nachricht vom Untergang des Rivalen auf.
ZITATOR
Der Kunig was zufrieden, dass wir die Stadt gründlich verwüstet, ausgeraubt und eingeäschert haben.
ATMO
ERZÄHLERIN
Ende August stechen 15 überholte, bestens proviantierte Schiffe in See. Nach 16 Tagen und 4000 Kilometern über offenes Meer ist die Passage geschafft. Die Flotte steuert zunächst die menschenleere Insel Angediva vor der Malabarküste an. Während die Nachzügler eintreffen, errichten Bautrupps ein Fort nebst Kirche aus mitgebrachten Fertigbauteilen. Ende Oktober steht die Festung. Almeida stellt 80 Mann und zwei Schiffe zu ihrer Bewachung ab und nimmt Kurs auf die Malabarküste.
MUSIK
ERZÄHLER
Im Südwesten des indischen Subkontinents treffen die Portugiesen auf eine verwirrende Vielzahl meist muslimisch, bisweilen hinduistisch geprägter Königreiche, Fürstentümer und Stadtstaaten. Unter allen Hafen- und Handelsstädten, in denen indische, tamilische, arabische, chinesische und jüdische Kaufleute mehr oder minder friedlich zusammenleben, ist keine berühmter, keine größer, reicher und wichtiger als Calicut.
ERZÄHLERIN
In Calicut, der Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, war auch Vasco da Gama bei seiner ersten Ankunft gelandet. Der Zamorin, der Herrscher der muslimischen Erbmonarchie, hatte die Portugiesen freundlich empfangen. Aber die Duldung währte nicht lange. Die Neuankömmlinge treten derart aggressiv und herrisch auf, dass sie zuletzt einen vollständigen Boykott seitens der eingesessenen Händler provozieren. Als sich schließlich niemand mehr bereitfindet, ihnen Ware zu verkaufen, weichen die Portugiesen auf andere Handelsplätze aus.
ERZÄHLER
Divide et impera – teile und herrsche! Ein Spiel beginnt, das die Portugiesen meisterhaft beherrschen: Wie in Afrika nutzen sie regionale Rivalitäten und Sezessionsbestrebungen für ihre Zwecke. Die Strategie geht auch diesmal auf: Weil Calicut die Vorherrschaft an der Malabarküste anstrebt und dabei nicht zimperlich vorgeht, sind die Portugiesen in den benachbarten Königreichen Cochin und Cannanore hoch willkommen. Für ein Beistandsversprechen gegen Calicut gewähren die Rajas nicht nur ungehinderten Zugang zu ihren Häfen und Märkten. Sie gestatten den Bau von Faktoreien und Festungen, akzeptieren die Dauerpräsenz bewaffneter Soldaten und erkennen die Oberherrschaft König Manuels an.
ERZÄHLERIN
Calicut hält still, solange die Armada in Indien weilt. Kehrt sie mit dem Wintermonsun nach Portugal zurück, hagelt es Angriffe gegen die nun schutzlosen Nachbarn. Ein halbes Jahr später trifft die nächste Flotte mit dem Sommermonsun an der Malabarküste ein und führt sofort harte Strafexpeditionen durch. Das Hin und Her wechselseitiger Provokationen und Rachefeldzüge eskaliert: Calicut zerstört portugiesische Niederlassungen und befehdet Parteigänger Portugals. Die Portugiesen kapern und plündern muslimische Handelsschiffe, beschießen arabische Faktoreien, überfallen und verwüsten mit Calicut verbündete Städte.
MUSIK
ERZÄHLER
So stehen die Dinge, als Balthasar Sprenger am 26. Oktober 1505 in Cannanore erstmals indischen Festlandsboden betritt. Er landet in einem Gebiet schwelender Konflikte, die er nicht durchschaut, und nimmt selbst dann ungerührt an Kriegshandlungen teil, wenn Almeida im Namen des portugiesischen Königs und abendländischer Handelsinteressen auf Unbewaffnete schießen und ihre Häuser niederbrennen lässt.
O-TON KALUS 8
Sie wollen sich etablieren im Indischen Ozean. Es war klar, dass sie den gesamten Handel kontrollieren wollten. Es ist der Beginn dessen, was wir später als Globalisierung bezeichnen, dessen, was letztlich im Kolonialismus endet.
TC 19:19 - Heimreise
ERZÄHLERIN
Was Balthasar Sprenger miterlebt, ist die Gründung des Estato da India. Dieses vorkoloniale Gebilde, das Francisco de Almeida als erster der auf drei Jahre bestellten Vizekönige regiert, ist kein geschlossenes Herrschaftsgebiet. Das wäre zu Beginn des 16. Jahrhunderts sowohl verwaltungs- und militärlogistisch wie demografisch nicht zu stemmen. Die Herrschaft des Vizekönigs erstreckt sich über kleine, unverbundene Flächen mit portugiesischen Faktoreien, Festungen, Kirchen, Verwaltungs- und Wohngebäuden. Zum Schutz der Exklave bleiben erstmals zehn bemannte Schiffe in Indien zurück. Die dauerhaft stationierte Seemacht soll verbündete Städte und Häfen verteidigen, Passierzölle eintreiben, Piraten bekämpfen und den muslimischen Handelsverkehr stören.
ERZÄHLER
Während Almeida sein Regiment als Vizekönig aufnimmt, beginnen die Kaufleute in Cochin und Cannanore mit dem Wareneinkauf und der Verladung. Ob Sprenger selbst handelt, in welcher Funktion er auftritt und wie das Geschäft abläuft, verschweigt der Bericht. Wir wissen nur, dass sich die drei Schiffe der oberdeutschen Kaufherren bis Ende Dezember mit Perlen, Edelsteinen, Ingwer, Zimt, Aloe, Schellack Kampfer, Gummi, kostbaren Harzen und rund 130 Tonnen Pfeffer füllen.
ATMO
ERZÄHLERIN
Dann drängt die Zeit: Die gestaffelt abreisenden Heimkehrer müssen den Wintermonsun erwischen. Ein erstes Geschwader läuft am 2. Januar aus, die Leonarda, auf der Sprenger fährt, setzt am 21. Januar 1506 Segel in Richtung Lissabon, die dritte Abteilung folgt Anfang Februar.
MUSIK
ERZÄHLER
Die Heimreise dauert zehn Monate und ist ein Fiasko. Schiffbrüche, Gegenwinde, Stürme, Flauten verzögern die Überfahrt. 123 Seefahrer sterben an Hunger, Durst und Fieber. 20 Monate nach seiner Ausfahrt macht Sprengers Schiff in Lissabon die Leinen fest.
ZITATOR
Am 15. November setzen wir Anker vor der Stadt und hatten do mit diese Reis in dem Namen Gottes vollbracht und geendet.
MUSIK
ERZÄHLER
Abgeschlossen ist die Reise damit noch nicht. Zumindest nicht für die süddeutschen Handelsgesellschaften.
ERZÄHLERIN
König Manuel möchte verhindern, dass ein plötzliches Überangebot an Gewürzen und Orientwaren die Preise ruiniert. Also lässt er die Fracht der Deutschen beschlagnahmen und einlagern. Erst nach vier Jahren können die Fugger, Welser, Gossembrot, Imhof und Hirschvogel die Herausgabe vor Gericht erstreiten.
ERZÄHLER
Am Ende tröstet ein stattlicher Reingewinn von 150 bis 175 Prozent wohl über manchen Ärger hinweg.
ERZÄHLERIN
Und Balthasar Sprenger?
ERZÄHLER
Er kehrt nach Augsburg zurück, verfasst einen Reisebericht, der 1509 als illustrierte Merfart zu viln onerkanten Inseln und Kunigreichen im Druck erscheint. Wie es dem Chronisten der ersten deutschen Indienfahrt danach ergeht, ist ungewiss. Seine Spur verliert sich wie ein Ruderschlag im Ozean.
TC 22:40 – Outro
Unfreiwillig verschlug es Johannes (Hans) Schiltberger in die Fremde. Im Mittelalter geriet der Bayer als Kriegsgefangener des Sultans bis nach Indien. Seine Erlebnisse beschrieb er in einem packenden Reisetagebuch. Von Lukas Grasberger (BR 2018)
Credits
Autor: Lukas Grasberger
Regie: Stefanie Ramb
Es sprachen: Xenia Tiling, Thomas Lettow
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Christoph Paulus, Prof. Birgit Studt, Markus Tremmel
Besonderer Linktipp der Redaktion:
BR: Die Grandauers und ihre Zeit
Mit Podcasts kann man tief in besondere Geschichten eintauchen. Die Hörspiel-Serie “Die Grandauers und ihre Zeit” ist so eine besondere Geschichte: Die Familiensaga erzählt unter anderem das Leben von Kriminaloberwachtmeister Ludwig Grandauer und dessen Sohn, dem Münchener Kriminalkommissar Benno. Drei Generationen einer Münchner Familie durchleben und durchleiden in den Jahren von 1893 bis 1945 fast fünf Jahrzehnte bayerische und deutsche Geschichte - eine dramatische Zeit voller Träume, Hoffnungen, aber auch Kriege. ZUM PODCAST
Linktipps:
phoenix (2024): Kreuzritter im Orient
Kriege im Namen Gottes - Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht: Diese Folge erzählt die Geschichte der muslimischen Rückeroberung des Heiligen Landes. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2005): Im Osmanischen Reich respektiert – in Resteuropa gefürchtet
Liegt zwischen der Türkei und Europa ein „Kulturgraben“? Diese Frage hat ihren Ursprung im Nachhall der im 15. und 16. Jahrhundert weitverbreiteten sogenannten „Türkengefahr“. 1529 standen die Osmanen zum ersten Mal vor den Toren Wiens, ein traumatisches Ereignis für die mitteleuropäischen Königtümer. ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:57 – Ein Bayer auf Reisen
TC 05:10 – Die Schlacht von Nikopolis
TC 09:17 – Chronist, Augenzeuge oder Fiktion?
TC 14:48 – Andere Länder, andere Sitten
TC 19:05 - Die Anziehungskraft des Schiltbergers
TC 21:29 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ZITATOR
„Dann befahl der König, dass ein jeder seine Gefangenen töte. (…) Auch meine beiden Mitgefangenen wurden gepackt, und man schlug ihnen die Köpfe ab.
ATMO
Als ich an der Reihe war, da erblickte mich der Sohn des Königs und erwirkte, dass ich am Leben blieb. Man führte mich zu den anderen Knaben, denn keiner unter zwanzig Jahren durfte getötet werden, und ich war zu der Zeit kaum sechzehn Jahre alt.“
SPRECHERIN
Nüchtern, ja fast lakonisch erzählt der Jüngling Johannes Schiltberger, wie er 1396 nach einem gescheiterten Kreuzzug dem Türkenherrscher Bayezid in die Hände fiel – und dem Tod gerade noch einmal von der Schippe sprang. Die folgenden über 30 Jahre sollte der Spross eines alten bayerischen Adelsgeschlechts in Gefangenschaft verbringen. Doch Schiltberger saß nicht etwa in Kerkerhaft: Er musste seinen Herren als Soldat auf verschiedensten Feldzügen dienen. Johannes Schiltberger verschlug es nach Sibirien, nach Samarkand, ja gar nach Indien: Fremde Länder, die kaum je ein Zeitgenosse bereiste. Er will fantastische Begebenheiten erlebt haben, wie etwa Kamele, die man in Flammen setzte, um Kriegselefanten in die Flucht zu schlagen.
MUSIK
SPRECHERIN
Und Johannes Schiltberger schrieb seine Erlebnisse auf. Sein „Reisebuch“ über die Begebenheiten als „Sklave im Osmanischen Reich und bei den Tartaren 1394-1427“ wurde ab dem späten Mittelalter zu einer Art Bestseller - zunächst in mehreren Handschriften verbreitet, dann vielfach nachgedruckt. Die ins Neuhochdeutsche übertragenen Zitate stammen aus der Ausgabe von Ulrich Schlemmer. Die Schilderungen des unfreiwilligen Weltreisenden aus Bayern waren nicht nur für damalige Zeitgenossen eine spannende Lektüre. Schiltbergers Berichte fesseln noch heute, sagt Dr. Christoph Paulus vom „Haus der Bayerischen Geschichte“ in Augsburg.
O-Ton 1 Christoph Paulus, Historiker am „Haus der Bayerischen Geschichte“
“Für unseren Bereich, konkret Bayern um das 14. Jahrhundert, ist dieser Text wahrlich ein Solitär [...]. Weil wir keine vergleichbaren Texte haben, und weil er uns in vielerlei Hinsicht eine ungemein interessante Mischung zwischen eigener Anschauung und eben systematischen ‚Abhandlungen‘ über fremde Länder, fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Religionen und Gebräuche liefert.”
SPRECHERIN
Es sind diese anschaulichen Schilderungen, derentwegen Schiltberger zuweilen auch als „bayerischer Marco Polo“ bezeichnet wird.
TC 02:57 – Ein Bayer auf Reisen
MUSIK
Doch wer war dieser Johannes Schiltberger wirklich? Wo kam er her? Was veranlasste ihn, gen Osten gegen die Heiden in den Krieg zu ziehen? Und wie kam es zu seinem vielgelesenen Bericht? Geboren wird Johannes Schiltberger in ein Bayern des späten Mittelalters. Ein Bayern, das bewegten Zeiten entgegensieht...
O-Ton 2 Prof. Birgit Studt, Mittelalterliche Geschichte, Uni Freiburg
„Das war eine Zeit der Erbfolgestreitigkeiten, wo nun konkurrierende Teilherzogtümer entstanden […]“
SPRECHERIN
...sagt die Freiburger Historikerin Birgit Studt. Bayern ist damals aufgeteilt unter den Enkeln und Urenkeln des deutschen Königs Ludwig des Bayern. Da gibt es die Münchner, die Landshuter, die Ingolstädter und die Straubinger – sich allesamt gegenseitig spinnefeind. Besitztümer sind zersplittert, der Stammsitz derer zu Schiltberg war auf einer Burg im heutigen Landkreis Aichach-Friedberg. Ein Zweig der Familie hatte sich in München niedergelassen, wo wohl auch Johannes Schiltberger zur Welt kam. Als nicht Erstgeborener Sohn konnte er sich wohl keine Hoffnung darauf machen, das Familienerbe anzutreten.
O-Ton 3 Studt
„Das Problem für Zweit- und Drittgeborene war nun tatsächlich: Wenn die Herrschaft nicht geteilt wurde, dass man sich Möglichkeiten anderer Verdienste suchte. Und da gab es eben die klassischen Wege: Politikberatung, indem man nun tatsächlich auch den Hofdienst suchte, den Dienst an größeren Fürstenhöfen, wo es eben darum ging, den Fürsten zu beraten, und hier die fürstliche Politik zu steuern. Oder auf der anderen Seite dann tatsächlich eine militärische Karriere zu unternehmen, und dann so etwas zu werden wie ein Offizier.“
MUSIK
SPRECHERIN
Johannes Schiltberger geht also als Knappe in die Lehre, lernt vom Kreuzritter Leonhard Reichartinger, der aus der Umgebung von Trostberg stammte, das Kriegshandwerk. Dass es ihn damit in fremde Länder ziehen würde, war nahezu vorgezeichnet, sagt die Freiburger Professorin Birgit Studt.
O-Ton 4 Studt
„Darauf beruhte das Selbstverständnis von Adeligen, namentlich von adeligen Rittern, unterwegs zu sein, um zu kämpfen, Kriege zu führen, Reisen zu organisieren […]“
TC 05:10 – Die Schlacht von Nikopolis
ATMO
SPRECHERIN
Ritter und Knappen, die sich quasi als Ich-AG in den Dienst verschiedener Herren stellten, wurden damals gebraucht – zumal es nicht nur innenpolitisch im deutschen Reich unruhig war. Besonders laut um Unterstützung rief Sigismund, der König von Ungarn. Osmanische Krieger bedrohten sein Königtum, auch im Rest der abendländischen Welt grassierte die Angst vor der „Türkengefahr“. Johannes Schiltberger eilte also Sigismund gemeinsam mit seinem Herrn Reichartinger zur Hilfe. Es war ein bunt zusammengewürfeltes christliches Heer, mit dem Johannes Schiltberger im September 1396 bei Nikopolis auf die Osmanen und ihre Verbündeten stoßen sollte. Das christliche Abendland im Kreuzzug gegen die Heiden zu verteidigen – das war zuweilen eher ein vorgeschobenes Motiv, sagt die Mediävistin Birgit Studt.
O-Ton 7 Studt
”Das kann man schon in Nikopolis sehen: Da ging es Sigismund natürlich darum, sein Reich zu schützen. Diejenigen aber, die sich an diesem Kreuzzug beteiligten, hatten natürlich durchaus andere Motive. Und in der Berichterstattung über Nikopolis kann man sehen, dass da ganz unterschiedliche Motivkomplexe verhandelt wurden. Und eigentlich gar nicht deutlich sichtbar wurde: War das tatsächlich ein Kreuzzug oder war es eben dann einfach auch ein traditioneller ritterlicher Kampf, der gesucht wurde. Um eben auch militärische Bewährung zu finden - oder zum Beispiel von Seiten der Fürsten von Burgund sich als großer europäischer Player darzustellen“.
SPRECHERIN
Eigeninteressen sollten die Unternehmung zum Scheitern bringen: Als am 25. September im heutigen Norden Bulgariens die christlichen und osmanischen Armeen aufeinandertrafen, beharrten die französischen Ritter darauf, den ersten Angriff zu führen. Gegenüber diesem Wunsch zeigte sich König Sigismund skeptisch, wie Johannes Schiltberger berichtet. Prompt geht die Sache schief.
Schiltberger gelang es zunächst, seinem Herren Reichartinger das Leben zu retten – doch war die Schlacht schnell verloren. Die Kreuzritter flüchteten, König Sigismund wurde auf ein Schiff begleitet, das ihn nach Konstantinopel brachte. Viele andere versuchten ebenfalls ihr Glück mit einer Flucht über das Wasser – doch vergebens.
ZITATOR
Sehr viele wollten auf die Schiffe, doch waren diese bald so voll, dass kein Platz mehr war. Versuchten doch noch welche, auf ein Schiff zu gelangen, so schlugen ihnen die, die schon darin saßen, die Hände ab, so dass sie ertranken.“
SPRECHERIN
Ein Teil des Heeres – auch der Ritter Reichartinger - fiel in der Schlacht oder wurde auf der Flucht getötet...
ZITATOR
„...der größere jedoch geriet in Gefangenschaft. So wurden auch (…) zwei Adelige aus Frankreich gefangen. Auch der Großgraf von Ungarn und andere mächtige Herren, Ritter und Knechte, darunter ich, gerieten in Gefangenschaft“.
ATMO
SPRECHERIN
Hans Schiltberger erlebte in der Folge einen Gewaltmarsch von rund 500 Kilometern - barfuß, gefesselt und unter sengender Sonne. Über Gallipoli unweit von Konstantinopel ging es übers Meer nach Bursa, der damaligen Hauptstadt des osmanischen Reiches. Für die Qualen, die er erlitten haben muss, findet der Kriegsgefangene gerade einmal einen Satz: Er sei…
ZITATOR
„mit drei Wunden schwer verletzt, und man befürchtete, dass ich auf der Reise sterben könnte“.
SPRECHERIN
Über seine Gefühle angesichts eigener und fremder Qualen in Gefecht und Gefangenschaft verliert Johannes Schiltberger kein Wort.
SPRECHERIN
Ausgeblendet wird in dem Bericht auch, was Johannes Schiltberger später im Dienst morgenländischer Kriegsherren genau getan hat – und möglicherweise auch gegen seinen Willen tun musste. Mit Vorsicht kann man aus diesem Schweigen auch den Schluss ziehen, dass seine persönliche Rolle bei diesen kriegerischen Unternehmungen nicht unbedingt vorzeigbar war. Eine Lesart, der auch der Augsburger Historiker Christoph Paulus einiges abgewinnen kann.
O-Ton 9 Paulus
Dass er unter Umständen auch für Handlungen in der Fremde herangezogen worden ist, die alles andere als christlich waren – und mit seinem Weltbild vereinbar – das hat durchaus einiges für sich...”
TC 09:17 – Chronist, Augenzeuge oder Fiktion?
SPRECHERIN
Nachdem sich Johannes Schiltberger wohl im mehr oder weniger ritterlich ausgefochtenen Kampf als Fußsoldat bewährt hat, bekommt er ein Pferd. Ein Aufstieg, mit dem er die Erzählperspektive wechselt. Er berichtet nun nicht mehr persönliche Erlebnisse, sondern von den Feldzügen unter dem Sultan Bayezid. Zwölf Jahre lang ist Schiltberger als Chronist dabei. Bayezid erobert während dieser Zeit zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer Stadt für Stadt – manchmal bietet er belagerten Städten Verhandlungen an – begleitet von unmissverständlichen Drohungen.
ZITATOR
„Danach ordnete der König an, Karamans Haupt auf einen Spieß zu stecken, und es daran herumzuzeigen, damit die anderen in der Stadt, wenn sie hörten, dass ihr Herr getötet wurde, sich desto eher ergeben würden.
SPRECHERIN
Doch schließlich wendet sich das Kriegsglück gegen Sultan Bayezid: Im Kampf um Armenien unterliegt die osmanische Armee dem zentralasiatischen Militärführer und Eroberer Timur. Johannes Schiltberger wird gefangen genommen - und muss fortan seinem neuen Herrn dienen. Dieser Furcht und Schrecken verbreitende Kriegsherr erobert nun weite Teile Vorder- und Mittelasiens. Schiltberger gelangt mit Timur bis nach Indien – wo sich die aufsehenerregende Episode mit den Kriegselefanten zuträgt. Timurs indischer Gegner verfügt über Elefanten mit einem …
ZITATOR
„turmartigen Aufbau, der mit wenigstens zehn Männern besetzt ist“.
ATMO
SPRECHERIN
Timur – seinerzeit auch Tamerlan genannt - berät sich mit seinen Ratgebern, wie denn nun die Elefanten zu besiegen seien. Einer von ihnen hat die zündende Idee, wie man dem indischen König begegnen kann: Holz auf die Kamele binden!
ZITATOR
Tamerlan zog ihm entgegen, ließ die Kamele vorantreiben und das Holz auf ihnen anzünden. Die Kamele erhoben ein fürchterliches Geschrei, und als die Elefanten das hörten, und dazu das Feuer sahen, drehten sie um und flohen. Und keiner konnte sie aufhalten.“
SPRECHERIN
Eine drastische Szene, die Historiker zumindest für möglich halten. Auch Schlittenhunden und Giraffen will Schiltberger begegnet sein. Gern berichtet er von Schlangen – zuweilen aber kommt der selbsternannte Chronist auf Abwege – und erzählt Begebenheiten, die aus heutiger Sicht völlig unglaubwürdig wirken. Schlangen, 8000 an der Zahl, die eine Stadt belagern – und von Sonnenaufgang bis -untergang miteinander kämpfen: Konterkariert das nicht den Anspruch dabei gewesen, ein glaubwürdiger Augenzeuge zu sein? Für den Historiker Christoph Paulus ist das nicht unbedingt ein Widerspruch.
O-Ton 10 Paulus
„Grundsätzlich ist Augenschau, die eigene Teilnahme an Ereignissen ein Qualitätskriterium des Mittelalters für Berichte. Auf der anderen Seite – und das hängt sehr stark mit dem Adressatenkreis zusammen – sind so fabulöse, unterhaltsame, an Aventüren mittelalterlicher Ritter und an Heldengeschichten erinnernde Episoden, dass die Erwartungshaltung Schiltberger auch zur Ausformulierung dieser fabulösen Passagen gezwungen hat […].
SPRECHERIN
Auch Markus Tremmel, der Schiltbergers „Irrfahrt durch den Orient“ neu herausgegeben hat, glaubt nicht, dass es sich dabei quasi um einen Eins-zu-Eins Augenzeugenbericht eines Reporters handelt, der von vor Ort berichtet.
O-Ton 11 Tremmel
„Bei seiner Beschreibung von Jerusalem etwa: Die ist aus anderen Berichten seiner Zeit eingeflochten. Das kann Schiltberger gewesen sein, aber auch ein Redakteur, der gesagt hat: „Hans, da wär´s jetzt günstig, gleich einmal ein bisschen Jerusalem zu beschreiben...Wenn du da schon in der Nähe warst“
SPRECHERIN
Von Hans Schiltbergers Bericht ist keine Original-Handschrift erhalten, betont Christoph Paulus. Der Text ist Forschern nur in späteren Handschriften und Drucken zugänglich.
O-Ton 12 Paulus
“Es handelt sich möglicherweise um einen “wachsenden Text” Um einen Kern, der tatsächlich aus der Feder Schiltbergers stammt, haben sich im Laufe der Zeit weitere Texte von anderen Autoren gelegt: Immer im Spiel auch mit der Erwartungshaltung der Leser. […] Die Frage nach der Fiktionalität des Textes verknüpft sich auch sehr stark mit der Frage nach der Realität Schiltbergers. Also konkret: Hat er gelebt, oder ist er ein sprechender Name, eine Kunstfigur. ,Schiltberger´ – der sein Schild in Sicherheit bringt, und der sich hinter seinem Schild verbirgt. So könnte man seinen Namen deuten. Es gibt also durchaus einiges, was für die Fiktionalität dieses Textes und damit auch die Fiktionalität Schildbergers spricht”.
MUSIK
SPRECHERIN
Hat es diesen Johannes Schiltberger etwa möglicherweise nie gegeben? So einfach ist es nicht, sagt der Mittelalter-Forscher Paulus.
O-Ton 13 Paulus
“Auf der anderen Seite gehen das 15. und 16. Jahrhundert, ein Aventin, die gehen von einer realen Person Hans Schiltberger aus. Und der Text strahlt durchaus Kenntnisse über Land und Leute aus, die aus eigenen Anschauungen zu erwachsen scheinen.”
TC 14:48 – Andere Länder, andere Sitten
SPRECHERIN
Besonders plastisch beschreibt Johannes Schiltberger, der Christenmensch unter Heiden, religiöse Sitten und Gebräuche der Muslime. Diese nehmen etliche Kapitel in seinem Reisebuch ein.
ZITATOR
“Sie fasten den ganzen Tag, bleiben ohne Speise und Getränk, bis die Sterne am Himmel stehen”,
SPRECHERIN
… schreibt er etwa über den Fastenmonat Ramadan.
ZITATOR
“Die Heiden sagen auch, dass sie nach dem Jüngsten Tag mehrere Frauen haben werden, mit denen sie schlafen, doch bleiben diese immer Jungfrauen”,
SPRECHERIN
… heißt es an einer anderen Stelle. Markus Tremmel fasziniert dabei der unverstellte Blick Schiltbergers auf den Islam – just in einer Zeit, in der die Dämonisierung der Osmanen, die “Türkenfurcht” begann.
O-Ton 14 Tremmel
“Er beschreibt das ganz neutral, auch interessiert: Was haben die für Sitten und Gebräuche? (…) Das wertet er nie, sondern es scheint immer durch, dass er mit denen in interessierter Diskussion und Runde zusammengesessen ist.”
SPRECHERIN
Die Wahrnehmung, dass er sich in Gefangenschaft, in der Fremde befindet – die hat Johannes Schiltberger trotz seiner langen Abwesenheit vom Abendland nie verloren, sagt Markus Tremmel.
O-Ton 15 Tremmel
“Was in seinem Bericht immer ein bisschen durchscheint, ist, dass er sich stark zurücksehnt in die Christenheit. Also dort, wo er zu Hause ist.”
MUSIK
SPRECHERIN
Am deutlichsten wird dies bei Johannes Schiltbergers letztem Fluchtversuch, der schließlich erfolgreich sein wird. Bereits unter Bayezid war ein ähnliches Unterfangen gescheitert – und hatte für ihn mit Kerkerhaft geendet. Nun, Jahre später, hat sich Timurs einst eiserne Herrschaft längst in Stammesfehden seiner Söhne und Enkel aufgelöst. Im Zuge dieser Wirren verschlägt es Johannes Schiltberger nach Georgien. Dort beschließt er, mit vier Glaubensbrüdern zu fliehen.
ZITATOR
“Wir sind Christen, die gefangen wurden, als der ungarische König vor Nikopolis unterlag, und mit Gottes Hilfe sind wir bis hierher gelangt”,
SPRECHERIN
... erklärten Schiltberger und einige Schicksalsgenossen nun einer Bootsbesatzung an der Küste des Schwarzen Meeres.
ZITATOR
“Wenn wir über das Meer kommen, dann haben wir die Hoffnung, doch noch zu unseren Familien und zu unserem christlichen Glauben zurückkehren zu können.”
ATMO
SPRECHERIN
Die Besatzung des Handelsschiffs erhört Schiltbergers Bitte – und bringt ihn nach Konstantinopel. Über die Walachei gelangt er nach Lemberg in der westlichen Ukraine, wo er noch einmal drei Monate krank darniederliegt.
ZITATOR
“Von da reiste ich weiter nach Eger, Regensburg und Landshut. Schließlich erreichte ich Freising, wo ich geboren wurde. Mit der Hilfe Gottes bin ich endlich wieder nach Hause und zu meinem Glauben zurückgekehrt. Gott dem Allmächtigen und allen, die mir dabei halfen, sei gedankt. Ich hatte schon geglaubt, dass ich den Heiden und ihrem schlechten Glauben nicht mehr
entkommen könne.”
SPRECHERIN
Dies ist indes ein Satz, der Christoph Paulus aufhorchen lässt. Denn die Geschichte Johannes Schiltbergers wirft für Mittelalter-Forscher eine gewichtige Frage auf...
MUSIK
O-Ton 16 Paulus
“Wie konnte er drei Jahrzehnte in der Fremde bei einer anderen Religion überleben? Es ist durchaus denkbar, dass er, um sein nacktes Leben zu retten, zum Islam konvertieren musste“.
SPRECHERIN
Vielleicht, sagt Christoph Paulus, steckt in Schiltbergers streitbarem Verhältnis zum Islam auch letztlich die Motivation, sein Reisebuch zu schreiben. Paulus steht folgende Szenerie vor Augen.
O-Ton 17 Paulus
“Er kommt nach Bayern zurück. Man fragt ihn natürlich, wo er gewesen ist – und er erzählt seine Geschichte. Es werden an ihn Fragen gestellt, die in seinen Ohren natürlich auch wie Vorwürfe geklungen haben müssen. Und man macht ihm vielleicht auch den Vorwurf, dass er sich allzu sehr an den Islam angenähert habe.
Und das Ganze fügt sich doch in ein apologetisches Bild, ein Rechtfertigungs-Bild dieses Reisebuchs. Das wäre gleichermaßen die Außenperspektive dieses Textes. Und nach Innen könnte sich Schiltberger sozusagen auch sich selbst gegenüber und seinem Gott gegenüber Rechenschaft über sein Handeln und sein Tun abgelegt haben.”
TC 19:05 - Die Anziehungskraft des Schiltbergers
SPRECHERIN
Für die Freiburger Professorin Birgit Studt kommt noch ein anderer Grund in Frage, warum Johannes Schiltberger seine Geschichte niedergeschrieben hat. Auch dieser hat mit seiner langen Abwesenheit zu tun. Schiltbergers Bericht könne man auch als einen Tätigkeitsbericht in der Fremde, als eine Art Bewerbungsschreiben lesen.
O-Ton 18 Studt
“Das ist natürlich einfach auch ein formaler Ausweis seiner Fertigkeit. Die Dokumentation eben auch seiner Erfahrungen, mit denen er sich beispielsweise für den diplomatischen Dienst in Stellung bringt. Das kann natürlich seine Person dann auch wertvoll machen für den Hof- und Fürstendienst.”
SPRECHERIN
Letztlich scheint der unfreiwillige Weltreisende Johannes Schiltberger - zurück in der Heimat - gut an- und auch untergekommen zu sein. Einer Notiz des bayerischen Geschichtsschreibers Aventinus zufolge wirkte er nach seiner Rückkehr als Kämmerer des Herzogs von Bayern-München, Albrecht III. Sein weiterer Lebensweg, auch wann und wo er gestorben ist, bleibt im Ungefähren – was die Anziehungskraft des geheimnisumwitterten Weltreisenden nur noch weiter steigert. Für den Moderator und Verleger Markus Tremmel ist Johannes Schiltberger gar sein “Lieblingsbayer”:
O-Ton 19 Markus Tremmel, Journalist und Verleger
Das war ein sympathischer Mensch, er wertet nie, er beschreibt einfach, was er erlebt hat – auf eine nette, bescheidene, offen interessierte Art.”
SPRECHERIN
Der studierte Slavist Tremmel ist Schiltberger schon ein paar Mal auf der Seidenstraße gefolgt. Dessen Bericht sei auch 600 Jahre nach dem ersten Erscheinen ein immer noch aktueller Reiseführer.
ATMO
Wenn er gen Osten, nach Armenien, Georgien, Usbekistan oder in die Türkei reise, habe er daher immer seinen Schiltberger im Gepäck, sagt Tremmel. Auch auf Laien und Forscher in diesen Ländern übe Johannes Schiltberger bis heute eine Faszination aus.
O-Ton 20 Tremmel
“Ich war vor ein paar Jahren einmal in Istanbul, bin da in einer Universitätsbibliothek gesessen, und sehe da, wie neben mir so ein Wissenschaftler mit einem Text beschäftigt ist. Und wir kommen ins Gespräch - und er erzählt, dass er gerade diesen Schiltberger da behandelt.”
SPRECHERIN
So wirkt Johannes Schiltberger mit seiner Geschichte noch heute als verbindendes Band zwischen Orient und Abendland.
TC 21:29 - Outro
Der Überlieferung nach zähmte der aus dem heutigen Frankreich stammende Missionsbischof Korbinian nicht nur einen wilden Bären, sondern missionierte auch die Bayern. Ganz freiwillig war der fromme Mann allerdings nicht gekommen. Die bayerischen Agilolfinger-Herzöge hatten ihn im Jahr 724 förmlich nach Freising verschleppt. Vom Domberg aus sollte Korbinian als Bischof das Christentum im Land verbreiten und die königsgleiche Herrschaft der Bayernherzöge festigen. Denn Glauben und Kirche spielten im Machtgefüge des Frühmittelalters eine wichtige Rolle. Von Thomas Grasberger (BR 2024)
Credits
Autor: Thomas Grasberger
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Christian Baumann, Berenike Beschle
Technik: Anton Wunder
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Michael Nadler, Irmtraut Heitmeier
Besonderer Linktipp der Redaktion:
NDR: Kunstverbrechen – True Crime meets Kultur
Gestohlene Gemälde, Kunstschmuggel, Fälscherskandale: Bei Kunstverbrechen rollen Lenore Lötsch und Torben Steenbuck spektakuläre Verbrechen in der Welt der Kunst- und Kultur auf. Ohne Blutvergießen, dafür mit spannender Kunst! Sie nehmen euch mit an Tatorte und hinter die Kulissen der Ermittlungen bei True-Crime-Fällen im vermeintlich glitzernden Kunstgeschäft. Sie treffen Zeugen, Experten und Opfer. Unterstützung bekommen sie dabei von Deutschlands bekanntestem Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin. ZUM PODCAST
Linktipps:
Bayerische Landesausstellung (2024): Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter
Ein Herrscher mit Schwert und Szepter, ein Heiliger, der einen wilden Bären zähmt … das ist nicht der Stoff für einen Hollywoodfilm, sondern pure bayerische Geschichte. Tassilo, Korbinian und der Bär entführen uns in der Bayerischen Landesausstellung 2024 ins frühe Mittelalter! Veranstalter sind das Haus der Bayerischen Geschichte und die Erzdiözese München und Freising. Zusätzlich zur Landesausstellung werden dem Publikum ausgewählte Prunkräume des Dombezirks über Führungen zugänglich gemacht. Die Ausstellung findet noch bis zum 3. November 2024 im Diözesanmuseum Freising statt. MEHR INFOS
Deutschlandfunk (2023): Bonifatius - der Apostel mit der Axt
Vor 1.300 Jahren ließ der christliche Missionar Bonifatius eine Eiche fällen, die dem germanischen Gott Donar geweiht war. Doch was damals tatsächlich passierte und was Legende ist, ist nicht sicher. Dennoch wirkt die Geschichte bis heute nach. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:33 – Freisings Gründungsheiliger
TC 05:48 – Der Dreikapitelstreit
TC 08:02 – Korbinian der Choleriker
TC 13:00 – Wohlhabend, fruchtbar & heilig
TC 15:46 – Die Ära Tassilos III.
TC 20:36 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Erzähler
Als der heilige Korbinian eines Tages auf Rom zu pilgerte, begegnete ihm mitten in der Wildnis ein Bär. Das Raubtier war hungrig und riss eines der Lastentiere Korbinians. Der aber reagierte blitzschnell – mit einer Spontan-Zähmung! Er domestizierte den Bären, schnallte ihm einen Sattel auf den Rücken und ließ ihn das ganze Gepäck tragen – bis nach Rom, wo er ihn schließlich wieder freiließ.
Erzählerin
So steht es in der „Vita Corbiniani“, der einzigen Quelle, die uns vom Leben des Heiligen Korbinian berichtet. Verfasst hat die Heiligenlegende der Freisinger Bischof Arbeo, der uns bestimmt keinen Bären aufbinden wollte. Auch wenn die Anekdote von der wundersamen Raubtierzähmung eher symbolisch zu verstehen ist, als heilsgeschichtliche Wahrheit. Ansonsten aber ist die „Vita Corbiniani“ eine durchaus verlässliche historische Quelle.
MUSIK
Erzähler
Korbinian, in den 670er Jahren geboren, war der Sohn einer vornehmen Familie aus Arpajon bei Paris. Eigentlich wollte er ein ruhiges, kontemplatives Leben führen, als Eremit in der Klause. Aber seine charismatische Ausstrahlung hatte sich rasch herumgesprochen, und bald war´s vorbei mit der Eremiten-Ruhe. Korbinian ergriff die Flucht und pilgerte nach Rom, wo Papst Gregor II. ihn zum Bischof weihte und in die weite Welt hinaus schickte. Den rechten Glauben, nämlich den römisch-katholischen, sollte er verkünden – oben im Norden, jenseits der Alpen.
Erzählerin
Und so kam Korbinian im Jahr 724 ins heute oberbayerische Freising. Wer Bären zähmen kann, so die fromme Annahme, kann auch mit widerspenstigen Bajuwaren fertig werden. Deren Herzöge aus dem Geschlecht der Agilolfinger waren einst von den Frankenkönigen eingesetzt worden und wie diese seit dem sechsten Jahrhundert Christen – zumindest dem Namen nach. Ein wenig römisch-katholische Nachhilfe konnte aber auch den Agilolfingern nicht schaden, was den Feinschliff der Sitten und die Festigung der Glaubensgrundsätze anging. Ganz sattelfest waren sie in diesen Fragen nämlich noch nicht. Für Korbinian aber, soviel sei schon verraten, sollte es keine leichte Aufgabe werden.
TC 02:33 – Freisings Gründungsheiliger
MUSIK
Erzähler
Heutzutage ist der gesattelte Korbiniansbär in Freising allgegenwärtig. Im Stadtwappen, als Statue an der Korbiniansbrücke, auf dem Tafelbild im Dom und auf Gemälden im Diözesanmuseum. Dort oben am Domberg, wo einst eine Pfalzkapelle im herzoglichen Palast stand, war Korbinians Wirkungsstätte. Und gegenüber, auf dem Weihenstephaner Berg, hatte er eine Mönchszelle errichtet und jene Quelle entdeckt, die das Kloster mit Wasser versorgte.
Erzählerin
1300 Jahre ist Korbinians Ankunft in Freising her. Und natürlich wird das Jubiläum vom Erzbistum München und Freising gebührend gefeiert. Obwohl streng kirchenrechtlich betrachtet das Bistum erst im Jahr 739 entstanden ist. Damals im päpstlichem Auftrag errichtet von Bonifatius, dem „Apostel der Deutschen“. Aber in Freising hat man immer schon lieber den heiligen Korbinian als Gründervater verehrt.
ATMO
Erzähler
Im Diözesanmuseum auf dem Freisinger Domberg arbeiten die Handwerker fleißig am Aufbau der Bayerischen Landesausstellung des Jahres 2024: „Tassilo, Korbinian und der Bär“ heißt die Schau, die sich in sechs Stationen und auf 1000 Quadratmetern mit „Bayern im frühen Mittelalter“ befasst. Der promovierte Historiker Michael Nadler vom Haus der Bayerischen Geschichte ist Projektleiter der Landesausstellung.
ZSP 1 Nadler Thema 0,16
Der Korbinian ist der Aufhänger von dem Ganzen. Das 1300-jährige Bistumsjubiläum, das ist unser Anlass, und wir thematisieren das auch. Aber die eigentliche Aussage ist ja, wie Bayern beinah damals schon ein mächtiges Königreich geworden wäre. Und das finde ich hochspannend. Dass man aus so wenig Überlieferung was konstruieren kann, was auch Sinn macht.
Erzähler
Wo Quellen rar sind – wie im Frühmittelalter –, müssen Theorien die Lücken schließen. Und das Fragezeichen – übrigens eine Erfindung des achten Jahrhunderts – wird oft zum wichtigsten Satzzeichen des Historikers. Aber Einiges ist halt doch überliefert, und so kann die Landesausstellung einen schönen weiten Bogen durchs achte Jahrhundert schlagen: Von Bayernherzog Theodo, der in seiner Regensburger Residenz so selbstbewusst regiert haben soll, dass er den Unmut der Franken erregte. Bis zu Tassilo dem Dritten, der fast schon wie ein König herrschte ... bis er an seinem Vetter Karl dem Großen scheiterte.
Erzählerin
Für diese Geschichte vom selbstbewussten bairischen Herzogtum spielen der Papst und die römische Kirche eine wichtige Rolle. Und somit auch die drei „Apostel der Bayern“, die als Missionare Ende des 7. Jahrhunderts aus dem fränkisch-gallischen Westen ins Land gekommen waren: Emmeram nach Regensburg, Rupert nach Salzburg und Korbinian nach Freising.
Erzähler
Was wir über die drei wissen, erfahren wir von ihren Amtsnachfolgern – vom Freisinger Bischof Arbeo mit seinen Heiligenviten über Emmeram und Korbinian. Und von Bischof Virgil, der das Salzburger Verbrüderungsbuch anlegen ließ.
Erzählerin
In all diesen Quellen, sagt die promovierte Historikerin und Frühmittelalter-Expertin Irmtraut Heitmeier, wird so getan, als beginne die bayerische Geschichte erst Ende des siebten Jahrhunderts. Was vermutlich damit zu tun hat, dass bis dahin der sogenannte Dreikapitelstreit die Gemüter entzweite.
TC 05:48 – Der Dreikapitelstreit
MUSIK
Erzähler
Bei dieser innerkirchlichen Auseinandersetzung ging es um unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Natur Jesu Christi. Eine theologische Streitfrage also, die allerdings auch politische Dimensionen angenommen hat. Südlich der Alpen, in Venetien und Istrien, führte sie sogar zu einer 150 Jahre dauernden Glaubensspaltung – zum Schisma von Aquileia.
MUSIK
Erzählerin
Viele Bischöfe in Nord- und Mittelitalien hatten sich von Rom ab- und den Langobarden zugewandt. Die waren auch Christen, allerdings überwiegend arianische. Für den Papst in Rom galten solche Arianer als Irrgläubige und Ketzer. Die Unterschiede zwischen den beiden christlichen Konfessionen erklärt Irmtraut Heitmeier so.
ZSP 2 Heit Arianer 0,31
Die Katholiken gehen davon aus, dass Christus mit Gott wesensgleich ist und die Arianer haben eben das nicht geglaubt und sind nur von einer Wesensähnlichkeit ausgegangen. Und die meisten der sogenannten germanischen Völker, also Goten, Langobarden hingen dem arianischen Glauben an.
Erzählerin
Weil das Herzogtum Bayern, vor allem in seinem östlichen Teil, enge historische und verwandtschaftliche Verbindungen zu den Langobarden hatte, schloss es sich der langobardischen Fraktion an. Man unterstand nicht der Kirche von Rom, sondern der Kirche von Aquileia. In Bayern lebten also keineswegs nur römisch-katholische, sondern auch viele arianische Christen.
Erzähler
Erst als in den 690er Jahren der Dreikapitelstreit beigelegt werden kann, ist der Weg frei für eine konfessionelle Einigung des Landes. Im Jahr 696, so eine These aus jüngerer Zeit, hat Bayernherzog Theodo in der Pfalzkapelle zu Altötting seinem arianischen „Irrglauben“ abgeschworen, um sich mit seinen Gefährten katholisch taufen zu lassen.
Erzählerin
Mit dieser Hinwendung zu Rom kann nun auch der Aufbau einer einheitlichen Kirchenorganisation in Bayern beginnen. Bayernherzog Theodo nimmt im Jahr 716 sogar die beschwerliche Reise zum Papst auf sich, um die Erlaubnis zu erwirken, dass er in Bayern Bistümer gründen darf.
TC 08:02 – Korbinian der Choleriker
ZSP 3 Nadler Theodo 0,19
Die Gründung von Bischofssitzen oder Bistümern dient dazu, dass man seine Macht festigt. Man kann geistlich und weltlich nicht trennen. Also für den Herzog ist das wichtig: Das Christentum verbreiten bedeutet auch sein Land erschließen. Und Herzog Theodo, das ist ein Agilolfinger Herzog und das ist schon dieser Zug Richtung eigenes bayerisches Königreich oder Agilolfingisches Königreich.
Erzählerin
Herzog Theodo regiert wie ein unabhängiger Fürst. Er teilt sein Herzogtum unter seinen vier Söhnen auf, ohne sich die Einwilligung der Frankenkönige zu holen. Als Theodo im Oktober 717 stirbt, ist die Bistumsgründung noch unvollendet. Mit sanfter Gewalt gelingt es seinem Sohn Grimoald, den Kirchenmann Korbinian nach Freising zu verfrachten, damit der Missionar als Gründungsbischof den Aufbau einer bairischen Kirchenprovinz voranbringt. Aber bald schon erlebt der Herzog sein blaues Wunder: Korbinian ist nämlich ein cholerischer und rabiater Verfechter seines Glaubens, der auch den Konflikt mit den Mächtigen nicht scheut.
Erzählerin
Als der Herzog eines Tages seinem Hund ein Stück Brot zuwirft, das Korbinian zuvor gesegnet hat, rastet der Missionar völlig aus, wirft die fürstliche Tafel um und verlässt den Raum.
Erzähler
Noch radikaler gebärdet sich der Missionar gegenüber einer Bäuerin, die im Ruf steht, Zauberei zu betreiben. Als die Kräuterhexe behauptet, sie habe einen Sohn des Herzogs mit ihren Zaubersprüchen geheilt, da springt Korbinian wutentbrannt vom Pferd herunter und verprügelt die alte Heilerin.
Erzählerin
Die Bayern hatten ihren alten heidnisch-germanischen Glauben wohl nie ganz aufgegeben, auch wenn sie längst schon christlich getauft waren.
ZSP 4 Nadler Heidnisches 0,26
Man kann davon ausgehen, in Bayern südlich der Donau, dass die Missionare schon auf ein gewisses vorhandenes Christentum treffen. Das ist kein Heidenland in dem Sinn, weil er aus der Römerzeit das Christentum schon übergeblieben ist, trotz der zugewanderten Germanen, die da eben andere Glaubensrichtungen mitbringen. Der sogenannte Aberglaube, also das, was wir heute haben mit Charivari, Gamsbart und so was, geht alles auf Jagdzauber, Fruchtbarkeitszauber zurück. Das ist letztlich ein heidnisches Erbe, was da übergeblieben ist, was aber das Christentum mit aufgesaugt hat.
MUSIK
Erzählerin
In frühmittelalterlichen Gräberfeldern finden Archäologen nicht nur christliche Kreuze, sondern auch Amulette, die auf heidnische Bräuche hindeuten. Waren die Bajuwaren also gut katholisch und gleichzeitig heidnisch?
Erzähler
In der Landesausstellung ist eine Gewandschließe aus dem frühen siebten Jahrhundert zu sehen. Auf der Rückseite dieser Bügelfibel steht eine Runeninschrift, die die germanischen Götter Wotan und Donar erwähnt. Ob es eine Widmung ist? Oder eine Verfluchung, die sich vom Heidenglauben distanziert?
Erzählerin
Schwer zu sagen – aber was auch immer auf der Fibel genau stehen mag: Fest steht, dass es die germanischen Götter in den damaligen Glaubensvorstellungen noch gegeben haben muss. Ebenso diverse heidnische Praktiken wie Zauberei und Wahrsagerei. Aberglaube und Magie haben die Zeiten anscheinend überdauert. Bis heute.
MUSIK
Erzähler
Zwischen Korbinian und dem Bayernherzog Grimoald war es früh schon zu Spannungen gekommen. Grund hierfür war Pilitrud, die Gattin des Herzogs. Sie stammte aus vornehmem fränkischem Geschlecht und galt als wahre Schönheit. Das Problem lag also woanders: Die fesche Pilitrud war schon mal verheiratet gewesen, nämlich mit Grimoalds Bruder. Nach dessen Tod übernahm Grimoald die Witwe. Aber so eine Schwagerehe war nach römischem Kirchenrecht streng verboten. Deshalb tobte Bischof Korbinian und forderte: Diese Pilitrud muss weg! Der Herzog zögerte, schob die Scheidung immer wieder hinaus. Als er sich endlich dazu durchringen konnte, bebte Pilitrud vor Wut über den Pfaffen, der ihr die Ehe vermasselt hatte. Sie beauftragte einen Hofherrn mit der Ermordung des Bischofs – durch Gift!
Erzählerin
Missionare lebten stets gefährlich. Sie riskierten ihr Leben für die Durchsetzung christlicher Ideale. Dabei ging es nicht nur um Sitte und Moral, sondern oft auch um Erbe und Macht. Auch im Freisinger Ehestreit, meint Michael Nadler könnten politische Hintergründe eine Rolle gespielt haben.
ZSP 5 Nadler Streit 0,20
Weil der Korbinian nicht unbedingt zur Partei vom Grimoald gehört hat. Da gab es noch seinen Neffen, den Hucbert, der dann später Herzog wird und der hat gute Verbindungen ins Frankenreich und zu den Langobarden, auch wie der Korbinian! Ich will ihm ja nichts nachsagen, aber es ist möglich, dass das auch eine Rolle gespielt hat, dass die nicht in derselben politischen Partei waren sozusagen. Aber in der Legende wird natürlich immer gesagt: Ja, das ist eine Umsetzung des echten Christentums.
MUSIK
Erzähler
Der Mordanschlag auf den Bischof misslingt. Korbinian wird gewarnt und kann nach Südtirol fliehen. Bei Mais, in der Nähe von Meran, wo er einst das kleine Kloster Kuens gegründet hat, findet er seinen Rückzugsort. Und nach seinem Tod 730 auch die vermeintlich letzte Ruhestätte. In Freising wollte Korbinian nämlich nicht einmal begraben sein.
TC 13:00 – Wohlhabend, fruchtbar & heilig
Erzählerin
Vier Jahrzehnte später allerdings wird sein Nachfolger und Biograf, der Freisinger Bischof Arbeo, Korbinians Gebeine nach Bayern überführen lassen. Wie Regensburg mit Emmeram, Salzburg mit Rupert und Passau mit Valentin, hatte nun auch das Bistum Freising mit Korbinian seinen Gründungsheiligen. Im Frühmittelalter war das ein echter Standortfaktor, sagt Michael Nadler.
ZSP 6 Nadler Standortfaktor 0,10
Solche Heiligenreliquien haben ja den Ruf, dass sie Wunder wirken. Die ziehen natürlich dann Pilger an, das wird eine Wallfahrtsstätte. Und das ist natürlich nicht nur geistlich, sondern auch wirtschaftlich interessant immer.
Erzähler
Bayern war im achten Jahrhundert ein fruchtbares und relativ wohlhabendes Land. Es gab viel Fisch und Wild, Wein, Wald und Bodenschätze. Auch das wissen wir vom frühen Schriftsteller und Geschichtsschreiber Arbeo. Sein Landeslob ist keineswegs nur poetische Fiktion, sagt die Historikerin Heitmeier.
ZSP 7 Heit Landeslob 0,22
Das ist sicherlich auch geschönt, übertrieben, aber man kann daraus auch sehr schön sehen, was alles an Gewerben vorhanden war, was alles genutzt worden ist. Also man hat eben Bodenschätze verarbeitet, man hat Salz gewonnen, man hat Gold gewaschen, man hat wirklich sehr vielfältig aus diesem Land Nutzen gezogen.
Erzähler
Auch Bayerns Importwirtschaft ist nicht zu unterschätzen. Über ein Netz von Handelswegen kommen exotische Gewürze, kostbare Seiden und wertvolle Kunstobjekte ins Land. Regensburg ist damals ein wichtiger Umschlagplatz für solche Luxusgüter.
ZSP 8 Nadler Luxus 0,21
Gerade wenn man jetzt die Schmuckstücke anschaut, dass da Edelsteine aus Indien oder Sri Lanka dabei sind. Oder der heilige Emmeram, also diese Reliquien, die wurden in Tücher eingeschlagen oder in Stickereien aus dem heutigen Ost-Iran oder Afghanistan. Also das war durchaus im Luxussegment sozusagen für einen ganz sehr eingeschränkten Bevölkerungskreis möglich, so was, so was zu erwerben, was man eigentlich nicht vermuten würde.
Erzähler
Das wohlhabende Herzogtum Bayern bekommt seinen letzten kirchenpolitischen Schliff im Jahr 739. Der Angelsachse Winfried, besser bekannt als Heiliger Bonifatius, vollendet in jenem Jahr die Einteilung Bayerns in vier Bistümer.
Erzählerin
Bonifatius, der „Apostel der Deutschen“, war ein „Genie der Selbstvermarktung“, sagt Michael Nadler. Letztlich aber hat er nur vollendet, was die Agilolfinger mehr als 20 Jahre zuvor schon begonnen haben. So sieht es zumindest die bayerische Forschungsrichtung.
ZSP 9 Nadler Bonifatius 0,20
Wir sagen in der Ausstellung ganz klar, es gab schon Bischöfe, seit 716 ungefähr, also seit Theodo. Und der Bonifatius vollendet nur noch diese Organisation. Er setzt jetzt halt mit seiner Autorität vom Papst her, setzt der Bischöfe ein, in Passau nicht, weil in Passau gab es schon den Vivilo, den hat er nicht weg gekriegt. Und seitdem gehört das praktisch ganz fest zur römischen Kirche dazu.
TC 15:46 – Die Ära Tassilos III.
MUSIK
Erzähler
Der bayerische Herzog habe stets aus dem Geschlecht der Agilolfinger zu sein! So steht´s im bayerischen Stammesrecht, in der „Lex Baiuvariorum“. Als im Jahr 736 mit Hugbert der letzte aus der direkten männlichen Linie stirbt, kommt der alemannische Zweig der Agilolfinger zum Zug: Der Schwabe Odilo wird Herzog der Bajuwaren.
Erzählerin
In Odilos Herrschaftszeit von 736 bis 748 fallen nicht nur die Bistumsgründungen, sondern auch stattliche Klostergründungen wie Chammünster, Niederaltaich und Mondsee. Auch seine militärischen Erfolge gegen Karantanen und Awaren erweitern den bairischen Einfluss. Die Landesausstellung sieht in Odilo, diesem „vorletzten Agilolfinger“, sogar den eigentlichen Schöpfer des frühmittelalterlichen Bayern.
ZSP 10 Nadler Odilo 0,12
Odilo war auf jeden Fall hoch bedeutsam, also gerade als Klostergründer. Also der hat eigentlich diesen Landesausbau, dass man also das Land erschließt, diese Binnenkolonisierung, das hat der schon sehr stark vorangetrieben. Und Tassilo konnte darauf aufbauen.
MUSIK
Erzählerin
Als sein Vater Odilo stirbt, ist Tassilo III. gerade mal sieben Jahre alt. Seine Mutter, die Karolingerin Hiltrud und sein Onkel Pippin führen zunächst die Regierungsgeschäfte. Von 757 an aber wird Tassilo als Herzog amtieren. Mehr als drei Jahrzehnte lang, selbstbewusst und eigenständig, nach innen wie nach außen.
Erzähler
Tassilo erlässt Gesetze und handelt bald wie ein König. Er sitzt den Versammlungen der bayerischen Kirche vor und lässt seit 767 in Salzburg den Virgil-Dom bauen, der in seinen Ausmaßen das fränkische Heiligtum St. Denis bei Paris übertrifft. Der Agilolfinger sieht sich den karolingischen Franken ebenbürtig. Wenn nicht gar überlegen.
Erzählerin
Tassilo wird auch zu dem bairischen Klostergründer schlechthin. Innichen, Kremsmünster, Frauenchiemsee – sind nur einige von vielen Klostergründungen, die dem Bayernherzog zugeschrieben werden. Dabei geht es nicht nur um Seelenheil, sondern um Macht und Politik. Denn Klostergründungen sind aufwendig, man braucht dafür kirchliche und adlige Verbündete. Schließlich sind Klöster immer auch Mittel, den Raum zu organisieren, sagt die Historikerin Irmtraut Heitmeier. Dazu gehören Rodungen und der Ausbau von Siedlungen, aber auch von Straßen an strategisch wichtigen Stellen.
ZSP 11 Heit Raumorganisation 0,14
Es ist ja kein Zufall, dass so viele Klöster direkt vor den Alpeneingängen liegen, also ob das jetzt Scharnitz-Schlehdorf ist, Benediktbeuern, Tegernsee. Jeder Passzugang hat ungefähr ein Kloster vor sich.
Erzählerin
Besonders reich ausgestattet ist das von Tassilo 777 gegründete Kloster Kremsmünster im heutigen Oberösterreich: Es hütet in seiner Schatzkammer das wohl berühmteste und kostbarste Kunstwerk seiner Zeit: den Tassilo-Liutpirc-Kelch, gestiftet vom starken Herzog Tassilo, der wie ein König herrscht. Und seiner Gemahlin Liutpirc, die selbst Tochter eines Langobarden-Königs ist.
Erzähler
Dieser Kelch ist künstlerischer Ausdruck der politischen Eigenständigkeit Bayerns gegenüber dem Frankenreich. Und nicht zuletzt ist er das Highlight der Freisinger Landesausstellung.
ZSP 12 Nadler Tassilokelch 0,15
Das ist eine absolute Sensation, dass wir den überhaupt bekommen. Also der wird praktisch nie ausgeliehen und ist eines der wichtigsten Objekte der bayerischen Geschichte überhaupt. Ganz sicher das Wichtigste der damaligen Zeit. Ein sehr schöner und auch besonders großer Messkelch.
MUSIK
Erzähler
Tassilo – der selbstbewusste Agilolfinger! Für den karolingischen Frankenkönig Karl ist er eine unerträgliche Provokation. Lange schaut sich Karl das Treiben seines „bairischen“ Cousins an. Als alle anderen Widersacher im Spiel der Macht beseitigt sind, knüpft er sich auch Tassilo vor.
Erzählerin
Denn auf dem Weg zum mächtigsten Kaiser des Mittelalters kann Karl der Große, dieser heilige Barbar, wie ihn ein Biograf nennt, keine Konkurrenten dulden. In einem Schauprozess in Ingelheim am Rhein lässt er Tassilo III. im Jahr 788 zu Unrecht verurteilen wegen Verrat und Treuebruch, angeblich begangen 25 Jahre zuvor. Für immer wird Tassilo in die Klosterhaft verbannt.
Erzähler
Die Zeit der königsgleich regierenden Agilolfinger ist damit vorbei. Karl reißt sich das Herzogtum Bayern unter den Nagel. Der Weg in die Bedeutungslosigkeit einer Provinz im Südosten scheint vorbestimmt. In Wirklichkeit aber sollte es nicht lang dauern, bis wieder bayerische Herzöge aufbegehrten und die politische Eigenständigkeit anstrebten.
TC 20:36 - Outro
Wer waren die Bajuwaren und woher kamen sie? Seit Jahrhunderten werden diese Fragen immer wieder gestellt, und mit den Theorien und Spekulationen, die dabei entstanden sind, kann man Bibliotheken füllen. Doch heute fragt die Forschung nicht mehr nach der Herkunft der Bajuwaren als einem geschlossenen "Volk" oder "Stamm". Heute richtet sich vielmehr der Blick auf den Raum, der planmäßig besiedelt wurde mit Menschen verschiedenster Herkunft, die später zu Bajuwaren wurden. Von Thomas Grasberger (BR 2021)
Credits
Autor: Thomas Grasberger
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Ruth Geiersberger, Alexander Duda, Thomas Birnstiel, Kia Ahrndsen
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Irmtraut Heitmeier, Michaela Harbeck
Besonderer Linktipp der Redaktion:
MDR: Bücher in Asche – Der Brand in der Anna Amalia Bibliothek
Am 2. September 2004 brennt die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Mehr als 50.000 unschätzbar wertvolle Bücher verbrennen, mehr als doppelt so viele werden zum Teil schwer beschädigt. Viele Menschen in Weimar wissen heute noch, wo sie in der Brandnacht waren und wie sie davon erfahren haben. Der Brand hat sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Aber nicht nur als Katastrophe, sondern auch als ein Ereignis, das die Menschen zusammengeschweißt hat. ZUM PODCAST
Linktipps:
Bayerische Landesausstellung (2024): Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter
Ein Herrscher mit Schwert und Szepter, ein Heiliger, der einen wilden Bären zähmt … das ist nicht der Stoff für einen Hollywoodfilm, sondern pure bayerische Geschichte. Tassilo, Korbinian und der Bär entführen uns in der Bayerischen Landesausstellung 2024 ins frühe Mittelalter! Veranstalter sind das Haus der Bayerischen Geschichte und die Erzdiözese München und Freising. Zusätzlich zur Landesausstellung werden dem Publikum ausgewählte Prunkräume des Dombezirks über Führungen zugänglich gemacht. Die Ausstellung findet noch bis zum 3. November 2024 im Diözesanmuseum Freising statt. MEHR INFOS
Deutschlandfunk Kultur (2018): Bayerns Eigensinn
„Mia san Mia“ – das sagt alles über den bayerischen Stolz und Eigensinn. Denn Bayern geht seit langer Zeit Sonderwege. Der Historiker und Journalist Gerald Huber hat sich dieses genauso aktuelle wie alte Phänomen angeschaut. ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:23 – Mythen, Mutmaßungen & Modelle
TC 06:40 – Ein Volk, viele Namen?
TC 12:56 – Das schleichende Ende des Römischen Reiches
TC 15:47 – Blick in die DNA
TC 19:13 – Alles neu
TC 23:13 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Erzählerin
Wir könnten es uns leichtmachen und an einem bayerischen Stammtisch nachfragen: Wer waren die Bajuwaren? Und woher kamen sie? Die Antworten auf solch wichtige Fragen unserer Geschichte ließen bestimmt nicht lang auf sich warten.
Erzähler
„Mia san mia! Immer schon gwesen! Nämlich anders als die Andern!“
Erzählerin
Das klingt zwar schmissig, aber ganz so einfach ist es nicht. Blicken wir also etwas tiefer zurück, ins Dunkel der Geschichte, aus dem die Bajuwaren – so der ursprüngliche Name des Bayern-Stammes – vor 1500 Jahren herausgetreten sind.
Erzähler
Und zwar recht unvermittelt. Einfach so. Der Staub der untergehenden Spätantike hatte sich gerade verzogen, da tauchten sie auf der Bühne des historischen Geschehens auf. Als Überraschungsgäste im jungen Frühmittelalter haben sie sich auch gleich den nötigen Respekt verschafft.
Zitator:
Si vacat ire viam neque te „Baiovarius“ obstat...
Zitatorin:
Wenn die Straße offen ist und Dir nicht der Bayer den Weg versperrt, so ziehe dort durch das Gebirge ...
Erzählerin:
Es klingt fast wie eine Reisewarnung, was der italienische Dichter und Bischof Venantius Fortunatus da in seiner Vita des Heiligen Martin geschrieben hat. Venantius war um das Jahr 565 nach Gallien zum Grab des Heiligen Martin von Tours gepilgert, als er südlich von Augsburg offenbar den sperrigen Bayern begegnete.
Erzähler
Die waren zum allerersten Mal 15 Jahre zuvor genannt worden, von Jordanes, dem Geschichtsschreiber der Goten. Jordanes hatte die Bayern im Jahr 551 eher beiläufig erwähnt, als jene Baibari, die östlich der Sueben, also der frühen Schwaben hausten.
Erzählerin:
So wie heute! Ihren Platz hatten die Bayern also Mitte des 6. Jahrhunderts schon gefunden. Aber wer waren sie?
TC 02:23 – Mythen, Mutmaßungen & Modelle
Erzähler:
Die Historikerin Irmtraut Heitmeier, eine ausgewiesene Kennerin des frühen Mittelalters, antwortet zögerlich. Mit gutem Grund. Denn anders als für die Alemannen, Franken, Burgunder, Thüringer und Langobarden, ist für die Bajuwaren keine Stammesgeschichte, keine frühmittelalterliche Herkunftserzählung überliefert.
ZSP 1 Heit erstmals 0,34
Bei den Bayern ist es eben sehr schwierig, weil sie in den Schriftquellen erst ganz spät und ohne größeren Kontext vorkommen. Also die Stelle, um die es da geht, ist bei dem Geschichtsschreiber Jordanes, der um 550 die Baibari nennt. Das ist im Grunde nur eine Schreibform für Baivarii. Ja, und mehr wissen wir nicht. Früher hat man eben gefragt, wo sind sie hergekommen? Und das tut man heute nicht mehr, weil die Frage ist sicher falsch gestellt.
Erzähler:
Falsch gestellt, weil sie keine tragfähigen Antworten liefern konnte. Obwohl reichlich darüber spekuliert wurde.
Erzählerin:
Und was nicht alles gemutmaßt wurde! Armenien als sagenhaftes Ursprungsland des Bayernstammes taucht in mittelalterlichen Texten öfter auf. Auch die Erzählung, dass die Bayern auf einen Stammvater namens Norix zurückzuführen seien, weshalb sie auch Noriker hießen, kann man im Hochmittelalter lesen.
Erzähler:
Später kommen viele andere Erklärungen hinzu: Alemannen, Langobarden oder Quaden-Sueben wurden zu Vorfahren der Bajuwaren erklärt. Und immer wieder haben die Gelehrten über den Namen nachgedacht: Baiuvarii, das seien die Bewohner des Landes Baia. Und Baia komme von den keltischen Bojern, die bis zum 1. Jahrhundert nach Christus in Böhmen, lateinisch Boiohemum, gelebt hatten.
MUSIK
Erzählerin:
Die Bojer, die jetzt Baiern heißen! Diese Kelten-Theorie wurde erstmals im frühen 7. Jahrhundert erwähnt, von einem Mönch namens Jonas aus dem oberitalienischen Kloster Bobbio. Sie wurde immer wieder aufgegriffen – vom humanistischen Geschichtsschreiber Johannes Aventin im frühen 16. Jahrhundert. Oder vom Historiker Karl Bosl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Erzähler:
Aber auch die Germanen wurden gern für den Bayern-Stammbaum herangezogen. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte der oberfränkische Philologe Johann Kaspar Zeuß „Die Herkunft der Baiern von den Markomannen“ ins Spiel. Sprachgeschichtlich verortete zwar auch Zeuß den Namen im Keltenland Böhmen. Aber nach Abzug der keltischen Bojer seien dort die germanischen Markomannen an deren Stelle getreten. Und die seien Ende 5. Jahrhunderts schließlich nach Bayern eingewandert.
Erzählerin:
Das griffige Modell von der einen großen Landnahme eines ganzen Volkes ließ sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer schwerer halten. Weshalb man bald nur noch von einem Traditionskern sprach, der aus Böhmen in den Regensburger Raum gekommen sei.
Erzähler:
Die Archäologie schien diese Böhmen-These zu stützen. Genauer gesagt waren es Reste schwarzer Ton-Schalen aus dem 4./5.Jahrhundert, die in südböhmischen und niederbayerischen Gräbern gefunden wurden. Diese Keramik vom Typ Friedenhain-Přešt’ovice war in den 1980er Jahren der letzte wissenschaftliche Schrei! Die "Baiovarii" als die "Männer aus Böhmen" – eine These, die bis in die frühen 2000er Jahre hinein weitgehend unwidersprochen blieb.
Erzählerin:
Nach neuerer Ansicht aber ist die „Meistererzählung“ von der böhmischen Zuwanderung nicht mehr haltbar, sagt die Historikerin Heitmeier. Das Narrativ eines wandernden Volkes, das neue Lebensräume erschließt, habe sich als Sackgasse erwiesen. Und auch die Ethnogenese, die fragt, wie sich Gruppen unter bestimmten Bedingungen formierten, führe nicht recht weiter.
TC 06:40 – Ein Volk, viele Namen?
ZSP 2 Heit Volk 0,37
Letztlich stand immer sozusagen das Volk im Mittelpunkt. Und das ist das, wo man in jüngerer Zeit davon abrückt, weil man eben merkt: Nicht das Volk war die primär gestaltende Kraft, sondern es gab wohl andere Einflüsse, die dann aus vielen Menschen letztlich eine Gemeinschaft geformt haben. Und das können sehr unterschiedliche Menschen gewesen sein, die sich dann so zusammengefunden haben, dass sie eine neue Identität entwickelt haben, die jetzt in unserem Fall die bayerische wäre.
Erzähler:
Ein Kerngedanke der modernen Geschichtsforschung lautet: Völker sind keine biologisch determinierten Abstammungs-Gemeinschaften, die überzeitlich und unveränderlich, also quasi immer schon existieren. Vielmehr entstehen sie erst in einem dynamischen sozialen Prozess, in dem sie ihre Identität entwickeln.
Erzählerin:
So gesehen sollte man also besser fragen, wie die Bajuwaren zu dem wurden, was sie später waren. Und welche Faktoren waren dabei entscheidend?
ZSP 3 Heit Wie enstanden 0,34
Also für die Formierung war sicherlich das Herzogtum ganz wichtig und hat viele Leute verschiedener Herkunft integriert. Vor, sagen wir mal, 40, 50 Jahren, wo man auch die These vertreten hat, die Bayern wären ja eigentlich nur die altansässigen Keltoromanen. Das würde man heute nicht mehr sagen. Wir wissen, dass sehr viele Leute ins Land gekommen sind, aber eben sehr viele verschiedene, die sich dann erst hier zu einer Gemeinschaft zusammengefunden haben.
Erzählerin:
Zu den Dagebliebenen aus der Römerzeit kamen Flüchtlinge und Zugereiste aus allen Himmelsrichtungen – diese Menschen mit Migrationshintergrund machten jenes bunte Gemisch aus, das in der neuen Heimat zum Stamm der Bajuwaren zusammenwuchs.
MUSIK
Erzähler:
In jüngerer Zeit haben Archäologen, Historiker und Sprachwissenschaftler ihren Blick verstärkt auf den Raum gerichtet, in dem dieser Prozess stattfand. Und der liegt weiter östlich als unser bayerischer Freistaat, nämlich in Österreich. Er umfasst das Gebiet der ehemaligen römischen Provinz Ufer-Noricum, östlich des Inns: also den oberbayerischen Chiemgau, den Salzburger Raum und die Gegend von Passau donauabwärts nach Osten.
Erzählerin:
In schriftlichen Überlieferungen – etwa in der Langobardengeschichte des Paulus Diákonus Ende des 8. Jahrhunderts – werden die frühen Bayern oft als Noriker bezeichnet. Man kann also vermuten, sagt die Historikerin Heitmeier, dass der Bajuwaren-Name zunächst für eine Gruppe entstand, die sich im Noricum etablierte. Erst später wanderte dieser Stammesname nach Westen, zum Lech, wo er um 550 von Venantius Fortunatus erwähnt wird.
Erzähler:
Ursprünglich weist das germanische Wort Bajuvarii auf militärische Gruppen hin. Und die haben sich diesen Namen wohl nicht selber gegeben. Er kam vielmehr von außen, von den Alemannen oder Thüringern im Westen.
ZSP 4 Heit Bayernname 0,44
Er könnte einfach die Leute bezeichnet haben, die dieses Land verteidigt haben. Dieses ehemalige Siedlungsgebiet der Boier, östlich vom Inn. Das wär das, was in diesem -varii-Namen drinsteckt. Weil varii kommt letztlich von varian, was wehren, verteidigen heißt. Und wenn das erste Glied sich auf einen Raum bezieht, dann sind das die Verteidiger dieses Raumes.
Erzählerin:
Im späten 5. Jahrhundert ist im Ufer-Noricum, im heutigen Oberösterreich, viel Bewegung im Spiel. Die spärlichen Quellen berichten von einfallenden Thüringern und Alemannen. Ganze Bevölkerungsgruppen setzen sich in Bewegung, von Böhmen über das Rugier-Reich im heutigen Niederösterreich bis nach Pannonien im heutigen Ungarn.
Erzähler:
Diese wandernden Gruppen werden in der Überlieferung als Langobarden bezeichnet. Mit den Langobarden, die einst an der unteren Elbe siedelten, haben sie fast nur noch den Namen gemein. Denn solche umherstreifenden, ethnisch gemischten Gruppen, nehmen immer wieder neue Leute auf. Sie teilen sich von Zeit zu Zeit und formieren sich wieder neu.
Erzählerin:
Aus solch einem Pool von Menschen, sagt Irmtraut Heitmeier, entstanden jene Gruppen in Niederösterreich und Pannonien, die in der Überlieferung Langobarden genannt werden.
ZSP 5 Heit Langobarden 0,48
Meine These wäre, dass ein Teil von diesen Gruppen eben in Ufer-Noricum dann sitzen geblieben ist und die Bajuvarii gebildet hat. Aber stehen tut das nirgends. Also es sind letztlich Schlussfolgerungen aus einer Zusammenschau von Indizien, die dann auch wieder auf weitere Entwicklungen Bezug nehmen: Weil die Bayern dann eben so ein enges Verhältnis zu den Langobarden hatten. Und diese so enge Beziehung zu den Langobarden, die legt eben nahe, dass da vielleicht auch schon von den Ursprüngen her Gemeinsamkeiten bestehen.
Erzähler:
Diese Langobarden-Theorie gibt es eigentlich schon lange. In modifizierter Form bietet sie folgendes Szenario an: Während der größere Teil der Langobarden-Gruppen erst nach Pannonien, also Richtung Ungarn, wanderte und Jahrzehnte später dann große Teile Italiens eroberte, blieben kleinere Langobarden-Gruppen im oberösterreichisch-salzburgischen Raum und wurden zu jenen Bajuwaren, die Baia, das frühere Land der Bojer, verteidigten. Sie hätten demnach also ...
ZSP 6 Heit Bajovarii 0,20
Die Donau als Wasserstraße bewacht, die Pässe bewacht, auch nicht zu vergessen die Salzproduktion im ganzen Salzkammergut beherrscht. Diese Leute, die praktisch da sich formiert hätten, die wären dann von Westen aus als Bajovarii bezeichnet worden.
TC 12:56 – Das schleichende Ende des Römischen Reiches
MUSIK
Erzähler:
Bruch oder Kontinuität? Diese Frage stellen Historiker gern, vor allem, wenn es um Wegmarken der Historie geht. Wie also gestaltete sich der Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter? Es war zweifellos eine Zeit des Niedergangs. Nachzulesen ist das in der „Vita Sancti Severini“ des Mönches Eugippius aus dem Jahr 511. Diese Heiligenlegende erzählt nicht nur von Wundertätigkeit des Kirchenmannes Severin, sie ist auch eine wertvolle Geschichtsquelle in sonst recht quellenarmen Zeiten. Autor Eugippius beschreibt anschaulich die letzten Tage der römischen Provinz Noricum, kurz vor Severins Tod im Jahr 488.
Zitator:
„Um diese Zeit hatten räuberische Barbaren bei einem plötzlichen Überfalle alles, was sie außerhalb der Stadtmauern an Menschen und Vieh fanden, als Beute fortgeschleppt.“
Erzähler:
Ein Katastrophenszenario: Germanen fallen ein, die Versorgung wird knapp, Weltuntergangsstimmung macht sich breit in der romanischen Bevölkerung. Mit dieser Erzählung prägt Eugippius unser Bild vom Ende der Römerzeit. Aber gab es damals, zwischen 490 und 550, wirklich einen großen historischen Bruch im Donauraum und Voralpenland? Wohl eher nicht, meint Irmtraut Heitmeier.
ZSP 7 Heit keine Katastrophe 0,28
Es gab sicherlich an vielen Stellen kleine Brüche, aber keinen totalen Zusammenbruch, […] davon kann jetzt überhaupt keine Rede mehr sein.
Erzählerin:
Neuere archäologische Forschungsarbeiten zeigen: Es war ein zeitlich langgestreckter Transformationsprozess, der den Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter ausmachte. Am Ende stand eine andere Welt. Als Ergebnis eines schleichenden Prozesses.
Erzähler:
Das Land war nach dem Abzug der Römer also keineswegs leer. Dafür war der Raum zwischen Alpen und Donau auch militärisch-strategisch viel zu wichtig. Mit der Übernahme durch die fränkischen Merowinger in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts wurden die ehemaligen römischen Provinzen zu wichtigen Grenzgebieten des Frankenreiches. Von hier aus kontrollierten die neuen Machthaber die Alpen-Pässe und somit die Zugänge nach Italien. Es lohnte sich also, diesen Raum planmäßig zu besiedeln.
ZSP 8 Heit Neuanfang 0,17
Was man dann eben auch ganz stark feststellt, ist, dass ein Neuanfang um die Mitte des 6. Jahrhunderts passiert. Da kommen auf einmal viele neue Leute, die ganz neue Siedlungen anlegen, die neue Gräber, Bestattungsplätze anlegen.
TC 15:47 – Blick in die DNA
MUSIK
Erzähler:
Doch wer waren diese Menschen, die nun in vielen kleinen Einwanderungsschüben über Jahrzehnte hinweg neu in den Voralpenraum kamen? Aus der Überlieferung erfahren wir nur wenig darüber. Von Alemannen und Thüringern ist die Rede, auch Langobarden dürften eine Rolle gespielt haben. Und manche Ortsnamen wie Scheyern weisen auf die Skiren hin, eine germanische Gruppe aus dem östlichen Mitteleuropa.
ZSP 9 Heit wer waren sie 0,20
Aber das sind einzelne, die uns letztlich nichts über das Gros der Bevölkerung sagen. Und solche Gräberfelder wie jetzt grad das von Altenerding zeigt halt, dass da Leute ganz verschiedener kultureller Herkunft zusammengekommen sind, auch weit aus dem Osten zum Beispiel.
Erzählerin:
Wo schriftliche Quellen schweigen, sprechen neuerdings die Knochen aus den Gräberfeldern. Mit Hilfe paläogenetischer Untersuchungen! Die Anthropologin Michaela Harbeck von der Staatssammlung für Anthropologie in München gehörte zu einem internationalen Forscherteam, das 2018 die Genome aus den Knochen von 41 frühmittelalterlichen Menschen untersuchte. Diese Individuen waren um das Jahr 500 in bayerischen Gräbern bestattet worden; die meisten wiesen die genetische Signatur von Mittel- und Nordeuropäern auf. Eine Gruppe von 20 Frauen jedoch passte nicht in dieses genetische Raster. Sie stellte für die Wissenschaft schon länger ein Rätsel dar.
Erzähler
Die Damen hatten nämlich absichtlich deformierte Schädel. Offenbar waren ihnen schon im Kleinkindalter die Köpfe bandagiert worden, um die gewünschte Turmform zu erreichen. Vermutlich hatte es sich dabei um ein Schönheitsideal gehandelt, um eine Mode, die bei den Hunnen schon lange verbreitet war.
Erzählerin
Aber waren es tatsächlich Hunninnen, die da in frühmittelalterlichen bayerischen Gräbern lagen? Oder bayerische Frauen, die die Mode übernommen hatten?
Erzähler
Der Blick in die DNA brachte eine überraschende Antwort, sagt die Anthropologin Harbeck. Die Turmschädelfrauen hatten zwar keine zentralasiatische DNA, waren aber dennoch eingewandert.
ZSP 10 Harbeck Südosteuropa 0,21
Wir haben dann gesehen, mit europäischen Vergleichsdaten, dass diese Einwanderung aus diesem südosteuropäischen Raum stattgefunden hat. Und was wir eben auch erstaunlich fanden, dass die eben so ganz alleine so dastehen. Es gibt niemanden sonst, außer diesen Turmschädelfrauen, die diese Vorfahren teilen. Dieses Südosteuropäische, das haben nur diese Turmschädelfrauen.
Erzählerin
Genetisch am ähnlichsten sind sie heutigen Bulgarinnen und Rumäninnen. Obwohl kulturell offenbar gut assimiliert, dürften die Migrantinnen exotisch gewirkt haben. Denn diese Turmschädelfrauen hatten überwiegend braune Augen und schwarze Haare, während die meisten anderen Toten aus den bayerischen Gräbern blond und blauäugig waren.
Erzähler
Noch stehen die paläogenetischen Studien ganz am Anfang. Aber schon heute deutet sich an, dass Migration im Frühmittelalter keine Seltenheit war. Neben den Frauen vom Balkan fanden sich in den Gräbern auch zwei Frauen aus Süditalien und eine aus dem Ostseeraum.
TC 19:13 – Alles neu
MUSIK
Erzählerin
Neue Menschen, neue Siedlungen, neue Bestattungsplätze. Was sich Mitte des 6. Jahrhunderts im Voralpenland ereignet, sagt die Mittelalter-Historikerin Irmtraut Heitmeier, kann man - etwas zugespitzt - als eine Gründerzeit bezeichnen.
ZSP 11 Heit Gründerzeit 0,33
Man hat das Gefühl, es gibt einen neuen Plan vom Land. Also man hat eine Vorstellung von der Organisation, man legt neue Wege an und neue Siedlungen. Diese Siedlungen kriegen dann ja auch deutsche Namen, also germanisch, althochdeutsch damals. Und die machen den Eindruck, als wären sie fast planmäßig angelegt.
Erzähler
Dieser neue organisatorische Zugriff auf den Voralpenraum fällt zeitlich zusammen mit der Einrichtung des fränkischen Herzogtums. Um 530 zerschlagen die fränkischen Merowinger das Reich der Thüringer und stellen den Raum südlich der Donau unter ihre Oberhoheit. Daraufhin erschließt der Franken-Herzog mit seinen Leuten dann planmäßig das Land. Und die Siedlungen, sagt Irmtraut Heitmeier, bekommen neue Namen.
ZSP 12 Heit neue Namen 0,35
Ganz interessant ist: Dort, wo man merkt, dass alte Namen eigentlich noch hätten überliefert werden können, auch da kriegen die Siedlungen neue Namen. Das ist eigentlich das ganz Spannende. Und da hätte man jetzt vor ein paar Jahrzehnten eben noch gesagt: Ja klar, es waren halt lauter Leute, die Germanisch-Althochdeutsch gesprochen haben, ist ja klar, dass die dann solche Ortsnamen vergeben. Das ist sicherlich ein wichtiger Faktor, aber ein auch entscheidender Faktor ist wahrscheinlich, dass die Organisatoren wesentlich diese Sprache transportiert haben. Und für die Ortsnamengebung gesorgt haben.
Erzähler
Lange Zeit herrschte die Vorstellung, dass die verschiedenen Namentypen zeitlich geschichtet seien: Die ing-Orte als die ältesten, dann die -heim und die -dorf-Orte, und so weiter. Man hat in diesem Zusammenhang von Namen-Moden gesprochen. Irmtraut Heitmeier korrigiert diese Vorstellung. Sehr viele Namen existierten offenbar gleichzeitig. Aber sie weisen auf unterschiedliche Funktionen hin.
Erzählerin
So hat zum Beispiel eine der ältesten Namengruppen, die Ortsnamen auf -weichs oder -wihs, offenbar einen militärischen Hintergrund. Das ganze Land wurde überzogen mit einem groben Raster solcher Orte: Weichs kommt mehrfach vor, in jüngerer Zeit entstanden dann Zusätze wie bei Schwabelweis oder Tettenweis. Vermutlich handelte es sich bei solchen Weichs-Siedlungen um erste merowingische Militärniederlassungen.
Erzähler
Prägten in der Römerzeit noch einzelne Gutshöfe, sogenannte Villae rusticae, die Landschaft, so entstanden nun im Frühmittelalter neue Siedlungen, die eine ganz andere Funktionsweise und ein anderes Sozialgefüge aufwiesen.
ZSP 13 Heit heutige Siedlungslandschaft 0,35
Wenn man die ländliche Besiedlung mit den Dörfern, Weilern, Einzelhöfen sich vorstellt, die ist in dieser Zeit grundgelegt worden. Also da hat´s sicher dann später Siedlungsausbau gegeben, aber von der Struktur her, haben wir da das Frühmittelalter eigentlich vor Augen.
MUSIK
Erzähler
1500 Jahre bayerische Tradition! Nicht schlecht. Gilt er also doch, der selbstbewusste Satz: „Mia san mia – nämlich anders als die andern“?
Erzählerin
Vielleicht. Aber halt nicht immer gewesen, sondern erst geworden. Man könnte auch sagen: Wir selbst waren einst jene anderen, jene Flüchtlinge und Zugereisten, die dann langsam zum Wir geworden sind. Und weiterhin werden.
TC 23:13 – Outro
Warum ist das antike römische Weltreich untergegangen? Auf der Suche nach den Ursachen hat die Geschichtsschreibung einen schillernden Begriff gefunden: die Völkerwanderung. Demnach hätte ein Ansturm von "Barbaren" die Herrschaft des alten Rom beendet. Doch inzwischen ändert sich das Bild: Demnach löste der beginnende Zerfall des Reichs einen gewaltigen Zustrom von außen aus, über alle Grenzen von Germanien bis Arabien. Von Matthias Hennies (BR 2021)
Credits
Autor: Matthias Hennies
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Stefan Wilkening, Diana Gaul
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Ulrich Himmelmann, Prof. Mischa Meier, Dr. Corina Knipper, Prof. Roland Steinacher
Besonderer Linktipp der Redaktion:
SR: Interpretationssache – Der Musikpodcast
Jede Folge ein Musikstück aus Klassik oder Pop in verschiedenen Aufnahmen: Roland Kunz sucht nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten in den Interpretationen. Warum gefällt uns die eine Aufnahme und die andere nicht? Welche Freiheiten nehmen sich die Musikerinnen und Musiker, obwohl doch eigentlich die gleichen Noten zugrunde liegen? Diesen Fragen geht Roland Kunz im SR-Podcast nach. Denn Vieles ist eben „Interpretationssache“! ZUM PODCAST
Linktipps:
Bayerische Landesausstellung (2024): Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter
Ein Herrscher mit Schwert und Szepter, ein Heiliger, der einen wilden Bären zähmt … das ist nicht der Stoff für einen Hollywoodfilm, sondern pure bayerische Geschichte. Tassilo, Korbinian und der Bär entführen uns in der Bayerischen Landesausstellung 2024 ins frühe Mittelalter! Veranstalter sind das Haus der Bayerischen Geschichte und die Erzdiözese München und Freising. Zusätzlich zur Landesausstellung werden dem Publikum ausgewählte Prunkräume des Dombezirks über Führungen zugänglich gemacht. Die Ausstellung findet noch bis zum 3. November 2024 im Diözesanmuseum Freising statt. MEHR INFOS
ZDF (2023): Drei Irrtümer über die Völkerwanderung
Ende des 4. Jahrhunderts treiben die Hunnen Germanische Kriegerverbände ins Römische Reich. Der Beginn der "Völkerwanderung". Doch waren Germanen wirklich Feinde der Römer und unzivilisierte Barbaren? Und endete das Römische Reich 476 nach Christus? JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:35 – Horrorszenario Völkerwanderung
TC 05:30 – Das neue Bild einer Epoche
TC 07:57 – Römischer Einfluss
TC 11:17 – Archäologische Spurensuche
TC 15:23 – Der Kitt der Kontinuität
TC 21:33 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO & MUSIK
Sprecher
Wolkenlos wölbt sich der Himmel über den Weinbergen der Pfalz. Um die Sonne zu genießen, treffen sich die Einwohner von Bad Dürkheim nach Feierabend zwischen den Säulen der restaurierten Römervilla. Vor 2000 Jahren residierte hier der Besitzer eines riesigen Weinguts.
1. OT Himmelmann04 0:44
Hier den ganzen Hang hinunter waren Wirtschaftsgebäude, Weinkeltern, Scheunen usw., wir stehen hier nur vor dem Herrenhaus, dem Bad und den Repräsentationsräumen von einer sehr, sehr großen Anlage, die man sich vorstellen muss in den Dimensionen wie eine barocke Schlossanlage ungefähr.
Sprecher
Weinstöcke wachsen, wo einst die Nebengebäude standen, die Ulrich Himmelmann aufzählt, Leiter der Archäologie in der Region. Ein Gutshof von solchen Ausmaßen ist in der Pfalz heute unvorstellbar. Doch im Imperium Romanum gab es extreme Unterschiede zwischen reich und arm – und noch drastischer war das Wohlstandsgefälle zu den Menschen jenseits der Grenze, die weder Weinbau noch Steinbau kannten. Kein Wunder, dass sie eines Tages in Scharen ins Imperium drängten – manchmal friedlich und oft mit Feuer und Schwert.
2. OT Himmelmann04 3:16
Dieses Landgut ist hier in frührömischer Zeit bereits gegründet worden, läuft hier bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts durch als Landgut mit enormer Größe, und um die Mitte des 4. Jahrhunderts brennt das hier ab und dann ist es auch zu Ende.
Sprecher
Damit begann eine Zeit, die man in Deutschland „Völkerwanderung“ nannte. Doch Historiker sind nicht mehr einverstanden mit dem lange überlieferten Bild:
MUSIK
Zitatorin 1
Zahllose wilde Völker haben Besitz ergriffen von ganz Gallien. Das gesamte Gebiet zwischen den Alpen und Pyrenäen, zwischen dem Ozean und dem Rhein haben […] die Feinde […] zerstört. Mainz, einst eine berühmte Stadt, haben sie eingenommen und völlig zerstört, Worms musste eine lange Belagerung aushalten, bis es dem Untergang anheimfiel. Die mächtige Stadt Reims, ferner Amiens, Arras, Tournay, Speyer, Straßburg, alle diese Städte sind in den Besitz der Germanen übergegangen.
TC 02:35 – Horrorszenario Völkerwanderung
Sprecher
Der Kirchenlehrer Hieronymus malte die Ereignisse im Westen des Römischen Reiches später als Weltuntergang aus. Auch andere Geschichtsschreiber entwarfen das Horrorszenario furchtbarer, großflächiger Zerstörungen. Und so entstand das Bild der „Völkerwanderung“, das bis vor kurzem etwa so in den Geschichtsbüchern stand:
MUSIK
Zitatorin 2
Auslöser sind die aus Asien kommenden Hunnen, die nach Westen drängen und die anderen Völker vertreiben. Ursachen der Wanderungen sind aber auch die Zunahme der Bevölkerung und nicht zuletzt Kriegslust und Beutehunger. Vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer gerät ganz Europa in Aufruhr, weil die meisten Völker ihre Heimat verlassen, um neue Siedlungsgebiete zu erobern.
Sprecher
Ob Franken oder Alemannen, Goten oder Gepiden, alle durchbrachen demnach den Limes und zogen mit Hab und Gut, mit Weib und Kind ins Römische Reich. Aber so war es nicht. Dieses romantische und gewalttätige Narrativ, das lange auch der nationalistischen Propaganda diente, gehört in die Mottenkiste der Geschichte. Das belegen aktuelle Forschungen von Historikern, Naturwissenschaftlern und Archäologen - auch in der Pfalz.
ATMO
Sprecher
Bei der Ausgrabung der Dürkheimer Römervilla kamen eindeutige Brandspuren zu Tage. Aber die Archäologen haben an vielen Stellen der Weinbauregion, die auch damals dicht besiedelt war, gegraben. Dr. Himmelmann deutet auf die Hügel jenseits des Dürkheimer Bruchs:
3. OT Himmelmann04 7:28
Auf der anderen Seite der Haardtrand, wo die Burgruinen stehen, gegenüber auch gleich der Nachbar, die Villa in Wachenheim, die kann man von hier aus sehen.
Sprecher
Die Römervilla in Wachenheim gehörte ebenfalls zu einem Weingut – und sie wurde nie zerstört. Sie florierte noch ein ganzes Jahrhundert lang, nachdem der Besitz des Dürkheimer Nachbarn in Flammen aufgegangen war. Auch in Speyer, dem römischen Hauptort, stießen Himmelmann und seine Kollegen nicht auf Zerstörungsspuren: Skelette aus römischen Friedhöfen zeigen keine Kampfverletzungen, die Stadt ist nicht niedergebrannt. Um 350 begann eine unruhige Zeit, schließt der Archäologe, es kam zu Barbaren-Überfällen, römische Offiziere putschten, bunt gemischte Heerhaufen durchzogen das Land, doch sie richteten keine großflächigen Zerstörungen an, wie antike Autoren behaupteten.
4. OT Himmelmann04 9:22
Wir wissen, es gab Bürgerkriege, wir wissen, es gab lokale Unruhen, die aber offensichtlich nicht in allen Orten gleich verlaufen sein müssen. Es gibt auch kleinstädtische Siedlungen hier wie Eisenberg, wo wir ganz klar mächtige Zerstörungsschichten haben, da hat es große Brände gegeben und es gibt andere Orte, wo aber so etwas nicht feststellbar ist.
TC 05:30 – Das neue Bild einer Epoche
MUSIK
Sprecher
Das ist das neue Bild der Epoche, die 476 zur Absetzung des letzten weströmischen Kaisers führte. Die Weltmacht Rom ging nicht in einem abrupten Moment mit Donnergetöse unter – ihre Macht schwand nach und nach. In den Provinzen tauchten mehr und mehr Alemannen, Franken oder Goten auf, doch zugleich lief das gewohnte Leben für die Bürger weiter: In Speyer speiste das Aquädukt die Bäder noch lange mit Frischwasser, erzählt Himmelmann. Das alte Bild der „Völkerwanderung“ ist nicht mehr haltbar, erklärt Mischa Meier, Professor in Tübingen, denn dahinter steht ein Begriff von „Volk“ –
5. OT Meier 0:21
- der letztlich ein Konstrukt aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ist und nach all‘ dem, was wir heute wissen, hat es in der Antike und dem Frühmittelalter keine Völker in diesem romantischen Sinn gegeben, und das andere betrifft die Komponente Wanderung – da gibt es sehr klare Vorstellungen, die man sich früher von wandernden Völkern gemacht hat, und die sind mittlerweile auch wissenschaftlich nicht mehr tragbar.
Sprecher
Entscheidend ist das neue Verständnis der Gruppen, die seit dem Ende des vierten Jahrhunderts über alle Grenzen ins Reich strömten, betont der Historiker: Man kann sie nicht als einheitliche Ethnien bezeichnen. Forschungen der Migrationssoziologie und der Ethnologie zeigen, dass mobile Gruppen wie die Alemannen, Vandalen oder Hunnen der römischen Geschichtsschreiber nicht unbedingt gemeinsame Vorfahren oder eine lange gemeinsame Kulturtradition hatten. Klar ist nur: Sie fühlten sich zusammengehörig.
6. OT Meier 5:57
Sie haben also gemeinsam geglaubt, eine Gemeinschaft zu sein und haben zum Teil auch geglaubt, dass sie eine Abstammungsgemeinschaft sind und haben sich um diesen Glauben herum dann auch ihre eigenen Mythen und Geschichten gesponnen und entwickelt und später dann auch versucht, schriftlich festzuhalten und auf die Weise dann ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, das uns heute von außen betrachtet zunächst einmal wie eine ethnische Einheit dann auch vorkommt.
Sprecher
Auch ihre Namen gehen nicht auf sie selbst, sondern auf römische Schriftsteller zurück, die praktische Bezeichnungen für die heterogenen Gemeinschaften brauchten – in deren späteren, eigenen Aufzeichnungen blieben diese Namen dann oft erhalten.
TC 07:57 – Römischer Einfluss
MUSIK
Der Osten des Imperiums mit der gut befestigten Hauptstadt Konstantinopel überstand die Wirren relativ unbeschadet. Im Westen jedoch löste sich das römische Imperium in neue, kleinere Reiche auf – und das lag vermutlich nicht an der überwältigenden militärischen Übermacht, die die Grenzen durchbrach, wie man lange dachte. Jetzt meinen Historiker: Die Politik Roms spielte eine entscheidende Rolle, denn die Römer und ihre Nachbarn lebten nie in getrennten Welten. Eine „verflochtene Geschichte“, wie man heute in der Wissenschaft sagt, verband sie - schon seit dem 2. Jahrhundert. Mischa Meier hebt hervor:
7. OT Meier 17:30
Dass die Römer sehr aktiv Einfluss genommen haben auf die Geschehnisse im Barbaricum und dabei natürlich versucht haben, natürlich vor allem ihre Grenzen zu sichern, aber auch Kontakte zu knüpfen, Handelsverbindungen zu etablieren und in die inneren sozialen und politischen Verhältnisse der Gruppen, auf die sie getroffen sind, einzugreifen, nämlich zu ihren Gunsten.
Sprecher
Über Jahrhunderte war römische Kultur bei den „Barbaren“ ständig präsent: Anführer bekamen von den Kaisern hohe Summen, damit sie die Pufferzone vor der Grenze sicherten. Krieger brachten vom Dienst in den Legionen Geld und römische Lebensweise in ihre Heimat mit. Gesandte, aber auch viele Händler und Handwerker wechselten über die Grenzen. Diese Politik wirkte schließlich auf Rom zurück:
8. OT Meier
Aus kleineren Verbänden sind größere Zusammenschlüsse geworden, sie haben Identitätsbildungsprozesse durchlaufen, vor allem aber haben sie sich immer stärker auf das Römische Reich auch bezogen.
Sprecher
So entstanden größere Gemeinschaften, die als Franken und Alemannen, als Vandalen und Goten bekannt und bedrohlich wurden. Sie übernahmen römische Waffen, Moden, Denkweisen und erkannten im wohlhabenden Imperium mehr und mehr ein verlockendes Gelobtes Land. Beging die römische Politik also einen strategischen Fehler?
9. OT Meier 20:11
Die Römer hatten etablierte Prinzipien der Außenpolitik, die eben viele Jahrhunderte funktioniert haben, aber die eben Folgekosten mit sich brachten, die für die antiken Zeitgenossen nicht erkennbar waren, weil sie sich eben erst nach vielen Jahren und sehr, sehr schleichend materialisierten. Und gleichzeitig haben wir natürlich ein Wohlstandsgefälle zwischen dem Römischen Reich und den Regionen außerhalb des Reiches, und zwar ein sehr erhebliches Wohlstandsgefälle. Im Römischen Reich konnte man in einer Weise leben und Sicherheit genießen, wie es in kaum einem anderen Gebilde der Vormoderne möglich gewesen ist und natürlich hat das Begehrlichkeiten geweckt, ohne Zweifel.
Sprecher
Im 4. Jahrhundert geriet das Imperium in eine Schwächephase. Das Machtvakuum fiel mit einer Offensive hunnischer Reiterverbände zusammen, die von Osten nach Europa hereindrängten. Was die Ursache dafür war, möglicherweise Klimaveränderungen oder Seuchen in Zentralasien, ist umstritten. Die Folge waren zwei Jahrhunderte der Unrast: Goten flohen über die Donau nach Süden, Franken und Alemannen gingen über den Rhein nach Westen, Vandalen zogen durch Gallien nach Spanien, Langobarden nach Ungarn.
TC 11:17 – Archäologische Spurensuche
MUSIK
Ihre Routen durch Europa schildern antike und mittelalterliche Chroniken – doch die haben sich als notorisch unzuverlässig erwiesen. Forscher versuchen nun, die Wege der Kampf- und Siedlungsgemeinschaften im Labor, mit naturwissenschaftlichen Mitteln, zu rekonstruieren. Ihre wichtigste Quelle sind Skelettreste, die Archäologen in spätantiken Gräberfeldern bergen. Um zu ermitteln, ob die Menschen am Ort der Beisetzung geboren oder aber zugewandert sind, entnehmen sie Zähnen und Knochen winzige Mengen Proben und analysieren die Mischung der Isotope darin.
ATMO
Sprecher
Isotope sind Atome eines chemischen Elements, die eine unterschiedliche Masse haben. Das Praktische ist: Das jeweilige Mischung der verschiedenen Isotope ergibt einen chemischen Fingerabdruck des Elements, den man in Gesteinen, im Wasser oder in Pflanzen messen – und in menschlichen Knochen und Zähnen wiederfinden kann. Daraus schließen Forscher zum Beispiel, ob die Ernährung eines Individuums eher vegetarisch oder fleischhaltig war. Auch einige Pflanzenarten lassen sich erkennen: Hirse etwa, die ursprünglich in Zentralasien verbreitet war und zur Römerzeit vermehrt in Ungarn verzehrt wurde: Haben Zuwanderer sie vielleicht mitgebracht?
MUSIK
Migrationen versuchen Wissenschaftler vor allem aber anhand der vier Isotope des Strontiums zu ermitteln. Das Mischungsverhältnis der Strontium-Isotope im Gestein unterscheidet sich nämlich von Region zu Region. Da das Element durch die Verwitterung auch in den Boden, ins Wasser und letztlich in den Nahrungskreislauf gelangt, können Forscher das Isotopenverhältnis auch im menschlichen Körper bestimmen – und dann eine Beziehung zur Herkunftsregion eines Individuums herstellen.
10. OT Knipper 4.30
Das Schlüsselmaterial für die Untersuchung von Mobilität sind eigentlich die Zähne, genauer gesagt der Zahnschmelz, weil der schon in der Kindheit angelegt und nicht weiter verändert wird. D.h. wenn die Zähne im Laufe der Kindheit mineralisieren, wird das Strontium eingelagert und es verändert sich dann nicht mehr.
Sprecher
Dr. Corina Knipper, angestellt am renommierten Curt-Engelhorn-Centrum für Archäometrie in Mannheim, arbeitet in mehreren Projekten zur Geschichte der Langobarden, die in einer ersten Migration aus dem Elbe-Raum in die römische Provinz Pannonien im heutigen Ungarn gezogen sein sollen. In Kooperation mit ungarischen Kollegen hat Knipper mit ihren Mitarbeitern daher Proben von 550 Individuen aus ungarischen Gräberfeldern analysiert.
11. OT Knipper 11:28
Innerhalb dieses Projektes haben wir auch eine so genannte Isotopen-Kartierung durchgeführt. Eine Mitarbeiterin aus den Geo-Wissenschaften hat ganz systematisch Pflanzen- und Wasserproben gesammelt und hat da die Strontium-Isotopen-Verhältnisse bestimmt und hat dann daraus versucht, Regionen mit unterschiedlicher Isotopen-Zusammensetzung abzuleiten.
Sprecher
Doch die Methode stieß an ihre Grenzen: Sogar auf kleinem Raum erwies sich die Isotopen-Mischung als uneinheitlich. Umgekehrt fanden sich in weit voneinander entfernten Regionen dieselben Werte: Folglich ließen sich die Toten nicht eindeutig einer Herkunftsregion zuordnen. Man konnte nur unterschiedliche Personengruppen auf den Gräberfeldern benennen.
12. OT Knipper 13:56
Die Stärke der Methode liegt darin, dass man überhaupt ortsfremde Personen erkennt beziehungsweise ganz streng muss man eigentlich sagen, dass man Personen erkennt, die während ihrer Kindheit Nahrung aus einer anderen Region konsumiert haben.
TC 15:23 – Der Kitt der Kontinuität
Sprecher
Wie man sich die Kampf-Gemeinschaften vorstellen kann, die in den unruhigen Jahrhunderten durch das Römische Reich zogen, stellt der Historiker Mischa Meier in einer Reihe von Idealtypen dar:
13. OT Meier 2:49
Es gibt zum Beispiel kleine, schlagkräftige Kriegergruppen, die sich um einen charismatischen Anführer scharen und dann immer wieder Einfälle ins Römische Reich vorgenommen haben, das wären etwa die frühen Franken gewesen oder die frühen Alemannen oder Sachsen -
Sprecher
- denen es wohl vor allem um die Reichtümer der Römer ging. Andere waren auf der Suche nach einer neuen Heimat: Die gotischen Flüchtlinge etwa, die von hunnischen Reiterverbänden über die Donau gedrängt wurden. Auch ganze Armeen waren unterwegs -
14. OT Meier
Armeen allerdings im antiken Sinn, das heißt immer auch von einem großen zivilen Tross begleitet, von Frauen und Kindern, von Händlern und allen möglichen anderen Personen -
Sprecher
- und schließlich zählt Meier halb-nomadische arabische Gruppen auf, denn nicht nur an Rhein und Donau, auch in Syrien oder in Nordafrika mussten die Legionen den Limes aufgeben. Doch nicht alle Gruppen, die über die Grenzen strömten, wollten sich im Imperium ansiedeln, betont Meier, viele wurden einfach hineingezogen, nicht zuletzt von der römischen Politik selbst.
MUSIK
Zitatorin 4 (Üs 1908)
Kaiser Theodosius […] machte König Athanarich Geschenke, schloss eine Allianz mit ihm. […] Nach Athanarichs Tod blieb seine Armee in den Diensten des Kaisers, unterwarf sich der römischen Herrschaft und fügte sich in die kaiserlichen Truppen ein, als wäre sie eins mit ihnen.
Sprecher
Berichtete später der Geschichtsschreiber Jordanes. Kriegsdienst gegen römisches Land – bis dahin ein unerhörtes Tauschgeschäft. Der Grund ist offensichtlich:
15. OT Steinacher 14:29
Foederaten, unter Vertrag stehende, von außen kommende Soldaten, die kein römisches Bürgerrecht haben, die sind natürlich deutlich billiger zu haben als römische Bürger.
Sprecher
Der Kaiser konnte nicht mehr genug römische Legionäre besolden – das war ein entscheidender Faktor für den unaufhaltsamen Niedergang des Imperiums, betont der Historiker Roland Steinacher, Professor in Innsbruck. Zudem war auch die ideologische Basis des Imperium Romanum gründlich erschüttert worden: Dass sich mit dem Christentum eine völlig neue Form der Religion in der Bevölkerung verbreitete hatte und im 4. Jahrhundert auch im Staat etabliert worden war, trug ebenfalls zur Instabilität bei.
16. OT Steinacher 27:04
Der tiefe Wandel von Mentalitäten und ideologischen Strukturen, der Schritt zum Christentum, der eine mittelmeerische Gesellschaft fundamental verändert hat.
MUSIK
Sprecher
Und so vermischten sich die beiden Sphären, die einst der Limes getrennt hatte, immer stärker: Mal kämpften Legionäre mit hunnischen Einheiten gegen Franken, mal mit gotischen Abteilungen gegen Hunnen und in Bürgerkriegen mit diesen oder jenen gegen Römer. Oberbefehlshaber wurden Männer wie Stilicho, der von Vandalen abstammte oder Aetius, der lange am Hof der Hunnen gelebt hatte. Der gotische Warlord Alarich führte erst Truppen des Kaisers, dann plünderte er Rom, die frühere „Beherrscherin der Welt“. Vandalen, Goten, Franken gründeten dann in Italien, Spanien und Nordafrika, in Teilen Galliens und Germaniens neue, kleinere Reiche, die leichter zu verteidigen waren als das riesige, heterogene Gebilde, das Rom einst kontrolliert hatte.
17. OT Steinacher 16:45
Stellen Sie sich mal vor die Grenzen zwischen Britannien und dem Euphrat: Das zu kontrollieren und auch mit einem entsprechenden ideologischen Unterfutter zu versorgen, ist natürlich weitaus schwieriger als einen Teil, ein Bündel von Provinzen wie zum Beispiel Nordafrika oder Gallien oder Italien als partikularen politischen Apparat zu organisieren.
Sprecher
Doch das Imperium verschwand auch dort nicht: Römische Kultur erwies sich als der Kitt der Kontinuität, der Antike und Mittelalter verband.
18. OT Steinacher 22:10
Im Westen entwickelt sich ja auch eine letztlich kontinuierliche antike Struktur, denken Sie daran, eine kontinuierliche katholische Kirche, die die lateinische Sprache als Sprache des Gottesdienst, der Liturgie wie aber auch der Bildung, der Überlieferung, weiterverwendet, die Kirche ist die spätantike bürokratische Struktur, die kontinuierlich fortbesteht.
MUSIK
Sprecher
Die Übergangsphase – früher „Völkerwanderung“ genannt - zog sich vom 4. bis ins 6. Jahrhundert hin. Manche Historiker zählen auch die arabische Expansion im 7. Jahrhundert noch dazu und sprechen erst danach von der neuen Epoche, dem Mittelalter.
ATMO
Sprecher
Der Untergang des weströmischen Reiches zog sich so lange hin, für Zeitgenossen kann er kein radikaler Einschnitt gewesen sein. Wenn man als Handwerker in Speyer lebte oder in der Pfalz Wein anbaute, änderte sich nicht viel. Der Archäologe Ulrich Himmelmann meint:
19. OT Himmelmann04 19:28
Dass die Menschen diesen Bruch nicht so wahrgenommen haben, ach Gott, jetzt ist das Römische Reich weg, sondern dass für die Menschen das Römische Reich eigentlich der Staat war, in dem sie lebten und dass das Römische Reich eigentlich fortbestand und jetzt gerade in ner Krise war und eben lokale Autoritäten dieses Machtvakuum füllten und dass Karl der Große sich um 800 genau auf diese Tradition beruft, entspringt sicherlich aus dem noch vorhandenen Gefühl dafür, dass es da einen Staat gab, der halt gerade renoviert werden muss.
TC 21:33 – Outro
"Der Sozialismus ... hat unwiderruflich gesiegt", sagte die 61jährige Margot Honecker noch im Juni 1989 im Palast der Republik. Wenige Wochen später begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR. Die Ära Honecker ging zu Ende und mit ihr der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Mehr als zwei Jahrzehnte prägten die Honeckers den sogenannten Staatssozialismus der DDR. Dabei verloren sie zunehmend den Kontakt zum Volk und verweigerten sich der Reformpolitik von Michail Gorbatschow. Im Winter 1989 wurden sie zum Rücktritt gezwungen. Von Renate Eichmeier (BR 2019)
Credits
Autorin: Renate Eichmeier
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Peter Lersch
Technik: Lydia Schön-Krimmer
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Stefan Wolle
Anmerkung der Redaktion:
Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER.
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959
Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST
Linktipps:
ARD History (2009): Besuch bei Margot Honecker
Spurensuche in Chile: Seit 1992 lebt hier Margot Honecker im Exil. Die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker war einst die mächtigste Politikerin der DDR - heute wohnt sie zurückgezogen in einem Haus im noblen Vorort von Santiago, verschanzt hinter hohen Mauern. Was denkt die heute 82-Jährige über die DDR und den Fall der Mauer? NDR-Autorin Christine Adelhardt hat Freunde und Weggefährten besucht und versucht, mit Margot Honecker ins Gespräch zu kommen. Ihre Erkenntnis: Auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR findet sich bei ihr keine Einsicht. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2017): Wo die DDR-Elite wohnte
In der DDR-Siedlung Wandlitz lebte die politische DDR-Elite, abgeschottet vom Rest des Volkes. Kaum einer durfte hier rein – und so hielten sich beständig Gerüchte von Luxuspalästen und goldenen Wasserhähnen. Nun ist die DDR-Elitesiedlung unter Denkmalschutz gestellt worden. Zum Beitrag geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 06:04 - Erich
TC 09:14 - Margot
TC 11:06 – Außereheliche Pfade
TC 14:03 - Kronprinz der DDR
TC 18:04 – Die Honecker-Ära
TC 23:20 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
MUSIK
SPRECHER:
Margot habe ihn fasziniert, weil sie ein hübsches junges Mädel war, sagte Erich Honecker einmal in einem Interview. Und weil sie sehr aktiv war in der kommunistischen Bewegung.
SPRECHERIN:
Und Margot Honecker meinte rückblickend, Erich habe ihr gefallen, weil er ein guter Kamerad war, er sei sehr spontan und liebevoll gewesen.
ERZÄHLERIN:
Erich und Margot Honecker lernten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Halle an der Saale kennen. Der Faschismus war besiegt. Europa lag in Trümmern. Erich und Margot stürzten sich euphorisch in die kommunistische Jugendarbeit, wollten dabei sein beim Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft unter der Direktive der mächtigen Sowjetunion und ihres "großen Führers" Stalin. Über ihre politische Arbeit kamen sich die beiden näher. Erich Honecker war Vorsitzender der FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Margot war dort ebenfalls Funktionärin und trat bei der Gründung der DDR im Oktober 1949 zum ersten Mal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Fotos zeigen die 22-Jährige glücklich strahlend neben dem Spitzenkommunisten Wilhelm Pieck, den sie im Namen der Jugend einen Blumenstrauß überreichte und ihm zu seiner Wahl zum ersten Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik gratulierte.
MUSIK
Vier Jahrzehnte später hatte sich das Szenario grundlegend geändert. Erich und Margot Honecker, mittlerweile ins Machtzentrum der sozialistischen DDR aufgestiegen, standen an ihrem politischen Ende. Der Historiker und wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums in Berlin Dr. Stefan Wolle:
O1 WOLLE 14''
Insgesamt war ja das gesamte kommunistische Lager, das Herrschaftssystem der Sowjetunion war ja vollkommen brüchig geworden, und es war bloß die Frage eigentlich, kann man im Nachhinein sagen, in welcher Form es zusammenbricht.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
6. und 7. Oktober 1989: Die Führungselite der DDR feierte den 40. Jahrestag der sozialistischen Staatsgründung. Auf dem Alexanderplatz riefen tausende Demonstranten: "Gorbi! Gorbi, hilf uns! Gorbi, hilf uns!" Gemeint war damit der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow, der als Ehrengast zu den Feierlichkeiten in Ostberlin eingeladen war. Die innenpolitische Lage der DDR war angespannt. Das sozialistische Machtsystem unter dem 77-jährigen Erich Honecker wankte. Seit Wochen flohen DDR-Bürger und Bürgerinnen über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Nicht nur in Ostberlin, auch in Leipzig, Halle und anderen ostdeutschen Städten kam es zu Protesten.
Zusp.: O-Ton Erich Honecker - W0328587
Den Sozialismus – so sagt man bei uns immer – in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.
ERZÄHLERIN:
Hatte Erich Honecker noch im August 1989 gesagt.
SPRECHERIN:
Und Margot hatte verkündet, dass der Sozialismus (…) unwiderruflich gesiegt habe und es niemandem gelingen werde, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.
ERZÄHLERIN:
Das war Mitte Juni 1989, als unter ihrer Leitung im Palast der Republik der IX. Pädagogische Kongress der DDR stattfand. Als Ministerin für Volksbildung hatte sie ihn von langer Hand vorbereiten lassen – mit dem Ziel, öffentlich die Errungenschaften der sozialistischen Bildungspolitik zu demonstrieren. Fast zeitgleich war der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow auf Staatsbesuch in Westdeutschland. "Gorbi! Gorbi! Gorbi!" skandierten auch dort Tausende.
Die Reformpolitik von Gorbatschow nährte die Hoffnung auf eine Öffnung des sozialistischen Ostblockes, auf ein Ende des jahrzehntealten Ost-West-Konfliktes
MUSIK
…In Westdeutschland als Politstar gefeiert, von der ostdeutschen Bevölkerung als Reformer begrüßt, begegnete ihm die sozialistische Führungsriege der DDR unter Erich Honecker mit Ablehnung. Mit starrem Gesicht hatte Margot Honecker auf dem Pädagogischen Kongress im Palast der Republik verkündet, dass –
SPRECHERIN:
mancher, der das weit von sich weisen würde, sich mit den Gegnern des Sozialismus zusammengetan habe. Und sie verstieg sich zu der Forderung, dass unsere Zeit eine Jugend brauche, die kämpfen könne, die den Sozialismus stärken helfe, die für ihn eintrete und ihn verteidige mit Wort und Tat und, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand.
ERZÄHLERIN:
Wenige Wochen nach der skurrilen Rede von Margot Honecker begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR und leitete das Ende der Ära Honecker und das Ende des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden ein. Lange Jahre hatten Erich und Margot Honecker den sogenannten Staatssozialismus der DDR geprägt: mit zunehmender Härte und wachsendem politischem Starrsinn. Erich Honecker war als Staats- und Parteichef zum mächtigsten Mann des DDR-Regimes aufgestiegen. Die 15 Jahre jüngere Margot setzte ab 1963 als Ministerin für Volksbildung innovative Konzepte wie polytechnische Bildung und Ganztagsbetreuung durch, aber auch umstrittene Maßnahmen wie den Wehrkundeunterricht.
MUSIK
SPRECHERIN
Der beste Freund des deutschen Volkes solle leben, der Freund aller jungen Menschen, der große Stalin.
TC 06:04 - Erich
ERZÄHLERIN
Aufnahmen Anfang der 1950er Jahre zeigen die junge Margot Feist bei FDJ-Veranstaltungen: Sie ist Anfang 20, ein hübscher Lockenkopf in blauer FDJ-Uniform, eine strahlende Sozialistin, eine mitreißende Rednerin, eine, der man glaubt, was sie sagt. Nicht selten ist neben ihr Erich Honecker zu sehen, ein gutaussehender Mann, Mitte 30, ebenfalls in FDJ Uniform, ebenfalls einer, der Begeisterung für den Sozialismus ausstrahlt.
MUSIK
Erich und Margot stammten aus Arbeiterfamilien, waren in kommunistischen Elternhäusern groß geworden und hatten den Terror der NS-Zeit am eigenen Leib erfahren. Margots Vater war jahrelang in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt. Erich Honecker schmuggelte kommunistisches Propagandamaterial nach Nazideutschland, bis er 1935 von der Gestapo verhaftet wurde. Er war 23 Jahre alt und verbrachte 10 Jahre im Gefängnis, die meiste Zeit davon im Zuchthaus Brandenburg. 1945 war der Krieg zu Ende, die Nazis besiegt, viele Städte zerstört, Millionen Menschen ermordet ... Erich Honecker war 32 Jahre alt, als russische Soldaten der Roten Armee ihn befreiten.
O2 Wolle 19''
Er hat sich dann nach Berlin begeben, wo die ersten kommunistischen Emissäre aus Moskau angekommen waren und hat sich denen zur Verfügung gestellt. Und die waren da sehr glücklich, da einen relativ jungen Mann zu bekommen mit Erfahrung in der Jugendarbeit. Und er hat dann sehr schnell die Leitung der Freien Deutschen Jugend übernommen.
ERZÄHLERIN
So der Historiker und DDR Spezialist Stefan Wolle. Trotz der langen Jahre im Gefängnis konnte Erich Honecker Erfahrungen in der kommunistischen Funktionärsarbeit vorweisen. 1912 im Saarland geboren, war er bereits als Kind in einer kommunistische Kindergruppe, wechselte später in die Jugendorganisation der kommunistischen Partei KPD, übernahm organisatorische Aufgaben und stieg schnell in Funktionen von überregionaler Bedeutung auf. Er fing zwar eine Dachdeckerlehre an, brach diese aber ab, als er 1930 als vielversprechender Nachwuchskader auf die Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale in Moskau geschickt wurde. Erich Honecker war also bestens geeignet für den Posten der FDJ Leitung.
O3 Wolle 42''
Die Freie Deutsche Jugend war nicht von Anfang an eine kommunistische Organisation, sondern sie legte großen Wert auf ihre angebliche – muss man jetzt mal sagen – angebliche Überparteilichkeit, das heißt, in dem Leitungsgremium der FDJ, dem Zentralvorstand, waren auch Sozialdemokraten anfangs und einige bürgerliche und christliche Politiker. Aber die Kommunisten hatten natürlich alles in der Hand. Und da war Erich Honecker von Anfang an ein getreuer Erfüllungsgehilfe der Weisungen der Partei, und hat das auch von Anfang an alles da durchgepeitscht, was die SED, also erst die Kommunistische Partei, dann die zur SED zusammengeschlossene Führungspartei, angeordnet hat.
TC 09:14 - Margot
MUSIK
SPRECHERIN:
Ihre Mutter habe immer gesagt, Kommunisten seien die besseren Menschen, erzählte Margot Honecker später.
ERZÄHLERIN:
Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Margot vier Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von Armut und Angst: Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, Verhaftungen des Vaters, Druck auf die Mutter.
SPRECHERIN:
Zu einer Überzeugung, zu einer Sache müsse man stehen, ob das zur Familie sei, ob das zu unserer, der kommunistischen Sache sei, das habe ihre Mutter gesagt –
so Margot Honecker später in einem Interview. Vor allen Dingen dürfe man sich nicht kleinkriegen lassen.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Als ihre Mutter an einer versuchten Abtreibung starb, war Margot 13. Sie übernahm den Haushalt, kümmerte sich um ihren jüngeren Bruder und unterstützte trotz ihrer Jugend die illegale Arbeit der KPD. Mit dem Ende von Naziterror und Krieg begann für die 18-jährige Margot 1945 eine Zeit der euphorischen politischen Arbeit. Ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, gab sie auf Drängen der Partei auf. Sie konzentrierte sich auf ihre Funktionärskarriere und stieg in der FDJ zielstrebig zur Vorsitzenden der Kinderorganisation "Junge Pioniere" auf. Die Genossen beschrieben Margot als lebendig, freundlich, kameradschaftlich, als ein attraktives Mädchen mit großer Ausstrahlung – das auch dem gutaussehenden FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker auffiel, der in der Aufbruchsstimmung jener Jahre durchaus charmant und eloquent sein konnte. Im Dezember 1949 reisten Erich und Margot als FDJ-Repräsentanten gemeinsam mit einer Delegation nach Moskau zur Feier von Stalins 70. Geburtstag.
TC 11:06 – Außereheliche Pfade
MUSIK
SPRECHER:
Das sei natürlich für sie beide ein großes Erlebnis gewesen, erinnerte sich Erich Honecker später: Festveranstaltung im Bolschoitheater, Stalin und Mao Tse Tung auf der Bühne, später dann die Geburtstagsfeier im Kreml. Eine große Gemeinschaft sei das gewesen. Alle hätten auf das Wohl Stalins getrunken, auf weitere Erfolge der kommunistischen Weltbewegung.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Irgendwann in dieser Zeit kamen sich Margot Feist und Erich Honecker näher: begeistert von Stalin, gehorsam gegenüber der Partei, klassen- und karrierebewusst. Doch als Erich die Affäre mit Margot begann, war er bereits verheiratet: mit Edith Baumann, seiner Stellvertreterin im FDJ Vorstand.
O4 WOLLE 39''
Das war das große Problem, denn das war nicht üblich in den Führungszirkeln der SED, dass man da irgendwie auf außerehelichen Pfaden wandelte. Das war strengstens untersagt. Die Partei war damals noch sehr puritanisch und sehr auf – ja, was sie selbst Moral, Sitte und Anstand nannten – ausgerichtet und es bedurfte dann einer speziellen, ja fast, Erlaubnis von Walter Ulbricht, dass sich hat Erich Honecker scheiden lassen und hat dann eben Margot Honecker geheiratet. Da gab es auch schon ein Baby.
ERZÄHLERIN:
Walter Ulbricht war Chef der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, bei der alle Macht in der DDR lag. Unter dem Druck der Sowjets war er dafür verantwortlich, Partei und Gesellschaft der neu gegründeten DDR auf stalinistischen Kurs zu bringen und weltanschauliche Abweichungen in allen Lebensbereichen auszuschalten. Für die Affäre seines FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker zeigte er wenig Verständnis. Er stellte sich auf die Seite von Erichs Frau Edith Baumann, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatte. Mitglieder der FDJ schilderten, wie Erich Honeckers Führungsstil sich in dieser Zeit veränderte: Er wurde zunehmend verschlossen und autoritär, ließ sich auf keine Diskussionen mehr ein und berief sich im Zweifelsfall auf Walter Ulbricht und das Politbüro. Im privaten Bereich wagte er aber, sich gegen die Partei zu stellen, und entschied sich für Margot. Bis die beiden heiraten konnten, sollten allerdings einige Jahre vergehen.
O5 WOLLE 32''
Das Pärchen Margot und Erich haben das dann auch gegen alle Widerstände durchgesetzt, und er wäre wohl auch bereit gewesen, zugunsten seiner geliebten Margot auf seine politische Karriere zu verzichten. Das war wirklich was Besonderes: Er hat es riskiert. Andere sind über solche Sachen wirklich gestolpert und von der Karriereleiter runtergefallen. Honecker nicht so.
TC 14:03 - Kronprinz der DDR
ERZÄHLERIN:
Als überzeugter Stalinist wurde er 1950 Mitglied im Zentralkomitee, dem obersten Gremium der SED. Der Kreml drängte auf eine Umsetzung von Stalins Richtlinien: Enteignung und Kollektivierung sollten forciert werden, ebenso der Aufbau von Produktionsgenossenschaften, die Ausschaltung politischer Gegner … Gemeinsam mit Margot verstärkte Erich Honecker den Kampf der FDJ gegen kirchliche Jugendgruppen. Die Unruhe in der Bevölkerung nahm zu. Es kam zu Versorgungsengpässen. Viele flüchteten in den Westen. Am 17. Juni 1953 kam es in Ostberlin und anderen Städten der DDR zu Protesten, die von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurden. Da tausende FDJ-Mitglieder die Demonstrationen unterstützt hatten, gerieten Erich Honecker und Margot Feist als führende FDJ-Funktionäre in die Kritik. Beide waren auf einem Tiefpunkt ihrer Karriere. Obwohl Erich immer noch nicht geschieden war, lebten sie bereits zusammen. 1952 hatte Margot die gemeinsame Tochter Sonja bekommen. Politisch geschwächt und mit einem immer noch ungeordneten Privatleben mussten die beiden sich die Maßregelungen der Partei gefallen lassen. Margot musste eine einjährige Trennung von ihrer kleinen Tochter in Kauf nehmen.
SPRECHER:
Aufgrund von Intrigen, die er nicht habe verhindern können, so Erich Honecker, sei Margot per Parteibeschluss 1953 für ein Jahr auf die Jugendhochschule in Moskau geschickt worden.
ERZÄHLERIN
Es sollte einige Jahre dauern, bis die Karriere der Honeckers wieder ins Laufen kam. Nach Erichs Scheidung konnten die beiden endlich heiraten.
Und als Margot 1954 aus Moskau zurückkam, durfte sie ihre Tätigkeit bei der FDJ zwar nicht mehr aufnehmen. Nach einigem Hin und Her bekam sie aber die Leitung der Lehrerbildung im Ministerium für Volksbildung übertragen – und nutzte die Chance: Sie arbeitete sich schnell ein, suchte sich politisch verlässliche Mitarbeiter und baute ihre Macht aus. 1958 wurde sie stellvertretende Ministerin für Volksbildung – und Erich Honecker der verantwortliche Sekretär für Sicherheit.
O6 WOLLE 45''
Das ist eine ganz wichtige und zentrale Position gewesen, etwas im Hintergrund. Er war nicht mehr so exponiert wie als FDJ-Chef und war dann eben auch wirklich im Politbüro, das heißt im Kreis der ganz mächtigen Leute, als so eine Art Schildknappe von Walter Ulbricht – muss man schon sagen. Er hat auch Walter Ulbricht die Treue gehalten, als die Position des Generalsekretärs zur Disposition stand zweimal 1953 und 1956. Da wäre Ulbricht also fast gestürzt worden, aber Erich Honecker hat ihm bis dahin immer treu zur Seite gestanden, ist dafür gewissermaßen auch belohnt worden und hat dann die folgenden Jahre als eine Art Kronprinz im Hintergrund agiert.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Anfangs lebten die Honeckers noch in Berlin Pankow, umgeben von Nachbarn und Freunden, mit denen sie mal Skat spielen oder ein Bier trinken konnten. 1960 mussten sie wie alle Mitglieder des Politbüros in die neu gebaute Siedlung Wandlitz umziehen. Das Gelände lag in der Nähe von Bernau etwa 40 Fahrminuten nördlich von Berlin, umgeben von einer Mauer, bewacht vom Ministerium für Staatssicherheit, ausgestattet mit einigem Komfort: Klubhaus, Schwimmbad, Hauspersonal, einem Laden mit hochwertigen Westprodukten und Waren, an denen es in der DDR mangelte wie frisches Obst und Gemüse.
Wandlitz sollte der Sicherheit des sozialistischen Führungskaders dienen, bedeutete aber auch eine Überwachung des Privatlebens, jedes Kommen und Verlassen der Siedlung, jeder Besuch wurde registriert.
TC 18:04 – Die Honecker-Ära
Die Proteste von 1953, die Unruhen in Ungarn 1956, die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme der DDR, die weiterhin massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland … 1961 fiel der Beschluss, die Grenzen nach Westen zu schließen – mit einem sogenannten "antifaschistischen Schutzwall", der Berliner Mauer. Als Sicherheitssekretär konnte Erich Honecker sich nun als politischer Hardliner profilieren: Er plante und organisierte den Mauerbau und befürwortete den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. Die Karriere der Honeckers ging steil nach oben. Beide wussten sich in den Machtkämpfen innerhalb der SED durchzusetzen. 1963 wurde Margot "Genossin Minister für Volksbildung" – wie es im DDR Jargon hieß.
O7 WOLLE 33''
Das war also nicht unbedingt jetzt eine Folge der hohen Positionen, die ihr Mann hatte. Das war durchaus eine eigenständige politische Karriere, die sie da eingenommen hat seit 1963, war ein Teil einer sehr entschiedenen Modernisierung der Volksbildung, hatte zwar formal nicht die entsprechende Qualifikation: Sie hatte ja bloß die Volksschule besucht. Aber das machte in der DDR nichts. Wenn man die rechte politische Einstellung hatte, da konnte man über formale Qualifikationen sich hinwegsetzen.
ERZÄHLERIN:
Als Margot Honecker das Ministeramt übernahm, war sie Mitte 30 und brachte mit ihrem lockeren und angenehmen Führungsstil aus der Jugendarbeit frischen Wind ins Ministerium. Sie arbeitete intensiv und war kompetent. Unter ihrer Leitung wurde das Konzept der polytechnischen Bildung umgesetzt, ausgerichtet auf naturwissenschaftliche und technische Fächer, kombiniert mit einer Ausbildung. Währenddessen baute Erich Honecker seine Machtbasis aus und putschte sich mit sowjetischer Unterstützung 1971 an die Macht. Er zwang Walter Ulbricht zum Rücktritt, übernahm selbst zuerst die Funktion des Parteichefs, später dann auch die des Staatschefs.
O8 WOLLE 41''
Er hatte also alle Zügel der Macht in der Hand. Und die Jahre von 71 bis 89, die kann man mit Fug und Recht sozusagen als die Honecker-Ära bezeichnen, die bestimmte Charakteristika aufweist. Da ist zunächst zu nennen, eine noch engere Anschließung an die Sowjetunion, eine Wirtschaftspolitik, die sehr regressiv war. In dem Sinne, dass die mittelständischen Unternehmen, die es noch gegeben hat in der DDR und die auch noch eine große Rolle gespielt haben, eine positive Rolle. Die wurden ohne Not verstaatlicht, ziemlich gewaltsam, und mit sehr negativen Folgen für die ökonomische Situation der DDR.
ERZÄHLERIN:
Warum Erich Honecker das getan hat, ist umstritten. Er wollte wohl die Reste des kapitalistischen Systems beseitigen, während er gleichzeitig für soziale Verbesserungen sorgte, die allerdings nicht gegenfinanziert waren: höhere Löhne, höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten. Ein kleiner kulturpolitischer Frühling endete 1976 mit der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann und zerschlug die Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Öffnung der DDR. Während in allen Bereichen Mangelwirtschaft herrschte, lebte die Führungselite abgeschottet in Wandlitz, politisch starrsinnig, misstrauisch gegenüber der eigenen Bevölkerung, misstrauisch auch einander gegenüber. Private Kontakte zwischen den Politbüromitgliedern gab es kaum. Die Staatssicherheit überwachte zeitweise sogar Margot Honecker. Es gab Gerüchte über Affären. Die Ehe der Honeckers kriselte, aber politisch waren sie sich immer einig. Die Reformpolitik von Michail Gorbatschow, der seit 1985 sowjetischer Parteichef war, lehnten beide ab, politisch und emotional immer noch Stalin verbunden, blind für dessen Verbrechen, blind auch für die Realität im eigenen Land. Margots Ministerium für Volksbildung entwickelte sich zu einer Hochburg der Reformverweigerer, während die Bevölkerung der DDR mit zunehmender Lautstärke protestierte. Der Historiker Stefan Wolle:
O9 WOLLE 21''
1989, als dann Gorbatschow hier in Berlin auftauchte und die sinnreichen Worte sprach: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – hat er so nicht gesagt, aber es ist so sprichwörtlich geworden in der falschen Übersetzung, die dann verbreitet wurde. Das war sozusagen das Todesurteil für das Honecker-System.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Am 17. Oktober 1989 trat Erich Honecker zurück, einige Tage später seine Frau Margot. Die beiden verbrachten ihr Lebensende in Santiago de Chile. Erich Honecker starb 1994, seine Frau Margot 2016.
(Version mit Zusp.:) O-Ton Margot Honecker W0394272
"Ich bin auch immer mehr der Meinung, dass wir da ein Korn in die Erde gelegt haben, da wird der Samen aufgehen. Es war nicht umsonst, dass die DDR existiert hat."
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Bis zum Schluss vertrat Margot Honecker in seltenen Interviews immer wieder die Meinung, dass der Sozialismus wiederkomme.
TC 23:20 – Outro
Unmittelbar nach dem Mauerbau im August 1961 errichteten die Westalliierten in der Friedrichstraße eine Grenzübergangsstelle. Der Checkpoint Charlie sollte fast drei Jahrzehnte lang den Ostteil Berlins mit dem Westen verbinden und den Transfer der Alliierten ermöglichen. Bereits im Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie US-amerikanische und sowjetische Kampfpanzer gegenüber. Nie war die globale Systemkonfrontation anschaulicher als in jenen Tagen der Panzerkonfrontation. Der Checkpoint Charlie war über Nacht zu einer globalen Ikone des Kalten Kriegs geworden. Von Thomas Grasberger (BR 2023)
Credits
Autor: Thomas Grasberger
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Christian Jungwirth, Verena Fiebiger, Peter Weiß
Technik: Ruth-Maria Ostermann
Redaktion: Matthias Eggert
Im Interview: Hanno Hochmuth
Anmerkung der Redaktion:
Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER.
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959
Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST
Linktipps:
ARD: Mauerbau – Konfrontation am Checkpoint Charlie 1961
Zahlreiche historische Clips zeigen die angespannte Situation an der innerdeutschen Grenzen rund um den Checkpoint Charlie.
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ZDF (2011): „Checkpoint Charlie: Ich zog die Linie“
Hagen Koch, damals beim Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski, über seine Inspektion des Grenzverlaufs im Vorfeld des Berliner Mauerbaus. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:18 – Ein Nadelöhr im Kalten Krieg
TC 05:32 – Die Panzerkonfrontation
TC 10:15 - Grenzgänger
TC 12:51 – Schauplatz der Angst, Flucht & Tod
TC 15:44 – Zwischen Kommerz und Gedenken
TC 22:07 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Erzähler:
Am 13. August 1961, nachts gegen ein Uhr, beginnen die Soldaten, Volkspolizisten und Betriebskampfgruppen der DDR ihr Werk. Die gesamte Grenze zwischen Ost- und West-Berlin wird praktisch lückenlos abgeriegelt. Ebenso die zwischen West-Berlin und der DDR.
ZSP: Walter Ulbricht
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!
Erzählerin:
Allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz hat der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht schon seit längerem die Absicht, eine Mauer zu bauen. Denn seinem sozialistischen Staat laufen scharenweise die Leute davon, nicht zuletzt Fachkräfte und Eliten. Eine bedrohliche Situation für die junge DDR. Ulbricht bedrängt daher den sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow. Der hat sich den Mauerplänen bislang widersetzt. Aber nach harten Verhandlungen in Moskau gibt Chruschtschow schließlich nach.
Erzähler:
Kein Wunder, allein im Juli 1961 sind mehr als 30.000 Menschen in den Westen geflohen. Die meisten über Berlin, weil die innerdeutsche Grenze ja seit 1952 fast hermetisch geschlossen ist. In Berlin aber gilt der Vier-Mächte-Status, die Grenze ist im Prinzip noch durchlässig. Dieses letzte Schlupfloch will Ulbricht jetzt stopfen.
Erzählerin:
Quer durch die Stadt werden Sperranlagen errichtet – zunächst mit Stacheldraht, später mit Zement. Die Mauer wächst rasch heran, und bewaffnete Volkspolizisten verhindern Grenzüberschreitungen in beide Richtungen. Die waren bis dahin ganz normal, sagt Hanno Hochmuth, Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Berlin war zwar seit 1948 politisch geteilt, aber nicht im Alltag.
ZSP 1 Hochmuth verflochten 0,35
Es gab viele Ostberliner, die im Westen arbeiteten oder auch zur Schule gingen oder dort studierten. Es gab aber auch viele Westberliner, die in den Osten fuhren, um dort zum Beispiel sehr, sehr günstig Lebensmittel einzukaufen, was in Westberlin übrigens verpönt gewesen ist. Aber dieses Berlin war tatsächlich bis zum 13. August 1961 noch eine sehr stark verflochtene Gesellschaft, und das war mit einem Mal dann vorbei. Und viele Westberliner reagierten entsetzt und empört und erwarteten eigentlich eine unmittelbare Reaktion der Westalliierten, dass sie sich das nicht gefallen lassen und waren enttäuscht.
MUSIK
Erzählerin:
Denn die erhoffte Machtdemonstration des Westens bleibt aus. US-Präsident John F. Kennedy – 44 Jahre alt und gerade erst frisch ins Amt gewählt – klingt am 13. August 1961 richtiggehend erleichtert:
Zitator:
„Es ist keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg.“
Erzähler:
Die USA, formuliert Hanno Hochmuth etwas zugespitzt, waren froh über den Mauerbau. Denn er nahm Druck aus der angespannten politischen Lage zwischen den Supermächten.
ZSP 2 Hochmuth befriedet 0,27
Dass jetzt die Sowjets zuließen, dass die DDR den sowjetischen Sektor von Berlin, Ostberlin abriegelt, war im Prinzip ein Zugeständnis von Chruschtschow in den Augen der Amerikaner, dass die Sowjets nicht mehr ganz Berlin für sich beanspruchen. Und insofern waren sie eigentlich froh, dass diese dramatische Eskalation, die es eigentlich vorher gegeben hat, durch den Mauerbau ein Stück weit befriedet wurde.
Erzähler:
Im nun geteilten Berlin gilt weiterhin der Vier-Mächte-Status. Das bedeutet, alle vier Besatzungsmächte haben freien Zugang zu allen vier Sektoren der Stadt. Sowjetische Militärs unternehmen „Missionsfahrten“ in die drei Westsektoren. Und amerikanische Offiziere steuern ihre Militärjeeps durch den sowjetischen Sektor. Ein reger Austausch also, trotz Mauer. Aber ...
ZSP 3 Hochmuth Def 0,13
Dafür musste auch eine ganz besondere Grenzübergangsstelle eingerichtet werden, die nur für diesen alliierten Transfer praktisch von einem Teil Berlins in den anderen Teil eingerichtet wurde. Und das war der Checkpoint Charlie.
TC 04:18 – Ein Nadelöhr im Kalten Krieg
Erzählerin:
Ein Nadelöhr im Kalten Krieg. Eines von mehreren, benannt nach den Buchstaben im NATO-Alphabet. Der Grenz-Kontrollpunkt C war der Checkpoint Charlie. Den musste passieren, wer innerhalb Berlins zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor hin- und herfahren wollte.
Erzähler:
Eingerichtet hatten ihn die Westalliierten unmittelbar nach dem Mauerbau. Und zwar mitten in der Friedrichstraße, zwischen Zimmer- und Kochstraße. Fast drei Jahrzehnte lang sollte der Checkpoint Charlie als ein Symbol des Kalten Kriegs existieren.
Erzählerin:
Dass Amerikaner, Franzosen und Briten stets nur vom Checkpoint, vom Kontrollpunkt sprachen, hatte mit dem Vier-Mächte-Status zu tun. Für die Westalliierten war Berlin eine gemeinsam verwaltete Stadt, in der es keine Grenze und somit auch keine echten Grenzkontrollen geben konnte.
Erzähler:
Die DDR sah das anders. Für sie verlief mitten durch Berlin tatsächlich eine Staatsgrenze. Deshalb nannte sie das nördliche Gegenstück zum Checkpoint Charlie auch „Grenzübergangsstelle“, kurz „GÜST Friedrichstraße“.
Erzählerin:
Dass hinter solchen Namens-Fragen massive politische Interessen standen, wurde schon wenige Wochen nach dem Mauerbau deutlich.
TC 05:32 – Die Panzerkonfrontation
MUSIK
Erzähler:
Sonntag, 22. Oktober 1961. Edwin Allan Lightner, der stellvertretende Chef der US-amerikanischen Militärmission in Berlin, fährt mit seiner Frau in den Ostteil Berlins. Die beiden wollen ins Theater, in den Friedrichstadtpalast. Schon vor dem Mauerbau haben sie dort oft Kulturveranstaltungen besucht. Diesmal aber erlebt Lightner eine Überraschung.
ZSP 4 Hochmuth Theater 0,20
Als der rüberfahren möchte, wird er angehalten, und zwar nicht von sowjetischen Militärs. Das wäre ja vielleicht noch okay gewesen, sondern von DDR-Grenzsoldaten. Das war für ihn eine ganz klare Verletzung des Vier-Mächte-Status seiner Rechte als amerikanischer Top Diplomat und Top Militär.
Erzähler:
Die DDR-Grenzsoldaten sind angewiesen, amerikanische Militär-Angehörige in Zivil nach ihren Ausweisen zu fragen. Edwin Lightner ist wütend, der amerikanische Militär protestiert gegen die Passkontrolle. Vergeblich. Das Ehepaar muss umkehren.
Erzählerin:
Lightner wendet sich umgehend an Lucius D. Clay, den amerikanischen Stadtkommandanten. Als Vater der Berliner Luftbrücke von 1948 ist Clay ein berühmter Mann. Präsident Kennedy hat ihn 1961 erneut nach Berlin geschickt, quasi als seinen persönlichen Vertreter in der Stadt. Clay hört sich Lightners Geschichte an und reagiert rasch.
ZSP 5 Hochmuth Panzer 0,18
Indem er amerikanische Panzer auffahren ließ am Checkpoint Charlie. Und die Sowjets ihrerseits reagierten damit, dass sie sowjetische Panzer von Norden her auf den Checkpoint Charlie zurollen ließen, und diese standen sich dann dort mehrere Stunden gefechtbereit gegenüber.
MUSIK
Erzähler:
Am 27. Oktober 1961, gegen 17 Uhr, beginnen die Panzer zu rollen. Die Konfrontation am Checkpoint Charlie dauert 16 Stunden. Stunden, in denen der heiße Draht zwischen Moskau und Washington glüht. Am Ende geht alles glimpflich aus, aber die Lage war keineswegs ungefährlich, meint der Historiker Hanno Hochmuth.
ZSP 6 Hochmuth Glaubwürdigkeit 0,36
Denn es standen sich in der Tat zum Ersten Mal direkt Panzer von den beiden Supermächten gegenüber. Die hatten auch geladene Kanonenrohre. Es war militärisch klar, dass die paar amerikanischen Panzer Westberlin nicht hätten verteidigen können. Aber es ging im Kalten Krieg immer nicht nur um Truppenstärke, sondern auch um Glaubwürdigkeit, dass man dem, was man sagt und was man behauptet, auch etwas folgen lässt. Und für die Amerikaner war es immer ganz wichtig, wenn Kennedy schon sagt, dieses Westberlin muss Bestand haben, dann muss man im Zweifelsfalle auch dafür einstehen.
MUSIK
Erzählerin:
Was aber bedeutet das in Zeiten des Kalten Kriegs? Nur drei Tage nach der Berliner Panzerkonfrontation führt die Sowjetunion im Nordpolarmeer den größten Atomtest aller Zeiten durch. Und auf amerikanischer Seite ist man nicht minder stark gerüstet. Das Vernichtungspotenzial auf beiden Seiten ist enorm. Ein Jahr später, in der Kubakrise, wird die Welt am Rand des atomaren Abgrunds stehen.
Erzähler:
Das erste Kräftemessen am Checkpoint Charlie wirkt medial noch lange nach. Beängstigend spektakulär waren die Fotos, die damals um die Welt gingen: auf der einen Seite die US-amerikanischen M48- Kampfpanzer, auf der anderen sowjetische T54. Nie war die globale Systemkonfrontation anschaulicher als in jenen Oktobertagen 1961. Der Checkpoint Charlie war über Nacht zu einer globalen Ikone des Kalten Kriegs geworden.
Erzählerin:
Die Berlin-Krise endet 1961 mit einem Kompromiss: Amerikanische Militärs, die künftig nach Ostberlin fahren, müssen nun ihre Militärausweise in die Windschutzscheibe legen. Und die DDR-Grenzsoldaten dürfen sie fortan nicht mehr kontrollieren.
Erzähler:
Dramatischer sind die Veränderungen im Alltag der Bürger. Mehr als eine Million Ostberliner waren von den 2,2 Millionen Westberlinern vollständig getrennt. Persönliche Kontakte gab es zunächst keine mehr, sagt Hanno Hochmuth. Es sollte mehr als zwei Jahre dauern, bis die ersten Westberliner an Weihnachten 1963 wieder nach Ostberlin reisen durften.
ZSP 7 Hochmuth getrennter Alltag 0,19
Für Ostberliner ist es noch eine viel längere Wartezeit. Da wird das Ganze ja erst in den 70er Jahren so geregelt, dass zumindest ältere Leute und privilegierte Leute in den Westen reisen können. Das heißt, diese sehr, sehr stark verflochtene Gesellschaft, die reißt vollkommen entzwei.
TC 10:15 - Grenzgänger
MUSIK
Erzähler:
Im Alltag ganz normaler Ostberliner spielte der Checkpoint Charlie keine Rolle. Sofern sie überhaupt reisen durften, fuhren sie über die ein Kilometer weiter nördlich gelegene „GÜST Bahnhof Friedrichstraße“ in den Westteil der Stadt.
Erzählerin:
Der Checkpoint Charlie hingegen war jenen vorbehalten, die innerhalb Berlins Freizügigkeit genossen: Mitglieder der Alliierten Streitkräfte, Angehörige des Militärpersonals, Diplomatinnen und Diplomaten oder ausländische Touristen. Und auch DDR-Funktionäre durften hier passieren.
Erzähler:
Eine schillernde Schar von Grenzgängern also, die die Fantasie von Schriftstellern und Drehbuchautoren anregte. Zumindest wenn sie sich mit Agentengeschichten befassten. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ heißt ein berühmter Spionageroman des britischen Autors John le Carré aus dem Jahr 1963. Als das Buch zwei Jahre später verfilmt wird, ist in der Eingangsszene natürlich die Ikone des Kalten Kriegs zu sehen – der Checkpoint Charlie.
Erzählerin:
Solch mythische Überhöhungen hatten mit dem schnöden Grenzer-Alltag in der Regel wenig zu tun. Viel Zettelkram und Bürokratie herrschte am Kontrollpunkt, bzw. an der GÜST. Wo anfangs nur ein kleines Grenzkontrollhäuschen stand, kam bald ein zweites hinzu, und später eine große Baracke. In den 1970er und 80er Jahren wurde der Checkpoint Charlie dann immer weiter ausgebaut, zu einem wahren Grenz-Bollwerk aus Beton.
Erzähler:
Auf westlicher Seite standen die alliierten Kontrolleinheiten in einer Baracke, die einen langen Gang und eine Glasfront beherbergte. Alle westlichen Besucher mussten sich am Schalter ihrer jeweiligen Besatzungsmacht ausweisen und wurden mit Instruktionen versehen, bevor sie nach Ostberlin reisen durften. Den Amerikanern, Briten und Franzosen war es wichtig, dass sich ihre Landsleute im Osten korrekt verhalten, ganz im Sinne des Vier-Mächte-Status.
Erzählerin:
Auf DDR-Seite standen sogenannte Passkontrolleinheiten, kurz PKE. Die sahen aus wie reguläre Grenzsicherungseinheiten, unterstanden in Wahrheit aber dem Ministerium für Staatssicherheit.
Erzähler:
Die DDR-Grenzsoldaten kontrollierten genau, welche Ausländer nach Ostberlin einreisten. Und vor allem achteten sie darauf, dass niemand in den Westen floh. Solche Versuche gab es immer wieder, sagt Hanno Hochmuth, obwohl man nur ganz langsam und in Schlangenlinien durch die gesicherte Grenzanlage fahren konnte. Selbst mit einem LKW war sie kaum zu durchbrechen.
TC 12:51 – Schauplatz der Angst, Flucht & Tod
MUSIK
Erzähler:
Der Checkpoint Charlie war immer wieder Schauplatz spektakulärer Fluchtversuche aus dem damaligen Ost-Berlin. Und früh schon kam es zu tödlichen Zwischenfällen. Am 17. August 1962, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Mauerbau, wird in der Nähe vom Checkpoint ein junger Mann angeschossen, der zusammen mit einem Kollegen in den Westen fliehen will. Der 18-jährige Peter Fechter verblutet unmittelbar an der Grenzmauer in der Zimmerstraße, vor den Augen zahlreicher West-Berliner. Niemand traut sich ihm zu helfen – aus Angst vor den bewaffneten DDR-Grenzern.
Erzählerin:
Insgesamt – schätzen Historiker – gab es zwischen 1961 und 1989 etwa 5500 gelungene Fluchten vom Osten in den Westen der Stadt. Einige auch am Checkpoint Charlie, weil amerikanische Militärs dort von Ost-Grenzern nicht mehr kontrolliert werden durften. So kam es immer wieder vor, dass GI´s im Osten der Stadt DDR-Bürger einsammelten, um sie dann im Kofferraum ihrer Fahrzeuge zu verstecken und in den Westen zu schmuggeln.
Erzähler:
Aber die US-amerikanischen Befehlshaber sahen solche Aktionen nicht gern. Und auch vom Westberliner Senat wurden die zahlreichen West-Berliner Fluchthelfer bald mit Argwohn betrachtet. Denn erstens war Fluchthilfe – egal ob sie aus ideellen oder materiellen Motiven heraus geschah – immer eine lebensgefährliche Sache. Und zweitens, sagt Hanno Hochmuth, wollte man dem Osten keinen Vorwand für weitere Eskalationen liefern. Denn unmittelbar nach dem Mauerbau war es verschiedentlich zu heftigen Konfrontationen zwischen DDR-Grenztruppen und Fluchthelfern gekommen.
ZSP 8 Hochmuth Mauertote 0,42
Dabei sind ja auch mehrere DDR-Grenzsoldaten ums Leben gekommen, die von Fluchthelfern erschossen worden sind. Das ist natürlich dann auf der Ostseite propagandistisch extrem ausgeschlachtet worden, und genau das wollte man jetzt auf der Seite des Senats nun wiederum auch nicht, dass DDR-Grenzsoldaten als Märtyrer verehrt werden und zelebriert werden auf der DDR-Seite.
Erzähler:
Der Checkpoint Charlie war von Anfang an ein Brückenkopf auf dem geschichtspolitischen Schlachtfeld des Kalten Kriegs. Ein knappes Jahr, nachdem der 18-jährige Peter Fechter erschossen worden war, entstand auf Privatinitiative ein sogenanntes Mauermuseum: Das „Museum Haus am Checkpoint Charlie". Sein Gründer Rainer Hildebrandt hatte schon gegen Hitler Widerstand geleistet. Jetzt half er DDR-Bürgern bei der Flucht und prangerte das totalitäre System des Kommunismus mit seinem blutigen Grenzregime und den Mauertoten an.
Erzählerin:
Die Erinnerungsarbeit am Checkpoint setzte also lange vor dem Mauerfall 1989 ein.
TC 15:44 – Zwischen Kommerz und Gedenken
MUSIK
ZSP Archiv Günter Schabowski:
Nach meiner Kenntnis ist das... sofort
Erzähler:
Der Abend des 9. November 1989. Kurz nachdem der SED-Funktionär Günter Schabowski das neue, gelockerte Reisegesetz der DDR verkündet hat, laufen von beiden Seiten der Mauer Menschen auf den Checkpoint Charlie zu: „Lasst uns rein!", rufen die West-Berliner. „Lasst uns raus!", die Ost-Berliner. Und kurz danach ist das Grenzregime Geschichte. Die Schlagbäume sind offen.
Erzählerin:
Nur ein halbes Jahr später, noch vor dem Ende der DDR, wird die Anlage am Checkpoint Charlie abgebaut. Kaum sind am 22. Juni 1990 die letzten Reden gehalten, werden Gurte um das Grenzhäuschen gespannt, ein Kran hebt es in die Luft.
ZSP Schließungsfeier ( W0523261 101) 3,13-3,29
...for lifting. Madames et Messieurs…
Erzähler:
Es ist nicht das Ende vom Mythos Checkpoint Charlie. Auch wenn 1990 erst einmal eine Phase der Geschichtsvergessenheit einsetzt. Denn unmittelbar nach dem Mauerfall denkt kaum jemand daran, hier einen Erinnerungsort zu bewahren, sagt Historiker Hochmuth. Oberstes Ziel war es, die Brachen, die die Mauer geschlagen hatte, schnell zu beseitigen. Die Stadt sollte wieder zusammenwachsen und eine Metropole werden, wie einst in den goldenen 1920er Jahren.
ZSP 9 Hochmuth 1990 0,29
Dazu gehört es, dass man Investoren in die Stadt locken möchte. Dazu gehört der Glaube, dass ganz schnell dort wieder viel gebaut wird, dass große Unternehmen wieder zurückkehren nach Berlin. Und deswegen ist das eine Zeit mit wahnsinnig viel Versprechungen gegenüber Investoren, wo auch das Baurecht sehr leichtfertig vergeben wird. Und das prägt die Stadt bis heute, weil dort viele Fakten geschaffen worden sind, die bis heute Pfadabhängigkeiten für Berlin bedeuten.
Erzähler:
Pfade, die sich als geschichtspolitische Holzwege erweisen. Mit Pleiten, Pech und Pannen. Als 2004 der Mauer-Museumsgründer Rainer Hildebrandt stirbt, beginnt bald eine Phase der Kommerzialisierung der Gedenkstätte. Geschichte als Geschäftsmodell. Die Zeiten sind dafür günstig. Denn Berlin wird damals gerade zum Hotspot im Städtetourismus. Millionen strömen jedes Jahr an die Spree, nicht nur Party-Touristen, sondern auch viele Kunst- und Geschichtsinteressierte. Berlin boomt.
ZSP 10 Hochmuth Witwe 0,23
Und der Checkpoint Charlie gehört dort unmittelbar dazu. Und die Witwe Alexandra Hildebrandt erkennt das auch und verwandelt dieses Mauermuseum und auch das Mauer-Gedenken am Checkpoint Charlie in eine trivialisierte Kost für die Touristen, die dort mächtig abgeschöpft werden durch horrende Eintrittspreise in diesem Museum.
Erzähler:
Das private Mauer-Museum nutzt die Lücke, die durch Versäumnisse des Berliner Senats entstanden ist. Authentisch ist am Checkpoint Charlie bald nichts mehr. Weder das alte Sektorenschild noch das Kontrollhäuschen der Westalliierten. Ganz zu schweigen von den Schauspielern, die in US-Uniformen ein wenig Grenz-Geschichte nachspielen.
Erzählerin:
2004 ließ Witwe Hildebrandt am Checkpoint Charlie eine weiß gestrichene Mauer aus Pappmaschee, versetzt mit originalen Mauersegmenten, aufstellen. Und davor 1067 Kreuze zum Gedenken an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes.
Erzähler:
Weder der Ort der nachgebauten Mauer noch die Zahl der Todesopfer war historisch exakt. Dennoch hatte die Aktion eine heilsame Wirkung, sagt der Historiker Hanno Hochmuth. Denn sie offenbarte eine Leerstelle im Erinnern und beflügelte die Forschung.
ZSP 11 Hochmuth Forschung 0,39
Und das führt dazu, dass vom Berliner Senat 2006 endlich ein Gedenkkonzept für die Erinnerung an die Berliner Mauer verabschiedet wird und dass gleichzeitig eine gemeinsame Historikerkommission eingerichtet wird von der Stiftung Berliner Mauer, die ins Leben gerufen wird, und vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, die zum ersten Mal mit wissenschaftlichen Kriterien ermitteln, wie viele Menschen tatsächlich an der Berliner Mauer ums Leben gekommen sind und die biografischen Hintergründe dieser gescheiterten Fluchten und dieser tragischen Todesfälle zum ersten Mal ermitteln.
Erzähler:
136 Mauertote zählte die 2009 veröffentlichte Studie. Vier weitere konnten später noch ausfindig gemacht werden. Von 1961 bis 1989 sind also mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer ums Leben gekommen.
Erzählerin:
Die wissenschaftlich fundierte Erinnerungsarbeit kam seit 2006 langsam in Gang. So wurde unter anderem die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße massiv ausgebaut.
MUSIK
Erzähler:
Am Checkpoint Charlie aber herrschen bis heute Show und Kommerz. Ergänzt nur durch ein paar historisch fundierte Provisorien, die mittlerweile in die Jahre gekommen sind. Das geplante neue Museum des Kalten Kriegs aber lässt weiter auf sich warten. Die Lage ist äußerst komplex, sagt Hanno Hochmuth. Grund und Boden gehören nicht der öffentlichen Hand, sondern privaten Investoren. Ohne die wird ein Museum nicht zu errichten sein.
Erzählerin:
Und mit ihnen? Viele Berliner haben daran ernste Zweifel, zumal ihre Stadt durch Gentrifizierung und steigende Mieten ohnehin stark unter Druck geraten ist. All das hat seit 2018 zu einer völlig neuen Debatte geführt.
ZSP 12 Hochmuth Debatte heute 0,27
Nämlich zu der Debatte, ob ein solcher prominenter Freiraum inmitten der Stadt eigentlich von privaten Investoren gefüllt werden sollte. Und deswegen gibt es dort einen neuen Bebauungsplan. Es gibt Gespräche vom Senat mit einem neuen Investor, aber es ist alles andere als einfach und auch nicht sicher, ob in absehbarer Zeit dort dieses eigentlich sehr, sehr notwendige Museum des Kalten Kriegs entstehen kann.
Erzählerin:
Dreieinhalb bis viereinhalb Millionen Menschen besuchen jährlich den Checkpoint Charlie. Und nicht wenige werden dort ratlos zurückgelassen. Es ist höchste Zeit für ein neues Museum, sagt der Historiker Hanno Hochmuth. Ein Haus an historischem Ort, wo wissenschaftlich fundiert an alle Aspekte des Kalten Kriegs erinnert wird.
ZSP 13 Hochmuth global 0,23
Der Checkpoint Charlie könnte eine Klammer darstellen, sowohl für die deutsche Erinnerungskultur als auch für eine globale Erinnerungskultur. Und in einer Zeit, die wie unsere heute so sehr stark von globalen Herausforderungen geprägt ist, ist es auch wichtig, dass unsere Erinnerungskultur globalisiert wird. Und das geht eigentlich an keinem Ort so gut wie am Checkpoint Charlie.
TC 22:07 – Outro
Allein in den 50er-Jahren flohen etwa drei Millionen Menschen von Ost- nach Westdeutschland. Dem "Abstimmen mit den Füssen" setzte die DDR im Sommer 1961 endgültig den Riegel vor - mit dem Bau der Mauer. Die Mauer trennte Familien, zerstörte Menschenleben. Doch mit dem Bau erwachte auch der Widerstand, diese Mauer um jeden Preis zu überwinden. Ein lebensgefährliches Ziel. Allein an der Berliner Mauer mussten zwischen 1961 und 1989 mindestens 140 Menschen dafür mit dem Leben bezahlen. Von Julia Zantl (BR 2021)
Credits
Autorin: Julia Zantl
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Clemens Nicol
Technik: Peter Preuß
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Hubert Hohlbein, Dr. Maria Nooke
Anmerkung der Redaktion:
Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER.
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959
Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST
Linktipps:
MDR (2023): Wir Kinder der Mauer
Der Tag des Mauerbaus bestimmt auf lange Zeit das Leben vieler Kinder und Jugendlicher. Mehr noch als die Erwachsenen sind sie dem Geschehen total ausgeliefert, sind ohnmächtig in Bezug auf Politik und familiäre Entscheidungen. 28 Jahre lang sind Mauer und Stacheldraht eine vorgefundene Realität in ihrem Leben. Manche lehnen sich gegen ihren vorgezeichneten Lebensweg auf, andere finden sich mit der Teilung ab, die Familien auseinandergerissen, Menschen entwurzelt und Liebende getrennt hat. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2021): Die geteilte Literatur
Der Mauerbau vor knapp 60 Jahren hat nicht nur die Gesellschaft in Ost und West getrennt, sondern auch die Literatur. Die Mauer war eine künstlerische Einschränkung, aber sie hat auch zur literarischen Auseinandersetzung angeregt. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:13 – Von heute auf morgen
TC 06:54 – Der „antifaschistische Schutzwall“
TC 09:20 – Blutige Schicksale
TC 12:31 – Übers Wasser, durch die Erde
TC 17:01 - Aufarbeitung
TC 22:13 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Musik
SPRECHERIN:
25. Juli 1961: John F. Kennedy ist angespannt. Er soll in Washington eine Rede zur aktuellen Berlinkrise halten. Er hat enorme Rückenschmerzen. Ohne ein Stützkorsett unter dem Anzug und eine Dosis Kortison wäre sein Auftritt nicht möglich. Der 44-jährige Präsident ist gerade mal sechs Monate im Amt.
Seitdem sind die Verhandlungen mit Chruschtschow zur Berlinkrise gescheitert. Der russische Ministerpräsident hat sein Ultimatum erneuert: Er fordert, Berlin den Status einer entmilitarisierten, wie er sagt, „freien Stadt“ zu geben. Dahinter steckt auch der langfristige Plan, die Westsektoren nach und nach in die DDR einzuverleiben. Sollten die Westmächte seiner Forderung innerhalb eines halben Jahres nicht zustimmen, will er einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen, der die Besatzungsrechte der Alliierten in West-Berlin aufhebt. Ansonsten schrecke er auch vor militärischen Mitteln nicht zurück. Die Erwartungen an Kennedy’s Rede sind enorm.
1 O-TON KENNEDY REDE (WASHINGTON; 25 JULY 1961)
Good evening! Seven weeks ago tonight I returned from Europe to report on my meeting with Premier Khrushchev and the others. His grim warnings about the future of the world, his aide-memoire on Berlin, his subsequent speeches and threats which he and his agents have launched, and the increase in the Soviet military budget that he has announced, have all prompted a series of decisions by the Administration and a series of consultations with the members of the NATO organization.
ZITATOR / Üs Kennedy
Heute vor sieben Wochen bin ich aus Europa zurückgekehrt, um über mein Treffen mit Ministerpräsident Chruschtschow und den anderen zu berichten.
Musik
SPRECHERIN:
Kennedy weiß, dass er den richtigen Ton treffen muss. Es gilt Entschlossenheit zu zeigen, dennoch will er den Konflikt nicht unnötig verschärfen.
2 Zusp Rede Kennedy
In Berlin, as you recall, he intends to bring to an end, through a stroke of the pen, first our legal rights to be in West Berlin; and secondly our ability to make good on our commitments to two million people of that city. That we cannot permit.
ZITATOR / Üs Kennedy
In Berlin will er erstens mit einem Federstrich unsere legalen Rechte auf Anwesenheit in Westberlin aufheben und zweitens uns die Möglichkeit nehmen, unsere Verpflichtungen gegenüber den zwei Millionen Einwohnern dieser Stadt zu erfüllen. Das können wir nicht zulassen.
Musik
SPRECHERIN:
Kennedy spricht ausdrücklich von nur zwei Millionen Berlinern. Damit meint er ausschließlich die Westberliner, denn die Stadt hat insgesamt 3,3 Millionen Einwohner. Die Ostberliner, die jeden Monat zu Tausenden nach Westberlin fliehen - im Juli ´61 sind es über 30.000 Menschen - erwähnt Kennedy mit keinem Wort. Den Amerikanern geht es um Westberlin, das nicht nur eines der wichtigsten Spionage-Zentren im Kalten Krieg ist, sondern der Weltöffentlichkeit auch das Mächteringen vorführt. Die ganze Welt blickt auf Berlin und Kennedy will die politische Zuverlässigkeit der USA demonstrieren. Er macht klar, dass er Westberlin auf keinen Fall aufgeben wird:
3 O-TON KENNEDY REDE (WASHINGTON; 25 JULY 1961)
Thus, our presence in West Berlin, and our access there to, cannot be ended by any act of the Soviet Government...
ZITATOR / Üs Kennedy
Unsere Präsenz in West-Berlin kann durch keinen Akt der Sowjetregierung beendet werden.
SPRECHERIN:
Aus Kennedys Rede lassen sich drei essentielle Forderungen ableiten - die „three essentials“, deren Verletzung militärische Folgen haben würde: die Besatzungsrechte der Alliierten in West-Berlin, der freie Zugang nach West-Berlin und die Freiheit der West-Berliner. Fünf Tage später erklärt James Fulbright, der wichtigste außenpolitische Berater Kennedys, im US Fernsehen, dass er nicht verstehe, warum die ostdeutsche Grenze nicht einfach zugemacht würde. (...) wenn die Russen nächste Woche die Grenze schließen würden, könnten sie das tun, ohne einen einzigen Vertrag zu verletzen. Als ihn Kennedy darauf hin nicht zurückpfeift, ist endgültig klar: Die USA setzen einer Grenzschließung nichts entgegen. Und die scheint der DDR dringend nötig, denn die Bürger laufen ihr buchstäblich davon.
TC 04:13 – Von heute auf morgen
Musik
SPRECHERIN:
Spätestens im Juli lässt sich Chruschtschow vom DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht umstimmen. Ulbricht hatte zwar noch im Juni verkündet: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“. Doch das hält ihn angesichts der dramatischen Flüchtlings-Situation nicht davon ab, genau das doch zu tun.
In der Nacht vom 12. auf den 13. August wird die Grenze abgeriegelt.
Hubert Hohlbein erinnert sich noch gut daran:
4 O-TON Hubert Hohlbein:
Mein Schulfreund und ich, am 12. August haben wir noch seine Freundin nach West-Berlin gebracht, haben dann auch ein Bier getrunken und nach zwölf Uhr nachts sind wir erst wieder zurückgefahren nach Ostberlin, und morgens um 8/9 Rundfunk gehört und da war natürlich die Aufregung groß. Berlin ist abgeriegelt, Ostberlin und Westberlin getrennt, Stacheldraht wird gezogen, Militär ist aufgefahren und haben die Grenzen dichtgemacht. Und da bin ich sofort zu meinem Freund, der hatte das noch nicht mitbekommen und der sagte: Komm wir fahren sofort zur Grenze und haben uns das angeschaut, wie das Militär schon den ersten Stacheldraht gezogen hat, und da sagte mein Freund, ohoh Du, das sieht aber ernsthaft aus. Da habe ich ihm noch das Geld, was ich noch in der Hand hatte, in die Hand gedrückt und dann sagt er, mach’s gut, Tschüss. Er ist über den Graben gesprungen, zack weg war er.
Musik
SPRECHERIN:
In den Folgetagen kommt es zu dramatischen Szenen. Menschen versuchen um jeden Preis zu fliehen, sie springen über Stacheldrahtverhaue oder lassen sich aus Fenstern von Häusern fallen, die direkt an der Grenze liegen. Sie wollen zu ihren Familien und Freunden oder schlicht und ergreifend raus aus der DDR.
Viele Berliner haben zwar damit gerechnet, dass etwas passieren würde, um die immer größer werdenden Flüchtlingsströme aufzuhalten, aber eine Mauer quer durch die Stadt war für die Meisten unvorstellbar. Allein 50.000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz im Westen.
5 O-TON Hubert Hohlbein
Innerhalb des Ostens, zwischen Ostdeutschland und Ost-Berlin gab es ja schon diese Grenze und da hatten wir in Ost-Berlin gedacht, also wenn sich das hier weiter so entwickelt, dann können eben die Leipziger nicht mehr direkt nach Ost-Berlin reisen. Es heißt, die werden abgefangen. Da werden die Grenzen um Berlin herum gemacht. Man konnte sich das nicht vorstellen, dass es innerhalb Berlin so ganz abgeriegelt wird, aber eine totale Abgrenzung, wies nachher die Mauer war, das konnte sich keiner vorstellen.
SPRECHERIN:
Während in Berlin auf beiden Seiten die Menschen zur Mauer strömen, um sich mit eigenen Augen des Unvorstellbaren zu vergewissern, setzt sich auf der Ostseite der Parteiapparat in Bewegung. Am 13. August ist die gesamte Staatssicherheit der DDR in Bereitschaft. Wer im Urlaub ist, muss zurückkommen. Größere Proteste in der DDR müssen um jeden Preis verhindert werden.
TC 06:54 – Der „antifaschistische Schutzwall“
6 O-TON DR MARIA NOOKE:
Da gab es zweistündige Berichte aus allen Kreisen, Bezirken hoch zum Ministerium, wie die Situation und die Reaktionen der Bevölkerung sind. Man hat unheimlich viele Leute verhaftet, wenn da jemand betrunken einfach mal auf Ulbricht schimpfte, dann war das schon ein Haftgrund. Die Gefängnisse füllten sich, sodass also auch eine innenpolitische Situation der Angst geschaffen wurde. Und parallel dazu hat man dann auch die Bevölkerung aufgerufen, sich mit den Maßnahmen der Regierung zu solidarisieren. Also, da gab es Unterschriftenlisten, da gab es im Radio Sendung dazu, wo sich also vor allem auch Kulturschaffende - das macht mich heute noch fassungslos, dass sie sich dazu hergegeben haben - dann die Maßnahmen zu begrüßen und zu sagen, damit wird jetzt der Frieden gerettet.
SPRECHERIN:
Die Geschwindigkeit mit der die SED ihre Bürger auf den Mauerbau einschwört und Gegner einschüchtert, trägt dazu bei, dass es in der DDR verhältnismäßig ruhig bleibt. DDR-Bürgerinnen und Bürgern wird eingeimpft, dass die Mauer ein Schutzwall sei, der die Rettung des Weltfriedens zu verdanken sei. Und ab 1962 wird die Mauer dann ganz offiziell „antifaschistischer Schutzwall“ genannt.
Doch selbst Kennedy soll nach dem Mauerbau einem Mitarbeiter gesagt haben, dass die Mauer zwar keine schöne Lösung sei, aber auf jeden Fall besser als Krieg. War die Mauer das kleinere Übel? Hat sie vielleicht sogar einen dritten Weltkrieg verhindert?
7 O-TON DR MARIA NOOKE:
Es ist ja die große Frage, ob es wirklich zum Atomschlag gekommen wäre. Das war ja die Drohkulisse. Aber das sind alles hypothetische Fragen, was passiert wäre, wenn die Amerikaner eingegriffen hätten. (…) Das heißt, 1961 war eine hochbrisante politische Situation, sowohl innenpolitisch als auch weltpolitisch, die eben glücklicherweise nicht eskaliert ist, aber natürlich mit den Folgen, die die DDR Bevölkerung zu tragen hatte.
TC 09:20 – Blutige Schicksale
SPRECHERIN:
Hunderte von Biografien hat Maria Nooke erforscht und dokumentiert: darunter politische Häftlinge, Familien von Flüchtlingen, die im Osten meist jahrelang Repressionen erleiden mussten und natürlich die Maueropfer selbst. Bereits am 24. August erschossen Grenzsoldaten den ersten Flüchtling. Der 24-jährige Günter Litfin starb an einem Schuss in den Hinterkopf. Mindestens 139 Menschen sollten ihm über die Mauerjahre in den Tod folgen. Die Hälfte davon allein in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerbau.
Musik
SPRECHERIN:
Weltweit bekannt wird der Tod des Mauerers Peter Fechter, denn ein mutiger Fotograf dokumentiert das Drama. Am 17. August 1962 flüchtet der 18- jährige während seines Dienstes. Er hat bereits die letzte Barriere des Todesstreifens erreicht und beginnt die Mauer emporzuklettern, als ihn das Feuer seiner Ostberliner Kollegen trifft. Er fällt schwer verletzt in den Todesstreifen zurück und ruft um Hilfe – vergeblich. Hubert Hohlbein erinnert sich:
8 O-Ton Hubert Hohlbein:
„Man konnte rüberblicken, man konnte über die Mauer schauen. Es waren Amerikaner da gewesen, amerikanischer Soldat. Keiner hat es gewagt, diesem langsam verblutenden Flüchtling zu helfen. Und erst nach über einer Stunde sind ostdeutsche Grenzsoldaten hingegangen und haben mehr oder weniger dann den Leichnam abtransportiert. Er war verblutet...
SPRECHERIN:
Fechters Tod wird zum Symbol für die Grausamkeit des Grenzsystems und bringt immer mehr Menschen gegen das DDR Regime auf. Darunter auch Hubert Hohlbein. Er ist später an einer der erfolgreichsten Fluchtaktionen beteiligt: dem Tunnel 57. Doch zunächst muss er selbst fliehen. Denn 1962 lebt er noch in Ostberlin bei seiner Mutter, die er zunächst nicht alleine lassen will, da der Vater erst ein Jahr vor dem Mauerbau gestorben ist. Doch obwohl die Mutter einer Flucht positiv gegenübersteht, kann er sie zu Beginn des Mauerbaus von seiner ersten Fluchtidee nicht überzeugen.
9 O-Ton Hubert Hohlbein:
Und dann hab ich versucht zu sagen komm als Familie, wir nehmen unseren Lastwagen, den großen, den wir bauen wir ein bisschen um, Sandsäcke hinten drauf, des war ein großer Lastwagen mit Allradantrieb sogar, wir fahren durch die Mauer, das hätte ich gerne gemacht, aber da hatte Muttern Angst, Schwester hatte Angst, Schwager „ um Gottes Willen“, dann sag ich, na gut, dann mach ich das irgendwann mal alleine und dann habe ich mich darauf vorbereitet, das alleine zu machen.
SPRECHERIN:
Gesagt, getan: mehrere Monate bereitet er sich auf seine Flucht vor. Sein Plan: er will in die Freiheit schwimmen. Zwei Kilometer von der Alten Meierei in Potsdam über den Jungfernsee nach Westen. Dazu trainiert Hubert fast ein ganzes Jahr - auch im Winter. Um sich abzuhärten, taucht er unter Eis, lernt über zwei Minuten die Luft anzuhalten. Sieben Kilo Blei trägt er um die Hüfte, um im Wasser keine Wellen zu schlagen.
TC 12:31 – Übers Wasser, durch die Erde
Musik
SPRECHERIN:
Am 21. November 1963 ist es soweit. Gegen 22 Uhr schwimmt er los. Es ist klirrend kalt. Sein Körper ist vollkommen vom Wasser bedeckt. Nur seine Schnorchelspitze könnte ihn jetzt noch verraten. Doch als er auf der Mitte des Sees ankommt, wird es plötzlich taghell über ihm. Scheinwerfer suchen das Wasser ab!
10 O-TON Hubert Hohlbein:
Ich dachte, Oh, Haben die mich jetzt im Visier, oder ist es nur ein Routineableuchten? Jedenfalls hab ich dann kurz ausgeatmeten und durch mein vieles Blei, was ich um hatte, bin ich sofort ein paar Zentimeter unterhalb der Wasseroberfläche verschwunden. Und ich wusste, ich kann so circa zwei Minuten oder etwas mehr, die Luft anhalten und in der Hoffnung, dass dann wirklich das Licht weg war. Und so war es dann auch. Als dann ich wieder auftauchen musste, war das Licht denn auch vorüber und ich habe mich dann gleich noch mal orientiert. Wie weit hätt ich es denn noch? Es war nicht mehr so weit.
SPRECHERIN:
Nach eineinhalb Stunden im eiskalten Wasser, kommt Hubert Hohlbein unweit des Fernmeldeturms an. Westdeutsche Polizisten haben ihn schon beobachtet und bringen ihn zum Aufwärmen in die nächstgelegene Station. Seine geglückte Flucht macht Hubert Hohlbein Mut - Mut auch anderen zu helfen. Wenige Monate nach seiner gelungenen Flucht schließt er sich im Frühjahr `64 der Fluchthelfergruppe um Wolfgang Fuchs an. Die plant einen Fluchttunnel vom Keller einer stillgelegten Bäckerei in der Bernauer Straße unter dem Todesstreifen hindurch nach Ostberlin.
Musik
SPRECHERIN:
Über ein halbes Jahr lang graben bis zu 35 Mann einen 12 Meter tiefen Schacht. Die Fluchthelfer arbeiten unentgeltlich in Schichten, leben spartanisch tagelang am Stück in den Kellerräumen. Am 2. Oktober `64 ist es so weit: Der Tunnel ist nun 145 Meter lang. Das Ziel, einen Keller in der Strelitzer Straße, haben die Studenten zwar verfehlt, doch dafür landen sie im Innenhof des Hauses - in einem stillgelegten Klohäuschen. Die perfekte Tarnung. Bereits am Abend des nächsten Tages soll die Aktion starten. Vier Fluchthelfer robben durch den Tunnel in den Osten, um dort die Flüchtlinge im Innenhof des Hauses zu empfangen. Einer der Helfer ist Hubert Hohlbein:
11 O-TON Hubert Hohlbein:
Dieses Draußen-stehen in dem Moment, so hilflos, wir waren zwar allerdings mit einer Pistole bewaffnet, aber wir hatten es eigentlich nur für unsere eigene Beruhigung dabei. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir sie unbedingt brauchen würden. Und dann, wie die ersten Flüchtlinge kamen, das war natürlich ein innerer Jauchzer, dass es nun so weit geklappt hat, dass ich den ersten Flüchtling jetzt ins Loch runtergelassen habe, das war meine Aufgabe in unserer Vierertruppe und der dann nun verschwand, da dachte ich, so, ein haben wir jetzt erst mal durch.
Musik
SPRECHERIN:
28 Flüchtlinge lässt Hohlbein am ersten Abend in den Tunnel gleiten. Alle kommen sicher im Westen an, darunter auch seine Mutter. Diese Aktion wird später als eine der erfolgreichsten Massenfluchten aus der DDR in die Geschichte eingehen. 57 Menschen erreichen an zwei Tagen Westberlin – daher der Name ‚Tunnel 57’. Doch mit diesem Namen ist auch das tragische Ende der Aktion verbunden:
Kurz vor Mitternacht kommen zwei weitere vermeintliche Fluchtwillige. Sie wollen unbedingt noch einen Freund nachholen, wie sie sagen. Doch in Wirklichkeit verraten sie den Tunnel. Die Fluchthelfer sitzen in der Falle.
Als Soldaten den Hof stürmen fallen mehrere Schüsse, auch ein Fluchthelfer schießt. Einer der Soldaten scheint getroffen! Die Fluchthelfer nutzen die Situation, um sich über den Hof zum Toilettenhäuschen zu retten.
12 O-TON Hubert Hohlbein:
So schnell bin ich noch nie gelaufen, weil wir doch befürchteten, dass sie uns gleich entdeckt hatten, wie wir dort verschwanden. Und es ist nicht das erste Mal gewesen, dass dann Granaten oder Handgranaten hinterhergeworfen worden sind. Und dann wären uns die Lungen zerfetzt worden in dieser engen Röhre.
Wir sind denn nur rasch rein in den Tunnel und wir haben uns dabei noch verkeilt und sind dann aber doch glücklich durchgekommen und so schnell wie möglich vom Osteingang zum Westausgang gerobbt.
TC 17:01 - Aufarbeitung
SPRECHERIN:
Als sie in der Bäckerei ankommen, herrscht Erleichterung. Doch bereits am nächsten Morgen folgt der Schock. Wie DDR Medien berichten, ist ein Grenzsoldat erschossen worden: der 21-jährige Unteroffizier Egon Schultz. Ein Grundschullehrer, der seinen Militärdienst ableistete. Sympathisch, allseits beliebt.
In den folgenden Wochen wird Egon Schultz zum Held stilisiert und die Fluchthelfer zu einer Bande Krimineller, die über Leichen geht.
Vor allem der Schütze, der Medizinstudent Christian Zobel, kann sich bis zu seinem Tod davon nicht mehr erholen.
13 O-TON Hubert Hohlbein:
Der machte sich natürlich große Gedanken, denn es war ja immerhin so, dass er tatsächlich geschossen hat, dass er einen getroffen hat. Aber das ist nun gleich tödlich war, das wollte er erstens gar nicht, und zweitens konnte er sich das auch kaum vorstellen. Und die Presse war jetzt aber auf diesem Trip im Osten, dass wir ihn bewusst erschossen haben. Und darunter litt er sehr, sehr, sehr...
SPRECHERIN:
Als Christian Zobel 1992 stirbt, ist er im festen Glauben, Egon Schultz erschossen zu haben, und in den Augen vieler Tausender Menschen steht er als Mörder da. Erst nach der Wende wird eine der ungeheuerlichsten Lügen der DDR Geschichte enthüllt.
14 O-TON DR MARIA NOOKE:
Wir wissen erst aus den Stasi-Unterlagen, dass es tatsächlich so war, dass der Fluchthelfer zwar irgendwie in seiner Panik mehrere Schüsse abgegeben hat, aber nicht gezielt. Und er hat den Grenzer mit einem Schuss getroffen. Das war ein Steckschuss, der aber nicht tödlich war. Und in dieser Situation hat der Stasi-Offizier dann einen Befehl zum Schießen gegeben, und einer der herbeigeholten Grenzsoldaten hat dann seine Kalaschnikow auf Dauerfeuer gestellt und in den Hof gehalten. Und dabei hat er seinen eigenen Kameraden hinterrücks erschossen.
SPRECHERIN:
Für Christian Zobel war es dann zwar schon zu spät, aber die Mutter von Egon Schultz und viele der anderen Fluchthelfer konnten die Wahrheit noch erfahren. Dr. Maria Nooke ist seit 2017 Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Sie kennt viele Fälle, in denen Betroffene erst durch die konsequente Aufarbeitung der DDR-Zeit beginnen können, mit ihrem Leben wieder klarzukommen.
15 O-TON DR MARIA NOOKE:
Aufarbeitung heißt, die Fakten auf den Tisch zu legen, auch das, was schwer zu ertragen ist, zu benennen und die Möglichkeit zu schaffen, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die auch unterschiedliche Positionen hatten und vielleicht auch heute noch unterschiedliche Positionen haben.
SPRECHERIN:
Mit unterschiedlichen Positionen hat Dr. Nooke Erfahrung. Als die zentrale Gedenkstätte der Mauertoten für die Stiftung Berliner Mauer erarbeitet wurde, setzte Sie sich dafür ein, auch die bei Fluchtversuchen im Dienst getöteten Grenzsoldaten als Opfer der Mauer zu würdigen. Auch ihre Bilder sollten mit den getöteten Flüchtlingen auf dem Fenster des Gedenkens erscheinen. Doch bis heute stehen ihre Namen nur auf einer Stele in unmittelbarer Nähe des Fensters.
16 O-TON DR MARIA NOOKE:
All diese Biographien zusammengenommen zeigen einfach diese Auswirkungen der Diktatur. Deswegen habe ich mich sehr dafür eingesetzt, dass auch die getöteten Grenzer mit auf das Fenster des Gedenkens kommen. Das ist dann im Ergebnis der sehr kontrovers geführten Diskussion mit einer knappen Mehrheit im Beirat dagegen entschieden worden. Ich halte das bis heute für falsch.
Musik
SPRECHERIN:
Wer am Fenster des Gedenkens entlang geht, dem schauen die Gesichter der Maueropfer von Schwarzweiß-Fotos entgegen: Es sind viele junge Männer darunter, aber auch Kinder und Frauen. Sie alle wollten um jeden Preis raus aus der DDR. Ihr Tod zeugt auch davon, dass mit dem Mauerbau die kommunistische Utopie von einem besseren Leben endgültig zu Ende geht.
17 O-TON DR MARIA NOOKE:
Es gibt eine Filmaufnahme von einer Unterrichtstunde zum Thema Mauerbau aus dem 75 oder 76 was in der Humboldt Universität mitgeschnitten wurde und da sieht man wie die Jugendlichen, 10. Klasse, sich diesem Thema annähern und wie die Lehrerin sich müht, ihnen klar zu machen, dass der Mauerbau notwendig war, um den Weltfrieden zu erhalten, und dass das eben ein Antifaschistischer Schutzwall war, und wenn man sich die Jugendlichen ansieht, dann sieht man, dass es sie nur langweilt. Es langweilt sie und es interessiert sie nicht, und sie beten das von ihnen Geforderte daher; aber man merkt, dass es nicht Überzeugung ist und das ist so typisch für diese Zeit, also das ist genau meine Generation, so habe ich das auch erlebt in der Schule, dass man etwas vermittelt bekam, was aber nicht in den Herzen der Kinder und Jugendlichen gelandet ist.
Musik
SPRECHERIN:
Spätestens die Generation nach dem Mauerbau kann die Partei mit Begriffen wie „antifaschistischer Schutzwall“ also nicht mehr erreichen.
TC 22:13 – Outro
Die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs waren gerade erst ein halbes Jahr eingestellt, doch nun standen alliierte Truppen bereit, um in Deutschland einzumarschieren. Ende Juni 1919 sollte die deutsche Delegation ultimativ die Bestimmungen des Versailler Vertrags unterzeichnen, sonst wollten die Alliierten die Unterschrift erzwingen. Die deutsche Seite hatte die Vertragsbedingungen zunächst als "unerträglich" zurückgewiesen. Jetzt gab sie nach. Von Thomas Morawetz (BR 2010)
Credits
Autor: Thomas Morawetz
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Thomas Loibl
Technik: Lydia Schön-Krimmer
Redaktion: Brigitte Reimer
Im Interview: Eberhard Kolb
Linktipps:
ARD alpha (2019): Gewaltfrieden – Die Legende vom Dolchstoß und der Vertrag von Versailles
Mai 1919: Deutschland hat den Krieg verloren, seinen Kaiser gestürzt und die Alliierten stehen einmarschbereit am Rhein. Der darauffolgende "Gewaltfrieden" von Versailles und dessen Instrumentalisierung trugen bereits den Keim des noch viel grausameren Zweiten Weltkriegs in sich. Basierend auf Originaldokumenten erzählt Regisseur Bernd Fischerauer in dem zweiteiligen Dokumentarspiel „Gewaltfrieden“ die bewegende Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Waffenstillstandsabkommen und Friedensvertrag. JETZT ANSEHEN
ZDF (2021): Der deutsche Abgrund – Saat der Gewalt 1918 – 1922
Am Anfang steht die Verheißung von alter Größe und neuer Ordnung, am Ende millionenfacher Mord. Was dazwischen liegt, ist eine Warnung der Geschichte. JETZT ANSEHEN
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:33 - Kapitulation
TC 06:34 – Die „Friedensmacher“
TC 11:33 – Eine neue Deutschlandkarte
TC 15:18 – Der Preis der Schuld
TC 22:13 – Vom Dolchstoß und Novemberverbrechern
TC 24:00 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ZITATOR (Liest monoton)
„Deutschland: 1.800.000 Tote. Frankreich: 1.400.000 Tote. Großbritannien: 910.000 Tote“
ERZÄHLERIN
Das Ende. Der große Krieg, der Weltkrieg, ist vorbei.
ZITATOR
„Österreich-Ungarn: 1.200.000 Tote. Russland: 1.700.000 Tote. USA: 115.000 Tote“
ERZÄHLER
Schlussstrich. Auf der ganzen Welt ist die Menschheit in die roten Zahlen geraten.
ZITATOR
„Italien: 460.000 Tote. Türkei : 320.000 Tote. Bulgarien : 90.000 Tote.“
ERZÄHLERIN
Doch nun soll der Frieden kommen, und mit ihm – die Rechnung.
ERZÄHLER
Die Rechnung. Wer muss sie bezahlen? Der Verlierer? Deutschland, das Kaiserreich Wilhelms II., ist sicher nicht der einzige Verlierer des Ersten Weltkriegs, aber der größte.
ERZÄHLERIN
Deutschland war die Führungsmacht der Mittelmächte mit Österreich-Ungarn, später schlossen sich das Osmanische Reich und Bulgarien an. Gewonnen haben die Mächte der Entente, Frankreich und Großbritannien. Russland ist am Ende ausgeschieden, das alte Zarenreich wurde weggefegt von Lenins Revolution. Dafür sind die USA auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Etwa drei Viertel der Erdbevölkerung sind am Ende in das große Töten verstrickt.
MUSIK
ERZÄHLER
Dann also der Zahltag. Am 28. Juni 1919 muss Deutschland im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles die „Rechnung“ unterschreiben. Der Vertrag beinhaltet drakonische Bestimmungen. Nach der Kriegskatastrophe eine Friedenskatastrophe, ein Schandfrieden, so sehen es in Deutschland die Politiker der jungen Weimarer Demokratie und auch die Bevölkerung. Die Deutschen fühlen sich zutiefst gedemütigt. Mit der Unterschrift unter den Versailler Vertrag sollen sie die Alleinschuld am Krieg eingestehen.
TC 02:33 - Kapitulation
ERZÄHLERIN
Die Szene im Versailler Spiegelsaal ist legendär. Sie ist die Inszenierung einer gewollten Demütigung. An die 1.000 Personen sind versammelt. Der britische Diplomat Harold Nicolson erinnert sich:
ZITATOR (Nicolson)
„Wir betreten den Spiegelsaal. Drüben, am anderen Ende steht die Presse bereits dicht gedrängt. In der Mitte steht eine hufeisenförmige Tafel für die Bevollmächtigten. Davor, wie eine Guillotine, der Tisch, an dem die Unterzeichnung vor sich gehen soll.“
ERZÄHLER
Der Regisseur der Inszenierung ist der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, 77 Jahre alt. „Bringen Sie die Deutschen herein!“ befiehlt er den Saaldienern:
Kurz darauf schreiten Außenminister Herman Müller, ein Sozialdemokrat, und Johannes Bell, ein Zentrumsminister, mit gesenkten Blicken durch den Saal:
ZITATOR MÜLLER
„Wir fühlten, dass 1.000 Blicke auf uns gerichtet waren. Am Tisch angelangt, zog ich meinen Füllfederhalter und unterschrieb. Nach mir Dr. Bell. Zurück zu unseren Plätzen. Es war vorüber.“
ERZÄHLERIN
Die Unterzeichnung hätte auch an einem neutralen Ort stattfinden können. Aber der Spiegelsaal in Versailles wurde auf besonderen Wunsch Clemenceaus ausgewählt. Rund 50 Jahre zuvor, am 26. Februar 1871, mussten nämlich hier unter umgekehrten Vorzeichen die Franzosen den Vorfrieden von Versailles zum Ende des deutsch-französischen Kriegs unterzeichnen. Ein Schicksalsmoment in den deutsch-französischen Beziehungen. Denn gleichzeitig wurde der Preußenkönig Wilhelm zum Kaiser eines erstmals geeinten Deutschen Reichs ausgerufen worden.
ERZÄHLER
Frankreich wurde zur Zustimmung gezwungen: ein geeintes Deutschland als künftige neue Großmacht in Europa, als starker Konkurrent um einen Platz an der Sonne, im Kampf um Kolonien weltweit. Deutschland war zum französischen Trauma geworden. Und nun war der Tag der Rache gekommen.
ERZÄHLERIN
Die Verbitterung in Deutschland über diesen Frieden ist umso größer, als noch ein Jahr zuvor kaum jemand im Reich an eine Niederlage dachte. Zur Jahreswende 1917/18 scheint noch einmal alles offen: Russland ausgeschieden aus dem Krieg und die USA noch nicht so recht dabei. Jetzt oder nie! - heißt das im Frühjahr für die Oberste Heeresleitung, die OHL. Eberhard Kolb, Historiker an der Universität Köln:
Zusp. Kolb
„Es war klar, die Zeit arbeitet gegen Deutschland nach dem Kriegseintritt der USA. Und deshalb kam also die Entschlossenheit, möglichst rasch einen entscheidenden Erfolg an der Westfront zu erringen, das war die Frühjahrsoffensive „Michael“, die am 21. März begonnen hat, aber schon nach 14 Tagen im Wesentlichen gescheitert war ein Geländegewinn bis zu 60 km, aber nicht der strategische Durchbruch, der geplant war, der war nicht gelungen.“
ERZÄHLER
Doch die OHL mit den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gesteht den Misserfolg nicht ein, der Bevölkerung nicht und tragischerweise auch nicht der eigenen Regierung.
Zusp. Kolb
„Es war wahrscheinlich eine Stimmung so erwartungsvoll und hoffnungsvoll, wie sie nach dem Sommer 1914 nicht mehr gewesen war.“
ERZÄHLERIN
Dann, am 1. Oktober 1918 der Schock. Ludendorff schenkt – noch vor der Regierung! – seinen Offizieren reinen Wein ein: Es ist aus. Der Krieg ist verloren. Jetzt gebe es nur noch die Möglichkeit, in Deutschland wenigstens eine bolschewistische Revolution wie in Russland zu vermeiden: Sofort einen Waffenstillstand herbeiführen über den amerikanischen Präsidenten Wilson auf Grundlage seiner Vierzehn Punkte.
TC 06:34 – Die „Friedensmacher“
ERZÄHLER
Präsident Woodrow Wilson. Wenn der Franzose Clemenceau für die Ängste der Deutschen steht, bedeutet der Amerikaner Wilson für die Deutschen Hoffnung. Erst im Januar des Jahres hat er mit seinem Friedensprogramm großes Aufsehen erregt. Die wesentliche Idee: Die Welt braucht eine umfassende Friedensordnung, die auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beruht.
ERZÄHLERIN
Wilson ist ein erklärter Gegner von autoritären Regierungen. Der deutsche Kaiser kann also nicht mit ihm verhandeln. Und so fällt die OHL im deutschen Hauptquartier eine dramatische Entscheidung: Man entschließt sich für eine „Revolution von oben“! Die vom Kaiser ernannte Reichsleitung wird aufgelöst. Eine neue Regierung soll übernehmen.
ERZÄHLER
Doch woher nehmen? Jetzt gelingt ein Coup, der viele spätere Propagandakämpfe um den Versailler Frieden einleitet: Bislang sind die Mehrheitsparteien im Reichstag, Sozialdemokraten, Liberale und katholisches Zentrum nicht an der Regierung beteiligt. Sie gelten als oppositionell, als unsichere Kantonisten.
ERZÄHLERIN
Opposition! Für die Generalität ein Phänomen nahe am Landesverrat. Jetzt, in der Stunde ihres militärischen Offenbarungseids kommt die Opposition gerade recht als Sündenbock. Ludendorff am 1. Oktober, als er die Niederlage eingesteht:
ZITATOR (Ludendorff)
„Die sollen nun den Frieden schließen, der geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.“
ERZÄHLER
Und genauso kommt es. Zunächst nimmt eine Übergangsregierung Kontakt zu Wilson auf.
Wochen später liegt die alliierte Antwort vor. Darin heißt es: Die Alliierten sind zum Friedensschluss mit Deutschland bereit auf der Basis der 14 Punkte Wilsons.
ERZÄHLERIN
Also geschafft? Ist jetzt der ersehnte „Wilson-Frieden“ in Reichweite? In Deutschland herrscht keine Entspannung. Denn inzwischen ist tatsächlich die Revolution ausgebrochen. Im ganzen Land bilden sich Soldatenräte. Im Chaos verkündet die Übergangsregierung die Abdankung des Kaisers – ohne dessen Zustimmung.
Zusp. Philipp Scheideman
„Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen, es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!“
ERZÄHLER
Philipp Scheidemann am 9. November in Berlin. In letzter Sekunde ruft er die Republik aus, sonst hätten revolutionäre Truppen die bolschewistische Revolution verkündet. Am Tag darauf steht eine neue Regierung. Deutschland hat nun pünktlich zum Zusammenbruch eine Regierung aus Zivilisten.
ERZÄHLERIN
Inzwischen ist die deutsche Waffenstillstandskommission an die Westfront aufgebrochen. Eine nächtliche Fahrt führt in den Wald von Compiègne. Dort die erste direkte Begegnung mit dem Sieger, mit Marschall Foche, dem Verhandlungsführer der Alliierten. Das Treffen verläuft eisig. Deutschland muss sich fast völlig entwaffnen lassen. Gleich zu Beginn erklärt der Marschall:
ZITATOR
„Ich habe keine Vorschläge zu machen.“
ERZÄHLER
Das heißt: Verhandelt wird nicht – unterschreiben! Und so geschieht es. Am 11. November 1918 schweigen die Waffen nach über vier Jahren.
ERZÄHLERIN
Was für ein Dilemma! Die Deutschen, die nun den Frieden für ihr Land schließen müssen, sind nicht die Deutschen, die den Krieg vier Jahre lang verantwortlich geführt haben. Kaiser und Generäle haben sich bereits aus der Verantwortung gestohlen.
MUSIK
ERZÄHLER
Am 18. Januar 1919 beginnen in Paris die Friedensverhandlungen. Ohne Deutschland. Der Besiegte bleibt ausgeschlossen, wenn nun die „Friedensmacher“ die Rechnung aufstellen.
ERZÄHLERIN
Wer sind die Friedensmacher? Eine Vollversammlung der Siegermächte hat über 1000 Beteiligte, sie tritt nur selten zusammen. Aber immerhin: An den Verhandlungen in 58 Ausschüssen und etlichen Beraterstäben sind an die 10.000 Personen beteiligt. Die eigentlichen Hauptfiguren in Paris, die wahren Friedensmacher, sind jedoch die Männer im so genannten Rat der Vier: der Franzose Georges Clemenceau, der Amerikaner Woodrow Wilson, der Brite David Lloyd George und der Italiener Vittorio Emanuele Orlando, der sich jedoch bald zurückzieht.
ERZÄHLER
Der Programmchef ist Woodrow Wilson: Seine 14 Punkte sind die Grundlage aller Friedensanstrengungen. Und entsprechend pocht Wilson darauf, wenn der Friede Zukunft haben soll, muss er durch ein neues internationales politisches Gebilde gesichert werden – den Völkerbund.
ERZÄHLERIN
Tatsächlich wird eine entsprechende Völkerbundsatzung schon Mitte Februar verabschiedet. Das wichtigste Ziel der neuen Staatenorganisation ist die Sicherung der territorialen und politischen Unabhängigkeit der Mitgliedsstaaten.
TC 11:33 – Eine neue Deutschlandkarte
ERZÄHLER
Soweit, so gut, doch die Interessen Frankreichs sind weniger theoretisch. Frankreich hat klare Sicherheitsinteressen und Gebietsansprüche gegenüber Deutschland. Eberhard Kolb:
Zusp. Kolb
„Also, über Elsass-Lothringen brauchte nicht mehr diskutiert zu werden, das war von vorne herein entschieden, dass dieses ohne Volksabstimmung an Frankreich kommen würde. Das war in Wilsons Punkten schon so vorgesehen, darüber wurde nicht diskutiert. Was ist dann im Westen? Dann ist es das linksrheinische Deutschland. Und darum ging der Kampf. Saargebiet: Konnten Wilson und Lloyd-George verhindern, dass es einfach abgetreten würde an Frankreich, sondern man hat sich dann geeinigt, Verwaltung des Völkerbunds, wirtschaftlicher Anschluss an Frankreich, […] nach 15 Jahren eine Volksabstimmung, ob das Saargebiet zu Deutschland zurückkehren wollte, bei Frankreich bleiben wollte oder unter Völkerbundsverwaltung bleiben wollte. Das war also das Saargebiet. Aber das linksrheinische Deutschland war ja viel größer. […] Und hier war in den französischen Führungskreisen und zwar quer durch die politischen Gruppierungen schon seit 1914 und in den stärksten Bedrängnissen der Franzosen, war die Entschlossenheit, das linksrheinische Deutschland vom Reich abzutrennen, einhellig. Und darum wurde gekämpft.“
ERZÄHLERIN
Und Frankreich verliert. Die Briten wollen kein allzu mächtiges Frankreich, immerhin steht man weltweit in Konkurrenz zueinander in den Kolonialgebieten. Und Wilson – er fürchtet um seine gerechte Friedensordnung, wie so oft während dieser Wochen in Paris, wenn die Großen Drei immer wieder ihre Rollen wechseln, mal Haifisch in eigener Sache, mal Notarzt für die Welt. Weitgehend einig ist man sich allerdings bei den riesigen Gebietsverlusten, die Deutschland im Osten hinnehmen soll. Eberhard Kolb:
Zusp. Kolb
„Das heißt, dass also an Deutschlands Ostgrenze ein starker Staat entstehen muss, nämlich Polen, […] und dieses Polen also als Kern eines Cordon Sanitaire […] zwischen Deutschland und Russland, das zu diesem Zeitpunkt ja noch im Bürgerkrieg stand mit allerdings deutlichen Vorteilen für die Sowjetmacht …“
ERZÄHLER
Die Sowjetmacht! Gegen den Bolschewismus wollen die kapitalistischen Friedensmacher unbedingt einen Cordon Sanitaire, einen Sicherheitspuffer, einbauen! Denn im Bolschewismus fürchten sie eine unberechenbare Gefahr für ihre neue Weltordnung.
ERZÄHLERIN
Die Deutschen verlieren also große Gebiete im Osten. Der Verlust des größten Teils von Posen und Westpreußen an Polen, zeigt wie drastisch die Einbußen sind:
Auf der neuen Deutschlandkarte ist Ostpreußen plötzlich vom übrigen Reich abgeschnitten. Dazwischen liegt künftig der so genannte Danziger Korridor. Ohne Volksabstimmung, wie es Wilsons Gedanke der Selbstbestimmung der Völker eigentlich verlangen würde.
ERZÄHLER
Im Westen wie im Osten verliert Deutschland insgesamt über ein Achtel seines Staatsgebiets und über ein Zehntel seiner Bevölkerung. 15% der landwirtschaftlichen Produktion gehen verloren, 50% der Eisenerzversorgung, 25% der Steinkohleförderung.
ERZÄHLERIN
Ganz zu schweigen vom Verlust der deutschen Kolonien mit einer Ländermasse von der sechsfachen Größe Deutschlands. Mit den Kolonien verliert Deutschland auch seine Flotte. Der Vertrag gestattet Deutschland nur noch 15.000 Mann Marine. Vor allem die Briten haben ein großes Interesse daran, den früher so ehrgeizigen Konkurrenten auf den Weltmeeren auszuschalten.
TC 15:18 – Der Preis der Schuld
ERZÄHLER
Noch härter trifft Deutschland die Beschränkung seiner Armee auf 100.000 Mann Berufsheer. Verboten sind künftig auch moderne Waffen, also Panzer, U-Boote und Luftwaffe.
ERZÄHLERIN
Dann die wirtschaftlichen Bestimmungen des Vertrags: kompliziert im Detail und widersprüchlich in der großen Linie. Einerseits sollen die deutschen Ressourcen extrem beansprucht werden, andererseits soll Deutschland erhebliche Reparationsleistungen bezahlen.
ERZÄHLER
Das Stichwort Reparationen berührt wie keine andere Bestimmung den Charakter des Vertrags. Wie hoch wird also die Rechnung, die Deutschland materiell begleichen soll? Unter den Großen Drei steht Wilson in dieser Frage allein. Eberhard Kolb:
Zusp. Kolb
„Franzosen und Engländer waren in diesem Punkt sich einiger. Vor allem eben die Engländer, die hätten bei der ursprünglichen Formulierung, dass nur Kriegsschäden ersetzt werden – wären sie relativ leer ausgegangen, denn in Großbritannien gab es praktisch keine eigentlichen Kriegszerstörungen, wohl aber gab es viele tote Briten, deren Familien versorgt werden mussten. Aus diesem Grund haben die Briten ganz energisch eine Ausweitung des Reparationsbegriffes verlangt, und auf diese Weise kamen eben die exorbitanten Reparationsforderungen zustande, denen sich die Franzosen sich natürlich auch angeschlossen haben, die aber im Vertrag selbst nicht beziffert sind. Es wurde im Vertrag nur festgelegt, dass 1921 eine Reparationskommission die Zahlen dann erarbeiten sollte, und 1921 diese Zahlen den Deutschen mit einem Zahlungsplan zugestellt würden.“
ERZÄHLERIN
Auch wenn die genaue Höhe der Summe einstweilen noch offen bleibt, soviel ist gewiss: Deutschland soll im Grunde für die gesamten Kriegskosten seiner Gegner aufkommen – eine unglaubliche Summe steht damit im Raum!
ERZÄHLER
Wie soll das begründet werden? Immerhin verstehen sich die Friedensmacher als Gestalter eines Rechtsfriedens und nicht eines Gewaltfriedens, bei dem der Sieger den Gegner einfach ausnimmt. Um also ihre Ansprüche zu begründen, schreiben sie den später berüchtigten Artikel 231 in den Vertrag. In dem heißt es:
MUSIK
ZITATOR:
„Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und alle Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Angehörigen des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.“
ERZÄHLERIN
Bis heute wird der Artikel leidenschaftlich diskutiert. Behauptet er eine moralische Alleinschuld Deutschlands an der Gesamtkatastrophe des Ersten Weltkriegs? Oder nur eine juristische Verantwortung? Immerhin ist hier noch von Deutschland und seinen Verbündeten gemeinsam die Rede. Doch davon rücken die Alliierten später ab. In Deutschland jedenfalls wird dieser Artikel für einen Aufschrei der Empörung sorgen. Durch ihn bekommt Versailles das Stigma „Schandfrieden“.
ERZÄHLER
Noch ahnt in Deutschland niemand, was sich in Paris zusammenbraut. Solange die Sieger verhandeln, heißt es abwarten. Ende April, bricht die Friedensdelegation endlich auf nach Versailles. Am 7. Mai übergibt Clemenceau dem deutschen Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau die Friedensbedingungen mit den Worten:
ZITATOR (Clemenceau)
„Die Stunde der Abrechnung ist da. Sie haben um Frieden gebeten, wir sind geneigt, ihn Ihnen zu geben.“
ERZÄHLERIN
Ein klarer Ton. Brockdorff-Rantzau würzt seine Antwortrede mit einer provozierenden Geste. Demonstrativ bleibt er sitzen. Vor Wut zerbricht Lloyd George einen Brieföffner, Clemenceau läuft rot an. Nach Bekanntwerden der Friedensbedingungen sind die Deutschen hell entsetzt.
ERZÄHLER
Fünf Tage später, Berlin: Krisensitzung der Nationalversammlung. Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann von den Sozialdemokraten ist außer sich:
ZITATOR (Scheidemann)
„Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?“
ERZÄHLERIN
Rettungsversuche. Die deutsche Delegation in Versailles im Notenwechsel mit den Siegern. Doch am Ende lässt sich am Vertrag nicht rütteln. Am 16. Juni präsentieren die Sieger eine Mantelnote …
Zusp. Kolb
„[…] und da wurde nun die deutsche Kriegsschuld viel schärfer formuliert, als in dem Artikel 231, wo nur von einer Haftung die Rede ist.“
ERZÄHLER
Nun heißt es:
MUSIK
ZITATOR (Alliierte Mantelnote)
„Indessen beschränkt sich die Verantwortlichkeit Deutschlands nicht auf die Tatsache, den Krieg gewollt und entfesselt zu haben. Deutschland ist in gleicher Weise für die rohe und unmenschliche Art, auf die er geführt wurde, verantwortlich.“
ERZÄHLERIN
Gewollt und entfesselt: Damit sind die Ereignisse vom Juli 1914 gemeint, die zum unmittelbaren Kriegsbeginn geführt hatten. Tatsächlich ist die deutsche Verantwortung für den Ausbruch der Feindseligkeiten in diesen Tagen unbestreitbar. Doch diese Perspektive berücksichtigt die weiteren Zusammenhänge nicht, sie ist bis heute umstritten. Für die Deutschen in Versailles steht jedenfalls unbedingt fest: Der Große Krieg war ein Verteidigungskrieg. Jetzt daran die Alleinschuld tragen zu sollen, ist blanke Infamie.
ERZÄHLER
Mit der Mantelnote ergeht ein Ultimatum. Wenn Deutschland nicht unterschreibt, werden die Kampfhandlungen wieder aufgenommen. Die Truppen dazu sind bereits am Rhein stationiert.
ERZÄHLERIN
Die nächsten Tage bis zum 23. Juni ringen in Deutschland Kabinett und Fraktionen. Was soll man tun?! Was kann man wagen? Deutschland ist keiner neuen Konfrontation mehr gewachsen.
ERZÄHLER
Ein allerletzter Versuch: Deutschland sei zum Einlenken bereit – allerdings mit Vorbehalt! Ohne die Kriegsschuld anzuerkennen!
ERZÄHLERIN
Die Alliierten lehnen ab. In dieser Situation spricht sich Reichsministerpräsident Gustav Bauer für die Annahme des Friedens aus. Seine Rede ist auf einem Tondokument erhalten:
Zusp. Gustav Bauer
„[…] hier wird ein besiegtes Volk an Leib und Seele vergewaltigt … Meine Damen und Herren, kein Protest heute mehr, keinen Sturm der Empörung – unterschreiben wir! Das ist der Vorschlag, den ich Ihnen im Namen des gesamten Kabinetts machen muss. Die Gründe, die uns zu diesem Vorschlag zwingen, sind dieselben wie gestern. Nur trennt uns jetzt eine Frist von knappen vier Stunden vor der Wiederaufnahme der Feindseligkeit.“
ERZÄHLER
Die Deutschen nehmen den Frieden an. Tage später fährt der Zug nach Versailles.
TC 22:13 – Vom Dolchstoß und Novemberverbrechern
ERZÄHLERIN
In Deutschland wird der Frieden nicht verwunden. Er wird zur schweren Belastung für die Weimarer Demokratie. Ausgerechnet die Generäle Hindenburg und Ludendorff bringen das Schlagwort vom Dolchstoß unter die enttäuschten Massen. Nicht das Militär, die Zivilisten hätten den Krieg verloren! Allen voran die Novemberverbrecher, die den Waffenstillstand eingeleitet hatten. Eberhard Kolb:
Zusp. Kolb
„[…] und dann kam ja schnell in Umlauf die Vorstellung, […] im Felde unbesiegt hat das deutsche Volk kapituliert, im Felde unbesiegt, was eine schlichte Unwahrheit ist, denn gerade weil die Deutschen im Felde besiegt waren, kam die Kapitulation zustande.“
ERZÄHLER
Am 10. Januar 1920 tritt der Vertrag endgültig in Kraft. Bald kommt es zu schweren Krisen, weil Deutschland mit den Reparationen in Verzug kommt. Erst mit dem Abkommen von Lausanne im Juli 1932 werden die Zahlungen praktisch beendet. Bis dahin hat Deutschland zwar enorme Summen, aber dennoch nur einen Bruchteil der geforderten Reparationen bezahlt.
ERZÄHLERIN
Ein halbes Jahr später wird Hitler Reichskanzler. Sofort fliegen ihm die Herzen der Reichswehrelite zu. Er verspricht, den Versailler Vertrag endgültig zu erledigen, er verspricht die verlorengegangenen Gebiete zurückzuholen. Er verspricht, die alte Herrlichkeit des Militärs wieder herzustellen. Und noch viel mehr. Der Versailler Vertrag – ein Frieden auf schiefer Ebene, ein Frieden, der direkt in den nächsten Krieg führen wird.
MUSIK
TC 24:00 – Outro
Im August 1914 war Deutschland siegesgewiss, doch bald trat Ernüchterung ein. Viele Soldaten und weite Teile der Zivilbevölkerung wurden des Krieges überdrüssig. Aber die deutsche Politik trieb den Krieg unbeirrt weiter - bis zum großen Zusammenbruch im Sommer 1918. Von Rainer Volk (BR 2014)
Credits
Autor: Rainer Volk
Regie: Sabine Kienhöfer, Dorit Kreissl, Andreas Mangold
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Rainer Buck
Technik: Gerhard Wicho
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Gerhard Hirschfeld, Prof. Ulrich Lappenküper, Hans-Peter Tombi (†)
Linktipps:
SWR (2024): Der Ausbruch des Krieges – Tagebücher des Ersten Weltkriegs
Als im Juni 1914 in Sarajewo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet werden, ist Europa ein von Spannungen gezeichneter Kontinent. Der Erste Weltkrieg bricht aus. Die Menschen empfinden es als ihre Pflicht, für das Vaterland in den Krieg zu ziehen. Die junge Kosakin Marina Yurlova will für den russischen Zaren kämpfen. Der 18-jährige Peter Kollwitz zieht für Deutschland an die Westfront; der Landwirt Karl Kasser soll das Großreich Österreich-Ungarn an der Ostfront verteidigen. Im ostdeutschen Schneidemühl, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, fürchtet die zwölfjährige Elfriede Kuhr den Einmarsch der Russen. Im französischen Sedan erlebt der zehnjährige Yves Congar, wie seine Heimatstadt von den Deutschen angegriffen wird. JETZT ANSEHEN
ZDF (2020): Der Preis des Krieges – Erster Weltkrieg
Mit dem Ersten Weltkrieg beginnt das Zeitalter der industriell geführten Massenkriege. Rund 20 Millionen Menschen sterben. Generationen verlieren Zukunft, Gesundheit und Wohlstand. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
m Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:55 – Deutsch-französische Erbfeindschaft?
TC 06:18 - Kriegspropaganda
TC 10:37 – Vom Land auf die See
TC 12:56 – Kriegsmüdigkeit
TC 16:01 – „Verloren haben wir alle“
TC 19:33 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Erzählerin:
Ein Regiment marschiert, von den Bürgern bejubelt, mit Musik aus einer Garnisonsstadt zur Eisenbahn, um an die Front zu kommen; der Bürgermeister spricht, der Regimentskommandeur dankt. Begeisterung, Patriotismus, Opferbereitschaft für das Vaterland – der Kriegsbeginn im August 1914 stößt in der deutschen Bevölkerung auf große Euphorie.
O-Ton Hörbild 1914:
Herr Oberst, ich kann es mir in dieser Bewährungsstunde nicht versagen, im Namen der Stadt und ihrer Einwohner unserem geliebten Regiment „Lebewohl“ zu sagen. Hurra! Hurra!
Erzähler:
Zumindest vermittelt dieses Hörbild einen solchen Eindruck. Diese akustische Szene stammt allerdings aus dem Jahr 1918. Sie ist ein Propagandaprojekt, das eine allseitige Euphorie bei Kriegsbeginn beschwört – das so genannte „Augusterlebnis“ in Deutschland. In Wirklichkeit aber ist die Stimmung im Sommer 1914 sehr vielschichtig. Professor Gerhard Hirschfeld, Mitherausgeber der „Enzyklopädie 1. Weltkrieg“, beschreibt die Atmosphäre:
O-Ton Gerhard Hirschfeld:
Patriotische Begeisterung einerseits, aber auch die Furcht vor der kommenden Ungewissheit, die Sorge um die familiäre und berufliche Existenz. Und vor allen Dingen – das scheint mir sehr wichtig zu sein – die Entladung einer ungeheuren Anspannung.
MUSIK
Erzählerin:
Am 1. August 1914, einem Samstag, befiehlt Kaiser Wilhelm die „Mobilmachung“. Er hat seinem Verbündeten Kaiser Franz Joseph in Wien Beistand gegen Russland versprochen. Der Kriegsplan, der so genannte „Schlieffen-Plan“, stammt von Alfred von Schlieffen und liegt schon seit mehreren Jahren in der Schublade; Schlieffen selbst ist bereits eineinhalb Jahre vor Kriegsausbruch gestorben; trotzdem bleibt sein Nachfolger als Generalstabschef Helmuth von Moltke bei dessen Ideen. Denn das Kalkül der Deutschen ist unverändert: ein Zweifrontenkrieg im Osten und Westen muss vermieden werden. Deshalb soll als erstes Frankreich in einem kurzen Feldzug besiegt werden. Russland brauche für seine Mobilisierung sehr viel länger, da könne man also warten – so glaubt man in Berlin.
TC 02:55 – Deutsch-französische Erbfeindschaft?
Erzähler:
Frankreich und Deutschland sind damals seit vielen Jahrzehnten – eigentlich Jahrhunderten – tief zerstritten; alle reden von ‚Erbfeindschaft’ und haben noch den Krieg von 1870/71 vor Augen. Aber die Rivalität der beiden Nachbarländer ist nicht die Hauptursache für den Ausbruch des Weltkrieges. Der Historiker Professor Ulrich Lappenküper skizziert die Interessen des Deutschen Reiches:
O-Ton Ulrich Lappenküper:
Es ging dem deutschen Kaiserreich ja in erster Linie darum, die englische Suprematie zur See zu brechen. Notwendig war, und da kommt nun der Schlieffen-Plan tatsächlich ins Spiel, dies aus Sicht des Generalstabs durch den militärischen Sieg über Frankreich.
Erzählerin:
Bereits in der Nacht vom 1. zum 2. August 1914 beginnen deutsche Truppen ihren Vormarsch, zunächst durch neutrale Länder: Infanteristen nehmen den Bahnhof des Örtchens Troisvierges in Luxemburg ein – von dort aus laufen Gleise Richtung Belgien, das die Deutschen auch erobern wollen. Diese ersten Tage des blitzartigen Vormarsches werden in Militärkreisen noch jahrzehntelang als „tolle Zeit“ erinnert. Ein Indiz ist der Radio-Bericht eines Berliner Majors vom Angriff auf Lüttich. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1934:
O-Ton Major Nidda:
Am 1. August früh morgens, ich weiß die Stimmung noch wie heute, fuhren wir fünf Sturmführer der fünf Brigaden von Berlin der Grenze zu. Deutschland in großer Wallung.
Erzähler:
Einen Monat lang eilen die deutschen Truppen im Westen von Sieg zu Sieg – bei rasch steigenden Verlusten. Geradezu mythischen Stellenwert erlangen Berichte von Rekruten, die frisch vom Abitur an die Front geschickt wurden und beim ersten Sturmangriff bei Langemarck in Flandern mit der Nationalhymne auf den Lippen fallen. Doch der Versuch, die französische Armee und ein britisches Expeditionskorps vernichtend und endgültig zu schlagen, misslingt: An der Marne und am Flüsschen Somme können die Alliierten die Front stabilisieren. Damit beginnen vier Jahre Stellungskrieg – auch in Elsass-Lothringen, das 1871 von Deutschland annektiert wurde.
MUSIK & ATMO
Erzähler:
Unterwegs am „Hartmannsweilerkopf”, einem großen Bergrücken der Vogesen nordwestlich von Mulhouse. Hier sind bis heute Spuren der einzigen Front auf damals „deutschem Boden” zu sehen. Um die ehemaligen Befestigungs-Anlagen und eine Chronik der dortigen Kämpfe kümmert sich ein deutsch-französischer Verein, den der mittlerweile verstorbene Hans-Peter Tombi gegründet hat. Auf einer seiner Führungen steht er auf einer Kuppe und deutet in Richtung Westen:
O-Ton Hans-Peter Tombi:
Das war das Ziel der Franzosen: Dieser Ausblick – rein in die Ebene vom Elsass. Denn von hier aus konnte man das Artillerie-Feuer steuern und leiten und die Deutschen im Tal stören. Es hat natürlich nicht funktioniert, denn die Abwehr des Feindes war den Deutschen bewusst.
TC 06:18 - Kriegspropaganda
Erzählerin:
Ein Blick in den Osten – dort wird 1914 ein Mann eine wichtige Rolle spielen, dessen Name die Deutschen noch lange begleiten wird: Paul von Hindenburg. Den General hat der Kaiser eilig aus der Pension zurück in den aktiven Dienst geholt. Denn an der Ostfront hat die russische Armee doch schneller angegriffen als erwartet. Hindenburg und Ludendorff, sein Chef-Stratege, erhalten dort die Befehlsgewalt - und siegen:
O-Ton Paul von Hindenburg:
Ihr habt einen vernichtenden Sieg über fünf Armeekorps und drei Kavallerie-Divisionen errungen. Mehr als 90.000 Gefangene, ungezählte Geschütze und Maschinengewehre, mehrere Fahnen und viele sonstige Kriegsbeuten sind in unseren Händen. Die geringen, der Einschließung entronnenen Trümmer der russischen Narew-Armee ziehen nach Süden über die Grenze. Die russische Wolga-Armee hat von Königsberg her den Rückzug angetreten. Es lebe seine Majestät, der Kaiser und König. Hurra!
Erzählerin:
Hindenburgs Aufruf an seine Soldaten nach der „Schlacht von Tannenberg”, ist nicht authentisch. Angeblich fand er Ende August 1914 statt, in Wahrheit aber wurde das Tondokument erst 1917 für die deutsche Kriegspropaganda aufgenommen.
Erzähler:
Anders als im Westen erstarrt das Kriegsgeschehen im Osten nicht in Gräben und Bunkern: Es herrscht Bewegung, die Deutschen marschieren vor. Die Erfolge werden jedoch durch Siege der Zarenarmee gegen Deutschlands Verbündeten Österreich-Ungarn teilweise zunichte gemacht. Die Gesamtlage bleibt daher prekär. Professor Gerhard Hirschfeld:
O-Ton Gerhard Hirschfeld:
Es ist ein Bewegungskrieg, der massenhafte Verluste bringt. Ohne deutsche Hilfe hätte Österreich-Ungarn diesen Krieg schon früh aufgeben müssen im Osten. Ein Kriegsfeld sollte man unbedingt noch nennen: Das ist der Krieg gegen Serbien – vor allen Dingen deshalb, weil er von ungeheurer Grausamkeit geprägt ist. Und wir verstehen bis heute nicht bestimmte Reaktionen sozusagen in dem serbischen Gefühlshaushalt, wenn wir nicht wissen, was dort während des Ersten Weltkriegs passiert ist.
O-Ton Englischer Gasangriff
Erzählerin:
So klingt der damalige Versuch, einen Gasangriff akustisch einzufangen. Die neue Waffe wird ab April 1915 eingesetzt – zuallererst von Deutschen. Der Chemie-Krieg – mit Senfgas, Blaukreuz, Chlor und anderen Stoffen – soll wieder Bewegung in das erstarrte Frontgeschehen im Westen bringen. Doch letztlich endet auch diese Eskalation in einem „Gleichgewicht des Schreckens“ und bringt nicht den erhofften Sieg im Völkersterben.
Erzähler:
Im Westen dauert der Stellungskrieg also an – und was das bedeutet, zeigt das Beispiel Hartmannsweilerkopf. Hier summiert sich die Zahl der Toten, Verwundeten, Invaliden und Kriegsgefangenen in vier Jahren auf etwa 30.000. Dabei geht es nur um wenige hundert Meter Front. Und dafür wird noch dazu ein gewaltiger materieller Aufwand betrieben: Die Soldaten höhlen den Berghang unterhalb der etwa 950 Meter hohen Kuppe mit Bunkern, Unterständen und Gängen regelrecht aus. Die jeweils dreieinhalbtausend Mann auf beiden Seiten, die in vorderster Linie kämpfen, haben Strom, Wasser, Etagenbetten und ein unterirdisches Operationszimmer. Hans-Peter Tombi erläutert das in einem der Stollen:
O-Ton Hans-Peter Tombi:
Hier in dem Malepartus-Stollen war ein ständiger Arzt. Das heißt, die Schwerverletzten wurden hierher gebracht von der Front durch ein Stollensystem und wurden hier vor dem Weitertransport behandelt.
Erzähler:
Schauplätze wie Verdun sind berühmter als das Elsass. Doch Experten wie Gerhard Hirschfeld meinen: Noch wichtiger als Verdun, weil typischer, sei das Geschehen an der Somme. Hier, im äußersten Norden Frankreichs steht die Front ebenfalls seit Herbst 1914. Allerdings wollen dort Franzosen und Briten in die Gegenoffensive gehen; nach langer Planung leitet schweres Artillerie-Feuer im Sommer 1916 den Angriff ein:
O-Ton Gerhard Hirschfeld:
Wenn man sich die Monate 1916, die die Somme-Schlacht umfasste und zwar vom 1. Juli bis etwa 25. November anschaut, so haben wir ein Ausmaß an Vernichtung, das Verdun weit übersteigt. Wir haben etwa 1,3 Millionen Verluste. Sie liegen doppelt so hoch als wie für Verdun.
TC 10:37 – Vom Land auf die See
MUSIK
Erzählerin:
Da sich der Sieg in einem Landkrieg nicht erzielen lässt, hoffen Militärführung und Öffentlichkeit in Deutschland bald auf andere Waffen – so auch auf die kaiserliche Marine.
Erzähler:
Im Krieg selbst zeigt sich jedoch bald: Die deutsche Schlachtflotte ist der britischen Royal Navy weit unterlegen und dümpelt ab 1916 nur noch in den Häfen vor sich hin. Stattdessen konzentriert die Marineführung ihre Anstrengungen nun auf die U-Boot-Waffe. Da britische Schiffe mit einer Seeblockade das Land von der Einfuhr wichtiger Rohstoffe abschneiden, präsentiert die Marine bereits 1914 ein „Handels-U-Boot“, das unter dem Sperr-Riegel wegtauchen kann. Der Kommandant dieses Boots, Paul König, wird ebenfalls zu einer Schallplatten-Aufnahme gebeten:
O-Ton Paul König:
Dem friedlichen Handel inmitten des Weltkrieges zu dienen und den deutsch fühlenden Herzen drüben in Amerika ein greifbar Zeugnis zu bringen davon, dass Deutschland noch stark in ungebrochener Schaffenskraft besteht und aushalten wird, für seine Ideale und die Freiheit der Meere zu kämpfen, war und wird unsere erste Pflicht sein, auch auf den ferneren Fahrten.
Erzählerin:
Wichtigste Aufgabe der neuartigen Waffe ist der so genannte „unbeschränkte U-Boot-Krieg“: Handels- und Passagierschiffe auch neutraler Staaten sollen versenkt werden. Februar 1917 setzen sich die Befürworter des „unbeschränkten U-Boot-Kriegs“ in Berlin endgültig durch: Torpedos und Kanonen werden nun auf Schiffe aller Arten und Nationalitäten abgefeuert. Für die USA – politisch bereits lange mit Briten und Franzosen auf einer Linie – bietet das den Anlass, die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich einzustellen und Berlin den Krieg zu erklären. Zwar ist vorher bereits in Afrika und im Nahen Osten gekämpft worden – jetzt aber ist endgültig „Weltkrieg“.
TC 12:56 – Kriegsmüdigkeit
MUSIK
Erzähler:
Im November 1916 stirbt Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn, der wichtigste Verbündete des Deutschen Reiches. Wenig später scheint ein Friedensschluss in greifbarer Nähe. In den Chroniken finden sich Waffenstillstands- und Friedensangebote – auch von deutscher Seite. Doch die Alliierten lehnen rundweg ab: Man zweifelt an der Ernsthaftigkeit der Absicht.
Erzählerin:
Spätestens seit diesem Zeitpunkt herrscht in Deutschland ein tiefes Zerwürfnis in der Politik. Konservativ-nationale Kräfte drängen weiterhin auf einen so genannten „Siegfrieden“ mit Gewinnen an Land und Ressourcen. Die Arbeiter und ihre Vertreter dagegen murren: Die ‚kleinen Leute’ spüren die mangelhafte Lebensmittelversorgung im Reich am stärksten – sie haben Hunger, gehen in die Wälder, Kräuter und Beeren pflücken, bekommen Ersatzstoffe, die sie sättigen sollen, und hungern trotzdem weiter. Jede Familie beklagt Gefallene, man ist kriegsmüde. Zumal sich die gesellschaftliche Situation anders entwickelt hat als erhofft: Seit die Generäle Hindenburg und Ludendorff im August 1916 als Chefs der gesamten Heeresleitung eingesetzt worden sind, ist eine Art „Militärdiktatur“ entstanden: Kaiser, Reichskanzler und Parlament haben wenig zu sagen. So verlangen SPD-Abgeordnete im Mai 1917, unter ihnen Philipp Scheidemann, einen Verständigungsfrieden:
O-Ton Philipp Scheidemann:
Es ist genug. Es wäre ein Glück für ganz Europa, wenn wir schnellstens einen Frieden der Verständigung haben könnten.
Erzähler:
Auch an den Fronten ist die Kriegsmüdigkeit 1917 nicht mehr zu übersehen: Selbst einfache Soldaten erkennen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. So kommt es – zum Beispiel an Weihnachten – zu Verbrüderungen über die Schützengräben hinweg. Dort, wo sich über Monate kaum etwas tut und die Stellungen manchmal nur wenige Meter auseinander liegen wie am Hartmannsweilerkopf im Elsass, braucht es für diese verbotenen Momente aber keine Feiertage. Hans-Peter Tombi berichtet:
O-Ton Hans-Peter Tombi:
Da werden etliche Überlieferungen weiter getragen, zum Beispiel ein französischer Elsässer, kocht auf der anderen Seite und der Deutsche fragt: Hhhm, das riecht aber heute gut bei Dir drüben! – Und dann fragt der Elsässer: Haste Hunger? – Dann sagt er: Ja natürlich. – Ja, dann komm’ doch rüber. Und dann hat man zusammen gegessen. Das ging natürlich immer so lange gut, bis die Offiziere das gemerkt hatten.
Erzählerin:
Derartige Anekdoten finden sich immer wieder in verschiedenen Berichten von Truppenteilen und in Feldpostbriefen. Diese Dokumente auf die wahren Kriegserlebnisse hin auszuwerten, ist nicht leicht – denn bestimmte Tabus, wie etwa die Angst vor dem Tod, werden kaum angetippt. Aber eins scheint sicher: Die angebliche „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen wird von vielen im Verlauf des Ersten Weltkriegs überwunden, viele Soldaten sehen sich als Opfer der Politik.
TC 16:01 – „Verloren haben wir alle“
O-Ton Amerikanisch-Französisch-Kurs:
Have you seen any American soldiers? - …where are our headquarters… I want to find my regiment? – Have you seen the enemy… Can you give me any information about the enemy… we are going to attack…
Erzähler:
1917 verlegen die USA erste Truppen nach Europa – hier ein Französisch-Sprachkurs für amerikanische Soldaten aus diesem Jahr. Das wirkt sich auf die Kämpfe in Belgien und Nordfrankreich zwar nur allmählich aus: Die Amerikaner haben keine Kampferfahrung und erleiden anfangs große Verluste. Strategisch gesehen aber zerstört der Auftritt der Amerikaner auf dem Schlachtfeld de facto die letzten deutschen Siegeshoffnungen. Gerhard Hirschfeld:
O-Ton Gerhard Hirschfeld:
Hinter dem Komplex USA verbergen sich ja nicht nur die kriegführenden Truppen. Da ist eine industrielle Macht, da ist eine Kapazität vorhanden, die vor allen Dingen in wirtschaftlicher und auch in moralischer Breite diesen Krieg beeinflussen kann. Und das brachte nicht nur für die kriegführenden Franzosen und Briten einen ungeheuren Aufschwung, sondern eben auch versetzte die Deutschen doch in eine ziemliche Panik.
Erzählerin:
Das schließt die obersten deutschen Generäle ein. Während im Osten in Folge der russischen Revolution bereits Friede herrscht, wird im Westen noch weitergekämpft.
Erst im Sommer 1918 stellen die Deutschen dort ihre letzte Offensive ein, die sie unter Aufbietung aller Kräfte gestartet haben. Die Truppen sehen sich erstmals starken Panzerverbänden gegenüber, denen sie nicht gewachsen sind.
Erzähler:
Das Deutsche Reich ist besiegt. Es stehen keine weiteren Soldaten mehr zur Verfügung, die Materialvorräte gehen zu Ende und die Bevölkerung ist völlig erschöpft, ausgehungert und ausgezehrt. Der berühmt-berüchtigte Steckrübenwinter, die permanente Mangelwirtschaft und die Verluste an der Front führen zu einer allgemeinen Demoralisierung. Die Weigerung Kieler Matrosen, mit den Schiffen der Schlachtflotte ein letztes Mal auszulaufen, führt Ende Oktober zu Unruhen in den Großstädten. Die Generäle erkennen: Der Krieg ist nicht mehr fortsetzbar. Bereits ein paar Monate zuvor haben Ludendorff und Hindenburg gefordert, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Nun, am 11. November 1918, wird in Compiegne bei Paris der Waffenstillstand unterzeichnet; zwei Tage zuvor ist Kaiser Wilhelm nach Holland ins Exil geflüchtet. Er wird noch im gleichen Monat abdanken und für alle Zeiten auf den Thron verzichten.
MUSIK
Erzählerin:
Eine Aufnahme von 1996. Raymond Abescat, ein 105-jähriger Kriegsveteran, singt ein Soldatenlied seiner Einheit aus dem Ersten Weltkrieg. Ein Indiz dafür, wie nachhaltig die Zeugen dieser Zeit von ihr geprägt wurden und dass der Historiker George Kennan recht hatte, als er den Ersten Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ nannte? Die Zahl der Opfer des Ersten Weltkriegs weltweit wird auf etwa 9,5 Millionen Tote und doppelt so viele Verwundete geschätzt. Allein auf deutscher Seite starben etwa 2 Millionen Menschen, auf französischer 1,3 Millionen.
Charles de Gaulle, selbst vor Verdun verwundet und dann Kriegsgefangener in Ingolstadt, bilanzierte die Jahre von 1914 bis 18 später mit dem Satz: „Es gab Sieger und Besiegte, verloren haben wir alle.“
TC 19:33 - Outro
Sarajewo, 28. Juni 1914: Schüsse eines Attentäters treffen Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger vonÖsterreich-Ungarn, und seine Gattin Sophie. Einen Monat später stellt sich heraus: Es waren die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. Die Hintergründe, die zum Ausbruch dieser "Urkatastrophe" führten, sind komplex. Bis heute werden sie intensiv diskutiert. Von Thomas Morawetz (BR 2008)
Credits
Autor: Thomas Morawetz
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Christian Baumann, Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer, Rainer Buck
Technik: Lydia Schön-Krimmer
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Dr. Katrin Boeckh, Dr. Peter Helmberger
Anmerkung der Redaktion: Prof. Dr. Katrin Boeckh war zum Zeitpunkt des Interviews Historikerin am Osteuropa-Institut in Regensburg. Inzwischen arbeitet sie am Leibniz.Institut für Ost- Und Südosteuropaforschung.
Linktipps:
ARD alpha (2014): Europas letzter Sommer – Die Julikrise 1914
Am 28. Juni 1914 wird in Sarajewo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. International nutzen Diplomaten und Staatslenker das Attentat als Vorwand, die eigene Macht zu vergrößern und alte Rechnungen zu begleichen. In nur wenigen Wochen stürzen Kompromisslosigkeit, Größenwahn und blinder Gehorsam den Kontinent in den bis dato größten Krieg der Menschheitsgeschichte. Das Dokumentarspiel von ARD-alpha aus der Reihe "Vom Reich zur Republik" beleuchtet die Zeit zwischen Attentat und Kriegsausbruch, die rückblickend auch als "Julikrise" in die Geschichte eingegangen ist. Im Fokus stehen dabei die komplexen Motivationen und Entscheidungsfindungen der Staatslenker und Diplomaten Europas. Basierend auf Originaldokumenten führt der Film den Zuschauer durch die Arbeits- und Konferenzzimmer der verschiedenen Machtzentren des Kontinents sowie durch die Clubs und Cafés der Hauptstädte, in denen die Gespräche zwischen den beteiligten Diplomaten stattfanden. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2018): Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajewo
Er war der Mann, der 1914 zur Pistole griff und den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau tötet: Gavrilo Princip, Unabhängigkeitskämpfer der Serben und Kroaten und Gegner der österreichisch-ungarischen Monarchie. Seine Tat löste mit den Ersten Weltkrieg aus. Princip starb am 28. April 1918. ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 02:00 – Folgen eines Machtvakuums
TC 05:33 – Die Kriegsschuldfrage
TC 09:12 – Von der Julikrise bis zum Weltkrieg
TC 12:29 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
ATMO Straßengeräusch
SPRECHERIN
Sarajewo, die Hauptstadt Bosniens – Sonntag, der 28. Juni 1914, kurz nach 10 Uhr morgens:
SPRECHER
Eine Fahrzeugkolonne von sechs Autos setzt sich in Bewegung Richtung Innenstadt. Höchster Besuch! Seit wenigen Jahren ist Bosnien ein Teil von Österreich-Ungarn. Im dritten – offenen – Wagen sitzen der Österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie.
SPRECHERIN
Am Ende dieser Fahrt wird sich der Anlass für den Ersten Weltkrieg ergeben haben. Und am Ende des Krieges wird Deutschland dafür die Verantwortung zugesprochen werden.
SPRECHER
Die Route der Kolonne haben die Zeitungen schon vor Wochen bekannt gegeben. An den Straßen drängen sich die Schaulustigen und Jubelnden. Plötzlich wirft ein junger Mann eine Bombe gegen das Auto des Thronfolgers. Die Handgranate prallt ab und explodiert vor dem nächsten Wagen. Ein Insasse wird schwer verletzt.
SPRECHERIN
Verwirrung. Die Kolonne erreicht das Rathaus, dort fasst man sich wieder. Jetzt will der Thronfolger weiter, direkt ins Hospital zu seinem verletzten Begleiter.
SPRECHER
Wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt springt auf einmal ein junger Mann aus der Menge auf. Zwei Schüsse fallen. Der Erzherzog wird in die Halsschlagader getroffen, Sophie in den Unterleib. Der Mitfahrende Graf Harrach sagt später aus:
ZITATOR: Mitfahrender Harrach
Während das Auto zurückstieß, spritzte ein dünner Blutstrahl aus dem Munde seiner kaiserlichen Hoheit auf meine rechte Backe. … Den Erzherzog hörte ich dann sagen: `Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleibe für meine Kinder´.“
SPRECHERIN
Es ist zu spät. Die beiden erliegen ihren Verletzungen.
TC 02:00 – Folgen eines Machtvakuums
MUSIK
„Der Balkan: Hexenkessel Europas“
SPRECHER
Der Schütze, Gavrilo Princip, ist ein Heißsporn, ein junger bosnischer Student. Er und seine Mitattentäter sind serbische Nationalisten; in Bosnien leben etliche Serben! Für sie ist der Erzherzog nichts anderes als ein verhasster Besatzer. Denn Bosnien – finden die Serben – ist unser!
SPRECHERIN
Serbien – das kleine junge Königreich im Osten von Bosnien – erlebt gerade ein nationales Hochgefühl der Sonderklasse. Wie ein Luftballon bläht sich sein Selbstbewusstsein zwischen zwei alten Großmächten in der engen Region auf: zwischen Österreich und den Osmanen. Denn auf dem Balkan ist alles ins Rutschen geraten.
SPRECHER
Seit einigen Jahrzehnten sind die Osmanen auf dem Rückzug und hinterlassen ein Machtvakuum. Den Serben ist es deshalb vor kurzem gelungen, sich einen fetten Teil der Beute zu sichern: einen satten Gebietszuwachs und Hoffnung auf mehr!
SPRECHERIN
Denn Serbien träumt von einem jugoslawischen, wörtlich: „südslawischen“ Großreich unter seiner Führung auf dem Balkan. Katrin Boeckh ist Historikerin am Osteuropa-Institut in Regensburg:
ZUSP: BOECKH
Also, dieses Südslawische ging davon aus, dass man eben eine kulturelle, eine sprachliche, eine religiöse Gemeinsamkeit aller Südslawen hat, … und dass das eben dazu führen soll, dass man eine politische Einheit unter allen Südslawen herbeiführt.
SPRECHER
Exotisch ist der Gedanke nicht. Überall in Europa ist der Nationalismus modern und aggressiv. Doch gerade der serbische Traum ist brandgefährlich! Denn das Mittelmeer ist eine hoch sensible Region.
SPRECHERIN
Über das Mittelmeer muss Russland seine lebenswichtigen Getreideexporte abwickeln. Engländer und Franzosen laufen von dort Kolonien in Nordafrika an. Über den Suezkanal führen die Routen in den Indischen Ozean.
SPRECHER
Und: Für Österreich-Ungarn geht es auf dem Balkan vielleicht um alles: Die alte Großmacht ist angezählt. Ihr Hauptproblem: 12 Völker leben in ihr – hochexplosiv in nationalistischen Zeiten! Gelingt es nicht, den serbischen Nationalismus zu bändigen, könnte das ganze Reich in die Zentrifuge geraten.
SPRECHERIN
Die Doppelmonarchie sieht nur noch eine Lösung: stärker werden auf dem Balkan! Deshalb hat sie ihrerseits erst vor kurzem Bosnien annektiert – ihre Beute aus dem Türken-Erbe. Der Besuch des Thronfolgers war also tatsächlich eine Art Inspektion auf hoch gefährlichem Gelände.
SPRECHER
Steckt also Serbien hinter dem Attentat?
SPRECHERIN
Sicher scheint heute so viel: Die jungen Heißsporne um Princip hatten Hilfe gesucht für die Durchführung ihres Anschlags. Dabei sind sie an eine serbische Geheimorganisation geraten – die „Schwarze Hand“. Katrin Boeckh:
ZUSP. Boeckh
Also, die „Schwarze Hand“ – Crna ruka – ist eigentlich zu charakterisieren im heutigen Sinn als eine terroristische Vereinigung mit militärischem Hintergrund, also, hier spielen Offiziere eine große Rolle. Aber eine direkte Beteiligung der serbischen Regierung für dieses Attentat lässt sich nicht nachweisen.
SPRECHER
Hexenkessel Balkan! Doch was hat Deutschland damit zu tun? Immerhin formuliert nach dem Krieg eine Alliierte Note: Das Deutsche Reich trägt allein die Schuld am Ausbruch des Großen Krieges!
TC 05:33 – Die Kriegsschuldfrage
MUSIK
„Rückblende – Die Großmächte auf dem Weg zur Katastrophe“
SPRECHERIN
Die so genannte „Kriegsschuldfrage“ gehört zu den am leidenschaftlichsten diskutierten Streitfragen der jüngeren Geschichte. Im engeren Sinn bezieht sie sich auf die jetzt folgenden Julitage nach den Schüssen - dazu gleich.
SPRECHER
Doch zuerst die weiteren Zusammenhänge: Wie sehen die Machtverhältnisse in Europa aus, dass Deutschland in einen Balkankrieg geraten kann? Noch einmal also die Uhr zurückdrehen; gut 40 Jahre vor das Attentat, ins Jahr 1871, zur Gründung des Deutschen Reichs. Peter Helmberger ist Historiker an der Universität in München:
ZUSP. Helmberger
Mit dieser Gründung des neuen Deutschen Reiches … gibt es auf dem Kontinent eine große Zentralmacht – erstmals wieder – die von der Größe des Landes wie von der Bevölkerung für alle anderen Mächte erst einmal eine Neuerung darstellt und durchaus auch eine Herausforderung.
SPRECHERIN
Welchen Platz wird also der frisch geschlüpfte Riese im Kreis der Großen finden? Bismarck hat sich die Reichsgründung durch einen Krieg mit Frankreich ertrotzt. Ein Auftakt mit Gewalt.
SPRECHER
Und auch schon eine erste Ursache für die spätere Katastrophe: Frankreich wird das nicht vergessen. Und Deutschland weiß daher genau: Es muss sich in Acht nehmen: vor Frankreich und – vor Russland! Denn beide zusammen könnten das junge Reich von Westen und Osten her in die Zange nehmen. Geometrie der Macht.
SPRECHERIN
Erste Absicherungsmaßnahmen: 1879 schließt Deutschland mit Österreich-Ungarn den Zweibund der Mittelmächte. Nun würde es am liebsten auch Russland noch ins Boot bekommen. Doch das misslingt während der nächsten Jahre gründlich.
SPRECHER
Mit dramatischen Konsequenzen: Russland findet einen neuen Partner – ausgerechnet Frankreich! Großes Malheur!
MUSIK
SPRECHERIN
Nächste Etappe, die Jahre ab 1900: Deutschlands Selbstbewusstsein ist ungebrochen. Kaiser Wilhelm II. verkündet neue Ansprüche: Ein „Platz an der Sonne“ muss her! Das heißt: Deutschland will nun auch ins große Kolonialgeschäft einsteigen. Dafür beschließt es den Bau einer mächtigen Schlacht-Flotte.
Es ist natürlich eine klare Ansage an die übrigen europäischen Großmächte und in dem Fall insbesondere an die …
SPRECHER
Seemacht England – Das 19.Jh. war das Jahrhundert des Britischen Empire. Doch nun stößt es weltweit auf starke Konkurrenz: die aufstrebenden USA, auf Russland vom Mittelmeer bis zum Pazifik, auf Frankreich in Afrika! Und jetzt auch noch Deutschland!
SPRECHERIN
Wer sind die Guten, wer die Bösen? Es ist die Zeit des Hochimperialismus. Alle Großmächte kämpfen um Kolonien und um weltweite Marktzugänge. Jede Macht ein Hai für sich! Der Neuling Deutschland hofft, die Haie auszuspielen – bis er selbst umkreist wird.
SPRECHER
London versucht, sich Luft zu schaffen. Und tatsächlich: Ein Bündnis mit Frankreich gelingt – die Entente Cordiale. Bald darauf sitzt man auch mit dem Zaren am Tisch. Der Kreis der Entente-Mächte um Deutschland schließt sich.
SPRECHERIN
Die zehn Jahre vor Sarajewo sind nervenaufreibend – eine Krise nach der anderen. England, Frankreich, Russland werden dabei ein immer besseres Team. Der deutsche Kaiser zieht regelmäßig den Kürzeren. Die Stimmung im Reich ist geladen. Was kann man gegen die Einkreisung noch aufbieten? Peter Helmberger:
ZUSP Helmberger
Und dann ist Österreich-Ungarn tatsächlich der einzige Bündnispartner, den man noch hat, den man dann auch nicht schwächen kann.
SPRECHER
Ach ja, der Zweibund von 1879! Der Partner mit den schier unlösbaren Problemen! Durch ihn kommt Deutschland nun anstatt zu einem Platz an der Sonne – zu einem Krieg auf dem Balkan.
ATMO Schüsse
SPRECHERIN
Denn nun fallen die Schüsse von Sarajewo. Österreich kocht und will sich an den Serben rächen. Doch die haben einen mächtigen Beschützer für ihre südslawischen Träume: den großen slawischen Bruder – Russland! Der Zar braucht einen festen Stand am Mittelmeer. Was liegt also näher, als den kleinen Bruder zu beschützen?
TC 09:12 – Von der Julikrise bis zum Weltkrieg
MUSIK
„Die Julikrise – 31 Tage bis zu einer Menschheitskatastrophe“
SPRECHER
Der Countdown läuft. Die Tage nach dem Attentat heißen „Julikrise“. „Krise“ – denn immer noch gibt es politische Kräfte, die versuchen, am Krieg vorbei zu denken. Aber vor allem den Militärs brennt die Zeit schon auf den Nägeln!
SPRECHERIN
Besonders den Deutschen. Denn Österreich wartet auf Antwort aus Berlin: Wenn Österreich nämlich Serbien angreift, wird zwangsläufig auch Russland in den Krieg eintreten! Alleine hätte Österreich aber gegen Russland keine Chance. Wird Deutschland also zu seinem Bündnispartner stehen?
SPRECHER
Seit Jahren hat Deutschland einen Plan für einen möglichen Krieg gegen Russland: den Schlieffenplan. Er geht aus vom Zweifrontenkrieg. Das heißt: Russland kann nur besiegt werden, wenn vorher blitzartig auf der Westseite Frankreich bezwungen wird. Erst dann können sich alle Kräfte gegen das langsamere aber viel gewaltigere Russland richten. Die deutschen Generäle fordern also: jetzt oder nie!
SPRECHERIN
6. Juli: Deutschland gibt Österreich die berüchtigte Blanko-Vollmacht: Jede Reaktion gegenüber Serbien wird gedeckt. Am 28. Juli erklärt Österreich Serbien den Krieg. Die klaren Konsequenzen: Russland macht mobil. Dann erklärt Deutschland dem Zaren den Krieg: 1. August 1914!
SPRECHER
Schlieffenplanmäßig entfaltet sich das Desaster: Deutschland greift Frankreich an.
SPRECHERIN
Allerdings: Über das neutrale Belgien! Es liegt im Aufmarschgebiet der deutschen Divisionen. Ein klarer Völkerrechtsbruch mit enormen Folgen: Denn jetzt hat auch England einen Grund, um sich auf die Seite seiner Entente-Verbündeten zu schlagen. England erklärt Deutschland den Krieg.
SPRECHER
Deutschland, der eingekreiste Riese, hat nun endgültig einen schrecklichen Platz im Kreis der Großen gefunden. Es hat Österreich von der Leine gelassen, das neutrale Belgien überfallen und Frankreich angegriffen, damit es letztlich Krieg gegen Russland führen kann – um dadurch Österreich zu helfen. Nach dem Krieg wird es dafür zum Verursacher der Katastrophe erklärt werden.
TC 12:29 – Outro
"Der 20. Juli war der Schicksalstag unserer Familie". Das hat die Oma von Thies Marsen immer wieder behauptet. Und tatsächlich ändert sich nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler für das junge Paar alles. Von Thies Marsen (BR 2024)
Credits
Autor: Thies Marsen
Regie: Martin Heindel
Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit
Technik: Robin Auld & Roland Böhm
Sounddesign: Dagmar Petrus
Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud
Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam
Literaturtipp:
Sophie von Bechtolsheim, Verlag Herder (2019): Stauffenberg – Mein Großvater war kein Attentäter (Gesprächspartnerin in Folge 4)
Linktipps:
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE
Dokumentation Obersalzberg
Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.
ZUR WEBSITE
Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei
Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV
Militärarchiv Freiburg
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Besonderer Linktipp der Redaktion:
11 KM: der tagesschau-Podcast
Geschichten zum Weitererzählen und Recherchen, die bewegen. 11KM ist ein aktuelles Thema in aller Tiefe – spannend, investigativ und hochwertig. Victoria Koopmann und die besten Journalist:innen der ARD nehmen euch mit ins Geschehen, liefern euch neue Perspektiven und tauchen mit euch ab. So steht "11KM" für die rund elf Kilometer, die es hinab geht zum tiefsten messbaren Punkt der Erde im Marianengraben. ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Schon wenige Tage vor dem 20. Juli wollen die Attentäter um Stauffenberg Hitler töten - und zwar bei Berchtesgaden, auf dem Obersalzberg, dem zweiten "Führerhauptquartier". Zur selben Zeit sind ebenfalls in Berchtesgaden: Oma und Opa des Autors. Und eine Tasche, in der die Bombe für das Attentat versteckt ist... Von Thies Marsen (BR 2024)
Credits
Autor: Thies Marsen
Regie: Martin Heindel
Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit
Technik: Robin Auld & Roland Böhm
Sounddesign: Dagmar Petrus
Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud
Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam
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Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE
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Archivradio – Geschichte im Original
Das Radio: Seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte. Im Podcast „Archivradio – Geschichte im Orignal“ lassen sich so einmalige Momente und Ereignisse der Geschichte – fast wie live – anhören und miterleben. ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Was hat sein Opa während des Nationalsozialismus gemacht? Thies Marsens Recherchen ergeben: Sein Großvater war ein Karriere-Offizier, der es tatsächlich bis in den Generalstab geschafft hat - in den näheren Umkreis von Hitler. Und er war an Wehrmachtseinsätzen beteiligt, von denen die Oma nie erzählt hat. Von Thies Marsen (BR 2024)
Credits
Autor: Thies Marsen
Regie: Martin Heindel
Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit
Technik: Robin Auld & Roland Böhm
Sounddesign: Dagmar Petrus
Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud
Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam
Linktipps:
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE
Dokumentation Obersalzberg
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Tatort Geschichte – True Crime meets History
Bei Tatort Geschichte verlassen Niklas Fischer und Hannes Liebrandt, zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit: eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. "Tatort Geschichte" ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie. ZUM PODCAST
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War Oma am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt? Der Autor Thies Marsen ist zunächst sehr skeptisch, als ihm seine Großmutter eröffnet: Sie habe die Aktentasche besorgt, in der Graf von Stauffenbergs Bombe platziert war. Dann taucht er in die Familiengeschichte ein. Was er herausfindet, lässt ihn bis heute nicht los. Von Thies Marsen (BR 2024)
Credits
Autor: Thies Marsen
Regie: Martin Heindel
Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit
Technik: Robin Auld & Roland Böhm
Sounddesign: Dagmar Petrus
Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud
Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam
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Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE
Dokumentation Obersalzberg
Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.
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BAYERN 3 True Crime – Unter Verdacht
Wer wird hier zu Recht, wer zu Unrecht verdächtigt? Was, wenn Menschen unschuldig verurteilt werden und ihnen niemand glaubt? Oder andersherum: Wenn der wahre Täter oder die wahre Täterin ohne Strafe davonkommen? In der 7. Staffel des erfolgreichen BAYERN 3 True Crime Podcasts sprechen Strafverteidiger Dr. Alexander Stevens und BAYERN 3 Moderatorin Jacqueline Belle über neue spannende Kriminalfälle. Diesmal geht es um Menschen, die unter Verdacht geraten sind. Wer ist schuldig? Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Und werden am Ende immer die Richtigen verurteilt? ZUM PODCAST
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Wer auf der Südsee-Insel Samoa einen Blick ins Telefonbuch wirft, kann sich auf eine Überraschung gefasst machen. Nachnamen wie Keil, Thieme und Retzlaff zeugen von einer Zeit, die in Deutschland fast vergessen ist: Einen "Platz an der Sonne" suchte das Deutsche Reich auch auf Neuguinea, Samoa und anderen Südseeinseln. Die deutsche Kolonialzeit in der Südsee ist mehr als nur eine kuriose Randnotiz der Geschichte. Von Klaus Uhrig (BR 2014)
Credits
Autor: Klaus Uhrig
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Stefan Wilkening, Hemma Michel, Jerzy May
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Joseph Hiery
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel
Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK
Linktipps:
WDR (2023): Die deutsche Kolonialzeit – Was wir heute über sie wissen
Am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte das Deutsche Reich zu den Kolonialmächten Europas. Mit mörderischer Brutalität unterdrückten deutsche Kolonialherren die Bewohner der besetzten Länder. Ein düsteres Geschichtskapitel, über das bis heute noch wenig bekannt ist. JETZT ANSEHEN
Das Kalenderblatt (2011): Deutsch-Neuguinea wird reguläre Kolonie (01.04.1899)
Der 1. April 1899 bedeutete für die Papua-Bevölkerung den Anbruch einer neuen Zeit, denn Deutsch-Neuguinea wurde reguläre Kolonie des Deutschen Reichs. Bis heute ist es schwer, die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung vor der Kolonisierung zu rekonstruieren. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
Erzählerin:
Ob seine melanesischen Diener Otto Ehlers wirklich aufgegessen haben, das lässt sich mit letzter Sicherheit nicht sagen. Unwahrscheinlich ist es aber nicht. Im tiefen Dschungel Neuguineas gibt es keine großen Tiere, die man jagen könnte und überhaupt kaum Nahrungsquellen. Wem hier die Vorräte ausgehen, den könnte so ein wohlgenährter Deutscher schon in Versuchung bringen.
MUSIK ENDE
Erzähler:
Vielleicht haben sie ihn auch einfach nur erschossen, weil sie genug von seinen abstrusen Plänen hatten. Einmal die größte Insel der Südsee von Norden nach Süden durchqueren, zu Fuß, durch den unerforschten, dichten Dschungel. Das wäre selbst heute eine Schnapsidee. Im Jahre 1895 ist es der reinste Selbstmord.
Erzählerin:
Obendrein lässt sich Ehlers auch noch eine Kiste Gold und ein Stahlrohrbett durch den Urwald tragen. Ein zivilisierter Forschungsreisender schläft doch nicht in der Hängematte. Was er allerdings mit dem Gold vorhatte …. keine Ahnung.
Erzähler:
Klar ist nur: Ehlers kommt nie auf der Südseite der Insel an. Von seinen 40 Dienern überleben nur 22. Und als der deutsche Landeshauptmann von Neuguinea, Curt von Hagen, später die Mörder stellen will, wird auch er im Urwald erschossen.
Erzählerin:
Spätestens jetzt reibt sich wohl so mancher in der Heimat verwundert die Augen: Was genau wollten wir noch mal auf diesen gottverlassenen Dschungel-Inseln?
MUSIK
Erzähler:
Ja genau, was eigentlich?
MUSIK
Erzählerin:
Das deutsche Kolonialreich in der Südsee wirkt erst mal wie eine Randnotiz der Geschichte. Ein Kuriosum. Reichsdampfer am Korallenriff. Kuckucksuhr an der Kokospalme. Vielen Deutschen ist bis heute völlig unbekannt, dass das Deutsche Reich Kolonien im Südpazifik hatte. Also ein paar ganz kleine Kolonien.
Erzähler:
Die Inseln der Südsee sind der letzte weiße Fleck auf den Landkarten der Europäer. Erst im 18. Jahrhundert entdecken Handelsschiffe und Weltreisende die weitläufigen Inselreiche im Südpazifik – von den Hawaii-Inseln im Norden, über die winzigen Atolle Mikronesiens, bis hin zu den polynesischen Inselgruppen Tahiti und Samoa. Paradiesische Eilande – und dazwischen: Tausende Meilen offene See.
Erzählerin:
Bald stecken Engländer und Franzosen ihre Claims ab, Spanier, Holländer, Portugiesen, Amerikaner. Jeder will ein Stückchen vom Paradies abhaben. Und die Deutschen?
O-Ton Joseph Hiery:
Das ist ne durchaus interessante Geschichte: Was machten die Deutschen da in der Mitte des 19. Jahrhunderts?
Erzählerin:
Professor Joseph Hiery ist einer der wirklich seltenen Südsee-Kolonial-Experten, die es in Deutschland gibt. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Historiker von der Universität Bayreuth mit diesem Thema; diesem kolonialen Spezialfall, der so ganz anders verlief, als die Kolonisierung Afrikas.
O-Ton Joseph Hiery:
Kolonialismus bedeutet normalerweise, dass eine christliche Mission zuerst kommt, und dann übernimmt der koloniale Staat. Das haben wir häufig auch in der Südsee. Bei den Deutschen hat die Mission nie eine Rolle gespielt für die Kolonialisierung in der Südsee. Eine Mission kam erst, nachdem das Kolonie war, aber der Handel, der Handel, wenn man will, das Geld.
Erzähler:
Statt Soldaten oder Priester sind es nämlich deutsche Händler, die sich zuerst in die Südsee vorwagen. Und Walfänger. Zu diesem Zeitpunkt ist Waltran eine unersetzliche Ressource – vor allem für die Kerzenherstellung, elektrisches Licht gibt es ja noch nicht. Und die größten Walherden durchstreifen in dieser Zeit eben den Südpazifik.
Erzählerin:
Immer wieder lassen sich deutsche Matrosen auf den paradiesisch wirkenden Eilanden nieder. Diese sogenannten „Beachcomber“ gründen Familien mit einheimischen Frauen und gehen ganz in der Kultur der Einheimischen auf.
O-Ton Joseph Hiery:
Und dann kam von Südamerika Mitte des 19. Jahrhunderts ein deutscher Geschäftsmann, der in Valparaiso Geschäfte machte für ein deutsches Handelshaus, und kam nach Samoa und fand vor Ort auf fast jeder Insel einen Deutschen. Und das waren so die geborenen Agenten für seine Handelstätigkeit, denn über diese gemeinsame Zugehörigkeit, es gab ja noch keinen deutschen Nationalstaat, aber über die gemeinsame Sprache, die gemeinsame Kultur, lag es nahe, die mit Geschäften zu beauftragen. Das Wirtschaftsunternehmen wuchs. Und das fiel dann zufällig mit der Zeit in die Reichsgründung durch Bismarck hinein. Dann kam die Idee: Na ja, da, wo die Engländer noch nicht sind, da setzen wir uns ein. Schützen eigentlich die Wirtschaftsinteressen.
MUSIK
Erzähler:
Im November 1884 hisst Otto Finsch, der sogenannte „Forschungsagent des Neuguinea-Konsortiums“, im fernen Nordosten Neuguineas die erste deutsche Flagge in der Südsee. Bis Ende Dezember reklamieren verschiedene Kapitäne dazu noch zahlreiche umliegende Inseln für das Deutsche Reich, und dazu die – Zitat – „unbestritten herrenlosen“ Archipele der Marshall-, Providence- und Brown-Inseln.
Erzählerin:
Wobei „unbestritten herrenlos“ sich natürlich nur auf weiße Kolonialherren bezieht. Die Inseln sind alles andere als unbewohnt. Aber die dunkelhäutigen Melanesier und Mikronesier werden von der Kolonial-Ideologie der Zeit bestenfalls als „edle Wilde“ gesehen – aus der Zeit gefallene Steinzeitvölker, die es zu zivilisieren gilt.
Erzähler:
Wohlgemerkt: Es sind Handelskapitäne, die die deutsche Flagge hissen. Deutsche Kolonie wird Nordost-Neuguinea erst 15 Jahre später. Bis dahin steht dieses sogenannte „Kaiser-Wilhelm-Land“ zwar unter dem Schutz des Reiches. Doch die Verwaltung liegt in den Händen der privaten „Neuguinea-Kompagnie“ – ein Konsortium aus Berliner Bankiers und Finanzinvestoren.
Erzählerin:
Lange bleibt das Schutzgebiet die einzige deutsche Besitzung in der Südsee. Deutsche Missionare versuchen, den äußerst unwilligen Melanesiern ihre Religion nahezubringen und ihnen den unter wahren Christenmenschen dann doch eher verpönten Kannibalismus auszureden. Deutsche Unternehmer gründen Kokos-Plantagen und deutsche Verwaltungsbeamte geben den melanesischen Inseln anständige deutsche Namen: Neupommern. Neubrandenburg. Bismarck-Archipel.
Erzähler:
Dann, Ende der 1890er Jahre, können die Deutschen ihr Kolonialreich noch einmal entscheidend erweitern. Von den schwächelnden Spaniern kauft man für 25 Millionen Peseten Palau, sowie die Marianen- und Karolineninseln.
MUSIK
Erzählerin:
Und schließlich fällt der Blick der Deutschen auf ein mögliches Juwel in der kolonialen Perlenkette: das Polynesische Samoa. Ein Archipel aus wunderschönen Inseln, ein zweites Hawaii sozusagen. Offiziell noch keine Kolonie, wirtschaftlich gesehen aufgeteilt zwischen deutschen, englischen und amerikanischen Interessen.
Erzähler:
An dieser Stelle kommt wieder Otto Ehlers ins Spiel. Der exzentrische Reisende mit dem Stahlrohrbett, der einige Zeit später im Dschungel Neuguineas mutmaßlich ein unrühmliches Ende als Abendessen finden wird.
MUSIK ENDE
Erzählerin:
1894 ist eben dieser Otto Ehlers noch wohlauf, und widmet sich fleißig seinem liebsten Hobby, der Fernreise. Genauer gesagt: Der patriotischen Fernreise. Joseph Hiery:
O-Ton Joseph Hiery:
Ja, also Otto Ehlers ist so ein deutscher Dandy-Reisender, der relativ wohlhabend ist, wohl nichts arbeitet, weil er so viel Geld hat, und meint, er müsse die Welt sehen und dann auf den Spuren der deutschen Flaggenhissungen in die Welt reist und als erster da sein will, wenn da die deutsche Fahne gehisst wird. Und glaubt, er kommt nach Samoa, und die deutsche Fahne wird gehisst, und er kann da Beifall klatschen.
Erzähler:
In dieser Hinsicht ist Samoa eine Enttäuschung für Ehlers: Das Deutsche Reich denkt zunächst gar nicht daran, auf Samoa irgendeine Fahne aufzuziehen. Zu fragil scheint das Mächtegleichgewicht mit Amerikanern und Engländern. Zu unsicher der Nutzen eines solchen Unternehmens.
Erzählerin:
Dass sich das keine fünf Jahre später ändert, ist dann allerdings wohl auch Ehlers zu verdanken. Genauer gesagt: Dem Buch, das Ehlers nach seiner Rückkehr nach Deutschland schreibt: Samoa – Perle der Südsee.
MUSIK
Zitator Ehlers:
Im Westen tauchte die matt leuchtende Scheibe des Vollmonds in die Wogen, während im Osten ein rosiger Schein das Nahen der Sonne verkündete. Und in diesem zauberhaften Zwielicht aus opalfarbig schillernder Flut sich erhebend, lag vor mir, vom Fuße zum Gipfel in dem üppigen Tropengrün prangend, die Insel Upolu. Wo soll ich armer Reisender Worte hernehmen, den wunderbaren Reiz dieses Bildes zu schildern, wie in trockener Prosa den Zauber eines lyrischen Gedichts, den Duft eines Blütenstraußes wiedergeben.
MUSIK ENDE
Erzähler:
Zusammengefasst: Die Samoa-Inseln sind das reinste Paradies. In ihm leben besonders edle und schöne Menschen mit bronzefarbener Haut – kein Vergleich zu anderen Wilden. Und die Deutschen sollten sich diese Inseln unbedingt holen, bevor jemand anders schneller sein könnte.
Erzählerin:
Eine exotistische Schwärmerei eben. In einer an Schwärmereien nicht eben armen Zeit. Nichts Besonderes, dieser Bericht – könnte man meinen. Doch dann wird Ehlers‘ Reisebericht überraschend zum Bestseller.
O-Ton Joseph Hiery:
Und dann wird das im Reichstag zitiert in der Debatte, ob man Samoa Geld geben soll. Das Geld sei doch alles ins Meer geschmissen, argumentieren die Linksliberalen und die Sozialdemokraten, Taifun geht regelmäßig darüber, alles geht wieder kaputt. Und dann zitiert damals der Gouverneur Deutsch-Neuguineas das Buch – ja und: Das müssen sie doch kennen! Wie toll! Und wir haben solche prächtigen Menschen da. Und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Deutschen, diese prächtigen Menschen zu schützen vor den bösen Franzosen, den bösen Engländern, den bösen Amerikanern und keiner kann’s so gut machen wie wir!
Erzählerin:
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Argument, das schließlich den Reichstag zur Bewilligung der Gelder für eine Kolonie bringt, ist nicht etwa das deutsche Handelsinteresse, und auch kein militärisches Kalkül. Es ist der ebenso arrogante wie naive Wunsch, den edelsten aller edlen Wilden vor der Inkompetenz der anderen Kolonialmächte zu schützen.
Erzähler:
Diese Reichstagsdebatte ist dabei alles andere als eine besonders kuriose Episode innerhalb des deutschen Kolonialbetriebs. Sie ist vielleicht der Schlüssel zu dem, was in den nächsten Jahren entstehen sollte: der „Sonderfall Samoa“, die mit Abstand ungewöhnlichste aller deutschen Kolonien.
O-Ton Joseph Hiery:
Zunächst einmal ist’s ein, wenn man so will, klingt merkwürdig, ein positiver Rassismus hier zu erkennen. Das heißt, das Kolonialamt und seine Vorläuferbehörde im Auswärtigen Amt haben mal festgelegt, die Südsee-Insulaner sind anders zu behandeln als die Afrikaner.
Erzähler:
Konkret heißt das: keine Prügelstrafe. Keine Eisenkette. Keine Sklavenarbeit auf den Plantagen wie in den deutschen Kolonien in Afrika.
Erzählerin:
Zumindest nicht für die Samoaner. Bei den deutlich dunkelhäutigeren Bewohnern Neuguineas ist die Kolonialverwaltung weniger zimperlich.
O-Ton Joseph Hiery:
Bei den Samoanern heißt es dann sogar: Das sind eigentlich Arier. Die sind mit uns verwandt. Und vielleicht jetzt nicht so ganz auf unserer Stufe, aber da bringen wir sie ja da hin. Und sie sind alle besser als die anderen, die da rumwohnen.
Erzähler:
Samoa wird eine Art Modell-Kolonie. Aber nicht im Sinne einer effizienten Ausbeutung, ganz im Gegenteil. Gouverneur wird Wilhelm Solf, ein Bürgerssohn und Schöngeist, der in der Heimat zunächst Literatur und Sanskrit studiert hatte.
Erzählerin:
Solf lässt die gesellschaftlichen Strukturen der Samoaner weitgehend weiterbestehen – unter deutscher Oberherrschaft, versteht sich. Und versucht, sich ansonsten möglichst wenig in ihre Angelegenheiten einzumischen. Während sich andere Kolonialbeamte verwundert die Augen reiben, verkündet Solf: Eigentlich sei doch Samoa primär das Land der Samoaner. Joseph Hiery:
O-Ton Joseph Hiery:
Während es Deutsch-Neuguinea hieß und Deutsch-Westafrika und Deutsch-Südwestafrika, hieß das Samoa, es hieß nicht Deutsch-Samoa offiziell, und die Deutschen, die da waren, mussten gemäß Diktion des Gouverneurs „Fremde“ genannt werden.
Erzähler:
Vielleicht trägt diese Haltung der Deutschen zu der Souveränität bei, mit der die Samoaner auf die koloniale Situation reagieren: Sie bewahren, was sie bewahren wollen, und nehmen begierig alles auf, was ihre Lebenssituation verbessern könnte.
Erzählerin:
Vor allem in der Medizin und der Landwirtschaft sind die Deutschen den Samoanern so weit voraus, dass jedes Dorf einen riesigen Vorteil hat, wenn ein Weißer dort lebt. Möglicherweise liegt darin auch die Ursache für den phänomenalen Erfolg der christlichen Missionare bei den Samoanern.
O-Ton Joseph Hiery:
Die wollten Weiße haben – sag ich jetzt mal platt – weil der „Besitz“ eines Weißen aus einheimischer Sicht bedeutete Zugriff auf dessen Wissen und die Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse. Und den, den man am ehesten haben konnte, der länger da blieb, das war ein Priester oder ein Pastor.
MUSIK
Erzähler:
Während in Samoa einzelne Dörfer regelrecht darum kämpfen, wer denn nun einen Missionar bekommen würde, führen deutsche Missionare auf der melanesischen Insel Neupommern über 4.000 Kilometer westlich von Samoa einen ganz anderen Kampf.
MUSIK ENDE
Erzählerin:
Den ums nackte Überleben.
MUSIK
Erzähler:
Am 13. August 1904 richten Melanesier vom Volk der Baining unter den katholischen Missionaren der Missions-Station St. Paul ein Massaker an. Der fieberkranke Missionschef Pater Rascher wird im Bett liegend erschossen, die Missionsschwester Angela am Fuß des Altars mit einer Axt erschlagen.
Erzählerin:
Was war geschehen? Woher kam dieser grenzenlose Hass?
MUSIK ENDE
Erzähler:
Den hatten sich die Missionare wohl weitgehend selbst zuzuschreiben. St. Paul war keine einfache Missionsstation. Hier sollte eines von vielen sogenannten „Christendörfern“ entstehen, in denen umerzogene Melanesier ein christliches Leben führen sollten – völlig losgelöst von ihrer eigentlichen Kultur, die die Missionare regelrecht verteufelten. Vor allem den allesbestimmenden Ahnenkult der Melanesier wollten die Missionare rigoros ausmerzen
Erzählerin:
Pater Raschert hatte sogar das erste Gebot extra für seine melanesischen Schäfchen umgeschrieben.
Zitator Pater Raschert:
Ich bin der Herr, dein Gott – du sollst keinen Totenkult treiben!
Erzählerin:
Hinzu kam die strenge Sexualmoral – den Melanesiern völlig fremd – und ihre rigide Durchsetzung mit Prügelstrafen und Predigten vom Höllenfeuer – sowie ein völliges Unverständnis der Missionare für die politischen Verhältnisse unter den Einheimischen.
MUSIK
Erzähler:
Als die Gewalt schließlich nach einer besonders brutalen Prügel-Orgie in der Missionsstation eskaliert, sind kurze Zeit später alle zehn deutschen Missionare von St. Paul tot.
Erzählerin.
Es ist eine ganz ähnliche Gemengelage aus Arroganz, Selbstherrlichkeit und der unseligen Prügelstrafe, die sechs Jahre später zum größten Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in der Südsee führt. Ort des Geschehens: Ponape, eine mikronesische Insel, auf der fünf Völker in winzigen Stammes-Staaten leben.
Erzähler:
Am 18. Oktober 1910 wird Gustav Boeder, Leiter des Verwaltungsbezirks Ostkarolinen, durch einen Gewehrschuss in den Bauch niedergestreckt und von einem aufgebrachten Einheimischen schließlich durch einen weiteren Schuss in den Kopf getötet (MUSIK ENDE). Auch zwei weitere deutsche Kolonialbeamte und fünf Mikronesier in deutschen Diensten werden von Aufständischen ermordet, die allesamt dem Volk der Sokehs angehören. Ein Blutvergießen mit Ansage.
Erzählerin:
Auf Ponape gibt es da bereits seit einigen Jahren große Spannungen zwischen einzelnen Völkern der Insel und den deutschen Kolonialherren. Sie beginnen im Jahr 1901, als der äußerst diplomatische und friedliebende Gouverneur Hahl abberufen und durch Victor Berg ersetzt wird. Berg hatte zuvor in den deutsche Kolonien in Afrika gedient - wo ein deutlich brutaleres Kolonialregime geführt wurde.
Erzähler:
Bereits 54 Tage nach seiner Ankunft schickt Berg ein Memorandum nach Berlin, in dem er die „energische wirtschaftliche Erschließung“ der Insel fordert und für den Fall eines Aufstandes eine „schonungslose Strafexpedition“ vorschlägt.
MUSIK
Erzählerin:
1907 schändet Berg persönlich eine Grabstätte, als er im Auftrag des Leipziger Völkerkundemuseums Ausgrabungen vornimmt. Einen Tag später stirbt Berg. Sonnenstich, sagt der Arzt. Die Rache der Geister, sagen die Ponapesen.
Erzähler:
Es folgt eine Zeit der Unruhe. Lange bleibt der Posten vakant. Gouverneur eines potentiellen Pulverfasses am Ende der Welt zu werden, ist für deutsche Beamte nicht unbedingt ein Traumjob (MUSIK ENDE). Schließlich wird Gustav Boeder Inselchef. Wie Berg ist auch er Afrika-erprobt. Und ein großer Freund der Prügelstrafe. Joseph Hiery:
O-Ton Joseph Hiery:
Der hat gemeint, er müsse hier afrikanische Methoden einführen. Daraufhin hat eine Ethnie, oder wie wir deutsch sagen: Stamm, revoltiert und es gab einen Aufstand. Der hat allerdings nur diese eine Ethnie betroffen. Das ist ohnehin schon ne kleine Insel mit sehr vielen anderen Ethnien, die haben sich nicht dem angeschlossen.
Erzählerin:
Die völlig überrumpelten Deutschen verschanzen sich nach dem Beginn des Aufstands in ihrer Hauptstadt Kolonia und fordern Hilfe aus der Heimat an - die nach langen Wochen des zermürbenden Wartens tatsächlich auch kommt.
O-Ton Joseph Hiery:
Das Kaiserreich hat relativ brutal reagiert – Schiffe hingeschickt und dann die Aufständischen exekutiert, die Ethnie weggebracht von der Insel auf ne andere Insel exiliert, wenn man so will.
MUSIK
Erzähler:
Es bleibt die einzige größere Kriegsaktion der Deutschen in der Südsee. Das allerdings liegt vielleicht auch daran, dass die Zeit des deutschen Kolonialreiches vier Jahre später schon wieder vorüber ist.
MUSIK ENDE
Erzählerin:
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, sind die Deutschen in der Südsee völlig chancenlos. Und das Reich denkt gar nicht daran, die dann doch ziemlich unbedeutenden Kolonien zu unterstützen. Kämpfe gibt es nur – ganz kurz – auf Neuguinea, das aber innerhalb von kürzester Zeit von australischen Truppen eingenommen wird.
Erzähler:
Auf Samoa ergeben sich die deutschen kampflos einer neuseeländischen Flotte. Die Neuseeländer – als sogenanntes britisches „Dominion“ selbst noch eine halbe Kolonie – übernehmen die Kolonialverwaltung.
Erzählerin:
Dabei stellen sie sich so ungeschickt und arrogant an, dass sie innerhalb von kürzester Zeit die Ablehnung der einheimischen Samoaner provozieren.
Erzähler:
Als die Neuseeländer 1918 ein Seuchenschiff im Hafen von Apia anlegen lassen, stirbt ein Drittel der gesamten Bevölkerung an der spanischen Grippe. Spätestens jetzt setzt auf Samoa eine Verklärung der deutschen Herrschaft ein. Im Gegensatz zur neuseeländischen Verwaltung sei das „die gute alte Zeit“.
O-Ton Joseph Hiery:
Als ich da hinkam, lebten ja noch Leute, ich hab viele befragt aus der deutschen Kolonialzeit. Und dann hört man dann Stereotype, die positiv sind über Deutsche. Die haben die besten Ärzte und so weiter und so weiter. Das ist relativ stark verankert, aber im Kontrast zur Erfahrung mit den Neuseeländern.
MUSIK
Erzählerin:
Deutschland und die Südsee – das bleibt ein kurzes Abenteuer. Allzu prägend ist die deutsche Zeit für viele der Kolonien nicht. Dazu ist die Kolonialzeit zu kurz und die Zahl der Deutschen zu gering. Zu keinem Zeitpunkt leben viel mehr als 4.000 von ihnen in der Südsee.
Erzähler:
Allerdings: Wenn man genau hinsieht, kann man schon noch einige deutsche Einflüsse erkennen. Zum Beispiel in der Mischsprache „Tok Pisin“, die heute noch in Papua-Neuguinea gesprochen wird. In ihr finden sich zahlreiche, häufig verfremdete, deutsche Lehnworte – „spaisesima“ zum Beispiel, also „Speisezimmer“. Oder, selbsterklärend: „saiskanake“.
MUSIK ENDE
Erzählerin:
Den stärksten Einfluss hatte Deutschland sicherlich auf Samoa. In Apia steht bis heute ein Gerichtsgebäude im Kolonialstil, es gibt eine zu deutscher Marschmusik paradierende Polizei-Kapelle und eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Landes – ehemaliger Vizepremier und Autor eines eher mäßigen Liebesromans – hört auf den illustren Namen Misa Telefoni Retzlaff...
Erzähler:
… wobei Misa ein traditioneller Samoanischer Würdentitel ist, und der Retzlaff von seinem Großvater Erich Retzlaff stammt, einem deutschen Kolonialbeamten. Telefoni schließlich heißt die ganze Familie ehrenhalber, (MUSIK: C1205330 012 [00‘43‘‘]) seitdem eben jener Erich Anfang des 20. Jahrhunderts in Samoa das Telefon eingeführt hatte.
Erzählerin:
Und was wurde eigentlich aus Wilhelm Solf, dem deutschen Gouverneur Samoas?
Erzähler:
Der wird 1918 kurz deutscher Außenminister, 1920 dann schließlich deutscher Botschafter in Tokio. Dort erreicht ihn 1923 ein Brief aus Samoa. Ob es nicht irgendwie möglich wäre, dass er zurückkäme und wieder Gouverneur in Apia werde. Noch heute hat Solf in Samoa einen ausgezeichneten Ruf.
MUSIK
Erzählerin:
Gustav Boeder dagegen, der prügelnde Inselchef Ponapes, hat da wohl andere Spuren in der Erinnerung hinterlassen. 1983 stürzen Unbekannte seinen Grabstein um und schänden seine letzte Ruhestätte.
Alle großen Entdeckungsreisenden von Kolumbus über Humboldt und Cook hatten einheimische Begleiter. Ohne die Leistungen der indigenen Helfer wären die großen europäischen Forschungsexpeditionen nie gelungen. Und auch unter den indigenen Helfern gab es natürlich Menschen mit Forscherdrang und Entdeckergeist. Auch wenn sie nie so berühmt wurden, wie ihre europäischen Kollegen. Von Sabine Straßer (BR 2018)
Credits
Autorin: Sabine Straßer
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Benedict Schregle, Katja Schild
Technik: Peter Urban
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Volker Matthies, Dr. Detlev Quintern, Prof. Dr. Fuat Sezgin, Prof. Thomas Höllmann, Dr. Moritz von Brescius
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel
Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK
Linktipps:
funk (2018): Mount Everest – Klettern für die Träume anderer am höchsten Berg der Welt
Jedes Jahr ziehen hunderte Bergsteiger und Abenteuerlustige los, um sich ihren Traum vom Mount Everest zu erfüllen. Einmal auf dem Dach der Welt stehen – eine lukrative Touristenattraktion für den kleinen Himalaya-Staat Nepal, eines der ärmsten Länder der Welt. Doch was auf der einen Seite Arbeitsmöglichkeiten für die lokalen Bergführer und Träger – die Sherpas – bedeutet, bringt auf der anderen Seite lebensbedrohliche Risiken für sie mit. Dennis und Patrick Weinert sind zum Everest Base Camp getrekkt und haben mit Bergsteigern, Sherpas und ihren Familien gesprochen, um herauszufinden, was passiert, wenn nicht jeder vom Everest zurückkehrt. JETZT ANSEHEN
Terra X (2022): Die größten Irrtümer des Christoph Kolumbus
Kolumbus entdeckte im Jahr 1492 Amerika - zumindest aus europäischer Sicht. Doch begeisterten sich die Menschen seiner Zeit für sein Vorhaben? Und hat er ich bei der Routenplanung verrechnet? Zum Film mit Christoph Kolumbus größten Irrtümern geht es HIER
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Zitator:
„Christoph Kolumbus, spanisch Cristóbal Colón, geboren um 1451 in der Republik Genua, gestorben 1506 in Valladolid, war ein spanischer Seefahrer in kastilischen Diensten, der im Jahr 1492 Amerika entdeckte, als er eine Insel der Bahamas erreichte.“ (Wikipedia)
Zitatorin:
1492! Das Jahr der Entdeckung Amerikas!
Zusp.1 Quintern:
Kolumbus hat Amerika entdeckt,.. ja...(lacht). Ich denke, Kolumbus steht für die nach wie vor anhaltende Mythenbildung eurozentristischer Provenienz, im Hinblick auf eine sogenannte Entdeckungsgeschichte. Meiner Meinung nach war er in erster Linie ein Eroberer, ein Konquistador. wir wissen beispielsweise, dass er als Pirat tätig war und Schiffe der Maya überfallen und geplündert hat. Also, ich denke, es bedarf einer Neuschreibung des Kolumbus in der Geschichte. (0:40)
Sprecherin:
Sagt Detlev Quintern, Islamwissenschaftler, Historiker und Direktor für Lehre und Entwicklung an der Fuat Sezgin Research Foundation for the History of Science in Islam in Istanbul. Ein Institut, an dem unter anderem zu der Frage geforscht wird, wie sehr die europäischen Entdecker sich auf Erkenntnisse arabischer Wissenschaftler gestützt haben. Denn: die Araber konnten schon Jahrhunderte vor den Europäern Längen- und Breitengrade ermitteln und brauchbare Karten zeichnen.
Aber dazu später. Zunächst steht fest: Kolumbus war in Amerika nicht alleine. Der Kontinent, den er zeitlebens für Indien hielt, war zur Zeit seiner sogenannten „Entdeckung“ bereits vollständig bewohnt.
Sprecher:
Kolumbus traf auf der Bahamas-Insel Guanahani, wie sie von den Einheimischen genannt wurde, das Volk der Arawak. Sie haben dem fremden Spanier und dessen Besatzung wohl gezeigt, was man auf ihrer Insel essen konnte und was nicht. Wo man gefahrlos sein Lager aufschlagen konnte. Vermutlich auch, wie man von ihrer Insel auf andere Inseln kam.
Meeresrauschen? Atmo? Musikakzent?
Sprecherin:
Die sogenannte Entdeckungsgeschichte der Welt müsste dringend umgeschrieben werden, findet auch der Politik- und Kulturwissenschaftler Prof. Volker Matthies von der Universität Hamburg.
Zusp. 2 Matthies:
Es handelt sich um eine Heldengeschichte, die Entdecker wurden gesehen als omnipotente Heroen, als Helden, die nicht der Hilfe der Einheimischen bedurften, um ihre Ziele zu erreichen, das war aber nicht der Fall. Diese Entdecker waren oft ganz jämmerliche Gestalten, die lebensnotwendig auf die Unterstützung indigener Begleiter angewiesen waren. (0:27)
Musik-Akzent
Sprecher:
Christoph Kolumbus schrieb über das indigene Volk auf den Bahamas, die Arawak, in seinen Logbüchern, diese seien naiv und immer gerne bereit zu teilen. Die Spanier begannen schon bald, sie für Arbeitsdienste zu versklaven.
Morde, Plünderungen, Krankheiten kamen dazu: Gut einhundert Jahre nach der Ankunft von Kolumbus auf den Bahamas gab es keine Arawak mehr.
Musikakzent
Zusp. 3 Matthies:
Es ist so, dass die europäischen Entdecker die Vorreiter des Imperialismus und Kolonialismus waren, und sie haben die Indigenen ja nur als passive Objekte ihrer Entdeckung gesehen. (0:14)
Sprecherin:
Der Politikwissenschaftler Volker Matthies hat in seinem Buch über indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender zusammengetragen, wofür die europäischen Reisenden über Jahrhunderte Ureinwohner oder Angehörige fremder Völker gebraucht oder besser: missbraucht haben:
Zusp. 4 Matthies:
Zum einen als politische Autoritäten, die ihnen überhaupt erst erlaubten, in diesen Ländern zu reisen, dann als Sprach- und Landeskundige, beziehungsweise als Dolmetscher, Wegweiser, Mediatoren, interkulturelle Vermittler, und Diplomaten im Umgang mit indigenen Ethnien, ferner als Transporteure, als Lastenträger, als Bootsführer, Paddler, Tiertreiber und Tierpfleger, als Expeditionsleiter und Führer von Karawanen, schließlich als persönliche Diener, als Köche oder Krankenpfleger und nicht zuletzt auch als Jäger und Sammler zur Beschaffung von Naturalien für die naturkundlichen Sammlungen. (0:44)
Sprecher:
Die meisten dieser indigenen Helfer blieben in der Geschichtsschreibung namenlos. Nur einzelne Ureinwohner fanden Eingang in die Logbücher und Aufzeichnungen der großen Eroberer.
Musik-Akzent
Sprecherin:
Das vielleicht berühmteste Beispiel ist die Aztekin Malinche, die dem Konquistador Hernán Cortés im 16. Jahrhundert bei der Eroberung Mexikos behilflich war.
Zusp. 5 Matthies
Sie war eine Aztekenfürstentochter, ihre Familie gehörte zum mittleren Landadel, sie wurde dann aber zu einer Sklavin der Maya, und sie fiel dann in die Hände der Spanier, als diese im Konflikt mit den Maya gesiegt hatten. (0:17)
Sprecherin:
Malinches neuer Besitzer Cortés merkte schnell, dass ihm diese Frau ihm nicht nur als Sexsklavin gute Dienste leisten würde:
Zusp. 6 Matthies
Diese Aztekin namens Malinche war ein Sprachgenie, sie konnte Aztekisch oder Nahuatl, wie man auch sagt, und sie konnte auch Maya und lernte ganz schnell Spanisch; und wurde sozusagen die Art Chefdolmetscherin des Konquistadors Cortés. Man muss wohl sagen, dass ohne ihr Verhandlungsgeschick und ihre Dolmetscherkünste die Eroberung Mexikos viel schwieriger und langwieriger geworden wäre. (0:26)
Sprecherin:
Was Malinche in ihrer Heimat Mexiko übrigens bis heute nachgetragen wird:
Zusp. 7 Matthies:
Dort gilt sie als eine Verräterin an der Sache des mexikanischen Volkes, denn ihr schiebt man die Hauptschuld daran zu, dass die Eroberung Mexikos so erfolgreich verlaufen ist. Interessant ist, dass es sozusagen abgeleitet von ihrem Namen den Begriff des Malinchismo gibt, der so etwas bedeutet, wie Verrat an der mexikanischen Kultur und der Hinwendung zu fremdem Kulturen. (0:29)
Sprecherin:
Der eigenen Kultur entrissen, in der fremden nicht anerkannt – das war oft das Schicksal der Dolmetscher – oder, bei den Entdeckern oft noch beliebter: Dolmetscherinnen. Das galt auch für spätere Forschungsreisen:
Atmo Pferdegetrappel? Westernmusik?
Zusp. 8 Matthies:
Ein berühmtes Beispiel ist die Expedition von Lewis und Clark, 1804 bis 1806, die Durchquerung Nordamerikas im Auftrag der amerikanischen Regierung. Lewis und Clark, zwei Offiziere, waren überlebenswichtig angewiesen auf eine […] Dolmetscherin, eine Shoshonin […] namens Sacagawea, die shoshonisch und andere Sprachen sprach, und was ihnen erlaubte, mit den Gruppen, die sie unterwegs trafen, überhaupt in Verhandlungen einzutreten. (0:34)
Sprecherin:
Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass die Frau auf der Expedition ihr gerade mal zwei Monate altes Baby dabeihatte. In Regionen, die sie aus ihrer Kindheit kannte, erwies sie sich wohl als besonders gute Wegführerin – und sie begegnete dort auf traurige Weise auch ihrer eigenen Vergangenheit.
Zusp. 9 Matthies
Hier traf sie eine Freundin aus Jugendtagen, die ihr aber leider auch erzählen musste, dass der Großteil ihrer Familienangehörigen verstorben war, ein ganz dramatisches Wiedersehen fand statt mit ihrem Bruder, hier kam es dann auch zu Ausbrüchen von Tränen, sie musste die Verhandlungen immer wieder unterbrechen, weil der Tränenfluss lief. (0:25)
Sprecherin:
Eine der seltenen Überlieferungen, in denen eine indigene Helferin der europäischen Entdeckungsreisenden als menschliches beschrieben wird. Über Jahrhunderte tauchen die Führer, Dolmetscher und Wegbegleiter in den Aufzeichnungen nur in ihren Funktionen auf - oder als Forschungsgegenstand.
Sprecher:
Ein trauriges Beispiel dafür sind der bayerische Naturforscher Johann Baptist Spix und sein Botaniker-Kollege Carl Friedrich Philipp von Martius. Die beiden reisten Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ins Innere Brasiliens und hatten dort natürlich Kontakt mit der indigenen Bevölkerung, allerdings mit fragwürdiger Einstellung, erzählt der heutige Akademie-Präsident Prof. Thomas Höllmann.
Zusp. 10 Höllmann
Da hat man festzuhalten, dass die zwei Kinder mit nach München gebracht haben, zwei Kinder, die zwei unterschiedliche Sprachen sprachen und nicht miteinander kommunizieren konnten, und ganz übel anzumerken, diese Kinder haben in München nur noch kurze Zeit überlebt und wurden dann am südlichen Friedhof beigesetzt. (0:21)
Sprecherin:
Zwei Kinder einfach so nach Europa zu verschleppen, galt in der Wissenschaftswelt des 19. Jahrhunderts nicht als unmenschlich. Ähnlich wie Kolumbus und die Konquistadoren betrachteten auch spätere Forscher und Wissenschaftler die Indigenen als Objekte ihrer Entdeckung und als Arbeitskräfte. Obwohl de facto viele von ihnen an Ausführung und Planung von Expeditionen maßgeblich beteiligt waren.
Musik-Akzent
Sprecher:
Wie zum Beispiel der ehemalige Sklave Sidi Mubarak Bombay, der dem Entdecker John Hanning Speke und einigen anderen Forschungsreisenden Mitte des 19. Jahrhunderts in Ostafrika als Karawanenführer bei der Suche nach den Quellen des Nils half.
Zusp. 11 Matthies
Seine Verdienste waren die eines anerkannten Führers der Expedition, er war Dolmetscher, Informant und Diplomat in den Verhandlungen mit den lokalen Autoritäten, wenn es darum ging, Durchmarschrechte zu bekommen oder Wasserstellen nutzen zu dürfen, oder Proviant zu erwerben. (0:24)
Sprecherin:
Die berühmte Nilquellen-Expedition war ein von Großbritannien und der Royal Geographic Society großzügig unterstütztes Projekt. Der Sklave und spätere Karawanenführer Sidi Mubarak Bombay wird in den Aufzeichnungen darüber wohl auch deshalb so viel erwähnt, weil er ein markanter Charakter war.
Zusp. 12 Matthies
Die Europäer nannten als seine kritischen Punkte seine Trunksucht, seine Vorliebe für Frauen und seine Neigung zur Nutzung von Expeditionsressourcen für seine privaten Zwecke. (0:13)
Sprecherin:
Der sansibarische Trunkenbold, Frauenheld und Dieb Sidi Mubarak Bombay war aber de facto wohl der eigentliche Anführer der Expedition zu den Nilquellen. Der Kulturwissenschaftler Matthies geht sogar davon aus, dass die berühmte „europäische“ Nil-Expedition in Wahrheit ein afrikanisches Unternehmen war – die ohne Erlaubnis der Regierung von Sansibar nie hätte stattfinden können.
Zusp. 13 Matthies
Denn nominell herrschte der Sultan von Sansibar auch über große Teile Ostafrikas, dieser hatte immenses Interesse, seine Handelsinteressen zu intensivieren, es ging vor allem um Elfenbein und Sklavenhandel. Und er gab der Expedition seine Fahne mit, die blutrote Fahne von Sansibar, die sie vorweg tragen sollten. Es wehte also nicht die britische Flagge der Expedition voraus, sondern die Flagge Sansibars. (0:29)
Sprecherin:
Was die europäischen Forschungsreisenden natürlich nicht an die große Glocke hängten.
Akzent
Sprecher:
Als positives Beispiel im Umgang mit den einheimischen Helfern sind dagegen die Gebrüder Schlagintweit zu nennen, die berühmten Münchner Naturforscher, die Mitte des 19. Jahrhundert für ihre großen Indien- und Himalaya-Expeditionen bekannt wurden. Der Historiker Moritz von Brescius von der Universität Bern hat in deren Aufzeichnungen erstaunlich viele Hinweise auf indigene Partner gefunden. Beispielsweise auf einen Indo-Portugiesen namens Mr. Monteiro, der von den Schlagintweits zunächst für das Präparieren und Verpacken von Sammlungsgegenständen eingestellt wurde – sich aber schnell zum Oberaufseher der riesigen ethnografischen und naturhistorischen Sammlung – und ihrer indigenen Sammler - entwickelte.
Zusp. 14 von Brescius
Mr. Monteiro war eben in der Lage, aufgrund seiner eigenen Sprachfertigkeiten und seiner persönlichen Autorität diese Sammler zu koordinieren, aber dabei blieb es nicht. Die indigenen Helfer der Schlagintweits zeigten selber eine große Reisefreude oder eine große Neugierde, auch neue Techniken zu erlernen, sich auch mit wissenschaftlichem Instrumentarium aus Europa auseinanderzusetzen. (0:45)
Sprecherin:
Der indisch-portugiesische Mr. Monteiro und andere nicht-europäische Assistenten wie der multilinguale Schriftgelehrte Sayad Mohammad Said aus Kalkutta, der indische Arzt Harkishen, der usbekische Experte für Handelsrouten Murad aus Bokhara und der muslimische Karawanenführer Mohammed Amin – sie alle spielten eine wichtige Rolle bei der Himalaya-Expedition der Schlagintweits:
Zusp. 15 Von Brescius
Ich würde so weit gehen, dass das Monopol des Forschers nicht bei den Schlagintweits lag, bei dieser Expedition. Mr. Monteiro aber auch andere indigene Assistenten der Expedition, Wegführer und Übersetzer, waren zum Teil durchaus ausgebildete Forscher, das waren zum Teil geschulte Kartografen, es waren zum Teil ausgebildete Doktoren, die geschult waren und viel praktische Erfahrung mitbrachten und die selbst auch zu Entdeckern wurden, im Zuge der Schlagintweit-Expedition, weil sie die Brüder in Gebiete begleiteten, die für sie selbst zum Teil unbekannt waren. (0:37)
Sprecherin:
Insbesondere wenn die Brüder Schlagintweit das britisch kontrollierte Gebiet verließen, kam es dann auch oft zu einem Rollenwechsel:
Zusp. 16 Von Brescius
Das heißt, die Brüder waren gezwungen, die ganze Führung der Expedition an ihnen gänzlich unbekannte Personen abzugeben, die dann eben über die Routenwahl entschieden, die für die Proviantversorgung verantwortlich waren und die Brüder hatten ständig Angst vor Verrat, weil sie diesen Karawanenführern ausgeliefert waren. (0:21)
Sprecher:
Erstaunlich ist bei den Schlagintweit-Brüdern, dass sie die Rolle ihrer asiatischen Assistenten und Führer in ihren Aufzeichnungen offen würdigen.
Zusp. 17 Von Brescius
Damals gab es Publikationskonventionen in Europa, die es den meisten europäischen Reisenden untersagten, zuzugeben, wie abhängig sie von der Führung und der Hilfe dieser unbekannten indigenen Helfer waren, in Übersee. Das brach mit dem Bild des allmächtigen, allwissenden, mutigen, europäischen Forschers, der immer an der Spitze seiner Expeditionstruppe ins Unbekannte schreitet.
Die Brüder hingegen waren sehr offen darin. //
Musik-Akzent
Sprecher:
Nochmal zurück in der Geschichte: auch vom berühmten englischen Seefahrer James Cook weiß man, dass er auf seiner berühmten Seefahrt durch die Südsee im 18. Jahrhundert einen Nautiker namens Tupaia oder Tupia an seiner Seite hatte, der von den Einheimischen oft für den Anführer der Schiffsexpedition gehalten wurde.
Zusp. 18 Matthies
Tupia war ein Polynesier, er stammte von der Insel Rai Ratea, in der Nähe von Tahiti und er entstammte einer polynesischen Adelsfamilie und einer Familie von Navigatoren und Seefahrern. Er selbst war Priester eines Götterkults und ausgewiesener Navigator. (0:18)
Sprecherin:
.. und er konnte dolmetschen und diplomatische Verhandlungen führen. Was James Cook sehr entgegen kam. Eines der spannendsten Artefakte, die Cook von seinen Reisen durch den Pazifik mitbrachte, ist die berühmte Tupia-Karte, eine Art „mental map“, die der Polynesier damals gezeichnet hat.
Zusp. 19 Matthies
Das Orginal dieser Karte ist nicht mehr vorhanden, es gibt aber drei Kopien, drei Abschriften. Es geht vor allem um den Seeraum zwischen den Gesellschaftsinseln.
Dutzende von Inseln hat er sozusagen aus dem Kopf heraus in der oralen Tradition seiner Familie angeordnet auf Segelrichtungen, bezogen auf die Insel Raiatea als Zentrum der Gesellschaftsinseln. (0:30)
Sprecher:
Nicht zuletzt jahrhundertealtes polynesisches Wissen hat James Cook also erfolgreich durch die Südsee geleitet.
Sprecherin:
Andere wieder profitierten vom uralten Wissen der arabischen Seefahrt. Auch hier bringt die Forschung interessante Beiträge zum sogenannten „europäischen Entdeckungszeitalter“ ans Licht. So gilt als sicher, dass der berühmte portugiesische Seefahrer Vasco da Gama den Seeweg nach Indien gar nicht selbst entdeckt hat, sondern wohl eher auf altbekannten Wegen der arabischen Handelsschifffahrt unterwegs war, sagt der Islamwissenschaftler Detlev Qintern.
Zusp. 20 Quintern
Aus Forschungen portugiesischer Kollegen wissen wir, dass Vasco da Gama von einem arabischen Piloten der Weg gezeigt worden ist, so dass er nach Indien gelangen konnte. Dass er während dieser Fahrt arabische Seekarten gesehen hatte, mit Längen- und Breitengraden versehen, das ist bekannt, und dass er Hilfe hatte von arabischen Nautikern, die ihm den Weg zeigten. (0:43)
Sprecher:
Es sind nämlich nicht nur die Leistungen der Ureinwohner Amerikas, Afrikas oder Asiens in der europäischen Entdeckungsgeschichte systematisch unterschlagen worden. Auch die Beiträge der arabischen Wissenschaften und der arabischen Nautiker kommen in den Expeditionsgeschichten der Europäer nicht vor.
Sprecherin:
Womit wir wieder bei Kolumbus wären. Forschungen deuten darauf hin, dass der berühmte Spanier auf seinem Weg nach Amerika das uralte Wissen arabischer Seefahrer im Gepäck hatte. Ein Thema, das den im Sommer 2018 verstorbenen berühmten türkischen Arabisten und Islamwissenschaftler Fuat Sezgin sehr beschäftigt hat. An seinem Vermächtnis arbeitet Detlev Quintern an der Fuat Sezgin Research Foundation in Istanbul. Er sagt, die Forschung weiß zwar nicht genau, wer Kolumbus auf seiner ersten Schiffsreise zu den Bahamas begleitet hat…
Zusp. 21 Quintern
Gleichwohl wissen wir aus seinen Tagebüchern, dass er über Karten verfügte, Seekarten, die die vorgelagerten Inseln in der Karibik zeigten und diese Karten - das ist der große Beitrag von Fuat Sezgin - diese Karten in einen langzeithistorischen Kontext zu stellen, und zurückzuführen auf arabisches Wissen. (0:26)
Sprecher:
Kolumbus könnte also bei der Überfahrt nach Amerika tatsächlich auf alte arabische Seekarten zurückgegriffen haben – möglicherweise sogar arabische Lotsen dabeigehabt haben – so die Ansicht der Forscher am Fuat Sezgin-Insitut. Keine abwegige Vorstellung. Schließlich währte die Maurenherrschaft in Spanien und die sogenannte Reconquista, die Rückeroberung, ja bis in die Zeit von Kolumbus hinein.
Spätere Denkschulen der Renaissance waren zudem bemüht, die gesamte europäische Kultur auf griechische Quellen zurückzuführen – und islamische Wurzeln möglichst zu tilgen.
Sprecherin:
Und was haben die Angehörigen des einheimischen Volkes der Arawak auf der Bahamas-Insel Guanahani für Kolumbus und dessen Besatzung getan? Waren sie die ersten, die den Spaniern ihr wertvolles Wissen über den fremden Kontinent anvertrauten – bevor diese anfingen, ihn zu unterwerfen? Haben die Arawak die ersten Europäer eingewiesen, in Flora, Fauna und Kultur der Karibik?
Sprecherin:
Es gibt noch einiges zu entdecken, im „großen europäischen Entdeckungszeitalter“. Als sicher gilt schon jetzt: Die meisten der berühmten europäischen Expeditionen und Forschungsreisen waren aus heutiger Sicht wohl eher Gemeinschaftsprojekte. Internationale, multiethnische und multireligiöse Unternehmungen. Reisen, die oft auf dem uralten Wissen anderer Völker aufbauten. „Europäisch“ war am „europäischen Entdeckungszeitalter“ vor allem die Idee der Kolonialisierung, und: die tiefe Überzeugung von der eigenen kulturellen Überlegenheit.
Ochsenfrösche, Steine, Tibetisches Edelweiß, sogar Wasser - die Münchner Brüder Schlagintweit brachten von ihrer Indien-Expedition in den 1850er-Jahren nach Bayern mit, was ihnen von die Forschernasen kam. Ihr Anspruch auf Wissen und Erkenntnis war allumfassend, ganz nach dem Vorbild von Alexander von Humboldt. Von Bettina Weiß (BR 2015)
Credits
Autorin: Bettina Weiz
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Carsten Fabian
Technik: Jochen Fornell
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Hermann Kreutzmann, Prof. Felix Driver, Dr. Cornelia Lüdeke, Dr. Shekhar Pathak
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel
Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK
Linktipps:
BR (2015): Die Gebrüder Schlagintweit
Einst erforschten die drei Brüder Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit in ausgedehnten Expeditionen den Himalaya. Heute sind diese bayerischen Entdecker fast vergessen, doch damals waren sie Pioniere auf dem Dach der Welt. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2021): Der schmale Grat zwischen Triumph und Tragödie
2021 war ein besonderes Bergjahr: Der K2 wurde von zehn Alpinisten aus Nepal als letzter Achttausender erstmals im Winter bezwungen. Andere Bergsteiger stürzten dort ab. Was treibt sie an, sich unter extremen Bedingungen in Lebensgefahr zu begeben? JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
SPRECHERIN:
Die Welt erkunden. Selbst losgehen. Selbst ermessen, wie hoch die Berge sind und wie tief die Wässer und wie unterschiedlich die Menschen: Hermann und Adolf Schlagintweit aus München beginnen damit als Teenager.
ATMO Schritte
SPRECHERIN:
Im Jahr 1842, im Alter von 16 und 13, unternehmen die Brüder aus der feinen Theatinerstraße in München eine weite Wanderung in die bayerischen und tiroler Berge. Sie schwärmen von der...
SPRECHER:
...einfach erhabenen Pracht der Natur, die uns hier umgibt.
SPRECHERIN:
Auf Fotos posieren die Arztsöhne bukolisch mit Schäferhüten und Hirtenstäben. Sie wagen sich auf Berge, deren Gipfel vor ihnen noch keiner erklommen hat.
Romantik. Sportliche Herausforderung. Das sind die Grundlagen dafür, dass sich die Schlagintweits für etwas begeistern, was zu ihrer Zeit neu ist: Expeditionen. Dazu kommt der Wissensdurst.
MUSIK
SPRECHERIN:
Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Globus längst umrundet. Wer fürs europäische Publikum noch Neues erkunden will, muss Expeditionen machen, also aufwändig in Extremregionen vordringen: zum Nord- oder Südpol, in Dschungel, die von Schlafkrankheit versucht sind – oder eben ins Hochgebirge, wie die Schlagintweits. Im Gymnasium interessieren sich Hermann und Adolf besonders für Erdkunde. Eifrige Einserschüler. Hinterher studieren sie das Fach. Und immer intensiver bereisen sie die Alpen. Es ist die Ära, in der Enzyklopädien wie der „Brockhaus“ die Bücherregale vieler Bildungsbürger füllen und das Wissen der Welt verheißen, vollständig von A bis Z.
ATMO Schritte
SPRECHERIN:
Und so bestimmen die Schlagintweits auf ihren Touren durch die Alpen Luftdrücke, Temperaturen, Seehöhen und Schneedicken. Sie zählen Blumen. Sie vermessen Gletscher in Österreich und der Schweiz. Sie fertigen mit großer Akribie Zeichnungen und Aquarelle von Gebirgszügen an, produzieren das Monte-Rosa-Massiv und die Zugspitze in mini, als Reliefs aus Zinkguss.
MUSIK
SPRECHERIN:
Messen, bestimmen, zählen, aufzeichnen, in Beziehung setzen, und zwar alles: Menschen, Tiere, Pflanzen, das Klima und die Gesteine und die Gestirne: So hat es auch Alexander von Humboldt gemacht, als er durch Südamerika gereist ist. Er ist das große Vorbild der Schlagintweit-Brüder. Die Schlagintweits besuchen ihn in Berlin und gewinnen seine Sympathie. Der Preuße ist zu der Zeit achtzig Jahre alt, berühmt und bestens vernetzt am Königshof und im europäischen Wissenschaftsbetrieb. Mit seiner tatkräftigen Unterstützung wagen die Münchner Brüder – in den Worten von Robert Schlagintweit...
SPRECHER:
die Verwirklichung eines Wunsches, der mich seit Jahren lebhaft beschäftigt hatte, oder besser gesagt, seit meiner frühesten Jugend (und der durch wiederholte Reisen in den Alpen stetig genährt und am Leben erhalten wurde), dessen Erfüllung jedoch über sehr lange Zeit vollkommen jenseits der Grenzen des Möglichen erschienen wäre.
SPRECHERIN:
Der Traum der Schlagintweits ist eine Expedition in den Himalaya.
MUSIK
SPRECHERIN:
So eine Expedition ist ein Großunternehmen. Um das Gebirge nach ihren Vorstellungen vollständig zu erkunden, brauchen die Forscher Theodoliten, Barometer, verschiedene Thermometer, Magnetometer und andere Instrumente. Bestes und modernstes Gerät. Alleine eine Fotoausrüstung wiegt damals 200 Kilo. Ihr Gepäck wird so umfangreich sein, dass es 20 Kamele brauchen wird, um alles zu transportieren. Dazu kalkulieren sie mit einem Tross von Kameltreibern, Trägern, Köchen, Kartographen, persönlichen Dienern, Dolmetschern und vielen anderen.
SPRECHER:
Ungeachtet aller Einschränkung konnte man bei der indischen Art zu Reisen ohne acht bis zehn Menschen für einen von uns nicht vorwärts kommen.
SPRECHERIN:
So versuchen die Brüder, öffentliche Mittel für ihre geplante Expedition zu bekommen. Was die Könige von Bayern und Preußen zahlen, sind Tropfen auf den heißen Stein. Da ebnet Alexander von Humboldt den Schlagintweits den Weg nach England, zur britischen Ostindiengesellschaft in London.
MUSIK
SPRECHERIN:
Die britische Ostindiengesellschaft ist gerade dabei, ihre Macht in Indien auszuweiten. Im 17. Jahrhundert hatte sie als private Handelsfirma angefangen, gestützt auf ein paar Kontore an der indischen Küste. Diese Niederlassungen baute sie später zu Kolonien aus. Zur Zeit der Brüder Schlagintweit ist sie Territorialmacht geworden. Sie beherrscht Gebiete, die mehrmals so groß sind wie England. Es ist der Übergang von Kolonialismus zu Imperialismus, erklärt der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann. Kurz darauf wird der Staat die Ostindiengesellschaft übernehmen und die Königin von England wird sich zur Kaiserin erklären, zum „Emperor“ von Indien.
1. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Das war die wertvollste Kolonie, die England jemals gehabt hat, und die möchte sie schützen. Und Imperialismus ist die Antwort darauf.
SPRECHERIN:
Mit dem „Imperialismus“, dem Drang, ein „Empire“ weit über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zu beherrschen, kommt die Expedition à la Schlagintweit als Forschungsweise auf.
2. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Wenn man ein Territorium dominieren möchte, muss man wissen, welche Menschen dort leben, welchen Tätigkeiten sie ausüben, welche Reichtümer es dort gibt, und wir sind in einer Phase des Cartesianischen Denkens, also des rechenhaften Denkens, also wo es beginnt, Statistiken aufzulegen. Zahlen zu erheben, Messungen durchzuführen, und das ist dann auch, was die Expedition der Gebrüder Schlagintweit ausmacht. Das ist die Zeit, wo die Rechenhaftigkeit eine zentrale Rolle spielt. Und das ist ja auch verbunden mit Imperialismus, mit der Kontrolle, mit der Einführung von Verwaltung. Alles ist zweckgebunden. Und die Wissenschaft ist die Dienerin des Imperialismus.
SPRECHERIN:
Wie sich die Interessen von Wissenschaft und Imperialismus treffen können, zeigen die Verhandlungen der Brüder Schlagintweit mit der Britischen Ostindiengesellschaft. Die möchte eigentlich nur, dass die Schlagintweits eine von anderen begonnene Studie zu Ende führen und messen, wie magnetisch verschiedene Regionen Indiens sind. Aber die Brüder wollen mehr. Schließlich zielt ihr Humboldtscher Ansatz auf Vollständigkeit. Sie werben:
SPRECHER:
Sehr gerne werden wir unsere größte Aufmerksamkeit auch allen Fragen von praktischem Nutzen zuwenden, wie etwa der geologischen Altersbestimmung der verschiedenen Kohlevorkommen Indiens, dem Vorkommen von Salz oder der praktischen Verwendung des Schwefels, der im westindischen Sindh vorkommt.
SPRECHERIN:
Mehr als vier Jahre planen, verhandeln und taktieren die Brüder Schlagintweit. Am Ende zahlt die Britische Ostindiengesellschaft den Löwenanteil ihrer Expedition und macht sie damit möglich.
MUSIK
SPRECHERIN:
1854 schiffen sich Hermann, Adolf und ihr jüngerer Bruder Robert nach Indien ein. Schon auf der Reise beginnen sie, Wasser an verschiedenen Stellen aus dem Meer zu schöpfen und sein spezifisches Gewicht zu bestimmen. Sie messen wie besessen, in Indien angekommen erst recht, außer Magnetismus unter anderem auch die Temperatur, Entfernungen, Seehöhen, den Luftdruck, die Horizontal- und Vertikalwinkel von Bergen, die Dicke von Schneedecken auf Fels und die Länge und Breite der Hände und Füße von Indern und Inderinnen aus verschiedenen Regionen. Sie erklimmen Berge, schaffen es bis zu einer Höhe von 6.788 Metern, wagen sich in Wälder.
SPRECHER:
Am Fuße des Berges ließen wir auch die Pferde zurück, und sogleich begann ein steiles Hinaufsteigen. Aber nur langsam kamen wir auf dem Abhange vorwärts, denn es war eine mühsame und zeitraubende Arbeit, in dem Dschungel, der an Großartigkeit und Dichtigkeit Alles bisher von mir Gesehene übertraf, irgendeinen Weg hindurch zu hauen. Mir waren in kurzer Zeit die Kleider zerfetzt; das geringste Vergnügen schienen meine Hindus aus dem Flachland an dieser Expedition zu haben, obwohl sie ihre zahlreichen Dornenwunden fast vergaßen über den Gedanken, unerwartet dem Tiger zu begegnen.
SPRECHERIN:
Abenteuer und Gefahr gehören zur Expedition – aber auch generalstabsmäßige Planung. Der Londoner Geographiehistoriker Felix Driver beleuchtet diesen sehr praktischen Zusammenhang von Imperialismus und Expeditionen.
3. ZUSPIELUNG (Felix Driver)
by the 19th century European military might is extending itself around the world, and I think that idea about expeditions and explorations also diffuse around the world...
Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:
Im 19. Jahrhundert hat sich europäische Militärmacht rund um die Welt ausgedehnt, und die Idee der Expedition hat sich auch weltweit verbreitet. In gewisser Weise wurden die größeren Expeditionen auch in militärischer Weise organisiert. Man musste unter sehr schwierigen Bedingungen von A nach B kommen, man musste für die Logistik, Nahrungsmittel und Vorräte sorgen, und es überrascht nicht, dass das Militär entweder an den Expeditionen beteiligt oder ein wichtiges Vorbild war.
... and it is not surprising that the military were either involved in expeditions or were an important model for how to get from A to B in very difficult environments. So it is a sort of military the model.
SPRECHERIN:
Die Schlagintweits werden manchmal von Soldaten begleitet, immer führen sie Pistolen mit sich.
SPRECHER:
Waffen sind - neben ihrer Wichtigkeit für den persönlichen Schutz -, besonders als Artikel zu erwähnen, die als Geschenke geeignet sind.
SPRECHERIN:
Seine Waffen verschenken – das klingt nach Frieden und Vertrauen. Tatsächlich steht die Expedition in weniger friedlichem Zusammenhang, als die Brüder Schlagintweit es vielleicht selbst wahrhaben wollen. Im 19. Jahrhundert ist die Zeit vorbei, in der Reisende Entdecker und Händler auf Augenhöhe waren – wie etwa Marco Polo oder Mitarbeiter der Britischen Ostindiengesellschaft in deren Anfängen. Nun geht es den europäischen Auftraggebern von Expeditionen darum, Gebiete in fremden Erdteilen zu beherrschen, erklärt der Geograph Hermann Kreutzmann
4. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Das ist der Übergang vom Handelsaustausch in eine Dominanzphase hinein, und die endet mit Grenzziehung. Die afghanischen Grenzen werden um 1893, 95 geschaffen, und in dieses Spiel geraten die Brüder Schlagintweit hinein.
SPRECHERIN:
Um die Macht in Afghanistan und dem übrigen Mittelasien ringen England, Russland und China. Die Schlagintweits, in britischem Auftrag unterwegs, erkunden dabei nicht nur die britische Machtsphäre, sondern auch Gebiete außerhalb. Sie sind Kundschafter. Spitzel. Wie andere Expeditionsreisende, die etwa von Russland oder Frankreich finanziert sind.
5. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Das sind Reisende, die mit einem - Sie könnten sagen Vorwand kommen, sagen, Botanisierer oder Geologen, oder sie interessieren sich für die Gletscher, das Klima oder für andere Dinge, das sind Reisende, die dann sich der Wissenschaft verschrieben haben, die ein Bürgertum bedienen in unseren Landen, in den geographischen Gesellschaften, wenn die Vorträge halten, die verkehren in Zirkeln, erzählen interessante Geschichten, werden gesponsert von Wohlhabenden, jedes Jahr an Weihnachten gibt es die Reiseberichte von diesen Leuten als Buch gebunden, da - unter dem Mantel der Wissenschaft reisen Leute, die gleichzeitig aber auch Informationen liefern, die für die politischen Interessen der Staaten, aus denen sie stammen, sehr gut verwertbar sind.
SPRECHERIN:
Außerhalb der britischen Machtsphäre gehen die Schlagintweits unterschiedlich vor. In Kaschmir etwa warten und verhandeln sie, bis sie von örtlichen Machthabern eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung bekommen. In Turkestan etwa verkleiden sich die Münchner als einheimische Händler.
SPRECHER:
Hier war es, wo wir zuerst unsere Turki-Bekleidung anlegten, da wir nun, so weit vorgeschritten, bei etwaiger Begegnung mit Turkistani-Caravanen nicht als Europäer auffallen sollten. Dabei bekamen wir auch den Kopf geschoren; wir zogen vor, dies mit einer Schere in der Art ausführen zu lassen, als hätte das Rasiren mit dem Messer schon einige Zeit vorher stattgefunden.
SPRECHERIN:
Diese Tricks klappen nicht immer. Die Schlagintweits werden hingehalten, absichtlich fehlinformiert und beraubt. Diener von ihnen werden als Geiseln genommen. Trotzdem lassen sie nicht locker. Sie reisen weiter, trennen sich zeitweise, damit jeder einzelne Bruder noch mehr messen, noch mehr sammeln kann, überqueren raue Hochpässe, erkunden Gletscher und mittelasiatische Weiten bis nach Kaschgar. Die Stadt liegt an einem wichtigen Knotenpunkt der Seidenstraßen. Im Kampf um die Macht in Mittelasien ist Kaschgar strategisch so wichtig, dass es zu jener Zeit verbotenes Land für Europäer ist. Adolf Schlagintweit wagt sich trotzdem hin.
6. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Das waren junge Leute, die wollten sich einen Namen machen, und die wollten etwas schaffen, was andere vor ihnen nicht geschafft haben.
SPRECHERIN:
Adolf Schlagintweit bezahlt den Besuch in Kaschgar mit dem Leben. Bald nach seiner Ankunft im August 1857 wird er enttarnt und geköpft.
MUSIK
SPRECHERIN:
Adolfs Brüder Hermann und Robert kehren nach Europa zurück. Der Tod ihres Bruders während der Expedition schockiert sie zutiefst. Trotzdem schreiben sie den Bericht über ihre Reise wie eine Empfehlung, auch Expeditionen zu machen, mit allerhand praktischen Tipps: wo man im Himalaya Zigarren kaufen kann, wann Gamaschen hilfreich sind, dass sich Brandy besser als Wein oder Bier fürs Reisen eignet, was Maultiere für den Gepäcktransport kosten, wie man mit kleinen Papieraufklebern an den Verschlüssen von Vorratsbüchsen, die wie Talismane wirken, verhindern kann, dass die Köche wertvolle Vorräte verplempern, und dass man die Dolmetscher und Reiseführer am besten erst am Ende der Reise bezahlt und am Erfolg beteiligt. Der Geographie-Historiker Felix Driver weist darauf hin, dass sich im 19. Jahrhundert, als Expeditionen „in“ wurden, vielerorts eine regelrechte Industrie von Reiseleitern und Expeditionsausstattern entwickelte.
7. ZUSPIELUNG (Felix Driver)
There are parallels between the ways in which certain local figures become guides, become experts, become interpreters. And they help a series of expeditions, they might be British expeditions, they might be ...
Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:
Es gibt Parallelen darin, wie bestimmte Leute Reiseleiter, Experten oder Dolmetscher werden. Sie helfen einer Reihe von Expeditionen, egal ob es britische, deutsche oder amerikanische sind, und sie sammeln einen gewaltigen Erfahrungsschatz an. So wie die Sherpas die Experten auf den Bergen werden gibt es andere, die Experten darin werden, durch Amazonien oder Ostafrika zu navigieren. Sie kennen das Land, die politische Situation und die Sprachen. Sie sind oft nicht aus der Gegend selbst, aber sie spielen diese sehr wichtige Vermittlerrolle. Und die Europäer werden sehr abhängig von ihnen. Dass sie mit solchen Vermittlern arbeiten ist eine Gemeinsamkeit von Expeditionen in sehr, sehr verschiedenen Teilen der Welt.
... And Europeans become very dependent on them. So that is a common feature which you find actually in very, very different parts of the world.
SPRECHERIN:
Für die Logistik mögen solche Dienstleister praktisch sein. Aber für die Wissenschaft bergen sie Probleme, sagt der Geograph Hermann Kreutzmann.
8. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Die Schlagintweits waren sehr stark auf Dolmetscher und Begleiter angewiesen, und diese Dolmetscher und Begleiter haben auch diese Situation häufig genutzt, um ihnen Räuberpistolen zu erzählen. Geschichten zu machen, für die es keine Belege gab, weil sie wussten, sie sind das einzige Sprachrohr, das mit ihnen spricht. Und sie haben ihre Version einer Geschichte geliefert. Oder auch interessante Geschichten geliefert, wenn man damit viel Geld verdienen konnte.
SPRECHERIN:
Die Brüder Schlagintweit kehren jedoch mit mehr als mit Geschichten, Daten und Bildern aus Indien zurück. Sie haben auch handfestere Dinge gesammelt, unter anderem
SPRECHER:
20.000 Steine, 12.000 Pflanzen, 6000 Vögel, ausgestopft oder als Skelett, fast 600 Baumdurchschnitte, 250 Gipsabgüsse von Menschengesichtern, 46 Schädel und 21 komplette Skelette von Indern und Inderinnen, dazu Tierskelette, präparierte Fische, Muscheln, Schmuck, Hausgeräte, Kleider und Waffen sowie lebende Wildesel, Pferde und Kamele für den Berliner Zoo
SPRECHERIN:
Das alles melden sie nach ihrer Rückkunft Alexander von Humboldt, ihrem Förderer und wissenschaftlichem Vorbild. An dessen Anspruch, „die ganze materielle Welt“ darzustellen, scheitern sie jedoch. Niemand zahlt ihnen die Arbeit, die Sammlung vollständig auszuwerten und auszustellen. Sie muss mehrfach umziehen. Dabei zerfallen die Tierskelette. Motten zerfressen kostbare Stoffe. Fast ein Vierteljahrhundert müht sich Hermann Schlagintweit mit dem Material. Mit 56 Jahren stirbt er, bald darauf auch sein Bruder Robert.
Musikakzent
SPRECHERIN:
Die Erben verkaufen von der verrottenden Sammlung, was zu verkaufen ist. Viele Steine und einige Fische in Spiritus geben sie einem Mineralienhändler in Kommission. Der verhökert ein paar Dinge, ansonsten schreibt er von
SPRECHER:
Wertlosem Geröll. Wenn Sie – wie ich hoffe und darum bitte – mich einmal in Bonn besuchen, wollen wir einen Spaziergang auch über den Weg machen, der damit gepflastert worden.
MUSIK
SPRECHERIN:
Je mehr die Welt vermessen und machtpolitisch verteilt ist, desto weniger Expeditionen im Stil der Schlagintweits finden statt. Für sein Fach meint der Berliner Geographie-Professor Hermann Kreutzmann:
9. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Heute würden wir von solchen Expeditionen nicht mehr sprechen. In unserem Fall hat sich das vollkommen verändert zu der damaligen Zeit,
SPRECHERIN:
An die Stelle der Expedition tritt – wenn nicht gleich auf die Erkundung vor Ort verzichtet und die Welt am Computer modelliert wird – die Feldforschung: Statt wie die Schlagintweits ganz Indien plus Himalaya plus Teile Mittelasiens möglichst vollständig in vier Jahren zu bereisen, zu vermessen und darzustellen, spezialisiert sich der Forscher oder die Forscherin nun lieber gründlich auf einen einzigen Ort.
10. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Das ist heute häufig anders, weil wir doch junge Leute haben, die dann auch lokale Sprachen erlernen, bevor sie Feldforschung durchführen und nicht auf Dolmetscher angewiesen sind, wenn sie da etwas machen. Ein Doktorand von mir hat sich über Heiratsverhalten in Kaschgar promoviert, der hat vorher Uighurisch und Chinesisch gelernt, um dort zu arbeiten
SPRECHERIN:
Er ist auch ohne Verkleidung gereist und lebendig wiedergekehrt. Die Forscher präsentieren ihre Ergebnisse idealerweise nicht nur in Berlin und London, sondern entwickeln sie gemeinsam mit Wissenschaftlern in den erforschten Gebieten weiter.
11. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Ich habe mehrfach in Kaschgar Konferenzen gemacht, ich habe in Lhasa in Tibet Konferenzen organisiert, in Khorog in Tadschikistan, in Duschanbe, in Gilgit in Pakistan, gemeinschaftlich mit den Partnern vor Ort werden diese Konferenzen organisiert.
SPRECHERIN:
Der Erkenntniswert einer einzelnen Expedition ist gering, auch für Naturwissenschaften. Die Meteorologin und Wissenschaftshistorikerin Cornelia Lüdeke betrachtet zum Beispie die Klimawerte.
12. ZUSPIELUNG (Cornelia Lüdeke)
Die Daten der Schlagintweits sind natürlich auch nur ausschlaggebend für die drei Jahre, die sie damals im Himalaya unterwegs waren. Und wir wissen ja selber: Es gibt Winter, wo viel Schnee ist, und dann gibt es wieder Jahre, wo wenig Schnee fällt. Im Grunde ist das ein Zufallsergebnis, man müsste da auch längere Zeitreihen über 30 Jahre haben. Weil Klima wird über 30 Jahre sozusagen bestimmt.
SPRECHERIN:
Allerdings sind die Schlagintweitschen Messungen so gut nachvollziehbar, dass sie für weitere Forschungen heutzutage wertvolle historische Bezugswerte liefern.
13. ZUSPIELUNG (Cornelia Lüdeke)
Heute kann man beispielsweise untersuchen, wie sich die Schneehöhen ändern, vielleicht aufgrund der Klimaänderung.
MUSIK
14. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak – englisch ohne overvoice)
Due to Nain Singh Rawat many people also know about Schlagintweit brothers! Otherwise Schlagintweit brothers also forgotten in India.
SPRECHERIN:
In Indien wäre die Expedition der Brüder Schlagintweit vergessen – wäre da nicht Nain Singh Rawat, sagt der Historiker Shekhar Pathak aus Nainital im Himalaya.
15. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak)
He was just doing portering! But when he joined the group, he was great learner. he was so sensitive - everything which the Schlagintweit brothers were doing, he followed that...
Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:
Nain Singh Rawat war nur ein Träger! Aber als er zur Expedition dazustieß, hat er sehr viel gelernt. Er hat alles, was die Schlagintweits taten, mitverfolgt, Barometer und Prismen bedient und Landkarten gezeichnet. Er hat den Brüdern Tibetisch beigebracht und gleichzeitig von ihnen Englisch gelernt. Es war ein großartiges Lernen, und zwar in beide Richtungen. Die Schlagintweits entdeckten den Funken, der in Nain Singh Rawat schlummerte. Nicht einmal sein eigener Cousin hatte es entdeckt. Nur die Schlagintweits!
...And they realized the spark inside Nain Singh Rawat! otherwise nobody else, even his own cousin Mani singh never realized the spark inside Nain Singh Rawat. But Schlagintweit brothers did!
SPRECHERIN:
Nach dem Dienst für die Schlagintweits arbeitete Nain Singh Rawat auch für britische Wissenschaftler und Landvermesser. Er erkundete viel Neuland für die Briten und erhielt höhere Auszeichnungen von britischen Institutionen als seine ehemaligen Arbeitgeber aus München.
16. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak)
I am not only proud of him. I always been thinking how such a person emerged in our part of Himalaya! From zero how he reached to a certain summit!
Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:
Ich bin nicht nur stolz auf ihn. Ich denke immer: dass so jemand aus unserem Himalaya stammt! Von null aus hat er so einen Karrieregipfel erreicht!
SPRECHERIN:
Auch andere Inder hätten viel von den Briten gelernt, und in manchen Dingen sei man in Indien England wissenschaftlich voraus gewesen, hebt Shekhar Pathak hervor. So begann die Vermessung Indiens über 60 Jahre, bevor in England die Königliche Geographische Gesellschaft gegründet wurde. Der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann erinnert an den machtpolitischen Hintergrund der Vermessung und Erkundung von Bergen und Bodenschätzen.
17. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)
Es war dieses Experiment, was man in der Imperialismustheorie derart beschreibt: Fertigware wird aus Europa nach Asien, Afrika und Übersee geliefert, und Rohstoffe kommen aus der Gegenrichtung, und das ist zum großen Nutzen Europas und zum Schaden des Restes der Welt.
SPRECHERIN:
Trotzdem. Sein Kollege aus Indien verteidigt Expeditionen wie etwa die der Schlagintweits.
18. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak)
So it was part of larger colonial scheme. Definitely. But it is also contributing to the larger human knowledge. This is the positive point in whole history of exploration. And this exploration not only contributed in the scheme of colonialism in Asia, or in Orient, it also contributed in larger context the knowledge about lesser known, unknown places to the larger world.
Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:
Sie waren Teil eines kolonialen Plans. Na klar! Aber sie haben auch zum größeren Wissen der Menschheit beigetragen. Das ist das Gute an der Geschichte der Expeditionen. Sie haben dazu beigetragen, dass die Welt jetzt mehr über Orte weiß, die einst unbekannt waren.
Alles Geschichte stellt vor: "ICONIC - Modegeschichte mit Aminata Belli”. Es gibt entsetzliche Worte für Kleidungsstücke, die wir doch eigentlich sehr schätzen: Brunzhosen, zum Beispiel. Oder es ist nur sehr verschämt von ihnen die Rede. Dabei können wir uns heute ein Leben ohne Unterwäsche kaum noch vorstellen. Dabei kam die Menschheit die längste Zeit "ohne" aus. Wie dann aus einem langen Untergewand unsere heutige Unterwäsche wurde, erzählt Host Aminata Belli in dieser Episode. Von Mariia Fedorova (BR 2024)
Credits
Autorin: Mariia Fedorova
Regie: Martin Zeyn
Es sprachen: Aminata Belli, Ann-Kathrin Mittelstraß
Redaktion: Vanessa Schneider und Martin Zeyn, BR Kultur
Im Interview: Abby Cox, Julia Fritzsche
Besonderer Linktipp der Redaktion:
BR: ICONIC – Modegeschichte mit Aminata Belli
Dieser Podcast erzählt in jeder Episode die Geschichte eines ikonischen Kleidungsstück von Kapuzenpulli und Doc Martens zu Fußballshirt, Handtasche und Jeans und den gesellschaftlichen, technologischen und sozialen Umbrüchen, die Modetrends oft begleiten. Aminata Belli nimmt mit in die Geschichte vieler Lieblingsteile. Woher kommt ihre Coolness? Wie schaffen sie es, für große popkulturelle Momente, Subkulturen oder Underdogs zu stehen? JETZT ANHÖREN
Linktipps:
radioWissen (2022): Unterwäsche – Hautnahes im Wandel der Zeit
Noch bis vor kurzem trugen Mann und Frau ganz wie im Mittelalter nur ein langes Hemd auf der nackten Haut. Erst seit dem 19.Jahrhundert findet Unterwäsche reißenden Absatz. Zu dieser Folge vom Podcast radioWissen geht es HIER
Deutschlandfunk (2023): Lernen geht auch in Jogginghose
Im letzten Jahr ging diese Schlagezeile durch die Medien: „Der Bundeselternrat will Kleiderregeln an den Schulen etablieren“ – nicht zu freizügig und auch nicht zu „lottrig“ sollen die Klamotten der Kids sein. Macht das Sinn? Katharina Hermes kann dem Vorschlag in ihrem Kommentar nichts abgewinnen. JETZT ANHÖREN
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Von Männern in Strumpfhosen zu Frauen im Hosenanzug - jahrhundertelang war die Hose in Europa Symbol von Männlichkeit und Macht, Klassenkonflikten und Geschlechtsunterschieden. Und nicht zuletzt deshalb heiß umstritten: Von der Rolle der Hose in der Französischen Revolution wie im Kampf um die Emanzipation und der Jugendrevolte des 20. Jahrhunderts. Von Ulrike Rückert (BR 2024)
Credits
Autorin: Ulrike Rückert
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Berenike Beschle, Stefan Wilkening, Katja Bürkle
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Nicole Ruchlak
Besonderer Linktipp der Redaktion:
BR: ICONIC – Modegeschichte mit Aminata Belli
Dieser Podcast erzählt in jeder Episode die Geschichte eines ikonischen Kleidungsstück von Kapuzenpulli und Doc Martens zu Fußballshirt, Handtasche und Jeans und den gesellschaftlichen, technologischen und sozialen Umbrüchen, die Modetrends oft begleiten. Aminata Belli nimmt mit in die Geschichte vieler Lieblingsteile. Woher kommt ihre Coolness? Wie schaffen sie es, für große popkulturelle Momente, Subkulturen oder Underdogs zu stehen? JETZT ANHÖREN
Linktipps:
funk (2021): Männer im Rock – Darum irritiert uns das!
Männer in Kleidern oder Röcken - das ist nicht nur ein echter Fashiontrend, sondern auch ein riesiges Aufregerthema. Männer, die im Alltag Röcke tragen sind selten und es erfordert viel Mut. Nur was hält Männer eigentlich davon ab, Sommerkleider zu tragen? Historisch gibt es die strikte Trennung von Männer- und Frauenkleidung noch gar nicht so lange: Im 18. Jahrhundert brachte das aufsteigende Bürgertum neue Moralvorstellungen mit, die strikt zwischen Mann und Frau unterschieden und damit unseren Geschmack mitprägten. Heute sehen Modeexpert:innen darin einen neuen Trend, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Die Nachfrage nach gender-neutraler Kleidung, die Geschlechtergrenzen sogar gänzlich überwindet, sei da und das Ganze auch nicht mehr nur ein kurzlebiger Trend, sondern liege an einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung. Zum Film geht es HIER.
ARD alpha (2022): Mode und Geschlechterrollen
Für die einen ist sie die schönste Nebensache der Welt, für andere überflüssiger Luxus. Und doch kommt keiner an ihr vorbei: der Mode. Sie ist das ausdruckstärkste und augenfälligste Kommunikationsmittel, über das wir Menschen verfügen. JETZT ANSEHEN
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:34 – Von barbarisch bis populär
TC 07:31 – Die Bedrohung der „Männlichkeit“
TC 10:14 – Andere Zeiten rücken an
TC 14:48 – Das amerikanische Bloomer-Kostüm
TC 17:33 – Eroberung des Sports
TC 19:07 – Wer hat jetzt die Hosen an?
TC 22:00 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ERZÄHLERIN
Die Sängerin Esther Ofarim trug edlen schwarzen Samt und Perlenkette, als sie an einem Abend im September 1966 die Bar im Hamburger Grandhotel Atlantic betrat. Ein Angestellter forderte sie auf, die Bar zu verlassen und sich umzuziehen, wenn sie wiederkommen wolle. Der Grund für den Affront: Das todschicke Outfit des Weltstars war – ein Hosenanzug.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Die Sache schlug Wellen. Einer Reporterin erklärte der Hoteldirektor, man erwarte von den Gästen „vorschriftsmäßige Garderobe“, und sobald die Damenhosen „offiziell anerkannt“ seien, werde man sie selbstverständlich akzeptieren. Die Hamburger Hosenaffäre ist ein Beispiel für das Konfliktpotential in der Geschichte des zweigeteilten Beinkleids.
ZITATOR
Hosen. Sind eine bekannte Kleidung, womit die Manns-Personen den Unter-Leib bedecken.
ERZÄHLERIN
So definiert ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und erläutert weiterhin:
ZITATOR
„Hosen ihres Mannes hat das Weib.“ Ist ein bekanntes Sprüchwort, so von denen herrschsüchtigen Weibern gesaget wird, welche ihren Männern in allen befehlen und das Regiment über selbige führen wollen.
TC 01:34 – Von barbarisch bis populär
ERZÄHLERIN
Die Geschichte der Hose ist lang. Ötzis Beinlinge aus Fell waren ein Vorläufer. Die ältesten richtigen Hosen, die Archäologen ausgegraben haben, gehörten asiatischen Reiten vor dreitausend Jahren. Germanen und Kelten trugen Hosen, Griechen und Römer allerdings fanden die Dinger barbarisch. Auch ist die Hose nicht von Natur aus männlich, zwischen Indien und Grönland finden sich in der Geschichte der Menschheit viele Völker mit behosten Frauen. Aber im Mittelalter wurde die Hose in Europa zum Symbol von Männlichkeit und von Macht im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Redensart von der Frau, die die Hosen anhaben will, war schon im 13. Jahrhundert geläufig, jedoch ging es damals nicht um das Oberbekleidungsstück, das im Deutschen heute Hose heißt. Denn das war auch bei Männern aus der Mode.
MUSIK
ZITATOR
Der Gast schritt an das Bett,
da war ein weißes Gewand für ihn bereitet.
Einen Bruchgürtel von Gold und Seide
zog man darunter.
Rote Hosen aus Scharlach streifte man ihm über.
ERZÄHLERIN
So beschreibt Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“ um das Jahr 1200 das Outfit eines Ritters bei Hofe. Das Gewand war lang, und „Hosen“ ist das mittelhochdeutsche Wort für Strümpfe oder Beinlinge. Die trugen auch Frauen unterm Kleid. Der „Bruchgürtel“ hielt die Bruch – eine Unterhose.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
In Heinrich Wittenwilers Satire „Der Ring“, verfasst rund zweihundert Jahre später, bekommt der Bräutigam bei einer Bauernhochzeit guten Rat:
ZITATOR
Das sag ich dir ganz grad heraus:
Du bist der Herr in deinem Haus!
Wiss’, und trägt dein Weib die Bruch,
Sie wird dein Unglück und dein Fluch
wider Gott und sein Gebot!
Hierzu wirst du der Leute Spott.
ERZÄHLERIN
Die Unterhose machte den Mann. Und der Mann hatte dafür zu sorgen, dass er der Herr im Haus war, wie es auch die Bibel bestimmte. Frauen galten als launisch, eitel, gierig und herrschsüchtig, und hielt man sie nicht unter Kontrolle, geriet die Welt aus den Fugen. So waren französische Schwänke, italienische Novellen und deutsche Fastnachtsspiele bevölkert von Frauen, die – oft ganz handgreiflich – versuchten, ihrem Mann die Hose zu entreißen. Die Geschichten warnten unbotmäßige Frauen vor drastischen Strafen oder führten dem männlichen Publikum vor, welche Demütigungen ihm bei einer Niederlage drohten:
MUSIK
ZITATOR
Die Betten machen, kehren, waschen,
sudeln und prudeln in der Aschen.
ERZÄHLERIN
Eine Revolution in der Männermode nach der Großen Pest im 14. Jahrhundert brachte die Hose als Oberbekleidung zurück. In einer Chronik ist zu lesen:
ZITATOR
Nachdem das Sterben ein Ende hatte, da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und machten die Männer neue Kleidung. Die Röcke waren so eng, dass ein Mann nicht darin schreiten konnte, und waren eine Spanne über die Knie. Danach machten sie die Röcke ganz kurz, eine Spanne über den Gürtel.
ERZÄHLERIN
Die jungen Männer schnitten immer mehr von ihren Gewändern ab, bis nur ein Wams übrigblieb, das kaum noch den Po bedeckte. Das rückte wohlgeformte Beine – Gipfel männlicher Schönheit – in vorteilhaftes Licht, aber zwischen dem Wams und den langen Strümpfen blitzte die Bruch und womöglich blanke Haut hervor. Zur Abhilfe nähte man die Beinlinge hinten zusammen und setzte vorn einen Latz ein. Voilà, die Hose war wieder da, und im Deutschen trug sie nun auch diesen Namen. Von nun an war sie das männliche Kleidungsstück. Und bald in den wunderlichsten Erscheinungen zu sehen.
MUSIK
ZITATOR
Mir kann keiner eine zu abenteuerliche Form eines Kleids aufbringen, denn je seltsamere Kleidung, nach Schnitt von Hosen, Wams und Schuhen, einer aufbringt, je lieber trag ich’s.
ERZÄHLERIN
… bekannte der Augsburger Konrad Schwarz im 16. Jahrhundert, durchaus typisch für den modebewussten Mann der Renaissance. Männer von Adel und nun auch die stolzen Bürger der Städte zeigten nicht nur Figur, sondern auch, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Wie ein Pfau spreizte man das schillernde Gefieder. Nach der Strumpfhosenphase waren Hosen für drei Jahrhunderte mehr oder weniger kurz und meist farbenfroh. Die Hosenwissenschaft kennt Dutzende von Namen für Modestile, die miteinander konkurrierten oder sich abwechselten - eng anliegend oder bauschig weit, kugelig rund ausgepolstert, geschlitzt mit kontrastfarbig herausquellendem Futter, bestickt, mit Bändern und Schleifen verziert. Und das Gemächt verpackt in protzig großen Schamkapseln.
ZITATOR
Und möchte mancher meinen, er sehe einen Kramladen aufgetan, so mit mancherley Farben von Nesteln, Bändeln, Schlüpffen sind sie an Haut und Haaren, an Hosen und Wambs, an Leib und Seel behenket, beschlencket, beknöpfet und beladen.
ERZÄHLERIN
… spottete der Satiriker Johann Michael Moscherosch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und dann kam die Rheingrafenhose – die ein Rock war. Ein knielanger, weiter Rock, üppig garniert mit Spitzen, Bänderbüscheln und Schleifen, und darunter schaute eine Pluderhose mit breiten Spitzenvolants heraus. Eine Zeitlang war das der Hit an Europas Fürstenhöfen. Zur selben Zeit sah Samuel Pepys in London Irritierendes:
ZITATOR
In den Gallerien finde ich die Hofdamen in ihrer Reitkleidung, mit Mänteln und Wämsern gerade wie meine, mit Perücken und mit Hüten, so dass, würde nicht ein langer Unterrock unter ihren Männermänteln schleifen, niemand sie für Frauen halten könnte, was ein seltsamer Anblick war und mir nicht gefiel.
TC 07:31 – Die Bedrohung der „Männlichkeit“
MUSIK
ERZÄHLERIN
Die Ordnung der Geschlechter verlangte auch sichtbare Verschiedenheit, was ebenfalls auf biblischem Gebot beruhte:
ZITATOR
Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun.
ERZÄHLERIN
Das Verbot galt für beide Geschlechter, doch es ist nicht für beide dasselbe, wenn die Frau dem Mann untergeordnet ist. Der Unterschied besteht darin, so der Schriftsteller Eugen Isolani, dass …
ZITATOR
… die erhabene und herrschende Stellung des Mannes nicht erniedrigt werden solle durch das Weib, das sich als Mann zeigt, und nicht durch die Selbsterniedrigung des sich als Weib gebärdenden Mannes.
ERZÄHLERIN
Wenn Frauen sich Männerkleider aneigneten, sah man die Männermacht bedroht. Das war nicht nur eine Frage der Optik - man hegte den Verdacht, dass die Kleidung Frauen auch ein anderes Selbstgefühl gebe. Im 16. Jahrhundert schrieb der englische Humanist Richard Hyrde:
ZITATOR
Eine Frau soll nicht Männerkleidung verwenden, denn es ließe sie denken, sie hätte den Stolz eines Mannes.
ERZÄHLERIN
Etwas prosaischer bemerkte das Journal des Luxus und der Moden 1802 über die damals aktuellen absatzlosen Frauenschuhe:
ZITATOR
Flache Sohlen geben Sicherheit und Bestimmtheit, der Gang wird selbständiger, und niemand kann läugnen, daß die hohen Hacken jedem Weibe ungesehene Fesseln anlegen, wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde.
ERZÄHLERIN
Hutformen, Jackenschnitte und Absätze waren eine Sache, doch die Hose blieb ein Tabu. Aber auch dieses wurde oft gebrochen. Viele Frauen reisten in Hosen, weil es bequemer war. Englische Aristokratinnen gingen in Hosen auf die Jagd. Königin Christina von Schweden trug gern Männerkleider. Katharina die Große und Marie Antoinette ritten im Herrensitz in Hosen, Männerrock und Dreispitz, und ließen sich auch so malen. Und was ist mit dieser Anmerkung in einem Lexikon aus den Siebzehnhundertachtzigern gemeint?
ZITATOR
Bisweilen trägt auch das Frauenzimmer, besonders zur Winters=Zeit, Beinkleider, um sich desto besser vor der Kälte zu verwahren; und es wäre zu wünschen, daß sich das Frauenzimmer, der Gesundheit wegen, dieser Tracht mehr bediente.
ERZÄHLERIN
Um 1700 herum hatte die Männerhosenpracht ein Ende. Man trug nun schlichte Kniebundhosen, die fast völlig verschwanden unter langen Jacken mit weiten Schößen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Silhouette schlanker, die Jacken offen getragen und die Schöße schräg zurückgeschnitten. Man zeigte wieder Bein, in knallengen Hosen. Wer keine muskulöse Adonis-Statur vorweisen konnte, packte gern Polster und Wachsprothesen unter die Hosen.
TC 10:14 – Andere Zeiten rücken an
MUSIK
ERZÄHLERIN
Die Revolution in Frankreich war auch eine Revolution der Hosen. Die radikalsten Umstürzler erklärten die Kniebundhose, die „Culotte“, zum Symbol der aristokratischen Willkürherrschaft, weshalb man sie „Sansculotten“ nannte, „ohne Kniehosen“. Zeichen des republikanischen Geistes sollten die „Pantalons“ sein, lange Hosen. Mit diesen zeigten sich auch einige Revolutionärinnen. Frauen waren überall dabei, sie diskutierten in der Öffentlichkeit mit, gründeten politische Clubs und forderten gleiche Bürgerrechte für ihr Geschlecht. Das ging den Herren dann doch zu weit. Sie verboten den Frauen die Clubs und Versammlungen, und die Männerhosen auch. Da vermeldete das Journal des Luxus und der Moden eine neue Revolution:
MUSIK
ZITATOR
Der Anzug der Damen ist ganz ohne Beyspiel. Sie tragen nemlich, wie die Männer, Pantalons von fleischfarben seidnem Zeuche, und darüber einen Rock von feinstem Mousseline, der an der Seite bis aufs Knie aufgeschürzt, und mit einer Agraffe befestigt wird.
ERZÄHLERIN
Tatsächlich hatten diese Pantalons mit denen der Männer nichts gemein, es waren Leggings aus Trikotstoff - so ziemlich das einzige, was die Pariserinnen noch unter hauchdünnen Kleidern trugen, nachdem sie Korsetts und Unterröcke beiseite geworfen hatten. Dennoch hielt man die offensichtlich für gewagter als die sogenannte „Nuditäten-Mode“ der durchsichtigen Chemisenkleider. Diese Welle überrollte Europa, doch die Pantalons machten nur wenige mit. Die spätere Schriftstellerin Bettina Brentano schrieb an Goethes Mutter:
ZITATORIN
Jetzt raten Sie einmal, was der Schneider für mich macht! Ein paar Hosen? Ja! Vivat! Jetzt kommen andre Zeiten angerückt.
ERZÄHLERIN
Andere Zeiten kamen in der Tat, allerdings brachten sie keine größeren Freiheiten, nicht einmal modische. In der auf göttliches Gebot gegründeten Weltordnung war jedem sein Platz zugewiesen, bestimmt durch Stand und Geschlecht, und man hatte sich dementsprechend zu verhalten. Mit der Aufklärung und der Erschütterung des Ständesystems war diese Ordnung obsolet geworden. Die Unterordnung der Frauen war damit nicht abgeschafft, aber sie brauchte eine neue Begründung. Sie fand sich im Geschlechtscharakter. Frauen und Männer seien, so Wilhelm von Humboldt, von Natur aus völlig verschieden, mit ganz gegensätzlichen Eigenschaften, so dass …
ZITATOR
… vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des anderen zu vertauschen.
ERZÄHLERIN
Bislang waren Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit Verhaltensweisen, die von Frauen erwartet wurden. Nun war es ihre Natur. Benahmen sie sich anders, galten sie nicht mehr als widerspenstig, sondern als unnatürlich, krankhaft. Eine richtige Frau war der liebevolle Engel im Haus und verlangte weder in der Ehe noch in der Gesellschaft gleiche Rechte. Damit war das Thema des Zanks um die Hosen keineswegs aus der künstlerischen Welt geschafft. Die Frau, die die Hosen anhaben will, war im 19. Jahrhundert ein höchst beliebtes Sujet für Karikaturisten. Eine Zeichnung allein wurde über Jahrzehnte in mehreren Ländern mit kleinen Veränderungen immer wieder kopiert: Ein Mann und ein Frau zerren an einer Hose, angefeuert von einem anderen Paar, bei dem er schon der Hose beraubt ist, die sie unter ihrem Rock trägt. Aus den Bildtexten der deutschen Version:
MUSIK
ZITATORIN
Grosser Zank, Zwischen einem Mann und seiner Frau: wer von beyden die Hosen tragen und im Haus die Ober-Herrschaft haben soll.
ZITATOR
Lieber sterbe ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen; der Mann soll immer der Herrscher seyn.
ERZÄHLERIN
Dabei lassen sich in den verschiedenen Versionen dieser Karikatur auch die Hosenmoden der Zeit verfolgen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Männer in engen Pantalons zu Frack und Weste noch figurbetont und gedämpft farbenfreudig, am Ende steckten sie in der Uniform des dunklen Anzugs. Industrialisierung und Gründerboom verlangten Effizienz statt eitler Selbstpräsentation. Mit den Worten des Ästhetikprofessors Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1879:
ZITATOR
Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Thaten seine Persönlichkeit geltend machen.
TC 14:48 – Das amerikanische Bloomer-Kostüm
MUSIK
ERZÄHLERIN
Zur Ausstellung des männlichen Erfolgs war die Ehefrau da, in dekorativen Kleidern, in denen man schwerlich arbeiten konnte, selbst wenn man das musste. Um 1850 waren Frauen wieder fest ins Korsett geschnürt und schleppten unter ihren weiten Röcken ein halbes Dutzend steife Unterröcke mit sich herum. Zu dieser Zeit lebte Elizabeth Cady Stanton in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New York. Einige Jahre zuvor hatte sie hier die erste Frauenrechtsversammlung in den Vereinigten Staaten organisiert und radikale Forderungen nach Gleichberechtigung gestellt.
ZITATORIN
Mrs. Miller kam mich besuchen, gekleidet im türkischen Stil – kurzer Rock, weite Hosen aus feinem schwarzem Tuch, ein spanischer Umhang, der bis zum Knie reichte, ein sehr kleidsames Kostüm und überaus geeignet zum Gehen bei jedem Wetter. Meine Kusine zu sehen, wie sie, mit einer Laterne in einer Hand und einem Baby in der andern, mit Leichtigkeit und Anmut die Treppe hinaufstieg, während ich, mit wallenden Gewändern, mich mit Mühe hinaufzog, von Laterne und Baby gar nicht zu reden, überzeugte mich sogleich, dass eine Reform der Frauenkleidung sehr nötig war, und ich legte umgehend einen ähnlichen Anzug an.
ERZÄHLERIN
Ähnliche Kostüme hatten schon andere ausprobiert. Aber Stanton und ihre Freundin Amelia Bloomer, die eine kleine Frauenzeitschrift herausgab, rührten die Trommel dafür. Es wurde bekannt als „Bloomer-Kostüm“, schlug Wellen in den USA und in Europa und löste eine Flut von Karikaturen, bissigen Pressekommentaren und Spottliedern aus. Vermutlich verstanden die Lästermäuler durchaus, dass es Elizabeth Cady Stanton und Amelia Bloomer keineswegs nur um praktischere Kleidung ging.
ZITATORIN
Mir scheint, wenn die Frau völlige Freiheit genösse, würde sie sich genau wie ein Mann anziehen. In männlicher Kleidung könnten wir reisen, durch alle Straßen unserer Städte gehen ohne einen Beschützer, siebenhundert Dollar im Jahr fürs Unterrichten bekommen statt dreihundert und zehn Dollar fürs Nähen eines Mantels statt zwei oder drei, wie wir es jetzt haben.
ERZÄHLERIN
… schrieb Stanton an einen Freund. Einige hundert Frauen in Amerika, über mehrere Staaten verteilt, trugen das Bloomer-Kostüm. Dafür wurden sie auf der Straße begafft, von johlenden Kindern verfolgt und mit Hohn übergossen. Nach zwei, drei Jahren hatten fast alle Frauen entnervt aufgegeben. Die radikalen Suffragetten der Jahrhundertwende vermieden solche Experimente. Sie wollten nicht schrullig wirken und damit andere Frauen abschrecken. Die Hosenfrage war damit nicht gestorben, allerdings tauchte sie nun in einem anderen Bereich wieder auf: als Frauen sich den Sport eroberten.
TC 17:33 – Eroberung des Sports
ZITATORIN
Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborne Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen
ERZÄHLERIN
… schrieb die Schriftstellerin Hedwig Dohm 1874. Mediziner warnten eindringlich, dass Sport Frauen zu Mannweibern mache und die Gebärfähigkeit beeinträchtige. Sie sollten sich auf maßvolle Gymnastik und Reigentanz beschränken. Sportbegeisterte Frauen ließen sich damit aber nicht von Hockey, Schwimmen, Skifahren, Rudern, Bergsteigen und Boxen abhalten und mussten dabei Lösungen für die Kleiderfrage finden. In der Turnhalle setzten sich knielange Pluderhosen als Sportdress durch. Ansonsten verwandten Frauen viel Erfindungsgabe darauf, um selbst auf Alpengipfeln nicht in einer Hose gesehen zu werden. Lieber konstruierten sie textile Verwandlungsapparate, wie die Rockhose dieser Bergtouristin:
ZITATORIN
Über der Wäsche trage ich eine Hose, am Knie seitlich geknöpft und durch einige Falten so erweitert, dass ich frei ausschreiten kann. Der fußfreie Rock ist sehr faltig. Ich kann ihn entweder rings mit einem Riemen schürzen, oder ich ziehe ihn an der Stelle empor, welche durch den An- und Abstieg freie Bewegung fordert.
ERZÄHLERIN
Mit dem Fahrrad-Hype um 1900 wurden Frauenbeine in Hosen dann auch öffentlichkeitstauglich. Die Knickerbocker-Trägerinnen riskierten dennoch, von aufgebrachten Passanten mit Matsch beworfen oder in Ausflugslokale nicht eingelassen zu werden.
TC 19:07 – Wer hat jetzt die Hosen an?
MUSIK
ERZÄHLERIN
1907 wollte die Sängerin Claire Waldoff in einem Berliner Kabarett kess in Herrenanzug und Zylinder auftreten, doch da griff die Obrigkeit ein. Sie durfte nur im Kleid auf die Bühne. Ein paar Jahre später später kreierten Pariser Modeschöpfer „Hosenkleider“. Wagemutige Damen flanierten damit durch europäische Metropolen und ernteten Hohn und Spott. In München allerdings blieb man gelassen.
ZITATOR
Die neuen Kostüme, die man bei der Parademusik vor der Residenz, des Nachmittags im Englischen Garten und des Abends im Hoftheater sah, fanden ein aufmerksames Interesse, das sich aber in schicklichen Formen kundgab.
ERZÄHLERIN
Im Ersten Weltkrieg übernahmen Frauen viele bisherige Männerjobs, aber nicht die männlichen Arbeitshosen. Wenn ein Rock ganz unbrauchbar war, wurden von der Männerkleidung verschiedene Modelle eingeführt. So bekamen Streckenläuferinnen bei der Eisenbahn und Arbeiterinnen in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets Kniebundhosen. In den Zwanzigerjahren schnitten sich Frauen die Haare und die Röcke ab und Fliegerinnen in Hosen und Lederjacke waren die Idole junger Mädchen. Trotzdem hieß es auch in den Dreißigern kategorisch:
ZITATORIN
Hosen? Nur im Heim, für den Strand und den Sport!
ERZÄHLERIN
Als Marlene Dietrich sich in einem Hosenanzug im Herrenschnitt sehen ließ, verbot ihr Filmstudio ihr das prompt, doch sie hatte schon eine neue Mode gestartet. In den USA brachte Levi’s „Lady Levi“ auf den Markt, die erste Jeans speziell für Frauen. In der Schweiz trat Nelly Diener, Europas erste Stewardess, ihren Dienst an. Ihre selbstkreierte Uniform bestand aus Sakko und Hosenrock. Erst vierzig Jahre später durften die ersten Flugbegleiterinnen wieder Hosen tragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Keilhose und die Capri-Hose erfunden. Als Audrey Hepburn in dem Film “Sabrina” eine schwarze Capri-Hose trug, prophezeite eine Zeitschrift:
MUSIK
ZITATOR
Mehr Frauen als je zuvor werden in diesem Sommer „die Hosen anhaben“, daran besteht kein Zweifel! Glücklicherweise nur im modischen Sinn.
ERZÄHLERIN
In den Sechzigern und Siebzigern waren Hosen aus der Mode für Frauen schon nicht mehr wegzudenken, von den jungen Jeansträgerinnen bis zur Pariser Haute Couture. In der Bundesrepublik kauften Frauen schon mehr Hosen als Röcke. Aber in Büros waren Hosen immer noch tabu, bei offiziellen Anlässen galten sie als unpassend, und Esther Ofarim war nicht die einzige Frau, die wegen ihrer Hose aus einem Restaurant oder Hotel verwiesen wurde. Heute sind Hosen für Frauen kein Thema mehr. Und Männer experimentieren mit Röcken, wenn auch nur eine winzige Minderheit.
TC 22:00 – Outro
1954 gab es das "Wunder von Bern". 1990 den ersten gesamtdeutsche WM-Sieg. 2006 war zwar kein Titel drin, dafür berauschte sich Fußballdeutschland am schwarz-rot-goldenen "Sommermärchen". 2014 schlug die DFB-Elf Argentinien im Endspiel. Und 1974? Auch in diesem Jahr wurde Deutschland Fußballweltmeister - im eigenen Land! Und das mit der angeblich "besten Mannschaft aller Zeiten": Beckenbauer, Hoeneß, Netzer, Overath, Müller! Noch Fragen? Ja! Warum ist diese Weltmeisterschaft dann im kollektiven Gedächtnis der Deutschen eher ins Abseits geraten? War es die schlechte Stimmung im Trainingslager Malente? Wirkte das Olympiaattentat von 1972 noch nach? Oder war es einfach das legendär schlechte Wetter, das ganze Stadien in Seenplatten verwandelte? In der neuesten Ausgabe von "Wie war das damals?" schauen Christian Schaaf und Michael Zametzer zurück ins Jahr 1974, als wir zuhause Weltmeister wurden.
Credits
Autoren: Christian Schaaf und Michael Zametzer
Redaktion: Eva Kötting und Heike Simon
Im Interview: Dr. Jutta Braun, Manni Breuckmann
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"Aus! Aus! Das Spiel ist aus! - Deutschland istWeltmeister!" Mit diesem Schrei des Rundfunkreporters Herbert Zimmermann war die Sensation 1954 perfekt. Außenseiter Deutschland gewinnt die WM. Neun Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches kam in der Bundesrepublik das Gefühl auf: "Wir sind wieder wer!" Einige Historiker sehen deshalb im Fußballwunder von Bern die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Aber stimmt das wirklich? Von Christian Schaaf (BR 2010)
Credits
Autor: Christian Schaaf
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Armin Berger
Technik: Lydia Schön-Krimmer
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Dr. Thomas Raithel, Harry Valerien, Renate Schmidt, Wolf Posselt
Besonderer Linktipp der Redaktion:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:32 – 3:2 für Deutschland
TC 03:43 – Das Wunder ist perfekt
TC 06:41 – Nicht der schlechteste Mythos
TC 10:14 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Zuspielung: Ausschnitt Reportage Zimmermann:
„Deutschland im Endspiel der Weltmeisterschaft. Das ist ein echtes Fußballwunder. Ein Wunder allerdings, das auf natürlichem Weg zustande gekommen ist“ …
Sprecher
4. Juli 1954. Die Republik sitzt nervös vor dem Radiogerät. Geschickt versucht der Rundfunkreporter Herbert Zimmermann im verregneten Berner Wankdorfstadion die Hörer darauf vorzubereiten, dass die Nationalmannschaft gegen den haushohen Favoriten Ungarn praktisch chancenlos ist. Eine Niederlage scheint unausweichlich. Denn schon in der Vorrunde hatte die Auswahl des kommunistischen Landes die Mannschaft um Nationaltrainer Sepp Herberger mit 8:3 vernichtend geschlagen. Und so ist das erste Wunder dieses denkwürdigen Juli-Sonntags, dass die Deutschen überhaupt im Finale der Weltmeisterschaft stehen. Der Historiker Thomas Raithel hat sich intensiv mit der Weltmeisterschaft 1954 auseinandergesetzt. Für ihn steht fest: Die deutsche Mannschaft hatte bei dem Turnier sehr viel Glück gehabt.
2. Zuspielung: Thomas Raithel:
„Es war sicher Glück dabei. Man könnte quasi von einer Verkettung von glücklichen Umständen sprechen. Das fängt an mit der Besetzung der Vorrunde. Die haben eine leichte Gruppe gehabt. Mit zwei Siegen gegen die Türkei waren die Deutschen eine Runde weiter. Das ging weiter mit den Losen in den Halbfinalen. Die Ungarn hatten mit Brasilien und Uruguay die erheblich schwereren Gegner. […] Glück war auch das Wetter. Der Regen hat so ein bisschen die technischen Unterschiede zwischen den Ungarn und den Deutschen nivelliert. Und vor allem muß man sehen: Der Austragungsort Schweiz. Das waren zum Teil Spiele in Heimspielatmosphäre, die die Deutschen da hatten. Wenn man das alles zusammen nimmt, dann ist Begriff des Wunders ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen.“
Sprecher
Doch das eigentliche Wunder dieses Tages, der Titelgewinn, ließ auf sich warten. Gleich nach dem Anpfiff schien es so, als ob das Spiel ein Fiasko für die deutsche Mannschaft werden sollte - ähnlich wie die 8:3 Niederlage gegen Ungarn in der Vorrunde. Denn schon in der sechsten Minute fällt das erste Tor für die Ungarn.
TC 02:32 – 3:2 für Deutschland
3. Zuspielung: Zimmermann 1:0:
„Kocsis müsste schießen. Nachschuss Puscas. Tor! Was wir befürchtet haben, ist eingetreten. Der Blitzstart der Ungarn hat ihnen die Führung eingebracht.“
Sprecher
Zwei Minuten später folgt der zweite Treffer der Ungarn. Doch dann die Sensation. In der 18. Minute schießt der Nürnberger Max Morlock den Anschluss-Treffer. Zum Ende der zweiten Halbzeit kommt es dann zur Sensation. Helmut Rahn schießt das 3:2 und Sportreporter Zimmermann verliert die Fassung.
5. Einspielung: Zimmermann nach 3:2:
„3:2 für Deutschland! Fünf Minuten vor dem Spielende! Halten Sie mich für verrückt. Halten Sie mich für übergeschnappt! Ich glaube auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben und sollten sich an der Begeisterung unserer Mannschaft mitfreuen und sollten jetzt Daumen halten.“
Sprecher
In einem atemberaubenden Spiel verteidigen die Deutschen ihren Vorsprung. Bis wenige Minuten später der erlösende Schlusspfiff erklingt.
6. Einspielung: Zimmermann:
Aus Aus Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Schlägt Ungarn mit 3:2 Toren im Finale in Bern!
TC 03:43 – Das Wunder ist perfekt
Sprecher
Das Wunder war perfekt. Der 4. Juli 1954 war der wohl glücklichste Tag, den die junge Republik seit ihrer Gründung fünf Jahre zuvor erlebt hatte. Und so erinnern sich auch noch heute Menschen gerne an dieses Datum zurück, die mit Fußball eigentlich wenig am Hut hatten, wie etwa die SPD-Politikerin Renate Schmidt, damals 11 Jahre alt.
7. Einspielung:
„Meine Eltern saßen bei Freunden vor dem Radiogerät und haben gefiebert. Dann kam dieses erlösende Tor. Und mein Vater hat uns alle geküsst und wir haben 50 Pfennige geschenkt bekommen. Das war damals für ein Kind meines Alters ungeheuer viel Geld. Ein Eis mit zwei Kugeln hat damals ein Zehnerle gekostet. Ein Kinobesuch für Kinder war mit 70 Pfennigen zu haben. Es war ein Haufen Geld. Ich fand, das war ein wunderbarer Tag.“
Sprecher
Zur selben Zeit im Berner Wankdorfstadion. Die Schlachtenbummler stimmen das Deutschland-Lied an.
8. Einspielung: „Deutschland, Deutschland über alles!“
Sprecher
Deutschland, Deutschland über alles. Diese erste Strophe der Nationalhymne war zwei Jahre zuvor durch die dritte Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ersetzt werden. Aber diese Entscheidung ist offenbar noch nicht bei allen Bundesbürgern angekommen - vielleicht auch, weil es zuvor kaum Gelegenheit für die Deutschen gab, ihre Hymne öffentlich anzustimmen?
9. Einspielung: Reportage Triumphzug München:
„Nun biegen wir von der Bayerstraße in die Goethestraße ein. Und hier hängen auch Transparente wie in den vielen anderen Straßen. Der Jubel kennt keine Grenzen. Und schon wieder drängen die einzelnen …“
Sprecher (ab „Grenzen“ drüber):
Zwei Tage später. Die Nationalmannschaft wird in München empfangen. Tausende Menschen säumen die Straßen und versuchen einen Blick auf die Helden von Bern zu erhaschen. Harry Valerien, damals Sportreporter:
10. Einspielung: (Harry Valerien zu Triumphzug):
„Im Grunde war das ein, das Wort mag ich nicht, weil einen das an Zeiten erinnert, die hinter uns liegen, aber ein Zug des Triumphes – wenn das erlaubt ist das zu sagen. Ein überwältigendes Ereignis, weil die Menschen halt aus dem Häuschen waren. Weil sie die Strecke säumten, die Bahnhöfe bevölkerten. Im Grunde mussten sie sich irgendwo ausdrücken. Sie mussten hinausschreien: Freunde, dass wir das schaffen! Dann schaffen wir vielleicht noch viel mehr! Auf andere Weise. Und wenn Sie sich vorstellen, dass da die letzten Gefangenen gar nicht zu hause waren. Aus Stalingrad, oder anderen Gefangenenlagern. Aber das ist sehr schwer zu verstehen, wenn man das nicht selbst erlebt und erfühlt hat.
TC 06:41 – Nicht der schlechteste Mythos
Sprecher
Doch auch schon vor dem Sieg von Bern hatte es in der jungen Bundesrepublik genug Anlass zum Optimismus gegeben. Seit Anfang der 50er Jahre kannte die Wirtschaftsentwicklung in Westdeutschland nur eine Richtung: Nach oben. Auch die Löhne stiegen und die Arbeitslosenquote sank. Dank des geschickt verhandelnden Bundeskanzlers Konrad Adenauer sollten die letzten Kriegsgefangene, vor allem aus dem Osten, schon bald nach Hause kommen.
Und nun auch noch der Weltmeister-Titel! Im Nachhinein betrachtet, passiert es daher leicht, den Fußballsieg von Bern als das Gründungsereignis der Bundesrepublik Deutschland zu sehen. Doch das geht dem Historiker Thomas Raithel zu weit.
11. Einspielung: Raithel : Mythenbildung:
„Das ist meines Erachtens ein Mythos! Es ist ein Mythos der der Versuchung erliegt, die Kontexte auszublenden und alles auf ein Ereignis zu projizieren. Das Interessante ist, man kann das sehr schön zeigen, wie dieser Mythos seit den fünfziger Jahren sukzessive gewachsen ist. Der war nicht sofort da. Die Zeitgenossen haben nicht vom „Wunder von Bern“ gesprochen. Das beginnt dann erst 1974. Zur Abgrenzung. Als die Deutschen zum zweiten Mal Weltmeister werden. Dann wird das „Fußballwunder von 54“ dem Triumph von Bern gegenübergestellt. Und dann wächst diese Mystifizierung immer weiter. Und das hat sehr viel damit zu tun, mit generellen Prozessen, wie in der Bundesrepublik historische Erinnerungen entstehen, transportiert aber auch verklärt werden.“
Sprecher
Aber bereits schon am Abend des 6. Juli 1954, als die Nationalmannschaft im Münchner Löwenbräukeller empfangen wird, ist die Verklärung des Titelgewinns zu beobachten. Die Begrüßungsrede hält der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens.
12: Einspielung: Bauwens:
„Laßt uns, die alle hier sind, außer unseren 22 Kameraden einschließlich Herberger, von unseren Plätzen erheben, um auf unsere 22 Wackeren unseren Ruf auszubringen, worin aber eingeschlossen ist, dass das was sie geleistet haben zünden soll in unserer Jugend. Damit sie gute Deutsche werden auch für die fernste Zukunft. Ein dreifaches Hip Hip Hurra! (Jubelschreie)
Sprecher
Kurze Zeit später blendete sich der Bayerische Rundfunk aus, der die Rede Bauwens live übertragen hatte. Der Grund: Die Rede weckte immer mehr Erinnerungen an die NS-Propaganda. Der große Rest der Republik ging mit dem Weltmeistertitel allerdings weitaus zurückhaltender um. Statt nationalistischer Überheblichkeit machte sich eher ein vorsichtiges Selbstvertrauen breit, nach dem Motto: „Wir sind wieder wer“. Insofern kann auch der Historiker Thomas Raithel der mythischen Verklärung des „Wunders von Bern“ etwas Positives abringen.
14. Einspielung Raithel Mythos:
„Das ist nicht der schlechteste Mythos. Der hat, in gewisser Hinsicht, auch eine Barriere gebaut vor weiteren militärischen Mythen vielleicht. Und es ist ein Ereignis, das die Bundesrepublik durch den Erfolg des Sports auch westlicher und moderner gemacht hat.“
Sprecher
Ansonsten hat die wahre Bedeutung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 wohl niemand anderes besser als Rundfunk Reporter Herbert Zimmermann erkannt:
15.Einspielung: Zimmermann:
„Aber die Tatsache, dass man auch bei einem Weltmeisterschaftsendspiel die Sache nicht übermäßig ernst nimmt, sollte uns daran erinnern, dass es bei aller Freude und bei allem Einsatz hier lediglich um ein Spiel geht.!“
TC 10:14 – Outro
Heute kaum vorstellbar: Es gab eine Zeit, da war der deutsche Fußball nur eine Sportart neben vielen anderen. Aber in den letzten hundert Jahren hat er sich schwer gemausert. Heute kommt keine andere Sportart mehr an ihn heran - finanziell, zuschauermäßig, medial. Von Erich Wartusch (BR 2021)
Credits
Autor: Erich Wartusch
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Katja Amberger
Technik: Adele Kurdziel, Robin Geigenscheder
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Manuel Neukirchner, Markwart Herzog
Besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD (2024): Wild Crimes
Das Verbrechen lauert überall – auch zwischen Mensch und Tier. "Wild Crimes" liefert packende Storys von True Crime im Tierreich. In Staffel eins erzählen wir euch vom "Problembären" Bruno. Der war erst bei uns willkommen, dann wurde er gejagt und getötet. Wie kam es zu dieser dramatischen Wende? Wer hat ihn abgeschossen? Und war es gerechtfertigt, ihn zu töten? JETZT ANHÖREN
Linktipps:
ARD (2024): Deutschland. Fußball. Sommermärchen 2024?
Deutschland. Sommer. Fußball-WM 2006: Eine Nation erlebt ein Sommermärchen. Deutschland, 18 Jahre später. Die UEFA Euro 2024. Ein verändertes Land. Und doch wieder ein fröhlich-friedliches Sommermärchen? Esther Sedlaczek nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch Deutschland 2024 und zeichnet ein sportliches, unterhaltendes und nachdenkliches Bild zur Lage der „Fußball-Nation“. Sie trifft unter anderem Bundestrainer Julian Nagelsmann, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, den ARD-Fußball-Experten Bastian Schweinsteiger und Weltmeistertrainer Jogi Löw. Sie begegnet Fans und besucht die Alpengemeinde Garmisch-Partenkirchen, die sich auf Tausende Schotten während der Fußball-EM freut. Sie beschäftigt sich aber auch mit der Frage, ob der Fußball im Jahr 2024 wirklich noch eine Gesellschaft verbinden kann, die sich in vielem fast schon unversöhnlich gegenübersteht. IN DER MEDIATHEK
ARD alpha (2024): Fußball und Fans (1978)
Ein Reporterteam des Fernsehens der DDR war 1978 unterwegs mit Fans von Dynamo Dresden zu einem Auswärtsspiel. Die Rabauken entpuppten sich dabei als mehr oder weniger brave Bürger der DDR. Von Hooliganismus war damals - noch - nichts zu spüren. Der Film zeigt auf, wie das damals war in der DDR mit dem Fußballfan-Sein, welche Probleme das bereitete und wie man in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:47 – Von der Fußlümmelei
TC 07:39 – Das Wunder von Bern
TC 10:57 – Scheitern & Skandale
TC 14:45 – FC Bayern: Man liebt sie oder hasst sie
TC 16:37 – Europameisterinnen mit Kaffeeservice
TC 19:11 – Geld regiert die Fußballwelt
TC 22:13 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Atmo Fußballspiel, Ansage des Stadionsprechers
MUSIK
Erzählerin:
Ein Freitagabend in Köln. Südstadion. Das Duell zweier Traditionsmannschaften: Fortuna Köln – Preußen Münster. Beide haben in der Fußball-Bundesliga gespielt. Münster war sogar Gründungsmitglied. Das ist lange her. Nun sind sie in den Niederungen des Amateurfußballs angekommen.
MUSIK
OT 01 / 0.31 (Fans)
„Es kommen immer mehr Clubs nach oben, die da eigentlich nichts verloren haben. Und die Traditionsvereine bleiben leider auf der Strecke. Wir leben noch ziemlich traditionell. Also man lebt immer noch in guten alten Zeiten klar, auf jeden Fall. / Da herrscht genauso viel Leben wie in den anderen Vereinen. Nur es ist nicht mehr so massig. / Hört sich jetzt doof an, aber es ist eine Familie. Man kennt die Leute hier zum Teil seit 20, 30 Jahren, und das ist einfach toll. / Also ich bin in Münster: Als 13-Jähriger durfte ich dann zum ersten Mal alleine ins Stadion. Seitdem renne ich dahin. Da gibt es viele von der Sorte, die inzwischen graue Haare haben. Aber da gehörst du hin.“
MUSIK
Erzählerin:
Fußball – ein Sport für ein ganzes Leben: Die Jüngsten steigen als Bambini oder G-Junioren mit wenigen Jahren in den Verein ein, selbst bei den Über-60-Jährigen werden noch Turniere und Meisterschaften ausgetragen. In Deutschland betreiben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen den Sport in Vereinen. Eine ganze Menge, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Fußball in Deutschland lange Zeit verrufen war.
MUSIK aus
TC 01:47 – Von der Fußlümmelei
Erzählerin:
Während in England und Schottland Fußball oder artverwandte Ballspiele schon seit Jahrhunderten existierten, dauerte es eine ganze Weile, bis der Sport von der Insel auch in Deutschland richtig Fuß fassen konnte. Zum einen wurde alles argwöhnisch betrachtet, was vom großen europäischen Gegenspieler, dem britischen Empire, herüberkam. Zum anderen hatte der Sport vor mehr als hundert Jahren noch weitgehend eine andere Funktion, erklärt Manuel Neukirchner, der Leiter des Deutschen Fußballmuseums.
OT 02 / 0.39 (Neukirchner)
„Die englische Fußlümmelei, die englische Krankheit, so wurde sie verschrien, kam so um 1830 erstmalig nach Deutschland und wurde abgelehnt, aus dem wilhelmischen Zeitverständnis heraus. Der Sport hatte eigentlich damals nur die Aufgabe, die jungen Menschen auf den Krieg vorzubereiten, zu Soldaten auszubilden. Der Wettkampfgedanke, den der Fußball in sich vereint, war verpönt. Sport war Drill, Sport war Turnen, überwiegend an den Geräten. Der Spielgedanke, der Homo ludens, der spielte eigentlich gar keine Rolle.“
Erzählerin:
Erst im Jahr 1874 rief der Braunschweiger Professor Konrad Koch den ersten Schüler-Fußballverein ins Leben. Die Jüngeren sollten die neue Sportart voranbringen…
OT 03 / 0.31 (Neukirchner)
„Und es waren einige Sportlehrer, die den Fußball dann doch allmählich hoffähig gemacht haben. Es wurden dann erste Fußballabteilungen in den Turnvereinen gegründet, also es gab noch keine Fußballvereine, aber Abteilungen. Koch war der erste, der Sportlehrer, der dann auch Spielnachmittage eingeräumt hatte, mit Fußball für die Kinder, und der dann auch das erste einheitliche Regelwerk vorgelegt hat für den Fußball. Und so kam der Fußball dann langsam in die Spur in Deutschland. Aber es war ein mühseliger Weg.“
MUSIK
Erzählerin:
Im Januar 1900 wurde schließlich in einer Gaststätte in Leipzig der Deutsche Fußball-Bund gegründet. Der Sport organisierte sich immer stärker. Es wurden regionale Strukturen geschaffen, eine Deutsche Meisterschaft eingeführt und die offiziellen englischen Spielregeln übernommen. Doch zunächst blieb der Fußball noch einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht vorenthalten, erklärt der Sporthistoriker Markwart Herzog:
OT 04 / 0.31 (Herzog)
„Die Menschen, die sich dann für das Fußballspiel begeistert haben und die Vereine gegründet haben, in der Kaiserzeit noch, das waren auch Leute, die dem Bürgertum angehört haben. Also Fußball ist kein Proletensport. Es ist kein Arbeitersport. Das war es weder in England noch in Deutschland. Wenn Sie sich Fotos von Spielen aus der Kaiserzeit anschauen: Da tragen die Leute Zylinder, sie haben ein Anzug an, ein weißes Hemd, das waren gesellschaftliche Ereignisse.“
Erzählerin:
Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Hochzeit des Fußballsports. In der Weimarer Republik wurde er zusammen mit Boxen und Radfahren extrem populär. Zehntausende strömten in die Stadien. Große Mannschaften prägten das Spiel, langjährige Duelle. Die Rivalität war vor allem zwischen Nürnberg und Fürth extrem - zwei der dominierenden Mannschaften jener Jahre. Die deutsche Nationalmannschaft bestand sogar zweimal ausschließlich aus Nürnbergern und Fürthern. An der Feindseligkeit zwischen den beiden Vereinen änderte das aber nichts. Die Nürnberger Torwartlegende Heiner Stuhlfauth erinnert sich an ein Länderspiel auswärts gegen die Niederlande:
OT 05 / (Stuhlfauth) (liegt in zwei Längen vor: KURZ 0.38 / LANG 0.50)
„Und so trafen wir in Nürnberg zusammen, die Fürther stiegen in die hinteren Waggons des D-Zugs ein. Und als wir das gesehen haben, sind wir in den vorderen Waggon eingestiegen, nur um damit wir mit den Fürther Spielern nicht zusammengekommen sind. Gesprochen wurde untereinander gar nichts. Blaschke hat zu mir gesagt: Ihr müsst doch wieder einig werden, Ihr müsst noch mal miteinander spielen. Ich habe gesagt: wir werden spielen, als ob wir zusammengehören. Und so war es auch - ein wunderbares Spiel - das erste Länderspiel, das Deutschland gegen Holland gewonnen hat, mit eins zu null.“
Erzählerin:
Trotzdem ließen die großen internationalen Erfolge für Deutschland noch auf sich warten.
MUSIK
Erzählerin:
Besonders ernüchternd verlief das olympische Fußballturnier 1936 in Berlin, das wegweisend war für die Jahre des Nationalsozialismus. DFB-Museumsleiter Manuel Neukirchner:
OT 06 / 0.43 (Neukirchner)
„Fußball hat dann aber im Dritten Reich sehr schnell an Strahlkraft verloren. Das hat natürlich auch mit 36 zu tun, als Adolf Hitler das erste Spiel im Fußball überhaupt besuchte: Deutschland gegen Norwegen. Und das ging kräftig in die Hose. Ein frühes Gegentor der Norweger, dann ein spätes Tor. Und dann war Adolf Hitler aus dem Stadion verschwunden und er hat nie wieder ein Spiel gesehen. Goebbels hat später auch während des Krieges Fußballspiele verboten, Länderspiele verboten, weil Goebbels gesagt hat: Man weiß nie, wie es ausgeht. Und er kann im Deutschen Reich für die Propaganda eigentlich nur Spiele akzeptieren, wo Deutschland ganz klar gewinnt. Und deswegen will er keine offiziellen Länderspiele mehr haben.“
Erzählerin:
Trotzdem rollte auch während des Krieges der Ball weiter:
OT 07 / 0.30 (Neukirchner)
„Für die Aufrechterhaltung der Moral wurde Fußball weiterhin stark eingesetzt auf regionaler und nationaler Ebene. Er wurde sogar auch auf ganz perfide Weise teilweise in Konzentrationslagern eingesetzt. In Theresienstadt, dem Durchgangslager, da wollten die Nazis einfach demonstrieren: „Schaut mal, hier wird Fußball gespielt, so schlimm ist das alles gar nicht!“
TC 07:39 – Das Wunder von Bern
MUSIK
Erzählerin:
Der Zweite Weltkrieg war zuende. Es folgte die Nachkriegszeit und der deutsche Fußball musste sich in der internationalen Sportwelt erst wieder um Akzeptanz bemühen. Dann kam 1954 das Wunder von Bern.
OT 08 / 0.17 (Neukirchner)
„Es wird nie wieder ein Fußballspiel geben in Deutschland, das diese historische und gesellschaftliche Bedeutung für die Bundesrepublik erlangen wird wie dieses Spiel am 4. Juli 1954. Und es gibt viele, die in diesem Spiel auch die Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik ausmachen.“
MUSIK
OT 09 / 1.50 Collage aus Reportage von 1954 + O-Ton-Nacherzählung (Neukirchner)
„Deutschland ist in der Welt isoliert. Deutschland ist beladen mit Schuld. Eine Nation sucht eine neue Identität, und in dieser schweren Zeit der Not, der materiellen Not kommt dann diese Fußball-Weltmeisterschaft, […] und Deutschland war ein Allerweltsgegner im internationalen Fußball. Und Ungarn war die Übermannschaft, die vier Jahre nicht mehr verloren hatte. Das war das Nonplusultra im Fußball weltweit. In einem vorherigen Spiel hat Ungarn schon gegen Deutschland acht zu drei gewonnen. Also da war ganz klar, wer da Chef war im Ring. […] Und dann hat diese Mannschaft um Fritz Walter nicht aufgegeben, immer weitergemacht, immer weitergemacht, hat den Anschlusstreffer geschafft, den Ausgleich geschafft und dann natürlich durch: -
OT 09 Collage aus Reportage von 1954
MUSIK
+ O-Ton-Nacherzählung (Neukirchner)
Und Deutschland wird wirklich als Riesen-Überraschungsmannschaft Weltmeister und zeigt sich dann auch in dem Erfolg auf dem Platz bescheiden. Deutschland war so ein Stück zurück in der in der Weltgemeinschaft mit diesem Fußballspiel. Das war der erste kleine Mini-Schritt zurück.“
TC 10:57 – Scheitern & Skandale
Erzählerin:
Doch bald schon hatte Fußball-Deutschland Nachholbedarf: die Ligen waren regional zersplittert. Wer sind die besten Spieler für die Nationalmannschaft? Bei so vielen Ligen, so vielen Spielern behielten auch die Verantwortlichen kaum einen guten Überblick. Außerdem gab es selbst in den frühen 1960er Jahren offiziell ausschließlich Amateure, also keine bezahlten Berufsspieler. Ein Trugbild, weil die Realität anders aussah, weiß der Fußballforscher Markwart Herzog, der Leiter der Schwabenakademie Irsee:
OT 10 / 0.23 (Herzog)
„Schon in der Weimarer Zeit haben gerade bei den Spitzen-Fußballmannschaften sicher alle Spieler Geld bekommen, ein Handgeld. Und das haben die Vereine aus schwarzen Kassen ausbezahlt. Das lag daran, dass der DFB den Berufsfußball verboten hat. Also ein Spieler durfte kein Geld dafür annehmen, dass er gespielt hat. Aber trotzdem haben die Vereine die Spieler bezahlen müssen, weil sie eben sonst anderswohin abgewandert wären.“
Erzählerin:
Schon 1930 war der erste Versuch, eine nationale Liga zu gründen, gescheitert – und auch nach dem Krieg wollten die regionalen Fußballfürsten immer noch ihre eigenen Ligen nicht aufgeben. Erst das Scheitern bei der WM 1962 führte zu einem Umdenken. 1963 ging die Bundesliga an den Start:
Ausschnitt Moderation Bundesliga 1963 / MUSIK
OT 11 / 0.45 (Neukirchner)
„Da gab es zunächst noch eine Deckelung des Gehaltes. Ich glaube, man durfte 1200 Mark verdienen. Aber man konnte das ausüben, ohne einen bürgerlichen Beruf nachweisen zu müssen. Und das war der erste Schritt in Richtung Professionalisierung. Die Clubs hatten auch Angst, die Gründungsvereine, ob sie das wirtschaftlich wirklich alles so tragen konnten, diese oberste Spielklasse, weil die Fahrtwege waren natürlich länger. Das bedeutete für die Klubs ja auch einen erhöhten Aufwand. Aber es hat sich gezeigt, dass es genau der richtige Weg war. Und nur so konnte Deutschland dann eben auch den Weg einschlagen, den Deutschland als Fußballnation eingeschlagen hat.“
Erzählerin:
Deutschland wurde 1966 Vize-Weltmeister. Vier Jahre später WM-Dritter. Doch dann drohte der Höhenflug des Profifußballs in Deutschland jäh abzustürzen. Der Präsident der abgestiegenen Offenbacher Kickers, Horst Gregorio Canellas, ließ bei einer Geburtstags-Sommerparty plötzlich ein Tonband laufen:
MUSIK
OT 12 Canellas
„…(mitgeschnittenes Tonband mit Spielabsprachen…)“
Erzählerin:
Spielabsprachen, Bestechung. Fast ein Drittel der Bundesliga-Vereine war in den Bundesliga-Skandal verwickelt. Zahlreiche Spieler und Vereine wurden bestraft:
OT 13 DFB-Gericht
„…(„Urteile werden vorgelesen“)
Erzählerin:
Später gab es Begnadigungen. Doch die Fans wandten sich in Scharen ab. Die Zuschauerzahlen gingen stark zurück.
MUSIK aus
Auch der Fußball in der DDR hatte immer wieder mit Problemen zu kämpfen. In den ersten Jahren griff die Staatsmacht beherzt ein: Vereine wurden gegründet, umbenannt oder sogar umgesiedelt. Später entstand bei Fußballanhängern viel Frust, weil der Lieblingsverein des Stasi-Chefs Erich Mielke, Dynamo Berlin, ganz unverhohlen von den Schiedsrichtern bevorzugt wurde und Titel dadurch serienweise einfuhr. In und außerhalb der Stadien waren – wie auch im Westen - gewaltbereite Hooligans aktiv, die es im Arbeiter- und Bauernstaat jedoch offiziell nicht geben durfte. Der DDR-Fußball war aber auch erfolgreich: Magdeburg holte eine Europapokal-Trophäe, die Olympia-Auswahl 1976 gewann Gold und dann war da noch das einzige Spiel zwischen der DDR und der Bundesrepublik bei einem großen Turnier – bei der Weltmeisterschaft 1974 in Hamburg:
MUSIK
03 – Ausschnitt BRD-DDR Kommentar
Erzählerin:
Obwohl der Gastgeber mit 0:1 gegen die DDR verlor, wurde die Bundesrepublik dennoch Weltmeister. Vor allem dank der Spieler des FC Bayern München, der sich in den 1970er Jahren zum dominanten Verein in Deutschland aufschwang, dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann und den Grundstein legte für bis die bis heute andauernde Polarisierung der deutschen Fußballfans.
TC 14:45 – FC Bayern: Man liebt sie oder hasst sie
Die Bayern liebt man - wegen ihres Erfolges. Oder man hasst sie – ebenfalls wegen ihres Erfolges und der darum gewachsenen Arroganz – wie viele Fans anderer Vereine behaupten. In dieser Zeit spielten bei den Münchnern Stars, die den Fußball über Jahrzehnte prägten: Gerd Müller, der einen wohl unerreichbaren Torrekord in der Bundesliga aufstellte, Sepp Maier, der als Torhüter und Spaßvogel die Menschen begeisterte, Uli Hoeneß, der als Manager und Präsident den Verein jahrzehntelang steuerte, und nicht zuletzt Franz Beckenbauer, der dann 1990 als Bundestrainer die deutsche Nationalmannschaft zum dritten WM-Titel führte und mit umstrittenen Mitteln dank seiner internationalen Beziehungen die Weltmeisterschaft 2006 ins eigene Land holte. Paul Breitner, ebenfalls einer aus dem Kerngehäuse des Vereins, versucht zu erklären, warum es damals so gut lief:
OT 14 / 0.37 (Breitner)
„Es gab natürlich auch in dieser Mannschaft Freundschaften, aber es gab etwas viel Wichtigeres fürs Berufsleben, nämlich absolute Kollegialität, Verantwortungsbewusstsein bei jedem, dass er nicht nur für sich, sondern auch für zehn, 15 oder 18 Kollegen zuständig ist. Das Entscheidende ist, dass eine erfolgreiche Mannschaft die Probleme, die sie hat, die auch nur im Entstehen sind, selbst erledigen muss. Das heißt, sie muss sich selbst reinigen. Und jede Mannschaft, die dazu jemand braucht, die wird keinen großen Erfolg haben können.“
Erzählerin:
Die Titel brachten dem FC Bayern Popularität und eine steile sportliche und wirtschaftliche Entwicklung mit sich: Inzwischen ist er bei einem Jahresumsatz von mehr als 700 Millionen Euro angekommen. Der Verein: ein nicht mehr zu übersehender Wirtschaftsfaktor.
TC 16:37 – Europameisterinnen mit Kaffeeservice
Obwohl die Münchner auch eine eigene Frauenmannschaft stellen, die ebenso regelmäßig Titel abräumt, ist der Frauenfußball in Deutschland von solchen Zahlen meilenweit entfernt. Sicherlich auch historisch bedingt: Erst 1970 wurde der Frauenfußball in Deutschland überhaupt zugelassen. Als 1989 die Nationalmannschaft erstmals Europameister wurde, bekamen Doris Fitschen und ihre Kolleginnen als Prämie ein Kaffeeservice. Als die Männer-Nationalmannschaft ein Jahr später Weltmeister wurde, gab es pro Spieler umgerechnet etwa 60.000 Euro.
OT 15 / 0.20 (Fitschen)
„Ja, es frustet natürlich schon, wenn ich mir das noch mal vor Augen führe: 100 Länderspiele und ich habe quasi kein Penny dadurch verdient. Und die Männer, die haben nach ihrem zweiten Länderspiel schon ausgesorgt, das ist schon ein bisschen frustrierend. Aber andererseits kannte ich es auch nicht anders. Und es entwickelt sich ja doch. Aber es ist natürlich nicht mit dem Herrenfußball zu vergleichen.“
Erzählerin:
Das Kaffeeservice von Doris Fitschen steht inzwischen im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Manuel Neukirchner zeigt es seinen Gästen gern, um zu illustrieren, wie schwierig es für die Frauen in Deutschland war:
OT 16 / 0.40 (Neukirchner)
„Frauenfußball war lange Zeit verpönt, weil es sehr kampfbetonter Sport ist. Es war 1930, eine Metzgerstochter, Lotte Specht, die den Mut aufbrachte, per Zeitungsannonce nach Mitstreiterinnen zu suchen für den ersten Damen-Fußball-Club Frankfurt. Und daraufhin haben sich auch viele gemeldet: 30 Spielerinnen. Das war so das erste Mal, dass sich der Frauenfußball in Deutschland organisieren wollte. Und dann standen die Männer am Spielfeldrand, bewarfen die Frauen teilweise mit Steinen, bespuckten sie, verhöhnten sie. Und nach einem Jahr hat sich der Frauenfußball in Frankfurt, dieser Klub, auch schon wieder aufgelöst.“
Erzählerin:
Inzwischen sind die deutschen Frauen erfolgreicher als die Männer: acht EM-Titel, zwei WM-Titel und ein Olympiasieg zeugen davon. Die deutsche Männer-Nationalmannschaft hatte dagegen nach dem WM-Titel 1990 und der der Wiedervereinigung zwar ein Übermaß an guten Spielern. Franz Beckenbauers Prophezeiung, der deutsche Fußball werde nun auf Jahre unschlagbar sein, erfüllte sich aber nicht. Und der DDR-Fußball wurde ebenso schnell abgewickelt wie viele der Industrien in den neuen Bundesländern: Hunderte von Spielern gingen in den Westen, die Traditionsvereine im Osten hatten weder die wirtschaftlichen noch die sportlichen Möglichkeiten mitzuhalten.
TC 19:11 – Geld regiert die Fußballwelt
MUSIK
Erzählerin:
Die 1990er Jahre trieben stattdessen eine Entwicklung voran, die den Fußball bis heute prägt: die Kommerzialisierung nimmt immer mehr zu, es gibt Fan-Artikel vom Türvorleger bis zur Unterhose, Fans zahlen Geld, um bei verschiedensten Fernseh- und Internetanbietern Spiele verfolgen zu können. Der Fußball dominiert die Sportberichterstattung in den Medien. Als Deutschland in Brasilien 2014 Weltmeister wird, sitzen hierzulande mehr als 34 Millionen Menschen vor dem Fernseher. In der Bundesliga wächst die finanzielle und damit auch die sportliche Kluft zwischen den großen und den kleinen Vereinen. Es gibt viele Fußball-Anhänger, die sich damit nicht mehr wohlfühlen:
OT 17 / 0.39 (Fans)
„Es geht alles nur noch ums Geld, um Einfluss, und da finde ich, dass die Fans und der eigentliche Fußball teilweise schon auf der Strecke bleiben. / Dieses Getue ist mir einfach zu viel geworden. Die Experten, die vor und nach jedem Spiel eine Stunde, zwei Stunden oder auch während des Spiels dazugeschaltet werden, die interessieren mich alle kein Stück. / Alles wird noch mehr ausgebeutet. Im Fernsehen du kannst heutzutage, glaube ich, jeden Tag fünf Stunden Fußball schauen, musst halt dafür zahlen, sind kleine Beträge, das läppert sich insgesamt. Doch so dass dann eben jeder Spieler, auch wenn er nur ein Tor schießt, das das entscheidende Tor ist, einfach 100 Millionen mehr wert ist.“
Erzählerin:
Der Sport entwickelt sich allmählich weg von den kleinen Plätzen hin zum globalen Medienphänomen. Zuletzt haben die kleineren Vereine deutschlandweit jedes Jahr rund 100.000 aktive Spieler verloren. Im Profibereich sind dagegen Ablösesummen für einzelne Akteure im zweistelligen Millionenbereich keine Seltenheit mehr. Manuel Neukirchner vom Deutschen Fußballmuseum:
OT 18 / 0.38 (Neukirchner)
„Heute ist der Fußball einfach nur noch im wirtschaftlichen Zusammenhang zu denken. Angebot und Nachfrage bestimmt das gesellschaftliche Leben - auch im Fußball. Der Fußball löst unglaubliche Umsätze aus und davon profitieren alle die Akteure auf dem Platz, die Vereine, die Fernsehsender, die Medien, die Lizenzrechteinhaber. Das ist nicht mehr zurückzudrehen. Und wir haben in den letzten Jahren eigentlich gemerkt, dass auch wenn der Fußball immer wieder totgesagt worden ist, er nicht gestorben ist. Und ich glaube, dass auch in Zukunft das der Fall sein wird. Natürlich müssen wir aufpassen, dass die Spirale nicht überdreht wird.“
MUSIK
Erzählerin:
Damit der Fußball in Deutschland auch weiterhin die Menschen trauern, jubeln und feiern lässt…
Collage Reporter-Torschreie aus Bundesliga-Saison / MUSIK
TC 22:13 – Outro
Am 6. Juni 1944 landen alliierte Truppen in der Normandie. Etliche Schriftsteller sind Zeugen der spektakulären Landung, darunter Ernest Hemingway, Jerome D. Salinger und Stefan Heym. In Frankreich verfolgen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre die Ereignisse, und in den USA lauschen exilierte Autorinnen und Autoren gebannt den Nachrichten über den Ausgang der Invasion. Von Joachim Scholl (BR 2024)
Credits
Autor: Joachim Scholl
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Caroline Ebner, Stefan Merki
Redaktion: Andrea Bräu
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD History (2024): 24 h D-Day
Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN
Linktipp:
ARD alpha (2024): D-Day – Die letzten Zeugen
6. Juni 1944. Der Tag, der als "D-Day" in die Geschichte eingeht. Kanadische, britische und US-amerikanische Truppen landen in der Normandie, um Europa von der Knechtschaft der Nazis zu befreien. Diese zweiteilige Dokumentation lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und ermöglicht einen ebenso umfangreichen wie ausgewogenen Blick auf die Umstände und Ereignisse jenes Tages, der die Welt verändert hat. Ehemalige britische Matrosen, französische Freiheitskämpfer und deutsche Wehrmachtssoldaten gewähren Einblicke in ihre damaligen Erlebnisse, Gefühle und Erfahrungen. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ZITATOR
Achtung, Achtung, hier ist die BBC London. Wir senden nun Mitteilungen in französischer Sprache: (kurze Pause) – „Les anglots longs de violons de l’automne / Blessent mon coeur d’une langue montone...“ / Atmo stehen lassen, darauf Sprecherin)
SPRECHERIN
„Les anglots longs de violons de l’automne / Blessent mon coeur d’une langue montone...“ – „Das lange Schluchzen herbstlicher Geigen / Die mein Herz mit langweilender Mattigkeit verwunden“ – an einem Dienstag, in der Nacht zum 2. Juni 1944 erklingt im britischen Rundfunk französische Poesie. Nur die ersten beiden Zeilen von „Chanson d’Automne“, aus dem Gedicht „Herbstlied“ von Paul Verlaine. Aber das genügt, die Empfänger reagieren wie elektrisiert. MUSIK ENDE
Es ist eine literarisch verschlüsselte Botschaft an die Résistance, die Widerstands- bewegung im besetzten Frankreich. Jahrelang haben die Untergrundkämpfer auf diese Verse gewartet, die jetzt nur eines bedeuten: Innerhalb der nächsten 48 Stunden beginnt hier, auf dem Kontinent, der große Angriff – die Invasion!
SPRECHER
Noch einmal wird die Geduld der Résistance auf eine harte Probe gestellt. General Dwight D. Eisenhower, der amerikanische Oberbefehlshaber der alliierten Landungstruppen, hat den Invasionstermin auf den 4. Juni gelegt. Drei Millionen Soldaten sind an der südenglischen Küste zusammengezogen. Mehr als 5000 Schiffe drängeln sich in den Häfen am Kanal. 7000 Kampf- und über 2000 Transportflugzeuge stehen bereit. Doch dann schlägt das Wetter um, Sturm kommt auf. Die erste Welle an Schiffen, die bereits unterwegs ist, muss umkehren. Das Warten wird unerträglich.
MUSIK
ZITATOR
In der ganzen Welt fragten sich die Menschen, wann es soweit sein würde, und nicht wenige beteten. Aber nirgends war die Spannung größer als ins London. Hier fühlte man das Drama, auf beinahe schmerzend körperliche Weise. Es war so nah, nur eine Stunde entfernt, bis zur Küste im Süden.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN (auf Musik)
Der kanadische Kriegs-Korrespondent Lionel Shapiro in seinem 1956 veröffentlichen Roman „The 6th of June“, „Der 6. Juni“:
MUSIK
ZITATOR
Die Menschen gingen in die Pubs, um die endlosen Abende zu verkürzen. Hier war es am schlimmsten. Die Lokale waren voll und trotzdem tödlich still. Warum nur? Es ist diese verdammte Warterei, sagten die Leute zu sich, aber es war der Tod an den Stränden, an den sie in Wahrheit dachten.
MUSIK ENDE
O-Ton engl. BBC-Kriegsberichterstatter 0’57 / mit Voice over
„The Canal troops are landing, they are landing all around me, as I speak, red and white parachutes fluttering down, in perfect formation…”
SPRECHERIN
Am 6. Juni ist „D-Day“, Decision Day, der Tag der Entscheidung. Ab 1.00 Uhr nachts landen 18.000 britische und amerikanische Fallschirmjäger im Hinterland der normanischen Küste zwischen Sainte-Mère-Église und Caen. Sie treffen auf einen völlig überraschten Gegner. Niemand bei der deutschen Heeresleitung hat den Angriff zu diesem Zeitpunkt erwartet. Auch nicht der Schriftsteller Ernst Jünger, der als Offizier im Generalstab von Paris stationiert ist. Zwei Tage nach der Landung schreibt er in seinem Tagebuch:
ZITATOR
Am gestrigen Tag bei General Speidel in La Roche-Guyon. Wir fuhren gegen Mitternacht zurück. Auf diese Weise verpassten wir um eine Stunde das Eintreffen der ersten Meldungen über die Landung. Sie wurde am Morgen bekannt und überraschte viele. Die ersten abgesprungenen Kräfte wurden nach Mitternacht festgestellt. Zahlreiche Flotten und mehrere tausend Flugzeuge traten bei den Operationen auf. Es handelt sich ohne Zweifel um den Beginn des großen Angriffs, der diesen Tag historisch machen wird.
SPRECHERIN
Und Adolf Hitler? Der „Führer“ weilt in Berchtesgaden und verschläft den Vormittag. Seit 5 Uhr 30 rollen die Angriffswellen gegen die Strände der Normandie, um 10 Uhr 15 traut man sich endlich, Hitler zu wecken. Im Morgenmantel empfängt er die Nachricht. Dann verstreichen entscheidende Stunden, der selbsternannte Oberbefehlshaber der Wehrmacht zögert, die bereitstehenden Panzer-Divisionen in Marsch zu setzen.
MUSIK
Generalfeldmarschall Rommel, der Oberkommandierende der deutschen Truppen in Frankreich, fleht Hitler förmlich an. Am Nachmittag, viel zu spät, gibt er endlich den Befehl. Erst am späten Abend wird die Invasion in Deutschland bekanntgemacht.
MUSIK hoch
SPRECHER
Als Ernst Jünger in der Nacht zum 6. Juni durch Paris fährt, hätte er zwei französischen Schriftstellern begegnen können: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.
MUSIK ENDE
Sie kommen gerade von einer Party, es wurde getrunken, gesungen, gelacht, Albert Camus hatte wie wild getanzt. In ihrer Autobiographie schreibt Simone de Beauvoir:
ZITATORIN
Wir gingen mit Olga und Bost zur ersten Metro und begleiteten die beiden bis zum Montparnasse. Die Place de Rennes lag verlassen im fahlen Licht der Morgendämmerung. Plakate an der Bahnhofsmauer verkündeten, dass der Zugverkehr eingestellt sei. Was ging vor? Ich schlief fünf oder sechs Stunden. Als ich erwachte, drang die Stimme eines Radios durch mein Fenster. Sie sagte lang erwartete, unglaubliche Dinge, ich sprang aus dem Bett. Die anglo-amerikanischen Truppen hatten in der Normandie Fuß gefasst! Die Tage, die nun kamen, waren ein einziges Fest. Die Leute lachten einander zu, die Sonne strahlte – und wie fröhlich waren die Straßen.
SPRECHER
Jean-Paul Sartre zeigt weniger Enthusiasmus, er fühlt sich unschön abgelenkt. hat nur Sinn für sein neues Theaterstück „Huis Clos - bei Geschlossene Geellschaft“, das in diesen Tagen Premiere feiern soll. – Viele tausend Kilometer entfernt, im kalifornischen Exil, ist ein anderer Dramatiker von Weltgeltung ebenfalls ganz auf seine Arbeit konzentriert. Genau am Invasionstag vollendet Bertolt Brecht den „Kaukasischen Kreidekreis“. Dann geht er ins Kino. In seinem „Journal“ verzeichnet er diesen Eintrag:
SPRECHERIN
In Brechts Nachbarschaft wird die Nachricht mit größerem Interesse aufgenommen. Der berühmteste Schriftsteller des deutschen Exils, Thomas Mann, feiert ausgerechnet am D-Day Geburtstag. Am Abend notiert er in sein Tagebuch:
ZITATOR
Pacific Palisades, Dienstag, den 6. Juni. – Mein 69. Geburtstag. Stand halb neun Uhr auf. Während Katja mir ihre Geschenke zeigte, rief Mrs. Meyer aus Washington an, von der ich, bevor ich die Zeitung gesehen, erfuhr, dass die Invasion Frankreichs bei Caen, Calais, Le Havre begonnen hat. Eigentümliches Zusammentreffen. Beim Frühstück die Zeitungsnachrichten. Die Meyer erklärte,
befriedigende direkte Nachrichten aus dem Kriegsministerium zu haben. Spannung auf koordinierte Aktionen der Russen. Telephon mit den Franks. Man erwartet eine weitere Ansprache des Präsidenten.
Regie: O-Ton / Amerik. Nachrichtensprecher (In OF: ab 12‘36)
„Ladies and Gentlemen, the President of the United States…”
SPRECHERIN
Tags zuvor hat Franklin D. Roosevelt im Rundfunk den Einmarsch alliierter Truppen in Rom verkündet. Nun wendet sich der amerikanische Präsidente erneut an sein Volk:
Regie: O-Ton / Roosevelt
My fellow Americans! Last night when I spoke to you about the fall of Rome I knew at that moment that troops of the United States and our allies were crossing the channel.”
DARÜBER
ZITATOR
Liebe Mitbürger. Gestern Nacht, als ich zu Ihnen sprach, über den Fall von Rom, wusste ich in diesem Moment bereits, dass Truppen der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten den Kanal überquerten. Bis jetzt waren wir erfolgreich. Und so bitte ich Sie, in dieser kritischen Stunde, mit mir zu beten...
SPRECHERIN
Genau zu dieser Zeit arbeitet Thomas Mann an seinem Roman „Doktor Faustus – Die Geschichte des Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“. Serenus Zeitblom heißt der eher furchtsame, brave Chronist, und in die Rekapitulation der tragischen Biographie Leverkühns mischt der Erzähler aktuelle Beobachtungen und Reflexionen. Am 23. Mai 1943 setzt der Roman ein, an diesem Tag beginnt Thomas Mann mit der Niederschrift. Im Juni 1944 befindet er sich im 33. Kapitel. Und die sensationelle Nachricht aus der Wirklichkeit diktiert ihm die Fiktion.
MUSIK
ZITATOR
Die Invasion Frankreichs, als Möglichkeit längst anerkannt, hat sich vollzogen – eine mit vollkommener Umsicht vorbereitete technisch-militärische Leistung ersten oder überhaupt neuen Ranges, und bald waren es der zu Strande gebrachten Truppen, Tanks, Geschütze und jederlei Bedarfe mehr, als wir wirder ins Meer zu werfen vermochten. Cherbourg hat nach heroischen Radiogrammen des Kommandierenden Generals an den Führer kapituliert, und seit Tagen schon tobt eine Schlacht, deren Streitgegenstand die normannische Stadt Caen ist.
MUSIK ENDE
Regie: O-Ton / Dt. Kriegsberichterstatten 0’15 (In OF: 21’08)
„Hier hart an uns vorbei heulen die Granaten der englischen Artillerie, sie beschießt den Dorfrand hinter unserem Rücken, wo man anscheinend Fahrzeug- bewegungen erkannt hat. In der Talsohle vor uns sind die grauen Ruinen und zerfetzten Baumstümpfe eines total, bis auf das letzte Haus heruntergebrannten Dorfes zu sehen. .
MUSIK
SPRECHER
Um 3.30 Uhr hat der Feuerschlag begonnen. Tausende von Schiffsgeschützen beschießen die deutschen Befestigungsanlagen. In der Luft ist die gesamte Bomberflotte im Einsatz. Noch warten die über 4000 Landungsboote im sicheren Schutz der Geleitschiffe. Die alliierte Führung hat den 30 Kilometer langen Küstenstreifen in fünf Landezonen eingeteilt. Im Abschnitt „Utah“ und „Omaha“ landen amerikanische Soldaten, und in einem Boot vor „Omaha Beach“ sitzt mitten unter den durchnässten und frierenden G.I.s der weltberühmte Romancier Ernest Hemingway. Als Kriegs-Korrespondent hat er schon zuvor von vielen Fronten berichtet. Die Invasion sollte die Krönung für den Boxer, Stierkampf-Liebhaber und notorischen Macho sein. Seinen Wunsch, gleich in der ersten Angriffs-Welle mitzufahren, lehnt das alliierte Presse-Ministerium entsetzt ab – den ersten Lande-Einheiten werden wenig Überlebens-Chancen eingeräumt. Man rechnet mit 10.000 Toten, eine Zahl, die sich als realistisch erweisen sollte. Hemingway darf in die siebte Welle!
ZITATOR
Wir näherten uns der Küste im Morgengrauen. Das Landungsboot war sechsundreißig Fuß lang und sah aus wie ein Sarg. Er nahm viel Wasser über, das in grünen Schauern auf die Stahlhelme der Soldaten prasselte, die Schulter an Schulter hockten, in der steifen, ungeschickten, ungemütlichen, einsamen Genossenschaft von Männern, die in die Schlacht gehen. Unter der Back des stählernen Boots lagen Kisten voll TNT, mit Gummischwimmwesten umwickelt, um in der Brandung zu schwimmen, und Bazookas in Haufen und Kisten voll Bazooka-Raketen, und alle diese Munitionspacken steckten in wasserdichten Plastikhüllen wie die College-Girls, wenn’s regnet. Voraus war die französische Küste zu sehen.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Der Reporter Hemingway war auf „Omaha Beach“ gelandet; im südlichsten Abschnitt „Utah“ liegt der einfache Gefreite Jerome D.Salinger im Sand. Der spätere Verfasser von „Der Fänger im Roggen“ wird nur ein einziges Mal in seinem Leben von diesem Tag erzählen, leicht angetrunken, auf einem Veteranentreffen, sonst hätte die Welt nie davon erfahren.
SPRECHER
Dort, wo die Einheit von Jerome D.Salinger gelandet ist, trifft sie auf den heftigsten Widerstand der Deutschen. Hier sind die Verteidigungsanlagen am besten ausgebaut. Minenfelder, Sperrhöcker, Stacheldraht und in den Sand getriebene Balken machen die Landung von Panzern und Fahrzeugen schier unmöglich. Diese Balken heißen im Jargon der deutschen Landser „Rommelspargel“. Sie liefern, bald 15 Jahre später, dem Schriftsteller Günter Grass den Anlass für ein satirisches Gedicht in seinem Roman „Die Blechtrommel“. Im Sommer 1944 ist der Held Oskar Matzerath Mitglied in einer Fronttheatertruppe. Man gastiert in Frankreich. Während eines Picknicks auf den Betonbunkern des „Atlantik-Walls“ wird spontan gedichtet. Künstlerin Kitty sagt die Verse auf:
Regie: Blechtrommel-Wirbel
MUSIK
ZITATORIN
Noch waffenstarrend, mit getarnten Zähnen
Beton einstampfend, Rommelspargel
Schon unterwegs ins Land Pantoffel,
Wo jeden Sonntag Salzkartoffel
Und freitags Fisch, auch Spiegeleier:
Wir nähern uns dem Biedermeier
(Trommelwirbel)
((Noch schlafen wir in Drahtverhauen
Verbuddeln in Latrinen Minen
Und träumen tags darauf von Gartenlauben,
Von Kegelbrüdern, Turteltauben,
Vom Kühlschrank, formschön Wasserspeier:
Wir nähern uns dem Biedermeier!
(Trommelwirbel)
Muss mancher auch ins Gras noch beißen
Muss manch ein Mutterherz noch reißen
Trägt auch der Tod noch Fallschirmseide
Knüpft er doch Rüschlein seinem Kleide
Zupft Federn sich vom Pfau und Reiher
Wir nähern uns dem Biedermeier! ))
Blechtrommel-Wirbel
SPRECHER
Anderntags ist der Spaß vorbei, wird das Künstlervölkchen vom Angriff der Alliierten überrascht, Oskars Freundin Roswitha von einer Granate getötet.
SPRECHERIN
Tausende Kilometer entfernt, tief im Osten, empfängt ein weiterer späterer deutscher Literatur-Nobelpreisträger die Nachrichten aus der Normandie. Seit fünf Jahren, vom ersten Tag des Krieges an, marschiert der Infanterist Heinrich Böll durch den Schrecken. Er wird schwer verwundet und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Die Landung der Alliierten lässt Böll hoffen. Sehnsüchtig schreibt er gleich am 7. Juni aus einem ungarischen Lazarett an seine Frau Annemarie:
ZITATOR
Gestern Abend erfuhren wir alle mit großer Erregung und Erwartung von der Invasion im Westen. Das ist ein unglaublich wichtiges Ereignis, diese Invasion, das kann wirklich zur Entscheidung des Krieges noch in diesem Jahr führen; wäre es nicht toll, wenn uns endlich einmal ein Zeichen vom Beginn des Endes leuchten würde, ach, dieser wahnsinnige, verbrecherische Krieg muss bald zu Ende gehen!
Regie: O-Ton Winston Churchill (In OF: 33’41)
“We tried again and again to prevent this war...
ZITATOR
„Immer wieder haben wir versucht, diesen Krieg zu verhindern“, hat der britische Premierminister Winston Churchill im November 1939 gesagt.
Regie: O-Ton kurz hochziehen
„...which should not have happened…
ZITATOR 1
“Aber jetzt sind wir im Krieg, und wir warden Krieg führen, und wir warden ihn solange führen, bis die andere Seite genug davon hat.
Regie: O-Ton kurz hochziehen
„...until the other side has had enough of it.“
SPRECHERIN
Am 11.Juni vereinigen sich die alliierten Brückenköpfe zu einer geschlossenen Front, die Invasion ist endgültig gelungen – mehr als eine halbe Million Soldaten und 90.000 Fahrzeuge stehen auf französischem Boden. Es wird nur noch zwei Monate dauern, bis die Streitmacht Paris erreicht. Am 25. August wird die Hauptstadt befreit. - Als passionierter und bekannter Schriftsteller wird Winston Churchill ebenfalls über die Invasion und den Siegeszug der Alliierten schreiben, in seinem Buch „Der Zweite Weltkrieg“ – noch vor Abschluss des sechsbändigen Werks erhält er dafür 1953 den Literatur-Nobelpreis.
SPRECHER
Im selben Jahr 1948, als der erste Band von Winston Churchills Kriegs-Memoiren erscheint, kommt in New York der Roman eines deutschen Schriftstellers auf den Markt: „The Crusaders“ – ein weitgespanntes 800-Seiten-Epos, das nach der Landung der Normandie einsetzt, die Befreiung Frankreichs beschreibt, die Schicksale von Amerikanern und Deutschen gleichermaßen schildert und bis zur Eroberung Deutschlands reicht. Der Verfasser heißt Stefan Heym! –
SPRECHERIN
Als Technical Sergeant hat er im Presse-Korps der 12. US-Armee die Invasion aus nächster Nähe erlebt, es ist für ihn auch die Wiederkehr nach Europa! – 1933, mit zwanzig Jahren, war der Sohn einer jüdischen Kaufmanns-Familie nach dem Reichtagsbrand aus Deutschland geflohen. In den USA wurde er zum Amerikaner und erfolgreichen Schriftsteller, 1943 meldete er sich freiwillig zum Militär. Im Einsatz in Frankreich arbeitet er für die Feindaufklärung, verfasst Flugblätter und Ansprachen, die über Lautsprecher die deutschen Soldaten zur Aufgabe bewegen sollen. Im Roman hat Stefan Heym eines dieser von ihm entworfenen Flugblätter eingebaut:
ZITATOR
... wofür kämpft Ihr? Um einen verlorenen Krieg zu verlängern, einen Krieg, der Europa vernichtet, einen Krieg, der euch selbst vernichtet. Fünf Jahre lang habt ihr gekämpft. Milllionnen sind in Russland gefallen, und täglich nähern sich die Russen der deutschen Grenze. Die Front im Westen rollt donnernd vorwärts. Wenn ihr euch noch retten wollt, wenn ihr Deutschland noch retten wollt, gibt es nur einen Ausweg: SCHLUSS MACHEN!
SPRECHERIN
Stefan Heym wird nach dem Krieg zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der jungen DDR. „The Crusaders“ erscheint dort 1950 unter dem deutschen Titel „Kreuzfahrer von heute“, in Westdeutschland wird die Ausgabe später „Der bittere Lorbeer“ heißen. Für seine militärischen Dienste wird Stefan Heym von den USA mit dem Bronze Medal Star ausgezeichnet. – Und in seinem Flugblatt hat er die Wahrheit gesprochen: Am 22. Juni, zwei Wochen nach der Invasion, sind 200 Divisionen der Roten Armee zur Offensive im Osten angetreten, sie sind den Deutschen fünffach überlegen. Überall nun brechen die deutschen Fronten zusammen.
Regie: Musik / unter Text
SPRECHER
Jetzt beginnt das Ende. Auch Serenus Zeitblom hat die Nachrichten gehört. In Kalifornien lässt Thomas Mann seinen ängstlichen Helden um Deutschland zittern:
MUSIK
ZITATOR
Kein Halten mehr! Seele, denk‘ es nicht aus. Wage nicht, zu ermessen, was es heißen würde, wenn in unserem extremen, durchaus einmalig-furchtbar gelagerten Fall die Dämme brächen und es kein Halt mehr gäbe gegen den unermesslichen Hass, den wir unter den Völkern ringsum gegen uns zu entfachen gewusst haben. (...) Das Strafgericht – es komme! Nichts anderes bleibt mehr zu hoffen, zu wollen, zu wünschen. (...) Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig!
MUSIK ENDE
80 Jahre liegt die Landung der Alliierten in der Normandie zurück. Noch heute erinnern Bunkeranlagen und Panzer am Strand von Courseulle-sur-mer an die Befreiung von den Nationalsozialisten. Da es kaum noch Zeitzeugen gibt, ist es heutigen Bewohnern des Küstenörtchens besonders wichtig, weiterhin das Gedenken zu wahren. Von Andrea Burtz (BR 2024)
Credits
Autorin: Andrea Burtz
Regie: Ron Schickler
Es sprachen: Katja Bürkle, Ron Schickler, Andreas Neumann, Hemma Michel
Technik: Robin Auld
Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Romain LeChartier, Samuel LeVasseur, Corinne Vervaeke, Philippe Vervaeke, Eric Tabaud
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD History (2024): 24 h D-Day
Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN
Linktipp:
arte (2024): Der D-Day und eine Reise in die Familiengeschichte
In diesem Jahr ist es 80 Jahre her, dass alliierte Truppen in der Normandie landeten, um die Nazi-Herrschaft über Europa zu beenden. Daran wird international erinnert. Aber auch heute noch ist der D-Day für viele Menschen weit mehr als ein Gedenktag; er ist ein wesentliches Datum ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte ihrer Familie. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN (flüsternd) TON 1
Ich habe immer dasselbe Gefühl, wenn ich das Alter dieser Soldaten lese. Ich bin jetzt 30, die meisten sind jünger als ich. Der Älteste, der hier begraben ist, war 34. Ich habe Mitgefühl, wenn ich mich in ihre Lage versetze, mir ihre Lebenswege vorstelle. Was wohl im Moment der Landung in ihren Köpfen vorgegangen ist, und als sie sich entschlossen haben, herzukommen. Sie hatten keine Wahl. Auf Friedhöfen herrscht immer diese Stimmung von Ruhe und Gelassenheit.
Atmo Friedhof
SPRECHERIN
Es ist ein sonniger Morgen in Bény-sur-mer. Romain ist der einzige Besucher auf dem kanadischen Soldatenfriedhof. Er stammt aus dem Nachbarort Courseulles und betreibt dort eine kleine Pension. Sein Blick schweift über die einheitlichen Grabsteine der 2.049 jungen Kanadier, die in den ersten Wochen der Normandie-Invasion im Juni 1944 gefallen sind. Auf jeder weißen Stele sind unter einem Ahornblatt Name, Rang und Todesdatum eingraviert. Dazwischen blühen Narzissen, Iris und rote Tulpen.
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN, TON 2
Es ist unvorstellbar. Jetzt sogar noch mehr. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass sowas heute nochmal passieren könnte.
Dass Menschen sechstausend Kilometer auf einem Schiff oder in einem
Flugzeug hinter sich bringen, um ein Land zu retten, das sie gar nicht
kennen. Ich glaube, wenn man heute Leute zwischen 20 und 30 fragen
würde, ob sie in der Lage wären, das zu tun, würden 99% „nein“ sagen. Es ist unvorstellbar, und das macht das Ganze noch stärker.
ATMO Friedhof
FREISTEHEND, SAMUEL LEVASSEUR, TON 3
Je suis jardinier. Ca fait 30 ans que je fais le travail
pour le cimetière.
SPRECHERIN
Samuel Levasseur ist seit 30 Jahren der einzige Gärtner des Soldatenfriedhofs. Im Ort heißt es, es sei der schönste der Region. Denn Samuel sorgt dafür, dass er ganzjährig blüht. Im Juni, zum Jahrestag der Landung, setzt er Klatschmohn.
Damit schmückten schon die Einheimischen im Frühsommer 1944 die Gräber. Dem Gärtner ist es wichtig, den Gefallenen jeden Tag aufs Neue seine Ehre zu erweisen.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG SAMUEL LEVASSEUR TON 4 (Samuel, ov)
Am Ende bleiben nur ihre Gräber. Ich bepflanze sie,
damit sie hübsch aussehen, und um ihnen zu huldigen. Ein wunderschöner Tribut, den ich zollen kann. In diesem Jahr ist es vielleicht das letzte Mal, dass wir den Gedenktag mit Veteranen begehen. Zum Glück konnten wir die Andenken dieser Männer bewahren, ich habe einige gesammelt. Sie sollen nicht vergessen werden.
MUSIK
SPRECHERIN
Manche Angehörige hinterlassen Hochzeitsfotos, handgeschriebene Nachrichten und sogar Schmuck auf den Gräbern. Nach einer Weile entfernt Samuel Levasseur die verwitterten Gegenstände, damit der Gesamteindruck der Gedenkstätte nicht gestört wird. Aber er hebt all diese Dinge auf und beantwortet Besuchern Fragen. Die 30 Jahre Arbeit zwischen den Grabsteinen junger Soldaten haben ihn geprägt.
SPRECHERIN OV ÜBERSETZUNG CORINNE VERVAEKE; TON 5
Er ist ein Poet! Seine Verse sind sehr bewegend, er schreibt wunderschöne, schlichte Gedichte, besonders über die Kanadier. Wenn er es mal wagt, seine Gedichte anderen vorzulesen –Samuel ist sehr schüchtern! – dann weinen alle. Sie sind so schön, dass alle in Tränen ausbrechen.
SPRECHERIN
Fremdenführerin Corinne Vervaeke hat mit Besuchergruppen schon oft den Soldatenfriedhof Bény und seinen Gärtner besucht. Sie kennt seine Gedichte.
SPRECHERIN OV ÜBERSETZUNG CORINNE VERVAEKE, TON 6
Sie sind sehr kurz, nur wenige Zeilen. Er erzählt zum Beispiel vom Soldaten, der seine Familie in der Ferne zurücklassen muss, der das Meer überquert, auf normannischem Sand fällt
und schließlich für immer in der Erde der Normandie schläft, weit entfernt vom gelobten Land.
SPRECHERIN
An manchen Tagen kommen bis zu sechs Touristenbusse zum Soldatenfriedhof Bény,(Bénie) der auf einer Anhöhe liegt. Drei Kilometer Luftlinie vom Küstenabschnitt Juno Beach entfernt, wo die 3. Kanadische Division am 6. Juni 1944 landete. Vom Friedhof kann man in der Ferne das Meer sehen. Die winzigen bunten Punkte am Horizont sind Segel von Surfern wie Mathieu.
Atmo WIND MEER
SPRECHER 1 OV, ÜBERSETZUNG SURFER MATTHIEU TON 6
Je nach Windrichtung ist es ein besonders beliebter Spot für alle
Windsurfer. Wenn wir auf dem Wasser sind, sehen wir das große Kreuz dort, das sorgt für eine besondere Atmosphäre. Wir können wirklich relativ weit sehen, vor allem das Lothringerkreuz. Es dient uns als Orientierungspunkt, denn bis dorthin müssen wir kommen… , ah der Wind ist heute stark….))
MUSIK GBE3A2123420 The Tide Of Fear 00:45min
SPRECHERIN
18 Meter ragt das Lothringerkreuz am Strand von Courseulles in den Himmel. Es wurde 1990 zu Ehren des ehemaligen Generals und Staatspräsidenten Charles de Gaulle errichtet. Am 14. Juni 1944, gut eine Woche nach dem D-Day, war de Gaulle am Juno Beach in Courseulles an Land gegangen - vier Jahre nachdem er vor dem Vichy Regime und den nationalsozialistischen deutschen Besatzern nach London ins Exil geflohen war. Das Doppelkreuz erinnert an
seine Rückkehr. Die Freien Französischen Streitkräfte hatten das Symbol aus dem Mittelalter übernommen - als Gegenstück zum Hakenkreuz der Nationalsozialisten.
Fremdenführerin Corinne Vervaeke packt ihre Tasche für die große
Familientour zum D-Day: Original Lebensmittelkarten, Helme und Pullover von US Soldaten, ein Feldtelefon. 60 Kilo Anschauungsmaterial aus der Zeit der Besatzung und Befreiung. Die Kinder dürfen alles anfassen und ausprobieren.
SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE TON 7
Das kratzt und piekt, das Feldtelefon ist schwer. Die Kinder dürfen es auf dem Rücken tragen… Damals sind die Soldaten mit ihren großen Rucksäcken ins Wasser gesprungen, sie hatten wirklich Gewicht! All das werden die Kinder ihr Leben lang nicht vergessen. Dinge anzufassen, das spricht die Sinne an und bleibt im Gedächtnis.
SPRECHERIN
Corinne Vervaeke hat ihr Haar mit kleinen Kämmchen zurückgesteckt, so wie es in den 1940er Jahren Mode war. Auch ihr Rock, Bluse und Schuhe stammen aus der Zeit. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat die Sportlehrerin sich ihren großen Wunsch erfüllt, noch ein Geschichtsstudium anzuhängen. Seither macht sie Führungen in Courseulles. Corinne stammt aus der Region und kennt den Ort. Sie betont, dass es wichtig sei, zu unterscheiden: Zwischen den großen Festlichkeiten zum Jahrestag der Landung als Dank an die Veteranen. Und dem, was französischen Zivilisten damals während der Befreiung widerfahren ist.
SPRECHERIN OV, ÜBERSETZUNG CORINNE TON 9
Das war sehr schwer für die normannische Bevölkerung. Viele Häuser waren zerstört und ein Teil der Zivilisten durch die Bomben der Alliierten ums Leben gekommen. Heute muss man das alles ein bisschen vergessen, ein bisschen glätten und sich daran erinnern, dass wir dadurch heute in Frieden leben können. Passiert ist es der
Generation unserer Eltern. Für uns war die Befreiung dann ein großes
Glück. Für uns ist eine Erinnerung - keine gelebte Realität!
SPRECHERIN
Corinnes Mann Philippe, nach 37 Jahren in der Armee nun im Ruhestand, definiert den D-Day ganz klar:
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG PHILIPPE VERVAEKE TON 10
Für uns ist die Landung tatsächlich der erste Tag eines neuen Europa. Eines friedlichen Europa. Das ist nicht der 8. Mai. Der 8. Mai markiert das Ende des Krieges. Aber der entscheidende Faktor war für
uns die Landung. Hier wurde klar, dass wir aufhören müssen, ständig Kriege zu führe, und dass wir Europa schaffen müssen.
MUSIK
SPRECHERIN
Interesse an der eigenen Geschichte zu wecken und Völkerverständigung zu unterstützen, ist für Philippe Vervaeke unerlässlich. Heute macht sich der Rentner für Städtepartnerschaften stark und unterstützt seine Frau bei ihren Führungen am Juno Beach. Auch er passt seine Kleidung dabei an die 40er Jahre an. Der
Hobbysammler kann aus seinem eigenen Fundus schöpfen: Er trägt Uniform und Schiffchen eines Kriegsberichterstatters bei US-Armee.
SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE TON 11 (Reportagig)
Da ist Philippe. Wir sind am Strandabschnitt der Kanadier, aber Philipp trägt keine kanadische
Uniform…
SPRECHER 2 OV Übersetzung Philippe:
Also Kinder – wie bin ich gekleidet? … Es steht auf der
Tasche wie bei einem Camembert aus der Normandie… Ich bin ein Journalist…))
SPRECHERIN
Familien aus ganz Frankreich sind mit ihren Kindern gekommen, um beim Strandspaziergang zu erfahren, was sich hier im Jahr 1944 zugetragen hat. Wo genau der bekannte Panzer einen Bombenkrater füllte, damit nachkommende Fahrzeuge über ihn hinwegfahren konnten. Warum es wichtig war, all die kleinen Brücken über dem Flüsschen „Seulle“ zu schützen und wie klein die Provianttasche eines US Soldaten war. Nachdem die Kinder noch einen restaurierten Panzer bestaunt haben, geht es direkt aufs Dach eines Bunkers – auf den sogenannten „Atlantikwall“.
SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE, TON 12
Also – sieht das so aus wie eine Mauer? Stehen wir auf
einer Mauer? – (Kinder im Chor, FREI STEHEN LASSEN) NON!
– Tatsächlich nennt man es Atlantikwall, weil es als Schutz diente. Eigentlich besteht er aber aus vielen einzelnen Bunkern.
13.O-TON: Trompetenstoß, Fliegerlärm
SPRECHERIN
Philippe bläst zum Appell. Zufällig schießt am Himmel ein historischer Flieger über die Köpfe der erstaunten Besuchergruppe hinweg. Am Ende gibt es noch ein Quiz: Philippe zieht Soldatenhelme aus einer Tasche, die Kinder sollen das Land seiner Herkunft erraten.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG PHILIPPE TON 14
Ja, das ist einfach – ein deutscher! Es ist das einzige
Objekt meiner Sammlung, das nicht historisch ist. Der deutsche Helm
gehört zum Kostüm des Films „Saving Private Ryan“, es ist eine Filmrequisite. Denn heute sind deutsche Sammlerstücke sehr, sehr teuer.
SPRECHERIN
Nach der zweistündigen Tour sind die Kinder beeindruckt. Was ein Soldat beim Sprung ins Meer mit sich führte und wie klein seine Essensration war, werden sie nicht vergessen.
ATMO STRAND/MEER
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG SURFER MATHIEU TON 15
Es gibt hier ja direkt das Museum – aber wir schauen uns das nicht ständig an. Wir leben in Courseulles, einem Ort, der für Wassersport wie geschaffen ist. Unter den heutigen Bedingungen ist es großartig!
SPRECHERIN
Surfer Mathieu rollt das Segel aus, um schnell raus aufs Meer zu kommen. Am Strand kennt man sich hier unter Wassersportlern.
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG SURFER MATHIEU TON 16
Ganz ehrlich? Ich habe keine Zeit, um mir all das anzuschauen, was hier sich hier zugetragen hat. Ich bin zu sehr mit meiner
Arbeit beschäftigt. Die Gedenkveranstaltungen sind immer besonders, wir erleben dann die Geschichte ein bisschen noch einmal. Für uns
Einheimische ist es gar nicht so leicht, da einen Platz zu bekommen. Aber es zieht Touristen an– das ist gut für die Region!
ATMO Meer
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 17
Hier am Strand gibt es auch eine Surfschule, die Leute haben hier Spaß, und ich gehe dort schwimmen. Ich denke nicht an die Landung, wenn ich meinen Hund ausführe. Manchmal vielleicht, aber nicht täglich.
MUSIK
SPRECHERIN
Pensionsbetreiber Romain liebt seine Heimat, die Normandie. Die satten
Wiesen, die vielen Pferde, die blühenden Apfelbäume im Frühling und natürlich das Meer. Häufig wird er von seinen amerikanischen Gästen gefragt, ob er an dem Strand wirklich baden geht, an dem so viele Soldaten ihr Leben lassen mussten.
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 18
Dann antworte ich, dass ich nicht daran denke. Das mag manchem verrückt erscheinen. (…) Ich sage den Leuten dann, wenn man an jedem Ort aufhört zu leben, an dem sich etwas Schlimmes ereignet hat, egal ob ein Krieg oder etwas anderes, dann könnte man nicht mehr leben. Besonders in der Normandie. Wir haben viele solcher Orte.
SPRECHERIN
Seit drei Jahren betreibt der 30jährige die kleine Pension in seiner Heimat Courseulles. Ein 4000 Seelen Ort, der im Sommer von Badegästen lebt und im restlichen Jahr von Geschichtstouristen. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert hat Romain im Bewusstsein renoviert, künftig Gastgeber für Menschen aus aller Welt zu sein, die an der Normandie vor allem die berühmte Landung interessiert - weniger ihre Landschaft. Kanadier, Engländer, Amerikaner.
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 19
Natürlich kommen auch Franzosen. Für viele ist es so eine Art „Pilgerreise“, als müsse jeder Franzose einmal in seinem Leben die
Landungsstrände besucht haben. Viele Eltern waren schon als Kinder hier. Egal, ob es 10, 20, 30, 40 Jahre her ist – sie sagen: „Ja, ich war mit meinen Eltern hier, ich erinnere mich!“ Der Vorteil hier ist, dass sich nicht viel verändert hat. Was vor 40 Jahren hier war, ist es auch heute noch.
SPRECHERIN
Touristen wollen Gräber entfernter Verwandte besuchen oder ganz speziellen Fragen nachgehen. Romain hat durch seine Gäste viel Neues über die Region erfahren, obwohl er hier aufgewachsen ist. Schon als Kind hat er all die Erinnerungsstätten und Museen mit der Familie oder Schulklasse besucht; viele Anekdoten gehört, die hier von Generation zu Generation weitergetragen werden. Die meisten Zeitzeugen sind mittlerweile verstorben.
MUSIK
SPRECHERIN
Romains Großvater beschrieb oft den unvorstellbaren Lärm der Detonationen in der Nacht des 6. Juni 1944, den er noch in Flers (flär) hören konnte. Einem Ort, der im Landesinneren 70 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Oft
erinnerte er daran, wie quälend lang die Befreiung war - der D-Day war nur der Anfang.
SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 20
Caen ist im August befreit worden. Die Alliierten sind aber schon Anfang Juni gelandet. Das muss man sich mal vorstellen: Sie haben Monate gebraucht, um diese 20 Kilometer vorzudringen. Es gab unerbittliche Kämpfe, dabei wurde Caen zu 90% zerstört, 3000 Zivilisten kamen ums Leben. Die Großmutter einer Freundin erzählte immer, dass sie während der Befreiung Caens durch die Alliierten fast alle Schulkameraden verloren hatte.
SPRECHERIN
Im Herbst 1944 saßen noch drei Kinder in der Klasse. Ein Bild, das sich bei Romain eingebrannt hat, obwohl er es nie gesehen hat.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC, TON 21
Das Foto da wurde am 14. Juni 1944 aufgenommen, eine Woche nach der Landung. Das ist de Gaulle, dort wo das Rathaus ist …
MUSIK GBY9Y2201307 Moonbow 00:52min
SPRECHERIN
Eric Tabaud ist stolz auf seine Sammlung. Über 10.000 Fotos hat der 63jährige Hobbyhistoriker bereits von Courseulles gesammelt und digitalisiert. Die Interessantesten präsentiert er auf seiner Internetseite. Das Museum, das sich mit der langen Geschichte Courseulles beschäftigt hat, ist seit ein paar Jahren geschlossen. Für Eric Tabaud ein Grund mehr, die Erinnerung an das kleine Industriestädtchen mit seinen Fotos lebendig zu halten. Eric ist im Ort bekannt. Seit über 100 Jahren betreibt seine Familie das historische Kinderkarussell am Strand. Großeltern, die jetzt mit ihren Enkeln kommen, sind früher selbst auf den Pferdchen und Zebras geritten. Eric sitzt oft an der Kasse.
ATMO: kurzes, unübersetztes Gespräch indirekt als Atmo
aufgenommen TON 22
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 23
Es kommen viele Omas aus Courseulles zu meinem Karussell, die mich von klein auf kennen. Ich frage sie, ob sie alte Fotos haben und dann bringen sie welche mit. Sehr alte Fotos und so kann ich Ereignisse rekonstruieren…
Das da sind Deutsche, die man am D-Day schon mittags festgenommen hat…
Als die Deutschen damals Courseulles besetzt haben, haben sie alle Fotoapparate der Leute konfisziert. Sie wollten verhindern, dass sie den Alliierten Fotos der Befestigungsanlage zuspielen. Ein paar wenige haben ihre Apparate aber behalten und bei der Befreiung gleich wieder rausgeholt, um Fotos zu machen…
MUSIK
SPRECHERIN
Fotos von gefangenen deutschen Soldaten, von riesigen Krankenhaus-Schiffen, die Verletzte auf Bahren versorgen. Von Bunkeranlagen.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 24
All die Fotos haben mir Leute vorbeigebracht… Das sind deutsche
Offiziere im Jahr 42, während der Besatzung. Aus der Zeit habe ich nur
wenige Fotos, aber es gibt welche. Da – sie überwachen den Strand…
Und das sind die ersten Gräber, die Kanadier ausgehoben haben.
SPRECHERIN
Wie viele Menschen in Courseulles haben auch Erics Schwiegereltern nach der Invasion in einem der Bunker am Strand gewohnt, weil ihr Haus zerstört war. Familie Tabaud hat den Krieg überlebt. Ihr erstes Karussell jedoch nicht.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 25
Als 1939 der Krieg ausbrach, wurde mein Großvater
einberufen und das Karussell geschlossen. Mein Vater war damals 9, meine Tante 10. Die Familie besaß Land in der Nähe von Caen, züchtete Schafe und verbrachte die Winter auf den Feldern. Die Alten dachten, dieser Krieg würde niemals enden und das Karussell zu nichts mehr nütze sein. Da es kein Holz zum Heizen gab, haben sie begonnen, es zu verheizen. Nach dem Krieg haben wir dann ein neues Fahrgeschäft aus Blech bauen lassen.
SPRECHERIN
Als Eric Tabaud 1996 den Betrieb von seinen Eltern übernommen hat, hat er das Fahrgeschäft nach historischer Vorlage nachbauen lassen. Einhörner, Pferdchen und Boote, die noch heute hier ihre Runden drehen, sind aber nicht mehr als aus Holz, sondern aus Harz. Handgemalte Engelchen strahlen von der Decke. Die musikalische Untermalung erinnert an die Anfangstage des Traditionsbetriebs.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 26
Wir spielen hier Jahrmarktorgelmusik. In Deutschland
und Holland gibt es davon besonders viel. Eines Tages, als ich einen
deutschen Marsch gespielt habe, haben mir das Leute vorgeworfen, weil es doch Deutsche waren, die Krieg gegen uns geführt haben. Da habe ich gesagt: „Wir können doch nicht mit allen Menschen im Krieg bleiben, mit denen wir es irgendwann mal waren! Sonst sprechen wir irgendwann mit niemandem mehr.“ Am 6. Juni hänge ich hier am Karussell alle Flaggen auf, auch die deutsche.
SPRECHERIN
Krieg sei immer schlimm, und man müsse sich stets um Frieden
bemühen. Damit die Grauen eines Kriegs niemals vergessen werden, müsse man an sie erinnern.
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 27
Ich organisiere in jedem Jahr einen „Erinnerungsweg“ am
Juno Beach. Als die Alliierten am 6. Juni gelandet sind, starben 359
kanadische Soldaten am Strand. Sie wurden schnell in Bény begraben.
Mohn war die einzige Blume, die es damals gab. Also schmückte man die Gräber damit.
MUSIK
SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 27
Heute male ich an Strandabschnitten 359
riesige Mohnblumen von vier bis zu zehn Metern in den Sand und lade die Menschen ein, sie zu schmücken. Mit Kieseln, Algen, Blumen - allem, was sie am Strand finden. Ich schreibe zu jeder Blume den Namen des Soldaten, sein Alter und bitte die Leute, ein Foto von ihrer Strandblume zu machen. Dann sollen sie im Internet recherchieren, ob sie noch Verwandte des Toten finden können. Sie sollen ihnen dann ein Foto ihrer Mohnblume schicken um zu zeigen, dass wir die Menschen nicht vergessen, die gekommen sind, um uns zu befreien.
Atmo Meer
Sie spionierten im besetzten Frankreich, dechiffrierten deutschen Funkverkehr und nieteten Bomber zusammen. Sie schweißten in Schiffswerften, standen "ihre Frau" an der "Homefront", und: sie leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Befreiung Europas von der Naziherrschaft: Frauen im Einsatz für Militär und Kriegswirtschaft der Aliierten. Von Michael Zametzer (BR 2024)
Credits
Autor: Michael Zametzer
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Christian Baumann, Caroline Ebner, Florian Schwarz
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Michaela Hampf, Corinna von List
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD History (2024): 24 h D-Day
Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN
Linktipp:
arte (2023): Normandie – Die vergessenen Opfer des D-Day
Aus der ganzen Welt strömen Menschen in die Normandie, um der Opferbereitschaft der hier gefallenen britischen, amerikanischen und kanadischen Soldaten zu gedenken. Die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 ging als „D-Day“ in die Geschichte ein; und die einstigen Landungsstrände wurden zum Symbol des Freiheitskampfes. Die zivilen Opfer fanden hingegen lange Zeit keine Erwähnung, sie blieben Märtyrer ohne Medaillen. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO/MUSIK Flugzeug innen, surren, darüber
ZITATORIN (Cormeau):
Wir hoben bei einem wundervollen Sonnenuntergang in England ab, und der Flug dauerte viel länger, als er heute dauern würde. Aber dann bekam ich einen warmen Drink von meinem Flugbegleiter, und dann sah ich, wie er die Luke öffnete und mir sagte, ich solle mich bereit machen…
SPRECHER:
Am 22. August 1943 sitzt die 34jährige Yvonne Cormeau in einer britischen Militärmaschine. Ihr Ziel: Die Gironde, im Südwesten Frankreichs. Im von den Deutschen besetzten Frankreich.
ZITATORIN (Cormeau):
Dann sah ich das Rote Licht an meiner Seite leuchten, und wusste, wenn es grün würde, müsste ich durch die Luke springen. Das ging sehr gut, der Sog der Flugzeugpropeller trug mich fort, als säße ich in einem Lehnstuhl, es war sehr angenehm…
SPRECHER:
Was sich so angenehm anhört, ist ein hochriskantes, lebensgefährliches Unternehmen für die junge Frau. Denn als britische Agentin soll Yvonne Cormeau die Widerstandsgruppen der Résistance untersützen, Waffen schmuggeln, Landeplätze auskundschaften und codierte Funksprüche nach England absetzen.
ZITATORIN (Cormeau):
Mein Fallschirm war weiß, schmutzigweiß, ich habe immer noch ein Stück von ihm.
ATMO weg
SPRECHER:
Yvonne Cormeau ermöglichte mit ihren Funksprüchen über 140 Waffenlieferungen ins besetzte Frankreich, die von britischen Flugzeugen an vereinbarten Stellen abgeworfen wurden. Sie war eine von 600 britischen Agentinnen, die auch die größte amphibische Militäroperation der Weltgeschichte unterstützten: Die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. D-Day!
1 ZSP BBC London
Dum dum dum dummm…
SPRECHER:
Die Herausforderung für die Aliierten könnte nicht größer sein. Um erfolgreich zehntausende Soldaten, Fahrzeuge, Material an der Küste der Normandie anlanden zu können, müssen nicht nur Britische, Kanadische, Französische und US-Truppenteile perfekt zusammenarbeiten. Auch die Koordination der Teilstreitkräfte, die Verarbeitung der Geheimdienstinformationen, die Planung von Täuschungsmanövern erfordert ungeheuer viel Planung schon Jahre vor dem eigentlichen Tag der Landung.
MUSIK
SPRECHER:
Zwar ist die deutsche Wehrmacht 1944, nach fast fünf Jahren Krieg, ausgebrannt und an allen Fronten auf dem Rückzug. Die Amerikaner sind in Sizilien gelandet und kämpfen sich nun durch Italien. An der Ostfront dringt die Rote Armee immer weiter Richtung Reichsgrenze vor – unter enormen Verlusten. Die westlichen Alliierten aber haben aber ein gravierendes Problem: mit jedem Kriegstag, mit jedem Mann an den Fronten in Europa und im Pazifik steigt der Bedarf an Arbeitskräften für die „Homefront“.
2 ZSP Michaela Hampf:
… und vor allem auch der Bedarf an administrativen Kräften und an Menschen, die mit Logistik usw befasst waren, im Gegensatz zur tatsächlich kämpfenden Truppe…
SPRECHER:
Michaela Hampf ist Professorin für nordamerikanische Geschichte an der Universität Hamburg.
3 ZSP Michaela Hampf:
…und in diesem Moment wurden eben Frauen sowohl in der Zivilwirtschaft als auch in den Streitkräften enorm wichtig und man legte da besonderen Wert darauf, jetzt auch Frauen zu rekrutieren für die Armee, auch die anderen Teilstreitkräfte und die zivile Rüstungswirtschaft.
SPRECHER:
Dass Frauen an der Seite von Männern mit der Waffe in der Hand kämpfen, wie es zum Beispiel in der russischen Roten Armee der Fall ist, das ist in Washington und London unvorstellbar. Allerdings hat es schon im ersten Weltkrieg Frauenverbände zur Unterstützung der kämpfenden Truppen gegeben. Diese „auxiliaries“ sollen nun auch im Zweiten Weltkrieg aufgebaut werden. Ein Spagat, sagt Michaela Hampf:
4 ZSP Michaela Hampf
Dieser Spagat einerseits des Arbeitskräftebedarfs vor allem an Unterstützenden und Bürotätigkeiten und andererseits eben der Geschlechterrollen, die man jetzt auch im Krieg, wo alles über den Haufen geworfen wurde, möglichst bewahren wollte.
SPRECHER:
Wie stark die Vorbehalte gegen Frauen im Militärdienst noch 1944, wenige Monate vor der Landung in der Normandie, sind, zeigt ein Werbefilm der US-Regierung zur Rekrutierung von Soldatinnen im „Womens Army Corps“, kurz „WACs“:
5 ZSP Archiv: WAC Werbespot 1944
Hey, there goes one of those Petticoat-Soldiers. My sister wants to join the WACs – what do you think of that? – She’s crazy! What the devil a woman whants to be a soldier for? Waste of time! This is a mans war!
ZITATOR OV: Hey, da ist einer von diesen Petticoat-Soldaten. Meine Schwester möchte den WACs beitreten – was hältst Du davon? – Sie ist verrückt! Wofür zum Teufel soll eine Frau Soldatin werden? Zeitverschwendung! Das ist ein Männerkrieg!
SPRECHER:
1942, kurz nach dem Kriegseintritt der USA gegen Japan, hat der US-Kongress ein Gesetz zur Schaffung weiblicher Unterstützungsverbände für die US-Army verabschiedet. Die Frauen, die dafür rekrutiert wurden, hatten aber keinen militärischen Status. Das änderte sich schon ein Jahr später: Weil sich weit mehr Frauen zum Dienst meldeten als erwartet, wurden sie offiziell Teil der Armee: das „Women’s Army Corps“.
6 ZSP Archiv: WAC Werbespot 1944
This is a mans war! What sort of Jobs may they do? – What sort of Jobs can we do? Take a look, mister! X-Ray-technicians, inspectors of army meat, teachers schooling ous soldiers…
SPRECHER:
Diese sogenannten „WACs“ arbeiten in hunderten unterschiedlicher Jobs: In Lazaretten und Sanitätseinheiten, in Verwaltung, Logistik und Stabsbüros des Militärs, aber auch als Kraftfahrerinnen und Mechanikerinnen, für balistische Berechnungen von Artilleriegeschossen, Wetterbeobachtung oder die Auswertung von Luftbildern.
7 ZSP Michaela Hampf:
Und man dachte sogar, dass Frauen dafür qualifizierter seien als Männer. Aber natürlich ging es um das Prinzip: „Free a man for Fight“ oder „Free man for the Fleet“, dass man eben Männer freisetzen konnte für Kampfverwendungen.
SPRECHER:
Angelehnt an die „WACs“ bauen auch andere Truppenteile Frauenverbände auf: Die US-Navy, das Marine-Corps und die Küstenwache rekrutieren Frauen für ehemals männliche Aufgabenbereiche. Als Pilotinnen der Air Force fliegen sie auch Militärmaschinen unterschiedlichen Typs kreuz und quer durch das Land oder testen reparierte Maschinen. Das bedeutet für diese etwa 350.000 Frauen: Kasernierung, Ausbildung, Uniformierung. Die Infrastruktur dafür müssen aber erst noch geschaffen werden.
8 ZSP Michaela Hampf:
Man musste sozusagen ein ganz neues Kontingent neu aufbauen, angefangen vom Design der Uniformknöpfe bis hin zu denen, also jeden einzelnen Bereich neu planen. Die Frauen waren getrennt, sie wurden von Männern Kommandiert. Es gab aber umgekehrt natürlich keine Kommandeurinnen von männlichen Einheiten und schwarze und weiße Frauen waren ebenso wie schwarze und weiße Soldaten vollkommen voneinander getrennt.
SPRECHER:
Ab 1943 werden die WACs auch auf dem Europäischen Kriegsschauplatz eingesetzt, zur Vorbereitung der alliierten Landung: Sie übersetzen Funksprüche der französischen Résistance, werten Luftbilder aus, fahren Jeeps und Lastwagen im Motorpool. Die Britischen Inseln gleichen in dieser Zeit einem riesigen Heerlager – zur Vorbereitung auf die Landung.
9 ZSP Archiv: First WACs arrive in England 1943
And here ist the first Contigent to arrive in England, the largest unit of women ever to be sent overseas, here they will staff training centres, man Airports and controll stations, and – like all women – their first job is to make themselves a home…!
ZITATOR OV: „Und hier ist das erste Kontingent, das in England ankommt, die größte Gruppe von Frauen, die jemals ins Ausland geschickt wurde. Hier werden sie Schulungszentren betreuen, Flughäfen und Kontrollstationen bemannen, und – wie alle Frauen – besteht ihre erste Aufgabe darin, sich ein Zuhause zu schaffen!“
MUSIK
SPRECHER:
Aber auch in der Kriegsindustrie der USA fehlen Arbeitskräfte.
1941, nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA, hat die Regierung in Washington Frauen im ganzen Land dazu aufgerufen, in die Fabriken zu gehen – um die Stellen der Männer zu besetzen, die an die Front gezogen sind. Ein Propagandafilm der US-Regierung sieht ein riesiges Arbeitskräftereservoir unter den Frauen Amerikas.
10 ZSP Archiv: Werbefilm US-Frauen in der Industrie 1943
In Towns all over the united states, women are called to leave their homes and take jobs. Among our young, unmarried women, and among older women, who’s children are grown, we have a large reserve. They discover that factory work is usualy not more complicated than housework. How do you like it? I love it!
ZITATOR OV: In Städten überall in den Vereinigten Staaten werden Frauen dazu aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen und eine Arbeit anzunehmen. Bei unseren jungen ledigen Frauen und bei älteren Frauen mit erwachsenen Kindern haben wir eine große Reserve. Sie entdecken, dass Fabrikarbeit normalerweise nicht komplizierter ist als Hausarbeit. Wie gefällt es Ihnen?
ZITATORIN: Ich liebe es!
MUSIK, darüber
SPRECHER:
Für diese Arbeiterinnen in der US-Rüstungsindustrie steht bis heute ein Name: „Rosie the Riveter“ – „Rosie, die Nieterin“. Eine Kunstfigur, berühmt geworden durch einen Schlager und ein Plakat.
MUSIK - kurz hoch
11 ZSP Michaela Hampf
Bei Rosie the Riveter denkt man wahrscheinlich eher noch an dieses ikonische Bild „We can do it“...
SPRECHER:
„We can do it!“ steht in der Sprechblase, die aus Rosies Mund kommt. Ein rotes, weiß gepunktetes Kopftuch hält die Haare zusammen, die Ärmel der blauen Arbeiterbluse sind hochgekrempelt, den Betrachtern streckt Sie ihren kräftigen Bizeps entgegen. Das Bild stammt von einer Werbekampagne des Westinghouse-Konzerns und wird vor allem nach dem Krieg als Motiv der Frauenbewegung der 1970er Jahre weltbekannt werden. Michaela Hampf:
12 ZSP Michaela Hampf
Es gibt aber ein etwas älteres von Norman Rockwell aus dem Jahr 43, und da sieht man eben eine gar nicht so feminine Rosie, die mit einer Nietpistole Mittagspause macht, mit einer Brotdose und ihre Füße auf einer Ausgabe von „Mein Kampf“. Norman Rockwell hat eigentlich die realistischere Darstellung gewählt. Und ich glaube, so ging es vielen Frauen, dass sie durchaus die Erweiterung dieser Handlungsspielräume, die die Rüstungsindustrien boten, zu schätzen wussten.
SPRECHER:
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wächst die Zahl der Frauen in US-Rüstungsbetrieben auf über 19 Millionen an. In den Flugzeugwerken von Boing, Lockheed und Douglas schweißen, nieten und dengeln sie an jenen Bombern und Jagdmaschinen, die für den europäischen Kriegsschauplatz bestimmt sind – und damit auch zur Vorbereitung der Landung in der Normandie. Aber auch auf Schiffswerften arbeiten Frauen, wie in der Higgins-Werft in New Orleans, Seite an Seite mit den Männern:
ZITATORIN (Velma Plaisance):
Du bist vorsichtig bei der Arbeit, du weißt, dass du verletzt werden kannst. Du kannst anderen Schweißern nicht beim schweißen zusehen, ohne Helm, weil du sonst geblendet wirst. Ich war einmal geblendet und hatte Gurkenscheiben auf den Augen zum Kühlen.
13 ZSP Michaela Hampf
Und natürlich gehen die Geschlechterrollen nicht einfach weg, weil man sich im Krieg befindet. Und wenn man jetzt Arbeitsklamotten tragen musste oder Uniform, dann hieß es so was wie femininity suspended for the duration. Also man musste nur für die Dauer des Krieges jetzt diesen anderen Dresscode beachten.
SPRECHER:
Noch in späten 1930er Jahren waren Frauen in der Industrie vielen Unternehmern ein Graus: Einer Frau das Schweißen beizubringen, schien eine völlig abwegige Vorstellung. Man fürchtete zusätzliche Investitionen. Hinzu kam die Befürchtung, dass die Amerikanische Öffentlichkeit eine derartige Abweichung vom traditionellen Rollenbild der amerikanischen Frau nicht tolerieren würde. Michaela Hampf:
14 ZSP Michaela Hampf:
Dazu kommt: Die Konstruktion der männlichen Soldaten basiert natürlich sehr stark auf dem Gegensatz oder auf der Konstruktion von Frauen als Zivilistinnen. „The girl back home“, die man beschützt und zu der man zurückkehrt. Und wenn jetzt dieses Rollenbild sich so stark geändert hätte, wäre das in der Tat zum Problem geworden. Und dann wurde die Homefront als erweiterter Haushalt sozusagen konstruiert..
MUSIK
SPRECHER:
Was im US-Militär die WACs sind, das entspricht beim britischen Militär den „WRENS“ des „Womens Royal Navy Service“, den Frauenverbänden der Königlichen Britischen Marine.
MUSIK
SPRECHER:
Im unscheinbaren, streng geheimen Anwesen von Bletchley Park nahe London arbeiten Ende 1944 7.500 dieser „Wrens“ als Kryptographinnen, Codeknackerinnen und Analytikerinnen. Berühmtheit erlangt Bletchley Park durch die Entschlüsselungstechniken von Mathematikern wie Alan Turing. Seine Maschinen, die sogenannte „Turing-Bombe“ und der raumgroße Colossus-Computer, werden hauptsächlich von Frauen bedient – in der „Hut 6“, einem kargen Decodierraum mit funzeligem Licht, wo die Frauen unter großem Stress stundenlang Nachrichten entschlüsseln.
ZITATORIN (Eleonore Ireland):
Es war eine riesige Maschine. An einem Ende befand sich dieser große Schalterblock, das meiste davon, und dahinter ein weiteres großes Metallgitter, gefüllt mit Ventilen und Drähten. Und man musste den Code auf der Rückseite eingeben.
SPRECHER:
Eleonore Ireland, Jahrgang 1926, arbeitet als Codebrecherin in Bletchley Park, entschlüsselt die Funksprüche der Deutschen in den Monaten vor der Landung. Von den Erfolgen ihrer Arbeit bekomt sie allerdings nichts mit. Überhaupt: Die Arbeit in Bletchley Park bleibt auch nach dem Krieg offiziell streng geheim -bis 1974.
ZITATORIN (Eleonore Ireland):
Es hätte uns ein wenig Auftrieb gegeben, wenn wir gewusst hätten, was wir erreicht haben. Und natürlich war es am D-Day, als wir nach Frankreich fuhren, von entscheidender Bedeutung. Was wir getan haben, war absolut lebenswichtig.
SPRECHER:
Unter den Frauen von Bletchley Park sind auch einige „höhere Töchter“ aus der aristokratischen Oberschicht, deren Familien das Projekt finanziell unterstützen: Sie sind gut ausgebildet, sprechen oft mehrere Fremdsprachen und – sie gelten als „respektabel“.
15 ZSP Michaela Hampf
Und da war zumindest in Großbritannien bei diesen ganz enorm kriegswichtigen Bereich auch ein Augenmerk darauf, dass man da jetzt nicht ins Gerede kam, sondern, ähm, respektable Frauen, wie es zeitgenössisch hieß, beschäftigte.
MUSIK
SPRECHER:
Respektabel, Gut ausgebildet, feminin, und – selbstbewusst. So sollen auch die Frauen sein, die nicht nur in Amts- und Schreibstuben, an Werkbänken und Decodiermaschinen gegen die Nazis kämpfen, sondern im Feindgebiet selbst, hinter den Linien. Als Agentinnen des britischen Geheimdienstes.
16 ZSP Corinna von List
Also da gibt es sicherlich dann zwei Jobs, die besonders wichtig werden.
SPRECHER:
Corinna von List ist Historikerin und hat die Biographien von Agentinnen und Widerstandskämpferinnen im besetzten Frankreich erforscht…
17 ZSP Corinna von List
Das ist einmal der Einsatz als Funkerin und dann auch die Frauen, die im Kurierdienst eingesetzt werden. Man setzt Kuriere ein, die eben dann diese Nachricht zwischen der Person, die etwas ausspioniert hat, die bringt die Nachricht so zur Funkerin und die Funkgerät sendet dann in der Regel auch codiert, dann rüber nach England.
SPRECHER:
Zum Einsatz kommen zum Einen Französinnen, die in den unterschiedlichsten Wiederstandsnetzwerken der Résistance kämpfen. Es gibt aber auch Frauen, die von England aus ins Land geschleust werden – als Mitglieder des Special Operations Executive, kurz SOE.
Diese Organisation soll die „Ungentlemanly warfare“ auf das europäische Festland tragen – also Kriegführung mit allen, auch subversiven, Mitteln: Sabotage, Spionage, Attentate im besetzten Frankreich.
18 ZSP Corinna von List:
Man sucht da Leute für bestimmte Einsätze im Ausland und dann war bei Frauen sicherlich ein ganz starkes Kriterium waren die Sprachkenntnisse. Und viele dieser Agentinnen haben auch, sage ich mal, Elternteile aus zwei Ländern. Also britisch- französisch oder belgisch-britisch. Und dann auch noch die Fähigkeit zum Beispiel: Ich meine, man muss ja mit einer falschen Identität leben können, das muss man ja auch lernen. Ein Großteil , ob sie dann Funker sind oder Agentinnen, die als Kuriere arbeiten, werden auch per Fallschirm bei Nacht abgesetzt. Und auch das muss trainiert werden.
SPRECHER:
Im Fall einer Verhaftung sind die Frauen auf sich allein gestellt. Zwar haben sie in ihrer Ausbildung gelernt, einem Verhör eine gewisse Zeit zu widerstehen, um anderen Résistance-Kämpfern Zeit verschaffen. Die Realität sieht aber oft anders aus, sagt die Historikerin Corinna von List.
19 ZSP Corinna von List:
Ich meine, allein schon der Schreck, überhaupt verhaftet zu werden, wenn man nie irgendwas mit der Polizei zu tun hatte, ist glaube ich schon psychologisch nicht unerheblich. Und dann ging es ja nicht nur um die Polizei, denn sowohl die deutsche Abwehr als auch die Gestapo haben, wenn sie Informationen haben wollten, auch gefoltert. Und auch gegenüber Frauen.
SPRECHER:
Im Zweifel bleibe Frauen bei der Gefangennahme oft die Möglichkeit, das eigene Rollenklischee zu bedienen, sagt Corinna von List…
20 ZSP Corinna von List:
Frauen hatten zwar einen gewissen Schutz und konnten sich ein bisschen schützen, wenn sie auf sehr weiblich machten, oder: Ich verstehe ja von Politik gar nichts und ich weiß das nicht so genau. Das konnte gelingen.
SPRECHER:
Ist die Agentin aber einmal enttarnt, kann sich ihr feminines Rollenbild schnell gegen sie selbst richten:
21 ZSP Corinna von List:
Das galt immer irgendwie als nicht weiblich und als Verrat. Und nur andere sagte ich auch. Man kann natürlich schlecht behaupten, man weiß von nichts und ist politisch inaktiv und tut nix. Wenn sich dann plötzlich der geladene Revolver in der Küchenschublade findet.
SPRECHER:
Von den 600 Frauen, die für die SOE rekrutiert werden, sind 39 für den Einsatz im besetzten Frankreich vorgesehen. 13 von Ihnen kommen dabei ums Leben: Von der Gestapo verhaftet, gefoltert, erschossen, oder in ein Konzentrationslager deportiert und ermordet.
22 ZSP Archiv: D-Day
Deutsche Rundfunkmeldung
SPRECHER:
Mit der erfolgreichen Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 gelangen Soldatinnen, WACs und Wrens auch auf das französische Festland, zur unterstützung der Kampfverbände in der Schlacht um Frankreich.
23 ZSP Archiv: De Gaulle zu Befreiung von Paris
Paris! Paris outragé! Paris brisé! Paris martyrisé! Mais Paris libéré! Liberé par loui-meme…
darüber
SPRECHER:
Am 25. August 1944 wird Paris befreit. Charles de Gaulle, den Anführer der freien französischen Kräfte, reklamiert in seiner Befreiungsrede den Sieg über die Besatzer für die französischen Truppen und den Zivilen Widerstand. Der Grundstein für den „Résistance-Mythos“, wie die Historikerin Corinna von List veststellt. Ein Mythos, in dem die Frauen lange Zeit kaum Platz finden…
24 ZSP Corinna von List:
Die haben insofern einen relativ schlechten Platz eingenommen, weil sie ja an der unmittelbaren militärischen Befreiung dann nicht mehr beteiligt waren. Und es bleiben dann eigentlich nur so zwei, drei Frauen übrig, die dann als Märtyrerin gefeiert werden, weil sie eben in der Regel auf sehr tragische Weise zu Tode kommen.
MUSIK
SPRECHER:
Nach dem Ende des Kriegs 1945 kommt auch für die USA und Großbritannien die Demobilisierung, und die langsame Rückkehr zur normalen Zivilwirtschaft. Und - die Frauen in Uniform oder im Blaumann?
25 ZSP Michaela Hampf:
Die Frauen im Militär wurden früher demobilisiert als die Männer in der Vorstellung, dass sie nach Hause zuerst zu Hause sein würden und das wieder alles vorbereiten für die Heimkunft der Männer. Und genauso erwartete man na
türlich auch, dass sie die Jobs, die zivilen Jobs dann wieder räumen.
SPRECHER:
Und in der öffentlichen Meinung ist die Vorstellung verbreitet, dass man nun wieder zur Vorkriegsgesellschaft zurückkehren könne, und den Rollenbildern, dennoch, sagt die Historikerin Michaela Hampf…
26 ZSP Michaela Hampf
..hat die Beschäftigung von Frauen in der Rüstungsindustrie eine enorme Bewegung in die Gesellschaft gebracht und auch auf dem Arbeitsmarkt durchaus nachhaltig etwas verändert.
Der D-Day, der Decision Day wurde als Tag der Entscheidung von den Alliierten genauso wie von Nazi-Deutschland erwartet. Über zwei Jahre hatten sich vor allem Briten und Amerikaner auf eine der größten Militäroperationen der Geschichte vorbereitet. Als die Alliierten dann am 6.Juni 1944 in der Normandie tatsächlich an Land gingen, geschah dies unter hohen Verlusten. Heute gilt die Invasion nicht mehr als die Entscheidungsschlacht, als die sie die Zeitgenossen sehen wollten, aber als Tag von hoher symbolischer Bedeutung, wenn es um die Nachkriegsordnung in West-Europa ging. Von Steffi Illinger (BR 2024)
Credits
Autorin: Steffi Illinger
Regie: Silke Wolfrum
Es sprachen: Christoph Jablonka, Christian Baumann
Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Dr. Peter Lieb
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD History (2024): 24 h D-Day
Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN
Linktipp:
Deutschlandfunk Kultur (2024): D-Day vor 80 Jahren – Das große Sterben für die Freiheit
In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 begann im Zweiten Weltkrieg die Landung der Alliierten in der Normandie, um den sogenannten Atlantikwall des Deutschen Reiches zu erstürmen. Keine 24 Stunden hielt das Bollwerk dem Angriff stand.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER
Es ist eine der wichtigsten Wettervorhersagen der Geschichte:
drei Wetterdienste arbeiten an den Prognosen, um eine ideale Wetterkonstellation über dem Nordatlantik und dem Ärmelkanal zu ermitteln:
Sonnenaufgang bei Ebbe, der Himmel möglichst nicht wolkenverhangen und nicht zu viel auflandiger Wind.
Denn Fallschirmspringer und Bombenflieger brauchen gute Sicht, die Böden müssen trocken sein, damit schweres Kriegsgerät nicht im Matsch versinkt, für die Landungstruppen soll die See ruhig sein und der Wasserstand niedrig, damit die vom Gegner errichteten Strandhindernisse zu sehen sind.
GERÄUSCH – WIND-WELLEN-WASSER, STÜRMISCH unter Sprache blenden
SPRECHER
Doch Anfang Juni 1944 herrscht über dem Nordatlantik ein Tiefdruckgebiet, es ist ungewöhnlich kalt und stürmisch für die Jahreszeit.
Ungünstig – denn die Strategen wünschen sich optimale meteorologische Bedingungen für eine der größten Militäraktionen der Menschheitsgeschichte: der Invasion und Befreiung Westeuropas von der Naziherrschaft.
An der südenglischen Küste haben die Alliierten ein gigantisches Truppenaufgebot zusammengezogen – sie warteten auf den D-Day – den Decision-Day, den Tag der Entscheidung:
GERÄUSCH – WIND – WELLEN -WASSER-STÜRMISCH - hochziehen
SPRECHER
Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb beschäftigt sich mit der Invasion seit seiner Studienzeit, als er während eines Auslandsemesters den berüchtigten Omaha Beach mit seinen endlosen Reihen von Kriegsgräbern besucht hat.
O-Ton 1: Dr. Peter Lieb 0´45“
1/ [00:02:51] Der Name D-Day bedeutet Decision-Day, also Entscheidungstag.
Und in der Tat ist für die damaligen Beteiligten, sowohl auf alliierter als auch auf deutscher Seite - dieser Tag wird als der Entscheidungstag des Krieges gesehen, ist ein Tag für die Alliierten, der mit großen, sehr, sehr großen militärischen Risiken behaftet zu sein scheint. Und sie glauben, wenn sie jetzt die Landung nicht schaffen sollten, würde es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sie wieder erneut versuchen könnten, in Westeuropa zu landen…((Auf der anderen Seite haben die Deutschen, da insbesondere die nationalsozialistischen Machthaber und auch die NS Propaganda, haben diesen D-Day oder diese alliierte Landung in Westeuropa zu einer Entscheidungsschlacht des Krieges hochstilisiert.))
SPRECHER
Eigentlich haben die Deutschen bereits im Mai 44 mit einem Angriff auf die von ihnen besetzte nordfranzösische Küste gerechnet, und auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wurde von den Alliierten die Invasion für Mai angesetzt und wieder verschoben – man war mit den militärischen Vorbereitungen noch nicht weit genug.
Zudem widersprechen sich die Wetterprognosen der amerikanischen und britischen Dienste, die gewünschte Fünftage-Vorhersage grenzt im Hinblick auf die damaligen Möglichkeiten an Kaffeesatzleserei.
O-Ton 2: Dr. Peter Lieb
2 / [00:10:35] …das Wetter spielt in der Tat eine ganz wichtige Rolle an diesem D-Day. Und zwar, weil die Deutschen andere Informationen haben als die Alliierten. Die Alliierten wissen, das sich am 6. Juni so ein kleines Wetterloch auftut. Vorher und nachher ist eine Schlechtwetterfront vorhergesagt und für den 6. Juni gibt es ein kleines Fenster …. Die Deutschen hingegen, ihre Wettervorhersage sagt, 6.Juni schlechtes Wetter. Da werden die Alliierten nicht angreifen, da können sie ihre Luftwaffe nicht einsetzen. Da ist hoher Seegang, da können sie ihre Landungsboote nur mit Schwierigkeiten einsetzen.
SPRECHER
Ein fataler Irrtum.
Die Planung und Durchführung der Operation Overlord, also der Landung, liegt bei General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber über die alliierten Truppen, über Streitkräfte aus Großbritannien, Amerika, Kanada, und weiteren Staaten sowie von Exil-Armeen aus Frankreich und Polen. Nach einer zweiten durchwachten Nacht und Unmengen von Kaffee und Nikotin ringt sich General Eisenhower schließlich zu einer Entscheidung durch, er befiehlt die Invasion:
Archiv 1:
„Soldiers, Sailors, and Airmen of the Allied Expeditionary Force! You are about to embark upon the Great Crusade, toward which we have striven these many months. The eyes of the world are upon you.
…The tide has turned! The free men of the world are marching together to Victory!
I have full confidence in your courage, devotion to duty and skill in battle. We will accept nothing less than full Victory!“
OVERVOICE-SPRECHER:
Soldaten auf See wie in der Luft, ihr seid dabei, euch für einen großen Kreuzzug einzuschiffen. Die Augen der Welt sind auf euch gerichtet. …Das Blatt hat sich gewendet! Freie Männer von überall auf der Welt marschieren gemeinsam dem Sieg entgegen. Ich habe volles Vertrauen in Euren Mut, euer Pflichtgefühl und eure Kampfesfähigkeit.
Wir akzeptieren nur einen vollständigen Sieg.
SPRECHER mit Militärmusik unterlegen
Im Morgengrauen des 6.Juni überquert eine gewaltige Armada den Ärmelkanal: 1213 Kriegsschiffe und 4124 Landungsboote stechen in See.
mit Militärmusik ausblenden
Der „längste“ Tag der Geschichte hat begonnen.
O-Ton 3: Dr. Peter Lieb
1/ [00:01:30] …Also der D-Day hat eine herausgehobene politische Bedeutung, …Was er weniger hat, ist, …dass lange Zeit behauptet wurde, der D-Day hätte, wäre eine Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges gewesen oder wäre ein Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gewesen. Das kann man also nicht mehr sagen. Das zu diesem Zeitpunkt war eigentlich jetzt in der Rückschau gesehen, der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich bereits verloren. Für die Zeitgenossen hat sich das durchaus anders dargestellt. Da war nicht so ganz klar, ob die Deutschen vielleicht noch Chancen haben, den Krieg zu gewinnen. Das haben die Deutschen geglaubt, das haben die Alliierten geglaubt. … (02:18)
SPRECHER
…und im Vorfeld lange um die richtige Strategie bei der Befreiung Europas gerungen: Bereits Ende 1941 war die Entscheidung zwischen Briten und Amerikanern gefallen – Germany first!
Zuerst sollte das nationalsozialistische Deutschland besiegt werden, bevor sich die Amerikaner den weiteren weltweiten Kriegsschauplätzen zuwenden wollten.
Fast zweieinhalb Jahre haben die Vorbereitungen für eine amphibische Landung ungeheuren Ausmaßes gedauert,
also einer Landung der Marinetruppen an einer feindlich besetzten Küste, nur von der Seeseite aus und ohne schützende Häfen, von denen sich aus Truppenbewegungen und Kriegsmaterial organisieren lassen.
Eine militärische Großoperation, bei der sich die westlichen Verbündeten immer wieder zusammenraufen müssen: auf zahlreichen Konferenzen ringen Briten und Amerikaner um die richtige Strategie: die Amerikaner möchten schnell in Westeuropa einmarschieren – doch eine erste Operation, um den Hafen von Dieppe zu besetzen, scheitert 1942 kläglich.
Die Briten fühlen sich bestätigt:
O-Ton 4: Dr. Peter Lieb
1 / 06:12 … die Briten sagen Nein, … Die deutsche Wehrmacht ist viel zu stark. Die Deutschen haben noch nach wie vor eine starke Luftwaffe und wir müssen erst mal Zeit gewinnen und versuchen, die Deutschen an der Peripherie zu treffen. Und das wäre das Mittelmeer. Da haben die Briten natürlich auch eigene politische und wirtschaftliche Interessen, Sicherung der Seewege nach Indien. …Und zunächst setzen sich auch die Briten durch, in dieser Diskussion, führen den Amerikanern vor Augen, dass eine Landung 1942 in Europa nicht möglich ist. Und so kommt es zur ersten großen amphibischen Landung des Krieges durch die Alliierten im November 1942 in Nordafrika, in Marokko und in Algerien. Als Folge davon mussten sich die Deutschen dann einige Monate später aus Nordafrika zurückziehen und die Alliierten landen in Süditalien im Juli 1943. …
SPRECHER
Auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wird der Angriff der Alliierten an der französischen Westküste erwartet: Hitler hat bereits im Herbst 1943 eine Weisung herausgegeben, dass sich von nun an alle Verteidigungsbemühungen verstärkt auf den Westen fokussieren sollen.
ZITAT / Overvoice-Sprecher:
Die Gefahr im Osten ist geblieben, aber eine größere im Westen zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung!
O-Ton 5: Dr. Peter Lieb
((Ein erster symbolischer Akt ist, dass der bekannteste deutsche Militär des Zweiten Weltkriegs, der Generalfeldmarschall Rommel, …dass dieser populärste deutsche General im Herbst 1943 in den Westen geschickt wird, um dort die Maßnahmen zu treffen für die Verteidigung. Und damit zeigt das NS-Regime der deutschen Bevölkerung und auch den eigenen Soldaten, schaut her, unser bester Mann ist jetzt im Westen und wird dafür sorgen, dass wir dort erfolgreich die Alliierten abwehren können.)) Jetzt gibt es allerdings ein Problem: Die Deutschen haben bereits seit Ende 1941 begonnen, Befestigungsanlagen entlang der Küste zu errichten, den sogenannten Atlantikwall. Aber dort ist in den ganzen Jahren nicht viel geschehen. Das sind nur vorbereitete Stellungen, aber nur vereinzelte Bunkeranlagen. Und als jetzt Rommel nach Frankreich kommt und oder in den Westen, auch in den Niederlanden und in Belgien, beginnt er massiv diesen Atlantikwall zu verstärken.
SPRECHER
Doch das beste Bunkersystem nützt nichts, wenn es an Nachschub fehlt. Die deutsche Armee ist durch den mehrjährigen Mehrfrontenkrieg aufgebraucht. Nun sollen mangelhaft ausgebildete Soldaten die Küste im Westen verteidigen, Jugendliche in Uniform und zwangsrekrutierte Osteuropäer aus den annektierten Gebieten. Auch fehlt es an Munition – und zahlreiche sich überlagernde Hierarchieebenen in Wehrmacht und Waffen-SS verhindern schnelle Einsätze.
Und im entscheidenden Moment schätzen die Deutschen nicht nur die Wetterlage falsch ein:
Archiv 2
„03:24…Der Angriff gegen die Küsten Europas, seit langem der Gegenstand von gespanntesten Hoffnungen und Erwartungen der Völker hat Gestalt begonnen. Die Briten und Amerikaner haben es an Versuchen, auf anderem Wege zu diesem Ziel zu kommen, nicht fehlen lassen…12:27 bisher hat der Feind die Tiefe der Befestigungen an keiner Stelle zu durchstoßen vermocht…13:01…das, was der Gegner zum gegenwärtigen Zeitpunkt braucht, sind geschützte Landeplätze für weitere Anlandungen, deshalb zielt er ja auf die Flussmündungen…“
SPRECHER
So ein militärpolitischer Kommentar vom 30.Mai 1944. Tatsächlich erwartet die deutsche Seite die Invasion viel weiter nördlich, an der engsten Stelle des Ärmelkanals, bei Calais oder der Flussmündung der Seine.
Selbst als das Inferno dann wirklich losbricht, glaubt die deutsche Wehrmacht anfangs noch an ein Täuschungsmanöver.
GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG
SPRECHER
Dabei hatte Operation Overlord schon lange vor dem eigentlichen Tag der Invasion begonnen:
O-Ton 6: Dr. Peter Lieb
1/ 12:40 Die Voraussetzung für das Gelingen einer jeden amphibischen Landung ist die Luftherrschaft und die Alliierten…führen den Luftkrieg in zwei Dimensionen. Erstens den Luftkrieg über dem Deutschen Reich, wo es ihnen gelingt, zur Jahreswende 43/ 44 die Luftherrschaft zu gewinnen und die deutsche Jagdwaffe praktisch auszuschalten.
GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG
SPRECHER
Aber auch Nordfrankreich überziehen die Alliierten mit einem massiven Bombardement – zerstören Seine-Brücken und Eisenbahnknotenpunkte, um die Nachschubwege für die deutsche Wehrmacht auszuschalten.
O-Ton 7: Dr. Peter Lieb
1/ 13:28... Und das Ganze führt zu großen Verlusten unter der französischen Zivilbevölkerung. Und es gibt große Diskussionen auf der alliierten Seite. Inwieweit ist das Ganze militärisch gerechtfertigt, diese Bombardierungen? Man will ja schließlich die Franzosen befreien und gleichzeitig bombardiert man sie. …Man muss sich immer vor Augen halten, dass Frankreich nach Deutschland dasjenige Land im Zweiten Weltkrieg ist,… wo das am meisten bombardiert worden ist. Es sterben 60.000 Franzosen …und die gerade im Frühjahr 1944, als dieser Luftkrieg über Frankreich intensiviert wird, …droht die Stimmung in der französischen Bevölkerung zu kippen, … (16:56 Und noch dazu kommt dann der General de Gaulle, der die französische Gegenregierung in London gebildet hat und die auch sagt Leute, hört auf zu bombardieren. Die meine französischen Landsleute stellen sich sonst gegen euch. Und das Ganze wird dann auch im kurz vor dem D-Day ja auch diese Bombardierungen etwas zurückgefahren, so ab April, Mai aber im Zuge des D-Day selbst in den kommenden Wochen in der Normandie selbst erreichen die ja noch mal eine neue Intensität diese Bombardierungen.)
GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG
SPRECHER
Auch der eigentliche D-Day beginnt nicht auf offener See oder an der Küste.
0 Uhr 18, nördlich von Caen: Bereits um kurz nach Mitternacht landen die ersten alliierte Fallschirmspringer im Hinterland, nahe der normannischen Dörfer und Städte.
Ihre Mission: Wichtige strategische Punkte unter ihre Kontrolle bringen, Brücken besetzen, die Zugänge zu den Landungsstränden sichern.
In mehreren Wellen regnen 18.000 Soldaten vom Himmel herab, doch vielfach misslingen Punkt-Landungen: über Quadratkilometer verstreut irren die Soldaten durchs Gelände. Auch Bombardements misslingen, die tiefliegende Wolkendecke verhindert die Sicht – teils kehren die Bomber voll beladen nach England zurück oder verfehlen ihr Ziel.
Wieder trifft es die Zivilbevölkerung. Über den Rundfunk wendet sich General Eisenhower auch an die Franzosen:
Archiv 3
“People of Western Europe! The landing was made this morning on the coast of France by troops of the allied expeditionary force. This landing is part of the concerted united nations plan for the liberation of Europe,… To members of resistance movements, whether led by nationals or by outside leaders, I say: Follow the instructions you have received. To patriots who are not members of organized resistance groups, I say: Continue your passive resistance, but do not needlessly endanger your lives. Wait until I give you the signal to rise and strike the enemy.“
OVERVOICE-SPRECHER:
Die Landung durch die alliierten Expeditionsstreitkräfte an der französischen Küste ist erfolgt. Diese Landung ist Teil eines konzertierten Plans der Vereinten Nationen zur Befreiung Europas. Mitgliedern der Resistance, ob angeführt von Führern in und außerhalb Frankreichs, sage ich: Folgt den Instruktionen, die ihr erhaltet. Patrioten, die nicht Mitglieder organisierter Widerstandsgruppen sind, sage ich, setzen Sie Ihren passiven Widerstand fort, aber gefährden Sie nicht Ihr Leben. Warten Sie, bis ich Ihnen das Signal gebe, sich zu erheben und den Feind anzugreifen.
SPRECHER
Ab dem Morgengrauen, um 5 Uhr 30, nehmen 28 Schlachtschiffe der Alliierten fünf normannische Strände unter Beschuss:
Der am härtesten umkämpfte Landeabschnitt ist der Omaha Beach.
Ein schmaler, langegezogener Strandstreifen, dahinter eine 30 Meter hohe Steilküste – und auf dieser sitzen etwa 500 Wehrmachtssoldaten, verschanzt in ihren Bunkeranlagen. Am Strand haben sie Hindernisse aufgebaut, die sogenannten Tschechenigel, Panzersperren aus vernieteten Stahlpfosten.
Hier sollen die amerikanischen GIs an Land gehen – und von Anfang an ist klar: Viele werden diesen Moment nicht überleben.
O-Ton 8: Dr. Peter Lieb
2 / [00:05:52] …also dass dann die Landungsklappen runter gehen von den Booten und dann schießt ein deutsches MG rein und praktisch die ganze Besatzung kann da sofort innerhalb von wenigen Sekunden getötet werden. …Dies, das passiert auch besonders am Omaha Beach, also an einem der fünf alliierten Landungsabschnitten …auch selbst an den anderen Landungsabschnitten, wo es vergleichsweise ruhig rund läuft für die Alliierten. Beispielsweise am Juno Beach, wo die Kanadier landen. Selbst dort, in der ersten Welle, haben die Verluste von über 50 %.
SPRECHER
Auch den alliierten Militärstrategen ist bewusst, dass sie die Soldaten der ersten Welle auf eine Höllenfahrt schicken: sie rechnen mit bis zu 10.000 Toten an diesem Tag.
Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb:
O-Ton 9: Dr. Peter Lieb
2 / [00:09:09]…. Aber, und das muss man auch sagen, das zeigt dann doch auch dabei die Alliierten sind Demokratien, wo das Menschenleben doch deutlich mehr zählt als in einer Diktatur. Die Soldaten sollten die bestmögliche Ausbildung kriegen…, für dieses schwierige Unternehmen. …monatelang üben die Alliierten immer wieder diese Landungsabläufe an der südenglischen Küste. Es ist alles ganz minutiös geplant, mit Artilleriebeschuss aus der Luft, von der See her und auch mit Luft Bombardements, …das es aber da zu hohen Verlustraten kommen würde, das war jedem militärischen Planer bewusst, aber anders wäre die Landung da gar nicht möglich gewesen in Westeuropa und damit die Befreiung.
Ev. GERÄUSCH – von Militärflugzeugen und Bombardierungen
SPRECHER
In einem der Landungsboote, die auf den Omaha-Beach zusteuern, sitzt der Kriegsfotograf Robert Capa, um ihn herum sich übergebende Soldaten – sie sind seekrank von der stürmischen Überfahrt. Und haben vermutlich Todesangst.
Seine insgesamt 11 erhalten Fotos von der Landung sind ikonisch, sie haben das Bild von der Invasion bis heute geprägt:
Ev. GERÄUSCH – FOTOKLICKEN, MEHRMALS, kombiniert mit Geräuschen von Militärflugzeugen und Bombardierungen
Unscharf - ein Soldat, schwimmend in den Fluten des Atlantiks, die Augen weit aufgerissen
FOTOKLICKEN
Soldaten watend durchs knietiefe Wasser, vorbei an zerstörten Panzern…
Auch der Fotograf Robert Capa watet mit. In seinen Erinnerungen schreibt er:
ZITAT 1/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa
Das Wasser war kalt und der Strand noch mehr als hundert Meter entfernt. Die Kugeln rissen Löcher in das Wasser um mich herum und ich machte mich auf den Weg zum nächsten Stahlhindernis. Zur gleichen Zeit traf dort ein Soldat ein, und für ein paar Minuten teilten wir uns die Deckung.
FOTOKLICKEN
Blickrichtung Strand: aufsteigender Rauch von Gewehrsalven, zwischen umherirrenden Soldaten unscharf liegende Körper, tot, verwundet …
ZITAT 2/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa
Erschöpft vom Wasser und von der Angst lagen wir flach auf einem kleinen Streifen nassen Sandes zwischen Meer und Stacheldraht. Solange wir flach dalagen, bot uns die Neigung des Strandes einen gewissen Schutz vor den Maschinengewehrkugeln, aber die Flut drängte uns gegen den Stacheldraht und die Gewehrsalven.
SPRECHER
Als Robert Capa selbst an Land geht, zittern seine Hände so stark, dass er zunächst kaum den Film in seine Kamera einlegen kann.
ZITAT 3/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa
Ich hielt einen Moment inne … und dann wurde mir schlecht.
Die leere Kamera zitterte in meinen Händen. Es war eine neue Art von Angst, die meinen Körper von den Zehen bis zu den Haaren erschütterte und mein Gesicht verzerrte.
GERÄUSCHAKZENT ausblenden
SPRECHER
Robert Capa überlebt das Gemetzel, weil er sich zu Sanitätern auf ein Boot flüchten kann.
Doch die Amerikaner müssen befürchten, dass der Einsatz am Omaha-Beach für sie in einem Debakel endet, sie erwägen sogar einen Abbruch – erst um 15 Uhr 30 haben sie alle deutschen Widerstandsnester erobert. Die Gegenwehr ist gebrochen, Omaha-Beach und die vier weiteren Strände sind unter alliierter Kontrolle – für den Preis von geschätzt 4000 Toten und Verwundeten.
MUSIKAKZENT
Am Ende dieses längsten Tages können Amerikaner, Briten, Kanadier rund 154.000 Soldaten an Land bringen, sie haben Brückenköpfe gebildet, bereits einen Tag später legen sie die sogenannten Mullberrys an, zwei künstlich auf hoher See errichtete Häfen, mittels denen der Nachschub gelingt.
Doch die Landung ist erst ein Anfang: Es folgen langwieriger Kämpfe, die Wehrmacht leistet verbissen Widerstand. Besonders das unübersichtliche Gelände bereitet den Alliierten Schwierigkeiten – die Bocage, Weideland durchzogen von Hecken und typisch für die Normandie.
Eine Zäsur setzt erst die Befreiung von Paris Ende August 1944.
MUSIK – getragen, neutral
SPRECHER
Heute ist die Invasion in der Normandie allgegenwärtig – auf zahlreichen Soldatenfriedhöfen hinter den Landungsstränden genauso wie in rund 30 Museen. Früher waren es vor allem die Veteranen, die zur Traumabewältigung hierher zurückkamen, heute ist der Gedenktourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Normandie.
Zu den Gedenkfeierlichkeiten an runden Jahrestagen reisen führende Politiker aus der aller Welt an, 2004 war mit Gerhard Schröder erstmals auch ein deutscher Kanzler dabei:
O-Ton 9: Dr. Peter Lieb
3 / [00:08:08] …Der D-Day ist der Fixpunkt für das alliierte Gedenken,… besonders auch im Kalten Krieg, um einen Gegenpunkt zu setzen gegen die Sowjetunion, die den Großen Vaterländischen Krieg feiert, … und sich die Sowjetunion zum alleinigen Sieger sozusagen über Nazideutschland, über Hitlerdeutschland stilisiert. Und dem wollen die Alliierten etwas entgegensetzen. Zu Recht. Also …Nazideutschland ist nicht allein von der Sowjetunion besiegt worden, die von einer alliierten Koalition besiegt worden aus Sowjetunion, Amerikanern, Briten und vielen anderen Ländern. Und so zu sagen ist …das Gedenken an die Day auch ein Gegenpunkt zur der sowjetischen Gedenkkultur und hat auch wegen in der heutigen Zeit, Ukrainekrieg usw. natürlich wieder eine neue Dimension.
SPRECHER
Ein symbolisch aufgeladener Tag – damals wie heute.
Von den Zeitgenossen erwartet als Tag der Entscheidung – heute Gedenktag für das Ringen der freiheitlich-demokratischen Welt gegen eine mörderische Diktatur.
"Männer und Frauen sind gleichberechtigt" heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes. Heute eine Selbstverständlichkeit. Und doch - so selbstverständlich ist der Artikel nicht. Vier Frauen mussten dafür kämpfen, damit er heute so im Grundgesetz stehen kann. Von Gerda Kuhn (BR 2007)
Credits
Autorin: Gerda Kuhn
Regie: Susanne Weichselbaumer
Es sprachen: Armin Berger, Sabine Kastius, Christiane Blumhoff, Heiko Rupprecht
Redaktion: Brigitte Reimer
Besondere Linktipps der Redaktion:
ABBA – unvergessen und heute noch Kult. Es ist die weltweit erfolgreichste Band der späten 70er Jahre. In diesem Frühjahr jährt sich ihr legendärer Auftritt und Sieg beim Grand Prix d‘ Eurovision zum 50. Mal – damals Startschuss für ihre großartige internationale Karriere. Entlang ihrer Welthits von 1976 bis 1980 beschreibt der Film Aufstieg und Ruhm der Kultband und erzählt die unvergleichliche Geschichte einer der größten Bands der Musikgeschichte. Er folgt ihren Höhen und Tiefen: Von ihrem legendären Eurovisionssieg mit "Waterloo" 1974 bis hin zu ihren vielen Mega-Chart-Hits nimmt der Film das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt der Liebe, des Kampfes, des Ruhmes und natürlich ihrer Songs, die die Zeit überdauert haben. JETZT ANSEHEN
ARD (2024): Archivradio – Geschichte im Original
Das Radio: seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte, von der Grundgesetzunterzeichnung, Vereidigung des ersten Bundespräsidenten oder den Abstimmungen im Parlamentarischen Rat. JETZT ANHÖREN
Linktipps:
SWR (2022): Männer und Frauen sind gleichberechtigt!? – Das Grundgesetz
Lange Zeit sind Frauen beim Bundesverfassungsgericht in der Minderheit. Auch im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz Ende der 1940er Jahre berät und verabschiedet, sitzen nur vier Frauen. Eine von ihnen ist die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, die für die volle Gleichberechtigung der Frauen streitet und gegen den Widerstand ihrer männlichen Kollegen eine Neuregelung des Familienrechts durchsetzt. Auch siebzig Jahre später beschäftigt die Gleichberechtigung die Gerichte. So klagt die Schreinermeisterin Edeltraud Walla, weil ein männlicher Kollege für die gleiche Tätigkeit deutlich mehr verdient als sie. Doch das Bundesverfassungsgericht weist ihre Klage ab. JETZT ANSEHEN
3sat (2024): 75 Jahre Grundgesetz: Artikel 3 – Gleichheit
Zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes betrachten wir drei Artikel neu - historisch, aber auch mit Blick in die Zukunft. Teil 1: Artikel 3 - alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:33 – Die Politikerin Elisabeth Selbert
TC 06:06 – Die Arbeit an einer demokratischen Verfassung
TC 10:07 – Überzeugungsarbeit
TC 13:59 – Ein Sturm zieht auf
TC 17:28 – Die Sternenstunde ihres Lebens
TC 19:55 – Politisch zu profiliert
TC 22:45 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ZUSPIELUNG Trümmerfrau 0’25
„Wir arbeiten acht Stunden, haben in der Zwischenzeit eine Viertelstunde Frühstück und eine halbe Stunde Mittag, und sonst ist die Arbeit sehr, sehr schwer, wir haben sehr tief zu schippen, wir sind in den Kellerschachtungen, wir haben zwei Meter 20, und wenn wir diese Arbeit vollendet haben, dann sind wir sozusagen auch fertig.“
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Eine sogenannte Trümmerfrau aus dem zerstörten Nachkriegs-Berlin. Zu Zehntausenden gab es sie nach 1945 in Deutschland, entschlossen zupackend, ausdauernd, uneitel. Die harten Kriegsjahre, als fast alle Männer im Feld waren, hatten den Frauen das Äußerste an Überlebenswillen und Organisationstalent abverlangt. Sie wussten längst aus eigener Erfahrung, dass es viele unangenehme Aufgaben gab, die sie nicht delegieren konnten. Und sie hatten millionenfach bewiesen, dass sie keineswegs davor zurückschreckten, Verantwortung zu übernehmen – in der Familie genauso wie in Beruf und Gesellschaft.
ERZÄHLER:
Die mutigen Trümmerfrauen haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Deutschen. Sie gelten als Paradebeispiel für Tatkraft und Pragmatismus, als Synonym für den ungebrochenen Willen der Nation zu Neubeginn und Wiederaufbau. Vielfach vergessen sind dagegen jene Frauen, die sich nach Kriegsende an das Wegräumen ganz anderer Hindernisse machten – beispielsweise von ideologischen und rechtlichen Hürden. Elisabeth Selbert war eine dieser Frauen. Der kämpferischen Juristin verdanken wir einen ganz bestimmten Satz in unserem Grundgesetz. Er lautet:
ZITATORIN:
"Männer und Frauen sind gleichberechtigt".
ERZÄHLERIN:
Eine Formulierung, die heute nichts Spektakuläres mehr an sich hat. Doch als sie entstand, war sie geradezu revolutionär. Sie findet sich im Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 2. Die Sozialdemokratin Selbert hat sie zusammen mit drei weiteren couragierten Frauen durchgesetzt: Ihrer Parteifreundin Frieda Nadig, der CDU-Politikerin Helene Weber und Helene Wessel von der katholischen Zentrums-Partei. Auch wenn es in den wenigsten Schulbüchern erwähnt wird: Das Grundgesetz hatte keineswegs nur Väter, sondern auch engagierte Mütter.
TC 02:33 – Die Politikerin Elisabeth Selbert
ERZÄHLER:
Vier erfahrene Politikerinnen, die schon vor dem Krieg aktiv waren. Doch die treibende Kraft im Kampf um die rechtliche Gleichstellung der Frauen war die Sozialdemokratin Selbert. Sie nahm nicht nur die mühsame Arbeit auf sich, die überwiegend männlichen Mitglieder ihrer eigenen Partei auf ihre Seite zu ziehen, sondern setzte auch über Parteigrenzen hinweg auf die Zusammenarbeit mit anderen Politikerinnen.
ERZÄHLERIN:
Alle vier „Mütter des Grundgesetzes“ hatten berufliche Erfahrungen aufzuweisen, damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Denn noch galt das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900, das davon ausging, der „eigentliche Platz“ einer Frau sei zuhause bei Küche und Kindern. Der ersten deutschen Frauenbewegung, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts gebildet hatte, waren nur Teil-Erfolge gelungen: So durften Frauen seit 1908 in Parteien eintreten. Auch ein Universitätsstudium stand ihnen nun offen. Mit der Gründung der Weimarer Republik erhielten Frauen zudem das aktive und das passive Wahlrecht.
MUSIK
ERZÄHLER:
Doch am patriarchalen Familienrecht hatte auch die Weimarer Reichsverfassung nichts geändert. Frauen konnten beispielsweise nicht über das Vermögen entscheiden, das sie in die Ehe miteingebracht hatten. Ohne schriftliche Zustimmung ihres Mannes durften sie nicht einmal ein Bankkonto einrichten.
Die Pflicht der Ehefrau, den Haushalt zu führen, war im Gesetz festgeschrieben; über die Erziehung und Ausbildung der Kinder entschied letztendlich der Mann. Politikerinnen wie Elisabeth Selbert hielten eine Reform des bürgerlichen Rechts für überfällig.
ERZÄHLERIN:
Die gebürtige Hessin stammte aus eher beengten Verhältnissen; eine Ausbildung als Lehrerin konnten ihr die Eltern aus finanziellen Gründen nicht ermöglichen. 1918, mit 22 Jahren, trat sie in die SPD ein und engagierte sich mit Leidenschaft in der Kommunal- und Landespolitik. Als Mutter von zwei Kindern holte sie später extern das Abitur nach und begann im Anschluss daran ein Jurastudium. 1930 promovierte sie über das Thema „Ehezerüttung als Scheidungsgrund“.
Später, als Anwältin war Elisabeth Selbert immer wieder mit den Härten des geltenden Scheidungsrechtes konfrontiert:
ZUSPIELUNG Selbert 0’52 Wie groß war immer das Erschrecken
„Wie groß war immer das Erschrecken dieser Frauen, die vielleicht ein ganzes Leben lang hinter dem Ladentisch gestanden, als sogenannte „Seele des Geschäftes“ oder des landwirtschaftlichen Anwesens oder der Familie den Wohlstand miterarbeitet, in Kriegsjahren allein erarbeitet hatte, wenn sie dann hörten, dass sie bei einer Scheidung mit leeren Händen aus dem Hause gingen, weil sie nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch verpflichtet waren, im Geschäft oder im Betrieb des Mannes mitzuarbeiten, ohne allerdings an dem Gewinn oder dem Vermögen, das sie miterarbeitet hatte, beteiligt zu sein.“
ERZÄHLER:
Mit Nachdruck setzte sich die Juristin dafür ein, das Schuldprinzip im Scheidungsrecht abzuschaffen. Mit dieser Forderung war sie allerdings ihrer Zeit weit voraus: Erst 1977 trat unter der damaligen sozialliberalen Bundesregierung ein neues Ehe- und Familienrecht in Kraft, das das Zerrüttungsprinzip einführte.
TC 06:06 – Die Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Die Nazi-Propaganda reduzierte die Frauen auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau. Weitergehende Ambitionen waren nicht im Interesse des Staates. Der weibliche Anteil an der Studentenschaft sollte nicht höher sein als zehn Prozent, zur Habilitation waren Frauen nicht zugelassen. Die Berufstätigkeit von Ehefrauen war unerwünscht – dieses Ziel wurde in der Regel durch das Verbot des Doppelverdienertums erreicht.
ERZÄHLER:
Elisabeth Selbert erhielt ihre Zulassung als Rechtsanwältin 1934 – wenige Monate, bevor die Nazis den Zugang von Frauen zu diesem Beruf völlig blockierten. Doch was die Berufstätigkeit von Frauen betraf, war das NS-Regime nicht konsequent: Als die Rüstungsindustrie auf Hochtouren lief und männliche Arbeitskräfte vielfach fehlten, wurden auch die Frauen zum Arbeitsdienst verpflichtet. Während die Männer an der Front kämpften, war Frauenarbeit ganz generell gefragt. Ein Schlager des Operettenkomponisten Emmerich Kálmán, der die dieses Thema aufgreift, war während der Kriegsjahre sehr beliebt:
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Nach dem Krieg aber wünschte sich so mancher die alten Verhältnisse zurück. Doch die Frauen, die während der Kriegsjahre die Lücken in den Büros und Fabriken geschlossen hatten, wollten sich nicht so einfach wieder in die zweite Reihe zurückdrängen lassen. Insgesamt gab es bei Kriegsende sieben Millionen mehr Frauen als Männer, fast vier Millionen waren allein stehend. Angesichts einer mehrheitlich weiblichen Wählerschaft, so konnte man vermuten, würde auch das künftige Grundgesetz die neue Lebenswirklichkeit der Frauen widerspiegeln.
ERZÄHLER:
Mit der Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung wurden von der amerikanischen Militärregierung die Abgeordneten aus den wieder erstandenen Parteien beauftragt. Elisabeth Selbert musste sich ihre Mitarbeit erst erkämpfen, aber sie setzte sich durch. Am 1. September 1948 kamen die Mitglieder des sogenannten Parlamentarischen Rates - 65 Frauen und Männer - erstmals zusammen. Im zoologischen Museum Koenig in Bonn, wo in der großen Halle hinter hohen Vorhängen ausgestopfte Tiere standen, wurde über den politischen Neubeginn in Deutschland beraten.
ERZÄHLERIN:
Schnell verteilten sich die Abgeordneten je nach fachlichem Hintergrund und persönlicher Interessenslage auf die einzelnen Ausschüsse. Über die Grundrechte – zu denen nach Ansicht von Elisabeth Selbert die Gleichberechtigung von Mann und Frau zählen sollte – wurde im Grundsatzausschuss diskutiert. Die Juristin war dort nur als Stellvertreterin präsent, hielt dies aber nicht für problematisch, da sie davon ausging, eine Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz sei eine Selbstverständlichkeit.
ERZÄHLER:
Doch der Ausschuss sah das anders: Der schlichte, aber eindeutige Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ fand keine Mehrheit. Er war als Vorschlag der SPD-Fraktion eingebracht worden – nachdem Elisabeth Selbert dafür in der eigenen Partei hartnäckig gekämpft hatte. Die Ausschussmitglieder einigten sich schließlich auf den Satz: „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“. Im Klartext: Frauen sollten - wie schon in der Weimarer Republik – das Wahlrecht erhalten, mehr aber auch nicht. Eine Gleichberechtigung von Mann und Frau auch im Familienrecht war nicht vorgesehen.
ERZÄHLERIN:
Die Vorlage wanderte wenig später in den Hauptausschuss. Bei der ersten Lesung Anfang Dezember 1948 warb Elisabeth Selbert noch einmal für ihren Vorschlag und warnte zugleich:
ZITATORIN:
„Sollte der Artikel in dieser Fassung heute wieder abgelehnt werden, so darf ich Ihnen sagen, dass in der gesamten Öffentlichkeit die maßgebenden Frauen wahrscheinlich dazu Stellung nehmen werden, und zwar derart, dass unter Umständen die Annahme der Verfassung gefährdet ist“.
ERZÄHLER:
Doch auch im Hauptausschuss fiel der Satz durch - für Elisabeth Selbert ein Schock. Nach ihrer Einschätzung waren die Abgeordneten auf dem besten Weg, eine historische Chance zu verspielen.
TC 10:07 – Überzeugungsarbeit
ERZÄHLERIN:
Obwohl alle vier Frauen im Parlamentarischen Rat am Ende gemeinsam kämpften, musste Elisabeth Selbert zunächst auch bei ihren Geschlechtsgenossinnen Überzeugungsarbeit leisten, sogar bei der Parteifreundin Frieda Nadig. Diese befürchtete anfänglich ein rechtliches Chaos, wenn im Grundgesetz die rechtliche Gleichstellung der Frau festgeschrieben würde, ohne dass gleichzeitig die entsprechenden Passagen im geltenden Familienrecht geändert würden.
ERZÄHLER:
Ähnliche Bedenken hatte auch die CDU-Abgeordnete Helene Weber. Sie verteidigte ihre Haltung mit dem Hinweis, man habe alle Argumente sorgfältig abgewogen. Weber war Mitbegründerin des „Katholischen Deutschen Frauenbundes“ und eine enge Vertraute von Konrad Adenauer. Der Weimarer Nationalversammlung hatte sie von 1919 bis 1920 als Abgeordnete der Zentrumspartei angehört und an der Weimarer Verfassung mitgearbeitet.
ERZÄHLERIN:
Die dritte potentielle Verbündete war die Zentrumspolitikerin Helene Wessel. Die Tochter eines Lokomotivführers hatte ihre politische Karriere ebenfalls bereits in der Weimarer Republik gestartet. Von 1928 bis 1933 hatte sie einen Sitz im Preußischen Landtag inne. Wessel arbeitete als Fürsorgerin für die katholische Kirche. Auch mit ihr diskutierte Elisabeth Selbert über ihre Pläne. Schließlich erklärte Wessel gegenüber Journalisten:
ZITATORIN
„Ich bin grundsätzlich dafür, aber die Auswirkungen müssen gut überlegt sein.“
MUSIK
ERZÄHLER:
Helene Wessel war 1945 zur stellvertretenden Vorsitzenden der Zentrums-Partei gewählt worden. Vier Jahre später wurde sie Parteichefin und war damit die erste weibliche Vorsitzende einer politischen Partei in Deutschland.
ERZÄHLERIN:
Die Sozialdemokratin Selbert musste auf vielen Ebenen gleichzeitig Überzeugungsarbeit leisten. Zum einen wollten auch die Männer ihrer eigenen Partei nicht so ohne weiteres auf ihre bisherigen Vorrechte verzichten - sei es das Entscheidungsrecht über den ehelichen Wohnort, über die Erwerbstätigkeit ihrer Ehefrauen oder über die Kindererziehung. Andrerseits fehlte es auch nicht an generellen Mahnungen aus konservativen Bevölkerungskreisen, man möge es doch bei der „gottgewollten“ Vorherrschaft des Mannes im Verhältnis der Geschlechter belassen. Und schließlich gab es auch noch die Stimmen jener Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen davor warnten, nicht um eines abstrakten Rechtsprinzips willen auf ihre „natürlichen Privilegien“ und die „Macht weiblichen Charmes“ zu verzichten.
MUSIK
ERZÄHLER:
Die anfängliche Zurückhaltung der drei anderen weiblichen Mitglieder im Parlamentarischen Rat hielt Selbert nicht davon ab, in erster Linie auf die Solidarität von Frauen zu setzen. Sie hoffte insbesondere auf die Unterstützung überparteilicher Frauenvereinigungen. Da dort auch Kommunistinnen mitarbeiteten, riskierte Selbert damit einen Konflikt mit SPD-Chef Kurt Schumacher, der jegliches Zusammenwirken mit kommunistischen Kräften ablehnte. Selbert berichtete später von zum Teil sehr scharfen Kontroversen mit Schumacher. Doch sie ließ sich nicht entmutigen.
ERZÄHLERIN:
Ohnehin hatte sie von männlicher Seite nicht allzu viel Unterstützung zu erwarten – und wenn es diese nach langen Diskussionen irgendwann doch gab, schmeckte sie oft bitter. So schrieb Selbert im Oktober 1948 – nachdem sie die Genossen in der Fraktion endlich hatte überzeugen können - an ihre Parteifreundin Herta Gotthelf:
ZITATORIN:
„Ich bin noch ganz glücklich über den Erfolg in der Fraktion, wenn mich auch die Art, wie einige Genossen das Thema behandelt haben, deprimiert hat. Man sieht zwar, dass man an dieser Sache dieses Mal nicht vorbei kommt, aber mit Ironie und Sarkasmus, um nicht zu sagen Hohn, tat man die Frage kurz ab“.
TC 13:59 – Ein Sturm zieht auf
ERZÄHLERIN:
Selbert begann schließlich, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Sie hielt zahlreiche Vorträge - in Hamburg, Frankfurt, München und anderen Städten. Die SPD-Politikerin wandte sich sogar an die Ehefrauen von CDU-Mitgliedern, um auf privater Ebene Druck auf die Abgeordneten auszuüben.
ERZÄHLER:
Sie löste einen regelrechten Sturm an Beschwerden aus und erreichte sogar eine punktuelle Zusammenarbeit zwischen der bürgerlichen Frauenbewegung und der Arbeiterbewegung. Zahlreiche Gewerkschaftsfrauen, unter ihnen allein 40 000 Metallerinnen, wandten sich mit Eingaben an den Parlamentarischen Rat. Auch ganze Betriebsbelegschaften – so beispielsweise die Mitarbeiterinnen des Arbeitsamtes Frankfurt am Main – stellten sich hinter Selberts Initiative. Darüber hinaus unterzeichneten nahezu alle weiblichen Landtagsabgeordneten der Westzone eine entsprechende Petition – lediglich die bayerischen Abgeordneten zogen nicht mit. Das überwältigende Echo gab Elisabeth Selbert Recht, auch wenn Politiker wie der Liberale Theodor Heuss herablassend von einem „Quasi-Stürmlein“ sprachen. Selbert erinnerte sich später:
ZITATORIN:
„Es war geradezu begeisternd und erschütternd, wie die Proteste aus dem ganzen Bundesgebiet, und zwar Einzelproteste und Verbandsproteste in großen Bergen, in die Beratungen des Parlamentarischen Rates hineingeschüttet wurden. Körbeweise! Und ich wusste, in diesem Augenblick hätte kein Abgeordneter mehr gewagt, gegen diese Fülle von Protesten anzugehen und bei seinem Nein zu bleiben.“
ERZÄHLERIN:
Auch die übrigen Frauen im Parlamentarischen Rat waren inzwischen auf Elisabeth Selberts Linie eingeschwenkt. Die Sozialdemokratin Frieda Nadig übte bei einer Anhörung deutliche Kritik an den patriarchalen Strukturen im Eherecht:
ZUSPIELUNG Nadig 0’17 Mann ist Familienoberhaupt
„Im deutschen Familienrecht ist der Mann das Oberhaupt der Familie. Ihm steht das Entscheidungsrecht in allen das gemeinschaftliche Eheleben betreffenden Angelegenheiten zu. Die Frau hat sich seinen Entscheidungen zu fügen.“
ERZÄHLERIN:
Nadig forderte insbesondere eine Neuordnung der vermögensrechtlichen Bestimmungen:
ZUSPIELUNG Nadig Eheliches Güterrecht 0’35
„Am reformbedürftigsten ist zweifellos das gesetzliche Güterrecht. Der gesetzliche Güterstand des Bürgerlichen Gesetzbuchs weist der Frau die Rolle eines bevormundeten Kindes zu. Die Verwaltung und Nutznießung des Vermögens der Frau steht dem Manne zu, er ist berechtigt, das Vermögen der Frau in Besitz zu nehmen, er ist auch berechtigt, mit diesem Vermögen zu arbeiten, ohne seiner Frau Auskunft geben zu brauchen.“
ERZÄHLER:
Elisabeth Selbert nahm die Einwände ihrer Kolleginnen ernst. Um das befürchtete rechtliche Chaos zu vermeiden, schlug sie einen Kompromiss vor: Alle Bestimmungen des bürgerlichen Rechts, die nicht im Einklang mit dem Gleichberechtigungs-Grundsatz im Grundgesetz waren, sollten noch solange in Kraft bleiben, bis der Bundestag zum Stichtag 1. April 1953 auch ein neues Familienrecht schaffen würde. Das hieß im Umkehrschluss: Alle der Gleichberechtigung entgegenstehenden Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch waren innerhalb einer bestimmten Frist aufzuheben. Genau diese Festschreibung war es, die eigentlich revolutionär war, da sie die Lebensrealität künftiger Frauengenerationen entscheidend verändern sollte.
TC 17:28 – Die Sternenstunde ihres Lebens
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Bei der zweiten Lesung im Hauptausschuss – am 18. Januar 1949 - warb Elisabeth Selbert noch einmal mit Nachdruck um Zustimmung. Und sie erlebte schließlich die Sternstunde ihres Lebens – wie sie es später nannte. Die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ wurde einstimmig angenommen. Damit waren die Weichen gestellt: Der Satz, für den Elisabeth Selbert und ihre Mitstreiterinnen so lange gekämpft hatten, konnte Teil des Grundgesetzes werden. Einen Tag später wandte sich Elisabeth Selbert in einer Rundfunkansprache an die Öffentlichkeit:
ZUSPIELUNG Selbert 0’26 Geschichtlicher Tag
„Meine verehrten Hörerinnen und Hörer. Der gestrige Tag, an dem im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates in Bonn dank der Initiative der Sozialdemokraten die Gleichberechtigung der Frau in die Verfassung aufgenommen worden ist – dieser Tag war ein geschichtlicher Tag, eine Wende auf dem Weg der deutschen Frauen der Westzonen.“
ERZÄHLER:
Am 8. Mai 1949 - vier Jahre nach Unterzeichnung der Kapitulationserklärung - verabschiedete der Parlamentarische Rat das Verfassungswerk. Die drei Militärgouverneure genehmigten die Vorlage. Zwei Wochen später trat das Grundgesetz nach der Annahme durch die Länderparlamente für die westlichen Besatzungszonen in Kraft - nur Bayern verweigerte die Zustimmung.
ERZÄHLERIN:
Es sollten allerdings noch etliche Jahre vergehen, bis sich der Gesetzgeber auch zu einer Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches durchringen konnte. Erst ab 1. Juli 1958 – also fünf Jahre später, als Elisabeth Selbert vorgeschlagen hatte - galt das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Damit konnten Frauen nun immerhin über den ehelichen Wohnsitz mitentscheiden, ihren Mädchennamen als Namenszusatz führen und den Haushalt in eigener Verantwortung führen. Die Ehefrau hatte jetzt auch das Recht, einen Beruf auszuüben – allerdings nur – wie es im Gesetz so schön hieß…
ZITATOR:
„…soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“.
ERZÄHLERIN:
Und wenn der Ehemann es genehmigte. Beide Ehegatten wurden zudem gegenseitig zum Unterhalt verpflichtet.
TC 19:55 – Politisch zu profiliert
ERZÄHLER:
Insgesamt 37 Mitglieder des Parlamentarischen Rates wurden in den Bundestag gewählt – unter ihnen Frieda Nadig, Helene Weber und Helene Wessel. Elisabeth Selbert jedoch gehörte nicht dazu. Es blieb nicht die einzige Enttäuschung für die engagierte Juristin und Sozialdemokratin: Anfang der 50er Jahre hatte sie die Möglichkeit, Richterin am Bundesverfassungsgericht zu werden. Doch sie scheiterte letztendlich am Widerstand der eigenen Parteifreunde. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass Selberts entschlossene Alleingänge in manchen juristischen Fragen bei einigen Genossen in unguter Erinnerung waren. Der SPD-Abgeordnete Adolf Arndt sprach aus, was viele seiner Parteigenossen nicht offen zu sagen wagten:
ZITATOR:
„Du warst vielen unserer Leute und auch anderen Leuten politisch zu profiliert“.
ERZÄHLERIN:
Der Satz hat Elisabeth Selbert sicherlich geschmerzt, öffentlich beklagt hat sie sich nie. Sie blieb zunächst hessische Landtagsabgeordnete, kandidierte aber 1958 nicht mehr. Zwei Jahre zuvor hatte sie noch das Große Bundesverdienstkreuz erhalten, dann wurde es allmählich still um sie. Erst die neue Frauenbewegung begann sie wieder zu entdecken. Dass der Artikel 3, Absatz 2 Grundgesetz später noch einmal ergänzt wurde, hat sie nicht mehr miterlebt – sie starb im Juni 1986. 1994 wurde im Zuge der Verfassungsreform der Gleichberechtigungs-Grundsatz durch die Formulierung erweitert: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."
ERZÄHLER:
Die „Mütter des Grundgesetzes“ haben in der Rechtswirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland bleibende Spuren hinterlassen. Daran erinnerte 2006 auch Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, bei einer Festveranstaltung zu Ehren von Elisabeth Selbert:
ZITATORIN:
„Es hat nach Elisabeth Selberts Sternstunde noch eines halben Jahrhunderts bedurft, um das deutsche Recht egalitär zu formulieren. Doch die Rechtswirklichkeit hinkt trotz einiger sichtbarer Erfolge – immerhin haben wir eine Bundeskanzlerin! – noch immer hinter der formalen Rechtsgleichheit her. Es bleibt darum nach wie vor viel zu tun…. Gleichwohl oder gerade deswegen ist und bleibt dieser kleine Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ das Fanal und die Verheißung, die beide Geschlechter verpflichtet und für die alle nachfolgenden Generationen von Frauen Elisabeth Selbert Dank schulden.“
TC 22:45 - Outro
Es war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Eigentlich sollte das "GG" nur ein Provisorium sein, nur ein Übergang, nicht wie eine "Verfassung" einen endgültigen Charakter haben. Trotzdem wurde es schließlich zur gesamtdeutschen Verfassung - und zum Vorbild für viele neue Demokratien. Von Katharina Kühn (BR 2022)
Credits
Autorin: Katharina Kühn
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Martin Vogt
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dietmar Preißler, Marion Detjen
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
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München, 80er, Disco-Ära: Die queere Szene blüht und Weltstars wie Freddie Mercury machen hier Party. Aber plötzlich ist Schluss. Ein mysteriöses Virus erreicht die Stadt. In "I Will Survive" sprechen wir mit den Menschen, die als Erste und vielleicht am härtesten von der AIDS-Krise getroffen wurden. Der Podcast erzählt von ihrer Angst, ihren Verlusten und ihrem Widerstand in einer Zeit, als Bayern als einziges Bundesland auf Ausgrenzung statt auf Aufklärung setzt. Und es geht um die Frage: Welches Vermächtnis haben die Menschen von damals der queeren Community heute hinterlassen? ZUM PODCAST
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:09 – Grundgesetz oder Verfassung?
TC 04:25 - Streitpunkte
TC 11:59 – Darüber war man sich einig
TC 13:54 – Die Geburtsstunde der Bundesrepublik
TC 17:24 – Liebe auf den zweiten Blick
TC 22:36 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Wie sollte aus dieser Diktatur eine Demokratie werden? Die alliierten Mächte, Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich hatten zwar die Gefechte gemeinsam gewonnen, NS-Deutschland geschlagen, aber wie das besetzte Land nun wiederaufgebaut werden sollte, darauf konnten sie sich nicht einigen.
ERZÄHLER:
Spätestens als die Außenminister in London Ende 1947 ihre Konferenz abbrachen, war klar, dass es keine gemeinsame Strategie geben würde. Also trafen sich die westlichen Alliierten, USA, Großbritannien, Frankreich und die drei Benelux-Länder Belgien, Niederlande und Luxemburg, um über die Zukunft Westdeutschlands zu beraten. Die „Londoner Empfehlungen“ sollten den Weg für einen eigenen westdeutschen Staat ebnen.
ERZÄHLERIN:
Die neun deutschen Ministerpräsidenten der westlichen Bundesländer und die Bürgermeister der Stadtstaaten Hamburg und Bremen sollten dabei helfen – sie waren zu dem Zeitpunkt immerhin die obersten politischen Repräsentanten im Nachkriegsdeutschland. Sie wurden nach Frankfurt am Main bestellt, in das Hauptquartier der Amerikaner, ursprünglich das Verwaltungsgebäude eines Chemiekonzerns. Die Militärgouverneure lasen auf Englisch und Französisch ihre Pläne vor, die sogenannten Frankfurter Dokumente. Hier war der Fahrplan zu einem neuen Staat umrissen: Ab spätestens September 1948 sollte eine Versammlung eine Verfassung ausarbeiten. Diese würde erst den Militärgouverneuren vorgelegt und dann vom Volk abgestimmt.
Außerdem skizzierten die Westalliierten in den Dokumenten, wie der Besatzungsstatus für Deutschland aussehen sollte und kündigten an, dass die Grenzen der Bundesländer überprüft und möglicherweise verändert würden.
TC 02:09 – Grundgesetz oder Verfassung?
ERZÄHLER:
Eigentlich könnte man nun meinen, dass die Ministerpräsidenten lieber schneller als später einen westdeutschen und vor allem souveränen Staat schaffen wollten. So war es aber nicht, erzählt Dietmar Preißler, ehemaliger Sammlungsdirekter im Haus der Geschichte in Bonn:
O-Ton 01_ Preißler [00:21]
Sie waren, vorsichtig gesagt, sehr zurückhaltend, denn sie befürchteten, durch eine Vollverfassung für die Westzonen könnte eine Wiedervereinigung verhindert werden. Sie schlugen dann vor, dass man ein Grundgesetz schaffen soll statt einer Verfassung und dass ein Parlamentarischer Rat tagen sollte und nicht eine verfassungsgebende Versammlung.
ERZÄHLERIN:
Andere Begriffe, die eigentlich dasselbe meinen?
ERZÄHLER:
Nicht ganz. Über das Grundgesetz sollte nicht das Volk abstimmen, sondern die Länderparlamente. So, hofften die Ministerpräsidenten, wäre deutlich, dass es sich hier nicht um etwas Unwiderrufliches, sondern nur um ein Provisorium handelte und die Wiedervereinigung mit Ost-Deutschland immer noch möglich sei.
ERZÄHLERIN:
Die Westmächte stimmten nach langer Diskussion zu, beharrten aber darauf, dass ein neuer Staat gegründet würde. Im August bereitete ein Expertengremium aus Politikern, Verfassungsexperten und Verwaltungsfachleuten im Schloss Herrenchiemsee erste Richtlinien vor. Zwei Wochen hatten sie Zeit.
O-Ton 02_ Preißler [00:37]
In dieser Kürze der Zeit haben die es wirklich fertiggebracht, einen kompletten Entwurf eines Grundgesetzes auf den Weg zu bringen. 95 Seiten mit 149 Artikeln. Wir wissen ja, später das Grundgesetz hatte 146. Es war ein Kompendium, in dem Verfassungsartikel auch alternativ vorgestellt wurden, zum Beispiel: Föderalismus. Da wurde vorgeschlagen, sowohl eine Bundesratslösung als auch eine Senatslösung, die sich an amerikanischen Verfassungsvorbildern orientierte, und es waren eben auch Kommentierungen dabei, was man mit den einzelnen Paragraphen und den Regelungen darin erreichen wollte.
ERZÄHLER:
Die Experten hatten also erste Vorschläge und Richtlinien erarbeitet, erste Fragen aufgeworfen, Alternativen formuliert. Nun sollten Politiker entscheiden. Der Parlamentarische Rat kam zum ersten Mal am 1. September 1948 in Bonn zusammen
TC 04:25 - Streitpunkte
MUSIK
ERZÄHLER:
Im Lichthof des Naturkundlichen Museums König wurden sonst Tiere ausgestellt. Für diesen Tag waren sie an die Seiten des imposanten Hofs geschoben und hinter Vorhängen versteckt worden
ERZÄHLERIN:
Später erzählten Gäste, dass übrigens eine Giraffe über den Vorhang lugte und die Zeremonie verfolgte. Es ist eine schöne Anekdote, aber erfunden.
MUSIK
ERZÄHLER:
Lange dauerte diese Zeremonie nicht, nach eineinhalb Stunden wechselten die Abgeordneten des neuen Parlamentarischen Rats in die Aula der Pädagogischen Akademie. 61 Männer und vier Frauen waren aus den Länderparlamenten in den Rat berufen worden, dazu kamen fünf Vertreter aus Berlin, allerdings nur mit beratender Funktion ohne Stimmrecht. Ratspräsident wurde Konrad Adenauer:
Zuspielung Adenauer
Der parlamentarische Rat beginnt seine Tätigkeit – wir haben es heute morgen bei der Feier im Museum König gehört und wir wissen es ja alle – in einer völlig ungewissen Zeit, in einer Zeit der Ungewissheit über Deutschlands Zukunft, ja, auch die Zukunft Europas und der Welt ist dunkel und unsicher. […] Und Deutschland selbst ist politisch ohnmächtig.
ERZÄHLERIN:
Die Abgeordneten wussten wohl auch, dass nun die Zeit der politischen Auseinandersetzungen, der mühsamen Diskussionen und der Kompromisssuche losging. Das zeigte sich gleich, als der kommunistische Abgeordnete Max Reimann einwarf, dieser Rat habe keine Existenzberechtigung, es liege kein gesamtdeutsches Mandat vor. Dietmar Preißler:
O-Ton 03_ Preißler [00:20]
Also der kommunistische Abgeordnete Reimann stellte den Antrag, die Arbeit des Parlamentarischen Rats einzustellen und das führte zu einer hitzigen Debatte, gleich am ersten Tag, in der Reimann auch nach vorne stürmte, das Mikrofon griff, in das Mikrofon hineinrief, er fühle sich nicht richtig behandelt. Er nutzte sogar das Wort: Ich fühle mich vergewaltigt.
ERZÄHLER:
Der Antrag wurde – wenig überraschend – abgelehnt.
Streitpunkte gab es genug: Gehört etwa Gott ins Grundgesetz? Die Union wollte einen Gottesbezug in die Präambel setzen, die SPD sträubte sich. Die FDP vermittelte. „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“, ist der Kompromiss, der bis heute das Grundgesetz einleitet.
ERZÄHLERIN:
Die Präambel war von besonderer Bedeutung, nicht nur, weil sie den ersten Ton setzt, sondern auch, weil hier die Ostdeutschen angesprochen wurden:
ZITATOR:
Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.
ERZÄHLERIN:
Dieses Grundgesetz sei nur provisorisch, das sollte im Vorwort deutlich werden. Gleichzeitig warnte FDP-Politiker Theodor Heuss davor, das Wort „provisorisch“ zu oft in der Präambel zu verwenden. Es sollte von einer „Magie des Wortes“ getragen sein.
ERZÄHLER:
Die Diskussionen über die einzelnen Artikel waren nicht einfacher. Wie sollte etwa die Gleichberechtigung festgehalten werden? Die meisten Abgeordneten wollten am Text festhalten, wie er in der Weimarer Verfassung stand. Zitat: „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ Das würde allerdings bedeuten, dass das Ehe- und Familienrecht etwa davon nicht tangiert würde. Eine der vier Frauen im Rat lehnte sich dagegen auf: Elisabeth Selbert von der SPD schlug die Formulierung vor: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ So einfach. Ohne Ausnahme. Die meisten Abgeordneten waren dagegen. Zu viele Gesetze würden sofort verfassungswidrig, ungültig werden, ein „Rechtschaos“ könne folgen. Elisabeth Selbert tobte – ihre Gegner auch. Sie drohte sogar mit Wahlen, schließlich kämen, so kurz nach dem Krieg „auf 100 männliche Wähler 170 weibliche Wähler“. Die Drohung schien nicht zu wirken. Also suchte Selbert nach Unterstützung. Frauenverbände schrieben Briefe, kündigten ihren Protest an, sollte im Grundgesetz nicht die uneingeschränkte Gleichberechtigung verankert werden. Die SPD schlug eine Übergangslösung vor, damit die entsprechenden Gesetze in den nächsten Jahren geändert werden konnten. Und der Protest zeigte Wirkung: Eineinhalb Monate nachdem Selberts Formulierung noch abgelehnt worden war, stimmten die Abgeordneten ihr zu. Artikel 3, Absatz 2 im Grundgesetz ist ein Meilenstein der Emanzipation in Deutschland: Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Ein weiterer Streitpunkt betraf das Verhältnis zwischen Bund und Ländern. Klar war, dass ein föderales System entstehen, der Staat also aus Bundesländern zusammengesetzt sein sollte. Aber wieviel Macht sollten diese Länder haben? Die Freundschaft hört bekanntlich beim Geld auf. Die erste Frage war: Wer zieht die Steuern ein und verteilt das Geld – der Bund oder die Länder? Besonders die CSU beharrte darauf, dass die Steuern Angelegenheit der Landesverwaltungen seien. SPD und FDP wollten hingegen, dass der Bund die Steuern einzieht und dass es einen Finanzausgleich zwischen den Ländern gibt. Obwohl auch die Westalliierten befürchteten, eine große Bundesverwaltung für Steuern könnte zu viel Einfluss an einem Punkt konzentrieren, entschieden sich die Delegierten zum Schluss für ein System, das den Vorstellungen von SPD und FDP näher kam. Bund und Länder sind beide für die Steuern zuständig, es gibt einen Finanzausgleich und einen Bundeszuschuss. Auch wie die Länder bei der Gesetzgebung vertreten sein würden, war strittig. Sollte eine Zweite Kammer – also neben dem Bundestag – zusammengesetzt werden nach einem Senats- oder nach einem Bundesratsprinzip; das heißt mit Mitgliedern der Länderparlamente oder der Landesregierungen? Die Konservativen setzten den Bundesrat durch, also mit Vertretern der Landesregierungen. Die SPD dagegen erwirkte eine Machtbeschränkung, nämlich, dass der Bundesrat in der Gesetzgebung ein Vetorecht nur bei Gesetzen mit Länderbezug hat.
ERZÄHLER:
Nicht nur die inhaltlichen Diskrepanzen erschwerten die Diskussionen, auch die ständige Beobachtung durch die Besatzungsoffiziere zerrte an den Nerven. In bestimmten Punkten, gerade bei der föderalistischen Struktur, wollten sie unbedingt, dass der Parlamentarische Rat nach ihren Vorgaben entscheidet, so Dietmar Preißler:
O-Ton 04_ Preißler [00:45]
Da wurden ja sogar Geheimdossiers angelegt. Wir wissen aus englischen Archiven, dass über jedes Mitglied des Parlamentarischen Rates ein Dossier existierte. Da sind dann politische Positionen der Damen und Herren dargestellt worden, bis hin aber auch zu Charakterzügen, über Konrad Adenauer wird darin berichtet, dass er eben kühl im Umgang mit seinem Stab auch sei. Bis hin zu Dingen, was haben die Damen und Herren getrunken.
TC 11:59 – Darüber war man sich einig
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Aber es gab auch Punkte, in denen sich die Delegierten schnell einig waren: Zunächst einmal war da das Ziel eines demokratischen Staats in einem geeinten Europa. Das neue Parlament sollte mächtig sein, direkt vom Volk gewählt werden und hauptsächlich die Gesetze bestimmen. Sogar die Regierung sollte vom Parlament abhängig sein. Die Abschaffung der Todesstrafe war Konsens. Und: Es sollte fast keine Volksabstimmungen geben.
ERZÄHLER:
Die Erfahrungen der Zeit unter dem Nationalsozialismus prägten die Entscheidungen. Der Machtmissbrauch, die Gestapo, der Holocaust. Das durfte nie wieder passieren. Der Bundespräsident wurde fast komplett entmachtet. Das konstruktive Misstrauensvotum sollte für stabilere politische Verhältnisse sorgen und ein Chaos wie in der Weimarer Republik verhindern: Deshalb kann der Bundestag den amtierenden Kanzler oder die Kanzlerin nur dann stürzen, wenn er gleichzeitig einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin wählt. Die Gewaltenteilung wurde klar organisiert, es gibt eine unabhängige Justiz. Jedes Gesetz muss mit dem Grundgesetz vereinbar sein, wenn nicht, kann das Bundesverfassungsgericht ein Gesetz als verfassungswidrig erklären, dann muss es geändert werden.
ERZÄHLERIN:
Den Artikeln im Grundgesetz vorangestellt sind die Grundrechte, Artikel 1 bis Artikel 19. Zwar hatten die Grundrechte schon in der Weimarer Verfassung gestanden. Aber nicht an so prominenter Stelle.
ERZÄHLER:
Die Menschenwürde.
ERZÄHLERIN:
Die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Religionsfreiheit, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit.
ERZÄHLER:
Das Briefgeheimnis oder die Unverletzlichkeit der Wohnung. Diese Rechte sollten von nun an unantastbar und unveränderlich sein.
TC 13:54 – Die Geburtsstunde der Bundesrepublik
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Bis tief in den Mai des nächsten Jahres gingen die Diskussionen. Drei Monate waren ursprünglich für die Debatten geplant, keiner hatte damit gerechnet, dass sie fast neun Monate dauern würden. Aber am 8. Mai standen dann endlich 146 Artikel zur Abstimmung, genau vier Jahre nach der Kapitulation. Es war schon kurz vor Mitternacht, als Konrad Adenauer das Ergebnis verkündete:
Zuspielung Adenauer
[Klingel] Meine Damen und Herren. Das Grundgesetz ist mit 53 Ja- gegen 12 Nein-Stimmen angenommen worden.
ERZÄHLER:
Die Delegierten standen auf. Eigentlich würden sie in einem solchen Moment die Nationalhymne singen, aber es gab noch keine. Also sangen sie ein patriotisches Studentenlied: „Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland“.
ERZÄHLERIN:
Trotz der eindeutigen Annahme: 12 Ausreißer gab es, auch nach neun Monaten Kompromisssuche: Delegierte der Deutschen Partei, des Zentrums, der Kommunisten – und der CSU. Bevor sich nun aber die Landtage mit dem Werk auseinandersetzen konnten, ging es an die Westalliierten. Die genehmigten den Text, dann folgten zehn von elf Landtagen. Die letzte Abstimmung fand in Bayern statt. Der Bayerische Ministerpräsident Hans Ehard machte gleich als erster Redner klar, wo der unverrückbare Standpunkt seiner Regierung lag: Es sei in Bonn nicht gelungen, das Verfassungswerk so unter Dach und Fach zu bringen, dass es vom Standpunkt Bayerns aus als befriedigend angesehen werden kann. Zu wenig föderalistisch, zu wenig Zugeständnisse an die Länder, die Eigenständigkeit Bayerns sei sogar bedroht. 14 Stunden debattierten die Abgeordneten. Zum Schluss lehnte der Bayerische Landtag das Grundgesetz mit deutlicher Mehrheit ab.
ERZÄHLER:
Allerdings ohne den Lauf der westdeutschen Geschichte zu ändern. Zwei Drittel Zustimmung der Landtage reichten aus, um das Grundgesetz durchzubringen, die Stimme der Bayern konnte daran schon nichts mehr ändern.
MUSIK
ERZÄHLER:
Am 23. Mai 1949 kam der Tag der Verkündung: Vor dem Präsidium, auf einem Tisch war das Grundgesetz aufgeschlagen. Füllfederhalter lagen in Reihe bereit, ein Tintenfass des Kölner Ratssilbers. Ein bisschen Inszenierung gehörte zu diesem feierlichen Anlass auch dazu, erzählt Dietmar Preißler:
O-Ton 05_ Preißler [00:29]
Konrad Adenauer trat als erster an den Tisch und ein Journalist berichtete auch, dass er dann den Füllfederhalter nahm und er bewegte den Stift Richtung Tintenfass und setzte dann seine Unterschrift unter das Grundgesetz. Im Tintenfass des Kölner Ratssilbers war allerdings ja gar keine Tinte drin. Stellen Sie sich mal vor, da wäre wirklich Tinte drin gewesen. Das hätte ja bedeutet, dass das Grundgesetz bei der Unterschriftenaktion sicherlich völlig vertropft gewesen wäre.
ERZÄHLER:
Es war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Knapp drei Monate später, am 14. August, wählten die Westdeutschen zum ersten Mal den Bundestag.
TC 17:24 – Liebe auf den zweiten Blick
ERZÄHLERIN:
Liebe auf dem ersten Blick zwar es nicht, zwischen den Deutschen und dem Grundgesetz, sagt Marion Detjen, Historikerin am Bard College Berlin und Mitautorin des Buches „Die Deutschen und das Grundgesetz“:
O-Ton 06_ Detjen [00:39]
Gefeiert wurde schon einmal auf gar keinen Fall, weil ja in der Bevölkerung erstens schon das Gefühl vorhanden war, nicht in Freiheit und Selbstbestimmung sich jetzt da neu zu finden oder neu aufzustellen, sondern sozusagen aus der totalen Niederlage im Krieg und nach der Zeit des Nationalsozialismus sich überhaupt erst wieder irgendwie aufzustellen und eben unter Besatzungsherrschaft zu sein. […] Und es hat eine Weile gedauert bis das Ganze grundrechtlichen Potenzial und das freiheitliche Potenzial dieser Verfassung für die Bevölkerung spürbar wurde.
ERZÄHLERIN:
Mit den Jahren sollten die Deutschen jedoch das Grundgesetz zu würdigen wissen, ja, sogar einen gewissen Stolz darauf entwickeln.
ERZÄHLER:
Das fehlende Referendum schien fast vergessen, bis die Frage nach einer Volksabstimmung durch die Wiedervereinigung wiederaufgeworfen wurde.
Zwei Optionen waren möglich: Die fünf ostdeutschen Bundesländer konnten nach Artikel 23 der Bundesrepublik beitreten – damit würde das Bundesgebiet einfach größer werden.
ZITATOR:
Artikel 23: Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiet der Länder Baden, Bayern, Bremen, Groß-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.
ERZÄHLER:
Oder man hätte sich auf Artikel 146 beziehen können.
ZITATOR:
Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.
O-Ton 07_ Detjen [00:54]
Vor der Wiedervereinigung, also in der Zeit der Friedlichen Revolution, gab es heftige Verfassungsdiskussionen, dass gerade die Revolutionäre einen eigenen Weg gehen wollten, eigene Verfassungsexperimente machen wollten, diese Chance der Revolution nutzen wollten für mehr Demokratie, für ein reformiertes Verfassungsverständnis auch. Und diese Versuche dann eben gerade von der bundesdeutschen Regierung, aber auch von vielen Verfassungsspezialisten hier abgeblockt wurden und da auch viel verhindert wurde, gerade was die Möglichkeiten von direkter Demokratie angeht und die Möglichkeiten angeht, die Ostdeutschen an einem eigenen Verfassungsprozess überhaupt erst einmal zu beteiligen.
ERZÄHLERIN:
Denn neben den Revolutionären, die eine neue Demokratie schaffen wollten, wollten besonders in der BRD viele lieber kein Risiko eingehen. Außerdem drängte die Zeit. Nicht einmal ein Referendum sollte es geben, um das Grundgesetz – nun Stabilitätsanker statt Provisorium – auch vom Volk zur Verfassung für das geeinte Deutschland erheben zu lassen. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR Westdeutschland nach Artikel 23 bei.
ERZÄHLER:
Auch international wurde das Grundgesetz wahrgenommen. Der Slogan „Exportschlager“ entstand – auch wenn natürlich nicht das ganze Werk übernommen wurde. Neue Demokratien, die ebenfalls Diktaturen hinter sich lassen gelassen hatten, schauten auf das deutsche Beispiel, so etwa Spanien, Portugal, Griechenland; nach dem Fall der Sowjetunion viele osteuropäische Länder. Spanien führte das konstruktive Misstrauensvotum ein, später auch Ungarn, Polen und Slowenien. In Südafrika wurde das föderalistische System in die Verfassung aufgenommen, Brasilien, Peru und Argentinien etablierten ähnliche Verfassungsgerichte.
ERZÄHLERIN:
Dabei ist das Grundgesetz auch in Deutschland kein absolut unveränderlicher Text. Die Bedeutung des Grundgesetzes zeigte sich auch immer wieder an den heftigen Debatten über Änderungen an diesem: Die Einführung der Bundeswehr und der Wehrpflicht, die Notstandsgesetze, aber auch die Finanzbeziehungen und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in Bildungsfragen.
O-Ton 08_Detjen [00:20]
Also eine Verfassung ist ein toter Text und gleichzeitig eine lebendige Norm, die wir ständig neu interpretieren und weiterentwickeln und mit der man ganz viel anstellen kann. Also es hat eben nicht jeder die Verfassung so, wie er sie gerne hätte unbedingt, aber gleichzeitig eben auch eine Chance für ständige Verhandlungen und Weiterentwicklung.
ERZÄHLERIN:
Immer wieder kommen neue Herausforderungen und veränderte Situationen, auf die eine Gesellschaft reagieren muss: Ein zusammenwachsendes Europa, die Globalisierung, der demographische Wandel, der Zeitgeist. Immer wieder wird das Grundgesetz dem angepasst werden.
TC 22:36 – Outro
Die mittelalterliche Stadt hat zwei Gesichter: Sie bringt die Landesentwicklung voran, stärkt Handel und Gewerbe und schafft ganz neue Formen von Öffentlichkeit. Doch zugleich ist sie ein Brandbeschleuniger sozialer und politischer Konflikte. Zunftmitglieder und unterprivilegierte Schichten in der Stadt erzeugen im Lauf der Zeit rebellische Teilöffentlichkeiten. Immer selbstbewusster drängen sie auf Mitsprache. Das führt häufig zu schweren Erschütterungen, Unruhen und gewaltsamen Aufständen. Von Simon Demmelhuber und Volker Eklkofer (BR 2020)
Credits
Autoren: Simon Demmelhuber, Volker Eklkofer
Regie: Axel Wostry
Es sprachen: Julia Fischer, Stefan Wilkening
Technik: Helge Schwarz
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Beatrix Schönewald, Dr. Marco Veronesi
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
hr (2024): KRIEG IM SCHATTEN. Warum starb Nikola Milicevic?
In der Nacht auf den 13. Januar 1980 kehrt der kroatischstämmige Emigrant Nikola Milićević nach einem Kneipenabend zu seiner Wohnung im Frankfurter Ostend zurück. Als er gegen 3 Uhr seinen Wagen auf dem Parkplatz vor seinem Wohnblock abstellt und aussteigt, treffen ihn sechs Kugeln. Erst am nächsten Morgen finden Nachbarn seine Leiche. Der 42-Jährige hinterlässt Frau und fünf Kinder. Es ist eine Abrechnung, so viel steht fest. Doch Nikola Milićević - mit dem Spitznamen Beban ist kein Kleinkrimineller. Auch persönliche Motive liegen nicht vor. Die verwendete Munition und die Art des Mordes lassen bei den Ermittlern stattdessen ganz andere Alarmglocken klingeln: Alles deutet auf den Jugoslawischen Geheimdienst hin. ZUM PODCAST
Linktipps:
BR (2018): Urbanes Leben als Motor der Gesellschaft
Die Städte des Mittelalters waren faszinierende Gebilde. Ganz im Gegensatz zum starren Ständesystem des Mittelalters war das soziale System einer Stadt sehr durchlässig. So konnte sich hier eine ganze eigene Dynamik entfalten. Doch wie wurde man zum Bürger einer Stadt? Und welche Rechte und Pflichten brachte das mit sich? Wer wohnte in einer mittelalterlichen Stadt und wer hatte dort das Sagen? JETZT ANHÖREN
SWR (2023): Mauern, Brunnen, Galgenstricke – Die Stadt im späten Mittelalter
Der Film gibt eine Vorstellung von den Zusammenhängen zwischen Recht, Ordnung und Pflicht, in die der Bürger einer mittelalterlichen Stadt eingebunden war. Herausgearbeitet werden diese Begriffe anhand der konkreten und symbolischen Bedeutung einzelner städtischer Anlagen: der Stadtmauer als sichtbarer Grenze des städtischen Wehr- und Rechtsbereichs, der Wasserversorgung als wichtiger Voraussetzung für das Städtewachstum und des Galgens als Zeichen der auf Abschreckung beruhenden mittelalterlichen Gerichtsbarkeit. Mit der Ausweitung des Stadtrechts erhalten die Städte eine eigene Gerichtsbarkeit, an deren Spitze der Stadtrat mit dem Bürgermeister steht. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER
Im September 1155 wird Pfalzgraf Otto von Wittelsbach zum Kriegshelden. Als Barbarossas Heer in einer Schlucht bei Verona in einen Hinterhalt gerät, erklimmt er mit seinen Männern die steilen Flanken, fällt dem Feind in den Rücken und rettet die Schlacht. 1180 streicht er den Lohn für sein Wagstück ein: Der Kaiser belehnt Otto mit dem Herzogtum Bayern, die Herrschaft der Wittelsbacher beginnt.
SPRECHERIN
Rang und Würde haben sie, aber nun müssen die Wittelsbacher ihren Machtanspruch gegen trotzige Grafen und Bischöfe auch durchsetzen. Dazu brauchen sie Geld und strategisch gut gelegene befestigte Plätze.
SPRECHER
Um ihre Herrschaft auszubauen, setzen die bayerischen Herzöge auf einen Trend, der Ende des 12. Jahrhunderts massiv anschiebt: Die Bevölkerung wächst, die Landwirtschaftserträge steigen, das Handwerk braucht Spezialisten. Wer kann, lässt sich im Umfeld von Burgen und alten Handelsflecken nieder. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts entwickeln sich gut 80 dieser rasch wachsenden Siedlungskerne dank herzoglicher Privilegien zu Märkten und Städten.
Den Wittelsbachern kommt diese Urbanisierungswelle äußerst gelegen: Städte verheißen nicht nur Steuern, sie sind auch militärische Machtzentren.
Zsp 1 Veronesi
In den altbayerischen Städten ist es so, dass sich am Fuß der herrschaftlichen Burgen immer mehr Handwerker niederlassen, auch Kaufleute. Diese Siedlungen werden immer größer und so ungefähr darf man sich die Gründung einer Stadt vorstellen. Diese Siedlungen wurden dann geordnet, wurden befestigt, oft noch mit einem Palisadenwall, erst später mit einer Mauer.
SPRECHER
…erklärt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Marco Veronesi vom Haus der Bayerischen Geschichte.
SPRECHERIN
Mauern! Türme! Tore! Die Stadt des hohen und späten Mittelalters riegelt sich ab. Niemand betritt, niemand verlässt sie ungesehen.
SPRECHER
Mauern wehren nicht nur ab. Der Raum, den sie umfassen, ist ein besonderer Rechtsbezirk: Die Stadt setzt sich die Regeln des Zusammenlebens selbst, sie hat Gerichtsgewalt, ist als Bürgergemeinde siegel- und rechtsfähig.
SPRECHERIN
Vor allem aber schafft die Mauer einen klar umgrenzten Friedensrahmen. Wer hier lebt, verzichtet darauf, Konflikte gewaltsam auszutragen. Waffen sind gar nicht oder nur eingeschränkt gestattet.
Sogar die Länge mitgeführter Messer ist vorgeschrieben. Zudem bewahrt die Stadt ihre Bewohner und Gäste vor auswärtigen Zugriffen oder Forderungen und gewährt sicheres Geleit.
Musik 02 (Fight and chase – 0´21 min)
SPRECHER
Außerhalb der Mauern regiert Gewalt. Dort herrscht die Fehde, eine Art legaler bewaffneter Selbstjustiz adliger Herren, die Rechtshändel direkt untereinander klären. Die Bauern tragen die Hauptlast der Kriegszüge. Ihre Felder werden verwüstet, ihre Ställe geplündert, ihre Dörfer und Hüten niedergebrannt, um den Gegner zu schwächen und seine Lebensgrundlage zu vernichten. König, Kirche und Herzöge versuchen die ausufernden Feindseligkeiten einzudämmen. Auf dem Land richten sie dabei wenig aus. Nur die Stadt mit ihrem strikten Fehdeverbot schafft Inseln der Sicherheit. Warum gerade das die Stadt so modern und attraktiv macht, erläutert Beatrix Schönewald, die Leiterin des Stadtmuseums und Stadtarchivs Ingolstadt.
Zsp 2 Schönewald
Frieden ist die essenzielle Voraussetzung für Handel und Gewerbe, für Verkehrssicherheit, für das Miteinander. Die Stadt mit ihrer Friedenspflicht, mit ihrer Friedensverpflichtung, steht am Anfang einer Entwicklung, die bis heute hinaufreicht, ohne Frieden kein Fortschritt.
SPRECHERIN
Die Stadt bedeutet auch Rechtssicherheit. Vom Rat erlassene Gesetze regeln den Alltag. Dass Erb- und Kaufgänge klar geordnet sind, dass Besitz und Schuldverschreibungen besonderen Rechtsschutz genießen, entpuppt sich als entscheidender städtischer Entwicklungsimpuls.
SPRECHER
Ordnung, die auf Recht und Sicherheit gründet, die Chance, durch Handwerk, Handel oder Dienstleistung ein Auskommen zu finden, das ist etwas Neues, etwas, das in die Zukunft weist. Diese Modernität mit ihrem Erneuerungspotenzial spricht Menschen unterschiedlichster Herkunft und gesellschaftlicher Stellung an. Von Gleichheit und schrankenloser Freiheit für alle kann jedoch keine Rede sein.
Zuspielung 3 Schönewald
Wir haben als Bewohner in der Stadt die Bürger mit den vollen Bürgerrechten, die den Rat der Stadt wählen, wir haben in der Stadt Bürger, die arm oder reich sind mit ihren Rechten, wir haben Minderbürger, die zwar einige Rechte haben, aber keine Pflichten, wir haben Inwohner, die keine Rechte und keine Pflichten haben, das sind die Tagelöhner, die Knechte, Mägde, alles, was zum Betrieb eines Hauses gehört. Dann haben wir Sonderrechte, wie zum Beispiel die Juden, dann die Kleriker, Frauen haben auch eine besondere Rechtsstellung.
SPRECHERIN
Die Stadt ist vielschichtig und vielstimmig. Das Sagen hat indes nur eine dünne Oberschicht. Sie erlässt Gesetze und Verordnungen, lenkt das soziale, politische und religiöse Leben. Wie sich diese Elite herausbildet, ist unter Historikern umstritten. Gewiss ist nur eins: Besitz, Ehrbarkeit und lange Ansässigkeit sind eine wesentliche Grundvoraussetzung. Klar ist auch: Die gezielte Herstellung von Öffentlichkeit ist eines der wichtigsten Steuerungs- und Herrschaftsinstrumente des Stadtregiments.
SPRECHER
Öffentlichkeit ist allerdings kein Dauerzustand der mittelalterlichen Stadt.
Sie wird bewusst von oben geschaffen, um Herrschaftsansprüche durchzusetzen und das Gemeinwohl zu organisieren. Das geschieht durch Aushänge und Ausrufer, aber auch durch Rituale und Zeichenhandlungen auf Straßen und Plätzen, auf dem Markt und in der Kirche.
Atmo: Glockengeläut
SPRECHER
Glocken sind das mächtigste Mittel, um die Stadtgemeinde zu versammeln. Glocken rufen zum Gebet, zur Verteidigung, zum Löschen bei Bränden, zur Ratssitzung, zur Bekanntgabe neuer Verordnungen, zur Vollstreckung von Urteilen. Wann immer eine Glocke läutet, passiert etwas Wichtiges. Etwas, das alle betrifft.
Atmo: Feierliches Glockengeläut
SPRECHERIN
Ein besonderes Ereignis steht an: Der Rat wird gewählt. Kein öffentlicher Anlass ist wichtiger, keiner bringt mehr Menschen auf die Beine.
SPRECHER
Der Tag beginnt früh. Am Morgen ziehen die festlich gekleideten Ratsherrn in die Hauptpfarrkirche. Nach der Messe schreiten die Herren durch eine dicht gedrängte Menschenmasse zur Wahl im Rathaus. Die Allgemeinheit hat dabei keinen Zutritt, das machen die ratsfähigen Bürger unter sich aus.
SPRECHERIN
Ein Standardverfahren gibt es dabei nicht. Wann und wie sich der Rat erneuert, ob komplett oder teilweise, ob per Losentscheid, per Abstimmung oder Berufung, unterscheidet sich von Stadt zu Stadt.
Das häufigste Verfahren ist die Kooptation, also die Ergänzungs- oder Zuwahl.
( Musikbeginn) Dabei bestimmen die scheidenden Mitglieder selbst, wer sie ersetzt und wer nachrückt.
Musik 03 (Pavane a 8 von Hans Hake; Musica Fiata, Roland Wilson –
0´50 min)
SPRECHER
Der Rat ist gewählt. Die Herren ziehen zum Dankgottesdienst erneut in die Kirche. Stadtknechte oder Jungbürger halten die Menge auf Distanz. Trommler, Pfeifer, Fahnen oder Fackeln begleiten den Zug, einflussreiche Bürger schließen sich an, die Menge zur Linken und Rechten des Ehrenspaliers johlt.
SPRECHERIN
Spannend ist das alles nicht, das Verfahren lässt keine Überraschungen zu, die Wenigsten haben ein Mitspracherecht. Aber ein Spektakel, eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei ist der prächtige Auftritt allemal. Die Ratswahl ist ein Massenevent, das wie noch heute der Oktoberfesteinzug oder der Besuch gekrönter Häupter Schaulustige in rauen Mengen anlockt.
SPRECHER
Ganz gleich, ob die Herren ihren Eid auf die Gesetze der Stadt noch in der Ratsstube, vor dem Rathaus, auf den Kirchenstufen oder vor dem Altar abgelegt haben, nun ist es Zeit für den Schlussakt eines langen Wahltags. Die Honorablen ziehen in feierlicher Prozession zum gemeinsamen Mahl zurück ins Rathaus. In den folgenden Tagen stehen weitere Umzüge an, mit denen sich der Rat präsentiert, seinen Herrschaftsbereich abschreitet und den Einwohnern das Erlebnis einer tiefen Zusammengehörigkeit vermittelt – wir alle sind Stadt!
SPRECHERIN
Schöne Bilder. Bunt, laut, mittelalterlich. Aber leider nur eine Rekonstruktion, montiert aus zeitlich und räumlich verstreuten Belegen für die spätmittelalterliche Ratswahl.
SPRECHER
Trotzdem: Nichts könnte den Aufbau der Gesellschaft, das Machtgefüge und die Funktion von Öffentlichkeit in der Stadt des Spätmittelalters besser veranschaulichen. Denn die Rituale der Ratserneuerung verknüpfen wichtige Räume, Gruppen und Schichten der Stadt miteinander. Sie sind eine bewusste Inszenierung, eine vielschichtige politische Choreografie, die zentrale Fragen des Zusammenlebens klärt: Wie ist Herrschaft begründet, wie wird sie weitergetragen? Wer schafft an? Wer handelt, wer schaut zu?
SPRECHERIN
Obwohl in der Stadt nur eine kleine Elite regiert, braucht sie die Bestätigung der Stadtgemeinde. Erst die Öffentlichkeit beglaubigt den rechtmäßigen Machtwechsel und damit den Fortbestand der Ratsherrschaft. Blieben die Stadtbewohner dem Umzug fern, sprächen sie ein stummes, aber deutliches Misstrauensvotum aus. Ohne den Rückhalt der Öffentlichkeit hätte der Magistrat ein handfestes Legitimationsproblem.
Atmo: Handglocke , Marktgeräusche
SPRECHER
Die Marktglocke! Sobald sie morgens erklingt, darf so lange gekauft und verkauft werden, bis sie am Abend das Ende der Marktzeit verkündet.
Zsp 4 Veronesi
Der Markt ist der öffentliche Raum per se, der Markt ist ja schließlich auch Urgrund, Entstehungsgrund der Stadt als solcher. Dort, wo eine Stadt entstand, befand sich eben meistens schon ein Markt.
SPRECHERIN
Der Markt ist die Lebensgrundlage der Stadt, ihr wirtschaftlicher Kern, ein Umschlagplatz für Güter und Informationen. Hier stellen Handwerker ihre Waren aus, Bauern verkaufen Getreide, Vieh, Gemüse und Milch, Fernhändler bieten Luxusgüter wie Spezereien, Pelze oder kostbare Tuche feil, Tagelöhner ihre Dienste an, Klatsch, Tratsch und Neuigkeiten machen die Runde.
Zsp 5 Veronesi
Natürlich war der Markt ein öffentlicher Raum, aber ein streng, ein hoch regulierter öffentlicher Raum. Reguliert wurde zunächst einmal, wer überhaupt Zugang hatte zum Markt. Das waren zunächst einmal die Bürger, nicht gesagt war, dass Ortsfremde, so genannte Gäste, überhaupt Zutritt hatten und ihre Waren dort verkaufen durften. Wir hatten die Lebensmittelpolizei in modernen Begriffen, die vor allem den Wein kontrolliert hat, aber auch andere Sachen.
SPRECHER
Die umfassende Kontrolle ist eine Notwendigkeit. (Musikbeginn) Indem die Stadt gewährleistet, dass Nahrung nicht nur erhältlich, sondern erschwinglich und einwandfrei ist, dass Maße, Gewichte, Qualität und Preise stimmen, beugt sie Unruhen vor.
Musik 04 (Saltarello 01 – 0´38)
SPRECHERIN
Die Stadt kontrolliert freilich nicht nur den Markt. Sie greift auf alle Lebensbereiche durch, entfaltet einen Kontrollfuror, der sich nahezu überall und in alles einmischt.
Zsp 6 Schönewald
Reglementieren ist ein Synonym für Stadt: Alles, was das enge Zusammenleben fördert, wird reglementiert. Das betrifft die Kleiderordnungen, das betrifft Vorgaben fürs Tanzhaus, Vorgaben für das nächtliche Schwärmen, Vorgaben, dass man bei Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen nicht zu viel Gäste einlädt, da gibt es dann die Festlegung, wie viel -, immer unter dem Aspekt, sich nicht zu verschulden.
SPRECHERIN
Die Bürger sollen nicht protzen, der Schmuck darf nicht zu kostbar sein, die Kleidung nicht zu aufwendig, die Feste nicht zu üppig. Die Abwehr ruinöser Verschwendung ist jedoch nur ein Auslöser der Vorschriftenflut. Im Kern geht es ums große Ganze, um soziale Differenzierung und Disziplinierung.
SPRECHER
Handwerker, die sich wie reiche Kaufleute und Bürger, die sich wie Adlige kleiden? Ein absolutes No Go!
SPRECHERIN
Kleidung ist immer ein sozialer Indikator, ein sichtbares Zeichen, das auf Anhieb zeigt, welcher Schicht der Träger angehört und wo oben und unten ist. Gott hat die Menschen in ihren Stand gesetzt - und dabei soll es auch bleiben! Jeder auf seinem Platz, zum Besten der Allgemeinheit.
SPRECHER
Der Bannstrahl des rigiden Kleiderregiments trifft auffällige Haartrachten, Kopftücher und Hutverzierungen genauso wie eng geschnürte Mieder, tiefe Ausschnitte, nackte Schultern, aber auch Schnabelschuhe, allzu kurze, kniefreie Männerröcke oder üppiges Schminken. Sogar der Rosenkranz ist betroffen: Er darf nicht zu teuer sein und „uber den ars sol man ihn niht tragen, man sol in vorn an der seiten tragn als man von alter her getan hat".
SPRECHERIN
Was heute Schmunzeln oder Kopfschütteln auslöst, hat in der mittelalterlichen Stadt eine ernste, Ordnung stiftende und stabilisierende Bedeutung. Das wird umso wichtiger, je mehr der wirtschaftliche und politische Aufstieg neuer Gruppierungen die Standesgrenzen verwischt. Zur Sorge um den Bestand der weltlichen Ordnung kommt die Furcht vor dem Strafgericht Gottes. Denn hinter Kleiderprunk und Putzsucht lauern Stolz, Hochmut, Eitelkeit. Hochmut aber ist die Ursünde der Menschheit, die Wurzel alles Bösen, eine Kränkung des Schöpfers, der die Lästerung durch Erdbeben, Krankheiten, Missernten, Krieg und Plagen vergilt. Das muss eine verantwortungsvolle Obrigkeit verhindern, zum Wohle aller.
SPRECHER
Herrje, wie mittelalterlich! Doch ganz so weit ist es mit unserer modernen Aufgeklärtheit nun auch nicht her. Dass wir Gesinnungen und Menschen nach der Kleidung taxieren, hat sich seit 1000 Jahren nicht wirklich geändert. Und noch heute können Textilien ausgesprochen starke Reaktionen entfachen.
SPRECHERIN
Als Mitte der 1960er Jahre der Minirock aufkommt, läuft das Establishment Sturm. Der Mini provoziert. Ist er respektlos? Oder ein Statement eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins? Der kniefreie Affront ruft die Hüter von Moral und Tradition auf die Barrikaden. Das Abendland, die Menschheit, die Ordnung, die Moral scheinen in Gefahr.
SPRECHER
Vieles vermeintlich Mittelalterliche hat überdauert, anderes hat sich grundlegend geändert: Während wir den Justizvollzug hinter Mauern verbannen, rückt ihn das Mittelalter in die Mitte der Gesellschaft.
Atmo: Totenglocke
SPRECHERIN
Die Armesünderglocke. Ein zum Tode Verurteilter tritt den letzten Gang an. Sein Schicksal vollendet sich am hellen Tag, sichtbar für alle, ein abschreckendes Exempel, das Öffentlichkeit sucht und braucht.
Zsp 8 Schönewald
Justiz, vor allem der Strafvollzug war öffentlich, weil es zum einen ein politisches Statement abgegeben hat, ein Delinquent, der gegen die Stadtordnung, gegen die Landesordnung verstoßen hat, wurde öffentlich gerichtet. Und es war zweitens auch ein Statement für eine Frühform der Erziehung: Wenn ich Böses tue, dann werde ich öffentlich hingerichtet. Und das war neben dem Vollzug der Todesstrafe natürlich auch ein soziales Element in Form der Demütigung, die es auch im zivilen Recht gab, sprich an den Pranger stellen.
Musik 05 (Glorificemus filium – 0´20)
SPRECHER
In der Rückschau erscheint die Stadt des Spätmittelalters als wohlgeordneter Kosmos mit festen Regeln, klaren Hierarchien und statischer Ruhe. Aber der Schein trügt. Gerade hier gerät das politische und soziale Gefüge zuerst ins Wanken. Mit steigendem Wohlstand drängen neue Schichten nach oben und fordern Einfluss auf Finanzkontrolle und Gesetzgebung.
SPRECHERIN
Nach mehr Macht streben vor allem die Handwerker, die sich in größeren Orten in Zünften zusammenschließen. In den Versammlungshäusern, den Trinkstuben und Handwerkerquartieren rumort es. Selbstbewusste Zunftvertreter stellen Ratsbeschlüsse und die Allmacht der Obrigkeit auf die Probe. Im 14. Jahrhundert verlangen manche der mächtig gewordenen Lobbyverbände Sitz und Stimme im Rat. ( Musikbeginn) Dabei kommen sie nicht nur mit dem Stadtregiment, sondern oft auch mit dem Landesherrn in Konflikt.
Musik 06 (Fight and chase – 0´33 min)
SPRECHERIN
1335 brechen Unruhen in Straubing aus, 1348/49 tobt der Nürnberger Handwerkeraufstand, 1397 reißen die Zünfte in München die Herrschaft an sich. Auch in Landshut kommt es Anfang des 15. Jahrhunderts zur Machtprobe. (Musikende) Während ein erbitterter Bruderzwist die Wittelsbacher lähmt, schafft sich die wohlhabende Handels- und Gewerbestadt neue Freiräume. Die Zünfte sichern sich Mitspracherechte, reiche Ratsherren wollen die Abgaben an die Herzöge schmälern.
SPRECHER
Die Lage spitzt sich zu, als Herzog Heinrich 1404 die Macht in Niederbayern übernimmt. Der neue Herrscher ist habgierig, gewalttätig und jederzeit bereit, das Recht zu beugen. (Musikbeginn) Das Autonomiestreben der Städte ist ihm ein Dorn im Auge. Er lässt sich Ratsbeschlüsse zur Genehmigung vorlegen, ernennt Ratsmitglieder selbst und verbietet Handwerkszünfte.
Musik 07 ( Akkordmarsch 4 – 0´23 min)
SPRECHERIN
Der Streit schwelt vier Jahre. Dann lädt Heinrich am 24. August 1408 die Stadträte auf die Feste Trausnitz. Er lässt ein Mahl servieren - und die Gäste verhaften. Prozesse folgen. Einige Landshuter müssen den Rat verlassen, andere werden verbannt, ihr Vermögen saniert Heinrichs Staatskasse.
SPRECHER
Nach zwei Jahren trügerischer Ruhe kocht das Zerwürfnis erneut hoch. Handwerker und Gewerbetreibende rotten sich zusammen. Einer der Widerständler, Dietrich Röckl, stellt sein Haus als Treffpunkt zur Verfügung. Ob es sich tatsächlich um gewaltbereite Rebellen handelt oder ob nur ein paar Wutbürger randalieren, wissen wir nicht.
Der Herzog jedenfalls fackelt nicht lange und lässt das vermeintliche Verschwörernest am Karfreitag 1410 ausheben. Noch in der Nacht werden mehrere Personen ermordet, Todesurteile folgen. Landshut muss sich Herzog Heinrich unterwerfen, die Selbstverwaltung ist passé.
Nicht nur in Landshut, auch in München, Ingolstadt und außerhalb Bayerns flackern Unruhen auf. Hier wie dort begehren Teile der Bevölkerung gegen ihre Ausbeutung und Stummschaltung auf. Vor allem aber wird Öffentlichkeit nun nicht mehr ausschließlich von oben hergestellt, sie formiert sich jetzt auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft.
Musik 08 ( Under der Linden – 0´40 min)
SPRECHERIN
Die Stadt ist weit mehr als nur ein Ort wirtschaftlicher und sozialer Erneuerungen. Sie ist ein vibrierender Umschlagplatz für neue Ideen mit hoher Sprengkraft. Wo die Gassen eng, die Wege kurz sind, wo man sich auf Plätzen und in Kneipen zwanglos austauscht und innovative Medien wie Buchdruck oder Flugblatt entstehen, wächst die geistige Unruhe. In diesen Druckkesseln zweifeln am Beginn der Neuzeit erst wenige, dann rasch immer mehr reformwillige Köpfe die religiöse und politische Ordnung an. Es sind Städte wie Basel, Mainz, Straßburg und Wittenberg, in denen die reformatorische Kritik an den Verhältnissen in Kirche und Staat zuerst aufflammt und Fuß fasst. Es sind die Städte, die Gärbottiche und Experimentierstuben der kulturellen Erneuerung, die das Mittelalter hinter sich lassen und die Zeitenwende der Reformation einläuten.
"Wohnung in idyllischer Lage zu vermieten, im Herzen Augsburgs, etwa 60 Quadratmeter groß mit Garten. Die Mietkosten: 88 Cent im Jahr und täglich ein Vater Unser, ein Ave Marie und das Credo für Jakob Fugger und seine Nachkommen". So könnte heute eine Wohnungs-Anzeige aussehen für die älteste Sozialsiedlung der Welt - die Fuggerei. Jakob Fugger genannt "Der Reiche" gründete sie 1521. Damals mussten die Mieter einen rheinischen Gulden pro Jahr bezahlen, heute wären das 88 Cent - und das ist die Summe, die tatsächlich auch heute noch als Jahreskaltmiete verlangt wird. Von Dorit Kreissl (BR 2014)
Credits
Autorin & Regie: Doris Kreissl
Es sprachen: Herbert Schaefer, Johannes Hitzelberger, Beate Himmelstoß, Franziska Ball
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Sabine Darius, Brigitte Hahn
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
hr (2024): KRIEG IM SCHATTEN. Warum starb Nikola Milicevic?
In der Nacht auf den 13. Januar 1980 kehrt der kroatischstämmige Emigrant Nikola Milićević nach einem Kneipenabend zu seiner Wohnung im Frankfurter Ostend zurück. Als er gegen 3 Uhr seinen Wagen auf dem Parkplatz vor seinem Wohnblock abstellt und aussteigt, treffen ihn sechs Kugeln. Erst am nächsten Morgen finden Nachbarn seine Leiche. Der 42-Jährige hinterlässt Frau und fünf Kinder. Es ist eine Abrechnung, so viel steht fest. Doch Nikola Milićević - mit dem Spitznamen Beban ist kein Kleinkrimineller. Auch persönliche Motive liegen nicht vor. Die verwendete Munition und die Art des Mordes lassen bei den Ermittlern stattdessen ganz andere Alarmglocken klingeln: Alles deutet auf den Jugoslawischen Geheimdienst hin. ZUM PODCAST
Linktipps:
Planet Wissen (2024): Die Fuggerei – Sozialbausiedlung seit 500 Jahren
Guten Wohnraum für sozial Schwache schaffen, das wollte vor 500 Jahren Jakob Fugger, damals einer der einflussreichsten Unternehmer Europas. Er stiftete die Fuggerei in Augsburg. In der ältesten Sozialbausiedlung der Welt leben noch heute 150 Menschen. ZUM BEITRAG
3sat (2024): Die Fugger im Silberreich
Die Fugger gelten als eine der wichtigsten deutschen Handelsdynastien des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Vor allem der Abbau von Silber in Schwaz trug zu ihrem Aufschwung bei. Doch es gibt auch Schattenseiten: Der Silberabbau in Tirol verlangt seine Opfer, das Leben der Bergleute ist hart und es gibt immer wieder Unfälle unter Tage. JETZT ANSEHEN
BR (2023): Das Bayerische Jahrtausend – 16. Jahrhundert: Augsburg
Augsburg zu Beginn des 16. Jahrhunderts: Eine Stadt der Gegensätze. In ihr leben Großkaufleute, die sich alles leisten können. Deshalb kommen die Wagen bepackt mit unvorstellbar kostbaren Gütern von überall her. Augsburg ist aber auch eine Stadt mit unsäglicher Armut. In ihren Mauern leben Menschen, die ihre Arbeit nicht ernährt, weil alles immer teurer wird. Zum Film geht es HIER.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:12 – Der Reiche
TC 08:51 – Moderne Fuggerei
TC 11:05 – Die Würdigkeit der Armen
TC 13:59 – Wer hier wohnte
TC 17:45 – Fünf Minuten Glocken Bimmeln
TC 21:48 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ZITATOR: Barfuß…
„Nicht ganz im Klaren darüber, was arm sei, fragte ich zu Hause am Abend meine Tante. Meine Großmutter, die das auch hörte, rief gleich: »Wir sind arm. Der Graf ist reich.« – »Sind wir wirklich arm?«, fragte ich meine Tante nochmal. Ich dachte an unsere saubere Dreizimmerwohnung, an den Flur, der mit einem Läufer ausgelegt war, an das gute Wohnzimmer, das wir an gewöhnlichen Wochentagen zu betreten
nicht nötig hatten. »Wenn wir auch nicht reich sind, zu den ganz Armen gehören wir nicht«, sagte meine Tante. Das überzeugte mich“.
ERZÄHLER:
Reiner Schmidt wuchs in den 1930er-Jahren in der Fuggerei auf. Seine Kindheits-Erinnerungen hat er in dem Erzählband „Barfuß durch die Finstere Gass“ aufgeschrieben.
MUSIK ENDE
ERZÄHLER:
Betritt man heute die älteste Sozialsiedlung der Welt, ist nichts von Armut zu sehen, im Gegenteil: Sie liegt mitten im Zentrum Augsburgs - eine kleine Stadt in der Stadt mit acht Gassen, drei Toren, zwei Museen, einer Kirche und einem Brunnen - eine stille, idyllisch anmutende Welt, abends immer noch erhellt von Gaslaternen. Schnurgerade reihen sich die 67 ockerfarbenen, einstöckigen Häuschen mit grünen Fensterläden und russischen Giebeln links und rechts der Gassen aneinander. Sie beherbergen 150 Mieter. Auf meinem Rundgang durch die Siedlung begleitet mich Sabine Darius, langjährige Mitarbeiterin der Fuggerschen Stiftungs-Administration:
ATMO Sägen
O-Ton 1 Rundgang 1. Herrengasse –
Das ist hier die Herrengasse. Wir sehen hier, wenn wir durchgehen, dass es in der Regel Türenpaare sind, Da geht immer eine Türe in die untere Wohnung und eine Türe in die obere Wohnung. […] Es hatte damals schon wie heute jeder seinen eigenen Eingang. Man teilt sich also keinen Hausgang mit seinem Mitbewohner. Das muss man sich mal vorstellen: bedürftige Leute, schon in der damaligen Zeit, jeder hat seinen eigenen Eingang, kommt deswegen schon mal nicht zum Streit.
ERZÄHLER:
Es war eine außergewöhnliche Siedlung, die Jakob Fugger 1521 gegründet hat. Die damals 52 Häuschen mit 106 Wohneinheiten gingen weit über den üblichen Standard der Armenhäuser hinaus, nicht nur was die separaten Eingänge betraf. Sabine Darius:
O-Ton 2 Darius
Wenn Sie sich denken, die Wohnungen sind rund 60 Quadratmeter groß. Eine Familie hat also Wohnraum gehabt von drei Zimmern und einer Küche. Er hätte ja den Wohnraum nicht so groß machen müssen. So groß hat ja draußen kaum jemand gewohnt. Er hätte auch ein Zimmer pro Familie zur Verfügung stellen können, dann wäre den Leuten auch geholfen gewesen. Aber er hat Wohnungen in einer Größe bauen lassen, wie wir sie ja heute noch sehen… Das ist modern, wie vor 500 Jahren.
ERZÄHLER:
In die Siedlung wurde nicht jeder aufgenommen. Würdige Arme wünschte sich der Stifter. Arbeitsame, in Not geratene Bürger sollten vorübergehend ein Heim finden, bis sie wieder auf eigenen Füssen stehen konnten: Fugger wollte keine Almosenempfänger, er bot Hilfe zur Selbsthilfe an, indem er bezahlbaren und angemessenen Wohnraum schuf, für:
ZITATOR Fugger:
„frome arme Taglöner und Handtwercker und Bürger und Inwoner dieser Stadt Augsburg, welche nicht betteln wollen“
O-Ton 3 Darius
Viele sind dann hier in der Fuggerei auch ihren Handwerken nachgegangen. Es waren Weber in der Fuggerei, es waren Tagelöhner da, es waren Sackträger – Hucker wie man sie genannt hat – oder Doggenmacher, also Puppenmacher oder Vogelhäuslebauer. Solche Berufe haben die Bewohner gehabt, in der damaligen Zeit
TC 04:12 – Der Reiche
MUSIK
ERZÄHLER:
Um das Jahr 1500 lebten etwa 25.000 Menschen in Augsburg. Die freie Reichsstadt war der “wichtigste Finanzplatz der Christenheit und das bedeutendste Handelszentrum Mitteleuropas“, schreibt Bernd Roeck in seiner „Geschichte Augsburgs“. Allerdings…
ZITATOR Roeck
"…war es allein eine Handvoll Superreicher, höchstens 200, 300 Leute, von denen das Bild des „Goldenden Augsburgs“ geprägt wurde. Sie waren es, die das finanzielle Fundament legten. Schon Papst Pius II. war die Augusta als reichste Stadt der Welt erschienen.“
ERZÄHLER:
Auf der anderen Seite gab es große Armut, und immer mehr karitative Stiftungen entstanden. Ihre Träger waren Kirche, Stadt und wohlhabende private Stifter. Zu den Reichsten der Reichen zählten die Gossembrot, die Rehlingers, die Welser und natürlich auch die Fugger. In dieser Familie stach einer heraus: Jakob Fugger, später auch der Reiche genannt:
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Jakob Fugger machte Geschäfte mit Gott und der Welt, er schuf einen Weltkonzern. Die Fugger verdienten unter anderem am Textilhandel, Bergbau, Metallhandel mit Kupfer, Gold und Silber und natürlich an Bankgeschäften mit Filialen in ganz Europa. Der Bankier finanzierte Kriege und Könige. Mittels Bestechung hob Jakob Fugger 1519 sogar einen Kaiser auf den Thron: Karl V. Dieser revanchierte sich, indem er die Rechte am Tiroler Erzhandel verlängerte und die Firma vor einer Anklage wegen Monopol-Vergehens rettete. Auch mit der Kirche machten die Familie Geschäfte, betrieb zeitweise sogar Inkassobüros zum Eintreiben von Ablassgeldern. Selbst Jakob Fugger soll ein Ablass-Zertifikat besessen haben. Der nüchterne Geschäftsmann war auch ein wohltätiger, sozial denkender Mensch und ein sehr gläubiger Katholik, für den Fegefeuer und Hölle nichts Irreales waren. Und so glaubte Jakob der Reiche, dass er sich mit dem Bau der Fuggerei sein Plätzchen im Himmel sichern könnte:
O-Ton 4: Darius
Das war die Denkweise des damaligen ausgehenden Mittelalters, dass man, wenn man sehr erfolgreich ist und gute Geschäfte macht, einfach auch die Armen nicht vergessen darf. Das ist das Eine. Das Andere war es auch wichtig, dass jemand nicht in Vergessenheit gerät und dass für ihn und seine Familie gebetet wird.
ERZÄHLER:
Jakob Fugger der Reiche sorgte dafür, dass er nicht in Vergessenheit geriet. Er dachte sich einen besonderen Mietzins aus, der bis heute gültig ist:
ZITATORIN: alle Gebete ineinander verweben
"Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen"
ZITATOR: Ave Maria
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.
Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.
ZITATORIN: Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus,gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel;
Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
ERZÄHLER:
Seit 1521 muss jeder Fuggereibewohner täglich drei Gebete sprechen für den Stifter und seine Nachkommen: Das Vater Unser, das Ave Maria und das Glaubens-bekenntnis sind Teil der Miete bis heute. Ein Porträt des von Albrecht Dürer gemalten Jakob Fugger, erinnert in jeder Wohnung daran. Das sind unendlich viele Gebete über die Jahrhunderte. Der reale Mietzins dagegen ist denkbar gering: 1521 betrug die Jahreskaltmiete einen rheinischen Gulden - das war damals der Wochenlohn eines Handwerkers. Heute zahlen die Mieter im Jahr 88 Cent; Hinzu kommen monatliche Nebenkosten von etwa 85 Euro. Diese Einnahmen decken den jährlichen Unterhalt der Siedlung von etwa einer halben Million Euro nicht annähernd. Sabine Darius über die Finanzierung:
O-Ton 5 Darius: schneiden
Die Fuggerschen Stiftungen – es ist ja eine gemeinnützige Stiftung seit 1521 – finanziert sich durch Waldwirtschaft. Die Stiftungen sind ausgestattet mit 3.200 Hektar Wald, wo eben Holz verkauft wird. Das macht ungefähr etwa 70 Prozent der Einnahmen aus. Ca. 20 Prozent der Einnahmen kommen seit 2006 aus den Eintrittsgeldern der Fuggerei und ca. 10 Prozent aus Immobilienbesitz außerhalb der Fuggerei.
MUSIK
ZITATOR Finstere Gass. S. 33
Zu gewöhnlichen Zeiten, wenn es keine Baustelle gab, spielten wir natürlich in den Gassen, was streng genommen verboten war, weil es dabei immer laut zuging, in der Fuggerei aber Ruhe herrschen musste. Am liebsten spielten wir Verstecken.
TC 08:51 – Moderne Fuggerei
O-Ton 6 RUNDGANG 2 Darius
Der Fuggereibrunnen ist das Herz der Fuggerei. Hier ist die Mittlere Gasse, die Ochsengasse, die Herrengasse, die laufen hier in der Mitte zusammen. Die Bezeichnungen der Gassen sind nach wie vor mittelalterlich. Hier vorne können wir sehen, das ist die Saugasse zum Beispiel, weil vor den dortigen Toren war der Saumarkt - die Herrengase, die Breite Gasse, wo wir im Hintergrund das Senioratsgebäude sehen und auch die Kirche. Wir gehen jetzt in die Ochsengasse rein und besuchen eine Bewohnerin … (Schritte)
ERZÄHLER:
Brigitte Hahn wohnt hier in der Ochsengasse. Ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit großer Küche und großem Bad ist ein kleines Schmuckstück. Die Rentnerin lebt seit 2007 in der Fuggerei.
O-Ton 7 Hahn
Ja, ich hab zwar 45 Jahre voll gearbeitet und auch einbezahlt, aber es langt halt nicht für draußen, für die hohen Mieten und zum Lebensunterhalt. Dann hab ich mich in der Fuggerei beworben, musste allerdings fünfeinhalb Jahre warten und dann hat es geklappt. (lacht) Wir waren sieben Kinder, am Anfang nur in der Fabrik. Dann hab ich aber selber durch die Hochschule Sekretärin gemacht und einen halben Bankkaufmann – war sieben Jahre in der Deutschen Bank und hab eigentlich immer ganz gute Jobs gehabt, aber es langt trotzdem net.
ERZÄHLER:
Die Reaktionen auf ihre neue Bleibe fielen sehr unterschiedlich aus:
O-Ton 8 Hahn
Also in meinem Verwandtenkreis und Bekanntenkreis, die haben es nicht richtig verstanden, weil ich ja die ganze Zeit auch gearbeitet hab, dass das so weit kommt. Andere, selbst in der Familie, schauen a bissle auf mich runter. Die sagen, also in der Fuggerei kann man nicht leben, die verstehen nichts vom Leben. Und andere sagen: „Das ist aber toll, da musst Du froh sein“ – das ist also ganz unterschiedlich…
ERZÄHLER:
Die Fuggerei-Wohnungen sind begehrt. Die Warteliste ist lang. Wer sich bewirbt, muss Augsburger Bürger, bedürftig, und katholisch sein. Diese Kriterien galten schon vor 500 Jahren.
TC 11:05 – Die Würdigkeit der Armen
MUSIK
ERZÄHLER:
Im 19. Jahrhundert wurde die unverschuldete Not und die Würdigkeit der Armen ganz streng geprüft: der sogenannte Armenabhörbogen umfasste 31 Positionen. Fiel die erste Beurteilung durch einen Augsburger Armenpfleger positiv aus, ging die Akte an den Administrator der Fuggerschen Stiftung. Der gab seine Beurteilung ab und leitete das Gesuch an den Familienseniorat weiter, dem Aufsichtsrat der Stiftung. Dieses Gremium hatte das letzte Wort und das ist heute noch so.
MUSIK kurz hoch
Im 19. Jahrhundert waren Krankheit, Tod eines Familienmitglieds sowie das Alter die Hauptursachen für den Abstieg in die Armut. Anke Sczesny dokumentiert in ihrem Band „Der lange Weg in die Fuggerei – Augsburger Armenbriefe des 19. Jahrhunderts“ die Biographien von Bedürftigen. Für viele war der Gang zum Armenpflegschaftsrat bitter, denn er machte die Armut öffentlich. Unter ihnen waren Handwerksmeister, Polizisten, Schreiber, Amtsboten, Kanzlisten, Musiker, Händler und Arbeiter. Viele konnten von einem Beruf nicht leben:
ZITATORIN:
„Joseph Neubold verdingte sich gleichzeitig als Taglöhner und als Fabrikarbeiter und der Schneidermeister Matthias Reichhardt, der „seit Jahren auf seiner Profession keinen Erwerb hat, nähret sich mit Einsammeln für Leichenkassen und Austragen für Redactionen von Zeitungsblättern“. Auch der 39-jährige Joseph Herzog, ehemaliger Bataillonstambour, bat dringend um eine Wohnung, da er seine sechsköpfige Familie als Webermeister und Laternenanzünder nicht mehr versorgen könne, obwohl seine beiden älteren Töchter zum Lebensunterhalt durch ihre Fabrikarbeit beitrügen“.
ERZÄHLER:
Mit 70 bis 80 Prozent traf die Armut am stärksten die Frauen. Sie verdienten weniger, denn meist waren sie beruflich unterqualifiziert. In der Fuggerei mussten sich alleinstehende Frauen oder Witwen die Wohnung teilen, da sie nur Anrecht auf eine halbe Wohnung hatten; für Männer galt diese Regel nicht. Manchmal war die Not so groß, dass sogar Kinder weggegeben wurden. Die 38-jährige Zimmermanns-Witwe Franziska Schweighoferin, schreibt im Mai 1839 in ihrem Gesuch:
ZITATORIN:
„Sie habe ihren schwerkranken Mann ein halbes Jahr gepflegt und während dieses
langwierigen Krankenlagers habe aller Verdienst aufgehört, die Ausgaben aber sich immer mehrten, dass sie […]nicht mehr alle gedeckt werden konnten. Ferner habe sie acht Kinder, und obwohl nun diese Tage etwas gemildert werden konnten, daß vier meiner Kinder theils in das Waisenhaus, theils anderswo aufgenommen wurden, so bleibt doch mein Elend noch groß“
TC 13:59 – Wer hier wohnte
MUSIK
ATMO Schritte - Klingelton Schauwohnung
ERZÄHLER:
Wir ziehen an der Mittleren Gasse Nummer 13 an einem historischen Klingelzug, wie er noch an vielen Häusern funktioniert. Hier liegt die alte Schauwohnung, die inzwischen allerdings im neu gestalteten Museum überarbeitet wurde. Wie haben hier also die Menschen im frühen 19. Jahrhundert gelebt? Wir treten in den niedrigen Flur. Gleich im Eingangsbereich ist eine große Klappe eingelassen, unter der sich ein etwa ein Meter tiefer Stauraum verbirgt, in dem Vorräte gelagert wurden. Das war der Kühlschrank der damaligen Zeit, erzählt Stiftungsmitarbeiterin Sabine Darius:
O-Ton 9 Rundgang 3 Historische Wohnung
Wir sind jetzt hier in der Küche in der historischen Wohnung. Da ist eine offene Kochstelle mit einem Abzug oben. Das sind hölzerne Balken drüber zu sehen… und das Gewölbe diente einfach der besseren Wärmeverteilung im Raum. Was auch ganz modern ist: Man konnte von hier aus den Ofen heizen, der nebenan in der Stube steht. Man hat also nichts schmutzig gemacht in der Stube.
ATMO Schritte
O-Ton 10 Rundgang 4
Jeder, der größer ist als 1 Meter 70 muss den Kopf einziehen. Wir sind hier in der Schlafstube. Wir sehen hier ein Himmelbett sozusagen mit einem Holzhimmel. Das Bett ist relativ schmal und es ist auch relativ kurz. Die Leute haben damals mehr oder weniger im Sitzen geschlafen. Wir sehen auch hier vorne, da ist so eine Bettschere: Also wenn mehrere Personen im Bett gelegen sind, dass keiner vorne rausfällt. In früheren Zeiten konnte man diesen Raum natürlich auch nicht heizen, das war schon sehr, sehr kalt hier. Bevor man ins Bett gegangen ist, hat man hier, wie man unter dem Bett liegen sieht, eine Bettpfanne, da hat man glühende Kohlen reingegeben, und damit das Bett vorgeheizt.
MUSIK
ERZÄHLER:
Früher lebten in der Fuggerei viel mehr Kinder. Im Jahr 1624 wurden 93 Familien mit 173 Kindern gezählt, für die eigens eine Schule gebaut wurde. Heute leben meist Alleinstehende oder Paare hier. Das liegt vor allem daran, dass die Zwei-Zimmer-Wohnungen für Familien etwas klein sind. Sabine Darius über die Bewohnerstruktur.
O-Ton 11 Darius
Es sind Leute, die schon in Rente sind, die vielleicht in Frührente sind, die vielleicht krank sind. Es gibt auch wenige Leute, die Hartz IV beziehen. Es gibt auch wieder Leute, die einer Arbeit nachgehen. …Da sieht man, wie aktuell die Fuggerei ist. Denn, es gibt heute sehr viele Menschen, die nicht so viel verdienen, dass sie draußen ein würdiges Leben führen können. Auch dafür ist die Fuggerei heute wieder da.
ERZÄHLER:
Brigitte Hahn genießt ihr Leben in der Fuggerei:
O-Ton 12 Hahn
Also am besten gefällt mir in der Fuggerei, dass es so eine kleine Stadt in der Stadt ist. Man hat sehr nette Nachbarn und ist eigentlich so toll integriert. Man ist nicht alleine. Wenn man eben mal a bissle a Rätschle machen will oder was, dann geht ma nebe hie und ansonsten ist man wirklich ganz toll aufgehoben.
ERZÄHLER:
A Rätschle machen kann Brigitte Hahn nicht nur mit den Nachbarn sondern auch mit den Touristen. Die fragen die Bewohner gerne aus, vor allem im Sommer, wenn diese in ihren kleinen Gärtchen sitzen, die zur Wohnung gehören. In Spitzenzeiten laufen 1.500 Besucher am Tag durch die Gassen; da ist es natürlich schon laut.
O-Ton 13 Hahn
Und Türen darf man auch keine auflassen, dann sind die sofort herin. Sehr neugierig
(lacht). Nein, die stören mich nicht, im Gegenteil: das ist recht interessant, wenn‘s so durchgehen und wir werden auch viel gefragt zwischendurch und geben natürlich auch freudig Auskunft.
TC 17:45 – Fünf Minuten Glocken Bimmeln
ERZÄHLER:
In derselben Gasse wie Brigitte Hahn lebte einst im Haus Nr. 52 Dorothea Braun. Die Pflegerin in der Krankenstube der Fuggerei war das erste Opfer des Hexenwahns in Augsburg. Eine tragische Geschichte, denn ausgerechnet ihre elfjährige Tochter bezichtigte sie der Hexerei. Unter schwerer Folter gestand die Mutter. Am 25. September 1625 wurde Dorothea Braun enthauptet und verbrannt.
MUSIK
ZITATOR Finstere Gass
„War ein Fuggereibewohner gestorben, bimmelte fünf Minuten lang die kleine Glocke
von St. Markus. Das konnte mitten am Tag, in einem Spiel oder einem aufregenden Streich sein. Wir Kinder wurden dann meist etwas verlegen, besonders wenn Erwachsene in der Nähe waren, die sich augenblicklich bekreuzigten.
Eine Stunde später ging der Verwalter dann mit einer Liste von Tür zu Tür und sammelte für einen Kranz. Meine Großmutter war gehalten, zehn Pfennige zu geben, und auch mein Großvater gab diesen Betrag, wenn er selbst einmal zu dieser Zeit zu Hause war“.
ERZÄHLER:
schildert Reiner Schmidt in seinen Kindheitserinnerungen „Barfuß in der Finsteren Gass“. Das war in den 30er- und 40er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der erste Seelsorger der Fuggerei war Petrus Canisius, geboren im Gründungsjahr 1521. Später wurde er Domprediger in Augsburg und 1925 sogar heiliggesprochen.
Die Reihenhaus-Siedlung hat auch heute noch ihren eigenen Priester, der Andachten und Messen in St. Markus hält. Die Kirche wurde 1581/82 erbaut, viele Male umgestaltet und 1950 neu erbaut nachdem sie durch Luftangriffe im zweiten Weltkrieg zerstört worden war.
MUSIK
O-Ton 15 Rundgang 5 Darius
Hier sind wir in einer der Grünanlagen der Fuggerei, können hier ganz schön die alte Fuggerei-Mauer sehen. Hier war die ursprüngliche Begrenzung, hier unter diesen grünen Hügel ist der Bunker, der Weltkriegsbunker. Heute haben wir unten eine Dauerausstellung zur Zerstörung der Stadt Augsburg im Zweiten Weltkrieg und zum Wiederaufbau.
ERZÄHLER:
In diesem Bunker überlebten 200 Fuggerei-Bewohner die Bombenangriffe in der Nacht vom 24. auf dem 25. Januar 1944:
ZITATOR: Finstere Gass
Unzählige Pfeiftöne jagten einander, dauerten im Anschwellen unverschämt lange, wurden immer lauter, dröhnten kaum ertragbar … Der erste Einschlag! Es hob uns vom Stuhl, Kalk rieselte, das Licht ging aus. Die nächste Mine, die nächste Kugel.
Die Dächer haben sich geschüttelt und ihre Platten auf die Gassen geworfen.
ERZÄHLER:
Die Siedlung wurde bei den Luftangriffen fast völlig zerstört – zum zweiten Mal in ihrer Geschichte; die erste Zerstörung erfolgte 1642 während des Dreißigjährigen Krieges. Aber die Mitglieder des Familienseniorats beschlossen auch dieses Mal, sie schnell wieder aufzubauen. Bereits in den 50er-Jahren war der Wiederaufbau abgeschlossen, danach wurde die Fuggerei sogar um ein Drittel erweitert.
O-Ton 16 Rundgang 5 weiter
Diese Häuserzeile, die gegenüber von dem Bunkereingang ist, die ist historisierend aufgebaut worden, das kam hier als Trümmergrundstück dazu. Wir sehen hier auch das Stifterdenkmal von Jakob Fugger und dahinter sehen wir das breite Dach: Das ist heute die Schreinerei und war in früheren Jahren der Pferdestall.
MUSIK
ERZÄHLER:
Was Jakob Fugger 1521 begonnen hat, funktioniert 500 Jahre später immer noch. Seinen Nachfahren ist es gelungen, die Stiftung in seinem Sinn fortzuführen und im Familienbesitz zu erhalten. Viele Generationen erhielten durch die Fuggerei die Chance für einen neuen Anfang, fanden hier ein neues Zuhause, oft bis an ihr Lebensende. Und das ist bis heute so.
TC 21:48 - Outro
Im 15. Jahrhundert ist Nürnberg Weltstadt! Fernreisende kommen an Nürnberg kaum vorbei. Die Routen Prag - Paris, Venedig - Hamburg, Krakau - Augsburg führen alle über Nürnberg. Exportschlager von der Pegnitz sind Nadeln, Schüsseln, Kannen, Becher, Leuchter, aber auch Plattenharnische und Kanonenrohre mit gezogenen Läufen. Alles Produkte des gerühmten Nürnberger Einfallsreichtums. Von Michael Zametzer (BR 2020)
Credits
Autor: Michael Zametzer
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Thomas Birnstiel
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Ester Guckenberger, Peter Fleischmann
Linktipps:
BR (2023): 1806 – Die Nürnberg Saga
In drei Folgen erzählt "1806 - Die Nürnberg Saga", wie es dazu kam, dass Nürnberg bayerisch wurde: Vom Niedergang und Ende der Freien Reichsstadt bis zum atemberaubenden Wiederaufstieg Nürnbergs zum industriellen Zentrum Bayerns. JETZT ANSEHEN
BR (2023): Das Bayerische Jahrtausend – 15. Jahrhundert: Nürnberg
Im 15. Jahrhundert erhält Nürnberg die Reichskleinodien, den Kronschatz des Heiligen Römischen Reiches. Zugleich wird die Stadt ein Zentrum des Handwerks, der Wissenschaften und des Humanismus. Das neue Weltbild der Renaissance hält Einzug. Zum Film geht es HIER.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:20 – Der Anfang einer großen Stadt
TC 05:02 – Probleme mit dem Burggrafen
TC 07:02 – Der Nürnberger Witz
TC 10:17 – Grausame jüdische Geschichte
TC 13:40 – Heilig, heilig, heilig
TC 17:21 – Kunst & Kultur
TC 19:02 – Vorbei mit Glanz und Gloria
TC 21:40 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO Touristen
1 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Kommen Sie doch ein Stück näher an die Mauer. Dann zeige ich Ihnen von oben einmal die Abgrenzung der ehemaligen Megacity des Mittelalters…
MUSIK
Sprecher:
Der Blick über die Altstadt ist beeindruckend, hier oben, von der Burg aus gesehen. Eingerahmt von der mächtigen, sechs Kilometer langen Stadtmauer mit den charakteristischen, runden Wehrtürmen…
2 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
…ja, jetzt sehen sie hier vorne bei uns die Sebalduskirche und etwas weiter hinten fast wie ein Zwilling die Lorenzkirche.
ATMO Kirchenglocken
Sprecher:
…die beiden Hauptkirchen, die den Altstadtvierteln ihre Namen gegeben haben, getrennt durch die Pegnitz, die durch die Altstadt fließt. Hinten, fast am Horizont, der Reichswald. Heute Naherholungsgebiet, früher Brenn- und Baustofflieferant.
3 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Ja also, ich muss sagen, das ist mein liebster Blick über meine Heimatstadt.
Ich glaube, man kann es hören. Ich bin aus Nürnberg.
Sprecher:
In zwei Stunden führt Esther Guckenberger vom Verein „Geschichte für alle“ ihre Besucher durch die schönsten Ecken der Nürnberger Altstadt. Heute mit über 500.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Bayerns. Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert aber war Nürnberg eine Metropole von europäischem Rang.
4 ZUSP Esther Guckenberger
Also, Köln war zu der Zeit die größte Stadt im Heiligen Römischen Reich. Und Nürnberg und Augsburg waren immer die zweitgrößten und drittgrößten Städte. Wir wissen nicht genau, wie viele Einwohner es hatte. Aber wir rechnen so mit ungefähr 40.000.
MUSIK
Sprecher:
Nürnberg im Mittelalter: das ist eine Handelsmacht, ein Zentrum der Metallverarbeitung. Ort der Innovation und Kunstfertigkeit, von Handel, Gewerbe, Wissenschaft und Kunst.
MUSIK
Sprecher:
Nürnberg im Mittelalter: das ist auch große Politik: Hier halten 32 Kaiser ihre Reichstage ab, hier werden im 15. Jahrhundert die Insignien des Reichs aufbewahrt. „Das Schatzkästlein des Reiches“ – so wird die Stadt an der Pegnitz genannt.
TC 02:20 – Der Anfang einer großen Stadt
Sprecher:
Dabei sind die Anfänge dieser Reichsstadt um das Jahr 1000 herum alles andere als verheißungsvoll. Die Standortfaktoren sind dürftig: Kaum fruchtbarer Boden, keine Bodenschätze. Nur ein bisschen Wald und – Felsen.
5 ZUSP Peter Fleischmann
Ich denke das ganze Pegnitzbecken, das war völlig versteppte Landschaft.
Sprecher:
Peter Fleischmann ist Nürnberger und Historiker an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
6 ZUSP Peter Fleischmann
Sie haben kaum Spuren von Zivilisation oder Siedlung gesehen, und wenn man sich diesen abgeaperten Burgfelsen genähert hat, hat man vielleicht aus der Ferne oben ein paar Holzbauten erkannt und auf der Südseite, am Südhang von diesem Burgfelsen einige Häuser, strohgedeckte Hütten, vielleicht ein Palisadenzaun drumrum, in der Mitte spitzt ein kleiner Kirchturm empor. Das dürfte Nürnberg im elften Jahrhundert gewesen sein. q
Sprecher:
Ins Licht der Geschichte tritt Nürnberg als „Nourenberc“ im Jahr 1050: Der Anlass – ein Freudiger. Der Salierkaiser Heinrich III. bestätigt auf einem Nürnberger Hoftag die Freilassung einer Leibeigenen mit Namen Sigena. Diese „Sigena-Urkunde“ ist der erste Nachweis für die Existenz Nürnbergs. Bescheidene Anfänge. Aber immerhin kamen schon Könige vorbei, hielten Gericht. Zur aufstrebenden Stadt wird Nürnberg aber erst unter der Herrschaft der Staufer.
7 ZUSP Peter Fleischmann
Man muss sich zunächst die Frage stellen: Wovon lebt der König? Das Land des Reiches ist aufgeteilt als Lehenherrschaften. Das sind die großen Fürstentümer. Wo wird aber in der Tat etwas erwirtschaftet? Nur in den Städten, dort, wo Handwerk, wo etwas produziert wird, nicht bloß Ackerbau gemacht wird. Und dort haben die Staufer früh gesehen, dass sich das Kapital sammelt, das hier Waren geschaffen werden, die verkauft werden können. Und hier bekommt der König eine Reichssteuer, die er von den anderen Lehensherren nicht bekommt.
MUSIK
Sprecher:
Um Nürnberg auch gegen Begehrlichkeiten des nahen Bistums Bamberg zu schützen, stellt Friedrich II. die Nürnberger 1219 mit dem „großen Freiheitsbrief“ unter königlichen Schutz. Kaufleute von der Pegnitz bekommen weitreichende Zollprivilegien, dürfen nicht von fremden Gerichten verurteilt werden. Diese Freiheiten sind erste Schritte auf dem Weg Nürnbergs zur freien Reichsstadt – und damit zur eigenen Verwaltung durch einen Stadtrat. Dreh- und Angelpunkt der Macht an der Pegnitz ist aber immer noch die Burg, die sich im Norden auf dem markanten Sandsteinfelsen erhebt. Genau genommen sind es sogar zwei Burgen.
TC 05:02 – Probleme mit dem Burggrafen
ATMO Burg
Sprecher:
Esther Guckenberger lenkt die Aufmerksamkeit auf eine seltsam leere Stelle zwischen der Kaiserburg im Osten und dem großen Getreidespeicher im Westen des Burgbergs.
9 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Dort stand eine Burggrafenburg und sie sagen jetzt: wieso ein Burggraf? Nürnberg hat sich doch als Reichsstadt bezeichnet? Ja, und es war genau das Problem.
Sprecher:
Die Burggrafen sind die höchsten Vertreter des Königs in Nürnberg. Sie entstammen dem Hochadel und werden vom König belehnt. 1190 übernimmt ein bis dato eher unbedeutendes, schwäbisches Adelsgeschlecht das Burggrafenamt. Ein Geschlecht, das in der deutschen Geschichte aber noch eine entscheidende Rolle spielen sollte.
10 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Es gab einen Burggrafen aus der Familie der Zollern oder Hohenzollern, wie sie sich später genannt haben. Und der war den Nürnberger natürlich ein Dorn im Auge, dieser Burggraf, der hier, mitten auf der Burg, auch ein Gebäude hatte, und was mitbestimmen wollte in dieser Stadt.
Sprecher:
Der Konflikt zwischen Burggrafen und der immer selbstbewusster auftretenden Nürnberger Stadt zieht sich über Jahrhunderte und führt immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die schließlich 1420 im Burggrafenkrieg münden – und der Zerstörung der Burggrafenburg. In der Folge ziehen sich die Hohenzollern aus Nürnberg zurück, um in der Fläche, in Ansbach und Bayreuth eine gewaltige Landesherrschaft aufzubauen. Nun sind die Nürnberger Herren über den Burgberg.
MUSIK
Sprecher:
Nach dem Prinzip „Reichstreu, aber frei“ bekennt sich Nürnberg stets zum Kaiser und zahlt auch enorme Summen an Reichssteuern. Im Gegenzug winkt eine Fülle an Privilegien. Und - den Nürnbergern gelingt es 1427, das Amt des Reichsschultheißen, der als Statthalter des Kaisers die Stadt verwaltet hat, zu kaufen. Fortan ist dieser Reichsschultheiß städtischer Beamter. Und Nürnberg wird von einem Rat aus einer Reihe privilegierter Patrizierfamilien regiert.
TC 07:02 – Der Nürnberger Witz
11 ZUSP Peter Fleischmann
Man darf das überhaupt nicht demokratisch sehen, sondern das waren die alten Geschlechter. Das wichtigste Gremium werden die sieben älteren Herren, die sieben grauen Eminenzen. Und das war die eigentliche Stadtregierung.
Sprecher:
Dass diese sogenannte „Republik“ Nürnberg alles andere als demokratisch ist, zeigt auch die Tatsache, dass die eigentlichen Stützen von Wohlstand und Handelsmacht gar nicht vertreten sind: Die Handwerker.
12 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Also wir haben die Rotschmiedgasse und die Kupferschmiedgasse und die Beckschlagergasse und so weiter, also die ganzen Gassen hier heißen auch immer noch so wie die Handwerker, die hier angesiedelt waren, und eine besonders schöne Straße, die wir hier haben, ist die Weißgerbergasse.
Sprecher:
Lederwaren und hochwertig verarbeitete Textilien sind im Hoch- und Spätmittelalter einer der wichtigsten Exportartikel der Reichsstadt Nürnberg. Aber längst nicht der einzige. Die besondere Spezialität der Nürnberger Handerker sind Metallwaren.
MUSIK
Sprecher:
Aus dem Erz der Opferpfalz und dem Brennstoff der nahen Reichswälder entstehen Töpfe, Pfannen, Schüsseln, aber auch kunstvoll geschmiedete Plattenharnische und neuartige Kanonen mit gezogenem Lauf, mathematische Präzisionsinstrumente und Uhren. Der sprichwörtliche „Nürnberger Witz“ lobt nicht etwa den Humor, sondern die Gewitztheit der Nürnberger, sagt der Historiker Peter Fleischmann.
13 ZUSP Peter Fleischmann
Das ist Innovationsfreude, das ist Ideenreichtum, Erfindergeist, und das macht eigentlich, das ist die Wurzel, der spin-off, das macht Nürnberg groß, weil man dann hier ein fantastisches Wissen und Erfahrung entfaltet hat, gerade mit der Metallbearbeitung in allen Varianten. Sie haben im Deutschen Reich keinen Ort, der ein so vielfältiges Handwerk kennt.
Sprecher:
Eine Spezialität der Nürnberger ist die Herstellung von gezogenem Draht - die Grundlage für allerlei kleine Metallprodukte wie Ösen, Nägel, Haken. Massenfertigung made in Nürnberg, nur echt mit dem Nürnberger Wappen - ein Exportschlager! „Nürnberger Tand geht durch alle Land“.
14 ZUSP Peter Fleischmann
Das sind Gegenstände des Alltags, die Masse, und das war das Besondere. Hohe Arbeitsteilung, hoher Output und, ganz wichtig, mit einem Qualitätssiegel: Das ist durch die "Schau" – Qualitätskontrolle - gegangen. Da kann ich mich darauf vertrauen, dass das keine Billigware ist.
Sprecher:
Und für den gewinnbringenden Export des „Nürnberger Tands“ sorgen die günstige Lage an einer reihe wichtiger Fernstraßen, weitreichende Privilegien als Reichsstadt und geschäftstüchtige Handelsfamilien.
15 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Ich zeig hier mal eine Grafik. Da, wo mein Finger ist, ist Nürnberg. Wir sagen oft: Nürnberg sitzt hier wie eine Spinne im Netz. Nach Venedig kamen die Schiffe aus dem Orient, und dann wurden die Gewürze über den Landweg nach Nürnberg transportiert. Ja, und da wurde zum Beispiel eben mit den Städten hier an der Küste Tuch gehandelt, den jetzigen Niederlanden. Dann kam aus Frankreich und Spanien kam Wein, aus Russland kamen Pelze, aus Ungarn kamen die Ochsen - die sind selber gelaufen.
TC 10:17 – Grausame jüdische Geschichte
ATMO Hauptmarkt
Sprecher:
Esther Guckenberger ist mit ihrer Führung mittlerweile auf dem Hauptmarkt angekommen. Die „gute Stube“ Nürnbergs. Er ist der zentrale Platz der Altstadt, am nördlichen Pegnitzufer gelegen. Hier lockt der Christkindlesmarkt jährlich Hunderttausende Besucher zu Glühwein und Lebkuchen – auch so ein Nürnberger Exportschlager übrigens. Und hier steht auch der „Schöne Brunnen“, in Form einer gotischen Kirchturmspitze - ein dreistöckiges Universallexikon des Mittelalters.
16 ZUSP Peter Fleischmann
Und ich zieh ganz gern den Vergleich: Der schönen Brunnen mit seinem ganz reichhaltigen, Figurenschmuck, den wir heute nicht mehr verstehen, den aber die Zeitgenossen alle lesen konnten, das ist Bibel, Brockhaus und Grundgesetz in einem.
MUSIK
Sprecher:
Der Hauptmarkt war aber nicht immer ein Marktplatz. Ursprünglich lebten hier
ungefähr zwölfhundert Juden. Sie standen auch unter dem Schutz des Kaisers und mussten dafür die Judensteuer zahlen. Allerdings weckte die zentrale Lage des jüdischen Ghettos im 15. Jahrhundert Begehrlichkeiten bei den Nürnberger Patriziern.
17 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführererin
Das war die Zeit, in der große Unsicherheit herrschte, da es viele Unwetter gab und Pestwellen. Und so wurden die Juden als Sündenbock aus den Städten getrieben.
Sprecher:
Mehrmals hat es im mittelalterlichen Nürnberg grausame Pogrome an der jüdischen Bevölkerung gegeben. In den Jahren 1348 und 1349 aber erlebt Nürnberg seine wohl größte Krise in der Zeit als Reichsstadt: Nach einem erbitterten Streit um die Nachfolge Kaiser Ludwig des Bayern geht Karl IV. siegreich hervor und reist nach Nürnberg, um sich seine Herrschaft auch vom Rat der Stadt anerkennen zu lassen. Allerdings kommt es darüber in der Stadtregierung zum Streit – der schließlich in die Absetzung des Rates und eine Revolte mündet. Um künftige Aufstände niederzuschlagen, erhält der Stadtrat von Karl IV. einen Freibrief, Aufrührer eigenmächtig zu bestrafen. Zugleich erlaubt diese Urkunde auch Gewalttaten gegen die Nürnberger Juden. Die Folge: ein blutiger Pogrom am 5. Dezember 1349.
18 ZUSP Peter Fleischmann
An diesem Samstag, am Sabbat, bricht in Nürnberg ein Aufruhr los. Da stürmt ein aufgehetzter Pöbel das Ghetto, stürmt Judenhäuser und zerrt die Leute raus, schlägt sie tot. Oder sie werden auf dem heute noch so genannten Judenbühl im Norden Nürnbergs verbrannt.
Sprecher:
562 Juden werden Opfer der Mordaktion, die vor allem kalt kalkulierte wirtschaftliche Motive hatte. Die Überlebenden der jüdischen Gemeinde fliehen aus der Stadt. Dort, wo die jüdischen Häuser standen, sichern sich einige Patrizier lukrative Grundstücke. Die Synagoge wird niedergerissen und an ihrer Stelle die Frauenkirche gebaut. Ihre Reichsarchitektur bestimmt bis heute das Bild des Hauptmarktes.
19 ZUSP Peter Fleischmann
Anstelle der Synagoge baut man eine Marienkirche - ein Muster, das sich auch in Rothenburg oder in Würzburg oder in Regensburg wiederholt. Das ist nichts spezifisch Nürnbergisches. Aber die gewaltsame Vertreibung der Juden, daran sollte man denken, wenn man über den Hauptmarkt geht.
MUSIK
TC 13:40 – Heilig, heilig, heilig
Sprecher:
Mit dem Bau der „Goldene Straße“ nach Böhmen festigt Kaiser Karl IV. die Handelsverbindungen in Richtung Osten. Insgesamt 52mal weilt der Kaiser auf der Burg über der Pegnitz, hält Hoftage und lobt Nürnberg als „vornehmste und bestgelegene Stadt des Reiches“. Und die „Goldene Bulle“ von 1356, das erste „Grundgesetz“ des Reiches, legt nicht nur die Wahl des Königs durch die sieben Kurfürsten in Frankfurt fest, sondern auch dessen Krönung in Aachen, und – den Ort des ersten Reichstages: Nürnberg.
20 ZUSP Peter Fleischmann
Es war die Repräsentation des Reiches, und der König hat Hof gehalten. Das war manchmal nur ein paar Tage, Wochen, es konnte sich aber auch außergewöhnlich über längere Wochen hinziehen – hat aber dann zu Schwierigkeiten bei der Versorgung geführt. Denn nach einer gewissen Zeit waren halt die Weinkeller ausgetrunken, die Getreidespeicher leer gefressen, und dann musste man weiter ziehen.
Sprecher:
Und der Reichstag ist nicht das einzige Großereignis im Nürnberger Kalender:
21 ZUSP Esther Guckenberger:
Dazu möchte ich einen Blick auf das jetzt profanste Gebäude am Platze lenken, also wo das goldene “M” zu sehen ist…
Sprecher:
…Stadtführerin Esther Guckenberger deutet auf die Filiale eines bekannten Hamburgerrestaurants…
22 ZUSP Esther Guckenberger:
…da stand einst ein richtig schönes Patrizierhaus der Familie der Schopper. Und vor dem Schopperschen Haus wurden zwischen den Jahren 1425 und 1524 die Heiltümer gewiesen.
Sprecher:
Die Heiltümer, das sind die Reichskleinodien, Insignien kaiserlicher Macht, wie Zepter, Reichsapfel, Schwert. Und eine Reihe von Reliquien. Kaiser Sigismund hat diesen Reichsschatz aus Sicherheitsgründen 1423 nach Nürnberg bringen lassen.
23 ZUSP Esther Guckenberger
Und Sie glauben nicht, was unsere Kaiser als Reichschatz alles hatten: einen Zahn von Johannes dem Täufer und einen Span von der Krippe und die heilige Lanze – und in der heiligen Lanze, mit der Jesus angeblich in die Seite gestochen wurde, als er am Kreuz hing, war ein Nagel vom Kreuz eingearbeitet…
24 ZUSP Peter Fleischmann
Das ist eine besondere Form der Volksgläubigkeit. Und das war wirklich beseelend. Wir haben zum Teil Verkehrszählungen aus dem 15. Jahrhundert, da sind Zigtausende nach Nürnberg gekommen, waren glücklich, daran, teilnehmen zu dürfen. Das gesehen haben zu können. Und der König war ja weg. Aber in diesen Gegenständen Krone, Reichsapfel, Schwert, Dalmatica - das war eine Verkörperung des Reichs. Da zeigte sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.
MUSIK
Sprecher:
Am Tag der Heiltumsweisung herrscht in Nürnberg Ausnahmezustand: Die Stadt ist zum bersten voll mit Besuchern von weither. Vor einem hölzernen Podest herab weist, also präsentiert, der Heiltumsschreier dem Volk die einzelnen Heiltümer. Und in der Menge halten einige Spiegel in die Richtung der kostbaren Stücke. So soll die wundertätige Kraft, die ihnen nachgesagt wird, eingefangen werden. Für zuhause. Für die kranke Großmutter zum Beispiel, die nicht dabei sein kann. Reichstage, Heiltumsweisungen, Handelsmessen – im 15. und frühen 16. Jahrhundert steht Nürnberg in voller Blüte und entwickelt eine enorme Anziehungskraft.
TC 17:21 – Kunst & Kultur
25 ZUSP Esther Guckenberger
Das Haus, das wir hier haben, ist die ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte unseres wohl bekanntesten Stadtbürgers: von Albrecht Dürer.
Sprecher:
Dürer, der Meister. Das Universalgenie. Und – ein Beispiel für den Erfolg gelungener Integration: Denn Albrecht Dürer hatte Migrationshintergrund. Sein Vater, der ebenfalls Albrecht hieß, stammte aus Ungarn und kam als Goldschmied nach Nürnberg. Albrecht Junior lässt sich in Nürnberg zum Maler ausbilden. Und mehr noch: Er entwickelt ein Verkaufsgenie – und gilt als Erfinder des Labels. Das berühmte Monogram AD kennzeichnet jedes Bild, das seine Werkstatt verlässt.
26 ZUSP Peter Fleischmann
Nürnberg war der Hotspot. Es heißt ja schon bei Martin Luther, Nürnberg ist das Auge und Ohr Deutschlands. Nürnberg lebt von der Zuwanderung. Auch die Zeitgenossen, Veit Stoß, Adam Kraft, die kommen von auswärts. Nürnberger haben natürlich auch eigene Leute rekrutiert. Aber Nürnberg war ein richtiger Magnet. Und weil hier ein Kunstmarkt war, weil hier auch Auftraggeber herkamen, die wussten: Da gibts bedeutende Malerwerkstätten. Da kann ich für eine Kirche einen Hochaltar in Auftrag geben. Oder ich kann wertvolle Goldschmiedearbeiten, Pokale, machen, das machen die Nürnberger am besten.
MUSIK
Sprecher:
So entstehen in Nürnberg zu Beginn des 16. Jahrhunderts das Nürnberg Ei von Peter Henlein – die erste Taschenuhr, oder auch der berühmte Erdapfel, der Globus des Martin Behaim. Auf diese Blüte – die Stadt hat zeitweise etwa 50.000 Einwohner – folgt die Katastrophe.
TC 19:02 – Vorbei mit Glanz und Gloria
Sprecher:
In der Reformationszeit bekennt sich Nürnberg sehr früh zum neuen, protestantischen Glauben. Mit gravierenden Folgen.
27 ZUSP Peter Fleischmann:
Nürnberg war Kaiser- und Reichstreu, und das bricht der Stadt letztlich auch das Genick. Im 16. Jahrhundert hat der Kaiser als Schützer der Christenheit das Problem, dass die Stadt des Reiches Nürnberg sich der Reformation zuwendet und sich damit auch vom Kaiser abwendet und damit unterkühlt das Verhältnis zum Kaiser.
Sprecher:
Von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, bleibt die Stadt zwar militärisch verschont, die nahe Schlacht bei Zirndorf 1632 aber fordert auch innerhalb der Stadtmauer ihren Tribut.
28 ZUSP Peter Fleischmann
In Nürnberg herrscht Chaos. Adlige, Bauern, alles flüchtet sich in die sichere Stadt. Es bleiben viele Verwundete, sieche Soldaten übrig. In Nürnberg grassiert die Hungersnot, und das ist der beste Nährboden, um alle rote Ruhr, Flecktyphus, um diese Seuchen hervorzurufen. Und es ist in der Tat so, dass jeder zweite Nürnberger in den folgenden Jahren 1632 bis 34 stirbt.
MUSIK
Sprecher:
Und von diesem dramatischen demographischen Verlust erholt sich die Stadt nicht mehr, bis sie 1806 Teil des neuen Königreichs Bayern wird. Mit nur 25.000 Einwohnern sackt die einstige Reichsstadt in die politische Bedeutungslosigkeit ab. Was bleibt, ist die bürgerliche Kultur und die Kunstfertigkeit des Handwerks. Ein Herr Goethe kommt nach Nürnberg, weil er die besten Hersteller von mechanischen Instrumenten dort findet. Im 19. Jahrhundert wird Nürnberg zur Industriemetropole Bayerns. Der alte Glanz der Reichsstadt aber ist endgültig weg.
MUSIK
Sprecher:
Und was alle Belagerungen und Plünderungen in über 500 Jahren nicht vermocht haben, das schaffen schließlich Fanatismus und Faschismus: Am 2. Januar 1945 wird das mittelalterliche Nürnberg, von Adolf Hitler zur „Stadt der Reichsparteitage“ zweifelhaft geadelt, von alliierten Bombern zu fast 90 Prozent zerstört.
29 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin
Das Problem ist ja für Nürnberg: Das ist keine mittelalterliche Stadt mehr, sondern es ist eine wiederaufgebaute mittelalterliche Stadt. Und man hat dann direkt nach dem Krieg gesagt: Allmächt, was machen wir jetzt mit unserer Stadt? Es gab verschiedene Szenarien, und eine davon war: wir lassen sie liegen und vergehen und bauen daneben eine moderne Planstadt hin - Bin ich froh, dass es nicht so geworden ist!
TC 21:40 - Outro
Am 14.05.1948 endet das britische Mandat über Palästina. Noch am gleichen Nachmittag ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staat Israel aus. Damit geht der Wunsch vieler Jüdinnen und Juden in Erfüllung, nach den letzten Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung zurückkehren zu können nach Zion, dem "Land der Väter". Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. Von Ulrike Beck (BR 2018)
Credits
Autorin: Ulrike Beck
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Johannes Hitzelberger
Technik: Miriam Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Gudrun Krämer, Peter Lintl
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
BR24: Lost in Nahost – Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza
Der Konflikt im Nahen Osten ist kompliziert. Es ist schwer den Überblick zu behalten. Was werfen die gegnerischen Seiten einander vor? Warum wird so hart gekämpft? In diesem Podcast haben die Korrespondent:innen der ARD aus dem Studio Tel Aviv und Expert:innen aktuelle Fragen beantwortet, erklärt und eingeordnet. ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:02 – Der Vater des Zionismus
TC 06:43 – Eine Geschichte jüdischer Zuwanderung
TC 10:07 – Zwischen den Stühlen
TC 12:49 – Ein Ende der Zurückhaltung
TC 15:13 – Die UN und das „Palästinaproblem“
TC 19:36 – (K)eine Lösung?
TC 23:14 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
1.O-Ton ( David Ben Gurion - unter dem Text weiterlaufen lassen)
Nicht übersetzt: Proklamation Ben Gurion
Erzähler
Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion ruft am 14. Mai 1948 den unabhängigen Staat Israel aus.
O-Ton aus
Nur wenige Stunden nach dem Ende des britischen Mandats über Palästina. Damit geht für viele Juden der Wunsch in Erfüllung, nach den Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung nun nach Zion, in das „Land der Väter“ zurückkehren zu können.
MUSIK
Erzählerin
Die Sehnsucht nach einer Rückkehr ins „verheißene Land“ ist nicht neu. Sie ist so alt wie das fast zweitausendjährige Exil nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. und der Vertreibung der Juden aus Palästina. Die Idee, in Eretz Israel, dem "Land Israel" einen israelischen Staat zu gründen, ist allerdings noch jung.
Erzähler
Sie entsteht Ende des 19.Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Zionismus. Was darunter zu verstehen ist, erklärt die Historikerin und Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer:
MUSIK aus
2.O-Ton: (Krämer ab 0:01)
Im weitesten Sinne die Sehnsucht nach Zion. Ein Alternativbegriff zu Jerusalem. Das kann religiös und kulturell sein. Es kann sich aber auch politisch zuspitzen. Ist dann eine Ausprägung des Nationalismus, wie er sich im 19.Jahrhundert in ganz vielen Formen herausbildete. Und beschreibt im konkreten Fall den jüdischen Nationalismus, der davon ausgeht, dass die Juden nicht nur eine religiöse Gemeinschaft sind, sondern auch eine politische und als solche auch den Anspruch besitzen, den andere Völker haben: die Bildung eines eigenen Staates.
TC 02:02 – Der Vater des Zionismus
MUSIK
Erzählerin
Als Vater des politischen Zionismus gilt Theodor Herzl. Ein jüdischer Intellektueller aus Wien, der ab 1891 als Korrespondent für die Zeitung „Neue Freie Presse“ in Paris arbeitet. Unter dem Eindruck der Affäre um Alfred Dreyfus, der als Hauptmann jüdischer Herkunft wegen angeblicher Militärspionage verbannt wird und zwei Jahre später trotz erwiesener Unschuld verurteilt bleibt, besteht für Herzl Handlungsbedarf.
Erzähler
Als Antwort auf den wachsenden Antisemitismus schreibt Herzl sein Buch „Der Judenstaat“, das zum Manifest für die Selbstbestimmung in einer eigenen Nation werden soll. Darin heißt es:
MUSIK aus
Zitator: (Herzl S. 4)
„Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse. Sie ist eine nationale Frage und um sie zu lösen, müssen wir sie zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird.“
MUSIK
Erzählerin
Die von Herzl angesprochene „Judenfrage“ ist spätestens seit 1881 - nach dem Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. - von existentieller Wichtigkeit. Obwohl die Täter der extremistischen Organisation „Narodnaja Wolja“, übersetzt „Volkswille“, angehören, wird die Schuld zunächst „den“ Juden angelastet. In der Folge kommt es bereits ab 1881 zu einer ersten Welle von Pogromen in Russland und in Polen. Wie mit dieser Situation umgehen? Der Politikwissenschaftler Peter Lintl:
MUSIK aus
3.O-Ton (Lintl ab 1:03)
Für die Genese des Zionismus (…) ganz zentral ist sicherlich der europäische Antisemitismus und die Frage - was in Europa als die sogenannte „jüdische Frage“ bezeichnet wird. Nämlich: Was soll man mit den Juden in Europa machen? Darauf gab es im Judentum auch unterschiedliche Antworten. Zum einen in West- und Zentraleuropa den Versuch, sich zu integrieren und zu akkulturieren, manchmal auch zu assimilieren, d.h. durch größtmögliche Anpassung die Judenfeindschaft zurückzudrängen. In Osteuropa war es eher das Anhängen an der Tradition. (…) da herrschte auch die Hoffnung vor, dass einfach durch Gottvertrauen der Antisemitismus als Phänomen in der Geschichte vorbei gehen würde. Der Zionismus hingegen sagt: Nein, die jüdische Frage kann nicht in Europa gelöst werden, sondern wir müssen unser Schicksal in unsere eigenen Hände nehmen und wir müssen unseren eigenen Staat gründen.
Erzähler
„Der Judenstaat“ erscheint am 14.Februar 1896 in Wien und wird in 18 Sprachen übersetzt. Darin entwirft Theodor Herzl ein Programm, wie es gelingen kann, einen Staat für das jüdische Volk zu schaffen. Als künftige Landessprache erscheint ihm Deutsch geeigneter, als das alttestamentarische Hebräisch. Als passenden Ort favorisiert er neben Palästina auch Argentinien. Gudrun Krämer:
4.O-Ton: (Krämer ab 0:56)
Theodor Herzl war ein bürgerlicher Aktivist. Ein Journalist, der in ganz rechtlichen Bahnen dachte und als Voraussetzung für den Erfolg annahm, dass die (…) führenden europäischen Länder, bzw. Staaten plus die USA diese Idee eines jüdischen Staates unterstützen müssten. So dass hier nicht quasi wild Kolonien und Siedlungen errichtet würden, sondern dass von vornherein eine internationale Gemeinschaft hinter diesem Plan stünde und darauf dringen könnte, in Eretz Israel, also Palästina, oder auch an anderem Orte, einen wohlgeordneten jüdischen Staat entstehen zu lassen.
Erzählerin
Am 3.September 1897 gründet sich auf Initiative Herzls die Zionistische Weltorganisation. Auf ihrem ersten Kongress in Basel verabschiedet die ZWO ihr Grundsatzprogramm. Mit dem zentralen Ziel der „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Jetzt war also klar - es sollte um Palästina gehen.
Erzähler
Doch um dieses Ziel zu erreichen, braucht Theodor Herzl als Präsident der Zionistischen Weltorganisation Unterstützung. Was angesichts des wachsenden Antisemitismus in Europa ein Problem ist. Gudrun Krämer:
5.O-Ton:
Er hatte nicht die Unterstützung der Regierungen, wie viele Teile auch der jüdischen Bevölkerung dieser Idee sehr skeptisch gegenüber standen, nicht so recht sehen konnten, wohin die Reise gehen würde. Er hatte Zuspruch unter jüdischen Gemeinschaften in Osteuropa, obwohl er selber ausgesprochen westeuropäischer Jude war und sich auch in erster Linie an die westeuropäischen jüdischen und nichtjüdischen Eliten richtete. Aber der Druck auf Juden war in Osteuropa stärker als in Westeuropa und daher auch die Zustimmung in jener Zeit der noch recht unspezifischen Idee eines jüdischen Staates.
TC 06:43 – Eine Geschichte jüdischer Zuwanderung
MUSIK
Erzählerin
Die ersten jüdischen Zuwanderer kommen bereits 1882 nach Palästina. Es sind rund 30.000 osteuropäische Juden, die vor allem wegen der antisemitischen Übergriffe in Russland und Polen auswandern. Sie kommen in ein Land, das damals Teil des Osmanischen Reiches ist:
MUSIK aus
Palästina.
MUSIK
Erzähler
Das Land ist keineswegs unbewohnt. 350.000 Menschen leben hier. Die überwiegende Mehrheit sind Araber sunnitisch-muslimischen Glaubens. Neben ihnen gibt es auch eine große christliche Gemeinschaft und gläubige Juden.
AKZENT Glockengeläut Muezzin
Erzählerin
Die Bewohner Palästinas sind Ende des 19.Jahrhunderts vor allem im Süden des Landes sesshaft. Die meisten von ihnen sind Bauern.
Erzähler
In den Städten leben Handwerker, Kaufleute, Unternehmer und die lokale Oberschicht, Notabeln genannt. Außer der Hauptstadt Jerusalem sind vor allem die Hafenstädte Haifa und Jaffa bedeutend, ebenso wie die Bergstadt Nablus.
MUSIK
Erzählerin
Für die Bewohner Palästinas ändert sich mit den neuen Zuwanderern viel. Denn mit der sogenannten zweiten Alija, der zweiten Einwanderungswelle kommen ab 1903 rund 40.000 weitere jüdische Einwanderer, die vor den erneuten Pogromen in Russland und Polen fliehen. Und sich daran machen, auf dem Land Boden zu kaufen, um dort nach sozialistischem Vorbild in Produktionsgemeinschaften Landwirtschaft zu betreiben. Peter Lintl:
6.O-Ton:
Insbesondere die zweite und die dritte Alija war sozialistisch geprägt. Das sieht man nicht nur an den Kibbuzim und Mosharim, also basisdemokratischen Kollektiven, die quasi ohne individuelles Eigentum oder mit sehr wenig individuellem Eigentum auskamen, aber vielmehr sieht man das auch noch in den Idealen, die die zionistische Bewegung der Zeit prägten. Also da war das Ideal des unabhängigen, heroischen Pioniers, des Haluts, des neuen Hebräers, der sein Land - Eretz Israel - bearbeitet und sich damit auch zu eigen macht. Das drückt sich z.B. sehr deutlich in der Formel „Erlösung des Landes durch die Eroberung des Bodens“ aus. Dazu kommt auch das Prinzip der hebräischen Arbeit. Man wollte unabhängig sein von arabischen Arbeitern und wollte alles selbst erarbeiten.
Erzähler
Die jüdischen Zuwanderer verwenden moderne Technologien, um den Boden zu bearbeiten und zu bewässern. Sie bauen Zitrusfrüchte an, die für den Export bestimmt sind. Die meisten von ihnen leben allerdings nicht auf dem Land, sondern lassen sich in den Städten nieder. Sie brauchen Platz. 1909 entsteht neben der alten Hafenstadt Jaffa die heutige Millionenmetropole Tel Aviv.
Erzählerin
Schon bald beginnen die jüdischen Bewohner Palästinas sich zu organisieren. Sie gründen nicht nur Vereine, Verbände und Clubs, sondern errichten auch Bibliotheken und das Technion in Haifa - die erste Universität.
Mit Gründung der Gewerkschaftsorganisation Histadrud schaffen sie sich einen eigenen Arbeitsmarkt. Und organisieren zum Schutz ihrer Siedlungen Wächter, die Schomreen.
Erzähler
Zwischen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Zuwanderern bilden sich in dem kleinen Land Parallelgesellschaften heraus.
MUSIK
TC 10:07 – Zwischen den Stühlen
Erzählerin
Bis 1917 steht Palästina unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Doch gegen die Osmanen formiert sich schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts die nationalarabische Bewegung. Ihr Ziel ist ein unabhängiges Vereinigtes Arabisches Königreich, das neben Palästina auch Syrien, den Libanon und Jordanien umfassen soll.
Erzähler
Ein Plan, der nicht aufgeht, denn im Ersten Weltkrieg erhöht sich der Stellenwert Palästinas für die europäischen Großmächte.
MUSIK aus
Großbritannien erobert das Land und erhält 1922 das Mandat über Palästina. Peter Lintl:
7.O-Ton
Zunächst ist für Großbritannien Palästina strategisch wichtig. Der Zugang zum Suezkanal ist eine Sache. Ist ein Teil der Landbrücke nach Indien und alle Wege nach Indien sind für das britische Empire zur Zeit des Kolonialismus einfach zentral. In Palästina wird Großbritannien tatsächlich vor eine Herausforderung gestellt, weil es klar ist, dass es zwei verschiedenen Interessen gerecht werden muss. Einmal der palästinensischen Seite, die dort einen Staat errichten will.
Zumindest im Laufe der Zeit kristallisiert sich der palästinensische Nationalismus immer klarer heraus. Und auf der anderen Seite dem Zionismus, der das ähnliche Ziel hat oder das nämliche. Deswegen spricht man von der doppelten Verpflichtung der Briten, der dual Obligation, die sie zu erfüllen hat.
Erzählerin
Schon rund fünf Jahre zuvor, am 2.November 1917, schreibt der britische Außenminister Lord Arthur Balfour an den Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung in England einen Brief, der als „Balfour-Erklärung“ von zentraler Bedeutung sein wird. Darin verspricht Balfour Lord Lionel Walter Rothschild:
Zitator:
"Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte."
8.O-Ton: ( Krämer ab ca. 15:15)
Dieses Versprechen, das zunächst keine völkerrechtlich bindende Funktion hatte, wurde in den Mandatsvertrag übernommen, bzw. in dessen Präambel und erhielt dadurch ein ganz anderen rechtlichen Status. Hinzu kam aber eine Verpflichtung, die Großbritannien als Mandatsmacht gegenüber der lokalen Bevölkerung - mehrheitlich arabisch - sie bereit zu machen für die Übernahme politischer Verantwortung. In letzter Konsequenz für die Unabhängigkeit. Und wie sich herausstellen sollte, konnte man nicht beiden Seiten gerecht werden.
TC 12:49 – Ein Ende der Zurückhaltung
MUSIK
Erzähler
Ab 1919 kommen mit der dritten und vierten Alija 115.000 jüdische Zuwanderer nach Palästina. Es sind so viele, dass die arabische Bevölkerung befürchtet, bald in der Minderheit zu sein. Es kommt zu ersten blutigen Ausschreitungen, die sich ab 1920 zunächst gegen die Zionisten richten, bald jedoch auch gegen die britischen Mandatsbehörden. Der Konflikt führt dazu, dass sich die jüdischen Einwanderer militarisieren. Die jüdische Armee, die „Hagana“ formiert sich. Peter Lintl:
MUSIK aus
9.O-Ton:
Bis dato war eigentlich das Prinzip der Zurückhaltung - geprägt noch von einem jüdischen Quiezismus noch aus der Exilszeit zu sehen, aber danach mit der weiteren Eskalation des Konflikts kann man sehen, wie sich auch der Zionismus Stück für Stück militarisiert. Grundsätzlich ist natürlich der Konflikt: Wem gehört das Land? Und über diesen Konflikt kommt es zu mehreren Ausbrüchen von Gewalt. Ganz bekannt ist 1920/21, dann 1929 und dann zum größeren palästinensischen Aufstand 1936 bis '39, der dann von den Briten relativ blutig niedergeschlagen wird.
Erzählerin
Um die zunehmende Eskalation der Gewalt zwischen beiden Seiten einzudämmen, machen die britischen Mandatsträger im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges der arabischen Seite Zugeständnisse. Mit dem MacDonald-Weißbuch beschränkt Großbritannien im Mai 1939 die Einwanderung von Juden auf 75.000 für die nächsten fünf Jahre. Gudrun Krämer:
10.O-Ton:
Die Konsequenzen waren von vornherein abzusehen. Die Briten banden die Zahl der Zuwanderer an die Aufnahmefähigkeit des arabischen Sektors - so war die Formulierung, also zunächst einmal an die wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Setzten aber noch eins drauf, indem sie auch die politische Willigkeit der arabischen Bevölkerung mit in Rechnung nahmen. Und die Konsequenz war ganz klar, dass dieses die Zuwanderungsmöglichkeit der jüdischen Zuwanderer nach Palästina begrenzte. In einer Zeit, in der durch den Antisemitismus und die Judenverfolgung in großen Teilen Europas der Druck auf die jüdischen Bewohner Europas wuchs, sich eine Alternative zu suchen, also auszuwandern. Darunter auch nach Palästina.
TC 15:13 – Die UN und das „Palästinaproblem“
Erzähler
Bis über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus versucht der britische Mandatsträger, europäische Juden daran zu hindern, in Palästina einzuwandern. Dennoch ist die Zahl der illegalen Immigranten in der Zeit der NS-Diktatur hoch. Rund 75.000 schaffen es, trotz der restriktiven Politik, nach Palästina zu kommen.
MUSIK
Erzählerin
Als Exempel gegen die illegale Einwanderung wird zwei Jahre nach dem Ende des Holocaust die Odyssee des Schiffes „Exodus“ weltweit bekannt. Das Schiff steuert im Juli 1947 mit über 4.000 jüdischen KZ-Überlebenden an Bord den Hafen von Haifa an. 20 Meilen vor der Küste wird die „Exodus“ von britischen Kriegsschiffen angegriffen. Die Passagiere werden im Hafen auf drei britische Gefängnisschiffe verteilt und nach Frankreich zurückgeschickt.
Erzähler
Dort weigern sie sich, an Land zu gehen. Die Odyssee geht weiter - über Gibraltar nach Hamburg. Wo die jüdischen Flüchtlinge mit Gewalt von Bord geholt und in Lagern untergebracht werden. Gesichert mit Wachtürmen und Stacheldraht.
Unter dem Druck der weltweiten Empörung kommen die Passagiere der „Exodus“ im Oktober 1947 frei.
MUSIK aus
Erzählerin
Schon Monate vor dem Drama der „Exodus“ sieht sich die Mandatsmacht Großbritannien nicht mehr in der Lage, sowohl für den jüdischen, als auch für den arabischen Teil der Bevölkerung in Palästina eine annehmbare Lösung zu finden. Daher beschließt die britische Regierung am 14. Februar 1947, das „Palästinaproblem“ an die Vereinten Nationen zu übergeben.
MUSIK
Erzähler
Damit übernehmen die 1945 gegründeten Vereinten Nationen als Nachfolger des Völkerbundes die Aufgabe, eine Lösung für die politische Zukunft Palästinas zu finden. Sie setzen eine Sonderkommission ein, das „United Nations Special Committee on Palestine“, kurz: UNSCOP.
Erzählerin
Das in seinem Bericht den Plan vorlegt, Palästina zu teilen.
MUSIK aus
In einen jüdischen Staat, bestehend aus 56 Prozent des Territoriums. Und einen arabischen Staat, bestehen aus 43 Prozent des Territoriums. Jerusalem mit seiner zentralen Bedeutung für Juden, Christen und Muslime soll als internationales Gebiet neutral bleiben.
Erzähler
Am 29.November 1947 stimmt die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 dafür, Palästina zu teilen und das britische Mandat aufzuheben.
11.O-Ton ( UN-Vollversammlung)
Erzählerin
Gegen die Resolution stimmen nicht nur Afghanistan, Ägypten, Iran, Irak, Jemen, Libanon und Pakistan, sondern auch Griechenland, Indien und Kuba
MUSIK
Erzähler
Für den Fall der Verwirklichung des Teilungsplanes kündigt die 1945 gegründete Arabische Liga bereits im Vorfeld an, militärische Maßnahmen zu ergreifen und eine „Arabische Befreiungsarmee“ aufzustellen. Unmittelbar nach dem UN-Beschluss kommt es in Palästina zu erbitterten Gefechten zwischen arabischen und jüdischen Militäreinheiten. Am 1. April 1948 beginnt der Plan Dalet. Eine Offensive der Hagana, der jüdischen Armee. Gudrun Krämer:
MUSIK aus
12. O-Ton:
Die Kommission der Vereinten Nationen hatte nach sorgsamer Betrachtung der Realitäten zwei Staaten vorgeschlagen, die jeweils aus nur lose miteinander verknüpften kleinen Territorien bestehen würde. Und hatte dabei der jüdischen Seite dabei mehr Land zugesprochen, als zu dieser Zeit von Juden rechtlich besessen war. Also erworben, gekauft worden war. (…) Das war natürlich konfliktträchtig. Und der Plan Dalet, Plan D., lief nun darauf hinaus, das Land, das die Vereinten Nationen den Juden zugesprochen hatte, auch tatsächlich militärisch zu kontrollieren. Also gewissermaßen im Vorgriff auf die Ausrufung des jüdischen Staates bereits Realitäten zu schaffen. Und dieses war nur möglich durch Anwendung von Gewalt.
TC 19:36 – (K)eine Lösung?
MUSIK
Erzählerin
Im Laufe der Militäroffensive kommt es am 9. April 1948 zum Massaker im arabischen Dorf Deir Yassin, bei dem 250 Menschen ermordet werden.
Die meisten davon sind Frauen und Kinder. Verantwortlich für das Massaker sind die extremistischen Untergrundorganisationen Lehy und Irgun, die damit die arabische Bevölkerung einschüchtern und vertreiben wollen. Peter Lintl:
MUSIK aus
13.O-Ton:
Das Massaker von Deir Yassin wurde verübt von zwei Organisationen und die hatten ganz offensichtlich das Ziel, das Dorf zu säubern. Die Hagana selbst, also die Hauptverteidigungsarmee der Zionisten, hatte damit nichts zu tun und hat dieses Massaker auch verurteilt. Gleichwohl auch die Hagana hat dann in Flugblättern, die dann über Haifa abgeworfen worden sind, Andeutungen gemacht, dass es dieses Massaker gegeben hätte und hat das dann ein Stück weit instrumentalisiert. Sie wollten nicht sagen, dass sie das auch verüben, aber damit Furcht geschürt. Umgekehrt hat der jüdische Bürgermeister von Haifa die Araber, die daraufhin geflohen sind, aufgerufen, hier zu bleiben.
MUSIK
Erzähler
Die radikalen Kampforganisationen „Irgun“ und „Lehi“ verüben auch Attentate gegen britische Verwaltungseinrichtungen und Politiker. Am 22. Juli 1946 sprengt ein Kommando der Gruppe „Irgun“ das „King David Hotel“ in Jerusalem in die Luft. Bei dem Sprengstoffattentat auf das Hotel, dem Sitz mehrerer Abteilungen der britischen Mandatsverwaltung, kommen 91 Menschen ums Leben.
MUSIK aus
Erzählerin
Am 14. Mai 1948 verlässt der letzte britische Hochkommissar Sir Alan Cunningham Palästina. Einige Stunden nach dem Ende des britischen Mandats tritt der jüdische Volksrat im Stadtmuseum von Tel Aviv zusammen. Wo David Ben Gurion unter dem Porträt Theodor Herzls die Proklamation des Staates Israel verliest.
14.O-Ton (nochmal O-Ton Ben Gurion)
Erzähler
Mit der Gründung des Staates Israels wird Theodor Herzls Vision eines jüdischen Staates in Palästina Wirklichkeit. Nur wenige Stunden nach der Proklamation erkennen die USA und die Sowjetunion den neuen Staat an. Gudrun Krämer:
15.O-Ton:
Aus zionistischer Sicht war das der Erfolg, den man herbeigesehnt hatte und den man mit allen Mitteln zu verteidigen gewillt war. Wenig überraschend ist auch die Reaktion auf arabischer Seite, wo selbstverständlich die Gründung dieses Staates als Desaster empfunden wurde. Zumal er sich verband nicht mit der Gründung eines palästinensisch-arabischen Staates, sondern der Vertreibung von etwa 700.000 Arabern aus dem nun jüdischen Staat. und daher das, was man im arabischen als „Nakba“ kennt, also die Katastrophe.
MUSIK
Erzählerin
Am Tag nach der Staatsgründung wird Israel von den umliegenden arabischen Staaten angegriffen und muss sich gegen die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Libanon und des Irak zur Wehr setzen. Was mithilfe von Waffen aus dem Ausland gelingt. Der erste Nahostkrieg endet 1949 mit dem Sieg Israels. Ein Erfolg, durch den sich der noch junge Staat etabliert.
MUSIK aus
TC 23:14 – Outro
Seit Jahrzehnten ist der Nahost-Konflikt ungelöst. Die Hintergründe sind kompliziert. Verbunden mit der Gründung Israels 1948 wurden Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben oder flohen. Die Vertreibung ist in der arabischen Welt unter dem Begriff Nakba ("Katastrophe") bekannt. Bis heute sind weltweit mehrere Millionen Menschen mit palästinensischen Wurzeln staatenlos. Auch für Palästinenser, die im Westjordanland leben, ist die Lage seit langem schwierig - und im Gazastreifen inzwischen verzweifelt. Ein Rückblick. Von Claudia Steiner (BR 2024)
Credits
Autorin: Claudia Steiner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Katja Amberger, Sebastian Fischer
Technik: Miriam Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Sarah El Bulbeisi, Dr. Jan Busse, Prof. Eckart Woertz
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
BR24: Lost in Nahost – Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza
Der Konflikt im Nahen Osten ist kompliziert. Es ist schwer den Überblick zu behalten. Was werfen die gegnerischen Seiten einander vor? Warum wird so hart gekämpft? In diesem Podcast haben die Korrespondentinnen und Korrespondenten der ARD aus dem Studio Tel Aviv zusammen mit Fachleuten aktuelle Fragen beantwortet, erklärt und eingeordnet.
ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:26 – Wie alles begann
TC 04:16 – Zwei Staaten, eine Lösung?
TC 06:55 – Tabu, Trauma & Identität
TC 10:51 – Die Folgen der Vertreibung
TC 15:34 – Im Gazastreifen
TC 20:52 - Wendepunkte
TC 24:30 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO (aus Archiv, z.B. Kampf-Geräusche)
SPRECHERIN
Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern beschäftigt die Welt seit Jahrzehnten. Es ist ein Konflikt, mit dem sich die Vereinten Nationen und viele Staats- und Regierungschefs befasst haben – immer wieder. Es gab verschiedene Ideen und Ansätze. Doch eine Lösung wurde bisher nicht gefunden.
ATMO (aus Archiv, z.B. Kampf-Geräusche)
SPRECHERIN
Der Staat Palästina wurde 1988 formal proklamiert. Bis heute ist er von 139 Staaten anerkannt. Viele arabisch-sprechende Länder, aber auch Russland, große Teile Afrikas und Südamerikas, aber auch Schweden kennen den Staat Palästina an - die USA, Frankreich oder auch Deutschland nicht. Doch wer sind die Palästinenser? Was fordern sie? Und was bedeutet dieser Konflikt mit Israel für das Leben der Menschen im Gazastreifen, im Westjordanland, in den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten oder im Exil in anderen Ländern? Die Lebenswirklichkeiten der Palästinenser unterscheiden sich – je nachdem wo sie ansässig sind - teils stark; und damit auch ihre Probleme und Ängste. Was viele eint, ist das Trauma der Nakba, also die Flucht und Vertreibung im Jahr 1948 und die Hoffnung, wieder in ihre Dörfer und Städte zurückkehren zu können.
MUSIK (z.B. Dabke-Tanz/Musik)
SPRECHERIN
Die historische Region Palästina bezeichnet ein Gebiet an der südöstlichen Mittelmeerküste. In der Region herrschten unter anderem Philister, Israeliten, Assyrer, Babylonier, Perser, Römer, Byzantiner, verschiedene arabische Dynastien und die Osmanen. Seit dem späten 7. Jahrhundert lebten dort Juden, Christen und Muslime. Ebenso wie Israelis verweisen Palästinenser auf biblische Vorläufer, sagt der Politologe Jan Busse von der Universität der Bundeswehr München.
O-TON 1 (Busse, 1.04)
Also man beruft sich bei den Palästinensern ein Stück weit auf die Philister und sieht da auch eine sprachliche Nähe zu dem Begriff Palästinenser, ein Stück weit vielleicht auch zu den Kanaanitern, aber natürlich auch zu den großen arabischen Dynastien, den Umayyaden, Abbasiden, Fatimiden. (…) Aber ich glaube, entscheidend ist vielmehr diese Idee eines Nationalbewusstseins als modernes Phänomen.
TC 02:26 – Wie alles begann
MUSIK
SPRECHERIN
Im Jahr 1834 kam es im Osmanischen Reich zu einem Bauernaufstand, der sich gegen die Wehrpflicht und Steuerpolitik richtete. Manche Historiker betrachten diesen Aufstand als Geburtsstunde des palästinensischen Nationalismus. Andere sprechen erst gegen Ende des 19. beziehungsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einer nationalen Identität der Palästinenser.
O-TON 2 (Busse, 2.20)
Und die Soziologie hat es sehr gut gezeigt: Identitäten bilden sich eigentlich immer in Abgrenzung zu einem Gegenüber und vor dem Hintergrund – das gilt für beide Gruppen, für Israelis und Palästinenser - spielt eben dieses Andere, dieses Gegenüber da eine ganz zentrale Rolle.
SPRECHERIN
Im Ersten Weltkrieg eroberten britische Truppen Palästina – das Land wurde britisches Mandatsgebiet. 1882 waren noch mehr als 96 Prozent der Bevölkerung arabisch beziehungsweise palästinensisch. Juden machten nur etwas mehr als drei Prozent aus. Seit Ende des 19. Jahrhundert nahm die jüdische Zuwanderung zu – der in Europa entstehende politische Zionismus hatte das Ziel, einen jüdischen Nationalstaat zu gründen. Angesichts der Verfolgung in Europa wanderten schließlich immer mehr Juden ins biblische „Heilige Land“ ein. 1931 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung bereits 16 Prozent, 1946 dann 31 Prozent. Dies führte zu blutigen Zusammenstößen und Aufständen – die Gewalt ging von beiden Seiten aus:
O-TON 3 (Busse, 7.52)
Die britische Mandatsverwaltung hat selbst in den 30er-Jahren schon Teilungspläne vorgeschlagen, weil sie eben gemerkt hat, dass das eine Lösung darstellen könnte, weil es eben immer wieder zu Spannungen zwischen der damaligen arabischen und jüdischen Bevölkerung kam.
TC 04:16 – Zwei Staaten, eine Lösung?
MUSIK
SPRECHERIN
Um die aufgeheizte Stimmung in den Griff zu bekommen, schränkte die britische Besatzung den Zuzug von Juden ein – zu einer Zeit, in der die Verfolgung von Juden in Deutschland unter der NSDAP immer weiter zunahm. Doch Unmut richtete sich nun nicht nur gegen die jeweils andere Bevölkerungsgruppe, sondern auch gegen die britische Besatzung. Sowohl Araber als auch Juden nahmen die Briten als Besatzungsmacht wahr, die den eigenen nationalen Bestrebungen im Weg standen. Die Briten bekamen den Konflikt nicht unter Kontrolle und wollten die Verantwortung für das Mandat abgeben, auch wegen der Kosten. Sie baten deshalb die 1945 neu gegründeten Vereinten Nationen um Hilfe. Ein UN-Sonderausschuss erarbeitete einen Lösungsvorschlag. Im November 1947 verabschiedete die UN-Generalversammlung einen Teilungsplan. In der Resolution 181 (II) hieß es. Die Generalversammlung…
ZITATOR
…empfiehlt dem Vereinigten Königreich als der Mandatsmacht für Palästina und allen anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen hinsichtlich der künftigen Regierung Palästinas die Verabschiedung und Durchführung des nachstehend dargelegten Teilungsplans mit Wirtschaftsunion…
SPRECHERIN
33 Staaten stimmten für die Resolution, 13 dagegen, unter ihnen mehrere arabische Staaten. Es gab zehn Enthaltungen. Der Plan sah eine Teilung des Gebiets vor, sagt Jan Busse. Doch:
O-TON 4 (Busse, 6.02)
Das Problem war allerdings, dass eben 56 Prozent dieses Staates einem jüdischen Staat zugeschlagen werden sollten und 43 Prozent einem arabischen, wohingegen das Bevölkerungsverhältnis so aussah, dass wir 70 Prozent Araber hatten und 30 Prozent Juden. Und vor dem Hintergrund lehnte die arabische Seite diesen Plan ab und war nicht zu einer Teilung bereit, was ihr teilweise bis heute vorgeworfen wird, wohingegen die Vertreter des politischen Zionismus auf jüdischer Seite
diesen Plan eben zugestimmt haben.
SPRECHERIN
Offiziell zumindest, tatsächlich spekulierte die jüdische Seite auch auf Gebiete, die laut UN-Plan der arabischen Seite zustanden, sagt Professor Eckart Woertz. Er ist Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.
O-TON 5 (Woertz, 7.22)
Wir wissen aus Hintergrundgesprächen, Tagebuchnotizen und so weiter vom israelischen Staatsgründer Ben-Gurion, dass das Verständnis auf israelischer Seite war: Na ja, jetzt akzeptieren wir das erst mal. Danach können wir immer noch vielleicht irgendwie expandieren.
TC 06:55 – Tabu, Trauma & Identität
SPRECHERIN
Am 14. Mai 1948 verließen die letzten britischen Truppen Palästina. Der designierte Ministerpräsident David Ben-Gurion rief den Staat Israel aus. Schon in der darauffolgenden Nacht griffen Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Libanon und der Irak Israel an. Das israelische Militär bestand aus Kämpfern aus Untergrundorganisationen und Freiwilligen. Dieser Krieg ging mit zwei Namen in die Geschichte ein: Für Juden ist es der Unabhängigkeitskrieg, für Araber die Nakba, die Katastrophe. Israelische Einheiten eroberten im Laufe des Kriegs etwa 40 Prozent des Gebiets, das laut UN-Teilungsplan der arabischen Bevölkerung zustand. Viele arabische Dörfer und Städte wurden zerstört. Nach Angaben der Vereinten Nationen flohen etwa 700.000 Palästinenser, die palästinensische Seite nennt höhere Zahlen. Die Menschen flüchteten unter anderem in den Libanon, nach Syrien, nach Jordanien, wo heute rund die Hälfte der Bevölkerung palästinensische Wurzeln hat, ins Westjordanland und in den Gazastreifen.
ATMO (aus Archiv, z.B. Kampf-Geräusche)
SPRECHERIN
Es folgten zahlreiche weitere militärische Konflikte: 1967 kam es zum Sechstagekrieg. Israel reagierte auf eine Bedrohungslage durch Ägypten, Jordanien und Syrien mit einem Präventivschlag gegen die Luftwaffenbasen seiner Nachbarstaaten. Israel eroberte im Zuge des Kriegs das Westjordanland inklusive Ost-Jerusalem, den Gazastreifen, Teile der Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel. Erneut flüchteten Hunderttausende Palästinenser, zum Teil auch, weil ihr Land annektiert und ihnen damit ihre Lebensgrundlage entzogen wurde. Diejenigen, die blieben, lebten nun im Westjordanland, in Jerusalem und im Gazastreifen unter israelischer Besatzung und Militärverwaltung. Sarah El Bulbeisi vom Orient-Institut in Beirut spricht von einem kollektiven Trauma. Die Wissenschaftlerin, deren Familienangehörige im Gazastreifen leben, promovierte zum Thema Tabu, Trauma und Identität von Palästinensern in Deutschland und der Schweiz.
O-TON 6 (Bulbeisi, 3.57)
Mittlerweile verstehen Palästinenserinnen unter Nakba eben nicht nur diese Massenvertreibungen von 1947, 48, sondern die Vertreibungen, die bis heute andauern, also auch die Vertreibungen zur Zeit des Kriegs (…) 1967, die Vertreibungen, die im Zuge der Besatzung erfolgten, wo wieder mehrere Hunderttausend Palästinenser vertrieben wurden. (…) Aber mittlerweile verstehen Palästinenser unter Nakba auch die Vertreibung, deren Zeugen wir heute sind, die Vertreibungen, die im Zuge des Gazakriegs, die 2023 und 2024 erfolgen.
SPRECHERIN
Gemeint ist die jüngste Flucht der Menschen im abgeriegelten Gazastreifen vom Norden in den Süden nach dem brutalen Angriff der radikal-islamischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Nach israelischen Angaben wurden mehr als 1.200 Menschen getötet, mehr als 2.700 verletzt. Es gab Vergewaltigungen and andere Gräueltaten. Mehr als 250 Geiseln wurden verschleppt. Auf diesen Angriff reagierte Israel mit einem Gegenangriff. Nach Angaben des Palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza sind bei diesen Militäraktionen mit Stand Anfang April mehr als 33.000 Menschen getötet worden, knapp 76.000 Menschen wurden verletzt, und tausende Opfer, die noch nicht geborgen werden konnten, werden unter den Trümmern vermutet. Das palästinensische Gesundheitsministerium wird von der Hamas geführt, die Vereinten Nationen erachten aber die Zahlen als weitgehend richtig.
TC 10:51 – Die Folgen der Vertreibung
SPRECHERIN
Viele Palästinenser kennen die Geschichte der Vertreibung aus Erzählungen ihrer Großeltern und Eltern. Viele jüngere Menschen mussten selbst schon fliehen oder wurden vertrieben. Die Folgen dieser Fluchterfahrungen seien verheerend, betont Sarah El Bulbeisi.
O-TON 7 (Bulbeisi, 8.49)
Also Vertreibung ist eigentlich nur eine Hälfte der Gewalterfahrung, die Nichtanerkennung dieser Gewalterfahrung, die Nichtanerkennung der (…) systematischen Vertreibung ist eigentlich das, was mindestens so prägend ist. Und wir wissen auch aus der Traumaforschung, dass Trauma nicht einfach ein einzelnes Ereignis ist, dass Trauma immer ein Prozess ist, und es ist essenziell, wie Gesellschaft, wie die Umwelt auf Gewalterfahrung reagiert. Und im palästinensischen Kontext war es eben so, dass diese Gewalterfahrung negiert und einem aberkannt wurde und diese Tabuisierung der palästinensischen Gewalterfahrung, die hat dazu geführt, dass Menschen, ganze Biografien (…) zerbrochen sind an diesem Gefühl, eigentlich keine Menschen zu sein.
SPRECHERIN
Das Trauma der Vertreibung beeinflusst das Leben vieler Palästinenser, in den besetzten Gebieten, aber auch in der Diaspora. Viele hegen den Wunsch auf Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren, betont Eckart Woertz.
O-TON 9 (Woertz, 19.02)
Selbst Kinder, die die Abstammungsregionen ihrer Eltern nie kennengelernt haben, sprechen dann von ihrem Heimatdorf, das da und da war und jetzt halt im heutigen israelischen Kernland ist. Also auch diese Vision, dass man da vielleicht noch einmal zurückkehren kann, das - denke ich - auch in einer Zwei-Staaten-Lösung so nicht realisierbar ist. Das ist, glaube ich, eine Pille, die die Palästinenser werden schlucken müssen, dass es ein Rückkehrrecht so nicht geben wird. Aber klar, das ist ganz klar ein Sehnsuchtsort auch für Palästinenser in der Diaspora.
MUSIK
SPRECHERIN
Als Folge der ersten großen Vertreibung wurde Ende 1949 das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, kurz UNRWA, gegründet. Die Organisation soll palästinensischen Flüchtlingen Hilfe und Schutz gewähren. Eckart Woertz:
O-TON 10 (Woertz, 21.07)
Das UNRWA, das Hilfswerk speziell für die Palästinenser (…) ist ein ganz wichtiger Dienstleistungsfaktor in den palästinensischen Gebieten, von Nahrungsmittellieferung bis zum Schulwesen und so weiter. Wird hier auch von Israel kritisiert, dass die sagen: Da wird so ein Flüchtlingsstatus,- sagen wir mal - verewigt, weil, das gilt ja normalerweise nur für Leute, die diese Fluchterfahrung noch haben.
SPRECHERIN
Beim Palästinenserflüchtlingshilfswerk UNRWA sind 5,9 Millionen palästinensische Flüchtlinge registriert. Sie nehmen völkerrechtlich eine Sonderstellung ein: Nur den palästinensischen Flüchtlingen der ersten Vertreibung wird der Flüchtlingsstatus zuerkannt. Der Status wird aber auf Nachkommen vererbt. UNRWA kümmert sich um die Versorgung von registrierten Palästina-Flüchtlingen im Gazastreifen, im Westjordanland, Jordanien, Syrien und im Libanon. Weil sich mehrere Mitarbeiter des Hilfswerks am Angriff gegen Israel am 7. Oktober beteiligt haben sollen, gab es zuletzt scharfe Kritik an der UNRWA.
MUSIK
SPRECHERIN
Viele UNRWA-Flüchtlinge und Palästinenser sind staatenlos. Das heißt: Sie können nicht eingebürgert werden, nicht arbeiten, nicht reisen. In Deutschland können sie zum Beispiel auch kein Asyl beantragen. Sie werden nur geduldet. Auch die Tatsache, dass die Palästinensische Befreiungsorganisation 1988 einen unabhängigen palästinensischen Staat ausrief, ändert daran nichts, denn Berlin hat zwar ein Vertretungsbüro in Ramallah, erkennt Palästina aber nicht als unabhängigen Staat an. Weltweit gibt es etwa 14,5 Millionen Palästinenser, davon etwa fünfeinhalb Millionen im Westjordanland und im Gazastreifen. Viele Palästinenser leben zudem in Golfstaaten, in Mitteleuropa, in Nordamerika oder auch in Chile. Jan Busse:
O-TON 11 (Busse, 3.16)
Und dann gibt es natürlich auch noch knapp zwei Millionen arabische Israelis, also Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und auch einen Teil in Ost-Jerusalem, was unter israelischer Kontrolle ist.
TC 15:34 – Im Gazastreifen
SPRECHERIN
Im Gazastreifen, dem Küstenstreifen, dessen Grenzen von Israel und Ägypten kontrolliert werden, war die Lebenssituation der Menschen schon vor dem 7. Oktober 2023 schwierig. Nach Angaben der Weltbank waren dort rund die Hälfte der Menschen arbeitslos, mehr als zwei Drittel von Hilfslieferungen abhängig: Als Folge der israelischen Angriffe auf die Hamas im Gazastreifen liegen inzwischen weite Teile des Küstenstreifens in Trümmern. Auch im Westjordanland gibt es seit langem starke Einschränkungen. Jan Busse:
O-TON 12 (Busse, 19.44)
Es ist im Grunde so, dass das Leben im Westjordanland geprägt ist dadurch, dass es eben die israelische Besatzung gibt und die Präsenz von inzwischen, wenn man Ost-Jerusalem mitzählt, 700.000 Siedlerinnen und Siedlern. Das sorgt dafür, dass die Menschen dort mit einer extremen Unsicherheit konfrontiert sind, denn es kommt immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen von militanten Siedlern, die teilweise Olivenbäume zerstören oder auch gewalttätig Personen angreifen.
SPRECHERIN
Zudem ist im Westjordanland die Bewegungsfreiheit der Palästinenser massiv eingeschränkt, es gibt zahlreiche Kontrollpunkte. Viele Ortschaften sind abgeriegelt. 2016 bezeichnete der UN-Sicherheitsrat den Siedlungsbau als Verletzung des internationalen Rechts und forderte Israel auf, alle Siedlungsaktivitäten zu stoppen. Die Einflussmöglichkeiten der palästinensischen Autonomiebehörde von Präsident Mahmud Abbas von der Fatah-Bewegung sind begrenzt. Abbas, Nachfolger des einst populären ersten Palästinenser-Präsidenten Jassir Arafat, wird von vielen Palästinensern als kraftlos angesehen. Hinzu kommt, dass der Autonomiebehörde Korruption vorgeworden wird. Die Zustimmungswerte für Abbas waren 2023 Umfragen zufolge auf einem Tiefpunkt, zugleich stiegen die Zustimmungswerte für die Hamas. Die aus der Muslimbruderschaft entstandene Hamas verwaltet seit den Parlamentswahlen 2006 den Gazastreifen. 2007 kam es zum Bruch zwischen Hamas und Fatah, die Hamas riss in einer gewaltsamen Konfrontation die Macht an sich. Von der Europäischen Union und den USA wird die Hamas, die immer wieder Anschläge auf Zivilisten verübt und die Vernichtung Israels zum Ziel hat, als Terrororganisation eingestuft. Demokratisch legitimiert waren zuletzt weder die Hamas, noch die Fatah. Neuwahlen wurde zwar mehrmals angekündigt, fanden jedoch wegen Streitigkeiten zwischen beiden Seiten nicht statt.
O-TON 13 (Busse, 21.50)
Und wenn man sich dann vor Augen führt, dass im Gazastreifen rund die Hälfte der Bevölkerung minderjährig ist, dann hat niemand von denen jemals die Hamas wählen können oder auch abwählen können. Diese Menschen konnten den Gazastreifen nie verlassen, weil es seit dieser Blockade kaum möglich ist, und haben dafür aber tatsächlich mehrere Kriege schon miterlebt seit dieser Zeit 2008, 2009, 2012, 2014, 2022 und eben auch jetzt.
SPRECHERIN
Vertreibung, Flucht, Krieg, Gewalt – dies könnte zu einer weiteren Radikalisierung führen, befürchten Experten wie Jan Busse.
O-TON 14 (Busse, 23.19)
Ich denke, dass die Tatsache, dass der aktuelle Krieg, den Israel im Gazastreifen führt, mit der massiven Zerstörung, die dort stattfindet, sicherlich perspektivisch dazu führen wird, dass es eben alles andere als ein De-Radikalisierungsprogramm ist. Es gibt unzählige, es gibt Tausende Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Es gibt zahlreiche Menschen, die Familienangehörige verloren haben, die ihr Zuhause verloren haben. Und ich befürchte, dass das sicherlich die Grundlage sein könnte, dass sich in Zukunft mehr Menschen radikalen-bewaffneten Gruppen anschließen werden.
SPRECHERIN
Viele Palästinenser werfen dem Westen vor, dass er sich nicht kümmert. Sie fühlen sich allein gelassen und vergessen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International kritisieren die israelische Politik: Amnesty legte 2022 einen Bericht vor, in dem die Menschenrechtsorganisation Israel vorwarf, an den Palästinenserinnen und Palästinensern Apartheid zu verüben und damit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Die israelische Regierung wies den Bericht als – Zitat - „falsch, einseitig und antisemitisch“ zurück. Nahost-Expertin Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik empfahl damals:
ZITATOR
Die Bundesregierung sollte sich den Apartheid-Vorwurf vor einer sorgfältigen Prüfung durch die zuständigen Organe weder zu eigen machen noch ihn abtun. Sie sollte den AI-Bericht aber als Weckruf verstehen, gravierende Menschenrechts¬verletzungen nicht länger als eine Normalität hinzunehmen, und die andauernde Be¬satzung nicht als einen Zustand zu betrach¬ten, der losgelöst von einem „demokrati¬schen Israel“ existiert.
SPRECHERIN
Inzwischen ist auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag involviert. Das Gericht muss entscheiden, ob der palästinensische Vorwurf zutrifft, dass Israel in den besetzten Gebieten eine Form von Apartheid praktiziere. Das Gutachten steht noch aus.
TC 20:52 - Wendepunkte
MUSIK
SPRECHERIN
Die Lage seit dem 7. Oktober 2023 erscheint aussichtslos – in den 1990er Jahren hatte es zeitweise berechtigte Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung und Frieden gegeben. In der Präambel des Abkommen Oslo I erkannte die PLO das Existenzrecht Israels in den Grenzen von 1967, also nach dem Sechstagekrieg, an und Israel akzeptierte die PLO als Vertreter des palästinensischen Volkes. Für die Friedensverhandlungen erhielten PLO-Chef Jassir Arafat, Israels Außenminister Shimon Peres und Premier Jitzchak Rabin 1994 gemeinsam den Friedensnobelpreis. Doch die Gründung eines palästinensischen Staates scheiterte.
O-TON 15 (Busse, 9.45)
Die Rahmenbedingungen dafür waren tatsächlich sehr, sehr schlecht. Und das lag vor allem daran, dass es eben auf beiden Seiten auch Akteure gab, die diesen Oslo-Friedensprozess abgelehnt haben. Auf palästinensischer Seite ist allen voran sicherlich die Hamas und ähnliche Akteure zu nennen, die unter anderem durch Selbstmordattentate auch versucht haben, diesen Friedensprozess zu sabotieren. Auf israelischer Seite wurde der Siedlungsbau unvermindert fortgesetzt, also zwischen 1992 und 2000, also eigentlich dieser Oslo-Phase ungefähr, hat sich die Zahl der Siedler im Westjordanland verdoppelt, gleichzeitig gab es auch dort radikale Kräfte. Der Oppositionspolitiker Netanjahu hat damals sehr stark gegen den Premierminister Rabin gehetzt und ein rechtsextremer, ein jüdischer Attentäter hat Itzhak Rabin dann auch ermordet.
SPRECHERIN
Nach Oslo I und Oslo II 1995, das unter anderem den gestaffelten Rückzug israelischer Streitkräfte aus palästinensischen Regionen vorsah, gab es mehrere Anläufe, den Friedensprozess wiederzubeleben und mindestens ebenso viele Rückschläge. Die rechts-religiöse Koalition des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu legte 2022 im Regierungsprogramm ein – Zitat – „exklusives und unveräußerliches Recht des jüdischen Volkes auf das ganze Land“ fest. Die radikale Hamas fordert ein Palästina „From the river to the sea“ – also vom Fluss Jordan bis zum Mittelmeer - und stellt damit das Existenzrecht Israels infrage. Derzeit ist keine Lösung in Sicht, allerdings gab es in der Geschichte des Nahost-Konflikts schon oft beachtliche Wendungen. Jan Busse:
O-TON 16 (Busse, 15.33)
Ich glaube, es ist auch wichtig, die Hamas nicht als Blackbox zu behandeln, sondern sich auch vor Augen zu führen, dass es dort Hardliner gibt. Das sind diejenigen aus meiner Sicht, die eben hauptverantwortlich sind, auch für das Attentat vom 7. Oktober, aber eben auch potenziell Kräfte vorhanden sein könnten, die irgendwann mal einen gewissen Wandel einleiten könnten. Denn letzten Endes: Jassir Arafat ist ursprünglich als Terrorist aktiv gewesen, hat später den Friedensnobelpreis gekriegt.
MUSIK
SPRECHERIN
Eine vergleichbare Wandlung gab es auch bei dem israelischen Politiker Menachem Begin, der von 1977 bis 1983 Ministerpräsident war.
O-TON 17 (Weiter)
Der hat den Friedensnobelpreis gekriegt für den Frieden mit Ägypten und die britische Mandatsmacht hat ihn Ende der 40er-Jahre noch als Terroristen steckbrieflich gesucht. Also so schnell kann sich da auch einen Wandel im Laufe der Jahrzehnte einziehen, auch wenn das momentan sicherlich schwer vorstellbar ist.
MUSIK
TC 24:30 – Outro
Cinzia schafft es kaum noch, sich auf den Beinen zu halten. Drei Stunden Schlaf, mehr sind nicht drin. So beschreibt die Teenagerin ihre Arbeit auf dem Campingplatz. Dabei darf sie laut Gesetz noch gar nicht arbeiten - weil sie zu jung ist. Sie ist eine von ca. 336.000 Minderjährigen, die arbeiten müssen. Nicht vor langer Zeit, sondern heute. In unserem Nachbarland Italien. Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab.
Credits
Autorin: Paula Lochte
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Paula Lochte, Enrico Spohn, Kathrin von Steinburg, Marie Jensen
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Andrea Bräu & Yvonne Maier
Im Interview: Gertraud Seidl, Ines Kämpfer, Arne Bartram
Besondere Linktipps der Redaktion:
ARD (2024): Kein Spiel – Kinderarbeit in Deutschland nach 1945
Puppen – für die einen Kinder ein hübsches Spielzeug, für Erika Roth vor allem Arbeit. Schon mit sechs Jahren musste sie nach der Schule der Mutter beim Nähen von Puppenkleidern helfen. Heimarbeit von Kindern war bis in die späten 1970er-Jahre im fränkischen Mönchröden Normalität. Jeden Mittag gingen im Dorf die Fenster auf, die Mütter riefen ihre Kinder heim, zur Arbeit. Als ihre kleine Schwester geboren wurde, musste sich Erika zusätzlich um diese kümmern. Ein Dokumentarfilm von Kirsten Esch erzählt aus der Perspektive von Betroffenen die Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, die schließlich erst in den 1980er Jahren ein Ende fand. Hier geht’s zum FILM.
BR24: Die Entscheidung. Politik, die uns bis heute prägt.
Wir haben "1 Thema, 3 Köpfe" weiterentwickelt! Neuer Name, neuer Zuschnitt, noch mehr Tiefe: Es gibt politische Entscheidungen, die unser Leben heute massiv beeinflussen. Wir wollen die Gegenwart verstehen und kehren deshalb mit euch zu diesen Entscheidungen zurück. Was ist damals passiert? Warum? Zusammen mit Expertinnen und Experten und Leuten, die wirklich dabei waren, puzzeln wir die wichtigsten Bausteine zusammen und klären, welche Folgen das Ganze bis heute für uns hat. Jeden Monatsanfang ein aktuelles Thema, tief diskutiert über mehrere Folgen. Hier geht’s zum PODCAST.
Linktipps:
radioReportage (2023): Mangel an Arbeitskräften – Rückkehr der Kinderarbeit in den USA
Zu viel Arbeit für zu wenige Menschen. In vielen Ländern fehlen Arbeitskräfte - auch in den USA. Dort gehen einige Bundesstaaten deshalb einen umstrittenen Weg: Sie setzen darauf, dass Minderjährige mehr arbeiten und haben deshalb die Regeln gelockert. Kinderschützer schlagen Alarm. Sie warnen, dass vor allem junge Migranten ausgenutzt werden. Hier geht’s zur RADIOREPORTAGE.
Save the Children (2023): It’s not a game – Save the Children’s Survey on Child Labour in Italy
Die englische Zusammenfassung der Erhebung der Kinderrechtsorganisation Save the Children zur Kinderarbeit in Italien. Hier geht’s zu den ERGEBNISSEN.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
JETZT ENTDECKEN
Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:37 – Arbeiten wo andere Urlaub machen
TC 09:57 – Es geht bergab
TC 15:08 – Moderne Sklaverei für Kartoffeln und Salat
TC 24:16 – Steckt’s in unserer Kultur?
TC 28:52 – Raus aus dem Teufelskreis
TC 32:32 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Autorin
Sie schafft es kaum, sich auf den Beinen zu halten. Denn sie hat nur drei Stunden geschlafen. Wie gestern. Vorgestern. Und in den Nächten davor. Sie muss die Wasserflaschen in den Minimarkt tragen. Die Regale einräumen. Geputzt hat sie auch noch nicht. Aber die 12-Jährige ist so müde! Also schleppt sie sich zu einer der Liegen auf dem Campingplatz. Behält ihre Turnschuhe vielleicht einfach an. Nur kurz mal hinlegen, dann wird es wieder gehen. Der Chef ist ohnehin noch nicht da, der kommt meistens später. Der 12-Jährigen fallen die Augen zu. Vielleicht hört sie das Meer rauschen, vielleicht träumt sie längst. Über dem Küstenstädtchen Scalea im Süden Italiens färbt sich der Himmel hell ein. Wie viel Zeit ist vergangen? Eine halbe Stunde? Cinzia schreckt hoch. Und schaut direkt in die Augen ihres Chefs.
MUSIK
Autorin
Hallo! Mein Name ist Paula Lochte. Ich bin Reporterin für Radiowissen beim Bayerischen Rundfunk und das hier ist der dreiteilige Podcast: KINDERARBEIT – BEI UNS DOCH NICHT! Ich wollte rausfinden, wie verbreitet Kinderarbeit in Deutschland und anderen Industrieländern war. Und wie wir sie überwunden haben. Im Laufe der Recherche habe ich aber gemerkt: Das alles ist noch nicht vorbei. Weil es Kinderarbeit bei uns viel länger gab, als die meisten denken. Weil die Folgen bis heute spürbar sind. Und weil Kinderarbeit zurückkehrt. Auch in Ländern, die uns ganz nah sind. Kinderarbeit – von wegen „alles Geschichte“.
ZSP 01 Collage
Ausschnitt Reportage USA (Archivnummer: W0654322 Z00), News:
Federal Records described teens suffering injuries from chemical burns then going to school and falling asleep in class.
Ines Kämpfer:
Die Zahlen haben sich in den letzten paar Jahren wieder verschlechtert, das ist eine Entwicklung, die wir ganz klar in den USA sehen können, aber auch in europäischen Ländern.
Cinzia: OV SPR 4 weiblich, jugendlich –
Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13. Körperlich war ich am Ende: Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.
Ines Kämpfer:
Wir müssen einen Weg finden, dass die Kinder wirklich zur Schule gehen können und nicht die ganze Familie die ganze Zeit arbeiten muss
Ausschnitt Reportage USA (Archivnummer: W0654322 Z00), Gewerkschafter, bereits overvoiced:
Gegen Kinderarbeit haben Gewerkschaften schon vor 150 Jahren gekämpft und wir dachten, wir hätten gewonnen
Ines Kämpfer:
Es ist wirklich ein Teufelskreis. Deshalb ist es so wichtig, den zu unterbrechen.
Autorin
Das ist Folge 3: Cinzia und der Campingplatz
TC 02:37 – Arbeiten wo andere Urlaub machen
ZSP 32a SPR 4 OV weiblich, jugendlich Cinzia
Mein Name ist Cinzia. Ich bin 17 Jahre alt.
Autorin
Cinzia hat richtig lange braune Locken. Die gehen ihr bis zur Hüfte.
ZSP 32b SPR 4 OV weiblich, jugendlich Cinzia
Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13, auf einem Campingplatz.
Autorin
Einem Campingplatz in Kalabrien: ganz im Süden, am Fußrücken vom italienischen Stiefel, in der 11.000-Einwohner-Stadt Scalea.
Die liegt direkt am Meer, umgeben von Bergen. Und ist genau so, wie man sich ein italienisches Küstenstädtchen ausmalt: Am Strand stehen die Liegen, die man mieten kann, dicht an dicht und es gibt eine mittelalterliche Altstadt mit sandfarbenen Häusern und kleinen Gassen, die sich einen Hügel hochschlängeln. Scalea ist ein beliebter Urlaubsort. Aber dort, wo wir unseren Urlaub verbringen, müssen Jungen und Mädchen wie Cinzia arbeiten. Nicht irgendwann mal vor hundert Jahren, sondern jetzt:
ZSP 32c SPR 4 OV weiblich, jugendlich Cinzia
Ich habe in der Strandbar Kaffee gemacht. Und auf dem Campingplatz gab es eine Art Supermarkt. Dort habe ich in den Schulferien Regale eingeräumt, die Wasserflaschen reingetragen. Ich habe geputzt... Ich war das Mädchen für alles. Die Atmosphäre war sehr angespannt. Und es war anstrengend, ich war ja erst zwölf Jahre alt und habe pro Nacht nur drei Stunden geschlafen.
Autorin
Drei Stunden Schlaf, bevor es wieder zurück an die Arbeit geht. Für ein Kind! Was klingt wie ein extremer Einzelfall, ist in Wahrheit nur ein Beispiel von vielen:
ZSP 33 Collage Italien
Sprecher OV ANTONIO:
Ich habe mit 14 begonnen, auf dem Bau zu arbeiten.
Sprecherin OV MICHAEL:
Mit 13 bin ich in die Hotellerie.
Sprecherin OV KELLNERIN:
Ich habe einen Schusswechsel miterlebt, Schlägereien und Streit, weil ich nachts in einer Bar gearbeitet habe.
Sprecher, OV ANTONIO:
Ich war von neun Uhr morgens bis abends um acht auf der Baustelle. Für 20 Euro am Tag.
Sprecherin, OV KELLNERIN:
14 Stunden am Stück habe ich gearbeitet. Das kam mir endlos vor. Bis auf
eine kleine Essenpause stand ich die ganze Zeit hinterm Bartresen.
Sprecher, OV VALENTINO*:
Mich hat mal ein Obstverkäufer angesprochen und gefragt, ob ich für ihn arbeiten will. Für sechs Stunden Arbeit auf dem Markt habe ich insgesamt 10 oder 15 Euro bekommen.
Autorin
Das berichten Jugendliche in Italien, in Video-Interviews von Save the Children, der größten nichtstaatlichen Kinderrechtsorganisation weltweit. Im Jahr 2023 hat Save the Children eine Erhebung zu Kinderarbeit in Italien gemacht – und schätzt: 336.000 Kinder zwischen sieben und 15 Jahren haben Kinderarbeit erlebt.
Ein Fünftel der 14- bis 15-Jährigen arbeite oder habe gearbeitet, noch vor dem gesetzlichen Mindestalter. Das liegt in Italien bei 16 Jahren. Und fast 30 Prozent dieser Jugendlichen würden unter Bedingungen arbeiten, die ihnen besonders schaden. Das heißt zum Beispiel nachts, oder wenn sie eigentlich zur Schule gehen sollten. Oder sie müssen körperlich anstrengende und gefährliche Aufgaben übernehmen:
ZSP 34a Sprecher
Auf der Baustelle ist einer der anderen Jungen vom Gerüst gefallen. …
Autorin
… erzählt beispielsweise ein junger Migrant aus Tunesien.
ZSP 34b Sprecher
Ich bin weggelaufen, denn wenn hier in Italien der Krankenwagen kommt, müssen die eine ordentliche Meldung machen an die Behörden. Weil der Junge ohne Vertrag gearbeitet hat.
Autorin
Genau wie er selbst. Oder wie Cinzia auf dem Campingplatz:
ZSP 35 Cinzia
- Cinzia, OV: Ich bin mit meiner Mutter arbeiten gegangen, die hat dort gearbeitet, also hat sie mich mitgenommen.
-Nachfrage, OV: Sie wurde bezahlt?
-Cinzia, OV: Ja, und ich bin mit, um ihr zu helfen. Also habe ich selbst keinen richtigen Lohn bekommen, halt manchmal ein bisschen was.
Autorin
Die zweite Stimme, die hier zu hören ist, gehört auch einer Jugendlichen. Die führt das Interview, im Rahmen eines Videoprojekts von Save the Children. Ich hätte gern selbst mit Cinzia und anderen Betroffenen gesprochen. Aber das war nicht möglich – um sie zu schützen. Denn die NGO will generell keine Medieninterviews mit arbeitenden Kindern und Jugendlichen vermitteln, weil die Folgen verheerend sein können: Die Arbeitgeber könnten die Kinder und ihre Familien unter Druck setzen. Viele sind eingewandert und haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Und manche der Kinder und Jugendlichen haben so Schlimmes erlebt, dass sie traumatisiert sind. Save the Children hat mir aber das Videomaterial zur Verfügung gestellt, 40 Interviews, die Jugendliche in Scalea, Turin, Palermo und Rom mit Betroffenen aufgezeichnet haben. Die Interviewten sind anonymisiert: Wir erfahren nur ihre Vornamen. Manche sind auch so gefilmt, dass ihr Gesicht nicht erkennbar ist. Cinzia hingegen spricht meist direkt in die Kamera:
ZSP 36a SPR 4 weiblich, jugendlich Cinzia
Ich musste Non-Stop arbeiten. Ich habe von morgens bis abends gearbeitet, drei Stunden geschlafen, dann ging es wieder los. Körperlich war ich am Ende. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.
Autorin
Manchmal beginnt Cinzia schon um fünf Uhr morgens mit der Arbeit auf dem Campingplatz. Manchmal ist sie erst weit nach Mitternacht fertig. An einem Morgen ist sie so müde, dass sie denkt, sie kippt gleich um:
ZSP 36b Cinzia
Morgens, als ich am Campingplatz angekommen bin, war ich noch todmüde. Also habe ich mir eine Standliege geschnappt und mich hingelegt. Unser Chef kam sowieso immer erst später…
Autorin
Das ist der Moment vom Anfang dieser Folge. An diesem Morgen kommt der Inhaber doch früher:
ZSP 36c Cinzia
… Und ich weiß noch, wie er mich zusammengeschissen hat, weil er mich schlafend auf der Liege erwischt hat, weil ich eine halbe Stunde ein Nickerchen gemacht habe.
Autorin
Am liebsten würde ich mich vor Cinzia stellen und zurückstänkern: Er bricht hier Gesetze, er lässt ein zwölfjähriges Mädchen für sich arbeiten! Ohne Pausen oder genug Schlaf. Und dann spielt er sich auf, weil sie nicht mehr kann?
MUSIK
Autorin
EU-weit gilt: Wer arbeitet, muss mindestens 15 Jahre alt sein. Da gibt es nur ganz wenige Ausnahmen, zum Beispiel in den Bereichen Kunst oder Sport. Beides war hier nicht der Fall. Auch in den Schulferien sind acht Stunden Arbeit pro Tag das Maximum. Cinzia musste mehr als doppelt so lang arbeiten! Und dann ja auch noch nachts. Das ist in dieser Form in EU-Ländern erst für Volljährige erlaubt. Immerhin: Nach einem Monat ist der Spuk vorbei. Cinzia geht wieder zur Schule und kehrt nie mehr auf den Campingplatz zurück. Sie wird zwar auch danach noch neben der Schule arbeiten, aber nur dort, wo man sie besser behandelt. Schwerer haben es da die vielen Kinder und Jugendlichen, die bei ihren eigenen Familien arbeiten müssen. Die können nicht einfach sagen: „Ich gehe.“ Wie zum Beispiel dieses 15-jährige Mädchen aus Rom, das anonym bleiben will:
MUSIK
TC 09:57 – Es geht bergab
ZSP 37a Anonymes Mädchen
Ich habe als Kellnerin in unserem Familienlokal gearbeitet. Nicht für mich, sondern um meiner Familie zu helfen.
Autorin
Das sagen viele Betroffene. Dass sie durch die Arbeit die Geldnot ihrer Eltern lindern und den Betrieb der Familie unterstützen wollen. Aber wer unterstützt die Kinder? Insbesondere Mädchen laufen Gefahr, bei der Arbeit Opfer sexueller Belästigung zu werden, gerade in Restaurants und Bars:
ZSP 37b Anonymes Mädchen
Einmal, als ich die Flaschen von den Tischen abgeräumt habe, hat mich plötzlich einer der Gäste angegrapscht. Mein Onkel hat ihm gesagt. „Nein!“. Und meinte dann zu mir, naja, das kann passieren, der hat ein bisschen zu viel getrunken. Für mich war das aber eine Grenzüberschreitung. Ich bin dankbar, dass mein Onkel da war und dem ein Ende bereitet hat. Ich habe auch gar kein Wort dafür, was da passiert ist. (Seufzt) Das war so respektlos.
MUSIK
Autorin
Die meisten Kinder und Jugendlichen in Italien arbeiten, wie das eben gehörte Mädchen, in der Gastronomie, über ein Viertel. Gefolgt von der Arbeit in Geschäften, auf dem Feld oder der Baustelle. So das Ergebnis der Erhebung von Save the Children. Weil es keine offiziellen Zahlen zu Kinderarbeit in Italien gibt, hat die NGO selbst über 2.000 Kinder und Jugendliche befragt, in einer repräsentativen Stichprobe. Und ergänzend die Erfahrungen von Sozialarbeitern, Lehrerinnen und Sozialdiensten erhoben.
...
Gertraud fügt sich ihrem Schicksal. Auf dem Hof ihrer Eltern übernimmt sie immer mehr Verantwortung. An einem Sommertag 1958 trocknet draußen das Heu, als ein Gewitter aufzieht. Gertraud muss schnell sein, damit die ganze Arbeit nicht umsonst war - und bringt sich in Lebensgefahr. Mehr als 100 Jahre früher: Die zwölfjährige Margaret "Mattie" Knight arbeitet in einer Baumwollfabrik, wo sie 1850 Zeugin eines Unfalls wird. Das bringt sie auf eine Idee. Was verbindet die beiden Mädchen? Und warum endet die Geschichte der Kinderarbeit nicht mit Mattie, und auch nicht mit Gertraud? Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab.
Credits
Autorin: Paula Lochte
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Paula Lochte, Enrico Spohn, Edith Saldanha, Kathrin von Steinburg
Redaktion: Andrea Bräu & Yvonne Maier
Im Interview: Gertraud Seidl, Ines Kämpfer, Arne Bartram
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD (2024): Kein Spiel – Kinderarbeit in Deutschland nach 1945
Puppen – für die einen Kinder ein hübsches Spielzeug, für Erika Roth vor allem Arbeit. Schon mit sechs Jahren musste sie nach der Schule der Mutter beim Nähen von Puppenkleidern helfen. Heimarbeit von Kindern war bis in die späten 1970er-Jahre im fränkischen Mönchröden Normalität. Jeden Mittag gingen im Dorf die Fenster auf, die Mütter riefen ihre Kinder heim, zur Arbeit. Als ihre kleine Schwester geboren wurde, musste sich Erika zusätzlich um diese kümmern. Ein Dokumentarfilm von Kirsten Esch erzählt aus der Perspektive von Betroffenen die Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, die schließlich erst in den 1980er Jahren ein Ende fand. Hier geht’s zum FILM.
Literaturtipps:
Sven Beckert (2019): King Cotton – Eine Geschichte des globalen Kapitalismus
Vor mehr als 250 Jahren wurde das Reich errichtet, in dem King Cotton herrscht. Krieg, Sklaverei und Ausbeutung standen an seiner Wiege. Während fremde Kulturen rücksichtslos zerschlagen wurden, häuften Händler im Zusammenspiel mit der Staatsgewalt enorme Vermögen an. Ein neues ökonomisches Prinzip begann seinen Siegeszug. Sven Beckert schildert die Geschichte des Kapitalismus im Spiegel eines Produktes, das heute jeder von uns am Leibe trägt - der Baumwolle. Hier geht’s zum BUCH.
Alexisde Tocqueville (1835): Notizen von einer Reise nach England
Ein Bericht über die Zustände im englischen Manchester – die Wiege der Industrialisierung.
Autumn Stanley (1995): Mothers and Daughters of Invention – Notes for a Revised History of Technology
Über Margaret „Mattie“ Knight und andere vergessene Erfinderinnen.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:12 – Geboren in die Wiege der Industrialisierung
TC 08:52 – Ein Tag mit 16 Stunden
TC 14:30 – „Wer nicht hören will, muss fühlen“?
TC 16:18 – Weberhusten
TC 19:57 – Ein Tag, der Leben veränderte
TC 23:35 – Der Unfall
TC 29:10 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Autorin
Ein Sommertag 1958 im Dorf Motzenhofen in der Nähe von Augsburg. Gertraud und ihre Geschwister sind erschöpft. Stundenlang haben sie Gras gemäht. Das liegt jetzt auf dem Feld und trocknet. Da zieht ein Gewitter auf. Jetzt heißt es schnell sein, sonst war die ganze Arbeit umsonst: Wenn das Heu in den Pfützen liegen bleibt, fault es. Die Eltern sind nicht da, deshalb sind die Kinder auf sich allein gestellt. Also schickt ihre große Schwester Gertraud auf den Scheunenboden, um die „Hoanzn“ zu holen – das sind Holzgestelle, auf denen man das Gras zum Trocknen aufhängen kann. Gertraud ist mittlerweile 14 Jahre alt. Und sie hat das schon zigmal gemacht. Hoch auf den Scheunenboden geht es am schnellsten, wenn sie nicht bis zur Leiter am anderen Ende des Stalls läuft, sondern einfach an der Bretterwand gleich neben dem Eingang hochklettert. Also hangelt sie sich Brett für Brett rauf. Unten wartet ihre Schwester, um die Gestelle entgegenzunehmen. Gertraud ist fast oben, da gibt das oberste Brett nach und sie stürzt mehrere Meter nach unten: ihr Kopf schlägt auf dem Betonboden auf.
MUSIK
Autorin
Hallo! Mein Name ist Paula Lochte. Ich bin Reporterin für Radiowissen beim Bayerischen Rundfunk und das hier ist der dreiteilige Podcast: KINDERARBEIT – BEI UNS DOCH NICHT! Ich wollte rausfinden, wie verbreitet Kinderarbeit in Deutschland und anderen Industrieländern war. Und wie wir sie überwunden haben. Im Laufe der Recherche habe ich aber gemerkt: Es ist noch nicht vorbei. Weil es Kinderarbeit bei uns viel länger gab, als die meisten denken. Weil die Folgen bis heute spürbar sind. Und weil Kinderarbeit zurückkehrt. Auch in Ländern, die uns ganz nah sind. Kinderarbeit – von wegen „alles Geschichte“.
ZSP 01 Collage
Cinzia: OV SPR 4 weiblich, jugendlich –
Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13. Körperlich war ich am Ende: Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.
Ines Kämpfer:
Wir müssen einen Weg finden, dass die Kinder wirklich zur Schule gehen können und nicht die ganze Familie die ganze Zeit arbeiten muss
Ausschnitt Reportage USA (Archivnummer: W0654322 Z00), Gewerkschafter, schon overvoiced:
Gegen Kinderarbeit haben Gewerkschaften schon vor 150 Jahren gekämpft und wir dachten, wir hätten gewonnen
Gertraud Seidl:
Ich habe geheult, weil ich nicht mehr in die Schule hab gehen dürfen. Weil ich habe gerne gelernt.
Arne Bartram:
Der Trend aktuell ist, dass Gesetze aufgelockert werden und dass man das Risiko eingeht, dass man junge Menschen verheizt.
Gertraud Seidl:
Ich habe vier Wochen im Krankenhaus liegen müssen und habe nicht aufstehen dürfen.
Ines Kämpfer:
Es ist wirklich ein Teufelskreis. Deshalb ist es so wichtig, den zu unterbrechen.
Autorin
Das ist Folge 2: Mattie und der Webstuhl
MUSIK
Autorin
Die Geschichte von Mattie erinnert an die von Gertraud. Auch sie arbeitet schon als Kind. Auch sie träumt davon, zur Schule zu gehen und zu studieren, vergeblich. Und auch sie erlebt einen Unfall – nur über 100 Jahre früher als Gertraud. In der Zeit, die den meisten von uns sofort in den Kopf kommt, wenn wir das Wort „Kinderarbeit“ hören: die Zeit der Industrialisierung. Kinderarbeit gab es zwar auch schon vorher. In Familien, für Feudalherren oder Sklavenhalter. Aber mit der industriellen Revolution ab Mitte des 18. Jahrhunderts nimmt die Kinderarbeit neue Ausmaße an. Warum müssen damals Millionen Kinder in Fabriken schuften, durch enge Kohleschächte kriechen und Ziegel schleppen? Wie gefährlich ist das? Und wann wird es unterbunden? Um diese Fragen geht es in dieser Folge. Und ich möchte auch erzählen, warum das Mädchen Mattie im Alter von gerade mal zwölf Jahren eine Schlüsselrolle spielt, als es darum geht, Unfälle in Textilfabriken zu verhindern. Dafür müssen wir in der Zeit zurückreisen. Ins 19. Jahrhundert.
TC 04:12 – Geboren in die Wiege der Industrialisierung
ATMO Fabriken, Dampfmaschinen, Webstühle
Sprecher
Ein dichter schwarzer Qualm liegt über der Stadt. Die Sonne scheint hindurch als strahlenlose Scheibe. (…) Tausend Geräusche ertönen unablässig in diesem feuchten und finsteren Labyrinth, die Schritte einer geschäftigen Menge, das Knarren der Räder, die ihre gezahnten Ränder gegeneinander reiben, das Zischen des Dampfes, der dem Kessel entweicht, das gleichmäßige Hämmern des Webstuhles, das schwere Rollen der sich begegnenden Wagen.
Autorin
So beschreibt der französische Publizist Alexis de Tocqueville 1835 in einem Reisebericht Manchester. Die englische Stadt gilt als Wiege der Industrialisierung.
Sprecher
Oben auf den Hügeln erheben sich dreißig oder vierzig Fabriken. Ihre sechs Stockwerke ragen in die Luft. (…) Um sie herum liegen wie willkürlich verstreut die kümmerlichen Behausungen der Armen; man gelangt zu ihnen auf zahlreichen gewundenen Pfaden. (…) Um dieses Asyl des Elends herum wälzt einer der Bäche langsam sein stinkendes, von den Industriearbeiten schwarz gefärbtes Wasser. Aus dieser stinkenden Kloake entspringt der stärkste Strom menschlichen Gewerbe-Fleißes, von hier aus befruchtet er die Welt.
Autorin
Nachdem er Manchester besucht hat, will der amerikanische Unternehmer Samuel Blodget genau so eine Stadt auch in den USA errichten: Er spricht vom „Manchester of America“. Und dieser Traum – oder eher Alptraum – wird wahr. Im Bundesstaat New Hampshire an der Ostküste entsteht eine neue Stadt, deren Fluss genauso stinkt und wo die Schlote der Textilfabriken genauso die Luft verpesten wie in England. Diese Stadt erhält 1810 denselben Namen wie ihr Vorbild: Manchester. Und in dieser Stadt wächst Mattie auf.
MUSIK
Autorin
Sie hat dunkle Haare und helle Augen. „Mattie“ – das ist ihr Spitzname. Ihre Familie und Freunde nennen sie so. Geboren wird sie 1838 als Margaret Eloise Knight.
Sprecherin
Alles, was ich als Kind wollte, waren ein Klappmesser, ein Handbohrer und ein paar Holzstücke. Meine Freunde waren entsetzt. Man hat mich einen Tomboy, einen Wildfang, genannt, aber das hat mich nicht sonderlich beeindruckt. Manchmal seufzte ich, weil ich nicht wie die anderen Mädchen war, aber ich kam zu dem Schluss, dass ich nicht anders konnte und suchte Trost in meinen Werkzeugen.
Autorin
Das hat Mattie 1872 einer Reporterin erzählt. Mattie erinnert mich total an die Bauerntochter Gertraud. Denn die war als Kind auch ein Tomboy, hat sich also nicht an Geschlechterrollen gehalten.
ZSP 24 Interview Gertraud
- Gertraud: Ich weiß! 14 war ich. Da habe ich zum Geburtstag Seidenstrümpfe gekriegt. Das war ja vorher nicht. Und da habe ich Seidenstrümpfe gekriegt, aber am Nachmittag bin ich dann mit den Seidenstrümpfen den Baum hochgestiegen, da waren sie kaputt. (Lacht)
- Autorin: (Lacht) Also Sie waren ein Wildfang!
- Gertraud: Lebendig.
Autorin
Vielleicht hätte Mattie das an Gertrauds Stelle auch gemacht. Bei ihr selbst, rund 100 Jahre früher, hat das Geld vermutlich nie für teure Seidenstrümpfe gereicht. Als sie sechs ist, stirbt nämlich ihr Vater und ab da ist das Geld noch knapper als ohnehin schon. Ihr Vater war Schreiner. Und auch Mattie hat handwerkliches Talent, das wird später noch wichtig werden. Aber schon als sie klein ist, macht dieses Talent ihr Leben schöner – und das ihrer beiden älteren Brüder auch:
Sprecherin
Ich habe ständig etwas für meine Brüder gebastelt; wenn sie etwas zum Spielen brauchten, haben sie immer gesagt: „Mattie macht das für uns.“ Ich war berühmt für meine Drachen, und wegen meiner Schlitten haben mich alle Jungs in der Stadt beneidet und bewundert.
Autorin
Aber mit dem Tod des Vaters verändert sich das Leben der Kinder: Erst müssen die beiden älteren Brüder von der Schule abgehen und in der Textilfabrik malochen. Und dann auch Mattie. Mitte des 19. Jahrhunderts gehen in den USA nur die Hälfte der Kinder überhaupt zur Schule – bei den Mädchen nochmal weniger und bei nicht-weißen Kindern sind es sogar nur 17 Prozent. Um in den Fabriken die Maschinen zu bedienen, brauchen sie keine Ausbildung. Und eine allgemeine Schulpflicht, wie wir sie heute kennen, gibt es damals noch nicht. Die setzt sich in den USA genau wie in Deutschland erst durch, nachdem 1918 der Erste Weltkrieg endet:
ZSP 25 Philipp Scheidemann (SPD) ruft die Republik aus
Arbeiter und Soldaten, der unglückselige Krieg ist zuende! … Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!
ATMO Fabrik
TC 08:52 – Ein Tag mit 16 Stunden
Autorin
Für Mattie auf der anderen Seite des Atlantiks kommen die neuen Gesetze zu spät. Die Grundschule kann sie zwar noch beenden, aber als sie etwa zehn Jahre alt ist, 1848, muss auch sie in die Fabrik. Genau wie ihre Brüder und ihre Mutter arbeitet sie nun für die Amoskeag Manufacturing Company– das ist zwischenzeitlich die größte Textilfabrik der Welt. Und ein Ort, der vielen von uns vertrauter ist, als wir denken: Denn hier weben Ende des 19. Jahrhunderts Kinderhände den Stoff für ein legendäres Kleidungsstück: die ersten Levi’s-Jeans. Die roten Backsteingebäude der Company erstrecken sich damals über die gesamte östliche Flussseite von Manchester in New Hampshire.
Sprecher
Jede der Fabriken hatte ihren eigenen Glockenturm. (…) Wenn die Glocken läuteten, war es Zeit, nach Hause zu gehen. Die Leute strömten durch die Fabriktore auf die Canal Street und über die Brücke. 9.000 Leute, die durcheinander wuselten, scherzten und versuchten, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.
Autorin
So beschreibt es ein Arbeiter später. Unter diesen Tausenden von Menschen sind viele Kinder. Kinder wie Mattie. Von ihr selbst gibt es aber keinen Bericht darüber, wie es ist, in der Baumwollspinnerei zu arbeiten. Und das ist damals leider ein generelles Problem: Kinder schuften täglich bis zu 16 Stunden, fallen ins Bett, nur um am nächsten Morgen gleich wieder arbeiten zu gehen. Wer schafft es da noch, zum Beispiel Tagebuch zu schreiben? Und es können ja noch nicht mal alle schreiben.
MUSIK
Dass es überhaupt Zitate von Mattie gibt, kommt daher, dass sie ein paar Mal interviewt wurde. Vor dieser Recherche kannte ich sie zwar noch nicht, aber in den USA ist sie relativ berühmt. Warum – dazu kommen wir noch.
ATMO Fabrik
Autorin
Mattie geht ab 1848 also nicht mehr zur Schule, sondern in eine Fabrikhalle. In Hallen wie diesen ist es heiß, stickig und so laut, dass man nicht mal sein eigenes Wort versteht.
Sprecher
„Kinder von 5 Jahren an sitzen in der unbequemsten Lage, mit zusammengezogenen Beinen und gebücktem Rücken in überfülltem Raume am Spulrad. (...) Schwächlinge, übermüdet, der Kopf grindig, die Augen triefend, die Brust schwindsüchtig, der Magen leidend; zum Militärdienst taugten sie nicht, in die Schule kamen sie nicht, und verirrte solch ein Geschöpf sich einmal dahin, so fand es wenigstens auf einige Augenblicke Schlaf und die Ruhe, welche ihm sonst die schreckliche Stimme des Werkmeisters raubten.“
Autorin
Wie es in den neu errichteten Fabriken zugeht, schildern, wie in dem eben gehörten Bericht über deutsche Textilfabriken, meist Erwachsene. Vor allem Beamte, Mediziner oder Intellektuelle. Kinder kommen nicht zu Wort, haben keine Stimme. Auch auf meiner Suche nach Quellen von Kindern in Fachbüchern und Katalogen historischer Ausstellungen bleibe ich lange erfolglos. Aber dann werde ich doch noch fündig! Auf einer Plattform mit Arbeitsblättern für den Geschichtsunterricht lese ich zum ersten Mal den Namen Ellen Hootton. Ein Mädchen aus Großbritannien. Von ihr gibt es Zitate! Denn sie sagt 1833 vor der Königlichen Untersuchungskommission für Fabriken aus. Und zwar auf Initiative von Aktivisten aus der britischen Mittelschicht, die sich gegen Kinderarbeit einsetzen. Wie die zehnjährige Ellen ihre Arbeit beschreibt, könnte genauso gut von Mattie kommen:
Sprecherin
Mein Arbeitstag beginnt morgens um halb sechs und endet abends um acht. Ich bin Flicker an der Drosselspinnmaschine.
Autorin
Ein ähnlicher Job, wie ihn auch Mattie übernehmen muss:
Sprecherin
Ich arbeite in einem Raum mit 25 anderen: drei Erwachsene, der Rest sind Kinder. Ich knote gerissene Fäden wieder zusammen.
Autorin
Die Fäden, die auf den Spulen der Spinnmaschinen aufgezogen werden, reißen oft mehrmals pro Minute. Die Kinder haben also nur Sekunden, um sie wieder zusammenzuknoten.
Sprecherin
„Ich schaff das nicht“, das habe ich meiner Mutter gesagt. Aber die schickt mich trotzdem in die Fabrik. Ich bin deshalb schon mehrmals weggelaufen.
Autorin
Familien wie die von Ellen oder Mattie sind in so einer Geldnot, dass sie auf den Lohn der Kinder angewiesen sind, und sei der noch so klein. In einem deutschen Bericht über Kinderarbeit heißt es damals, Kinder unter zwölf bekämen nur etwa zehn Prozent des Arbeitslohnes eines Erwachsenen. Kinder sind also verdammt billige Arbeitskräfte und steigern so den Profit der Unternehmer. Die freuen sich auch, dass Kinder weil sie so klein sind, sogar durch die niedrigsten Stollen kommen. Oder dass ihre winzigen Hände so „flink“ Fäden zusammenknüpfen.
Sprecherin
Wenn ich einen Fehler mache, schlägt mich der Aufseher Mister Swanton – oder er nimmt einen Lederriemen und peitscht mich aus. Das passiert alle paar Tage. Mit seinen Händen macht er, dass mein Kopf wehtut.
Autorin
Das erzählt die zehnjährige Ellen Hootton vor dem Fabrikausschuss.
Sprecherin
Einmal, als ich zu spät gekommen bin, hat mir der Aufseher Eisengewichte umgehängt. Ich musste damit in der Fabrikhalle auf und ab laufen. Das ging nur gebückt, so schwer waren die. Die anderen Arbeiter haben sich über mich lustig gemacht. Sie haben mich im Vorbeigehen beschimpft und gezwickt, bis ich hingefallen bin.
Autorin
Kinder wie Ellen und Mattie sind in der Industrialisierung grauenhafter, für uns heutzutage unvorstellbarer Gewalt und Willkür ausgesetzt.
TC 14:30 – „Wer nicht hören will, muss fühlen“?
MUSIK
Autorin
Über 100 Jahre später, in den fünfziger Jahren. Im schwäbischen Dorf Motzenhofen – darf auch die Bauerntochter Gertraud auf keinen Fall zu spät zu kommen:
ZSP 27a Interview Gertraud
- Autorin: Wissen Sie noch, wovor Sie als Kind Angst hatten?
- Gertraud: Ja, dass man einfach, wenn man nicht rechtzeitig zum Essen gegangen ist, dass man da… da hat es dann Schimpfe gegeben, wenn man nicht gekommen ist. Da hat dann Mama zur Tür rausgeplärrt, da sind wir gerannt. Vor was habe ich noch Angst gehabt? (Wird leiser, wirkt bedrückter) In Keller bin ich nicht gern gegangen, denn bei uns ist man, wenn man was angestellt hat, in den Keller gesperrt worden. Und da war ich mehrmals drunten. Keller habe ich gar nicht mögen!
...
Gertraud Seidl aus der Nähe von Augsburg ist stolz: Sie ist vier Jahre alt und darf nun endlich auch mit auf die Weide und ihren Schwestern beim Hüten der Kühe helfen. Es bleibt aber nicht bei dieser Aufgabe. Auf dem Bauernhof ihrer Eltern ist in den 1950er Jahren so viel zu tun, dass sie nur wenig Zeit zum Spielen und für die Schule übrig hat. Dabei macht ihr nichts so viel Spaß wie zu lesen und zu lernen. Als sie in der achten Klasse ist, treffen ihre Eltern hinter ihrem Rücken eine folgenschwere Entscheidung. Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab.
Credits
Autorin: Paula Lochte
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Paula Lochte, Enrico Spohn, Edith Saldanha
Redaktion: Andrea Bräu & Yvonne Maier
Im Interview: Gertraud Seidl, Ines Kämpfer, Arne Bartram
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
ARD (2024): Kein Spiel – Kinderarbeit in Deutschland nach 1945
Puppen – für die einen Kinder ein hübsches Spielzeug, für Erika Roth vor allem Arbeit. Schon mit sechs Jahren musste sie nach der Schule der Mutter beim Nähen von Puppenkleidern helfen. Heimarbeit von Kindern war bis in die späten 1970er-Jahre im fränkischen Mönchröden Normalität. Jeden Mittag gingen im Dorf die Fenster auf, die Mütter riefen ihre Kinder heim, zur Arbeit. Als ihre kleine Schwester geboren wurde, musste sich Erika zusätzlich um diese kümmern. Ein Dokumentarfilm von Kirsten Esch erzählt aus der Perspektive von Betroffenen die Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, die schließlich erst in den 1980er Jahren ein Ende fand. Hier geht’s zum FILM.
Literaturtipps:
Anna Wimschneider (1985): Herbstmilch – Lebenserinnerungen einer Bäuerin
„Herbstmilch“ ist die Lebensgeschichte der Bäuerin Anna Wimschneider – ein Dokument des 20. Jahrhunderts, das vom Schicksal der kleinen Leute handelt, von Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen und ihr Leben bewältigen, aufrecht und unerschütterlich. Anna Wimschneiders Erinnerungen beginnen mit dem frühen Tod der Mutter, die eine neunköpfige Familie hinterlässt und deren Pflichten ganz selbstverständlich die achtjährige Tochter Anna übernehmen muss. Hier geht’s zum BUCH.
Heinrich von der Haar (2020): Kinderarbeit in Deutschland
Über 500.000 Kinder arbeiten für Lohn, die Hälfte verbotenerweise – bei einem unzureichenden Kinderarbeitsschutz. Die familiären Notlagen sind weitgehend unsichtbar und scheinen unerheblich. Die Scham der aus Not arbeitenden Kinder und ihrer Familien verstärkt das Tabu und den Eindruck geldgieriger Kinder, sodass die Schutzbedürftigkeit unwesentlich zu sein scheint. Erschreckend wenig wissen wir über die Lage arbeitender Kinder. Gleichgültig stehen viele der Vernachlässigung der Schule und den gesundheitlichen Schäden durch Kinderarbeit gegenüber. Hier geht’s zum BUCH.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:06 – Eine Reise in Gertrauds Vergangenheit
TC 09:14 – Tag ein, Tag aus
TC 11:47 – Was dich nicht umbringt, macht dich stärker?
TC 13:41 – Rübenzeit statt Schule
TC 21:07 – „Schade, Gertraud“
TC 25:09 – Kampf gegen Armut
TC 26:11 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Autorin
Sie weiß noch, dass sie geweint hat. Vielleicht in ihrem Zimmer. Wenn es so war, dann musste sie die Treppe hoch, bis unters Dach. Weil sie sich den Raum mit ihren Geschwistern teilt, geht sie wahrscheinlich direkt zu ihrem Bett und zieht sich die Decke über den Kopf. Gertraud ist 13 Jahre alt. Das Bett ist ihr Versteck. Der einzige Ort, der nur ihr gehört. Irgendetwas drückt ihr schmerzhaft in die Rippen. Sie tastet nach der Ursache: ein Buch. Sie hat es im Bett versteckt, damit ihre Eltern es nicht bemerken. Abends, wenn sie eigentlich schlafen soll, liest das Mädchen. Mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Die meisten Bücher aus der Bücherei hat sie schon zweimal gelesen. Sie träumt sich so weg: zu den Abenteuern von Winnetou und Old Shatterhand, nach Amerika. Dort will sie hin – obwohl sie kein Wort Englisch kann. Das Schulfach hatte sie nämlich noch nicht. Und das wird auch so bleiben. Gertraud wird nie Englisch lernen. Nie raus in die Welt, wie sie es sich erträumt hat. Denn ihre Eltern haben eine Entscheidung getroffen – gegen ihren Willen.
MUSIK
Autorin
Hallo! Mein Name ist Paula Lochte. Ich bin Reporterin für Radiowissen beim Bayerischen Rundfunk und das hier ist der dreiteilige Podcast: KINDERARBEIT: BEI UNS DOCH NICHT!
Ich wollte rausfinden, wie verbreitet Kinderarbeit in Deutschland und anderen Industrieländern war. Und wie wir sie überwunden haben. Im Laufe der Recherche habe ich aber gemerkt: Es ist noch nicht vorbei. Weil es Kinderarbeit bei uns viel länger gab, als die meisten denken. Weil die Folgen bis heute spürbar sind. Und weil Kinderarbeit zurückkehrt. Auch in Ländern, die uns ganz nah sind. Kinderarbeit – von wegen „alles Geschichte“.
ZSP 01 Collage
Ines Kämpfer:
Die Zahlen haben sich in den letzten paar Jahren wieder verschlechtert, das ist eine Entwicklung, die wir ganz klar in den USA sehen können, aber auch in europäischen Ländern.
Cinzia: OV SPR 4 weiblich, jugendlich
Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13. Körperlich war ich am Ende: Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.
Ausschnitt Reportage USA overvoiced:
Gegen Kinderarbeit haben Gewerkschaften schon vor 150 Jahren gekämpft und wir dachten, wir hätten gewonnen.
Gertraud Seidl:
Ich habe geheult, weil ich nicht mehr in die Schule hab gehen dürfen. Weil ich habe gerne gelernt.
Arne Bartram:
Der Trend aktuell ist, dass Gesetze aufgelockert werden und dass man das Risiko eingeht, dass man junge Menschen verheizt.
Ines Kämpfer:
Dass diese Kinder dann häufig in sehr gefährliche Arbeit eingegliedert werden.
Gertraud Seidl:
Ich habe vier Wochen im Krankenhaus liegen müssen und habe nicht aufstehen dürfen.
Ines Kämpfer:
Es ist wirklich ein Teufelskreis. Und Deshalb ist es so wichtig, den zu unterbrechen.
Autorin Das ist Folge 1: Gertraud und der Bauernhof.
ATMO Dorf
Autorin
Bei „Kinderarbeit“, da denke ich als Erstes an Länder wie Bangladesch. Oder ans 19. Jahrhundert. Ganz lang her, ganz weit weg. Das geht nicht nur mir so. Unter den häufigsten Google-Suchanfragen zu Kinderarbeit sind: „Kinderarbeit Industrialisierung“ und „Kinderarbeit in Indien“.
Aber ich musste überhaupt nicht weit reisen, um hier und jetzt eine Person zu treffen, die als Kind schwer gearbeitet hat. Und die damit wohl für eine ganze Generation steht, vor allem auf dem Land.
ATMO Straße/ Dorf/ Wind
Autorin
25 Kilometer von Augsburg entfernt liegt das kleine Motzenhofen. Ich gehe jetzt hier an Feldern vorbei. Also da, wo der Ort beginnt, und da wo er aufhört, sind jeweils Felder. Und es ist eine ganz kleine Ortschaft: Die Häuser sind dicht an dicht, eine Straße führt durch den Ort und die ist schon ganz schön befahren.
ATMO Auto fährt vorbei
Hier treffe ich gleich Gertraud Seidl. Die ist hier geboren, aufgewachsen, jetzt fast 80, lebt hier immer noch und ich bin schon ganz gespannt, wie sie ihre Kindheit hier erlebt hat an diesem Ort, und wie er sich vielleicht auch verändert hat seitdem.
TC 04:06 – Eine Reise in Gertrauds Vergangenheit
ATMO Schritte
Autorin
Ich biege auf einen Hof ein. Vorne ein kleiner Gemüsegarten, hinten eine Scheune und ein weiß verputzter Stall mit Platz für mehrere Dutzend Kühe. Wo früher ein altes Bauernhaus war, steht jetzt ein Neubau.
ATMO Klingel, Tür geht auf
- Sohn: Hallo?
- Autorin: Hallo, ich bin Paula Lochte vom BR, ich bin verabredet mit Ihrer …
- Sohn: Mutter!
- Gertraud: Huch, ich habe Sie gar nicht gehört! Grüß Gott. Oh, haben Sie kalte Hände!
- Autorin: Ist ein bisschen kalt draußen.
- Gertraud: Ich habe selbst immer warme. Ich schaue mal, ob ich Pantoffeln für Sie habe.
Autorin
Gertraud führt mich zu einer Eckbank in einer großen Wohnküche. Am Esstisch malen ihre zwei Enkelinnen mit Buntstiften Ausmalbilder aus. Ein Mehrgenerationenhaus: Unten wohnt Gertraud, oben ihr Sohn mit seiner Frau und den Zwillingstöchtern.
- Gertraud: So, geht ihr hoch jetzt zum Papa, oder?
- Enkelin: Ich bleib da!
- Gertraud: Ja, bleibsch da.
- Enkelin: kichert
- Gertraud: Habt ihr überhaupt gesagt, wie alt ihr seid?
- Enkelinnen: Vier!
- Autorin: Vier!
Atmo (unter Text)
Autorin
Gertraud nimmt gegenüber von ihren Enkelinnen Platz.
- Gertraud: „Dann schauen wir mal: Oma hat Schulstunde.
- Enkelin: Nur anschauen
– Gertraud: Ja, nur mit den Augen anschauen, ein Mikrofon ist das, was die Frau da hat, siehst du.
– Enkelin: Ja. (Lachen)
MUSIK
Autorin
Auf einmal ist es wie bei diesen Postkarten mit den Wackelbildern: Ich sehe die Frau, die fast 80 ist. Aber wenn ich zu ihren Enkelinnen blicke, mit ihren zerzausten weißblonden Haaren und dem schelmischen Grinsen, dann ist es, als würde ich Gertraud als kleines Mädchen sehen.
MUSIK hoch
Als sie vier Jahre alt wird, 1948, da ist Gertraud richtig stolz. Denn sie ist endlich alt genug:
ZSP Gertraud Kühe hüten
(enthusiastisch) Zuerst ist man mitgelaufen und dann hat man, wenn die Großen das können, dann muss der Kleine hinten nach auch können. Man hat ja immer wollen!
Autorin
„Die Großen“, das sind ihre drei älteren Schwestern. Gertraud reicht ihnen zwar gerade mal bis zur Hüfte …
ZSP 05b Gertraud Wusch
„I war ja so a kleina Wusch.“ (lacht)
Autorin
… aber sie darf nun mit. Zum Kühe hüten! Gut, ein vierjähriger Fratz neben einer Kuh: Wer passt da eigentlich auf wen auf?
ZSP 05c Gertraud Kühe hüten
Kühe hüten, das war eigentlich, wenn schönes Wetter war, die tollste Arbeit. Da war man halt viel draußen. Da war nebendran ein Wald. Und da haben wir viel im Wald gespielt! Und einen Bach gab es da. Ja, das war schön! Da haben wir uns immer gestritten, wer da mitdarf. Meistens ein Größeres und ein Kleines dazu und so.
MUSIK
Autorin
Kühe, Gänse und Schweine zu hüten war eine Aufgabe, die in Deutschland lang vor allem Kinder übernommen haben. Seien es die eigenen oder die sogenannten „Hütekinder“ oder „Schwabenkinder“. Das waren Kinder aus armen Bauernfamilien im Alpenraum, zwischen sechs und elf Jahre alt. Zigtausende von ihnen sind jedes Jahr ohne ihre Eltern nach Oberschwaben, also in den Süden von Bayern und Baden-Württemberg, gekommen. Um sich dort auf den Höfen anderer Familien zu verdingen: als saisonale Arbeitskräfte. Ihr Arbeitstag begann um vier, fünf Uhr morgens und endete, zumindest in der Erntezeit im Sommer, erst gegen 22:00 Uhr.
Was mich besonders erschreckt, denn das ist ja immer ein Warnsignal, dass es Kindern nicht gut geht: Bettnässen war bei Hütekindern ein verbreitetes Problem. Das habe ich in der Recherche immer wieder gelesen. Denn die Kinder standen unter einem enormen Druck, dazu kamen der Schlafmangel und das Heimweh. Nicht allen Hütekindern ging es schlecht. In Überlieferungen von ihnen lese ich, dass manche genau wie Gertraud das Tiere hüten mochten. Dass sie auch „stolz“ waren auf ihre Arbeit. Oder es ihnen in der Fremde zumindest besser ging als zuhause, immerhin gab es genug zu essen. Aber es gibt auch Berichte von Misshandlungen und sexuellen Übergriffen durch die „Dienstherren“. Hütekinder gab es bis in die Nachkriegszeit. Sie haben schwer gearbeitet, aber zum Bruchteil des Lohns eines Erwachsenen. Manche der Kinder waren so arm, dass sie nicht mal Schuhe hatten. Und so sind ihnen, wenn es auf der Weide besonders kalt war, Zehen abgefroren. Eine Strategie dagegen war: die Füße in die warmen Kuhfladen zu stecken. Gertraud, die Bauerntochter aus dem schwäbischen Motzenhofen, hatte, als sie klein war, in den 50er Jahren, zum Glück immer Schuhe. Und Arbeitskleidung, wenn auch nur die abgetragenen Sachen ihrer Schwestern. Das „Arbeitsgewand“, wie sie es nennt, sah ungefähr so aus wie ein Dirndl:
ZSP 06a Gertraud Arbeitsgewand
Da waren da meistens Puffärmel dran. Im Winter dann natürlich lange Ärmel. Da vorne Knöpfe und ein Rock und darüber dann eine Schürze. So wie die, die da an der Tür hängt.
Autorin
Wie eine Küchenschürze also. Mit Taschen innen und außen. Praktisch, denn wenn die eine Seite schmutzig ist, kann man die Schürze einfach umdrehen. Und am Samstagnachmittag, wenn die Arbeit auf dem Feld getan ist …
ZSP 06b Getraud Arbeitsgewand
Da hat man dann das Arbeitsgewand gewaschen, mit der Bürste. Wenn man da flott war, hat man dann mehr Freizeit gehabt.
TC 09:14 – Tag ein, Tag aus
MUSIK
Autorin
Mir fällt auf, dass Gertraud kein einziges Mal jammert, als sie mir von ihrer Kindheit erzählt. Selbst wenn’s um harte Arbeit geht, die erst am Samstagabend endet. Oder um Situationen, in denen ihre Eltern sie seelisch verletzt haben (dazu kommen wir noch). Sie hat das alles stoisch ertragen. Verklärt vielleicht auch manches in der Rückschau, das machen wir ja alle. Aber wenn wir zu Erinnerungen kommen, die schön waren, dann merke ich schon einen Unterschied in ihrer Stimme. Da schwingt dann auf einmal Freude mit:
ZSP 6c Interview Spiele
- Gertraud: Wenn der Mais schön draußen gestanden ist und die Kolben angesetzt hat, dann haben wir die Maiskolben rausgerissen und Pferdl gespielt.
- Autorin: Der Mais war dann das Pferd?
- Gertraud: Ja, das Gelbe vom Mais ist das Pferd gewesen, weil die haben ja dahinten den Schwanz dran gehabt die Maiskolben, die haben doch da die Haare dran.
Autorin
Die Momente, in denen Gertraud und ihre Geschwister einfach nur spielen sind kostbar – auch weil sie so selten sind. Die meisten Tage sehen ganz anders aus:
ZSP 07a Gertraud Tagesablauf
Um sechse hat die Mama geweckt. …
Autorin
Eins der fünf Kinder muss aber immer schon eine Stunde früher aufstehen, um gemeinsam mit den Eltern auf dem Acker oder der Wiese das Futter für die Tiere zu holen. Einer übernimmt das Mähen, der andere lädt auf – zusammen geht es schneller.
ZSP 07b Interview Tagesablauf
- Gertraud: So um Dreiviertelsieben haben wir fertig sein müssen, da sind wir nach Hollenbach gegangen eine gute Viertelstunde zu Fuß in die Kirche: Da war um sieben Uhr jeden Tag eine Messe. Und nach der Kirche, um acht, ist dann die Schule angegangen. Die war gleich zwei Häusl weiter ungefähr.
- Autorin: Und dann, nach der Schule?
- Gertraud: Je nachdem, was für eine Arbeit angefallen ist. Erst war bei uns immer angestanden, Hausaufgaben machen.
Autorin
Also den Eltern ist, zumindest in den ersten Schuljahren, schon wichtig, dass sich die Kinder erst um die Schule kümmern, und dann um die Arbeit. Von der gibt es mehr als genug:
ZSP 07c Gertraud Tagesablauf
Unsere Eltern haben am Vormittag meistens eine Fuhre Futterrüben aufgeladen und die haben wir dann in den Keller schmeißen müssen. Und da war so eine Holzrutsche in den Keller, da sind sie dann runtergerollt.
Autorin
Und danach? Je nach Jahreszeit und Wetter …
ZSP 08 Gertraud Aufgaben
Den Hof zusammenkehren, Rüben und Kartoffeln am Acker das Unkraut raushacken, Disteln, da hat man die Wurzeln abgestochen im Getreidefeld. Holz reinholen, Holz nachfüllen, Reisig hacken, beim Kartoffelklauben haben wir natürlich auch geholfen, klar: Meine zweite Schwester, die war sehr kräftig, die hat dann immer die Körbe ausgeleert. Oder das Grünfutter gemäht, Klee, das haben wir alles gelernt: Getreide mähen mit der Sense und so. Das ist nicht so einfach. Das ist schon klar.
MUSIK
TC 11:47 – Was dich nicht umbringt, macht dich stärker?
Autorin
Das Gewicht von einem vollen Kartoffelkorb tragen, mit der Sense mähen, Stunden auf dem Feld ackern: Das sind Schwerstarbeiten. Was Gertraud und ihre Geschwister als Kinder leisten müssen, ist eine ganz andere Nummer als hier mal ein bisschen im Haushalt zu helfen oder dort mal ein wenig mitanzupacken – das würde auch nicht unter „Kinderarbeit“ fallen. Die UN-Kinderrechtskonvention verbietet seit 1989 Arbeit, die für Kinder gefährlich oder schädlich ist und dadurch deren Rechte verletzt. Wie das Recht auf Bildung, auf Sicherheit oder Gesundheit. Gemeint sind mit dem Begriff „Kinderarbeit“ also Aufgaben, für die Kinder eigentlich zu jung sind. Wer arbeitet, muss mindestens 15 sein, auf dieses Mindestalter haben sich Staaten mittlerweile in internationalen Abkommen geeinigt.
ZSP 09a Gertraud
Da gibt es ein Sprichwort, das heißt: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.
Autorin
Das sagt Gertraud in unserem Gespräch immer wieder
ZSP 09b Gertraud
Was dich nicht umbringt, macht dich stärker – heißt es. Mich hat es stark gemacht.
Autorin
Vielleicht ist das eine typische Haltung für ihre Generation. Und es stimmt: Gertraud wirkt total fit, viel jünger als 80. Sie ist eher klein, aber bis heute ganz drahtig und hat kurze braune Haare.
...
Bibliotheken haben bekanntlich keine Füße. Aber - Lion Feuchtwanger, der Meister des historischen Romans aus München, musste schnell sein, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. So baute er in seinem Leben drei Bibliotheken auf, mit jeweils mehr als 10.000 Büchern: in Berlin, im französischen und amerikanischen Exil. Diese Bibliotheken waren weit mehr als nur Bücher in Regalen - sie waren das immobile Alter Ego Lion Feuchtwangers. Von Michael Zametzer (BR 2024)
Credits
Autor: Michael Zametzer
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Udo Wachtveitl, Christopher Mann
Technik: Stefan Oberle
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Julia Schneidawind, Dr. Heike Specht
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
Wir bedanken uns bei der Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die uns bei dieser Folge wissenschaftlich beraten hat. Mehr Infos zum Projekt gibt es HIER.
Literaturtipps:
Julia Schneidawind (2023): Schicksale und ihre Bücher. Deutsch-jüdische Privatbibliotheken zwischen Jerusalem, Tunis und Los Angeles. Vandenhoeck & Ruprecht.
Während eine nicht bezifferbare Masse an jüdischem Buchbesitz durch Raub, Verfolgung, und Krieg nach 1933 unwiederbringlich zerstört wurde, sind heute wenige Sammlungen über die Welt verstreut erhalten geblieben. Folgt man den Spuren der Sammlungen von ihrem Entstehungskontext an ihre heutigen Verwahrungsorte, eröffnen sich wichtige Erkenntnisse mit Blick auf die Frage nach Translokation materieller Kultur, aber auch dem Nachwirken deutsch-jüdischen Büchererbes heute in unterschiedlichen Räumen und Kontexten. Hier geht’s zum BUCH.
Heike Specht (2024): Die Frauen der Familie Feuchtwanger. Eine unerzählte Geschichte. Piper Verlag.
Die deutsch-jüdische Familie Feuchtwanger vollzog im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen spektakulären Aufstieg von der Fürther Provinz ins Großbürgertum der Residenzstadt München. Ein Aufstieg, der undenkbar gewesen wäre ohne vier Generationen starker Frauen, die die Familiengeschicke durch die historischen Wirren lenkten, als knallharte Geschäftsfrauen, als Pionierinnen und in Zeiten der Verfolgung als echte Heldinnen. Heike Specht erzählt die Geschichte der Feuchtwangers aus der weiblichen Perspektive und berichtet von außergewöhnlichen Lebensentwürfen aus fast 200 Jahren. Denn hinter großen Familien stecken oft mächtige Frauen. Hier geht’s zum BUCH.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 02:12 – Die Bibliotheken deutscher Sprache
TC 04:03 – Bayrisch-Barock & Jüdisch-Orthodox
TC 07:46 – Wandel zum politischen Schriftsteller
TC 13:41 – Französisches Exil
TC 16:22 – In der Villa Aurora
TC 19:30 – Die Hüter des Vermächtnis
TC 22:10 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
MUSIK, kratzend, berstend, zerstörend, darüber
Zitator (Lion Feuchtwanger):
Wie gefällt Ihnen mein Haus, Herr X? Lebt es sich angenehm darin? hat der silbergraue Teppichbelag der oberen Räume bei der Plünderung durch die SA-Leute sehr gelitten?
Sprecher:
Im Jahr 1933 besetzen und enteignen die Nazis das Haus von Lion Feuchtwanger in Berlin…
Zitator (Lion Feuchtwanger):
Was fangen Sie wohl mit den beiden Räumen an, die meine Bibliothek enthielten? Bücher, habe ich mir sagen lassen, sind nicht sehr beliebt in dem Reich, in dem sie leben, Herr X. Und wer sich damit befasst, gerät leicht in Unannehmlichkeiten.
Sprecher:
Die Bibliothek umfasst über 30.000 Bücher. Erstausgaben, deutsche Klassiker, Jüdische Literatur. Das Arbeitswerkzeug des Schriftstellers, des Bestsellerautors Lion Feuchtwanger…
Zitator (Lion Feuchtwanger)
Kommt es Ihnen nicht doch manchmal merkwürdig vor, dass sie in meinem Haus sitzen? Ihr Führer gilt sonst nicht als Freund der jüdischen Literatur.
Sprecher:
Drei Bibliotheken hat Lion Feuchtwanger in seinem Leben aufgebaut. Die Erste in Berlin. Und noch zwei im Exil. Im französischen Sanary-Sur-Mer, und schließlich in Pacific Palisades, einer Villenkolonie nahe Los Angeles. Er, der Münchner Jude, der Weltschriftsteller, berühmt für seine historischen Romane, für Jud Süß, Erfolg, die Josephus-Trilogie, wird die USA nie mehr verlassen. Er bleibt staatenlos. Und die Bibliotheken erzählen vom Leben des deutschen, des bayerischen, des jüdischen Schriftstellers Lion Feuchtwanger.
TC 02:12 – Die Bibliotheken deutscher Sprache
1 ZSP Julia Schneidawind
Es sollte auch eine Bibliothek der deutschen Sprache werden…
Sprecher:
Julia Schneidawind hat für die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gearbeitet und forscht nun am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität.
Für ihre Doktorarbeit hat sie die Schicksale von Privatbibliotheken deutsch-jüdischer Schriftsteller untersucht: Franz Rosenzweig, Jakob Wassermann, Karl Wolfskehl, Stefan Zweig und – Lion Feuchtwanger. Dessen letzte Bibliothek, in Pacific Palisades bei Los Angeles, hat für sie einen besonderen Stellenwert.
2 ZSP Julia Schneidawind
Er hatte ja ganze Abteilungen, die sich wirklich deutschsprachigen Literaten und Schriftstellerinnen gewidmet haben, und es war ihm eben auch ein Anliegen, das zu zeigen. Und es waren zum einen die Exil-Schriftsteller, -Schriftstellerinnen, aber auch eben jene, die es nicht ins Exil geschafft haben. Und dafür stellt der Ort auf jeden Fall auch einen ja, wie wir heute sagen, eine Memorial Library dar.
Sprecher:
Aber egal, ob in Berlin, im französischen oder amerikanischen Exil - Natürlich war jede dieser drei Bibliotheken Feuchtwangers auch ein repräsentativer Ort. Besucher sollten nicht nur seltene Erstausgaben bewundern, sondern auch das intellektuelle Koordinatensystem erspüren können, in dem sich der Erfolgsschriftsteller bewegte. Die Bibliotheken waren aber noch mehr. Sie waren Feuchtwangers immobiles Alter Ego. Und als ihr Besitzer schnell sein musste, um zu entkommen, blieben Sie am Ort und waren den Nazis ausgeliefert. So erzählen diese Bibliotheken zunehmend auch von einem Menschen in der Fremde, der immer wieder versucht, mit Büchern eine Verbindung zum verlorenen Zuhause herzustellen.
TC 04:03 – Bayrisch-Barock & Jüdisch-Orthodox
MUSIK Kindheit und Jugend in München
Sprecher:
Lion Feuchtwanger kommt aus einem bürgerlichen Münchner Haus. Der Vater, Sigmund Feuchtwanger ist erfolgreicher Margarinefabrikant. Er stammt aus einer alten fränkisch-jüdischen Familie. Lion, ältestes von neun Kindern, wächst im Münchner St. Anna-Viertel auf. Die Familie gehört zum orthodoxen Münchner Judentum, lebt die strengen jüdischen Traditionen, aber…
3 ZSP Heike Specht
Die Feuchtwangers waren eben eine wirklich besondere Mischung für die damalige Zeit. Bayerisch-Barock würde ich fast sagen, und jüdisch-orthodox. Das ging ganz gut zusammen.
Sprecher:
Die Schriftstellerin Heike Specht hat sich intensiv mit dem Leben der weitverzweigten Familie Feuchtwanger beschäftigt, mit ihren Traditionen und ihrem jüdischen Selbstverständnis. Ein Selbstbewusstsein, dass sich auch in der stattlichen Bibliothek des Elternhauses widerspiegelt. Julia Schneidawind.
4 ZSP Julia Schneidawind
Das ist, denke ich, charakteristisch für diese Sammlungen um die Jahrhundertwende und des frühen 20. Jahrhunderts, dass diese Sammlungen natürlich seit der Jugend meistens wachsen, wenn man aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus kommt. Und natürlich spielen dann auch Antiquariate eine große Rolle. Und so wachsen sozusagen diese Sammlungen über die Generationen und kriegen natürlich immer einen sehr eigenen Zuschnitt über die Interessen, die man eben persönlich dann auch hat.
Sprecher:
Die Bibliothek von Vater Sigmund bietet einen Schatz an jüdischer und weltlicher Literatur und ist bei bibliophilen Menschen über die Grenzen Münchens hinaus bekannt. In den Regalen stehen Bibelinterpretationen ebenso wie die Märchen von Wilhelm Hauff und Werke der Deutschen Klassik, aber auch moderne Literatur von Wedekind bis Hauptmann. Prägender Lesestoff für den jungen Lion.
5 ZSP Julia Schneidawind
Gerade in den Jugendjahren Feuchtwangers hat er vermutlich auch sehr stark auf die Bibliothek seines Vaters zurückgegriffen. Er hatte eine unglaublich einzigartige Sammlung, die heute komplett in Vergessenheit geraten ist und auch leider verschollen.
MUSIK
Sprecher:
Seine Schulzeit in München, auf dem konservativen Wilhelmsgymnasium, beschreibt Lion Feuchtwanger nicht gerade überschwänglich positiv. Und zuhause wartet dann noch ein Privatlehrer mit den Studien von Talmud und Bibel. Aber – er beginnt früh zu schreiben, gewinnt schon als Gymnasiast einen Wettbewerb, studiert nach dem Abitur Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie, promoviert brillant über Heinrich Heines „Rabbi von Bacherach“. Eine akademische Laufbahn, eine Professur aber ist ihm – als Juden – de facto verwehrt. Er gründet eine Zeitschrift, schreibt Artikel, Theaterkritiken und lebt das Leben der Schwabinger Bohème. Feuchtwanger macht mit ersten Veröffentlichungen von sich reden, hält sich aber auch als Nachhilfelehrer finanziell über Wasser. Julia Schneidawind.
6 ZSP Julia Schneidewind
Da gibt es Anekdoten darüber, dass er aufgrund seiner, ja, nicht Abneigung zum Glücksspiel häufig seine Bibliothek verspielte und dann die Bücher sozusagen abgeben musste.
Sprecher:
Wobei die ersten Bücherbestände Feuchtwangers wohl schwer den Namen „Bibliothek“ verdienen mögen. Den Luxus einer eigenen, großen, repräsentativen Bibliothek wird er sich erst Jahre später erfüllen können. Noch aber, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, ist das Geld knapp, und die Lust Lions am Leben groß. 1912 heiratet er Martha Löffler, die aus einer wohlsituierten, jüdischen Familie in München stammt. Das Paar schwimmt im Zeitgeist, im Leben der Bohème. Dann
der Schicksalsschlag: Die einzige Tochter, Elisabeth, stirbt schon im Alter von zwei Monaten.
TC 07:46 – Wandel zum politischen Schriftsteller
MUSIK
Sprecher:
Das Paar macht eine ausgedehnte Reise, nach Südfrankreich, nach Italien und Nordafrika. Im August 1914 – sie sind gerade in der französischen Kolonie Tunesien – bricht der Weltkrieg über Europa herein. Feuchtwanger verfällt nicht in patriotisches Hurra-Geschrei wie viele seiner schreibenden Kollegen, entzieht sich aber auch nicht der Einberufung. Seine labile Gesundheit erspart ihm den Fronteinsatz. Die Entfesselung von Hass, Krieg und nationalistischem Rausch in Europa aber werden aus Lion Feuchtwanger einen politischen Schriftsteller machen.
MUSIK Weimar
Sprecher:
Die ersten Jahre der Weimarer Republik werden zu den ersten Erfolgsjahren für Feuchtwanger. Nicht mehr nur seine Theaterkritiken, sondern auch seine Bühnenstücke werden gedruckt und – gespielt. Ein Stück aber findet bei den Verlagen gar keinen Anklang: Die Geschichte des Juden Joseph Süß Oppenheimer am Hof des Württembergischen Herzogs. In „Jud Süß“ behandelt Feuchtwanger die zentralen Fragen der Assimilation von Juden in Deutschland. Von Marta kommt der Vorschlag, den Stoff doch als historischen Roman umzusetzen.
7 ZSP Heike Specht
Also sie hat ihn auf diese Spur gesetzt und das hat dann funktioniert und wurde ja dann wirklich schon in den Zwanzigern ein Weltbestseller, was ja überhaupt erst quasi das Fundament gelegt hat, dann auch für seinen Lebensstil in Deutschland noch und dann aber vor allem im Exil.
Sprecher:
„Jud Süß“ wird ein Welterfolg, der sich schon im ersten Jahr 100.000-mal verkauft. In Großbritannien und den USA erscheint der Roman ab 1926 auf Englisch unter dem Titel „Power“, später folgen Übersetzungen in 15 weitere Sprachen. Bittere Ironie der Geschichte: Der Roman liefert später die Vorlage für den wohl schlimmsten antisemitischen Propagandafilm der Nazis.
MUSIK Akzent
Sprecher:
In den frühen 1920er Jahren wächst auch die Freundschaft zu Bertolt Brecht. Der bedingungslose Erneuerer des Theaters findet in Lion Feuchtwanger, dem Erfinder des dramatischen historischen Romans, einen streitfreudigen Partner.
MUSIK Goldene Zwanziger, Berlin
Sprecher:
1925 wird dem Paar dann München zu klein – und das Klima zu nationalistisch. Das heiße Pflaster der Weimarer Jahre liegt ohnehin nicht an der Isar, sondern an der Spree. In Berlin leben auch viele jüdische Intellektuelle, Schriftsteller, Filmemacher, Schauspieler. Wenn München Anfang des 20. Jahrhunderts noch leuchtete, so pulsiert Berlin nun im Takt der modernen Zeit.
MUSIK weg
Sprecher:
Lebenslanges, intensives Lesen ist zentral für die Arbeit Lion Feuchtwangers. Dementsprechend richtet er ab 1932 im neuen Berliner Domizil, einer Villa am Grunewald, eine umfangreiche Bibliothek ein. In den Regalen seines Arbeitszimmers stehen dann etwa 300 Bücher, die er für das aktuelle Romanprojekt benötigt. Also eine Art Handapparat, das Handwerkszeug des Autors. Insgesamt wird die neue Sammlung über 10.000 Bücher umfassen. Eine Bibliothek zum Arbeiten, mit einigen wertvollen Bänden.
8 ZSP Julia Schneidawind:
Lion Feuchtwanger war jetzt kein klassisch bibliophiler Sammler, aber er hat sich durchaus auch Erstausgaben gegönnt. Also da war er manchmal schon interessiert, gerade dann, wenn diese Werke auch Bezug zu seinen eigenen Arbeiten hatten.
Sprecher:
1930 erscheint der Roman „Erfolg“. Er macht seinem Titel alle Ehre und beschert Feuchtwanger Ruhm und Geld. Der Schlüsselroman zeichnet ein karikaturenhaftes Bild vom gesellschaftspolitischen Klima der zwanziger Jahre in München. Das Personentableau verweist dabei direkt auf die Akteure jener Zeit, die den Nährboden des deutschen Faschismus mit gedüngt haben. Die Schriftstellerin Heike Specht:
9 ZSP Heike Specht:
Genau dieser Blick ins Innere, dieses gnadenlose Wahrnehmen, wie die nichtjüdische Gesellschaft, die Mehrheitsgesellschaft tickt. Das ist tatsächlich prophetisch.
MUSIK Unheil, Machtergreifung
Sprecher:
Von der Machtübernahme der Nazis erfahren die Feuchtwangers in den Vereinigten Staaten, wo sie seit 1932 auf einer langen Vortrags- und Lesereise unterwegs sind. Und – sie stehen ganz oben auf der Feindesliste der Nazis. Am 10. Mai 1933 brennen Feuchtwangers Bücher auf dem Berliner Opernplatz. Sein Name steht auf der ersten Ausbürgerungsliste und – die gleichgeschaltete Universität in München erkennt ihm den Doktortitel ab.
Sprecher:
Und zuhause, in der Berliner Villa, bleibt kein Buch neben dem anderen stehen. Julia Schneidawind:
10 ZSP Julia Schneidawind
Die Bibliothek Lion Feuchtwangers in Berlin wurde tatsächlich schon 1933 von den NS-Behörden geplündert. Und das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Lion Feuchtwanger von Beginn ein sehr starker Kritiker des Regimes war und auch das öffentlich gemacht hat. Und das war auch der Grund, warum gerade diese Bibliothek schon 33 eben geplündert wurde in seiner Villa in Berlin. Während andere Bibliotheken erst später dann tatsächlich das Interesse der NS-Behörden auf sich gelenkt hatten, war es eben dieses Beispiel für sehr frühe Plünderung. Und wir wissen heute tatsächlich nicht, was mit den einzelnen Büchern passiert ist. Es gibt auch wieder nur Anekdoten darüber, dass die Bücher verschleudert wurden, also dass die Nazis das irgendwie versucht haben, zu Geld zu machen. Aber Anhaltspunkte dafür haben wir leider nicht.
TC 13:41 – Französisches Exil
Sprecher:
Weil sie nicht nach Deutschland zurückkönnen, wählen Lion und Marta ein Exil in Frankreich, den malerischen Küstenort Sanary-sur-Mer an der Cote d’Azur. Dort stranden viele deutsche und österreichische Intellektuelle auf ihrer Flucht vor den Nazis: Hermann Kesten, Bertolt Brecht, die Brüder Mann, Arnold Zweig. Lion Feuchtwanger beginnt sofort mit dem Aufbau einer neuen, der zweiten Bibliothek.
11 ZSP Julia Schneidawind:
Lion Feuchtwanger hat dann sozusagen da auch Sammlungen gekauft, aber natürlich auch auf antiquarische Bestände zurückgegriffen. Es gibt diese eine Aufzeichnung in seinem Tagebuch, da schreibt er von einem Besuch von einem Herrn Spier. Ich konnte leider nicht genau rekonstruieren, um welchen Herrn Spier es sich handelt, der ihm die Bibliothek anbietet, und er notiert in das Tagebuch Bibliothek von Spier gekauft. Das ist ein Beispiel dafür.
Sprecher:
Diese zweite Bibliothek wächst in den folgenden Jahren auf über 20.000 Exemplare an. Sie ist vor allem eine Arbeitsbibliothek.
MUSIK Frankreich-Exil
Sprecher:
Mit der Besetzung Frankreichs 1940 zieht sich auch für die deutsche Exilgemeinde die Schlinge nun zu. Lion Feuchtwanger kommt in das Lager Les Milles und später nach Saint Nicola bei Nimes. Marta, die selbst zeitweilig interniert war, gelingt es, mithilfe eines jungen Diplomaten der amerikanischen Botschaft, ihren Mann aus dem Lager zu holen – mit dem Auto, wie sie in den 1950er Jahren im Interview erzählt. Dabei bediente sie sich einer List:
12 ZSP Archiv: Marta Feuchtwanger
Und dann gab ich ihm einen Zettel mit, da stand nur darauf: frag nicht, sag nix, steig ein. Und daraufhin ist mein Mann in das Auto eingestiegen. Und da gab ihm der Konsul einen Mantel und ein Tuch. Und da, wenn die Wachen ihn angehalten hatten, bei der Rückfahrt, hat er immer gesagt, das ist meine Schwiegermutter.
Sprecher:
Nach einer abenteuerlichen Flucht über Spanien und Portugal erreichen die Feuchtwangers schließlich die Vereinigten Staaten.
Sprecher:
Und die Bibiliothek in Sanary-Sur-Mer? Julia Schneidawind hat den Weg der Bücher rekonstruiert. Lion Feuchtwanger kann seine Mitarbeiterin Lola Sernau noch beauftragen, die Bücher aus der Villa in Frankreich zu holen und zum Verschiffen in Kisten zu verpacken. Allerdings sollen die Kisten über Jahre im Hafen von Lissabon feststecken.
13 ZSP Julia Schneidawind
Es gab da Probleme eben mit dem Zoll und anderer bürokratischer Natur, und natürlich war das mit sehr hohen Kosten verbunden. Und der Zustand war nicht ganz so großartig. Und das ist tatsächlich heute aber auch der einzige Anhaltspunkt. Wir haben keine Listen, wir wissen nicht genau, welche Bücher tatsächlich damals in diesen Kisten waren.
TC 16:22 – In der Villa Aurora
MUSIK
Sprecher:
Nach wenigen Monaten in New York zieht das Paar 1941 nach Kalifornien und findet schließlich 1943 in Pacific Palisades ein neues Zuhause - ein kleiner Küstenort außerhalb von Los Angeles. Das Anwesen ist eine hochherrschaftliche Villa mit Meerblick, später „Villa Aurora“ genannt. Und – letztendlich kommen auch die Bücher aus Frankreich dort an. Sie werden zur Grundlage einer neuen, der dritten Bibliothek. Hermann Kesten, enger Freund Lion Feuchtwangers, äußert sich bewundernd über Feuchtwangers Lebensstil, der ganz den Geschlechterrollen der Zeit entspricht.
Zitator:
So sollten Schriftsteller wohnen, mit zwanzig Zimmern, mit 11tausend Büchern, einem hügeligen Park mit zwei acreas, einer Sekretärin und einer Frau, die kocht, gärtnert, bäckt, chauffiert und dem großen Dichter aufs Ergebenste dient, was für ein Leben.
MUSIK
Sprecher:
Das Leben ist für die Exilanten unterschiedlich schwer zu meistern in den Staaten. Marta und Lion aber leben begünstigt. Von den Erlösen des eben erst veröffentlichten Romans „Die Brüder Lautensack“ können sie das Haus finanzieren. Und im Zentrum des Anwesens steht eine neue - die dritte Bibliothek Feuchtwangers. Ein weiterer Neuanfang. Das Projekt Bibliothek hilft ihm über die Frustration von Verlust und Neubeginn hinweg:
14 ZSP Julia Schneidawind
Also wir können bei der Sammlung in Los Angeles tatsächlich auch von einer Rekonstruktion sprechen. Er hat auf die Netzwerke zurückgegriffen, die er früher kannte, also auch sehr viele Antiquare. Jüdische Antiquare, die auch im Exil lebten, konnten ihm dann auch wieder Bücher vermitteln. Und er hat sehr viele hiesige Antiquariate besucht. Aber auch über Kataloge, die er ständig auch aus Europa noch zugeschickt bekam, hat er versucht, diese Sammlung erneut aufzubauen.
Sprecher:
Grundlage für die neue Bibliothek sind aber die Bestände aus Sanary-Sur-Mer, oder wenigstens, die Bücher, die es in die Staaten geschafft haben. Eine Gedulds- und Zerreißprobe für den Schriftsteller, denn erst 1941 soll er – nach vielen Verzögerungen – seinen Schatz zumindest teilweise wieder in die Regale stellen können. Ludwig Marcuse, Freund und Nachbar der Feuchtwangers, schreibt in seinen Memoiren unter dem Titel „Mein zwanzigstes Jahrhundert“:
Zitator (Marcuse):
Abermals Wände aus Büchern, ein drittes Mal in einer Casa auf einem abgelegenen Hügel über der pazifischen Küste. Das war ein gewaltiges Mausoleum aus den Werken der Dichter: Ich ging immer zu ihm, wenn die Bibliothek meiner Universität versagte.
MUSIK Kalifornien
Sprecher:
Martha Feuchtwanger macht derweil Promotion (engl.) für ihren Mann, fungiert als geschickte Agentin. Als charmante Gastgeberin und legendäre Köchin machte sie das Exil zu einem Anziehungspunkt inmitten dieser Emigrantenkolonie. Und das Zentrum dieses intellektuellen Clubs ist die prächtige Bibliothek.
MUSIK Kriegsende
TC 19:30 – Die Hüter des Vermächtnis
Sprecher:
Nach dem Krieg löst sich die Exilgemeinde am Pazifik langsam auf. Brecht, Thomas Mann, Döblin und Werfel kehren nach Europa zurück. Lion und Marta Feuchtwanger bleiben. Wegen des angenehmen Klimas, wie der Schriftsteller in einem Interview erzählt. Aber wohl vor allem, weil er stets fürchten muss, als Staatenloser nicht mehr in die USA zurückkehren zu dürfen, sollte er einmal ausreisen.
MUSIK Thema Erinnerung
Sprecher:
Lion Feuchtwanger stirbt am 21. Dezember 1958. Seine Frau Marta überlebt ihn um fast 30 Jahre. Sie überträgt schon ein Jahr nach seinem Tod die Villa samt Bibliothek der University of Southern California, behält aber das Wohnrecht. Sie wird, bis zu ihrem Tod im Jahr 1987, zur Hüterin von Feuchtwangers Vermächtnis.
15 ZSP Marta Feuchtwanger:
Da ich ja auch immer Führungen mache in der Bibliothek. Das sind sehr viele Inkunabeln und auch noch Manuskripte, handgeschriebene, zum Beispiel eine von Papst Innozenz dem Dritten und ganz einzigartige Ausgaben. Nach meinem Tod bleibt es aber genauso, wie es jetzt ist.
Sprecher:
Der Großteil der Bibliothek, etwa 20.000 Bände, befindet sich bis heute in der Villa Aurora, das mondäne Anwesen ist eine Künstlerresidenz für Stipendiaten aus aller Welt. Der Rest der Bücher ist Teil der „Lion Feuchtwanger memorial library“ an der „University of southern California“ im nahen Los Angeles.
MUSIK, darüber
Sprecherin:
Eines verbindet die drei Bibliotheken, die Lion Feuchtwanger im Laufe seines Lebens aufgebaut hat: Sie waren nicht nur Werkstätten für den Schriftsteller, sondern auch Ankerplätze eines Menschen im Exil.
16 ZSP Archiv: Lion Feuchtwanger
Im Übrigen bin ich deutscher Schriftsteller und suche mich immer zu umgeben mit deutschen Dingen, mit deutschen Büchern und dergleichen. Wenn ich deutsche Bücher lese, dann habe ich das Gefühl, ich unterhalte mich mit dem Autor.
MUSIK Ende
TC 22:10 - Outro
Viele Jahrzehnte lang war der jüdische Orientalist und Historiker Karl Süßheim vergessen, obwohl er Anfang des 20.Jahrhunderts in Bayern durchaus ein Mann von Bedeutung war. Seine Leidenschaft für Orientalistik und seine Sprachkenntnisse machten ihn während des Ersten Weltkrieges sogar unentbehrlich. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich sein Leben schlagartig. Doch vergessen wurde Karl Süßheim erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Warum? Und wie wurde er wiederentdeckt? Von Ulrike Beck (BR 2024)
Credits
Autorin: Ulrike Beck
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Laura Maire, Stefan Merki, Christopher Mann
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Kristina Milz, Lisa D’Angelo
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
Wir bedanken uns bei der Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die uns bei dieser Folge wissenschaftlich beraten hat. Mehr Infos zum Projekt gibt es HIER.
Literaturtipps:
Kristina Milz (2022): Karl Süßheim Bey (1878-1947). Eine Biografie über Grenzen. Metropol-Verlag.
Er war ein glühender bayerischer Patriot, tiefgläubiger Jude und leidenschaftlicher Orientalist: Der in Vergessenheit geratene Karl Süßheim hat die Grenzen seiner Zeit herausgefordert wie kaum ein anderer. Er wuchs in Nürnberg auf, lebte als junger Mann lange im Nahen Osten. An der Universität München unterrichtete er bekannte Wissenschaftler wie Gershom Scholem und Franz Babinger, bis die Nationalsozialisten ihn entließen. Eine sehr ausführliche und detaillierte Biografie über das Leben und Werk Karl Süßheims. Hier geht’s zum BUCH.
Kristina Milz (2022): Karl Süßheim (1878-1947). Ein verfolgter Wissenschaftler und seine Universität. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung. Ausgabe 02/22, S. 64 – 72.
Immer wieder stößt die Wissenschaft auf faszinierende bayerisch-jüdische Biografien von Menschen, die aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden sind, obwohl ihre Rolle in der Geschichte eine besondere war: Protagonisten der Geschichte wie Karl Süßheim sind nicht zufällig vergessen worden. Die Reihe „Bayerns vergessene Kinder“ porträtiert jüdische Biografien, die eine damnatio memoriae zum Opfer gefallen sind – und ihrer Wiederentdeckung harren. Hier geht’s zum ARTIKEL.
Barbara Flemming & Jan Schmidt (2002): The diary of Karl Süssheim (1878-1947). Orientalist between Munich and Istanbul. Stuttgart: Steiner Verlag.
The orientalist Karl Süssheim kept his Diary in Turkish – and later in Arabic – from his early years in the Ottoman Empire through the Young Turk Revolution of 1908 and after his return to Germany, through war, revolution, and the horrors of Nazi rule. This book presents selected episodes in translation from the surviving parts of Süssheim’s Diary, covering the years 1908 to 1940. In its detached style it allows the reader a remarkable insight into Süssheim’s family surroundings, his academic career at Munich University, and the eventful times he lived through. Hier geht’s zum BUCH.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:48 – Orientalistik statt Hopfenhandel
TC 04:34 – Die Zeit in Konstantinopel
TC 08:30 - Schicksalsjahre
TC 11:25 – Ein zweiseitiger Ruf
TC 16:57 – Kampf ums Vermächtnis
TC 22:03 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
Erzähler
Karl Süßheim. Die Historikerin Kristina Milz wird hellhörig, als sie auf den Namen stößt.
1.O-Ton (Kristina Milz)
Also ich habe an der LMU Magister Geschichte studiert und hab mich damit auseinandergesetzt, wie die Historiker an der LMU mit dem Nationalsozialismus umgegangen sind. Und dafür hab ich mir erstmal angeschaut, wer von 1933 bis 45 in der Fakultät überhaupt da war. Und da ist mir sein Name aufgefallen. Also er war 1933 noch da, im Sommersemester, und es war ein klar erkennbar jüdischer Name und verschwindet dann eben sang- und klanglos und man hört nichts mehr von ihm. Da war mir relativ schnell klar, er muss einer der Opfer der Rassenpolitik gewesen sein, also dieses Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Und dachte natürlich, dass sich im Historicum in der Bibliothek Literatur dazu finden lässt.
MUSIK
Erzählerin:
Doch auch nach längerer Suche stellt sich heraus: Es gibt nichts.
2.O-Ton (Kristina Milz)
Und so bin ich dann natürlich sehr neugierig worden.
Erzählerin
Das Ergebnis ist eine Dissertation, die 2022 als Biografie erscheint und den Titel trägt: „Karl Süßheim Bey. Eine Biografie über Grenzen“.
Kristina Milz hat ihre Dissertation am Institut für Zeitgeschichte in München verfasst. Seit 2022 arbeitet sie auch für die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die sich der Erforschung und Vermittlung jüdischen Lebens in Bayern widmet.
Erzähler
Während der Recherchen zu ihrer Biographie stößt Kristina Milz darauf, dass Jahrzehnte vor ihr im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt auf Karl Süßheim aufmerksam geworden sind. Und in langjähriger Kleinarbeit seine Tagebücher ins Englische übersetzt haben.
Erzählerin
Es sind zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die Kristina Milz damit auf Englisch zur Verfügung stehen. Um mit den übrigen Quellen und dem Nachlass arbeiten zu können, nimmt sie Sprachunterricht am Münchner Nahostinstitut, wo der Name Süßheim ihrem Dozenten noch geläufig ist:
3. O-Ton (Kristina Milz)
Das heißt, ich musste tatsächlich anfangen, erst mal Türkisch zu lernen, habe auch Arabischkurse belegt und habe dann eben das Osmanische […], dafür gibt es an der LMU auch Kurse, und da bin ich auch dringesessen. Mein Osmanisch-Dozent hat auch immer gesagt: Kristina, du lernst nicht Osmanisch, Du lernst Süßheim!
TC 02:48 – Orientalistik statt Hopfenhandel
MUSIK
Erzähler
Karl Süßheim kommt am 21. Januar 1878 in Nürnberg zur Welt. Sein Vater Sigmund betreibt einen florierenden Hopfenhandel, die Mutter Clara stammt als Tochter des Fabrikanten und Politikers David Morgenstern aus sehr wohlhabenden Verhältnissen.
Erzählerin
Karl wächst also gemeinsam mit seinem älteren Bruder Max und seiner jüngeren Schwester Paula in einer wohlsituierten und jüdisch-liberalen Familie auf.
Erzähler
Sigmund Süßheim möchte selbstverständlich, dass einer seiner Söhne das erfolgreiche Geschäft übernehmen soll. Doch der Hopfenhandel interessiert weder Max, noch Karl.
Erzählerin
Nachdem Max nach dem Abitur seinen Weg als Jurist und späterer SPD-Politiker im Bayerischen Landtag einschlägt, entscheidet sich auch Karl gegen den Wunsch des Vaters. Er beginnt 1896, Geschichte zu studieren. Zunächst in Jena, dann in München, Erlangen und Berlin.
Erzähler
In Berlin besucht Karl das Seminar für orientalische Sprachen und lernt dabei junge Gaststudenten aus dem Osmanischen Reich kennen. Woher sein Interesse an dieser Region kommt, lässt sich nur rekonstruieren.
4.O-Ton (Kristina Milz)
Das durfte seine Familie auf keinen Fall wissen, weil die Orientalistik damals ja auch noch sehr so als Orchideenfach verschrien war. Und als Karl Süßheim dann in Berlin war, (…) war einige Jahre zuvor das sogenannte Seminar für Orientalische Sprachen gegründet worden. (…) Also in dieser Zeit muss man sich vorstellen, entsteht eigentlich die Islamwissenschaft. Es entsteht dieses Fach, das sich mit dem „zeitgenössischen Orient“, wie man damals gesagt hat, beschäftigt hat. Und das ist genau das, was Karl Süßheim dann interessiert hat.
TC 04:34 – Die Zeit in Konstantinopel
MUSIK
Erzählerin
Gleich nach der Abgabe seiner Dissertation über die „Preußischen Annexionsbestrebungen in Franken…“ zieht Karl Süßheim 1902 für einige Jahre nach Konstantinopel. Um dort seine Sprachkenntnisse im Türkischen und Arabischen zu vertiefen.
Erzähler
In Konstantinopel erlebt der frisch promovierte Historiker eine ganz andere Atmosphäre als im Kaiserreich.
5.O-Ton (Kristina Milz)
Als er zuerst nach Konstantinopel gekommen ist und sich vor allem in diesem sultanstreuen Umfeld bewegt hat, war er ja durchaus an der einen oder anderen Stelle mit Antisemitismus konfrontiert. (…) Aber bei ihm ist es tatsächlich so, dass er erstmals in seinem Leben nicht in erster Linie als Jude wahrgenommen wird. In ihm wird vor allem der deutsche Wissenschaftler gesehen, der sich diese Sprachen so gut angeeignet hat und mit dem man jetzt eben über Politik und Geschichte und dergleichen diskutieren kann. Und noch sehr viel evidenter wird das dann, wenn er sich mit den sogenannten ‚Jungtürken‘ abgibt, also der osmanischen Opposition, die sehr nach Westen ausgerichtet war, die sehr auf Modernisierung geschaut hat und auch genau das einfordern wollte vom Sultan.
Erzählerin
Karl Süßheim ist selbst zunächst überzeugter Konservativer und Monarchist.
6.O-Ton (Kristina Milz)
Als Karl Süßheim ins Osmanische Reich kam, war er politisch äquivalent eigentlich aufgestellt zu seiner Einstellung im Kaiserreich also sehr königstreu und patriotisch. Und hat dann aber eben dadurch, dass er diesen Kontakt mit den Jungtürken in Kairo hatte, zum ersten Mal die Idee des Tyrannensturzes für sich auch akzeptiert. Und war dann auch mitten im Zentrum dieser Revolution.
Erzähler
Die Jahre im Osmanischen Reich sind in Süßheims Leben in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt. Er, der Zeit seines Lebens kein guter Netzwerker war, sucht plötzlich die Nähe zu orientalischen Intellektuellen und knüpft Kontakte. Dabei findet er auch den Zugang zu seinem Glauben.
7.O-Ton (Kristina Milz)
Er macht es in seinem Tagebuch gar nicht so explizit, an welcher Stelle es dann so ist, dass er wirklich jüdisch gläubig wird. Aber man sieht, er beschäftigt sich eben mit dem Islam auch sehr intensiv. Er hat zum Beispiel Kontakt mit dem Islamgelehrten Musa Kazim, der später dann der Scheichülislam, also der Großmufti eigentlich von Konstantinopel wird. Also das ist derjenige, der Süßheim zum Islam bringen will und da wird viel diskutiert. Und als er sich dann davon wieder abgrenzt und abwendet, findet er immer mehr Kontakt, auch mit den orientalischen Juden und beschäftigt sich dann damit und kommt dann eben sehr gläubig zurück.
MUSIK
Erzählerin
Karl Süßheim ist 30 Jahre alt, als er zurückkehrt und an der Uni München beginnt, seine Habilitation zu schreiben. Darin beschäftigt er sich mit der Geschichte der Dynastie vor den Osmanen: den Seldschuken.
Erzähler
Als frisch habilitierter Privatdozent gibt er ab 1911 an der Münchner Universität Kurse in Arabisch, Persisch und Osmanisch. Anfangs ist die Zahl seiner Studenten noch überschaubar, aber mit Beginn des Ersten Weltkrieges ändert sich das schlagartig.
Erzählerin
Mit dem Osmanischen Reich als Verbündeten wollen plötzlich viele Studenten Türkisch lernen. Es entsteht ein regelrechter Boom auf die Expertise des Karl Süßheim. Wobei er nicht nur an der Uni gefragt ist.
8.O-Ton (Kristina Milz)
Im Ersten Weltkrieg war es so, dass Süßheim nicht eingezogen wurde, weil er eben an der Heimatfront, wie man es nannte, unentbehrlich war. Das lag daran, dass er eben als einer der wenigen diese Sprachkenntnisse hatte und dann in vielerlei Hinsicht helfen konnte zu Hause. Zum einen bei der Zensur, also bei der bayrischen Militärzensur hat er gearbeitet. Er hat aber auch als Dolmetscher gearbeitet. Wenn zum Beispiel jungtürkische Delegationen zu Besuch waren, dann ist er mit denen mitgefahren und hatte eben übersetzt.
TC 08:30 - Schicksalsjahre
MUSIK
Erzähler
Ab 1919 unterrichtet Karl Süßheim als außerordentlicher Professor die Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch. Er ist inzwischen 41 Jahre alt und noch immer Junggeselle.
Erzählerin
Karl findet erst acht Jahre später die Frau, die zu ihm passt. Mit Karolina Plank, einer tiefgläubigen Katholikin. Ausgerechnet er, der als einziger in seiner Familie ein gläubiger Jude ist, lässt sich 1927 auf eine gemischt-konfessionelle Ehe mit Karolina ein.
9.O-Ton (Kristina Milz)
Man muss aber schon auch sagen, das war sicher für ihn ein großer Schritt zu gehen, weil er davor sehr, sehr lange explizit nach einer jüdischen Frau gesucht hat. Er hat sich dann aber von seiner Frau versprechen lassen, dass er für die religiöse Erziehung der Kinder zuständig sein wird in der Ehe. Und wir reden vom Jahr 1927. Da hat sie sich auch darauf eingelassen, weil sie auch noch überhaupt gar nicht wusste, was das für Auswirkungen haben wird.
Erzähler
1929 kommt Tochter Margot zur Welt, die zweite Tochter Gioconda wird 1934 geboren. Ein Jahr, nachdem sich für Karl Süßheim und seine Familie alles verändert hat.
10.O-Ton (Kristina Milz)
1933, kann man zweifellos sagen, dass das das allerschlimmste Jahr in seinem ganzen Leben war. Also neben der nationalsozialistischen Machtübernahme stirbt erstmal sein Bruder an einem Schlaganfall. Dann wird durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ihm seine Stelle an der Universität genommen. Und seine Mutter stirbt auch noch in diesem Jahr. Also alles passiert innerhalb eines Jahres, und da ist der Bruch zwischen der Zeit davor und diesem Jahr ganz extrem in den Quellen.
Erzählerin
Nach der Pogromnacht vom November 1938 wird Karl Süßheim für 16 Tage im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Er schreibt über diese Zeit auf Arabisch in sein Tagebuch und schafft damit laut Kristina Milz ein einzigartiges Dokument. In dem er nicht nur nüchtern Fakten für die Nachwelt festhält, sondern auch sehr akkurate Skizzen vom Konzentrationslager anfertigt, die er auf Arabisch beschriftet.
11.O-Ton (Kristina Milz)
Und man muss sich vorstellen, er war jemand, der natürlich ein relativ behütetes Leben hatte. Und plötzlich kommt er in dieses Konzentrationslager, sieht, dass Menschen erschossen werden. Sieht, dass Menschen zusammenbrechen, wird geschlagen, weil er sich nicht als Judenschwein bezeichnen will. All diese Dinge passieren ihm dort. Und nachdem er zuvor immer gesagt hat, er geht nicht aus Deutschland weg, weil das seine Heimat ist – Bayern, seine Familie lebt seit Jahrhunderten in Bayern –, denkt er dann um. Dabei muss man aber auch wissen, dass er unterschreiben musste, dass er das Land verlassen wird, als er aus dem Konzentrationslager entlassen wird.
TC 11:25 – Ein zweiseitiger Ruf
Erzähler
Erst im Sommer 1941 gelingt es Karl Süßheim mit seiner Frau und den Töchtern, nach Istanbul zu emigrieren. Sie sind eine der letzten Familien in Bayern, die der Schoa entkommen sind. Ein Teil seiner Privatbibliothek wird beschlagnahmt und landet in der Bayerischen Staatsbibliothek.
Erzählerin
Da aber auch die Türkei zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine deutschen Juden mehr aufnimmt, musste das türkische Kabinett eine Ausnahme für Karl Süßheim beschließen. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist damit verbunden, dass er an der dortigen Universität unterrichtet. Damit steht er zwar unter Druck, aber auch endlich wieder im Hörsaal. Die Bedingungen an der Universität Istanbul brachten für Karl Süßheim einige Herausforderungen mit sich: Er musste um seinen Professorentitel kämpfen, seine Publikationstätigkeit war eingeschränkt. Auch in der Lehre musste er sich erst eingewöhnen.
12. O-Ton (Kristina Milz)
Man muss sich auch diese Situation mal vorstellen, also er hatte jahrelang während des Nationalsozialismus wenige Schüler bis gar keine Schüler. Er hatte vielleicht noch ein paar Privatstunden gegeben für die Leute, die sich das getraut haben. Und plötzlich ist er da in der Türkei und steht vor vollen Hörsälen, und alle wollen über die türkische Geschichte bei ihm lernen. Es ist auch interessant, weil in seinem Nachlass finden sich die Inskriptionslisten, wo man die ganzen Namen der türkischen Studierenden sieht, die sich für seine Vorlesungen angemeldet haben. Und es sind seitenweise Einträge.
MUSIK
Erzähler
Karl Süßheim bleiben nur wenige Jahre im Exil. Er stirbt am 13. Januar 1947 mit nur 68 Jahren an den Folgen einer Nierenerkrankung. Und wird auf dem jüdischen Friedhof in Istanbul beerdigt. An seinem Grab spricht der jüdische Romanist Erich Auerbach die Worte:
Zitator
Auf dem Gebiet der türkischen Geschichte wird der Name Karl Süssheim nicht vergessen werden und nicht vergessen werden können.
Erzählerin
Was Süßheims Reputation in der Türkei angeht, sollte Auerbach Recht behalten. Doch in Deutschland passiert das Gegenteil: Der einstige Professor für orientalische Sprachen und die „Geschichte der mohammedanischen Völker“ gerät in Vergessenheit.
Erzähler
Nicht zuletzt, weil die Ludwig-Maximilians-Universität keinen Nachruf auf ihren einstigen Professor Karl Süßheim herausgibt. Obwohl eine Würdigung von ehemals verfolgten Wissenschaftlern in der Nachkriegszeit eigentlich zum Standard gehört.
Erzählerin
Und auch Süßheims Witwe wird lange ignoriert. Karolina, die nach dem Tod ihres Mannes in die USA ausgewandert ist, wendet sich 1947 mit der Bitte um eine Witwenrente an die Uni. Und muss 11 Jahre lang dafür kämpfen:
13.O-Ton (Kristina Milz)
Man könnte ja meinen, so wie ich auch eben damals auf ihn gestoßen bin, dass er eben einfach vergessen wurde. Man sieht aber sehr deutlich eben an den Quellen auch im Universitätsarchiv, dass das nicht der Fall war, weil die LMU fast 20 Jahre lang damit beschäftigt war, kein Geld auszugeben in der Sache Süßheim. Also diese Quellen im Universitätsarchiv, die betreffen die Universität, das Finanzministerium, das Kultusministerium und so weiter. Und man sieht daran auch, dass zum Beispiel noch mit nationalsozialistischer Gesetzgebung wirklich argumentiert wird. Also es wird dann zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob seine Witwe Witwenrente bekommt, mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums von 1933 argumentiert. Und es stellt sich bei ihm sehr lange nicht einmal die Frage in den Dokumenten, was denn mit ihm passiert wäre, wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte.
MUSIK
Erzähler
Erst nachdem Karolina Süßheim 1951 die United Restitution Organization bevollmächtigt, sich ihres Falls anzunehmen, fordert das Kultusministerium die Personalakte Süßheims bei der Uni an.
Erzählerin
Es werden Gutachten in der Causa Süßheim eingeholt. Unter anderem vom Dekan der Philosophischen Fakultät Anton Spitaler, der während der NS-Zeit Stipendiat der gleichgeschalteten Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bei der Korankommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war. Und im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht in Belgien und Frankreich als Dolmetscher gedient hatte. In seinem Gutachten fällt Spitaler ein vernichtendes Urteil über seinen ehemaligen Lehrer.
14.O-Ton (Kristina Milz)
Anton Spitaler (…) wurde direkt gefragt, wie die Karriere von Karl Süßheim weitergegangen wäre, hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben. Und dieses Gutachten ist wirklich erstaunlich vernichtend. (…) Er macht seine Sprachenkenntnisse zum Beispiel sehr schlecht, sagt die wären nicht vorhanden gewesen. Das sind ganz offensichtliche Lügen, die in diesem Gutachten drinstehen. Und an einer Stelle schreibt er sogar noch, er hätte durchaus etwas von Karl Süßheim gelernt, aber das hätte er eher aus ihm herausgeholt, als dass Süßheim es ihm gegeben hätte. Das war natürlich schon sehr bezeichnend. Und man muss sich vor Augen halten, dass es zu dem Zeitpunkt ja überhaupt nicht mehr darum ging, Karl Süßheims Karriere voranzutreiben oder dergleichen, er war ja längst tot. Also es ging wirklich nur noch darum, seine Familie zu entschädigen.
Erzähler
Dieses Gutachten geht in die Bewertung des Falles ein. Erst 11 Jahre nach dem Tod ihres Mannes bekommt Karolina Süßheim ab 1958 eine entsprechend kleine Entschädigung. Weitere sieben Jahre später wird der Fall zu den Akten gelegt.
TC 16:57 – Kampf ums Vermächtnis
MUSIK
Erzählerin
Während in Bayern der Name Süßheim bis zu Beginn dieses Jahrhunderts in Vergessenheit gerät, machen sich im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt daran, Süßheims Tagebücher ins Englische zu übersetzen. Zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die lange Zeit unentdeckt waren.
15.O-Ton (Kristina Milz)
Weil er sehr viele Handschriften gesammelt hat, im Laufe seines Forscherlebens also originale Handschriften aus dem Nahen Osten und die auch zusammengehalten hat. Seine Witwe hat diese Handschriftensammlung dann verkauft, und die ist in Teilen in Berlin und in Teilen in Washington gelandet. Und in Berlin – bei diesen Handschriften befand sich eben auch sein Tagebuch, was die Witwe bestimmt nicht gewusst hat, weil das natürlich nicht unterscheidbar war zu anderen Notizen, die er gemacht hat für sie, weil es in fremden Sprachen war. Und deswegen sind eigentlich Wissenschaftler erstmals wieder mit ihm in Kontakt gekommen, weil sie sich seine Handschriften angeschaut haben und dann das Tagebuch gefunden haben.
Erzähler
Die Edition „The Diary of Karl Süssheim“ erscheint 2002 und löst eine Welle der Erinnerung aus. Oder wie die FAZ damals schreibt:
Zitator
Erst die kommentierte Übersetzung der Tagebücher gibt Süssheim sein Leben zurück, macht aus dem Vergessenen und Unbekannten einen an allem interessierten Menschen im Wirbel des dramatischen Geschehens der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
MUSIK
Erzählerin
Nicht nur die Bayerische Staatsbibliothek setzt ab 2003 ein Restitutionsverfahren ein, sondern auch die Provenienzforschung des Stadtarchivs Nürnberg wird aktiv. Und setzt sich mit der Familie Süßheim in Verbindung. Für Lisa D’Angelo, der Enkelin von Karl Süßheim, eröffnet sich damit ein ganz neuer Zugang zur eigenen Familiengeschichte:
16.O-Ton (Lisa D‘Angelo)
2014 hatte ein Archivar das Internet genutzt, um meine 84-jährige Tante Margot in New York ausfindig zu machen, wo sie seit über 65 Jahren lebte. Er wollte sie wissen lassen, dass das Archiv ein antikes Buch mit dem Süßheimer Exlibris besaß. Und dieses Buch war von den Nazis beschlagnahmt worden, kurz bevor mein jüdischer Großvater und meine katholische Oma und ihre beiden Mädchen nach Istanbul geflohen waren. Und als das Nürnberger Archiv mit meiner Tante Margot Kontakt aufgenommen hat, hat sich uns natürlich eine ganz neue Welt der Familie Süßheim eröffnet.
Erzähler
Margot Süßheim ist es, die beginnt, als Zeitzeugin über ihren Vater zu sprechen. Und auch ihrer Nichte einige Details über die Schwierigkeiten ihrer Familie während der Nazizeit zu erzählen. Allerdings erst, als Lisa erwachsen ist.
17.O-Ton (Lisa D‘Angelo)
Ehrlich gesagt, wusste ich nur sehr wenig über meinen Großvater. Als Kind hörte ich, dass mein Großvater ein Sprachwissenschaftler war, der etwa 15 Sprachen beherrschte. Ich hörte auch, dass seine Mutter Clara ein bisschen schwierig war. Und sie sammelte auch Dinge, die mein Großvater auch geerbt hatte. Und seine Vorliebe für das Sammeln von Büchern rettete tatsächlich die Familie, denn meine Oma verkaufte seine umfangreiche Büchersammlung an die Yale University in den USA, um die Schiffstickets zu kaufen, mit denen sie von Istanbul nach New York auswandern konnten.
Erzählerin
Lisa D’Angelo ist das öffentliche Gesicht der Familie Süßheim. Sie verwaltet nicht nur den privaten Nachlass ihres Großvaters, sondern reist auch nach Deutschland, um Ausstellungen zu eröffnen oder Vorträge zu halten. So wie 2022 im Münchner Literaturhaus. Da hatte sie die weite Anreise von Chicago auf sich genommen, um zur Vorstellung von Kristina Milz´ Biografie „Karl Süßheim Bey“ zu sprechen; der ersten umfassenden Biografie des bedeutenden bayerischen Orientalisten.
MUSIK
Erzähler
Karl Süßheim hat ein kostbares Erbe hinterlassen. Eines, das viel zu lange im Verborgenen geblieben ist, sagt Kristina Milz:
18.O-Ton (Kristina Milz)
Ich finde es vor allem eben sehr wichtig, weil oftmals davon ausgegangen wird, man hätte zum Nationalsozialismus schon alles erzählt. Und gerade die Geschichte von Karl Süßheim zeigt auch mal wieder, dass wir noch lange nicht fertig sind damit, diese Zeit uns anzuschauen.
TC 22:03 – Outro
Sie ist das wohl weitest gereiste Schmuckstück des "Israel Museum" in Jerusalem: eine aufwendig bemalte Laubhütte aus dem bayerisch-schwäbischen Fischach. Irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab der Kaufmann Jakob Deller diese "Sukkah" in Auftrag. Mit der rituellen Nutzung einer solchen Laubhütte erinnern gläubige Jüdinnen und Juden an den Auszug aus Ägypten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Laubhütte durch einen waghalsigen Transport per Zug und Schiff nach Palästina gebracht. Von Lukas Grasberger (BR 2023)
Credits
Autor: Lukas Grasberger
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Susanne Schroeder, Annette Wunsch
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Rahel Sarfati, Bernhard Purin, Klaus Wolf, Bernd Päffgen, Naomi Feuchtwanger-Sarig
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
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Linktipps:
Die Fischacher Laubhütte im Isreal Museum, Jerusalem
Jüdisches Leben in Fischach, Infos des Hauses der Bayerischen Geschichte
Literaturtipp:
Heike Specht (2006): Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis. Wallstein Verlag
Sie waren Stammgäste im Hofbräuhaus, fühlten sich in den Alpen wie zu Hause, liebten die Theater und Museen der Stadt, pflegten die landesübliche Feindschaft gegenüber Preußen und in »unserem München« galt ihnen auch der Berliner Jude als Zugereister. Über drei Generationen verband die Familie Feuchtwanger eine strenge jüdische Orthodoxie mit einer ausgeprägt bayerisch-barocken Lebensweise. Die Geschichte der Feuchtwangers ist aber auch eine Geschichte von Familienzusammenhalt und Familienzwist, von arrangierten Ehen und leidenschaftlicher Liebe, von glänzenden Erfolgen und bitteren Niederlagen. Hier geht’s zum BUCH.
Rachel Sarfati (2013): Restoring the Fischach Succa
In early 2004 the Israel Museum presented the exhibition “Succot from around the World.” A painted wooden succa that had been part of the permanent exhibition for many years was taken apart and rebuilt in the exhibition hall. When the exhibition closed, it was decided that the succa’s being dismantled and the museum’s being closed for renovations provided a fortuitous opportunity to have the 19th-century succa sent out for restoration - this revealed an intriguing history. Hier geht’s zum ARTIKEL.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:39 – Ihr sollt sieben Tage in Hütten wohnen
TC 05:15 – Die Kunst aus Fischach
TC 09:20 – Ein Inventar für jüdische Kultur
TC 13:15 – Holz, das die Welt verbindet
TC 21:50 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Musik
Erzählerin
Der Münchner Hauptbahnhof, ein Tag im Jahr 1937. Reisende wuseln zu ihren Bahnsteigen, Abschiede allerorten, herzlich hier, wehmütig dort. Eine Mutter mit fünf Kindern und schwer beladen erregt Aufmerksamkeit. Berta Fränkel ist Jüdin – bald wird sie den Zug nach Triest besteigen, um dann per Schiff nach Palästina auszuwandern: Ob ihres sperrigen Gepäcks argwöhnisch beäugt von der allgegenwärtigen nationalsozialistischen Ordnungsmacht.
O-Ton 1 Rachel Sarfati, Kuratorin, Israel Museum, Jerusalem engl.
Sprecherin dt. OV
„...und dieser Polizist beobachtete sie eine Weile, wie sie ihre Sachen in einer riesigen Holzkiste verstaute. Er ging zu ihr, und fragte Berta Fränkel: „Warum schleppen Sie diese riesige Holzkiste in die neue Heimat?“ Und sie antwortete: „Dort, in der Wüste, gibt es kaum Bäume. Ich brauche dieses Holz, um mir dort, in Israel, ein neues Haus zu bauen.“
Musik
Erzählerin
Der neugierige Polizist gab sich zufrieden, und ließ ab von Berta Fränkel. Dadurch entging ihm – Überlieferungen zufolge - der wahre Charakter der vermeintlichen Frachtverpackung.
O-Ton 2 Sarfati
Sprecherin OV
„Die Innenseite dieser Holzplanken war nämlich kunstvoll bemalt. Es waren die Wände einer Sukkah, einer Laubhütte. Es war sehr mutig, sie so außer Landes zu schmuggeln. Denn damals hatten die Nazis den Export von Kulturgütern bereits untersagt. Durch diese Aktion Berta Fränkels blieb die Sukkah erhalten: Als eine von ganz wenigen Laubhütten, die die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg überleben sollten. Bis heute ist die Fischacher Sukkah ein faszinierendes Ausstellungsobjekt.“
Erzählerin
...sagt die israelische Historikerin Rachel Sarfati, Kuratorin am Jerusalemer Israel Museum, wohin die aus Bayerisch-Schwaben stammende Laubhütte letztlich auf abenteuerlichen Wegen gelangen wird. Mit Objekten wie der Fischacher Laubhütte beschäftigt sich auch die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in einem Teilprojekt namens „Spurensuche“.
TC 02:39 – Ihr sollt sieben Tage in Hütten wohnen
Musik
Doch: Was ist das überhaupt - eine Laubhütte? Und welche Rolle spielt eine „Sukkah“ in der jüdischen Kultur und Religion?
O-Ton 3 Bernhard Purin, Leiter Jüdisches Museum München, Teil 1
„In der Bibel ist – unter den vielen Geboten die man dort findet – ein Gebot: „Und ihr sollt sieben Tage in Hütten wohnen“. Das soll an den Auszug aus Ägypten und die Rückkehr ins Heilige Land erinnern.“
Erzählerin
...erklärt der Kulturwissenschaftler Bernhard Purin. Er leitet das Jüdische Museum München.
O-Ton 3 Purin Teil 2
„Darum gibt’s jedes Jahr im Herbst das Laubhüttenfest, wo man aus seinem Haus quasi auszieht, und im Garten oder vor dem Haus, am Balkon – oder wo auch immer – eine Holzhütte aufstellt, die als besonderes Merkmal hat, dass sie kein Dach hat. Sondern nur ein Gitter, auf dem Laub liegt.“
O-Ton Bernd Päffgen NEU 1
„Die Laubhütte wird eine Woche lang aufgestellt, vom 15. bis 21. Tag im jüdischen Herbstmonat Tischri. Hier geht es, ja, um Erntedank, vor allem aber um Gastfreundschaft. Diese einmal ganz konkret, im Kreis der eigenen Familie. Aber auch enge Freunde werden eingeladen.“
Erzählerin
...ergänzt der Münchner Archäologieprofessor Bernd Päffgen, der die
Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ leitet.
O-Ton Päffgen NEU 2
„Und dann gibt es aber auch den höheren Sinn: Man lädt auch Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Aaron, Josef und David ein. Man feiert nicht nur, man besinnt sich, bekennt sich zum jüdischen Glauben.“
Musik
Erzählerin
In der Laubhütte wird gebetet, gegessen, und zuweilen auch übernachtet. Was in unseren Breiten zuweilen empfindlich kalt werden kann – wenn das Laubhüttenfest dem jüdischen Kalender gemäß, in die zweite Oktoberhälfte fällt. Hierzulande nutzt und nutzte man daher auch Dachböden mit zum Himmel offenen Luken als Laubhütten. Doch auch die traditionellen, mobilen Holz-Sukkot waren verbreitet, erklärt Bernhard Purin. Diese boten ein Erscheinungsbild...
O-Ton 4 Purin
„...ähnlich wie man sich heute Gartenhütten vorstellen kann: Die außen ganz einfach waren, mit Fenster und einer Tür. Zerlegbare Hütten, die man im Garten aufgestellt hat. Die innen aber oft sehr reich bemalt waren, mit Bildern, die auf die Feiertage, auf´s Laubhüttenfest Bezug nehmen. (…) Man hat großen Wert auf diese Laubhütten gelegt – und die auch sehr schön ausgestaltet.“
TC 05:15 – Die Kunst aus Fischach
Erzählerin
Wohlhabendere Juden beauftragten Maler, um die Innenseiten der Laubhütten künstlerisch auszuschmücken. Wie etwa der Kaufmann Jakob Deller aus Fischach, einem Dorf gut 20 Kilometer südwestlich von Augsburg. Dort, im ländlichen Bayerisch-Schwaben, waren Juden von christlichen Grundherren aus wirtschaftlichen Motiven angesiedelt worden, erklärt der Augsburger Mittelalter-Experte und Universitätsprofessor Klaus Wolf.
O-Ton 5 Klaus Wolf, Prof. für Deutsche Literatur und Sprache in Bayern, Uni Augsburg
„Wir wissen ja, dass ab 1438/40 die Juden aus der Reichsstadt Augsburg vertrieben wurden. (…) Fischach gehörte zu Bayerisch-Schwaben, das damals natürlich kein Bestandteil von Bayern war, sondern weite Teile gehörten zum sogenannten Vorder-Österreich, waren also Habsburgisch. Und in diesen Territorien wurde es den Juden ermöglicht, sich anzusiedeln. Das hat die Obrigkeit natürlich nicht aus philanthropischen Gründen getan, sondern der steuerlichen Einnahmen wegen.“
Musik
Erzählerin
Jüdische Familien eröffneten für das wirtschaftliche Leben des Ortes bedeutsame Betriebe: Bald gab es jüdische Metzger und Bäcker, dazu kamen Textilgeschäfte, Viehhandlungen – oder der Laden für Zigarren, Wein und Spirituosen des Kaufmanns Deller. Fischach wuchs und florierte. Mitte des 19. Jahrhunderts war nahezu die Hälfte der gut 500 Einwohner jüdisch. Juden engagierten sich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens: In der Freiwilligen Feuerwehr, im Gemeinderat. Es gab eine israelitische Volks- und Religionsschule, eine Synagoge und auch einen jüdischen Friedhof. Und die Juden von Fischach begingen ihre Feiertage – wie das Laubhüttenfest. Die wohlhabenderen, weiß Bernd Päffgen, gaben bei örtlichen Künstlern und Handwerkern hölzerne Laubhütten in Auftrag.
O-Ton 6 Prof. Bernd Paeffgen, Prof. für Archäologie, LMU München und Co-Sprecher der Ad hoc-AG „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“, BAdW
„In der Biedermeierzeit, da beauftragten kurz vor 1840 Jakob und Esther Deller in Fischach einen einheimischen Schreiner mit dem Bau dieser Laubhütte. Ein schwäbischer Maler bekam den Auftrag, die Innenwände der Sukkah in diesen sehr kräftigen Farben zu gestalten. (…)
Erzählerin
Wie damals auch in Kunstwerken der christlichen Kultur nicht unüblich, ließ sich auch der Auftraggeber der Fischacher Laubhütte, Jakob Deller, mit seiner Frau Esther in seiner Sukkah verewigen.
O-Ton Päffgen NEU 3
„Zu sehen ist da eben Fischach, mit dem jüdischen Viertel und der Synagoge. Das ist gewissermaßen ein kleines Jerusalem in Bayerisch Schwaben, das da dargestellt ist. (…) Und Frau Deller steht mit weißer Kittelschürze stolz vor der Eingangstüre ihres Hauses - so als will sie gleich Gäste in Empfang nehmen. Und ein ganz vornehmer Herr mit Gehrock und Zylinder geht mit einem Jäger und Jagdhund in den westlichen Wäldern auf die Jagd.
Erzählerin
Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache in Bayern und Vorsitzender der Synagogenstiftung im schwäbischen Ichenhausen ergänzt:
O-Ton 7 Wolf
„Ja, das ist so die Zeit zwischen Wiener Kongress und 1848, und das ist hier wunderbar eingefangen. Und das ist in dieser Form, will ich sagen, einzigartig. Es ist ein ganz wichtiges Zeitdokument und auch ein wichtiges kunstgeschichtliches Dokument.“
O-Ton 8 Naomi Feuchtwanger-Sarig, Kunsthistorikerin, Jerusalem, engl., Sprecherin dt. OV
„Die Darstellungen sind einerseits eingebettet in die örtliche Umgebung, sehr typische Volkskunst aus dieser Region Deutschlands. Buchstäblich auf der anderen Seite der Sukkah findet man aber Bilder aus Jerusalem wie den Felsendom - oder biblische Motive wie etwa Moses auf dem Berg Sinai oder jüdische Festtage. Wie die Fischacher Sukkah solche Szenen verschmilzt: Das ist sehr besonders – und einzigartig.“
TC 09:20 – Ein Inventar für jüdische Kultur
Musik
Erzählerin
Die Einzigartigkeit der Fischacher Sukkah, von der die Kunsthistorikerin Naomi Feuchtwanger-Sarig hier spricht: Sie musste auch ihrem Großvater Heinrich Feuchtwanger bewusst gewesen sein, als er sie entdeckte. Dieser hatte vor rund hundert Jahre eine Mission: zusammen mit dem Kunsthistoriker Theodor Harburger reiste er quer durch Bayern, um jüdische Kunst- und Kulturdenkmäler zu inventarisieren.
Von Feuchtwangers und Harburgers akribischer Arbeit profitiert der Münchner Museumsleiter Bernhard Purin für ein Editionsprojekt zu den Inventaren der bayerischen Synagogen noch heute.
O-Ton NEU Purin
Er hat an die 3000 Objekte schriftlich beschrieben, handschriftlich auf kleinen Zetteln, die er mit nach Palästina genommen hat. Die seit vielen Jahrzehnten in einem Archiv in Jerusalem liegen. (…) Und es ist ein Ziel von unserem Projekt, herauszufinden, welche Objekte noch erhalten sind.
Erzählerin
Was nach einer nüchternen schlicht bürokratischen Aufgabe klingt, war dennoch fundamental, um jüdische Kultur zu bewahren - auch diese Fischacher Laubhütte, wie sich später herausstellen wird. Denn zu jener Zeit der Weimarer Republik lösten sich die jüdischen Landgemeinden in Bayern auf – ursprünglich mehrere Hundert an der Zahl. Da viele Juden seit dem 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert waren und auch immer mehr Landjuden in Städte wie München oder Nürnberg zogen.
O-Ton 9 Purin
„Und dann hat irgendwann mal im ausgehenden 19. Jahrhundert der Punkt begonnen, wo Antiquitätenhändler durchs Land gezogen sind und von den letzten Gemeindemitgliedern die Sachen abgekauft haben. Und da hat dann der Landesverband der jüdischen Gemeinden gesagt: Das müssen wir verhindern und hat Anfang der 20er Jahre die Regelung beschlossen, dass sich auflösende Gemeinden ihre Ritualgegenstände an den Landesverband geben müssen. Aber so eine Vorschrift kann man nur vollziehen, wenn man weiß, was es gibt. Und darum hat man dann den Kunsthistoriker Theodor Harburger beauftragt. Der hat über 200 Synagogen besucht und hat genaue Inventare gemacht und hat dann aber auch, wenn er an den einzelnen Synagogenorten war, sich so ein bisschen umgesehen, weil ihn das als Kunsthistoriker interessiert hat, was in Privatbesitz ist. Und so hat er dann die Fischacher Laubhütte gesehen.“
Erzählerin
Die bevorstehende NS-Herrschaft, die Zerstörung der jüdischen Kultur, die Shoah: Sie waren also nicht der Anlass der Bestandsaufnahme. Spätestens mit Beginn der NS-Diktatur muss Heinrich Feuchtwanger aber die existentielle Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland geahnt haben. Noch zu Zeiten der Weimarer Republik plante Feuchtwanger ein Museum, das die Vielfalt jüdischer Kultur und Geschichte darstellt und bewahrt – ähnlich dem jüdischen Museum, das 2007 schließlich am Münchner Jakobsplatz eröffnet wurde.
Seine Enkelin Naomi Feuchtwanger-Sarig erinnert sich.
O-Ton 11 Feuchtwanger-Sarig OV
Sprecherin dt. OV
„Er und Harburger hatten versucht, ein solches Museum in München zu etablieren, aber es kamen schreckliche Zeiten auf. Deshalb streckte mein Großvater seine Fühler zum Museum nach Palästina aus, denn dorthin hatte er bereits Kontakte. Er selber war bereits 1935 emigriert, seine Familie folgte Anfang 1936.
Erzählerin
Die Fischacher Laubhütte, so hatte er es geplant, sollte einen Platz im Museum in Palästina finden.
Fortsetzung O-Ton 11
Sprecherin dt. OV
Doch wie sollte er jetzt die Sukkah heraus aus Deutschland bekommen? Er fragte Berta Fränkel, eine enge Verwandte, die in München lebte, und ebenfalls auf dem Sprung nach Palästina war, ob sie die Laubhütte nicht mit einpacken könnte. Und so entstand die Idee, die Laubhütte als Kisten-Verpackung zu tarnen.“
TC 13:15 – Holz, das die Welt verbindet
Musik
Erzählerin
Es sollte noch bis 1937 dauern, bis die Fischacher Sukkah ins damals britische Mandatsgebiet Palästina gelangte. Der Transport war ein heikles Unterfangen. Denn die Nationalsozialisten hatten schon ein Auge auf die Feuchtwangersche Sammlung geworfen und bereits einige wertvolle Goldmünzen beschlagnahmt. Die Sorge, auch die Sukkah könnte den Nazis in die Hände fallen, war groß.
O-Ton 13 Päffgen
„... Man hat die einzelnen Bretter auseinandergenommen und hat daraus großformatige hölzerne Transportkisten (...) gemacht, die nach Palästina ausreisten, die bemalten Innenseiten, die hat man mit billigem Stoff bespannt, damit die nicht beschädigt wurden, aber auch nicht gesehen werden konnten. Und die Kisten wurden dann also von München nach Jerusalem verschifft. Kontrolliert wurde natürlich nur der Inhalt. An diesen Holzkisten war man natürlich nicht interessiert, und so kam die Fischacher Sukkah nach Jerusalem, da wurde sie wieder zusammengesetzt, und zunächst verwahrte sie Doktor Heinrich Feuchtwanger bei sich, in seinem Haus.“
Erzählerin
...ergänzt der Archäologe Bernd Päffgen, der zur jüdischen Geschichte in Bayern forscht. Die Laubhütte aus Bayerisch-Schwaben sollte schnell zum Schmuckstück und Anziehungspunkt im Bezalel Museum werden. Der Münchner Museumsleiter Bernhard Purin schreibt es der unermüdlichen Inventarisierungs-Arbeit von Feuchtwanger und Harburger am Vorabend der Shoah zu, dass die Sukkah, zahlreiche liturgische Gegenstände, weltliche wie religiöse Kunst und Kunsthandwerk gerettet und nach Palästina gebracht werden konnten.
O-Ton 14 Purin
„Das gab´s nur in Bayern, an keinem anderen Ort Deutschlands. Und Harburger ist dann immer an den Ort Deutschlands gefahren, wo es Synagogengemeinden gab, (...) und Stücke, die ihm interessant erschienen, hat er dann auch fotografiert. Und wir haben schon vor fast 25 Jahren die Fotos veröffentlicht: So circa 800. Und da kann man mit Erstaunen feststellen, dass sich doch relativ viel erhalten hat.“
Erzählerin
Wie die Fischacher Laubhütte, deren wechselvolle Geschichte mit ihrer Ankunft in Palästina noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Für Naomi Feuchtwanger-Sarig ist diese Geschichte auch eine Familiengeschichte. Die Sukkah aus Schwaben: Sie ist der Enkelin von Heinrich Feuchtwanger seit ihrer Kindheit präsent.
O-Ton 15 Feuchtwanger-Sarig Teil 1
Sprecherin OV
„Ich erinnere mich an lebhafte Diskussionen, als ich ein kleines Mädchen war. Ich habe nicht viel verstanden – aber es ging wohl darum, ob man die Sukkah noch einmal nach Deutschland transportieren sollte. In Köln war für das Jahr 1964 eine Ausstellung von jüdischem Kulturgut geplant, bei der die Fischacher Laubhütte gezeigt werden sollte. Mein Vater – damals Kurator im Bezalel-Museum, wo diese Sukkah ausgestellt war – war vor allem aus konservatorischen Gründen dagegen, denn sie war in relativ schlechtem Zustand.
Erzählerin
Die Fischacher Laubhütte erneut auf Reisen nach Deutschland zu schicken – das war für Heinrich Feuchtwanger aber auch aus einem anderen Grund problematisch, sagt seine Enkelin.
O-Ton 15 Feuchtwanger-Sarig Teil 2
Sprecherin OV
„Als Jude, der vor den Nazis geflohen war, war er der Meinung, dass aus Deutschland gerettete jüdische Kulturgüter nicht mehr dorthin zurückkehren sollten. Er hat sich dann letztlich doch gebeugt. Er konnte überzeugt werden davon, dass mit einer erneuten Reise dieser Sukkah nach Deutschland quasi eine verbindende Brücke gebaut werden könnte. Mein Großvater wollte dieses Zeugnis des Judentums all dem Hass, all der Entfremdung entgegenhalten, und er reiste zur Vorbereitung der Ausstellung Anfang der 60er-Jahre dann auch selber in die Bundesrepublik. Diese Reise war sehr schwer für ihn, und möglicherweise emotional zu anstrengend. Er ist kurz danach gestorben.“
Erzählerin
Heinrich Feuchtwangers Sorge um die Unversehrtheit der Fischacher Sukkah – sie sollte sich letztlich als berechtigt herausstellen.
O-Ton 16 Sarfati
Sprecherin OV
„Die Ausstellungsmacher in Köln haben quasi als Dankeschön eine Restaurierung der Laubhütte vorgenommen. So kam es zu diesen, sagen wir mal, unprofessionellen Veränderungen der Fischacher Sukkah.“
Erzählerin
…weiß die Jerusalemer Kuratorin Rachel Sarfati.
O-Ton 17 Safarti
Sprecherin OV
„Ich habe eine neue Farbschicht entdeckt, die viele Fehler enthielt. Farben wurden von Hell nach Dunkel, und von Dunkel nach Hell verändert.“
Erzählerin
Veränderungen, die zunächst unbemerkt blieben, sagt die Kunsthistorikerin Naomi Feuchtwanger-Sarig. Es erstaune sie, dass die „Verschlimmbesserung“ der Malereien bei einem so bekannten Objekt – das zudem als Leihgabe in anderen Museen ausgestellt war – zunächst niemandem auffielen. Naomi Feuchtwanger-Sarig veröffentlichte zwar 1988 eine Forschungsarbeit zur Sukkah aus Fischach und deren schicksalhafter Historie. Dass die Laubhütte vor Jahrzehnten unsachgemäß übermalt worden war – das fiel indes erst Mitte der 2000er-Jahre auf. Damals wurde die Sukkah abgebaut, um sie während der Renovierung des Museums routinemäßig einer Überholung zu unterziehen.
O-Ton 19 Feuchtwanger-Sarig
Sprecherin OV
„Ursprünglich wollte man nur das Holz konservieren. Es war dann ein großer Schock, als man bei der Reinigung der Paneele entdeckte, dass es unter der oberen Farbschicht eine weitere gab.“
Erzählerin
Die weitgereiste Fischacher Laubhütte ging daher erneut auf große Fahrt. Diesmal auf Erholungsurlaub, sozusagen.
O-Ton 20 Sarfati
Sprecherin OV
„Ja, die Sukkah und ich, wir haben dann eine nette Zeit zusammen in Frankreich verbracht“ (lacht). Aber im Ernst: Israel ist ein sehr junger Staat, wir haben daher keine Tradition und Erfahrung mit Holzmalerei. Deshalb haben wir ein Labor im Ausland gesucht – und eines in West-Frankreich gefunden.
Musik
Erzählerin
Die Restaurierung zog sich hin. Dass die Fischacher Laubhütte in ihren Originalzustand überhaupt zurückversetzt werden konnte – das ist einem Nachfahren ihres ursprünglichen Besitzers Jacob Deller zu verdanken: Alberto Deller, der als Kind vor den Nationalsozialisten nach Ecuador floh, besuchte Israel – und wollte dort die Sukkah seiner Vorfahren besichtigen.
O-Ton 21 Sarfati
Sprecherin OV
„Alberto Deller stand jedoch vor verschlossenen Türen, denn das Museum war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Die Sukkah seiner Familie war abgebaut und im Depot zwischengelagert worden – bis wir das Geld für ihre Restaurierung auftreiben würden. Diese Geschichte war also das Einzige, womit ich aufwarten konnte. Und ich erzählte ihm von der schwierigen Finanzierung der Restaurierung. Ich wusste damals nicht, dass Deller sehr wohlhabend ist und sich bereits einen Namen als Mäzen der Hebräischen Universität hier in Jerusalem gemacht hatte. Schließlich bot er an, die Kosten für die Restaurierung zu übernehmen.“
Erzählerin
Nun ist die Fischacher Laubhütte wieder in ihrem Originalzustand, in ihrer alten, neuen Heimat Israel Museum.
Musik
Erzählerin
Die Laubhütte von Fischach: Sie verbinde Familien und Generationen, über die Kontinente hinweg, sagt die israelische Kuratorin und Kunsthistorikerin Rachel Sarfati.
O-Ton 23 Sarfati
Sprecherin OV
„Ja, es gibt Verbindungen, die sich über die ganze Welt erstrecken. Die Sukkah verbindet die Deller-Familie und ihre Nachfahren, die Sterns. Sie verbindet die Familien Fränkel und Feuchtwanger. Sie verknüpft die Kontinente und Länder: Israel, Europa – und Lateinamerika. Die Fischacher Laubhütte ist ein so seltenes und einzigartiges Stück, dass auch ich mich in besonderer Weise verbunden fühle.“
TC 21:50 – Outro
Es war eine Sensation, als Archäologen vor rund 100 Jahren "Petra" ausgegraben haben: eine in Fels gehauene Stadt, die den Nabatäern als Handelsmetropole diente. Ihre Blütezeit hatten die Nabatäer zur Zeit Jesu. Sie beherrschten die Weihrauchstraße und organisierten den Handel zwischen Arabien und dem Mittelmeerraum. Bis heute stoßen Archäologen immer noch auf neue Erkenntnisse. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2016)
Credits
Autor: Bernd-Uwe Gutknecht
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Silke von Walkhoff
Technik: Gerhard Wicho
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Stephan Schmid, Jane Taylor
Linktipps:
Das Kalenderblatt (2013): J.L. Burckhardt entdeckt Petra (22.08.1812)
Die Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien war bis ins 3.Jahrhundert n. Chr. als blühende Handelsstadt der Nabatäer bekannt. Am 22. August 1812 entdeckte der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt die sagenhaften Ruinen. JETZT ANHÖREN
ZDFinfo (2020): Petra – Felsentempel in der Wüste
Beeindruckende Felsformationen und mächtige Fassaden – mitten in der jordanischen Wüste fasziniert die antike Felsenstadt Petra Archäologen, Historiker und Touristen. JETZT ANSEHEN
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo
TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage
TC 05:18 – Der Nomadenstamm
TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren
TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste
TC 15:06 – Im arabischen Olymp
TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht
TC 21:06 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ATMO 1 Aufstieg
Erzähler:
Der Aufstieg ist beschwerlich. Von Petra, der faszinierenden Felsenstadt unten im Canyon, hinauf zum 1.200 Meter hohen Gipfelplateau des Umm al-Bijara (sprich: Umm all Bichara), übersetzt der „Mutter der Zisternen“. Hunderte von Stufen wurden in den vergangenen zwei Jahrtausenden in den Kalk - und Sandstein geschlagen, um auf den höchsten Berg der Gegend zu gelangen.
Erzählerin:
Immer wieder wurde der Weg von Sandstürmen verweht, von Geröll verschüttet, von Erdbeben zerstört und ein ums andere Mal wiederhergestellt. In den vergangenen beiden Jahrhunderten von Archäologen, zuvor von Beduinen, zur Zeitenwende vom geheimnisumwitterten Volk der Nabatäer!
ATMO 2 Archäologengespräch
Erzähler:
Seit den neunziger Jahren graben und forschen Archäologen der Berliner Humboldt-Universität rund um Petra. Zahlreiche Gebäudekomplexe - Tempel, Gräber, Villen aus den ersten Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende - haben sie bereits freigelegt und dokumentiert. Auf dem Umm al-Bijara sind sie auf eine erstaunliche Anlage gestoßen.
ATMO 3 kratzen
TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo
Erzählerin:
Eine luxuriöse Wellness-Oase auf einem Berg mitten in der Wüste: mit Marmor-Badewannen, kunstvollen Mosaiken, Steinfiguren von badenden Jünglingen. Prof. Dr. Stephan Schmid ist der Ausgrabungsleiter:
O-Ton 1 Schmid Luxusbad:
„Man darf sich da durchaus den damals üblichen Luxus vorstellen, der dadurch fast pervers wirkt, dass er an einem sehr unwirtlichen Ort praktiziert wird. Wir haben eine Badeanlage gefunden, die mit 20 auf 30 Metern ein ganz anständige Dimension erreicht. Da gab`s beheizbare Räume mit Boden - und Wandheizung, es gab für den Endnutzer fließendes Wasser, das kommt zwar aus den Zisternen, wird aber in Zwischentanks erst mal eingefüllt und der Endnutzer kann richtig seine Badewanne mit fließend Wasser füllen lassen und das ist natürlich für ehemalige Nomaden schon eine Leistung.“
MUSIK
Erzähler:
Feinkeramik - und Glasscherben lassen vermuten, dass es sich die Badenden auf dem Berg gut gehen ließen. Die größte Badewanne, die mehreren Personen Platz bot, also eine Art antiker Whirlpool, ist direkt an der Felskante installiert, hinter der es Hunderte von Metern in die Tiefe geht – antike Wellness mit Nervenkitzel und einem fantastischen Panorama: Vom Plateau reicht der Blick über ganz Petra und auf der anderen Seite bis ins Jordantal, ins heutige Israel. Lage und Luxusausstattung des Berg-Bades waren vermutlich so etwas wie ein Architekturwettstreit mit Herodes dem Großen, der nebenan in Judäa pompöse Paläste bauen ließ. Ziel war es, Macht und Reichtum zur Schau zu stellen.
MUSIK AUS
TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage
O-Ton 2 Schmid Herodes:
„Die Nabatäer waren ja die direkten Nachbarn und auch direkt verschwägert mit Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern, da gab`s einen regen Austausch von Heiratspolitik, man hat sich auch hin und wieder bekriegt, man kannte sich jedenfalls sehr gut. Und im Königsreich von Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern kennen wir zahlreiche Höhenresidenzen, und unser Schlagwort ist, dass Um-el-Bijara, dieser Berg hier, die nabatäische Antwort auf Masada, die große Palastanlage von Herodes dem Großen am Toten Meer darstellen könnte.“
Erzählerin:
Die exponierte Position dieser Anlage, die nicht nur aus Badewannen, sondern auch aus Wohn – und Wachgebäuden bestand, hatte auch einen strategischen Grund.
O-Ton 3 Schmid Königsberg:
„Unsere Arbeits-Hypothese ist die, dass sich hier oben eine Königsresidenz befunden haben könnte aus folgenden Gründen: Der Berg ist der Stadtberg von Petra, der überblickt das Stadtgebiet mit 300 Metern Höhendifferenz, Umm-al-Bijara, Mutter der Zisternen, also da wurde auch Wasser in Zisternen gesammelt. Offenbar wollte man hier oben größere Menschenmengen oder Menschen mit hohem Wasserbedarf bewirtschaften können. Der andere Punkt: Der Berg ist extrem wichtig für die Kontrolle des ganzen Gebietes. Petra selbst liegt ja in einem tiefen Talkessel, da hat man keine Sicht, keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Und das ist ab dem Zeitpunkt, wo man aus der nomadischen in die sesshafte Lebensweise wechselt, denkbar ungünstig. Und dazu dient dieser hohe Berg, man hat hier eine perfekte Fernsicht und kann kommunizieren mit einer ganzen Reihe von Wachtürmen die sich rund ums Siedlungsgebiet von Petra und befunden haben und diese Informationen eben mit dem Stadtgebiet eben austauschen und kommunizieren.“
TC 05:18 – Der Nomadenstamm
MUSIK & ATMO 5 Kelle
Erzähler:
Wer waren diese Nabatäer, die in solch einem unwirtlichen, labyrinthartigen Schluchtensystem ihre Hauptstadt errichteten?
ATMO 6 Schaufel
Erzählerin:
Neben den Tonscherben, Münzen oder Steinreliefs, die Archäologen wie Stephan Schmid zutage fördern, haben die Forscher nur einige schriftliche antike Quellen zur Verfügung: von den Geschichtsschreibern Strabon, Flavius Josephus oder Diodorus. Von den Nabatäern selbst wurden bisher nur wenige schriftliche Zeugnisse gefunden.
Erzähler:
In der Bibel tauchen die Nabatäer bei Paulus auf. Und zwar in Person von König Arétas, der als König von Damaskus bezeichnet wurde. Zu Jesu Zeiten reichte das Herrschaftsgebiet der Nabatäer bis ins heutige Syrien.
Erzählerin:
Zum ersten Mal wird der semitische Nomadenstamm vom griechischen Historiker Diodorus erwähnt: Im Jahr 312 v. Chr. kämpfte demnach ein griechisch-makedonisches Heer von fast 5.000 Mann gegen die Nabatäer, eroberte vorübergehend Petra und erbeutete große Mengen an Weihrauch und Myrrhe sowie 500 Talente Silber, was 70 Tonnen entspricht!
MUSIK AUS
O-Ton 4 Schmid Könige:
„Die frühesten Belege stammen aus der hellenistischen Zeit, wo ein König der Araber genannt wird, der eigentlich nur Nabatäer sein kann und dann ab dem späten zweiten Jahrhundert werden sie dann auch richtig König der Nabatäer genannt. Auch auf ihren eigenen Münzen treten sie als solche auf. Zumindest nach außen muss das als monarchische Form wahrgenommen worden sein. Man kann sich gut vorstellen, dass es eine Art Scheichtum war, es gab eben einen Oberscheich und weil er der Oberscheich war, galt er für die Griechen und Römer als König.“
MUSIK
Erzähler:
Aus ihrer Nomadenzeit hatten die Nabatäer die Stammesstrukturen bewahrt, auch als sie rund um Petra sesshaft wurden. Wie früher, als sie durch die Wüstengegenden im heutigen Syrien, Jordanien, Irak, Palästina und Saudi Arabien zogen, lebten sie in Großfamilien und Clans. Davon zeugen große Versammlungsräume, die in die Felswände von Petra gebaut wurden. In diesen Bankettsälen finden sich sogenannte Triklinien, abgetrennte Räume, die an drei Seiten Sitzbänke hatten. In diesen Räumen wurde rituell gekocht, es wurden Tieropfer dargebracht und es wurde beratschlagt und zu Gericht gesessen.
Erzählerin:
Als Nomaden hatten die Nabatäer keine eigene Schriftsprache. Sie bedienten sich des Aramäischen, also der Sprache Jesu, vor allem, wenn es um Handelsverträge, Bauinschriften etc. ging. Mythische, rituelle oder alltägliche Dinge wurden mündlich überliefert.
MUSIK AUS
O-Ton Schmid 5 aramäisch:
„Da muss man offenbar unterscheiden zwischen dem, was sie gesprochen haben, das scheint wirklich Arabisch gewesen zu sein, ein Früh-Arabisch, und dem, was sie geschrieben haben. Geschrieben haben sie tatsächlich Aramäisch, das war damals die lingua franca, die in diesem Teil der antiken Welt durch das persische Achämenidenreich flächendeckend als Verwaltungssprache eingeführt wurde. In dieser Sprache schreiben die Nabatäer, das ist eigentlich schriftmäßig die Ursprungssprache des modernen Arabisch und des Hebräisch. Aramäisch ist die Sprache von Jesus und auch die Bibel ist in Aramäisch abgefasst in weiten Strecken.“
Erzähler:
Aus diesem frühen Aramäisch hat sich dann die Arabische Schrift entwickelt, wie wir sie kennen.
TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren
Erzählerin:
Und wie sie die Nachfahren der Nabatäer benutzen, die heute in den Hügeln rund um Petra leben: ohne Strom und fließendes Wasser, in Zelten aus Tierleder, einem für die Männer, einem für die Frauen.
ATMO 7 Mörser Kardamom
O-Ton 6 Schäferin Name over weiblich:
„Mein Name ist Haje (sprich: Ha-je), ich bin 50 Jahre alt und ich habe sechs Kinder.“
Erzähler:
Die Frau sitzt auf einer staubigen Wolldecke vor dem Zelt, im Mörser zerkleinert sie Kardamom-Körner. Ihr schwarzer Umhang verhüllt den ganzen Körper, bis auf die Augen.
O-Ton 7 Schäferin Tag over weiblich:
„Unser Tag sieht so aus: Erst mache ich das Frühstück, meine Söhne gehen zum Wasser holen, die Töchter bringen die Ziegen zum Grasen. Wir essen Joghurt, Zwiebeln, Brot, trinken Tee. Sonst gibt`s kaum etwas. Fleisch nur, wenn Gäste kommen, dann schlachten wir eine Ziege “
ATMO 8 Brotbacken
Erzählerin:
Jetzt knetet die Frau Brotteig, den sie zu Fladen formt. Statt in einen Ofen steckt sie diese Fladen einfach in den heißen Wüstensand.
Eine Viertelstunde später ist das Brot fertig gebacken und wird mit etwas Ziegenkäse und Wildkräutern gegessen.
Erzähler:
Das karge Leben der Beduinen dürfte sich kaum vom Lebensstil früherer Nomaden unterscheiden. Mit Geld kommen sie selten in Berührung, vielmehr tauschen sie Lebensmittel, Tiere oder Stoffe mit anderen Beduinen.
MUSIK
Erzählerin:
Auch die Nabatäer haben in ihrer Nomadenzeit wohl so gelebt. Durch ihre steigenden Handelsaktivitäten und den aufkommenden Wohlstand änderte sich aber die Gesellschaftsform.
MUSIK AUS
Die Nabatäer suchten ein Zuhause, ein Zentrum, und fanden es in Petra.
ATMO 11 Markt
Erzähler:
Den Marktplatz von Petra muss man sich wie einen großen Souk vorstellen, wie man ihn heute noch in Jordaniens Hauptstadt Amman findet.
MUSIK
An den Ständen bieten die Händler Gewürze, Gemüse, Fleisch, Fisch, Kaffee und Tee sowie Gebrauchsgegenstände aller Art feil.
Erzählerin:
Die Hauptstraße von Petra ist noch deutlich zu erkennen: die Pflastersteine sind gut erhalten und weisen keine Spuren von Rädern auf – der Boulevard war also eine frühe Fußgängerzone! Gesäumt von Brunnen, Badehäusern, Theater, Mausoleen. Zu Zeiten der Nabatäer war diese Prachtstraße noch beeindruckender als heute. Denn die meisten Gebäude waren mit kunstvollem Stuck verziert und farbenfroh gestrichen, während die Überbleibsel sandfarben sind.
ATMO 12 Marktschreier
Erzähler:
Petras Marktschreier brachten die wertvollsten Produkte der damaligen Zeit unter die Leute: Luxusgüter wie Alabaster, Elfenbein, Perlen, Purpur oder Pfeffer. Auch Aromata wie Weihrauch, Myrrhe, Balsam oder Zedernduft. Vor allem die Einkäufer aus Rom rissen sich um die Zutaten für Salben, Cremes oder Badewasser, da die römische Kanalisation zum Himmel stank und mit Düften übertüncht werden musste.
TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste
Erzähler:
In der Hochzeit reichte der nabatäische Karawanenstaat von Damaskus im Nordosten bis nach Medina im Süden, im Westen bis zum Sinai. Auf der arabischen Halbinsel kontrollierten sie die so genannte Weihrauchstraße, die von Jemen und Oman bis zum Mittelmeer führte und auf der neben Gewürzen aus Indien auch chinesische Seide transportiert wurde.
Erzählerin:
In der Oase Hegra im heutigen Saudi-Arabien übernahmen die nabatäischen Kaufleute die Ware von südarabischen Händlern, brachten sie in 30 bis 40 Tagesmärschen in Kamel- und Dromedarkolonnen nach Petra oder nach Gaza, dem wichtigsten Umschlagplatz am Mittelmeer. Von dort führte die Handelsroute nach Rom oder Athen. Die wichtigsten Karawanen-Strecken waren mit bewachten Brunnen, Warendepots und Versorgungsstationen versehen.
MUSIK AUS
ATMO 13 Petra Sprachen
Erzählerin:
Kaufleute aus vielen Regionen tummelten sich in Petra, das eine Art Wallstreet der Wüste war. Statt des Touristen-Mix‘ aus Englisch, Deutsch oder Japanisch war vor 2.000 Jahren ein Sprachengemisch aus Aramäisch, Persisch und Latein zu hören. Historiker schätzen, dass zur Hochzeit etwa 30.000 Menschen in Petra lebten, darunter zahlreiche Ausländer, die auch ihre Vorlieben mitbrachten. Der Archäologe Stephan Schmid stößt bei Grabungen immer wieder auf Keramik, Glas und Marmor aus Italien oder Griechenland.
ATMO 14 Wasserplätschern
Erzähler:
Ein paar Kilometer von Petra entfernt sprudelt Quellwasser aus den Felsen. Laut Bibel soll Moses hier mit einem Stock auf einen Felsblock geschlagen und so die Quelle geöffnet haben. Diese Wasserstelle garantiert seit Tausenden von Jahren die Trinkwasserversorgung.
MUSIK
Erzählerin:
Die Nabatäer entwickelten ein ausgeklügeltes Kanalsystem, das Wissenschaftler heute als „Wasserbaukunst“ bezeichnen: starke Regenfälle im Winter können die Schluchten rund um Petra komplett unter Wasser setzen, im Sommer fällt nahezu kein Regen. Diese Herausforderung meisterten die Ingenieure der Nabatäer, indem sie Dutzende von Barrieren bauten, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers im Winter zu verringern. In Dämmen und unterirdischen Zisternen wurden enorme Wassermengen gesammelt, über ein weitverzweigtes Kanalsystem verbreitet.
Erzähler:
Rechnungen ergaben, dass rund ums Jahr etwa 45 Millionen Liter zur Verfügung standen. Eine immense Menge an Wasser, zumal mitten in der Wüste! Damit konnten die sesshaft gewordenen Nomaden auf bewässerten Terrassen Landwirtschaft betreiben, was den Fund zahlreicher Getreidemühlen, Wein – und Ölpressen erklärt. Luftaufnahmen deuten auch auf großzügig angelegte Gartenanlagen in Petra hin. Die Nabatäer hatten sich an einem der unwirtlichsten Plätze der Region ein Paradies geschaffen.
ATMO 15 Petra Kinder
MUSIK AUS
TC 15:06 – Im arabischen Olymp
Erzählerin:
Die Frage ist: Warum taten sie das in diesem staubigen Schluchten-Labyrinth?
Erzähler:
Eine Möglichkeit, die von Historikern und Archäologen diskutiert wird: Eventuell hatten die Nabatäer einen mystischen Bezug zu diesem Ort.
MUSIK
Jedenfalls fanden die Forscher zahlreiche Stein-Stelen, die Götter symbolisieren. Inschriften auf Reliefs lassen den Schluss zu, dass Petra nicht nur ein Handelszentrum, sondern auch eine Pilgerstätte war. Vielleicht vermuteten die Nabatäer, dass die von ihnen angebeteten Gottheiten hier zuhause sind. Petra wäre demnach eine Art arabischer Olymp gewesen.
O-Ton 12 Schmid Duschara:
„Die Nabatäer hatten ein relativ detailliertes Pantheon, da gibt es eine ganze Reihe von Göttern, allerdings scheint es sich ein bisschen auf einen Hauptgott zu fokussieren, also eine stark trichterförmige Verengung oder Konzentration auf einen Hauptgott. Hier in Petra ist das eindeutig Duschara, d.h. der von den Schara-Bergen. Und die Schara-Berge, das ist diese Gebirgskette, die den Übergang von der innerarabischen Hochebene in den arabisch-afrikanischen Grabenbruch, in dem auch der Jordan, das Rote und Tote Meer liegen, darstellt. Dieser Duschara war ganz wichtig, denn von den Schara-Bergen kommt das segens-und kulturbringende Wasser, von daher kommt aber auch das alles zerstörende Wasser, wenn man eben nicht aufpasst und das ein bisschen domestiziert. Lustigerweise oder interessanterweise, wenn es um die bildliche Darstellung von Duschara in Griechisch-Römischen Bildchiffren geht, dann taucht er als Dionysos oder Bacchus auf. Das gibt uns eine gewisse Vergleichbarkeit.“
Erzählerin:
Hauptgott Duschara wurde auch mit Vollbart, als Verkörperung des griechischen Zeus, dargestellt! So anpassungsfähig die Nabatäer in ihren Handelsstrategien waren, so flexibel waren sie mit ihrer Religion: Sie passten sich den Umständen an, lernten Gottheiten der Nachbarvölker kennen und adaptierten sie.
Je nach Region beteten sie die lokalen Götter an, das konnten auch Flüsse, Quellen, Berge oder Bäume sein. In der Beschreibung der nabatäischen Gottheiten finden sich Merkmale arabischer, persischer und vor allem hellenistischer Götter wieder. So hatte jede Siedlung einen eigenen Hauptgott, zum Teil glaubten einzelne Familien an eigene Wesen.
MUSIK AUS
O-Ton 13 Jane gods OV weiblich:
“Außerdem wissen wir von drei Haupt-Göttinnen in Petra, deren wichtigste Al-Huzza war. Ihr Name kann mit „Die Große“ übersetzt werden.
TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht
Erzählerin:
Die britische Schriftstellerin und Fotografin Jane Taylor lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Jordanien, hat mehrere Dokumentationen über die Nabatäer veröffentlicht. Neben der sehr variablen Religion beeindruckt sie auch die relativ gleichberechtigte Rolle der nabatäischen Frauen:
O-Ton 14 Jane women OV weiblich:
„Es gibt Hinweise, dass die Nabatäer ihre Frauen wesentlich höher ansahen als etwa die Römer oder die Juden der Epoche. Ein Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass auf den Münzen der Nabatäer nicht nur Könige, sondern auch Königinnen abgebildet waren. Das gab`s weder bei Römern noch bei den Juden. Es ist leider sehr wenig über das Alltagsleben der Ehefrauen, Mütter, Töchter überliefert, aber wir kennen relativ viele Namen von Königinnen und auch von Königstöchtern. Und diese wurden offenbar nicht viel anders behandelt als die Königssöhne.“
Erzähler:
Die wenigen historischen Quellen vermitteln den Eindruck, dass die Nabatäer ein sehr verantwortungsvolles, gut organisiertes und um Frieden bemühtes Volk bildeten. Laut Geschichtsschreibern versuchten sie, mögliche Feinde eher mit Strategie und Diplomatie zu bezwingen als mit militärischer Gewalt. So führten sie ein römisches Heer fehl, damit dieses an keiner Oase vorbeikam und schließlich geschwächt ohne jeden Kampf aufgeben musste.
MUSIK
Als die Römer alternative Handelsrouten auf dem Seewege etablierten, verloren die Nabatäer ihr Handelsmonopol und wurden als Unterhändler quasi überflüssig. Relativ unspektakulär wurde ihr Reich von Rom geschluckt und ging in der Provinz Arabia auf. Aus Händlern wurden sesshafte Bauern.
Erzählerin:
Das Handelszentrum Petra geriet in Vergessenheit, stattdessen zogen die Karawanen nach Palmyra oder Aleppo.
MUSIK AUS
O-Ton 16 Schmid Ende:
„Das nominelle Ende des nabatäischen Königreiches kommt 106 nach Christus, als die Römer hier einmarschieren und das Nabatäer-Reich in die Provinz Arabien umwandeln. Es ist immer noch nicht ganz klar, warum zu diesem Zeitpunkt, wenige Jahre später unternimmt der gleiche Römische Kaiser Trajan einen groß angelegten Feldzug in den damaligen Osten, das Partherreich wird bekriegt und teilweise erobert. Und möglicherweise war es für die Römische Verwaltung und Planung wichtig, in dieser Ecke der antiken Welt, wo wichtige Zufahrtsstraßen auch auf die künftigen Kriegsschauplätze hin durchführen, für Ruhe zu sorgen, prophylaktisch sozusagen.“
Erzähler:
In der Folge vernachlässigten die Römer Petra. Viele Bewohner zogen weg, nur einige Christen nutzten die Höhlenverstecke auf ihrer Flucht vor den Römern. Die Stadt verfiel.
Erzählerin:
Und erlitt im Jahr 363 nach Christus sozusagen den Todesstoß. Ein schweres Erdbeben machte den Resten eines einst blühenden Handelsreichs ein Ende. Als der Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim 1812 Petra erreichte, existierte die Stadt schon lange nicht mehr. Wüstensand überdeckte die ehemalige Metropole wie ein Mantel des Schweigens.
TC 21:06 – Outro
Lange bevor Erdöl und Erdgas die Arabischen Emirate reich machten, wurde von dort Fernhandel bis nach Indien betrieben. Gold, Perlen, Waffen im Tausch gegen Edelsteine, Hölzer, Gewürze. Die Region um Dubai war schon in der Stein-, Bronze-und Eisenzeit ein wichtiges Handelszentrum. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2023)
Credits
Autor: Bernd-Uwe Gutknecht
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Christian Baumann, Jenny Güzel
Technik: Robin Auld
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Christian Velde, Ali Al Mansoori, Aisha Ahmet, Mansour Boraik, Abdullah Mansouri, Abdulla Rashed Al Suwaidi
Linktipps:
radioWissen (2023): Das Dromedar – Überlebenskünstler und Luxusrenntier
Dromedar oder Kamel? Die Zahl der Höcker macht den Unterschied, Dromedare sind die mit einem Höcker. Der darin gespeicherte Fettspeicher ist einer der vielen Überlebenstricks der Schwielensohler in der Wüste. JETZT ANHÖREN
3sat (2020): Der Duft des Orient – Die Weihrauchstraße
Weihrauch ist der Wundsaft eines knorrigen Wüsten-Baumes. Dieter Moor folgt den Spuren dieses gleichermaßen mythischen wie aromatischen Rauchs auf einer der ältesten Karawanen-Handelsstrasse der Geschichte. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:59 – Mehr als Palmen, Datteln und Fisch
TC 05:00 – Lehren aus dem Grab
TC 07:30 – Ein Industriegebiet mitten in der Wüste
TC 11:43 – Das Allrounder-Dromedar
TC 14:03 – Auf der Weihrauchroute
TC 16:57 – Die Macht der Perlen
TC 19:06 – Äußere Einflüsse
TC 22:20 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK & ATMO 01 Geröll + ATMO Wüste
Sprecherin:
Er trägt immer sehr robuste Lederstiefel, denn er steht oft bis zu den Knöcheln in Haufen von scharfkantigen Muschelschalen und Knochenresten. Seit über 30 Jahren stochert der deutsche Archäologe Christian Velde in den Müllbergen der frühesten Bewohner von Ras al Khaimah,
O 01 Muscheln:
„Diese Hügel bezeichnen wir als Muschelhaufen, im Grunde ein Abfallhaufen, von dem, was Menschen gegessen haben. Für uns fantastisch, das ist das, was wir brauchen! Wir graben im Abfall der Menschen, die einmal gelebt haben. Man muss das nur wirklich aufheben (…) das hat ein Mensch vor drei bis vier Tausend Jahren ausgeschlürft und dann hierhin geworfen.“
ATMO Muschelhaufen
Sprecher:
Austern waren wohl schon in der Vorzeit eine Delikatesse oder eher ein Grundnahrungsmittel in dem nördlichsten der Vereinigten Arabischen Emirate.
MUSIK
Sprecherin:
Der Archäologe steht in einer steinigen, staubigen Ebene. Ein paar Kilometer östlich beginnen die steilen Berghänge des Hajar-Gebirges, im Westen glänzt der Arabisch-Persische Golf in der Sonne.
Sprecher:
Aus dem Gebirge fließt nach Regenfällen kostbares Wasser herab. Und in den bergigen Regionen können Wildtiere gejagt werden. Aus dem Meer wiederum gibt es reichlich Fische und Meeresfrüchte zu essen. Diese Lage hat die Arabische Golfküste schon sehr früh attraktiv für eine Besiedlung gemacht.
TC 01:59 – Mehr als Palmen, Datteln und Fisch
O 02 Steinzeit:
„Die frühesten Nachweise, wie wir jetzt wissen, sind etwa 200.000 vor der Jetzt-Zeit. Das ist die sogenannte Alt-Steinzeit, das ist die Zeit, in der sich die ersten Wellen früher Menschen aus Afrika weiter ausbreiten und das Faszinierende ist, dass man heute annimmt, dass sie auch über die Arabische Halbinsel nach Asien gekommen sind. Man kann das wirklich nachweisen, dass von 200.000 bis jetzt Menschen in diesem Raum gelebt haben.“
Sprecherin:
Auf einer Insel, die zum Emirat Sharjah gehört, haben Forscher im Jahr 2022 Hinweise auf eine Siedlung aus der Altsteinzeit entdeckt, die ältesten Spuren der ganzen Region.
Sprecher:
Das hat die Wissenschaftler überrascht, weil in dieser Epoche lange Trockenzeiten auf der Arabischen Halbinsel vorherrschten. Offenbar waren die Menschen damals in der Lage, trotz der harschen Bedingungen zu überleben.
Sprecherin:
In der Jungsteinzeit, also etwa ab 10.000 vor unserer Zeitrechnung, haben sich die Lebensbedingungen erheblich verbessert.
O 03 Monsun:
„Vom Neolithikum mit einer kurzen Unterbrechung bis zum dritten Jahrtausend hat es hier eindeutig mehr geregnet als heute. Und zwar deswegen, weil in dieser Zeit der Monsun, der sich heute praktisch auf Indien beschränkt, damals bis in den Norden gekommen, d.h. es hat hier im Grunde zwei Regenzeiten gegeben.“
MUSIK
Sprecher:
Die Ebene, die heute auf dem Staatsgebiet von Ras al Khaimah liegt, hat sich damals zum Obst-und Gemüsegarten der Region entwickelt.
ATMO 02 Wedel
Sprecherin:
Die Grabungsstätten des Archäologen Christian Velde sind eingerahmt von ausgedehnten Palmgärten.
O 04 Datteln:
„Wir wissen, dass es von etwa von 3000 vor bis in die Moderne hier Palmengärten gegeben hat, auch wenn wir die ersten Dattelkerne schon aus dem Neolithikum kennen.“
ATMO 03 Palmgarten
Sprecher:
Einer dieser Palmgärten gehört Ali Al Mansoori (sprich: Mansuri). Weiße Haare, weißer Vollbart, weißes Scheichsgewand, so steht der Dattelbauer zwischen seinen Palmen:
O 05 dades OV männl.:
OV- männlich
„Die Menschen früher hatten wenig zu essen hier, eigentlich nur Datteln und Fisch. Das Gute an den Datteln: man kann sie auch ohne Kühlschrank ein Jahr lang aufbewahren. Und sie sind auch noch gesund! Eine Palme versorgt dich mit 120 Kilo Datteln, davon kann sich eine Familie ein Jahr lang ernähren.“
Sprecher:
Zwischen den Palmen dringt Sonnenlicht hindurch, so können darunter zwei weitere Ebenen mit Obstbäumen und Boden-Gemüse gedeihen.
MUSIK
Sprecherin:
Aber die Menschen lebten auch damals nicht nur von Datteln und Fischen. Tonscherben und Steinwerkzeuge, die in Ras al Khaimah ausgegraben wurden, deuten darauf hin, dass bereits im sechsten Jahrtausend vor Christus, in der sogenannten Obed-Zeit, Tauschhandel mit Mesopotamien betrieben wurde.
TC 05:00 – Lehren aus dem Grab
Sprecher:
Im dritten Jahrtausend vor Christus lebte die Umm-an-Nar-Kultur im heutigen Emirat, im Anschluss die Wadi-Suq-Kultur. Aus dieser Epoche stammen bedeutende Funde von Christian Velde: Hunderte von Gräbern!
Zusp. O 08 Gräber:
„Wo wir etwas finden, ist jenseits der Palmengärten, wo die Menschen meistens ihre Toten bestattet haben und deswegen finden wir sehr häufig Gräber. Und die findet man tatsächlich in diesem Gebiet zwischen den Palmengärten, in den Schotterflächen am Rand der Berge. Das Faszinierende ist Shimal, wo sich ein gewaltiger Friedhof befindet mit mehr als 100 megalithischen Gräbern, die aus einer Zeit zu Beginn des zweiten Jahrtausends stammen, aus einer Kultur, die wir Wadi Suk-Kultur nennen, aus der Zeit zwischen 2000 und 1600 v.Chr.“
ATMO 06 Grab
Sprecherin:
Blickt man über die Ebene, reiht sich Hügel an Hügel, unter jedem Hügel ruhen Gruppen-Gräber, die meist für 30 bis 60 Personen angelegt wurden. Nur einige der Grabhügel sind bisher freigelegt worden, mit teils erstaunlichen Funden:
O 09 Hund:
„Ein komplettes Skelett einer jungen Frau, die angehockt – das sind alles Hockerbestattungen im 2. und 3. Jahrtausend – dort bestattet worden ist und das Faszinierende an dieser Bestattung ist, dass oberhalb ihres Kopfes ein Hund bestattet war. Sie ist also scheinbar mit ihrem Hund bestattet worden. Es ist ein Hund, der nachweislich seit den Beduinen hier existiert, aber sehr wahrscheinlich schon Jahrtausende davor existiert hat.“
Sprecher:
Für Archäologen sind es oftmals die unspektakulären Entdeckungen, die für neue Erkenntnisse sorgen. So ergaben Untersuchungen an abgenagten Hühnerknochen, dass schon in der Bronzezeit Handel mit dem fernen Indien stattgefunden hat:
0 10 Huhn:
„Das Huhn ist faszinierenderweise im Industal, also in Indien domestiziert worden, die Urform des Huhns. Und tatsächlich hat man die Reste von Hühnern auch hier gefunden. Tatsächlich scheinen im dritten Jahrtausend Hühner hierher exportiert worden zu sein.“
Sprecherin:
Da sich abgeknabberte Hühnerknochen nicht so gut als Ausstellungsstücke für ein Museum eignen, werden im Nationalmuseum von Ras al Khaimah Steinpfannen, bemalte Becher, Bronzewerkzeuge und Waffen, etwa Dolche oder Pfeilspitzen gezeigt.
TC 07:30 – Ein Industriegebiet mitten in der Wüste
ATMO 07 Innenhof
Sprecher:
Im Innenhof des Museums hat die Museums-Führerin Aisha Ahmet gerade eine Studentengruppe verabschiedet. Für sie als Einheimische ist es etwas Besonderes, dass sich Besucher aus anderen Weltgegenden für die frühzeitliche Geschichte von Ras al Khaimah interessieren:
O 11 map OV weibl.:
OV- weiblich
„Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich mir die alten Karten anschaue und sehe, dass mein Land schon vor sehr langer Zeit mit weit entfernten Gegenden der Welt vernetzt war. Und auch die Gäste hier im Museum - etwa die aus China oder Indien - staunen, dass unsere Länder schon in der Frühzeit Handel miteinander getrieben haben.“
MUSIK
Sprecherin:
Aufgrund seiner Lage in dem schmalen Streifen zwischen Meer und Berg war das heutige Ras al Khaimah prädestiniert für frühe Siedlungen. Aber auch in den anderen Emiraten entlang der Küste des Arabisch-Persischen Golfes wurden Belege für weitreichende Handelsaktivitäten gefunden.
Sprecher:
Eine Zufallsentdeckung sorgte im Jahr 2002 in Dubai für Schlagzeilen: Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, der Herrscher von Dubai, erspähte während eines Helikopterfluges ungewöhnliche dunkle Schattierungen im Wüstensand. Wie Wissenschaftler kurze Zeit später analysierten, handelte es sich um Schlacke, ein Abfallprodukt von Schmelzöfen aus der Eisenzeit.
Sprecherin:
Die umfangreichen Grabungsarbeiten förderten Tausende Metall-Objekte zu Tage, vor allem Waffen und Schmuck. Der Archäologe Dr. Mansour Boraik ist der Direktor des Saruq al Hadid-Museums, in dem die Exponate zu sehen sind:
0 13 Gold OV männl.:
OV- männlich
„Das war ein richtiges Industriegebiet für Metallarbeiten. Vor allem Waffen wurden hergestellt: Speerspitzen, Äxte, Pfeile. Daneben haben wir aber auch analysiert, dass hier Gold zu Schmuck verarbeitet wurde. Wir haben Goldkettchen gefunden, unbearbeitetes Gold, und auch Goldschmuck mit Perlen. Das Gold kam wohl aus Saudi-Arabien und Jemen und wurde hier bearbeitet.“
MUSIK
Sprecher:
Der Großteil der Fundstücke wird auf das Zeitfenster 1300 bis 800 vor Christus datiert. In den Öfen wurde Eisen geschmolzen, und aus Kupfer und Zink wurde Bronze hergestellt.
Sprecherin:
Für diese Prozesse sind Öfen notwendig, die auf über 1200 Grad heizen können. Für damalige Verhältnisse ein Kraftakt – mitten in der Wüste!
Sprecher:
Zwar gab es aufgrund höherer Niederschläge mehr Vegetation als heute, also mehr Bäume, etwa Akazien, trotzdem musste das Brenn-Holz für die Öfen aus einem weiten Gebiet zusammengetragen werden. Vermutlich holten die Arbeiter sogar aus dem Hajar-Gebirge brennbares Material.
Sprecherin:
Neben den industriell betriebenen Öfen waren aber auch Goldschmiede vor Ort. Das beweisen kunstvoll gestaltete Schmuckstücke, zum Beispiel Halsketten oder Armreife – besetzt mit wertvollen Steinen von weit her. Mansour Boraik:
O 14 stones OV männl.:
OV- männlich
„Die Juwelen waren aus verschiedenen Edelsteinen und Halbedelsteinen gemacht: Amethysten, Achate, Karneole, Lapislazuli, Muscheln, Kristall, alles Mögliche. Das heißt, sie waren in Verbindung mit verschiedenen Handelsvölkern in Mesopotamien, Anatolien, im Industal oder Ägypten. Steine, Silber und Gold wurden weit gehandelt.“
Sprecher:
So spektakulär die Funde in Saruq al Hadid waren, so rätselhaft sind die Hintergründe dieser eisenzeitlichen Industriestadt:
O 15 mysteries OV männl.:
OV- männlich
„Wir haben über 20.000 Objekte ausgegraben. Aber wir stehen immer noch vor vielen Rätseln. Wir wissen nicht, wer diese Menschen waren, wohin sie gegangen sind, warum sind sie verschwunden. Warum haben sie so viele Gegenstände hier zurückgelassen? Diese Geheimnisse müssen erst noch enträtselt werden.“
TC 11:43 – Das Allrounder-Dromedar
ATMO 08 Kamel + ATMO Wüste
Sprecherin:
In der Übergangsphase von der Bronze- zur Eisenzeit ist auf der Arabischen Halbinsel etwas geschehen, was die gesamte Region massiv verändert hat: Die Menschen erkannten, dass die einheimischen einhöckrigen Kamele, also Dromedare, als Reit- und Tragetiere benutzt werden können. Für Christian Velde war das ein Quantensprung:
0 16 Domestizierung:
„Plötzlich haben die Menschen angefangen zu überlegen: Wir fangen die ein, packen sie in einen Pferch und haben unsere Fleischvorräte direkt bei der Hand. Damit fängt die Domestizierung des Kamels an, um 1500, wahrscheinlich als Fleischlieferant. Bis man dann entdeckt hat, die Viecher eignen sich hervorragend, um sie mit Gütern zu bepacken und durch die Gegend wandern zu lassen, weil sie ewig lange ohne oder mit sehr wenig Wasser auskommen. Und dann zweitrangig mit der Domestizierung und Nahrungsmittel-Fleisch-Lieferant Nummer 1 hat man gesehen: Mensch, das sind unsere Lasttiere!“
Sprecher:
Damit war der Handelsweg zu Land nach Süden, Norden und Westen frei:
0 17 Wüste:
„Und plötzlich ist die Wüste, die immer eine Trennung war – plötzlich konnte man die Wüste durchqueren mit diesen Kamelen. Und plötzlich, das sieht man im ersten Jahrtausend, fangen Handelskontakte mit Jemen an oder mit anderen Teilen der Arabischen Halbinsel weiter im Norden. Weil die weiten Strecken, die man durch den Sand durchgehen muss, mit sehr wenigen Wasserquellen, kann man jetzt überwinden. Das Kamel also, erst als Fleischlieferant und dann als das Lasttier, hat die Arabische Halbinsel in der Eisenzeit, also im ersten Jahrtausend v.Chr. sehr verändert.“
MUSIK
Sprecherin:
Mit den Karawanen fingen Menschen an zu wandern. Beduinen, also Nomaden, die vorher nur in gebirgsnahen Gegenden mit Wasserquellen unterwegs waren, konnten jetzt weite Handlungsreisen unternehmen.
Sprecher:
Die Königreiche im südlichen Arabien, wie die der Sabäer und Minäer, konnten ihre Waren auf dem Kamelrücken über die ganze Halbinsel bis nach Palästina, Syrien und zum Mittelmeer transportieren. Bekanntestes Beispiel ist die Weihrauch-Route:
ATMO Wüste
TC 14:03 – Auf der Weihrauchroute
O 18 Weihrauch:
„Mit der Entwicklung des Kamels und der Karawanenwege wurde dieses Produkt ein Verkaufsschlager Jemens in der gesamten mediterranen Welt, aber auch hier im Golf und der Arabischen Welt.
Sprecherin:
Die Karawanen funktionierten ähnlich wie heute Aktiengesellschaften. Kleine Händler konnten sich mit ihren Produkten einkaufen und auf einen großen Gewinn beim Weiterverkauf hoffen. Bezahlt wurde zunächst mit Gold und Silber, bis sich die ersten Münzen etablierten:
O 19 Münzen:
„Es hat sogar in dieser Zeit tatsächlich zum ersten Mal in diesem Bereich das Prägen von Münzen gegeben. Man hat Münzen aus dieser Zeit, man hat sogar eine Prägeform oder Gießform für Münzen gefunden. Das ist also die Zeit eines Beduinenreichs und diese Beduinen haben alle vom Handel gelebt, der Handel war der Kern dieses Beduinenreichs.“
Sprecher:
Die Zeit von 300 vor bis 300 nach Christus war die Ära der Beduinenreiche an der Golfküste.
ATMO Meeresbrandung
Sprecherin:
Da die Technik der Bootsbauer voranschritt und die Schiffe immer weiter segeln konnten, entwickelte sich ein wahrer Fernhandel. Die frühesten Seefahrer konnten mit ihren Schilfbooten nur überschaubare Distanzen zurücklegen.
Sprecher:
Die für den Arabisch-Persischen Golf typischen Holz-Dhaus kamen dann bis nach Indien und China.
ATMO 10 Werft 1 + ATMO 11 Werft 2
Sprecherin:
Dhaus, wie sie in der Werft von Abdullah Mansouri in Ras al Khaimah noch heute fabriziert werden:
0 20 Bootsbauer OV männl.:
OV- männlich
„Mein Großvater und mein Vater haben auch schon Dhaus gebaut. Sie haben es mir beigebracht, als ich 13 Jahre war. Seitdem bin ich jeden Werk-Tag hier in der Werft. Wir verwenden ausschließlich Holz, was Anderes kommt für mich nicht in Frage. Die Inspiration für die Boote hole ich mir aus alten Büchern.“
ATMO 11 Werft 2 + ATMO 12 Werft 3
Sprecher:
Gewürze aus Indien, Keramik aus China, Silber aus Anatolien, Marmor aus Ägypten, Weihrauch aus Jemen - wo heute Dubai, Katar, Bahrain oder Ras al Khaimah globale Handelszentren bilden, waren auch in den Jahrhunderten vor unserer Zeitenwende schon Verkehrs-Knotenpunkte.
O 22 Händler:
„Es war sowohl in der islamischen als auch in der vorislamischen Zeit immer ein Handelsmittelpunkt- und Schwerpunkt und Händler ziehen immer andere Religionen, andere Sprachen an, also es dürfte hier immer multikulturell gewesen sein, auch im dritten und zweiten Jahrtausend v.Chr. und in den späteren Perioden auch. Händler sind immer offen, Händler nehmen alles auf, sind tolerant gegenüber allen Religionen, Völkern, Kulturen. Denn das Wichtigste ist für sie, Geld und Handel zu machen und nicht, irgendwelche Ideologien zu verbreiten.“
MUSIK
TC 16:57 – Die Macht der Perlen
Sprecherin:
Das wertvollste Handelsgut, das Ras al Khaimah zu bieten hatte, waren: Perlen. In den von Mangroven gebildeten sandigen Lagunen entlang der Küste haben Austernmuscheln ideale Lebensbedingungen.
Sprecher:
Früher mussten Perlentaucher ohne technische Hilfsmittel auf mühsame und lebensgefährliche Art und Weise am Meeresboden nach den Muscheln suchen. Im 20. Jahrhundert ist die Zucht von Perlenaustern aufgebaut worden.
Sprecherin:
Die älteste Austern-Perle wurde in Abu Dhabi an einer Halskette als Grabbeilage einer Frau aus der Jungsteinzeit gefunden. Auch im Gilgamensch-Epos aus dem dritten Jahrtausend vor Christus werden Perlen erwähnt. Und der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere lobte die Perlen aus dem Arabisch-Persischen Golf als die feinsten der Welt.
ATMO 13 Perlen
Sprecher:
Abdulla Rashed Al Suwaidi (sprich: Su-wa-i-di) betreibt in einer der Lagunen in Ras al Khaimah eine Perlausternfarm und demonstriert dort, wie die Perlen aus den scharfkantigen Muscheln gelöst werden.
O 23 pearls OV männl.:
OV- männlich
„Wenn man wilde Austernmuscheln vom Meeresboden aufpickt, findet man in einer von 100 Muscheln eine Natur-Perle. Also etwa eine Quote von einem Prozent. Wenn man also 1000 öffnet, hat man zehn und davon sollte zumindest eine so groß und wertvoll sein, um die Ausgaben dafür zu begleichen. Es ist kein einfacher Job!“
ATMO 13 Perlen
Sprecherin:
Die weißen Naturperlen landeten und landen bis heute in Kronen, Zeptern oder kostbaren Schmuckstücken.
O 24 power OV männl.:
OV- männlich
„Wer hat Perlen getragen? Könige, Sultane, Prinzen, Maharadschas, Kaiser, begehrten Perlen. Egal ob im alten Persien, in Indien, in China. Warum waren sie so angetan von Perlen? Weil sie Symbole sind für Geld und Vermögen und daraus resultiert: Macht. Perlen zeigten also ihre Macht!“
TC 19:06 – Äußere Einflüsse
ATMO Meeresbrandung
Sprecher:
Durch die Erreichbarkeit und die Handelsaktivitäten wurde die Arabische Golfküste, die bis dato nahezu unbehelligt von Feinden war, für andere Völker attraktiv.
MUSIK
Sprecherin:
Im vierten Jahrhundert vor Christus versuchte Alexander der Große, Fuß zu fassen an der Küste, starb allerdings auf dem Weg ins südliche Arabien in Babylon. Einer seiner Feldherren schaffte es bis zum nordwestlichen Ufer des Golfes. Erst Alexanders Nachfolger, die Seleukiden, konnten ihr Reich bis zu den heutigen Arabischen Emiraten ausweiten, wurden aber schon im zweiten Jahrhundert vor der Zeitenwende von den Parthern abgelöst.
Sprecher:
Mit den verschiedenen Völkern kamen immer auch unterschiedliche Religionen an die Golfküste. Einige der lokalen Gottheiten waren über die Grenzen bekannt und wurden Jahrhunderte lang verehrt. Etwa die Göttinnen Allat und Aluzza, die von Gläubigen in Mekka genauso angebetet wurden wie im nabatäischen Petra. Es existierten auch jüdische Gemeinden auf der Arabischen Halbinsel und später kamen christliche Gruppierungen dazu:
O 25 Christen:
„Man darf nicht vergessen, dass die Arabische Halbinsel vor der Islamisierung sehr stark christianisiert war. Es gab viele christliche arabische Stämme in allen Teilen Arabiens. Es gab auch jüdische Stämme, der Jemen war zwischendurch ein jüdisches Königtum. Und man weiß inzwischen auch, dass es Christen hier an der Küste gegeben hat, gerade vor kurzer Zeit ist eine Kirchenanlage, vielleicht ein Kloster, vielleicht eine Kirche und Kloster gleichzeitig, ausgegraben worden, eine sensationelle Neuentdeckung! 5. bis 7. Jahrhundert. Sehr wahrscheinlich sind das alles nestorianische Christen.“
ATMO 15 Strandfußball
Sprecherin:
An Stränden wie dem in Ras al Khaimah, wo heute Kinder Fußball spielen, landeten um 300 nach Christus persische Streitkräfte und setzten sich für mehrere Jahrhunderte fest:
O 26 Sassaniden:
„Die Sassaniden, die letzte große vorislamische Dynastie Persiens, die auch Mesopotamien beherrscht hat, die etwa genauso groß und mächtig gewesen sind wie die Römer. Und die haben vom 4./5. Jahrhundert an auch diese Seite des Golfes dominiert, sind mit ihren Schiffen und Truppen rübergekommen. Wir haben z.B. sassanidenzeitliche Überreste gefunden von einer größeren Gebäudestruktur, die eventuell ein Verwaltungsgebäude dargestellt hat. Denn wir wissen, dass die Sassaniden hier saßen und versucht haben, den Oman zu erobern. Das Ganze ist dann relativ abrupt zu Ende gekommen mit dem Beginn des Islam.“
MUSIK
Sprecher:
Im siebten Jahrhundert schließlich bewegten sich muslimische Truppen von Medina und Mekka aus über die gesamte Arabische Halbinsel. Auch an der Golfküste übernahmen sie die Macht von den Sassaniden – der Beginn einer neuen Zeitrechnung.
MUSIK hoch und aus
TC 22:20 - Outro
Fast 800 Jahre lang herrschten auf der Iberischen Halbinsel arabische Fürsten, Emire, Kalifen. Diese Epoche wird Al Andalus genannt. Al Andalus war eine Glanzzeit für Kultur und Naturwissenschaften. Aber nicht nur das: Christen, Juden und Muslime lebten in dieser Epoche lange meist friedlich mit- und nebeneinander. Aber ab dem 12. Jahrhundert kam es zu immer mehr gewalttätigen Auseinandersetzungen. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2013)
Credits
Autor: Bernd-Uwe Gutknecht
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Alex Wostry, Friedrich Schloffer, Katja Schild
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp, Michael Zöllner
Redaktion: Brigitte Reimer
Im Interview: Isabel Martínez-Richter, Prof. Juan Pedro Monferrer-Sala, Georg Bossong, Antonia Alcántara Luque, Carlos López-Obrero, Manuel Vinuelas, Daniel Grammatico, Sebastián de la Obra
Eine besondere Link-Empfehlung der Redaktion:
SWR (2024): Geisterjäger
Gibt es das Unerklärliche wirklich? Hans Bender ist der größte Geisterjäger der deutschen Geschichte. Mehr als drei Jahrzehnte lang reist der Parapsychologe als Experte für Unerklärliches durch die Republik und untersucht ein merkwürdiges Phänomen nach dem anderen. Bender ist überzeugt: Spuk, PSI-Kräfte, Hellsehen und Telekinese sind echt. Angeblich hat er das sogar bewiesen. Aber kann das wirklich sein? Die Psychologie-Podcasterin Verena Fiebiger geht zusammen mit ihrem Team auf Spurensuche in der Welt des Paranormalen.
HIER GEHT’S ZUM PODCAST
Linktipps:
SWR Kultur (2022): Al-Andalus heute – Spanien muslimisches Erbe
Bis 1492 stand Andalusien unter muslimischem Einfluss. Heute vermarktet die Region rund um Granada und Cordoba ihr arabisches Erbe, marokkanische Einwanderer verdienen Geld mit orientalischen Souvenirs und Teestuben für Touristen. Nicht alle finden das gut, manche sprechen von einer schleichenden erneuten Eroberung. Denn heute ist den meisten Spanierinnen und Spaniern die arabische Kultur fremd, die 800 Jahre lang auch ihre war. Immerhin: Die junge Generation hat mit der Rückbesinnung auf die muslimische Vergangenheit begonnen. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2022): Mit der Aufhebung des „Alhambra-Edikts“ endete offiziell die Verbannung der Juden
Am 1. April 1992 widerrief der spanische König Juan Carlos das „Edikt von Alhambra“ – mit ihm waren genau 500 Jahre zuvor im Zuge der Reconquista die sephardischen Juden aus Spanien verbannt worden. De facto galt das Edikt zwar schon seit 1869 nicht mehr, aber für die Juden war es eine historische Wiedergutmachung. Zum Beitrag geht es HIER
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte
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Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:00 – Wie eins zum anderen kam
TC 04:44 – Die Kunst der Sprache
TC 07:16 – Florierendes Handwerk
TC 11:47 – Ein tragisches Ende
TC 15:40 – Die Leidenszeit der jüdischen Gemeinde
TC 17:28 – Drei Religionen und eine Stadt
TC 21:41 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO 1 Glocken
MUSIK
Zusp. 1 Moschee-Kathedrale:
„Es ist, denke ich, eines der faszinierendsten Bauwerke der Geschichte. So was gibt es sonst nirgends. Wir haben diesen neuen Namen Moschee-Kathedrale geprägt, der etwas verwirrend ist. Der Bischof ist damit überhaupt nicht einverstanden. 80 Prozent dieses Gebäudes sehen noch immer aus wie Moschee. 20 Prozent des Gebäudes wurden im frühen 16. Jahrhundert zerstört, um inmitten dieser Gebetshalle der Muslime eine Kirche zu verankern. Das gesamte Gebäude wurde geweiht mit dem Datum der Reconquista schon 1236 und ist entsprechend hochheiliges Gotteshaus.“
MUSIK UND ATMO ENDE
ATMO 2 Kathedrale Gesang
Erzähler:
Córdoba: Die Kunsthistorikerin Isabel Martínez-Richter steht in der Mezquita Catedral und blickt hoch zum Gewölbe. Islamische Hufeisenbögen, die auf über 800 Säulen ruhen, unterteilen den riesigen Gebetssaal in 19 Seitenschiffe. Die Moschee-Kathedrale ist einer der größten Sakralbauten weltweit. Wie ein notgelandetes Ufo haben die christlichen Herrscher im 16. Jahrhundert ein Kirchenschiff mitten in die Moschee gepflanzt - Rache der katholischen Könige an den Muslimen, die in den vier Jahrhunderten zuvor Córdoba dominiert hatten. Noch heute ist die Moschee-Kathedrale ein Symbol für das Mit- bzw. Gegeneinander von Muslimen und Christen in Spanien.
ATMO ENDE
Erzähler:
Maurische Einwanderer hatten im Jahr 785 auf dem Fundament einer westgotischen Kapelle ihre Moschee errichtet. Der Bauherr war Abd ar-Rahman I., ein Emir, der für die erste Glanzzeit der Araber in Andalusien steht. Die Moschee von Córdoba wurde rasch zu einer der wichtigsten islamischen Gebetsstätten in der westlichen Welt.
MUSIK
TC 02:00 – Wie eins zum anderen kam
Erzähler:
74 Jahre zuvor - 711 - war ein Invasionsheer von Arabern und Berbern in der Nähe des heutigen Gibraltar gelandet, angeführt hatte es Tariq ibn Ziyad, im Auftrag des Kalifen von Damaskus. Ohne besondere Mühe besiegte es die Truppen des Westgoten-Königs Roderich. Es folgte ein siebenjähriger Feldzug, an dessen Ende die Iberische Halbinsel fast komplett arabisch besetzt war. Juan Pedro Monferrer-Sala, Professor für Arabistik und Islamwissenschaften an der Universität von Córdoba:
MUSIK ENDE
Zusp. 2 Prof. ocupacion:
VOICEOVER (männlich)
„Als die islamischen Truppen ankommen, ist die Iberische Halbinsel militärisch ziemlich desorganisiert. Es gibt keine Staatsgewalt. Als die Berber-Soldaten an Land gehen, ist der Weg frei für sie. Sie treffen auf keinerlei Hindernisse. Insofern muss man von einer Besetzung sprechen und nicht von einer militärischen Eroberung.“
Erzähler:
Eine wichtige Voraussetzung: Die vielen jüdischen Bewohner waren von den Westgoten schlecht behandelt worden. Für sie konnte die Lage nur besser werden, zumal sie in Bagdad, Damaskus oder Kairo gute Erfahrungen mit den Muslimen gemacht hatten. Also öffneten sie den Mauren Tor und Tür. So begann die fast 800 Jahre dauernde Epoche al-Andalus: 929 ernannte sich Abd ar-Rahman III. zum Kalifen und damit zum direkten Nachfolger des Propheten Mohamed. Aus dem Emirat Córdoba wurde ein Kalifat, das auf einer Stufe mit den Kalifaten in Bagdad und Kairo stand. Córdoba war auf dem Weg, die wichtigste und auch modernste Stadt Europas zu werden.
MUSIK 3 – Suhail Ensemble
Erzähler:
Der orientalische Palast des Kalifen hatte weit angelegte Säulengänge, Innenhöfe, Kuppeldächer, Gartenanlagen. Auf teuren Marmorböden lagen kostbare Seidenteppiche; Diwane und andere Möbel waren aus edelsten Hölzern, man dinierte auf kunstvoller Keramik, trank aus feinem Glas, die Luft war erfüllt von exotischen Düften. Insgesamt lebten 6000 Frauen am Hof: Haremsdamen, Dichtersklavinnen, Tänzerinnen, Köchinnen. Sie waren in eigenen Häusern für Bedienstete untergebracht. Der Hofstaat, also die Fürsten, ihre bis zu vier Ehefrauen, die Kinder, die engsten Vertrauten, Berater und Gäste bewegten sich mit handbetriebenen Aufzügen, damit die feinen Damen und Herren nicht Treppensteigen mussten. In Schreibstuben wurden wissenschaftliche, religiöse und literarische Werke aus diversen Sprachen für die Bibliothek des Kalifen übersetzt und kopiert:
MUSIK ENDE
TC 04:44 – Die Kunst der Sprache
Zusp. 3 Sprache:
„Dabei muss man sich vor Augen führen, dass das Vordringen des Islam, die Ausbreitung des Islam ganz wesentlich ein Sprachereignis war. Das heißt: Der Koran ist nicht nur etwas, das man mit dem Kopf aufnimmt als Inhalt, sondern eben auch ein gewaltiges Sprach¬kunstwerk von einem überwältigenden Klang und das hat die Menschen überall in Bann gezogen. Insofern kam es in dieser ersten Zeit zu einem Nebeneinander nicht nur der drei Religionen, sondern auch der Sprachen, der jeweiligen Sprachen, und das Arabische spielt dabei eine beherrschende Rolle.“
Erzähler:
Der Sprachwissenschaftler Georg Bossong von der Universität Zürich hat mehrere Abhandlungen über al-Andalus veröffentlicht. Besonders fasziniert ist er vom intellektuellen Austausch, der damals stattfand:
Zusp. 4 Übersetzer:
„Wir haben ja heute die Tendenz, eine strikte Trennung zwischen Orient und Okzident zu ziehen. Das Mittelmeer als eine Scheidelinie. Das war ja in der Antike überhaupt nicht der Fall. Ägypten gehörte genauso zum Römischen Reich wie Tunesien. Das war das Mare Nostrum auf dem Südufer genauso wie auf dem Nordufer. Und es war eine der vornehmsten Aufgaben der frühen Kalifen, die Quellen der griechischen Weisheit ins Arabische zu übersetzen. Diese Fülle der antiken Wissenschaft und Philosophie ist dann via al-Andalus nach Europa weitergegeben worden.“
Erzähler:
Historische Quellen sprechen von 400.000 Büchern in der Bibliothek von Córdoba - es war vermutlich die umfangreichste Sammlung der Zeit. Die Stadt am Guadalquivir war Europas Kultur-Hauptstadt. Sogar bürokratische Mitteilungen oder buchhalterische Aufstellungen aus dem neunten und zehnten Jahrhundert waren hin und wieder in Versform geschrieben. Beamte mussten zum Teil in Reimen Bericht erstatten. Talentierte Poeten wurden mit Minister-Ämtern belohnt. Einer der berühmtesten Hof-Poeten, Ibn al-Chatib, dichtete so blumig, dass er seinen Zuhörern ein Wörterbuch mitbrachte, damit sie ihn verstanden.
Zusp. 5 Sprachkunst:
„Man kann sich das eigentlich in unseren Breiten kaum vorstellen, wie sprach-begeistert, ja, ich möchte sagen sprachverrückt die Araber sind oder sein können oder in der Vergangenheit immer waren. Sprachliche Schönheit ist etwas, was die Menschen so verzückt hat, dass es Anekdoten gibt, dass sie vor lauter Begeisterung über diese Schönheit einfach gestorben sind. Sie hat quasi der Schlag getroffen.“
MUSIK
TC 07:16 – Florierendes Handwerk
ATMO 4 Straße
Erzähler:
Die Bewohner sprachen Arabisch, Hebräisch, Koptisch, Aramäisch, Persisch, Romanisch-Spanisch, Latein. In einer Zeit, in der London oder Paris noch Dörfer waren, wohnten in Córdoba 200.000 Menschen. Als erste europäische Stadt hatte es gepflasterte Straßen mit Laternen, 300 Moscheen sind bekannt, 50 Krankenhäuser, Hunderte öffentlicher Bäder. Neben Hygiene und Poesie brachten die Araber Vieles auf die Iberische Halbinsel, was den Lebensstil der Einheimischen deutlich verfeinerte: Papier, Seide, Keramik, Schmiede- und Glaskunst sowie eine spezielle Lederwarenherstellung. Der Lederhandwerker Carlos López-Obrero aus Cordoba:
Zusp. 7 Leder:
VOICEOVER (männlich)
„In Córdoba geht die Lederverarbeitung auf die arabische Zeit zurück: Truhen, Koffer, Schatullen, Wandbehänge, alles aus Pferde-Leder. Der Córdoba-Stil ist wegen seiner einzigartigen Gerb-Technik berühmt geworden. Nur hier wurde das Leder mit dem Sumach-Pflanzensaft gegerbt. Das macht das Leder besonders weich. So entstand der Begriff „cordovan-Leder“!“
MUSIK
ATMO 8 Alhambra Springbrunnen
Erzähler:
Die Mauren brachten ausgeklügelte Bewässerungssysteme ins trockene Andalusien und ließen die Liebe zur Gartenkunst aufblühen. Granada entwickelte sich zu einer Gartenstadt, deren eindringlichster Ort die Alhambra mit ihren weiten Parkanlagen ist. Die Burg erstreckt sich über eine Bergkette, umfasst Dutzende von kunstvoll verzierten Gebäuden. Zur Hochzeit der Sultane von Granada galt die Alhambra als „Irdisches Paradies“. Ein Traum aus 1001 Nacht - aus Marmor, Alabaster, aus Zedern- und Ebenholz, vor der imposanten Kulisse der schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada. Daniel Grammatico schreibt als Architektur-Journalist viel über die Bauwerke aus der al-Andalus-Zeit. Er deutet auf gut erhaltene arabische Schriftzüge an der Wand in einem der Alhambra-Säle:
MUSIK
Zusp. 9 Alhambra Sternenhimmel:
VOICEOVER (männlich)
„Für mich ist das die luxuriöseste Poesie, die jemals veröffentlicht wurde … (rezitiert auf Arabisch) … das hier bedeutet: Besucher, bewundert diesen Palast, schaut diese Kuppel über euch an, in diesem Thronsaal, der in einem Turm untergebracht ist! Jedes Stück Holz bildet einen Stern und alle zusammen das Firmament. Und wir sind die Töchter, die kleinen Kuppeln!“
Erzähler:
Tausende von blauen Mosaiksteinchen und vergoldeten Holzplättchen zierten einst die Decken der Alhambra. Viele sind wunderbar erhalten bzw. restauriert. Ibn Zamrak, ein Hofdichter, schwärmte im 14. Jahrhundert: „Die Sterne selbst sehnen sich danach, in ihr zu verweilen, anstatt am Himmel endlos zu kreisen!“
MUSIK ZU ENDE
ATMO 8 Alhambra Springbrunnen
Zusp. 10 Alhambra naturalezza:
VOICEOVER (männlich)
„Diese Architektur manifestiert sich mit drei Stoffen: nicht mit den wertvollen Keramiken, nicht mit dem teuren Marmor, nicht mit den edlen Hölzern, sondern mit: Licht, Wasser und Natürlichkeit. Die Natur und die Natürlichkeit sind existentiell für alle Häuser und die Innenhöfe in al-Andalus. Das Haus verwandelt sich quasi in einen Garten.“
MUSIK
Erzähler:
Lustgärten mit Pavillons, Terrassen mit Blick auf die Stadt und die Berge, Bassins, kleine Kanäle, Springbrunnen umschmeicheln die Alhambra. Das Wasser wird aus den umliegenden Bergen zur Burg und weiter in die Wohnviertel geleitet. Trotz der langen trockenen Sommer blüht es überall:
MUSIK
Zusp. 11 Alhambra Wasser:
VOICEOVER (männlich)
„Wasser ist Leben, Wasser schläft nie. Die Araber kamen mit hochentwickelter Hydraulik; was sie hier gemacht haben ist eine grüne Revolution. Mit Hilfe von Bewässerungssystemen und Kanälen. Sie nutzten das Wasser für das Hamam, für die Hygiene, aber auch für die berühmten Gärten, die sie hier zu Füßen des Alhambra-Hügels kultiviert haben.“
TC 11:47 – Ein tragisches Ende
ATMO 10 Trompeten
Erzähler:
Die Alhambra war auch der Ort, an dem die Epoche al-Andalus theatralisch zu Ende ging: Der letzte arabische Herrscher Boabdil musste 1492 mit seinem Tross die Burg verlassen, da christliche Truppen in Überzahl vor den Toren standen. Nachdem Boabdil mit den Seinen die Alhambra verlassen hatte, soll seine Mutter gesagt haben: „Weine nicht wie ein Weib, da du als Mann die Burg nicht verteidigen konntest!“ Boabdils Seufzer auf dem letzten Hügel, von dem aus die Alhambra zu sehen ist, gab dieser Stelle den bis heute gebräuchlichen Namen „El suspiro del moro“, der Seufzer des Mauren.
MUSIK
Erzähler:
Wie war es dazu gekommen? Das Reich der Mauren auf der Iberischen Halbinsel war nie vereint. Es bestand all die Jahrhunderte aus Emiraten, Fürstentümern sowie dem großen Kalifat Córdoba. Waren unfähige arabische Herrscher an der Macht, zerfielen die Reiche. Außerdem versuchten christliche Heere immer wieder, Territorien zurückzugewinnen. Im 11. Jahrhundert war Andalusien in Dutzende Taifas - autonome Fürstentümer - zerstückelt. Womöglich lenkte ihre Prunk- und Genusssucht die muslimischen Herrscher vom Regieren ab.
MUSIK & ATMO 11 Trommeln
Erzähler:
Der katholische König Ferdinand I. entwickelte besonders viel Energie im Kampf gegen die Mauren: 1064 eroberte er mit Unterstützung der päpstlichen Heere die symbolträchtige Festung Barbastro zurück. Tausende arabische Soldaten wurden getötet, 1500 junge Frauen versklavt.
Erzähler:
Mittelalter bedeutete für al-Andalus: Raubzüge, Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Entführungen. Soldaten wurden zu Legenden, wie der „Cid“, eigentlich Rodrigo Diaz de Vivar, berühmtester Ritter und erfolgreichster Feldheer der Epoche. Immer wieder wechselte er die Seiten, verdingte sich als Söldner mal für christliche Könige, mal für muslimische Fürsten:
MUSIK & ATMO 11 Trommeln
Zusp. 12 Prof. cid:
VOICEOVER (männlich)
„This is business würde man heute sagen: Der Cid muss wirtschaftlich überleben, er muss sein Geschäft vorantreiben. Er wird immer wieder an und über die Grenzen seines Landes gedrängt, was typisch ist für diese Zeit: Die Menschen wechseln ihre Kultur, ihre Zugehörigkeit, je nachdem, wo sie gerade am besten ihr Auskommen finden. So war auch der Cid mal auf der einen, mal auf der anderen Seite.“
Erzähler:
Christliche Heere aus den nördlichen Provinzen Galizien, Asturien und Kantabrien, aus dem Baskenland und aus Portugal rückten im 11. Jahrhundert nach Süden vor. Die muslimischen Taifa-Könige, wie der Dichterkönig Al Mutamid von Sevilla, konnten ihre Provinzreiche nicht alleine verteidigen und riefen strenggläubige Berber-Krieger aus Nordafrika zu Hilfe: die berüchtigten Almoraviden, denen später die ebenso orthodoxen Almohaden folgten. Diese Kriegermönche besiegten die katholischen Armeen, wandten sich aber danach gegen die maurischen Klein-Könige selbst, deren dekadenten Lebensstil sie verabscheuten. Der Sprachwissenschaftler Georg Bossong von der Universität Zürich:
Zusp. 13 Lotterleben:
„Es ist allerdings so, dass dieses „Lotterleben“ in al-Andalus, dieses schöne Leben ein jähes Ende fand, als Ende des elften Jahrhunderts auf der einen Seite die Christen Toledo erobert haben, denn die hatten für dieses Lotterleben im Süden auch nichts übrig, und auf der anderen Seite dann eben die Taifa-Könige, diese kleinen Königreiche, die kampferprobten und rauen Krieger aus Afrika, die Almoraviden, um Hilfe gebeten haben. Und diese Almoraviden, die kamen dann, aber die Geister, die man rief, wurde man dann nicht mehr los.“
TC 15:40 – Die Leidenszeit der jüdischen Gemeinde
Erzähler:
Die Dekadenz hatte ein Ende, der Glanz an den Höfen, aber auch die Toleranz zwischen den unterschiedlichen Konfessionen. 1128 erließen die Almoraviden eine Fatwa: Die Juden wurden ausgewiesen! Es begann die lange Leidenszeit der großen jüdischen Gemeinde in Andalusien. Sebastián de la Obra ist der Direktor des Sephardischen Hauses, eines jüdischen Museums in Córdoba:
Zusp. 14 persecuciones:
VOICEOVER (männlich)
„Judenverfolgungen gab es in der Römischen Zeit, unter den Westgoten, während der Herrschaft der Almoraviden und Almohaden, aber vor allem mit dem Beginn der spanischen Inquisition. Dieser spezielle spanische Anti-Judaismus dauert bis zum 19. Jahrhundert und wird dann zu einem Teil des europäischen Antisemitismus.“
Erzähler:
Synagogen wurden zerstört, Tribunale eingerichtet, Scheiterhaufen angezündet. Hunderttausende flohen. Von denen, die blieben, wurden viele ermordet. Für die grausame Inquisition entschuldigte sich erst Papst Johannes Paul II. 500 Jahre später in seiner Ansprache „Mea culpa“:
Zusp. 15 judio memoria:
VOICEOVER (männlich)
„Das christliche Erbe in Südspanien ist immens. Das maurische Erbe ist wunderschön und einzigartig. Das jüdische Erbe dagegen ist unsichtbar. Das Erbe der jüdischen Diaspora steckt in den Köpfen der Menschen, in ihrer kulturellen Entwicklung. Wenn die Leute fragen: Was ist denn von den Juden noch zu sehen, muss man antworten: Die Kultur der Juden findet sich nicht in Bauwerken und Steinen, sondern in Erinnerungen.“
MUSIK
TC 17:28 – Drei Religionen und eine Stadt
Erzähler:
Ab dem 13. Jahrhundert ging al-Andalus seinem Ende entgegen. Den Berberkriegern fehlten das bürokratische und das diplomatische Geschick, um ein europäisches Reich zu beherrschen, aber auch die Unterstützung im Volk. Die christlichen Heere rückten immer weiter vor, gewannen eine Schlacht nach der anderen. Am 2. Januar 1492 wurde auf der Alhambra der Halbmond durch ein großes silbernes Kreuz ersetzt. Die letzte arabische Bastion auf spanischem Boden war gefallen. Die Eroberer, die so genannten „Katholischen Könige“, ließen sich als Befreier Europas feiern:
Zusp. 16 Granada capilla terminar:
VOICEOVER (männlich)
„Das war eine dynastische Hochzeit zwischen Isabella, der Königin von Kastilien, die sie auch Isabella die Katholische nannten, und Ferdinand, dem König von Aragon. Sie vereinten ihre Kräfte und beschlossen, die Präsenz der Muslime hier zu beenden. Sie besiegelten das Ende der knapp 800 Jahre al-Andalus in Granada.
Wir sind jetzt in der Königlichen Kapelle, wo die „Reyes católicos“ beerdigt sind. Zehn Jahre lang dauerte ihr Kampf, oder besser ihr Kreuzzug gegen die Araber. Granada war die letzte muslimische Bastion. Der letzte arabische Herrscher, der berühmte Boabdil, wurde aus der Stadt vertrieben und übergab symbolisch beim Hinausreiten aus dem Haupttor den Schlüssel zur Stadt.“
Erzähler:
1492 ist auch das Jahr, in dem der genueser Seemann in spanischen Diensten Christoph Kolumbus nach Amerika segelte. Spanien war auf dem Weg zur Weltmacht. Über die „reconquista“, die Rückeroberung durch die Christen, streiten spanische Historiker noch heute:
Zusp. 17 Identität: (Bossong)
„Es gab und es gibt in Spanien eine Auseinandersetzung über die historische Bedeutung dieser muslimischen Geschichts-Epoche. Es gibt auf der einen Seite ein Lager von Konservativen, die der Auffassung sind, das war ein fremdes Element, das von außen gekommen ist und das nie in Spanien heimisch wurde; und die eigentliche Essenz des Spaniertums ist römisch, katholisch, christlich. Auf der anderen Seite gibt es Historiker, die der Auffassung sind, dass das semitische Element, und zwar sowohl das arabischsprachige als auch das hebräischsprachige jüdische Element, zum spanischen Nationalcharakter unauflöslich dazugehören.“
Erzähler:
Nirgendwo sonst lebten Muslime, Christen und Juden so eng zusammen, hatten so intensive Beziehungen. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Gewalt, dennoch einigermaßen gleichberechtigt. Das lange Zeit friedliche Zusammenleben, die „convivencia“ war keine Utopie, sondern vorübergehende Realität.
Zusp. 18 Prof. tolerancia:
VOICEOVER (männlich)
„Sie leben gemeinsam, aber jeder in seinem Viertel. Wir wissen von jüdischen, christlichen und muslimischen Stadtteilen. Kontakte bestehen durchaus: auf dem Markt oder auf dem Stadtplatz. Man trifft sich, aber bei der Religionsausübung bleibt man unter sich, die Andersgläubigen müssen draußen bleiben! Toleranz ist deshalb der falsche Ausdruck, denn Toleranz bedeutet auch religiöse Freiheit und die existiert hier erst im 19. Jahrhundert.“
MUSIK
Erzähler:
Auch wenn al-Andalus kein Paradies auf Erden war, die Epoche brachte weitreichende Veränderungen in Politik, Kultur, Wissenschaft und Religion mit sich. Für viele Historiker wie Professor Bossong bleibt die maurische Ära im westlichen Europa ein Vorbild:
Zusp. 19 Konflikt:
„Natürlich bin ich auch fasziniert von der aufscheinenden Möglichkeit, der aufscheinenden Chance eines friedlichen Zusammenlebens der drei monotheistischen Religionen, die sich leider meistens unversöhnlich gegenüberstehen. Das Zusammenleben von Muslimen und Juden kann Wunder hervorbringen, ihre Konfrontation führt zu den Konflikten, die wir alle kennen!“
MUSIK ENDE
TC 21:41 - Outro
Er ist einer der großen Polarforscher, doch das wird dem Leben von Fridtjof Nansen nicht einmal ansatzweise gerecht: Ende des 19. Jahrhunderts durchquert der Norweger als Erster das eisige Innere Grönlands, bald darauf gelingt ihm eine Expedition fast bis zum Nordpol. Später, während des ersten Weltkriegs, organisiert er umfangreiche Hilfen gegen die Hunger- und Flüchtlingskatastrophen. 1922 hilft er staatenlosen Flüchtlingen mit dem von ihm erdachten ?Nansen-Pass?. Von Sebastian Kirschner (BR 2020)
Credits
Autor: Sebastian Kirschner
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Rahel Comtesse, Réne Dumont, Carsten Fabian, Christian Schuler
Technik: Chris Schimmöller
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Carl Emil Vogt, Geir Klover
Linktipps:
Das Kalenderblatt (2019): 05.07.1922 – Der „Nansen-Pass“ wird eingeführt
Staatenlos, nirgendwo hingehören und auch nirgendwo bleiben können - für Flüchtlinge zu allen Zeiten ein Problem. Fridtjof Nansen löst es, indem er einen ganz besonderen Pass einführt. ZUM PODCAST
Radiowissen (2022): Von Amundsen bis Hapag-Lloyd – Geschichte der Antarktis-Eroberung
Die ersten Entdecker der Antarktis waren waghalsige Abenteurer, unter widrigsten Bedingungen und ohne aufwändige technische Hilfsmittel kämpften sie sich durch das unendliche Eis: Roald Amundsen, Robert Scott, Ernest Shakleton. Auf den frühen Expedition verloren viele ihr Leben, nur wenige konnten den Ruhm als Held und Entdecker tatsächlich genießen. Heute ist die Antarktis immer noch ein wüster Ort - aber längst kein leerer mehr. (BR 2011). JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:54 – Ein Mann, der auffällt
TC 06:24 – 49 Tage Wanderung
TC 08:00 – Mindestens eine Portion Eitelkeit
TC 11:15 – Auf ins nächste Abenteuer
TC 15:24 – Die zweite Karriere als Diplomat
TC 19:30 – Zwischen Mentor und Rivale
TC 22:53 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
SPRECHER/IN
Als Fridtjof Nansen 1887 seine Pläne vorstellt, halten seine Kollegen ihn für verrückt. Die Idee des Norwegers klingt aberwitzig: Im Sommer des nächsten Jahres will er das eisige Grönland durchqueren. Niemand hat bisher diesen Weg geschafft. Keiner weiß, was die Insel im Inneren birgt – einer der letzten weißen Flecken der Landkarte. Ein solches Risiko, nur um zu beweisen, dass Grönland
mit Eis bedeckt ist?
ZITATOR 2
„Sollte Nansens Plan in der gegenwärtigen Form in die Tat umgesetzt werden, […] stehen die Chancen zehn zu eins, dass er […] sein Leben und möglicherweise das anderer völlig sinnlos wegwirft“.
SPRECHER/IN
… urteilt damals die dänische Zeitschrift „Ny Jord“ über die Idee des Wissenschaftlers. Und das nicht ohne Grund, sagt Geir Klover [sprich Gaïr Klöwer]. Er ist Direktor des Nansen-Museums schlechthin: dem Fram Museum in Oslo, benannt nach dem späteren Forschungsschiff Nansens.
01_ZUSPIEL Geir Klover
There's quite a few that have attempted to cross Greenland before Nansen. And all of them had tried from the inhabitant West Coasts. And probably Greenland was steeper and colder and more difficult than they thought. So there it was quite easy for them to turn back. So Nansen thought his idea to cross Greenland was to go to the east coast to Greenland where there was no population and his ship left. And the only way to survive is to cross over to the west side.
01_ Voice-Over
Etliche hatten vor Nansen versucht, Grönland zu durchqueren. Sie alle waren von der bewohnten Westküste aus gestartet. Wahrscheinlich aber war Grönland steiler, kälter und unwirtlicher als erwartet. Mit den Siedlungen im Rücken konnten sie aber recht einfach umkehren. Nansens hatte die Idee, von der Ostküste Grönlands aus zu starten, wo es keine Bevölkerung gibt. Und der einzige Weg zu überleben ist der durchs Landesinnere zur Westseite.
TC 01:54 – Ein Mann, der auffällt
SPRECHER/IN
Fridtjof Nansen ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Der junge Mann fällt auf, wenn er durch die Straßen geht. Er trägt sogenannte Dr. Jäger-Gesundheitswäsche: eine Art frühe Funktionskleidung, schlicht, leicht, bestehend aus festen Wollhosen mit einer kurzen Jacke, zugeknöpft auf der rechten Körperhälfte. Und: Anders als die meisten Männer der Zeit ist er nahezu glatt rasiert und ohne Kopfbedeckung unterwegs. Noch als Student der Zoologie heuert er für ein fünfmonatiges Praktikum auf einem Robbenfänger an, um seine Abenteuerlust gegenüber den Eltern zu legitimieren – und findet so seine Bestimmung:
ZITATOR 1
Das Eismeer ist etwas für sich, nichts anderem vergleichbar und vor allem nicht dem, was man sich gern darunter vorstellt. Flaches, treibendes Eis in wogenden Schollen, bald grünlichblaue See, dann Nebel und Sonnenschein, Sturm und Stille. Das ist es, was ich fand.
SPRECHER/IN
… schreibt Nansen damals in sein Tagebuch. Als ihn der Drang zur Polarforschung packt, ist Nansen gerade dabei, sich erste wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen. Mit einer Doktorarbeit über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere wird er sich einen Namen machen – als Pionier in der noch jungen Disziplin der Neurologie. Nansens Abschlussprüfung für seine Dissertation liegt erst vier Tage zurück, als er am 2. Mai 1888 nach Grönland aufbricht. Und er konnte nur vermuten, was ihn und seine Mannschaft in den kommenden Monaten erwartet, sagt Geir Klover:
02_ZUSPIEL Geir Klover
There was no previous experience really in Norway for doing that type of expedition. So you had to use common sense. They barely made it you know almost starving.
02_ Voice-Over
In Norwegen gab es bis dahin keine wirklichen Erfahrungen mit derartigen Expeditionen. Man war auf gesunden Menschenverstand angewiesen. Beinahe verhungert haben sie es gerade so geschafft.
SPRECHER/IN
Dabei hat Nansen sich intensiv vorbereitet. In Expeditionsberichten hatte Nansen von den Strapazen seiner Vorgänger gelesen, Bilder gesehen, auf denen sich feine Herren mit Melonen auf dem Kopf und Gamaschen an den Füßen durch den Tiefschnee mühen. Der junge Forscher will planvoller vorgehen. Seine Mannschaft ist klein, aber wohl ausgesucht: ein Spezialistenteam von nur fünf Mann. Ein jeder zäh, ausdauernd und verlässlich. Nansen verwendet für seine Expedition eigens entworfenes Material, hat etwa spezielle Schlitten bauen lassen.
MUSIK
SPRECHER/IN
Fast scheint es, als hätten schon seine Kindheit und Jugend Nansen auf diese Reise vorbereitet. Ihn prägt die ländliche Idylle seines Elternhauses nahe Kristiania. Der Sohn einer bürgerlichen Oberschichtfamilie liebt es zu fischen, zu jagen und tagelang durch die ausgedehnten Wälder zu streifen. Seine Mutter, eine geborene Baronesse Wedel-Jarlsberg, begeisterte den Jungen früh für Sport und die Natur, sagt der norwegische Historiker und Nansen-Biograf Carl Emil Vogt:
03_ZUSPIEL C.E. Vogt
She loved nature, skiing etc. So I think that he had his very strong and independent character from his mother actually and his mother's family because his father was more of a pedantic correct Protestant, civil servant and lawyer. So I think the combination of the very protestantic ethos of the duty to do what you have to do etc. and the extremely independent and artistic and nature loving sentiments from his mother, I think that combination of them is very important actually.
03_ Voice-Over
Sie liebte die Natur, das Skifahren usw. Ich denke, dass er seinen starken und unabhängigen Charakter von seiner Mutter und ihrer Familie hatte. Sein Vater war mehr ein pedantischer, korrekter Protestant, Beamter und Anwalt. Also einerseits das sehr protestantische Pflichtbewusstsein, das zu tun, was zu tun ist, und andererseits die äußerst unabhängigen, künstlerischen und naturverbundenen Gefühle seiner Mutter: Ich glaube, dass diese Kombination sehr wichtig war.
SPRECHER/IN
Eigenschaften, auf die es in der Eiswüste Grönlands ankommt. Nansen will sein Ziel unbedingt erreichen, sein Motto lautet: die Westküste oder der Tod. Nach einer abenteuerlichen Odyssee auf Eisschollen entlang der Küste beginnt der Aufstieg über das bis zu 3200 Meter hohe Inlandeis. Auf dem Plateau reist die Expedition nachts. Dann ist es kälter, die Skier und Schlitten gleiten besser.
Geschlafen wird tagsüber – jeweils zu dritt in einem Schlafsack. Das spart Gepäck. Am 8. September 1888 notiert Nansen in sein Tagebuch:
ATMO Windgeheul
TC 06:24 – 49 Tage Wanderung
ZITATOR 1
Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen den Wind und Schneetreiben an. – Und weiter am 9. September: Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter
SPRECHER/IN
Hunger und entsetzlicher Durst plagen die Männer. Erst am 26. September erreichen sie die Westküste. 49 Tage Wanderung, 560 Kilometer und harte Entbehrungen liegen hinter ihnen. Zum ersten Mal ist der grönländische Eispanzer in Ost-West-Richtung bezwungen. Doch zurück nach Europa kommen sie vorerst nicht: Wegen des nahenden Winters fährt von Godthåb kein Schiff mehr ab. Einen Eilboten der Inuit kann Nansen noch beauftragen, mit dem Kajak 300 Kilometer nach Süden zu fahren, um dem letzten Transportschiff in Ivigtût ihre Erfolgsnachricht mitzugeben. Bis zum nächsten Frühjahr müssen sie bei den Inuit überwintern – aus Sicht von Geir Klover der eigentliche Erfolg der Expedition:
04_ZUSPIEL Geir Klover
I think changed his mentality and also became more prepared for a future in exploring Polar Regions. It was the starkest initiation as a polar explorer.
04_ Voice-Over
Ich glaube, das hat in gewisser Weise seine Mentalität verändert, es hat ihn auf eine Zukunft in der Polarforschung vorbereitet. Das hat ihn auf seinem Weg zum Polarforscher wohl am stärksten geprägt.
TC 08:00 – Mindestens eine Portion Eitelkeit
SPRECHER/IN
Die Nachricht von der Grönland-Querung läuft in der Zwischenzeit in großen Schlagzeilen um die Welt. Bei Nansens Rückkehr am 30. Mai 1889 empfängt ihn in Kristiania die jubelnde Menge. Tausende wollen Norwegens neuen Helden sehen. Dabei ist Fridtjof Nansen nicht nur der Held und soziale Mensch, als den ihn die meisten seiner Zeitgenossen und seine Nachwelt später gern stilisieren. In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 2016 in der Edition Erdmann wieder aufgelegt, notiert er, was einer seiner Begleiter ihm vorwirft:
ATMO Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Hungern müssten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandiert, sie müssten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Tiere - nein, das wäre nicht zum Aushalten.
SPRECHER/IN
Seine Mannschaft betrachtet ihn als selbstsüchtig, arrogant und launisch. Für Geir Klover nicht ohne Grund:
05_ZUSPIEL Geir Klover
Its priority was more of the science and survival. Nansen didn’t care very much with his men. Every time he was always right. Whatever debate, whatever dialogue – he was always right. And basically I think he felt superior to them. So he did not accept anyone else's input than his himself.
05_ Voice-Over
Vorrang hatten für ihn die Wissenschaft und das Überleben. Nansen interessierte sich kaum für seine Männer. Er hatte immer Recht. Egal welche Debatte, welches Gespräch – er hatte Recht. Grundsätzlich fühlte Nansen sich ihnen überlegen. Er akzeptierte keine andere Meinung als die eigene.
SPRECHER/IN
Eine Portion Eitelkeit gehörte zu Nansens Persönlichkeit, notiert auch seine Tochter Liv in ihren Erinnerungen. Angesichts der späteren Erfolge und des Jubels, der Nansen zurück in Norwegen überall entgegenschallte, muss es für ihn auch schwer gewesen sein, nicht an den eigenen Mythos zu glauben. Denn aus Sicht von Geir Klover war Nansen geradeheraus, ein Typ, der sich nur schwer verstellen konnte:
06_ZUSPIEL Geir Klover
Those people have difficulty relating to the feet, to spend a year and a half away, surviving a winter, eating polar bears and shooting Walrus. And then coming back to safety, it was quite unheard of at that time. He was very elegant.
06_ Voice-Over
Solche Menschen tun sich schwer, auf dem Boden zu bleiben: anderthalb Jahre weg zu sein, einen Winter zu überleben, indem man Eisbären isst und Walrosse jagt. Und wieder sicher zurückzukehren – das war etwas nicht Dagewesenes.
SPRECHER/IN
Hochgewachsen, blond, gutaussehend, ein exzellenter Skifahrer und Redner. Mit seinen blauen Augen scheint Nansen immerzu in die unbekannte Ferne zu blicken – und dort zieht es ihn schon bald wieder hin. Knapp drei Monate nach seiner Rückkehr von Grönland heiratet der 27-Jährige die vier Jahre ältere Sängerin Eva Sars. Er nennt sie liebevoll »die beste weibliche Skifahrerin Norwegens«. Ausgerechnet Nansen, der sich lange als entschiedener Gegner der Ehe gezeigt hatte. Er liebt seine Frau, er baut ein Haus, hat fünf Kinder mit ihr – aber eigentlich ist er unfähig zu einem Zusammenleben. Der Polarforscher erweist sich als tyrannischer, launischer Ehemann und Vater – der erstmal nicht für die Familie, sondern seine Arbeit lebt.
AKZENT
TC 11:15 – Auf ins nächste Abenteuer
SPRECHER/IN
In Nansen reift bereits der Plan zu einer nächsten Expedition. Der Forscher ist sicher, den bis dahin unentdeckten Nordpol erreichen zu können – mithilfe der Eisdecke, die seiner Ansicht nach mit der Strömung nach Norden driftet. Dazu lässt Nansen eigens ein Schiff konstruieren, das dem Druck der Eismassen standhalten soll: die „Fram“. Mit ihr lässt Nansen sich und seine Mannschaft im Herbst 1893 im arktischen Packeis einfrieren.
ATMO leichtes Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein.
SPRECHER/IN
… schreibt Nansen darüber in seinem Buch „In Nacht und Eis“. Das Schiff driftet und wird von den Eismassen nicht zerquetscht. Trotzdem verläuft die Mission anders als geplant. Nach zwei Wintern im Eis zeichnet sich ab, die Fram würde den Pol verpassen. Nansen fasst einen waghalsigen Entschluss:
ATMO leichtes Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Noch immer muss ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen.
Ich weiß nichts Besseres zu tun. Es wird gefährlich sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl?
SPRECHER/IN
Mit Hjalmar Johansen, einem seiner Begleiter, verlässt Nansen im März 1895 die Fram. Auf Skiern und Hundeschlitten machen sie sich auf den Weg, den Pol zu erreichen. Zum Schiff werden die beiden nie zurückfinden. Doch auch sein Ziel, den Nordpol, muss Nansen knapp über dem 86. Breitengrad aufgeben. Zu beschwerlich ist der Weg:
ATMO Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wie das enden soll. Inzwischen schwinden unsere Vorräte und mit ihnen unsere Hunde. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – ja, werden wir es überhaupt erreichen? Bald wird es unmöglich, gegen dieses Eis und den Schnee noch weiter anzukämpfen.
SPRECHER/IN
Dennoch schafft der Norweger wieder das damals nahezu Unmögliche: Nansen und seine gesamte 12-köpfige Mannschaft kehren nach drei Jahren unversehrt zurück. Nansen und Johansen hatten sich zu Fuß und in Kajaks bis in den Süden von Franz-Joseph-Land durchgeschlagen. Mit einem Versorgungsschiff gelangten sie schließlich zurück Richtung Norwegen. Die Fram hatte derweil die Eisdrift fortgesetzt und nordwestlich von Spitzbergen wieder offenes Wasser erreicht. Im August 1896 kommt es im norwegischen Tromsø zum großen Wiedersehen. Auch wenn Nansen den Nordpol nicht erreicht, so beweist er seine Theorie zur Meeresströmung und kommt dem Pol so nahe wie niemand zuvor. Nansen ist zu diesem Zeitpunkt erst 35. Seine Erfolge machen ihn zu einem der angesehensten Männer des Landes. Gleichzeitig drängen sie den Forscher immer mehr in politische Ämter – auch weil er offensiv für die Unabhängigkeit Norwegens eintritt, sagt Carl Vogt:
TC 15:24 – Die zweite Karriere als Diplomat
08_ZUSPIEL C.E. Vogt
Norway was in a union with Sweden. It was a loose and liberal union. We had only the king, the foreign policy in common but it became more and more clear during the century that Norway wanted its full independence. So these nationalist sentiments were stronger and stronger and Nansen became one of the most important national heroes in Norway. So I guess that was why Norwegian governments started to use him as some kind of an informal foreign minister so to speak.
08_ Voice-Over
Norwegen existierte in einer Union mit Schweden. Zwar einer lockeren, liberalen Union – wir hatten nur den König, die Außenpolitik gemeinsam. Aber im Laufe des Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass Norwegen seine volle Unabhängigkeit wünschte. Diese nationalistische Empfindung wurde immer stärker, gleichzeitig wurde Nansen einer der wichtigsten Helden des Landes. Wohl deshalb hat die norwegische Regierung ihn sozusagen als informellen Außenminister eingesetzt.
SPRECHER/IN
Als solcher handelt Nansen ab 1906 in London die Souveränität seines Landes mit aus. Doch die große Wende in seinem Leben stand Fridtjof Nansen noch bevor: Im Jahr 1907 stirbt seine Frau Eva infolge einer schweren Lungenentzündung. Sechs Jahre später stirbt nach langer Krankheit auch sein jüngster Sohn Asmund. Für Carl Vogt ein Auslöser für Nansens nun folgenden radikalen Karrierewechsel:
09_ZUSPIEL C.E. Vogt
He had lost a son in 1913 so this was some kind of a personal crisis for him. Then came the war and he really had become too old to do this Arctic or polar explorations anymore.
09_ Voice-Over
Er hatte 1913 einen Sohn verloren. Das war für Nansen eine Art persönliche Krise. Dann kam der Krieg und er war einfach zu alt geworden für Polarexpeditionen.
SPRECHER/IN
Die Schrecken des Ersten Weltkriegs und eine drohende Hungersnot in Schweden veranlassen Nansen, sich für einen Platz Norwegens im neu geschaffenen Völkerbund einzusetzen. Dieser beauftragt Nansen im Frühjahr 1920, sich um den Austausch hunderttausender Kriegsgefangener zu kümmern. Auch wenn die Ausgangslage dafür denkbar schlecht war: Bis 1922 können etwa eine halbe Million Kriegsgefangene aus rund 30 Nationen dank Nansen nach Hause zurückkehren. Auch aufgrund eines speziellen, von Nansen erdachten Dokuments, dem später so genannten „Nansen-Pass“. Denn was vielen Flüchtlingen fehlt, ist eine Staatszugehörigkeit. Und das bringt massive Probleme mit sich:
11_ZUSPIEL C.E. Vogt
You do not have citizens’ rights. That's the most basic. But you also have a lot of problems in your daily life. Without paper it is very hard to get a place to live. It is impossible to marry, to baptize your children for instance. And often impossible to have a work and pay taxes. You have a lot of bureaucratic problems in your life. So this is the reason why it became necessary to help these people have a legal status.
11_ Voice-Over
Sie haben keinerlei Bürgerrechte. Das ist das Grundlegendste. Aber sie haben auch viele Probleme im Alltag. Ohne Papiere ist es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Sie können nicht heiraten oder ihre Kinder taufen. Und oft ist es unmöglich, normal zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Sie haben viele bürokratische Probleme. Deshalb war es notwendig, diesen Menschen zu einem legalen Status zu verhelfen.
SPRECHER/IN
… sagt Historiker Carl Vogt. Fridtjof Nansen hat seine erste Aufgabe für den Völkerbund kaum angetreten, als man ihn bittet, zusätzlich eine Hilfsaktion für Russland zu leiten. Krieg, Revolution, Bürgerkrieg und zuletzt anhaltende Trockenheit haben das Land ausgedörrt. Knapp 30 Millionen Menschen droht der Hungertod. Doch politisch traut der Sowjetregierung niemand, wieder steht Nansen, als Hoher Kommissar für Flüchtlingsfragen, am Rednerpult des Völkerbunds:
ZITATOR 1
Die Nahrungsmittel liegen in Amerika, aber niemand findet sich, sie zu holen. Kann denn Europa ruhig dasitzen und nichts dafür tun, diese Nahrungsmittel herüberzubringen und die Völker auf der anderen Seite zu retten?
SPRECHER/IN
Aber der Völkerbund verweigert seine Hilfe, politische Interessen überwiegen. Für Nansen eine schwere Niederlage. Trotzdem kann er private Spender und einen Kredit Norwegens organisieren, um den Hungernden zu helfen. Nicht zuletzt für diesen Einsatz erhält Nansen 1922 den Friedensnobelpreis. Seinem Einsatz für Flüchtlinge bleibt Nansen weiter treu: Nach Ende des griechisch-türkischen Kriegs 1922 setzt er sich für griechische Flüchtlinge ein. Ab 1925 bemüht er sich darum, die in der Türkei verfolgten Armenier in der Sowjetunion anzusiedeln.
TC 19:30 – Zwischen Mentor und Rivale
Zu den ihm nachfolgenden Polarforschern – Robert Falcon Scott, Roald Amundsen, Ernest Shackleton – hat Nansen bis zuletzt ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits ist er ihr Mentor, sie alle suchen seinen Rat. Andererseits bleibt Nansen immer ihr Rivale. Er hatte selbst Überlegungen für eine Südpolexpedition angestellt. Und doch überlässt Nansen seinem Landsmann Amundsen für eine Polarexpedition „seine“ Fram. Als Amundsen bei einer Rettungsmission 1928 in der Arktis umkommt, ist Nansen tief betroffen. Die folgenden Zeilen einer Rede in Erinnerung an Amundsen sind Teil der wohl einzigen Originaltonaufnahme, die sich von Fridtjof Nansen erhalten hat. Diese Zeilen könnten auch auf Nansen passen:
12_ZUSPIEL Nansen
Aus der großen, weiten Stille wird aber sein Name im Glanz des Nordlichts durch die Jahrhunderte für die Jugend Norwegens leuchten. Es sind Männer mit Mut, mit Willen, mit Kraft wie seiner, die uns mit Glauben an das Geschlecht und mit Zuversicht in die Zukunft erfüllen. Die Welt ist noch jung, die solche Söhne erzieht.
SPRECHER/IN
In seinen Gedanken an Roald Amundsen verneigt sich Nansen vor dessen Leistungen. Für Historiker Carl Vogt liegen die wahren Leistungen bei Fridtjof Nansen selbst:
13_ZUSPIEL C.E. Vogt
His most dangerous expedition was not the one to the North Pole. Of course he could have died there as well. But in 1921 he really went to the famine areas in Russia in the Volga valley and at least one or two of his travel companions died from typhoid fever they had caught on the train with Nansen. So he could easily have died from his engagement actually. So I mean it was really heroic.
13_ Voice-Over
Seine gefährlichste Expedition war nicht die zum Nordpol. Natürlich hätte er dort auch sterben können. Aber 1921 ging Nansen wirklich in die Hungerregionen in Russland im Wolgatal. Und mindestens ein oder zwei seiner Reisebegleiter starben an Typhus, den sie sich während der Zugfahrt mit Nansen geholt hatten.
Er hätte also leicht durch sein Engagement sterben können. Das war wirklich heldenhaft.
SPRECHER/IN
Am 13. Mai 1930 weilt Nansen auf dem Balkon seines Hauses in Lysaker. Im Liegestuhl genießt er den Frühling und den Besuch seiner Familie; mit einem Stapel Arbeit vor sich erholt Nansen sich gerade von einer langwierigen Venenentzündung. Seine Schwiegertochter Kari will ihm einen Tee bringen, als Nansen einem Herzinfarkt erliegt. Als Fridtjof Nansen mit 68 Jahren stirbt, hat er sie allesamt überlebt: Scott, Amundsen, Shackleton... Als Einziger endet er nicht auf einer Expedition. Und doch bleibt der Polarpionier, Diplomat und Friedensnobelpreisträger bis zuletzt unerfüllt und mürrisch, denkt, er habe sich nie im Leben zurechtgefunden.
TC 22:53 – Outro
Über 100 Jahre lang prangt das Sannikowland auf den Arktis-Karten - obwohl es nie gefunden wird. Einige lassen bei der Suche nach diesem Land ihr Leben, doch keine der Expeditionen kann die Existenz einer warmen Insel im Eis bestätigen. Bis die technische Entwicklung nach und nach die Wahrheit über das Sannikowland ans Licht bringt. Von Fiona Rachel Fischer (BR 2023)
Credits
Autorin: Fiona Rachel Fischer
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Laura Maire, Christian Baumann, Sven Hussock
Technik: Josef Angloher
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Andreas Renner
Linktipps:
Deutschlandfunk (2020): Expeditionen ins Eis – gestern und heute
Wie fühlt es sich an, bei klirrender Kälte, vom Eis umschlossen in tiefster Dunkelheit festzusitzen? Was treibt Polarforscher an, die unwirtlichen Regionen am Nord- und Südpol zu erkunden? Welche Eindrücke und Erkenntnisgewinne wiegen die enormen Risiken ihrer Abenteuer auf? Drei aktuelle Sachbücher liefern Antworten. JETZT ANHÖREN
NDR (2024): Geister der Arktis
Die preisgekrönte Extremtaucherin Christina Karliczek Skoglund begibt sich auf eine Expedition in die eisigen Tiefen der Arktis, um die geheimnisvollen Eishaie zu filmen. Die Tierfilmerin möchte nicht nur mit einem der "Methusalems der Meere" tauchen, sondern mit führenden Eishaiforschern über bahnbrechende neue Entdeckungen diskutieren. In Folge zwei stößt Christina immer weiter ins nördliche Grönland vor, um die "Einhörner des Meeres" zu finden. Die bedrohten Narwale leben das ganze Jahr über in Packeisnähe und sind durch den Klimawandel extrem bedroht. Ein mitreißender Doku-Zweiteiler. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 03:55 – Ein Kaufmann auf Expedition
TC 05:54 – Der Arktis Hype des 19. Jahrhundert
TC 08:45 – Auf der Suche bis in den Tod
TC 11:40 – Stoff für einen Science-Fiction-Roman
TC 17:20 – Ewiger wissenschaftlicher Mythos
TC 21:55 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK & ATMO Geschrei von Wildgänsen, Eisiger Wind, Eisberggeräusche
SPRECHERIN 1:
Folgt man den sibirischen Wildgänsen gen Norden in das ewige Eis, so entdeckt man bald hinter der Kotelny-Insel einen bläulichen Schimmer am Horizont. Beim Näherkommen wird er dunkler und dunkler, bis er sich zu einer schroffen Bergkette verfestigt.
SPRECHER 2:
In der unerbittlichen arktischen Kälte ist der Aufstieg an den steilen Berghängen mühsam. Doch zieht man sich an der letzten Kante hoch, wird man Wunderbares erblicken: Das satte Grün der Wiesen und Bäume. Heiße Geysire, die aus der fruchtbaren Erde sprudeln. Die wilden Mammuts, die durch die urzeitliche Flora streifen, und die blau tätowierten Gesichter eines verschollenen Indigenenstamms.
SPRECHERIN 1:
Das Sannikowland. Eine mystische Arktisinsel mit Atlantis-Charakter. Gefunden wurde dieser wundersame Ort schließlich nie.
ZITATOR 1:
Hat dieses Land überhaupt existiert? Ich bin überzeugt, daß es existiert hat.
SPRECHER 2:
So der Geologe und Autor Wladimir Afanasjewitsch Obrutschew in seinem Roman „Sannikowland“. Zitiert mit freundlicher Genehmigung des Verlags Neues Leben in der Eulenspiegel Verlagsgruppe Berlin.
SPRECHERIN 1:
Die Existenz des Sannikowlands ist eine von vielen Mythen, die sich im Zarenreich des 18. und 19. Jahrhunderts um die Arktis spinnen.
SPRECHER 2:
Zu dieser Zeit ist die Arktis ein weißer, also ein unausgestalteter Fleck auf der Landkarte. Im faszinierenden Unbekannten des ewigen Eises wird eine Nordostpassage entlang der eurasischen Nordküste vermutet, dass der Nordpol möglicherweise eisfrei sei, und irgendwo im Eismeer soll der achte Kontinent Arctica zu finden sein. Auf unentdeckten Inseln sollen große Reichtümer schlummern.
MUSIK ENDE
O-TON:
Es gibt ja diese Insel-Mythen in der Kulturgeschichte zuhauf, dass man vermutet, irgendwo im Ozean hat sich eine Insel gehalten mit glücklichen Menschen. Also diese Insel-Utopien gehen bis in die Antike zurück. Denken Sie an Atlantis oder konkreter für die Arktis haben Sie die Hyperboreer, also diese Vorstellung, dass es irgendwo fernab der Zivilisation glückliche Menschen gibt, die warum auch immer, mal abgeschieden wurden. […] Und dann projiziert man einfach diese Vorstellung, die es schon gibt, auf diese Insel.
SPRECHERIN 1:
Professor Andreas Renner vom Lehrstuhl für Russland-Asien-Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
SPRECHER 2:
Es sind die Indigenen der sibirischen Küste, die bereits seit Jahrhunderten mit ihren flachen Booten das Eismeer befahren. Im 17. Jahrhundert gibt es erste Erkundungsfahrten von russischer Seite und es sind zunächst Entdecker und Eroberer, die von einer Flussmündung über das Meer zum nächsten großen Fluss fahren. Hierbei entstehen die ersten Karten dieser Region. Sie sind allerdings nur zum Navigieren gedacht und nicht einmal mit Längen- und Breitengraden versehen.
SPRECHERIN 1:
Wissenschaftliche Fahrten beginnen in den 1730er Jahren mit der Großen Nordischen Expedition, angestoßen von Marineoffizier Vitus Bering und beauftragt von Zarin Anna Iwanowna. Ganze 10 Jahre dauert sie. Die Karten, die die Forscher entwickeln, bleiben jedoch unvollständig.
ZITATOR 1:
Man wollte es kennenlernen, die Tiefe und die Temperatur der verschiedenen Wasserschichten messen und die Zusammensetzung des Wassers sowie die darin lebenden Tiere und Pflanzen, den Meeresgrund, die Richtung der Strömungen usw. erforschen.
TC 03:55 – Ein Kaufmann auf Expedition
SPRECHER 2:
Doch es gibt noch eine weitere Gruppe, die Interesse an den arktischen Gewässern hat: Kaufleute, die mit Pelzen und Elfenbein handeln.
MUSIK
SPRECHERIN 1:
Ein solcher Händler ist auch der Namensgeber und „Entdecker“ des Sannikowlands. Jakov Sannikow aus Jakutsk sammelt die Stoßzähne von Walrössern oder lässt sie erlegen, um das Elfenbein teuer zu verkaufen. Doch dann findet er eine noch lukrativere Einnahmequelle im ewigen Eis:
O-TON:
Mammutelfenbein. Also er hatte entweder Glück oder Gespür für. Es gibt auf den nordsibirischen Inseln sehr viele Mammutkadaver. Es hält sich in Nordostsibirien ungefähr bis 1500 oder 2000 vor der Zeitrechnung, also das letzte Refugium des Mammuts, und sie können dort nicht weg, sondern sie sterben dann tatsächlich zu Hunderten auf diesen Inseln mit dem Anstieg des Meeresspiegels. Und Sannikow ist einer der ersten, der systematisch diese Mammute sucht und ihnen die Stoßzähne wegnimmt und sie dann teuer verkauft. Also ein sehr erfolgreiches Business, und er ist tatsächlich dann wegen seiner Ortskenntnisse an einer wissenschaftlichen Expedition im Jahr 1809 beteiligt, die diese Neusibirischen Inseln vermessen soll.
SPRECHER 2:
Mit Mattias Hedenström, einem verbannten Beamten aus Riga, bricht Sannikow im Namen des Zaren zu der Mission auf.
ATMO SCHIFF
SPRECHERIN 1:
Das Leben auf einer solchen Expedition ist hart: Die flachen Schiffe mit niedrigem Tiefgang, mit denen man im Eismeer navigieren kann, haben oft keine Kajütenaufbauten. Es ist dort eng, kalt und nass. Viele Menschen, die sich in die Arktis wagen, sterben an Erschöpfung, Hunger, Kälte oder Skorbut.
MUSIK
SPRECHER 2:
Doch wer erfolgreich zurückkommt, den erwarten oft Ruhm oder Reichtum. So auch Sannikow, der nicht nur eine neue Insel entdeckt, sondern gleich noch eine zweite – wie er denkt.
TC 05:54 – Der Arktis Hype des 19. Jahrhundert
SPRECHERIN 1:
Im Jahr 1811 erblickt der Händler nordwestlich der Kotelny-Insel eine unbekannte Landmasse. Diese ist für die Expedition allerdings unerreichbar. Hedenström trägt die gesichtete Insel dennoch in die Karte ein – unter dem Namen Sannikowland.
SPRECHER 2:
Damit setzt er ihrem Entdecker ein Denkmal, doch eine Sensation ist es noch lange nicht. Denn schließlich sind viele Inseln zu dieser Zeit unerreicht. Zehn Jahre später schickt die zarische Admiralität eine neue Expedition los, um die Karten weiter auszuarbeiten.
MUSIK ENDE
ZITATOR 2:
[S]päter schien es, als seien die Angaben Sannikows widerlegt worden: Leutnant Anjou, der vom Marineministerium den Auftrag erhalten hatte, die von Sannikow gesehenen Länder aufzusuchen, kehrte 1824 mit der vollen Überzeugung zurück, daß die angeblich in Norden von den Neusibirischen Inseln gelegenen Landmassen wohl nur auf einer Täuschung beruhten.
SPRECHER 2:
– schreibt Arktisforscher Baron Eduard von Toll später über diese Expedition.
O-TON:
Das ist auf jeden Fall eine Arktis-Expedition, die kreuz und quer um den Archipel und am Archipel entlangfährt, aber dieses Sannikowland nicht findet. Also man geht systematisch auch an die Stellen zurück, von denen die gesichtet wurde, und kann diese Entdeckung nicht bestätigen, lässt die Insel aber trotzdem auf den Karten stehen, weil es ja weder bestätigt noch widerlegt ist.
SPRECHERIN 1:
Diese Expedition soll die arktischen Inseln kartografieren, aber auch nach einer Landverbindung zu dem Kontinent Arctica suchen – den es freilich gar nicht gibt. Aber die Entdecker tragen immerhin eine neue Insel auf ihrer Karte ein: die Wrangelinsel, die erst knappe 100 Jahre später wirklich entdeckt und erforscht wird.
SPRECHER 2:
Auch jetzt ist die Küstenlinie nur bruchstückhaft kartografiert, denn der Eisgang verhindert das Durchkommen. Und das Sannikowland, das nordwestlich der Kotelny-Insel auf der Karte eingezeichnet ist, bleibt eine bloße Vermutung.
MUSIK & ATMO Geschrei von Wildgänsen
SPRECHERIN 1:
Solche weißen Flecken auf der Karte, wie unentdeckte Inseln und der bisher unerreichte Nordpol reizen aber auch die westlichen Staaten, ihre Überlegenheit zu demonstrieren.
MUSIK ENDE
O-TON:
Es gibt so einen, heute würde man sagen, so einen Arktis-Hype oder so ein Pole-Hype. Das hat einerseits einfach mit der technischen Entwicklung zu tun. Im neunzehnten Jahrhundert kann man eigentlich alle paar Jahre bessere Expeditionsschiffe bauen und dann kommen dampfgetriebene Schiffe. Die Schiffe werden stärker und eigentlich alle größeren europäischen Staaten beginnen Arktisexpeditionen, auch Deutschland, auch Österreich. Und das hat viel auch mit diesem kulturellen Wettkampf zwischen den europäischen Nationen zu tun. Es ist Prestigedenken, dann geht es gar nicht mehr so darum, Land im Besitz zu nehmen, sondern als Erster dort zu sein.
TC 08:45 – Auf der Suche bis in den Tod
MUSIK
ZITATOR 2:
An klaren Sommertagen sieht man von der Nordspitze der Insel Kotelny unter 76° n. Br. vier Berge, die sich kaum über den nördlichen Horizont emporheben — das ist das Sannikow-Land, ein noch nie betretenes Gebiet.
SPRECHER 2:
Es ist der 18. August 1886. Der deutsch-baltische Arktisforscher Eduard Gustav von Toll erblickt bei einem Aufenthalt auf der Kotelny-Insel am Horizont vier Berge am Horizont.
ZITATOR 2:
Die Berge des Sannikow-Landes erinnern in ihrer Form lebhaft an die abgestumpften Basaltkegel des Swätoi Noß, wie sie dem Auge von der Südküste der Gr. Ljächow-Jnsel erscheinen.
SPRECHERIN 1:
Und das an genau derselben Stelle, wie Sannikow 75 Jahre zuvor.
SPRECHER 2:
Meint Toll. Aber es ist eben nicht genau dieselbe Stelle. Doch Toll ist davon überzeugt, das Sannikow-Land gesichtet zu haben. Er stellt einen Antrag an die Russische Akademie der Wissenschaften mit der Bitte, eine Expedition auszurüsten und ihn auf die Suche nach der unerreichten Insel zu schicken.
ATMO Geschrei von Wildgänsen & Musik ENDE
SPRECHERIN 1:
Im Jahr 1899 bewilligt die Akademie 180 000 Rubel für die Expedition. Im Juni des darauffolgenden Jahres sticht Eduard von Toll mit dem Motorschiff Sarja, der Morgenröte, von Kronstadt aus in See.
MUSIK
SPRECHER 2:
Doch die Expedition verläuft nicht wie geplant. Das Eis verhindert, dass die Sarja nahe genug an die mutmaßliche Lage des Sannikowlands herankommt. Schließlich friert das Schiff auch noch nahe der Kotelny-Insel im Packeis ein. Im Juni 1902 beschließen Toll und einige andere schließlich, die Sarja zurückzulassen. Auf Hundeschlitten machen sie sich auf in Richtung Nordosten, um das Eiland auf eigene Faust zu suchen.
SPRECHERIN 1:
Sie werden nicht wieder zurückkehren. Ein Suchtrupp findet 1903 Tolls Tagebuch, doch die Arktisforscher bleiben verschollen.
SPRECHER 2:
Das dramatische Ende dieser Expedition bedeutet die endgültige Mythisierung des Sannikowlands.
MUSIK ENDE
O-Ton:
Weil er das Unglück hat, von seiner Reise nicht zurückzukehren. Also man startet in Kronstadt und fährt dann durch Arktisschmelze eine sehr, sehr schwierige Route. Toll ist tatsächlich erst der dritte, dem es überhaupt gelingt, hier diese Passage von Europa bis ins ostsibirische Meer zu machen. […] Aber gerade weil er so verschwunden ist und es auch nicht eine gewisse Prominenz hat als Arktis Forscher, dann fängt es eben an, dass man ihn mit diesem Sannikowland verbindet, also die Suche nach dieser Insel.
TC 11:40 – Stoff für einen Science-Fiction-Roman
SPRECHERIN 1:
Dieser abenteuerliche Stoff inspiriert schließlich den Science-Fiction-Autor Wladimir Obrutschew zu seinem Roman „Sannikowland“, der 1926 erscheint. In erster Linie ist Obrutschew jedoch Geologe: Sowohl im Zarenreich als auch später in der Sowjetunion forscht er zur Geologie Sibiriens, zu Gletscherbildung, Permafrost und Vulkanismus. Dafür wird er mit vielen Ehrentiteln ausgezeichnet und erhält fünf der renommierten Leninpreise.
SPRECHER 2:
Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse verarbeitet Obrutschew in insgesamt drei utopisch-phantastischen Romanen. Damit trifft er genau den Zeitgeist, denn die optimistische Aufbruchsstimmung der jungen UdSSR zeigt sich auch in einem allgemeinen Enthusiasmus für Wissenschaft. Die Bevölkerung soll gebildet, das wirtschaftliche Potential der Bodenschätze mithilfe der Wissenschaft maximiert werden. Dazu dient Science-Fiction-Literatur wie die von Obrutschew. Ihre Aufgabe ist es, ein breites Interesse an der Wissenschaft zu wecken und Forscher zu neuen Versuchen und Funden zu inspirieren – wie die Entdeckung von neuen Inseln im Eismeer!
SPRECHERIN 1:
Denn auch in den 1920ern gibt es noch genug Raum für Spekulationen, genug unerreichte Inseln. Es ist das letzte Jahrzehnt, in dem die Arktis als Raum des Abenteuers und des Entdeckertums gilt. Als die Wrangelinsel endlich erforscht wird, ist es eine Sensation. Eine große Inspiration für Obrutschew:
MUSIK
ZITATOR 1:
Das ist ein Traumland!
SPRECHERIN 1:
In Obrutschews Roman machen sich drei verbannte Studenten zusammen mit zwei sibirischen Händlern auf den Weg. Im Auftrag eines Mitglieds der Akademie der Wissenschaften reisen sie zum Sannikowland.
ZITATOR 1:
Dieses geheimnisvolle Land zog die beiden nicht minder an als unsere drei Freunde, und sie waren froh, daß ihnen das glückliche Los zugefallen war, es als erste aufzusuchen.
ATMO Geschrei von Wildgänsen
SPRECHERIN 1:
Den Zug der Wildgänse gen Norden sehen sie als Beweis für die Existenz einer warmen Insel im Eismeer.
ZITATOR 1:
Wohin sollten dann aber diese dummen und lebensmüden Vögel fliegen?
SPRECHER 2:
Zum Sannikowland!
MUSIK ENDE
SPRECHERIN 1:
Wohin die fünf Abenteurer den Wildgänsen folgen. Sie finden die lang gesuchte Insel ohne Probleme und staunen nicht schlecht, als sie entdecken, dass das Sannikowland ein riesiger Vulkankrater ist, in dessen Wärme urzeitliche Flora und Fauna gedeihen.
ZITATOR 1:
Aber wer konnte ahnen, daß das Sannikowland ein zoologischer, oder richtiger – ein paläontologischer Garten ist!
SPRECHERIN 1:
Auch dem verschollenen –
SPRECHER 2:
– natürlich fiktiven –
SPRECHERIN 1:
Indigenenstamm der Onkilonen begegnen die Forschungsreisenden dort. Sie werden gastfreundschaftlich aufgenommen und erforschen eine Weile ungestört das Sannikowland.
O-TON:
Warum das funktioniert, das ist tatsächlich, glaube ich, die größte Caldera, die er da mal locker ins Polarmeer setzt, um halt eben zu erklären, dass es dort heiße Quellen gibt und Vegetation. Und dass diese Tiere, die woanders schon ausgestorben sind, also Mammute, Wollnashörner, sich eben auf Sannikow Land gehalten haben.
SPRECHER 2:
Obrutschew betont selbst im Vorwort, dass die fiktionale Schilderung auf dem wissenschaftlichen Forschungsstand seiner Zeit fuße. Im Roman finden sich lateinische Gattungsbezeichnungen, wissenschaftliche Daten werden dargelegt und die Forschungsreisenden diskutieren ihre Beobachtungen und Messungen ausführlich.
ZITATOR 1:
Ist der Talkessel der verschüttete Krater eines Vulkans, dann ist auch die üppige Vegetation unter diesem Breitengrad erklärt. […] Doch wollen wir uns vorläufig noch nicht festlegen, sondern abwarten, was weiter geschieht.
SPRECHERIN 1:
Diese Wissenschaftlichkeit verbindet der Autor mit der mythologischen Vorstellung einer warmen Insel im Eis, wo Menschen abgeschnitten vom Rest der Welt ein glückliches Leben führen.
SPRECHER 2:
Doch kaum sind im Roman die Forschungsreisenden auf der Insel angekommen, erfahren sie, dass das Glück der Onkilonen in Gefahr ist.
ZITATOR 1:
Die Geister des Himmels haben dem Schamanen verkündet, daß dem Volk der Onkilonen große Nöte bevorstehen.
MUSIK
ZITATOR 1:
So weit das Auge reichte – überall stand Wasser, sämtliche Wiesen hatten sich zu Seen verwandelt, die Wälder hoben sich als schwarze Inseln oder Landzungen im weiten Rund des Wasserspiegels ab. Im Lichte der aufgehenden Sonne schimmerte das Wasser wie funkelndes Silber.
SPRECHER 2:
Das System der Insel gerät aus dem Gleichgewicht. Die Temperatur sinkt, das Wasser verschwindet zunächst aus dem heiligen See der Onkilonen, nur um den gesamten Talkessel zu überschwemmen.
ZITATOR 1:
Aus der Erde schossen feurige Kugeln bis in das hohe Rauchdach, Funkelgarben sprühten nach allen Seiten.
...
Expedition in die Arktis: Im Jahr 1845 soll Sir John Franklin einen Seeweg durch das Polarmeer nach Asien finden. Unter seinem Kommando: die Schiffe HMS Erebus und die HMS Terror. An Bord: 129 Seeleute und Proviant für mehrere Jahre. Doch bald fehlt von der Expedition jede Spur - Was war geschehen? Erste Suchtrupps machen sich auf, um das Schicksal der Expedition zu klären. Bald finden sich erste Spuren, Gerüchte machen die Runde. Von Georg Florian Ulrich (BR 2024)
Credits
Autor: Georg Florian Ulrich
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Stefan Wilkening, Katja Amberger, Andreas Neumann, Frank Manhold, Sabine Kienhöfer
Technik: Michael Krogmann
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Roger Byard
Linktipps:
SWR (2024): Expedition in die Arktis
Das "ewige Eis" in der Arktis schwindet. Welche Folgen hat das für unser Klima und unsere Zukunft? MOSAiC - die größte Arktis-Expedition aller Zeiten - soll genau das klären. Ein ganzes Jahr ließ sich eine internationale Crew von Wissenschaftler*innen mit dem Forschungseisbrecher "Polarstern" im Meereis nahe dem Nordpol einfrieren. Eine Expedition der Extreme begann: zwischen Eisbärangriffen, in monatelanger Dunkelheit und bei Temperaturen weit unter null Grad. Die gewonnenen Klimadaten vom Nordpol sollen jetzt helfen, die Prognosemodelle für den Klimawandel zu verbessern. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2005): Die Heldenmacher
Vor 175 Jahren wurde die Royal Geographical Society gegründet. Tausende Expeditionen hat sie seither betreut: Von der tragisch endenden Suche John Franklins 1854, einen Weg durch das nördliche Eismeer, westwärts bis nach Indien zu finden bis zur erfolgreichen Erstbesteigung des Mont Everest im Jahr 1953. Inzwischen hat die altehrwürdige Gesellschaft ihr Herz für Anfänger entdeckt: Sie unterhält ein Expeditionsberatungszentrum. ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:56 – Keine Kosten und Mühen gescheut
TC 06:58 – Die Suche nach Lebenszeichen
TC 11:40 – Eine Witwe gibt nicht auf
TC 16:42 – Forschung nach Todesursachen
TC 21:00 – Durchbruch
TC 23:06 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
Musik & Atmo alte Stadt
Sprecher:
London, 1848. Seit mehr als drei Jahren gibt es keine Neuigkeiten von den beiden Schiffen. Kein Brief, keine Nachricht von der HMS Erebus und der HMS Terror erreicht die Admiralität in London. Niemand hat die zwei Schiffe gesehen, die ins arktische Eismeer gesegelt sind. Die Unruhe in der Admiralität wächst. Dabei hatte die Leitung der Royal Navy große Hoffnungen in die Expedition gesetzt – und eine Menge Geld. Man entschließt sich zu handeln.
Zitator: (Ausrufer/Steckbrief)
„20.000 Pfund Belohnung für jeden, der Hinweise zur Auffindung der Schiffe unter dem Kommando von Sir John Franklin geben kann!“
Atmo Polarwind
Sprecher:
Eine Suchaktion von weltumspannenden Ausmaßen beginnt: Während ein Schiff von Großbritannien aus Kurs auf Grönland nimmt, fährt ein anderes die Küste im Norden von Alaska ab. Immer Ausschau haltend nach den beiden Schiffen der Franklin-Expedition. Gleichzeitig bahnt sich ein Suchtrupp im äußersten Norden Kanadas über Land einen Weg gen Norden, hin zu den Eisfeldern der Arktis. Irgendwo in dieser riesigen Region müssen sie abgeblieben sein. Drei Jahre zuvor, im Jahr 1845, hatten sie sich aufgemacht.
Sprecherin:
Ziel der Expedition: Die Nordwestpassage. Der erhoffte, aber bislang unentdeckte Seeweg von Europa nach Asien durch das arktische Meer.
Wenn es eine solche Passage gäbe! Für die britische Seefahrt wäre es ein Riesengewinn.
TC 01:56 – Keine Kosten und Mühen gescheut
Sprecher:
Will ein britischer Händler Anfang des 19. Jh. Ware aus Asien importieren, etwa Porzellan aus China, muss er an die 24.000 Kilometer Seeweg zurücklegen. Erst ganz Afrika umschiffen, den sturmgepeitschten indischen Ozean durchqueren, schließlich durch die Straße von Malakka, in der Piraten lauern. Erst dann kann er in China vor Anker gehen. Und auf dem Rückweg das Gleiche noch einmal.
Musik
Sprecherin:
Die Nordwestpassage verspricht die Möglichkeit, all diese Gefahren zu umgehen. Und natürlich: Schneller wäre die Route auch: 8000km Umweg ließen sich so sparen. Wenn man sie denn findet: Denn bislang ist die Gegend zwischen Grönland und dem nördlichen Kanada ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zu widrig waren die eisigen Temperaturen für die Entdecker des 17. Und 18. Jahrhunderts.
Sprecher:
Doch seit den Tagen der ersten Entdeckungsreisen in die Arktis hat sich das technische und geographische Verständnis der Briten enorm verbessert.
Musik
Die Industrielle Revolution ist in vollem Gang: In Großbritannien fahren bereits regelmäßig Eisenbahnen, neue Erfindungen wie die Konservendose oder die Nutzung der Elektrizität beginnen das Leben der Menschen zu verändern. Mit diesen technischen Errungenschaften, ist man sich sicher, auch den harten Bedingungen der Arktis trotzen zu können.
Sprecherin:
Deshalb hatte sich die Admiralität in London entschieden, zwei Schiffe auf eine Expedition in die Arktis zu schicken. Sie sollen endlich die Nordwestpassage finden. Die Wahl fällt auf die HMS Erebus und
HMS Terror. Bombardenschiffe, sie sind schwer gepanzert – wie geschaffen, um Packeis zu durchbrechen. Bereits 1839 haben sie sich bei Expeditionen in die Antarktis bewährt.
Atmo Fabrik im Dampfzeitalter
Für die Expedition werden keine Kosten und Mühen gescheut. Die Schiffe werden generalüberholt, die schon dicken Rümpfe zusätzlich mit Eisenplatten verstärkt. Zwei neuartige Dampfmaschinen werden verbaut, um den Schiffen zusätzlichen Antrieb zu liefern. Möglich macht das die Schiffschraube, die erst wenige Jahre zuvor erfunden wurde.
Sprecher:
Die Dampfmaschinen versorgen zudem eine Zentralheizung, die trotz arktischem Wetter für angenehme Wärme an Bord sorgen soll. Auch für reichlich Proviant ist gesorgt.
Zitator: (begeisterter Reporter)
Die Vorkehrungen, die für den Komfort der Offiziere und der Besatzung getroffen wurden, sind ausgezeichnet: Die an Bord genommenen Vorräte sind beträchtlich und bestehen aus Konserven, einer großen Menge Tee und extra starkem westindischen Rum.
Sprecherin:
Dazu kommen 7 Tonnen frisch abgekochtes Fleisch, verpackt in den neuen, modernen Konservendosen, 14 Tonnen Salzfleisch, 4740 kg Kartoffel- und Gemüsekonserven und 4200 Liter Zitronensaft. Er soll gegen Skorbut helfen, die gefürchtete Seefahrer-Krankheit. Sogar eine beträchtliche Bibliothek mit mehr als 1000 Büchern wird an Bord genommen. Einer mehrjährigen Expedition in die Arktis steht nichts mehr im Wege.
Musik
Sprecher:
Für Das Oberkommando wird schließlich Sir John Franklin auserkoren. Er ist zu diesem Zeitpunkt fast 60 Jahre alt, seine letzte Arktisexpedition fast 20 Jahre her. Manche Zeitgenossen äußern Bedenken wegen seines Gesundheitszustands. Dennoch soll diese Expedition das Glanzstück werden, das Franklins Karriere abschließt. Zudem stehen ihm erfahrene Männer zur Seite: Unter seinem Kommando steht auch Captain Francis Crozier, der bereits in der Antarktis mit der Terror unterwegs war.
Sprecherin:
Dann endlich! Mai 1845: Unter großem Beifall legen die Schiffe ab. Sie stechen unter guten Vorzeichen in See, die Besatzung ist optimistisch.
ATMO knarzendes Segelboot, See
Vor der Küste Grönlands werden die letzten Vorräte an Bord genommen, dann machen sich die Schiffe auf ins Eis – in bisher unbekannte Gefilde.
Musik
Sprecher:
Auf ihrem Weg in den Lancastersund begegnen sie zwei Walfängern. Man besucht sich gegenseitig, tauscht Informationen aus. Es ist das letzte Mal, dass die beiden Schiffe von anderen Seeleuten gesehen werden.
Atmo/Musik hoch
Sprecherin:
Es vergeht ein Jahr ohne jegliche Nachricht von der Expedition. Dann noch eins. Schließlich ein drittes.
Sprecher:
Über Jahre nichts von einer Expedition in die Arktis zu hören, ist in dieser Zeit erstmal nicht ungewöhnlich. Die Expedition von James Clark Ross zum Beispiel saß vier Jahre im Eis fest. Sie ernährten sich von ihrem Proviant und Robbenfleisch, bis auf drei Seeleute kehrten alle wohlbehalten zurück. Doch Franklins Mannschaft ist deutlich größer, seine Vorräte nur für zwei, maximal drei Jahre ausgelegt.
TC 06:58 – Die Suche nach Lebenszeichen
Sprecherin:
Nachdem dann auch im dritten Jahr von der Expedition keinerlei Nachricht eintrifft, wird die Admiralität nervös. Wo sind die HMS Erebus und Terror? 1848 beginnt die Suche nach den verlorenen Schiffen. Drei Suchexpeditionen werden losgeschickt - erfolglos. Keine Spur findet sich von den beiden Schiffen. Die Lage ist ernst. Mit jedem Monat, der vergeht, sinken die Chancen, Franklin und seine Leute lebend zu finden.
Sprecher:
Im Jahr darauf werden ganze 14 Expeditionen ausgestattet. Die beiden Schiffe müssen doch irgendwo zu finden sein! Dass die Rettungsaktion so umfangreich ausfällt, liegt auch an der Ehefrau von John Franklin, Lady Jane. Sie nutzt ihren öffentlichen Einfluss, um Druck auf die Admiralität auszuüben.
Atmo Wind
Sprecherin:
Endlich finden sich erste Zeichen der Expedition. Doch sie geben eine düstere Vorahnung, auf das, was kommt. Auf Beechey Island, einer kleinen Insel am Lancastersund, findet man die Überreste eines Winterlagers. Und: Drei Gräber. Die Namen auf den Grabsteinen sind gut lesbar.
Zitator:
John Torrington, 20 Jahre. William Braine, 32 Jahre. John Hartnell, 25 Jahre.
Sprecherin:
Besatzungsmitglieder der Franklin-Expedition. Alle drei gestorben im Jahr 1846, beerdigt hier auf Beechey Island. Die Erebus und Terror müssen hier Station gemacht haben. Woran starben sie? Gab es eine Krankheit an Bord? Die Insel wird genauestens untersucht, doch außer leeren Konservendosen und anderem Abfall findet sich nichts. Kein Logbuch, keine Nachricht wurde hinterlassen. Die Suche läuft weiter.
Sprecher:
Inzwischen erhitzen sich in London die Gemüter: ein Schuldiger wird ausgemacht. Der jüdische Kaufmann Stephan Goldner. Er hatte die Expedition mit Konservendosen versorgt. In nur 7 Wochen hatte Goldner den Großauftrag bewältigt. Jetzt häufen sich Vorwürfe, die Konserven seien von minderwertiger Qualität gewesen. Ging die Franklin-Expedition mit verdorbenem Proviant auf Reisen? Verhungerten die Seeleute trotz voller Vorratsschränke? Ein Bericht in der Times legt das nahe. Der Vorwurf ist haltlos, wie sich bald herausstellt. Eine offizielle Untersuchung spricht Goldner frei, doch sein Ruf ist ruiniert.
Musik
Sprecherin:
Bei der Suche in der Arktis geraten inzwischen die Suchtrupps selbst in Not. Mehrere Schiffe bleiben im Eis stecken. Es dauert mehrere Jahre, bis die Expeditionen zurückkehren. Tatsächlich leisten sie mit ihren Reisen wichtige Beitrag zur Erkundung der Arktis. Aber außer den Gräbern auf Beechey Island können sie keine Hinweise über Franklins Schicksal liefern.
Sprecher:
Dennoch - die Hoffnung auf Neuigkeiten bleibt. Und tatsächlich finden sich neue Hinweise: Der Arzt und Polarforscher John Rae trifft auf seinen Arktis-Reisen auf Inuit, die ihm von düsteren Ereignissen berichten. Rae fasst ihre Berichte zusammen:
Musik
Zitator:
Etwa vierzig weiße Männer wurden gesehen, wie sie in Begleitung eines Offiziers über das Eis nach Süden wanderten und ein Boot und Schlitten mit sich zogen. Sie sahen aus, als ob ihnen der Proviant ausgegangen wäre. Sie kauften von den Eingeborenen eine kleine Robbe oder ein Stück Robbe. Der Offizier wurde als ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters beschrieben.
Sprecherin:
Handelt es sich bei dem Offizier um Franklin? Hat er seine Schiffe verlassen, und seine Mannschaft über Land weitergeführt? Doch die Inuit haben Rae noch mehr zu berichten:
Zitator:
Später hat man die Leichen von etwa dreißig Personen, einige Gräber auf dem Festland und fünf Leichen auf einer Insel in der Nähe entdeckt.
Einige der Körper befanden sich in Zelten. Andere lagen unter einem Boot, das sie als notdürftige Unterkunft umgedreht hatten, einige verteilt um das Lager herum. Bei einem vermuteten die Inuit, dass es sich um einen Offizier handelte, da er ein Fernrohr über die Schultern geschnallt hatte und sein doppelläufiges Gewehr unter ihm lag.
Sprecherin:
Die Inuit zeigten Rae Gegenstände, die nur von Bord der Erebus und der Terror stammen konnten. Laut ihren Schilderungen waren die Männer in einer ausweglosen Situation.
Musik
TC 11:40 – Eine Witwe gibt nicht auf
Zitator:
Aus dem Zustand vieler Leichen und dem Inhalt der Kessel war ersichtlich, dass unsere unglücklichen Landsleute zum letzten Mittel gezwungen waren, um ihr Leben zu erhalten.
Sprecherin:
Kannibalismus – als letztes Mittel gegen den Hunger. Eine für die viktorianische Zeit unerhörte Unterstellung. Als die Nachricht London erreicht, ist die Empörung groß. Die Witwe von Sir John Franklin, Lady Jane, lässt auf ihren Ehemann und dessen Expedition nichts kommen.
Sprecher:
Sie bekommt prominente literarische Unterstützung. Charles Dickens, ein Freund der Familie, steht ihr bei. In einer Zeitschrift wettert der berühmte Autor gegen die Inuit, weist ihre Berichte als unglaubwürdig zurück. Für ihn sind sie nichts weiter als:
Zitator: Zitat Charles Dickens
„Das Geschwätz einer groben Handvoll unzivilisierter Menschen, die in Blut und Walfett zuhause sind!“
Sprecher:
1854 werden alle Expeditionsmitglieder für tot erklärt.
Musik
Lady Jane Franklin will jedoch Gewissheit. Zwei Jahre später finanziert sie erneut eine Expedition unter dem Kommando von Francis McClintock.
Sprecherin:
Tatsächlich gelingt es McClintock als erstem, eine handfeste Nachricht von der Expedition zu finden. In einem kleinen Steinhügel auf King William Island stößt er auf einen Brief der Franklin-Expedition. Versteckt in einem Bleizylinder, wasserdicht geschützt. Der erste Eintrag weckt Hoffnungen:
Zitator:
Mai 1847: Von 1846-47 überwintert bei Beechey Island. Sir John Franklin befehligt die Expedition. Alle wohlauf.
Sprecherin:
Der Beginn der Expedition scheint gut verlaufen zu sein. Doch an den Rand des Briefes gequetscht finden sich weitere Zeilen. Jemand muss den Bleizylinder zu einem späteren Zeitpunkt wieder geöffnet, den Brief erneut beschrieben haben. Die zittrige Handschrift lässt sich schwer lesen.
Musik
Zitator:
April 1848 - "Terror" und "Erebus" wurden am 22. April verlassen. 105 Seelen unter dem Kommando von Capitain Crozier landeten hier im September 1848. Sir John Franklin ist am 11. Juni 1847 gestorben, Gesamtverlust durch Todesfälle bis heute: 9 Offiziere und 15 Männer. Wir brechen morgen zum Back's Fish River auf.
Atmo Eiswind, Schritte
Sprecherin:
Franklin ist also definitiv tot. Mit ihm 24 weitere Besatzungsmitglieder – eine ungewöhnliche hohe Todesrate, selbst für Arktisexpeditionen.
Das Ziel der Überlebenden, der Back’s Fish River, liegt mehrere hundert Kilometer Fußweg entfernt. Durch kaum wegbares Packeis, danach durch eine felsige Tundra, in der es im Frühjahr kaum Nahrung gibt.
Sprecher:
McClintock fährt mit seinem Hundeschlitten den Weg ab, den die Überlebenden genommen haben müssen. Er stößt auf ein seltsames Relikt: ein Beiboot eines der Schiffe. Scheinbar auf den Kopf gestellt, um einen provisorischen Unterschlupf zu bieten.
Zitator:
Im Boot befand sich etwas, das uns in Ehrfurcht erstarren ließ. Es waren Teile von zwei menschlichen Skeletten. Das eine das eines schmächtigen jungen Menschen, das andere das eines großen, starken Mannes mittleren Alters, vielleicht ein Offizier. Große und kräftige Tiere, wahrscheinlich Wölfe, hatten einen Großteil dieses Skeletts zerstört.
Sprecher:
Doch die Gegenstände, die McClintock und seine Kameraden rund um das Boot finden, werfen noch mehr Fragen auf: Kämme, Haarbürsten, Taschenbücher. Und sogar eine ganze Ladung Silberbesteck. Nichts, was man auf einem Marsch um Leben und Tod erwarten würde. Zudem finden sich neben etwas Tee ca. 18kg Schokolade. McClintock vermutet, dass die beiden Männer mit dem Boot und der Schokolade als letztem Proviant zurückgelassen wurden, als sie zu schwach geworden waren, um weiter zu ziehen. McClintock kehrt nach Großbritannien zurück. Er ist überzeugt, dass alle Mitglieder der Franklin-Expedition verstorben sind.
Musik
Sprecherin:
Lady Franklin gibt jedoch bis zuletzt nicht auf, das Schicksal ihres Ehemanns zu klären. Noch mit 82 Jahren finanziert sie eine Expedition in die Arktis. Sie stirbt, noch während sie auf die Rückkehr des Schiffs wartet. Die Expedition endet ergebnislos. Auch eine letzte Expedition wenige Jahre später fördert keine neuen Erkenntnisse zutage.
Atmo Eiswind Heulen
TC 16:42 – Forschung nach Todesursachen
Sprecher:
Doch das Rätsel um das Verschwinden der Erebus und Terror zieht die Menschen weiter in seinen Bann. Anfang der 1980er Jahre, gut 100 Jahre nach der letzten Expedition, macht sich ein Team von Forschern der University of Alberta auf, das Rätsel um die Expedition zu lösen. Die kanadischen Forscher stoßen die Reste des Beiboots, das McClintock gefunden hatte. Sie dokumentieren die Fundstelle, sammeln die menschlichen Knochen ein. Im Labor stoßen sie auf Überraschendes: Neben Anzeichen für Skorbut weisen die Knochen der Mitglieder von Franklins Expedition einen zehnmal höheren Bleigehalt auf, als die der Inuit, die in der Gegend beerdigt wurden.
Musik
Sprecherin:
Nun wollen die Forscher der Sache auf den Grund gehen. Zwei Jahre später machen sie sich auf nach Beechey Island, zu den Gräbern die die Franklin-Expedition dort zurückgelassen hatte. Für ihre Expedition brauchen sie eine besondere Genehmigung: Sie wollen die Gräber öffnen, die Leichen der Crewmitglieder untersuchen. Professor Roger Byard von der University of Adelaide ist Pathologe und hat sich eingehend mit den Forschungen zur Franklin-Expedition beschäftigt.
OV Prof Roger Byard Beschreibung Blei
OVERVOICE männlich
They dug up John torringtons body…
Die haben die Leiche von John Torrington ausgegraben, einem der Besatzungsmitglieder, die auf Beechey Island beerdigt wurden. Und dabei fanden sie einen sehr hohen Bleigehalt. Und deshalb sagte man: Aha, die Expedition benutzte diese neumodischen Blechdosen, die mit Blei verlötet waren, das ans Essen abgegeben wurde. Und deshalb meinte man, dass sie an einer Bleivergiftung gestorben sind.
Musik
Sprecherin:
Eine Bleivergiftung tötet nicht direkt, sondern schadet über längere Zeit dem Nervensystem. Erste Symptome: Erschöpfung, Reizbarkeit. Dann: Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme. Am Ende greift die Vergiftung auf das Gehirn über: Verwirrtheit, Orientierungsprobleme, Charakterstörungen. Starben die Männer, weil ihre bleiverseuchten Vorräte sie in den Wahnsinn trieben? Es würde ihre merkwürdigen Entscheidungen erklären: weshalb sie etwa Silberbesteck und anderen wertlosen Tand einpackten, als sie ihre Schiffe verließen.
Sprecher:
Lange gilt diese Erklärung als einer der Hauptgründe für das Scheitern der Expedition. Doch inzwischen gilt sie als überholt. Prof. Byard weiß warum.
OV Prof Roger Byard Multifaktoren
Overvoice männlich
Over the years the looked at graves of similar vintage…
Im Laufe der Jahre hat man bei Gräbern ähnlicher Jahrgänge von Marineangehörigen festgestellt, dass die Bleikonzentrationen bei allen sehr hoch sind. Damals gab es Bleirohre auf den Schiffen und alle möglichen anderen Dinge. Die Bleivergiftung war also nicht der Grund. Also stand man wieder am Anfang bei der Frage nach der Todesursache. (…) Aber ich denke, dass es viele Gründe gab, dass man sich im Grunde genommen einfach abnutzt. Es ist also ein additiver Effekt einer ganzen Reihe von Faktoren. (…) The fact that you’re miserable as hell…Die Tatsache, dass man sich verdammt elend fühlt und weiß, dass man nie wieder nach Hause kommen wird. Das ist wirklich nichts, was einen dazu anspornt, zu versuchen, zu überleben. Aber sie waren jahrelang dort, also waren sie unglaublich stoische Männer.
Sprecher
Hinweise für eine Vielzahl an Belastungen finden sich in den menschlichen Überresten: Die Lungen der Männer auf Beechey Island sind von Tuberkulose zerfressen. Die verstreuten Knochen auf den anderen Inseln zeigen Zeichen von Skorbut.
Musik
Sprecherin:
Doch die Knochen geben auch Aufschluss über ein weiteres Rätsel: Forensiker in den 1990ern Jahren entdecken gerade Schnitte an den Knochen, die am Boot gefunden wurden: Spuren von Klingen. Hier wurde Fleisch von Knochen gelöst. Spätere Studien zeigen: Die Knochen wurden sogar aufgebrochen, über Stunden gekocht, um an das Mark zu gelangen. Eindeutige Beweise für Kannibalismus unter den letzten Überlebenden. Genauso, wie die Inuit es den ersten Suchtrupps im 19. Jahrhundert geschildert hatten. Nach Jahrzehnten der Verleumdung zeigt sich: Die Inuit hatten Recht.
TC 21:00 – Durchbruch
Sprecher:
Die Forscher fangen an, die Berichte der Inuit in ihre Untersuchungen miteinzubeziehen. Und so gelingt im Jahr 2014 ein großer Durchbruch.
Atmo Eisbrecher und Sonar
Ein Suchboot, ausgestattet mit einem Sonar, durchfährt eine Bucht nahe der King-William Insel. Laut Schilderungen der Inuit ist hier vor mehr als 150 Jahren ein großes Holzschiff gesunken. Plötzlich erscheint auf dem Radar ein Bild, das eindeutiger nicht sein könnte: Es ist ein Schiff, der Bug liegt zertrümmert am Meeresboden, doch der Rest ist deutlich erkennbar.
Sprecherin:
Es ist die HMS Erebus. Nach mehr als 150 Jahren ist sie wieder da, in ihrer ganzen Pracht. Doch sie liegt einsam am Meeresgrund. Wo ist ihr Schwesterschiff, die HMS Terror?
Sprecher:
Es dauert noch zwei weitere Jahre, bis auch dieses Rätsel gelöst wird. Etwa 100 Kilometer weiter südlich, vor der Küste der Adelaide-Halbinsel. Inuit hatten in dieser Gegend schon öfters angeschwemmte Wrackteile gefunden, doch den entscheidenden Hinweis gibt ein Inuk-Jäger. Vor einigen Jahren war er mit seinem Schneemobil auf der zugefrorenen Bucht unterwegs. Dabei stieß er auf einen Holzpfahl, der aus dem Eis aufragte. Jetzt führt er das kanadische Forschungsteam an die Stelle. Der Pfahl, der aus dem Wasser aufragte - Es ist der Mast der HMS Terror. In nur 11m Tiefe liegt das Wrack des Schiffs.
Musik
Sprecherin:
Spätere Tauchgänge zeigen: Das eiskalte Wasser hat das Wrack in außergewöhnlicher Qualität erhalten. Glasflaschen und kostbares Porzellan liegen unversehrt in den Regalen, Gewehre hängen an der Wand. Als ob die Mannschaft sie gerade erst verlassen hätte.
Das Team der Unterwasserarchäologen hofft, in Zukunft vielleicht sogar eines der Logbücher bergen zu können. Vielleicht kann so die Geschichte um die Expedition zu Ende erzählt werden.
TC 23:06 - Outro
Der Inselstaat Taiwan gehört zu den politischen Pulverfässern der Welt. Die Führung betont regelmäßig die Eigenständigkeit Taiwans, das offiziell Republik China heißt. Die kommunistische Volksrepublik China aber betrachtet das Land als abtrünnige Provinz und fordert den Anschluss an die Volksrepublik. Dies wollen die USA aber unbedingt verhindern, denn das Südchinesische Meer und die Taiwanstraße sind wichtige Routen für den Welthandel. Zudem ist die hochentwickelte Halbleiterindustrie Taiwans für zahlreiche Industriestaaten von immenser Bedeutung. Von Claudia Steiner (BR 2023)
Credits
Autorin: Claudia Steiner
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Christian Baumann, Rahel Comtesse, Andreas Dirscherl
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Prof. Dr. Christine Moll-Murata, Anna Marti
Linktipps:
BR (2024): Notizen aus Taiwan und China – Unabhängigkeit oder Wiedervereinigung
Taiwan war nie Teil der Volksrepublik und stand nie unter Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas. Dennoch beansprucht Peking die demokratisch regierte Insel als eigenes Territorium. Die meisten Taiwaner können sich keinen Zusammenschluss mit dem autokratisch regierten China vorstellen. Zum Beitrag geht es HIER.
Deutschlandfunk (2024): Taiwans polarisierte Medienlandschaft
Am 13. Januar wählt Taiwan einen neuen Präsidenten. Das schwierige Verhältnis des Inselstaats zu Festlandchina spiegelt sich auch in einer polarisierten Mediendebatte wider: pro- und anti-chinesische Medien berichten teils komplett konträr. JETZT ANHÖREN
phoenix (2023): Taiwan – Angst vor der Invasion
Taiwan wird oft als eine der gefährlichsten Regionen der Welt bezeichnet. Aber: Nicht das Land selbst, sondern die politischen Umstände machen die Lage vor Ort so gefährlich. Film von Michael Müller JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:54 – Der Ausgangspunkt
TC 05:01 – Von offizielle und inoffiziellen Beziehungen
TC 08:41 – Das Problem der „Wiedervereinigung“
TC 11:00 – Ein Land im Konflikt zweier Atommächte
TC 14:24 – Umbruchsdenken
TC 17:28 – Der Weiße Terror
TC 19:46 – Ein Leben mit militärischer Spannung
TC 22:10 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO Nachrichtenticker
Einspielung 1 (COLLAGE, 09.10.2021, 05.08.2022, 27.5.2022, gerne übereinander legen und/oder mit Ticker trennen)
MUSIK: Z8031117101 HOT NEWS 0‘45
SPRECHER 2 UND NACHRICHTENSPRECHER
Chinas Präsident Xi Jinping hat erneut die Wiedervereinigung Taiwans mit der Volksrepublik gefordert. Bei einer Feierstunde zum 110. Jahrestag der Revolution von 1911 sagte Xi, die Wiedervereinigung müsse und werde definitiv verwirklicht werden.… /
Die Taiwan-Krise führt auch zu Spannungen zwischen China und Deutschland. Die chinesische Botschaft in Berlin hat nun Außenministerin Baerbock Unterstellungen und eine Einmischung in innere Angelegenheiten vorgeworfen. …
Ein chinesischer Flugzeugträger ist durch die Meerenge bei Taiwan gefahren. Er wurde laut Verteidigungsministerium in Taipeh von zwei weiteren Schiffen der chinesischen Armee begleitet. Als Reaktion hätten Taiwans Streitkräfte Luftpatrouillenflugzeuge, Marineschiffe und Raketensysteme aktiviert…
ATMO Nachrichtenticker (bricht ab)
MUSIK
SPRECHER
Die Nachrichten zeigen deutlich: Der Status von Taiwan ist kompliziert und konfliktbehaftet. Der Inselstaat, der offiziell Republik China heißt, liegt zwischen Japan und den Philippinen, 180 Kilometer östlich der Volksrepublik China. Die riesige, autoritär geführte, kommunistische Volksrepublik China betrachtet das kleine, demokratische Taiwan als abtrünnige Provinz und fordert den Anschluss an Peking. Die Führung in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh betont dagegen ihre Eigenständigkeit. Aber politisch ist das Land relativ isoliert. Von den meisten Ländern wird Taiwan nicht als souveräner Staat anerkannt, auch nicht von Deutschland. Dabei war Taiwan nie Teil der 1949 von Mao Zedong gegründeten Volksrepublik China. Und Chinesen waren auch nicht immer Bewohner der Insel. Ein Rückblick:
Musik
TC 01:54 – Der Ausgangspunkt
SPRECHER
Ursprünglich war die Insel von indigenen Bevölkerungen besiedelt. Über die Jahrhunderte gab es unterschiedliche Einflüsse: So kamen am Ende der chinesischen Ming-Dynastie Mitte des 17. Jahrhunderts chinesische Einwanderer nach Taiwan. Ebenfalls im 17. Jahrhundert bauten Holland und Spanien koloniale Stützpunkte auf der Insel auf. Die Kolonialmächte wurden aber von chinesischen ming-loyalen Truppen vertrieben. Von 1895 bis 1945 stand Taiwan schließlich unter japanischer Herrschaft. Doch mit der Kapitulation Japans nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Friedensvertrag von San Francisco am 28. April 1952 gab Japan alle Rechte an ehemaligen Kolonien, und damit auch an Taiwan auf. Doch der genaue Status der Insel war unklar. Christine Moll-Murata ist Professorin für Geschichte Chinas und Leiterin der Taiwanforschungsstelle an der Ruhr-Universität Bochum.
O-TON 1 (Moll-Murata, 2.32)
Aufgegeben hat es das zwar, aber es ist nicht deutlich formuliert worden, an wen. Weder die Repräsentanten der Volksrepublik China, die inzwischen 1949 gegründet worden war, noch die Repräsentanten der Republik China, die sich jetzt im Exil befanden seit 1949 auf Taiwan, also weder die einen noch die anderen waren anwesend.
MUSIK
SPRECHER
Das heißt: Keine der beiden Seiten waren in den Friedensvertrag involviert, weder die Kommunisten auf dem Festland, noch die Nationalisten im Exil. Beide Seiten war sich zuvor in einem blutigen Bürgerkrieg gegenüber gestanden. Die Kommunisten gingen daraus als Sieger hervor, die Nationalisten zogen sich nach Taiwan zurück – der Ausgangspunkt des heutigen Konflikts. Anna Marti, Leiterin des Taipeher Büros der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung.
O-TON 2 (Marti, 2.19)
Und Mao Zedong hat am 1. Oktober 1949 in Peking die Volksrepublik ausgerufen. Der vorher existierende Staat, also nach dem Ende des Kaiserreichs, vor der Volksrepublik, war aber die Republik China und die Leute, die damals in Amt und Würden waren, Macht hatten, das ganze Militär, die gesamte Flugzeugflotte und die gesamte Marine sind geflohen vor den Kommunisten, die haben ja eben verloren. Und die haben sich nach Taiwan zurückgezogen.
SPRECHER
Die nationalistische Regierung unter der Führung von Chiang Kai-shek von der Kuomintang-Partei flüchtete also mit ihren Truppen auf die Insel – mitsamt der Goldvorräte und wertvoller Kulturschätze aus der „Verbotenen Stadt“, der Palastanlage im Zentrum Pekings. Im nationalen Palastmuseum in Taipeh sind seit 1965 Hunderttausende dieser Schätze ausgestellt und gelagert: Wertvolle Stücke aus Jade, Porzellan und Vasen, Gemälde und Bronzen. Für die Volksrepublik China sind es Beutestücke. Willkommen waren die Nationalisten auf der Insel erst einmal nicht: Die damalige Bevölkerung in Taiwan betrachtete die Ankunft der Soldaten vom Festland als Invasion.
MUSIK
TC 05:01 – Von offizielle und inoffiziellen Beziehungen
SPRECHER
International wurde die Republik China auf Taiwan zunächst als Vertreter Gesamtchinas anerkannt. So hatte das kleine Taiwan zum Beispiel einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – obwohl es de facto nur die Insel Taiwan und einige wenige Inseln vor dem chinesischen Festland kontrollierte. Dies änderte sich 1971. Damals wollte die US-Regierung unter Präsident Richard Nixon die Beziehungen zur Volksrepublik China neu aufstellen In der Resolution 2758 heißt es:
ZITATORIN
„Die Vollversammlung der Vereinten Nationen […] beschließt, all die Rechte der Volksrepublik China instandzusetzen und die Vertreter ihrer Regierung als die einzigen legitimierten Vertreter Chinas in den Vereinten Nationen anzuerkennen und von nun ab die Vertreter Chiang Kai-sheks von dem Platz zu entfernen, den sie zu Unrecht in den Vereinten Nationen und all ihren Organisationen einnehmen.“
SPRECHER
Der Beschluss, der die gesamte Macht-Konstellation änderte, er gilt bis heute. Vor allem Länder des globalen Südens stimmten zu. Doch der Beschluss war nicht im Sinne aller Staaten - die USA etwa wollten, dass sowohl die Volksrepublik China als auch die Republik China im Sicherheitsrat vertreten sein sollen, konnten sich mit dieser Haltung aber nicht durchsetzen. Und so nahmen 1979 die USA diplomatische Beziehungen zur flächenmäßig deutlich größeren Volksrepublik China auf und brachen die offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab. Aber eben nur die offiziellen diplomatischen Beziehungen. Zugleich verpflichtete sich Washington mit dem Taiwan Relations Act, Taiwan verteidigungsfähig zu halten. Auch viele andere Staaten haben bis heute keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan. Denn um mit China zusammenarbeiten zu können, müssen Länder die Ein-China-Politik anerkennen. Peking versteht sich als Rechtsnachfolger der Republik China. Anna Marti:
O-TON 3 (Marti, 7.01)
Das heißt, dass Peking darauf besteht, dass es nur ein einziges China gibt. Und in ihrer Sichtweise ist das eben die Volksrepublik. Und wer mit China, also wer mit Peking diplomatische Beziehungen unterhalten möchte, der muss das akzeptieren. Das heißt, man kann nicht gleichzeitig mit Peking und mit Taipeh diplomatische Beziehungen unterhalten.
Musik
SPRECHER
Zu den wenigen Ländern, die heute Taiwan offiziell anerkennen, gehören unter anderem Haiti, Guatemala, Paraguay und der Vatikan. Doch auch wenn es offiziell keine Anerkennung gibt, arbeiten viele Länder – auch Deutschland - eng mit Taipeh zusammen. Es ist diplomatisches Fingerspitzengefühl gefragt. Anna Marti.
O-TON 4 (Marti, 7.37 /24.21)
Was aber wichtig ist: Nur, weil man keine Botschaft in Taipeh hat, heißt das nicht, dass es keinerlei Austausch gibt. Die heißen dann hier anders. Also die deutsche Vertretung heißt da nicht hier die deutsche Botschaft, sondern das ist das Deutsche Institut. /
Es gibt einen taiwanischen Pass, der auch anerkannt wird und der in manchen Gebieten auch wirklich sogar besser ist als der chinesische Pass. Also ganz konkret können Leute mit einem taiwanischen Pass in den Schengenraum einreisen, ohne vorher ein Visum beantragen zu müssen. Und das ist bei Menschen, die einen Pass aus der Volksrepublik haben, ist es nicht möglich. Und das ist natürlich ein gewisser Pragmatismus. Es wirkt erstmal merkwürdig, dass zum Beispiel Deutschland, das Taiwan nicht als Staat anerkennt, den Pass aber anerkennt. Aber es gibt zum Beispiel auch ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Taiwan und Deutschland.
TC 08:41 – Das Problem der „Wiedervereinigung“
SPRECHER
Die Eigenständigkeit Taiwans wird auch in anderen Punkten deutlich: So hat das Land eine eigene Währung, den Taiwan-Dollar, und ein eigenes Militär. Doch zwischen der Volksrepublik China und der Republik China herrscht ein starkes Machtgefälle: Das Militär von China zählte 2023 rund zwei Millionen aktive Soldaten, das Militär von Taiwan rund 170.000. China ist Taiwan in militärischer Hinsicht über alle Waffengattungen hinweg deutlich überlegen.
MUSIK
SPRECHER
Der Status Taiwans ist also seit Jahrzehnten umstritten, die politische Kluft zwischen der Republik und der Volksrepublik China tief. Beide Seiten beharren auf ihren Positionen. Die Führung in Peking betrachtet das 23 Millionen Einwohner zählende Taiwan – welches im Vergleich zu den 1,4 Milliarden Menschen auf dem Festland winzig ist - als Teil der Volksrepublik. Peking strebt eine „Wiedervereinigung“ an und droht mit einer militärischen Eroberung der Insel, sollte sich Taiwan als unabhängig erklären. Immer wieder gibt es militärische Machtdemonstrationen: Chinesische Kriegsschiffe patrouillieren regelmäßig in der Nähe der taiwanesischen Küste, Flugzeuge verletzten den Luftraum. Oder es werden wie im Sommer 2022 bei Manövern Raketen abgefeuert und stürzen in der Nähe der Insel ins Meer – kurz zuvor hatte die damalige Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi Taiwan trotz Warnungen aus Peking besucht. Die Sprecherin des Außenministeriums in Taipeh erklärte damals kämpferisch:
Einspielung 2 (China startet großangelegtes Militärmanöver... ab 27. Sek, chin. O-Ton. Overvoice.)
Unsere Regierung ist noch entschlossener, die Souveränität und territoriale Integrität unserer Nation zu schützen. Angesichts des aktuellen Szenarios wird unsere Regierung nicht nur ihre Selbstverteidigungsfähigkeiten aktiv stärken, sondern auch enge Beziehungen zu gleichgesinnten Ländern wie den Vereinigten Staaten pflegen. Gemeinsam werden wir die auf Regeln basierende internationale Ordnung verteidigen, eine weitere regionale Eskalation vermeiden und gleichzeitig die Sicherheit der Straße von Taiwan sowie die Freiheit, die Offenheit, den Frieden und die Stabilität in der indopazifischen Region energisch schützen.
TC 11:00 – Ein Land im Konflikt zweier Atommächte
SPRECHER
Das Engagement der USA für Taiwan hat vor allem geopolitische Gründe. Die Insel im Pazifik ist ein Land im Konflikt zweier Atommächte, China und den USA. Die USA hat zudem wichtige Militärbasen im Pazifik. Anna Marti:
O-TON 5 (Marti, 15.18)
Die USA haben große Militärstützpunkte in Japan und in Guam. Und da sind auch wichtige Teile der Pazifikflotte, zum Beispiel auch der Flugzeugträger, die zum Teil dann hier auch durch die Taiwan-Straße fahren, in sogenannten Freedom of Navigation-Routen. Also ganz konkret bedeutet das, dass man da durch die Taiwan-Straße durchfährt, um eben zu zeigen, dass das ein internationales Gewässer ist und nicht, wie von der Volksrepublik beansprucht, ein nationales Gewässer.
Musik
SPRECHER
Eine Eroberung Taiwans durch China wäre ein weiterer Schritt für die Großmacht-Ambitionen Pekings, denn dies würde dem Land zu mehr Macht im Pazifik verhelfen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine befürchten Beobachter, dass China auf ähnliche Art und Weise versuchen könnte, Taiwan zu erobern. Spätestens seit Peking die Demokratiebewegung in Hongkong niederschlagen ließ, ist klar, dass die Volksrepublik auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Die USA – als Schutzmacht - beliefern Taiwan deshalb mit Waffen. US-Präsident Joe Biden bezeichnete es als „Verpflichtung“, Taiwan zu verteidigen – wie dieses Engagement außer Waffenlieferungen genau aussehen könnte, ließ er offen. Die Bochumer Taiwan-Expertin Christine Moll-Murata:
O-TON 6 (Moll-Murata, 7.10)
Natürlich gibt es auch wirtschaftliche Interessen der USA, aber in erster Linie ist es eben geopolitischer Art. Und das hat, ja, eben auch mit dem Verhältnis von USA zu China zu tun. In letzter Zeit, also seit den letzten fünf, sechs Jahren, spricht man von Decoupling, also von einer Loslösung oder von einer Entflechtung der amerikanischen Wirtschaft von der chinesischen Wirtschaft. Und da spielt eben Taiwan eine wichtige Rolle.
SPRECHER
Ein militärischer Konflikt hätte massive Auswirkungen, auch auf die Weltwirtschaft. Das kleine Taiwan - die Insel ist etwa so groß wie Baden-Württemberg - gilt als Tigerstaat Südostasiens, also als eine besonders dynamische Wirtschaft.
MUSIK
Zwar taucht Taiwan wegen seines unklaren Status meist nicht in offiziellen Rankings auf, doch mit einem geschätzten Bruttoinlandsprodukt für 2023 von knapp 800 Milliarden US-Dollar, liegt Taiwan weltweit etwa auf Platz 20. Besonders wichtig für viele Branchen ist vor allem die Chip- und Halbleiterindustrie. Dort ansässige Unternehmen wie die „Foxconn Technology Group“ oder die „Taiwan Semiconductor Manufactoring Company, Limited“ produzieren Elektronik- und Computerteile, Chips und Halbleiter unter anderem für Marken wie Apple, Nintendo, Microsoft und Sony. Anna Marti von der Friedrich Naumann Stiftung in Taipeh.
O-TON 7 (Marti, 16.52)
Es ist ganz klar: Die Welt ist abhängig von diesen Chips, die hier in Taiwan produziert werden. Und wenn die Lieferketten unterbrochen werden oder wenn es zu einem größeren Konflikt kommen sollte, dann wäre die Weltwirtschaft insgesamt betroffen, nicht nur wegen den Chips, aber natürlich auch wegen den Routen, den Schiffsrouten, die hier auch in nächster Nähe vorbeigehen und die Falle eines Konfliktes da natürlich betroffen wären.
TC 14:24 - Umbruchsdenken
SPRECHER
Es mag erstaunlich klingen: Trotz des politischen Konflikts mit Peking hat Taiwan enge wirtschaftliche Beziehungen mit der Volksrepublik. Die Volksrepublik China ist Taiwans größter Handelspartner. Im Jahr 2022 gingen rund 40 Prozent aller taiwanischen Exporte nach China, inklusive der Sonderverwaltungsregion Hongkong. Taiwanesische Firmen wie Foxconn haben zudem auch Filialen auf dem chinesischen Festland – doch das scheint sich langsam zu ändern, sagt Professor Moll-Murata.
O-TON 8 (Murata-Moll, 10.41)
Ich habe jetzt bei einem Besuch in Taiwan vor Kurzem gehört, dass sich einfach auch in Taiwan bemerkbar macht, dass viel mehr Unternehmen, die vorher auf dem Festland ansässig waren, eben versuchen, sich herauszuziehen und dann in Südostasien oder in Indien ihre Produktionsstätten neu aufzubauen - wegen der Unsicherheit, die der Produktion in China und auch natürlich aus geopolitischen Gründen. Ja, und aus Gründen, dass der Standort China für taiwanische Unternehmen eben mehr und mehr gefährlich zu sein scheint.
MUSIK
SPRECHER
Nicht nur wirtschaftlich, auch gesellschaftlich findet ein Umdenken statt: Auch wenn die Amtssprache Mandarin, also Chinesisch ist – es werden zudem unter anderem Taiwanisch und Hakka gesprochen -, sieht sich die Mehrheit der vor allem jüngeren Menschen in Taiwan inzwischen als Taiwanerinnen und Taiwaner und nicht als Chinesinnen und Chinesen. Christine Moll-Murata:
O-TON 9 (Moll-Murata, 19.47)
Die taiwanische Identität, also dieses Identitätsbewusstsein Taiwaner zu sein und nicht Chinese, das hat in den vergangenen Jahren immer stärker zugenommen. Das ist ganz klar. Das heißt aber übrigens nicht, dass nicht die Bevölkerung auch bei Wahlen durchaus zum Ausdruck bringen kann, dass sie an einer größeren Annäherung oder an einer Entspannung gegenüber China großes Interesse hat.
SPRECHER
Dass viele Menschen in Taiwan zumindest den Status quo beibehalten möchten, liegt sicher auch am politischen System. Taiwan gilt als eine der stabilsten Demokratien Asiens mit freien Wahlen, einem funktionierenden Rechtssystem, Meinungs- und Pressefreiheit sowie einer liberalen Gesellschaft. So legalisierte der Inselstaat 2019 zum Beispiel als erstes asiatisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe. Auf diese Errungenschaften legen die Menschen großen Wert. Zuvor hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass es gegen die Verfassung verstoße, wenn nur Männer und Frauen heiraten können. Laut dem Demokratieindex – zusammenstellt von der Universität Göteborg - gehört Taiwan weltweit zu den Top-20-Demokratien und liegt damit unter anderem vor Slowenien und Österreich. Anna Marti:
O-TON 10 (Marti, 11.38)
Was man aber nicht vergessen darf, ist natürlich, dass Taiwan auch immer noch eine relativ junge Demokratie ist. Das heißt auf der positiven Seite, dass es den Menschen noch oft noch sehr bewusst ist, wie es vorher war und dass sie deswegen auch sehr, sehr viel Wert darauflegen.
Musik
TC 17:28 – Der Weiße Terror
SPRECHER
Denn Taiwan war nicht von Anfang an eine Demokratie. In dem früheren Einparteiensystem herrschte jahrzehntelang Kriegsrecht und der sogenannte Weiße Terror – begrifflich eine Abgrenzung zum roten Kommunismus. Es gab unter der Herrschaft der nationalchinesischen Kuomintang willkürliche Verhaftungen. Oppositionelle wurden unterdrückt, vermeintliche Kommunisten und Spione verschwanden und wurden getötet. Anna Marti:
O-TON 11 (Marti, 9.57)
Es gab politische Gefängnisse. Es war kein Rechtsstaat, und es war ein sehr, sehr repressives System. Und dieser weiße Terror, dieses Kriegsrecht, das galt in Taiwan sehr, sehr lange. Erst 1987 wurde das beendet, und dann setzte langsam eine Demokratisierung ein, die auch von den Menschen getragen wurde und die vor allem von unten kam und die ersten wirklich freien Wahlen, die fanden (19)96 auch erst statt, das heißt es weiter Weg. Und lange Zeit war der schöne Name Republik eben nur das, ein schöner Name und aber nicht wirklich mit Leben gefüllt.
Musik
SPRECHER
Offiziellen Quellen zufolge wurden 1.061 Menschen zum Tode verurteilt und bis zu 20.000 Menschen inhaftiert. Die Aufarbeitung dieser Zeit der Gewalt und Willkür ist ein langwieriger Prozess. Zwar wurden zum Beispiel ein ehemaliges Foltergefängnis und die Gefängnisinsel Lüdao zu Gedenkstätten umgewandelt, Literatur und Kunst setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander, und die Opfer des Weißen Terrors wurden entschädigt, die Täter aber wurden nicht juristisch zur Verantwortung gezogen. Erst 1996 wurde der erste direkte Präsident der Insel gewählt: Lee Teng-hui. Der ehemalige Bürgermeister von Taipeh war der erste Präsident, der auch auf der Insel geboren war. In den Nachrichten vom März 1996 hieß es:
Einspielung 3 (Taiwan hat gewählt, 00.01)
Während also Präsident Lee feierte und sich feiern ließ, ist für die Führer in Peking, die Taiwan als abtrünnige Provinz betrachten, ein Alptraum wahr geworden. Lee Teng-hui, dessen Wunsch nach mehr internationaler Anerkennung Taiwans die Krise zwischen den beiden Chinas ausgelöst hat, hat 54 Prozent der Stimmen erhalten….
Musik
TC 19:46 – Ein Leben mit militärischer Spannung
SPRECHER
Der Konflikt um Taiwan ist ein Dauerthema – nicht nur international, sondern auch auf der Insel selbst. Denn es kommt immer wieder zu militärischen Machtdemonstrationen, scharfen Reden und Versuchen der chinesischen Einflussnahme, sagt die Ostasienwissenschaften Moll-Murata:
O-TON 12 (Moll-Murata, 18.26)
Wobei man sagen muss, dass natürlich China auf verschiedene Weise, nicht nur mit militärischen Drohgehabe versucht, Taiwan zu beeinflussen, sondern auch massiv mit Presse, mit den Medien und mit den sozialen Medien auch.
SPRECHER
Trotz der Spannungen und militärischen Konfrontationen sei im Alltag aber keine ständige Nervosität zu spüren, sagt Marti, die in Taipeh lebt.
O-TON 13 (Marti, 21.37)
Ich vergleiche es immer ein bisschen, wie wenn man in einen Raum kommt, wo es nicht gut riecht. Wenn man die Tür aufmacht und reinkommt, dann merkt man das - und je länger man in dem Raum ist, desto weniger merkt man das. Irgendwann hat sich die Nase dran gewöhnt und man riecht es nicht mehr. Und das ist so der Eindruck, den ich öfters hier in Taiwan habe. Dass die Menschen diese Gefahr kennen, es war schon immer so, und es gab immer mal Auf und Ab. Und dass man da, wie so ein bisschen abstumpft. Denn man hat ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann entweder sich in frenetischen Vorbereitungen stürzen oder ganz extrem in andauernde Panik verfallen. Oder man kann es so ein bisschen ignorieren und für die allgemeine Gesundheit ist, glaube ich, das Ignorieren und sich einfach damit Arrangieren besser.
MUSIK
SPRECHER
Nichtsdestotrotz nimmt in dem jungen demokratischen Land die Diskussion über Politik, das Verhältnis zu China und die Zukunft des Landes einen großen Raum ein. Auch die junge Bevölkerung hat ein großes Interesse an Politik, sagt Christine Moll-Murata:
O-TON 14 (Moll-Murata, 28.22)
Ich habe viele Definitionen gehört von Taiwan… die einen sagen, wir sind ein Staat ohne Selbstbewusstsein. Die anderen sagen, wir sind ein ganz besonderer Staat. Manche beharren darauf, dass sie sich auf dem Weg zur Nationenbildung finden.
MUSIK hoch
SPRECHER
Taiwan war, ist und bleibt wohl auf absehbare Zeit ein Land im Konflikt der Mächte. Das demokratische Land steht zwischen der mächtigen kommunistischen Volksrepublik China und den USA, für die die Insel geopolitisch, aber auch wirtschaftlich von großer Bedeutung ist. In den vergangenen Jahren nahmen die Spannungen um die Insel eher zu – es bleibt ein Balanceakt.
MUSIK
TC 22:10 – Outro
Bangladesch - ein Staat, der aus Massakern hervorging. Die Region war zunächst der östliche Teil Pakistans, im fruchtbaren Mündungsdelta der Flüsse Ganges und Brahmaputra gelegen. Im Verlauf der Unabhängigkeitsbewegung vom westlichen Pakistan kam es 1971 zu schweren Gewalttaten und einem Krieg, an dem schließlich auch Indien beteiligt war. Mehrere Millionen Menschen mussten flüchteten. Von Bettina Weiz (BR 2021)
Credits
Autorin: Bettina Weiz
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Xenia Tiling, Carsten Fabian
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Micheal Mann
Linktipps:
SWR (2022): George Harrsion – „The Concert for Bangladesh“
George Harrisons Konzert und Album "The Concert for Bangladesh" ist quasi die Mutter aller Charity- und Benefizkonzerte. Am 1. August 1971 spielte das ehemalige Mitglied der Beatles zwei Konzerte im ausverkauften Madison Square Garden in New York. Fast 250.000 US-Dollar Spendengelder kamen an diesem Tag zusammen um dem von Krieg, Vertreibung, Völkermord und Naturkatastrophen gebeutelten Bangladesh zu helfen. Aber das war erst der Anfang. JETZT ANHÖREN
BR (2024): Die verzweifelte Lage der Rohingya
In der Nähe von Coxs Bazar im Süden von Bangladesh liegt das wohl größte Flüchtlingslager der Welt. Etwa eine Million Rohingya lebt hier, etwa die Hälfte davon Kinder. Verfolgt von der Militärjunta flüchtete die muslimische Minderheit aus ihrer Heimat Myanmar. Doch auch in Bangladesch haben sie keine Zukunft. Zum Podcast geht es HIER.
hr (2024): Booming Bangladesh
Menschen aus der Kulturszene von Bangladesh erzählen: Modeschöpferin Bibi Russell über ihre Liebe zur Altstadt der Hauptstadt Dhaka, der Fotograf und Aktivist Shahidul Alam wie auch das Kollektiv "Britto Arts Trust" über Kunstfreiheit, die Kunst-Mäzenin Nadia Samdani bringt auf ihrem "Art Summit" die internationale Kunstszene und führende Künstler/innen aus Bangladesh miteinander in Kontakt. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:44 – Das Bengalen Land
TC 06:38 – Die Rolle von Pakistans Teilung in Ost und West
TC 12:17 – Die Mutter aller Benefizkonzerte
TC 16:28 – Das Politikum des zweiwöchigen Krieg
TC 22:28 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
ATMO/MUSIK 1
ERZÄHLERIN
New York, Sommer 1971. Ex-Beatle George Harrison tritt auf die Bühne des Madison Square Garden.
ATMO (Beifall /George Harrison)
„Thank you, thank you“.
Darauf weiter:
ERZÄHLERIN
40.000 Menschen sind zu den zwei Konzerten des Tages gekommen. Es ist Harrisons erster großer Auftritt nach der Trennung der Beatles, und manch ein Fan hofft, dass die Kultband vielleicht doch wieder zusammenfindet. Außerdem stehen an diesem Tag Topstars auf dem Programm, von Eric Clapton bis Bob Dylan. Aber zuerst macht Harrison die Bühne frei für eine Gruppe von Indern mit traditionellen Trommeln und Langhalslauten.
ATMO /Musik 1 (George Harrison: „So let me introduce on Sitar Ravi Shankar“ Jubel)
ERZÄHLERIN
Der Sitar-Spieler Ravi Shankar sagt, an diesem historischen Tag hätten sie nicht nur ein Musikprogramm. Sie hätten auch eine Botschaft.
ATMO/ MUSIK 1 (Ravi Shankar: „And this is to just make you aware of a very serious situation that is happening....)
Darauf Overvoice-Sprecher: Und zwar sollt Ihr auf etwas sehr Schlimmes aufmerksam gemacht werden, das gerade passiert. Wir versuchen nicht, Politik zu machen. Wir sind Künstler. Aber wir möchten, dass Ihr durch unsere Musik die Qualen, den Schmerz und die vielen traurigen Geschehnisse in Bangladesch mitfühlt. Und mit den Flüchtlingen, die nach Indien gekommen sind.
(... the pain and lots of sad happenings in Bangladesh. And also the refugees who have come to India.“ Beifall)
Musik
TC 01:44 – Das Bengalen Land
ERZÄHLERIN
Bangladesch: das war damals neu – als Wort und auch als Staat. Der war zum Zeitpunkt des Konzertes gerade erst im Entstehen. Die heftigen Auseinandersetzungen darum führten zum dritten pakistanisch-indischen Krieg. Er dauerte nur knapp zwei Wochen – vom dritten bis zum 16. Dezember 1971. Damit ist er als einer der kürzesten Kriege in die Weltgeschichte eingegangen. Aber trotzdem haben er und vorangegangene innerpakistanische Auseinandersetzungen gewaltiges Leid verursacht. Die Rede ist von bis zu drei Millionen Toten und über 50 Millionen Flüchtlingen. Und das hatte eine lange Vorgeschichte.
MUSIK 2 überblendet in ATMO (Wasser-fließt in der Ebene)
ERZÄHLERIN
Es geht um Bengalen. Bangladesch heißt wörtlich „Bengalen-Land“. Gemeint ist ein Gebiet der Superlative. Hier kommt das Wasser vom höchsten Gebirge der Welt zusammen. Ganges, Brahmaputra und Meghna bilden das größte Flussdelta auf dem Globus. Es ist Schwemmland, eine der fruchtbarsten Gegenden der Welt. Für die Bauern ist bis zu dreimal im Jahr Ernte, so der Südasien-Historiker Michael Mann von der Berliner Humboldt-Universtität.
1. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Der Reisanbau wird dort seit Jahrtausenden kultiviert, Vermutungen gehen auch dahin, dass Reis unter anderem in Bengalen zunächst mal durch Menschen kultiviert worden ist, das heißt dass wir tatsächlich auch mit eine der ältesten Regionen in der Welt haben, die besiedelt wurde,
MUSIK 3
ERZÄHLERIN
Das heutige Bangladesch ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Vor tausend Jahren regierten Buddhisten das Land. Vor 800 kam es unter muslimische Herrschaft. Im 18. Jahrhundert siedelten sich Briten an. Sie kamen als Händler und schwangen sich zu Herrschern auf. 1876 krönten sie die Queen of England zur Kaiserin von Indien. Der Regierungssitz von Britisch-Indien lag in Bengalen: Kalkutta. Eine Stadt von imperialer Größe, voller Paläste und Kultur. Die war eine Gemeinschaftsleistung von Menschen unterschiedlichen Glaubens. Das zeigt das Beispiel des Sitar-Spielers Ravi Shankar.
ATMO / MUSIK 4
ERZÄHLERIN
Seine Familie stammte aus Bengalen. Sie war Hindu. Ravi Shankars Lehrer indes war Muslim. Und er war nicht bloß sein Lehrer. Ravi Shankar lebte auch jahrelang in seinem Haushalt mit. Er heiratete dessen Tochter und trat oft gemeinsam mit dessen Sohn auf, unter anderem beim „Konzert für Bangladesch“ in New York.
MUSIK 5
ERZÄHLERIN
Gerade die Gebildeten und die Reichen in Bengalen begannen Ende des 19. Jahrhunderts laut darüber nachzudenken, wie es wäre, Indien zu regieren. Selbst. Ohne Briten. In der aufkeimenden Unabhängigkeitsbewegung spielten Bengalen starke Rollen. Da teilten die britischen Herrscher 1905 Bengalen auf: in einen mehrheitlich muslimischen Ostteil und einen hauptsächlich hinduistischen Westteil. Nach scharfem Protest hoben sie die Teilung wieder auf. 1911 wurde ihnen Bengalen endgültig zu mächtig. Sie verlegten ihren Regierungssitz von Kalkutta nach Delhi.
ERZÄHLERIN
Doch die Unabhängigkeitsbewegung ging weiter – mit Erfolg. 1947 gab der letzte britische Vizekönig von Indien die Gesetzgebungsmacht auf dem Subkontinent ab. In derselben Augustnacht entstanden in der Nachfolge Indien und Pakistan. Indien gab sich eine säkulare Verfassung. Pakistan nannte sich später als erster Staat der Welt „islamische Republik“. Gandhi, der Mahatma und Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, hatte sich beinahe zu Tode gehungert, um eine solche Teilung zu verhindern. Am Ende der Kolonialzeit aber waren die Religionen so politisiert, dass die Teilung unabwendbar war. In der Folge machten sich rund 12 Millionen Menschen auf den Weg, so der Südasienhistoriker Michael Mann: Muslime von Indien nach Pakistan und Hindus von Pakistan nach Indien.
2. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Also ein tatsächlicher Austausch der Bevölkerung, wobei schätzungsweise 1 Mio Menschen umgekommen sind
ERZÄHLERIN
Bis heute wirken die Traumata von damals nach. Sie belasten das Verhältnis von Indien und Pakistan, ebenso wie die Frage, zu wem Kaschmir gehört. Das ehemalige Königreich, fast so groß wie die alte Bundesrepublik, wird von Indien beansprucht und von Pakistan ebenfalls, zum Teil auch von China. Mehrfach gab es Kriege um Kaschmir, und die Spannungen halten an.
Musik
TC 06:38 – Die Rolle von Pakistans Teilung in Ost und West
ERZÄHLERIN
Der indisch-pakistanische Krieg von 1971 allerdings drehte sich nicht um Kaschmir. Er begann als Konflikt innerhalb Pakistans. Das bestand seit seiner Gründung 1947 aus zwei getrennten Landesteilen, die weit über 1000 Kilometer voneinander entfernt waren: Westpakistan längs des Flusses Indus, angrenzend an Afghanistan und den Iran; und Ostpakistan im Ganges-Brahmaputradelta mit einer Grenze zum heutigen Myanmar. Bengalen war damit wiederum geteilt, denn Westbengalen, also das westliche Gangesdelta, gehört zu Indien. Wer von West-Pakistan nach Ost-Pakistan reisen wollte, brauchte auf dem Landweg tagelang und musste durch das verfeindete Indien. Westpakistan war vielerorts gebirgig und trocken, Ostpakistan dagegen flach, üppig grün, und Wasser ist das prägende Element. Westpakistan hatte mehr Fläche, Ostpakistan mehr Einwohner. Zwar waren beide Landesteile muslimisch, aber mit anderen Ritualen, anderen Heiligen, anderen Traditionen. Ost- und Westpakistan hatten unterschiedliche Sprachen und Kulturen und eine sehr andere Geschichte, so der Historiker Michael Mann von der Humboldt-Universität Berlin.
3. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Westpakistan ist quasi die Militärbastion britisch-Indiens gewesen, mit dem Punjab, wie das auch heute noch ist, der Punjab ist sehr stark also von Militärsiedlungen durchsetzt, wo auch viele Kasernenbauten waren, wo auch viel Militär stationiert war, das hatte damit zu tun, dass man im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ja immer noch vom sogenannten "Great Game" sprach, also diesem großen Spiel, was um die Einfluss-Zone in Zentralasien ging. Also im Prinzip das Vorspiel dessen, was wir heute gerade erleben um Afghanistan, um Grenzregionen zu Usbekistan, die Auseinandersetzung mit dem damaligen kaiserlichen Russland.
ERZÄHLERIN
Um aus den beiden so unterschiedlichen Landesteilen einen Staat zu schweißen, wollte der Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah• in West- wie in Ostpakistan dieselbe Sprache einführen: Urdu.
4. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Urdu ist ursprünglich eine städtische Sprache, die in ganz Nordindien gesprochen wurde und mit dem Hindi sehr stark verwandt ist, wird aber in persisch-arabischen Schriftzeichen geschrieben, so dass man historisch gesehen, im 19. und 20. Jahrhundert, so die Idee entwickelte, dass Urdu auch die Sprache der Muslime ist. Was im 19. Jahrhundert noch gar nicht der Fall war, aber eben im Zuge der Nationalisierung und der Frage der Unabhängigkeit dann zu einem Politikum wurde. Und das muss man sehen vor dem Hintergrund, dass nicht mal 2% der Bevölkerung in West- und Ostpakistan Urdu sprachen. Nicht mal in Westpakistan.
MUSIK 7
ERZÄHLERIN
In Westpakistan wurde eine Vielfalt anderer Sprachen gesprochen, in Bengalen dagegen einheitlich Bengali, die Sprache, die gerade erst ihre Renaissance erlebt hatte. Da stieß die Einführung von Urdu auf scharfe Gegenwehr. Außerdem hatte Ostpakistan den Großteil der Einwohner und erwirtschaftete das Geld. Das Sagen aber hatte Westpakistan, wo auch die Hauptstadt lag, Islamabad.
5. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Im bengalischen Bereich, also in Ostpakistan, hat das dazu geführt, dass man sich doch in einer Reihe von kolonialen Herrschaftsverhältnissen gesehen hat. Also zuerst mal seit 1565 durch die Moguln beherrscht, dann seit 1765 von den Briten und eben seit 1947 dann durch Pakistan. Das ist dann übrigens auch zu einer dieser Gründungserzählungen oder nationalen Narrativen geworden, dass man von drei Mächten kolonial beherrscht wurde und eben auch kolonial ausgebeutet wurde. Es ist wenig Geld von Westpakistan nach Ostpakistan geflossen, also auch die Infrastruktur wurde dort nicht aufgebaut, es wurde auch kein Militär dort stationiert, sondern es wurde tatsächlich als der Hinterhof betrachtet, der seine Agrargüter zur Verfügung zu stellen hatte.
MUSIK 8
ERZÄHLERIN:
Kein Militär – keine Mitsprache. Das Militär war nämlich entscheidend im neugegründeten Pakistan, erklärt der Historiker Michael Mann. 1970 gab es zum ersten Mal freie, allgemeine Wahlen. Klar gesiegt hat die Partei des bengalischen Politikers Mujibur Rahman•. Sie bekam fast alle Stimmen in Ostpakistan, und das bedeutete die Mehrheit im Parlament für ganz Pakistan. Doch der westpakistanische General Yahya Khan•, der in Islamabad die Macht hatte, zögerte die Regierungsübergabe hinaus. Unterdessen wurde Militär aus Westpakistan nach Ostpakistan geflogen. Die Lage spitzte sich zu, als ein tropischer Wirbelsturm Bengalen verwüstete.
6. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
In Ostpakistan kommt noch dazu, dass wir dort eine große Naturkatastrophe hatten mit mehreren 100.000 Opfern, und auch hier kam zu wenig und zu spät Hilfe von Seiten Westpakistans, so dass man auch hier den Eindruck bekam, man ist eigentlich doch eher der koloniale Annex, so wie es unter den Briten war, und das hat insgesamt die Stimmung im Land - gerade nach dem Wahlbetrug dann auch - so aufgeheizt, dass schnell also auch der Ruf nach Unabhängigkeit dann klar wurde.
Musik 9
TC 12:17 – Die Mutter aller Benefizkonzerte
ERZÄHLERIN
Anfang März 1971 hätte die pakistanische Nationalversammlung in ihrer neuen Besetzung, also mit bengalischer Mehrheit, tagen sollen. Doch die Militärregierung ließ sie nicht zusammenkommen. Da rief Mujibur Rahman, der Parteichef der siegreichen Bengalen, zu Streik und zivilem Ungehorsam auf. Die Folge: Gewalt und Tod.
ERZÄHLERIN
Am 25. März 1971 richteten das Militär und Bürger, die zu ihm hielten, ein Massaker in Dhaka an, der Hauptstadt des damaligen Ostpakistan. Unter den Toten waren viele Studenten, Kinder, Leute wie Du und ich. Zivilisten eben. Die Berichte aus diesen Tagen sind unerträglich grauenvoll. Der Wahlsieger Mujibur Rahman wurde verhaftet und nach Westpakistan ausgeflogen. Die meisten führenden Mitglieder seiner Partei flohen. Sie richteten in Kalkutta im indischen Teil Bengalens eine Exilregierung ein. Dort erklärten sie Ost-Pakistan für unabhängig von West-Pakistan und gaben dem neuen Staat den Namen „Bangladesch“.
MUSIK 10
ERZÄHLERIN
In den folgenden Monaten führte die Regierung West-Pakistans Krieg gegen den abtrünnigen Landesteil. Dabei wurde sie von einem Teil der bengalischen Bevölkerung unterstützt, was bis heute tiefe Gräben in der Gesellschaft hinterlassen hat.
7. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Wozu es tatsächlich kam, war es, dass man Terror ins Land brachte. Und dazu wurden gezielt eben die Truppen ausgeschickt, Massaker unter der Bevölkerung anzurichten. Und das geschah, dass manchmal ganze Dörfer massakriert wurden, dass Frauen vergewaltigt wurden, dass sie zum Teil bei lebendigem Leib verbrannt wurden.
MUSIK 11 (singt) „My friend came to me /with sadness in his eyes /he told me that he wanted help...“
Darauf OVERVOICE-SPRECHER
Mein Freund kam zu mir mit Traurigkeit in den Augen. Er sagte mir, er wolle Hilfe, bevor sein Land stürbe. Obwohl ich den Schmerz nicht fühlte, wusste ich, dass ich es versuchen musste. Jetzt bitte ich Euch alle, helft uns einige Leben zu retten!
MUSIK 11 kurz hoch: ...now I am asking all of you /to help us save some lives...
ERZÄHLERIN
Das Konzert, das der Ex-Beatle George Harrison im August 1971 in New York organisierte, gilt als das erste Allstar-Benefiz-Konzert überhaupt. Harrison sang auch selbst.
MUSIK 11: George Harrison (singt) „Bangladesh, Bangladesh /where so many people are dying fast /and it sure looks like a mess...
ERZÄHLERIN
Im Ergebnis spendete Harrison zunächst ein paar Hunderttausend Dollar aus dem Verkauf der Eintrittskarten an das Kinderhilfswerk UNICEF für Bangladesh.
Musik: George Harrison (singt) „We’ve got to relieve Bangladesh /relieve the people of Bangladesh...“
OVERVOICE-SPRECHER
Wir müssen es den Menschen von Bangladesch leichter machen!
ERZÄHLERIN
Vor allem aber machte das Konzert mit einem Schlag das Wort „Bangladesch“ in der westlichen Welt bekannt.
Doch die hielt sich politisch zurück. Deutschland betrachtete den Konflikt als innere Angelegenheit Pakistans. Es beschränkte sich darauf, Hilfsgelder für Flüchtlinge zu geben. Die USA sympathisierten mit Pakistan. Unterstützung erhielten die neu entstandenen Guerillagruppen, die für ein unabhängiges Bangladesch kämpften, vom Nachbarstaat Indien. Zum einen aus geostrategischem Kalkül, so der Südasien-Historiker Michael Mann. Mit einem unabhängigen Bangladesch würde es bei künftigen militärischen Auseinandersetzungen mit Pakistan keinen zwei-Fronten-Krieg geben. Außerdem wollte die Regierung von Indira Gandhi den Zustrom von Flüchtlingen stoppen. Viele von ihnen waren ins indische Kalkutta gekommen.
8. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Die Konsequenzen aus dem Bangladesch-Krieg, die haben wirklich nochmal dafür gesorgt, dass Kalkutta eben nicht mehr die Stadt der Intellektuellen, der Literaten war, sondern Kalkutta hat dann erst den Ruf bekommen, eine Stadt des Elends zu sein. Wo z.B. so ne Figur wie Mutter Teresa überhaupt erst aktiv werden konnte. Die wiederum zu dem Bild von Kalkutta als einer Stadt des Elends und der Krankheit beigetragen hat.
TC 16:28 – Das Politikum des zweiwöchigen Krieg
ERZÄHLERIN
Im Winter 1971 war die Lage Bangladeschs immer noch aussichtslos. Da griff die indische Armee offen in den Konflikt ein. Am 3. Dezember marschierte sie in Ost- und Westpakistan ein. Am 14. Dezember kamen Berichte aus Bangladeschs Hauptstadt Dhaka von gezielten Massakern der pakistanischen Armee und ihrer Kollaborateure an gut ausgebildeten Bangladeschern. Das sollte es offenbar schwerer machen, den neuen Staat aufzubauen. Am 16. Dezember kapitulierte die pakistanische Armee. Damit konnte das unabhängige Bangladesch Wirklichkeit werden. Mujibur Rahman wurde aus dem Gefängnis entlassen und bekam in Dhaka den Empfang eines Helden. Er wurde zum ersten Premierminister des neuen Staates.
MUSIK 12
ERZÄHLERIN
Pakistan ist seither nur noch das ehemalige West-Pakistan, das Land zwischen Indien im Osten und Afghanistan und dem Iran im Westen. So heftig die Gewalt gegenüber dem abtrünnigen Landesteil 1971 war, so wenig sei der Krieg von damals heute Thema, sagt der Südasien-Historiker Michael Mann.
9. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
In Westpakistan spielt das gar keine Rolle mehr, da ist es völlig ausgeblendet worden, also da - ist noch nicht mal der Verlust eines Landesteiles wird da irgendwie in der Geschichte thematisiert,
ERZÄHLERIN
Auch in Bangladesch sei der Krieg lange kaum Thema gewesen. Im neuen Jahrtausend dann wurde dort für ihn der Begriff „Genozid“ gebräuchlich. Der war ursprünglich für die industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden im Holocaust verwendet worden. Er findet aber zunehmend auch anderswo Verwendung, und nun auch in Bangladesch.
10. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Ein Diskurs im Sinne von einer Diskussion oder einer Auseinandersetzung gibt es gar nicht. Es gibt eigentlich eher das Konstatieren von "es ist ein Genozid", und der Genozid ist von pakistanischen Militär gegenüber der bengalischen Bevölkerung in Ostpakistan, in Bangladesch, durchgeführt worden. /// Das ist die Selbstvergewisserung, und das ist quasi ein Teil des Gründungsmythos, der für sich selbst in Anspruch genommen wird, // um die schiere Unfassbarkeit eben dieser reihenweisen Massaker auf einen Nenner zu bringen
MUSIK 13
ERZÄHLERIN
Vier Jahrzehnte nach dem Krieg wurden zwei Gerichte gebildet, um die Verbrecher zu bestrafen. Doch eines stellte nach drei Jahren die Arbeit ein, und rasch wurden Vorwürfe laut, es mangele an Unabhängigkeit und Standards. Der Krieg ist zu einem Politikum geworden.
11. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Was zur 50jährigen Wiederkehr des Befreiungskrieges passiert ist, ist eine quasi-Monumentalisierung. Also man hat ein völlig überdimensioniertes, nach unserem Verständnis überdimensioniertes Museum zur Erinnerung an den Befreiungskrieg gebaut, wo also Hubschrauber und andere Gerätschaften, Großgeräte ausgestellt werden, mit einer sehr schönen modernen Architektur auch, man hat andere Denkmäler gebaut, die auch diesen Befreiungskrieg in monumentaler Art und Weise erinnern, es führt aber auch dazu, dass Kritik an Mujibur Rahman nicht geäußert werden darf, das ist politisch völlig unopportun und kann also auch zu Schwierigkeiten führen
MUSIK 14
ERZÄHLERIN
Das Museum zur Erinnerung an den Befreiungskrieg in Dhaka gibt die Zahl der Toten in den Auseinandersetzungen von West- mit Ostpakistan und im Krieg von Pakistan und Indien mit rund drei Millionen an. 10 Millionen Menschen, vor allem Hindus, seien nach Indien geflüchtet, 45 Millionen innerhalb Bangladeschs vertrieben worden. Fast 280.000 Frauen und Mädchen wurden demnach vergewaltigt. Doch im einzelnen verzeichnen konnte die Opfer niemand, und es gebe unterschiedliche Zahlen, sagt Michael Mann von der Humboldt-Universität zu Berlin.
12. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Die Forschung zu diesem Unabhängigkeitskrieg und vor allem auch welche Rolle Mujibur Rahman vorher, hinterher gespielt hat, ist für Bangladeschis sehr schwierig. Das habe ich also auch selber an der Universität erfahren, als eine Doktorandin mir im Prinzip mitteilen musste, dass das, was sie eigentlich als Thema vorhat, nämlich sich mit dem Unabhängigkeitskrieg zu beschäftigen, nicht in dieser Form umsetzen kann und dass auch ihre Eltern ihr abgeraten hätten, Interviews durchzuführen dann auf dem Land.
ERZÄHLERIN
Es würde bedeuten, dass viele Frauen und Männer, die diese Massaker überlebt haben, sich der schmerzlichen Erinnerung an verdrängtes Leid stellen müssten – und die Täter verheimlichter Schuld.
13. ZUSPIELUNG (Michael Mann)
Was man weiß ist, wie die militärischen Aktionen abgelaufen sind, wann wo welche Flugzeuge eingeflogen wurden, also da gibt es auch nicht viel Weiteres zu erforschen. Das eigentliche - das soziale Elend, das familiäre Elend, das menschliche Elend, das ist bei weitem noch nicht in dem Maße erforscht, wie es sein sollte.
MUSIK 11
ERZÄHLERIN
Für den Musiker George Harrison ist in Dhaka ein Denkmal aufgestellt worden. Ein Jahrzehnt nach dem Konzert für Bangladesch hatte er weitere 10 Millionen Dollar aus dessen Erlösen an das Kinderhilfswerk UNICEF gespendet. So lange hatte es gedauert, bis Rechtsstreitigkeiten um das Konzertalbum beigelegt waren. Das Geld wurde Grundstock für eine Stiftung, die bis heute Kinder in Bangladesch unterstützt. In dem Staat, der nach dem Krieg 1971 in Südasien entstanden ist, sind Millionen von ihnen auch jetzt in Not.
Musik 15
TC 22:28 - Outro
Eine unglaubliche Geschichte: Da liegt im Herzen Europas ein Riesenreich, einer der größten Staaten Europas, eine Adelsrepublik mit jahrhundertealten Traditionen. Und dieser Staat verschwindet dann innerhalb zweier Jahrzehnte von der Landkarte. So geschehen mit Polen, das im späten 18. Jahrhundert Beute seiner angrenzenden Nachbarländer wurde. Preußen, Österreich und Russland nahmen sich in drei Schritten für sie passende "Arrondierungsflächen", als wäre Polen ein großer Kuchen. Von Julia Devlin (BR 2012)
Credits
Autorin: Julia Mahnke-Devlin
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Friedrich Schloffer, Wolfgang Pregler, Margrit Carls, Andreas Neumann
Technik: Wilfried Hauer, Adele Kurdziel
Redaktion: Brigitte Reimer, Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Eckhart Hellmuth, Dr. Richard Butterwick, Dr. Małgorzata Zemła
Linktipps:
Planet Wissen: Geschichte Polens
Polen ist eine selbstbewusste Nation mit einer bewegten Geschichte. Oft zerrissen zwischen den geopolitischen Kräften des Westens und des Ostens, entwickelte sich Polen zum Meister der Überlebenskunst. Zum Beitrag geht es HIER.
Deutschlandfunk Kultur (2018): Politisierte Erinnerung
1918 kehrte Polen als Staat auf die Landkarte zurück, nach 123 Jahren Unfreiheit unter fremder Herrschaft. Die Erinnerung an damals hat großen Einfluss auf die aktuelle politische Diskussion und die Frage: Welches Land soll Polen heute sein? JETZT ANHÖREN
Planet Wissen (2020): Polen – Land der Kontraste
Polen ist pure Vielfalt. Auf der einen Seite wilde, ursprüngliche Natur, auf der anderen Seite quirlige, moderne Städte. Polens Geschichte ist geprägt von einer mächtigen Kirche und einem langen Freiheitskampf, der schließlich in der Öffnung nach Westen mündete. Seitdem wächst die Kluft zwischen Jung und Alt, zwischen Gewinnern und Verlierern, denn längst nicht alle profitieren vom Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. Nährboden für Jarosław Kaczyński und seine nationalkonservative PiS-Partei, die seit 2015 die Regierung stellt und alles versucht, ihre Macht nachhaltig zu festigen. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 01:00 – Fortschritt als Schwäche?
TC 02:32 – Der König, die Zarin und die Kaiserin
TC 07:30 – Erste Verfassung Europas
TC 10:04 – Existenzangst
TC 12:22 – Die dramatische Lage der Juden
TC 13:46 – Polnisches Trauma
TC 20:28 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
Musik / Polnische Nationalhymne, Chorversion (ev. C136376)
ERZÄHLER
Die polnische Nationalhymne. Noch ist Polen nicht verloren, so lautet die erste Zeile. Dass sie heute noch gesungen wird, in einem freien Polen, grenzt an ein Wunder. Denn Polen war als Staat über 120 Jahre lang von der Landkarte verschwunden.
ERZÄHLERIN
Einer der größten und ältesten europäischen Staaten wurde im 18. Jahrhundert wie ein Kuchen zwischen den drei Nachbarn aufgeteilt.
ERZÄHLER
1772
ZUSPIELUNG Paukenschlag.
ERZÄHLER
Erste Teilung Polens
ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag.
ERZÄHLERIN
Polen verliert dreißig Prozent seines Territoriums.
ERZÄHLER
1793
ZUSPIELUNG Paukenschlag.
ERZÄHLER
Zweite Teilung Polens.
ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag
ERZÄHLERIN
Polen verliert weitere vierzig Prozent seines Territoriums.
ERZÄHLER
1795
ZUSPIELUNG Paukenschlag
ERZÄHLER
Dritte Teilung Polens
ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag
ERZÄHLERIN
Polen existiert nicht mehr.
Musik / Barock
ERZÄHLER
Polen-Litauen im 18. Jahrhundert: Ein Großreich, das sich seit Jahrhunderten zwischen der Ostsee und den Karpaten, zwischen Preußen und Russland erstreckt. Seine Fläche ist gut doppelt so groß wie die der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Doch der Gigant ist anfällig für Konflikte von innen und von außen.
TC 01:00 – Fortschritt als Schwäche?
ERZÄHLERIN
Polen ist eine Adelsrepublik. Das heißt, der Adel, die sogenannte Szlachta, hat das Sagen. Regiert wird das Land vom Sejm, dem Parlament. Einen König gibt es zwar, aber anders als andere Könige erbt er seine Würde nicht, sondern wird vom Sejm gewählt. Viel zu sagen hat er nicht. Das mag fortschrittlich scheinen, verursacht aber Streit und Intrigen und schwächt den Staat.
ERZÄHLER
Ein weiteres fortschrittliches Gesetz und Ursache vieler Zerwürfnisse ist das sogenannte liberum veto. Dieses Gesetz fordert, dass Entscheidungen im Parlament einstimmig fallen müssen. Ein einziger Adliger kann mit seinem Einspruch alles blockieren.
ZITATOR 2 (herrisch)
„Nie pozwalam!“
ERZÄHLERIN
„Ich gestatte nicht!“ Durch diesen Ruf werden sämtliche Beschlüsse einer Sitzung null und nichtig.
ERZÄHLER
Im 18. Jahrhundert nehmen die Probleme überhand. Konflikte um die Thronfolge brechen aus, mehrmals herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, und das Parlament ist durch das liberum veto praktisch handlungsunfähig. Zudem haben zahlreiche Kriege das Land verwüstet. Polen wird zur leichten Beute für die Nachbarstaaten. Das sind: im Norden und Westen Preußen, im Süden das Habsburger Reich, im Osten Russland.
ERZÄHLERIN
Russland beeinflusst die polnische Politik schon lange, man könnte Polen fast als russisches Protektorat bezeichnen. Doch den Anstoß zu den Teilungen gibt eine andere Großmacht: Preußen. Eckhart Hellmuth, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Ludwig Maximilians Universität in München:
TC 02:32 – Der König, die Zarin und die Kaiserin
1. ZUSPIELUNG (Hellmuth - O1)
„Friedrich ist die treibende Kraft hinter dieser ersten polnischen Teilung. „
ERZÄHLER
Der Preußenkönig verbirgt seine Absichten nicht:
ZITATOR 1
„Polen muss man verspeisen, Blatt für Blatte, wie eine Artischocke“
ERZÄHLERIN
Friedrich der Große hat Appetit auf ein ganz bestimmtes Stück Nordpolens. Ein großer Teil seines Königreiches – Ostpreußen - ist eine Exklave. Hoch im Norden und weit im Osten gelegen hat Ostpreußen keine Landverbindung zum Kernland. Denn dazwischen liegt das Land des polnischen Königs.
ERZÄHLER
Mit der Annexion dieser nordpolnischen Gebiete will Friedrich eine Landbrücke zwischen Pommern und Ostpreußen schaffen. Schon 1752 schreibt er:
ZITATOR 1
„Polnisch Preußen trennt Pommern von Ostpreußen und hindert, dieses zu behaupten. Ich halte es nicht für angebracht, diese Provinz mit Waffengewalt zu gewinnen...Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.“
2. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O2)
„Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das
Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrondieren.“
ERZÄHLERIN
„Erwerbungen mit der Feder“ bedeutet, Diplomaten statt Soldaten einzusetzen, mit gleichgesinnten Partnern die Beute von verschiedenen Seiten einzukreisen. Alleine ist ein Vorstoß zu riskant – die anderen Großmächte reagieren sehr empfindlich, wenn das Gleichgewicht der Kräfte gestört wird. Friedrich muss die Nachbarstaaten Polens einbeziehen: das Zarenreich und das Habsburger Reich. Zunächst lässt er seine Diplomaten am Zarenhof sondieren. Die Herrscherin dort: Katharina die Große. Dr. Richard Butterwick, Professor für polnische Geschichte am University College London:
3. ZUSPIELUNG (Butterwick - O1)
“Frederick the Great had long had his eyes on this bit of territory connecting Brandenburg with East Prussia...
ZITATOR 2 / overvoice
„Friedrich der Große hatte schon lange ein Auge auf dieses Territorium im Norden geworfen, das Brandenburg mit Ostpreußen verbindet, aber auch am Zarenhof gab es Interesse an dem Territorium nördlich und östlich von Dvina und Dnjepr.“
ERZÄHLERIN
Schnell ist man sich handelseinig: Wenn Friedrich Westpreußen bekommt, darf sich die Zarin in Polens Osten bedienen. Im Vertrag vom 17. Februar 1772 werden die künftigen Grenzen festgelegt. Mit diesem Vertrag in der Tasche ziehen die Diplomaten weiter, an den Kaiserhof nach Wien. Auch hier ist eine Frau auf dem Thron: Maria Theresia.
4. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O3)
Habsburg kommt ja relativ spät an Bord, wobei es da gewisse Differenzen zwischen Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II. gibt. Maria Theresia ist ja extrem vorsichtig, hat auch moralische Bedenken gegenüber dieser ersten Teilung Polens.“
ERZÄHLER
Doch der Teilungsvertrag zwischen Russland und Preußen ist beschlossene Sache, Maria Theresia steht vor vollendeten Tatsachen.
5. ZUSPIELUNG (Butterwick – O2)
“So when they are faced with the bargain between Russia and Prussia they’ve effectively no choice...”
ZITATOR 2 / overvoice
„Konfrontiert mit dem Handel zwischen Russland und Preußen hat Wien effektiv keine Wahl. Statt einen Krieg mit beiden anzufangen, macht es lieber mit.“
ERZÄHLERIN
Friedrich kommentiert zynisch:
ZITATOR 1
„Die Kaiserin Katharina und ich sind einfache Diebe. Ich wüsste nur gerne, wie die Kaiserin Maria Theresa ihren Beichtvater beruhigt hat? Sie weinte, als Sie nahm; je mehr Sie weinte, desto mehr nahm Sie.“
ERZÄHLER
Die Entscheidung lastete Maria Theresia zeitlebens schwer auf der Seele. Ihrem Sohn Ferdinand schreibt sie:
Musik / Barock, ev. Spinett, traurig.
ZITATORIN
„Diese unglückliche Teilung Polens kostet mich zehn Jahre meines Lebens... durch wie lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt! Nur die Wahrscheinlichkeit, allein einen Krieg gegen Russland und Preußen führen zu müssen, Elend, Hungersnot und verderbliche Krankheiten in meinen Ländern zwangen mich, auf diese unseligen Vorschläge einzugehen, die einen Schatten werfen auf meine ganze Regierung. Gott wolle, dass ich dafür nicht noch in der anderen Welt zur Verantwortung gezogen werde.“
ERZÄHLERIN
So tritt Österreich im August 1772 dem Teilungsvertrag bei und sichert sich große Territorien im Norden seines Reiches.
ERZÄHLER
Der Vertrag wird dem polnischen Reichstag vorgelegt. Bestochen, durch Drohungen gefügig gemacht und im Bewusstsein der eigenen Schwäche unterzeichnet der Sejm die so genannten „Abtretungsverträge“.
6. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O4)
„Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrondieren. ...Es kommt ja nicht bei der ersten polnischen Teilung zu irgendeinem militärischen Konflikt.“
ERZÄHLERIN
Friedrichs Traum hat sich erfüllt:
Musik / Militärmarsch
ZITATOR 1
„Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.“
ERZÄHLER
Eine zeitgenössische französische Karikatur zeigt die vier beteiligten Monarchen, wie sie um eine Landkarte Polens sitzen: drei zeigen auf die gewünschten Gebiete, während der polnische König verzweifelt seine Krone festhält, die ihm vom Kopf fliegt. Sein Königreich hat ein Drittel seiner Bevölkerung und mehr als ein Viertel seines Territoriums verloren und ist nur noch so groß wie Frankreich.
TC 07:30 – Erste Verfassung Europas
ERZÄHLERIN
Der Schock der Verluste rüttelt die polnische Führungsschicht auf. König und Sejm raufen sich zusammen und entwickeln eine Verfassung - die erste moderne Verfassung Europas. Sie ist stark von der französischen Aufklärung beeinflusst. Die Macht des Königs wird eingeschränkt, die des Parlaments gestärkt. Das liberum veto wird abgeschafft, stattdessen ein Mehrheitsprinzip eingeführt. Die Bürger erhalten ein Mitspracherecht. Weil die Verfassung am 3. Mai 1791 verabschiedet wird, ist der 3. Mai heute in Polen Nationalfeiertag.
Musik / Jeszcze Polska nie zginela...
(polnische Nationalhymne, Instrumentalversion)
ERZÄHLER
Mit dieser Verfassung könnte Polen wieder zu einem handlungsfähigen Staat werden - wären da nicht die Nachbarn. Die empfinden das Dokument als Affront. Denn zur selben Zeit gehen in Frankreich ungeheuerliche Dinge vor:
Musik / Marseillaise (dem Folgenden unterlegen)
ERZÄHLERIN
Das Volk erhebt sich gegen den Monarchen, gibt sich eine Verfassung.
ERZÄHLER
Parallelen zu den revolutionären Vorgängen in Frankreich drängen sich auf.
Polen und Frankreich – Brüder im Geiste, welch schreckliche Vorstellung! Zu viele revolutionäre Feuer will man nicht brennen sehen, zumal nicht in der eigenen Nachbarschaft. Der Funke könnte überspringen.
ERZÄHLERIN
Katharina die Große empört sich über die polnische Verfassung.
ZITATORIN
„Dieses Schriftstück ist ein Machwerk, schlimmer, als es sich die französische Nationalversammlung ausdenken könnte! Die Pest der französischen Lehren ist hier am Werke!“
7. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O5)
„Also ein polnischer Staat, der sich eine vergleichsweise offene, vom Geist der französischen Revolution inspirierte Verfassung gibt, der darüber hinaus versucht, die internen Strukturen effizienter zu gestalten, so dass die Einflussmöglichkeiten dieser drei europäischen Mächte auf die innenpolitischen Verhältnisse Polens reduziert werden, provoziert die Intervention 93.“
ERZÄHLER
1793
ZUSPIELUNG Paukenschlag
ERZÄHLER
Zweite Teilung Polens
ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag
ERZÄHLERIN
Polen verliert weitere vierzig Prozent seines Territoriums.
ERZÄHLER
Preußen sichert sich mit Danzig und Thorn zwei wichtige Handelsstädte, außerdem Großpolen mit der Hauptstadt Posen. Russland nimmt sich Weißrussland und große Gebiete Litauens und der Ukraine. Österreich wird auf Wunsch der Zarin ausmanövriert, ist also nicht beteiligt. Mit Kanonen und mit hohen Bestechungsgeldern bringt man den Sejm dazu, diesen weiteren Abtretungsvertrag 1793 zu ratifizieren. Außerdem wird die polnische Verfassung außer Kraft gesetzt.
TC 10:04 – Existenzauflösung
ERZÄHLERIN
Doch diesmal lassen sich die Polen den erneuten Raubzug nicht einfach gefallen. Durch alle Schichten der Bevölkerung flammt Widerstand auf. Er gipfelt 1794 im Kościuszko-Aufstand.
ATMO / Kriegerisches oder Marsch
ERZÄHLER
Mehr als ein halbes Jahr lang kämpfen polnische Adelige, Bürger und Bauern gegen die Besatzer - vergeblich. Vor den Armeen Russlands und Preußens müssen die Aufständischen schließlich kapitulieren. Damit sind die Weichen gestellt für die endgültige Auflösung Polens.
8. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O6)
„Und es gibt einen großen Unterschied zwischen der zweiten und der ersten Teilung: Bei der ersten polnischen Teilung sind alle drei Teilungsmächte von der Vorstellung einer fortdauernden Existenz Polens ausgegangen, eines Polens, das zwar geschwächt ist, das unter dem Einfluss dieser drei europäischen Mächte stehen soll, das aber als Staat erhalten bleiben soll. 93 ist dies nicht mehr der Fall. 93 ist man sich bewusst, dass man in einem weiteren Schritt auch Restpolen an diese drei europäischen Mächte fallen soll. Da gibt es eine logische Verbindung zwischen der Situation 93 und 95, und durch die Aufstandsbewegung in dieser Zwischenzeit in Polen gibt es natürlich einen Vorwand, um hier auch noch erstens zu intervenieren und dann Restpolen aufzuteilen.
ERZÄHLER
1795
ZUSPIELUNG Paukenschlag
ERZÄHLER
Dritte Teilung Polens
ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag
ERZÄHLERIN
Polen existiert nicht mehr.
Musik / Chopin: Marche funèbre
(3. Satz aus Klaviersonate Nr. 2 b-moll op. 35), dem Folgenden unterlegen.
ERZÄHLER
Im Jahre 1795 unterzeichnen der Preußenkönig Friedrich Wilhelm der Zweite, der Habsburger Kaiser Franz II. und die Zarin Katharina einen dritten Vertrag. Sie teilen den verbliebenen Rest unter sich auf. Der König dankt ab. 1797 erklären die Teilungsmächte das Königreich Polen für erloschen.
ERZÄHLERIN
Danach versuchen die jeweiligen Besatzungsmächte die „neu erworbenen“ Gebiete, so die offizielle Bezeichnung, in ihre Länder einzugliedern. Das ist mit einem gewissen Maß an Unterdrückung verbunden. Wobei es den Polen unter den Habsburgern am besten, unter den Zaren am schlechtesten geht.
TC 12:22 – Die dramatische Lage der Juden
ERZÄHLER
Vor allem die Lage der Juden verschlechtert sich. In Polen leben viele Juden, da es ihnen seit dem Mittelalter Zuflucht und Schutz gewährt hat. Über die Jahrhunderte haben sich blühende Gemeinden entwickelt. Doch unter den neuen Herrschern ist es mit der Toleranz vorbei.
ERZÄHLERIN
Und zwar schon nach der ersten Teilung: Friedrich der Große duldet Juden nur dort, wo sie der Wirtschaft förderlich sind. Doch nun leben in Preußen mit einem Mal Landjuden, nicht vermögend, von daher auch nicht einträglich.
ZITATOR 1
„Die Bettel-Juden vom platten Lande müssen jedoch successive und ohne Ungestüm weggeschaffet werden.“
9. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O7)
„...die erben plötzlich ein paar Tausend Juden, Landjuden, die höchstwahrscheinlich als Vagabundierer rumgezogen sind und was macht der Friedrich – er jagt die tatsächlich über die Grenze und schmeißt die raus. Paar Tausend, einfach so über die Grenze zu jagen, das ist auch für das 18. Jahrhundert eigentlich ein ziemlich kapitaler Bock.“
ERZÄHLERIN
Über 6.000 Juden werden über die Grenze in das da noch bestehende Restpolen deportiert.
Musik / Klezmer (traurig)
ERZÄHLER
In Russland ist man bis zu den Teilungen nie mit Juden in Berührung gekommen, denn Juden durften sich im Zarenreich nicht niederlassen.
Nun hat die Zarin auf einen Schlag Hunderttausende jüdischer Untertanen.
ERZÄHLERIN
Was tun mit diesen nicht-orthodoxen Untertanen? Die Zarin entscheidet, dass sie bleiben dürfen, doch grenzt sie ihren Lebensraum strikt ein. Sie dürfen nur in einem Reservat, dem sogenannten „Ansiedlungsrayon“ im äußersten Westen Russlands leben, wo sie aufgrund von Überbevölkerung und vielen Restriktionen schnell verarmen.
TC 13:46 – Polnisches Trauma
ERZÄHLER
Und wie reagiert die europäische Öffentlichkeit auf die Teilungen? Richard Butterwick:
10. ZUSPIELUNG (Butterwick – O3)
“When the Polish-Lithuanian Commonwealth was partitioned for the first time in 1772 it did strike much of European public opinion as something exceptional.”
ZITATOR 2 / overvoice
„Als Polen-Litauen 1772 zum ersten Mal geteilt wurde, empfand das die europäische Öffentlichkeit als abnorm. Das zeigt sich zum Beispiel in der berühmten Karikatur, auf der drei gierige Monarchen ein Land zerstückeln, das sich nicht mehr verteidigen kann. Viele sahen es als einen brutalen Angriff auf die weithin akzeptierten Umgangsformen der Staaten miteinander.“
ERZÄHLERIN
Die Teilungen - ein eklatanter Verstoß gegen zwischenstaatliche Umgangsformen, ein gravierendes Unrecht - eine für britische Historiker typische Einschätzung. In der deutschen Geschichtsschreibung hingegen wurden die Teilungen lange marginalisiert. Professor Hellmuth:
11. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O8)
„Ein Teil der angelsächsischen Historiographie liest dieses Ereignis als wirklich eine der ganz großen Aktionen des 18. Jahrhunderts, dieses Verschwinden von Polen. In negativer Weise. Einer der größten europäischen Staaten verschwindet innerhalb von gut zwei Dekaden von der europäischen Landkarte, das ist eigentlich ein unvorstellbarer Akt! Es gibt nichts Vergleichbares! Und dieser Staat ist dann über 120 Jahre nicht existent und man kann natürlich im Nachhinein auch verstehen, dass dies für die polnische Nation eigentlich bis in unsere Gegenwart hinein ein traumatisches Ereignis ist und wenn wir uns also etwas irritiert über bestimmte Reaktionen heute in Polen zeigen, dann hängt das ganz entscheidend damit zusammen, dass dieser Staat auf dramatische Weise von der europäischen Landkarte im 18. Jahrhundert getilgt worden ist.“
ERZÄHLER
Ein traumatisches Ereignis, das bis heute nachwirkt. Dr. Małgorzata Zemła,, Dozentin für polnische Sprache an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
12. ZUSPIELUNG (Zemła – O1)
„Ja, ich glaube, es ist sehr tief im Bewusstsein oder auch im Unterbewusstsein verankert. Es war ein nationales Trauma, das weiß jeder und es ergibt sich die Frage, wenn das ein nationales Trauma ist, wie wird man mit diesem Trauma fertig. Denn nicht nur einzelne Personen haben es sehr schwer mit der Bewältigung eines Traumas, auch Kollektive. Also wenn man die Gegenwart nur unter diesem Gesichtspunkt sieht, dass es Teilungen gegeben hat, dass die Nachbarn sich daran beteiligt haben, wenn man diese Nachbarn weiterhin so sieht, das kann auch sehr gefährlich sein.“
ERZÄHLERIN
Doch nicht nur das Trauma wirkt weiter.
Eine Fremdherrschaft über vier Generationen hinweg hinterlässt auch andere Spuren.
13. ZUSPIELUNG (Zemła – O2)
„Also diese Besatzer, diese Mächte haben die Mentalität der Polen in diesen Teilen ziemlich stark beeinflusst. Sie spüren das selber. Also wenn man zum Beispiel Eltern hat, und ein Elternteil stammt eben aus dem ehemals preußischen Teil, und ein anderer aus Krakau, oder aus Warschau, es gibt eine gewisse Diskussion in der Familie, was das bedeutet. Und auf jeden Fall gibt es diese Unterschiede noch.“
ERZÄHLER
Die Herrschaft der Habsburger über ihr Teilungsgebiet im Süden war vergleichsweise liberal, und so wird ihr Einfluss auch positiv gesehen.
14. ZUSPIELUNG (Zemła – O3)
„Natürlich der Einfluss der deutschen Sprache im Süden oder im Westen ist ganz groß. Das österreichische Teil hatte viele Freiheiten, und da ist es ganz natürlich, dass man auch noch Deutsch kann, und dass manches aus dieser Kultur in die polnische Kultur aufgenommen wurde. Die Österreicher haben sich sehr oft polonisiert, haben Polinnen geheiratet, aber das weiß man bis heute noch, in Krakau, das sind die Krakauer, die haben etwas mit Österreich zu tun, sie haben Namen, die darauf hinweisen, dass ihre Familie aus Wien stammt, und das wird sehr anerkannt. Das ist eine Art von positiver Kennzeichnung, ganz normal.“
ERZÄHLERIN
Dazu kommt, dass Österreich auch katholisch ist. Im konfessionellen Bereich gibt es keine Unterschiede. Anders im protestantischen Preußen und im orthodoxen Russland. Hier wird immer wieder versucht, die Bevölkerung zum Glaubenswechsel zu bewegen, katholische Kirchen werden geschlossen.
Doch der Druck bewirkt nur eine noch stärkere Hinwendung der Polen zum Katholizismus.
15. ZUSPIELUNG (Zemła – O4)
„Im russischen Teil war es ganz schwierig, weil einerseits die Kulturen sind gewissermaßen ähnlich, die Sprache ist ähnlich, aber die Restriktionen waren da zeitweise sehr groß, auch auf der Schule musste man Russisch sprechen, und natürlich hatte man dort auch die meiste Angst, dass das Polnische verlorengeht. Alle Straßenschilder waren zeitweise nur auf Russisch, also da bemüht man sich vielleicht am meisten, um sich von der Kultur irgendwie mindestens in diesem privaten Bereich abzugrenzen.“
ERZÄHLER
Wenig erstaunlich, dass in diesem Teil der Widerstand am heftigsten ist. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch bleiben die Polen ein Stachel im Fleisch des Zarenreiches, leisten Widerstand gegen die Besatzer, erheben sich in Aufständen, die grausam niedergeschlagen werden.
ERZÄHLERIN
Als Staat ist Polen nicht mehr vorhanden, doch in den Herzen und Köpfen der Menschen lebt es weiter. Sprache, Kultur und Religion bilden die Brücke zwischen der großen Vergangenheit der Adelsrepublik und einer ungewissen Zukunft. Als hätten die Polen den Rat des Philosophen Jean-Jacques Rousseau befolgt:
ZITATOR 2
„Wenn ihr nicht verhindern könnt, dass eure Feinde euch schlucken, so verhindert zumindest, dass sie euch verdauen.“
Musik / Jeszcze Polska nie zginęła...(CD 32477 take 24)
ERZÄHLER
Verdauen lassen sie sich nicht, die Polen. 1918 ersteht das Land, das 123 Jahre von der Landkarte verschwunden war, neu - mit Hilfe der Siegermächte des 1. Weltkrieges. Doch das ist schon wieder eine neue Geschichte.
TC 20:28 - Outro
Eine verheerende Stumflut im Jahre 1362 steht am Anfang vieler Mythen und Sagen, die sich um die versunkene Siedlung Rungholt ranken. Der Ort an der Westküste im heutigen Schleswig-Holstein birgt bis heute Rätsel. Seit Beginn seiner Erforschung ist aber schon einiges ans Tageslicht gekommen, was eine ganz andere Geschichte über Rungholt erzählt als vermutet. Von Thomas Samboll (BR 2022)
Credits
Autor: Thomas Samboll
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Thomas Meinhardt, Inka Kübel
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Tanja Brümmer, Bente Sven Majchczack, Wolf-Dieter Dey, Dirk, Ruth Blankenfeldt, Karina Schnakenberg
Linktipps:
SWR (2024): Hanna Hadler findet versunkene Stadt im Wattenmeer
1362 sorgte eine Sturmflut dafür, dass die Siedlung Rungholt in Nordfriesland verschwand. Ein Forschungsteam, darunter Mainzerin Hanna Hadler, konnten nun die Lage der ehemaligen Kirche nachweisen. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2024): Auf den Spuren historischer Schätze im Watt
Der Schlick der Nordsee birgt viele Geheimnisse: Erst kürzlich konnten Archäologen die sagenumwobene Hafenstadt Rungholt entdecken, einen bedeutenden Handelsplatz des Mittelalters. Doch sie fanden noch mehr: Antworten auf den Klimawandel.
JETZT ANHÖREN
NDR (2019): Wetter extrem – Zwischen Sturmflut und Dürre
Es ist nicht mehr zu übersehen: Der Norden verändert sich mit dem Klima. Was bedeutet das für die Bewohner an der Nordseeküste und im Hinterland? Philipp Abresch geht dieser Frage in der ersten Folge der NDR Reportagereihe zur Klimakrise nach. Seine Reise führt von den nordfriesischen Inseln über Cuxhaven bis zu den Obstplantagen in der Haseldorfer Marsch. Er trifft dort Landwirte, Geschäftsleute, Lokalpolitiker und den Klimaforscher Prof. Mojib Latif. Alle treibt dieselbe Sorge um: Wie schützen wir uns vor Extremwetter und wie verhindern wir, das alles noch viel schlimmer kommt? Zum Film geht es HIER.
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DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 03:20 – Das konstruierte Leben des Wilhelm
TC 05:35 – Zwischen Sündflut und Riesenfisch
TC 11:34 – Ein florierender Handel
TC 15:59 – „Wer nicht deichen will, muss weichen!“
TC 19:46 – Mythen um Rungholt
TC 22:01 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ATMO 1 Nordseeküste
Meeresrauschen
SPRECHER
Die Nordsee an der Westküste von Schleswig-Holstein. Meistens plätschern die Wellen hier eher ruhig und gemächlich an die Strände und gegen die Deiche. Aber der „Blanke Hans“, wie die Nordsee von den Küstenbewohnern genannt wird, kann auch anders. Ganz anders…
1. O-TON Brümmer
Heute bin ich über Rungholt gefahren. Die Stadt ging unter vor 500 Jahren…
ATMO 2 Nordseeküste
Starker Wellengang, Sturm, auch als Unterleger
MUSIK, bedrohlich
SPRECHER
Ob sie wohl geahnt haben, was da auf sie zukommt? Seit Tagen hatten die Menschen an der Nordsee mit einem heftigen Sturm zu kämpfen. Wie ein eiserner Besen fegte er zunächst über England hinweg, um dann in Richtung Dänemark und das heutige Nordfriesland weiterzuziehen. Es regnete Bindfäden. So ein Wetter ist in der Gegend im Winter nichts Ungewöhnliches. Auch damals nicht, am zweiten Sonntag nach Epiphanias im Jahre des Herrn 1362. Genauer gesagt: Am 16. Januar. Und Warnungen, die viele Menschenleben hätten retten können, gab es im 14. Jahrhundert keine…
ATMO 3 Warnmeldungen im Radio
„Wir unterbrechen das Programm für eine wichtige Durchsage. Für die gesamte deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer schweren Sturmflut!“ - „Deutsche Bucht West bis Nordwest, zunehmend 7 bis 8, orkanartige Gewitterböen. See zunehmend 6 Meter.“
SPRECHER
Was sich dann in der Nacht vom 16. auf den 17.Januar 1362 an der Küste abspielte, darüber berichten alte Chroniken: Dort ist von einer gewaltigen Sturmflut die Rede, der „Groten Mandränke“, die das Land mit Mann und Maus überrolte und 100 000 Menschen das Leben kostete. Neuere Schätzungen gehen allerdings eher von 10 000 Toten aus. Sicher ist aber, dass die Wassermassen die Region zwischen Sylt und der Halbinsel Eiderstedt förmlich zerrissen haben. Ganze Landstriche wurden überflutet und weggespült. Aus Festland wurden Inseln und Halligen. In dieser Schreckensnacht soll auch Rungholt untergegangen sein, das alten Dokumenten zufolge der Hauptort der Edomsharde gewesen sein soll, einem Verwaltungsbezirk in Nordfriesland. Wahrscheinlich lag die Siedlung in der Nähe der heutigen Hallig Südfall westlich von Nordstrand. Dort gibt es besonders viele Funde aus dieser Zeit. Aber, so Tanja Brümmer vom Nordfriesland-Museum Nissenhaus in Husum:
2. O-TON Brümmer
Wir sagen zwar immer Rungholt. Aber wir haben ja kein Ortsschild, was uns irgendwie dahin weist. Wir wissen in etwa, wo die Edomsharde war. Aber wo in dieser Edomsharde Rungholt lag, ist halt immer noch so die ganz, ganz große Frage.
TC 03:20 – Das konstruierte Leben des Wilhelm
SPRECHER
Einer, der bestimmt genau Bescheid wüsste, ist Wilhelm, ein junger Mann mit markantem Kinnbart. Tanja Brümmer stellt den Star ihrer Rungholt-Ausstellung vor:
3. O-TON Brümmer
Wilhelm ist die Gesichtsrekonstuktion eines Rungholters. Wir hatten im Hahre 2016 eine große Sonderausstellung zum Thema Rungholt, wo wir eben einen bestimmten Schädel rausgesucht haben bei uns aus der Sammlung, wo wir auch sicher sein konnten, dass er tatsächlich im Siedlungsgebiet von Rungholt gefunden worden ist. Und anhand dessen wurde dann mit einer Gerichtsmedizinerin eine Gesichtsrekonstruktion hergestellt. Und anhand von DNA-Analysen konnten wir dann auch wirklich sagen, welche Augenfarbe er in etwa hatte und welche Haarfarbe. Ich nenn´ ihn immer liebevoll Wilhelm. Ein halbes Jahr lang hat sein Schädel bei mir auf dem Schreibtisch gestanden. Ich hab´ ihn jeden Tag angeguckt. Und irgendwann hab´ ich gesagt: Guten Morgen, Wilhelm! Und dann war der Name da…“
MUSIK kurz
SPRECHER
Wilhelm war Mitte bis Ende 20, als er kurz vor oder während der großen Sturmflut um´s Leben kam. Er hatte helle Haare und helle Augen. Auffällig sind auch seine ausgeprägten Gesichtszüge…:
4. O-TON Brümmer
Also er hat ´n ganz, ganz starkes Kinn. Man sieht auch schon anhand der Konochenstruktur, dass er ´ne relativ große Nase hatte. Der Unterkiefer und Oberkiefer samt Zähne sind noch erhalten. Und er hat auch eine sehr, sehr ausgeprägte Wangenknochen-Struktur. Natürlich ist da auch immer ein Stückchen weit Interpretation dabei. Er hat ´n sehr freundliches, sehr lachendes Gesicht, weil wir auch gesagt haben: So´n Mensch, der muss ja jetzt nicht griesgrämig gucken. Also deswegen ist es auch so, dass man das Gefühl hat: Ja, das ist irgendwie ´n junger Mann von nebenan!
ATMO 4 Pferdegetrappel, Kutsche
SPRECHER
Wihelm´s Schädel ist ein Fundstück von Andreas Busch. Der Hobby-Archäologe ist so etwas wie der „Vater“ der wissenschaftlichen Rungholtforschung. Alles begann im Mai 1921 mit einem ziemlich ungewöhnlichen Pfingst-Ausflug: Mit Pferd und Wagen fuhr Andreas Busch bei Ebbe von der Halbinsel Nordstrand nach Westen Richtung Südfall. Was wie eine kleine Spritztour ins Watt wirkte, war tatsächlich der Anfang der Suche nach dem sagenhaften Rungholt. An der Nordseeküste war der Ort schon lange ein Mythos:
TC 05:35 – Zwischen Sündflut und Riesenfisch
5. O-TON Majchczack
Man könnte das ja als „Urkatastrophe der Nordfriesen“ bezeichnen. Der Untergang dieser Landschaft!
Sprecher
Sagt Dr. Bente Sven Majchczack von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, einer der „modernen“ Rungholtforscher. Diese „Urkatastrophe“ hatte Ende des 19. Jahrhunderts auch den Dichter Detlef von Liliencron dazu inspiriert, sich erstaunliche Dinge über Rungholt zusammenzureimen. Dem wollte Andreas Busch nun auf den Grund gehen, erzählt Wolf-Dieter Dey, der das Inselmuseum auf Nordstrand leitet:
6. O-TON Dey (Anf.)
“Heute bin ich über Rungholt gefahren“, so fängt dieses Gedicht an, „die Stadt ging unter vor 500 Jahren“…
SPRECHER
… neuere Versionen sprechen hier von 600 Jahren …
6. O-TON Dey (Forts.)
Dieses Gedicht von Detlef von Liliencron hat den Mythos und die Legende von Rungholt ganz entscheidend geprägt! Er stellt Rungholt in seinem Gedicht als einen großen, mächtigen, stadtähnlichen Ort dar, der also von vielen tausenden von Menschen bewohnt war. Er vergleicht Rungholt mit dem alten Rom und hebt es in seiner Bedeutung in die Nähe des Ortes Atlantis, des sagenumwobenen, nachdem man ja immer noch sucht. Dieses Bild entspricht natürlich in keiner Weise der Wirklichkeit!
SPRECHER
Und Tanja Brümmer vom Nordfrieslandmuseum Nissenhaus in Husum ergänzt:
7. O-TON Brümmer
Diese Geschichte von Detlef von Liliencron bietet sich natürlich auch unglaublich an, weil da einfach sehr, sehr viele Symbole sind. Mit der „Sündflut“, also wirklich eben die Menschen, die waren böse, haben Sünde begangen, letztendlich dann zu erklären, warum es zu dieser großen Katastrophe gekommen ist. Das große Monster, was wie ein riesiger Fisch über der Welt liegt und einmal tief einatmet und dann die große Welle wieder herausläuft beim Ausatmen. Das sind natürlich auch unglaublich schöne Symbole!
MUSIK Achim Reichel „Heute bin ich über Rungholt gefahren“, 3. Strophe:
Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer tief auf dem Grunde
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand
Es zieht sechs Stunden den Atem nach innen
Und treibt ihn sechs Stunden wieder von hinnen
Trutz, blanke Hans
SPRECHER
So die Version von Achim Reichel
Was aber hat sich dann wirklich zugetragen in Rungholt? Oder anders gefragt: Was würde Wilhelm wohl erzählen, wenn er könnte - der Zeitgenosse aus dem Nordfrieslandmuseum Nissenhaus in Husum, der womöglich in der ersten „Groten Mandränke“ 1362 umkam? Die Funde von Andreas Busch und die aktuelle Forschung geben Antworten. Demnach wird Wilhelm mit Sünde und Gotteslästerung wahrscheinlich genauso wenig zu tun gehabt haben wie die meisten seiner Mitbewohner, meint Archäologin Tanja Brümmer:
8. O-TON Brümmer
Nee, das waren halt ganz, ganz normale Menschen des 14. Jahrhunderts, die sehr, sehr religiös waren. Und das zeigen letztendlich ja auch einfach die Objekte, die wir haben: Eine Fibel, wo wirklich „Ave Maria Gratia“ draufsteht. Pilgermarken, die sind auch gerade erst gefunden worden in einem außerordentlich großartigen Zustand. Man muss sich vorstellen: Die Menschen, die sind damals ja zu unterschiedlichen Wallfahrtsorten gepilgert. Und da geht´s tatsächlich um Aachen! Den großen Marien-Wallfahrtsort. Und pilgern von Rungholt nach Aachen, das ist schon ´n ordentlicher Weg! Also da sieht man einfach: Das waren sehr, sehr gläubige Menschen.
SPRECHER
Steinfunde im Watt deuten auch daraufhin, dass Rungholt wohl mehr hatte als nur eine einfache Holzkirche:
9. O-TON Brümmer
Wir sehen auch hier Steine, die also wirklich im Kloster-Format sind! Es wird ganz, ganz stark vermutet, dass es eine Kollegiats-Kirche in Rungholt gegeben hat. Das ist sozusagen die Zwischenstufe zu einem Kloster hin. Wo man dann auch fragen muss: Naja, okay, ´n Kloster gründet sich aber ja auch nicht einfach nur so, sondern da gehören auch schon ´n paar Menschen dazu. Und da gehört auch ´ne gewisse Wichtigkeit dazu.
Sprecher
Aber diese Wichtigkeit hatte auch ihre Grenzen. Die Friesen, die die feuchte Marsch- und Moorlandschaft an der Nordsee entwässert und urbar gemacht hatten, wohnten auf Warften, also kleinen Erdhügeln, die man heute noch von den Halligen kennt und die Schutz vor Überflutungen bieten sollten. Insgesamt waren dort wohl etwa 1000 bis 2000 Menschen zuhause. Von einer mittelalterlichen Metropole wie Hamburg, Lübeck oder dem alten Rom also keine Spur, so Wolf-Dieter Dey vom Inselmuseum Nordstrand:
10. O-TON Dey
„Das ist Rungholt nie gewesen. Sondern es war halt ein Marschendorf. Es war ein großes Marschendorf! Aber es war eben keine große und mächtige Stadt, wie Herr von Liliencron es in dichterischer Freiheit eben versucht hat darzustellen.“
SPRECHER
Wenn alles gut läuft, beschert einem der fruchtbare Marschboden allerdings auch reiche Erträge. So war es wohl auch in Rungholt, erklärt Bente Majchczack von der Uni Kiel. Mit Hilfe von Drohnen, Satellitentechnik und Metalldetektoren haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nördlich der Hallig Südfall Reste von Warften, Entwässerungsgräben, Brunnen und Deichen sichtbar gemacht.
11. O-TON Majchczack
Wenn man das alles richtig schön unter Kontrolle hat, dann sind das ganz tolle Böden für Getreideanbau. Und man konnte da große Überschüsse erwirtschaften. Und das Ganze hat wahrscheinlich auch ´ne politische Dimension gehabt: Also das ganz gezielt von der Oberhoheit, damals dänisches Königtum, diese Friesen wahrscheinlich auch angeworben sind bzw. Vergünstigungen erhalten hatten, ´n gewissen Schutz auch. So dass die das stemmen konnten, diese Landschaft zu erschließen. Und dann hatte man da auch ´n hartes, aber gutes Leben. Da gab´s richtig viel zu essen! Wieviele fette Ochsen die da essen konnten, und was die da für Feste feiern konnten, das ist in diesen Zeiten einfach keine Selbstverständlichkeit!
TC 11:34 – Ein florierender Handel
Sprecher
Offenbar hatten viele Menschen in Rungholt aber auch deshalb gut zu essen, weil sie gute Geschäfte machen konnten. Der Boden in dieser Gegend war nämlich nicht nur gold wert für den Anbau von Nutzpflanzen, betont Ruth Blankenfeldt vom Zentrum für baltische und skandinavische Archäologie auf Schloß Gottorf in Schleswig. Er enthielt auch noch einen ganz anderen Schatz, der im Mittelalter äußerst begehrt war: Salz!
14. O-TON Blankenfeldt
Dass man hier Salz-Torf abgebaut hat, daraus Salz gewonnen hat. Und dieses schwarze Salz, wie man sich das vorstellen muss, verhandelt hat. Diese Torfe baut man ab, dann werden die sehr, sehr lange gesiedet und so. Und was zurückbleibt, ist natürlich nicht so´n reines Salinensalz, wie wir´s heute kennen. Und schmeckt auch laut Berichten relativ bitter. Aber ist natürlich das „Gold des Nordens“, weil man´s in unheimlichen Mengen brauchte zum Konservieren.
Sprecher
Wie gut die Geschäfte offenbar liefen, zeigen auch die beiden wenige Zentimeter großen Waagschalen aus Messing, die Jahrhunderte lang von Sand und Schlick bedeckt waren und nun von der Nordsee bei Südfall freigespült worden sind. Karina Schnakenberg untersucht die neuesten Fundstücke aus dem Watt für ihre Magister-Arbeit an der Uni Kiel:
15. O-TON Schnakenberg
Die haben jeweils drei kleine Löcher an den Rändern, womit sie dann aufgehangen wurden an einer Waage. Also es war nicht nur eine reine bäuerliche Region, die quasi keine Außenkontakte hatte, sondern eben auch Handel betrieben hat. Man hat Geld damit gewogen. Das heißt, man konnte damit auch ganz gut überprüfen, ob der Metall-, Bronze-, Silber-, was auch immer Gehalt eben stimmt. Ob diese Münzen eben echt sind, ob sie genug Anteil des jeweiligen Metalls in sich tragen oder ob sie zu leicht sind, was eben darauf hindeutet, dass sie unecht und einfach gefälscht sind.
SPRECHER
Mit ziemlicher Sicherheit waren also Münzen ganz unterschiedlicher Herkunft im Umlauf. Ein Dolch aus Spanien, Schmuck aus England, maurische Keramik aus dem Süden Spaniens – all diese Funde zeigen, dass Rungholt ein wahrhaft internationaler Handelsort gewesen sein muss. Tanja Brümmer vom Nordfrieslandmuseum in Husum:
16. O-TON Brümmer
Insgesamt sind es halt fünf spanisch-maurische Krüge, die im Rungholt-Gebiet gefunden worden sind. Und wir haben also wirklich islamische Ikonographien und Symboliken auf diesen Keramiken. Wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man z.B. hier direkt am Ausguss so die Hände der Fatima wirklich als Glückssymbol für denjenigen, der daraus trinkt. Und das ist natürlich irgendwie ´n besonders schöner Gedanke, wenn man sich vorstellt: lslam, Katholizismus gemeinsam auf Rungholt.
MUSIK, kurz
SPRECHER
Ohne einen Hafen als „Tor zur Welt“ wären aber wohl weder Mauren noch andere weitgereiste Besucher in die Marschen und Moore der Edomsharde gekommen, und aus Rungholt wäre nicht viel geworden. Doch auch damit konnte der legendäre Ort auftrumpfen. Und das kam so, erklärt Bente Majchczack von der Uni Kiel:
18. O-TON Majchczack
Dass muss man sich so vorstellen, dass es da Sielhäfen gegeben hat. Also wo vom Binnenland das ganze Wasser rausgeführt werden musste durch den Deich, wurden diese Sieltore gebaut. Und dahinter bildet sich dann im Vorland ´n breiter Priel, also diese Gezeitenströme im Watt, den man dann mit Schiff gut erreichen kann. Und deswegen sind diese Siele immer die bevorzugten Hafenplätze, weil man da mit´m Boot sehr dicht an die Siedlungsplätze rankommt. Und dann hat man wahrscheinlich auch im Bereich dieser Siele hinterm Deich denn die entsprechenden Siedlungen, die dann mehr auf den Hafen ausgerichtet sind.
MUSIK, kurz
19. O-TON Majchczack
So können wir uns vielleicht diesen Handelsplatz Rungholt vorstellen: Dass es da hinterm Deich in Hafenlage Siedlungen gab, die so´n bisschen mehr auf den Handel fokussiert waren und ´n bisschen weniger auf die Landwirtschaft. Aber ich denke, das gehört alles halt zu diesem Siedlungsbereich, wo auch diese reichen, bäuerlichen Siedlungen überall verteilt waren. Und die haben so ´ne Einheit und so´n Netzwerk gebildet. Das ist wahrscheinlich das, wo der Mythos der Wahrheit am nächsten kommen wird. Also denen ging´s da im Grunde richtig gut. Solange es lief. Und dann kommt irgendwann das Meer…
ATMO 2 Nordseeküste
Starker Wellengang, Sturm, auch als Unterleger
Musik bedrohlich
TC 15:59 – „Wer nicht deichen will, muss weichen!“
Sprecher
„Keen nich will dieken, de mutt wieken“ – so heißt es seit je her an der Nordseeküste: Wer nicht deichen will, muss weichen! Auch die Rungholter hatten damals zum Schutz gegen den „Blanken Hans“, also die Nordsee, die ersten Deiche gebaut. Und das war auch bitter nötig, denn heute weiß man, dass weite Teile des Marschlandes, in dem sie sich niedergelassen hatten, unter dem Meeresspiegel lagen. Andreas Busch hatte die Reste eines solchen Bauwerks in der Nähe von Südfall entdeckt. Ob es der Deich von Rungholt war? Das wird jetzt gerade genauer untersucht.
20. O-TON Majchczack
Das ist ein sehr großer Deich. Da sind wir jetzt sehr zuversichtlich, dass das tatsächlich ein Seedeich war. Und der könnte durchaus auch ´ne Höhe von drei Metern gehabt haben. Aber es war am Ende nicht genug für das, was kam…
MUSIK Achim Reichel „Trutz blanke Hans“, letzte Strophe:
Ein einziger Schrei, die Stadt ist versunken
und Hunderttausende sind ertrunken
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch
schwamm andern Tags der stumme Fisch
SPRECHER
Vermutlich haben die Rungholter also nicht geahnt, was da auf sie zukommt. Sonst hätten sie die Deiche verstärkt. Oder gab es Gründe dafür, dass sie sich nicht mehr ausreichend um die Schutzbauten kümmern konnten? Krankheiten wie die Pest zum Beispiel, die damals vielerorts grassierten? Auch darüber wird vielfach spekuliert. Tanja Brümmer hat ihren Wilhelm und andere menschliche Knochenfunde ebenfalls auf bestimmte Erkrankungen hin untersuchen lassen. Aber:
21. O-TON Brümmer
Wir hatten so´n bisschen gehofft, dass wir den Nachweis auf „Malaria“ finden in Anführungsstrichen. Und zwar gab es eigentlich über viele, viele Jahrhunderte hier oben das Marschenfieber. Das ist im Endeffekt, wenn man so möchte, die nordeuropäische Malaria. Das gab´s auch tatsächlich noch bis zum 2. Weltkrieg. Und eigentlich war so´n bisschen die Hoffnung, dass wir sozusagen den frühesten Nachweis finden auf das Marschenfieber. Und das haben wir leider nicht. Also wir haben wirklich nur schriftliche Zeugnisse aus dem 18. Jahrhundert, aber halt leider nicht aus dem 14. oder aus dem 15. Jahrhundert.
SPRECHER
Ein wichtiger Faktor für den legendären Untergang Rungholts dürfte aber auf jeden Fall hausgemacht sein: Möglicherweise haben sich die Menschen dort mit der Entwässerung der Marsch ihr eigenes Grab geschaufelt, weil der Boden dadurch immer weiter absackte. Schlimme Folgen wird auf jeden Fall der Salz-Torf-Abbau gehabt haben, meint Rungholtforscherin Ruth Blankenfeldt, die von einem „extremen Eingriff in die Natur“ spricht:
22. O-TON Blankenfeldt
Man hat erstmal den oberen Teil, die Kleie, abnehmen müssen. Ist dann nochmal tiefer gegangen, hat den Torf abgenommen, hat so halt künstlich einen, eineinhalb bis zwei Meter die Landschaft tiefer gelegt. Und das ist natürlich fatal, wenn dann wirklich mal ´ne Sturmflut kommt. Also das, womit man sich seinen Reichtum erwirtschaftet hat, ist zugleich aber auch der Sargnagel gewesen für viele Landschaftsteile.
Sprecher
Tatsächlich stand Rungholt aber ohnehin schon auf ziemlich wackeligen Beinen, erklärt Küstenärchäologe Dirk Meier. Was die Bewohner nicht wissen konnten: Sie hatten ihre Siedlung zwar nicht völlig auf Sand gebaut. Wirklich guten Halt bot der Tonboden in einem eiszeitlichen Schmelzwassertal aber auch nicht:
23. O-TON Meier
Der Untergrund war nicht fest. Der ist richtig weggerissen worden. Das merken Sie heute, wenn Sie ´ne Wattwanderung machen. Es gibt immer so richtige Schlicklöcher, wo man so richtig wegsackt! Das ist da sehr stark verbreitet. Also der Untergrund war nicht stabil. Und das Meer hat sich genau diese alten Schwächezonen gesucht und ist genau in diese Schwächezonen eingebrochen.
ATMO 2 Nordseeküste
Starker Wellengang, Sturm
TC 19:46 – Mythen um Rungholt
SPRECHER
Hatte Rungholt also überhaupt eine Chance? Wohl kaum, angesichts der Wucht und Gewalt einer bis dahin noch nie dagewesenen Sturmflut. Andere Orte an der Küste wurden jedoch genauso von der Katastrophen-Flut weggeschwemmt. Warum wurde also gerade Rungholt zum Mythos? Wolf-Dieter Dey vom Inselmuseum Nordstrand hat eine Vermutung:
24. O-TON Dey
In einer Zeit, in der der Deichbau erst am Anfang war und so ein Deich mit Sicherheit etwas ganz Besonderes gewesen ist, hat der Ort Rungholt im Verhältnis zu anderen Orten eine Sonderstellung eingenommen. Das hat vielleicht die Menschen von Rungholt dazu verführt, etwas hochmütig zu werden gegenüber der Nordsee. „Trutz, Blanke Hans“, dieser Ausruf steht dahinter. Und vielleicht haben die anderen Bewohner den Rungholtern diese Arroganz etwas übelgenommen. Und so hat sich aus dieser Haltung heraus dann die Sage entwickelt, die heute Rungholt umgibt. Diese Sage könnte ein Hinweis darauf sein, dass Rungholt einer der ersten Orte war, der an unserer Küste einen Deich um seine Gemeinde gezogen hat…
SPRECHER
In den uralten Geschichten über Rungholt könnte also doch ein Körnchen Wahrheit stecken. Vieles ist aber auch Fiktion. Dabei spielt auch die einzigartige Natur des Wattenmeers eine Rolle. Dort gibt es z.B. immer wieder Luftspiegelungen, die einem versunkene Städte vorgaukeln können. Und, so Tanja Brümmer, wenn man nur ganz genau die Ohren spitzt, kann man an windstillen Tagen zwischen Nordstrand, Pellworm und Hallig Südfall immer noch die Glocken eines von Gott verfluchten Ortes läuten hören…:
25. O-TON Brümmer
Also die Glocken der Rungholter Kirche, die hört man natürlich immer um die Mittagszeit. Und nicht zu vergessen ist es ja so, dass, wenn eine Jungfrau, die an einem Sonntag geboren worden ist, am zweiten Johannistag um die Mittagszeit über Rungholt hinwegfährt, dass sie ja dann die Stadt wieder erlösen kann von ihrem Fluch! (lacht)
ATMO 6 als Outro Wattenmeer, verschiedene Vögel
TC 22:01 – Outro
Die antike Stadt Pompeji gilt als eines der größten archäologischen Projekte der Welt. 79 nach Christus ist sie beim Ausbruch des Vesuvs untergegangen, doch seit nun fast schon 300 Jahren wird sie Stück für Stück wieder ausgegraben, regelmäßig gibt es spektakuläre Funde. Dabei müssen die bereits von der Asche befreiten Gebäude allerdings nicht nur erforscht, sondern auch ständig konserviert und bewacht werden. Von Michael Stang (BR 2023)
Credits
Autor: Michael Stang
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Frank Manhold, Maren Ulrich, Andreas Neumann
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Silvia Bertesago, Mattia Buondonno, Paolo Mighetto, Valeria Moretti, Alessandro Russo, Gabriel Zuchtriegel
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2023): Was Pompeji über uns erzählt
Lange wollte man aus Pompeji nur schöne Statuen und erotische Wohnzimmerbilder sehen. Gabriel Zuchtriegel, Direktor der Welterbestätte, plädiert für eine „mitfühlende Archäologie“ – und will auch die Schicksale Verschütteter ans Licht bringen.
JETZT ANHÖREN
Planet Wissen (2023): Vulkane – So bedrohlich sind sie wirklich
Millionen von Menschen leben mit der Gefahr eines plötzlichen Vulkanausbruchs quasi vor der Haustür. Und einer der gefährlichsten Vulkane der Welt liegt gar nicht weit weg: das Gebiet um den Vesuv mit den phlegräischen Feldern in Italien. Wie bedrohlich sind die feuerspeienden Berge für die Menschen, die in ihrer unmittelbaren Nähe leben? JETZT ANSEHEN
ZDFinfo (2020): Pompeji – Protokoll einer Katastrophe
Innerhalb von 48 Stunden begräbt der Ascheregen des Vesuvs die römische Stadt Pompeji unter sich. Der Vulkanausbruch sorgt vor fast 2000 Jahren für ein Inferno. Zum Film geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:43 – Verschüttet seit 2.000 Jahren
TC 05:11 – Ein antiker Schnellimbiss
TC 08:01 – Ort des Experimentierens
TC 12:15 – Noch lange nicht am Ende
TC 17:29 – Das Problem mit den Grabräubern
TC 21:27 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Regie: Musik
O-Ton 1 (Buondonno): What you can see [...]
OVERVOICE männlich
Was Sie hier sehen können, ist eine besondere Situation. Diese zwei Menschen sind offenbar zusammen gestorben. Der eine war wahrscheinlich ein Sklave, der andere sein Herr.
[…] that was the master.
Sprecher:
Pompeji ist nicht nur Touristenmagnet, sondern auch Hotspot der archäologischen Forschung. Bei Ausgrabungen tauchen auch heute noch sensationelle Funde auf. Die größte Herausforderung für die Verantwortlichen ist jedoch, die weltberühmte antike Stadt dauerhaft zu erhalten.
O-Ton 2: (Zuchtriegel): Wir sind in einer sehr speziellen Phase. Es sind über 10.000 Räume, teils mit Fresken, antiken Fresken, die seit den Ausgrabungen, die im 18 Jahrhundert beginnen, Wind und Wetter ausgesetzt sind.
Sprecher:
Starke Regenfälle haben in den vergangenen Jahren mehrfach die Mauern unterspült, lange Trockenphasen den Zerfall der Fresken beschleunigt. In Pompeji haben die Restaurierungsfachleute so viel Arbeit wie nie zuvor.
O-Ton 3 (Bertesago): We can see already […]
OVERVOICE weiblich
Wir können die Auswirkungen des Klimawandels in Pompeji bereits heute schon sehen, weil wir in den letzten Jahren heftigere meteorologische Phänomene hatten.
[…] more violent meteorological phenomena.
Musik aus
TC 01:43 – Verschüttet seit 2.000 Jahren
Sprecher:
Ein sonniger Tag. Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt besichtigen den riesigen Archäologiepark, der unweit der Stadt Neapel am Fuß des Vesuvs liegt. Pompeji ist ein Freiluft-Museum und Forschungsstätte zugleich, eine der beliebtesten Reiseziele Italiens. Die Denkmalschützer haben großartige Arbeit geleistet: Vom drohenden Verfall der antiken Häuser, Mauern und Fresken merken die internationalen Gäste wenig. Denn der Aufwand ist groß, um Touristen heute zu zeigen, wie die Menschen vor 2.000 Jahren hier lebten – bis der Vesuv ausbrach und die Stadt unter Asche und Staub begrub.
O-Ton 4 (Bertesago): I think for an archaeologist […]
OVERVOICE weiblich
Ich denke, für eine Archäologin ist das eine sehr interessante Arbeit an einem so wichtigen Ort, nicht nur für uns oder die italienische Geschichte und Archäologie, sondern unsere Arbeit ist tatsächlich weltberühmt.
[…] famous all-over the world.
Sprecher:
Archäologin Silvia Bertesago hat schon als Studentin in Pompeji gearbeitet. Heute ist sie eine der verantwortlichen Forscherinnen des Archäologieparks. Abseits der Touristenströme steht sie auf einer Anhöhe, ein kleiner, grasbewachsener Hügel – unberührt seit 2.000 Jahren.
O-Ton 5 (Bertesago): So here we are in a part not yet […]
OVERVOICE weiblich
Hier sind wir in einem Bereich, der noch nicht ausgegraben ist. Um uns herum können wir aber viele bereits ausgegrabene Gebäude Pompejis sehen, die sich auf einer tieferen Ebene befinden. Wir stehen hier etwas höher, denn genau unter uns gibt es einen Teil der Stadt, der noch nicht ausgegraben ist. Das wird aber in den nächsten Monaten geschehen.
[…] excavated in the next months.
Sprecher:
Pompeji war eine antike Metropole, die exakten Ausmaße der Stadt sind im Detail bis heute nicht abschließend geklärt. Immer wieder müssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entscheiden, wo es sich lohnt, als nächstes auszugraben. Auch das gehört zum Denkmalschutz: Was wird freigelegt und was nicht? Die Archäologin ist sich sicher, dass sie hier bedeutende Funde machen wird.
O-Ton 6 (Bertesago): And we can imagine on the basis […]
OVERVOICE weiblich
Wir können uns auf der Grundlage der Struktur vorstellen, dass wir einige wichtige, bedeutende Häuser ausgraben werden. Aber wir werden erst mehr Informationen bekommen, wenn wir mit den Ausgrabungen beginnen. Dabei werden wir auch neue Prospektionstechnologien verwenden, moderne Instrumente wie Georadar, mit denen wir noch vor dem ersten Spatenstich tief in den Boden blicken können.
[…] like Georadar and we can see deeper.
Sprecher:
Die Ausgrabung wird präzise geplant und von hochspezialisierten Teams durchgeführt. Archäologinnen und Geologen, Botanikerinnen und Anthropologen können schnell und flexibel auf neue Funde reagieren.
O-Ton 7 (Bertesago): We don't know exactly […]
OVERVOICE weiblich
Wir wissen nicht genau, was wir finden werden, aber wir erwarten Räume mit Fresken, eingestürzten Dächern, eine durch den Ausbruch zerstörte Architektur. Das sind immer sehr unterschiedliche Situationen und es gibt diverse Arten von Zerstörung und Zerfall. Und so müssen wir auf der Grundlage dessen, was wir finden, auf unterschiedliche Weise vorgehen.
[…] on the bases of what we will find.
TC 05:11 – Ein antiker Schnellimbiss
Sprecher: Vielleicht haben sie wieder Glück und machen einen Sensationsfund wie mit dem antiken Schnellimbiss, der Ende 2020 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Bilder vom am Tresen aufgemalten Hahn und zwei abstürzenden Enten schafften es am 26. Dezember in die ARD-Tagesschau. Internationale Medien berichteten über den aufgemalten Wachhund und die Nahrungsreste, die in der Nähe des Tresens gefunden wurden. Sie lassen Rückschlüsse auf die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner von Pompeji zu. Fastfood gab es also damals schon. Das antike Take-Away ist mittlerweile zu besichtigen, erzählt Touristenführer Mattia Buondonno. Er zeigt auf eine dicke Glasscheibe, die den Sensationsfund schützt:
O-Ton 8 (Buondonno): That was found just three years ago.
Sprecher:
Das Schnellrestaurant besteht aus einem L-förmigen Steintresen mit runden Aussparungen, „Thermopolium“ genannt, in die die alten Römer die Amphoren mit dem warmen Essen stellten. An der Vorderseite sind die in den Speisen enthaltenen Tiere in prächtigen Farben aufgemalt.
O-Ton 9 (Buondonno): So, this is the famous last […]
OVERVOICE männlich
Und das hier ist der berühmte letzte Gemäldefund mit dem Hahn, hier wurde auch Entenfleisch gefunden und dort sieht man sogar die Ente und man kann einige Originalinschriften und Graffiti sehen.
[…] some original inscription, some graffiti.
Sprecher:
Und diese besagen nichts Nettes.
O-Ton 10 (Buondonno): You can see some original […]
OVERVOICE männlich
Diese Beschreibung hier lautet: „NICIA CINAEDE CACATOR.“ Nicia ist ein griechischer Name, wahrscheinlich war es der Name des Meisters. Jemand war offenbar neidisch auf dem Imbissbetreiber und dieser jemand schrieb: Nicia, du hinterlässt überall Scheiße.
[… ]NICIA, you are leaving shit everywhere.
Sprecher:
Mattia Buondonno gehört zum „Inventar“ von Pompeji. Seit 30 Jahren führt er Menschen aus aller Welt durch diese besondere Stadt. Schon als kleiner Junge, als sein Vater hier an Mosaiken gearbeitet hat, habe er die Touristen beobachtet und mit ihnen gesprochen. Mittlerweile hat er viel Erfahrung im Umgang mit ihnen gesammelt und weiß, dass die antike Stätte Pompeji für die meisten ein gewaltiges Erlebnis ist.
O-Ton 11 (Buondonno): I guided so many celebrities, […]
OVERVOICE männlich
Ich habe so viele Prominente herumgeführt, Bill Clinton, Leonardo DiCaprio sogar zweimal, ich habe Bradley Cooper geführt, Meryl Streep, Nobelpreisträger. Und dann, wenn diese Menschen in Pompeji sind, wirken sie alle wie staunende Grundschüler, weil diese Kultur so großartig, so beeindruckend ist, dass sie sich sehr, sehr klein fühlen.
[…] that they are very, very little, little people.
Musik
TC 08:01 – Ort des Experimentierens
Sprecher:
Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 verschüttete und zerstörte eine lebendige Metropole binnen weniger Stunden. 18.000 Menschen konnten fliehen, rund 2.000 starben. Eine Katastrophe in der Antike, für die Wissenschaft ein Glücksfall. Pompeji war immer attraktiv für die Ausgräber, hier hätten sie stets mit den neuesten wissenschaftlichen Methoden gearbeitet, erzählt Gabriel Zuchtriegel. Der deutsch-italienische Archäologe hat im Frühjahr 2021 seine Stelle als Direktor des Archäologieparks angetreten.
O-Ton 12 (Zuchtriegel):
Natürlich versuchen wir alle diese neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auf der anderen Seite war Pompeji immer schon ein Ort des Experimentierens, wo man also auch neue Grabungstechniken und neue Konservierungsmethoden ausprobiert hat. Und wo also schon im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert sehr innovative Menschen gewirkt haben und auch dadurch Anstöße gegeben haben, das ganze Fach über Pompeji hinaus.
Sprecher:
Die ersten Archäologen begannen im 18. Jahrhundert, die Stadt Pompeji auszugraben. Dazu gehörten luxuriöse Villen inklusive Bereiche für Sklaven, das Heiligtum des Apollo, der Jupitertempel, eine Gladiatorenschule, eine Badeanstalt, oder auch eine Bäckerei – das alles muss geschützt und restauriert werden.
O-Ton 13 (Zuchtriegel):
Die Mauern sind relativ dünn, aus Bruchstein meist oder Ziegel und Mörtel. Und jetzt kann man sich ja mal vorstellen, was aus unseren Häusern in 2.000 Jahren wird, aus dem Beton oder was eben das Material ist und sich dann ausrechnen, was es braucht eben an ja wirklich ständigen periodischen Instandhaltungsmaßnahmen, um das vor dem Verfall zu schützen.
Sprecher:
Eine beständige Arbeit, denn in Pompeji müssen hunderte Gebäude geschützt werden. Gabriel Zuchtriegel erinnert an eine Phase, in der zu sehr gespart wurde - mit fatalen Folgen:
O-Ton 14 (Zuchtriegel):
Wenn man sich dieses Bild mal vorstellen möchte, also Pompeji, ein Flugzeug, das immer tiefer absinkt durch fehlende Instandhaltung, fehlende Restaurierungsarbeiten und dann ab einem gewissen Moment, weil sie fast am Boden zerschellt. Und es kommt dann zu diesem dramatischen Ereignis 2010, dass ein antikes Gebäude tatsächlich einstürzt während eines Unwetters.
Sprecher:
Am 6. November 2010 stürzte ein Haus der Gladiatoren-Schule ein, einige Tage später gab eine Mauer am so genannten „Haus des Moralisten" nach. Wind und Wetter hatten ihr zugesetzt, sie war nicht ausreichend vor diesen Bedingungen geschützt, die im Zuge des Klimawandels stärker werden.
O-Ton 15 (Zuchtriegel):
Und das hat natürlich, es sind über die ganze Presse gegangen, nicht nur in Italien, sondern weltweit, sehr große Besorgnis berechtigterweise hervorgerufen und auch dem Bild Pompejis natürlich sehr, sehr geschadet.
Sprecher:
2012 stieß der damalige Ministerpräsident Mario Monti das „Große Pompeji-Projekt“ an, um die Stadt vor dem - erneuten - Untergang zu retten. 105 Millionen Euro flossen in neue Strukturen und Konservierungsmaßnahmen.
O-Ton 16 (Zuchtriegel):
Und danach dieser große Einsatz, also man versucht dieses Flugzeug wieder hochzuziehen und investiert sehr viel Geld, sehr viel Personal, Ressourcen auch. Und das klappt. Es wird zum Erfolg, und das Flugzeug steigt und steigt. Das Bild Pompejis in der Presse und überhaupt in der öffentlichen Wahrnehmung verändert sich wieder komplett, wird sehr positiv. Und jetzt ist die Frage: was ist eigentlich die richtige Flughöhe für dieses Flugzeug?
Sprecher:
Geld sei nicht mehr das große Problem, so Zuchtriegel, daran änderte auch die Corona-Pandemie nicht viel, als Einnahmen durch den Tourismus einbrachen. Denn Pompeji wird vom italienischen Staat und der Europäischen Union finanziert.
Atmo: Schritte, Wind
TC 12:15 – Noch lange nicht am Ende
Sprecher:
Majestätisch thront die „Insula Occidentalis“ auf einer Anhöhe, von hier oben konnten reiche Villenbesitzer den Golf von Neapel sehen. Zwei der herrschaftlichen Gebäude gehörten Marcus Fabius Rufus und Maius Castricius, hier liegen auch das „Haus des goldenen Armreifs“ und die Bibliothek.
Atmo: Schritte, Baustellentür
Sprecher:
Alessandro Russo läuft über Bohlen, die auf dem staubigen Boden liegen. Die Baustelle ist die derzeit größte Ausgrabung in Pompeji.
O-Ton 17 (Russo): This is the House of Library […]
OVERVOICE männlich
Das ist das Haus der Bibliothek, weil es hier einen Raum mit Möbeln gab, wo damals die Papyri lagen. Aus diesem Grund heißt es eben das Haus der Bibliothek. Den Namen des damaligen Hausbesitzers kennen wir aber nicht.
[…] the name of the real owner of the house.
Sprecher:
Der Archäologe geht zwei Räume weiter zu einem Baugerüst, das in die Tiefe führt.
O-Ton 18 (Russo): The other excavation […] (Klappe auf)
OVERVOICE männlich
Die andere Ausgrabung, mit der wir jetzt begonnen haben, findet eine Etage tiefer statt … Ich zeige es ihnen. […] show you
Sprecher:
Zwei Leitern später steht Alessandro Russo in einem großen Raum, der einmal ein geräumiges Esszimmer war, mit Blick auf das Meer. Reste des gewaltigen Tisches hätten sie ausgegraben und viele spannende Sachen entdeckt. Der Archäologe bleibt vor einer Wand stehen und zieht vorsichtig eine Folie beiseite. Zu sehen ist der neueste Fund, erst tags zuvor freigelegt.
O-Ton 19 (Russo): We make the excavation from this level […]
OVERVOICE männlich
Wir graben von dieser Ebene bis ganz nach hinten zum Ende. Dort befindet sich auch ein neues Mosaik. Und die Fresken hier an der Wand, die wir noch nicht ganz kennen - sie sind vollständig und unberührt.
[…] is complete, it’s untouched
Sprecher:
Paolo Mighetto, der die Ausgrabungen und Konservierungsmaßnahmen dieser Stätte leitet, gesellt sich dazu.
O-Ton 20 (Mighetto): The restoration of a very complex site […]
OVERVOICE männlich
Die Restaurierung dieses Ortes ist äußert komplex, weil wir die Entwicklungsphasen der Stadt, inklusive der antiken dramatischen Ereignisse, erhalten wollen.
[…] phases of the city, ancient City drama.
Sprecher:
Mighetto ist fasziniert von der vielfältigen Geschichte Pompejis. Die Stadt hat mehr Katastrophen erlebt als „nur“ den berühmten Vulkanausbruch.
O-Ton 21 (Mighetto): Because the Pompeii was subject to the […]
OVERVOICE männlich
Pompeji war 62 nach Christus einem Erdbeben ausgesetzt, zuvor hatte es zahlreiche kleine Beben gegeben. Und dann der Vesuvausbruch natürlich, im Jahr 79. Hinzukommen die ganzen Ausgrabungen im 18. und 19.Jahrhundert, als unterirdische Tunnel unter dem Gebäude gegraben wurden. Und überall die Asche und vulkanisches Material. Und schließlich sind hier während des Zweiten Weltkriegs zwei Bomben eingeschlagen. Unser Ziel ist es, all die Zeichen der Zerstörung zu bewahren.
[…] the signs of this destruction.
Sprecher:
Pompeji ist ein Ort für die Öffentlichkeit, sagt Direktor Gabriel Zuchtriegel immer wieder - auch weil die Archäologischen Stätten von Pompeji und Herculaneum seit 1997 zum UNESCO Welterbe gehören. Deswegen sei es ihm und seinem Team wichtig, dass sie Pompeji immer als einen Ort präsentieren, an dem die Forschung weitergeht, an dem ständig neue Erkenntnisse gewonnen werden, sei es durch neue Ausgrabungen oder neue Analysen. Und an diesem Prozess müsse die Öffentlichkeit teilhaben.
O-Ton 28 (Zuchtriegel):
Die Frage, warum überhaupt Archäologie betrieben wird, warum die Gemeinschaft, der Staat, auch teilweise private Sponsoren darin investieren sollen, lässt sich eigentlich nur beantworten, indem man sagt: Wir geben natürlich auch etwas zurück an die Gesellschaft. Und zwar teilen wir unser Wissen und unsere Erkenntnisse und andere auch unsere neuen Perspektiven auf die Antike, den Menschen mit. Es ist einfach, dass es aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn macht, einen archäologischen Park zu betreiben, wenn nicht für ein Publikum. Wir machen das ja nicht nur für einen kleinen Gelehrtenzirkel.
Sprecher:
Durch die Corona-Pandemie sei der Archäologiepark Pompeji gut gekommen, sagt Zuchtriegel, er sei froh, dass wieder mehr Touristen kämen. Ob die Zahl von drei oder vier Millionen Besucherinnen und Besucher pro Jahr wieder erreicht werden könne wie früher, sei aber im Moment noch nicht absehbar. Bei der Frage, ob künftig noch große Funde zu erwarten sind, lacht Gabriel Zuchtriegel.
O-Ton 30 (Zuchtriegel): Ja, also in der Archäologie ist es so, dass man eigentlich immer nicht das findet, was man sich erwartet, manchmal auch erhofft, sondern manchmal mehr, manchmal weniger, meistens irgendetwas anderes. Und das gehört irgendwie dazu. Also die Freude ist auch die, dass man ständig überrascht wird.
Musik
TC 17:29 – Das Problem mit den Grabräubern
Sprecher:
Pompeji steht mittlerweile gut da. Der Denkmalschutz schützt die Stätte immer besser vor Wind, Starkregen, Trockenheit, den Folgen der Klimakrise. Archäologische Forschungsfragen werden mit modernsten Methoden beantwortet, Geld fließt vom italienischen Staat und der EU, die Touristen kommen wieder. Wären da nicht die illegalen Raubgräber, wäre alles gut in Pompeji.
O-Ton 31 (Bertesago): There are problems with illegal excavations […]
OVERVOICE weiblich
Es gibt Probleme mit illegalen Ausgrabungen, also Raubgrabungen und illegalem Handel von archäologischen Objekten.
[…] traffic of archaeological things, objects.
Sprecher:
Klagt die Archäologin Silvia Bertesago. Raubgräberei war nicht nur ein Problem der Vergangenheit, sondern ist es auch in der Gegenwart. 2021 wurde der Fund einer reich verzierten Kutsche bekannt. Das Gefährt war nur knapp dem Raub durch Plünderer entgangen, die in den letzten Jahren Dutzende Tunnel in die noch unerforschten Teile Pompejis gegraben hatten. Zwei solcher Tunnel führten unmittelbar an der Kutsche vorbei. Auch Gabriel Zuchtriegel ist angesichts der kriminellen Energie fassungslos.
O-Ton 32 (Zuchtriegel):
Die Schäden sind enorm, die dadurch entstehen. Und es ist wirklich ein globales Phänomen, das auch ökonomisch für die organisierte Kriminalität einen ganz wichtigen Sektor leider darstellt.
Sprecher:
Die kriminelle Energie, die hinter den illegalen Ausgrabungen steckt, sei offenbar bei manchen Menschen sehr hoch, zudem gebe es regelrechte Bestellungen und damit einen lukrativen Markt, so der Direktor des Archäologieparks:
O-Ton 33 (Zuchtriegel):
Es gibt leider nach wie vor Leute - hauptsächlich im Ausland, also viele Spuren führen dann über die Schweiz oder andere Länder, in die USA und in andere Kontinente, also das ist wirklich ein weltweites Phänomen - die kaufen nach wie vor diese Objekte, ohne sich über die Herkunft wirklich sorgfältig zu informieren oder auch, teils wohl mehr oder weniger wissend, dass es aus illegalen Grabungen kommt. Das sind teils private Sammler, aber manchmal leider auch immer noch Institutionen, Museen.
Sprecher:
Natürlich sei das alles verboten, betont Gabriel Zuchtriegel, die Gesetzeslage sei eindeutig. Man darf nichts mitnehmen, auch keine kleinen, scheinbar unbedeutenden Fragmente wie etwa Keramikscherben.
O-Ton 34 (Zuchtriegel):
Es ist ein Problem, nicht innerhalb des Parks, Gottseidank. Das ist alles sehr gut überwacht, mehr als 500 Videokameras und natürlich einen ständigen Wachdienst.
Sprecher:
Damit der Archäologiepark noch sicherer wird, gibt es seit 2021 das „Smart@POMPEI-Projekt“. Zu ihm gehört „Spot“, ein gelber Roboterhund, mit langen Beinen und einem schwarzen Rechteck als Kopf. Er kann sich sicher in unwegsamem Gelände bewegen und durch enge Schächte und illegal gegrabene Tunnel laufen. Mit einer Kamera filmt er alles. „Spot“ kann Raubgräber aufspüren und möglicherweise zu ihrer Verhaftung beitragen, er kann aber auch bröselnde Mauern erkennen, so dass schnell Konservierungsmaßnahmen eingeleitet werden können. Der Archäologiepark Pompeji sei darüber hinaus durch neue Technologien wie Wärmebildkameras, Sensoren und Drohnen geschützt.
O-Ton 35 (Zuchtriegel):
Das heißt, da muss man eben aktiv werden, das irgendwie mit Dächern schützen, aber eben auch mit ständigen Instandhaltungs- und Restaurierungsmaßnahmen. Und vor allem, man muss es auch kontinuierlich ja überwachen, um einfach zu wissen, was passiert eigentlich in Real Time in der Ausgrabungsstätte.
Musik
TC 21:27 – Outro
Eine City der Superlative: Uruk. Die Stadt war die erste Stadt der Welt - eine Megapolis mit bis zu 50 000 Menschen. Sie entstand im 5. Jahrtausend v.Chr. im Süden des heutigen Irak mit Häusern aus Lehmziegeln, Türmen und Palästen. Kanäle leiteten frisches Wasser aus dem Euphrat in die Stadt und das Abwasser wieder hinaus. Das kreative Potential war groß. Von Christine Hamel (BR 2023)
Credits
Autorin: Christine Hamel
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Berenike Beschle, Christian Baumann, Friedrich Schloffer, Katja Amberger
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Margarete van Ess
Linktipps:
Alles Geschichte (2022): ANFÄNGE der Kultur – Die Erfindung der Schrift
Schrift ist eine ziemlich neue Erfindung innerhalb der Menschheitsgeschichte. Vor rund 5.200 Jahren tauchen im heutigen Irak erste Tontafeln auf, in die strukturierte Zeichen eingeritzt wurden. Doch es waren keine Texte im heutigen Sinn. Und im Gegensatz zu heute gab es einen eigenen Beruf des "Schreibers": Schon fünfjährige Kinder wurden dafür ausgewählt und über viele Jahre hinweg ausgebildet. JETZT ANHÖREN
rbbKultur (2023): Margarete van Ess – Archäologin
Als Margarete van Ess 1982, damals Studentin, das erste Mal auf archäologische Grabungsreise in den Irak fuhr, hatte sie ihre Blockflöte mit im Gepäck. An die Übungsstunden inmitten der Ruinen erinnert sie sich noch heute. Der antiken Stadt Uruk, zwischen Euphrat und Tigris, ist sie treu geblieben. Seit 1999 leitet sie die Ausgrabungen dort, seit 2020 als Direktorin der Orient Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Die Liebe zum Orient ist ihr durch ihre Eltern, beide studierte Orientalisten, vermittelt worden.
Zur Podcast-Folge geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:47 – Sesshaft im Sumpfland
TC 04:02 – Eine Metropole aus Macht und Reichtum
TC 05:58 – Die Ausgrabung einer Stadt
TC 08:27 – Die Herrin des Himmels
TC 11:34 – Von Magie und Kassenzetteln
TC 21:48 – Die erste Metropole der Menschheit
TC 22:25 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Musik 1
"Atmosphere in B Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Album: Succession: Season 2 (Music from the HBO Series) - Länge: 1'37
Erzählerin:
Bescheidenheit war nicht gerade eine Tugend in Uruk. Man gab sich prahlerisch und pompös, alle Tempel und Paläste fielen XXL aus. Größe muss nach altorientalischer Sitte Schönheit bedeutet haben, sie ist ja auch näher dran am Ganzen, am Universum. Überragt wurde alle städtebauliche Schönheit in Uruk von dem Ishtar-Tempel, einem Stufenturm auf einem 12 Meter hohen Sockel, der die Stadtmitte bildete. Geradezu hymnisch wird er im Gilgamesch-Epos besungen:
Zitator:
Sieh an dessen Mauer, die wie Kupfer glänzt!
Besieh ihre Brustwehr, die niemand nachzubilden weiß!
Nimm doch die Treppe, die dort seit ewigen Zeiten!
Erzähler:
Außerirdische gigantische Architektur. Der Sinn für Einzigartigkeit und Extravaganz begleitet die Entwicklung von Uruk – die Menschen hatten sichtbar Freude an den Wundern, die sie selbst erschufen. In Uruk entstanden aber nicht nur atemraubende Gebäude, sondern auch Arbeitsteilung, Bürokratie, die Schrift oder die Großplastik. Ob Fluch oder Segen sei dahingestellt - man darf aber getrost von einer Urukisierung der Welt sprechen. Uruk war urban branding….Nährboden für lauter zivilisatorische Entwicklungen.
Es sollte noch drei Jahrtausende dauern, bis größere Städte entstanden. Babylon baut später auf den Kulturleistungen von Uruk auf.
TC 01:47 – Sesshaft im Sumpfland
Erzählerin:
Begonnen hatte alles Ende des 5. Jtd. vor Chr. im Süden Mesopotamiens. Sowohl am linken als auch am rechten Ufer des Euphrat waren kleine Ansiedlungen entstanden.
1. Zsp.: (Margarete van Ess)
Sie haben sich in einer Region befunden, wo sehr viele Sümpfe waren, an einer Grenze zwischen einem großen Sumpfland, das es heute im Irak tendenziell immer noch gibt, und den Flusslandschaften. Also in einer Region, wo wahrscheinlich der Euphrat, vielleicht aber auch der Tigris, auf dieses Sumpfland gestoßen ist.
Erzählerin:
Die Archäologin Margarete van Ess. Sie ist Direktorin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Seit 1999 leitet sie die Ausgrabungen in Uruk, die archäologischen Forschungen sowie die Konservierung der Ruinen.
2. Zsp.: (Margarete van Ess)
Und so hatten sie zwei Grundlagen: nämlich einmal die Wasserwirtschaft, also Fischerei und das Nutzen von Pflanzen aus dem Sumpfland und auf der anderen Seite alles das, was mit der Flusslandschaft zu tun hat, also frühe Landwirtschaft, aber auch Bewegung auf den Flüssen. Und wir gehen davon aus, dass es genau diese Situation, also das Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen Lebensumfeldern gewesen ist, was die Siedlung befördert hat.
Erzählerin:
Land- und Wasserwirtschaft boten eine Fülle von Produkten und Erzeugnissen, mit denen man sich kommerziell gut aufstellen und ausrichten konnte. Das hob das frühe Uruk von anderen Siedlungen ab, die entweder das eine oder das andere hatten. In der ganzen Region gab es ja tatsächlich bereits eine große Zahl von Dörfern und Siedlungen. Das Ende des ungebundenen Wanderlebens war schon etwa 10 000 vor Christus eingeläutet worden.
Erzähler:
Im Südosten der Türkei hatten Menschen ihre freie Wildbeuterei und das Nomadentum aufgegeben, um stattdessen Land zu beackern. Warum sich plötzlich Sesshaftigkeit und Vorratshaltung durchsetzten, ist bis heute mehr oder weniger ein Rätsel. Religion mag eine Rolle gespielt haben, der harte, von immer neuen Risiken bedrohte Alltag auch. Zur Entstehungszeit von Uruk Mitte des 5. Jahrtausends jedenfalls steckte Mesopotamien schon mitten drin in zivilisatorischen Entwicklungen.
TC 04:02 – Eine Metropole aus Macht und Reichtum
3. Zsp.: (Margarete van Ess)
Es waren wohl vergleichsweise egalitäre Gesellschaften, also alle sind gleichberechtigt, alle machen ähnliche Dinge, sorgen halt für ihren Lebensunterhalt und so weiter. So wie es aber dazu kommt, dass man stärker organisieren muss, also zum Beispiel den Übergang von einem Fluss in einem Sumpfland oder dann im Verlauf des 4. Jahrtausends fertig werden muss mit Klimaveränderungen, dann ergibt sich das eben: Jemand organisiert, oder eine Gruppe von Menschen organisiert und andere weniger. Das heißt, da bilden sich dann Hierarchien heraus, und es bilden sich auch verschiedene Handwerke heraus, unterschiedliche Arbeitsbereiche, die dann auch unterschiedlich bewertet werden. Also eine Gesellschaft entwickelt sich, wie wir sie heute ganz gut kennen.
Erzählerin:
Macht und Reichtum sind der Grundstein für die älteste Metropole der Welt. Mit der Gleichheit ist es dann auch schnell vorbei. Wenige herrschen über die vielen.
Musik 2
"Atum 3" - Album: Ankh The Sound Of Ancient Egypt - Komponist: Michael Atherton - Länge: 0'52
Erzähler:
Bis 3200 vor Christus steigt Uruk zur ersten und größten Stadt der Welt auf. 50 000 Menschen lebten hier, nicht alle freiwillig. Die Eroberungszüge jener Zeit richteten sich weniger auf Landgewinn. Vielmehr ging es darum, Arbeitskräfte heranzuschaffen. Man brauchte Sklaven für den Bau von Tempeln, Häusern, Stadtmauern und Bewässerungskanälen. Sklaven bildeten einen festen Bestandteil der Gesellschaft, eine in Uruk gefundene Schrifttafel gibt Aufschluss über Verärgerung nach dem Kauf einer Zwangsarbeiterin.
Erzählerin:
Der bereits dritte Käufer einer Sklavin eschauffiert sich darüber, dass sie lauter Götternamen trägt. Sie stünden ihr ja doch wahrscheinlich nicht zu. Das Gericht rät ihm daraufhin, sich bei Verkäufer eins und zwei zu beschweren.
TC 05:58 – Die Ausgrabung einer Stadt
Erzähler:
Anfangs hieß Uruk eigentlich Unuk – auch das weiß man dank einer sumerischen Schrifttafel.
4. Zsp.: (Margarete van Ess)
Später erst unter den Akkadan heißt es Uruk. Akkada und Sumer sind zwei komplett verschiedene Sprachen. Spätestens im Verlauf des 3. Jahrtausends existiert neben Unuk auch das Uruk. Und dieser Name hält sich bis heute.
Erzählerin:
Magarete van Ess hat 1982 das erste Mal in Uruk gegraben. Seitdem lässt sie die Stadt nicht mehr los. Durch verschiedene Kriege musste die Archäologin ihre Arbeit immer wieder unterbrechen, Uruk liegt im kriegsgebeutelten und krisengeschüttelten Irak.
Erzähler:
1849 wurden die Ruinen Uruks durch den britischen Geologen und Naturforscher William Kenneth Loftus wiederentdeckt. Systematische Ausgrabungen begannen aber erst unter deutscher Federführung im Winter 1912/13. Inzwischen gibt es 49 000 inventarisierte Funde, darunter 13 800 Tontafeln und Tausende von Keramikscherben aus fast 5000 Jahren.
Erzählerin:
Die aus Lehmziegeln errichteten Bauten zeichneten sich durch aufwendig gegliederte Außenfassaden aus, sie wurden gleichsam durch Nischen rhythmisiert und waren mit geometrischen Mosaiken aus farbigen Ton- und Steinstiften geschmückt.
Musik 3
"Wave" - Komponist: Tod Dockstader - Album: Aerial 3 - Länge: 0'22
Erzählerin:
Uruk machte einen festlichen, absolut instagramtauglichen Eindruck: Schon von weitem nahmen und nehmen die Monumentalbauten und Dattelpalmen Ankömmlinge in Empfang.
Musik 4
"Atmosphere in B Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Album: Succession: Season 2 (Music from the HBO Series) - Länge: 1'04
5. Zsp.: (Margarete van Ess)
Man muss wissen, dass wir uns da in dem sehr langgestreckten Delta der Flüsse Euphrat und Tigris befinden, von Bagdad bis Basra, dem heutigen Hafenort, sind es etwa 600 Kilometer. Uruk liegt auf der Hälfte der Strecke, und das gesamte Gefälle von Bagdad bis Basra beträgt nur 40 Meter. Das heißt, das gesamte Land ist topfeben, alles was rausguckt, ist in irgendeiner Form von Menschen gemacht. Und Uruk gehört eben zu einer der größten archäologischen Stätten. Das heißt, wenn ich mich Uruk nähere, sehe ich eigentlich schon 10 Kilometer vorher, dass da ein großes Hügelgebirge aufragt, der Tempel in der Mitte der Stadt ragt noch immer besonders hervor und ich weiß also, ah, jetzt komme ich auf Inanna, auf das Heiligtum zu und werde demnächst in der Stadt sein.
Musik 5
"Ice Glass" - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 1'05
TC 08:27 – Die Herrin des Himmels
Erzähler:
Inanna ist die Stadt- und Schutzgöttin von Uruk, Königin der Liebe und des Krieges. Ihr Name bedeutet „Herrin des Himmels“.
Erzählerin:
Sie ist denn auch die wichtigste Göttin der Sumerer: schön, liebestoll, kriegerisch und eroberungssüchtig, meist unberechenbar. Zahlreiche Mythen berichten von ihren Taten. Als sie in die Unterwelt abtaucht, zu ihrer Schwester, versiegt auf Erden die Lust und infolgedessen alles Leben. In der Erzählung „Ishtars Höllenfahrt“ heißt es:
Zitator
Kein Stier bestieg mehr eine Kuh, kein Esel eine Eselin, kein Jüngling schwängerte ein Mädchen auf der Straße. Der junge Mann schlief in seinem Zimmer, das Mädchen in der Gesellschaft seiner Freunde.
Erzählerin:
Ohne Inanna keine Zukunft der Menschen.
Erzählerin:
Der sexuelle Umgang miteinander war freizügig. Kaum Tabus. Uruk galt im 3. Jahrtausend als Stadt der „Dirnen, Kurtisanen und Edelnutten“ – auch das trug sicherlich zur Attraktion bei. Archäologen fanden in Uruk eine Tontafel mit einem nackten Paar beim Geschlechtsverkehr. Der Mann steht hinter der Frau, die sich nach vorne beugt, um mit einem Strohhalm einen Rauschtrank aus einem Gefäß zu trinken.
Erzähler:
Eine Darstellung, die möglicherweise eine Bordellszene zeigt oder dem Kult der Liebesgöttin zugerechnet werden kann.
Musik 6
"Ice Glass" - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'21
Erzähler:
Inanna sagt in einer Erzählung selbstbewusst:
Zitatorin:
Ich bin die Königin aller Sterne. Die Weisheit des Lebens kommt aus meinem Schoß, der wunderbar ist.
Erzähler:
Nach und nach entstanden Kulthäuser, Rundpfeilerhallen, Badeanlagen und ein sogenannter Empfangspalast. Dazwischen ein großer Hof mit Terrassen, der der kultischen Verehrung diente.
Musik 7
"Wave" - Komponist: Tod Dockstader - Album: Aerial 3 - Länge: 0'42
Im Jahr 2100 vor Chr. – in Uruk herrschte die 3. Dynastie von Ur – wurde ein neuer Tempel gebaut: der sogenannte Zikkurrat, ein Stufenturm.
6. Zsp.: (Margarete van Ess)
Der Tempel stand auf zwei übereinander gestellten Terrassen. Die untere war vermutlich um das Jahr 2000 herum etwa 11’20 Meter, die darüber könnte halb so groß gewesen sein, etwa 5‘ 60 Meter und dann kam noch der Tempel obendrauf, das waren schon über 20 Meter hohe Gebilde.
Erzählerin:
Nicht ganz so steil wie die Mayapyramiden, aber eine in jeder Hinsicht herausragende Monumentalarchitektur. Als Personal dienten Priesterinnen und Priester, unter ihnen Schwule, Transsexuelle und Prostituierte.
7. Zsp. (Margarte van Ess)
Tempel waren nicht einfach ein Gotteshaus, in das man ging zum Beten, sondern es waren wirtschaftliche Einheiten, so ein bisschen so wie Klöster im Mittelalter Europas.
Erzähler:
Neben dem Hauptheiligtum gruppierten sich von Anfang an weitere Lehmbauten: Wohnhäuser, Paläste und Verwaltungsgebäude. Sie waren meist um einen kleinen Innenhof angelegt, in dem Dattelpalmen Schatten spendeten. Straßen wurden streng im rechten Winkel wie in einer Garnisonstadt angelegt, Kanäle führten Frischwasser in die Stadt - die Menschen schöpften es mit Krügen ab- und leiteten Abwässer wieder hinaus.
TC 11:34 – Von Magie und Kassenzetteln
Erzählerin:
Im dichten Zusammenleben von Mensch und Tier nah an Sümpfen und am Wasser bei großer Hitze brachen sehr wahrscheinlich oft Krankheiten und Seuchen aus. Die Stadt hatte von Anfang an nicht nur Vorteile.
Erzähler:
Magierinnen und Beschwörer waren daher viel gefragt. Nicht nur bei Krankheiten, sondern bei allen Risiken des Lebens. Man schrieb ihnen Wissen über die Kraft von Steinen und Mineralien zu. Auf Tontafeln hielten sie fest, wie Frauen für ihre Männer Glücksamulette herzustellen hatten:
Musik 8
"Part 6 - 4 Resonating Stones, Voice" - Komponist: Stephan Micus - Album: Music of Stones - Länge: 0'33
Zitatorin:
Die 15 Steine fädelst Du auf ein Band aus Leinen, einen roten Wollfaden und einen blauen Wollfaden….Beiderseits der Steine knöpfst Du ein Stück Tamariskenholz ein. Ein Räuchergefäß mit Wacholder stellst Du hin. Du opferst Bier und rezitierst die folgenden Beschwörungsformeln: Ich bin erhört. Das Gebet nimm an von mir. Du hängst die Kette um seinen Hals.
Erzähler:
Die Handelswege waren weit und gefährlich. Geschäfte wurden mit Gewichtsteinen in Stab- oder Entenform abgewickelt, Gerste, Wolle und Öl wurden damit abgewogen.
Erzählerin:
Handel war DER Innovationsmotor – er gibt schließlich auch den Anstoß zur Schrift. Sie wurde in Uruk erfunden.
Erzähler:
Zunächst dienten kleine Tonobjekte, sogenannte Zählmarken - Kugeln, Scheiben oder Krüge - dazu, um etwas zu prüfen und beim Handel die Übersicht zu bewahren.
Erzählerin:
Ich habe Dir 15 Schafe zum Scheren gebracht, also packe ich 15 Kugeln in einen versiegelten Lederbeutel oder in ein versiegeltes Tongefäß. Wenn ich die Schafe nach drei Wochen abhole, weiß ich genau, dass es 15 Schafe waren – und nicht 14 oder 12.
Erzähler:
Doch irgendwann waren die Anwendungsbereiche so vielfältig, dass die Zählmarken nicht mehr der Komplexität entsprachen. Neue Notierungshilfen mussten her. Dazu wurden erstmals Tafeln aus Ton geformt, in die man mit Schilfrohr Notizen geritzt hat.
8. Zsp.: (Margarete van Ess)
Das sind im Anfang nur so etwas wie unsere Kassenzettel, da ist dann das Symbol für Schaf oder für eine Flasche drauf und dann ein Zahlzeichen, dann häufig auch noch eine Summe, so dass also klar wird: Da hat jemand Schafe gezählt, Flaschen gezählt und dann festgestellt, wie viel das insgesamt ist, vielleicht noch auf einen Monat bezogen und so weiter. Und das ist der Beginn der Schrift. Es ist im Prinzip ein Wirtschaftsnotierungssystem.
Erzähler:
Die Schriftzeichen waren sowohl abstrakt als auch bildhaft.
9. Zsp.: (Margarete van Ess)
Es gibt Listen, auf denen dann die Objekte verzeichnet sind. Also dann gibt es da das Zeichen für Schaf mit ganz vielen unterschiedlichen Zeichen daneben, das ist einfach ein runder Kreis mit einem Kreuz drin. Das Interessante ist, dass diese Listen immer wieder abgeschrieben wurden über Jahrhunderte hinweg, und dabei verändern sich die Zeichen, werden zu richtiger Keilschrift. Und irgendwann, so in der Mitte des 3. Jahrtausends, kann man das dann wiederum lesen, weil diese Zeichen in der richtig entwickelten Schrift eben auch verwendet werden.
Erzähler:
Rund um die Stadt dehnten sich Obstplantagen und Felder aus. Angebaut wurden Wein, Äpfel, Quitten, Birnen und Granatäpfel, vor allem aber Getreide - in den Ruinen von Uruk fanden sich Tausende standardisierte Tongefäße, mit denen den Menschen Gerste oder Weizen zugeteilt wurde. Eine Art der Ausbezahlung. Mit Getreide trieb die Obrigkeit in der frühdynastischen Zeit um 3000 bis 2340 v. Chr. schließlich auch die Steuern ein. Das Gemeinwesen gestaltet sich bereits etwas bürokratisch aufgeblasen. Und die Staatsdiener ließen es sich sehr wahrscheinlich gut gehen.
10. Zsp.: (Margarete van Ess)
Da gibt es einen König, da gibt es eine Beamtenschaft, die dafür zuständig ist, die Verwaltung einer Stadt oder auch eines Staates zu organisieren, und zwar eine ziemlich umfangreiche Beamtenschaft. Und es gibt spezialisierte Personen, die eben das Gerichtswesen kennen, es gibt Händler, die zwischen den Städten agieren, aber auch Händler, die bis in das Indusgebiet oder in die heutige Türkei hoch Handel betreiben. Und es gibt natürlich die Menschen, die vor Ort arbeiten, die Schafzucht übernehmen, die Landwirtschaft, das Fischen oder auch den Bootsbau, also alles das, was wir uns im Prinzip unter Handwerk vorstellen würden ist dann auch da.
Musik 9
"Ice Glass" - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'54
Erzähler:
Frauen waren Ende des 3. Jahrtausends, Anfang des 2. Jahrtausends vor Chr. in der mesopotamischen Gesellschaft vergleichsweise gleichberechtigt, sie konnten handeln oder auch erben.
11. Zsp.: (Margarete van Ess)
Sie sind dennoch etwas zweitrangig, das sieht man gerne mal an Lohnlisten, da verdienen Frauen einfach weniger als Männer, das kennen wir ja auch. Aber sie sind nicht inexistent. Sie sind durchaus ganz normal auf den Feldern, in der Produktion tätig, sie spielen auch durchaus eine Rolle als Priesterinnen, manchmal auch in sehr hoher Funktion. Und sie können auch am Königshof eine große Rolle spielen, allerdings Königinnen gibt es in dieser Zeit eigentlich nicht.
Musik 10
"Wave" - Komponist: Tod Dockstader - Album: Aerial 3 - Länge: 1'08
Erzähler:
Zentrale Aufgabe altmesopotamischer Herrscher war die Vermittlung zwischen Menschen und Göttern. Der König erhält seine Befehle laut Staatsverständnis von den Göttern. Aber die legendären Herrscher von Uruk wie Emmerkar, Lugalbanda und Gilgamesch wurden auch wie Götter verehrt. Bis heute berühmt ist vor allem der sagenhafte König Gilgamesch, dessen Heldentaten im gleichnamigen Epos verewigt sind, im ältesten literarischen Text der Weltgeschichte.
Erzählerin:
Ob es sich bei Gilgamesch um eine reale oder doch eher literarische Figur handelt, ist nicht gesichert.
12. Zsp.: (Margarte van Ess)
Er vollbringt dann alle möglichen heroischen Taten, also zum Beispiel holt er Zedernholz aus dem Libanon-Gebirge, er kämpft gegen den Himmelsstier, alles Mögliche und er sucht zum Schluss nach dem ewigen Leben, nachdem sein Kompagnon Enkidu verstorben ist. Und stellt dann fest, das gibt es für ihn als menschliches Leben nicht, aber was bleiben wird, sind seine Taten und seine Bauwerke, die er geschaffen hat.
Musik 11
"North of the Wall" - Album: Game of Thrones (Music from the HBO Series) - Komponist: Ramin Djawadi - Länge: 0'45
Erzähler:
Die Mauer von Uruk etwa, die ihm zugeschrieben wird. Ein gigantisches Bauwerk, errichtet um das Jahr 2900 vor Chr. Die Mauer ist 9,3 Kilometer lang, bis zu acht Meter breit, an der engsten Stelle etwa fünf Meter. Sie muss etwa acht Meter hoch gewesen sein, und wurde von Bastionen verstärkt.
Erzählerin:
Ein Bauwerk der Superlative, Fortifikationsanlage und Ausdruck des Selbstbewusstseins von Uruk.
13. Zsp.: (Margarete van Ess)
Wir haben einmal ausgerechnet, dass es um die 300 Millionen Ziegel gewesen sein müssen – mindestens. Soweit wir das im Moment erkennen können, ist das vermutlich relativ schnell auch fertig gewesen und dann Mitte des 3. Jtd. vor Chr. immer wieder erweitert worden. Es mag sein, dass das von einer Person in die Wege geleitet und auch umgesetzt worden ist, 300 Millionen Ziegel in die Wege zu leiten, ist so fürchterlich aufwendig nicht. Also das ist keine Arbeit, für die man Jahrzehnte braucht, schon ein paar Jahre, immer in den Sommermonaten, wenn man die Bevölkerung dazu anhalten kann, an einem Gemeinschaftswerk mitzuarbeiten. Und vor allem, wenn man organisieren kann, wo man welche Menschengruppen denn einsetzt, also es ist vor allem ein gigantisches logistisches Problem, so etwas zu machen.
Erzählerin:
Insofern ist die Geschichte von Gilgamesch, der als Erbauer der Mauer von Uruk gilt, durchaus verständlich. Das Bauwerk schien in seiner Imposanz eher in den Tatbereich der Götter zu fallen als in den der Menschen.
Erzähler:
Anfang des 3. Jtd. werden auch andere Städte groß in Mesopotamien. Aus früheren Partner entwicklen sich konkurrierende Gegner;- eine schützende Mauer scheint daher durchaus sinnvoll gewesen zu sein. Aus Epen und späteren Texten weiß man, dass es zu Kriegen zwischen den Städten gekommen war.
14. Zsp.: (Margarete van Ess)
Eine Stadtmauer ist aber tatsächlich auch dafür da, die Potenz derjenigen anzuzeigen, die sie gebaut haben, also den König oder auch die Menschen, die es getan haben. Sie ist auch ein Schutz gegen wilde Tiere oder eine Zollgrenze, sie ist alles Mögliche. Und als solche hat sie auch bis zum Ende gedient, also sie ist nicht irgendwann kaputt gegangen, wir finden sie in den Keilschrifttexten bis in die Suleukidenzeit, das ist bis in das 3. und 2. Jahrhundert vor Christus. Und meine archäologischen Reste zeigen mir, dass sie auch später noch existiert hat. Das heißt, sie war immer da, man sah sie, man wusste, wo sie ist, man wusste, wo die Stadt anfängt, wo sie aufhört, es gibt ein draußen und drinnen, insofern hat sie immer Bedeutung gehabt und schon im alten Mesopotamien haben sich die Menschen immer daran erinnert, dass dieses gewaltige Bauwerk eben die Großtat von Uruk war.
Musik 12
"Atmosphere in B Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Album: Succession: Season 2 (Music from the HBO Series) - Länge: 1'18
TC 21:48 – Die erste Metropole der Menschheit
Erzähler:
Uruk war die erste Metropole der Menschheit. Ein verdichteter Kulturraum, in dem Menschen erstmals urbanes Zusammenleben erprobten. Sie waren angewiesen auf Kooperationen und pragmatische Lösungen, beides unabdingbare Voraussetzungen für ein Miteinander.
Erzählerin:
Zusammenhalt unter den Menschen stifteten zu Beginn Religion und intensive wirtschaftliche Beziehungen. Später kam viel Stadtstolz auf Uruk hinzu und eine Fülle an kulturellen Wechselbeziehungen – bis heute der Nährboden für Innovationen, Dynamik, Lebendigkeit.
All das hatte aber auch seine Schattenseiten, das Leben in der Stadt führte zu Krankheiten und Seuchen, Versklavung, Gängelung, Konkurrenz und Kriegen.
Erzähler:
Die letzte Blütezeit in 5000 Jahren Urbanismus erlebte Uruk unter den Seleukiden zwischen 200 und 44 vor Christus. Sie ging einher mit der Errichtung neuer Monumentalbauten für die altorientalischen Götter. An wegweisender Bedeutung verlor Uruk erst, als die Handelswege andere Routen einschlugen.
Musik 13
"Bach/Caine: Goldberg Variations - The Eternal Variation" - Komponist: Uri Caine - Album: Bach: Goldberg Variations [Disc 2] - Künstler: Uri Caine Ensemble - Länge: 0'43
Erzählerin:
Bis in das 4. Jahrhundert nach Christus war die erste Metropole der Menschheit belebt. Dann verlandete das fruchtbare Sumpfland infolge weitreichender klimatischer Veränderungen. Die Menschen fanden kein Auskommen mehr und zogen weg. Auch heute noch ist Warka staubig und trocken. Eine Wüste. Aber zugleich einer der genialsten und fruchtbarsten Orte der Menschheit: Die Erfindungen in Uruk prägen schließlich bis heute unser Leben.
TC 22:25 – Outro
Ihr Leben liest sich wie die Vorlage für einen Kinofilm: Die Deutsch-Argentinierin Tamara Bunke lebt zunächst in der DDR als systemtreue und sozialistisch geprägte junge Frau. Doch als ihr 1960 der Job als Dolmetscherin für den kubanischen Revolutionshelden Che Guevara zufällt, beginnt sie sich immer mehr für die Vorgänge in Kuba zu interessieren. Es beginnt ein Leben als Geheimagentin im Kugelhagel. Am 8.3. ist Internationaler #frauentag 2024.
Credits
Autorin: Gerda Kuhn
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Oliver Rump, Dr. Gerd Koenen
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2023): Warum Frauen die besseren Spione sind
Als Doppelagentin führte Lily Sergueiew die Nazis 1944 in die Irre. Ein neues Sachbuch erzählt von ihr und anderen mutigen Spioninnen. Die Journalistin Corinna von Bassewitz berichtet in ihrem Buch, wie sie ihren Vater als Agent enttarnte. ZUM BEITRAG
WDR Hörspiel (2022): Monika La Guerrillera – Die Frau, die Che Guevara rächte
Am 9. Oktober 2022 jährte sich der Todestag von Che Guevara zum 55. Mal. Das Doku-Hörspiel erzählt die Geschichte seines Scheiterns in Bolivien - und die Story der Frau, die seinen Tod rächte: Monika Ertl, Tochter des NS-Filmers Hans Ertl. JETZT ANHÖREN
Deutschlandfunk (2024): Revolution auf Kuba – Als Fidel Castro die Macht übernahm
Am 1. Januar 1959 wurde Kuba ein anderes Land: Vor 65 Jahren stürzte Revolutionär Fidel Castro den bisherigen Machthaber Batista. 49 Jahre lang führte Castro Kuba als "Maximo Líder". Doch die anfängliche Euphorie der Kubaner hielt nicht lange an. Kath, Andrea. HIER anhören.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 04:06 – Die Vorzeige-Genossin
TC 06:16 – Eine schicksalhafte Begegnung
TC 09:47 – Agentenleben
TC 12:43 – Alleinsein, Angst und Auflösung
TC 18:38 – Der Anfang vom Ende
TC 22:21 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Was treibt jemanden dazu an, alles aufs Spiel zu setzen? Persönliche Sicherheit, Freunde, Heimat, vielleicht sogar die Zukunft mit einem geliebten Menschen? Für Tamara Bunke, geboren 1937 in Argentinien, gestorben 1967 im bolivianischen Dschungel, war vermutlich die stärkste Triebfeder für alles, was sie auf sich nahm, eine romantische Vorstellung vom Wesen der Revolution.
ERZÄHLER:
Tamara Bunke, die später unter dem Namen „Tania la Guerillera“ einen Ehrenplatz im Helden-Olymp der internationalen Linken erhalten sollte, träumte wie Kubas Revolutionsheld Che Guevara den Traum von der Befreiung Lateinamerikas. Wie Domino-Steine sollten rechte Diktaturen nacheinander stürzen und freie, gerechte Gesellschaften entstehen, geprägt vom Typus eines neuen, solidarischen Menschen. Kuba, so die Vision der beiden Revolutionäre, sollte dabei als Fackelträgerin der übrigen Welt vorangehen.
1. O-Ton Rump
Tamara Bunke war eine sehr starke Persönlichkeit, sehr lustig, freundlich, aufgeschlossen; hat durch den ersten Eindruck überzeugt und Leute gewonnen; hatte eindeutig eine eigene Meinung… das heißt, es war ihre Meinung, dass sie für den Sozialismus, für die Freiheit, für die Gerechtigkeit … eingestanden hat und gekämpft hat …
ERZÄHLERIN
Professor Oliver Rump von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Der Historiker mit dem Fachbereich Museumsmanagement kam auf ganz besondere Weise mit dem Fall Tamara Bunke in Berührung:
2. O-Ton Rump
Ich habe ein Kuba-Projekt an der HTW Berlin, das heißt Mugoku, da geht es um die Erhaltung von historischem Kulturgut auf Kuba, besonders Archivgut, und in dem Zusammenhang haben wir einen Logistik-Partner, das ist Cuba Si; eine Arbeitsgruppe bei der Partei Die Linke, und darüber habe ich erfahren, dass der Nachlass von Tamara Bunke in dem Gebäude der Partei „Die Linke“ sich im Keller befindet.
ERZÄHLER
Große Weltgeschichte – am Ende verwahrt in einem Berliner Keller. Doch dort sollte der Nachlass der deutsch-argentinischen Revolutionärin nicht bleiben:
3. O-Ton Rump
Dann wurde ich eben daraufhin sehr neugierig, was da so liegt. Dann habe ich noch erfahren, dass Hans Modrow, der Ehrenvorsitzende der PDS, bei der Buchmesse in Havanna dieses Material, diesen Nachlass von Tamara Bunke, übergeben sollte; und ich als Historiker habe dann gesagt: So schnell kann das eigentlich nicht gehen, wir müssten uns eigentlich das Material noch einmal vornehmen, sichten und aufarbeiten, um daraus vielleicht noch neue Schlüsse zu ziehen. Und dem wurde dann auch stattgegeben und so ist der Nachlass in mein Büro gekommen.
ERZÄHLERIN
Genau genommen war es der Nachlass von Tamaras Mutter, Nadja Bunke; sie war 2003 verstorben und hatte „Cuba Si“ die persönlichen Gegenstände aus dem Besitz ihrer Tochter übergeben.
ERZÄHLER
Was der deutsche Historiker Oliver Rump auch im Rahmen eines Studenten-Projektes erarbeitete, ist heute in Kuba zu sehen - in der revolutionsgeschichtlich wichtigen Stadt Santa Clara. Dort war für Che Guevara eine Gedenkstätte errichtet worden. Sie wurde später um ein Mausoleum ergänzt – als die zunächst anonym verscharrten Leichen des Revolutionshelden und seiner Mitkämpfer zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod doch noch in Bolivien entdeckt wurden. Hans Modrow, der letzte Ministerpräsident der DDR, war 2014 zur Übergabe von Tamaras Hinterlassenschaften nach Kuba gereist. Ihre Uniform, Notizbücher, Schulhefte, Zeugnisse und weitere Dokumente sind heute in der Gedenkstätte “Comandante Ernesto Che Guevara” ausgestellt.
MUSIK
TC 04:06 – Die Vorzeige-Genossin
ERZÄHLERIN
Doch noch einmal zurück, in die Zeit, als Tamara Bunke noch nicht wusste, dass sie einmal als „Tania la Guerillera“ weltweit zu einer Ikone der revolutionsbewegten Linken aufsteigen würde. Sie wächst in ihrem Geburtsort Buenos Aires auf. Dorthin waren ihre Eltern, überzeugte Kommunisten, vor den Nationalsozialisten geflohen. 1952 zieht die Familie zurück nach Deutschland, genauer gesagt in die Deutsche Demokratische Republik, und wohnt unter anderem in Eisenhüttenstadt, der ehemaligen DDR-Vorzeigesiedlung Stalinstadt.
5. O-Ton Gerd Koenen
Und da kommen sie ja nun im heikelsten Moment…also 1952, da läuft in der DDR eine ganz finstere Kampagne … genau gegen die West-Emigranten, zu denen sie dazu gehörten …auch noch jüdisch, die Mutter jedenfalls ... also das war ja eine ganz düstere Stalinzeit ... mit Kosmopoliten-Verfolgung … wo dort auch ein Schauprozess für 1953 vorbereitet wird … und darauf reagieren sie - und das tut Tamara aber auch - mit einer Art Überanpassung … also sie sind 150 prozentig … sie stellen sich total zur Verfügung ...
ERZÄHLER:
Der Marxismus-Kenner und Historiker Dr. Gerd Koenen. In seinem Buch „Traumpfade der Weltrevolution. Das Projekt Guevara“ spürt er auch dem Leben von Tamara Bunke nach, das ab einem bestimmten Zeitpunkt auf tragische Weise mit Guevaras letzter revolutionärer Mission verknüpft war.
Musik
ERZÄHLERIN:
Die junge Tamara - sie ist bei der Rückkehr 14 Jahre alt - wird in ihrer neuen Heimat rasch zur Vorzeige-Genossin. Sie arbeitet aktiv in der Freien Deutschen Jugend FDJ und wird Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SED. Als Tochter eines Turnlehrers ist sie einerseits eine vielseitige Sportlerin und lernt auch Schießen, andrerseits hat sie auch musische Interessen, spielt Akkordeon und Gitarre und sammelt lateinamerikanische Folkloremusik. Nach dem Abitur immatrikuliert sie sich am Romanistischen Institut der Berliner Humboldt-Universität.
TC 06:16 – Eine schicksalhafte Begegnung
ERZÄHLER:
Tamara ist bereit, mit aller Kraft am Aufbau des ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaats mitzuhelfen. Trotzdem bleibt ein Stück Fremdheit. Sie vermisst im grauen DDR-Alltag die lateinamerikanische Lebensfreude, vieles erscheint ihr steif und verknöchert. Irgendwann wird es der jungen Frau zu eng und zu stickig. Sie will zurück in ihre argentinische Heimat, aber ihr Ausreiseantrag wird zunächst abgelehnt. Doch eine schicksalhafte Begegnung steht ihr bevor:
6. O-Ton Gerd Koenen:
…da kommt eben dieser Besuch von Guevara, damals noch als Industrieminister im Jahr 1960 in der DDR, und da ist sie seine Übersetzerin …begibt sich in das Gefolge von ihm …er nahm sie ernst und sagte – als er hörte, wo sie herkam – du kommst aus Argentinien? Willst du dich nicht unserer kontinentalen Revolution anschließen? Das hat sie dann wirklich elektrisiert.
ERZÄHLERIN
Jetzt steht für Tamara endgültig fest: Sie wird nicht länger in der DDR bleiben. Doch sie kann nicht einfach das Land verlassen. Trotzdem schafft sie es über eher dubiose Umwege, an Bord eines Flugzeuges nach Havanna zu gelangen – und dort den Platz einzunehmen, der eigentlich für ein Mitglied des kubanischen Nationalballetts bestimmt war, das zu diesem Zeitpunkt in der DDR gastierte.
7.O-Ton Gerd Koenen
Ich glaube, da war ein gutes Stück Eigenmächtigkeit bei ihr dabei …. ich habe ja auch mit Mischa Wolf, dem Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, noch sprechen können …und es war ja Tatsache, dass der DDR-Geheimdienst schon versucht hatte, sie für eine Agentenkarriere in Lateinamerika zu gewinnen, mit falschen Papieren, und sie dann – das war der Plan – sie in die USA einzuschleusen, in die exilkubanischen communities dort….
Musik
ERZÄHLER
Mit ihrer Ausreise schafft Tamara Fakten. Die 23-jährige trifft im Mai 1961 auf der Karibikinsel ein und stürzt sich kopfüber in ihr neues revolutionäres Leben. Erst rund zwei Jahre zuvor hat Fidel Castro die Macht übernommen, vieles ist noch im Auf- und Umbruch. Tamara engagiert sich bei der Zuckerrohrernte, bei der Arbeit in den Parteikomitees, beim Internationalen Studentenbund und als Dolmetscherin. Nächtelang diskutiert sie mit ihren neuen Bekannten:
8. O-Ton Koenen
Ich hab ja auch eine ihrer kubanischen Freundinnen sprechen können, die sagte, die hat uns überhaupt erst den Marxismus-Leninismus beigebracht, wir hatten doch davon gar keine Ahnung…
ERZÄHLERIN
Schließlich wird sie in die Revolutionäre Miliz Kubas aufgenommen – und trägt von nun an stolz Uniform. Ihren in der DDR zurückgebliebenen Eltern schreibt sie mitten in der Kubakrise 1962 voller Begeisterung, es gebe nichts Schöneres, als sich dort zu befinden, wo der revolutionäre Kampf am härtesten sei.
ERZÄHLER
Tamara nimmt ihr Sprachenstudium wieder auf, macht erste journalistische Erfahrungen und steht überall dort zur Verfügung, wo Organisationstalent und Entschlossenheit gebraucht werden. Diese Qualitäten sind auch beim kubanischen Geheimdienst gefragt:
9. O-Ton Koenen (Che hatte Idee, sie zu rekrutieren)
… dann kam sie dort wieder in das Umfeld von Guevara …über Feste der argentinischen Landsmannschaft … er hat wohl auch von sich aus die Idee gehabt, sie zu rekrutieren, denn Che war seinerseits auf dem Absprung.
TC 09:47 – Agentenleben
ERZÄHLERIN
Der Argentinier Che Guevara, der Seite an Seite mit Fidel Castro gekämpft hat, nimmt bereits Kurs auf das nächste Etappenziel des Projekts Weltrevolution. Es liegt im Herzen von Afrika, im Kongo. Doch hier wird er scheitern, und dann seinen alten Traum von der Befreiung ganz Lateinamerikas wiederaufleben lassen:
10. O-Ton Gerd Koenen
Für Guevara gab es dieses romantische Projekt: Er selbst wird sozusagen das Feuer einer Weltrevolution anstecken und wenn nicht in Afrika, dann eben im Herzen von Lateinamerika. Das war ein Projekt, für das meines Erachtens Tamara Feuer und Flamme war.
ERZÄHLER
Tamara soll helfen, Guevaras nächstes großes revolutionäres Projekt mitvorzubereiten. Als künftige Agentin durchläuft sie zunächst eine umfassende Grundausbildung. Sie übt den Umgang mit Funkgeräten, mit toten Briefkästen, das Abschütteln von Verfolgern. Schnell wird klar, Tamara ist für hohe Aufgaben geeignet. Für allerhöchste sogar.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLERIN
Ausgebildet wird sie von dem afro-kubanischen Geheimdienst-Offizier Ulises
Estrada. Er ist der Grund dafür, dass die sonst so disziplinierte junge Frau ausnahmsweise gegen einen Befehl verstößt: Sie und der verheirate Familienvater Estrada werden ein Liebespaar. Doch intime Beziehungen sind im Geheimdienst untersagt. Die Affäre hat Konsequenzen: Estrada muss Tamaras weitere Ausbildung an einen anderen Offizier abgeben. Er darf sie weder zur Schulung nach Prag noch nach Bolivien begleiten, wo Guevara nun die nächste Revolution starten will. Die Trennung ist offenbar für beide hart.
ERZÄHLER
Tamara soll unter falscher Identität in Bolivien ein konspiratives Netzwerk aufbauen. Von Prag aus reist sie in mehrere europäische Städte, um verschiedene Identitäten auszuprobieren. Schließlich wird aus Haydée Tamara Bunke Bider – so ihr vollständiger Name - die deutsch-argentinische Musik-Ethnologin Laura Gutiérrez Bauer. Ihr revolutionärer Deckname ist künftig „Tania“ – sie wählt ihn im Gedenken an eine ermordete sowjetische Partisanin.
ERZÄHLERIN
Tamara alias Tania alias Laura macht ihre Sache gut. Nach ihrer Ankunft in Bolivien im November `64 lebt sie sich rasch ein. Sie findet Zugang zur Oberschicht und gibt Deutschunterricht – unter anderem den Kindern des Präsidenten. Ihre Tarnung als Musikethnologin verschafft ihr die Möglichkeit, unauffällig durch Bolivien zu reisen und das Land zu erkunden. Um ihre Einbürgerung zu erleichtern, heiratet sie einen bolivianischen Studenten, dem sie kurz darauf ein Stipendium in Bulgarien besorgt, um sich später wieder von ihm scheiden zu lassen.
TC 12:43 – Alleinsein, Angst und Auflösung
ERZÄHLER
So routiniert und versiert ihr Agentenleben im Nachhinein auch wirkt – die beiden Jahre undercover in Bolivien sind gleichzeitig auch Jahre der Einsamkeit und der ständigen Angst vor Entdeckung. Fast ein Jahr lang hat sie keinen Kontakt zu Kuba. Endlich, im Jahr 1966, ist die Zeit der Isolation vorbei. Che Guevara gibt grünes Licht – und Tania beginnt mit der unmittelbaren Vorbereitung des Guerilla-Kampfes. Sie mietet Häuser als Lagerräume und Übernachtungsmöglichkeit an, kauft Waffen und Proviant ein und empfängt die ersten freiwilligen Kämpfer.
ERZÄHLERIN
Im November trifft dann auch Che Guevara ein, der mit Hilfe kubanischer Geheimdienst-Experten sein äußeres Erscheinungsbild völlig verändert hat. Doch Bolivien ist nicht Kuba. Es gibt keine Landbevölkerung, die nur darauf gewartet hat, von dem berühmten Revolutionshelden befreit zu werden. Und: Der moskaukritische Guevara hat auch nicht die Unterstützung der linientreuen bolivianischen Kommunisten:
12 O-Ton Gerd Koenen:
Das hat ja mit zum Scheitern der Guevara-Operation beigetragen, dass auch die eingesessene bolivianische KP mit absolutem Misstrauen betrachtet hat, was dort der Che für Leute zusammenholt, sie wussten ja gar nichts darüber.
ERZÄHLERIN
Tania bringt auch Besucher ins Dschungel-Lager; sie sollen für Guevara in Europa Solidaritäts-Kampagnen organisieren. Einer von ihnen ist der kommunistische Philosophie-Student Régis Debray. Als er mit Tania und einem weiteren Gast im Lager ankommt, ist Guevara unterwegs zu einer mehrwöchigen Erkundungstour. Tania beschließt, zu bleiben und auf seine Rückkehr zu warten - eine Entscheidung, die Guevara später scharf kritisiert. Denn nun sind die Rebellen ohne jeden Kontakt nach außen.
MUSIK
ERZÄHLER
Inzwischen gibt es Auflösungs-Tendenzen: Deserteure setzen sich ab und verraten dem bolivianischen Militär wichtige Details. Immer enger wird die schrumpfende Truppe eingekreist. Was der Commandante erst jetzt erfährt: Tania hat vor der letzten Fahrt ins Rebellen-Camp in der Kleinstadt Camiri ihren Jeep zurückgelassen – und in ihm wichtige Unterlagen und Adressen. Als das bolivianische Militär das Fahrzeug entdeckt, dauert es nicht lange, und Tania ist enttarnt. In seinem berühmten „Bolivianischen Tagebuch“ hält Che resigniert fest: Zwei Jahre Vorbereitungsarbeit waren nun letztlich umsonst.
ERZÄHLERIN:
Doch wie ist es zu erklären, dass Tania offenbar alle Sicherheitsvorschriften missachtet hat? Ist es wirklich vorstellbar, dass eine Top-Agentin in ihrem Auto überlebenswichtige Informationen einfach vergisst? Wild wuchernde Spekulationen ranken sich um diese Frage. Sie sei in Wirklichkeit eine Mehrfachagentin gewesen, lautet eine davon, und der sowjetische KGB habe sie gezwungen, Che‘s Projekt scheitern zu lassen; sie sei todkrank gewesen, so eine weitere These, und habe deshalb bewusst oder unbewusst ihren Tod herbeigesehnt. Der Historiker Gerd Koenen glaubt an eine andere Version:
14 O-Ton Koenen
Sie hielt die ganze Rolle in La Paz, wo sie immer in der Maske eines Society girls auftreten musste, das hielt sie meines Erachtens nicht aus. Sie hat im Grund diese Doppelrolle, in die sie da gedrängt werden sollte, nicht ertragen und insofern glaube ich, dass das eine befehlswidrige, spontane Tat war, dass sie da runtergefahren ist und versucht hat, selber zur Guerilla hinzukommen. …
ERZÄHLER
Trotzdem halten sich – befeuert durch Filme und Bücher – bis heute hartnäckig Gerüchte, Tania und Che seien auch privat ein Paar gewesen. Gestreut wurden sie vermutlich auch von der CIA. Für Gerd Koenen eine abwegige Spekulation:
15 O-Ton Koenen
Nein, im Gegenteil…. Che lebte sowieso in der schweißigen Welt seiner Männer… er hatte dann noch in Kuba seine Kinder und seine Frau …aber das war nur so ein Außenpunkt …er war absolut jemand, der im Feldlager unter Männern lebte, und da störte sie doch einfach …sie brachte die innere Stabilität der Truppe durcheinander.
16 O-Ton Koenen
… aber das ist dann eben die melancholische Seite der Sache, dass sie da gar nicht reinpasste.
ERZÄHLERIN:
Seit der Entdeckung von Tanias Jeep gibt es für sie kein Zurück: sie muss mit der Truppe weiterziehen. Die tagelangen Märsche erschöpfen sie, ihre Ausrüstung ist unzulänglich, in den zu großen Stiefeln läuft sie sich die Füße blutig:
17 O-Ton Koenen
…sie wollte selber dabei sein und konnte dann auch nicht mehr raus. Und Che hat sie dann auch … indem er sie zur Nachhut, zur Gruppe der Unzuverlässigen einteilte, und weil sie ja auch schon sehr schnell bei diesen Gewaltmärschen nicht mithalten konnte …. er hat sie im Grunde degradiert … das muss man sehen….
ERZÄHLER:
Vermutlich wissen sowohl Che als auch Tania, dass das Unternehmen gescheitert ist:
18 O-Ton Koenen
Und insofern gleicht das Ganze einem Todesmarsch in das sichere Verderben, und das macht für mich auch das Pathos dieser ganzen Geschichte aus, warum es so ein lateinamerikanisches Epos ist. Es gibt so eine Art der heroischen Vergeblichkeit, man schaut dem Tod ins Auge und setzt irgendwie darauf, dass man Anschluss findet, an irgendwelche anderen Kräfte, aber die gab es da ja gar nicht.
MUSIK
TC 18:38 – Der Anfang vom Ende
ERZÄHLERIN:
Das Ende kommt in Etappen: Ein Bauer verrät die Nachhut an das bolivianische Militär. Am 31. August 1967 ist es soweit: Als die Rebellen den Rio Grande durchwaten, werden sie von Kugeln durchsiebt. Einige der Guerilleros sind sofort tot, andere verwundet. Auch Tania wird tödlich getroffen; ihr Körper wird vom Fluss davongetrieben und Tage später gefunden.
ERZÄHLER
Es gibt Berichte, wonach sich in ihrem Rucksack auch ein wasserdicht verpackter Brief an ihre Eltern befunden hat, in dem Tania Gefühle der Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit schildern soll. Ob das Schreiben tatsächlich existiert hat, bleibt offen.
ERZÄHLERIN
Tamara Bunke wusste womöglich am Ende nicht mehr, wofür sie eigentlich kämpfte:
20 O-Ton Koenen
Sie verlor sich selbst.
ERZÄHLER
Che Guevara stirbt wenige Wochen später. Auch seine Einheit muss sich Anfang Oktober dem bolivianischen Militär ergeben. Der einstige Revolutionsheld wird wenige Stunden später exekutiert. Warum hatte Kubas Staatschef Castro nicht wenigstens versucht, seinen ehemaligen Waffenbruder in Sicherheit zu bringen?
21 O-Ton Koenen
Ich glaube, er wollte nicht wieder raus. Guevara war der Typ, der sein Leben auf eine Karte setzte. Das Ganze hatte auch ein poetisches Flair. Guevara lebte im Grund auch in einer Welt der Literatur. Als Don Quichote der Weltrevolution hat er sich ja selbst stilisiert und er wollte dort zeigen, dass es geht.
ERZÄHLERIN:
In der DDR wird die Nachricht von Tanias Tod erst einmal verschwiegen. Doch ihre Mutter Nadja Bunke kämpft unermüdlich für das Gedenken an ihre Tochter. Sie erreicht, dass eine Todesanzeige erscheint und eine Trauerfeier stattfindet. Und sie schreibt ein Buch - zusammen mit Tanias ehemaligem Freund, Ulises Estrada.
Irgendwann muss Ostberlin nachgeben und die Tote zumindest posthum zur Heldin aufwerten, wenn auch zu einer ungeliebten und schwierigen.
ERZÄHLER
Ganz anders auf Kuba. Je länger Che tot ist, desto mehr wird er glorifiziert, und mit ihm auch Tania.
22 O-Ton Koenen
Es war Castro dann, der dieses Erbe aufgenommen hat, und 1968 verkündete, nach Ches Tod, zu den jungen Menschen auf Kuba: Wenn ihr wissen wollt, wie der neue Mensch aussieht, dann schaut auf Guevara, und in dieses Gruppenbild der Guerilleros, das dann heroisch aufgemacht wurde, da passte sie dann natürlich ganz perfekt hinein, ein weibliches Gesicht, Tania la Guerillera, die sozusagen zur Rechten des Che in Santa Clara im Mausoleum liegt … also Gruppenbild mit Dame.
MUSIK hoch und darunter
ERZÄHLERIN:
Die Geschichte der Dame ist aber in Wirklichkeit wohl eher die tragische Geschichte einer jungen Frau…
23 Koenen
…. die aus dieser Enge der DDR rauswollte, und die zurück zu ihren lateinamerikanischen Wurzeln wollte, die ganz von dieser Romantik dieser kubanischen Revolution und der weltrevolutionären Mission, die man da nochmal hatte, angesprochen war und dann aber eben in diesem ganzen Projekt, diesem Guevara-Projekt, eben nur eine ziemlich dienende Rolle und letztlich für sie selbst bittere Rolle gespielt hat. (Stimme oben)
ERZÄHLERIN:
Die Rolle einer Guerillera, die einen hohen Preis für ihren Traum von Freiheit und von einer gerechten Welt bezahlte.
TC 22:21 – Outro
Weil sie das Geld für ihren kranken Sohn benötigt, lässt sich die indigene Näherin Ada Blackjack auf eine halsbrecherische Arktis-Expedition ein. Mit vier jungen und unerfahrenen Männern bricht sie im Jahr 1921 in Nome, Alaska, auf. Zunächst verläuft alles nach Plan, doch dann bleibt das lang ersehnte Rettungs-Schiff im Eis stecken, die Nahrung wird knapp und die gefürchtete Seefahrer-Krankheit Skorbut bricht aus. Am 8.3. ist Internationaler #frauentag 2024.
Credits
Autorin: Karin Becker
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Christian Jungwirth, Rahel Comtesse, Christian Schuler, Karin Schumacher
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Diane Glancy
Linktipps:
Deutschlandfunk (2022): Schulen, die zur Hölle wurden
Tausende indigene Kinder wurden zwischen 1870 und 1996 in Kanada von ihren Familien getrennt und in Internaten untergebracht. Oft wurden sie dort sexuell missbraucht, viele starben. Die Aufarbeitung dieses Kapitels der kanadischen Geschichte hat erst begonnen – und wird die Gesellschaft noch lange beschäftigen. JETZT ANHÖREN
rbb (2024): Expedition Arktis – Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis.
Es ist die größte Arktis-Expedition aller Zeiten: Im September 2019 macht sich der deutsche Eisbrecher "Polarstern" auf den Weg zum Nordpol. An Bord: die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihrer Generation. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2013): Vom Leben mit abschmelzenden Eisbergen
Welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Leben der Inuit hat, will der Buchautor und TV-Journalist Klaus Scherer deutlich machen. Von den Bewohnern der Arktis ließ er sich erzählen, wie sie mit der Klimaerwärmung leben. Viele müssen alte Gewohnheiten aufgeben. Zum Interview geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:30 – Eine fragliche Expedition
TC 04:14 – Erste Zweifel
TC 07:35 – Keine Rettung in Sicht
TC 13:11 – Alles für mein Kind
TC 16:13 – Eine glückliche Wendung
TC 19:57 – Zurück in die bittere Armut
TC 22:48 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
SPRECHER
Die Insel ‚Wrangel Island‘ in der Arktis, 140 Kilometer bis zur sibirischen Küste. Ein Ort - umgeben von Nebel und gefrorenem Meer, bedeckt mit Eis. Eine Tierfalle im Schnee, darin: ein magerer Fuchs in seinen letzten Atemzügen. Ein paar hundert Meter weiter: Zelte. In einem davon liegt die gefrorene Leiche eines weißen Mannes – in einem anderen sitzt eine 25 Jahre alte Iñupiaq, eine Ureinwohnerin Alaskas, und schreibt auf einer Schreibmaschine.
ZITATOR ADA
“I finished my knitted gloves today and I open last biscuit box. The ice is over little below horizon. I thank the lord Jesus and his father.”
OVERVOICE ADA
“Ich habe heute meine Handschuhe fertiggestrickt und die letzte Plätzchendose aufgemacht. Das Eis reicht bis kurz unter den Horizont. Ich danke dem Herrn Jesus und seinem Vater.“
SPRECHER
Ada Blackjack heißt die schmale Person, die da im August 1923 auf ein Rettungsschiff wartet. Die dicken Schollen um die Insel müssen schmelzen, nur dann hat ein Schiff die Chance durchzukommen. Eine waghalsige Expedition hat sie an diesen Ort gebracht. Vier Männer sind bereits tot – Ada Blackjack ist die einzige Überlebende.
MUSIK
TC 01:30 – Eine fragliche Expedition
SPRECHER
Gut zwei Jahre zuvor: Vilhjálmur Stefánsson, ein draufgängerischer Polarforscher und Ernährungswissenschaftler, geboren in Kanada, sucht sich die Mannschaft für eine Expedition auf Wrangel Island zusammen. Offizielles Ziel ist es, die Insel mindestens ein Jahr zu bewohnen und sie damit zu kanadischem Staatsgebiet erklären zu können. Stefánsson ist charismatisch und ehrgeizig, er will mit der Expedition auch seinen Ruhm weiter ausbauen. Der Entdecker pflegt die Theorie der ‚freundlichen Arktis‘, die alles zum Leben bietet, wenn man es nur richtig anstellt. Lockend mit Abenteuer und dem Versprechen, es gäbe auf der Insel reichlich jagbares Wildfleisch, hat er bald eine junge und reichlich unerfahrene Crew zusammengestellt. Er selbst bleibt zu Hause. Allan R. Crawford wird zum Leiter erkoren. Der Kanadier ist zwanzig Jahre alt, Geologiestudent und hat keinerlei Vorerfahrung mit Expeditionen. Mit ihm kommen drei Amerikaner: Errol Lorne Knight und Frederick W. Maurer, beide 28, und Milton Galle, der 20 Jahre alte Sekretär von Stefánsson.
OTON 1
“These four explorers needed somebody to cook and so for them. And Ada was a seamstress. She knew how to sew, to repair Mukluks, that the men wore, those heavy boots, and (…) she could speak English and she was available.”
OVERVOICE OTON 1
“Diese vier Entdecker brauchten jemanden zum Kochen. Und Ada war eine Näherin. Sie konnte nähen und Mukluks reparieren, die die Männer trugen, diese schweren Stiefel. Und sie konnte Englisch und stand zur Verfügung.“
SPRECHER
Diane Glancy, Literatin und Sachbuchautorin, hat sich für ein Buchprojekt lange mit der fast vergessenen Geschichte der Ada Blackjack auseinandergesetzt. Geboren wird sie 1898 an der Westküste Alaskas, in einer abgelegenen Siedlung nahe der Goldgräberstadt Nome. Sie ist Tochter einer indigenen Familie von Iñupiat, Ureinwohnern Alaskas. Ihr Vater stirbt früh. Aus Geldnot wächst Ada in einer von Methodisten betriebenen Missionsschule auf. Dort lernt sie Englisch, lernt schreiben und nähen – alles Dinge, die sie als 23-Jährige für die Expedition interessant machen. Ada Blackjack hat freilich eigene Gründe, die Expedition zuzusagen.
OTON 2
“It was poverty and need and maybe a little longing for escape. Because she lived in poverty in Nome, Alaska, probably sleeping sometimes on the street. She had a husband who deserted her. She had two sons who died and another one lived, but she put him in a mission school (…). It was expedient for her to have money (…).”
OVERVOICE OTON 2
„Armut spielte eine große Rolle und vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht, zu entkommen. Denn sie lebte in bitterer Not in Nome, Alaska, vermutlich übernachtete sie manchmal auf der Straße. Sie hatte einen Ehemann, der sie verließ. Sie hatte zwei Söhne, die starben. Ein weiterer lebte, doch sie musste ihn in eine Missionsschule geben. Geld war für sie wichtig.“
MUSIK
TC 04:14 – Erste Zweifel
SPRECHER
Für Ada Blackjack eröffnet das Expeditions-Honorar von 50 Dollar pro Monat die Chance, ihren Sohn Bennett nach ihrer Heimkehr zu sich zurückzuholen. Aus Geldnot ist er in einem Heim untergebracht. Außerdem hofft sie, mit dem Honorar seine schwere Tuberkulose behandeln lassen zu können. Und so besteigt sie am 9. September 1921 die ‚Silver Wave‘: das Schiff, das die fünf Leute der Expedition nach Wrangel Island bringt. Weitere Iñupiat, die ihr als Teilnehmer angekündigt waren, springen im letzten Moment ab. Vermutlich ist den Native Americans, erfahren was das Überleben im Eis betrifft, die schlechte Vorbereitung der Expedition nicht entgangen. Ada Blackjack, selbst nicht bei ihrem eigenen Volk aufgewachsen, ist also mit den vier jungen Männern alleine. Die Crew hat Verpflegung für ein halbes Jahr dabei – dazukommen soll das Fleisch selbst erlegter Tiere. Ein Schiff, das für das Jahr darauf angekündigt ist, soll sie entweder mit Nachschub versorgen oder aber evakuieren. Kaum am Zielort angelangt, hisst der Expeditionsleiter Allan Crawford den Union Jack und beansprucht die Insel für Kanada. Die Katze der Expedition, Victoria, und die vier Männer beginnen, die Insel in Besitz zu nehmen und ihr Lager aufzuschlagen. Ada hingegen erfasst bei Ankunft ein klammes Gefühl, das sie rückblickend in ihrem Tagebuch beschreibt:
ZITATOR ADA
„When we got to Wrangel Island, the main land looked very large to me, but they said that it was only a small Island. I thought at first that I would turn back, I decided it wouldn’t be fair to the boys so I felt I had to stay.”
OVERVOICE ADA
“Als wir auf Wrangel Island ankamen, sah das Festland für mich sehr groß aus, aber sie sagten es sei nur eine kleine Insel. Ich dachte zuerst, ich würde wieder umdrehen. Ich beschloss, dass das den Jungs gegenüber nicht fair wäre, daher hatte ich das Gefühl, dass ich bleiben musste.“
SPRECHER
Die ‚Silver Wave‘ legt also ohne Ada Blackjack ab und verschwindet am Horizont. In den bald etablierten Inselalltag und ihre Rolle darin findet die junge Frau nur schwer, aus verschiedenen Gründen:
OTON 3
“There's something called Arctic hysteria that some explorers face. When you’re out there in the great nothingness your whole being can sort of collapse on you and you don't know where you are and you are senseless sometimes and she pouted. (…) And sometimes she wouldn't work. She wouldn't sew or wouldn't cook and Lorne Knight told her once (…) if she didn't work, she would not eat. So there was a lot of animosity between them. (…) and they exiled her to her own little tent. (…) and when she was lazy, they said: no wonder your children died. and they would say very hateful things (…). And that didn’t help her attitude, her mind. (…) Another thing is that in native community women are your company and she had no women around her. (…) I think she was trying to treat the men like a community of women. (…) She finally came around and did the work. But she was very temperamental in the beginning and I think they expected her to be like one of the men. And of course she was not, being native and a woman … and young and not used to all of this. And they had camraderie and she was left out of it.”
OVERVOICE OTON 3
“Es gibt ein Phänomen unter Entdeckern, das sich „Arktische Hysterie“ nennt. Wenn Du da draußen im großen Nichts bist, kann dir dein ganzes Sein in sich zusammenfallen und du weißt nicht mehr, wo du bist und du wirst unvernünftig. Ada schmollte. Und manchmal verweigerte sie die Arbeit. Sie nähte nicht, kochte nicht, und Lorne Knight drohte ihr einmal, dass wenn sie nicht arbeitete, sie auch nichts zu essen bekäme. Zudem leben indigene Frauen eng mit anderen Frauen zusammen, aber es gab keine andere Frau. Ich denke, dass sie versuchte, die Männer wie ihre Gemeinschaft von Frauen zu behandeln. Irgendwann kriegte sie die Kurve und machte ihre Arbeit. Aber sie war anfangs sehr launisch und ich glaube, die Männer hatten erwartet, dass sie sich wie einer von ihnen verhielt. Natürlich tat sie das nicht, als Indigene und als Frau… sie war jung und die Situation für sie völlig neu. Und die Männer hatten Kameradschaft und sie war außen vor.“
TC 07:35 – Keine Rettung in Sicht
MUSIK
SPRECHER
Die Männer verbringen ihre Tage mit Jagen, Holzsammeln, Reparaturen. Außerdem haben sie eine Fotokamera dabei und schreiben Tagebuch – Milton Galle hat sich hierfür sogar eine Schreibmaschine mitgebracht. Ada hat mit all dem zunächst nichts zu tun, sie kocht und näht. Anfangs erlegen die Männer und ihre Jagdhunde ausreichend Fleisch für alle – die ‚Friendly Arctic‘ scheint auf Wrangel Island ihr Gesicht zu zeigen. Die ersten zwölf Monate vergehen ohne größere Ereignisse, so wirkt es jedenfalls im erhaltenen Teil der Expeditionstagebücher. Dann erwarten die fünf das Schiff mit Nachschub. Doch das Jahr 1922 bringt Wrangel Island einen kalten Sommer, die Insel bleibt von dicken Eisschollen umgeben. Der von Steffánson losgeschickte Schoner namens „Teddy Bear“ bleibt im Eis stecken und muss unverrichteter Dinge umkehren. Vergeblich warten die fünf auf der Insel, während es wieder Winter wird.
ZITATOR ADA
“Around about November they knew the boat wouldn’t come. About the middle of November we moved up to the west of our present camp, about four miles I think, so they wouldn’t have to haul the wood so far. After we arrived in our new camp I started to sewing skins for the two boys, Knight and Crawford, who were going to take a trip to Siberia.”
OVERVOICE ADA
“Ungefähr im November wussten sie, dass das Boot nicht kommen würde. Irgendwann Mitte November verlegten wir unser Lager weiter Richtung Westen, um circa vier Meilen denke ich, so dass sie das Holz nicht so weit schleppen mussten. Nachdem wir in unserem neuen Lager angekommen waren, begann ich mit Fellen zu nähen, weil die zwei Jungs, Knight und Crawford, vorhatten, nach Sibirien zu gehen.“
SPRECHER
Die beiden Männer wollen sich übers Eis bis nach Sibirien durchschlagen und dort per Telegramm Kontakt mit Stefánsson aufnehmen. Vorher feiern die fünf Festsitzenden auf Wrangel Island noch ein wenig ausgelassenes Weihnachtsfest.
ZITATOR ADA
“At Christmas time we had some Salt seal meat and some hard bread and tea for our Christmas dinner. That time when we had dinner I wondered where I would be if I lived until Next Christmas.”
OVERVOICE ADA
“An Weihnachten hatten wir gesalzenes Seehundfleisch und etwas hartes Brot und Tee als Weihnachtsessen. Als wir beim Abendessen saßen fragte ich mich, wo ich sein würde, wenn ich das nächste Weihnachten erleben würde.“
SPRECHER
Die beiden Männer müssen ihre Reise durchs Eis bald abbrechen: Lorne Knight ist den massiven Anstrengungen körperlich nicht mehr gewachsen. Er zeigt Anzeichen von Skorbut, wirkt zusehends angeschlagen. Die Vorräte im Camp werden knapper und knapper – und die jagbaren Tiere auf der Insel rarer. Und so entschließen sich die drei gesunden Männer der Expedition, Wrangel Island gemeinsam zu verlassen und Hilfe zu holen. Zurück bleiben der kranke Lorne Knight, der bald nur noch liegen kann, und Ada Blackjack. Die junge Iñupiaq ist mit der neuen Situation schlicht überfordert. Nicht nur muss sie sich nun um einen Kranken kümmern und weiter kochen und nähen. Sie ist jetzt auch für den überlebenswichtigen Fleischnachschub verantwortlich.
OTON 4
“When it came time that she had to hunt, the men were looking at her because she was a native woman. She should have known how to hunt. But she said: I was raised in a mission school. I had to depart from my Inuit ways, I didn't know how to hunt. I didn't know how to trap.”
OVERVOICE OTON 4
„Als es soweit war, dass sie jagen sollte, sahen die Männer sie an: sie war indigen, sie erwarteten also, dass sie jagen konnte. Aber sie sagte: Ich bin in einer Missionsschule erzogen worden. Ich musste meine Inuit Kultur verlassen. Ich weiß nicht, wie man jagt. Ich weiß nicht, wie man Fallen aufstellt.“
SPRECHER
Die Männer lassen sie Ende Januar 1923 dennoch zurück und Ada Blackjack, die eine Riesenangst vor Polarbären hat, muss mitten im Eis so schnell wie möglich den Umgang mit Waffen und das Stellen von Tierfallen lernen. Ergiebige Beute wie Bären oder Walrosse macht sie nicht. Zum Überleben bleiben für sie und ihren Patienten vornehmlich ab und an getroffene Enten, Fischöl und das - gerade für einen Kranken - schwer verdauliche Fleisch von Füchsen. In ihrem Tagebuch berichtet Ada Blackjack von ihren ersten Versuchen, einen Fuchs zu fangen. Sie versteckt eine Falle im Schnee - und wartet dann tagelang vergeblich auf Beute, während ihr Patient zusehends hungriger und schwächer wird.
ZITATOR ADA
“I guess I covered them to much and that is the reason why I didn’t get any fox, then I baited it again end just left it on top of the snow didn’t cover it up at all. The next morning I got up and looked out and I saw a fox (….). That was the first one I had caught , and that was on the 22nd of February, 1923. (…) (( In killing them I would take a stick and hit them on the head until I stunned them then I would bend their heads back until I brocke there heck. Then I would take them home and skin them.)) Later in the spring, around April the fox got very scarce, and I couldn’t trap and more at all. After I couldn’t get any more fox, Knight became worse he got very faint every time he moved.”
OVERVOICE ADA
“Ich glaube, ich habe sie zu stark abgedeckt und das ist der Grund warum ich keine Füchse gefangen habe, dann habe ich nochmal einen Köder hineingelegt und ließ die Falle oben auf dem Schnee, ohne sie überhaupt abzudecken. Am nächsten Morgen stand ich auf und sah hinaus und ich sah einen Fuchs. Das war der erste, den ich gefangen habe, und das war am 22. Februar 1923. Später im Frühjahr, ungefähr im April, wurden die Füchse knapp, und ich konnte keine mehr fangen. Als ich keine mehr fangen konnte, ging es Knight schlechter, jede kleinste Bewegung schwächte ihn.“
MUSIK
SPRECHER
Im späten Frühjahr 1923 gibt es auf der Insel kaum mehr jagbare Tiere. Der kranke Lorne Knight kommt mit seiner wachsenden Todesangst und seiner Abhängigkeit von der jungen Frau schlecht zurecht. Immer wieder, so beschreibt Ada Blackjack es in ihrem Tagebuch, beschimpft er sie wüst und macht ihr ungerechte Vorwürfe.
SPRECHER
Auch Ada Blackjack selbst beginnt die Folgen der Mangelernährung zu spüren. Am 2. April 1923 schreibt sie:
ZITATOR ADA
“(…) Knight wants me to go out to the traps but my eye is very ach so I cannot go out when my eye is that way because in evening I could barly stand the ache of my eye and one side of head. If anything happens to me and my death is known (…) I wish if you please take everything to Bennett that is belong to me. I don’t know how mach I would be glad to get home to folks.”
OVERVOICE ADA
“Knight will, dass ich zu den Fallen gehe, aber mein Auge tut sehr weh. Ich kann nicht rausgehen, wenn mein Auge so ist, am Abend konnte ich kaum mehr stehen, weil mein Auge und eine Seite von meinem Kopf so wehgetan haben. Wenn mir etwas zustößt und mein Tod bekannt wird, dann wünsche ich, dass bitte alles, was mir gehört, zu Bennett gebracht wird. Ich wäre so sehr froh, wenn ich zu meinen Leuten nach Hause kommen könnte.“
TC 13:11 – Alles für mein Kind
SPRECHER
Dass wir ihre damaligen Gedanken in dieser verzweifelten Lage heute erfahren und Ada Blackjacks einzigartige Geschichte dadurch ein Stück weit nacherleben können, ist ihrem Tagebuch zu verdanken. Mit dem Schreiben beginnt sie erst, nachdem die drei Männer das Camp verlassen haben – und die Schreibmaschine von Milton Galle, die sie schon länger fasziniert zu haben scheint, unbenutzt herumsteht. Was bringt sie dazu, ein Tagebuch zu führen?
OTON 5
“After those three men left I just think she wanted the presence of herself. (…) And she had a typewriter before her and she had tried to peck on it once. And (…) he wouldn't let her use it. So once he was gone to Siberia, she went to that typewriter and started pecking, to see how these different letters could make the words that she wanted to make. (…) So that was very difficult when you've never typed on a typewriter before and you have this language that is not really yours - English language - and you have to put it on paper.”
OVERVOICE OTON 5
“Nachdem die drei Männer fort waren, denke ich, wollte sie ihre eigene Gegenwart spüren. Und sie hatte da eine Schreibmaschine vor sich stehen. Sie hatte darauf schon einmal versucht, einen Buchstaben zu tippen und er hatte sie nicht gelassen. Also ging sie jetzt, als er auf dem Weg nach Sibirien war, hin und begann zu tippen, um zu sehen, wie diese verschiedenen Buchstaben zu den Worten wurden, die sie schreiben wollte. Das ist sehr schwierig, wenn Du zuvor noch nie auf einer Schreibmaschine geschrieben hast und dann noch in einer Sprache, die nicht wirklich deine ist – englisch – schreibst.“
SPRECHER
Ada Blackjacks Tagebücher sind teils schwer zu lesen, wegen vieler Tipp- und Schreibfehler – englisch war schließlich nicht ihre Muttersprache, sondern Iñupiaq. Großteils beschreibt sie in knappen, fast teilnahmslos wirkenden Sätzen die erledigten Tätigkeiten und Vorfälle des Tages. Was sie gegessen, genäht, gejagt hat. Wie es dem kranken Lorne Knight ergeht. Ihre fatalistische Sachlichkeit ist für sie wohl auch eine Überlebensstrategie. Das Tagebuch gibt noch weitere Hinweise, wie sie die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein im Eis überstehen konnte. Je bedrohlicher die Situation für sie, desto häufiger erwähnt sie ihren Sohn Bennett. Ihn will sie retten, für ihn lohnt es sich, durchzuhalten. Zudem drückt sie im Tagebuch gerade in besonders aussichtslosen Situationen ihren Glauben an Gott aus.
Die rückblickend hoch problematische Christianisierung indigener Kinder in den Missionsschulen Nordamerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch Ada Blackjack widerfahren. Auf Wrangel Island bietet ihr ihr Glauben an Gott jedoch Rückhalt – so sieht es Diane Glancy, die selbst indigene Cherokee-Wurzeln und über Blackjacks Überleben viel nachgedacht hat.
OTON 6
“I think her faith helped her quite a bit (…) and she was native (…). There's something.. survival through hardship is sort of built in to the native, I think, and especially in the north, where the conditions are so harsh, there is a built in survival mode, or a will to survive through hardship. That maybe the men who had had more comfort in their lives, could not tolerate the suffering of the end (…) It was just the strength of Ada. (…) She was a survivor.”
OVERVOICE OTON 6
“Ich denke, dass ihr Glauben ihr ziemlich viel geholfen hat…. und sie war indigen. Da gibt es sowas…. Extreme Lagen überstehen zu können ist den Ureinwohnern besonders zueigen, gerade im Norden, wo die Bedingungen so hart sind. Es ist wie ein Überlebensmodus, oder ein Wille, große Bedrängnis zu überstehen. Ich denke, vielleicht konnten die Männer, die mehr Komfort in ihrem Leben gewohnt waren, das Leiden am Ende nicht ertragen. Es lag einfach an Adas Stärke. Sie war eine Überlebenskünsterlin.“
TC 16:13 – Eine glückliche Wendung
MUSIK
SPRECHER
Die drei Männer, die sich nach Sibirien hatten retten wollen, bleiben auf immer spurlos im Eis verschwunden. Wir wissen nicht, wie weit sie gekommen und woran sie gestorben sind. Es gibt bis heute keinen eindeutigen Hinweis zu ihrem Verbleib. Der skorbutkranke Lorne Knight verbringt über vier Monate, ohne sich auch nur aus seinem Schlafsack bewegen zu können. Zuletzt verliert er seine Zähne und die Fähigkeit zu schlucken. Er stirbt, nur noch Haut und Knochen, am 22. Juni 1923. Auch Ada Blackjack ist zu diesem Zeitpunkt stark geschwächt. Sie vermag es nicht, den bald gefrorenen Leichnam zu bewegen. Die sterblichen Überreste des Lorne Knigth bleiben im Schlafsack liegen, sie selbst zieht in ein anderes Zelt um. Jetzt ist sie ganz alleine.
SPRECHER
Drei Tage später erlegt sie mit glücklicher Hand einen Seehund – es ist das erste frische Fleisch, das sie in Wochen zu essen bekommt. Es rettet ihr vermutlich das Leben. Langsam bricht der Sommer an, jetzt steigt auch die Zahl der jagbaren Tiere auf der Insel, Ada Blackjack kommt wieder zu Kräften. Mit großer Geschicklichkeit findet sie sich im einsamen Alltag zurecht, baut sich etwa eine Plattform, von der aus sie die gefürchteten Polarbären früh erkennen kann. Und auch nach einem Rettungsschiff späht sie von dort aus. Denn der Sommer ist die Zeit, in der ein Schiff kommen kann – wenn es denn kommt. Genau beobachtet Ada Blackjack den Stand der Eisschollen um die Insel und notiert ihn mehrmals in ihr Tagebuch. Im August 1923 lebt sie beinahe schon zwei Monate lang völlig alleine auf der Insel, da fällt ihr etwas auf, was sie zuerst gar nicht ernst nehmen kann:
ZITATOR ADA
„I heard a funny noise like a boat whistle but thought it was a duck or something. It was foggy and I couldn’t see so I didn’t think any more about it until the next morning. I took my book after supper, (…) then I went to sleep. The next morning about six o’clock I heard that same noise again and it sounded more like a boat whistle this time so I grabbed my field glasses and went out on top of my raft, and sure enough there was a boat (…).”
OVERVOICE ADA
“Ich hörte ein seltsames Geräusch, wie das Signal von einem Schiff, aber ich dachte, es sei eine Ente oder sonstwas. Es war neblig und ich konnte nichts sehen, daher dachte ich nicht mehr daran. Am nächsten Morgen um circa sechs Uhr hörte ich das gleiche Geräusch wieder und jetzt klang es mehr nach einem Schiffssignal, also griff ich zu meinem Feldstecher und stieg auf mein Floß und tatsächlich, da war ein Schiff.“
MUSIK
SPRECHER
Am 20. August 1923, nach zwei Jahren in menschenfeindlicher, eisiger Ödnis wird Ada Blackjack gerettet. Sie hat den Kampf ums Überleben gewonnen. Die kleine Frau umarmt ihre Retter, die nach eigener Aussage überrascht darüber sind, in welch gutem Zustand sie Ada Blackjack antreffen. An Bord des Schiffes nimmt sie das erste Bad seit langer Zeit. Mit ihr zurück nach Nome in Alaska reisen Fotos der Expedition, die noch vorhandenen Tagebücher, einige Fuchsfelle und die offensichtlich außergewöhnlich zähe Expeditionskatze Victoria.
Zu Hause angekommen, veröffentlicht der Kapitän des Rettungsschiffes, Harold Noice, einen Zeitungsartikel über Ada Blackjack, der einer Lobeshymne gleichkommt. Als „weiblicher Robinson Crusoe“ wird die Iñupiaq von der Öffentlichkeit bald gefeiert. Sie selbst schweigt dazu, der Rummel liegt ihr nicht. Mit ihrem Expeditions-Honorar jedoch kann sie ihren Sohn, wie geplant, zu sich holen und seine Krankheit behandeln lassen. Es mag wie ein ‚Happy End‘ klingen, doch die Geschichte der Ada Blackjack muss ganz erzählt werden. Denn nach dem Ruhm folgen in Zeitungen Anklage und Verachtung.
TC 19:57 – Zurück in die bittere Armut
ZITATOR SCHLAGZEILE 1
“Spurned Eskimo Woman Is Blamed For Arctic Death”
OVERVOICE SCHLAGZEILE 1
„Zurückgewiesene Eskimo Frau wird für Tod in der Arktis schuldig erklärt“
ZITATOR SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme)
„Though Man’s Body Was Wasted by Starvation, Ada Blackjack Was Healthy”
OVERVOICE SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme)
“Während Männerleiche von Hunger verzehrt war, war Ada Blackjack gesund“
SPRECHER
Kapitän Noice hat bemerkt, dass Adas Geschichte Aufmerksamkeit und Geld bringt - und veröffentlicht im Februar 1924 noch einmal einen Artikel über sie, der eine Reihe sensationslüsterner Zeitungsberichte nach sich zieht. Noice hat sämtliche Tagebücher für sich behalten, und wirft ihr nun vor, der Tod des skorbutkranken Lorne Knight sei ihre ihre Schuld. Das ließe sich angeblich dessen Tagebüchern entnehmen. Sie habe ihn verhungern lassen, nachdem er sie nicht habe heiraten wollen. Sie selbst hingegen habe ihre Retter ja wohlgenährt empfangen.
MUSIK
Diese öffentliche Anklage bringt Ada Blackjack schließlich dazu, zu sprechen. Noice‘ Behauptungen will sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie fährt zur Los Angeles Times und bietet von sich aus ein Interview an. Sie schildert darin ihre Erinnerungen und erklärt auch die übers Jahr variierenden Ernährungszustände der Inselbewohner durch die Zu- und Abnahme des Jagdwildes. Als Harold Noice schließlich dazu gezwungen wird, die Tagebücher herauszugeben, fehlen in Knights Tagebuch Seiten, manche Stellen sind geschwärzt. Noice hat offenbar versucht, alles zu tilgen, was seine Anschuldigungen als Diffamierung offensichtlich macht. Die Eltern des Verstorbenen hatten ohnehin nie an Ada Blackjacks Schuld geglaubt.
SPRECHER
Nach diesem Vorfall verfällt Ada Blackjack wieder in Schweigen. Sie führt ein Leben in bitterer Armut, reiht Gelegenheitsjob an Gelegenheitsjob. In hohem Alter wird sie von einer Zeitung noch einmal zu ihren Erinnerungen befragt. Kein Tag vergehe, antwortet sie, ohne dass sie von ihren schlimmen Erlebnissen auf Wrangel Island verfolgt würde.
OTON 7
“She lived to be 85 years old and the last parts of her life were very grim. She washed dishes in Nome, Alaska. She did whatever she could to survive. She did not have a happy life. But you don't pay attention to happiness, when you're in Alaska and a native, you just keep going.”
OVERVOICE OTON 7
“Sie wurde 85 Jahre alt und die letzten Jahrzehnte ihres Lebens waren sehr düster. Sie wusch Teller in Nome, Alaska… Sie tat was auch immer, um zu überleben. Sie hatte kein glückliches Leben. Aber Glück ist keine Kategorie, wenn du als Indigene in Alaska lebst. Du machst einfach weiter.“
MUSIK
SPRECHER
Andere schlagen aus Ada Blackjacks Erlebnissen hingegen Profit. Ihre Geschichte wird mehrfach erzählt und verkauft. Manch einer verdient daran, Ada nicht. Sie erhält lediglich 500 Dollar für ihr Tagebuch – das bald in den Archiven verschwindet. Bis heute findet es kaum Beachtung.
TC 22:48 - Outro
Eine Frau aus dem 16. Jahrhundert geht wegen einer einzigen mutigen Aktion in die Augsburger Stadtgeschichte ein: Susanna Daucher war Anhängerin der Glaubensgemeinschaft der Täufer. Als vermeintlich sozialrevolutionäre Keimzelle werden die Mitglieder der Täuferbewegung verfolgt und bestraft. Dennoch versammelt Susanna Daucher am Ostersonntag des Jahres 1528 ihre Glaubensbrüder und -schwestern in ihrem Haus - mit weitreichenden Folgen für sich, ihre Familie und alle Anwesenden. Am 8.3. ist Internationaler #frauentag 2024.
Credits
Autorin: Ulrike Beck
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Beate Himmelstoß
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Veronika Schmeer, Dr. Barbara Kink
Linktipps:
ZDF (2018): So lebten Frauen im Mittelalter
Ob Adelige oder Bäuerin, ob Nonne oder Gattin und Mutter: Frauen müssen sich im Mittelalter den Männern unterordnen. Zum Film geht es HIER.
Deutschlandfunk (2019): Die Täuferbewegung – Vorbilder der Toleranz
Vor 500 Jahren wurden Täufer verfolgt und ermordet. Heute werden sie zumindest oft noch schief angeschaut. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann plädiert für einen neuen Blick auf die Täufer: Sie seien Vorkämpfer moderner Werte und könnten auch Vorbild einer zukunftsfähigen Kirche sein. JETZT ANHÖREN
BR (2023): Das Bayerische Jahrtausend – 16. Jahrhundert: Augsburg
Augsburg ist im 16. Jahrhundert Schauplatz grundlegender sozialer und religiöser Umwälzungen. Die verarmten Weber proben den Aufstand - und Luthers Reformation führt erst zur Kirchenspaltung und 1555 zum Augsburger Religionsfrieden. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
MUSIK
Erzähler
Die Geschichte Susanna Dauchers beginnt um das Jahr 1495 in Augsburg, wo sie als Tochter der Familie Spitzmacher zur Welt kommt und gemeinsam mit ihrer Schwester Maxentia aufwächst. Hinein in die Zeit des gigantischen Umbruchs durch die Reformation.
MUSIK
Erzählerin
Mit ungefähr zwanzig Jahren heiratet sie Hans Adolf Daucher, einen gebürtigen Stuttgarter, der sich als Bildhauer einen Namen gemacht hat und in Augsburg zu-sammen mit seinem Vater eine Werkstatt betreibt. Susanna ist als Ehefrau des Adolf Daucher zu ihrer Zeit in Augsburg ein Begriff: Sie ist die Adolfin von Augsburg.
Atmo: Plätschern am Lechkanal
Erzähler
Das Ehepaar bekommt zwei Kinder und wohnt in einem ansehnlichen Haus mitten im Lechquartier - im Bürgergässchen. Hier kümmert sich Susanna Daucher nicht nur um ihre Kinder, sondern hilft auch tatkräftig im Handwerksbetrieb mit. Sie ist dafür zuständig, dass für die Gesellen und Lehrlinge immer genug zu essen auf dem Tisch steht.
MUSIK aus
Erzählerin
Doch was macht Susanna so besonders, dass es 500 Jahre später einen Wikipe-dia-Eintrag über sie gibt? Und an ihrem früheren Wohnhaus mittlerweile eine Ge-denktafel an sie erinnert? Beides würde nicht existieren, wenn sie sich 1527 nicht der Augsburger Täufergemeinde angeschlossen hätte.
Musikakzent: dramatisch, heimlich, dynamisch
TC 01:55 – Die Täufergemeinde in Augsburg
Erzähler
Was für eine Glaubensgemeinschaft sind die Täufer, die als Splittergruppe aus der Reformation hervorgehen? Eine Bewegung mit unterschiedlichen Flügeln, die aber dennoch ein gemeinsames Credo haben, wie Barbara Kink, Historikerin am Museum Fürstenfeldbruck erklärt:
1.O-Ton: ( Kink ab 0:19)
Die Täuferbewegung hat als kleinsten gemeinsamen Nenner die Ablehnung der Säuglingstaufe. (…) Es beginnt in der Schweiz im Umkreis um Huldrych Zwingli. Die erste Erwachsenentaufe findet da im Januar 1525 statt. Und (…) es greift re-lativ rasch um sich diese Täuferbewegung. (…) Die wollten wirklich die evangeli-schen Grundsätze (…) auch im diesseitigen Leben schon verwirklichen. Die hatten sehr pazifistische Grundsätze teilweise, sie wollten keinen Wehrdienst leisten, kei-nen Eid leisten, aber sie wollten wirklich eine Verbesserung ihrer Lebenswelten durch ein gemeinschaftliches Leben, durch Hilfe auch finanzieller Art, durch einen gemeinen Kasten, durch Gütergemeinschaft.
Erzählerin
Wie Susanna Daucher mit der Bewegung in Berührung gekommen ist, ist nicht überliefert. Aber offenbar hat es sie angesprochen, das Evangelium nach urchrist-lichem Vorbild zu leben. Denn im November 1527 lässt sie sich taufen.
Im Hause der Nestlerin, wie sie später in ihrem Prozess aussagt. Veronika Sch-meer, Kunsthistorikerin im Haus der Bayerischen Geschichte, hat die Verneh-mungsprotokolle studiert:
2.O-Ton: Veronika Schmeer ab 4:30
Die Nestlerin am Roßmarkt ist eigentlich keine Person, die man jetzt so konkret greifen kann. Susanna Daucher sagt eben aus, dass sie sich dort habe taufen lassen. Angeblich aber sowohl in Abwesenheit des Nestlers, des Ehemannes, aber auch der Nestlerin. Und sie verschweigt auch, wer sonst noch mit dabei ge-wesen sein soll - außer ihrer Schwester Maxentia Wisinger, die sich auch in die-sem Zusammenhang habe taufen lassen.
Erzähler
Susanna Daucher wird aktives Mitglied der Augsburger Täufergemeinde. Sie ver-anstaltet Treffen für Frauen, bei denen sie aus der Bibel lesen. Sie besucht Ver-sammlungen außerhalb der Stadt und beginnt, sich auch im diakonischen Bereich zu engagieren, indem sie sich um arme Menschen kümmert.
Erzählerin
Sie ist zwar keine Führungspersönlichkeit in der Täuferbewegung - diese Rolle ist den Männern vorbehalten - aber eine der vielen Frauen, ohne die die Gemein-schaft nicht existieren könnte:
3.O-Ton: (Veronika Schmeer ab 5:10)
Die Frauen spielen eine ziemlich große Rolle in dieser ganzen Täufer-Bewegung. Man sollte das aber vielleicht auch nicht zu sehr aus dem heutigen Blick sich anschauen. Dass es irgendwie eine emanzipatorische Bewegung gewesen wäre, sondern man kann sich eher vorstellen, dass es daran liegt, dass die Täufer sich immer zu Hause treffen. (…) Die Frauen kümmern sich zum Beispiel darum, dass Wein und Getränke vorhanden sind, dass es etwas zu essen gibt, dass es eine
Herberge auch für die Täufer gibt, die von außen in die Stadt kommen.
TC 04:55 – Verfolgung, Folter und Todesstrafe
Erzähler
Eine Gastfreundschaft, die gefährlich ist, denn Täufer gelten spätestens nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes als sozialrevolutionäre Keimzelle, deren Anhänger verfolgt und bestraft werden. Barbara Kink:
4.O-Ton: Barbara Kink:
Die Täufer wurden von Beginn an verfolgt. ( ..)
(weiter ab: 14:29) Also die bayrischen Herzöge haben sich ganz früh schon entschieden,(…) Wir müssen jeden reformatorischen Aufbruch bekämpfen, denn durch die Lutherischen kommt schließlich auch der Bauernkrieg und die Revolution und die Unruhe und Empörung. (…) Die bayerischen Herzöge haben einen Inquisitor eingesetzt. (15:16) Die Behörden haben relativ rasch und effektiv und effizient gearbeitet, um diese Verfolgung auch effektiv zu gestalten. Das bayerische Täufermandat ist eines der frühesten. Schon 1527 gibt's ein Mandat mit Androhung der Todesstrafe.
Erzählerin
Als Freie Reichsstadt gehört Augsburg nicht zum Herzogtum Bayern und nimmt es bis zum Herbst 1527 mit der Verfolgung der Täufer nicht ganz so genau. Damit strömen immer mehr Anhänger der Bewegung in die Stadt oder lassen sich in der Umgebung nieder. Augsburg ist bald das Zentrum der süddeutschen Täuferbewegung.
5.O-Ton (Kink ab 6:02)
Aus unterschiedlichen Gründen. (…) Sehr viele der Ratsherren in Augsburg haben sich dem Luthertum angeschlossen, aber es gab eben auch z.B. den Eitelhans Langenmantel, der dezidierter Täuferanhänger war. Der Rat war gespalten (…) Die ersten Jahre hat man die Täufer in Augsburg durch Winkelpredigten sehr stark vertreten gesehen. (ab 7:19) Winkelpredigten sind eben nicht Predigten in der Kirche. Das ist etwas, was die Täuferbewegung auch auszeichnet, dass sie sehr oft unter freiem Himmel stattfinden, dass sie in Privathäusern stattfinden, in Wirtshäusern vor allem aber eben in städtischen Winkeln, (…) wo sich Prediger hinstellen und eine interessierte Gruppe um sich scharen.
MUSIK
Erzähler
Im August 1527 füllt sich die Stadt mit auffällig vielen Führern der Täuferbewegung. Sie kommen aus ganz Süddeutschland, Österreich und der Schweiz und haben vom 20. bis zum 24. eine Synode anberaumt, auf der ein Konsens gefunden werden soll zwischen dem pazifistischen Schweizer Flügel und der militanten süddeutschen Gruppe um Hans Hut.
Erzählerin
Hans Hut, ein Weggefährte Thomas Müntzers, der im Bauernaufstand den Einsatz von Gewalt durchaus befürwortet hat, leitet zwei der Versammlungen. Er ist längst zu einer der führenden Persönlichkeiten der Täuferbewegung im süddeutschen Raum geworden.
6.O-Ton: ( ab ca. 11:35)
Ein wandernder Buchhändler, der offensichtlich sehr charismatisch war. (weiter ab 12:00) Hans Hut war davon überzeugt, dass er das Ende der Welt erleben wird und zwar auch aufgrund von biblischen Berechnungen. Er hat Johannes‘ Apokalypse berechnet und (…) hat berechnet, Pfingsten 1528 wird die Welt untergehen. (…) Er ist durch die Lande gezogen und hat es in Augsburg publik macht. Er wird 144 000 Fromme, Gerechte vor dem Weltende bewahren. Und wenn man sich so vorstellt, also diese Sündenangst. Dieses Bewusstsein, ich komme in die Hölle. Das hat gezogen.
Erzähler
Die Täufersynode wird als Augsburger Märtyrersynode bekannt, denn viele der Teilnehmer werden anschließend verfolgt und hingerichtet.
Die Stadt beginnt von nun an, das Täufermandat konsequent umzusetzen und die Gemeinschaft drastisch zu verfolgen. Bereits im Herbst 1527 kommt es zu einer ersten großen Verhaftungswelle.
MUSIK aus
TC 08:31 – Ein verhängnisvoller Ostersonntag
Erzählerin
Das ist genau die Zeit, in der Susanna Daucher in der Bewegung aktiv wird. Ihr Mann Hans Adolf dürfte davon mäßig begeistert gewesen sein. Immerhin riskiert sie als Mutter von zwei Kindern nicht nur ihr Leben, sondern auch seine Existenz.
Erzähler
Das muss Susanna bewusst gewesen sein, aber sie hat offenbar bei den Täufern eine Gemeinschaft gefunden, die ihrem Glauben entspricht. Angesichts der Pro-phezeiung, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht, scheint sie im Dies-seits nichts mehr gefürchtet zu haben.
7. O-Ton (Kink ab 19:01)
Dieses Heilsbedürfnis der Menschen in den frühen Jahrzehnten des16. Jahrhunderts darf man nicht unterschätzen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie wirklich ganz, ganz stark interessiert war an diesen Glaubensinhalten, dass sie sich Verbesserungen versprochen hat und Halt in der Gemeinde. Man war ja doch eine eingeschworene Gesellschaft. (…) Und sie war sicherlich davon überzeugt, dass sie das Richtige tut und dass sie diese Bewegung unterstützen möchte.
Atmo Plätschern des Lechkanals, Geräusche von Schritten auf dem Pflaster, dramatischer Musikakzent
Erzählerin
Augsburg am 12.April 1528. Es ist der entscheidende Tag, durch den Susanna Daucher Eingang findet in die Stadtgeschichte. Der letzte Ostersonntag vor Huts prophezeiter Wiederkunft Christi. Hans Hut selbst ist mittlerweile nach Folter und Gefangenschaft qualvoll gestorben und gilt unter den Täufern als Märtyrer, was seine Prophezeiung noch bedeutender erscheinen lässt.
Erzähler
In den frühen Morgenstunden versammeln sich im Hause Daucher in der Bürger-gasse an die 100 Menschen, um hier einen Gottesdienst abzuhalten. Der Haus-herr ist verreist. Susanna nutzt die Gelegenheit, um hier ihre Glaubensbrüder und -schwestern zu empfangen.
Erzählerin
Sie weiß, dass es verboten ist, andere Mitglieder der Täuferbewegung aufzuneh-men und zu bewirten, aber sie hat dennoch Brot und Wein besorgt für alle, die in ihrem Haus nun zusammen in der Bibel lesen wollen.
Erzähler
Vorsorglich hat sie an diesem Ostersonntag die Fenster mit Tüchern verhängt und als Erkennungszeichen für ihre Glaubensbrüder und -schwestern einen Ring an die Haustür gemalt. Damit niemand an der falschen Tür klopft.
Erzählerin
Sie ist mit ihrem dritten Kind schwanger und sich bewusst, dass es drastische Konsequenzen hat, wenn die Versammlung auffliegt. Dennoch geht sie das Risiko ein. Ungeachtet der Warnungen, dass bereits die Stadtwache ihr Haus im Visier hat.
MUSIK aus
Erzähler
Was in den frühen Morgenstunden des Ostersonntags im Hause Daucher genau passiert, das rekonstruiert Veronika Schmeer:
8.O-Ton (Interview 1. Teil ab 14:37 ff.)
Man trifft sich schon am Vortag am Ostersamstag sozusagen in wahrscheinlich einer kleineren Runde und man beschließt, sich am Ostersonntag in der Früh (…) bei der Adolfin (…) zu treffen also bei Susanna Daucher. Und (…) es ist so, dass sie wahrscheinlich schon im Vorfeld verraten werden. Denn es gibt Berichte darüber, dass schon irgendwelche Stadtschergen im Umfeld des Hauses sich auffällig positioniert haben und einige Leute sind davon abgeschreckt. (…) Die Stadt-Schergen (…) greifen dann ein und lösen die Versammlung auf und verhaften diese 88 Personen, von denen übrigens mehr als die Hälfte sind Frauen.
MUSIK
TC 12:03 – Verbannung
Erzählerin
In Zweierreihen werden sie abgeführt und zum Rathaus gebracht. Diejenigen, die von auswärts kommen, werden zuerst verhört und müssen dann die Stadt verlas-sen. Sie müssen schwören, für einen Zeitraum von sechs Jahren das Stadtgebiet nicht mehr zu betreten. Wer sich nicht daran halten sollte, dem droht die Hinrich-tung.
Erzähler
Die Strafen für die Augsburger Gemeindemitglieder, die so genannten Einheimi-schen, fallen hingegen drastischer aus. Ihnen wird im April der Prozess gemacht, der für den Vorsteher der Täufergemeinde Hans Leupold mit einem Todesurteil endet.
MUSIK aus
9. O-Ton: ( Interview Teil 2 ab ca. 18:15)
Der Schneider wird dann eben hingerichtet. Das ist dann quasi die drastischste Strafe, die da passiert. Die meisten anderen bekommen die Strafe mit dem Ba-cken brennen. Was sehr grausam ist. Man bekommt mit einer Eisenstange die Backen durchgebrannt und ist somit auch für immer gekennzeichnet. Als Täufer oder ehemals Anhänger der Täufer Gemeinde. Das ist im Grunde genommen auch ein Ruin (…) Man kommt dann vielleicht auch nirgendwo mehr unter, be-kommt keine Arbeit mehr. Es hat definitiv Folgen.
Erzählerin
Susanna Daucher zeigt sich während ihres Prozesses unerschrocken. Wie den Vernehmungsprotokollen zu entnehmen ist, weicht sie den bohrenden Fragen des Stadtschreibers – und damals schon berühmten Humanisten - Konrad Peutinger geschickt aus.
10.O-Ton: ( Schmeer ab ca. 13:11)
Er wollte ja wissen, wer ist noch beteiligt. Man wollte wirklich so ein Denunziantentum in diesen Verhören anstiften. Und da hält sie sich sehr bedeckt. Sie sagt immer nur: ich kenne keine Namen. Ich habe niemanden beherbergt. Ich habe nichts getan. Und sie wird ja zuerst nur befragt und dann wird ihr angedroht, dass sie ernstlich befragt wird. Eine Androhung einer Folter. (…) Und auch da sagt sie, sie wisse nicht was sie noch zu der Angelegenheit sagen soll.
Erzähler
Das Urteil fällt für Susanna Daucher vergleichsweise milde aus. Weil sie schwan-ger ist, wird sie am 21.April 1528 mit dem so genannten „Verruf“ aus der Stadt verbannt. Das bedeutet, dass es ihr fortan verboten ist, sich Augsburg in einem Umkreis von sechs Meilen zu nähern.
MUSIK
Erzählerin
Die Verbannung durch den Rat der Stadt Augsburg hat für Susanna Daucher weit-reichende Konsequenzen. Noch am Tag der Urteilsverkündung wird sie an den Pranger gestellt und muss sofort danach die Stadt verlassen.
Erzähler
Ohne ihre beiden Kinder, die sie nie wiedersehen wird. Susanna sucht zunächst in der näheren Umgebung Zuflucht und bringt dort ihr drittes Kind zur Welt. Das of-fenbar ihr Mann zu sich holt, nachdem er von seiner Reise zurückkehrt. Er wird jedenfalls später als Vater von drei Kindern erwähnt.
MUSIK aus
11.O-Ton ( Veronika Schmeer ab ca. 22:00)
Ich nehme an, sie werden weiterhin Kontakt gehabt haben, aber sie darf natürlich nicht in die Stadt kommen. (…) Er kann aber später dann auch für die Kinder selber nicht sorgen, sondern die sind dann auch in Pflegschaft alle drei.
Erzählerin
Auch Hans Daucher verliert mit der Verbannung seiner Frau alles, denn …
12.O-Ton ( ab ca. 6:00)
Ohne seine Frau ist sein Unternehmen mit der Bildhauerei eigentlich dem Ruin geweiht, weil die Frau sich auch um die ganzen Gesellen und Lehrlinge kümmert. (…) Und ohne die Frau funktioniert diese Werkstatt nicht mehr (…) und es ist dann später bezeugt, dass der Hans Daucher eigentlich nur noch unter den Habenichtsen in den Steuerbüchern geführt wird und er kann ja auch nicht neu heiraten, denn seine Frau ist ja nicht tot. Er ist da irgendwie gefangen und kommt auch nicht mehr raus.
TC 15:38 – Die falsche Prophezeiung
Erzähler
Nach der Verhaftungswelle an jenem Osterfest 1528 beginnt die Täufergemeinde in Augsburg, sich aufzulösen. Nicht nur, weil es angesichts der drastischen Verfol-gung in der Stadt niemand mehr wagt, Versammlungen abzuhalten, sondern auch, weil Hans Huts Prophezeiung nicht eingetroffen ist. Barbara Kink:
13.O-Ton: (Kink ab ca. 25.20)
Es war offensichtlich dann doch eine große Enttäuschung. Man hat Hans Hut geglaubt. Man hat sich versprochen von diesen Höllenqualen verschont zu werden. Und man sieht, dass diese Bewegung dann ja zum Teil zusammenbricht. Dann natürlich auch aufgrund der einsetzenden obrigkeitlichen Maßnahmen, man setzte dann doch nicht so gern sein Leben aufs Spiel.
Erzählerin
Schon Mitte August 1528 beschließt die Täufergemeinde, künftig nicht mehr zusammen zu kommen.
Erzähler
Wer dennoch als Täufer seinen Glauben leben möchte, wandert ab. Entweder in die Schweiz, wo im Zollikon noch kleine Täufergemeinschaften existieren.
Erzählerin
Oder nach Mähren an einen der Bruderhöfe, wo Täufer ein urchristlich-kommunistisches Gemeinschaftsleben praktizieren. Auf Initiative des Tirolers Jakob Hutter leben und arbeiten Familien hier völlig autark zusammen und teilen sich Hab und Gut. Die Bruderhöfe werden zum Zufluchtsort für viele Täufer:
14.O-Ton: Barbara Kink:
Es gab sicherlich Leute, die dann nach Mähren gegangen sind. Das weiß man von vielen bayerischen Täufern. (…) Also wirklich ab 1530 verschwinden die Täufer von der Bildfläche. Im Herzogtum ist es so. Und die nächsten Täufermandate, die dann aus den 50er 60er und 70er Jahren des 16. Jahrhunderts sind, da geht es vor allem darum, dass man versucht diese Abwanderung in die Bruderhöfe nach Böhmen und Mähren zu verhindern. Man versucht also wirklich, da ein Riegel vorzuschieben, dass viele Leute an diesen täuferischen Idealen immer noch festhalte, abwenden.
Erzähler
Die Täufer werden auch nicht mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 als Glaubensgemeinschaft akzeptiert. Den Grund dafür sieht Barbara Kink in der Tatsache, dass sie als Glaubensgemeinschaft keine einflussreichen Fürsprecher haben:
15.O-Ton: Barbara Kink
Die Täufer fallen zwischen alle Raster. Es sind die Lutheraner, es sind die Reformierten und die Katholiken, die davon profitieren. Die Täufer sind als reformatorische Splittergruppe oder als Wildwuchs der Reformation (…) nicht relevant dafür. Die haben einfach keine adlige Lobby. (…) Das ist wirklich (…) eine Revolution des Gemeinen Mannes.
MUSIK
Erzählerin
Dennoch bleibt die Sehnsucht nach religiöser Authentizität, nach Ursprünglichkeit, nach diesem Urchristentum bis heute lebendig.
16.O-Ton: Barbara Kink
Die Täufer existieren ja heute noch in sehr vielgestaltiger Weise. Es gibt die Mennoniten in Amerika, es gibt die Hutterer immer noch, es gibt die Amish. Es gibt immer noch sehr viele Glaubensgemeinschaften vor allem freikirchliche Baptisten, die sich auch heute noch auf die Täufer wirklich als Ursprungsherd berufen.
Erzähler
Was Susanna Daucher 1528 nicht ahnen konnte ist, dass im 20.Jahrhundert eine mennonitische Gemeinde in Augsburg sehr aktiv ist. Dass es runde 500 Jahre nach ihrer Verbannung Menschen gibt, die nach den Glaubensgrundsätzen leben, für die sie damals alles riskiert hat. Und dafür nicht mehr verfolgt werden.
Erzählerin
Sie konnte auch nicht wissen, dass mittlerweile an ihrem Haus am heutigen Hinteren Lech 2 eine Gedenktafel an sie und die Ereignisse des Ostersonntags 1528 erinnert.
TC 19:28 – Outro
Moderner Alltag? Ist heute ohne Internet und Smartphone so gut wie unvorstellbar! Es gab aber eine Zeit, in der Computer noch Elektronengehirne hießen und höchstens in Großkonzernen, Universitäten und Forschungslabors standen. Kaum jemand hat diese ominösen Apparate damals verstanden. Vor ziemlich genau 40 Jahren hat sich das schlagartig geändert - als die Homecomputer den Markt eroberten und so zu uns nach Hause kamen. Und das ist nicht spurlos an Politik und Gesellschaft vorbeigegangen. Von Christian Schaaf und Michael Zametzer
Credits
Autoren dieser Folge: Christian Schaaf und Michael Zametzer
Redaktion: Nicole Hirsch, Eva Kötting und Heike Simon
Linktipps:
KONRAD ZUSE, JOHN VON NEUMANN UND CO. Der Computer hatte viele Väter
ZUM BEITRAG
FRAUENGESCHICHTE - FRAUEN SCHREIBEN GESCHICHTE Stephanie Shirley wird Softwarepionierin ohne eigenen Computer
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Nur 13 Monate dauerte Hitlers Haft in Landsberg nach dem Putschversuch vom November 1923. Dank einer Justiz, die den gescheiterten Putschisten und Hochverräter auffällig schont und einer Gefängnisleitung, die mit Hitler sympathisiert, kann Hitler seine Position als selbsternannter Führer der rechtsextremen Kräfte festigen. Während der Haft genießt er Privilegien und beginnt damit, den ersten Teil seines Buches "Mein Kampf" zu schreiben. Von Thies Marsen (BR 2015)
Credits
Autor: Thies Marsen
Regie: Axel Wostry
Es sprachen: Katja Amberger, Werner Härtler, Axel Wostry
Technik: Siglinde Hermann
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Peter Fleischmann, Manfred Deiler, Erich Kuby
Gesprächspartner:
Prof. Dr. Peter Fleischmann
Lehrstuhl für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte
https://www.geschichte.phil.fau.de/person/fleischmann-peter/#sprungmarke2
Manfred Deiler
Hier ein Nachruf auf den im November 2023 Verstorbenen:
https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/nachrichten/manfred-deiler-1952-2023/
Linktipps:
ARD alpha (2023): Hitler vor Gericht
1924 fand vor dem Volksgericht München einer der folgenschwersten Prozesse der deutschen, ja der Weltgeschichte statt: der Hitler-Ludendorff-Prozess. Der Film in der ARD Mediathek zeichnet in aufwendigen Spielszenen den Prozessverlauf nach. JETZT ANSEHEN
Alles Geschichte (2023): Der Hitlerputsch – Anfang vom Ende der Demokratie
München, 9. November 1923. Vor der Münchner Feldherrnhalle scheitert Adolf Hitlers Putschversuch kläglich. Doch die Folgen sollten sich als drastisch erweisen - für Deutschland und die Welt. JETZT ANHÖREN
ZDF (2023): Hitlers Macht – Der Aufsteiger
"Der Aufsteiger" heißt die erste Folge der dreiteiligen ZDF-Dokumentation "Hitlers Macht", die das ZDF 90 Jahre nach Hitlers Regierungsübernahme am 30. Januar 1933 zeigt. Zum Film geht es HIER.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:35 – Der Eindruck von Journalist Erich Kuby
TC 04:10 – Ein fragwürdiger Gerichtsprozess
TC 07:24 – Sonderrechte in der Festungshaft
TC 11:07 – Die braune Schaltzentrale der NSDAP
TC 14:31 – Vorzeitige Entlassung wegen „guter Führung“
TC 17:57 – Der Ruf von Landsberg
TC 22:02 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ERZÄHLERIN
Das Vergangene ist vergangen, was geschehen ist, ist geschehen. Für Historiker ist die Frage, ‚Was wäre, wenn?‘ deshalb meist müßig. Doch genau diese Frage drängt sich selten so auf wie im Fall des Hitlerputsches von 1923 und dessen Folgen.
ERZÄHLER
Was wäre geschehen, wenn die bayerische Justiz damals nach Recht und Gesetz gehandelt hätte? Wenn Hitler eine angemessene Strafe erhalten hätte? Wenn man ihn daran gehindert hätte, von seiner Zelle aus die nationalsozialistische Bewegung neu aufzubauen? Was wäre der Menschheit dann eventuell alles erspart geblieben?
ATMO Schuss
ERZÄHLERIN
Mit einem Pistolenschuss beginnt es. Abgefeuert am 8. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller. Gustav Ritter von Kahr, seit wenigen Wochen Generalkommissar für den Freistaat Bayern, will vor dem überfüllten Saal sein Regierungsprogramm vorstellen, als ein bewaffneter Stoßtrupp hereinstürmt, angeführt von einem gescheiterten Kunstmaler, Kriegsveteranen und Reichswehrspitzel: Adolf Hitler. Er schießt mit seiner Pistole in die Decke und erklärt die Reichsregierung für abgesetzt. Am nächsten Morgen stürmen Putschisten die Sitzung des Münchner Stadtrats und nehmen Bürgermeister und Stadträte der SPD fest, sie verhaften jüdische Münchner, verwüsten die Redaktion der SPD-Zeitung und stehlen kistenweise Inflationsgeld – 14.605 Billionen Reichsmark. 2.000 bewaffnete Männer marschieren schließlich Richtung Feldherrnhalle. Doch sie werden von der Landespolizei gestoppt. Ein kurzes Feuergefecht, dann ist der Putsch niedergeschlagen.
ERZÄHLER
Die Bilanz: 20 Tote – vier Polizisten, 15 Putschisten und ein Passant. Die Liste der Verbrechen der Putschisten ist lang: Mord, Totschlag, Hochverrat, Landfriedensbruch, Geiselnahme, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Raub.
ERZÄHLERIN
Hitler flieht nach Uffing am Staffelsee, in die Villa seines Förderers Ernst Hanfstaengl. Zwei Tage später wird er dort aufgespürt. Die Polizisten treffen ihn im Schlafanzug an, den linken Arm in einer Binde, denn er hat sich im Tumult vor der Feldherrnhalle den Arm ausgekugelt.
TC 02:35 – Der Eindruck von Journalist Erich Kuby
ERZÄHLER
Überhaupt ist er in einem jämmerlichen Zustand, erinnert sich der inzwischen verstorbene Journalist Erich Kuby. Kuby ist 13 Jahre alt, als er Hitler zum ersten Mal erlebt. Kurz vor dem Putsch nimmt ihn seine Tante mit in den Cirkus Krone, wo Hitler seit 1921 regelmäßig auftritt und die Massen begeistert. Nun, nach dem gescheiterten Aufstand, begegnet Kuby Hitler zum zweiten Mal, diesmal in Weilheim. Denn der Gefangenentransport mit Hitler macht im dortigen Bezirksamt kurz Station, wo ein Schutzhaftbefehl ausgestellt wird.
O-Ton Erich Kuby
Der Bezirksamtmann hieß Feigel, und nomen est omen, der wollte mit diesem berühmten Herrn Hitler nicht allein sein und hat zu meinen Vater, der ein angesehener Deutsch-Nationaler in diesem Dorf war, gesagt, kommen Sie doch. Und mein Vater sagte zu mir: Komm mit. Und da habe ich eben Hitler erlebt in einem Zimmer des Landratsamtes oder Bezirksamtes hieß man das damals. Der Hitler wurde ja verhaftet von einem Polizeioffizier oder so was Ähnliches, der sich übrigens merkwürdigerweise mit Hitler duzte. Aber ich habe mir doch den Hitler sehr angesehen, denn es war ja derselbe Mann, den ich im Cirkus Krone in der völligen Pracht seiner Reden gehört hatte, und davon war nichts mehr übrig. Er saß bleich und der Hitler wurde dann nach Landsberg in die Festung da gebracht.
TC 04:10 – Ein fragwürdiger Gerichtsprozess
ERZÄHLERIN
Am 11. November 1923 um halb elf Uhr nachts wird Hitler in die Haftanstalt Landsberg eingeliefert, zunächst als sogenannter Schutzhäftling, erst zwei Tage später wird er offiziell in Untersuchungshaft genommen.
ERZÄHLER
Hitler rechnet fest mit seiner Abschiebung nach Österreich oder gar der Hinrichtung, dem Amtsarzt erklärt er, dass er sich am liebsten erschießen würde. Doch er wird schnell wieder aufgepäppelt, sagt der Historiker Peter Fleischmann, Verfasser einer Quellenedition zu Hitlers Haftzeit:
O-Ton Peter Fleischmann
Es hat ihn der Amtsarzt damals untersucht unmittelbar nach der Einlieferung. Hitler, der war 1,75 groß und hatte ein Gewicht von 72 Kilo glaube ich. Und er hat dann in den nächsten Tagen das Essen verweigert, also er war psychisch völlig demoralisiert, und erst Dietrich Eckart, sein Vertrauter, sein Mentor, und Anton Drexler scheinen ihn dann bewegt zu haben, also jetzt werd‘ wieder vernünftig und esse was. Und am Ende der Haftzeit, also ein Jahr später, kommt er fast gemästet wieder raus. Da wiegt er 78 Kilo.
ERZÄHLERIN
Der junge Staatsanwalt Hans Ehard, nach 1945 erster frei gewählter bayerischer Ministerpräsident, übernimmt die Ermittlungen gegen die Putschisten. Er vernimmt Hitler am 13. Dezember 1923 in seiner Zelle:
ZITATOR
Er war nicht dazu zu bringen, auf eine klare unzweideutige Frage eine klare, einfache und kurze Antwort zu geben. Mit großer Zähigkeit hält er endlose politische Vorträge.
ERZÄHLERIN
Zwei Monate später, am 26. Februar 1924, beginnt der Prozess gegen den „ledigen Schriftsteller Adolf Hitler“ – vor dem Volksgerichtshof in München, obwohl für einen Hochverräter eigentlich der Leipziger Reichsgerichtshof zuständig wäre. Doch Bayern will Hitler nicht ausliefern und die Reichsregierung scheut einen offenen Konflikt.
ERZÄHLER
Das Verfahren ist eine Farce. Richter Georg Neithardt sympathisiert offen mit den Verschwörern, er lässt den stundenlangen Monologen Hitlers freien Lauf. Bei den Beratungen des Gerichts ist stets ein Vertreter des Justizministeriums anwesend, der direkt Einfluss nimmt – zugunsten Hitlers.
ERZÄHLERIN
Am 1. April 1924 fällt das Urteil: fünf Jahre Festungshaft. Obwohl Hitler wegen Landfriedensbruch bereits vorbestraft ist und noch unter Bewährung steht, wird ihm schon bei der Urteilsverkündung eine Haftentlassung nach sechs Monaten in Aussicht gestellt. Das Gericht wertet als strafmildernd:
ZITATOR
...dass die Angeklagten bei ihrem Tun von rein vaterländischem Geiste und dem edelsten selbstlosen Willen geleitet waren.
ERZÄHLER
Die vier ermordeten Polizisten werden in dem Urteil gar nicht erwähnt, der schwerbewaffnete Marsch zur Feldherrnhalle wird als „unglücklich verlaufener Propagandazug“ bezeichnet, der Raub der Banknoten als „Beschlagnahmung“. Für den Münchner Rechtshistoriker Otto Gritschneder ist klar:
ZITATOR
Gegen die Richter des in vieler Hinsicht erstaunlich verfehlten Hochverrats-Urteils gegen Hitler vom 1. April 1924 muss der Vorwurf der Rechtsbeugung in aller Form erhoben werden.
TC 07:24 – Sonderrechte in der Festungshaft
ERZÄHLERIN
Hitler wird zurück nach Landsberg gebracht – nun als Festungshäftling:
O-Ton Peter Fleischmann
Festungshaft ist eine Art Ehrenhaft. Die Festungshäftlinge, die mussten mit Herr angesprochen werden, die hatten keinen Arbeitszwang, die durften mit Besteck und vom Teller essen, also nicht aus dem Blechnapf, die konnten sich selber zum Teil selber verköstigen. Sie konnten Besuch empfangen in größerem Umfang, sie konnten Korrespondenz schreiben, sie konnten lesen, mussten nicht arbeiten.
ERZÄHLERIN
Die Putschisten werden in einem eigenen Trakt untergebracht, Hitler erhält eine Einzelzelle. In der eigens eingerichteten Festungsstube, einem Gemeinschaftsraum für die Putschisten, wird eine große eingeschmuggelte Hakenkreuzfahne aufgehängt.
ERZÄHLER
Die Festungshäftlinge dürfen Alkohol trinken. Hitler, so lässt es sich anhand der Einkaufslisten nachvollziehen, konsumiert täglich ein bis zwei Flaschen Bier. Selten gehen die Putschisten nüchtern ins Bett. Bedient werden sie von anderen Gefangenen, erzählt der Lokalhistoriker Manfred Deiler von der Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“:
O-Ton Manfred Deiler
Die haben die Toiletten geputzt, die haben die Böden gewischt und die haben sie bedient. Das war eine Vorzugstätigkeit für einen Haftgefangenen, dass er die Putschisten bedienen durfte.
ERZÄHLERIN
Zur gleichen Zeit gibt es in Bayern übrigens auch linke Festungshäftlinge, wie die Schriftsteller Erich Mühsam und Ernst Toller, die 1919 an der Münchner Räterepublik beteiligt waren und deshalb nun im schwäbischen Niederschönenfeld einsitzen.
ERZÄHLER
Sie werden regelrecht terrorisiert mit Bett- und Hofentzug, der Verweigerung ärztlicher Betreuung, mit Zensur und Schikane. Die braunen Putschisten dagegen werden vom Landsberger Gefängnisdirektor Otto Leybold geradezu gehätschelt, so der Historiker Peter Fleischmann:
O-Ton Peter Fleischmann
Das kann man nachweisen anhand der Besuchszeiten. Hitler hätte maximal sechs Stunden pro Woche Besuch empfangen dürfen. De facto hat er bis zu zehn, elf Stunden pro Woche Hof gehalten oder Hof halten dürfen. Und das hat Leybold gegenüber der Staatsanwaltschaft verborgen. Es gibt ja die Listen der Besucher Hitlers, circa 350 Personen, die wurden an die Staatsanwaltschaft München mitgeteilt. Was aber nicht mitgeteilt wurde: Dass die Besuchszeiten unverhältnismäßig ausgeweitet worden sind. Also normalerweise musste immer ein Wachtmeister mit anwesend sein, wenn Hitler Besuch empfangen hat. Es sind aber in sehr großem Umfang auch oft – Besprechungen haben stattgefunden, da heißt es dann: ohne Aufsicht. Also man war unter sich und hat dann zwei, drei, vier Stunden lang konferiert.
ERZÄHLERIN
Besonders groß ist der Andrang am 20. April 1924, Hitlers 35. Geburtstag. 21 Gratulanten verzeichnet das Besucherbuch allein an diesem Tag. Unter den Hitler-Verehrern sind viele Frauen:
O-Ton Peter Fleischmann
Auffällig immer zum Monatsanfang: Hermine Hoffmann, das berühmte Hitlermuttel, eine Studiendirektorenwitwe aus München, die ihm meines Erachtens immer Geld gebracht hat. Sie hat Hitler unter ihre Fittiche genommen, Manieren beigebracht, wie man in der Gesellschaft sich bewegt usw., also die kam sehr häufig. Dann junge Frauen auch – das ist eine einfache Korrespondentin aus Nürnberg und die schreibt: Sie hat Hitler mal im Circus Krone reden hören, die war dann entbrannt förmlich und diente sich ihm als Sekretärin an. Aber Hitler hat sie dann nach fünf Minuten wieder weggeschickt, wie so manche Verehrerinnen, mit denen er bloß kurz sprechen wollte.
TC 11:07 – Die braune Schaltzentrale der NSDAP
ERZÄHLERIN
Denn Hitler hat andere Prioritäten. Er versucht aus dem Gefängnis heraus weiter die Fäden zu ziehen – insbesondere vor den Reichstagswahlen im Mai 1924. Die NSDAP ist seit dem Putschversuch verboten, doch die Nationalsozialisten verbünden sich mit der Deutschvölkischen Freiheitspartei. Hitler nimmt von seiner Zelle aus direkt Einfluss auf die Kandidatenliste.
ERZÄHLER
Die NSDAP-Tarnliste schafft es auf immerhin 6,5 Prozent, zahlreiche Nationalsozialisten, wie der spätere Innenminister Wilhelm Frick oder SA-Führer Ernst Röhm werden in den Reichstag gewählt – sogar einer der Landsberger Häftlinge: der Offizier Hermann Kriebel, auch wenn der sein Mandat nicht antreten kann.
O-Ton Manfred Deiler
Sie haben das Ganze in eine Art braune Schaltzentrale umgestaltet, wenn man das Besucherbuch sieht, so stellt man fest, das ist ein „Who is Who“ der späteren Größen des Nationalsozialismus. Da müsste man mal kurz einmal das Besucherbuch vielleicht zitieren und die Liste mal rausnehmen: Zum Beispiel gleich einmal am 12. April 1924 fällt mir also in die Augen General Ludendorff, Streicher, das ist der Julius Streicher, der Röhm, Dr. Kraus, praktischer Arzt, Landsberg – das war der erste Bürgermeister nach der Machtübernahme Hitlers. Und die haben sich alle dort schon 1924 mit Hitler getroffen.
ERZÄHLERIN
Trotzdem werden die Nazis die Festungshaft später als Martyrium verklären – so etwa Hitlers Mithäftling Julius Schaub 1933:
ZITATOR
Von Zeit zu Zeit wurde die Eintönigkeit unterbrochen durch das Laden der Gewehre beim Ablösen der Wache oder durch das Klappern der Schlüssel, wenn der Aufseher seine Runde macht. Und in dieser Welteinsamkeit, abgeschlossen von der übrigen Menschheit, nur umgeben von seinen getreuen Mitkämpfern und Mitgefangenen, schuf der Führer sein großes Werk „Mein Kampf“.
ERZÄHLERIN
Wie genau in Landsberg der erste Teil von „Mein Kampf“ entstand, ist unklar. Sicher ist: Hitler hat regelmäßig Vorträge im Gefängnis gehalten.
O-Ton Manfred Deiler
Es gibt ein Foto vom Besucherraum, da steht eine Tafel, heute würde man Flipchart sagen. Also es haben tatsächlich Diskussionen oder auch Monologe von Adolf Hitler stattgefunden. Es gibt ja auch Theorien, dass die Erstfassung von „Mein Kampf“ eine Aneinanderreihung von Reden ist, also dass es tatsächlich Reden sind, die Adolf Hitler gehalten hat im Gefängnis und die von anderen mitgeschrieben wurden.
ERZÄHLER
Die Gefängnisleitung muss gewusst haben, was im Festungstrakt vor sich geht, sagt Manfred Deiler von der Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“. Trotzdem lassen die Wachmannschaften Hitler und seine Leute gewähren:
O-Ton Manfred Deiler
Sie haben z. B. auch den Auftrag gehabt, die Papierkörbe zu sichten, weil sie wussten, es wird geschrieben, aber dann, nach Sichtung, das Material aus den Papierkörben zu verbrennen. D. h. also, es war allen Beteiligten klar, dass dort etwas entsteht, was das nationalsozialistische zukünftige Parteiprogramm wird. Meine Frage ist: Wie kann es sein, wenn eine Gefängnisleitung weiß, dass solche Schriften entstehen, dass das an der Zensur vorbei kann.
ERZÄHLER
Wie ungehindert die Putschisten vom Gefängnis aus mit der Außenwelt kommunizieren, wird im September 1924 offenbar – kurz bevor Hitler vorzeitig entlassen werden soll.
TC 14:31 – Vorzeitige Entlassung wegen „guter Führung“
O-Ton Peter Fleischmann
Dann passiert diese Kassiberaffäre: Der Sohn eines Mithäftlings, Kriebel, der war bei seinem Vater in Landsberg in Besuch Ende September, und nimmt einige Briefe an sich, acht Stück, von Kriebel, Weber und einen von Hitler und kommt in München in eine Polizeikontrolle. Dann entdeckt man bei dem jungen Mann Briefe, die aus Landsberg von den Putschisten, von den Festungshäftlingen stammen und die offensichtlich nicht der sehr weitmaschigen Zensur unterworfen waren. Und die Staatsanwaltschaft, der hat man es letztlich zu verdanken, dass sie sofort Veto eingelegt haben, dass Hitler zum Ende September, Anfang Oktober, wie vorgesehen, aus der Festungshaft frühzeitig entlassen wird.
ERZÄHLERIN
Die Haftentlassung wird allerdings nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Hitler hat offensichtlich mächtige Gönner im bayerischen Justizministerium. Auch Gefängnisdirektor Leybold bescheinigt ihm „gute Führung“. Von seiner Zelle aus schmiedet Hitler detaillierte Zukunftspläne:
O-Ton Peter Fleischmann
Das ist dieser berühmte Brief an Werlin, Mercedesvertreter in München in der Schellingstraße. Da schreibt dann Hitler Ende September, ja also er interessiert sich für diesen Mercedes 11-40, aber es gibt noch einen anderen, einen größeren, der ist stärker motorisiert, der hat aber 300 Umdrehungen mehr, ist das nicht schädlich für den Motor? Und Werlin soll sich in Mannheim erkundigen, ob es den noch gibt, den 11-40er, er möchte aber graue Speichenräder haben. Ja, da schlägt wieder der Größenwahn Hitlers durch. Er schreibt auch, er hat zur Zeit kein Einkommen, aber er wird bald etwas veröffentlichen und da wird er dann liquide sein und wird auch dieses Auto bezahlen können. Wobei man sich vor Augen halten muss: Der Wert eines großen Wagens in dieser Zeit entsprach dem Wert eines Einfamilienhauses.
ERZÄHLERIN
Am 20. Dezember 1924 um 12 Uhr 15 wird Hitler entlassen – genau 3 Jahre, 333 Tage, 21 Stunden und 50 Minuten vor dem eigentlichen Strafende. Im Benz verlässt er die Stadt – am Landsberger Bayertor posiert er noch für ein Abschiedsfoto.
ERZÄHLER
Bei seiner Ankunft in Landsberg im November 1923 war Hitler ein Häuflein Elend, bei seiner Entlassung im Dezember 1924 strotzt er wieder vor Selbstvertrauen. Acht Jahre später, im Januar 1933, wird er die Macht in Deutschland übernehmen, auf legalem Wege.
O-Ton Peter Fleischmann
Hitler ist bis 1924 ein Stück, ein Teil der bayerischen Geschichte, aber ab dem 20. Dezember ‘24, der Haftentlassung, der frühzeitigen Entlassung in die Freiheit und der Wiedergewinnung seiner politischen Möglichkeiten, wird Hitler zu einer Person letztlich der deutschen Geschichte. Hier ist er gefördert worden und hier hat man ihn mit Samthandschuhen angefasst.
ERZÄHLER
Das sieht Hitler übrigens genauso.
O-Ton Adolf Hitler
Und so ist denn der größte Zusammenbruch in der Geschichte der Partei eigentlich der Beginn des größten Aufbruchs geworden.
MUSIK: 71217190 102 (00‘20‘‘)
TC 17:57 – Der Ruf von Landsberg
ERZÄHLERIN
Knapp zehn Jahre nach seiner Haftentlassung kehrt Hitler nach Landsberg zurück. Der einstige Häftling ist nun Reichskanzler.
O-Ton Manfred Deiler
Hitler kam 1934 am 8. Oktober (MUSIK ENDE) das erste Mal unangemeldet zu der Festungszelle mit ehemaligen Mitgefangenen und hat die nochmal angeschaut. Er ist anschließend in die Innenstadt gefahren, hat dieses Café Deible besucht. Und der Landsberger Stadtrat hat das mitbekommen natürlich, hat dann versucht, schnell aus Schuljugendlichen ein Spalier mit Fähnchen am Straßenrand zu bilden und wollte zum Café Deible, um dort die Ehrenbürgerurkunde zu übergeben, aber Hitler war schon weg.
ERZÄHLER
Schon bald entdeckt man in Landsberg das touristische Potential von Hitlers Festungshaft. Seine einstige Zelle wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, mit täglichen Öffnungszeiten, erzählt Lokalhistoriker Manfred Deiler:
O-Ton Manfred Deiler
Man hat dann speziell mit „Kraft durch Freude“, ich sag jetzt einmal ganz locker: dem Reiseunternehmen der NSDAP, schon ‘34/‘35 Besuchergruppen mit Sonderzügen mit 2.000 Personen, die Besucher für die Hitlerzelle gebracht haben. Und es ist damals dann Landsberg der Slogan gewesen: die Stadt des Führers, Landsberg – der Geburtsort der Ideen des Nationalsozialismus‘, Landsberg – die Hitlerstadt. Also in dieser Form war das Marketingkonzept.
ERZÄHLER
Auch die Reichsleitung des NSDAP und insbesondere Reichsjugendführer Baldur von Schirach erkennen den Propagandawert der Hitlerzelle – sie wollen Landsberg zum Wallfahrtsort der Hitler-Jugend machen.
O-Ton Manfred Deiler
Man hat beschlossen, 1937 das erste Mal im Abschluss an die Kundgebung am Reichsparteitag in Nürnberg, die Leute mit einem Sternmarsch über München nach Landsberg zu bringen, also Leute ist gemeint: Die Abordnungen der deutschen Jugend.
ATMO Marschgeräusche
O-Ton Reporter
Das Erlebnis des Reichsparteitages in einem übervollen Herzen geht es nun zur letzten Station des langen Marsches, nach Landsberg, der Festung in der Adolf Hitler gefangen war.
ATMO Glockenläuten
O-Ton Manfred Deiler
Dort sind sie dann im Gefängnishof empfangen worden vor der Führerzelle und dort hat ihr dann Baldur von Schirach stellvertretend für die Abordnungen zu Hause das Buch „Mein Kampf“ ausgehändigt.
ATMO Fanfaren
O-Ton Manfred Deiler
Es gab dann damals 1937 erstmals eine Abschlusskundgebung am Hauptplatz in Landsberg, mit Fackeln und Fahnen und da hat Baldur von Schirach dann geprägt: Landsberg ist nun die Stadt der deutschen Jugend, und ab dem Zeitpunkt sollte das regelmäßig jedes Jahr wiederholt werden.Der bayerische Justizminister wollte die gesamte Haftanstalt Landsberg dem Führer als Geschenk machen, da sollte die größte Jugendherberge Deutschlands draus werden. Es gab eine zweite Idee, es sollte ein Aufmarschstadion entstehen, das Stadion der Jugend. Es existiert ein Modell. Da wäre vom Bahnhof weg eine große Aufmarschallee entstanden. Man kann sich das Vorstellen dieses Modell ähnlich wie das Reichsparteitags-Gelände in Nürnberg.
ERZÄHLERIN
Der Zweite Weltkrieg lässt alle Planungen zur Makulatur werden. Nach dem Krieg übernimmt die US-Army für einige Jahre das Gefängnis. Der Trakt mit der Hitlerzelle wird abgerissen, nie mehr soll hier eine Pilgerstätte entstehen. Stattdessen inhaftieren die Amerikaner in Landsberg über 1.500 NS-Kriegsverbrecher. Fast 300 von ihnen werden dort hingerichtet – darunter Massenmörder wie KZ-Kommandanten oder Einsatzgruppenführer.
ERZÄHLER
An dem Ort, an dem Hitler seine verbrecherische Ideologie entwickelte und ungehindert zu Papier bringen konnte, werden nun diejenigen gerichtet, die diese Ideen in die Tat umgesetzt, die schrecklichste Menschheitsverbrechen verübt haben – Verbrechen, die es vielleicht nie gegeben hätte, wenn... ja, wenn die bayerische Justiz als es drauf ankam nach Recht und Gesetz gehandelt hätte.
TC 22:02 - Outro
Botswana ist eine unerwartete Erfolgsgeschichte. Bei der Staatsgründung wirtschaftlich schwach und ohne nennenswerte Infrastruktur, gilt Botswana heute als eines der wohlhabendsten und stabilsten Länder Afrikas. Das liegt nicht nur am überlegten Umgang mit Diamantenvorkommen. Wie hat Botswana das geschafft? Februar ist "Black History Month". Von Linus Lüring (BR 2022)
Credits
Autor: Linus Lüring
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Florian Schwarz
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Christian von Soest, Prof. Andreas Wimmer, Mogkweetsi Masisi
Linktipps:
Deutschlandfunk (2023): Wo die Regierung die Medien selbst – Pressefreiheit in Botswana
Botswana: Ein Land reich an Natur und mit stabiler Demokratie. Einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es jedoch nicht - die Regierung produziert Inhalte für Fernsehen, Radio und Zeitungen selbst. Wie passt das in das politische System? JETZT ANHÖREN
SWR (2024): Afrika im Aufbruch – Digitaler Fortschritt ohne Ende
In Afrika boomt die „FinTech“-Branche: Bezahlen per Smartphone-App gehört zum Alltag. Auch andere Finanzgeschäfte werden digital geregelt. Die Technologie vernetzt auch die Menschen auf dem Kontinent über Grenzen hinweg. Einige der afrikanischen Fintech-Entwicklungen werden inzwischen weltweit genutzt. Und diese Erfolgsgeschichten sind noch nicht auserzählt. Denn Experten sagen der Branche in Afrika weiter einen Boom voraus. ZUM HÖRBEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:26 – Eine Reise nach Großbritannien
TC 04:49 – Der Enkel des Königs
TC 09:11 – Ein Umbruch durch Ausgleich und Verständigung
TC 10:52 – Diamantensegen
TC 16:22 – Kratzer im ‚afrikanischen Märchen‘
TC 22:18 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Musik: C1582570107 Der Maschinenbauer
SPRECHERIN
London, 6. September 1895. Drei Männer treffen in der Stadt an der Themse ein, noch etwas seekrank von der langen Reise. Zwei Wochen waren sie unterwegs. Es handelt sich um drei Herrscher aus Gebieten im südlichen Afrika. Schnell machen sie gegenüber hochrangigen Politikern ihr Ziel klar: Sie wollen erreichen, dass ihre Königreiche unter den Schutz der Britischen Krone kommen. Herrscher, die sich freiwillig einer Kolonialmacht unterwerfen?
SPRECHER
Was erstmal verwunderlich klingt, ist Strategie: Denn damals hatten es auch das Deutsche Reich mit der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika und die Buren im Süden auf ihre Heimat abgesehen, erklärt Christian von Soest, Politikwissenschaftler am Leibniz-Institut für globale und regionale Studien in Hamburg.
1 von Soest
Herrschaft von außen, offensichtlich das war die Einschätzung, die unter den Häuptlingen eben vorherrschte, können wir nicht verhindern. Und da waren die Briten das kleinste Übel. Wenn man es denn schon nicht geschafft hat, diese Mächte von außen eben aus dem Land rauszuhalten. Und da eben diese Reise nach London, wo man um diesen Schutz eben gebeten hat.
Musik: C1582570113 Auf der Müllkippe 0‘53
SPRECHERIN
Die britische Öffentlichkeit ist fasziniert von den Besuchern aus dem fernen Afrika und ihrer Mission. “Ein Triumvirat aus drei dunkelhäutigen Königen”, heißt es bewundernd in der Presse damals. Als mächtigster von ihnen gilt Khama III. Ein Name, der später noch wichtig werden wird. Nach einem Gespräch mit Queen Victoria haben er und die beiden anderen ihr Ziel erreicht: Die Briten schließen ihre und benachbarte Reiche zum Protektorat Betschuanaland zusammen. Ein Gebiet, das zentral im südlichen Afrika liegt - etwa gleich weit von Pazifik und Atlantik entfernt.
SPRECHER
Diese Entscheidung und die Bemühungen der drei Herrscher haben Folgen, die bis heute spürbar sind. Aus Betschuanaland wird später die unabhängige Republik Botswana. Ein Staat der Schlagzeilen macht.
TC 02:26 – Eine Reise nach Großbritannien
C1351080001 Kalimba work song (a) 0‘17
Zitator
“Eine Erfolgsgeschichte”
“Das afrikanische Wunder”
“Afrikas Oase der Stabilität und Demokratie”
SPRECHERIN
Das sind die Überschriften von Artikeln, die in den letzten Jahren über Botswana geschrieben wurden. Sie passen nicht zu dem Klischee, das viele Menschen in Deutschland noch immer im Kopf haben, wenn sie an Afrika denken. Krieg, Korruption, Armut. Ist Botswana wirklich eine Erfolgsgeschichte und möglicherweise ein Vorbild für andere Staaten? Was hat das Land anders gemacht?
C1555160105 Water trops 0‘31
SPRECHER
Die damalige Reise nach Großbritannien sehen viele als entscheidenden Ausgangspunkt für eine positive Entwicklung Botswanas. Nach der Errichtung des Protektorats Betschuanaland erfüllen sich die Hoffnungen der drei Herrscher, die gezielt britischen Schutz gesucht haben. Ihre Heimat bleibt von größeren kolonialen Einflüssen verschont und - wichtiger noch - ihre Macht bleibt mehr oder weniger unangetastet.
SPRECHERIN
Die Briten setzen auf indirekte Kontrolle und nutzen die traditionellen Herrschaftsstrukturen weiter, um das Land zu regieren. Für sie geht es in erster Linie darum zu verhindern, dass andere Staaten ihren Einfluss ausdehnen und etwa das Deutsche Reich noch größere Gebiete im Süden Afrikas kontrolliert. Ein konkretes Interesse an Betschuanaland selbst haben die Briten nicht, und das erscheint erstmal nachvollziehbar, erklärt Christian von Soest: Das Protektorat ist etwa so groß wie Frankreich, extrem dünn besiedelt und besteht zu einem großen Teil aus Wüste, der Kalahari. Größere Rohstoffvorkommen gibt es nicht. Die Bevölkerung lebt vor allem von der Viehzucht.
2 von Soest
Das Wort, was am besten die Kolonialzeit zusammenfasst, ist eigentlich die Vernachlässigung. Man hat eigentlich gar keine, keine großen Investitionen gemacht.
C1595860130 One world pattern (e) 0‘26
SPRECHER
Weil das Protektorat unprofitabel ist, planen die Briten Betschuanaland an die südafrikanische Union zu übergeben, dem Vorläuferstaat des heutigen Südafrika. Nachdem dort Mitte des 20. Jahrhunderts allerdings die Politik der Rassentrennung, die sogenannte Apartheid, eingeführt wurde, ging Großbritannien auf Abstand zu diesen Plänen. Betschuanaland soll stattdessen ein eigenständiger unabhängiger Staat werden.
TC 04:49 – Der Enkel des Königs
SPRECHERIN
Dabei wird ein Mann eine wichtige Rolle spielen: Seretse Khama. Enkel von Khama III., also dem Mann, der den Schutz der Briten gesucht hatte. Seretse Khama ist nun designierter Herrscher der Bamangwato-Ethnie. Doch dieses Amt wird er nie ausüben. Zunächst geht er in den 1940er Jahren zum Studium nach Großbritannien.
Musik: C1351080007 Shangaan lullaby (a) 0‘25
SPRECHER
An einem Juniabend 1947 lernt er dort die junge Ruth kennen. Die beiden tanzen und verlieben sich. Ein afrikanischer Prinz und eine weiße Britin. Nur ein Jahr später planen die beiden zu heiraten. Ihre Liebe wird ein internationales Politikum. Seretse Khama schreibt einen langen Brief in die Heimat.
SPRECHERIN
Damals kennen Ruth und er sich seit etwa eineinhalb Jahren, erklärt er darin. Außerdem seien sie sich aller Schwierigkeiten bewusst, die sie jetzt erwarten. Aber Seretse Khama schreibt weiter, es würde keinen Sinn machen, sie von der Heirat abzubringen. Sie beide wollten den Schritt auf jeden Fall gehen.
SPRECHER
Die Reaktionen sind zunächst heftig. “Wenn er sie mitbringt, werde ich ihn töten”, soll Seretses Onkel angekündigt haben. Für die meisten in Betschuanaland waren Weiße in erster Linie Kolonialisten, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. Gleichzeitig äußert auch das weiße Apartheidsregime im benachbarten Südafrika heftige Kritik an der Ehe.
SPRECHERIN
Aber Seretse und Ruth lassen sich nicht trennen. “Liebe kennt keine Hautfarbe”, erklärt er und verkündet schließlich seinen Verzicht auf den Thron. Einige Jahre später ziehen die beiden dann nach Betschuanaland. Mit seiner zurückhaltenden Art und seiner positiven Ausstrahlung gewinnt er die Herzen vieler Landsleute wieder. Auch Ruth wird in ihrer neuen Heimat immer beliebter.
Musik: M0007510022 Afrikan dream 0‘22
SPRECHER
In dieser Zeit, gegen Ende der 1950er Jahre, nehmen die Vorbereitungen für die Unabhängigkeit des Protektorats an Fahrt auf. Dass Seretse Khama dabei eine Schlüsselfigur wird, ist für Christian von Soest kein Zufall.
3 von Soest Khama
Einmal war er Nachkomme des wichtigsten Stammes. Das heißt, er hatte ein hohes Maß an Legitimität und Autorität. Er war politisch extrem gut verbunden. Er war in Großbritannien ausgebildet. Hatte also sehr gute Verbindungen auch zur früheren Kolonialmacht und war auch einer der größten Viehbesitzer. Das heißt, er hat zur Zeit der Unabhängigkeit die Unterstützung aller politisch wichtigen Gruppen in Botswana. Der ausgebildeten Elite, der traditionellen Autoritäten, der britischen Herrscher, der Viehzüchter und der ländlichen Bevölkerung.
Musik: M0007510022 Afrikan dream 0‘30
SPRECHERIN
Seretse Khama gründet die Botswana Democratic Party, kurz BDP, und gewinnt damit bei den ersten Wahlen die Mehrheit der Sitze im Parlament. Als Betschuanaland 1966 als Botswana die Unabhängigkeit erlangt, wird Seretse Khama der erste Staatspräsident. Beim Amtsantritt zeigt Khama sich demütig.
SPRECHER
Er erklärt, wie sehr er sich über das große Vertrauen der Bevölkerung Botswanas freue. Gleichzeitig spricht er aber auch von den großen Erwartungen, die auf ihm lasten würden. Er hofft, dass er die Versprechen erfüllen kann, die er den Menschen Botswanas gegeben hat.
SPRECHERIN
Die Startbedingungen sind auf den ersten Blick denkbar schlecht, wenn man sich die Fakten anschaut: 1966 hat Botswana gerade mal 12 Kilometer asphaltierte Straße, keinen direkten Meereszugang, im Land gibt es nur um die 20 Universitätsabsolventen und neun Schulen, die über die Grundschule hinausgehen.
SPRECHER
In anderen Staaten auf dem afrikanischen Kontinent ist die Ausgangslage komfortabler. Hier hatten die Kolonialmächte deutlich stärker investiert. Das hatte allerdings einen Preis. Denn dabei hatten sie den Kolonialgebieten auch eigene Machtstrukturen aufgezwungen. In Botswana waren die Herrschaftsverhältnisse auf lokaler Ebene dagegen unverändert geblieben.
5 von Soest
Das war für die weitere Entwicklung des Landes sehr, sehr wichtig. Und wenn wir uns andere Länder anschauen, da hatten Regierungen einen revolutionären Anspruch, gegen diese Herrschaftsordnung aus der kolonialen Zeit und Besitzordnungen eben anzukämpfen. Und genau diesen revolutionären Anspruch – das finden Sie nicht in Botswana.
TC 09:11 – Ein Umbruch durch Ausgleich und Verständigung
Musik: M0007510024 Happy plains 0‘20
SPRECHERIN
Der Unabhängigkeitsprozess läuft deshalb sehr konsensual ab - ohne blutige Kämpfe. Generell basiert die Herrschaftskultur in den verschiedenen Königreichen und Ethnien des Landes schon immer auf Ausgleich und Verständigung.
SPRECHER
Für Seretse Khama geht es jetzt zunächst darum, Verwaltungsstrukturen für den jungen Staat aufzubauen. Britische Kolonialbeamte werden dabei nicht aus dem Land geworfen, sondern zunächst weiterbeschäftigt als Angestellte des Staates und nach und nach durch botswanische Angestellte ersetzt. Eine weise Entscheidung, erklärt Andreas Wimmer, Sozialwissenschaftler an der Columbia University in New York.
6 Wimmer
Durch diese Geschichte des graduellen Übergangs von einer Kolonialverwaltung zu einer Selbstverwaltung erklärt sich, wieso das im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern die botswanische Verwaltung sehr effizient war. Korruption gibt’s auch auf sehr reduzierter Ebene.
SPRECHERIN
Auch Klientelismus wird von Anfang an in Botswana bekämpft. Dass Verwaltungsangestellte die eigene Ethnie bevorzugen, wenn es zum Beispiel um den Bau von Straßen oder Schulen geht, soll verhindert werden. Das gelingt weitgehend, auch weil Seretse Khama bei der Zusammensetzung der Regierung darauf achtet, dass die verschiedenen Ethnien des Landes in der Regierung vertreten sind.
7 Wimmer
Und das war eigentlich von Anfang an der Fall. Heißt, dass keine der größeren Gruppen war eigentlich von der Macht ausgeschlossen. Es gab ein power-sharing arrangement, informelles power-sharing arrangement von Beginn an…
TC 10:52 – Diamantensegen
Musik: C1588530112 Green oasis 0‘47
SPRECHER
Seretse Khama ist überzeugt von der Demokratie. Diese ist für ihn entscheidend für die Stabilität eines Landes Er soll sich sogar eine stärkere Opposition gewünscht haben. Diese hatte anfangs nur sieben von 34 Sitzen. Generell rechnet er damit, dass Staatsführer, die die Bevölkerung gewaltsam unterdrücken, irgendwann selbst mit Gewalt aus dem Amt gedrängt werden.
SPRECHERIN
Der Stil von Seretse Khama sorgt damals auch international für Aufsehen. In der New York Times erscheint kurz nach der Unabhängigkeit ein langer Artikel, der Botswana als erfreuliche Ausnahme zu anderen afrikanischen Staaten beschreibt. Das Wort „Erfolgsgeschichte“ wird hier bereits erwähnt.
SPRECHER
Es gibt allerdings ein Problem - dem jungen botswanischen Staat fehlen nach wie vor Einnahmen. Größter Wirtschaftszweig ist immer noch die Viehzucht. Das Land gilt Mitte der 1960er Jahre als eines der ärmsten der Welt, auch weil es eben keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gibt.
Musik: C1588530110 Call of the desert 0‘35
SPRECHERIN
Dabei gibt es Hoffnung. In den Nachbarländern wurden schon vor Jahrzehnten große Diamantenvorkommen entdeckt. Und auch in Botswana laufen seit Mitte der 1950er Jahre Erkundungen. Nachdem zehn Jahre lang in unterschiedlichen Regionen Botswanas keine Edelsteine gefunden wurden, sollen die kostspieligen Bemühungen 1965 eingestellt werden. Der leitende Geologe kann allerdings eine Verlängerung um ein Jahr heraushandeln.
SPRECHER
Und nur zwei Monate vor Ablauf der Frist hat das Team Erfolg und findet tatsächlich erste Hinweise auf Diamantenvorkommen - unweit der Hauptstadt Gaborone. In der folgenden Zeit werden dann mehrere Diamantenvorkommen in verschiedenen Teilen des Landes entdeckt. Sie zählen bis heute zu den größten der Welt. Das Land kann jetzt mit enormen Einnahmen rechnen. Nun zeigt sich, dass es ein Glücksfall war, dass Botswanas staatliche Strukturen und die Verwaltung bereits weitestgehend aufgebaut waren, als der Diamantensegen über das Land hereinbrach. Andreas Wimmer:
8 Wimmer
So ist es vielleicht zu erklären, dass eben im Unterschied zu anderen ressourcenreichen Ländern in Afrika, aber auch anderswo, dass der Diamantenreichtum nicht versickerte in den privaten Bankkonten von Politikern und hohen Funktionären und dass das Einkommen aus dem Diamantenabbau eben zur weiteren Verbesserung der Infrastruktur benutzt wurde, und nicht einfach, um politisch Stimmen zu kaufen oder eine Armee aufzubauen.
Musik: M0007510021 Tribal conflict 0‘32
SPRECHERIN
Länder, wie Angola oder auch Sambia verfügen einerseits über enorme Rohstoffvorkommen wie Kupfer oder Öl, sind andererseits aber politisch sehr instabil. Der Grund: Staatliche Strukturen sind oft schwach und daher versuchen verschiedene Kräfte, sich möglichst große Teile des Reichtums zu sichern. Immer wieder entstehen so blutige Konflikte. Als “Ressourcen-Fluch” wird dieser Teufelskreis bezeichnet.
SPRECHER
Dass Seretse Khama und seine Regierung es geschafft haben, diese Entwicklung zu verhindern, ist für den Soziologen Andreas Wimmer von der Columbia University eine entscheidende Entwicklung. Er hat ein Buch geschrieben über die Frage, warum manche Staaten scheitern und andere prosperieren. In Botswana sei es gelungen, Investitionen in Schulen, Krankenhäuser und Straßen so zu verteilen, dass möglichst alle Teile der Bevölkerung davon profitieren.
9 Wimmer
Das Argument ist, dass das dazu beigetragen hat, dass die Bürger unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund, unabhängig von der Sprache, die sie sprechen die Regierung als gleichermaßen legitim erachten und die entsprechenden politischen Parteien auch unterstützen.
SPRECHERIN
Dies führte auch dazu, dass die Unterschiede der Volksgruppen im Land eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Gewaltsame Konflikte entlang ethnischer Trennlinien, wie es sie in anderen instabilen Staaten immer wieder gibt, sind in Botswana nicht entstanden.
SPRECHER
Eine weitere visionäre Entscheidung half, diese günstigen Voraussetzungen dauerhaft zu sichern, betont der Politikwissenschaftler Christian von Soest. Die botswanische Staatsführung rund um Seretse Khama geht zur Diamantenförderung ein Joint Venture mit dem südafrikanischen Bergbaukonzern DeBeers ein. Die Einnahmen teilen sich zur Hälfte Staat und Konzern.
10 von Soest
Das hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass man erstens eben die Expertise hat, dass aber auch der Zugriff auf die Einnahmen eben auch sehr viel kontrollierter vonstattenging als das in anderen Staaten der Fall war.
SPRECHERIN
Dieses Kooperationsmodell wird später auch von anderen Ländern kopiert, zum Beispiel im Nachbarland Namibia.
Musik: C1582570117 Im Supermarkt 0‘34
SPRECHER
Botswana erlebt in den 1970er Jahren dank der Diamantenförderung einen enormen Aufschwung. Das Land verzeichnet das höchste Wirtschaftswachstum weltweit. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen entwickelt sich zu einem der höchsten auf dem Kontinent. Die Gesundheitsversorgung wird weiter massiv ausgebaut und ist zum großen Teil kostenlos. Die internationalen Beobachter überbieten sich mit Lob für “die Schweiz Afrikas”, wie Botswana immer wieder genannt wird.
TC 16:22 – Kratzer im ‚afrikanischen Märchen‘
SPRECHERIN
Dabei steht das Land außenpolitisch vor großen Herausforderungen. Die zentrale Frage ist, wie sich Botswana gegenüber dem rassistischen Apartheidsregime im Nachbarland Südafrika verhält. Seretse Khama ist durch seine Ehe mit der weißen Ruth und seiner liberalen Einstellung der personifizierte Gegenentwurf zu einer Politik der Rassentrennung.
SPRECHER
Er weiß gleichzeitig, dass er seine Kritik vorsichtig formulieren muss, um den mächtigen Nachbarn nicht zu sehr zu reizen und die eigene Souveränität nicht zu gefährden. Anders als andere Staaten hat Botswana südafrikanische Freiheitsbewegungen wohl auch deshalb nie offen unterstützt.
Musik: C1608480130 Toumani A 0‘42
SPRECHERIN
1980 kommt es zu einem Einschnitt in der Geschichte Botswanas. Staatspräsident Seretse Khama stirbt im Alter von nur 59 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Aber der Übergang zu seinen Nachfolgern vollzieht sich geräuschlos. Und auch die folgenden Parlamentswahlen laufen grundsätzlich demokratisch und frei ab. Viele Berichte beschreiben Botswana bis heute überschwänglich als ein afrikanisches Märchen. In den letzten Jahren hat diese Erzählung allerdings einige Kratzer bekommen.
SPRECHER
Ein Beispiel dafür sind Minderheitenrechte. Der sehr repressive Umgang mit einer indigenen Volksgruppe, den San, hat immer wieder für internationale Kritik gesorgt. Christian von Soest:
12 von Soest
Die San leben als Nomaden, sind nicht wirklich sesshaft und das wurde als nicht modern von der Regierung aufgefasst. Ein sehr paternalistisches Verhältnis von Politik teilweise, das nicht ausgerichtet ist auf den Schutz von alternativen Lebensformen und -entwürfen.
SPRECHERIN
Die San wurden von der Wasserversorgung abgeschnitten und gezielt aus ihren gewohnten Lebensräumen vertrieben. Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass in diesen Gebieten Diamantenvorkommen vermutet wurden. Und diesen Edelsteinen wird in Botswana nach wie vor alles untergeordnet. Sie sind der Garant für den Wohlstand des Landes.
SPRECHER
Dabei gibt es allerdings einen Haken. Denn trotz dieser Einnahmen steigt die Arbeitslosigkeit in Botswana in den letzten Jahren. Sie liegt bei rund 20 Prozent.
13 von Soest
Der Abbau von Diamanten braucht nicht sehr viele Arbeitskräfte. Und das ist eben ein zentrales Problem. Die Einnahmen des Staates sind sehr hoch. Aber es ist eben nicht sehr breitenwirksam diese, diese, diese Einnahmequelle.
Musik: M0007510021 Tribal conflict 0‘47
SPRECHERIN
Eine Folge davon ist eine wachsende soziale Ungleichheit. Diese Entwicklung kann enorme gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln. Ein Ziel ist deshalb seit langem eine Diversifizierung der Wirtschaft. Insbesondere weil die Diamantenvorkommen im Jahr 2050 etwa erschöpft sein sollen. Lange hat Botswana auf Luxustourismus gesetzt. Das Land verfügt über eine der größten Elefantenpopulationen weltweit und mit dem Okavango-Delta über ein Naturparadies. Seit wegen der Corona-Pandemie die Touristenströme ausblieben, zeigte sich allerdings, wie unsicher auch diese Strategie sein kann.
SPRECHER
Botswana hat außerdem mit einer im Vergleich zu anderen Ländern enorm hohen Zahl an HIV-Infizierten zu kämpfen. Auch der Klimawandel setzt dem Land zu. Schon seit Jahrzehnten gibt immer wieder Dürren, die große Teile Botswanas bedrohen. Nicht umsonst lautet das Staatsmotto Botswanas “Pula”, übersetzt etwa: “Möge Regen kommen!”
Musik: C1595860103 Truth development inc (c) 0‘49
SPRECHERIN
Bleibt noch die Demokratie, die ja Ausgangspunkt für die Entwicklung Botswanas ist und für die das Land gefeiert wird. Zwar gilt Botswana was freie Wahlen und Meinungsfreiheit angeht, noch immer als leuchtendes Vorbild - insbesondere in Afrika. Allerdings zeigen sich auch hier Probleme. Zwar gelten die Wahlen als frei und fair. Aber bislang hat jede Abstimmung die BDP gewonnen - die Partei, die Seretse Khama gegründet hatte. Es gibt Anzeichen für verkrustete Strukturen und Vetternwirtschaft innerhalb des Regierungsapparats. Die Entwicklung Botswanas wird in der Politikwissenschaft deshalb auch kontrovers diskutiert.
14 von Soest
Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sagen den eigentlichen, ultimativen Test für eine Demokratie hat es noch nicht gegeben, nämlich ob ein Amtsinhaber eine Amtsinhaberin bereit ist, den Regierungssitz verlassen, wenn er oder sie bei der Wahl verloren hat und nicht mehr die Mehrheit der Stimmen hat. Das hat die BDP bisher nicht gehabt. Diese Herausforderung, dass es einen Machtwechsel gab. Jetzt lässt sich trefflich darüber streiten, ob sie bereit wäre, das zu tun. Das wissen wir letztendlich nicht. Ich würde sagen ja.
SPRECHER
2018 wurde der BDP-Vertreter Mogkweetsi Masisi zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Bei seinem Amtsantritt hat er klargemacht, worauf es für ihn ankommt.
15 Mogweetsi Masisi
We are committed to a modern Botswana, that is not only open but able to openly compete with the rest of the world while maintaining our founding principles that have united this nation through difficult times: Democracy, Self-Reliance, Development, Unity and Botho!
ZITATOR / OV
Wir streben nach einem modernen Botswana, das offen ist und in der Lage ist, mit dem Rest der Welt mitzuhalten. Dabei setzen wir auf unsere Grundwerte, die uns auch in schwierigen Zeiten geeint haben: Demokratie, Eigenständigkeit, Entwicklung, Einigkeit und Botho.
Musik: C1595860130 One world pattern (e) 0‘42
SPRECHERIN
Botho ist ein Begriff aus der Landessprache Setswana. Er bedeutet übersetzt etwa Menschlichkeit und gegenseitiger Respekt. Mit diesen Grundlagen hat es Botswana weit gebracht. Aber das Land steht an einer Weggabelung. Es ist unklar, ob es gelingt, die Wirtschaft breiter aufzustellen und neue Einnahmequellen zu erschließen. Entscheidend für das Bestehen der Demokratie wird sein, dass ethnische Konflikte weitgehend ausbleiben und die soziale Ungleichheit nicht noch größer wird.
TC 22:18 – Outro
Sie sind nicht nur beeindruckende Kunstwerke, sie sind das Gedächtnis eines ganzen Volkes in Westafrika. Was sie genau zeigen, ist allerdings noch nicht vollständig entschlüsselt. Und nach einem Raubzug der britischen Kolonialmacht sind tausende Benin-Bronzen in der ganzen Welt verteilt. Wie soll die Rückgabe ablaufen?Februar ist "Black History Month". Von Linus Lüring (BR 2023)
Credits
Autor: Linus Lüring
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Jerzy May, Katja Schild
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Dr. Stefan Eisenhofer, Dr. Oluwatoyin Sogbesan
Linktipps:
ARD Kultur (2022): Akte: Raubkunst?
Warum stehen Museen in Deutschland voll mit Kulturschätzen aus Asien und Afrika? Wie sind sie hierhergekommen? In “Akte: Raubkunst?” erzählt Helen Fares die Geschichte von sechs Objekten - einige davon sind berühmt und umkämpft, andere noch kaum erforscht. Die Spuren führen in die Kolonialzeit, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Wir sprechen mit Menschen, die die Herkunft der Objekte erforschen und mit Menschen, die ihre Kulturschätze zurückfordern. “Akte: Raubkunst?” ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur. ZUM PODCAST
ARD Kultur (2022): Die gestohlene Seele – Raubkunst aus Afrika
Brutal raubten Kolonialherren unzählige Kulturgüter aus Afrika - was soll damit geschehen? Nicht nur in Europa wird darüber kontrovers diskutiert. Auch in Afrika ist man sich uneins: vorbehaltlose Rückgabe oder nicht? Zum Film geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:11 – Raubrausch
TC 04:53 – Die kolonialistische Haltung
TC 08:50 – Geraubte Heiligtümer und Identität
TC 11:57 – Die zähe Geschichte einer Rückgabe
TC 17:49 – Immer noch Streit
TC 21:47 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK: „The vikins & Barons“ – Z8032889#109 (0:26)
SPRECHER
Die afrikanischen Verteidiger sind chancenlos gegen die gewaltige Armee, die sich Anfang des Jahres 1897 an der Westküste Afrikas formiert hat. Rund 1200 schwer bewaffnete britische Soldaten, Begleittruppen und hunderte Träger machen sich auf den Weg ins Landesinnere. Ihr Ziel: Das Königreich Benin und deren Hauptstadt, Benin-City. Als einziges Gebiet in der Region ist es noch nicht von einem europäischen Staat unterworfen und zur Kolonie erklärt worden.
MUSIK: „Masks on“ – Z8032448#119 (0:32)
SPRECHERIN
Zu groß ist die Übermacht der Europäer, die mit Maschinengewehren vorrücken. Nach zehn Tagen ist der Kampf vorbei und Benin-City wird eingenommen. Bevor die Briten die Stadt anschließend niederbrennen, durchsuchen sie systematisch den Palast des Oba, des Herrschers von Benin. Dabei machen sie einen überraschenden Fund. Der britische Marineoffizier Reginald Bacon erinnert sich später so:
ZITATOR
In den Lagerhäusern war jede Menge Krempel. Alte Uniformen oder hässliche Schirme. Aber in einem Haus befanden sich - bedeckt von Schmutz - einige hundert einzigartige Bronzeplatten - wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs. Es waren wirklich hervorragende Güsse. Die Vielfalt der Details war fantastisch.
SPRECHER
Zum damaligen Zeitpunkt ist den britischen Soldaten nicht wirklich klar, was sie da vor sich haben. Erstmal nehmen sie alles mit, was sie finden können. Mehrere tausend Kunstwerke werden verschleppt. Vor allem Platten und Güsse aus Bronze und anderen Legierungen, aber auch Schnitzereien aus Elfenbein oder Holz. Für all diese Stücke setzt sich der Sammelbegriff "Benin-Bronzen" durch.
TC 02:11 – Raubrausch
SPRECHERIN
Als die ersten Stücke nach Europa kommen, lösen sie eine gewaltige Begeisterung aus. Vor allem unter den Museen beginnt ein Wettlauf um die Benin-Bronzen. Ein Mitarbeiter des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin telegraphiert an den deutschen Konsul in Westafrika, er solle von den erbeuteten Dingen “was immer erreichbar und ohne Rücksicht auf den Preis” kaufen.
SPRECHER
Etwas später kommen Bronzen auch nach Bayern. Die Münchner Neuesten Nachrichten melden im Dezember 1898:
MUSIK: „Area codes“ – Z8020134#106 (0:18)
ZITATOR
Sämtliche größere Museen Europas, Amerikas, ja selbst Australiens sind alarmiert und haben sich teilweise arm gekauft. Auch in unserem Münchner Ethnographischen Museum ist eben die erste derartige Sendung eingetroffen und wird demnächst zur Ausstellung kommen.
Atmo Treppenaufgang
SPRECHER
Mehr als 120 Jahre später geht der Ethnologe Stefan Eisenhofer die imposante Haupttreppe im Museum Fünf Kontinente nach oben, wie das Ethnographische Museum heute heißt. Er ist Leiter der Abteilungen Afrika und Nordamerika. Sein Ziel: Die ausgestellten Benin-Bronzen in der zweiten Etage. Er bleibt vor einer der Vitrinen stehen. Darin ein Kopf aus dunklem Metall, etwa 30 Zentimeter hoch…
ZUSPIELUNG 1 (Eisenhofer Beschreibung Kopf)
Also hier sehen wir so einen typischen Ahnen-Gedenkkopf wie er auf den Ahnen-Altären im Reich Benin gestanden ist. Das ist ein menschlicher Kopf, sehr stark stilisiert, Sie sehen um den Hals diese Ringe, sind Korallen, Ketten, Perlenketten, die Ausweis der Majestät und des hohen Ranges des Königs waren. Und da oben auf dem Kopf, sehen Sie so diese Öffnung, da steckte ein Elefantenstoßzahn drin, der in der Regel dann eben noch beschnitzt war mit mythischen oder tatsächlichen Szenen aus der Vergangenheit des Reiches.
SPRECHER
Etwa 20 Objekte, die zu den Benin-Bronzen gezählt werden, umfasst die Sammlung im Münchner Museum. Ein vergleichsweise kleiner Bestand. Das Ethnologische Museum in Berlin verfügt über mehr als 500 Exponate. Die meisten Benin-Bronzen finden sich in britischen Museen. Und sie alle verbindet die Frage, die Stefan Eisenhofer stellt, als er vor dem kunstvoll gestalteten Kopf aus Bronze steht.
ZUSPIELUNG 3 (Eisenhofer Frage)
Ja, es ist tatsächlich die Frage – wo gehören diese Ahnen-Gedenkköpfe hin? In die Museen der Welt, in Museen in Nigeria, in den Königspalast in Benin City, in ein Nationalmuseum von Nigeria oder zu anderen Familien, die vielleicht auch solche Köpfe besessen haben?
TC 04:53 – Die kolonialistische Haltung
MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:40)
SPRECHERIN
Wie soll man umgehen mit den Benin-Bronzen, die zum großen Teil geraubt wurden und jetzt in Museen und privaten Sammlungen weltweit verteilt sind? Diese Debatte wird seit einigen Jahren hochemotional geführt. Vor allem in Nigeria, dem Staat, in dem sich das Gebiet des Königreich von Benin heute befindet - nicht zu verwechseln mit dem Staat Benin, der weiter westlich liegt. Die Nigerianerin Oluwatoyin Sogbesan ist Kunsthistorikerin und Spezialistin für Fragen des kulturellen Erbes Afrikas. Die Benin-Bronzen sind für sie nur ein Beispiel für ein größeres Problem.
ZUSPIELUNG 4 (Toyin - Afrika ist von außen leichter zu studieren als von innen )
Overvoice weiblich
Es ist leichter, afrikanische Kultur in Museen auf der ganzen Welt zu erleben, als in Afrika. Alles wurde geplündert. Wie sollen wir unsere Geschichte zusammenfügen und verstehen? Denn das sind ja eigentlich Dinge, die die Kreativität und Fähigkeiten unserer Vorfahren verdeutlichen. So wird klar, was wir waren und wer wir sind.
SPRECHER
Es geht also bei der Diskussion um die Benin-Bronzen darum, wie Unrecht aus der Kolonialzeit wieder gut gemacht werden kann und auch um die Frage, wie sehr kolonialistisch geprägtes Denken bis heute wirkt. Auf der Suche nach Antworten muss man erstmal zurück an den Anfang.
SPRECHERIN
Denn schon im Jahr 1897, kurz nach dem britischen Raubzug, sorgen die Benin-Bronzen für Diskussionen. So heißt es im Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten damals weiter:
ZITATOR
[Es] wurden Bronzegüsse aufgedeckt in einer Größe und in einer Vollendung…
SPRECHER
… wie man sie den Schwarzen niemals zugetraut hätte. Die Kunstwerke stellen alte Gewissheiten in Frage. Ja sogar die Argumentation, die der Unterwerfung des afrikanischen Kontinentes zugrunde lag, gerät ins Wanken, als die Benin-Bronzen nach Europa kommen.
ZUSPIELUNG 5 (Eisenhofer Kolonialkritik)
Der Tenor war ja, wir müssen Afrika kolonisieren, um die an die höheren Weihen der Zivilisation heranzuführen. Und jetzt stieß man auf diese tollen Kunstwerke, und das brachte die Befürworter des Kolonialismus in Erklärungsnot. Und kolonialkritische Kreise hatten halt gesagt, ihr erzählt uns immer Afrikaner, sind ohne unsere kolonisierende Hand ja nicht fähig, großartige Sachen zu schaffen. Wie erklärt ihr uns das jetzt? Und es wurden dann sehr schnell Erklärungsmodelle geschaffen, indem es hieß ja, das ist ja auch nicht von Afrikanern geschaffen worden, sondern wahrscheinlich von Arabern, die irgendwie aus dem Norden da waren, oder vielleicht von Europäern, die dort an Land gingen und dort blieben.
MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:32)
SPRECHER
So erklärt sich auch die Deutung des britischen Offiziers Reginald Bacon. Er war schnell von ägyptischem Einfluss ausgegangen. Aber es werden nicht nur die Fähigkeiten der Künstler des Königreiches von Benin angezweifelt. Es wird auch verkündet, man müsse die Benin-Bronzen nach Europa bringen und damit “retten”. Würden sie vor Ort in Westafrika bleiben, wären sie bald zerstört und damit Kunst von Weltrang unwiederbringlich verloren. Eine Sichtweise, die überheblicher kaum sein könnte.
SPRECHERIN
Dass die Benin-Bronzen tatsächlich vor Ort hergestellt wurden, wird inzwischen von niemandem mehr angezweifelt. Die Kunst der Bronze-Guss-Technik wird bis heute in Benin-City in Handwerkerfamilien von Generation zu Generation weitergegeben.
SPRECHER
Während die Herstellung der Benin-Bronzen also sehr konkret beschrieben werden kann, ist die Antwort auf eine andere Frage komplexer - nämlich warum die Kunstwerke geschaffen wurden.
SPRECHERIN
Dies ist eines der Schwerpunkte in der Forschung von Oluwatoyin Sogbesan. Die Kulturhistorikerin möchte dabei zuerst ein Missverständnis aufklären.
TC 08:50 – Geraubte Heiligtümer und Identität
ZUSPIELUNG (8 Toyin – mehr als Kunst)
Overvoice weiblich
Was oft als afrikanische Kunst bezeichnet wird, sind eigentlich Objekte, die eine wichtige Funktion haben. Sie werden genutzt für rituelle Zeremonien, für traditionelle Verehrung. Für die Menschen in Benin waren Sie ein Zeichen für die Macht des Oba, des Königs. Sie waren heilig, weil sie die früheren Könige ehrten. Viele der Benin-Bronzen stellen einen verstorbenen Oba dar. Sie galten als ein Medium, durch das der amtierende Oba mit seinen Vorfahren kommunizieren konnte. [Auch deshalb mussten sie so hochwertig ausgearbeitet werden.] Nochmal: Die Benin-Bronzen waren viel mehr als nur Kunstwerke.
SPRECHERIN
Die Benin-Bronzen sollten also vor allem durch ihre prunkvolle Gestaltung die Macht des Oba, also des Herrschers über das Königreich von Benin, symbolisieren. Aber die Objekte hatten noch eine zweite Funktion. Denn während in europäischen Kulturen Ereignisse seit Jahrhunderten schriftlich festgehalten wurden, gab es diese Tradition in den meisten afrikanischen Gesellschaften nicht. Daher spielen die Benin-Bronzen eine besonders wichtige Rolle, vor allem die Reliefplatten.
ZUSPIELUNG (9 Toyin - historical recording)
Overvoice weiblich
Sie waren auch Objekte der Geschichtsschreibung. Das ist sozusagen die Art und Weise, wie Afrika schreibt. Jede Platte ist damit wie eine Seite in einem Geschichtsbuch. Man kann zum Beispiel Leoparden sehen, also Tiere mit denen die Menschen früher zu tun hatten. Die Benin-Bronzen waren also für die Menschen eine Möglichkeit, Ereignisse festzuhalten.
SPRECHER
Im Münchner Museum Fünf Kontinente erklärt Stefan Eisenhofer, der Kurator der Afrika-Abteilung, wie das konkret aussehen kann. Er zeigt im Ausstellungsraum einer dieser Bronzeplatten. Darauf sind unter anderem portugiesische Seefahrer zu sehen.
ZUSPIELUNG 10 (Eisenhofer Portugiesen)
Die Portugiesen erkennt man an diesen geraden Haaren, an diesen Schnittlauchhaaren und den sehr geraden Nasen. Also Europäer wurden von den Gießen in Benin sehr stereotyp dargestellt. Lange, glatte Schnittlauchhaare und eben sehr spitze, lange Nasen, während sie die Einheimischen mit sehr breiten Nasen dargestellt haben. Sie sehen hier auch zwei Würdenträger dargestellt auf dieser Benin-Platte.
MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:40)
SPRECHERIN
Die Erforschung der Benin-Bronzen ist enorm kompliziert. Es ist nicht nur oft schwer zu deuten, was genau auf den Platten zu sehen ist oder wen ein Ahnenkopf darstellen soll - auch eine genaue Datierung ist meist nicht möglich, weil eben weitere Erklärungen oder schriftliche Ergänzungen fehlen. Es wird davon ausgegangen, dass die ältesten Bronzen aus dem 12. Jahrhundert stammen.
TC 11:57 – Die zähe Geschichte einer Rückgabe
SPRECHER
Dass so wenig bekannt ist, liegt auch daran, dass die Briten 1897 den Palast des Oba weitgehend zerstörten und auch viele Würdenträger ermordeten. Diese gaben oft historisches Wissen mündlich an folgende Generationen weiter.
SPRECHERIN
Die Folge ist für Oluwatoyin Sogbesan eine Wissenslücke zwischen den Generationen - bis heute.
ZUSPIELUNG 12 (Toyin - Gap)
Ohne Overvoice
SPRECHERIN
Gerade weil die Benin-Bronzen so zentral sind für die Geschichtsschreibung eines ganzen Volkes und damit auch für dessen Identität, wurde der Raubzug zu einem zentralen Beispiel für koloniales Unrecht. Die Debatten um eine Restitution, also die Rückgabe, wird international verfolgt.
SPRECHER
Ein Rückblick: In den 1930er Jahren fordert der Hof von Benin erstmals offiziell von der britischen Krone die Rückgabe der Kulturgüter. Der Erfolg ist gering. Doch der Wunsch bleibt bestehen. 1960 wird Nigeria 1960 unabhängig von Großbritannien. Das Königreich von Benin ist nun Teil dieses neuen Staates. Der traditionelle Herrscher, der Oba, übt wieder großen Einfluss aus.
SPRECHERIN
1972 wird in Benin-City ein Museum geplant, in dem auch Benin-Bronzen ausgestellt werden sollen. Nigerianische Diplomaten bitten darum, einige Stücke als Dauerleihgaben aus Deutschland zu bekommen. Sie stützen sich damals auf den Internationalen Museumsrat. Das Gremium hat empfohlen, geraubte Kulturgüter den noch jungen afrikanischen Staaten zurückzugeben. So soll ihnen ein besserer Zugang zur eigenen Kultur ermöglicht werden.
SPRECHER
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin lehnt die Anfrage aus Nigeria damals allerdings umgehend ab. Sie besitzt die zweitgrößte Sammlung von Benin-Bronzen weltweit. Das Land habe keinen „moralischen Anspruch“ auf die Objekte und die Erwerbungen der Berliner Museen seien “von jedem Makel frei”.
SPRECHERIN
An dieser Haltung wird sich in den folgenden Jahren wenig ändern. Es entsteht das, was die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy eine “Sperrmauer der Institutionen” nennt. Währenddessen blüht der internationale Markt für die Benin-Bronzen weiter.
SPRECHER
Noch 2007 ersteigert ein privater Bieter beim Auktionshaus Sotheby`s einen bronzenen Kopf aus Benin für fast fünf Millionen Dollar. Eine Versteigerung ähnlicher Stücke einige Jahre später muss dann allerdings gestoppt werden. Die öffentliche Kritik ist zu groß geworden.
MUSIK: „Area codes“ – Z8020134#106 (0:34)
SPRECHERIN
Auch auf Ebene der Wissenschaft tut sich etwas. 2010 wird in Deutschland die Benin-Dialogue-Group gegründet. Es geht um eine engere Zusammenarbeit zwischen deutschen, britischen oder niederländischen Museen, die Benin-Bronzen besitzen, und Einrichtungen in Nigeria. Die Restitution ist dabei erstmal kein Thema. Stattdessen soll der Austausch von Informationen zu Sammlungen oder einzelnen Objekten intensiviert werden.
SPRECHER
Nach und nach tritt auch die nigerianische Seite deutlicher auf. Sie bittet nicht mehr. Oluwatoyin Sogbesan und andere fordern die Rückgabe mit Nachdruck ein.
ZUSPIELUNG 14 (Toyin Fliegen)
Overvoice weiblich
Menschen machen sich von Nigeria aus auf den Weg, um die Benin-Bronzen in Museen überall in der Welt zu sehen. Warum können nicht Menschen aus aller Welt nach Nigeria reisen? Ihr könnt ja Kopien haben. Und wenn ihr das Original sehen wollt, dann müsst ihr eben nach Nigeria kommen. Lasst uns den Spieß umdrehen!
SPRECHERIN
Eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron Ende 2017 beschleunigt dann die Entwicklung. In seiner fast zweistündigen Rede vor Studierenden in Burkina Faso verkündet er ein Umdenken:
ZUSPIELUNG 15 (Rede Macron)
Overvoice männlich
Ich kann nicht hinnehmen, dass sich ein Großteil des kulturellen Erbes vieler afrikanischer Staaten in Frankreich befindet. Es gibt historische Erklärungen dafür, aber keine wirkliche Rechtfertigung. Das Erbe Afrika darf nicht nur in privaten Sammlungen und europäischen Museen zu finden sein.
SPRECHER
Damit kündigt Macron wohl so deutlich wie kein anderer europäischer Staatschef vor ihm die Rückgabe von Kulturgütern an. Ein Schritt, der auch Museen und Politik in Deutschland unter Druck setzt. Wie soll man weiter mit den Benin-Bronzen umgehen?
SPRECHERIN
Zur Erinnerung: Jahrzehntelang waren Forderungen aus Nigeria nicht ernst genommen und abgelehnt worden. Anfang der 1970er Jahre hieß es noch, Nigeria habe keinen Anspruch auf die Benin-Bronzen. Auf einmal geht es dann schnell: Im Juli 2022 unterzeichnen die deutsche Bundesregierung und die Regierung Nigerias eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es gleich am Anfang:
ZITATOR
Wir bekräftigen das Ziel, die Benin-Bronzen ohne Bedingungen an Nigeria zurückzugeben.
MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (1:10)
SPRECHER
Und wenige Monate später werden in Nigeria die ersten Objekte feierlich übergeben. Mehrere hundert weitere sollen folgen. Teilweise sollen aber auch Bronzen als Dauerleihgaben in deutschen Museen bleiben - mit dem Hinweis auf die neuen Eigentümer. In allen Erklärungen und Vereinbarungen schwingt die Hoffnung mit, dass mit diesen Regelungen die jahrzehntelangen Debatten beendet werden können.
TC 17:49 – Immer noch Streit
SPRECHERIN
Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Innerhalb Nigerias entwickelt sich eine neue Kontroverse um die Benin-Bronzen. Wem sollen sie gehören? Wer soll sich um die Aufbewahrung und Ausstellung kümmern? Und da wird es kompliziert. Dem Staat Nigeria wurden die Bronzen offiziell übergeben. Aber auch der amtierende Oba, der traditionelle Herrscher über das Königreich von Benin, hat Ansprüche angemeldet.
SPRECHER
Mit Erfolg: Der frühere nigerianische Staatspräsident Buhari hat die Bronzen inzwischen dem Oba übergeben. Die Begründung: Er sei der rechtmäßige Eigentümer, weil seine Vorgänger die meisten Werke in Auftrag gegeben und im Königspalast aufgestellt hatten. Allerdings ist die Sorge vieler Beobachter, dass die Bronzen nun dort verschwinden und nicht mehr in einem öffentlichen Museum gezeigt würden. So war es eigentlich geplant.
SPRECHERIN
Und eine weitere Partei hat sich eingeschaltet. Denn ein weiterer Aspekt gehört zu den Benin-Bronzen: Ihre Herstellung wurde auch durch einen florierenden Sklavenhandel finanziert. Dieser wiederum wurde vom Königshaus von Benin durch aggressive Eroberungskriege am Laufen gehalten. Die Nachfahren dieser Sklaven bezeichnen die Benin-Bronzen deshalb als “Blut-Metalle” und kritisieren die pauschale Rückgabe an Nigeria. Sie sehen die Kunstwerke auch als Teil des eigenen kulturellen Erbes und möchten mitbestimmen, was mit ihnen passiert.
SPRECHER
Stefan Eisenhofer vom Münchner Museum Fünf Kontinente wirbt für, eine ruhige Auseinandersetzung.
ZUSPIELUNG 16 (Eisenhofer überhastet)
Also ich würde allen Parteien eigentlich wünschen, dass man sich nicht von der Politik her treiben lässt, wie das zum Teil im Moment so der Fall ist. Also ich würde mir wünschen, dass man sich viel mehr Zeit nimmt, um Gespräche zu führen mit unterschiedlichen Akteuren in Nigeria, auch um um einfach , ja, zu sehen, die angemessenste Lösungen zu finden, wie man damit umgeht, also so, wie es im Moment so stattfindet, möglichst schnell zurückgeben, um irgendwie Schuld gutzumachen. Und dann haben wir unsere Ruhe - also das ist in meiner Sicht nicht der richtige Weg.
SPRECHERIN
Oluwatoyin Sogbesan warnt allerdings vor einer weiteren Einmischung. Sie betont, dass die Rückgabe bedingungslos erfolgt sei. Was mit den Bronzen weiter passiere, sei allein eine Angelegenheit Nigerias.
ZUSPIELUNG 17 (Toyin in dein Haus kommen)
Overvoice weiblich
Es ist, als würde ich in dein Haus kommen, ohne zu fragen, die Tür öffnen und dann sage ich, was du mit deinen eigenen Sachen machen sollst. Die Debatte ist zum Teil immer noch nicht an einem Punkt angelangt, wo wir eine gemeinsame Grundlage haben.
SPRECHER
Es sind also trotz jahrzehntelangen Debatten immer noch zentrale Aspekte ungeklärt. Ein Rätsel konnte aber gelöst werden - mit überraschendem Ergebnis. Es ging dabei um die Frage, woher das Metall kam, das für den Guss der Benin-Bronzen verwendet wurde. Schon länger war vermutet worden, dass es aus einer einzigen Region stammt.
SPRECHERIN
Wissenschaftler aus Bochum konnten das bestätigen und mit chemischen Analysen nachweisen, dass das Metall für die Benin-Bronzen vor allem aus Deutschland stammt. Genauer aus der Region zwischen Köln und Aachen. Das Messing, das dort hergestellt wurde, war vor allem wegen seiner besonderen Fließfähigkeit begehrt bei Gießern in Benin.
MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:30)
SPRECHER
Auch wenn die Benin-Bronzen damit eine deutlich größere Verbindung zu Deutschland haben als lange bekannt war - die Restitutionsdebatte verändert die Erkenntnis nicht. Denn ein legitimer Anspruch auf die Kunstgüter lässt sich daraus nicht ableiten.
TC 21:47 - Outro
Wer sich die Staatsgrenzen afrikanischer Staaten auf der Landkarte anschaut, sieht, dass manche von ihnen wie mit dem Lineal gezogen wirken. - Und genauso war es auch. Auf der sogenannten Berliner Konferenz oder Kongo-Konferenz von 1884/85 fand der koloniale Ausverkauf Afrikas statt. Februar ist "Black History Month". Von Gerda Kuhn (BR 2009)
Credits
Autorin: Gerda Kuhn
Regie: Dorit Kreissl
Es sprachen: Christiane Roßbach, Rainer Buck
Technik: Lydia Schön
Redaktion: Brigitte Reimer
Im Interview: Dr. Thomas Reinhardt
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2020): Europas koloniales Erbe in Afrika
Europas Kolonialismus hat den afrikanischen Kontinent geprägt und tut das bis heute. Höchste Zeit, dass Europa sich dekolonisiert, sagen Experten. Dabei geht es um Wirtschaftsbeziehungen ebenso wie um Kultur. JETZT ANHÖREN
ARD alpha (2024): Die Erfindung des Rassismus in Farbe
Eine Pioniertat prägt in jahrzehntelang das Bild von Afrika und den Afrikanern und legt ab dem Jahr 1907 die fotografischen Grundlagen des Rassismus: die Reise des jungen Fotografen Robert Lohmeyer (1879-1959) aus dem westfälischen Gütersloh in die deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Er soll die Kolonien auf dem Höhepunkt des Imperialismus in Farbe fotografieren, um die Begeisterung der Bevölkerung für die fernen Besitzungen anzuregen. Es handelt sich um eine akribisch geplante PR-Aktion des Kaiserreichs. Es ist auch die "Erfindung" Afrikas und des Rassismus in Farbe, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 03:06 - Geiz und Prestige der europäischen Herrscher
TC 05:05 - Mit Stift und Lineal
TC 12:26 - Über alle Köpfe hinweg
TC 15:35 - Die Flagge folgt dem Handel: Das deutsche Kolonialvorgehen
TC 18:53 - Plünderung, Sklaverei und Gräueltaten
TC 23:03 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
00:15 – Intro
Musik (Pathetisch, patriotisch, getragen)
ZITATOR
[„Im Namen des Allmächtigen Gottes (…)“]
ERZÄHLERIN
„Artikel 6: Bestimmungen hinsichtlich des Schutzes der Eingeborenen, der Missionare und Reisenden, sowie hinsichtlich der religiösen Freiheit“:
ZITATOR
„Alle Mächte, welche in den gedachten Gebieten Souveränitätsrechte oder einen Einfluß ausüben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen und an der Unterdrückung der Sklaverei mitzuwirken.”
ERZÄHLER:
So pompös und vermeintlich nächstenliebend gibt sich die Präambel im Schlussdokument der Berliner Afrika-Konferenz 1885 - einer Zusammenkunft, die über das Schicksal von Millionen Menschen gleichsam am Pokertisch entscheidet. Mit dabei sind Deutschland, die USA, das Osmanische Reich sowie Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Portugal, Russland, Spanien und Schweden-Norwegen. Sie alle wollen den Eindruck erwecken, in göttlichem oder doch zumindest in christlichem Auftrag zu handeln. Tatsächlich aber verfolgen sie ausschließlich strategische und wirtschaftliche Eigeninteressen. So ist das eben im ausgehenden 19. Jahrhundert: den Mächtigen dieser Welt fällt es relativ leicht, sich und ihre Staaten als das Zentrum von Kultur und Zivilisation zu sehen, von dem aus der Rest der Welt huldvoll zu beglücken ist – notfalls auch mit Gewalt. Und natürlich im Namen Gottes.
MUSIKAKZENT schrill, schräg, anklagend
ERZÄHLERIN:
Äußerer Anstoß für die Berliner Afrika-Konferenz – oder Kongo-Konferenz - ist die Frage, wer das Kongo-Becken ausbeuten darf: ein riesiges Gebiet entlang des zweitlängsten und wasserreichsten Flusses in Afrika. Europäer halten sich zu diesem Zeitpunkt allenfalls in den afrikanischen Küstenregionen auf; ins Landesinnere stoßen die wenigsten vor. Der Ethnologe Thomas Reinhardt von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität:
O-Ton Reinhardt:
„Die Kolonisierung hat begonnen kurz nach der Entdeckung des Chinins und der Malaria hemmenden Wirkung des Chinins. Davor war Afrika einfach dieses „Grab des weißen Mannes“.“
TC 03:06 – Geiz und Prestige der europäischen Herrscher
ERZÄHLER:
Das Interesse am Kongo wird durch den britischen Journalisten und Abenteurer Henry Morton Stanley geweckt. Als Reporter erhält er den Auftrag, den verschollenen Missionar und Afrika-Forscher David Livingstone zu finden. Er entdeckt ihn schließlich halbverhungert am Tanganijka-See. In den folgenden Jahren durchquert Stanley Afrika von Osten nach Westen. Er wird zum selbsternannten Kongoforscher; braucht dafür aber Geldgeber.
MUSIK afrikanisch, rhythmisch
ERZÄHLERIN:
Als sein Heimatland England kein Interesse zeigt, schafft Stanley es, Leopold II. für seine Idee zu begeistern. Der belgische Monarch aus dem deutschen Adelsgeschlecht Sachsen-Coburg und Gotha ist seit langem auf der Suche nach Möglichkeiten, sein Selbstwertgefühl und seine finanziellen Mittel zu vergrößern. Das Kongogebiet, reich an Bodenschätzen, Anbauflächen und wilden Tieren, verspricht ansehnlichen Profit. Doch Leopold ist clever genug, seine kolonialen Gelüste zunächst hinter vermeintlich noblen Zielen zu verstecken. Er wolle zur Erforschung Afrikas und zum Kampf gegen die Sklaverei beitragen, lässt er erklären.
ZITATOR:
„Es geht darum, den einzigen Teil des Globus, den die Zivilisation noch nicht durchdringen konnte, für sie zu öffnen und die Finsternis zu durchbrechen, die noch ganze Völkerschaften umgibt. Man muss einen Kreuzzug führen, der diesem Jahrhundert des Fortschritts würdig ist.“
ERZÄHLER:
Im „Namen des Fortschritts“ wird die Unterjochung der Völker Afrikas vorbereitet. Dem schwarzen, dunklen – sprich: unzivilisierten – Kontinent soll das Licht des aufgeklärten Europa gebracht werden. Soweit die offizielle Lesart. Doch wie so oft in der Geschichte sind Lippenbekenntnisse das eine, Realpolitik das andere. Beim großen Run auf Kolonien geht es vor allem um das Machtgleichgewicht in Europa. Als man in Deutschland beginnt, an ein Kolonialreich zu denken, ist die Welt eigentlich schon vergeben. Engländer, Spanier, Portugiesen und Franzosen haben in Afrika, Asien, Australien und Amerika bereits riesige Gebiete unter ihr Protektorat gestellt. Deutschland, die „späte Nation“, schafft erst 1871 die Reichsgründung, jetzt erst beginnt man in Berlin darüber nachzudenken, wie auch die Deutschen „einen Platz an der Sonne“ – sprich: ein Kolonialreich - ergattern könnten.
ERZÄHLERIN:
Dabei ist Bismarck, der große Jongleur der Macht, zunächst nicht an Kolonien interessiert. Er zweifelt an ihrer Wirtschaftlichkeit und ihrem strategischen Wert. Aber die weltweite britische Kolonial-Vorherrschaft verfolgt auch er mit Unbehagen. Die alte Seemacht England hat schon früh ihre Einfluss-Zonen gesichert. Vor allem das britische Kolonialreich in Indien weckt den Neid der europäischen Konkurrenten. Der indische Subkontinent gilt als das „schönste Juwel in der britischen Krone“. Kein Wunder, dass sich auch in anderen Ländern gekrönte und ungekrönte Häupter mit derartigen Juwelen schmücken wollen.
ERZÄHLER:
Über Bismarcks wahre Motive bei der Kongo-Konferenz ist viel spekuliert worden. Immerhin schreibt er in verblüffender Ehrlichkeit an den Rand einer Passage in der Konferenzvorlage das Wort „Schwindel“. Doch 1884 stehen Wahlen vor der Tür und Bismarck muss Rücksicht nehmen auf die mit ihm verbündete Nationalliberale Partei, die bereits deutlich vom „Kolonialfieber“ infiziert ist. Immerhin ist der Besitz von Kolonien inzwischen in ganz Europa zu einer Frage des nationalen Prestiges geworden.
TC 06:50 – Mit Stift und Lineal
ERZÄHLERIN:
Am 15. November 1884 ist es dann soweit: Die Herren treffen erstmals im Reichskanzlerpalais in der Berliner Wilhelmstraße 77 zusammen. Leopold II. hat die Konferenz eingefädelt, bleibt aber selbst im Hintergrund. Der Monarch schickt seinen Vertrauten vor, Baron Gerson Bleichröder, der auch für Bismarck als Bankier und Berater in internationalen Finanzfragen tätig ist. Leopold will den Reichtum des Kongo für sich, sozusagen als private Schatztruhe. Der Ethnologe Thomas Reinhardt:
O-Ton Reinhardt:
„Leopold II., König von Belgien, ist eine der zentralen Figuren bei dieser Konferenz, obwohl er selbst überhaupt nicht da war. Leopold hat in den 1870er Jahren eng zusammengearbeitet mit Henry Morten Stanley, der den Kongo überhaupt erst einmal kartographiert hatte; es war ja lange Zeit völlig unbekannt, wo der Kongo entspringt, und Leopold hatte vor, so eine Art Privatreich einzurichten im Kongobecken, und das war einer der Punkte, der verhandelt werden sollte: Wie soll mit diesem Riesengebiet umgegangen werden? Soll es in eine Freihandelszone umgewandelt werden? Stanley hat tatsächlich im Auftrag Leopolds an dieser Konferenz teilgenommen.“
ERZÄHLER:
Als eher unbedeutender Staat braucht Belgien für seine Kongo-Pläne die Zustimmung oder zumindest die Duldung der großen europäischen Mächte. Immerhin erhebt inzwischen Portugal Anspruch auf die Kongo-Mündung. Dem deutschen Reichskanzler wird die Afrika-Konferenz durch das Versprechen schmackhaft gemacht, er könne sich als „ehrlicher Makler“ profilieren. Welcher Politiker verzichtet schon gerne auf die Chance, das eigene Image kräftig aufzupolieren?
Musikakzent: Afrikanische Trommeln
ERZÄHLERIN:
Die „Kongo-Konferenz“ wird in Berlin wochenlang angekündigt. An vielen Plätzen der Stadt hängen Plakate, die für „Völkerschauen“ mit afrikanischen Tänzern im Berliner Zoo werben. Kitschige Postkarten mit kolonialen Motiven sind in Mode. Auch ideologisch wird in der Presse und in öffentlichen Diskussionen das Terrain bereitet. Die Propaganda behauptet, in Afrika gäbe es noch „Niemandsland“ zu verteilen, sogenannte „weiße Flecken“. Diese müssten vermessen und besiedelt werden. Die einheimische afrikanische Bevölkerung gehört dieser Logik zufolge zur Kategorie „niemand“.
ERZÄHLER:
Die Delegierten, die drei Monate lang in Berlin konferieren werden, haben wenig Ahnung von Afrika, dafür aber relativ genaue Vorstellungen, welchen Gewinn sie sich für ihr eigenes Land erhoffen. Allerdings macht sich kein Staatsoberhaupt die Mühe, extra zu der Konferenz nach Berlin zu reisen. Thomas Reinhardt:
O-Ton Reinhardt:
„Es lief wohl so ab, dass das Botschaftspersonal, das in Berlin ohnehin versammelt war, an dieser Konferenz teilnahm. Das war also keineswegs die erste Garde der jeweiligen Diplomatie, sondern es waren die Vertreter der einzelnen Nationen in Deutschland, zum Teil auch durchaus untergeordnetes Botschaftspersonal.“
ERZÄHLERIN:
Der Konferenzsaal wird von einer fünf Meter hohen Afrika-Karte dominiert. Zwar fehlt darauf das eine oder andere geographische Detail, doch allzu sehr wollen sich die Versammelten ohnehin nicht in Einzelheiten verlieren. Lord Salisbury, der britische Delegationsleiter, gibt später in einem Interview mit der London Times zu:
ZITATOR:
„Wir haben Linien auf Karten eingetragen, in Gegenden, die noch nie ein Weißer betreten hat; wir haben uns gegenseitig Berge und Flüsse und Seen zugesprochen, mit dem einzigen kleinen Schönheitsfehler, dass wir niemals genau wussten, wo diese Berge und Flüsse und Seen lagen.“
ERZÄHLERIN:
Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, …
O-TON Thomas Reinhardt:
… dass die meisten Delegierten der Konferenz von Afrika nicht mehr wussten als auf den Servietten abgedruckt war – nämlich eine Umrisskarte des Kontinents.
ERZÄHLER:
Doch solche „Schönheitsfehler“ halten die Europäer nicht auf. Vom großen Kuchen Afrika wollen sich alle ein Stück abschneiden. Zwar fallen auf der Konferenz noch keine Entscheidungen über den Verlauf der künftigen Grenzen, aber die Modalitäten für den Ausverkauf Afrikas werden festgelegt. Später wird es auf der Landkarte aussehen, als seien in Afrika manche Ländergrenzen schnurgerade wie mit dem Lineal gezogen worden - quer zu den Lebensräumen der afrikanischen Bevölkerungsgruppen. Zusammengehörende Völker werden auseinandergerissen, verfeindete Gruppen in einem neuen Kunststaat zusammengepfercht. Die Grundlage vieler ethnischer Konflikte, die den afrikanischen Kontinent bis heute erschüttern, ist gelegt.
O-TON Thomas Reinhardt:
„Es gibt bestimmt Fälle, in denen eine dieser kerzengeraden Grenzen mitten durch das Siedlungsgebiet einer Ethnie verläuft. Ich glaube aber, das viel, viel größere Problem ist, welche Gesellschaften wurden gezwungen, innerhalb von Staatsgrenzen zusammen zu leben. Nehmen wir ein Land wie Nigeria, ein Land, in dem 250 radikal verschiedene Sprachen gesprochen werden, wo es traditionell eine Reihe größerer Staatsgebiete gab, die durch die koloniale Grenzziehung plötzlich gezwungen waren, so etwas wie eine nationale Identität aufzubauen, und das hat ja in den wenigsten Fällen geklappt.“
TC 12:26 – Über alle Köpfe hinweg
ERZÄHLERIN:
Welche hehren Worte die Vertreter der 14 Konferenz-Teilnehmerstaaten auch offiziell für ihr Vorhaben finden – besonders beliebt ist das Argument, man wolle die Sklaverei bekämpfen – eine Tatsache ist nicht zu übersehen: Kein einziger Afrikaner sitzt am Berliner Konferenztisch. Die, über deren Schicksal entschieden wird, sind nicht präsent. Der britische Botschafter, Sir Edward Malet, in seiner Eröffnungsrede:
ZITATOR:
„Ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass in unserem Kreis keine Eingeborenen vertreten sind, und dass die Beschlüsse der Konferenz dennoch von größter Wichtigkeit für sie sein werden."
MUSIK afrikanisch, rhythmisch
ERZÄHLER:
Von größter Bedeutung werden die Entscheidungen für die afrikanische Bevölkerung in der Tat sein. Sie sind der Startschuss für die rasche und umfassende Kolonialisierung Afrikas.
O-Ton Thomas Reinhardt:
„Mitte der 1870er Jahre waren etwa zehn Prozent Afrikas von Europäern offiziell in Besitz genommen, 25 Jahre später war es praktisch der gesamte Kontinent.“
ERZÄHLER:
Mit den Kolonialherren kommen die Kolonialsprachen. Ihre Beherrschung ist Voraussetzung für alle, die in Staat und Verwaltung arbeiten wollen. Und natürlich dominieren sie auch an den Schulen – an denen vor allem Geschichte und Kultur der jeweiligen Kolonialmacht vermittelt werden. So lernen Generationen von jungen Afrikanern alles über Shakespeare, ohne jemals auch nur eine einzige Zeile eines einheimischen Schriftstellers gelesen zu haben. Ähnliches gilt für den französischsprachigen Raum:
O-Ton Thomas Reinhardt
„Aus den französischen Kolonien kennen wir diese Geschichten von den Schulbüchern, den Lesefibeln, die beginnen mit Ausführungen über „Unsere Vorfahren, die Gallier“ – was natürlich absurd ist, wenn man es im Senegal liest oder in Kamerun.“
MUSIK afrikanisch, rhythmisch
ERZÄHLERIN:
Lange Zeit überlässt die deutsche Politik in Sachen Kolonialismus den Kaufleuten das Feld – auch wenn sich beide Seiten insgeheim die Bälle zuspielen. Reisende und Abenteurer machen die deutsche Regierung auf vermeintlich „herrenlose“ afrikanische Gebiete aufmerksam. Wo immer ein Stück Land entdeckt wird, auf das keine andere Kolonialmacht Anspruch erhebt, wird die eigene Fahne gehisst.
ERZÄHLER:
Ein auch bei den Deutschen beliebtes Verfahren ist es, mit afrikanischen Stammesführern sogenannte „Schutzverträge“ abzuschließen. Die einheimischen Clanchefs, die meist weder lesen noch schreiben können, wissen in der Regel gar nicht, was sie unterschreiben. Was es beispielsweise bedeutet, sich „unter den Schutz des deutschen Reiches“ zu stellen. Eine der folgenreichsten Klauseln lautet:
ZITATOR:
"… dass alle Arbeiten, Verbesserungen oder Expeditionen, welche die genannte Association zu irgendwelcher Zeit in irgendeinem Teil dieser Gebiete veranlassen wird, durch Arbeitskräfte oder auf andere Weise unterstützt werden."
ERZÄHLERIN:
Den Kolonialmächten dienen derartige Formulierungen später als Rechtfertigung, die afrikanische Bevölkerung zur Zwangsarbeit zu verpflichten.
TC 15:35 – Die Flagge folgt dem Handel: Das deutsche Kolonialvorgehen
ERZÄHLER:
Auch der berüchtigte Abenteurer Carl Peters schließt nach diesem Muster einen angeblichen "Vertrag", der ihm weite Gebiete Ostafrikas zugesteht - "für ein paar Flinten", wie Otto von Bismarck spottet. Peters tut sich besonders als Propagandist für ein deutsches Kolonialreich hervor:
ZITATOR:
„Genau wie Deutschland nach der aktiven, so ist Ostafrika kolonisationsbedürftig nach der passiven Seite hin. Die üppigen Landschaften, verödet durch jahrhundertelange Sklavenjagden, liegen da wie die Obstbäume der Frau Holle und harren der Hand, die bereit ist, den reichen Segen zu ernten. Selbst in den Schwarzen dämmert die Erkenntnis auf, dass es besser mit ihnen werden wird, wenn Weiße als Herren des Landes unter ihnen wohnen.“ (….)
MUSIK
ERZÄHLERIN:
Peters erwirbt in Ostafrika Gebiete ohne offizielle Genehmigung der deutschen Regierung. Für 2000 Reichsmark kauft er ein Gebiet so groß wie ganz Süddeutschland. 1884 gründet er die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“, die deutsche Siedler zur Auswanderung nach Afrika ermuntern soll. In Berlin verhält man sich zunächst abwartend. Doch als Peters droht, mit dem belgischen König Leopold II. zu verhandeln, gerät man unter Druck.
O-Ton Reinhardt:
„Meine Vermutung wäre, dass doch die Initiative zunächst von privaten Kaufleuten ausging. Also die Gesellschaft für deutsche Kolonien etwa, die relativ große Landgebiete in Afrika schon erworben hatte und die einfach auch geschützt wissen wollte, in militärischer Weise, durch eine offizielle Kolonisierungspolitik.“
MUSIK preußisch, militärisch
ERZÄHLER:
Aus Berlin gibt es nun "kaiserliche Schutzbriefe" für die okkupierten Gebiete. Mit Bismarcks berühmtem Telegramm an den deutschen Generalkonsul in Kapstadt am 24. April 1884 beginnt die deutsche Kolonialgeschichte. Er stellt darin die Erwerbungen von Adolf Lüderitz in Angra Pequena, dem heutigen Lüderitzbucht in Namibia, unter den Schutz des Deutschen Reiches. Das Gebiet umfasst 580 000 Quadratkilometer mit rund 200 000 Einwohnern. Die deutsche Herrschaft in der späteren Kolonie Deutsch-Südwestafrika wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Massenmord an den Herero und Nama zu trauriger Berühmtheit gelangen.
ERZÄHLERIN:
Peters wird übrigens auch später noch Schlagzeilen machen: So erschließt er den Kilimandscharo mit Waffengewalt für Deutschland und empfiehlt dem Auswärtigen Amt, die dort ansässigen Warombo …
ZITATOR:
… „auszurotten wie die Rothäute Amerikas, um ihr breites und fruchtbares Gebiet der deutschen Kultivation zu gewinnen“.
Musikakzent bitter, anklagend
ERZÄHLERIN:
Bismarck, der an der Kongo-Konferenz lediglich zu Beginn und zum Abschluss teilnimmt, tritt dafür ein, dass Afrika zur Freihandelszone wird. Im Klartext bedeutet das: Es soll keine Hindernisse geben für die Ausbeutung von Rohstoffen und Bodenschätzen. Der Hunger nach diesen Gütern ist durch die Industrialisierung in Europa immens gewachsen.
TC 18:53 – Plünderung, Sklaverei und Gräueltaten
ERZÄHLER:
Am Ende der Konferenz - man schreibt inzwischen den 26. Februar 1885 – haben sich die 14 Teilnehmerstaaten weitgehend geeinigt:
O-Ton Thomas Reinhardt
„In politischer Hinsicht das wichtigste Ergebnis war, das wirklich festgelegt wurde, auf welche Weise kann, darf, soll die Kolonisierung Afrikas künftig erfolgen? Das war durchaus ein dringendes Bedürfnis, denn in den späten 1870er, frühen 1880er Jahren begann die Kolonisierung im großen Stil. Hier war es einfach nötig – um Konflikte in Europa zu vermeiden - sich zu überlegen: welche Kriterien sind nötig, um ein britisches Kolonialreich zu etablieren, was gehört zum französischen Kolonialismus dazu, wie können wir das schaffen, dass dieser Wettlauf um Afrika vonstatten gehen kann, ohne dass es in Europa zu einem Krieg zwischen den beteiligten Nationen kommt.“
ERZÄHLER:
Darüber hinaus wird vereinbart:
O-Ton Thomas Reinhardt
„Handelsfreiheit war das zweite, große Ergebnis. Man hat sich darauf verständigt, zwischen dem 5. Breitengrad nördlich und dem Sambesi ein riesiges Freihandelsgebiet einzurichten, in dem prinzipiell natürlich die Vertreter aller Nationen Handel betreiben durften.“
ERZÄHLERIN:
Zudem wird Afrika für die christliche Mission freigegeben. Auch wenn sich nicht wenige Geistliche aus Idealismus zu ihrem Einsatz entschließen, so ist ihre Anwesenheit doch auch eine Demonstration des kolonialen Machtanspruchs der Weißen.
ERZÄHLER:
Großbritannien erhält in der Folge die wichtigsten Teile Ost- und Südafrikas sowie Ghana und vor allem das bedeutende Nigeria. Frankreich kann künftig über einen nahezu geschlossenen Raum verfügen, der die Sahara, die Sahelzone und Teile des Kongos umfasst. Deutschland wird Kolonialmacht und bekommt Togo und Kamerun, Südwestafrika, Tanganjika und die Insel Sansibar. Letztere tauscht es später gegen Helgoland ein. Auch Gebiete in Asien und Ozeanien werden den Deutschen zugesprochen.
ERZÄHLERIN:
Vor allem aber wird der Kongo-Freistaat, die private Kolonie des belgischen Königs Leopold II., von den europäischen Mächten anerkannt. Der Ethnologe Thomas Reinhardt:
O-Ton Reinhardt
„Der Kongo war reich, unglaublich reich an Bodenschätzen, das gilt ja heute nach wie vor, und es war offenbar ein Gebiet, auf das niemand Anspruch erhob. Das Erstaunliche ist ja auch, dass die Besitzansprüche Leopolds im Rahmen dieser Konferenz weitgehend anerkannt wurden. Man verständigte sich zwar darauf, dass der Kongo eine Freihandelszone sein solle, dass also Angehörige anderer Nationen ebenfalls den Fluss dort befahren dürfen, und Handel betreiben dürfen, aber letztendlich hat man Leopold dieses riesige Gebiet – vermutlich in Unkenntnis dessen, was für ein enormer Reichtum dort zu finden ist - einfach überlassen.“
MUSIK düster, moll
ERZÄHLER:
Der Monarch hat damit sein ursprüngliches Ziel erreicht. Er hat nun freie Hand, um durch den Verkauf von Elfenbein, Palmöl und Kautschuk den größtmöglichen Profit herauszuschlagen, ein Handel, der auf Blut gegründet ist. Denn Leopold wird in seiner Privatkolonie ein Regiment führen, das an Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Die Einheimischen werden versklavt, um Kautschuk im Urwald zu zapfen. Ist die Ausbeute der Arbeiter zu gering, werden ihnen die Hände abgeschlagen. Männer, Frauen, Kinder, werden verschleppt, verstümmelt, ermordet. Unter Leopold II. wird der Kongo zum Schlachthaus. Historiker schätzen, dass während der belgischen Kolonialherrschaft rund zehn Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner gewaltsam den Tod finden.
Musikakzent moll
ERZÄHLERIN:
Die Kongo-Konferenz macht den Weg frei für die ungehemmte Plünderung Afrikas. Was die Europäer als vermeintlich selbstlose Mission im Namen von Fortschritt und Humanität ausgeben, wird sich in den kommenden Jahrzehnten als Albtraum für den gesamten Kontinent erweisen.
TC 23:03 - Outro
Ihr Überleben verdankte Anita Lasker-Wallfisch wohl nur der Tatsache, dass sie Cello spielen konnte. Als Cellistin im Mädchenorchester von Auschwitz überlebte sie das NS-Vernichtungslager. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Carola Zinner (BR 2014)
Credits
Autor/in dieser Folge: Carola Zinner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Christoph Jablonka, Caroline Ebner, Peter Weiß, Anita Lasker-Wallfisch
Technik: Cordula Wanschura, Monika Gsänger
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
ARD alpha: Zeuge der Zeit
Was bleibt, wenn die letzten Zeitzeuginnen und -zeugen nicht mehr am Leben sind? Wie können ihre Erlebnisse der Nachwelt zugänglich gemacht werden? Die Porträtreihe "Zeuge der Zeit" versteht sich als filmisches Gedächtnis. In den intensiven Interviews der Filmschaffenden Andreas Bönte und Michaela Wilhelm-Fischer im Sinne einer "Oral History" berichten Zeitzeugen teilweise zum ersten Mal ausführlich über ihr Leben und machen auf diese Art Geschichte begreifbar.
JETZT ANSEHEN
BR2 (2023): Die Quellen sprechen
Schauspieler und Zeitzeugen lesen Dokumente – verfasst von Tätern, Opfern und Beobachtern der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Ergänzend zum Podcast, findet sich unter die-quellen-sprechen.de ein Archiv für die Dokumente, Zeitzeugengespräche und Hintergrundinformationen. Zusatzinformationen, wie Landkarten, Zeitstrahl oder Personenangaben helfen, das Gehörte oder Gelesene in einen Kontext einzuordnen und die vielfachen Perspektivwechsel zu rezipieren. Das Projekt entstand im BR in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.
ZUM PODCAST
BR: Die Rückkehr der Namen
Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15: Intro
TC 02:46 – Klopapierrollen statt Cellobogen
TC 06:24 – Mit dem Gesetz im Konflikt
TC 08:30 – Deportation nach Ausschwitz
TC 09:55 – Musik ist Musik
TC 14:40 – Ein Abschied für immer
TC 16:12 – Ihr sollt die Wahrheit erben
TC 20:36 – Brücken bauen zwischen Verschiedenheiten
TC 21:19 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15: Intro
MUSIK CD 018520 W01
Benjamin Britten Simple Symphony English Chamber Orchestra
ERZÄHLER
Die „Simple Symphony“ von Benjamin Britten. In dieser Aufnahme aus dem Jahr 1968 dirigiert der Komponist selbst das English Chamber Orchestra, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbindet.
MUSIK hoch
ERZÄHLER
Zum Orchester gehören mehrere Frauen - das ist für ein Spitzenensemble in jener Zeit durchaus keine Selbstverständlichkeit. Die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch gehört sogar zu den Gründern des Londoner Orchesters, das Ende der 40er-Jahre entstand. Zu dieser Zeit hatte die gebürtige Deutsche bereits ein bewegtes Schicksal hinter sich: Sie hatte das Konzentrationslager überlebt - als Mitglied des „Mädchenorchesters von Auschwitz“.
MUSIK hoch und weg
MUSIK CD 701140 003
(Gerichtsaussage nach Protokoll:)
ZITATOR (= Col Backhouse)
Ihren vollen Namen, bitte.
ZITATORIN (= Anita Lasker)
Anita Lasker.
ZITATOR
Wo haben Sie bis zu Ihrer Verhaftung gewohnt?
ZITATORIN
In Breslau, Straße der SA 69.
ZITATOR
Wann gingen Sie nach Auschwitz?
ZITATORIN
Ich war eineinhalb Jahre im Gefängnis und ging von da im Dezember 1943
nach Auschwitz.
ZITATOR
In welchem Block lebten Sie, als Sie nach Auschwitz kamen?
ZITATORIN
Ich lebte in Block 12, mit der Kapelle.
ERZÄHLER
Lüneburg, 1. Oktober 1945 - Tag 13 im ersten Gerichtsverfahren gegen deutsche Kriegsverbrecher. Mangels geeigneter Räume hat das britische Militärgericht eine Turnhalle zum Gerichtssaal umfunktioniert. Hier macht die 20-jährige Anita Lasker nun ihre Zeugenaussage.
(wie oben)
ZITATOR
Haben Sie Selektionen für die Gaskammer gesehen?
GERÄUSCH beginnt unter nachfolgendem Text
ZITATORIN
Ja, ich habe viele Selektionen gesehen. Ich spielte im Lagerorchester, und wir mussten am Tor spielen. Das Tor lag genau gegenüber der Eisenbahnstation. Dort kamen die Transporte an, und wir konnten alles beobachten. Der Transport kam an, die SS führte die Selektionen durch, und wir waren nur knapp 50 Meter entfernt.
MUSIK/GERÄUSCH GEHT UNTER ZUSPIELUNG 1 ZU ENDE
ZUSPIELUNG 1
„Man hat sozusagen in einen Abgrund geschaut, wo nicht alle Leute reinschauen. Wir sind da in einer Welt gewesen, die nicht hierher gehört im Grunde, nicht wahr.“
TC 02:46 – Klopapierrollen statt Cellobogen
ERZÄHLER
London im Herbst 2013. Anita Lasker-Wallfisch sitzt im Wohnzimmer ihres Reihenhauses im Stadtteil Kensal Rise. Ein gemütlicher Raum, etwas abgewohnt: Auf dem Tisch ein überquellender Aschenbecher und ein halbleeres Päckchen Zigaretten, an der Wand Fotos aus längst vergangenen Zeiten: Schwarz-weiße Illustrationen zur Geschichte, die Anita Lasker-Wallfisch erzählt. Es ist keine schöne Geschichte, denn sie führt zurück ins Deutschland der 30er- und 40er-Jahre, wo Menschen jüdischer Herkunft beschimpft, bedroht, angegriffen, weggesperrt, gequält und umgebracht wurden - darunter auch Anitas Familie.
ZUSPIELUNG 2
„Der Tod war immer um die Ecke. Ich habe immer gehofft, dass ich es überleben werde irgendwie.“
ERZÄHLER
Anita, Jahrgang 1925, wuchs in Breslau auf. Der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter eine talentierte Musikerin. Die Familie führte ein gutbürgerliches Leben - ein glückliches Leben, wie sich Anita und ihre beiden Schwestern später erinnern. Doch ab 1933 wurde alles anders:
Die staatlich verordnete Drangsalierung von Menschen jüdischer Herkunft nahm immer mehr zu. Der Mob bekam freie Hand für Gemeinheiten aller Art.
MUSIK – und unter nachfolgendem Text zu Ende CD 921900 005
ERZÄHLER
Anita, die begeistert Cello spielt, findet im Jahr 1938 in ganz Breslau keinen Lehrer mehr, der sie unterrichten darf oder will. So schicken die Eltern ihre begabte Jüngste nach Berlin zum berühmten Cellisten Leo Rostal. Anita ist glücklich in Berlin - doch als die organisierte Gewalt gegen Juden mit den November-Pogromen einen ersten Höhepunkt erreicht, kehrt sie zurück zur Familie nach Breslau. Die älteste Schwester, Marianne, ist zu diesem Zeitpunkt bereits nach England emigriert, wo die überzeugte Zionistin nun auf die Weiterreise nach Palästina wartet. Währenddessen bemüht sich der Vater zuhause verzweifelt darum, auch den Rest der Familie im sicheren Ausland unterzubringen.
ZUSPIELUNG 3 *
„Man fragt immer, warum seid ihr nicht früher weggegangen - man kann sich nicht vorstellen wie schwierig das war, auszuwandern. Man hat gemeint, man geht irgendwo hin auf ein Konsulat, man holt sich… - es war eine große Schwierigkeit – und wer will schon von Flüchtlingen überrannt werden, nicht wahr? England, Amerika, da gab’s eine Quote - es ist uns nicht gelungen. Wir sind einfach steckengeblieben.“
ERZÄHLER
1941 beendet Anita die Schule und wird zusammen mit ihrer Schwester Renate zum Arbeitsdienst in eine Papierfabrik beordert. Seite an Seite mit Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern aus Polen und Frankreich steht die 16-Jährige nun von morgens bis abends an der Werkbank.
ZITATORIN
Ich entwickelte eine geradezu märchenhafte Geschwindigkeit im Etikettenkleben. Später durfte ich auch an der Maschine arbeiten. Ich habe wohl Millionen von Klopapierrollen fabriziert.
ERZÄHLER
So schreibt Anita Lasker-Wallfisch in ihrer 1996 erschienenen Autobiographie, wo sich neben den eigenen Erinnerungen auch die ihrer Schwester Renate finden, dazu amtliche Schreiben und Auszüge der Briefe, mit denen die Familie die in England lebende Schwester so lange wie möglich auf dem Laufenden hielt. Hier ist nachzulesen, wie die Eltern im April 1942 abtransportiert wurden, wie die beiden Mädchen allein in der Wohnung zurückblieben - und mit welcher Energie und Tapferkeit sie den Kampf ums Überleben antraten.
TC 06:24 – Mit dem Gesetz im Konflikt
ZUSPIELUNG 4 *
„Wir waren ziemlich freche Kinder, meine Schwester und ich. Ich meine, es hat uns nie gepasst, dazusitzen und zu warten bis uns jemand abholt und ermordet, wissen Sie, das war kein sehr angenehmer Gedanke. Wir haben immer versucht irgendwas zu machen, nicht einfach zu sitzen und zu warten.“
ERZÄHLER
Eines der Verbote, gegen die die Mädchen sich auflehnen, betrifft den Kontakt zwischen den jüdischen Arbeitern und den Franzosen, die in der Papierfabrik arbeiten.
ZUSPIELUNG 5 *
„In der Wand von der jüdischen Toilette war ein Loch, und auf der anderen Seite war der Aufenthaltsraum von den französischen Kriegsgefangenen, und dieses Loch war sozusagen unser Briefkasten.“
ERZÄHLER
Neben kleinen Botschaften wandern durch dieses Loch bald auch amtlich aussehende Formulare: Die Lasker-Schwestern haben begonnen, Urlaubsscheine zu fälschen und verhelfen damit einigen der Franzosen zur Freiheit.
ZUSPIELUNG 6 *
„Aber ich bin wahrscheinlich zu oft auf die Toilette gegangen, denn eines Tages war dieses Loch zugemauert. Wir haben gewusst, dass man uns auf der Spur ist. Und dann haben wir, Kinder wie wir waren, gesagt, jetzt laufen wir weg. Und haben auch mit gefälschten Papieren versucht, in die unbesetzte Zone von Frankreich zu gelangen. Das war natürlich eine, wenn ich jetzt zurückdenke, eine vollkommen wahnsinnige Idee - aber alles war besser als zu sitzen und zu warten, bis so ein Mistkerl kommt und einen verhaftet, nicht wahr?“
ERZÄHLER
Noch auf dem Bahnsteig - die Koffer sind bereits im Zug nach Paris - werden die beiden verhaftet und festgesetzt. Dass sie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, wird sich im Nachhinein als Glück erweisen.
ZUSPIELUNG 7 *
„Wenn wir einfach als Juden geschnappt worden wären, wären wir sofort durch den Schornstein gegangen. Aber wir waren dann quasi Verbrecher: Urkundenfälschung, Feindesbeihilfe und Fluchtversuch.“
ERZÄHLER
Das heißt: Gefängnis statt Konzentrationslager. Und es heißt: Justiz statt Gestapo.
ZUSPIELUNG 8 *
„Zu unserem Glück war eine schlechte Atmosphäre zwischen diesen beiden Instanzen, und das ist uns offensichtlich zum Glück geworden. Wir wollten eine lange, lange Strafe haben, wenn möglich. Das klingt wahnsinnig… Es war nicht angenehm im Gefängnis, aber wenigstens wird man nicht ermordet.“
TC 08:30 – Deportation nach Ausschwitz
ERZÄHLER
Mit dem Urteilsspruch jedoch ist die Zeit in der Untersuchungshaft zu Ende. Die beiden Mädchen werden getrennt voneinander und ohne vom Schicksal der anderen zu wissen ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Allerdings nicht, wie sonst üblich, im Rahmen eines Sammeltransportes, sondern in einem Gefängniszug speziell für Straftäter.
ZUSPIELUNG 9
„Das hieß auch, dass wir nicht mit so einem Riesentransport von Juden angekommen sind. Wir sind einfach direkt ins Lager rein mit anderen Verbrechern. Wir haben keine Selektion gehabt.“
MUSIK CD 701140 002
ERZÄHLER
Die üblichen entwürdigenden Aufnahmezeremonien aber werden auch ihnen nicht erspart. Ausziehen, Rasur, Tätowierung.
ZITATORIN
Ich weiß heute nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, dem Mädchen, das mich tätowierte, zu erzählen, dass ich Cello spielte. Unter den vorherrschenden Bedingungen schien das nicht gerade von welterschütternder Bedeutung zu sein. Die Reaktion war umso erstaunlicher: „Das ist ja phantastisch. Stell dich abseits, bleib dort stehen und warte. Du wirst gerettet werden!“
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete, tat aber, was sie mir sagte, stellte mich abseits von allen anderen und wartete - ohne Vorstellung, worauf ich eigentlich wartete.
Endlich kam die Erklärung, und zwar in Gestalt einer gutaussehenden Dame in Kamelhaarmantel und Kopftuch. Sie begrüßte mich und stellte sich vor. Alma Rosé.
MUSIK geht unter Zuspielung 10 zu Ende
TC 09:55 – Musik ist Musik
ZUSPIELUNG 10 *
„Das war die Tochter von Arnold Rosé, der war jahrelang Konzertmeister bei den Wiener Philharmonikern gewesen. Und ihr Onkel war Gustav Mahler, ich meine, die kam aus einem musikalischen Background, der geradezu kolossal war, nicht wahr.“
ERZÄHLER
Alma Rosé hatte sich in den 20er- und 30er-Jahren als Geigerin einen Namen gemacht und ein Damenorchester gegründet und geleitet. Nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager war das bald publik geworden. Prompt spannten Aufseherinnen die „Neue“ für ihre Zwecke ein.
ZUSPIELUNG 11 *
„Was ich erst viel später gelernt habe, dass es in jedem Lager ein - man kann es nicht Orchester nennen - eine Kapelle gab. Außer im Frauenlager. Das war anscheinend so eine Art „Competition“ zwischen den Lagern: Wir wollen auch Musike haben! Die haben Musik, wir wollen auch, verstehen Sie. So war das ein bisschen.“
MUSIK – setzt unter den letzten Worten des nachfolgenden Textes ein
C 500008 W02
ERZÄHLER
Alma Rosé übernahm im Frauenlager von Auschwitz-Birkenau die Leitung des Orchesters, das kurz zuvor „auf Befehl von oben“ gegründet worden war.
ZITATORIN
Eines Tages kam ein SS-Offizier in den Block und rief nach der „Cellistin“. Er brachte mich zum Orchester-Block, und da sah ich Alma Rosé wieder - und neben ihr viele Leute, alle mit Instrumenten in der Hand. Meine Aufnahmeprüfung begann. Alma gab mir ein Cello und sagte: „Spiel mir was vor.“ Es war ungefähr zwei Jahre her, seit ich zuletzt ein Cello in der Hand gehabt hatte! Ich übte also ein paar Minuten - und spielte…
MUSIK hoch – und unter nachfolgendem Text zu Ende
…oder besser: versuchte, den langsamen Satz aus dem Boccherini-Konzert zu spielen. Nachdem ich das hinter mir hatte, wurde ich Mitglied des Orchesters. Eigentlich hat keinerlei Gefahr bestanden, nicht aufgenommen zu werden. Bis zu meiner Ankunft bestand das Orchester aus nichts als Sopran-Instrumenten. Da gab es einige Geigen, Mandolinen, Gitarren, Flöten und zwei Akkordeons.
ZUSPIELUNG 12
„Das war mein großes Glück, denn ich war einzigartig im Lager. Wenn da schon jemand gewesen wäre, der Cello spielt, hätte man mich nicht unbedingt gebraucht, nicht wahr. Man konnte mich nicht entbehren, denn dann hätte man wieder keine tiefen Noten gehabt, nicht wahr.“
MUSIK Militärmarsch Schubert D-Dur, Bearbeitung für Orchester
E 0002140 004 (Aufnahme von 1955)
ZITATORIN
Alma war begeistert. Endlich hatte sie einen Bass im Orchester. So fing meine „Karriere“ als die einzige Cellistin des Lager-Orchesters an - oder richtiger: der „Kapelle“. Und zugleich mein Leben in dieser kleinen Gemeinschaft, in der rührende Kameradschaftlichkeit, bleibende Freundschaften und giftiger Hass in gleichem Maße nebeneinander gediehen.
ZUSPIELUNG 13 *
„Es war ein vollkommen verrücktes Orchester, war das natürlich, aber immerhin: Es hat existiert.“
ZITATORIN
Ein typischer Tag in unserem „Kommando“ - wie man es nannte - sah wie folgt aus: Wir standen eine Stunde vor Tagesanbruch auf, und einige von uns hatten die Aufgabe, Notenständer und Stühle „nach vorne“ zu tragen. Wenn wir alle wieder im Block waren, kam der Zählappell. Danach gab es etwas zu trinken; man aß, was einem gelungen war, sich vom vorigen Abend aufzusparen. Dann marschierten wir zum Tor und spielten. Denn unsere Hauptaufgabe war es, uns jeden Morgen und jeden Abend am Haupteingang aufzustellen und Märsche für die Tausende von Häftlingen zu spielen, die außerhalb des Lagers arbeiteten. (ironisch) Natürlich war es von allergrößter Wichtigkeit, dass diese Kolonnen fein säuberlich und im Gleichschritt ausmarschierten! Dafür lieferten wir die Musik. Wir saßen da, unzulänglich bekleidet, manchmal bei Temperaturen unter null, und spielten. Danach wurden Stühle und Ständer zurückgebracht und wir fingen im Block mit unseren Proben an. Unser Repertoire bildeten deutsche Schlager, die gerade in Mode waren, verschiedene Stücke aus Operetten, „An der schönen blauen Donau“, und so weiter.
MUSIK „Das gibt’s nur einmal…“ 7705707 000
ZUSPIELUNG 14
„Die Alma, glaub ich, hat nie realisiert, oder nie gezeigt, dass sie weiß, wo sie eigentlich sich befindet. Man hat das Gefühl gehabt, dass sie das ignoriert. Hier wird Musik gemacht, nicht wahr. Und wir haben sie nicht besonders geliebt, sie war irrsinnig streng. Aber viele Jahre nachher haben wir alle kapiert, dass eigentlich die Alma die wichtigste Person war in unserem Leben. Denn mit ihrer Disziplin hat sie uns sozusagen auf einem Niveau gehalten, das gar nichts damit zu tun gehabt hat, was da eigentlich los war in dem Lager, nicht wahr…
Und sie hat immer von ihrem Vater gesprochen, von dem Arnold, die haben eine sehr enge Beziehung gehabt, und ihr größtes Lob war: „Das könnten wir meinem Vater vorspielen!“ Sie war also vollkommen fixiert auf ihren Vater, und dass man hier anständig Musik macht. Weil Musik ist Musik und das lassen wir uns nicht kaputtmachen. Das war so ihre Methode.“
MUSIK hoch und unter dem Anfang des nachfolgenden Textes zu Ende
TC 14:40 – Ein Abschied für immer
ERZÄHLER
Der kurze Höhenflug des Orchesters endete mit dem plötzlichen Tod von Alma Rosé im April 1944. Bis heute sind die Umstände umstritten. War es eine Infektion? Hatte eine Neiderin sie vergiftet? Oder handelte es sich um eine Lebensmittelvergiftung?
MUSIK CD 701140 001
ZITATORIN
Welche Sonderstellung Alma im Lager innehatte, zeigte sich an der Tatsache, dass wir nach ihrem Tod ins Revier gerufen wurden, wo wir an ihrem auf einem weißen Tuch aufgebahrten Leichnam vorbeidefilierten. Selbst die SS schien über diesen Verlust erschüttert.
MUSIK geht unter nachfolgendem Text zu Ende
ERZÄHLER
Im Oktober 1944 löste sich das Orchester auf - die Häftlinge wurden von Auschwitz nach Bergen-Belsen transportiert. Anita gelingt es, mit ihrer Schwester Renate zusammenzubleiben, die sie im Lager wiedergetroffen hat - zu zweit, wissen die Mädchen, haben sie eine deutlich bessere Chance, den Winter zu überstehen. Und tatsächlich gelingt es ihnen, unter unmenschlichen Bedingungen.
Am 15. April 1945 endet der Alptraum: Britische Truppen rücken in Bergen- Belsen ein und befreien die halb verhungerten Gefangenen.
Ein halbes Jahr später macht Anita ihre Aussage vor dem britischen Tribunal in Lüneburg. Dann verlässt sie Deutschland. Es soll, so nimmt sie sich vor, ein Abschied für immer sein: von allem, was deutsch ist.
TC 16:12 – Ihr sollt die Wahrheit erben
ZUSPIELUNG 15
„Ja, wir waren sehr kritisch, meine Schwester und ich. Ich erinnere mich noch, wir haben über Leute sofort irgendwie… ‚Ach, der würde sich sehr schlecht benehmen – und der wäre ok‘ und so weiter. Wir haben sozusagen einen 6. Sinn bekommen für Menschen. Aber das haben wir uns bald abgewöhnt, denn das ist eine sehr negative - man kann nicht so kritisch sich alle Leute anschauen.“
ERZÄHLER
Trotz der bitteren Erfahrungen gelingt es Anita, sich in England ein neues Leben aufzubauen, zu dem neben der Gründung einer Familie auch die Karriere im English Chamber Orchestra gehört.
ZUSPIELUNG 16
„Das war Glückssache alles: Als ich nach England gekommen bin, hab ich bald viele Leute kennengelernt, und Musiker kennengelernt; und dann bin ich in das gleiche Haus gezogen, wo Musiker waren. Es ist alles so von alleine irgendwie passiert, per Zufall, yes. Ich mein, ich hab verpasst, acht Jahre verpasst, die man im Grunde braucht. Also, ich hab viel Glück gehabt hier in England. Sozusagen ich bin zufällig am richtigen Platz gewesen.“
ERZÄHLER
Aus der in den 50er-Jahren geschlossenen Ehe mit dem Pianisten Peter Wallfisch gingen zwei Kinder hervor, eine Tochter und ein Sohn, Raffael Wallfisch, heute selbst ein namhafter Cellist. Raffael war es auch, der in den 90er-Jahren den Anstoß gab, dass seine Mutter die Erinnerungen an die Vergangenheit schriftlich festhielt.
ZUSPIELUNG 17
„Denn eines Tages hat sich herausgestellt, dass wir eigentlich nie über diese Zeit gesprochen haben. So ist das entstanden. Dann hab ich das für meine Kinder gemacht - und habe also sehr amateurhaft etwas zusammengestellt. Und die Geschichte war so, dass jemand von der BBC ist zu mir gekommen ist, die ein Programm über Theresienstadt gemacht hat. Und die hat gemeint, dass ich ihr dabei helfen kann. Ja, nein, das kann ich nicht, denn ich war nicht dort, aber ich habe für meine Kinder blablabla Auschwitz, Belsen und so weiter. Da hat sie das mitgenommen und sich‘s angesehen und hat gesagt, weißt du, wenn du nichts dagegen hast, könnten wir das vielleicht in 20 Minuten einteilen und du liest das dann im Radio. Und das ist auch geschehen - so fing das Ganze an.“
ERZÄHLER
1994 veröffentlichte Anita Lasker-Wallfisch ihr Buch „Inherit the Truth“, das zwei Jahre später unter dem Titel „Ihr sollt die Wahrheit erben“ auf Deutsch erschien. Mit der schriftlichen Aufarbeitung des Geschehenen wird es ihr langsam wieder möglich, Kontakt zu Deutschland aufzunehmen - und zu ihrer Muttersprache zurückzukehren, von der sie einst schwor, sie nie mehr zu verwenden. Weil sie erleben musste, wie in dieser Sprache Unmenschliches ausgesprochen, angeordnet und akzeptiert wurde.
ZUSPIELUNG 18
„Zum Beispiel, als meine Eltern abgeholt worden sind, hat man versiegelt alles, einen Kuckuck draufgemacht, ja, auf alles, inklusive Kopfkissen. Und wir konnten keine Schublade mehr aufmachen und nichts. Dann bin ich zur Gestapo gegangen, unverschämt wie ich war. Und ich hab also einen Brief hier - die haben nicht mal eine Schreibmaschine: ‚Ungebeten kommt Anita Sarah Lasker auf die Gestapo, Beruf Arbeiterin, und bittet, dass man eine Schublade aufmacht. Abgelehnt!‘ Der Clou war - diese Wohnung ist also dann einem Deutschen gegeben worden: Wir waren im Gefängnis, alle waren weg, und der zieht in die Wohnung ein und der Koch-Ofen ist nicht mehr da. Da ist doch die Gestapo zu mir ins Gefängnis gekommen, und hat mich verhört: Was mit dem Ofen passiert ist!? Sag ich, mein Vater hat ihn nicht abmontiert und sich auf dem Rücken geschnallt und ist deportiert worden mit dem Ofen. Das wollten die wissen. Der Ofen gehört… Aber die ganze Idee: Dass also alles, was uns gehört hat, gehört jetzt mir. Und das war akzeptiert. Ich meine, es ist sehr schwer das heute nachzuvollziehen, was das für eine Mentalität war.“
ERZÄHLER
Umso wichtiger ist es ihr, davon zu berichten - vor Schulklassen, in Seminaren, in Fernseh- und Radiosendungen wie in der dokumentarischen BR-Produktion "Die Quellen sprechen", aus der auch in dieser Sendung einige Ausschnitte zu hören waren. Die Menschen sollen daran erinnert werden, wozu der Mensch fähig ist - nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.
MUSIK CD 70114 002
TC 20:36 – Brücken bauen zwischen Verschiedenheiten
ZUSPIELUNG 19
„Ich meine, die Welt sieht nicht so wunderbar aus, auch heute, nicht wahr, man stürzt sich wieder auf andere Gruppen und so weiter. Was ich den Leuten mitgeben will: Dass es wichtig ist, wichtiger denn je, Brücken zu bauen zwischen den Verschiedenheiten, die wir haben als Menschen. Es ist ja geradezu eine irrsinnige Idee - wenn wir alle gleich wären, wäre es ja furchtbar langweilig, nicht. Wir sind nun mal sehr verschiedene Menschen. Da gibt es Juden, da gibt es Türken, da gibt es Deutsche - bevor sie sich totschlagen, sollen sie miteinander Kaffee trinken gehen. (Lacht) Das erzähle ich der Jugend, verstehen Sie?“
MUSIK hoch, bis Ende
ZUSPIELUNG 20
„Jetzt mach ich Ihnen eine Tasse Kaffee, ja? Wenn Sie wirklich fertig sind mit…“ (Schritte)
TC 21:19 - Outro
Das Tagebuch der Anne Frank hat Millionen Menschen bewegt. Mit 13 Jahren beginnt das Mädchen unter dem Druck nationalsozialistischer Verfolgung seine Gedanken und Gefühle aufzuzeichnen. Trotz aller Ängste lässt sie sich ihre Neugier gegenüber dem Leben nicht rauben. Doch zwei Jahre später wird ihr Versteck entdeckt. Anne Frank stirbt mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2022)
Credits
Autor/in dieser Folge: Brigitte Kohn
Regie: Axel Wostry
Es sprachen: Friedrich Schloffer, Rahel Comtesse, Adela Florow, Ilse Neubauer
Redaktion: Hildegard Hartmann
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2022): Die Deutschen waren erschüttert – aber ohne Schuldgefühle
Mitte der Fünfziger begann die Erfolgsgeschichte des Tagebuchs der Anne Frank. Eine populäre Theaterumsetzung sorgte dafür, dass sich die Deutschen mit dem Buch beschäftigten. Doch von echter Vergangenheitsbewältigung konnte noch keine Rede sein.
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BR2 (2023): Die Quellen sprechen
Schauspieler und Zeitzeugen lesen Dokumente – verfasst von Tätern, Opfern und Beobachtern der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Ergänzend zum Podcast, findet sich unter die-quellen-sprechen.de ein Archiv für die Dokumente, Zeitzeugengespräche und Hintergrundinformationen. Zusatzinformationen, wie Landkarten, Zeitstrahl oder Personenangaben helfen, das Gehörte oder Gelesene in einen Kontext einzuordnen und die vielfachen Perspektivwechsel zu rezipieren. Das Projekt entstand im BR in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.
ZUM PODCAST
BR: Die Rückkehr der Namen
Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:51 – Liebe Kitty: Anfänge des weltbekannten Tagebuches
TC 05:24 – Das Leben im Verborgenen
TC 08:07 – Zwischen Todesangst und Depression
TC 09:57 – Ein Mädchen voller Inspiration, Träume und Hoffnung
TC 11:44 – Wie wird man in einem Versteck erwachsen?
TC 14:25 – Glaube ist stärker
TC 16:08 – Das Vermächtnis von Anne Frank
TC 19:10 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
SPRECHER:
Freitag, 4. August 1944. In der Amsterdamer Firma "Opekta" an der Prinsengracht 263 beginnt ein ganz normaler Arbeitstag. Gerade hat die Sekretärin Miep Gies ihr Büro betreten. Aber sie setzt sich nicht sofort an den Schreibtisch. Sie schiebt ein Regal beiseite und öffnet die Tür, die sich dahinter verbirgt. Hinter dieser Tür leben acht Menschen, von denen niemand wissen darf. Es sind Juden. Und Juden werden von der deutschen Besatzungsmacht verfolgt, in Konzentrationslager getrieben, umgebracht.
SPRECHERIN:
Die Jüngste der acht heißt Anne Frank. Sie ist fünfzehn Jahre alt. Ihr Vater Otto Frank war früher der Chef der Firma. Seine Mitarbeiter beschützen und versorgen die Versteckten, riskieren ihr Leben für sie. Miep Gies ist eine von den Helfern.
SPRECHER:
An jenem Freitagmorgen wartet Anne schon ungeduldig auf sie. Besuch ist ihre einzige Abwechslung. Miep erinnert sich:
ZITATORIN Miep:
„Anne hatte wie üblich unzählige Fragen auf Lager und drängte mich, ein bisschen mit ihr zu reden. Wenn ich am Nachmittag die Lebensmittel heraufbrächte, bliebe ich zu einem ausführlichen, gemütlichen Schwatz, versprach ich. Bis dahin müsse sie sich gedulden. Ich ging zurück ins Büro und fing an zu arbeiten."
SPRECHERIN:
Miep und Anne begegnen sich hier zum letzten Mal. Denn wenig später steht ein Gestapo-Beamter vor Mieps Schreibtisch – mit gezückter Pistole.
SPRECHER:
Irgendjemand hat der Polizei das Versteck verraten. Und nun geht alles sehr schnell: Die Gestapo-Leute treiben die Menschen aus ihren Zimmern. Wenig später werden sie in einem Auto abtransportiert.
SPRECHERIN:
Miep bleibt zurück. Fassungslos steht sie in den verwüsteten Räumen.
ZITATORIN Miep:
"Sie hatten wie die Wandalen gehaust. [...] Auf dem Fußboden, inmitten von Papierbergen und Büchern, entdeckte ich einen rot-orange-grau karierten Leineneinband – Annes Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte."
SPRECHERIN:
Miep weiß auch, was den Verhafteten bevorsteht. Trotzdem hofft sie, Anne einmal wiederzusehen. Sie legt das Tagebuch ungelesen in eine Schublade und schließt sie ab.
ZITATORIN Miep:
"Ich werde alles sicher aufbewahren für Anne, bis sie zurückkommt."
SPRECHER:
Anne kam nie zurück. Von den acht Untergetauchten überlebte nur der Vater Otto Frank. Das Tagebuch seines toten Kindes überwältigte ihn. Er habe, so sagte er nach dem Krieg, keine Ahnung von der Tiefe ihrer Gedanken und Gefühle gehabt.
TC 02:51 – Liebe Kitty: Anfänge des weltbekannten Tagebuches
SPRECHERIN:
Wie sollte er auch. Das Tagebuch war Annes eigene Welt. Erwachsene hatten hier keinen Zutritt. Anne redete in ihrem Tagebuch mit Kitty, einer Freundin, die nur in ihrer Fantasie existierte.
ZITATORIN Anne:
"Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei
niemandem gekonnt habe.“
SPRECHER:
So beginnt Annes Tagebuch am 12. Juni 1942, Annes dreizehntem Geburtstag. Anne ist ein ganz normales Mädchen: hübsch, gesellig, fröhlich. Sie liebt Schwatzen, Geheimnisse und Filmstars. Aber ihr Leben steht von Anfang an unter dem Schatten der Verfolgung. Anne erzählt:
ZITATORIN Anne:
"Mein Vater, der liebste Schatz von einem Vater, den ich je getroffen habe, heiratete erst mit 36 Jahren meine Mutter, die damals 25 war. Meine Schwester Margot wurde 1926 in Frankfurt am Main geboren, in Deutschland. Am 12. Juni 1929 folgte ich. Bis zu meinem vierten Lebensjahr wohnte ich in Frankfurt. Da wir Juden sind, ging dann mein Vater 1933 in die Niederlande."
SPRECHER:
Amsterdam, das bedeutet unbeschwerte Kinderjahre: bis die Nazis im Mai 1940 auch die Niederlande besetzen. Die Schlinge zieht sich zu für die Juden dort. Eine antisemitische Verordnung jagt die andere. Anne beobachtet die Situation genau:
ZITATORIN Anne:
"Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von 3-5 Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Frisör; Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Straße; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten; Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, ebenso wenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze; Juden dürfen nicht rudern; Juden dürfen in der Öffentlichkeit keinerlei Sport treiben; Juden dürfen nach 8 Uhr abends weder in ihrem eigenen Garten noch bei Bekannten sitzen; Juden dürfen nicht zu Christen ins Haus kommen; Juden müssen auf jüdische Schulen gehen und dergleichen mehr. So ging unser Leben weiter, und wir durften dies nicht und das nicht."
SPRECHER:
Auch das Tragen eines gelben Sterns mit der Aufschrift "Jude" wird zur Pflicht. Immer häufiger treibt die SS große Gruppen von Menschen mit dem gelben Stern an der Kleidung durch Amsterdams Straßen. Es sind Kinder darunter, alte Menschen, schwangere Frauen. Ihr Weg führt zum Bahnhof, wo die Waggons der Deutschen Reichsbahn stehen: bereitgestellt, um Menschen in den Tod zu fahren.
TC 05:24 – Das Leben im Verborgenen
SPRECHERIN:
Als auch Margot, Annes Schwester, den Befehl zum Abtransport in ein Konzentrationslager erhält, flieht die Familie in ihr Versteck, zusammen mit dem Ehepaar van Daan und deren sechzehnjährigen Sohn Peter. Später kommt noch der Zahnarzt Dr. Albert Dussel dazu. Anne hat die Namen erfunden. Die van Daans heißen eigentlich van Pels. Und Dussel heißt in Wirklichkeit Fritz Pfeffer.
SPRECHER:
Doktor Dussel und Anne müssen sich ein Zimmer teilen. Das Pseudonym spricht Bände: Die quirlige Dreizehnjährige hat für den strengen, einsamen älteren Herrn wenig übrig.
ZITATORIN Anne:
"Ich glaube, bei Herrn Albert Dussel zu Hause ist alles, was er sagt, Gesetz. Aber Anne Frank passt solches ganz und gar nicht!"
SPRECHERIN:
Sie vermisst ihre Freundinnen und ihre Flirts mit Jungen. Sie darf nie nach draußen und muss tagsüber, solange der Bürobetrieb im Vorderhaus läuft, ganz leise sein. Aber Anne ist abenteuerlustig, und am Anfang nimmt sie die neue Lebenslage nicht allzu schwer.
ZITATORIN Anne:
"Ich fühle mich wie in einer sehr eigenartigen Pension, in der ich Ferien mache. Eine ziemlich verrückte Auffassung vom Untertauchen, aber es ist nun mal nicht anders. Das Hinterhaus ist ein ideales Versteck. Obwohl es feucht und ein bisschen schief ist, wird man wohl in ganz Amsterdam, ja in ganz Holland, kein so bequem eingerichtetes Versteck finden."
SPRECHER:
Anne hat Recht. Rund 27.000 der 140.000 in den Niederlanden lebenden Juden sind untergetaucht. Viele hausen in winzigen Dachkammern, in feuchten Kellern. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist sehr groß. Rund ein Drittel aller untergetauchten Juden werden von ihren Landsleuten verraten. Die Deutschen zahlen für jeden entdeckten Juden eine Belohnung.
SPRECHERIN:
Aber auch im Hinterhaus ist es bedrückend eng. Ständig gibt es Streit. Für die aufmüpfige Jüngste hagelt es Standpauken von allen Seiten. Anne will sich abgrenzen, besonders von der Mutter. Auf Edith Frank lasten die quälenden Sorgen am meisten, während Anne vorlaut und selbstbewusst einer strahlenden Zukunft entgegen träumt
ZITATORIN Anne:
„Ich bin keinesfalls auf ein solche beschränktes Leben aus wie Mutter und Margot sich das wünschen. Ich will was sehen und was erleben von der Welt“
SPRECHER:
Doch Anne macht das Leben im Hinterhaus auch leichter – mit ihrem Humor.
ZITATORIN Anne:
"Peter kann ab und zu recht witzig sein. Eine Vorliebe, die alle zum Lachen bringt, hat er jedenfalls mit mir gemeinsam, und zwar Verkleiden. Er in einem sehr engen Kleid seiner Mutter, ich in seinem Anzug, so erschienen wir, mit Hut und Mütze geschmückt. Die Erwachsenen bogen sich vor Lachen, und wir hatten nicht weniger Spaß."
TC 08:07 – Zwischen Todesangst und Depression
SPRECHERIN:
Aber die Todesangst ist allgegenwärtig. Wenn nachts die Bomber über Amsterdam fliegen, kriecht Anne außer sich vor Panik in Vaters Bett. Otto Frank nimmt sie dann in den Arm, erzählt ihr Geschichten. Mehr kann er nicht tun. Miep Gies erinnert sich:
ZITATORIN Miep:
"Sie konnten nirgends hin, es gab für sie kein Entkommen. Die ohrenbetäubenden Detonationen erschienen viel näher, als sie es tatsächlich waren. Das steigerte den Horror derart, dass sie sich tagelang nicht davon erholen konnten.“
SPRECHER:
Außerdem ist ganz Amsterdam gelähmt vom Lärm der nächtlichen Razzien. Nachts werden die Juden aus den Wohnungen geholt. Miep hat es miterlebt.
ZITATORIN Miep:
"Durch die ganze Gegend hallten die durchdringenden Trillerpfeifen, und dann dröhnten schwere Stiefelschritte die Treppen hinauf, Gewehrkolben hämmerten an die Türen, schrilles, endloses Klingeln, die raue, Furcht einflößende deutsche Stimme, die befahl: 'Aufmachen! Beeilung! Beeilung!' "
SPRECHER:
Anne weiß, was in den Lagern geschieht.
ZITATORIN Anne:
"Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben."
SPRECHER:
Der erste Winter im Hinterhaus ist eine Zeit schwerer Depression. Anne schluckt Baldriantabletten zur Beruhigung, aber sie helfen nicht viel.
ZITATORIN Anne
"Ich irre von einem Zimmer zum anderen, die Treppe hinunter und wieder hinauf, und habe ein Gefühl wie ein Singvogel, dem die Flügel mit harter Hand ausgerissen worden sind und der in vollkommener Dunkelheit gegen die Stäbe eines engen Käfigs fliegt. 'Nach draußen, Luft und Lachen!' schreit es in mir. Ich antworte nicht mal mehr, lege mich auf die Couch und schlafe, um die Zeit, die Stille und auch die schreckliche Angst abzukürzen, denn abzutöten sind sie nicht."
TC 09:57 – Ein Mädchen voller Inspiration, Träume und Hoffnung
SPRECHER:
Aber Anne will leben. Sie gibt nicht auf. Wenn sie an ihrem Tagebuch schreibt, spürt sie ihre schöpferische Begabung. Unermüdlich feilt sie an ihren Formulierungen, verbessert ihren Stil. Nach dem Krieg will sie ein Buch über das Hinterhaus herausgeben. Ihr Tagebuch soll die Grundlage sein. Im Fluss des Schreibens hält sie die Hoffnung auf Zukunft lebendig.
ZITATORIN Anne
"Ich will fortleben nach meinem Tod. Und darum bin ich Gott so dankbar, dass er mir bei meiner Geburt schon eine Möglichkeit mitgegeben hat, mich zu entwickeln und zu schreiben, also alles auszudrücken, was in mir ist."
SPRECHER:
Anne will später als Schriftstellerin arbeiten. Oder als Journalistin. Sie freut sich darauf, eine Frau zu werden. Die Nazis wollen ihren Tod, aber ihr Körper ist jung und lebendig.
ZITATORIN Anne
"Ich finde es so sonderbar, was da mit mir passiert, und nicht nur das, was äußerlich an meinem Körper zu sehen ist, sondern das, was sich innen vollzieht. [...] Immer, wenn ich meine Periode habe, (...), habe ich das Gefühl, dass ich trotz der Schmerzen, des Unangenehmen und des Ekligen ein süßes Geheimnis in mir trage. Deshalb, auch wenn es mir immer nur Schwierigkeiten macht, freue ich mich in gewisser Hinsicht immer wieder auf diese Zeit, in der ich es wieder fühle."
SPRECHERIN:
Miep spürt, wie schwer es für Anne ist, mit all diesen Gefühlen allein zu sein.
SPRECHER:
Die Helfer besuchen das Versteck täglich. Das gibt den Eingeschlossenen Sicherheit. Auch ein geregelter Tagesplan ist wichtig. Für Anne, Margot und Peter stehen alle Schulfächer auf dem Programm. Anne lernt gern – es vertreibt die Zeit.
TC 11:44 – Wie wird man in einem Versteck erwachsen?
SPRECHERIN:
Auch der Schlaf gibt neue Kraft, und helle Träume spenden Trost. Anne träumt von ihrer Kinderliebe, einem Jungen namens Peter Schiff. Der Traum fasst ihre Sehnsucht nach Nähe in zarte, erotische Bilder.
ZITATORIN Anne
"Und dann fühlte ich seine weiche, o so kühle und wohl tuende Wange an meiner, und alles war so gut, so gut ...."
SPRECHERIN:
Anne wünscht sich die Nähe eines Jungen, der ihr nah sein, der sie berühren will. Das macht ihr der Traum bewusst. Aber Peter Schiff ist
nicht da.
SPRECHER:
Peter van Daan aber schon. Er ist ein stiller Junge, und eigentlich findet Anne ihn langweilig. Ermutigt durch ihren Traum, beginnt sie, genauer hinzusehen. Sie wirbt um sein Vertrauen. Ein Abenteuer beginnt.
ZITATORIN Anne
"Mir wurde ganz seltsam zumute, als ich in seine dunkelblauen Augen schaute und sah, wie verlegen er bei dem ungewohnten Besuch war. Ich konnte an allem sein Inneres ablesen, ich sah in seinem Gesicht noch die Hilflosigkeit und die Unsicherheit, wie er sich verhalten sollte, und gleichzeitig einen Hauch vom Bewusstsein seiner Männlichkeit. Ich sah seine Verlegenheit und wurde ganz weich von innen."
SPRECHERIN:
Die beiden beginnen sich zu mögen. Erst wie Freunde, dann wird mehr daraus. Sie sprechen über Sexualität, über ihre Sehnsüchte, über ihre Zukunftshoffnungen. Sie liegen einander in den Armen.
ZITATORIN Anne:
"Er ruhte nicht eher, bis mein Kopf auf seiner Schulter lag und der seine darauf. Als ich mich nach ungefähr fünf Minuten etwas aufrichtete, nahm er meinen Kopf in seine Hände und zog ihn wieder an sich. Oh, es war so herrlich! Ich konnte nicht sprechen, der Genuss war zu groß. ... Das Gefühl, das mich dabei durchströmte, kann ich dir nicht beschreiben, Kitty. Ich war überglücklich, und ich glaube, er auch."
SPRECHERIN:
Annes zarter, magerer Körper, geschwächt durch Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und ständige Angst, in den Armen eines liebevollen Jungen: Das war eine überwältigende Erfahrung für sie. Aber das Glück flaut bald ab. Mit dem, was Anne alles auf dem Herzen hat, ist Peter einfach überfordert. Nur schmusen, das reicht ihr nicht. Langsam und vorsichtig löst sie sich von Peter. Aber sie gibt ihm keine Schuld und versucht nicht, ihn zu verändern. Die beiden bleiben Freunde.
TC 14:25 – Glaube ist stärker
SPRECHERIN:
Anne weiß, dass sie ihr Schicksal allein bestehen muss. Sie entdeckt Kraftquellen, die ihr Unabhängigkeit geben: die Natur zum Beispiel, die draußen grünt und blüht, ohne sich um Krieg und Vernichtung zu kümmern. Einmal, die Nacht ist sehr dunkel, riskieren es die Eingeschlossenen, ein Fenster zu öffnen, und Anne schaut bezaubert ins Freie:
ZITATORIN Anne:
"Der dunkle, regnerische Abend, der Sturm, die jagenden Wolken hielten mich gefangen. Nach anderthalb Jahren hatte ich zum ersten Mal wieder die Nacht von Angesicht zu Angesicht gesehen."
SPRECHER:
Wenn sie in den Himmel sieht, spürt sie, dass Gott auf ihrer Seite steht. Annes Gott stiftet Beziehung und Leben, er ist eine Quelle des Glücks.
ZITATORIN Anne:
"Abends, wenn ich im Bett liege und mein Gebet mit den Worten beende: Ich danke dir für all das Gute und Liebe und Schöne, dann jubelt es in mir. Dann denke ich an das Gute: das Verstecken, meine Gesundheit, mein ganzes Selbst.“
SPRECHER:
Annes Gott ist nicht weit weg. Er ist in das Seiende eingesenkt, in die Natur und in die menschliche Seele. Anne findet ihn in sich selbst, im Zentrum ihrer eigenen Kraft. Mit ihrer Gottesbeziehung wächst auch ihr Stolz auf ihr jüdisches Erbe, ihr Vertrauen in die Stärke ihres Volkes und in seine historische Mission.
ZITATORIN Anne
"Wer hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt so leiden lassen? Es ist Gott, der uns so gemacht hat, und es wird auch Gott sein, der uns aufrichtet. [...]“
TC 16:08 – Das Vermächtnis von Anne Frank
SPRECHERIN:
Bis zuletzt empfindet Anne das Untertauchen als Abenteuer und als Herausforderung, die Metamorphose zum Guten an sich selbst zu vollziehen. Eine schwere Aufgabe für ein so junges Mädchen. Aber Anne gewinnt ihre inneren Kämpfe.
ZITATORIN Anne:
"Ich weiß, was ich will, habe ein Ziel, habe eine eigene Meinung, habe einen Glauben und eine Liebe. [..] Ich weiß, dass ich eine Frau bin, eine Frau mit innerer Stärke und viel Mut!"
SPRECHER:
Doch in den Lagern Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen hat sie keine Chance mehr. Wir wissen nicht, ob ihr der Himmel über Auschwitz noch Trost spenden konnte. Ob sie, die rauchenden Schlote der Krematorien vor Augen, Gott noch gesucht hat. Es gibt nur bruchstückhafte Erinnerungen Überlebender, die Anne flüchtig begegnet sind: Bruchstücke, die sich zusammenfügen zu einem Bild, das schwärzer ist als der schwärzeste Traum.
SPRECHERIN:
Annes letzter Blick zum Vater, der auf der Rampe von Auschwitz von seiner Familie getrennt wird. Anne, die sieht, wie Kinder vor der Gaskammer auf ihr Ende warten. Anne und Margot im Oktober 1943 auf dem Transport nach Bergen-Belsen: drei Tage im überfüllten Viehwaggon, fast ohne Wasser und Essen, ohne ihre Eltern. Edith Frank stirbt einige Wochen nach der Trennung von ihren Töchtern in Auschwitz.
SPRECHER:
Gaskammern gibt es in Bergen Belsen nicht. Aber die Zustände in dem überfüllten Lager sind mörderisch genug. Hunger, Kälte und Regen begünstigen den Ausbruch von Seuchen unter den geschwächten Gefangenen. Auch Margot und Anne erkranken an Typhus. Margot stirbt zuerst, kurz danach Anne.
SPRECHERIN:
Es ist April 1945, kurz vor Kriegsende. Als man die Leichen der Mädchen in einem Massengrab verscharrt, ist Otto Frank in Auschwitz bereits befreit worden. Anne wusste nicht, dass ihr Vater noch lebte und nach ihr suchte. Und sie ahnte auch nicht, dass ihr Tagebuch sicher in Mieps Schublade lag und ihr den schriftstellerischen Ruhm sichern würde, den sie sich immer gewünscht hat.
SPRECHER:
Nach dem Krieg sorgte Otto Frank für die Veröffentlichung. Anne Franks Stimme eroberte die Welt. Ihr Buch hat sich bis heute ungefähr sechzehn Millionen Mal verkauft. Fast eine halbe Million Menschen besuchen jährlich das Hinterhaus in Amsterdam, das heute von einer Stiftung unterhalten wird.
SPRECHER:
Miep Gies ist heute eine alte Frau. Sie beschließt ihre Erinnerungen an Anne mit folgenden Worten:
ZITATORIN Miep:
"Doch immer, an jedem Tag meines Lebens, habe ich mir gewünscht, dass es anders gekommen wäre. Dass Anne und die anderen wie durch ein Wunder gerettet worden wären, auch wenn dann Annes Tagebuch der Welt verloren gegangen wäre. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht um sie trauere."
TC 19:10 - Outro
Es begann mit Diskriminierungen und endete in der Ermordung. Über Jahre hinweg betrieb das NS-Regime die Ausgrenzung der jüdischen Deutschen, isolierte sie gesellschaftlich, vernichtete sie wirtschaftlich, deportierte sie dann während des Zweiten Weltkrieges in den besetzten Osten und ermordete sie dort. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2021)
Credits
Autor/in dieser Folge: Renate Eichmeier
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus
Technik: Daniela Röder
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Ernst Grube (Zeitzeuge), Dr. Edith Raim (Historikerin)
Linktipps:
ARD alpha (2023): Was ist der Holocaust?
Was ist der Holocaust und wie konnte es dazu kommen? JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2021): 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – „Eine einseitige Liebeserklärung“
Aus dem Jahr 321 stammt der erste Beleg für eine jüdische Gemeinde im heutigen Deutschland. Für Jüdinnen und Juden ist das ein Anlass zum Feiern und zum Erinnern. Ein Grund zum Jubeln sei das Jubiläum aber nicht: zu traurig sei die jüdisch-deutsche Geschichte – und oft auch die Gegenwart. ZUM BEITRAG
BR: Die Rückkehr der Namen
Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:40 – Die Anfänge der Rassenpolitik
TC 04:30 – Raub der Existenzgrundlage
TC 06:48 – Das Schicksal vom Überlebenden Ernst Grube
TC 08:41 – Auftakt des Holocaust
TC 10:46 – Ausgestoßen aus Gesellschaft und Wirtschaft
TC 11:47 – Das grausame System
TC 18:55 – Massenmorde
TC 22:48 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK Nostalgia motif 1 M0010633 037 (0.50)
O1 Ernst Grube
Und die Grundsatzfrage war, werden wir uns wiedersehen. Immer wieder: Werden wir uns wiedersehen, ohne mehr zu wissen. Aber wir hatten natürlich über die Ausgrenzungserlebnisse schon erfahren, dass man uns nicht wollte.
ERZÄHLERIN:
Ernst Grube war 8 Jahre alt und lebte in einem jüdischen Kinderheim in München, als die nationalsozialistischen Machthaber 1941 begannen, jüdische Deutsche Richtung Osten zu verschleppen – in die Gebiete, die sie seit Beginn des Zweiten Weltkrieges besetzt hatten. Aus München ging am 20. November die erste Deportation weg. Am Güterbahnhof im Stadtteil Milbertshofen wurden etwa 1000 Menschen unter dem Vorwand der "Evakuierung" in einem Zug abtransportiert. Unter ihnen auch Kinder aus dem jüdischen Kinderheim, Spielkameraden von Ernst Grube.
O2 Ernst Grube
Es war eine Zeit der der Trauer, und wir haben also nicht gewusst, wo es hingeht. Und wir haben nicht gewusst, ob wir uns wiedersehen werden, und wir haben nach dem Krieg erfahren, dass sie alle fünf Tage nach der Deportation in Kaunas, Litauen, umgebracht wurden.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.20)
TC 01:40 – Die Anfänge der Rassenpolitik
ERZÄHLERIN:
Sofort nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Abschaffung der Weimarer Demokratie, der Errichtung von Konzentrationslagern, der Verfolgung von politisch Andersdenkenden und der Umsetzung ihrer Rassenpolitik. Über Zeitungen, Radio, Kinofilme propagierten sie das Feindbild der "jüdischen Rasse", des "niederträchtigen Juden", der die nichtjüdische, die sogenannte "arische Volksgemeinschaft" unterwandern, ausbeuten, zerstören wolle. Angehörige der jüdischen Gemeinden wurden per Volkszählung erfasst, jüdische Geschäftsleute durch Boykottaufrufe und Schlägertrupps der SS und SA terrorisiert, jüdische Beamte aus dem Staatsdienst gedrängt.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.27)
SPRECHER:
Juden, so hieß es in den Nürnberger Gesetzen von 1935, haben kein Stimmrecht mehr in politischen Angelegenheiten, dürfen keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden, sie dürfen Nichtjuden nicht heiraten und auch keine sexuellen Beziehungen mit ihnen haben.
ERZÄHLERIN:
Die Nürnberger Gesetze lieferten eine diffuse Theorie, welche Menschen in der NS Ideologie als Juden galten. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Anzahl der jüdischen Großeltern. Die Betroffenen gerieten ins Visier der Nationalsozialisten als sogenannte Voll-, Dreiviertel-, Halb- oder Vierteljuden, Mischlinge 1. oder 2. Grades … Mit einer Vielzahl von antisemitischen Gesetzen und Verordnungen schufen die Nationalsozialisten eine pseudolegale Basis für die schrittweise Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus vielen Lebensbereichen.
MUSIK Structor Part 1 C1524640 (1.00)
ERZÄHLERIN
Auf immer mehr Parkbänken fanden sich Schilder "Nur für Arier" und an immer mehr Eingängen von Geschäften oder Restaurants: "Juden unerwünscht". Jüdische Kinder wurden aus öffentlichen Schulen rausgemobbt. Jüdischen Ärzten und Juristen die Berufsausübung erschwert. Jüdische Geschäftsleute wurden zum Billig-Verkauf ihrer Firmen gezwungen. Diese Verdrängung der jüdischen Bevölkerung nannte sich im NS-Jargon "Arisierung", abgeleitet von dem Begriff "Arier", und ging in der Regel einher mit materiellen Vorteilen für die nichtjüdischen Deutschen – so die Historikerin Edith Raim, die sich intensiv mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in NS-Deutschland auseinandergesetzt hat.
O3 Edith Raim
Das ist teilweise 'ne Maßnahme der Partei, teilweise ist's auch staatlich gelenkt, und teilweise geht es auch von privaten Initiativen im Grunde aus, also dass bestimmte, besonders attraktive Grundstücke oder Geschäfte oder sowas, dass da einfach die Juden unter Druck gesetzt werden, dass die diese Sachen verkaufen.
TC 04:30 – Raub der Existenzgrundlage
ERZÄHLERIN:
Viele wanderten aus. Denjenigen, die blieben oder bleiben mussten, wurde Schritt für Schritt die Existenzgrundlage entzogen. Im April 1938 bereiteten die Nationalsozialisten mit der systematischen Erfassung der jüdischen Vermögen die späteren flächendeckenden Enteignungen vor.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.30)
SPRECHER:
Jeder Jude im Sinne der 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz – also der sogenannten Nürnberger Gesetze – und ebenso sein nichtjüdischer Ehegatte habe sein gesamtes in- und ausländisches Vermögen anzumelden, hieß es in der "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden". Ausgenommen seien Gegenstände des persönlichen Gebrauches, die keine Luxusgüter seien.
MUSIK Tango defect 1 C1482730 024 (0.40)
ERZÄHLERIN:
Anfang Juni 1938 riss die Baufirma Leonhard Moll die Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße im Stadtzentrum ab. Der neuromanische Prachtbau war Ende des 19. Jahrhunderts mit Unterstützung des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. in der Nähe des Karlsplatzes errichtet worden. Offiziell wurde der Abbruch als städtebauliche Maßnahme begründet. Die jüdische Gemeinde musste die Synagoge und die angrenzenden Verwaltungs- und Wohngebäude gegen Zahlung einer Entschädigung der Stadt München überlassen.
Allen Mietern der Wohngebäude wurde gekündigt. Sie mussten ausziehen. Auch Ernst Grube lebte mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in einem der Gebäude, die der jüdischen Gemeinde gehörten.
O4 Ernst Grube
Nur bei uns war das so, dass eben der Vater nicht gegangen ist, dass er sich um die Kündigung also nun nicht so gekümmert hat und gesagt hat, ich bleib drin, ich geh nicht raus, die sollen uns eine Wohnung geben, so dass wir nach wenigen Wochen die einzigen waren, die in diesen zwei Häusern noch gewohnt hatten. Wir hatten damals 'ne Drei- oder Vierzimmerwohnung und man hat uns dann Licht gesperrt, Gas gesperrt, Wasser gesperrt. Und diese Situation war natürlich nicht haltbar, so dass uns dann die Eltern in das Kinderheim in München Schwabing gebracht haben.
TC 06:48 – Das Schicksal vom Überlebenden Ernst Grube
ERZÄHLERIN:
Ernst Grube war damals sechs Jahre, sein Bruder Werner acht und die kleine Ruth nur ein paar Monate alt. Der Vater kam aus Ostpreußen und war überzeugter Kommunist. Die Mutter stammte aus einer jüdischen Familie und arbeitete im jüdischen Krankenhaus in München – so dass das jüdische Kinderheim eine naheliegende Lösung für das Wohnproblem war.
O5 Ernst Grube
Es war ein schönes Heim mit einem Garten und mit einer guten Betreuung. Und das eigentlich wichtige ist das Kennenlernen jüdischen Lebens. Bei uns zuhause gab es das nicht. Die Mutter hat zwar gebetet, hat ihre Feste gefeiert und ihre Kerzen angezündet und wir standen so ein bisschen rum. Aber das war kein jüdisches Familienleben. Der Vater war von seiner Einstellung her Kommunist. Er hat das alles zwar sehr toleriert, aber jüdisches Leben, das war dann im Kinderheim.
ERZÄHLERIN:
Für die drei Geschwister begann eine schöne Zeit. Sie waren gut versorgt und lernten die jüdischen Feste kennen, Chanukka, Pessach, Purim, Laubhüttenfest. Und sie mochten ihre Betreuerinnen sehr gerne.
O6 Ernst Grube
Ich hab sie so positiv in Erinnerung, ohne dass ich jetzt die einzelnen Namen heute noch nennen kann, außer der Alice Bendix, der Leiterin, und der Hedwig Jacobi. Sie waren einfach immer da und haben uns geholfen, als wir außerhalb des Heimes von Nachbarskindern öfters angepöbelt wurden, angeschrien wurden, als Judensau beschimpft. Sie haben das ganz super verstanden, uns darüber hinweg zu helfen.
MUSIK Structor Part 1 C1524640 011 (0.40)
TC 08:41 – Auftakt des Holocaust
ERZÄHLERIN:
Kurz nachdem Ernst Grube und seine Geschwister in das jüdische Kinderheim gekommen waren, brannten deutschlandweit Hunderte von Synagogen. Ende Oktober 1938 hatten die NS Machthaber polnische Juden aus dem Reichsgebiet abgeschoben, unter ihnen die Familie von Herschel Grynszpan, der daraufhin einen deutschen Diplomaten in Paris erschoss. Dieses Attentat diente als Vorwand für Gewaltaktionen im ganzen Land, organisiert von der NS Führung, getarnt als spontaner Ausbruch des Volkszorns gegen die jüdischen Nachbarn: In Zivil gekleidete Mitglieder von NS Organisationen zerstörten Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen, verprügelten die Bewohner, töteten viele und verschleppten Tausende in Konzentrationslager. Die Historikerin Edith Raim zur Bedeutung des inszenierten Gewaltausbruches.
O7 Edith Raim
Die Pogromnacht vom November 1938 ist der Auftakt eigentlich des Holocaust, weil es der Schritt in die Gewalt ist. Also vorher sind es Maßnahmen, Verordnungen, Gesetze, der Versuch, einfach die Juden aus Deutschland zu vertreiben. Es hat – das muss man auch sagen –
bereits vorher natürlich gewalttätige Maßnahmen gegeben. Also es gibt, diese sogenannten Prangermärsche, wo zum Beispiel Juden, die Beziehungen zu nichtjüdischen Frauen, hatten durch den Ort geführt worden sind, geschlagen, bespuckt und verhaftet worden sind. Die Gewalt hat's natürlich vor 1938 auch gegeben, aber diese massive und umfassende Gewalt reichsweit – das ist wirklich was ganz ganz Neues gewesen.
ERZÄHLERIN:
Viele der jüdischen Männer, die in der Pogromnacht in Konzentrationslager gebracht wurden, überlebten die Haft nicht, andere kamen erst frei, nachdem sie eine Auswanderungserklärung unterschrieben hatten. Die Kosten für die Schäden der Novemberpogrome musste die jüdische Bevölkerung selbst übernehmen und eine Geldbuße in Höhe von einer Milliarde Reichsmark leisten. Die jüdischen Vermögen waren ja bereits im Frühjahr 1938 qua Gesetz erfasst worden. Nun mussten alle, die mehr als 5000 Reichsmark besaßen, 20 Prozent davon an ihr Finanzamt abführen. Wieder gab es eine Flut von diskriminierenden Regelungen.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.35)
TC 10:46 – Ausgestoßen aus Gesellschaft und Wirtschaft
SPRECHER
Eine der wichtigsten war die sogenannte "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938. Juden durften keinen Handel, kein Handwerk, kein Gewerbe mehr treiben. Sie durften keine Theater, Museen, Kinos, Freibäder und sonstige öffentliche Einrichtungen mehr betreten. Jüdische Kinder durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Juden durften keine Autos mehr besitzen und keinen Führerschein mehr haben.
O8 Edith Raim
Und es gibt noch jede Menge Schikanen, die dann da kommen. Also die dürfen dann keine Fotoapparate mehr, keine Radio Apparate und so weiter, sogar Fahrräder, dürfen sie nicht mehr haben, Führerscheine nicht mehr haben. Und ab dem 1.1.1939 werden sie gezwungen, diese Zwangsvornamen anzunehmen, also Israel und Sarah, und das wird auch in die Pässe vermerkt. Also sie sind sozusagen damit als Juden gekennzeichnet.
MUSIK Scarfaced C1568790 120 (1.05)
TC 11:47 – Das grausame System
ERZÄHLERIN:
Anfang September 1939 begann die NS Diktatur mit dem Einmarsch in Polen den Zweiten Weltkrieg, einen rassenideologischen Vernichtungskrieg – mit dem Ziel, die osteuropäischen Gebiete bis zum Ural zu erobern, dort sogenannte "arische" Deutsche anzusiedeln, die einheimische slawische Bevölkerung teils zu vertreiben, teils zu versklaven oder zu töten und die jüdische Bevölkerung auszulöschen. Dazu wurde in Berlin das Reichssicherheitshauptamt gegründet, in dem nachrichten- und sicherheitsdienstliche Organisationen von SS, Gestapo und Kripo zusammengeführt wurden. Dieses RSHA stellte ideologisch geschulte Spezialeinheiten auf, sogenannte Einsatzgruppen, die in den besetzten Gebieten Führungseliten und Widerstandsgruppen verfolgten, die jüdische Bevölkerung in Ghettos zwangen und verantwortlich für Massenmorde waren. Währenddessen spitzte sich die Situation der jüdischen Deutschen im Reichsgebiet bedrohlich zu.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.25)
SPRECHER:
Für die in München noch ansässigen Juden würden zur Zeit in Milbertshofen Baracken gebaut, schrieb im Oktober 1941 der Münchner Stadtrat Harbers in einem Bericht betreffend "Umsiedlung der hiesigen Juden". Damit würden dann rund 300 Wohnungen frei, die an Wohnungssuchende vergeben werden könnten.
ERZÄHLERIN:
Bereits ab Mai 1939 hatten die Nationalsozialisten die Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen und Häusern gesetzlich vorbereitet und betrieben. NS Organisationen wie die Gestapo arbeiteten dabei eng mit den örtlichen Wohnungsämtern zusammen. Tausende Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, in engen Sammelunterkünften hausen, ab Mitte September 1941 schließlich den Gelben Stern tragen. Zum Teil waren die Menschen in normalen Wohnhäusern zusammengepfercht, die im NS Verwaltungsapparat "Judenhäuser" hießen. Teilweise wurden auch größere Anlagen von jüdischen Gemeinden wie Altersheime oder Synagogen umfunktioniert und teilweise wurden auch Barackenlager wie im Münchner Stadtteil Milbertshofen gebaut. Die jüdische Bevölkerung war sozial völlig isoliert. Den Deportationen stand nichts mehr im Wege. Sie wurden zentral vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin organisiert.
O9 Edith Raim
Und vor Ort ist es dann jeweils die Gestapo, die die Federführung bei den Deportationen hat. Gleichzeitig sind die Deportationen ein wahnsinnig arbeitsteiliger Prozess. Also, man kann nicht sagen: ja, die Gestapo organisiert jetzt alles, sondern das sind natürlich Dutzende von Ämtern beteiligt: Steuerbehörden, Finanzämter und teilweise natürlich auch der Zoll, die Reichsbahn. Also, es kommen sehr viele andere Behörden mit ins Spiel, die benötigt werden.
ERZÄHLERIN:
Auf Anweisung der Gestapo mussten die jüdischen Gemeinden Listen mit den Namen der Menschen erstellen, die unter dem Vorwand der "Evakuierung" oder "Umsiedlung" abtransportiert werden sollten –
und die Betroffenen dann auch darüber informieren.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.45)
SPRECHER:
Unter dem Betreff "Evakuierung" informierte die Israelitische Kultusgemeinde München im Vorfeld der ersten Deportation im November 1941 die Betroffenen brieflich darüber, dass zufolge einer Anordnung der Geheimen Staatspolizei die Personen, die zum Transport eingeteilt worden sind, sich in ihren Unterkünften bereitzuhalten hätten. Jeder Versuch, sich der Umsiedlung zu widersetzen oder zu entziehen, sei zwecklos und könne für die Betroffenen schwere Folgen haben. Jeder Transportteilnehmer darf 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen, Kleidung und Bedarfsgegenstände. Außerdem muss jeder ein ausgefülltes Vermögensverzeichnis mitbringen.
ERZÄHLERIN:
Das Barackenlager in Milbertshofen diente als Sammelunterkunft. Es lag in unmittelbarer Nachbarschaft der Siedlung am Hart, wurde unter Beteiligung von jüdischen Zwangsarbeitern errichtet, bestand aus zwölf großen und sechs kleinen Holzbaracken und war für etwa 800 Personen geplant, hatte aber zeitweise weit über 1000 Insassen.
MUSIK Tango defect 2 C1482730 025 (1.10)
ERZÄHLERIN
Wenige Wochen vor der ersten Deportation aus München wurden alle Betroffenen, die noch nicht im Lager waren, aus ihren Unterkünften nach Milbertshofen gebracht. Alle wurden bei Ankunft durchsucht, nicht erlaubte Gegenstände wurden abgenommen, ebenso Ausweispapiere und Lebensmittelmarken. Jeder musste 50 Reichsmark für die Transportkosten bar bezahlen. Der Rest des Bargeldes musste mit eventuell vorhandenen Wertpapieren, Depotscheinen abgegeben werden, ebenso Vermögenserklärungen, Formulare, in denen detailliert Auskunft über Vermögens- und Besitzverhältnisse verlangt wurde. Damit waren alle Unterlagen für eine spätere Enteignung komplett.
Vom Güterbahnhof in Milbertshofen aus wurden dann in den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 etwa tausend Menschen in die besetzten Ostgebiete gebracht – unter ihnen auch Kinder aus dem jüdischen Kinderheim in Schwabing. Sie wurden direkt mit dem Bus zum Bahnhof gebracht. Ernst Grube erinnert sich.
O10 Ernst Grube
In dem Heim waren etwa 40, 50 Kinder, Jugendliche, und davon sind, ich weiß nicht, wieviel, aber so ein gutes Drittel, wenn nicht mehr auf Transport gekommen. Wir wussten natürlich nicht, was das sollte und wohin das ging. Aber allein dieser Zwang der Trennung. Wir haben alle geweint.
ERZÄHLERIN:
"Verzogen, unbekannt wohin" vermerkten die Einwohnermeldeämter in den Akten der Deportierten. Mit dem Abtransport in die besetzten Ostgebiete wurde die 11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes wirksam.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.15)
SPRECHER:
Diese besagte: Juden verlieren die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn sie das Reichsgebiet verlassen. Eigentum und Vermögen fällt an das Deutsche Reich.
ERZÄHLERIN:
Es waren die Oberfinanzpräsidien, die mit der „Verwaltung und Verwertung jüdischen Eigentums“ beauftragt wurden. So die Sprache der NS-Bürokratie. Alle Bankkonten und alle Wertpapierdepots wurden zugunsten des Reiches eingezogen ebenso Wertgegenstände wie Schmuck, Teppiche oder Gemälde, die dann bei öffentlichen Versteigerungen unters Volk gebracht wurden. Dazu Edith Raim.
O11 Edith Raim 25''
Also man hat dann zum Beispiel Mobiliar von Wohnungen genommen, und es wurde dann auf Auktionen versteigert, also der ganze Hausrat, also Töpfe und Geschirr, und was man sich alles an Trivialitäten noch vorstellen mag, das wurde alles versteigert zugunsten des Reiches, und das Interessante ist das natürlich, da viele viele Deutsche sich daran auch bereichert haben, also das war so ein bisschen 'ne Schnäppchenjagd.
MUSIK Scarfaced C1568790 120 (0.55)
TC 18:55 – Massenmorde
ERZÄHLERIN:
Die erste Deportation aus München sollte ins lettische Riga gehen, wurde aber kurzfristig umgeleitet in die litauische Stadt Kaunas. Dort hatte der SS-Standartenführer Karl Jäger als Führer des Einsatzkommandos 3 im Juli 1941 die sogenannten „sicherheitspolizeilichen Aufgaben“ übernommen. Mit Hilfe von einheimischen Kollaborateuren waren bis November 1941 bereits Tausende von litauischen Juden ermordet worden. Nach ihrer Ankunft mussten die aus München Deportierten in ein Fort aus der Zarenzeit marschieren, das etwas außerhalb der Stadt lag. Zwei Tage später wurden sie dort zusammen mit Deportierten aus Berlin und Frankfurt am Main von Angehörigen des Einsatzkommandos 3 ermordet.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.35)
SPRECHER:
Die Durchführung solcher Aktionen sei in erster Linie eine Organisationsfrage, schrieb SS Standartenführer Karl Jäger am 1. Dezember 1941 in seinem Abschlussbericht. Die Juden mussten an einem Ort gesammelt, Plätze für die erforderlichen Gruben ausgesucht und ausgehoben und die Juden an den Exekutionsplatz transportiert werden.
ERZÄHLERIN:
Auf sechs Seiten präsentierte Karl Jäger eine brutale Todesbilanz. Er listete alle Massenmorde tabellarisch auf: Datum, Ort, Anzahl der ermordeten Männer, Frauen und Kinder, schließlich Gesamtzahl der Ermordeten. Unter Monat November sind die Männer, Frauen und Kinder erfasst, die bei der ersten Deportation aus München verschleppt wurden.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.25)
SPRECHER:
Am 25.11.41 sind unter Kaunas, Fort IX – 1159 Juden aufgeführt, 1600 Jüdinnen, 175 Judenkinder – insgesamt 2934 Umsiedler aus Berlin, München und Frankfurt am Main.
ERZÄHLERIN:
Die deutschen Besatzer bauten in den Ostgebieten ein dichtes Netz an Lagern auf: Ghettos, Arbeitslager, Durchgangslager, Vernichtungslager … Die meisten der deportierten Deutschen wurden bei Ankunft im Osten nicht sofort getötet, sondern kamen zuerst in Arbeitslager oder Ghettos, wo sie gemeinsam mit der ostjüdischen Bevölkerung und Deportierten aus ganz Europa auf engstem Raum eingesperrt waren. Wer die schlechten Lebensbedingungen überlebte, wurde später in Vernichtungslager gebracht wie Sobibor, Treblinka oder Auschwitz – und dort ermordet. Bei der zweiten Deportation aus München im April 1942 wurden 774 Menschen ins ostpolnische Piaski verschleppt, einem ehemaligen jüdischen Schtetl, das in ein Ghetto umfunktioniert worden war. Auch von ihnen hat keiner überlebt. Während der nächsten Jahre gingen noch 42 Deportationen aus München weg, die meisten von ihnen ins tschechische Theresienstadt. Ernst Grube und seine Geschwister blieben lange von der Deportation verschont.
MUSIK Nostalgia motif 1 M0010633 037 (0.50)
O12 Ernst Grube
Der Vater als Nichtjude war für uns die Garantie, die vorläufige Garantie des Überlebens. Er hat sich nicht scheiden lassen. Er hat dem Druck standgehalten, den er immer wieder hatte, von der Gestapo durch Vorladung, sich doch von der Saujüdin scheiden zu lassen. Er hat das nicht gemacht.
ERZÄHLERIN:
Trotzdem wurden die Kinder mit ihrer Mutter im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Sie haben überlebt und kehrten nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach München zurück.
TC 22:48 - Outro
Kann eine Demokratie sich selbst zerstören? Genau das passierte im Laufe des Jahres 1933 in Deutschland, als Adolf Hitler erst Kanzler wurde und dann die Demokratie mit Terror, Gewalt, aber eben auch mit Verordnungen und Gesetzen zur Diktatur machte. Parteien, Verbände und Vereine, Kultur und Kunst wurden in kurzer Zeit auf die Linie der NSDAP gebracht. Wie konnte das passieren? Und: Kann das in Deutschland noch einmal geschehen? Dieser Frage geht diese Folge von "Wie war das damals?" nach. Von Christian Schaaf & Michael Zametzer
Autoren dieser Folge: Christian Schaaf und Michael Zametzer
Interviewpartner: Dr. Thomas Schlemmer, Institut für Zeitgeschichte München
Redaktion: Nicole Hirsch, Eva Kötting und Heike Simon
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Sie sind auf riesenhaften Fabrikschiffen auf allen Weltmeeren unterwegs: Hochseefischer, die in großem Stil Meerestiere auf offener See fangen. Mit der Dampfschifffahrt und der modernen Kühltechnik begann der Aufstieg dieses Metiers, das Fisch zum günstigen und stets verfügbaren Grundnahrungsmittel machte. Inzwischen ist es mitverantwortlich für die Überfischung der Meere. Autor: Lukas Grasberger (BR 2022)
Credits
Autor dieser Folge: Lukas Grasberger
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Thomas Birnstiel, Peter Vet, Karin Schumacher
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:
Ingo Heidbrink (Professor für Maritime History, Old Dominion University, Norfolk);
Ole Sparenberg (Forscher am Karlsruher Institut für Technologie);
Johanna Sackel (Forscherin an der Uni Paderborn);
Celia Ojeda (Meeresbiologin bei Greenpeace)
Linktipps:
Deutschlandfunk Kultur (2023): Schutz der Hochsee – Kein Erfolg in Sicht
Es ist bereits das sechste Mal, dass die Vereinten Nationen versuchen, für die Hohe See eine Art Verfassung zu erarbeiten. Doch die Verhandlungen über das Meer außerhalb nationaler Gebiete drohen wieder zu scheitern:
Schutz der Hochsee - Kein Erfolg in Sicht (deutschlandfunk.de)
BR (2022): Was das Angeln über die Nachhaltigkeit lehrt
Angeln hat Einfluss auf Gewässer und ihre Fischbestände. Wie weit Angler:innen tatsächlich nachhaltig in die Gewässerbewirtschaftung eingreifen, das erklärt der Fischereiwissenschaftler Prof. Dr. Robert Arlinghaus von der HU Berlin:
Prof. Dr. Robert Arlinghaus, Fischereiwissenschaftler: Was das Angeln über die Nachhaltigkeit lehrt | Campus | ARD alpha | Fernsehen | BR.de
Deutschlandfunk (2018): Ausbildung in der Fischerei – Knochenjob auf hoher See
Die Zahl der Schiffe und Meeresfischer ist in den letzten Jahrzehnten stark gesunken: Schwankende Fangquoten und strenge Auflagen machen den Fischern das Leben schwer. Trotz der schwierigen Bedingungen entscheiden sich jedes Jahr junge Menschen für den Beruf auf hoher See:
Ausbildung in der Fischerei - Knochenjob auf hoher See (deutschlandfunk.de)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:22 – Hunger treibt auf die See
TC 03:31 – Wie Dampfmaschine und Urbanisierung die Fischerei beeinflussten
TC 05:29 – Die Fisch Propaganda
TC 09:12 – Deutschland wird wieder ‚Klar Schiff‘
TC 10:51 – Das Ende der Freiheit der Meere
TC 14:56 – Spanische Fischergeschichte(n)
TC 17:34 – Was der globale Heißhunger auf Fisch anrichtet
TC 21:42 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Beginn mit
MUSIK 1: Kat’s gut - C1537750103 – 50 Sek
ATMO Fischerboot fährt ein, legt an
SPRECHER
Bedächtig schiebt sich die „Juanito Uno“ an die Mole im Hafen von Agaete auf Gran Canaria. Während seine Kollegen den Fischkutter vertäuen, schlingt Estebán ein Kunststoffseil um die meterbreite Schwanzflosse eines Thunfischs im Heck des blau-weißen Bootes.
ATMO Thunfisch wird an Seilwinde hochgezogen
Alleine schafft es der schlaksige Fischer nicht, den silbriggrau glänzenden Raubfisch aus dem Boot zu hieven. Am Ende ziehen drei Männer in gelbem Ölzeug an der Seilwinde. Zentimeter für Zentimeter bewegt sich der mehrere hundert Kilo schwere Blauflossenthun nach oben, nach und nach offenbart sich das ganze Ausmaß des Fangs.
O-TON 1 Estebán, Fischer im Hafen von Agete, span,
OVERVOICE männlich
„Wir wissen mittlerweile, wo wir sie finden: Dazu brauchst du Erfahrung – und Gespür. Und du musst auch schon mal Seemeilen machen - weit raus auf hohe See. Manchmal fahren wir rüber bis nach La Gomera - oder wir fischen vor Fuerteventura.“
ATMO Schiff auf See
TC 01:22 – Hunger treibt auf die See
SPRECHER
Seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden wagen sich Menschen wie Estebán hinaus auf die hohe See, auf der Jagd nach nahrhaftem Meerestier wie Thunfisch, Wal oder Kabeljau. Bereits vor 42.000 Jahren hätten sich die Bewohner von Timor zu Hochseefischern entwickelt, erklärt die australische Archäologin Sue O´Connor, die in einer Höhle von Ureinwohnern Thunfisch-Gräten entdeckte, in einer 2011 veröffentlichten Studie. Da es auf der Insel im indischen Ozean außer Ratten und Fledermäusen kein essbares Tier gegeben habe, seien sie gezwungenermaßen hinaus aufs offene Meer gefahren, um dort Thunfisch zu angeln.
MUSIK 2: THE DECISION TO TURN AROUND - C1108980 005 – 59 SEK
SPRECHER
Hochseefischerei als organisiertes Unterfangen und betrieben in großem Maßstab – die gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Als erste stellten damals die Niederländer Fangflotten zusammen, die wochenlang auf See bleiben konnten. Versorgt wurden diese Fangboote von so genannten „Ventjagers“ - Frachtschiffen, die den Fisch übernahmen und in die Häfen transportierten. Die Fische und andere Meerestiere sammelten die niederländischen Fischfangflotten mit Hilfe langer Schleppnetze ein. Dieses Schleppnetzfischen gelangte aber erst im 19. Jahrhundert zu großer Blüte. Zusammen mit vor allem einer technischen Neuerung brachte der Fang mit Hilfe von Schleppnetzen die Entwicklung einer Hochseefischerei auf breiter Front voran, erklärt der Historiker Ole Sparenberg.
O-TON 2 Ole Sparenberg, Forscher am Karlsruher Institut für Technologie
„Also es muss eine Reihe von technischen und anderen Innovationen zusammenkommen, erst mal natürlich der Einsatz der Dampfmaschine. Die ist natürlich schon länger bekannt, aber in der Fischerei begann der Einsatz von Dampfmaschinen tatsächlich erst in den 1880er Jahren.Eine andere technische Innovation, die auch schon ab den späten 1860 er Jahren so langsam begann, war die Lagerung von Fisch auf Eis. Dann das Grundschleppnetz: Das wurde vorher schon eine Zeit lang für Segelfahrzeuge eingesetzt, aber mit einem Dampfer-Fahrzeug kann mit viel mehr Geschwindigkeit und damit effizienter und auch wetterunabhängiger ein Netz über dem Boden schleppen und damit effizienter fischen. […]. Eine andere technische Innovation, die auch schon ab dem späten 1860er Jahren so langsam begann, war die Lagerung von Fisch auf Eis “
TC 03:31 – Wie Dampfmaschine und Urbanisierung die Fischerei beeinflussten
SPRECHER
Dampfantrieb und Eis-Kühlung in Kombination machten die Fischer also unabhängig von Zeit und Raum. Darin sieht Ingo Heidbrink, Professor für Maritime Geschichte, den eigentlichen Beginn der modernen Hochseefischerei.
O-TON 3 Ingo Heidbrink, Prof für Maritime History, Old Dominion University in Norfolk
„In dem Moment, wenn Sie den Fisch bereits an Bord schlachten und auf Eis lagern, haben Sie natürlich eine größere See-Ausdauer. Sie können ungefähr Fahrzeiten bis zu drei Wochen nach dem ersten Fangtag damit erzielen und damit erhalten sie die Möglichkeit, auch einmal die Küstengewässer zu verlassen und weiter entfernte Fanggründe anzulaufen.“
ATMO Raddampfer-Fahrt
SPRECHER
Der Fischfang, sagt die Paderborner Geschichtswissenschaftlerin Johanna Sackel, wurde zudem von der Dynamik der Industrialisierung erfasst – und in diese eingebunden. Die Möglichkeit, große Mengen an Waren schnell über weite Strecken zu transportieren, veränderte die Fischerei grundlegend.
O-TON 4 Johanna Sackel, Forscherin an der Uni Paderborn + Autorin „Wem gehört das Meer?“
„Durch die die Etablierung und den Ausbau der Eisenbahn wurde es letztlich möglich, den Seefisch dann eben auch im Binnenland zu vermarkten. Das heißt, die verderbliche Ware konnte nun schneller zu den Verbrauchern transportiert werden und war das dann einmal etabliert, mussten natürlich diese neue geschaffenen Absatzmärkte auch bedient werden.“
O-TON 5 Sparenberg Teil 1
„...da spielt natürlich das Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert eine große Rolle, und vor allem auch die Urbanisierung.“
SPRECHER
ergänzt Ole Sparenberg. Die Arbeiterschaft in den wachsenden Industriestädten hungerte nach proteinreicher Nahrung.
O-TON 5 Sparenberg Teil 2
„Aber eben dieser Massenmarkt in den Städten musste dazu kommen, um überhaupt wie die Nachfrage nach so einer Hochseefischerei im großen Stil zu schaffen.“
SPRECHER
Es waren die ersten und wichtigsten Industrienationen Großbritannien und Deutschland, die auch den industriellen Fischfang vorantrieben. Ole Sparenberg, der am Karlsruher Institut für Technologie zur Umwelt- und Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts forscht, skizziert die Anfänge einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte.
TC 05:29 – Die Fisch Propaganda
O-TON 6 Sparenberg
„Der Durchbruch, was man so als Beginn der deutschen Hochseefischerei bezeichnet, war dann 1885, als der Fischhändler Friedrich Busse aus Geestemünde - das ist heute Bremerhaven - den ersten deutschen Fischdampfer, die Sagitta gebaut hat, das folgte britischen Vorbildern... Das ging dann relativ schnell, also in Deutschland gab es dann um 1900 bereits über 100 Fischdampfer, und die wesentlichen Standorte, der diese Industrie waren, was heute Bremerhaven ist: also Geestemünde und dann Hamburg-Altona, und auch Cuxhaven.“
SPRECHER
Der deutsche Verbraucher fremdelte anfangs mit dem auf hoher See gefangenen Kabeljau, Rotbarsch oder Seelachs. Zum einen hätten sowohl Fischhändler wie ihre Ware anfangs noch penetrant gestunken, weiß Sparenberg. Zum anderen waren viele nicht mit der Zubereitung, vor allem dem Ausnehmen der noch samt Innereien verkauften Meerestiers vertraut.
O-TON 7 Sparenberg
„Insofern gab sehr früh dann schon, ab den 1880er, 90er-Jahren, Werbemaßnahmen, Absatzförderung, sogenannte Seefisch-Propaganda: Man ist gezielt auf Großabnehmer wie Gefängnisse, Kasernen, Bergwerke und so weiter herangetreten, um damit den Absatz für den Fisch zu schaffen. Also, das war immer der wunde Punkt der deutschen Fischwirtschaft, dass es da Absatzprobleme gab, und das Ganze stark auf staatliche Förderung angewiesen war. Das hat dann im Kaiserreich auch natürlich damit zu tun, dass es vor dem Hintergrund stand von Marine-Begeisterung und Flottenrüstung. Die Fischerei war Teil der deutschen Seeinteressen, wie das hieß. Man sah auch immer die Hochseefischerei so als Rekrutierungsbüro für die deutsche Marine, deshalb genoss das eben auch eine staatliche Förderung.“
ATMO Kanonendonner, Schiffskrieg WW1
+ MUSIK 3: The organ grinder – M0084185144 - 58 Sek
SPRECHER
Im Ersten Weltkrieg wurde in den Weiten der Nord- und Ostsee kaum gefischt. Vielmehr waren die Meere Schauplatz erbitterter kriegerischer Auseinandersetzungen, etwa zwischen den führenden Fischerei-Nationen Deutschland und Großbritannien.
Mit der kriegsbedingten, marinen Hochrüstung erfuhren viele Schiffe indes eine Modernisierung. Nach Ende des Ersten Weltkriegs verdoppelte sich die Zahl der Boote der deutschen Hochseeflotte nahezu – auf gut 400. Weiter befeuert wurde dieser Boom ab 1933 durch die Nationalsozialisten. Die NS-Diktatur, die unter einem Mangel an Devisen litt und einen Krieg vorbereitete, wollte möglichst unabhängig werden von Importen aus anderen Ländern, erklärt Ole Spargenberg. Der Historiker hat zu „Hochsee-Fischerei und Walfang im Rahmen der nationalsozialistischen Autarkiepolitik“ promoviert.
O-TON 8 Sparenberg
„Schlagwörter der damaligen Zeit waren die Fett- und Eiweiß-Lücke: Fett- und Eiweißversorgung konnte die Landwirtschaft trotz politischer Förderung, trotz der sogenannten Erzeugungsschlacht... konnten die das nicht decken. Man konnte einfach keine Autarkie, keine Selbstversorgung bei Fett und Eiweiß herstellen. Spätestens ab 1936 bewarben Staat und Wirtschaft Fisch als ideale devisenfreie Ernährung“
SPRECHER
Die Nationalsozialisten beschlagnahmten den überwiegenden Teil der deutschen Fischdampferflotte für den Dienst im Zweiten Weltkrieg. Etliche hochseetaugliche, zu Kriegsschiffen umgerüstete Fischereiboote wurden versenkt, nach Ende des Krieges standen nur noch 58 Schiffe für den Fischfang zur Verfügung. Die Auflagen der alliierten Besatzer für den Bau neuer Boote waren streng, bis 1949 war dieser ganz verboten. Doch danach konnte die deutsche Hochsee-Fischerei relativ nahtlos an die technischen Errungenschaften der Zwischenkriegszeit anknüpfen.
TC 09:12 – Deutschland wird wieder ‚Klar Schiff‘
O-TON 9 Heidbrink
„Nach dem Zweiten Weltkrieg sehen wir wahrscheinlich die größten Veränderungen in der Hochseefischerei überhaupt“
SPRECHER
...betont Ingo Heidbrink. Die einstigen Fischdampfer fuhren nun mit Dieselmotoren. Dazu betrieben die Boote ihre Fischerei als Heckfänger: Das Netz wurde nun nicht mehr über die Seite, sondern über das Heck eingeholt. Damit konnte man bei schlechterem Wetter und mit weniger Personal fischen. So genannte Fang-Fabrikschiffe entstanden, die den Fisch an Bord schlachteten, verarbeiteten und kühlten – und damit theoretisch unbegrenzte Zeit auf offener See zubringen konnten, ohne dass der Fang verdarb.
MUSIK Doku NWDR: 1955 Heringsfischerei in D (ca. 30 Sek)
Mit einer der modernsten Flotten Europas gingen die deutschen Hochseefischer so ab den 1950er-Jahren wieder auf große Fahrt – auch fern der Heimat.
ZSP 1 aus Doku NWDR: 1955 Heringsfischerei in Deutschland (18 sek)
„In den ersten Maitagen heißt es wieder „Klar Schiff!“ Schließlich wollen wir Ende des Monats mit diesen Schiffen bis an die Shetlands, wo sich dann der Matjes aufhält. Da gibt’s noch ne Menge Arbeit! Wir deutschen Logger fischen da oben nicht allein: Beim Heringsfang trifft sich so ziemlich die gesamte seefahrende Bevölkerung Europas.“
SPRECHER
Auch die DDR etablierte ab Ende der 1940er-Jahre eine eigene Hochseefischerei. Deren Boote gingen zunächst in der Ostsee, bald darauf aber wie ihre westdeutschen Konkurrenten in der ganzen Welt bis vor Argentinien oder im indischen Ozean auf Fangtour. Doch die „Freiheit der Meere“ sollte bald der Vergangenheit angehören, sagt der Meeresforscher Ingo Heidbrink. Dies liege in einer „völligen Umgestaltung der politischen Landkarte“ nach dem Zweiten Weltkrieg begründet.
TC 10:51 – Das Ende der Freiheit der Meere
O-TON 10 Heidbrink
„Das heißt Island wird eine eigene, voll souveräne Nation. Grönland bleibt bei Dänemark oder geht zurück zu Dänemark, verlangt aber eine größere Autonomie in mehreren Schritten. Und als dritten Schritt Kanada - beziehungsweise vor allen Dingen Neufundland - ist nicht mehr ein britisches dominion, sondern wird Bestandteil von Kanada. Und damit haben wir innerhalb kürzester Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Nordatlantik nicht mehr eine Gruppe von Kolonien beziehungsweise teilweise kolonial abhängigen Staaten, sondern souveräne Staaten, die agieren.“
SPRECHER
Denn es ist keineswegs so, dass die so genannte Hochseefischerei vorwiegend in den Weiten internationaler Gewässer stattfindet, wo sich die Fangschiffe nicht ins Gehege kommen, betont Ingo Heidbrink. Das Gros der globalen Fischbestände befinde sich innerhalb von 200 Meilen vor der Küste von Staaten – die diese Gebiete als „ausschließliche Wirtschaftszone“ nutzen dürfen.
O-TON 11 Heidbrink
„Hochseefischerei ist Küstenfischerei an fernen Küsten, eigentlich oder nicht an fernen Küsten, sondern vor fernen Küsten. Und damit haben sie natürlich eine Konkurrenzsituation zur lokalen Küstenfischerei.“
SPRECHER
Ab Ende der 1950er-Jahre führte dies zu Konflikten zwischen den führenden Hochseefischerei-Nationen Großbritannien und Deutschland – und dem „Newcomer“ Island, der plötzlich eine Zone von mehreren Meilen vor seiner Küste ausschließlich für die eigenen Fischer beanspruchte.
ATMO Schiffssirene aus Doku „Cod Wars“ + ATMO Wellen
SPRECHER
Island schaffte es bis Mitte der Siebziger Jahre, seine Fischereigrenzen von vier auf zwölf, dann auf 50 und zuletzt auf 200 Seemeilen auszuweiten. Damit schuf der junge Inselstaat im Nordatlantik einen Präzedenzfall. Die Karten im Konkurrenzkampf um die ertragreichsten Fischereigründe wurden neu gemischt.
O-TON 12 Sparenberg
„Und das hat natürlich für diese traditionellen Hochseefischereinationen wie Deutschland und Großbritannien ernste Auswirkungen gehabt, der deutschen Hochseefischerei brachen insofern ihre Fanggründe weg. Das hatte dann schwere wirtschaftliche soziale Auswirkungen an den Standorten der Hochseefischerei, also vor allem Bremerhaven und Cuxhaven, zumal die sonstiger wirtschaftliche Entwicklung Werften, Hafen und so weiter auch nicht gut lief.“
MUSIK 4: „Titelfolge“ aus „Der Seewolf“- C1164320 132 – 27 Sek
SPRECHER
Bestand die deutsche Hochseefisch-Flotte Mitte der 1970er-Jahre noch aus 66 Schiffen, so waren es zehn Jahre später nur noch 15. Die Politik konnte den Niedergang nicht stoppen: Sie setzte auf Hilfen, um ihn zumindest abzufedern – und auf viel Pathos, weiß Johanna Sackel, die schwerpunktmäßig zu maritimer Geschichte forscht.
O-TON 13 Sackel
„Da hat man auch dieses Bild(...) kreiert, wo der Hochseefischer so als einen heroischer, blonder Mann dargestellt ist, der in die Ferne blickt und dem man ansieht, dass er einfach mit allen Wassern gewaschen, gewaschen ist. Der Hochseefischer wurde verbunden mit den Eigenschaften Tapferkeit und natürlich auch Heldenmut also, das waren so die beiden ja, Eigenschaften, die den die man dann auch in der Öffentlichkeit versucht hat bekannt zu machen und vor allen Dingen dann eben auch seitens der Politik das stark zu machen und somit auch zu rechtfertigen, warum diese Branche Unterstützung erfahren sollte.“
SPRECHER
Tatsächlich schien und scheint der Beruf des Hochseefischers Mut zu erfordern: Er zählt laut einer 2016 veröffentlichten Auswertung des US-amerikanischen Amts für Arbeitsstatistik zu den gefährlichsten Berufen der Welt. Besonders der Thunfischfang führt zu etlichen, auch tödlichen Arbeitsunfällen auf hoher See: Immer wieder werden Fischer ins Meer oder auf die Planken geschleudert, wenn der mehrere hundert Kilo schwere Raubfisch im Todeskampf um sich schlägt.
MUSIK 5: „Kat’s gut“ – siehe Musik 1 – 19 Sek +
ATMO Hafen von Agaete
Auch Estebán, der gerade vom Thunfischfang auf dem Atlantik ins kanarische Fischerdorf Agaete zurückgekehrt ist, kann dazu Geschichten erzählen.
TC 14:56 – Spanische Fischergeschichte(n)
O-TON 14 Estebán OV
OVERVOICE männlich
„Es ist eine gefährliche Arbeit. Wir kämpfen ja mit dem Thunfisch quasi Mann gegen Mann, das kann Stunden dauern. Er hat scharfe Zähne und Flossen, über die du dir allerlei Verletzungen zuziehen kannst. Spannt sich die Fangleine, ist das wie ein Messer, durch das du Finger oder auch mal einen ganzen Arm verlierst.“
SPRECHER
Der Rentner Yano, der das Gespräch auf seinem Plastikstuhl mit anhört, nickt versonnen. Der 89-jährige fischte seinerzeit selbst auf einem kleinen Fischkutter auf dem Atlantik. Als dann gegen Ende der 1960er-Jahre immer mehr Hochsee-Schiffe großer Unternehmen in den Hafen von las Palmas kamen, heuerte Yano an.
O-TON 15 Yano, span. dt. OV
„Wir haben vor allem vor der afrikanischen Küste gefischt, haben dort Thunfisch, aber auch andere Arten gefangen. Wir waren zwei Dutzend Seeleute, und 25 Tage auf See unterwegs!... es war eine harte, aber schöne Zeit.“
SPRECHER
Während in den 60er und 70er-Jahren die deutsche Fischereiflotte schrumpfte, begann der unaufhaltsamer Aufstieg Spaniens zur wichtigsten europäischen Hochseefischerei-Nation. Diktator Francisco
Franco verfolgte das Ziel, sein Land zu einer globalen Fischerei-Macht zu machen – und steckte viel Geld in den Ausbau der heimischen Hochseefischerei. Spanien kam dabei lange zugute, dass es sich nicht mit souveränen Staaten herumschlagen musste, die auf ihre Fischerei-Zonen pochten – sondern mit der West-Sahara eine Kolonie besaß, vor deren Küste man reichhaltige Fischgründe ausbeuten konnte. Und nach Ende der Franco-Diktatur und dem Eintritt in die Europäische Union waren es vor allem spanische Hochseefischer, die von Fischerei-Abkommen profitierten, die die EU mit afrikanischen Küstenstaaten schloss.
O-TON 16 Sackel
„In Westafrika zum Beispiel sind das vor allem die EU-Staaten, die dort Lizenzen erworben haben. Was eben diese Lizenzvereinbarung vorsieht: Also wir bauen euren Fischereisektor mit auf und leisten Entwicklungshilfe und dafür dürfen wir eben in euren Gewässern fischen. (...) wie dann zum Beispiel die Spanier, die halt im Rahmen von diesem EU Abkommen dort fischen konnten und die dann auch maßgeblich dazu beigetragen haben, leider diese Bestände zu überfischen, weswegen dann letztlich die kleinen Fischer, die dort lebten, das Nachsehen hatten. Meistens waren das ja schon fast Raubzüge, könnte man sagen, die dort stattgefunden haben, die dann natürlich auch sehr viel weiter draußen stattfanden, wohin die kleinen Fischer mit ihren Booten überhaupt nicht konkurrieren konnten.“
MUSIK 6: „Sonar 1“ – M0007520 052 – 34 Sek
TC 17:34 – Was der globale Heißhunger auf Fisch anrichtet
SPRECHER
Dass vor allem die industriell betriebene Fischerei die Ressourcen der Meere massiv dezimierte – das wurde in den letzten Jahrzehnten deutlich. Zwei Drittel der globalen Bestände sind mittlerweile überfischt, oder gar in ihrer Existenz bedroht. Es sei nicht nur die schiere Masse an Meerestieren, die die Trawler mit modernen Ortungssystemen wie Sonar punktgenau finden und mit riesigen Schleppnetzen aus dem Ozean holen, sagt der Meeresforscher Ingo Heidbrink.
O-TON 17 Heidbrink
„... sondern das Problem ist vor allen Dingen, dass die Fernfischerei agieren kann in dem Moment, wenn die lokale Fischerei nicht agieren kann. Heißt: Wenn wir durch Wetter oder See-Situation Bedingungen haben, dass die lokale Fischerei nicht agieren kann oder nur sehr küstennah agieren kann, dann kann etwas weiter draußen auf dem Fangplatz das Fabrikschiff völlig problemlos arbeiten.“
SPRECHER
Wissenschaftlern und Umweltschützern zufolge sind nicht nur die hochtechnisierten Fangflotten für die Überfischung verantwortlich. Auch Akteure wie die EU sorgten mit ihrem laxen System der Fischerei-Quoten dafür, dass die industrielle Hochsee-Fischerei die Meere regelrecht ausplündere, sagt Celia Ojeda von der Umweltorganisation Greenpeace. Der Thunfisch stehe beispielhaft für das strukturelle Versagen des Instruments der Fischerei-Quoten.
O-TON 18 Celia Ojeda. Meeresbiologin, Greenpeace span, dt. OV
OVERVOICE weiblich
„Der Thunfisch ist zwar die Fischart, bei der am genauesten kontrolliert wird, welche Menge welches Boot fangen darf. Die Internationale Kommission für die Erhaltung der Thunfischbestände im Atlantik, an deren Beschlüsse die EU gebunden ist, erlaubt aber stets deutlich höhere Fangmengen, als die Wissenschaft für notwendig hält. Noch gar nicht in diese Quoten eingerechnet ist dabei die beträchtliche Zahl an Thunfischen, die illegal gefangen werden.“
SPRECHER
Dies habe nicht nur ökologisch, sondern auch sozial gravierende Folgen, warnt die promovierte Meeresbiologin Ojeda.
O-TON 19 Ojeda OV
OVERVOICE weiblich
“Die Wildwest-Methoden dieser industriellen Fischerei führen neben offensichtlicher Nahrungsknappheit in den Küstenregionen auch zu schweren sozialen Verwerfungen. Etliche Fischer sehen daher keine andere Möglichkeit, mit ihren Booten übers Meer nach Spanien, nach Europa zu flüchten“
SPRECHER
Paradoxerweise fördere die Politik global weiter solche Fischerei in großem Stil, um die wachsende Nachfrage der Weltbevölkerung nach Meerestieren zu stillen, klagt die Greenpeace-Aktivistin.
MUSIK 7: „DESOLATION B“ – C1609470 127 – 47 SEK
Den globalen Heißhunger auf Fisch decken zunehmend Fabrikschiffe wie die Annelies: Der mit 144 Metern Länge und einer Verarbeitungskapazität von 350 Tonnen pro Tag größte Trawler der Welt ist indes durch illegale Fischerei vor der irischen Küste aufgefallen. Auch die derzeit wichtigste Hochseefischereination China macht regelmäßig durch Piratenfischerei Negativschlagzeilen.
Der Meereswissenschaftler Ingo Heidbrink ist angesichts solcher Entwicklungen pessimistisch, was den Willen und die Fähigkeit der Küstenstaaten sowie internationaler Organisationen angeht, legaler wie illegaler Überfischung Einhalt zu gebieten.
O-TON 20 Heidbrink
„Ich sehe keinerlei Anzeichen, dass diese Prozesse....dass wir auf der einen Seite eine Modernisierung der Fischerei haben, dass wir auf der anderen Seite steigende Nachfragen haben, irgendwo zum Ende kommen, in globaler Hinsicht.“
MUSIK 8: „Sonar 1 – siehe vorn – 47 Sek
SPRECHER
„There is always another fish available“, „Es gibt immer einen anderen Fisch“ lautet der Titel einer Studie von Ingo Heidbrink, in der dieser untersucht hat, wie deutsche Hochseefischer die Quoten zur Fischfang-Beschränkung übergingen. Heidbrinks Kollege Ole Sparenberg kann diese Erkenntnis aus historischer Erfahrung bestätigen.
O-TON 21 Sparenberg
„Wenn man sich die Geschichte der deutschen Hochseefischerei anguckt, ist es oft die Geschichte von Expansion, also: Man fängt ein Gebiet leer - und geht dann zum nächsten.“
TC 21:42 - Outro
Es ist eine gigantische Expedition, die im Dezember 1872 in England Segel setzt. Die Challenger-Expedition soll die Tiefen der Weltmeere erkunden. Wie tief ist die tiefste Stelle im Meer? 700 Meter tief? Oder unendlich tief? Keiner weiß das. Stattdessen ranken sich Mythen um die Bewohner der Weltmeere. Ungeheuer, die ganze Schiffe versenken! Dreieinhalb Jahre dauerte die Reise des Schiffs. Die Ausbeute war enorm. Autorin: Yvonne Maier (BR 2018)
Credits
Autorin dieser Folge: Yvonne Maier
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Werner Härtl, Rainer Buck, Anna Greiter
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Planet Wissen (2020): Entdeckungsreise in die Tiefsee – Forschung am Limit
Die Tiefsee ist das größte, wichtigste, bislang aber auch am wenigsten erforschte Ökosystem der Erde. Der gewaltige Druck, die Kälte und das fehlende Licht erschweren alle Forschungsvorhaben in größeren Tiefen enorm. Doch jetzt gilt es, die Anstrengungen zu forcieren. Denn die Eisdecke in der Arktis schmilzt rasant und das könnte gravierende Folgen für die arktische Tiefsee und auch für uns Menschen haben:
Planet Wissen: Entdeckungsreise in die Tiefsee - Forschung am Limit | ARD Mediathek
Deutschlandfunk (2020): Schätze am Meeresgrund – Ist Tiefseebergbau die Zukunft?
Weltweit bereiten sich Firmen darauf vor, in bisher unberührte Regionen der Ozeane vorzustoßen. Sie wollen in der Tiefsee Manganknollen vom Meeresgrund ernten. Doch Umweltschützer und Wissenschaftler schlagen Alarm: Der Schaden für die Ökosysteme der Meere wäre irreparabel:
Schätze am Meeresgrund - Ist Tiefseebergbau die Zukunft? (deutschlandfunk.de)
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Beckenbauer - Der letzte Kaiser von Deutschland
Franz Beckenbauer ist tot. Er war Fußballweltmeister als Spieler und Trainer, Chef-Organisator des Sommermärchens WM 2006, Werbeikone, Weltstar. Der "Kaiser" hat das Bild der Bundesrepublik Deutschland im Ausland geprägt wie sonst kaum jemand. Der Schauspieler und Fußballfan Sebastian Bezzel erzählt in vier Folgen die Geschichte einer unglaublichen Karriere.
ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 01:30 – Auf zu den Mythen der Weltmeere
TC 04:09 – Eine Reise, die man sich heute kaum vorstellen kann
TC 07:37 – Ewige Zeitkapseln: Briefe und Funde der Expedition
TC 10:58 – Über Brasilien und Südafrika nach Australien
TC 14:30 – Am tiefsten Punkt im Meer
TC 17:28 – Bis zum Ende der Welt und viel weiter
TC 21:33 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
ZITATOR 1
Liebe Mutter, heute war ich bei dem charmanten Professor Wyville Thomson, der den 1. November als Leiter einer dreijährigen Expedition um die Welt mit einem besonders hierzu ausgerüsteten Kriegsschiffe abgeht. Während ich in seinem herrlichen Salon mit ihm sprach, wurde er nachdenklich, fragte mich, ob ich oft an der See gearbeitet habe und dann: „If I should like to go round the world.“
MUSIK kurz freistehend
SPRECHERIN
Der junge Mann, der am 10. Oktober 1872 in Edinburgh diesen Brief an seine Mutter schreibt, ist der 25-jährige Rudolf von Willemoes-Suhm. Ein Zoologe, der sich seit seiner Kindheit als Sammler und Beobachter der lokalen Flora und Fauna auszeichnet. Ob er um die Welt fahren möge? Eine dreijährige Expedition auf einem Segelschiff, zur Erforschung der Meere? Der junge Mann muss nicht lange überlegen:
ZITATOR 1
Ich antwortete natürlich, dass dies für mich ein großes Glück sei. Drei Jahre auf einem englischen Schiffe, kreuz und quer fahren, wäre ja herrlich! – morgen früh nach London.
MUSIK endet / MUSIK „Intricate motion red“
ATMO Meer/Segelschiff beginnt unter dem nachfolgenden Text
TC 01:30 – Auf zu den Mythen der Weltmeere
SPRECHERIN
Die Challenger-Expedition von 1872 bis 1876 gilt bis heute als Beginn der wissenschaftlichen Meereskunde. Die Weiten der Weltmeere sind zu dieser Zeit fast unbekannt, vor allem um die Tiefsee ranken sich Mythen. Keiner weiß zum Beispiel, wie tief die tiefste Stelle der Weltmeere ist – 700 Meter? 2.000 Meter? Und was befindet sich da unten? Gibt es dort überhaupt Leben? Ganz praktisch ist die damalige Telegrafie-Industrie an diesem Wissen interessiert. Denn wenn man Tiefseekabel verlegen will, die die Kontinente miteinander verbinden, muss man wissen, wie der Boden beschaffen ist und wo er sich genau befindet.
Am 21. Dezember geht es los. Rudolf von Willemoes-Suhm ist mit an Bord. Er wird seine Heimat nie wieder sehen.
MUSIK/ATMO kurz freistehend
MUSIK endet unter dem nachfolgenden Text
SPRECHERIN
Die H.M.S. Challenger ist ein umgebautes Kriegsschiff, im Auftrag der Royal Society. Sie ist ein segelndes Labor, ausgestattet mit Mikroskopen, Netzen, Fallen, Aquarien und hunderte Meter langen Seilen, um die Meerestiefe zu loten und Tiere und Pflanzen aus dem Meer zu fischen. Die Expedition soll physikalische Messungen vornehmen: Wassertemperatur und Tiefe. Wie sind die Lichtverhältnisse? Die Strömungen? Wie sieht der Boden der Tiefsee aus – und: Wie ist das Leben im Meer verteilt? Darüber hinaus sollen die Flora und Fauna der angefahrenen Küsten erfasst werden. Eine gigantische Aufgabe. 216 Matrosen und wissenschaftliche Mitarbeiter legen in London ab – dreieinhalb Jahre später kehren nur 144 Mann zurück, manche gehen unterwegs freiwillig von Bord, andere sind gestorben oder krank geworden.
ATMO kurz freistehend
SPRECHERIN
Zunächst geht es Richtung Süden entlang der spanischen Küste.
ZITATOR 1
H.M.S. Challenger, 31. Dezember 1872 – Atlantischer Ozean bei Kap Finisterre.
ATMO endet unter dem nachfolgenden Text
SPRECHERIN
Sofort nach Ablegen beginnt die Arbeit. Mit einer Dampf-Dredgemaschine – mit einem großen Schleppnetz – holen die Forscher die ersten Meerestiere an Bord. Der junge Zoologe ist begeistert.
ZITATOR 1
Glänzender, kleiner Fisch, von sonderbarster Form, und ein fast durchsichtiger Seestern von schönstem Roth, außerdem viele Krabben und Würmer. … Das Schiff schaukelt zwar, zittert aber selbst unter Dampf nicht, so dass ich sogar meine Zeichnungen während der Fahrt ausführen konnte.
MUSIK „The Swede“, J. Söderqvist
TC 04:09 – Eine Reise, die man sich heute kaum vorstellen kann
SPRECHERIN
Weiter geht es Richtung Madeira und Teneriffa – dann über den Atlantik in die Karibik. Eine Reise, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Natürlich gibt es immer noch Forschungsschiffe, die sogar bis in die Antarktis fahren. Doch dreieinhalb Jahre am Stück ist heute keiner mehr auf Forschungsfahrt. Allein die Logistik mutet abenteuerlich an. Der Reiseplan ist im Vorhinein erstellt, doch Flauten oder Stürme bringen ihn regelmäßig durcheinander. Es ist erstaunlich, mit welcher Zuverlässigkeit die Briefe hin- und hergeschickt werden, Tiere und Pflanzen die Postämter in Deutschland und England erreichen – manchmal sogar lebende Tiere, wie Papageien.
MUSIK endet
ZSP. 1 WEFER
„Es war ja eine britische Expedition und England war natürlich gut vernetzt.“
SPRECHERIN
Gerold Wefer ist Professor für Geologie mit dem Schwerpunkt Meeresgeologie an der Universität Bremen.
ZSP. 2 WEFER
„Wenn das jemand machen konnte, dann könnten das die Briten und zum Beispiel Hongkong war ja damals auch ein ganz wichtiger Hafen. Und die hatten auch die Mittel. Man hat ja mal ausgerechnet, dass das ungefähr 20 Millionen Dollar oder Euro gekostet hat, also wenn man das umrechnet. Sie hatten auch Mittel, sich so etwas einzukaufen.“
SPRECHERIN
So beschreibt Rudolf von Willemoes-Suhm seinen Arbeitsplatz in einem Brief an Professor von Siebold, seinen Mentor:
MUSIK „Microelements (c)“
ZITATOR 1
Wir haben in diesem einst von Kanonen eingenommenen Raum am Fenster einen großen Arbeitstisch mit einer Reihe von Fächern in der Mitte und mit Schrauben zur Befestigung der Mikroskope, rechts und links sind an den Wänden große Schränke und Schubladen, alle mit Fächern versehen, in denen die Ihnen wohlbekannten Geräte auf das zweckmäßigste untergebracht sind. An der Wand ist ein Hahn angebracht, aus dem Spiritus ausläuft. Für die Zubereitung der höheren Thiere, sowie für das Aufsuchen von Eingeweidewürmern wird noch an Deck ein anderer Platz angewiesen werden.
MUSIK endet unter dem nachfolgenden Text
SPRECHERIN
Es ist ein dauerndes Fischen, Loten, Vermessen, Zeichnen, Benennen und Kartografieren. Den Wissenschaftlern an Bord wird es nicht langweilig. Das war vorher nicht abzusehen – denn damals geht man davon aus, dass die Tiefsee ohne Leben ist, sagt Gerold Wefer von der Uni Bremen:
ZSP. 3 WEFER
„Diese Expedition hat dann bewiesen, dass es dort ein reichhaltiges Leben gibt, es leben da nicht so viele pro Quadratmeter, weil das Nahrungsangebot geringer ist. Aber das ist egal, ob es dort kalt oder hoher Druck, dass es keine Rolle spielt und dort sehr viele Organismen leben, das war zum Beispiel eine ganz wichtige neue Erkenntnis, die mit dieser Challenger-Expedition erzielt wurde.“
SPRECHERIN
Bis heute ist die Fahrt beispielhaft für die Meeresforschung geblieben. Denn es geht nicht nur darum, an Bord Forschung zu betreiben. In den 20 Jahren danach werden alle Daten ausgewertet, 50 Ereignisbände herausgebracht, insgesamt 29.000 Seiten lang. Das Besondere: Dabei werden Forscher eingebunden, die auf der Challenger überhaupt nicht dabei waren, zum Beispiel auch Ernst Haeckel in Jena. Er wertet die Radiolarien, Mikroorganismen mit bemerkenswerten Gehäusen aus.
ATMO Meer/Segelschiff beginnt unter dem nachfolgenden O-Ton
ZSP. 4 WEFER
„Und er hat wunderschöne Bilder gemacht und hat dann eine Arten-Bestimmung gemacht und das benutzen wir heute noch als Beispiel auch in Vorlesungen, wie man so etwas darstellt und wie so etwas entstanden ist. Es sind sehr viele Anregungen gekommen und es war eine ganz wichtige Expedition.“
TC 07:37 – Ewige Zeitkapseln: Briefe und Funde der Expedition
SPRECHERIN
Im März 1873 ist die Challenger mitten auf dem Atlantik, auf dem Weg in die Karibik. Seit dreißig Tagen sind die Männer nun auf See.
ATMO endet unter dem nachfolgenden Zitat
MUSIK „Wiener Bonbons. Walzer“, J. Strauß (Sohn), beginnt unter dem nachfolgenden Zitat
ZITATOR 1
Bei Tische merkt man es nur wenig – wohl fehlen Blumen und frische Früchte gänzlich, auch erscheinen oft Conserven aus Blechbüchsen, aber Truthühner, Hammel und Hühner leben noch hinlänglich, sodass das Dinner in gewohnter Ausdehnung serviert wird. Nur Briefe und Zeitungen entbehren wir sehr.
SPRECHERIN
Am Abend gibt es zur Aufmunterung Musik – „God save the Queen“, Wiener Walzer und sogar ein „deutsches Potpourri“, wie Rudolf von Willemoes-Suhm beschreibt – inklusive der „Wacht am Rhein“.
MUSIK endet
SPRECHERIN
Ein paar Tage später dann: St. Thomas ist erreicht. Hier warten auch schon Briefe aus der Heimat. Dazu Bücher und Zeitungen. An Land geht die Sammelei weiter, die Zoologen finden Kolibris, kleine Tauben, Pelikane und Fregattvögel, Tausendfüßler, Termiten und Spinnen. Die Funde der Challenger-Expedition sind heute wie eine Zeitkapsel, sagt Holly Morgenroth, Meeresbiologin an der Universität Exeter:
ZSP. 5 MORGENROTH
“So because the challenger specimens come with so much associated data, for example we know exactly what the sea temperature at the surface and at the bottom was when each specimen was collected. The challenger data set as a whole is a fantastic resource for any scientist wanting to study climate change and ocean acidification. Without these specimens and data sets such as Challenger, we don't have any kind of benchmark as to how the ocean looked and the conditions there 150 years ago. We can't go back in time and collect again.”
VO 5 Morgenroth VOICEOVER WEIBLICH:
Die Fundstücke der Challenger kommen mit sehr vielen Daten. Wir wissen beispielsweise genau, wie warm das Wasser an der Oberfläche und in tieferen Regionen war, als sie herausgefischt wurden. Die Daten der Challenger-Expedtion sind eine fantastische Quelle für jeden Forscher, der sich mit dem Klimawandel beschäftigt oder mit der Meeresversauerung. Ohne solche historischen Ergebnisse hätten wir keine Referenzwerte darüber, wie der Ozean vor 150 Jahren ausgesehen hat. Wir können ja nicht in die Zeit zurück reisen und nochmal sammeln.
SPRECHERIN
Die Briefe von Rudolf von Willemoes-Suhm zeigen aber noch etwas anderes – sie zeigen ein britisches Empire im Zenit seiner Macht. Zwar sind in den europäischen Kolonien die ersten Sklaven bereits befreit, aber deren Situation ist größtenteils erbärmlich. Tausende entwurzelter Menschen, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen. Auch dem deutschen Zoologen, einem typischen Adeligen seiner Zeit, fällt das auf.
Einen direkten Zusammenhang zur europäischen Kolonialherrschaft sieht er allerdings nicht. Er beschreibt die Situation der Sklaven auf den Kapverden, portugiesischem Gebiet:
ZITATOR 1
Nach dem portugiesischen Liberationsgesetz werden sie allmählich frei – eine zweifelhafte Wohlthat – da sie sich dann völlig dem Nichtsthun hingeben.
SPRECHERIN
Nur manchmal scheint in seinen Briefen auf, dass ihm sehr wohl bewusst ist, was passiert, wenn die Europäer von einer Gegend Besitz ergreifen. So zum Beispiel als er in einem Brief an seinen Professor von einem Treffen mit einem lokalen König, König Georg auf der Insel Tonga, nahe der Fidschi-Inseln schreibt:
ZITATOR 1
Für alle Seefahrer ist Tonga ein schöner Haltepunkt; möge es noch lange so bleiben und möge König Georg einen Nachfolger finden, der die nationale Unabhängigkeit wahrt und die schwere Kunst versteht, sein Volk nicht zu schnell zu zivilisieren. Nur so wird die auf allen Inseln vor sich gehende Entvölkerung wenigstens verlangsamt werden.
MUSIK „Leaving Peru“, Eric Serra
TC 10:58 – Über Brasilien und Südafrika nach Australien
SPRECHERIN
Nach der Karibik fährt die Challenger für einen kurzen Abstecher nach Halifax, Kanada um von dort dann über den Äquator zu segeln und Brasilien anzusteuern, beziehungsweise Bahia, heute ein Landesteil Brasiliens. Hier geht die ganze Mannschaft für einige Zeit von Bord. Rudolf von Willemoes-Suhm erkundet den Rand des Regenwaldes.
ATMO Tropen/Frösche beginnt unter dem nachfolgenden Zitat
ZITATOR 1
H.M.S. Challenger, 3. Oktober 1873. Liebe Mutter! Der Aufenthalt in Bahia war der schönste, den wir bisher gehabt. ... Bei Einbruch der Dunkelheit erhob sich ein infernalisches Concert von Fröschen und Kröten, gegen die unsere einheimischen Frösche liebliche Töne ausstossen. – Feuerkäfer, zolllange Johanniswürmchen durchschwirren die Luft, hier mit verdoppelter Macht leuchtend.
ATMO und MUSIK enden unter dem nachfolgenden Text
SPRECHERIN
In Bahia bleibt die Challenger fast einen Monat. Doch an Land ist es nicht langweilig – die Offiziere und Wissenschaftler sind regelmäßig zu Empfängen, Abendessen oder Festen eingeladen, die Funde der letzten Wochen auf See werden weiter bearbeitet, Briefe und Forschungsberichte geschrieben.
ATMO Meer/Segelschiff
SPRECHERIN
Am 8. Oktober 1873 geht es wieder hinaus auf See. Ziel: das Kap der guten Hoffnung. Südafrika. Von dort aus geht es bis ins Polarmeer, auf der Suche nach dem großen Südkontinent, der legendären Terra australis. Seit der Antike spekulieren manche Gelehrte, dass alle Weltmeere von einer gigantischen Landmasse umgeben seien – so wie das Mittelmeer im Keinen. Die Challenger findet nichts. Immerhin: Beeindruckende Eisberge kreuzen am 1. März 1874 das Segelschiff.
MUSIK „Glassy“, Anselm Kreuzer/Andreas Suttner
ZITATOR 1
Bald gleichen sie flachen, einförmigen Eissohlen, bald herrlichen Burgen mit Thürmen und Zinnen, Erkern und Schiessscharten. In ihren Höhlen, in die die See brausend hineinfährt, spiegelt sich das herrlichste Blau, und alle Schattierungen von Grün und Blau sieht man in ihren bald grösseren, bald kleineren Rissen und Löchern.
MUSIK endet unter dem nachfolgenden Text
SPRECHERIN
Wochenlang fährt die Challenger von Kapstadt bis nach Melbourne in Australien. Weiterhin wird gefischt, der Meeresboden und das Wasser untersucht, je nachdem, ob die Winde günstig stehen. So langsam haben die Passagiere genug, schreibt Rudolf von Willemoes-Suhm:
ATMO endet
ZITATOR 1
14. März 1874. 41. Breitengrad. 340 Meilen südlich von Australien. Vorgestern ist unser letztes Schaf geschlachtet, Kartoffeln giebt es schon lange nicht mehr, aber das Essen ist im Ganzen nicht schlecht zu nennen, wenn ich auch gerne für einen Laib holsteinischen Schwarzbrodes 1/2 Dollar bezahlte. Wir sind nun des Lebens an Bord herzlich satt und freuen uns gewaltig auf die Veränderung der Scenerie, die wohl in drei Tagen erfolgen wird.
MUSIK „Do you like this place“, Eric Serra beginnt unter dem nachfolg. Text
SPRECHERIN
Und tatsächlich – drei Tage später fährt die Challenger im Hafen von Melbourne ein. Rudolf von Willemoes-Suhm genießt die Zeit in Australien, zurück in der Zivilisation. Er besucht das Museum von Sydney und staunt über Fossilien, die Ähnlichkeit mit merkwürdigen Fischen haben, die in Queensland gefunden wurden. Man darf nicht vergessen, erst gut 25 Jahre vorher hat Charles Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlicht.
MUSIK freistehend / ATMO Meer
TC 14:30 – Am tiefsten Punkt im Meer
SPRECHERIN
Nach Australien geht es über Neuseeland, wo auch wieder die Meerestiefe für die Tiefseekabel bestimmt wird, weiter bis zu den Fidschi-Inseln. Vor allem die Erkenntnisse aus der Tiefsee waren damals sensationell, sagt Gerold Wefer von der Universität Bremen, denn von dem, was da unten leben sollte …
ATMO endet / MUSIK endet unter dem nachfolgenden O-Ton
ZSP. 6 WEFER
„Da gab es natürlich wilde Vorstellungen. Aber diese Expedition hat ja auch sehr viele Bodenproben, unten an den Loten hatte man so eine Einrichtung, dass auch Sedimente mit hoch gebracht wurden. Und da hat man gesehen, dass sehr viele Bereiche von so einem braunem Kalkschlamm bedeckt sind. Was auch ein Hinweis darauf ist, dass es dort Sauerstoff gibt und dass man das so, nehmen mal an in 3.000, 4.000 Meter Wassertiefe, dieser braune Schlamm, das ist ein Kalkschlamm und man hat dann noch im Mikroskop gesehen, dass es da sehr viele Reste von Organismen gibt, Foraminiferen zum Beispiel, das sind so Einzeller, die ein wunderschönes Gehäuse bilden.“
SPRECHERIN
Ende des Jahres, am 17. November 1874, erreicht die H.M.S. Challenger die britische Kolonie Hongkong.
ZITATOR 1
Wir sind in China! Was für eine tolle Scenerie! Rund um das Schiff Djunken sonder Zahl; im Schiff Chinoiserien aller Art, Waschkerle, Curiositätenhändler, Portraitmaler, Schneider etc.; alle mit langen Schwänzen.
SPRECHERIN
Hongkong ist ein internationaler Treffpunkt, hier finden sich Europäer, Chinesen, Händler, Kriegsschiffe und Beamte. Rudolf von Willemoes-Suhm ist mittlerweile ein erfahrener Forschungsreisender, und die Arbeit wird immer anspruchsvoller, wie er am 2. Februar 1875 an seine Mutter schreibt:
ZITATOR 1
Philippinen. Liebe Mutter! Gerade jetzt sitze ich in der Entzifferung der Embryologie der Pfeilschwanzkrabbe, die zu entziffern mir schon fast gelungen ist und eine der besten Sachen ist, die mir je übertragen wurde, vielleicht die beste.
MUSIK „Ocean drive“, Sabine Zlotos
SPRECHERIN
Kurz darauf lotet die Challenger den bis dahin tiefsten Punkt der Weltmeere, in
8.184 Metern Tiefe – zwischen Guam und Palau. Von dort nehmen sie auch Proben. Heute weiß man, dass diese Stelle im Marianengraben liegt, er ist eine der tiefsten Stellen des Meeres. Der Schiffsingenieur W. J. J. Spry beschreibt den 23. März 1875 folgendermaßen:
ZITATOR 2
In Folge des ungeheueren Druckes, welcher in dieser bedeutenden Tiefe auf den Thermometern lastete … waren fast alle Instrumente zerbrochen; nur eines hatte den colossalen Druck überstanden … wir machten dann noch drei weitere Versuche, um die Temperatur in dieser grossen Tiefe zu bestimmen, doch holten wir die Instrumente jedes Mal in beschädigtem Zustande wieder an Bord.
MUSIK endet / MUSIK „The third dive“, Eric Serra
SPRECHERIN
Gemessen wurde am Ende: rund zwei Grad am Meeresboden, knapp 28 Grad an der Wasseroberfläche.
MUSIK kurz freistehend
ATMO Meer beginnt unter dem Ende des nachfolgenden Textes
TC 17:28 – Bis zum Ende der Welt und viel weiter
SPRECHERIN
Nach Hongkong geht es weiter bis Japan und Hawaii. Der sonst so zähe Rudolf von Willemoes-Suhm fängt sich auf See eine Infektion ein. Geschwüre im Gesicht, im Nachhinein vermutet man, dass er eine bakterielle Streptokokken-Infektion hatte, die damals leicht tödlich ausgehen konnte, Antibiotika gab es noch nicht. Am
13. September 1875, acht Monate vor Ende der Forschungsreise, stirbt der Zoologe an Bord der Challenger, 380 Seemeilen vor Tahiti, mitten im Pazifischen Ozean.
MUSIK endet / ATMO Meer kurz freistehend
SPRECHERIN
Anscheinend hatte sich der deutsche Zoologe auf der langen Fahrt mit dem Chemiker Young Buchanan angefreundet. Er schreibt später einen Brief an Willemoes-Suhms Mutter:
ATMO endet
ZITATOR 2
Mit ihm habe ich meinen besten Freund hier an Bord verloren. Selbst Monate später kann der Verlust, den die Expedition damit erlitten hat, noch nicht ganz erfasst werden.
Hätte er nur ein paar Jahre länger gelebt, er hätte zweifellos die Reihe der Deutschen, die ihr Land in der Wissenschaft berühmt gemacht haben, angeführt. Wie dem auch sei – keiner seines Alters hat so ein unauslöschliches Zeichen in der Wissenschaft der Zoologie hinterlassen.
MUSIK „Intricate motion red“
SPRECHERIN
Die Forschungsreise wird fortgesetzt – es wird weiter das Schleppnetz ausgeworfen, der Fang dokumentiert, das Wasser untersucht. Noch ist die Heimat weit. Es geht nach Chile, dann über die Magellanstraße wieder Richtung Norden, der Schiffsingenieur W. J. J. Spry dokumentiert weiter die Reise:
ZITATOR 2
Der 13. März 1876 hatte für uns eine besondere Bedeutung, denn an diesem Tage kreuzten wir den Kurs, welchen wir zwei und ein halbes Jahr vorher auf der Fahrt von Bahia nach dem Cap der guten Hoffnung genommen hatten. Die Umseglung der Erde war also vollendet und der grösste Theil der Reise erfolgreich zurückgelegt.
SPRECHERIN
Diesem Urteil schließt sich heute auch der Meeresgeologe Gerold Wefer an:
MUSIK endet unter dem nachfolgenden O-Ton
ZSP. 7 WEFER
„Es ging ja auch um Fragen: Wie ist das Leben auf der Erde entstanden. Was sind die Grenzen des Lebens. Und das war ja nicht nur diese Expedition, sondern die ganze Zeit war ja geprägt von so einem Aufbruch Wissenschaft zu entwickeln, mehr über die Erde und auch andere Phänomene zu erfahren und da ist das eine ganz wichtige Expedition, die Standards gesetzt hat, die Beispiele gegeben hat, wie man es machen soll und muss. Und da folgten dann andere und die haben darauf aufgebaut.“
SPRECHERIN
Zum sechsten und letzten Mal überquert die H.M.S. Challenger den Äquator, am
16. April 1876 erreicht sie die Kapverden. Fast zu Hause.
MUSIK „The seagull“, J. Söderqvist, beginnt unter dem nachfolgenden Zitat
ZITATOR 2
(Am Morgen des 24. Mai) sahen wir, als wir zwischen unzähligen auswärts und heimwärts bestimmten Schiffen hindurch in den Canal segelten, zum ersten Mal wieder die englische Küste durch den leichten Nebel schimmern. Noch ein paar Stunden dampften wir … dann waren wir in Portsmouth und ankerten nun, am Abend des 24. Mai, nach einer Abwesenheit von drei und einem halben Jahr wieder in englischen Gewässern.
SPRECHERIN
Die Challenger hatte rund 130.000 Kilometer zurückgelegt, alle Weltmeere befahren und vermessen. 20 Jahre dauerte es, die Ergebnisse auszuwerten. Bis heute kann man Ausstellungsstücke in Museen in ganz Europa bewundern. Ein letztes Wort des Bordingenieurs W. J. J. Spry:
ZITATOR 2
Endlich war der letzte Tag, der 12. Juni, herangekommen, wo alle unsere innigen Beziehungen zueinander getrennt wurden, wo Jeder der Mannschaft der „Challenger“ seinen Weg ging, um unter Freunden und Verwandten der trauten Heimath stilleres Glück zu finden.
MUSIK endet
TC 21:33 – Outro
Vaka Moana, so nannten die Polynesier ihre hochseetüchtigen Segelkanus. Mit ihnen eroberten sie vor 5000 Jahren den Pazifik, das größte Meer der Welt, und begründeten eine maritime Inselkultur, die sich über ein Drittel der Erdoberfläche ausbreitete. Ihre Navigationskunst ist weitgehend in Vergessenheit geraten - bis vor einigen Jahren in einem aufwändigen Projekt originalgetreue Repliken der traditionellen Vakas gebaut wurden, gesteuert nach traditioneller Navigationskunst. Die Vaka-Flotille durchkreuzte den Pazifik auf den alten Reiserouten der Polynesier und warb auf den Inseln für die Wiederbelebung der Segelkunst. Autor: Ulli Weissbach (BR 2014)
Credits
Autor dieser Folge: Ulli Weissbach
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Axel Wostry, Detlef Kügow
Technik: Cordula Wanschura, Michael Zöllner
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Deutschlandfunk (2023): Der Himmel der Maori
Welche astronomischen Kenntnisse die neuseeländischen Indigenen hatten, lässt sich leider nicht mehr genau sagen. Klar ist: Der Himmelsanblick am frühen Morgen spielte eine große Rolle:
Pazifik-Navigation via Sterne - Der Himmel der Maori (deutschlandfunk.de)
Planet Wissen (2023): Wie die Maori nach Neuseeland kamen
Tausende von Kilometern fuhren polynesische Seefahrer in kleinen Segelkanus, den sogenannten Wakas, über den damals noch unbekannten Pazifik und besiedelten neue Welten wie zum Beispiel Neuseeland – und das schon lange bevor Christoph Kolumbus auf Entdeckungsreise ging. Die Nachfahren der Polynesier auf Neuseeland sind die Maori. Sie halten die seefahrerischen Leistungen ihrer Vorfahren in Erinnerung und lehren noch heute die traditionelle Navigation:
Wie die Maori nach Neuseeland kamen - Planet Wissen - Sendungen A-Z - Video - Mediathek - WDR (planet-wissen.de)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:45 – Ohne Navi, Karte und Kompass
TC 06:13 – Ein Boot wie eine Nussschale?
TC 08:25 – Vorbildliche Überlebensstrategien
TC 11:19 – Die Maori auf den Spuren ihrer Vorfahren
TC 14:46 – Die Bedeutung der Vakas
TC 18:53 – Wie eine Reise ins Weltall
TC 21:59 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
ERZÄHLER
"Te Vaka" heisst dieser Song der gleichnamigen polynesischen Popgruppe. Te Vaka ist in der Sprache der Polynesier: "Das Boot" - der Inbegriff ihrer maritimen Kultur. Mit ihren "Vaka Moana", hochseetüchtigen Segelkanus, besiedelten sie tausende von Inseln im Pazifik, dem größten Meer der Welt, das fast ein Drittel der Erdoberfläche einnimmt. Sie begründeten damit eine maritime Kultur, deren Ausdehnung durch das sogenannte "Polynesische Dreieck" markiert wird. (MUSIK: priv. CD: „Safe House“ aus „Safe House“ [ ]) Seine Eckpunkte sind Hawaii im Nordpazifik, Neuseeland im Südwestpazifik und die Osterinsel im Südostpazifik. Es umschließt eine Meeresfläche von 50 Millionen Quadratkilometern, fünfmal so groß wie Europa (MUSIK ENDE). Dabei ist Polynesien kein Staat, sondern nur ein Sammelbegriff für verschiedene indigene Völker im Pazifik mit gemeinsamer kultureller und ethnischer Herkunft. ((So wie die Indianer Nord- und Südamerikas einer gemeinsamen Kultur entstammen oder die Araber des Nahen und Mittleren Ostens.)) Und doch ist die Besiedelung Polynesiens einmalig in der Geschichte der Menschheit. Einmalig in ihren geografischen Dimensionen und in ihrer seefahrtstechnischen Leistung. (MUSIK: Z9508055 108 [01’10’’])
TC 01:45 – Ohne Navi, Karte und Kompass
Die große maritime Völkerwanderung der Polynesier begann vor rund 4.000 Jahren. Sie kamen aus Südost-Asien und waren auf der Suche nach neuem Lebensraum - vermutlich wegen Übervölkerung oder Hungersnöten in ihrer Heimat. Bis Christi Geburt waren sie vom Westen Asiens nach Osten, ins Zentrum des Pazifiks vorgestoßen und hatten die Fidschi-, Tonga- und Samoainseln besiedelt. Es folgten weitere Vorstöße nach Tahiti, Hawaii und zur Osterinsel. Mit der Besiedelung Neuseelands vor 800 Jahren war das polynesische Dreieck komplett: ein Inselreich grösser als Europa.
Wie haben die Polynesier das vollbracht mit ihren hölzernen Nussschalen, ohne Kompass und Sextant? Mehr als tausend Jahre bevor sich die ersten Europäer, wie der portugiesische Weltumsegler Ferdinand Magellan oder der englische Captain James Cook in den Pazifik vorwagten? Waren sie Hasardeure, die einfach aufs offene Meer hinaussegelten, ohne zu wissen, ob da Land war? Oder Fischer, die von der Küste abgetrieben wurden und nach langer Odyssee auf den Inseln des Pazifiks landeten. Zufällige oder absichtliche Besiedelung - über diese Frage haben Anthropologen und Historiker lange gerätselt und debattiert. Der neuseeländische Anthropologe Professor Geoffrey Irwin vertritt den neuesten Stand der Forschung und ist sich ziemlich sicher:
O-Ton Geoffrey Irwin
The first explorers had no maps...
Overvoice
Die ersten Kundschafter hatten keine Karten, sie hatten keine Navigationsinstrumente. Einfach aufs offene Meer hinauszusegeln war also äußerst gefährlich. Um auf der sicheren Seite zu sein, mussten sie auch wieder zurückkehren können. Ich glaube, es war Erkundung und Rückkehr. Nicht selbstmörderische Reisen ins Unbekannte. Sie kannten die Winde, sie konnten gegen die vorherrschenden Winde hinaus segeln und dann wieder mit ihnen zurückkehren. Sie kannten ihren Himmel, sie kannten die Sterne über ihren eigenen Inseln. Und wenn sie zurückkamen, unter ihren eigenen Sternen, ihrem eigenen Himmel, konnten sie ihre eigene Insel finden und sicher sein.
...they could intercept their own island and be safe.
ERZÄHLER
Mit der Sicherheit des Zurückkehrens im Hinterkopf, segelten die ersten Kundschafter der Polynesier also hinaus in die Weiten des Pazifiks. In der Hoffnung, auf Land oder zumindest Inseln zu stoßen. Ganz so wahl- oder ziellos waren ihre Entdeckungsfahrten aber nicht. Sie vermuteten wohl, dass neues Land irgendwo im Osten liegen musste, also im offenen Meer jenseits ihrer Position am Westrand des Pazifiks. Sie kannten also die Himmelsrichtungen, aber wie haben sie navigiert?
O-Ton Geoffrey Irwin
They had no compasses...
Overvoice
Sie hatten keinen Kompass, aber sie konnten einen Kurs steuern. In der Nacht nutzten sie die Sterne nahe am Horizont und bei Tag die Dünung. Im Meer gibt es ja ständig Dünung und Wellen, wobei die Wellen von lokalen Winden stammen. Aber im Prinzip haben sie mit Hilfe von Sternen und Dünungen navigiert.
...steered by the stars and by the swells.
ERZÄHLER
Die Dünung, auch Seegang genannt, mag oberflächlich betrachtet überall gleich aussehen und ist für das geübte Auge doch charakteristisch für bestimmte Meeresregionen. Sie hängt ab von der Kontur des Meeresbodens, von Strömungen und der Ausdehnung des Meeres. Die Dünung ist quasi die unterschwellige Atmung des Meeres, während die weit kürzeren Wellen nur vom Wind aufgepeitscht werden. Die Polynesier waren als maritimes Naturvolk so mit dem Meer und seinen vielfältigen Erscheinungen vertraut, dass sie mit einer Art siebtem Sinn ahnen konnten, wo Inseln sein mussten.
O-Ton Geoffrey Irwin
One of the things they could do...
Overvoice
Sie konnten zum Beispiel ein Ziel erweitern. Wenn sie sich einer Inselgruppe näherten, war das ein zusammenhängendes Ziel, von Insel zu Insel. Sie konnten Land aus 30 Meilen Entfernung ausmachen, ohne es zu sehen. Sie schauten sich die Wolken an und wie die Dünung sich änderte, wenn sie auf Land traf. Und vor allem haben sie den Himmel nach Vögeln abgesucht. Vögel, die an Land nisten und auf dem Meer nach Nahrung suchen. Je nach Vogelart fliegen sie eine bestimmte Strecke aufs Meer hinaus. Das heißt, sie mussten nur in eine bestimmte Entfernung zum Land kommen, um es über den Horizont hinaus wahrzunehmen.
...detect it over the horizon.
MUSIK: priv. CD: “Don’t Kill Innocent People” aus “Safe House” (00’40’’)
TC 06:13 – Ein Boot wie eine Nussschale?
ERZÄHLER
Originale polynesische Vakas, wie man sie heute noch in den Pazifiksammlungen deutscher Völkerkundemuseen sehen kann, waren ausschließlich aus natürlichen Stoffen gebaut. Der Rumpf wurde aus einem Baumstamm geschnitzt. Das Tauwerk bestand aus Kokosfasern. Und die Segel wurden aus den Blättern des Pandanusbaumes geflochten. Durch ihre hochflexible Bauweise widerstanden die Vakas den Unbilden der hohen See. Für lange Seereisen wurde Proviant mitgenommen, Kokosnüsse dienten als Trinkwasservorrat. Unterwegs waren die Seefahrer auf Fischfang und Regenwasser angewiesen - und das Auftauchen einer (MUSIK ENDE). Ihre Entdeckungen hielten die Polynesier auf sogenannten “Stabkarten” fest. Sie bestehen aus den Rippen von Palmblättern, die mit Kokosfasern zu einer Art Gitter zusammengeflochten sind. Die sich kreuzenden Rippen stehen für vorherrschende Meeresströmungen und Windrichtungen. An ihnen befestigte kleine Muscheln markierten die Positionen von Inseln. Die Navigatoren, die in der polynesischen Kultur den vergleichbaren Rang von Hohepriestern oder Medizinmännern in anderen Kulturen hatten, benutzten solche Stabkarten als Unterrichtsmittel. Für Geoffrey Irwin waren sie die wahrscheinlich ersten Seekarten der Menschheit, allerdings nicht für die Reise gedacht, sondern zur Vorbereitung.
O-Ton Geoffrey Irwin
I think those things were aids for learning ...
Overvoice
Ich denke das waren eher Lernhilfen für den Unterricht. Die Schüler der Navigatoren mussten die Entfernung und die Lage jeder Insel zur nächsten wissen. Sie mussten das Verhalten der Fische und Wale kennen und natürlich die Strömungen, Winde und Dünungen. Die Stabkarten waren also eine Art Eselsbrücke. Zu dieser Zeit gab es bereits kognitive Karten des Pazifiks. Die Leute wussten schon, wo die Inseln waren. Das war also eine ganz andere Ausgangslage, als die Zeit, in der sie erstmals auf Entdeckungsreise gingen. Denn da wussten sie nicht, wo Land zu finden war. Als sie zum ersten Mal aufbrachen mussten sie strategisch vorgehen und ihr Überleben sichern.
... in terms of survival.
TC 08:25 – Vorbildliche Überlebensstrategien
ERZÄHLER
Die Strategie des Überlebens bestand einmal darin, gegen die vorherrschenden Winde, also nach Osten, zu segeln. Wenn längere Zeit keine Inseln auftauchten, konnte man so wenigstens wieder sicher zum Ausgangsort zurückkehren. Die Segel der polynesischen Vakas waren so gestaltet, dass sie fast gegen den Wind segeln konnten. Eine Technik, die europäische Seefahrer erst sehr viel später entwickelten. Die zweite Überlebensgarantie bestand darin, immer nur von einer Insel zur nächstgelegenen zu segeln und große Überfahrten zu vermeiden. Professor Irwin kann das mit wissenschaftlichen Daten untermauern:
O-Ton Geoffrey Irwin
And what the radio carbon dates say...
Overvoice
Die Radiokarbondatierung sagt uns, dass die Reihenfolge der Besiedelung in der Reihenfolge der Sicherheit erfolgte. Und die Inseln, deren Erreichen am riskantesten war, wurden zuletzt besiedelt. Neuseeland und die Chatham Islands waren die allerletzten Ziele, weil sie so gefährlich weit weg waren.
...dangerous place to go to.
MUSIK: Z9499303 101 (00’40’’)
ERZÄHLER
Die Radiokarbondatierung wurde eingesetzt, um die Spur der Polynesier mithilfe archäologischer Funde zu verfolgen. 1908 fand der deutsche Pater Otto Meyer auf einer Insel im heutigen Papua-Neuguinea verzierte Tonscherben. Die Ornamente waren keiner bis dahin bekannten Kultur zuzuschreiben und so nannte man sie nach ihrem Fundort "Lapita". Später fand man auch auf Inseln weiter im Osten Lapita-Scherben, wie z.B. in Vanuatu, Neukaledonien, Fidschi und Tonga. Damit war die Hypothese des norwegischen Anthropologen Thor Heyerdahl, nach der die Polynesier von Südamerika aus, also von Osten, den Pazifik besiedelt hätten, endgültig widerlegt. Die Spur der Lapita-Scherben führt eindeutig von West nach Ost (MUSIK ENDE). Die ersten pazifischen Seefahrer hatten kleine wendige und schnelle Vakas, die von zwei bis drei Personen gesegelt wurden, später auch große Reisekanus, auf denen ganze Großfamilien mit ihrem Hausrat unterwegs waren. Die kleinen Kanus waren die Kundschafter, die großen dienten der Völkerwanderung.
O-Ton Geoffrey Irwin
I think what's quite likely...
Overvoice
Wahrscheinlich sind die Kundschafter zuerst aufgebrochen. Das Land wurde zuerst entdeckt bevor die Migranten folgten. Der Pazifik ist eine riesige Wasserfläche und man wollte sicher nicht mit Männern und Frauen und Kindern, mit Schweinen, Hunden und Hühnern, Kokosnüssen und Pflanzen ins Ungewisse hinaussegeln. Erkundung und Entdeckung kamen zuerst und dann erst die Kolonisierung. Und wenn die Kolonisatoren segelten, dann direkt dahin, wo sie wussten, dass da Land zu finden war.
...land was to be found.
ATMO Maori-Sprechgesang
TC 11:19 – Die Maori auf den Spuren ihrer Vorfahren
ERZÄHLER
Eine Meeresbucht im hohen Norden Neuseelands. Tätowierte junge Männer blasen in Muschelhörner und skandieren mit den Frauen uralte Sprechgesänge - das Begrüßungsritual der Polynesier für heimkehrende Vakas (MUSIK: priv. CD: “Be Better Than Me” aus „Safe House“ [00’50’’]). Zwei Segel sind am Horizont aufgetaucht und steuern auf die Bucht zu. Sie gehören zu einer ganzen Flottille nachgebauter Vakas, die die Entdeckungsreisen der alten Polynesier nachvollzogen haben. Das Projekt, das von der deutschen Meeres-Stiftung OKEANOS finanziert wird, soll die lange vergessene Tradition der polynesischen Seefahrtkunst wiederbeleben. Die Besatzungen der Boote stammen fast ausschließlich von den Pazifikinseln und wurden von den alten Meistern der Navigation ausgebildet. Ihre Replika-Vakas sind aus modernen Verbundfaserstoffen gebaut und mit Solarzellen und neuesten Navigationsmitteln ausgestattet. GPS und Radar sind aber nur für den Notfall gedacht. Die jungen Seeleute setzen ihren ganzen Stolz daran, sich nur auf die Navigationskunst ihrer Vorväter zu verlassen (MUSIK ENDE). Dieter Paulmann, der Gründer der Stiftung Okeanos, will mit seinem Projekt den Pazifikinsulanern nicht nur ihre alte Kunst des Hochseesegelns zurückgeben, sondern sie damit auch mobiler und unabhängiger machen.
O-Ton Dieter Paulmann
Wie kann man diese wunderbare Navigation und Seemannskunst verbinden mit modernen Segeltechniken und Antrieben? Und wir sind darauf gekommen, dass wir diese alten Boote nachbauen, lokal, genau in der Art, ohne Nägel ohne alles, also mit Lashings, also mit Verknüpfung von Seilen, wie man das früher hatte. Und diese aber mit Solarantrieb versehen, mit Solarmodulen und Elektromotoren und damit unabhängiger vom Wind machen und damit zu einem wirklich einsatzfähigen Transportmittel zwischen den Inseln. Für Fischerei, Transport von Passagieren und Fracht und aber auch die Überwindung von großer Entfernung.
ERZÄHLER
Dieter Paulmanns Stiftung Okeanos hat sieben solche modernen Vaka-Repliken bauen lassen und sie in den vergangenen zwei Jahren auf Expeditionen durch den Pazifik geschickt. Auf den Routen ihrer Vorfahren konnten die jungen Navigatoren sich selbst und anderen beweisen, dass die Navigationskunst der alten Polynesier noch immer funktioniert.
O-Ton Dieter Paulmann
Sie waren die absoluten Meister in der Seefahrt, vor tausend Jahren, mit Booten, die gegen den Wind segelten, mit einer Navigation, die ihnen ermöglichte, über tausende von Meilen kleine Inseln im Ozean zu finden. Eine unglaubliche Meisterschaft, die sie dann natürlich nach dem Eintreffen europäischer Segelschiffe, dem Eintreffen von Dampfmaschinen und später dann auch öl- und benzinbetriebenen Motoren verloren haben. Weil es praktisch viel einfacher war, die europäischen Antriebe zu benutzen. Und heute, da die Treibstoffe so teuer werden und damit die Fortsetzung der Fischerei, des Transportes aus Kostengründen fast unmöglich machen, besinnen sie sich wieder. Indem sie das Beste aus ihrer Tradition, nämlich diesen Schiffsbau und die Navigation nehmen, aber mit modernen Antrieben der Solartechnik verbinden. Und das scheint mir die Zukunft zu sein: Das Beste aus der Vergangenheit mit dem Besten der Zukunft.
MUSIK: 9499303 101 (00’50’’)
TC 14:46 – Die Bedeutung der Vakas
ERZÄHLER
Die Bucht, an der die beiden Vakas anlegen, ist ein heiliger Ort der Maori.
Auf einem Hügel bilden rot angestrichene Götzenfiguren einen Kreis mit etwa hundert Metern Durchmesser. Es ist ein altertümlicher Kompass, eine Art polynesisches Stonehenge. Der Götzenkreis gehört zu einer Schule für Navigatoren, in der die überlieferte Kunst der polynesischen Navigation gelehrt wird. Die 32 Götzenfiguren markieren 32 Sektoren im Kreis. Mit ihnen lernen die Schüler, den Horizont in gleiche Abschnitte einzuteilen. Das hilft ihnen, auch auf See die Richtung zu bestimmen. Die Schüler auf den beiden Vakas waren weit weg, sehr weit. Von Neuseeland sind sie zur Osterinsel gesegelt, ans andere Ende des polynesischen Dreiecks. Dann über Tahiti und die Cook-Inseln wieder zurück nach Neuseeland. 15.000 Kilometer auf den Spuren ihrer Ahnen.
MUSIK: CD93696 009 (00’20’’)
ERZÄHLER
Piripi Smith hat sein Vaka zur Osterinsel gesteuert und kehrt mit stolzgeschwellter Brust zurück. Nicht nur, weil er diese 7.000 Kilometer entfernte Insel ohne Navigationsinstrument gefunden hat - nur mit dem Wissen seiner Ahnen. Sondern auch weil ihn diese Leistung mit Stolz auf seine Herkunft und Kultur erfüllt.
MUSIK ENDE
O-Ton Piripi Smith
Vakas mean everything for Maori...
Overvoice
Vakas bedeuten alles für uns Maori. Weil wir mit ihnen hierhergekommen sind, nach Aotearoa, das heißt: Neuseeland. So haben sich die Polynesier über den Pazifik ausgebreitet, mit Vakas. Der Vaka ist der Link, er verbindet die Leute von Insel zu Insel. Zum Beispiel: Die Vakas Takitimu und Tainui kamen vor 26 Generationen hier an. Also ist jeder mit einem bestimmten Vaka verbunden. Die Leute können feststellen, ob sie mit dir verwandt sind, wenn sie sagen können: Meine Vorfahren kamen auf dem gleichen Vaka.
...ancestors came on the same vaka.
MUSIK: priv. CD: „Don’t Kill Innocent People“ aus „Safe House“ (00’50’’)
ERZÄHLER
Es waren sieben Kanus, die Neuseeland vor rund 800 Jahren besiedelten. Sie kamen von den Cook-Inseln, über 3.000 Kilometer nordöstlich von Neuseeland. Dazwischen liegen keine Inseln. Also muss die Überfahrt außerordentlich entbehrungsreich gewesen sein. Die Menschen auf den sieben Kanus müssen am Ende ihrer Kräfte gewesen sein, als sie Aotearoa, das "Land der großen weißen Wolke" am Horizont auftauchen sahen. Jedes der sieben Kanus hatte einen Namen, aus denen sich dann die Namen der sieben Maoristämme Neuseelands ableiten. So wie der mittelalterliche Ritter von einer bestimmten Burg kam, die er im Namen trug, so identifiziert sich der Maori mit dem Kanu seiner Vorfahren. Für den Steuermann Piripi war die Fahrt zur Osterinsel wahrscheinlich das größte Erlebnis seines noch jungen Lebens.
MUSIK ENDE
O-Ton Piripi Smith
Yeah, totally...
Overvoice
Ja, total! Wenn du rausfährst, verändert das alles. Wenn du zuhause bist, dann schaust du Fernsehen oder liest die Zeitung. Aber das einzige, was du als Seefahrer siehst, ist der Himmel und das Meer. Auf die zwei Dinge konzentrierst du dich den ganzen Tag. Und plötzlich siehst du Dinge, die du nie sehen würdest.
...this type of lifestyle.
ERZÄHLER
Für Piripi war die Reise nicht nur eine Wiedervereinigung mit seinen Vorfahren, sondern auch mit deren Natur und Umwelt. Ein fast spirituelles Erlebnis.
O-Ton Piripi Smith
You can see ...
Overvoice
Du siehst, dass in diesen vergangenen Zeiten die Umwelt alles bedeutete für meine Vorfahren. Sie studierten sie, sie waren Experten in allem. Sie haben wirklich alles Wissen aufgesogen und das Beste war: sie haben es von Generation zu Generation weitergegeben. Und nach mehreren tausend Jahren hast du immer noch Experten über Experten, die dieses Wissen weitergeben. Und du bist auch definitiv mehr mit der Natur verbunden. Die Dinge die du da draußen siehst: Wale, Haie, Vögel ... nach einer Weile hast du das Gefühl, als ob der Geist des Meeres zu dir spricht.
...like it's talking to you.
TC 18:53 – Wie eine Reise ins Weltall
ERZÄHLER
Die Besiedelung des Pazifiks durch die Polynesier gilt als eine der größten seefahrerischen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Sie kann nur verglichen werden, mit einer fiktiven Reise von Raumfahrern, die von einer überbevölkerten und unbewohnbar gewordenen Erde ins unendlich weite Weltall aufbrechen, auf der Suche nach bewohnbaren Planeten. Der Anthropologe Geoffrey Irwine findet den Vergleich gar nicht so weit hergeholt.
O-Ton Geoffrey Irwin
You can have as many people in a canoe...
Overvoice
Man kann so viel Leute in einem Kanu haben wie in einem Raumschiff. Sie reisen weit und sie reisen schnell. Sie nehmen ihre Wirtschaft und ihre Technologie mit sich. Und wenn sie angekommen sind, das haben die Polynesier gezeigt, können sie auch überleben.
...they can survive.
MUSIK: CD93696 009 (00’40’’)
ERZÄHLER
Der Song "Te Vaka" wurde von Ope Foa'i komponiert, dem Bandleader der gleichnamigen polynesischen Popgruppe. Ope Foa'i hat ihn seinen seefahrenden Vorfahren gewidmet, die vor rund tausend Jahren auch seine Heimatinseln, die Atollgruppe Tokelau besiedelt hatten. Im Song "Te Vaka" - das Boot - singt er von der Vision, von der diese ersten Seefahrer der Menschheit geleitet waren. Der Text geht etwa so:
Overvoice
Ich, der Leiter dieser Expedition, habe eine Vision: dass gleich hinter dem Horizont ein Ort ist, den wir unsere Heimat nennen werden. So rudert und rudert mit dem Gott von Tokelau. Rudert wie ein Mann.
ERZÄHLER
Und der Refrain:
Overvoice
Land! Land! Wir sind angekommen.
Land voraus, schaut, unser Land steigt auf.
MUSIK: priv. CD: „Be Better Than Me“ aus „Safe House“ (00’50’’)
ERZÄHLER
Für den Musiker Ope Foa'i steckt eine Menge Emotion in diesem Song:
O-Ton Ope Foa'i
Sometimes I'm in tears...
Overvoice
Manchmal breche ich in Tränen aus, wenn ich mir vorstelle, in so einem Vaka zu sein. Wenn ich versuche, nachzuerleben, was sie erlebt haben, diese Entbehrungen... Wenn man so viele Leute an Bord hat, ganze Familien, Kommunen. Die Verantwortung des Meister-Navigators war so groß. Stellt euch vor, ihr reist von Samoa nach Tahiti, oder von Tahiti nach Hawaii. Da reden wir nicht von 12 Stunden im Flugzeug, sondern von Monaten auf See! Und dann auf so engem Raum zu überleben, das war eine so emotionale Erfahrung.
...emotional experience.
ERZÄHLER
Unerschrocken stießen die Polynesier ins Unbekannte vor - wie Raumfahrer auf der Suche nach neuen Planeten. Auf dem Wasserplaneten Erde machten sie den größten Ozean zu ihrer Heimat.
TC 21:59 - Outro
Wahrheit oder Legende? Über die "Heiligen Drei Könige" erzählt die Bibel, dass sie einem Stern gefolgt sind, der sie zur Krippe von Bethlehem geführt hat. Über die Jahrhunderte hinweg wurde die Geschichte vielfach ausgeschmückt und mit Details angereichert. Mal sind es Magier, mal Sterndeuter, dann wieder Könige. Gab es die Heiligen Drei Könige wirklich? Oder sind sie eine christliche Erfindung? Autorin: Barbara Schneider (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Barbara Schneider
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Andreas Neumann, Hemma Michel, Stefan Wilkening
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Bernhard Kastner
Linktipps:
radioWissen | Die Weihnachtskrippe - Szenerie der Menschwerdung
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radioWissen | Der Stern von Bethlehem - Wegweiser des Himmels
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Barbarossa und die Reliquien der Drei Heiligen Könige
TC 02:33 – Das Markenzeichen Kölns
TC 05:24 – Könige, Magier oder Sternendeuter?
TC 08:12 – Und schließlich Caspar, Melchior und Balthasar
TC 10:59 – Von Wundern und Legenden
TC 13:33 – Das Rätsel um das Himmelsphänomen
TC 17:57 – Eine Geschichte, so alt wie die Zeit
TC 21:34 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Barbarossa und die Reliquien der Drei Heiligen Könige
MUSIK 1: Attack & abductions - Z9462962004 – 24 Sek
SPRECHER
Norditalien im Jahr 1162. Seit Monaten belagern die Truppen von Friedrich Barbarossa Mailand. Der Stauferkaiser will seine Macht in Norditalien ausbauen und den Einfluss des römischen Papsttums zurückdrängen. Und so hat sein Heer die für den Papst strategisch wichtige Metropole umstellt.
ATMO Kriegsgetümmel +
MUSIK 2: Syria - Z8024389102 – 36 Sek
SPRECHER
Die Soldaten brennen die Getreidefelder rund um Mailand nieder. Sie kontrollieren die Handelswege, so dass keine Lebensmittel mehr in die Stadt geliefert werden können. Die Bevölkerung ist dem Hungertod nahe, letztlich bleibt nur die Kapitulation. Mit fatalen Folgen: Barbarossas Heer marschiert in Mailand ein, brennt die Stadtmauern nieder, verwüstet und plündert die Stadt.
01 ZSP BECKER-HUBERTI
Barbarossa ist 1162 runter nach Italien, hat Mailand belagert und erobert.
SPRECHER
Sagt der katholische Theologe Manfred Becker-Huberti. Er forscht zu Brauchtum und Heiligenverehrung im Rheinland.
02 ZSP BECKER-HUBERTI
Und da man in diesen Zeiten keine Honorare oder Gehälter für seine Soldaten bezahlte, hieß es, dass die anschließend die Stadt plündern durften. Und was bei der Plünderung an Sakralem gefunden wurde, das gehört aber dem Feldherrn. Und genau das ist ein Punkt. Man fand nämlich in einer Kirche versteckt Reliquien der Heiligen Drei Könige.
MUSIK 3: Sacrifice - Z8024389119 – 50 Sek
SPRECHERIN
Wie die Reliquien nach Mailand gekommen sind, liegt im Dunkeln. Der Legende nach soll Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, die Gebeine in Palästina um das Jahr 300 entdeckt haben. Für Barbarossa sind die Reliquien ein Glücksfund. Sie helfen ihm dabei, seinen Herrschaftsanspruch gegenüber dem Papst abzusichern. Wer so wertvolle Reliquien besitzt, so das Denken, braucht keinen Papst mehr, sondern seine Herrschaft ist unmittelbar von Gott eingesetzt. Und so bringt sein Kanzler und Vertrauter, der Erzbischof Rainald von Dassel, den kostbaren Fund 1164 nach Köln, was der Stadt bald eine wirtschaftliche und religiöse Blüte beschert.
TC 02:33 – Das Markenzeichen Kölns
03 ZSP BEER
Die Ankunft der Reliquien befördert den Reichtum Kölns und damit sozusagen auch die Voraussetzungen für den Bau der gotischen Kathedrale.
SPRECHER
Manuela Beer ist stellvertretende Direktorin am Museum Schnütgen in Köln. 2014, zur 850-Jahr-Feier der Ankunft der Gebeine in Köln, hat sie eine große Ausstellung zu den Heiligen Drei Königen konzipiert.
04 ZSP BEER
Es kommt ganz viel Geld in die Stadt durch die Pilgerströme, die ziemlich alsbald nach der Ankunft der Reliquien nach Köln ziehen, so dass man auch genötigt war, ein Gehäuse zu schaffen, in dem die Reliquien ansprechend präsentiert werden konnten und den Pilgern die Nähe ermöglicht wurde.
MUSIK 4: Patrick in the spirit –Z9424042002 - 1:05 Min
SPRECHER
Nikolaus von Verdun, einer der berühmtesten Goldschmiedemeister seiner Zeit, erhält den Auftrag, einen eigenen Schrein für die Reliquien anzufertigen. Aus allen Ländern der damals bekannten Welt kommen Pilger nach Köln. Aus Belgien, Holland oder Frankreich. Selbst der englische König Edward III. reist an den Rhein, mit wertvollen Geschenken für die Heiligen Drei Könige im Gepäck. Erzbischof Rainald von Dassel spendiert jedes Jahr ein großes Schauspiel zu Ehren der Drei Könige. Eine große Prozession zieht dabei durch die Stadt, in einer Messe werden die Reliquien verehrt. Die Drei Könige werden bald zum Markenzeichen Kölns, drei Kronen sind bis heute Teil des Stadtwappens. Wer allerdings in dem goldenen, mit Edelsteinen verzierten Schrein tatsächlich liegt, ist unklar.
05 ZSP BECKER-HUBERTI
Vor dem 700 Jahres-Jubiläum hat man 1864. … den Schrein geöffnet und dabei mal in den Schrein etwas genauer hineingeschaut und versucht festzustellen, was ist eigentlich drin? Und festgestellt hat man, da war natürlich sehr viel mehr drin ist als das, was man eigentlich meint. Es sind nicht nur die Gebeine von den sogenannten Drei Königen drin, sondern da sind auch Reliquien von anderen. … Jedenfalls: Man hat nicht geordnete Reliquien gefunden. Man hat drei Gebeine gefunden von Personen unterschiedlichen Alters, die dann als die Heiligen Drei Könige gedeutet wurden. Interessant ist, dass genau diese Reliquien in ganz besondere, kostbare Seiden gehüllt waren; syrischen […] Damast, das ist Luxus, den es in der Zeit des zweiten bis vierten Jahrhunderts gab. Das heißt, offensichtlich sind diese Gebeine uralt, aber näher untersucht wurden sie eigentlich nie.
MUSIK 5: ARD-Labelmusik The Trek – Z8036776105 – 22 Sek
TC 05:24 – Könige, Magier oder Sternendeuter?
SPRECHERIN
Dass es die Drei Heilige Könige so wirklich gegeben hat, ist mehr als fraglich. Belege dafür, dass die Reliquien echt sind, gibt es nicht. Einzige historische Quelle ist das Matthäusevangelium, und das erzählt eine ganz andere Geschichte. Von drei Königen ist in der Bibel an keiner Stelle die Rede.
Musik 6: Crucifixion – Z8021002110 – 30 Sek
ZITATOR (Matthäus 2, 1-2)
Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
06 ZSP PAGANINI
Es kommen auf Griechisch „Magoi ton Anatolion“, also Magier … Das waren in der altorientalischen Tradition so etwas wie Astronomen oder Astrologen. Um sich das etwas besser vorstellen zu können: sie waren so etwas wie Priester, die natürlich durch die Beobachtung der Gestirne versucht haben, den Willen der Götter irgendwie für sich zu erschließen. Und diese Magier kommen aus dem Orient.
SPRECHERIN
Die biblische Erzählung berichtet von Sterndeutern, nicht von Königen oder Herrschern. Dazu werden die Astronomen aus dem Osten erst in Legenden im 6. oder 7. Jahrhundert, sagt Simone Paganini, Professor für Biblische Theologie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Er vermutet dahinter den Versuch, den neugeborenen Jesus in ein würdiges Umfeld zu stellen und gewissermaßen seine Geburt im Stall aufzuwerten. In den ältesten erhaltenen Darstellungen findet sich diese Interpretation jedoch nicht.
07 ZSP BEER
Die frühesten Bilder der Magier, die zur Anbetung des Kindes herbeieilen, sind an der Wende vom dritten zum vierten Jahrhundert entstanden. Und die sehen ganz anders aus wie die Bilder, die wir jetzt sofort im Kopf haben, wenn wir an die Heiligen Drei Könige denken - kostbar gewandelte Herrscherpersönlichkeiten mit den Kronen auf dem Kopf -, sondern es sind mit langem Strumpfhosen bekleidete, mit kurzen Tuniken gegürtete und mit sogenannten phrygischen Mützen auf dem Kopf herbeieilende Männer und diese phrygischen Mützen, die sehen so ein bisschen aus wie so Zipfelmützen oder wie so Nikolausmützen, wie wir uns das vorstellen. Und das war der Darstellungs-Typus, den man aus der Antike genommen hat.
So stellte man die unterworfenen fremdländischen Völker dar, also Orientalen, die sich dem römischen Kaiser unterwarfen.
TC 08:12 – Und schließlich Caspar, Melchior und Balthasar
SPRECHER
Die Christenheit ringt von Anfang an darum, wie sie sich die biblischen Figuren vorstellen soll, sagt die Kunsthistorikerin Manuela Beer. Elfenbeintafeln, Skulpturen, Goldschmiedearbeiten und Gemälde zeigen die Heiligen Drei Könige mal zu Pferd, mal mit Krone auf dem Kopf, mal mit schlichtem Hut, mal mit prächtigem, exotischem Gewand, mal mit einfachem Umhang. Um die biblische Erzählung entstehen zahlreiche Legenden. Manche kennen drei Könige andere sprechen von vier, wieder andere berichten von zwölf Königen, die zur Krippe nach Bethlehem kommen.
SPRECHERIN
Wie viele Personen es letztlich waren, darüber kann heute nur spekuliert werden. Das lässt das Matthäus-Evangelium offen, sagt Ansgar Wucherpfennig, Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.
08 ZSP WUCHERPFENNIG
Die Zahl der Sterndeuter ist nicht angegeben, aber es ist auch möglich, dass Frauen darunter waren, bis zu zehn ist überhaupt kein Problem, dass das eine Gruppe bezeichnet, zu denen auch Frauen gezählt haben können, das ist nicht ausgeschlossen.
MUSIK 8: ARD Labelmusik the trek – 1 Minute
SPRECHERIN
Weil die Magier die drei symbolischen Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe dabeihaben, schlussfolgert der Kirchenvater Origenes schon im dritten Jahrhundert: Es müssen drei Personen gewesen sein. Die Deutung setzt sich durch. Ein paar Jahrhunderte später entwickelt Augustin die Idee, dass die Sternendeuter nicht aus dem Morgenland, sondern aus allen Himmelsrichtungen und von allen damals bekannten Kontinenten kommen. Theologisch will er damit sagen: Die ganze Welt verneigt sich vor dem Kind in der Krippe. Schließlich beginnt man, den Königen Namen zu geben.
MUSIK weiter:
SPRECHER/SPRECHERIN (im Wechsel)
Apellus, Amerus, Damasius
Galgalat, Balthasar, Melchior
Minsuram, Badsiba, Likon
Thaddadia, Melchior, Balytora
Wiscara, Melikona, Walastar
Tanisuram, Mika, Sisisba
Gaspar, Baldesar, Melchion
09 ZSP BECKER-HUBERTI
Irgendwann sind die Namen dann auf Caspar, Melchior und Balthasar festgelegt.… Es kommen drei Altersstufen dazu. Das heißt nun, sie sind unterschiedlich alt. Der Vornehmste ist der Dunkelhäutige und der Jüngste. Und dann ist der Melchior, der Mittelalte, und der Caspar ist der Älteste. Das ist der Europäer, dann hat man, um sie den Kontinenten zuzuordnen Asien, Afrika und Europa mit entsprechenden Reittieren ausgestattet, nämlich dem Dromedar, dem Kamel und dem Pferd.
TC 10:59 – Von Wundern und Legenden
MUSIK 9: Pax in nomine Domini - SC013660116 – 24 Sek
SPRECHER
In der Volksfrömmigkeit spielen die Drei Könige eine wichtige Rolle. In Rouen, Freising, Madrid, Zagreb, Padua oder Neapel entstehen im Mittelalter Prozessionen, bei denen prunkvolle Dreikönigsumzüge durch die Städte ziehen. Am Dreikönigstag wird bei einem großen Festmahl ausgelassen gefeiert.
Musik 10: Secret Agenda – M0010622021 – 32 Sek
Im Mittelalter ist aber auch der Glaube weit verbreitet, dass die Drei Könige magische Kräfte besitzen. Mit Gold, Weihrauch und Myrrhe sollen sich alle möglichen Leiden kurieren lassen. Die Menschen des Mittelalters lösen sogenannte Dreikönigskreide in Wein auf, um damit Krankheiten zu heilen. Sie glauben an die Kraft eines Dreikönigswassers, das Wunder bewirken soll. Und: Die Drei Könige sollen böse Geister fernhalten können.
10 ZSP BECKER-HUBERTI
Was Besonderes dann eben gegolten hat war, dass diese Nacht, die Oberstnacht vom 05. auf den 06., die schlimmste Rauhnacht war, das heißt, die Geister tobten ganz besonders, und man musste dann Haus und Hof ausräuchern. Etwas, was bis zum heutigen Tag ja noch in vielen Gegenden Deutschlands geschieht. Denn dieser Weihrauch, das ist das Parfum Gottes, und das vertragen die Dämonen nicht. Deshalb haben sie keine Chance, dagegen anzukommen. Hinzu kommt, dass man das Zeichen der Dreikönige benutzte, um die Wetterdämonen abzuhalten. Es gab Wetterglocken in vielen Kirchen, die läutete man, … weil man dieses Unwetter auf diese Art und Weise bannen wollte. Wenn man mit der Wetterglocke läutete, musste das Unwetter verschwinden und auf diesen Glocken angebracht war in der Regel auch ein Zeichen der Heiligen Drei Könige, oft ein Wallfahrtszeichen, das man aus Köln mitgebracht hatte. Und diese Belege gibt es quer durch Europa.
MUSIK 11: ARD Labelmusik The Trek – 31 Sek
SPRECHERIN
Die Legendenbildung kennt keine Grenzen. Gleichzeitig haben aber Theologen und Naturwissenschaftler immer wieder versucht, historische Fakten aus der biblischen Erzählung abzuleiten und letztlich auch damit einen Beleg für die historische Existenz der Weisen aus dem Morgenland zu finden. Besonders der Stern von Bethlehem, von dem die biblische Geschichte erzählt, hat dabei zu Theorien und Erklärungsversuchen angeregt.
MUSIK 12: Crucifixion – 33 Sek
TC 13:33 – Das Rätsel um das Himmelsphänomen
ZITATOR (Matthäus 2, 9-11)
Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
11 ZSP BECKER-HUBERTI
Wenn Sie sich heute Krippen anschauen, gemalt, gebastelt, gebaut, dann haben sie meistens einen Stern mit Schweif, der kometenartig aussieht. Wir wissen heute, dass die Geburt Jesu nicht zu dem Zeitpunkt stattgefunden hat, der der Zeitrechnung zugrunde liegt, also im Jahr Null, sondern vier bis sechs Jahre früher, weil es ein Rechenfehler bei der Zusammenstellung der Jahre gegeben hat. Und wenn man dies untersucht und den Himmel untersucht durch die entsprechenden Fachleute, dann stellt man fest, dass es eine Konstellation am Himmel gegeben hat, … die ist unter den entsprechenden Fachleuten der damaligen Zeit gedeutet worden, dass in Juda, im Reich der Juden, ein König neu geboren wird.
MUSIK 13: Secret Agenda – 30 Sek
SPRECHER
Über die Jahrhunderte hinweg haben sich Astronomen und Theologen den Kopf darüber zerbrochen, was es mit dem Himmelsphänomen auf sich hat. War der Stern von Bethlehem ein Komet, wovon schon der Theologe Origenes im dritten Jahrhundert nach Christus spricht? Oder war er eine Supernova, also ein sterbender Stern, der am Nachthimmel explodiert ist?
MUSIK raus
SPRECHERIN
Beide Theorien hält die Astrophysikerin Jana Steuer von der Münchner Volkssternwarte - wie die meisten Astronomen heute - für unwahrscheinlich. Noch eher, sagt sie, kann es sich um eine Planeten-Konjunktion gehandelt haben. Also eine optische Täuschung, bei der sich mehrere Planeten scheinbar ganz nahekommen.
12 ZSP STEUER
Wenn es eine Supernova oder ein Komet gewesen wäre, dann müssten wir das in anderen Aufzeichnungen finden. Also wir müssten andere Berichte aus der Zeit haben eben, und nicht nur diese Geschichte von Jesu Geburt, die von solchen Ereignissen sprechen. Das müsste anderen Menschen aufgefallen sein, und das fehlt einfach. Was wir aber haben, sind babylonische Aufzeichnungen über eben eine große Konjunktion sieben vor Christus. In der Zeit wird ja auch ungefähr Jesu Geburt vermutet.
SPRECHER
Im Jahr sieben vor Christus, sagt Jana Steuer, haben sich Jupiter und Saturn sehr nahe aneinander vorbei bewegt. Diese Planeten-Konjunktion dürfte damals aufgefallen sein und könnte eine Erklärung für den Stern sein, dem die Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind. Beweisen lässt sich das allerdings nicht, dass die Magier aus dem Orient tatsächlich dieses Himmelsphänomen beobachtet haben.
13 ZSP STEUER
Es bleiben viele Fragen offen. Wir wissen eben, dass diese Konjunktion stattgefunden hat. Was das Problem an dieser Konjunktionstheorie ist, Jupiter und Saturn kamen sich zwar damals sehr nahe, aber sie kamen sich gewiss nicht so nahe, dass man sie für einen einzigen Stern hätte halten können. Das heißt, man muss deutlich damals auch gesehen haben, dass das zwei getrennte Objekte am Himmel sind. Letztendlich, glaube ich, ist es zumindest aus astronomischer Sicht so, dass wir halt nur sagen können das einzige astronomische Phänomen, von dem wir wissen, dass das stattgefunden hat, ist diese Konjunktion. Supernova und Kometen gibt es einfach keinerlei Beweise dafür. Und dann muss man sich natürlich einfach auch als eine religiöse Geschichte darauf berufen, dass das Ganze halt eine symbolische Aussagekraft haben sollte und dementsprechend wahrscheinlich auch dramatisiert wurde.
SPRECHER
Für den Stern gibt es deshalb noch eine ganz andere Erklärung. Immer wieder finden sich in der antiken Welt Berichte darüber, wie eine Himmelserscheinung die Geburt einer wichtigen Persönlichkeit ankündigt. Als Alexander der Große zur Welt kam, soll ein sehr heller Stern am Himmel erschienen sein.
Bei der Geburt des Herrschers Mithridates des Großen im zweiten Jahrhundert vor Christus soll 70 Tage lang ein Stern am Himmel geleuchtet haben. Auch über Augustus gibt es ähnliche Erzählungen. Hat der Stern also rein symbolischen Charakter?
TC 17:57 – Eine Geschichte, so alt wie die Zeit
SPRECHERIN
Solche Himmelserscheinungen dienen in der Literatur dazu, auf ein besonderes Ereignis aufmerksam zu machen, sagt der Bibelwissenschaftler Simone Paganini. Auch die Erzählung von den Sterndeutern aus dem Morgenland, die den Stern von Bethlehem gesehen haben, lässt sich so interpretieren. Und nicht nur das: Wer sich die biblische Erzählung anschaut, findet immer wieder Motive, die es auch in anderen Religionen und Erzählungen gibt. Etwa wenn sich die Sterndeuter aus dem Morgenland auf den Weg nach Bethlehem zu Jesus, dem Sohn Gottes, machen.
14 ZSP PAGANINI
Wenn wir zum Beispiel, die Geburt von Buddha anschauen, passiert genau das gleiche. Es kommen wichtige Leute, die ihn huldigen. Es ist … also etwas was immer wieder wiederholt wird. Das Gleiche gilt übrigens für die Geschichte. Herodes hat alle kleine Kinder getötet, um Jesus zu töten. Das ist ein Topos, also, wenn wichtige Leute geboren werden, die … sind in Gefahr, und die müssen gerettet werden. Und das finden wir nicht nur in der Mythologie. In der griechischen Mythologie Herkules zum Beispiel. Der wird geboren. Er wird in seine Krippe gelegt und es kommen zwei Schlangen, die ihn fressen wollen.
MUSIK 14: ARD Labelmusik The Trek – 22 Sek
SPRECHERIN
Also doch alles Legende? Ein Mythos, der sich so oder ähnlich auch in anderen Religionen findet?
Und der die besondere Rolle und Bedeutung von Jesus unterstreichen soll? Bei der biblischen Geschichte geht es vor allem um die theologische Aussage, so Professor Ansgar Wucherpfennig.
15 ZSP WUCHERPFENNIG
Das, was beschrieben wird, ist ziemlich klar ein Wunder. Natürlich haben immer wieder Astronomen danach gesucht, ob es ein astronomisches Phänomen ist, mit dem man das erklären kann. Das ist eigentlich der Erzählung nach nicht der Fall. Denn es ist ein Stern, der vor den Weisen herwandert, das ist ein Stern, der die Menschen, die keine Juden waren, auf ihre Weise zu Jesus dem Messias geführt hat. Und das ist die eigentliche Aussage der Geschichte.
SPRECHERIN
Wer die Sterndeuter waren, davon erzählt die Bibel nichts. Genauso wenig wie davon, aus welcher Stadt sie kamen. Letztlich bewegt sich das Matthäusevangelium im Rahmen theologischer Geschichtsschreibung, sagt deshalb auch der Bibelwissenschaftler Simone Paganini.
16 ZSP PAGANINI
Da wird jemand geboren. Jemand, der ganz wichtig ist, nämlich Jesus, und sogar aus diesem fernen Land gibt es Priester, die die Zukunft voraussehen können, indem sie den Himmel anschauen, und weil sie einen Stern sehen, erkennen sie: Da ist etwas Wichtiges passiert. Dass es solche Menschen gab, das ist historisch - also, es gab solche Priester, ob die wirklich jemals einen Stern gesehen haben, genau zu der Zeit, wo Jesus geboren ist …..da sind wir nicht mehr in der historischen Quellenauswertung, sondern, da sind wir in der ersten Legendenbildung.
Musik 15: Secret Agenda – 33 Sek
SPRECHERIN
Über die Jahrhunderte hinweg wurde diese erste Legende immer weiter ausgeschmückt. Aus den Sterndeutern wurden Könige, die später die verschiedenen Erdteile und Altersstufen repräsentierten. Sie erhielten Namen. Ihre Reliquien werden bis heute in Köln verehrt. Wer die Heiligen Drei Könige allerdings tatsächlich waren, bleibt letztlich Glaubenssache.
Musik aus. //
Die Kerze als Dekoraktionsobjekt gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert. Früher, in stromlosen Zeiten, waren Kerzen den Kirchen und Herrschaftshäusern vorbehalten. Die einfachen Leute mussten sich mit Kienspänen oder so genannten Unschlittkerzen aus Hammel - oder Rindertalg zufriedengeben, die grauenvoll stanken und obendrein heftig rußten. Auch der Walrat, eine fettige Substanz aus dem Kopf des Pottwales, war nicht wohlriechend. Die Knappen in den Silberbergwerken von Tirol bekamen Schnaps verabreicht, damit sie den Gestank des Talglichts ertrugen. Autorin: Regina Fanderl (BR 2018)
Credits
Autorin dieser Folge: Regina Fanderl
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Irina Wanka, Johannes Hitzelberger, Michael Hafner
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Michael Zametzer
Im Interview:
Elisabeth Maisinger (Kerzenmanufaktur und Lebzelterei Nagy, Salzburg);
Benjamin Huber (Magister, Kulturvermittler am Keltenmuseum Hallein, Österreich);
Paul Janßen (Pfarrer, Aschau im Chiemgau);
Michael Strassmann (Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde München)
Linktipps:
ARD alpha (2023): Von der Sehnsucht nach dem Licht
Wenn der Großstädter über die langen dunklen Nächte und die klirrende Kälte stöhnt, beginnt für den Erzgebirgler die schönste Zeit des Jahres. ZUR SENDUNG
Deutschlandfunk Kultur (2022): Chanukka – Die Lichter in dunklen Zeiten
Am 18. Dezember beginnt Chanukka. Ein Fest, das nicht in der Thora steht, von dem aber eine große Strahlkraft ausgeht. Es geht bei dem Fest darum, Licht ins Dunkel zu bringen. Das Anzünden der Kerzen auf dem achtarmigen Leuchter folgt festen Regeln.
JETZT ANHÖREN
Planet Wissen (2021): Feuer
Reibung erzeugt Hitze – nach diesem Prinzip wurden schon vor Jahrtausenden unterschiedliche Methoden der Feuererzeugung angewandt. Bis heute funktionieren Streichhölzer und Cerium-Feuerzeuge nach diesem Grundsatz. HIER geht’s zum Beitrag.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro
TC 01:50 – In der Kerzenmanufaktur
TC 04:42 – Licht ins Dunkle bringen
TC 07:25 – Erfindungen für den Bergbau
TC 10:33 – Das Licht Christi: Kerzen im Christentum
TC 15:04 - Gedenke und Halte: Kerzen im Judentum
TC 16:54 – Was Lebkuchen mit Kerzenwachs zu tun hat
TC 20:23 – Luxusgut Wachs?
TC 22:57 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
Sprecherin:
Ein Kind - von einem Schiefertafelschwämmchen umhüpft - rennt froh durch mein Gemüt. Bald ist es Weihnacht! - Wenn der Christbaum blüht, dann blüht er Flämmchen. Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt uns mild. Es werden Lieder, Düfte fächeln. Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt, wird dann noch gütig lächeln…
Sprecher:
Joachim Ringelnatz: Vorfreude auf Weihnachten.
1 ZUSP Umfrage (0.27)
Wir haben einen Christbaum mit echten Kerzen, Bienenwachskerzen. Und auch wenn die nur kurz brennen, das macht nix, das gehört einfach dazu. Das war schon in der Kindheit so. Wenn ich heimkomme, ist es schon dunkel und dann freu ich mich, wenn vor dem Haus ein Kerzerl brennt. Das ist ein schönes, warmes Gefühl.
Sprecher:
Keine Frage: Advent, Weihnachten ohne Kerzen – undenkbar. Selbst wer das Fest nicht so hoch hängt, wird irgendwann am Heiligen Abend, spätestens gegen 17 Uhr, wenigstens eines dieser weltweit bekannten „Leuchtmittel“ anzünden. Mit einem Feuerzeug - oder doch stilvoller: mit einem Streichholz.
ATMO FX Streichholz
MUSIK Pixner C1576450 W01
TC 01:50 – In der Kerzenmanufaktur
2 ZUSP Elisabeth Maisinger,Kerzenmanufaktur Nagy (1.01)
Wir gehen jetzt erst mal ins Lager durch und dann kommen wir schon langsam zur Produktion. Wir haben eine sogenannte Zugmaschine, das ist eine einfache mechanische Zugmaschine. Da dreht sich der Docht über zwei Trommeln und dieser Docht läuft dann durch ein Wachsbad. Und während er über die Trommeln läuft, trocknet das Wachs immer wieder und dann kann es beim nächsten Durchgang wieder neues Wachs aufnehmen. […] Und die Kerze, muss man sich vorstellen, kommt von dieser Zugmaschine in einem unendlichen Strang eigentlich runter, wird dann abgeschnitten in ungefähr vier Meter lange Stränge und da dann wieder händisch auf die Länge gebracht wie die endgültige Kerze dann sein soll. Und dann ist es längst noch keine fertige Kerze; dann muss vorne noch ein Spitz ran, wo man sie anzünden kann und eventuell hinten ein Loch oder ein Kronus nennt man das auch, wo man sie dann hinten in den Leuchter reinstecken kann, das sind dann noch weitere Arbeitsgänge. Und am Schluss wird sie dann eben in die Farbe getaucht bevor sie in den Laden kommt.
MUSIK hoch und runterwürgen
ATMO Tropfen & Höhle
Sprecherin:
Als die Menschen damit anfingen, sich ihre Umwelt nach Sonnenuntergang zu erhellen, ging es ihnen nicht um den schönen Schein. Archäologische Funde belegen, dass schon während der letzten Eiszeit, vor mehr als 30.000 Jahren, Menschen in Mitteleuropa gelebt haben, die mit sehr harten Klima- und Lebensbedingungen klarkommen mussten. Ihr einziges Ziel: Überleben! Und dazu brauchten sie - neben Essen und Trinken: Wärme. Und Licht.
Sprecher:
Wenn wir heute ziemlich ratlos im Kaufhaus oder beim Möbeldiscounter stehen, werden wir fast erschlagen von der Riesenauswahl an Kerzen in allen Größen, Formen und Farben. In Massen produziert, aus Kaltwachs-Granulat gepresst - hier stapelt sich meist billige Ware. Kerzen, die viel Sauerstoff enthalten und damit schnell abbrennen und leichter rußen. Aber auch auf adventlichen Handwerksmärkten oder Fachgeschäften, wie etwa bei Elisabeth Maisinger in der Wachszieherei Und Lebzelterei Nagy [sprich NAGI, nicht Notsch] in Salzburg, sind Angebot und Vielfalt groß. Gezogen, gegossen, verziert? Was darf’s denn sein, bitte?
3 ZUSP Elisabeth Maisinger, Kerzenmanufaktur Nagy (0.38)
Da ist die Kerzen-Taucherei. Da werden die Rohlinge in die Farben getaucht. Das ist also ein sehr wichtiger Bereich, wir haben ungefähr 60 Farben, die Kunden können das im Geschäft auswählen und dann werden die Kerzen frisch getaucht. Das ist eine Spezialität bei uns, wir haben es also nicht lagernd in zehn Farben dastehen, sondern haben die Größen zur Auswahl und dann sucht sich der Kunde Größe und Farbe aus und kriegt die Kerze dann frisch. Besonders im Advent ist das ein sehr aktuelles Thema bei uns.
Atmo Höhle/ Tropfen
TC 04:42 – Licht ins Dunkle bringen
Sprecherin:
Sechzig Farben, ganz nach Geschmack – für die Jäger und Sammler der Steinzeit waren ganz andere Eigenschaften entscheidend: sie suchten nach einer transportablen Licht- und Wärmequelle, die auch nach einem jahreszeitlich bedingten Umzug funktionierte: vom Zelt, einer Art Tipi, hinein in die Höhle, bei extremen Wetter, oder um Zeremonien zu feiern. Die zündende Idee: sie füllten einen nach innen gewölbten, etwa handgroßen Stein mit flüssigem Tierfett und tauchten einen Zweig oder ähnliches als Docht hinein. Der glomm und rauchte dann mühsam vor sich hin.
Sprecher:
Das Licht reichte wohl halbwegs dazu aus, die Gesichter der Mitbewohner zu erkennen, Essen zu wärmen, nasse Kleidung zu trocknen oder Schnee zu schmelzen. Auch die berühmten Höhlenmalereien entstanden schließlich nicht im Blindflug.
4 ZUSP Umfrage (0.18)
Nicht schön, düster, kalt… Also ich kann es mir nicht gemütlich vorstellen. // Ich habe da ein schönes Buch gelesen, wie die so mit ihren Fellen - und haben es sich auch gemütlich gemacht. Die haben geschaut, dass sie ein Feuer haben. […] Beleuchtung haben sie nicht gehabt. Die sind halt dann ins Bett gegangen.
Musikakzent
Sprecher:
Über Jahrtausende hinweg bestanden künstliche Lichtquellen der Menschen wohl immer aus dieser einen Kombination: Docht und Wachs.
Sprecherin:
Wachs ist der Überbegriff für eine organische Verbindung, die bei etwa 40 °C schmilzt und dann eine Flüssigkeit bildet. Es gibt tierische und pflanzliche Wachse.
Sprecher:
Pflanzliche Wachse schützen Blätter und Früchte vor dem Austrocknen und werden aus Zuckerrohr oder der Wachspalme gewonnen.
Sprecherin:
Tierische Wachse sind beispielsweise Wollwachs oder das Bürzeldrüsenfett der Wasservögel. Auch Talg und Unschlitt, das Eingeweidefett geschlachteter Rinder und Hammel können als Brennstoff nützlich sein. Und natürlich gehört auch das Bienenwachs dazu.
Sprecher:
Der stark vergrößerte Vorderkopf des Pottwals lieferte das Walrat, eine fetthaltige Substanz, die ebenso als Brennstoff geeignet war wie Schellack, gewonnen aus den Ausscheidungen von Blattläusen.
Sprecherin:
Das klingt alles nicht gerade appetitlich, aber es wird die Menschen der Eisenzeit nicht weiter beschäftigt haben. Vielmehr galt es, die technologische Entwicklung der Eisenzeit voranzutreiben und eine wichtige, neue Arbeitsstätte zu beleuchten: das Bergwerk. Seit etwa 800 vor Christus wurde Salz abgebaut - das vor allem für die Konservierung von Lebensmitteln unentbehrliche „Weiße Gold“.
TC 07:25 – Erfindungen für den Bergbau
Sprecher:
Tief drin im Berg aber half das glimmende, schwache Lichtlein allein aber nicht weiter. Deshalb kam eine weitere Erfindung des Steinzeitmenschen zum Einsatz: der Kienspan.
Sprecherin:
Kienspäne sind Bündel von etwa 20 Zentimeter langen und Latten aus harzreichem Holz wie Kiefer, Tanne, Fichte, Lärche oder Kirschbaum. Zündet man es vorne an, brennt das Bündel rund 20 Minuten lang ab. Der Schwierigkeit für den Bergmann bestand darin, die unruhig flackernde Flamme mit der Hand auszutarieren.
Sprecher:
Eine sportliche Sache, wenn man gleichzeitig auch noch große Brocken aus dem Felsen hauen muss.
Sprecherin:
Im Keltenmuseum von Hallein bei Salzburg wird der Salzabbau auf dem nahen Dürrnberg dokumentiert. In einer der Vitrinen ist ein original-eisenzeitlicher Kienspan zu sehen. Der Historiker Benjamin Huber erklärt die Handhabung:
5 ZUSP Benjamin Huber, Keltenmuseum Hallein (0.45)
Wenn man in den Stollen hineinkommt, das ist unter Tage, da ist kein Sonnenlicht. Wie beleuchtet man damals diese vielen Stollen, die geschaffen wurden? Die waren ja sehr schmal, diese Zugangsstollen bis man auf die Salzschichten gestoßen ist. Und deshalb haben die Bergmänner diese Kienspäne im Mund getragen. Da haben wir die Zahnabdrücke auf den Kienspänen drauf. Weil die Stollen ja sehr eng waren, man braucht beide Hände, um das Werkzeug in der Hand zu halten und als man dann auf die Salzstöcke gestoßen ist, auf diese Salzvorkommen, hat man die Stollen verbreitet, größere Stollenhallen möchte ich sagen, geschaffen und dann hat man eben die Kienspäne in die Wand gesteckt. Das ist die Geschichte, die wir gerne hier im Keltenmuseum Hallein erzählen. Wir haben aber hier nicht nur die Zahnabdrücke, sondern wir haben auch in unserer Ausstellung Kienspanhalter: Das sind lange Hölzer, da ist vorne eine Kerbe, da kann man den Kienspan einfach einklemmen.
Sprecherin:
Der Kienspan gilt als die älteste bekannte Grubenbeleuchtung in Mitteleuropa. Weil er während der Arbeit im Stollen mit dem Mund festgehalten werden musste, verlor der Bergmann meist seine Zähne und galt dann, zahnlos, als „bergfertig“. Das heißt, er war Invalide und arbeitslos. Ein Schicksal, das den Dürrnberger Knappen ab dem 16. Jahrhundert erspart blieb. Die kämpften gegen andere Widrigkeiten:
6 ZUSP Benjamin Huber, Keltenmuseum Hallein (0.46)
Es gibt ganz unterschiedliche Brennbehälter, beziehungsweise Leuchtkörper, Öllampen, in der Bergmannsprache sind es Grubenlampen, die haben ganz unterschiedliche Formen und die wurden dann befüllt mit Fett, mit Talg, das hat man sich von den Metzgern geholt und das Bergwerk so ausgeleuchtet. Da gibt’s ganz unterschiedliche Formen, und eine ganz besondere Form, die wir hier im Keltenmuseum haben, ist die sogenannte ‚Halleiner Blende‘. Das ist ein Holzkasten mit einem kleinen Brennstoffbehälter darin, das schaut ganz fantastisch aus. Dahinter belegt mit Messing, um die Leuchtkraft dann auch zu verstärken. Das ist dann schon eine spätere Variante aus dem 19. Jahrhundert. Das hat fürchterlich gestunken. Also wenn man das schonmal probiert hat, ich hab das schon einmal gerochen tatsächlich bei einem Workshop und das stinkt ganz erbärmlich (lacht).
Sprecherin:
Den Bergmännern im Silberbergwerk von Rattenberg in Tirol wurde aus diesem Grund der Lohn zum Teil als Schnaps ausgezahlt. So war wohl der Gestank unter Tag besser zu ertragen.
TC 10:33 – Das Licht Christi: Kerzen im Christentum
Sprecher:
Jahrtausende lang konnten die Menschen ihre Behausungen nur mit dem Kienspan oder mit primitiven Öllampen erhellen - und so waren diese preiswerten Leuchtmittel bis weit in das Mittelalter unentbehrlich. Andere künstliche Lichtquellen waren deutlich teurer und kamen daher zumindest für die ärmeren Leute nicht in Frage. So ein Luxusleuchtmittel war auch – die Kerze.
7 ZUSP Elisabeth Maisinger, Kerzenmanufaktur Nagy (0.50)
Es ist eine sehr sehr feine Arbeit. Also wir brauchen da Leute, die gute Augen haben, die feine Hände haben und die viel Geduld haben. Ob die Kerzen jetzt mit Zweigerl, Sternderl oder Glockerl verziert werden, oder ob wir eine Hochzeitskerze, einen Baum draufbasteln mit ungefähr 35 Blättern in verschiedenen Farben, die werden alle einzeln ausgeschnitten, oder ob man die Kerzen beschriftet, da wird jeder Buchstabe von Hand geschrieben. Die Maschinen helfen uns da nicht sehr viel, hauptsächlich Handarbeit ist gefragt.
Das macht natürlich auch den Preis, aber auch, dass der Kunde da das Gefühl hat, sein Wunsch ist uns wichtig und wir bemühen uns, auf das einzugehen.
8 ZUSP Umfrage (0.14)
I brauch schon jeden Abend sehr lange, bis ich die Kerzen alle anzünde. Und sie danach auch alle wieder ausmache. Und hinterher der Geruch, wenn man’s ausblast: ein Traum.
Musikakzent Orgel
Sprecher:
Es ist nicht einfach, Licht in das Dunkel der frühesten Kerzengeschichte zu bringen. Die überlieferten Texte und Darstellungen machen nicht klar, was da leuchtet. Fackeln? Oder doch schon Kerzen?
Sprecherin:
Wahrscheinlich gelang es schließlich den Römern, Wachs und Docht so zu kombinieren, dass kein eigenes Gefäß mehr nötig war. Ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus jedenfalls waren einfache, niedrige Wachskerzen so weit entwickelt, dass sie ohne lästiges, übermäßiges Rußen und üblen Geruch in einem geschlossenen Raum brennen konnten.
9 ZUSP Elisabeth Maisinger, Kerzenmanufaktur Nagy 0.23
Kirchen sind nach wie vor ein wichtiger Kundenkreis. Wird natürlich von der Menge her weniger, weil weniger Messen gefeiert werden, das spürt man schon ein bisschen. Und es ist auch nimmer so, dass bei den Hochämtern alles beleuchtet war, das ist nicht mehr so häufig. Aber nach wie vor ein wichtiger Abnehmerkreis. Die kirchlichen Feste geben nach wie vor unser Geschäftsjahr vor, die bestimmen das sehr stark.
Sprecherin:
Das aufblühende Christentum mit seinen liturgischen Gebräuchen war der Impuls dafür, dass sich Kerzen schnell verbreitet haben. So sind länglich-runde Kerzen für liturgische Zwecke seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts mit Sicherheit nachgewiesen. Von der Geburt bis zum Tod begleiten sie bis heute den gläubigen Menschen ein Leben lang. Pfarrer Paul Janßen aus Aschau im Chiemgau weiß um die Symbolkraft des Kerzenlichts:
10 ZUSP Pfarrer Paul Janßen, Aschau im Chiemgau (0.31)
Jesus sagt einmal im Johannesevangelium „Ich bin das Licht der Welt“ und an andrer Stelle sagt er dann „Ihr seid das Licht der Welt“. Und man zündet auch nicht eine Lampe an und stellt sie unter den Scheffel, sondern man stellt sie auf den Leuchter, dass es allen leuchtet. Und so ist für mich eine Kerze als Lichtträgerin ein wunderbares Symbol für uns als Christen, dass wir selber das Licht Christi empfangen, den Glauben empfangen und so selber zu Lichtträgern werden und das Licht weiterschenken.
Orgel
Sprecherin:
Tauf- und Sterbekerze, Osterkerze, Altarkerzen, die kleinen Opferkerzen, die Gläubige mit einem Anliegen anzünden können, oder auch die Blasiuskerzen – der ganze Bedarf für ein Kirchenjahr wird am 2. Februar bei einem eigenen Gottesdienst geweiht:
11 ZUSP Pfarrer Paul Janßen, Aschau im Chiemgau (0.37)
Man kennt eigentlich so seit dem 10. Jh. Ungefähr den Brauch der Kerzenweihe an Maria Lichtmess. Und man hat ja offenbar heidnische Lichtriten und Prozessionen christlich umgedeutet und da kommt natürlich das sehr zu Hilfe, dass bei diesem Fest eben das Licht thematisiert wird. Die Kinder gehen immer mit und haben die Kerzen in der Hand. Die Kirche ist auch abgedunkelt, wir haben dann nur das Licht der Kerzen und das ist auch was Besonderes, diesen Gottesdienst nur im Kerzenschein zu feiern.
TC 15:04 - Gedenke und Halte: Kerzen im Judentum
Sprecher:
Aber Kerzen leuchten nicht nur im christlichen Jahreslauf. Auch im Judentum sind sie wichtige religiöse Symbole, sagt Michael Strassmann von der liberalen jüdischen Gemeinde in München:
12 ZUSP Michael Strassmann, liberale jüdische Gem. München (1.18)
Man denke an die Menora, also an den siebenarmigen Leuchter, kennt auch jeder, ist auch im Staatswappen von Israel drin. Und jetzt fragt einer wieso 7, sind doch 8 Kerzen? Die Kerze in der Mitte die zählt nicht. Das ist die Dienerkerze, mit der man die anderen anzündet. Und eine große Rolle spielt die Kerze im Sabbat: Der Sabbat beginnt ja immer bei uns am Freitagabend, wenn die ersten drei Sterne am Himmel zu sehen sind. Und 18 Minuten bevor der Sabbat richtig da ist, muss man die Sabbatkerzen angezündet haben, das sind zwei. Die haben auch Namen: Eine heißt Schamor, ‚Bewachte‘, ‚Pass auf‘. Die zweite Kerze heißt Sachor, das heißt ‚Erinnere dich‘, das ist eine Aufforderung, dass man den Sabbat bewahrt und ihn nicht vergisst. Und die beiden Kerzen zündet immer die Frau des Hauses an und spricht dabei einen Segen. Da ist die Kerze auch ganz wichtig, wir haben sogar ein Kerzenfest, das heißt Chanukka. Da haben wir die Chanukkia. Erinnert vielleicht die Christen an den Adventskranz, nur bei uns wird nicht jeden Sonntag eine weitere Kerze angezündet, sondern jeden Tag bis alle acht Kerzen brennen. Und das heißt bei uns auch Lichterfest auf Deutsch […]. Das wird immer so gefeiert um die Wintersonnenwende rum, da werden die Tage wieder länger, das Licht kommt zurück. Dass da die Christen Weihnachten feiern und wir Juden Chanukka, erklärt sich vielleicht ein bisschen von selbst.
Sprecher:
Durch die Verwendung in der christlichen Liturgie und im jüdischen Ritus wurden die Kerzen ab dem Mittelalter immer beliebter - und qualitativ besser. Sie wurden nun aus Bienenwachs, einem knappen und teuren Rohstoff, und blieben daher den Kirchen und dem Adel vorbehalten.
TC 16:54 – Was Lebkuchen mit Kerzenwachs zu tun hat
Sprecherin:
Um das Jahr 1600 kostete ein Kilo Bienenwachs zehnmal so viel wie ein Kilo Fleisch. Für die Reichen kein Problem: Bei einem Hoffest in Dresden um 1750 wurden fast 15 000 Wachslichter verbraucht.
Sprecher:
Die einfachen Leute mussten sich immer noch mit Kienspänen oder den Unschlittkerzen aus Hammeltalg oder Rindernierenfett herumplagen. Was immer auch Licht spendete, roch, wie schon in Urzeiten, ranzig und rußte erbärmlich.
Sprecherin:
Und gesund war das alles auch nicht. Im 17. Jahrhundert weißte man Talgkerzen mit Arsenik und atmete damit ordentlich Gift ein. Und ein Zeitzeuge berichtete nach 1800…
Zitator:
…dass die Fülle der brennenden Kerzen bald die Luft der Räume überhitzte und verpestete. Dass bei der Krönung von König Georg IV. in London im Jahr 1821 in Westminster Hall – es brannten über 1500 Kerzen – viele der Damen infolge der Hitze ohnmächtig wurden und dass das herabtropfende Wachs, noch bevor alle Kerzen entzündet wurden, die Wachsschnäuzer und die kostbaren Gewänder der Gäste überflutete!
Sprecherin:
Wachsschnäuzer war ein eigener Berufszweig bei Hofe. Die Männer hatten den Auftrag, permanent die Dochte zu kürzen, um das Rußen und Tropfen zu verhindern. „Schnäuzen“ nannte man das seinerzeit.
Sprecher:
Vor dem Wachsschnäuzer stand naturgemäß der Wachszieher. Dessen Ursprungsberuf war der des Lebzelters, also des Lebkuchen-Produzenten. Da Zucker erst um 1800 aufkam, wurden die Backwaren mit Honig gesüßt. Um den Honig zu gewinnen, haben die Lebzelter ganze Bienenwaben gepresst und dann das Wachs zu Kerzen weiterverarbeitet.
13 ZUSP Elisabeth Maisinger, Kerzenmanufaktur Nagy (0.30)
Der Lebkuchen ist ein sehr wesentlicher Bestandteil unserer Produktion, auf den wir nicht verzichten wollen. Wir produzieren als eine der wenigen Lebkuchen ganzjährig, auch zu Ostern gibt’s Lebkuchen, es gibt im Sommer die Lebkuchen-Schiftl zum Beispiel, die ein typisches Brauchstumsgebäck sind, das zu den sogenannten Prangtagen gegessen und geschenkt wird. Und ab Herbst hat man dann eh schon wieder Lust auf einen frischen Lebkuchen.
Sprecherin:
Aber auch unter den Lebzeltern muss es schwarze Schafe gegeben haben. Die prangerte der Wiener Hofprediger Abraham a Santa Clara in aller Deutlichkeit an, indem er von der Kanzel polterte:
Zitator:
Sonst seynd die Wachskerzler gar ehrliche und redliche Leut, außer denselben, welche allerley Hartz, Pech und Terpentin unter das Wachs mischen, daß solche Kerzen sich eines kurtzen Lebens erfreut, ja dergestalt abnimmt, dass ein Träne die andere schlägt; vielleicht beweint sie das Schelmenstück des Meisters, der fast wert ist, daß ihm der Henker den Docht um den Hals bindet ...
Sprecher:
Für den sich krümmenden und dadurch sich selbst schnäuzenden Docht fehlte aber noch lange die zündende Idee. Selbst Goethe hatte es offensichtlich satt, tränenden Auges zu dichten, denn er grantelte:
Zitator:
Wüsste nicht, was sie Bessers erfinden könnten, als wenn die Kerzen ohne Kürzen brennten!
Musikakzent dito
TC 20:23 – Luxusgut Wachs?
Sprecherin:
Ob der Geheimrat das noch erlebt hat? Er starb 1832. Erst mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und der Entdeckung der Rohstoffe Paraffin und Stearin wurden geruchs- und tropffreie Kerzen auch für die breite Bevölkerung erschwinglich. Erste Fabriken entstanden 1833 in Paris und 1837 in Wien.
Sprecher:
Paraffin wird aus Mineralöl gewonnen wird und ist an den Ölpreis gekoppelt. Etwa drei Viertel aller Kerzen in Deutschland sind heute Paraffin-Kerzen.
Sprecherin:
Stearin besteht zum Großteil aus Palmöl und ist wegen des hohen Landverbrauchs und der damit verbundenen Zerstörung der Regenwälder höchst umstritten. Allein in Indonesien wurde für Ölpalmen Regenwald von einer Fläche geopfert, die mehr als doppelt so groß ist wie Bayern. Deshalb wird Stearin inzwischen nur noch selten für die Kerzenherstellung verwendet.
Sprecher:
Zweifellos: Kerzen aus Bienenwachs sind die schönste, edelste, umweltfreundlichste, aber auch teuerste aller Varianten. Sie kostet vier- bis fünfmal so viel wie eine Paraffinkerze. Und auch das Bienensterben in Teilen der Welt macht den fein duftenden Rohstoff nicht preiswerter. Jetzt schon hat der Klassiker unter den Kerzen nur noch einen Marktanteil von 0,5 Prozent.
Sprecherin:
Trotzdem lassen sich viele Menschen – zumindest an Weihnachten – vom Preis nicht abschrecken:
14 ZUSP Umfrage (0.21)
Die Bienenwachskerze ist für uns auch sehr wichtig. Und ich habe eine Kundin, die mir jedes Jahr eine selbstgewickelte Bienenkerze schenkt. Und die wird an Heilig Abend am Tisch angezündet und die sagt auch immer zu mir: genieß es und das ist einfach schön.
Sprecherin:
Längst beleuchtet elektrisches Licht unsere Räume: Glühlampen, Leuchtstoffröhren, LEDs, Fernsehschirme oder Lichterketten. Trotzdem hat die Kerze auch nach fast 2000 Jahren nicht ausgedient – ganz im Gegenteil: sie ist heute mehr denn je ein Symbol der Wärme und des Wohlbefindens, ihr Brennen kann uns tief berühren. Ein chinesisches Sprichwort sagt:
Sprecher:
Alle Dunkelheit der Welt reicht nicht, um das Licht einer einzigen, kleinen Kerze auszulöschen.
TC 22:57 - Outro
Nach dem Prager Frühling 1968 liegt das Kulturleben der Tschechoslowakei brach. Ein Genre aber bietet "verbotenen" Autoren, Regisseuren und Schauspielern nach wie vor Lohn und Brot: Der Kinderfilm. Gemeinsam mit öffentlich-rechtlichen Partnern in der BRD oder mit der DEFA in der DDR produzieren Prager Filmstudios eine ganze Reihe Erfolgsserien und -filme. Bis heute gilt: Kein Weihnachten ohne "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Autorin: Susi Weichselbaumer (BR 2021)
Credits
Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Julia Fischer, Friedrich Schloffer, Katja Schild
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Andrea Bräu
Linktipps:
Deutsches Filminstitut & -museum: Filmgeschichte in Objekten
Welche Geschichte verbirgt sich hinter den roten Haaren aus LOLA RENNT? Wie stellte sich Filmarchitekt Otto Hunte die Zukunftsstadt Metropolis vor? "Filmgeschichte in Objekten" gibt Einblicke in die Ausstellungen, Archive und Sammlungen des DFF – Deutsches Filminstitut und Filmmuseum. In kurzen Beiträgen erzählen Mitarbeiter:innen die spannenden Geschichten hinter den Objekten - von der Anekdote zu ihrem Einsatz beim Filmdreh über ihren mitunter unerwarteten Gegenwartsbezug bis hin zu ihrer bewegten Provenienzgeschichte.
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MDR Dok (2023): Drei Haselnüsse und ein Mythos – 50 Jahre Aschenbrödel
Die MDR-Doku "Drei Haselnüsse und ein Mythos - 50 Jahre Aschenbrödel" ergründet die vielen, immer wieder neu gestellten Fragen zum Film und zu seinen Dreharbeiten: Warum wurde im eisig kalten Winter und nicht im Sommer gedreht, wofür die Kostüme eigentlich geschneidert waren? Wie wurde aus dem armen Aschenbrödel aus dem Märchen im Film eine Figur, die keck und selbstbewusst für ihr Glück kämpft? Wie wurde aus einer tschechischen Filmidee eine Kooperation mit der DEFA? Wo steht die prächtige Kalesche, die einst den großen Mimen Rolf Hoppe als König durch Moritzburg fuhr? Welche Rolle spielten für den Film Kunstschnee und Fischmehl? Und wie ist es dem genialen Komponisten der Filmmusik ergangen? Dafür blickt die Doku im Gestüt Moritzburg und im Moritzburger Schloss hinter für die Öffentlichkeit verschlossene Depottüren und Remisentore. Pavel Trávníček erinnert sich in den Barrandov-Filmstudios Prag an die Dreharbeiten vor 50 Jahren. Zur Doku geht es HIER
Deutschlandfunk (2015): Tschechisches Kino – Mehr als Märchen und bittersüße Komödien
Kaum internationale Erfolge, bei Festivalmachern mit Vorurteilen belegt: Das tschechische Kino hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Dabei hat es weit mehr zu bieten als Märchen und Komödien. Was läuft da falsch? ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Aschenbrödels Magie
TC 03:41 – Das Zufluchtsgenre
TC 05:51– Über die Grenzen von Ost und West hinweg
TC 08:12 – Die Erfolge der Achse Köln - Prag
TC 11:54 – Von inkompetenten Eltern und mutigen Kindern
TC 14:38 – Tschechische Märchen: Keine Kategorie B
TC 18:41 – Völkerverständigung durch Freundschaft und Gerechtigkeit
TC 21:58 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Aschenbrödels Magie
MUSIK Drei Haselnüsse für Aschenbrödel Z9379692 004 (2.08)
ERZÄHLERIN
Sanft fliegen die beiden Schimmel durch die weißverschneite Winterlandschaft. Auf dem einen Aschenbrödel im weißbauschigen Brautkleid, mit blitzendem Diadem in den wehenden braunen Haaren. Daneben reitet der Prinz im Prachtornat. Er greift ihre Hand, sie lächelt zu ihm hinüber.
ERZÄHLER
Er lächelt zu ihr herüber.
ERZÄHLERIN
Beide lächeln, sie lächeln einander zu.
ERZÄHLER
Und lächeln. Und lächeln weiter. Und das jedes Weihnachten. Auf sämtlichen öffentlich-rechtlichen Sendern.
ERZÄHLERIN
Seit der Erstausstrahlung 1973 ist „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ abonniert aufs Adventsprogramm. In Deutschland und im Rest Europas. Generationen von Kindern haben im Fernsehen verfolgt, wie das arme schmutzige Mädchen Tag und Nacht im Gutshaus schuften muss für die böse Stiefmutter und die hinterlistige Stiefschwester. Bis sie schließlich in den Armen des Königssohns landet.
ERZÄHLER
Alle Weihnachten wieder… Aus jeder Zaubernuss purzelt ein neues Gewand.
1 ZU (Wally Drei Nüsse 0.00)
Erst kriegt sie so einen schicken Jägeranzug, dann kriegt sie ein Kleid für den Ball und dann kriegt sie ein Kleid zum Heiraten.
ZITATORIN
„Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht…“
2 ZU (Wally Drei Nüsse 0.44)
Ich finde so lustig, dass Aschenbrödel so ein kleines Rätsel stellt. Weil sie sagt zum Beispiel, die hat ja immer im Haus gearbeitet: Wer ist so schwarz wie ein Kaminkehrer, ist aber kein Kaminkehrer?
ZITATORIN
„Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht…“
3 ZU (Wally Drei Nüsse 0.44)
Alle, die den Film bis dahin geschaut haben, wissen, das war Aschenbrödel.
ERZÄHLER
Das weiß jeder, weil alle Jahre Weihnachten...
ZITATORIN
„Zum Dritten: Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr.“
ERZÄHLERIN
Es ist kein Wunder, dass das alle immer wieder ansehen, sagt die Berliner Kinderfilmregisseurin und Autorin Katharina Schöde. Für sie sind die tschechischen Märchenfilme und Kinderserien der 1970er und frühen 1980er Jahre Marksteine der Filmgeschichte. Und Inspiration für ihre eigene Arbeit heute:
4 ZU (Schöde 0.13)
Das Besondere daran ist, dass es so wahnsinnig phantasiereich ist und die Kinder so abgeholt hat, total auf Augenhöhe erzählt wurde und so eine bestimmte Magie hat, die nicht mit dem Zeigefinger daherkam, sondern Spaß gemacht hat.
MUSIK Pan Tau C1228760 216 (0.46)
ERZÄHLERIN
„Die kleine Meerjungfrau“, „Prinz und Abendstern“, „Der dritte Prinz“, „Der Salzprinz“, „Däumling“ – die tschechische Kinderfilmbranche boomt in jener Zeit. Und bringt Stars hervor wie Aschenbrödel-Darstellerin Libuse Safránková.
ERZÄHLER
Im Folgejahrzehnt und darüber hinaus Dauerprinzessin auf den Bildschirmen!
ERZÄHLERIN
Auch in den prominent besetzten Reihen für Kinder geht es magisch und märchenhaft zu: „Pan Tau“, „Der Fliegende Ferdinand“, „Luzie, der Schrecken der Straße– die Prager Filmstudios Barrandov produzieren damals einen Hit nach dem anderen.
TC 03:41 – Das Zufluchtsgenre
ERZÄHLER
Immer nur stetig nach oben führt der tschechische Weg zum Erfolg allerdings nicht. Die politischen Umstände sind schwierig. Nach einer Phase der Öffnung scheitern 1968 die Reformbemühungen der Kommunistischen Partei KSC. Der Prager Frühling ist zu Ende. Die Tschechoslowakei nimmt politische Lockerungen wieder zurück. Presse- und künstlerische Freiheit werden beschnitten. Wer als oppositionell eingestuft wird, erhält Berufsverbot oder erlebt zumindest Einschränkungen.
5 ZU (Schöde 0.58)
Es gibt Leute, die sagen, dass gerade diese Kinderserien oder Märchenserien aus Tschechien auch so ein Zufluchtsgenre waren, dass viele Regisseure, die damals nicht die Filme machen durften, die sie wollten, sich einfach da ausgetobt haben, und viele tolle Leute diese Filme gemacht haben und das merkt man glaube ich auch.
ERZÄHLERIN
Für etliche Regisseure, Drehbuchschreibende, Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch Kameraleute ist die Karriere nach dem Prager Frühling eigentlich jäh zu Ende. Doch eine Nische öffnet sich, besser: ein Mann schließt sie auf.
MUSIK All clued up Z8034434 107 (0.38)
TC 05:51 - Über die Grenzen von Ost und West hinweg
ERZÄHLER
Ota Hofmann, national gefeierter Kinder- und Jugendbuchautor, der in dieser Rolle sämtlichen politischen Umstürzen trotzt. Seit 1955 arbeitet der Prager als Dramaturg für Kinderfilme in den renommierten Filmstudios Barrandov. Dort wird er Leiter der Kinderfilm-Produktionsgruppe. Auf einem Filmfest Mitte der 60er Jahre lernt er den Kinderfilm-Verantwortlichen des Westdeutschen Rundfunks kennen, Gert Müntefering. Die beiden verstehen sich sofort, tauschen sich über mögliche Kooperationsprojekte aus. Die Telefone zwischen Köln und Prag stehen nicht mehr still.
6 ZU (MÜNTEFERING 28.00)
In Prag 65 bis 68, da konnten die Geschichten sich entfalten, den Hintergrund muss man auch wissen, dass in dieser Zeit ein neues Gefühl in Prag war, das wirkte sich eben auch auf die Arbeit sachlich aus, bis die Russen kamen, die kamen 68, die Drehbücher waren fertig und ich hörte dann im Radio, dass die Truppen des Warschauer Paktes sich breitmachten.
ERZÄHLERIN
Drei Wochen bangt Müntefering in Köln um gemeinsam verabredete Drehpläne dies- und jenseits der Grenze.
MUSIK All clued up Z8034434 107 (0.43)
ERZÄHLER
Plötzlich erhält er wieder ein Besuchsvisum. Die Zusammenarbeit zwischen Ost und West im Kinderfilm geht weiter und nimmt nach dem Prager Frühling richtig Fahrt auf.
ERZÄHLERIN
Offenbar gelingt es Ota Hofmann, die Zensur zu umschiffen.
ERZÄHLER
Vielleicht ist der Kinderfilm und -fernsehbereich auch politisch unverdächtig. Oder man freut sich über das internationale Renommee, das die Kinderproduktionen aus der Tschechoslowakei inzwischen gewinnen.
ERZÄHLERIN
Auch aus Qualitätsgründen erhält Ota Hofmann die Zusammenarbeit mit Kollegen aufrecht, die er gemäß politischer Weisung nicht mehr beschäftigen dürfte, erzählt die Slavistin Helena Srubar.
7 ZU (Srubar 0.34)
Es war ein großes Glück, weil offenbar unter seiner Hand mit den Künstlern oder Filmemachern, die bis dahin beschäftigt waren, möglich war, dass da weitergearbeitet werden konnte. Und es ist dann praktiziert worden unter Ota Hofmann, dass man beispielsweise Drehbücher von verbotenen Autoren unter anderem Namen umgesetzt hat. Zum Beispiel die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ waren von Franticek Pavlicek geschrieben, und der durfte eben nicht mehr arbeiten. Und es wurde dann unter einem anderen Namen gemacht.
ERZÄHLER
Dieses – bald etablierte – Vorgehen täuscht die Zensurbehörde wohl nur bedingt. Trotzdem schreitet sie nicht ein.
ERZÄHLERIN
Solange ein anderer Name auf dem Skript steht –
ERZÄHLER
Schwierig wird es nur bei Darstellern, die eigentlich ganz verbannt sein sollten von den tschechoslowakischen Bildschirmen.
ERZÄHLERIN
Aber auch dafür findet sich eine Lösung. Denn die DDR und andere osteuropäische Nachbarländer zeigen großes Interesse daran, die aufwendig inszenierten Märchen- und Fantasyproduktionen anzukaufen. Oder als Co-Produktionen mitzufinanzieren. Und auch Westdeutschland, gerade der Westdeutsche und der Bayerische Rundfunk, mischen bald mit.
8 ZU (Srubar 2:33)
Dadurch, dass durch die Co-Produktion Devisen ins Land, ins System gespült wurden und man natürlich auch ein Feigenblatt hatte zu zeigen eben hier die sozialistische tschechoslowakische Kultur liefert auf so hohem Niveau auf die westdeutschen Bildschirme, wurde da sicherlich dann doch durchaus manches toleriert, was man intern, also nur für den tschechoslowakischen Markt, möglicherweise nicht toleriert hätte.
MUSIK Vincek und die drei Haselnüsse C1590140 110 (0.44)
TC 08:12 – Die Erfolge der Achse Köln - Prag
ERZÄHLER
In dieser Gemengelage wird der tschechische Kinderfilm international. Der Tross an Filmschaffenden ist ab den späten 60er Jahren dauernd in Bewegung. Für die „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ wird eine Burg 30 Kilometer von Pilsen umgebaut. Aus der stolzen Anlage mit Wassergraben, mehreren Mauerringen und dicken Türmen entsteht der Gutshof der Stiefmutter mit Scheunen und Wirtschaftsgebäude. Die Kulissengestalter setzen ein zweiflügliges Tor in die Außenmauer ein.
ERZÄHLERIN
Durch das reiten später Aschenbrödel und der Prinz –
ERZÄHLER
Andauernd ein und aus und hin und her.
ERZÄHLERIN
Am Ende dann gemeinsam…
ERZÄHLER
Davor braucht es aber noch die Begegnung im Wald und auf dem Ball.
ERZÄHLERIN
Das Drehbuch sieht romantische Szenen im Frühling vor, warme erste Sonnenstrahlen, blühende Wiesen. Für Regisseur Václav Vorlíček muss die Geschichte in der Renaissance spielen.
ERZÄHLER
Zu üppig für das tschechoslowakische Budget.
ERZÄHLERIN
Ota Hofmann lässt seine Kontakte zur DEFA spielen. Die Filmgesellschaft der DDR steigt finanziell und personell mit ein, hat aber im Sommer keine Kapazitäten mehr. Aus Aschenbrödel muss ein Wintermärchen werden. Die ideale Fügung, wie sich später herausstellt, der perfekte Weihnachtsfilm. WDR-Kinderfilm-Chef Gert Müntefering sieht die ersten Szenen bei einem Besuch in Prag und kauft sofort an.
9 ZU (MÜNTEFERING 18.33)
Entscheidend war dann auch noch, dass wir ein System finden mussten, um nicht nur Käufer zu sein.
ERZÄHLER
Erinnert sich Müntefering. Man wollte mitgestalten, ähnliche Projekte gemeinsam umsetzen. Wieder wird viel telefoniert…
10 ZU (MÜNTEFERING 18.33)
Ich habe dann in Prag mit Vorlíček, der diese berühmten „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gedreht hat und wunderbare Märchenfilme, den hab ich dazu gebracht und das tschechische Fernsehen dazu überredet, dass sie dann „Die Märchenbraut“ gedreht haben. Das war ein Auftrag des WDR, der zu einer Coproduktion mit dem tschechischen Fernsehen geführt hat, und das hat gut geklappt.
MUSIK Märchenbraut (Rechte geklärt mit WDR, Musik: Luboš Fišer 1981;
Dagmar Patrasová – Xenie A Arabela / Co Se Děje V Groteskách;
Label: Panton – 8143 0180, Vinyl, 7", 45 RPM, Repress
Czechoslovakia; WDR Archimedes 0118248, 17.07.1982,
Die Märchenbraut, Folge 01 (1.00)
ZITATORIN
„Die Märchenbraut“, Serie 1979 bis 1981: Der Schauspieler und Märchenerzähler Karl Majer gerät zufällig an ein magisches Glöckchen, das den Zauberer Rumburak aus dem Märchenreich herbeiruft. Nun geht es hin und her zwischen echter und Märchenwelt. Figuren der Brüder Grimm tauchen auf, genauso Fantomas oder Tarzan.
Liebe gibt es auch: Arabella, die jüngere Tochter des Königs, verguckt sich in Peter, den Sohn von Herrn Majer. Rumburak möchte sie für sich und entführt Arabella auf seine Burg. Peter sucht, findet und verliert sie andauernd wieder. Die beiden kommen nie dazu, sich zu küssen. Immer gerät was oder wer dazwischen. Erst in der allerletzten Szene der allerletzten Folge…
ERZÄHLER
Die Serie läuft in der Tschechoslowakei und in der BRD recht erfolgreich. Die Achse Barrandov in Prag – WDR in Köln wird in der Folgezeit besonders produktiv. Klassiker wie „Pan Tau“, der schweigsame Zauberer mit der schwarzen Melone, dessen Künste meistens wenig helfen und die Lage eher grotesk verschlimmern, entstehen bis 1978 zusammen. Oder 1980 „Luzie, der Schrecken der Straße“.
ERZÄHLERIN
Für die Berliner Kinderfilmregisseurin und Autorin Katharina Schöde ein absoluter Hingucker:
TC 11:54 – Von inkompetenten Eltern und mutigen Kindern
11 ZU (Schöde 6.30)
„Luzie, Schrecken der Straße“ hat mich damals geprägt, sie war ein Mädchen, das waren ja damals noch nicht so viel in den Serien, sie war cool, hatte schon auch so ihre Probleme mit der Bande und wollte dazugehören, dann hatte sie diese lustigen Friedrich und Friedrich, die sie so begleitet haben.
MUSIK Luzie, der Schrecken der Straße (Rechte geklärt mit WDR, Video-Überspielung WDR; Musik: Angelo Michajlov 1980)
12.10.1980: Luzie, der Schrecken der Straße, Folge 1: Luzie will nicht allein sein. WDR Archimedes 0113301 (1.25)
ERZÄHLERIN
Die frechen Knetmännchen Friedrich und Friedrich, die alle möglichen Farben und Formen annehmen können und zu jedem Zauberquatsch bereit sind. Sie unterstützen die sechsjährige Luzie im Sommer vor der Einschulung, in dem alle Freundinnen in Urlaub sind, und nur Luzie daheim in der Stadt bleiben muss.
ERZÄHLER
Luzies unbedingtes, aber hoffnungsloses Ziel: Sie will aufgenommen werden in die Bande des älteren Nachbarsjungen Oswald. Sechs ganze Folgen lang.
ERZÄHLERIN
Die bis heute regelmäßig wiederholt werden:
12 ZU (Luzie/ Wally 0:10)
Als Erstes musste eigentlich der Kühlschrank repariert werden und der, der den Kühlschrank repariert hat, hat dann das Kabel aus Versehen durchgerissen und die Tapete kaputt gemacht und dann mussten immer mehr Helfer kommen, weil immer mehr kaputtgegangen ist. // Also da war die Luzie und auf einmal war in ihrem Wohnzimmer eine Schlittschuhbahn, da war alles voller Eis und dann sind sie mit den Freundinnen Schlittschuh gefahren. // Aber am Ende ist dann doch irgendwie alles gut gegangen.
ERZÄHLER
Auf reichlich magische Art und Weise gut gegangen.
ERZÄHLERIN
Dank Friedrich und Friedrich.
ERZÄHLER
Naja, eher trotz Friedrich und Friedrich. Deren fröhlich überbordende Magie ist selten wirklich zielführend…
ERZÄHLERIN
Aber auf jeden Fall gut gegangen, denn das macht viele der damaligen Kinderfilme und Serien aus der Tschechoslowakei aus. Die Kinder finden eine Lösung. Gerne mit zauberhaften Freunden.
ERZÄHLER
Nie mit kompetenten Eltern –
ERZÄHLERIN
Denn die gibt es nicht.
13 ZU (Luzie/ Wally 5:10)
Die Mama, als erstes schimpft sie total und dann ist sie wieder total nett, und der Papa ist schon immer nett und ist manchmal auch so unsicher und einmal hat er auch zu der Mama von der Luzie gesagt, das ist nichts für Dich. Also ich finde die Eltern nicht so toll.
MUSIK Die Tintenfische aus dem zweiten Stock (Rechte geklärt mit WDR, Video-Überspielung WDR; Musik: Angelo Michajlov 1986) WDR Archimedes 0186301; 19.8.1990; Folge 1: Der Fliegende Ferdinand (0.47)
ERZÄHLERIN
Für die jungen Hauptfiguren heißt das: Sie müssen selber ran. Zum Beispiel „Tintenfische im zweiten Stock“ in der gleichnamigen Serie im Zaum halten.
Außerirdische unbemerkt durch den irdischen Alltag lotsen wie in „Die Besucher“. Da wird geflogen und verwandelt, hergezaubert und in Luft aufgelöst.
TC 14:38 – Tschechische Märchen: Keine Kategorie B
14 ZU (Schöde 2.00)
Aus heutiger Sicht sieht das alles sehr nostalgisch und niedlich aus, aber für damalige Zeiten waren das unglaubliche Sachen, die da ausprobiert wurden. Mit Special Effects und Knete und Kameratechnik wurden da fantastische Sachen erzählt in Science Fiction und Fantasy-Filmen und Serien, die wegweisend waren.
ERZÄHLER
Schwärmt die Berliner Kinderfilmerin Schöde.
15 ZU (Schöde 2.50)
Vom Technischen sind diese Barrandov-Studios in Prag immer schon toll gewesen und die hatten tolle Leute, die viel ausprobiert haben.
ERZÄHLERIN
Speziell auch in Produktionen für Kinder. Während die in der BRD in den 1960er, 70er, ja noch 80er Jahren vor allem didaktisch daherkommen und kaum Sendeplätze erhalten, darf sich der tschechoslowakische Kinderfilm thematisch und technisch austoben, erklärt die Slavistin Helena Srubar.
16 ZU (Srubar 3.04)
Man muss sagen, dass im tschechoslowakischen Filmschaffen der Kinderfilm nicht eine Kategorie B war. Das galt genauso als künstlerisch anspruchsvoll, schon vor 68 wie hinterher. Das heißt es, es haben Kameraleute wie auch Schauspieler in allen Bereichen gespielt. Deshalb waren auch diese Produktion in der Tschechoslowakei so beliebt, weil die Schauspieler kannte man zum Teil aus dem Nationaltheater und aus den Erwachsenenfilmen. Also, es war nicht, dass man gesagt hat, für Kinder muss man irgendwie ein extra Repertoire haben, oder es sei eben künstlerisch weniger wertvollen. Es hatte den gleichen Anspruch.
ERZÄHLERIN
Anders als in Deutschland steht die Kategorie „Märchen“ im Film gleichauf mit Drama.
ERZÄHLER
Märchen haben in der tschechischen Kultur einen hohen Stellenwert, waren immer zuhause im Theater und in der Hochliteratur. Abstruses, Unerklärliches –
ERZÄHLERIN
Gruseliges –
ERZÄHLER
Zauberhaftes –
ERZÄHLERIN
Wunderbares –
ERZÄHLER
Ohne schweren didaktischen Überbau…
17 ZU (Srubar 9:44)
Diese Freude daran, Autoritäten zu dekonstruieren und lächerlich zu machen, das zieht sich überall durch. Das gibt es auch ganz stark in der tschechischen Märchentradition, also in der literarischen Märchentradition. Im Film genauso, definitiv, das haben sie ja im Aschenbrödel auch, dass der König, quasi genauso ein kleiner Bub ist, von der Königin gerügt wird, wie sein eigener Sohn, dass er nicht tanzen kann, wenn er ihr auf die Füße getreten ist, und so weiter.
MUSIK Sendung mit der Maus Z8034995 213 (0.23)
ERZÄHLER
Für den ehemaligen WDR-Kinderfilmchef Gert Müntefering das perfekte Programm. Im WDR hatte er die „Sendung mit der Maus“ mitentwickelt. Darin laufen ab 1971 Lach- und Sachgeschichten, die die echte Welt erklären. Mehr ist dem deutschen in erster Linie Bildungsfernsehen für Kinder noch nicht abzuringen. Allerdings: Den Kleinen Maulwurf kauft Müntefering als tschechoslowakischen fantastischen Import dazu, gleich nach einem Treffen mit dessen Zeichner und Erfinder, dem Trickfilmer Zdeněk Miler:
MUSIK/ TV Der Kleine Maulwurf (Rechte mit WDR geklärt) Video-Überspielung WDR, WDR Archimedes 0706806, Geschichten vom Maulwurf – Der Angler (0.42)
18 ZU (MÜNTEFERING 44.00)
Und nun ja, Maulwurf – wer nicht erkannte, dass das eine liebenswerte Figur mit Überlebensdauer ist, der sollte sich doch einwecken lassen.
ZITATORIN
Rotes Spitznäschen, runde schwarze Augen, drei Haare in die Luft – so tapst der Kleine Maulwurf vergnügt durch Wald und Wiesen.
Mit seinen besten Freunden Hase, Igel und Maus erlebt er meist unaufgeregte Abenteuer, ein Picknick im Regen, einen Badeausflug an den See. Manchmal trifft er auf Menschen oder wird mit dem so ganz anderen Leben in der Stadt konfrontiert. Damit er überall auf der Welt verstanden wird, spricht der Kleine Maulwurf nicht. Sein glucksendes Lachen ist sein Markenzeichen.
19 ZU (MÜNTEFERING 44.00)
Insofern habe ich 65 das gesehen, da habe ich gesagt, wir kaufen gleich die nächsten Filmoptionen, ich habe gesagt, der WDR kauft ihn und der Etat war ja da. Diese Figur entfaltete sich dann und ich habe auch längere Geschichten mit ihm gemacht.
ERZÄHLERIN
Herzige Geschichten –
ERZÄHLER
Traurige –
ERZÄHLERIN
Versöhnliche Geschichten über ein gutes Miteinander.
TC 18:41 – Völkerverständigung durch Freundschaft und Gerechtigkeit
ERZÄHLER
Wie der Kleine Maulwurf bleiben viele Serienfiguren und Kindersujets aus der Tschechoslowakei weitgehend fantastisch-ideologielos. Ihre Macher sind oft Regimekritiker, die nach dem Prager Frühling ins Kindersegment ausweichen. Sozialistische Propaganda zu verbreiten, liegt ihnen fern.
ERZÄHLERIN
Was dagegen für das Publikum daheim, aber auch in den östlichen und westlichen Nachbarländern funktioniert, ist das grundsätzliche Ideal der Freundschaft, die mehr zählt als schnödes Geld. Manch ein Bösewicht in „Pan Tau“ fährt schon mal Mercedes und spricht mit englischem, französischen oder italienischen Akzent, übrigens nur im tschechischen Original.
ERZÄHLER
Trotzdem erzählen die wenigsten Serien und Filme den Kapitalismus als das Böse.
ERZÄHLERIN
Eher den einzelnen Kapitalisten, dem es um Geld und damit um persönliche Macht geht. Beispiel:
MUSIK Der Fliegende Ferdinand (Rechte geklärt mit WDR, Musik: Karel Svoboda 1983: Návštěvníci / Létající Čestmír Composer: Karel Svoboda; Label: Supraphon 1985 Vinyl; Type TV Series/TV film; Der Fliegende Ferdinand Folge 1, Der Stein, WDR Archimedes 0127071 (0.46)
ZITATORIN
„Der fliegende Ferdinand“, Serie 1983/ 84: Der Junge Ferdinand wird von einem Meteoriten verschluckt und auf den Planeten der Blumen befördert. Von dort bringt er Zaubergewächse mit. Riecht er an der einen Blume, kann er fliegen.
Schnuppert er an der anderen, wird er erwachsen und sieht aus wie sein Vater. Sein Lehrer will auch solche Blumen – um die Menschheit zu retten. Die Kinder unterstützen das. Der Friseur ums Eck jedoch stiehlt die Blumen, um sie ohne Rücksicht auf nichts und niemanden zu Geld zu machen.
ERZÄHLER
Es siegt die Gerechtigkeit, nicht der Egoist, der sich bereichern will.
ERZÄHLERIN
Ein Motiv, das Ost und West damals verband, sagt die Slavistin Helena Srubar. Wie überhaupt die tschechoslowakisch-deutschen Kinderserien und Filme der 1970 und 1980er Jahre zur Völkerverständigung beitrugen:
20 ZU (Srubar 14.17)
Meine Eltern sind 1969 aus Prag emigriert, und ich bin zweisprachig mit Tschechisch groß geworden und zusätzlich zu der allgemeinen Faszination für diese Serien war das für mich total schön. Wenn im Fernsehen Prag gezeigt wurde oder meine Eltern kamen und sagten, das ist der Schauspieler so und so, das war irgendwie total schön. Wenn quasi von der anderen Seite vom Eisernen Vorhang also einen Gruß kam und auch plötzlich meine Freundinnen damit etwas anfangen konnten, weil über tschechische Kultur war zu dem Zeitpunkt eigentlich ansonsten nicht viel bekannt oder präsent. Und das hat mir natürlich sehr gut gefallen.
MUSIK Drei Haselnüsse für Aschenbrödel Z9379692 004 (1.00)
ERZÄHLER
Heute gefallen diese Serien und Filme immer noch.
ERZÄHLERIN
Manche Tricktechnik mutet im Computerzeitalter vielleicht etwas nostalgisch und langsam an.
ERZÄHLER
Dafür besitzen die märchenhaften Geschichten nach wie vor Zauber. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zum Beispiel. Wenn Aschenbrödel und der Prinz auf ihren Schimmeln Seite an Seite durch den Schnee reiten. Ihr weißbauschiges Brautkleid flattert im Wind. Sie halten sich reitend an den Händen und lächeln sich an.
ERZÄHLERIN
Weil sowas in echt nicht geht, mussten die Schauspieler beim Dreh auf dem Bauch eines Kameramanns sitzen. Der wurde auf einem Schlitten gezogen und filmte sie von unten. Nicht so romantisch.
ERZÄHLER
Aber im Film funktioniert es. Der wichtigste Weihnachtsfilm.
ERZÄHLERIN
Auf sämtlichen Sendern.
ERZÄHLERIN/ ERZÄHLER
Alle Jahre wieder.
TC 21:58 - Outro
Jahrhundertelang wurden die Erzählungen der Sinti und Roma mündlich überliefert, doch seit dem 20. Jahrhundert blüht überall in Europa auch eine schriftliche literarische Tradition auf: in Deutschland vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Überlebenden der Konzentrationslager zur Feder greifen, um sich Gehör zu verschaffen in einer Gesellschaft, die sie bis heute an den Rand drängt.Der 19. Dezember ist der jährliche Gedenktag für die Opfer des Völkermordes an den Sinti und Roma. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2022)
Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Christian Baumann, Silke von Walkhoff, Thomas Loibl
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Deutschlandfunk (2022): Literaturen von Sinti und Roma – Aber es gibt ein Morgen
Ihre Literatur ist nahezu unbekannt: 2019 waren Sinti und Roma zum ersten Mal mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Ein Blick auf literarische Gegenentwürfe zu einer Welt der Intoleranz und Ignoranz.
ZUM BEITRAG
Deutschlandfunk (2020): Texte von Sinti und Roma – Aufbruch aus dem Verborgenen
Literatur über „Zigeuner“ gibt es zuhauf, viel mehr als über Sinti und Roma. Literatur von der größten ethnischen Minderheit Europas aber gibt es kaum. Erst seit dem Holocaust nimmt die Zahl ihrer Texte zu. Sinti und Roma schreiben zurück.
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 00:44 – Papier hat Geduld: Die Schriftstellerin Ceija Stojka
TC 03:25 – Grenzgänge der Menschheit: Der Schriftsteller Jovan Nikolić
TC 05:54 – Eine tiefe Verwobenheit der Kulturen
TC 08:59 – Zivilisation der Liebe: Die Dichterin Philomena Franz
TC 15:15 – Bruch des Schweigens
TC 17:27 – Der Bannstrahl eines Volkes: Die Poetin Papusza
TC 19:56 – Das Ende der Kessel-Ära: Der Schriftsteller Ruždija Sejdović
TC 22:42 – Outro
TC 00:15 – Intro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Ansage:
Sinti und Roma haben ihr reiches kulturelles Erbe jahrhundertelang mündlich überliefert, aber seit dem 20. Jahrhundert erheben sie auch als Literaten ihre Stimme. Im deutschsprachigen Raum mischen sich östliche und westliche Traditionen, die vom Leid der Verfolgung, von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe und von dem konfliktreichen, aber auch fruchtbaren Verhältnis zu ihren europäischen Heimatländern erzählen.
MUSIK 1: „Remise“ – C1557040106 – 30 Sek
TC 00:44 – Papier hat Geduld: Die Schriftstellerin Ceija Stojka
ZITATORIN:
„Der Punkt war, dass ich mit jemandem reden wollte. Es war aber niemand da, der mir zugehört hätte, und Papier ist geduldig. Es hat mit dem Schreiben halt recht gehapert, aber wie ich einmal begonnen habe, sind die Erinnerungen nur so herausgeschossen. Danach hat es mir das Gefühl gegeben, es ist vollbracht, das ist jetzt die Wahrheit.
MUSIK 2: „Föhrenwald“ - C1422880003 – 1:10 Min
ERZÄHLER:
Sagt Ceija Stojka, Schriftstellerin und Malerin, eine Romni aus Österreich. Wenn Sinti und Roma die Bühne der Literatur betreten, müssen sie vielen Schwierigkeiten trotzen, gegen weitverbreitete Klischees anschreiben, gegen Vorurteile und Ahnungslosigkeit, oft auch gegenüber dem Ausmaß ihrer jahrhundertelangen Verfolgung. Sie fand ihren Höhepunkt im Porajmos, so heißt der Holocaust in ihrer Sprache, dem Romanes, übersetzt: das Verschlingen. Hunderttausende Sinti und Roma wurden verfolgt und ermordet. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln. Schätzungen rechnen mit bis zu einer halben Million Todesopfer. Ceija Stojka wurde als zehnjähriges Kind nach Auschwitz deportiert und hat das Grauen überlebt. Bis zu ihrem Tod im Jahre 2013 war sie die engagierteste Stimme der österreichischen Roma. In ihrer Autobiographie „Wir leben im Verborgenen“, in ihren Gemälden und Gedichten sind die Lager immer gegenwärtig.
ZITATORIN:
„du hast angst vor der finsternis?
ich sage dir, wo der weg menschenleer ist,
brauchst du dich nicht zu fürchten.
ich habe keine angst.
meine angst ist in auschwitz geblieben
und in den lagern.
auschwitz ist mein mantel,
bergen-belsen mein kleid
und ravensbrück mein unterhemd.
wovor soll ich mich fürchten?“
ERZÄHLER:
Z 6399, diese Nummer wird dem kleinen Mädchen auf den Unterarm tätowiert und geht lebenslang nicht weg. Z für Zigeuner. Die meisten Sinti und Roma können das Wort nicht mehr ertragen. Andere wollen es wieder positiv besetzen und bezeichnen sich immer noch so. Denn die ursprüngliche Bedeutung ist zwar unklar, aber nicht negativ, mit „Gauner“ hat es jedenfalls nichts zu tun. In dieser Sendung wird das Wort „Zigeuner“ auch zu hören sein – in historischen Kontexten oder wenn die Autoren sich selbst so nennen. Ansonsten sprechen wir von Sinti und Roma, das sind traditionelle Eigenbezeichnungen. Rom heißt „Mensch“.
MUSIK 3: „The Struggle within – C1595040106 - 55 Sek
TC 03:25 – Grenzgänge der Menschheit: Der Schriftsteller Jovan Nikolić
Und „Roma“ ist der Oberbegriff für eine sehr unterschiedliche Gruppe von Gemeinschaften im ost- und südosteuropäischen Raum, auch in Österreich. Sinti sind hauptsächlich in West- und Mitteleuropa zu Hause, vor allem in Deutschland. Im Laufe des Kosovo-Krieges kamen viele Roma als Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, darunter auch zwei bedeutende Schriftsteller, Ruždija Sejdović und Jovan Nikolić. Nikolić, ein serbischer Rom, ist 1999 nach Deutschland emigriert und wohnt in Köln. Meistens schreibt er in serbischer Sprache. In „Weißer Rabe, schwarzes Lamm“, einer 2011 erschienenen Sammlung von Kurzprosa aus dem Drava-Verlag, gibt er zu erkennen, was es als Kind für ihn bedeutet hat, als „Zigeuner“ wahrgenommen zu werden.
ZITATOR:
„Ein kleiner Junge spaziert mit seinem Vater durch die Stadt. Er hört, wie jemand in ihrem Rücken ihnen ein Wort nachwirft: Zigeuner. Er versteht das Wort nicht, spürt aber, wie in ihm, vom Feuer der väterlichen Hand, die ihn hält, etwas zu brennen beginnt. Er ahnt, dass dieses Wort, voll einer unbekannten Gefahr, einen verhängnisvollen Einfluss nehmen wird auf sein künftiges Leben; dass es, den Kiefer voll niederträchtiger Konsonanten, nach ihm schnappen und sein Herz mit den scharfen Zähnen des Spotts und der Verachtung heimsuchen wird.“
MUSIK 4: Sonate für Zymbal solo -71086750Z00 – 35 Sek
ERZÄHLER:
Jovan Nikolić zählt heute zu den wichtigsten Autoren aus der Gruppe der Roma, sein Werk wurde in 10 Sprachen übersetzt. Seine Dramen, Gedichte und Prosastücke entführen in surreale Bilderwelten zwischen Traum und Wirklichkeit, Vernunft und archaischer Magie. Grenzgänge, die zum Menschen gehören, nicht nur zu den Sinti und Roma. Auch wenn diese möglicherweise besonders viel davon verstehen.
ZITATOR:
Hab ich dir gesagt, dass deinem Zimmer die Räder fehlen?
Während im Gespräch die Gespenster entschweben
Und die Körper in Schüben erbeben,
während uns im Nabel
der Schlaf einholt,
reitet das Zimmerchen bis ans Ende der Nacht.
Denk dir die Dämmerung
Im Mittelpunkt
Des Unwahrscheinlichen:
Die Erde umrundend
Kehren wir zurück,
woher wir gekommen.
MUSIK 5: „Melodie“ – C1399000104 - 50 Sek
TC 05:54 – Eine tiefe Verwobenheit der Kulturen
ERZÄHLER:
Niković stammt aus einer Musikerfamilie. Musik, Tanz, Instrumentenbau, Kunsthandwerk, Puppenspiel, Schaustellerei, das sind Tätigkeiten, die sich mit Wanderschaft gut vertragen und in diesen Volksgruppen eine lange Tradition haben. Sinti und Roma haben ihren reichen Schatz an Liedern, Märchen und Erzählungen über Jahrhunderte mündlich überliefert. „Zigeunerbilder“ gibt es trotzdem in Hülle und Fülle, sie stammen allerdings aus der Kunst- und Kitschproduktion der Mehrheitsbevölkerung: dunkle, glutäugige Männer, verführerische Mädchen und dämonische alte Frauen, Tänzer, Sänger, Wahrsagerinnen, Zauberinnen, Messerstecher, Arbeitsscheue, Kindsräuber und Diebe, die die Wäsche von der Leine klauen.
Die ersten schriftlichen literarischen Zeugnisse von Sinti und Roma selbst entstehen erst im 20. Jahrhundert, doch es werden schnell mehr. Ihre Literatur ist ein vielgestaltiges, europaweites, ja weltweites Phänomen, im deutschen Sprachraum noch viel zu wenig bekannt. Viele Menschen wissen gar nicht, wie tief die Kultur der Sinti und Roma und die europäischen Kulturen ineinander verwoben sind, sagt Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma:
01 O-TON 14.45 ROSE
Die europäische Klassik von Beethoven, Liszt, Händel usw., da haben die Roma in Ungarn einen hohen Beitrag geleistet. Das ist auch von den großen Komponisten anerkannt worden. Das wollen wir stärker in die Öffentlichkeit stellen. Zum Beispiel: Wer weiß schon, dass der Flamenco in Spanien seinen Ursprung bei der Minderheit hatte, die ihn aus ihrer ursprünglichen Heimat Indien vor 1000 Jahren den Kathak, das war ein Fußtanz gewesen, nach Europa, nach Spanien gebracht haben, und dass das heute zum europäischen Kulturerbe gehört. Weiß niemand. Wissen Sie, die Erfahrungen der Geschichte, das Negative, ist eine Sache. Zur Versöhnung müssen jetzt die kulturellen Leistungen der Minderheit kommen.
ERZÄHLER:
Das Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, hat viel Ähnlichkeit mit dem Sanskrit und weist Indien als ihre ursprüngliche Heimat aus. Vor 900 Jahren brachen sie unter dem Druck von Kriegen und sozialen Konflikten von dort auf, vor etwa 600 Jahren kamen sie in deutschen Gebieten an. Erst seit kurzer Zeit gibt es Bemühungen, das Romanes zur Schriftsprache zu entwickeln, doch erweist sich das als eine echte Herausforderung. In jedem Land hat es viele Wörter der jeweiligen Landessprache in sich aufgenommen und sehr unterschiedliche Dialekte herausgebildet. Umgekehrt funktioniert die Bereicherung ebenso, wenn auch schwächer. Wörter wie „Zaster“, „Kaschemme“, „Kaff“ und der Ausdruck „Null Bock haben“ kommen aus dem Romanes.
Sinti leben seit 600 Jahren in Deutschland. Das ist ihr Land, und sie fühlen sich ihm eng verbunden.
ATMO Veranstaltung Philomena Franz
TC 08:59 – Zivilisation der Liebe: Die Dichterin Philomena Franz
Am 21. Juli 2022 hat die Dichterin Philomena Franz, eine deutsche Sintezza, ihren 100sten Geburtstag gefeiert. Es gab einen Dankgottesdienst, eine Tagung mit Vertretern der Bundesregierung, des Europaparlaments, der Wissenschaft, ein Konzert, ausgerichtet vom Philomena-Franz-Forum in Rösrath in der Nähe ihres Wohnorts Bergisch Gladbach. Die Jubilarin nimmt an allem teil. Der Dichter und Essayist Matthias Buth, Leiter des Forums, kennt Philomena Franz seit Jahrzehnten.
03 O-TON BUTH 013
Philomena Franz ist für mich die Mutter Courage Deutschlands. Sie steht für mich für die Zivilisation der Liebe. Sie hält am Lied fest. Und am Gebet. Das sind beides Projektionen auf eine andere Welt, auf eine andere Zukunft. Deswegen ist es mir gar nicht so wichtig, ob sie eine Sintezza ist oder eine Roma oder was auch immer. Sie ist ein umfassender, liebenswürdiger Mensch, ein mütterlicher Mensch.
04 O-TON PHILOMENA FRANZ 003 1.40
Die Muttergottes ist immer unsere Schutzpatronin gewesen. Früher haben sie immer gesagt, die Sinti glauben nicht an Gott, die sind gottlos, aber nein: Die Sinti waren die richtigen Christen. Die Sinti sind zu ihrem Herrgott hingegangen und haben mit ihm geredet. Nicht nur gebetet. Geredet. Lieber Gott. Zeig, dass du da bist. Dass wir deine Kinder sind. Und dann ist wirklich mal ein Wunder geschehen.
ERZÄHLER:
Bis heute kommt es Philomena Franz wie ein Wunder vor, dass sie drei Konzentrationslager überlebt hat. Nach dem Krieg geht sie in Schulen, später auch in Volkshochschulen, in die Universitäten, in die Medien, um Aufklärungsarbeit zu leisten. „Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich“, das ist ihr Lebensmotto, das sie vor allem Kindern ans Herz legen will.
05 O-TON PHILOMENA FRANZ 005:
Ich hab ja für die Kinder zuerst Märchen geschrieben. Das war für mich wichtig. Denn ich hab gedacht, das ist die Generation, die einmal hier regiert.
ERZÄHLER:
Philomena Franz‘ Zigeunermärchen sind in Buchform erhältlich. Zwischen den einzelnen Geschichten gewährt die Dichterin Einblicke in die Bräuche und Lebensweise ihrer Volksgruppe. Das Wort Zigeuner findet sie bis heute nicht anstößig.
Musik 6: „Hamburg“ – C1546450112 – 30 Sek
ZITATORIN:
„Philomena: diesen Namen tragen viele Zigeunermädchen, und dieser Name bedeutet bei uns so viel wie Nachtigall. Bei uns Zigeunern bekommen Kinder sehr oft Namen von Vögeln und anderen Tieren; von Blumen, Früchten und andren Dingen, die die Natur uns schenkt. Ich kenn zum Beispiel einen Spatzo – das ist, wie du natürlich sofort gemerkt hast, unser Spatz“.
06 O-TON PHILOMENA FRANZ 3.00
Und dann hab ich denen von Auschwitz erzählt. Das waren dann schon die 14- und 15Jährigen, die Abgänge. Wie die Kinder gelitten haben. Und dann diese Angst. Kommen wir jetzt ins Krematorium, sind wir heute dran. Ich hätte nie gedacht, dass das die Kinder so angreift. Selbst der Rektor hat mitgeweint. Und hat gesagt: Frau Franz. Sie bringen das so weich und so ohne Anklage. Aber Sie bringen es den Kindern bei.“
ERZÄHLER:
Philomena Franz veröffentlicht ihre Erinnerungen im Jahr 1984 unter dem Titel „Zwischen Liebe und Hass“. Sie erzählen von einer glücklichen Jugend im Schoß einer großen, traditionsreichen, sehr erfolgreichen und sehr wohlhabenden Musikerfamilie, sie erzählen von der qualvollen Zeit in den Konzentrationslagern.
ZITATORIN
„Wenn ich einiges über die Liebe niederschreiben darf, was für manche vielleicht schlicht klingt, dann deshalb, weil ich das System des Nationalsozialismus in krassem Gegensatz dazu erlebte.“
ATMO Veranstaltung Philomena Frank (Musik, 50 Sek)
Schon als Kind tanzt und singt Philomena auf den großen europäischen Unterhaltungsbühnen, im Wintergarten in Berlin, im Lido in Paris. Philomena liebt das sommerliche Reisen im großen, prachtvollen Wohnwagen durch die lieblichen Landschaften Baden-Württembergs.
ATMO Frühlingswiese
ZITATORIN:
„Ich sitze unter einer Linde, die voller Vögel und Bienen ist. In der Stille wird die milde Hitze des Maimorgens spürbar: die Bienen, die Schmetterlinge. Ein schweigender und ein glühender Tag. Ich singe mit. Und aus dem großen Lindenbaum braust mir der Beifall der Vögel entgegen. Ach ja, das war eine schöne Zeit. Wir leben mitten in der Natur. Wir sind ein Stück von ihr.“
MUSIK 8: Terror drone - Z8031293117 – 50 Sek
ERZÄHLER:
Dann folgt der Sturz in die Hölle. Nazi-Deutschland, das bedeutet für die kaum 18-Jährige: drei Jahre härteste Zwangsarbeit, danach zwei Jahre Konzentrationslager, Auschwitz, Ravensbrück, Oranienburg. Hunger, Demütigung, Schläge. Der Foltertod der Schwester. Scheinhinrichtung, acht Tage Stehbunker nach einem gescheiterten Fluchtversuch. Philomena muss die Asche vergaster und verbrannter Menschen mit bloßen Händen auf einen Lastwagen schütten. In diesen Jahren verliert sie ihre gesamte Familie, Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, sieben Geschwister. Nur ein Bruder überlebt.
07 O-TON PHILOMENA 2.35
Wir halten unsere Toten sehr in Ehren. Die leben ja weiter. Es kann ja sein, dass sie bei uns sind, sehen, was wir machen. Ob wir was Schlechtes oder was Gutes machen. Machen wir was Gutes, freuen sie sich. Einfache Worte, aber sie wiegen sehr viel.
MUSIK 9: „Föhrenwald“ – C1422880003 – 40 Sek
ZITATORIN:
Als ich ein Kind war,
sah ich die Steine als Blumen,
bunt waren die Tränen der Hoffnung.
Rot und blau und gelb
Blühten sie lächelnd im Beete der Kindheit.
Um meine Schultern den Mantel der Farben,
weiß ich heute, dass es ein Traum war,
ein Traum, der mich zum Leben zwang.
Trunken vom Leben steh ich heute farblos
Und halte Ausschau nach dem wirklichen Sein.
Mein taubes Lächeln
Zeigt nur in steinige Gärten,
ich sehe den Schein zu vieler Narben.
TC 15:15 – Bruch des Schweigens
ERZÄHLER:
1982 erkennt die Bundesrepublik den Völkermord an den Sinti und Roma endlich an. Dank der Bürgerrechtsbewegung um den jungen Romani Rose wird die Öffentlichkeit auf ihr Schicksal aufmerksam. Ein Resonanzraum für ihr Schreiben entsteht, in dem die Überlebenden Gehör finden. Latscho Tschawo, Alfred Lessing, Walter Winter, Lolo Reinhardt, Otto Rosenberg, Krimhilde Malinowski, Hugo Höllenreiner und, in Österreich, die Romni Ceija Stojka schreiben über die erlittenen Qualen.
Auch Entschädigungsansprüche können jetzt nicht mehr so einfach abgeschmettert werden wie früher, als die Behörden der jungen Bundesrepublik behaupteten, Sinti und Roma seien nicht rassistisch verfolgt, sondern kriminell und wegen Verbrechensbekämpfung im Lager gewesen. Für diese Lüge gab es Gründe, sagt der Historiker Frank Reuter, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg.
08 O-TON REUTER 3.30
Im Grunde war die Kriminalisierung der Opfer Voraussetzung dafür, dass sich die Tätergesellschaft selbst entlasten konnte. Die Deportation zum Beispiel. Da sind ja nicht nur ein paar SS-Leute beteiligt. Da ist die komplette kommunale Verwaltung involviert. Und gerade auch die Funktionseliten der Kriminalpolizei waren zutiefst involviert in die Deportation auch von Kindern und Säuglingen. Um das zu verdrängen, um sich davon reinzuwaschen, mussten die Überlebenden kriminalisiert werden.
ERZÄHLER:
Es ist schwer für die Überlebenden, das Schweigen zu brechen. Die Angst sitzt tief, die Schulbildung ist unter den Bedingungen der Nazizeit bruchstückhaft geblieben. Sie wissen oft auch nichts von den literarischen Leistungen anderer Roma in anderen Ländern. Nichts von Mateo Maximoff, der 1939 als erster Rom einen Roman verfasst hat, in Frankreich im Gefängnis. Dort sitzt der 22-Jährige ein, weil er an blutigen Auseinandersetzungen zwischen zwei Roma-Stämmen beteiligt gewesen war.
Buchstaben hat Maximoff als Kind vom Vater gelernt, der als Kesselschmied ein paar Grundkenntnisse hatte, und gelesen hat er seither alles, was ihm in die Finger kam.
TC 17:27 – Der Bannstrahl eines Volkes: Die Poetin Papusza
Der Roman „Die Ursitory“, das sind die drei Schicksalsparzen der Roma-Mythologie, gewährt Einblick in die Normen, Regeln und Werte der Roma. Der Text entführt den Leser in eine archaische Welt mit blutigen Stammesfehden und strengen Regeln, durchdrungen von uralten Mythen. Freundliche Begegnungen mit der Mehrheitsbevölkerung sind möglich, aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Wer dem eigenen Stamm untreu wird oder ihm schadet, den trifft der Bannstrahl.
Papusza, die große Poetin der polnischen Roma, hat so einen Bann zu spüren bekommen. Ihre Eltern und ihr Stamm sind sehr dagegen, dass sich das um 1910 geborene Mädchen selbst lesen und schreiben beibringt. Sie sind auch beunruhigt, als ein polnischer Dichter ihre Begabung entdeckt und ihr Publikationsmöglichkeiten verschafft. Papusza schreibt über die Schönheiten der Natur und des Zigeunerlebens, später über die Schrecken der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Sie weiß genau, dass ihr Erscheinen auf der literarischen Bühne sie unerbittlich von ihrem Volk entfremdet
ZITATORIN:
Längst entschwunden sind die Zeiten
der Zigeuner, die gewandert.
Ich aber seh sie, hurtig wie Wasser,
stark und durchscheinend.
Man kann es hören,
wie's wandert,
wie's Lust hat zu reden.
Aber das Arme – es kennt keine Sprache
außer dem Rauschen und Silbergeplätscher.
ERZÄHLER:
Papusza will nicht gespensterhaft durchsichtig sein wie das Wasser. Sie will gesehen und verstanden werden, sie will schreiben. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. Nach dem Krieg wendet sich ihr eigener Stamm gegen sie. Man wirft ihr vor, Geheimnisse verraten zu haben, Polizei und Behörden in die Hände zu arbeiten. Papusza wird vom Ältesten des Clans für rituell unrein erklärt und aus dem Clan ausgestoßen. Sie muss psychiatrisch behandelt werden und wird sich bis zu ihrem Tod im Jahre 1987 nie völlig erholen.
ZITATORIN:
„Ich aber schreibe, wie ich kann
Auch wenn ich oftmals Tränen weine
Und hinterlasse ‚was‘ den Menschen
Die Welt erkennt mich und erinnert sich…“
MUSIK 10: „The struggle within“ – C1595040106 – 1 Min.
TC 19:56 – Das Ende der Kessel-Ära: Der Schriftsteller Ruždija Sejdović
ERZÄHLER:
In den osteuropäischen Ländern hat sich viel früher als im Westen eine Intellektuellenschicht unter den Roma herausgebildet, denn die kommunistischen Länder hatten effiziente Förderungsprogramme. Von ihnen profitierte auch Ruždija Sejdović aus Montenegro, Sohn eines Kesselschmieds. Er hat Literaturwissenschaft studiert, bevor er 1998 vor dem Kosovo-Krieg nach Deutschland floh. Heute lebt er wie Jovan Nikolić in Köln. Sejdović beschäftigt sich viel mit der Verschriftlichung des Romanes und schreibt auch oft in dieser Sprache. Der Erzählband „Der Eremit“ aus dem Jahre 2017, enthält eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Lord Byron und die Kessel“.
Darin erinnert sich der Autor an seine Kindheit, als eine Leidenschaft von ihm Besitz ergriff, die in den Traditionen seiner Familie keinen Platz hat.
ZITATOR:
„Waren es Bücher, auf die ich Hunger hatte? Diese Frage hämmerte auf mich ein wie eine Faust auf einen Betrunkenen. Ja, ich war hungrig auf Bücher! (…). Bücher, die Revolutionen auslösten, die zur Liebe inspirierten und Bücher, aus denen man etwas über mein Volk, meine Sprache, mein Dasein erfahren konnte. Bücher, über die man weinte, Bücher, die man verbrannte.“
ERZÄHLER:
Die Szene spielt auf einem Schrottplatz. Der Vater, der Kesselschmied, sucht dort nach verwertbarem Metall. Sein kleiner Sohn aber interessiert sich mehr für den Büchercontainer, wühlt begeistert darin herum. Eines der Bücher nimmt er mit. Was ist das für ein Buch, will der Vater wissen. Der Junge schlägt mit zitternden Händen die Titelseite auf und liest es ihm vor. George Gordon Byron. Ein für beide noch unbekannter Name, aber die ultimative Verführung.
ZITATOR:
„Bei unserer Rückkehr nach Hause wusste ich, dass sich die Ära der Kessel meiner Vorfahren Lord Byrons wegen dem Ende zuneigte. Die Hände auf den Magen gepresst, weinte ich in meiner Ecke die ganze Nacht im Schlaf.“
MUSIK 11: „The struggle within“ – C1595040106 – 40 Sek
ERZÄHLER:
In Montenegro ist Ruždija Sejdović ein angesehener Schriftsteller, dessen Werke auf Serbisch und Romanes erscheinen. In Deutschland wird es wohl noch eine Weile dauern, bis diese neue Literatur aus ihrer Nische herausfindet. Es wäre ihr zu wünschen. Denn diese Texte erzählen, jenseits aller Folklore, vom kulturellen Erbe der Sinti und Roma, das tief in die europäische Kultur verwoben ist, und sie entwickeln diese konfliktreiche, aber auch fruchtbare Beziehung weiter.
MUSIK aus.
TC 22:42 – Outro
Ursprünglich stammen Sinti und Roma aus Indien, von dort aus wanderten sie über viele Jahrhunderte nach Westen. Auf deutschem Boden zunächst geduldet, erklärte man die "Fremden" bald zu Vogelfreien. Danach kam es immer wieder zu Tötungen und Vertreibungen. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma offiziell registriert. Auf diese Akten griffen später die Nationalsozialisten zurück, als sie sie verfolgten und massenhaft ermordeten.Der 19. Dezember ist der jährliche Gedenktag für die Opfer des Völkermordes an den Sinti und Roma. Autorin: Maike Brzoska (BR 2022)
Credits
Autor/in dieser Folge: Maike Brzoska
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak
Linktipps:
RESPEKT (2023): Geschichte der Sinti und Roma
In Europa leben ca. 12 Millionen Sinti und Roma. Damit sind sie die größte ethnische Minderheit auf dem Kontinent. Sie erleben laufend Diskriminierung und Vorurteile. Woher kommt das? Über die Geschichte der Sinti und Roma in Europa.
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Planet Wissen (2022): Ausgegrenzt und benachteiligt – Vorurteile gegen Sinti und Roma
Sinti und Roma leben seit mehr als 600 Jahren in Deutschland und trotzdem denken viele, dass sie nicht dazugehören. Der Blick auf sie ist immer noch getrübt durch Vorurteile, die mit der heutigen Lebensrealität der Menschen nichts zu tun haben. Im Schulunterricht wird die Geschichte und der Völkermord an diesen Volksgruppen im Nationalsozialismus kaum erwähnt.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 00:43 – Im Hungerstreik
TC 02:01 – Die Ursprünge der Sinti und Roma
TC 03:36 – Ein Volk mit vielen Namen
TC 04:48 – Mittelalterliche Handelsbeziehungen und Geleitbriefe
TC 07:04 - Vogelfrei
TC 09:40 – Systematische Diskriminierung im Kaiserreich
TC 11:58 - Im Nationalsozialismus: die lebensgefährliche „Rassenfrage“
TC 13:53 - Im Vernichtungslager
TC 15:41 – „Porajmos“ – Ein vertuschter Völkermord
TC18:42 – Eine gebrochene Generation
TC 20:37 – Angst trotz Anerkennung
TC 22:42 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
Podcast-Ansage:
Hier ist radioWissen. Ursprünglich stammen Sinti und Roma aus Indien, von dort aus wanderten sie über viele Jahrhunderte nach Westen. Auf deutschem Boden zunächst geduldet, erklärte man die „Fremden“ bald zu Vogelfreien. Zuerst wurden sie ausgrenzt, dann vertrieben und getötet. Im Nationalsozialismus wurden sie systematisch ermordet. Dieses Unrecht wurde lange geleugnet.
Musik: Z8020108141 In der Finsternis 0‘30
TC 00:43 – Im Hungerstreik
SPRECHERIN
April 1980 in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau. Die Männer liegen auf einfachen Pritschen, ein Kissen im Nacken, manche haben sich mit einer Decke zugedeckt. In ihren Blicken: feste Entschlossenheit. Es sind zwölf Sinti, die an diesem geschichtsträchtigen Ort im Hungerstreik sind. Darunter auch Überlebende des Porajmos, wie der Völkermord durch die Nationalsozialisten auf Romanes genannt wird, bei dem Hunderttausende Roma und Sinti getötet wurden.
01 O-TON (Rose)
Es waren fünf Überlebende beteiligt, von Auschwitz, von Dachau, und mit Mauthausen war einer beteiligt, der hat die Zwangssterilisation erfahren, der wurde unfruchtbar gemacht.
Musik: Z8020108141 In der Finsternis 0‘29
SPRECHERIN
Sagt Romani Rose im Interview mit dem Historiker Jan Selling für das Dokumentationszentrum RomArchive (englisch ausgesprochen). Rose gehört zu den Jüngeren des Hungerstreiks. Er hat 13 Familienangehörige im Holocaust verloren. Mit der Protestaktion wollen sie auf anhaltendes Unrecht aufmerksam machen. Ihre Forderung: die Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten.
02 O-TON (Rose)
Dieses Verbrechen musste im Sinne des Strafrechts und des internationalen Rechts durch die Bundesregierung anerkannt werden. (13)
Musik: Z8019016129 Dark figures 0‘31
TC 02:01 – Die Ursprünge der Sinti und Roma
SPRECHERIN
Es war der traurige Höhepunkt einer mindestens 600 Jahre langen und sehr wechselhaften Geschichte der Minderheit auf deutschem Boden. Ursprünglich stammen Sinti und Roma aus Nordwestindien. Von dort zogen sie vermutlich zunächst nach Persien und dann nach Südeuropa, sagt die Historikerin Karola Fings. Sie leitet die „Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa“ der Universität Heidelberg.
03 O-TON (Fings)
Es gibt verschiedene Theorien, aber die für mich plausibelste ist die, dass es so eine relativ kohärente Auswanderung gegeben hat einer Gruppe aus Nordwestindien dann bis nach Persien, und die sich relativ lange im Byzantinischen Reich aufgehalten hat. Und erst mit dem Vordringen der osmanischen Truppen so ab dem 15. Jahrhundert begann dann die Migration nach Westeuropa.
SPRECHERIN
Diese Migrationsroute belegen vor allem sprachwissenschaftliche Forschungen.
04 O-TON (Fings)
Das Romanes hat sehr alte Wortbestandteile, und da gibt es sehr viele Wortbestandteile zum Beispiel aus dem Griechischen, woraus man dann schließen kann, dass es dort lange Aufenthaltszeiten gegeben hat.
SPRECHERIN
Viele Sinti und Roma sprechen noch heute Romanes, auch Marcella Reinhardt.
05 O-TON (Reinhardt)
Latscho Diewes lautrenge. Miro Lab hi Marcella Reinhardt me hum i Sintezza me hum i Vorsitzende vom Regionalverband Deutscher Sinti und Roma in Augsburg, Schwaben.
SPRECHERIN
Übersetzt bedeutet das:
06 O-TON (Reinhardt)
Schönen guten Tag an alle, ich bin eine Sintizza, mein Name ist Marcella Reinhardt. Ich bin Vorsitzende vom Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Schwaben.
TC 03:36 – Ein Volk mit vielen Namen
SPRECHERIN
Die Bezeichnungen „Sinti und Roma“, oder „Sintizze und Romnja“ in der weiblichen Form, sind von der Minderheit selbst gewählt. Den Begriff „Zigeuner“ lehnen sie ganz klar ab.
07 O-TON (Reinhardt)
Der Name Zigeuner ist für uns eine Fremdbezeichnung. Mit diesem Namen sind unsere Verwandten in die Gaskammern getrieben worden und grausam ermordet und ich möchte mit dieser Fremdbezeichnung nicht genannt werden.
SPRECHERIN
Mittlerweile haben sich die Bezeichnungen Sinti und Roma weitgehend durchgesetzt, auch wenn es immer noch Erklärungsbedarf gibt. So deutet der Doppelname bereits an, dass es sich keineswegs um eine einheitliche Gruppe handelt.
08 O-TON (Fings)
Das sind einmal die deutschen Sinti, die haben eine ganz eigene Geschichte, weil das diejenigen sind, die tatsächlich in den deutschsprachigen Landen seit dem Mittelalter leben. Sie haben einen eigenen Romanes-Dialekt, das ist die eine große Gruppe, die in Deutschland lebt und eben sehr lange ansässig ist. Und die andere Gruppe, die mit Roma bezeichnet wird, das sind diejenigen, die meist so aus Südosteuropa kamen. Und der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma hat sich damals dafür entschieden, diese beiden größten Gruppen als namenführende Begriffe zu verwenden.
TC 04:48 – Mittelalterliche Handelsbeziehungen und Geleitbriefe
SPRECHERIN
Als die Sinti im späten Mittelalter in die deutschsprachigen Länder einwanderten, wurden sie zunächst überwiegend positiv aufgenommen.
09 O-TON (Fings)
Es entstanden Handelsbeziehungen und auch zum Teil persönliche Beziehungen. Es gab Schutzbriefe, das war ja damals üblich, dass es einen Schutzherren gab; einen Grafen, einen Herzog, einen Kaiser oder einen König, die eben in der Lage waren, bestimmte Gruppen unter ihre Fittiche zu nehmen.
Musik: Z8036179109 Servants and farmhands B 0‘45
SPRECHERIN
Einen solchen Geleitbrief gewährte zum Beispiel König Sigismund 1423 – in diesem Fall nicht für einen Sinto, sondern für den Rom Ladislaus Waywoda.
ZITATOR (förmlich vorgetragen)
Sooft daher dieser Ladislaus Waywoda und sein Stamm in unser Herrschaftsgebiet gelangt, vertrauen wir fest auf die von euch geleisteten Treuegelübde und tragen Euch auf, daß Ihr eben diesen (…) vor jedem Grenzhindernis und jeder Schwierigkeit schützen und bewahren sollt.
10 O-TON (Fings)
In den Genuss kamen Sinti eben auch zum Teil, weil man die Handelsbeziehungen schätzte oder weil es eine gewünschte Migration war. Aber natürlich waren diese mittelalterlichen Gesellschaften sehr brüchig und sehr schwierig und es gab ja zivilisatorisch sehr starke Umbrüche.
SPRECHERIN
Immer wieder kämpften Regenten um Besitztümer und Herrschaftsgebiete. Wandernde Gruppen waren irgendwann nicht mehr geduldet.
11 O-TON (Fings)
Man versuchte staatliche Macht herzustellen und man sonderte dabei diejenigen aus, die man als nicht passend ansah. Und es gab ja in den deutschen Landen damals ein großes Heer an mobilen Menschen, die auf der Suche nach Arbeit und nach Brot ihre Territorien wechselten und das wollte man eben gerade unterbinden. Man wollte die Leute an ein Territorium festbinden, man wollte dafür sorgen, dass bestimmte Regeln durchgesetzt werden. Und in diese Mühlen gerieten dann auch Sinti und Roma.
Musik: Z8036179130 After the battle 0‘33
TC 07:04 – Vogelfrei
SPRECHERIN
1498 erklärte der Freiburger Reichstag Sinti und Roma reichsweit zu Vogelfreien. Das bedeutete, jedermann konnte gegen sie vorgehen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Es kam zu brutalen Übergriffen; es gab Hinrichtungen, Männer wurden gerädert und gevierteilt. Allerdings – das zeigen neuere Forschungen – war das eher die Ausnahme als die Regel.
12 O-TON (Fings)
Also Sinti haben sich in den 300 Jahren in den deutschen Landen angesiedelt und etabliert. Man kann anhand der Quellen eine große Bandbreite an Berufen feststellen, also im Handel und im Handwerk. Das wichtigste Gewerbe für Sinti in der frühen Neuzeit was das Militär, viele stiegen auch in hohe Offiziersränge auf.
SPRECHERIN
Einen ersten größeren Wendepunkt stellte die Zeit der Aufklärung ab dem 18. Jahrhundert dar.
13 O-TON (Fings)
Die Aufklärung brachte für Sinti und Roma nichts Gutes, weil sich da der Rassismus ausgeprägt hat. Es war die Zeit auch des Kolonialismus und man fing an die Menschen zu sortieren. Es wurde die Rasse erfunden und in dem Zusammenhang interessierten sich dann auch auf einmal Forscherinnen und Forscher sehr stark für Sinti und Roma, weil man sie als die Fremden im eigenen Land identifizierte.
SPRECHERIN
Der Kulturhistoriker und Statistiker Heinrich Grellmann etwa publizierte Ende des 18. Jahrhunderts ein weit verbreitetes Werk und beschrieb darin ihre Sitten und Gebräuche.
14 O-TON (Fings)
Sie gelten auf einmal als Naturvölker, die unzivilisiert sind, die nicht in der Lage sind sozusagen am Prozess der europäischen Zivilisation teilzunehmen, die sich nicht verändern können, die nicht lernen können.
SPRECHERIN
Diese Eigenschaften seien der Minderheit von Geburt an gegeben, meinte Grellmann.
15 O-TON (Fings)
Und das war das Verheerende, weil damit jede Individualität negiert wurde und den Menschen auch kein angemessener Platz mehr in dieser Gesellschaft zugewiesen wurde, sondern im Gegenteil: Da entstand dann das ständige Aussortieren und Ausgrenzen.
Musik: Z8015897120 Frühling 0‘20
SPRECHERIN
Wandernde Sinti und Roma bekamen vielerorts keine Arbeitsgenehmigungen mehr, durften nur außerhalb der Stadtmauer siedeln, wenn sie nicht gleich vertrieben wurden. Gleichzeitig gab es aber auch viele Angehörige der Minderheit, die etabliert waren, auch im 1871 neu gegründeten Deutschen Reich.
TC 09:40 – Systematische Diskriminierung im Kaiserreich
16 O-TON (Fings)
Viele gingen im Ersten Weltkrieg für den Kaiser an die Front. Man fühlte sich durch und durch deutsch. Man kennt ja die Fotos in bayerischer Lederhose, in Uniformrock oder im Kommunionkleid, es gab bürgerliches Ambiente, es gab natürlich auch Armut, aber es gab eben eine ganz breite Palette an Lebensformen und ökonomischen Situationen.
Musik: Z8019017135 Passing landscapes 0‘47
SPRECHERIN
Von staatlicher Seite hatte allerdings schon im Kaiserreich eine diskriminierende Sonderbehandlung begonnen. Die Ausländerpolitik verschärfte sich, die Frage, wer eine Reichsangehörigkeit bekommt und wer nicht, spielte eine zunehmend größere Rolle. Sinti und Roma versuchte man auszusondern, dasselbe galt für Polen und Juden. 1899 war in München bereits eine sogenannte „Zigeunerzentrale“ eingerichtet worden. Mit modernsten Methoden erfasste die Behörde alle, die sie als „Zigeuner“ klassifizierte, in einer Datenbank. Auf diese Weise registrierte man sonst nur Serienstraftäter.
17 O-TON (Fings)
Und in Bayern wurde dann auch 1926 das sogenannte Zigeuner- und Arbeitsscheuen-Gesetz erlassen. Dieses Gesetz wurde schon zur Weimarer Zeit kritisiert, weil es rechtlich im Grunde genommen nicht zulässig war, und trotzdem hat dieses Gesetz einen sehr breiten Konsens gefunden.
SPRECHERIN
Die Folge dieses Gesetzes war, dass viele Angehörige der Minderheit aus Bayern flohen, zum Beispiel ins Rheinland.
18 O-TON (Fings)
Ich kenne selber einige Familien, deren Großeltern zu dieser Zeit dann ins Rheinland geflohen sind, weil es in Bayern nicht möglich war, einen Wandergewerbeschein zu bekommen, also die wirtschaftlichen Existenzen waren dadurch auch bedroht.
SPRECHERIN
Die Zeit im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik war einerseits geprägt von behördlicher Diskriminierung, andererseits konnten sich aber weiterhin viele Sinti und Roma gesellschaftlich behaupten oder zumindest ihre Situation verbessern, indem sie in andere Teile Deutschlands wanderten. Das änderte sich dramatisch, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen.
TC 11:58 – Im Nationalsozialismus: Am Rande der Existenz die lebensgefährliche „Rassenfrage“
19 O-TON (Fings)
1933 war dann in der Tat ein ganz massiver Einbruch auch für Sinti und Roma, weil jetzt war ja ein Staat gebildet worden, bei dem die sogenannte Rassenfrage an erster Stelle auf der Tagesordnung stand. Und natürlich zielten die Nationalsozialisten vor allem auf die jüdische Bevölkerung, das war die größte Gruppe im Reich, die man als Fremdrasse markierte. Aber eben auch Sinti und Roma merkten recht früh, dass sie nun stark unter Druck gerieten und in ihrer Existenz bedrängt wurden.
Musik: Z8023845106 War is coming 0‘19
SPRECHERIN
Mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 erklärten die Nationalsozialisten Sinti und Roma zur „fremden Rasse“. Für die etwa 20.000 Angehörigen der Minderheit im Reich hatte das gravierende Folgen.
20 O-TON (Fings)
Sie wurden dann nicht nur von der Polizei total erfasst, sondern auch von der sogenannten rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle, an deren Spitze ein Arzt und Psychiater, Dr. Robert Ritter, stand. Diese rassenhygienische Forschungsstelle hatte sich dann zur Aufgabe gesetzt, alle Sinti und Roma im Deutschen Reich rassistisch zu erfassen, zu katalogisieren, zu vermessen, Stammbäume wurden angelegt ab 1936. Und die rassenhygienische Forschungsstelle war auch maßgeblich verantwortlich für die Radikalisierung der Verfolgung während des Nationalsozialismus. Also sie entschieden mit, wenn irgendwelche Gesetze vorbereitet wurden oder Erlasse, sie fertigten Guthaben an, ob jemand ein sogenannter „Zigeuner“ oder „Zigeunermischling“ war. Und diese ganze Arbeit hatte dann natürlich auch gravierende Auswirkungen im Hinblick auf das Verfolgungsgeschehen.
TC 13:53 – Im Vernichtungslager
SPRECHERIN
Mit Kriegsbeginn 1939 durften Sinti und Roma ihren Aufenthaltsort nicht mehr verlassen. Das war gewissermaßen das Vorspiel für die späteren Deportationen in die Konzentrationslager.
21 O-TON (Fings)
Es war schon relativ früh klar, dass Sinti und Roma aus dem Reich deportiert werden sollten und es fand dann auch tatsächlich die erste Deportation im Mai 1940 statt, das waren etwa zweieinhalb Tausend Menschen, eher aus dem Westen und Nordwesten des Reiches, die dann in das besetzte Polen deportiert wurden.
SPRECHERIN
Aber auch den anderen Angehörigen der Minderheit setzten die Nationalsozialisten immer mehr zu. Oft mussten sie ihre Arbeit aufgeben und stattdessen Zwangsarbeit leisten.
22 O-TON (Fings)
Und im Dezember 1942 ordnete dann Heinrich Himmler an, dass alle Sinti und Roma im Deutschen Reich in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.
SPRECHERIN
Systematisch wurden alle Sinti und Roma in die Vernichtungslager verschleppt. Frauen, Kinder, Männer – selbst, wenn diese gerade für die Nationalsozialisten an der Front kämpften.
23 O-TON (Fings)
Die wurden direkt mit der Uniform ins Lager eingewiesen. Und im Lager selber waren entsetzliche Zustände, so dass im Lager viele verstarben, entweder an Gewaltverbrechen, vor Hunger, an Krankheiten, die nicht behandelt wurden. Oder sie fielen den medizinischen Experimenten des berüchtigten Arztes Josef Mengele zum Opfer. Und nur einige wenige wurden dann selektiert und zur Zwangsarbeit in andere Lager überstellt, Ravensbrück oder Buchenwald beispielsweise. Und alle anderen wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ermordet.
Musik: C1587770106 Thoughtful gloom (reduziert) 1‘01
TC 15:41 – “Porajmos” – Ein vertuschter Völkermord
SPRECHERIN
Von den etwa 20.000 Sinti und Roma, die im Deutschen Reich lebten, wurden etwa drei Viertel ermordet. Insgesamt wurden im deutsch besetzten Europa und in den Ländern, die mit NS-Deutschland kollaborierten, Hunderttausende verfolgt und ermordet. Bis heute lässt sich eine annähernd genau Zahl der gesamten Todesopfer unter den europäischen Sinti und Roma nicht ermitteln. Schätzungen gehen von bis zu einer halben Million aus. Der Völkermord - auf Romanes „Porajmos“ genannt - war eine Grausamkeit unvorstellbaren Ausmaßes – die dennoch in der Nachkriegszeit so gut wie keine Beachtung fand. Stattdessen standen Sinti und Roma weiterhin unter Generalverdacht. Die Polizei erfasste sie immer noch in ihren Sonderabteilungen, sagt die Historikerin Yvonne Robel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg.
24 O-TON (Robel)
Die berühmteste eigentlich in München, aber in Hamburg gab es eine Sonderabteilung innerhalb der Kriminalpolizei, die „Dienststelle für Landfahrer“ oft hieß, die gezielte Verfolgung von Personen, die irgendwie als Angehörige der Minderheit kenntlich geworden waren, betrieben.
SPRECHERIN
Auch in anderen staatlichen Institutionen, Ämtern und Behörden, stießen Sinti und Roma oft auf Ablehnung. Vielerorts arbeiteten noch dieselben Personen, die die Angehörigen der Minderheit während der NS-Zeit als „Zigeuner“ klassifiziert hatten und somit für Deportationen verantwortlich waren. Ähnliches konnte man in der Wissenschaft beobachten.
25 O-TON (Robel)
Es gibt die Akteure, die im Nationalsozialismus unter anderem in der rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle unter Robert Ritter gearbeitet haben, die auch in der Nachkriegszeit dann weiterarbeiteten, ihre Studien betrieben, die an Personen forschten, weiter ihr Wissen verbreiteten – und als Experten wahrgenommen wurden, da gab es überhaupt gar keinen Bruch.
SPRECHERIN
Schuldeingeständnisse, gar eine Anerkennung des Völkermords gab es von diesen sogenannten Experten nicht. Stattdessen hieß es beispielsweise, Sinti und Roma wären in Konzentrationslager gebracht worden, weil sie Kriminelle gewesen seien. Auch ein Urteil des obersten deutschen Gerichtes spiegelte das wider.
26 O-TON (Robel)
Es gab 1956 dieses Grundsatzurteil beim Bundesgerichtshof, das besagte, dass alle Verfolgung von Sinti und Roma vor 1943 nicht aus rassistischen Gründen erfolgt sei und deshalb nicht entschädigungsrelevant war […]. Das ist ein fatales Urteil für viele Überlebende gewesen, die auf Hilfe angewiesen wären, weil sie aus Verfolgungsgründen arbeitsunfähig waren; körperlich versehrt, Hilfe brauchten für ihre Familien und so weiter.
SPRECHERIN:
Wegen der fehlenden Aufarbeitung wirkten auch in der Bevölkerung die alten Vorurteile und Stereotype fort.
SPRECHER
Zitat aus dem Urteil des Bundesgerichtshofs 1956: „Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist."
27 O-TON (Robel)
Diese nationalsozialistische Schuldzuweisung, asozial zu sein, aus der Norm der Volksgemeinschaft aus sozialen Gründen auszuscheren, diese Zuweisung war extrem wirkmächtig in der Nachkriegszeit. Und die war so wirkmächtig, dass sie sich in die Entschädigungsgesetzgebung eingeschrieben hat.
Musik: Z8032962101 Aufbruch und Z8032962103 Aufbruch (reduced 2) 0‘39
TC 18:42 – Eine gebrochene Generation
SPRECHERIN
Die Situation änderte sich erst in den 1970er, 80er Jahren. Vor allem weil nun auch Angehörige der Minderheit selbst für ihre Rechte kämpften.
ZITATOR
Aufruf! An alle deutschen Sinti! Es ist langsam an der Zeit, auf Ungerechtigkeiten, die die Sinti heute schon wieder erdulden müssen, aufmerksam zu machen!
SPRECHERIN
In Heidelberg veröffentlichte das Zentral-Komitee der Sinti Westdeutschland einen Aufruf. In der DDR gab es nur ein paar hundert Angehörige der Minderheit. In Heidelberg mit dabei war auch Romani Rose.
28 O-TON (Rose)
Sie müssen wissen, die älteren Leute, die Generation meiner Eltern, die waren durch die Erfahrung des Nationalsozialismus gebrochen. (....) Und erst die Nachkriegsgeneration, die mit einem anderen Bewusstsein in Staat und Gesellschaft aufgewachsen ist, konnte sich mit diesem Kapitel des Unrechts durch die Nationalsozialisten auseinandersetzen. (10)
SPRECHERIN
Der Hungerstreik und andere Protestaktionen zeigten Wirkung. Im März 1982 empfing Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des kurz zuvor gegründeten Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Anschließend sagte er die Worte, auf die viele Angehörige der Minderheit lange gewartet hatten:
ZITATOR
Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Viele von ihnen wurden ermordet. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermordes erfüllt.
SPRECHERIN
Die Erklärung Schmidts war ein Wendepunkt im Umgang mit Sinti und Roma in der Bundesrepublik, sagt Yvonne Robel.
29 O-TON (Robel)
Das war jetzt nicht nur Symbolpolitik, sondern das war auf einer moralischen Ebene extrem wichtig dieser Schritt.
Musik: Z8014761143 New beginning 0‘58
TC 20:37 – Angst trotz Anerkennung
SPRECHERIN
1995 wurden die deutschen Sinti und Roma als eine der vier alteingesessenen Minderheiten in Deutschland anerkannt, neben Friesen, Sorben und der dänischen Minderheit. Aber trotz alledem lebten und leben die alte Stereotype und Vorurteile in der Bevölkerung fort. Das wurde deutlich, als sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs viele osteuropäischen Staaten neuformierten. Alte Nationalismen flammten auf, es kam zu Vertreibungen und Fluchtwellen, vor allem während des Kosovo-Kriegs Ende der 1990er. Viele Sinti und Roma leugneten deshalb ihre Zugehörigkeit zur Minderheit. Das machen viele auch heute noch. Auch Marcella Reinhardt hat das lange Zeit getan – aus Angst, sie könnte ihren Job verlieren.
31 O-TON (Reinhardt)
Ich hatte, als ich meinen Job angefangen habe, gesagt, ich bin Italienerin.
Musik: Musik: Z8020108141 In der Finsternis 1‘09
SPRECHERIN
Denn immer noch sind Vorurteile und negative Stereotype weit verbreitet.
32 O-TON (Reinhardt)
Die Diskriminierung gibt es immer noch, das hat sich leider in den Generationen nicht verändert. Wir haben Jugendliche, die sich sehr schwer tun mit diesen Vorurteilen, gerade auf dem Bildungsweg ist es sehr schwer.
SPRECHERIN
Aber Marcella Reinhardt sieht auch viel Positives, insbesondere die Arbeit der Bürgerrechtsbewegung und des Zentralrats habe hierzu beigetragen.
33 O-TON (Reinhardt)
Wenn ich bedenke, dass unsere Leute früher sich nie getraut haben, in der Mitte der Gesellschaft sich zu zeigen oder auch andersrum gesehen, wir waren in der Mitte der Gesellschaft nicht erwünscht und heute begrüßt man uns, wir machen zusammen Veranstaltungen, wir gedenken zusammen an die Opfer des Holocaust und wir arbeiten zusammen gegen Rassismus, da muss ich sagen, wir haben sehr große Erfolge erreicht.
TC 22:42 – Outro
Keine Arbeitsmoral! Wieso kommt das Paket nicht wie versprochen an? Wo bleibt denn der Installateur? Wo sind die Werte geblieben wie Fleiß und Disziplin? - Überhaupt: Sagte nicht schon Paulus im Neuen Testament: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen? - Doch so einfach ist es nicht. Die Verknüpfung von Arbeit mit Moral ist eine Erfindung der Neuzeit. Das aufstrebende Bürgertum fing an, sich durch Arbeit von der Aristokratie abzuheben, die nicht arbeiten musste. Der Beginn einer spannungsreichen Verbindung: der Arbeitsmoral. Von Martin Trauner (BR 2022)
Credits
Autor dieser Folge: Martin Trauner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Rahel Comtesse, Benedikt Schregle
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Iska Schreglmann
Linktipps:
Panorama (2023): Arbeitsmoral – Sind Junge faul?
Immer öfter ist von Seiten der Wirtschaft zu vernehmen, Jüngere hätten weniger Lust auf Arbeit. Panorama hat mit jungen Menschen in unterschiedlichen Branchen gesprochen.
Arbeitsmoral: Sind Junge faul? | Das Erste - Panorama - Sendungsarchiv - 2023 (ndr.de)
Radioeins (2023): Generationsunterschiede zur Arbeitsmoral widerlegt
Generation Y und Z sind faul und die Babyboomer arbeiten sich zu Tode. Diese Klischees sind im Alltag häufiger zu hören. Doch geben sie auch die Faktenlage wieder? Dies untersuchte die Studie von Prof. Martin Schröder, Soziologie und Professor an der Universität des Saarlandes. Das Ergebnis widerspricht diesen Klischees: Wie jemand zur Arbeitswelt steht, ist keine Frage des Geburtsjahres. Viel entscheidender sind sogenannte Alters- und Periodeneffekte.
Die Profis · Generationsunterschiede zur Arbeitsmoral widerlegt · Podcast in der ARD Audiothek
Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.
Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast · Podcast in der ARD Audiothek
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 03:53 – Von Arbeitsmoral, Arbeitsethik und Arbeitsethos
TC 05:16 – Eine Frage der Ehre: Arbeitsmoral im Mittelalter
TC 08:34 – Der Weg zum Reichtum
TC 14:07 – Adolf Kolping und die soziale Frage
TC 16:08 – Teamfähigkeit und andere Tugendens
TC 18:17 – Früher war alles besser?
TC 20:38 – Das Bild der fleißigen Deutschen
TC 22:32 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK – „Did this really happen?“ – C125059#003 (0:50)
ERZÄHLERIN
Irgendwo im Westen Europas. Ein ärmlich gekleideter Fischer liegt in seinem Boot und döst. Ein Tourist spricht ihn an. Ob er nicht noch mal herausfahren möge mit seinem Boot, fragt er ihn. Um noch mehr Fische zu fangen? - Der Fischer verneint. Er habe genug gefangen. - Und nun erklärt der Tourist ihm das Erwerbsleben: Er könnte mehrmals am Tag fischen, dann könnte er seinen Betrieb vergrößern, Leute anstellen. Und letztlich hätte er dann genug verdient, um sich gemütlich in die Sonne zu legen und zu dösen.
MUSIK und Atmo weg
ERZÄHLERIN
Nun, die Antwort des Fischers dürfte wohl klar sein... Also: Er liegt ja schon in der Sonne und döst, was sollte er da verändern? - Eine schöne, aber leider erfundene Geschichte von Heinrich Böll, aus dem Jahre 1963. Sie heißt „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. Der Fischer hätte, wie wir modern sagen, seine „Work-Life-Balance“ bereits gefunden. Freilich: was seine Arbeitsmoral betrifft, na, die scheint ein bisschen reduziert…
MUSIK „Travel to Edinburgh“ – Z8000433#103 (0:30)
TC 01:43 -
ERZÄHLERIN
Im Jahr 2019 befragte man deutsche Führungskräfte über die Arbeitsmoral der jüngeren Generation. Der Grundtenor der Antworten: Zu wenig Arbeitsmoral, zu viel Work-Life-Balance! - Viel Geld wolle der Führungsnachwuchs schon verdienen, aber nicht in einer dann zu erwartenden 50-Stunden Woche. Also, wo ist sie geblieben, die viel bemühte Arbeitsmoral?
ATMO Autocenter München Nord
001 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Ich mach es ja jetzt seit 1998 und da hat sich ganz viel verändert…
ERZÄHLERIN
Zu Besuch bei Günter Friedl. Er betreibt das Autocenter Nord in München. - Eine Tankstelle und ein kleines Autohaus.
002 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Also, man erkennt sehr, sehr deutlich, dass bei jungen Menschen die Arbeitsmoral lange nicht mehr die ist, die sie in meiner Generation -1968 - ja mal war. Das sieht man sehr deutlich…
ERZÄHLERIN
Günter Friedl ist Chef von 25 Angestellten, die in der Werkstatt oder im Verkauf arbeiten. Ein mittelständisches Unternehmen. Aber: Auch er hat ein Problem mit einer etwas veränderten „Arbeitsmoral“, etwa wenn er neue Auszubildende sucht…
003 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Neuerdings sagen die immer, die „Work-Life-Balance“. Aber dieser Anglizismus, der geht mir ja schon auf den Sack, Entschuldigung, aber das muss ich schon mal so deutlich sagen, man kann das ja auf Deutsch ausdrücken… Aber denen ist also die Balance zwischen Arbeit und Leben offensichtlich sehr, sehr wichtig…
ERZÄHLERIN
Aber was heißt das überhaupt, Arbeitsmoral? Für sich selbst definiert das Günter Friedl glasklar:
004 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Das heißt, was gemacht werden muss, muss man halt ganz einfach machen. Und man muss auch bereit sein, seine persönlichen Befindlichkeiten und seine persönlichen Liebhabereien zurückzustecken und seine Pflicht zu erfüllen und seiner Verantwortung als Arbeitgeber gerecht zu werden.
MUSIK „Travel to Edinburgh“ – Z8000433#103 (0:28)
TC 03:53 – Von Arbeitsmoral, Arbeitsethik und Arbeitsethos
ERZÄHLERIN
Pünktlichkeit, Disziplin und Arbeitsamkeit. Also Tugenden. Die Tugenden der Arbeitsmoral, der Arbeitsethik oder des Arbeitsethos? Schwierige und schwerwiegende Begriffe. Mal nachgefragt bei einem Philosophen und Wirtschaftsethiker, wie das so ist, mit der Arbeit und der Moral …
005 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Na ja, Moral bezeichnet normalerweise, die für unser Leben bestimmenden Werthaltungen, Normen, Tugenden, nach denen wir uns im Alltag richten…
ERZÄHLERIN
Sagt Michael Aßländer, Professor für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität Dresden.
006 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Zu unterscheiden davon wäre die Ethik. Die Ethik versucht sozusagen diese Moral zu begründen und stellt die Frage, ob eine bestimmte Moral legitimierbar ist oder legitimiert ist. Also, wenn man so will, kann es bestimmte moralische Praktiken geben, die ethisch eben nicht legitimiert sind… [Ein einfaches Beispiel: Natürlich hat auch die Mafia eine Moral, aber die ist natürlich in weiten Teilen unethisch]
ERZÄHLERIN
Und dann gibt es noch den Begriff „Ethos“
007 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Aber „Ethos“, wie auch so in den Begriffen: „Berufsethos oder Standesethos“ ja schon ausgedrückt wird, entspricht sozusagen einer Ständeordnung, bestimmter Tugendpflichten, bestimmter Normen, die für einen bestimmten Stand gelten und sie auch so einen bestimmten Anspruchskatalog formulieren, das heißt nicht notwendigerweise, dass jeder Arzt auch seinem ärztlichen Standesethos immer Folge leistet.
MUSIK „Juttas Beerdigung“ – Z9367647#011 (0:17)
TC 05:16 – Eine Frage der Ehre: Arbeitsmoral im Mittelalter
ERZÄHLERIN
Ja, aber woher kommt das dann überhaupt, Begriffe wie: Arbeitsethos, Arbeitsethik, oder gar die Arbeitsmoral? - Gab es so etwas etwa schon, mal weit zurückgedacht, gab es so etwas schon vielleicht im Mittelalter?
008 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Das ist schwierig. Das hängt weniger am Begriff der Moral als am Begriff der Arbeit…
ERZÄHLERIN
Sagt Michael Aßländer. Denn das, was wir heute unter Arbeit verstehen würden, das gab es im Mittelalter einfach noch nicht. Man arbeitete nicht in der Industrie, nicht in einer Fabrik, man hatte keinen Nine-to-Five-Bürojob. Und natürlich trennte man nicht zwischen Freizeit und Arbeit. Den Begriff der „Arbeitsmoral“ gab es selbstverständlich auch noch nicht, aber man kannte immerhin so etwas in der Art…
009 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
… Was wir aber natürlich hatten im Mittelalter war ein vielleicht gleich lautender Begriff wie: die „Ehre“, - also die Handwerkerehre zum Beispiel oder auch der ehrbare Kaufmann. Das verwies natürlich auch auf bestimmte Tugendpflichten, auf bestimmte moralische Normen und Vorstellungen, die in diesen Berufen dann letztendlich zum Ausdruck gebracht werden sollten oder zum Ausdruck gebracht wurden. Und das ging weit über Arbeit in dem Sinne hinaus, sondern betraf auch die Lebensführung eines Meisters oder die Gehorsampflichten eines Gesellen beispielsweise …
ERZÄHLERIN
Die Gesellschaft im Mittelalter folgte einer Ständeordnung. Also Bauern und Handwerker ganz unten, dazwischen der Adel. Und ganz oben: der Klerus. - Ein jeder Stand hatte die ihm von Gott zugedachte Arbeit zu verrichten. Freilich: Körperlich arbeitete eigentlich nur der unterste Stand, während der Adel für die Sicherheit sorgen sollte und der Klerus: der betete…
MUSIK „Juttas Beerdigung“ – Z9367647#011 (0:53)
ZITATOR (Hrabanus Maurus)
Multiplica ergo pio praecepta talenta labore, maxima quod coelo praemia percipias -
Vervielfache durch Arbeit deine von Gott gegebenen Talente und du wirst vom Himmel die größte Belohnung erhalten!
ERZÄHLERIN
Schreibt Hrabanus Maurus, ein deutscher Mönch aus dem 9. Jahrhundert. - Eine wichtige oder sogar die einzige Rolle für Moralvorstellungen spielte im ganzen mittelalterlichen Leben die Religion, das Christentum. Ein Leben in Armut wurde zwar durchaus toleriert, um ein tugendhaftes Leben führen zu können, aber mit dem biblischen Gleichnis von den Talenten oder mit dem Leitspruch „Ora et labora“ ließ sich auch ein wenig für Arbeitseifer argumentieren – Etwa in den Klöstern.
010 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Die Klöster bilden insofern eine Ausnahme und auch der Satz „ora et labora“ – „Bete und Arbeite“ ist so zu lesen. Aber da dient Arbeit sozusagen als asketisches Bußideal. (…)
ERZÄHLERIN
Also bete und arbeite, um gottgefällig zu sein. Etwa in den benediktinischen Klöstern…
011 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
(…) Und das geht soweit, dass zum Beispiel in den „Regulae Benedicti“, also in den Regeln des heiligen Benedikt, Benediktinerorden, klar vorgegeben wird, wie viele Stunden am Tag der einzelne Bruder sich dem Gebet zu widmen hat, in welcher Reihenfolge Gebet und Arbeit aufeinander folgen sollen et cetera, das hat aber so einen religiösen Anspruch und ist nicht so in dieser, ja eher, ich arbeite um Geld zu verdienen, ja, die Frage, was arbeitest du, womit verdienst du dein Geld, also in dieser Konnotation eben nicht gedacht.
MUSIK „cinetic“ – C1165170#017 (0:18)
TC 08:34 – Der Weg zum Reichtum
ZITATOR (Benjamin Franklin)
- Kein Gewinn ohne Schmerzen!
- Ein Leben in Muße und ein Leben in Faulheit, das sind zwei Dinge!
- Wenn du etwas morgen zu tun hast, erledige es heute!
- Nimm was du kriegen kannst!
MUSIK aus
ERZÄHLERIN
Nein, das sind keine benediktinischen Regeln, nein, das sind auch keine Sprüche aus einem heutigen Karriereratgeber, ja, es sind einige Leitsätze des Amerikaners Benjamin Franklin. Aus dem 18. Jahrhundert, Zeit der Aufklärung - Benjamin Franklin, das ist der mit dem Blitzableiter. Aber Franklin war nicht nur Erfinder, sondern auch Politiker und Unternehmer. Seine Lebensmaximen: Sparsamkeit, Aufrichtigkeit und Strebsamkeit. - Aber was ist seit dem Mittelalter passiert, wie kam es zu dieser ganz anderen Art der Arbeitsauffassung?
012 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Das hat mehrere Aspekte: Einmal fällt natürlich mit der Aufklärung diese Vorstellung einer Gott gewollten Ordnung weg. Also spätestens mit den Religionskriegen. Dann aber auch mit der französischen Revolution wird dieses System: „Katholische Kirche und wir erklären die Welt“ - brüchig. Das bedeutet, dass wir verschiedene Dinge, also Eigentumsordnung neu erklären müssen. Und John Locke war es dann der gesagt hat: Ja gut, Arbeit begründet Eigentum. Was du mit deiner Hände Kraft umgeformt hast, was du dem ursprünglichen Zustand, indem die Natur es belassen hat, entreißt, das wird dein Eigentum (…)
ERZÄHLERIN
Sagt Michael Aßländer, Professor für Wirtschaftsethik. Auch Adam Smith oder Jean Jacques Rousseau folgen der Auffassung von John Locke: Eigentum entsteht durch Arbeit…
013 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Und ein zweiter Aspekt ist natürlich, dass wir sozusagen Arbeit auch ein Stück weit positiv konnotieren, diese Entwicklung war schon von der Antike bis ins Mittelalter, aber mit der Neuzeit taucht die Vorstellung auf, dass derjenige, der „müßig geht“, eben ein Betrüger sei. So heißt es wörtlich bei Rousseau.- Jeder Bürger, ob arm oder reich, schuldet der Gesellschaft seine Leistung. Und wer diese Leistung für die Gesellschaft nicht erbringt, zumindest nicht so viel Leistung erbringt, das sich selbst erhält, der ist ein Sozialschmarotzer, der lebt auf Kosten der Gemeinschaft, der stiehlt der Gemeinschaft etwas, das taucht schon bei Luther auf, und deswegen ist er ein Betrüger…
ERZÄHLERIN
Die „neue“ Arbeitsethik oder besser gesagt, die neu geschaffene Verbindung von Arbeit und Moral, die Arbeitsmoral, sie richtet sich vor allem gegen die alten Stände des Mittelalters, die nicht arbeiten mussten. Also der Adel und der Klerus. - Der unterste Stand, die Bauern und Handwerker, und jetzt auch die Bürger, legitimieren sich geradezu durch ihre Arbeit.
014 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Und damit gewinnt Arbeit dann an Stellenwert. Die wird dann aufgewertet über Sekundärtugenden: Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe, Enthaltsamkeit und so weiter und wird dann auch als Instrument verstanden, sein eigenes Glückes Schmied sozusagen zu werden …
ERZÄHLERIN
Also Tugenden oder Ratschläge, wie sie Benjamin Franklin formuliert hatte. Seinen Ratgeber übertitelte Franklin übrigens mit „The way to wealth“ – auf Deutsch: „der Weg zum Reichtum“. So wie er, Sohn eines Seifenmachers, könne jeder den sozialen Aufstieg schaffen, wenn man nur genügend Arbeitsmoral zeigt.
015 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Und damit wird Arbeit, sich selbst etwas durch Arbeit zu schaffen, sozusagen positiv konnotiert. Mit gewissen Nachteilen auch, denn derjenige, der arm ist, der ist jetzt nicht mehr arm, weil es sein Schicksal ist oder von Gott gewollt ist, sondern der ist deswegen arm, weil es ihm eben an Arbeitsmoral fehlt (…)
MUSIK „Alteration“ – C1432360#033 (0:32)
ZITATOR (Gotthold Ephraim Lessing)
Faulheit, jetzo will ich dir auch ein kleines Loblied bringen!
ERZÄHLERIN
So schreibt der Dichter Gotthold Ephraim Lessing Mitte des 18. Jahrhunderts… Ein Lob der Faulheit.
ZITATOR (Gotthold Ephraim Lessing)
Höchstes Gut, wer dich nur hat,
dessen ungestörtes Leben.
Ach! – ich – gähn’ – ich – werde matt –
Nun – so – magst du – mir’s vergeben
Dass ich dich nicht singen kann.
Du verhinderst mich ja daran.
ERZÄHLERIN
Lessing konnte es sich erlauben, sich ironisch mit der Faulheit auseinandersetzen. - Aber auch er musste einem Brotberuf nachgehen, er war Bibliothekar, um nebenher als Dichter glänzen zu können. - Für denjenigen Zeitgenossen dagegen sah es düster aus, für denjenigen, der nicht arbeiten konnte oder wollte… Oder dem schlichtweg die Arbeitsmoral fehlt…
016 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Und damit wird er natürlich so ein bisschen zum gesellschaftlichen Antitypen. Also er ist derjenige, der auf Kosten der Gemeinschaft lebt und in der praktischen Konsequenz schickt man den dann in ein Arbeitshaus. Im Englischen so schön genannt „Houses of correction“. Da muss man etwas geradebiegen, was schief gewachsen ist, und muss man korrigieren. Und da muss man diesen Leuten, mit zum Beispiel drakonischen Maßnahmen, Arbeitsfleiß anerziehen…
MUSIK – „Can i forgive“ – C125059#008 (0:31)
ERZÄHLERIN
Arbeitshäuser gab es in England bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Idee dahinter: Man wollte den Nichtarbeitenden und vor allem den Armen einbläuen, mit Arbeit und Moral könnten sie ihr Leben verbessern. Freilich: Auch in Deutschland war Armenunterstützung an Bedingungen gekoppelt, man musste sich um Arbeit bemühen. Und irgendwie gilt das bis heute…
MUSIK aus
TC 14:07 – Adolf Kolping und die soziale Frage
017 ZUSPIELUNG (Albrecht Schnabel)
Wir sind eine Jugendberatungsstelle für 16- bis 25 jährige im Großraum München …
ERZÄHLERIN
Zurück in der Gegenwart. Zu Besuch bei Albrecht Schnabel. Er ist Diplompsychologe und arbeitet in der Kolping Bildungsagentur in München. Hier setzt er sich für junge Erwachsene ein.
018 ZUSPIELUNG (Albrecht Schnabel)
Da unterstützen wir schon ganz konkret beim Bewerbungsprozess, bei der Praktikumssuche. Aber auch bei allen anderen Themen, die die berufliche Orientierung hemmen oder stören, das nennt man „vermittlungstechnische Handicaps“ – Es kann sein, schwächere Leistungsfähigkeit, oder Probleme, die zwischen mir und der beruflichen Passung oder Erfüllung stehen. So wie: Schulden, drohende Obdachlosigkeit, schwieriges Umfeld (…) Armut kein Geld… Da muss man schauen, dass man Arbeitslosengeld oder Arbeitslosengeld II beantragt – („diese Sachen, die hemmen mich“).
ERZÄHLERIN
Die Kolping Bildungsagentur geht letztlich zurück auf Adolph Kolping, ein katholischer Priester aus dem 19. Jahrhundert. Dem die „soziale Frage“ wichtig war…
019 ZUSPIELUNG (Albrecht Schnabel)
Das kommt ja schon von Adolf Kolping, diese Werte oder diese These: Wenn du Arbeit und Unterkunft hast, dann kann sich die Persönlichkeit entwickeln. Und du kannst empor wachsen als junger Mensch. Also sozusagen wertvoller werden für dich und für die Gemeinschaft…
MUSIK – „Can i forgive“ – C125059#008 (0:38)
ERZÄHLERIN
Kolping sah die Auswüchse der Industrialisierung. Ihn berührte das Schicksal vieler Handwerksgesellen, die unter teil prekärsten Umständen ihr Leben fristeten. Kolpings Ziel: Man muss sich für diese Menschen einsetzen, ihnen Religion, familiären Halt und vor allem Bildung vermitteln. - Heute hilft die Kolping Bildungsagentur Heranwachsenden, sich im Arbeitsmarkt etablieren zu können. Und da spielt natürlich auch „Arbeitsmoral“ eine Rolle. Aber was bedeutet Arbeitsmoral heute, etwa aus Sicht eines Psychologen. Albrecht Schnabel:
TC 16:08 – Teamfähigkeit und andere Tugenden
020 ZUSPIELUNG (Albrecht Schnabel)
Ich würde sagen, hängt zusammen mit der Motivation. Je eher ich die Tätigkeit, also die Inhalte der Arbeit mag, an sich, umso besser ist, glaube ich, meine Arbeitsmoral. Würde ich sagen. Je intrinsischer ich motiviert bin, umso besser ist meine Arbeitsmoral. Je extrinsischer, sagen wir, normaler aber auch ein bisschen mittelmäßiger ist die Arbeitsmoral.
ERZÄHLERIN
„Intrinsisch“ und Extrinsisch“ sind Begriffe aus der Motivationspsychologie. „Intrinsisch“ heißt, man kann sich selbst begeistern, man ist von sich aus mit Freude bei der Sache. „Extrinsisch“, das heißt, die Motivation soll von außen kommen. In der Arbeit etwa vom Chef, Also:
021 ZUSPIELUNG (Albrecht Schnabel)
Begeistere mich! – Und das ist aber schwierig. Bei erwachsenen Menschen, auch bei jungen Erwachsenen, wenn sie das immer benötigen, die Begeisterung von außen, das geht ins extrinsische, dann muss man immer Energie zuführen als Vorgesetzter, Unternehmer oder Inhaber, und das ist schon ein anstrengender Prozess (…)
MUSIK „Travel to Edinburgh“ – Z8000433#103 (0:33)
ERZÄHLERIN
Heutzutage hängt die Arbeitsmoral von vielen Faktoren ab. Natürlich sind da immer noch die Sekundärtugenden aus der Zeit der Aufklärung, oder sogar des Mittelalters, wie Pflicht, Pünktlichkeit und Disziplin, die man erwartet, aber es kommen auch neue Tugenden, neue „Skills“ dazu. Etwa die „Teamfähigkeit“ - Nachgefragt bei Günter Friedl, Chef eines mittelständischen Betriebs in München:
022 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Teamfähigkeit bedeutet natürlich auch, dass man sich halt überlegt, mach ich die Arbeit noch fertig, bevor ich zum Doktor gehe. (…) - Und da verschiebt es sich halt immer mehr weg von der Arbeit, von dem was man lebt, hin zu Freizeitgestaltung und Social Media.
023 ZUSPIELUNG (Albrecht Schnabel)
Ja. Dieter Frey, für den ich lange Zeit an der Uni gearbeitet habe, der hat’s manchmal noch überspitzter gesagt „Freizeit orientierte Schonhaltung“ – was so ein bisschen ist, wie Kollege kommt gleich, Dienst nach Vorschrift…
TC 18:17 – Früher war alles besser?
ERZÄHLERIN
Sagt Albrecht Schnabel. - Bei den Jüngeren mag das ja so sein. Eine Freizeit orientierte Schonhaltung. -
Aber bei den Älteren? Bei denen, die vor der Generation X-Y-Z geboren worden sind? Wie sieht es da aus? Mit der Arbeitsmoral?
024 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Meine Erfahrung ist, dass die älteren Mitbürger noch eine andere Arbeitsmoral besitzen als die jüngeren.
ERZÄHLERIN
Ist das nicht das Jahrhunderte alte Klagelied einer älteren Generation über die Jüngeren, die das Althergebrachte, die alten Werte nicht mehr zu schätzen wissen? Günter Friedl:
025 ZUSPIELUNG (Günter Friedl)
Denk ich nicht. Ich denke es deswegen nicht, weil die Anforderungen sich nicht wesentlich geändert haben. Noch immer, also zumindest in dem Bereich, in dem wir hier arbeiten – wenn du natürlich heute einen Computerprogrammierer oder sonst irgendwen hast, einen, der kreativ arbeitet (…) da ist es relativ egal, wann der seine Leistung erbringt – in dem klassischen Beruf, den wir betreiben, das ist ja Handwerk, (das ist ja ein Handelsberuf, im Autohaus ist es Handwerk, in der Tankstelle ist es Verkauf,) da sind die Anforderungen an die Grundsozialität des Menschen, die haben sich ja nicht verändert …
ERZÄHLERIN
Auch der Wirtschaftsethiker Michael Aßländer sieht eine Veränderung der Arbeitsmoral in den letzten Dekaden…
026 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
(…) Was also sozusagen die Arbeitsteams, sag ich jetzt mal, der 60er und 70er Jahre auszeichnet, waren drei Dinge: nämlich eine verdiente Autorität, das heißt, der Meister war Meister, weil er mehr konnte, weil er mehr Erfahrung hatte, weil er mehr Verantwortung trug, und das hat man respektiert. Das Zweite war so eine starke Gruppensolidarität, die auch etwas mit Respekt zu tun hatte, also man respektierte sich in der Gruppe, man hatte Achtung vor dem, was der andere mehr konnte, aber man hat sich auch unterstützt…
ERZÄHLERIN
Etwa wenn einer das Wochenende zu stark genossen habe. Man habe den Schwächeren im Team geholfen. Oder sogar den Chef oder die Chefin unterstützt, wenn der oder die Fehler gemacht hatten. Weil man sich natürlich auch privat kannte. Nur, dieser Gruppenzusammenhalt scheint heute nicht mehr in dem Maße wie einst zu existieren…
027 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Der wird nämlich brüchig, wenn wir sozusagen ein Management haben, das permanent ausgetauscht wird, also im Sinne von, ich mache Karriere, ich geh zu einer anderen Firma, dann habe ich morgen wieder einen neuen Vorgesetzten – und wird natürlich brüchig, wenn ich nur noch temporäre Arbeiter habe, wenn ich nur noch Leiharbeiter habe…
MUSIK – „Did this really happen?“ – C125059#003 (0:34)
TC 20:38 – Das Bild der fleißigen Deutschen
ERZÄHLERIN
Zurück an die Westküste Europas. Ja. Zu dem von Heinrich Böll erfundenen Fischer, der alles scheinbar im Griff hat, also seine „Work-Life-Balance. Der sich von einem Touristen, vermutlich war es ein Deutscher, maßregeln musste, wegen seiner lässigen Arbeitsmoral. - Kann man wenigstens da noch behaupten, dass wir Deutsche, trotz aller Defizite, eine höhere Arbeitsmoral besitzen, als zum Beispiel die Südländer?
028 ZUSPIELUNG (Michael Aßländer)
Ja das stimmt so nicht. Ich hatte mal eine Diskussion mit einer elsässischen Kollegin.(….) und wenn man das tatsächlich rausrechnet, arbeitet ein französischer Arbeitnehmer auch nicht anders. Er arbeitet nicht weniger, gilt auch für die Italiener, die haben, glaube ich, sogar höhere Arbeitsstunden als die Deutschen, also dieses Bild der fleißige Deutsche ist da nicht mehr ganz so haltbar, und man sieht in all diesen Nationen, dass sich die Arbeitsmoral verändert hat. (….) Also, da ist ein Druck nicht nur in Deutschland, eben auch in allen Industrieländer, angewachsen, der letztendlich Arbeit straffer organisiert, effizienter gestaltet, bestimmter Termindruck, Terminfristen et cetera… das wirkt sich alles auf die Art, wie wir arbeiten aus und hat natürlich berufliche Anforderungen entsprechend verändert…
MUSIK – „Did this really happen?“ – C125059#003 (0:36)
ERZÄHLERIN
Arbeitsmoral ist heute wohl oft weniger eine Frage der inneren Einstellung als eine Frage des Termin- und Karriere-Drucks in der modernen Arbeitswelt. Das richtige Maß zwischen nötigem Arbeitseinsatz und gesundheitsfördernder Entspannung zu finden - wie es dem Fischer in Bölls Geschichte offenbar gelang - ist heute sicher nicht nur an den Küsten Europas um einiges schwieriger geworden.
MUSIK hoch und aus
-ENDE
TC 22:32 – Outro
Was für eine Gratwanderung! Wer sich um eine Arbeitsstelle bewirbt, muss eigene Ansprüche formulieren und zugleich versuchen, mögliche Erwartungen des Gegenübers zu erfüllen. Außerdem gilt: bloß nicht bedürftig wirken! Das war vor 200 Jahren noch ganz anders. Damals schrieben Jobsuchende noch richtiggehend Bettelbriefe. Von Justina Schreiber (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Justina Schreiber
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Berenike Beschle, Florian Schwarz
Technik: Ruth-Maria Ostermann
Redaktion: Susanne Poelchau
Linktipps:
ARD alpha (2021): Tutorial – so überzeugst du Personalmanager
Bewerben als Werkstudent oder für eine richtige Stelle - wie geht das? Alessandro Bongiorno holt sich Rat von einem Bewerbungscoach. Der zeigt ihm, wie Anschreiben und Lebenslauf zu formulieren sind und welche Zeugnisse in die Bewerbung gehören.
Bewerbung schreiben: Tutorial - so überzeugst du Personalmanager | Campus | ARD alpha | Fernsehen | BR.de
ARD alpha: Ich mach’s!
Mehr als 400 Berufe im Dualen System, dazu kommen Lehrstellen bei Behörden und der Bahn. Doch welche Ausbildung ist für wen richtig? „Ich mach’s!“ stellt jede Woche einen Beruf ausführlich vor.
Ich mach's! - Videos der Sendung | ARD Mediathek
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 00:38 – In tiefster Untertänigkeit: Bewerben im 19. Jahrhundert
TC 02:40 – Die moderne Selbstvermarktung – Neugier statt Mitleid
TC 05:49 – Eigenlob hat früher noch gestunken
TC 08:29 – Die DNA einer Bewerbung
TC 09:40 - Der Ton macht die Musik und der Weg ist das Ziel
TC 14:05 – „Ich bewerbe mich für den Bekannten meiner Schwester Neffen“
TC 16:36 – Die Headhunter-Maschine KI
TC 17:37 – Top oder Flop: Der erste Eindruck zählt
TC 19:32 – Woran hat’s gelegen?
TC 19:13 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 0:15 - Intro
Podcast-Ansage:
Eine neue Arbeit suchen, sich um einen Job bewerben, das kann echt anstrengend sein: Wie präsentiere ich mich richtig? Was erwähne ich, was nicht? Klar, dafür gibt es Trainings und Ratgeber. Aber die nutzen ja auch andere. Wie also nimmt man potentielle Arbeit-“Geber“ für sich selbst ein? Bewerber und Bewerberinnen vergangener Zeiten gingen die Sache noch ganz anders an als wir.
MUSIK 1
"Andante Con Moto: Strings in E-Flat Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Succession: Season 1 (HBO Original Series Soundtrack) - Länge: 1'26
TC 00:38 – In tiefster Untertänigkeit: Bewerben im 19. Jahrhundert
ZITATOR:
Euer königlichen Majestät nahet sich in tiefster Unterthänigkeit der Sohn des seit 50 Jahren in Stuttgart angestellt gewesenen Scharfrichters Näher als Waise, und erinnert die von seinem, in voriger Nacht durch einen Schlagfluß plötzlich hinweggerafften 75jährigen Vater, im Juli vorigen Jahrs, allerunterthänigst vorgebrachte Bitte, seinem einzigen Sohn sein Amt, das schon über hundert Jahre durch seine Voreltern begleitet worden, übertragen zu dürfen.
SPRECHERIN:
Ein Bewerbungsschreiben aus dem Jahr 1806. Das feudale Ständesystem weist jedem noch seinen gesellschaftlichen Platz zu: „Kaiser, König, Edelmann. Bürger, Bauer, Bettelmann. Schuster, Schneider, Leineweber. Bäcker, Kaufmann, Totengräber.“ Der alte Abzählvers beschreibt die festgefügten Hierarchien. Spielräume, sprich: Auf- oder Quereinstiegschancen deuten sich an, aber nicht für einen Henkerssohn. Irgendjemand muss die unehrenhafte Arbeit schließlich tun. Der junge Bewerber wird also vermutlich zu einer Art Vorstellungsgespräch geladen. Der Historiker Timo Luks erklärt, wie das damals ablief:
O-TON 01: (Luks)
„Da ging es um eine Inaugenscheinnahme, ob da jemand körperlich überhaupt fit ist, ob jemand einen gesunden Eindruck macht und dann im Grunde vielleicht zwei, drei Sätze, um jemanden kennenzulernen, also das hatte quasi nicht den Zweck über den Bewerber noch irgendwelche grundsätzlichen Sachen zu erfahren.“
SPRECHERIN:
Aber ist er tatsächlich so treu ergeben wie sein Bewerbungsschreiben nahelegt? Da steht er nun im Raum, der Anwärter auf den Job des königlichen Henkers. Er hat den Blick gesenkt, die Schultern hängen, er stammelt ein paar Worte und knetet den Hut in den Händen.
ZITATOR:
Allerunterthänigst … Bitte … sein Amt… schon über hundert Jahre durch seine Voreltern begleitet worden… übertragen… zu dürfen.
Musik 2
"Smells Like Sheep" - Komponist: Nichoals Britell - Album: The Big Short (Music from
the Motion Picture) - Länge: 1'00
TC 02:40 – Die moderne Selbstvermarktung - Neugier statt Mitleid
SPRECHERIN:
Wie sich die Verhältnisse ändern! Mehr als 200 Jahre später wäre eine solche Performance ein „absolutes No-Go“. Bewerber und Bewerberinnen müssen immer selbstbewusst auftreten, sagt der Karriere-Coach Klaus-Dieter Böse. Auch wenn sie es eigentlich nicht sind.
O-TON 02: (Böse)
„Das kann man aber lernen. Das mache ich auch mit meinen Klienten, wo ich sage: komm einfach mal in den Raum rein. Wie wirkt das? Ich übe mit denen Bewerbungsgespräche, wo man sagt: okay, wie sitzt jemand? Fällt der zusammen? Ist der nervös? Wo guckt jemand hin? Also, all das kann man lernen und darauf achten, wie stelle ich mich hin, dass ich schulterbreit stehe, dann habe ich einen besseren Halt in meinen Körper. Das sind so diese Kleinigkeiten, die man selber sehr gut machen kann.“
SPRECHERIN:
Das Individuum hat in der modernen Gesellschaft an Bedeutung gewonnen. Sich selbst zu optimieren, um die Chancen auf eine Stelle zu verbessern, das kam Bewerbern zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht in den Sinn. Vielleicht, dass sie sich vor dem Gespräch mit einem Kamm durch die Haare gefahren sind. Im Grunde aber hofften sie auf die Güte der Herren Brotgeber. Der Historiker Timo Luks hat sich in Archiven durch unzählige Bewerbungsschreiben gelesen:
O-TON 03: (Luks)
„Die Bewerber appellieren ganz oft an die „wohlmeinenden väterlichen Stadtmagistrate oder Stadträte“, die ihnen dann eine Schreiber-Stelle verleihen sollen. Also das ist so eine Idee von Obrigkeit, die sich sorgt und die sich kümmert. Und bei modernen Bewerbungen, die ganz entschieden auf Konkurrenz abheben, wird tatsächlich eher auf den eigenen Vorteil abgehoben. Wenn man mich einstellt, dann bringe ich dem Unternehmen was und das Unternehmen hat Vorteile von mir sozusagen. Die ältere Haltung kommt über so eine väterliche-verantwortliche Idee noch stärker und das ist ein anderer Aspekt des Menschen, der da betont wird.“
Musik 3
"Smells Like Sheep" - Komponist: Nichoals Britell - Album: The Big Short (Music from the Motion Picture) - Länge: 1'07
O-TON 04: (Böse)
„So eine schöne Selbstpräsentation baut man auf, wo man sagt: wer bin ich? Was hat mich in meiner Vergangenheit geprägt? War es der Job? Waren es die Eltern? Was habe ich über meinen beruflichen Werdegang Wichtiges gelernt? Dann gibt es immer die Regel, dass man die drei wichtigsten Kompetenzen sagt, die ich habe, die drei wichtigsten Stärken, die ich habe.“
SPRECHERIN:
Moderne Bewerber und Bewerberinnen müssen auf Zack sein, sagt der Laufbahn-Trainer Klaus-Dieter Böse. Ihre Selbstdarstellungen sollen bei potentiellen Arbeitgebern kein Mitleid, sondern Neugier wecken.
Wie? Die war mit 23 Jahren schon Projektleiterin für Strategieprojekte? Und was steckt wohl hinter ihrem „3-monatigen Erwerb sozialer Kompetenzen auf Ibiza“? Lücken, Pausen, Müßiggang haben in einem Lebenslauf so wenig zu suchen wie leere Seiten in einem Krimi. Aber bitte nicht übertreiben! Die Herausforderung lautet: vage zu bleiben, ohne profillos zu wirken. Dazu später mehr.
O-TON 05: (Böse)
„Der Lebenslauf ist das Interessanteste, was der potenzielle Arbeitgeber sich zuerst nimmt, sich anschaut, und dies muss fesseln. Das muss Informationen rübergeben und animieren zum Weiterlesen. Das heißt, ich brauche eine gute erste Seite, wo ganz klar hervorkommt, warum ich zu diesem Unternehmen, warum ich zu diesen Positionen, dieser Rolle, dieser Funktion auch tatsächlich passe.“
TC 05:49 – Eigenlob hat früher noch gestunken
Musik 4
"Andante Con Moto: Strings in E-Flat Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Succession: Season 1 (HBO Original Series Soundtrack) - Länge: 0'40
ZITATOR:
Daß ich zu diesem Posten, der in meiner Wiege als meine Bestimmung angegeben wurde, geeignet seye, müßen meine seit mehreren Jahren im Namen meines Vaters geleisteten Dienstverrichtungen von jeder Art bestimmt darthun…
SPRECHERIN:
Der Anwärter auf den Stuttgarter Henkersposten weist in seinem Schreiben eher nebenbei auf die persönliche Eignung hin. Eigenlob stank damals nämlich noch gewaltig. Doch sollte der junge Mann seine Fähigkeiten deshalb unerwähnt lassen? Eine Bewerbung glich von Anfang an einem Balanceakt, sagt Timo Luks.
O-TON 06: (Luks)
„Die Bewerbung hat eine Eigendynamik des Redens von sich selbst, und das kann man bremsen und das kann man laufen lassen… Und das drängt aber tatsächlich immer in diese Richtung der Selbstdarstellung.“
SPRECHERIN:
„In eigener Sache“ lautet denn auch der Titel des Buches, das der Historiker 2022 veröffentlicht hat. Timo Luks beschreibt, wie sich aus der unterwürfigen Bewerbung ein kompliziertes Instrument im Leistungswettkampf des Jeder gegen Jede entwickelt hat. Es ging immer schon zwei Schritte vor und einen zurück.
O-TON 07: (Luks)
„Sehr schön kann man das in frühen Bewerbungen, in frühen Ratgebern ablesen: Die beinhalten immer noch die Entschuldigung, dass man jetzt von sich selbst redet, das wäre ja heute nicht mehr vorstellbar: „Entschuldigung, dass ich meine Vorteile hier zur Schau stelle!“ würden wir nicht schreiben in der Bewerbung.“
SPRECHERIN:
Nein. Bloß nicht, mahnt der moderne Karrierecoach:
O-TON 08: (Böse)
„Bewerbung ist Eigenmarketing, was man betreibt.“
MUSIK 5
"Lamentoso - Clarinets, Piano, Pizzicato Strings" - Album: Succession: Season 4 (HBO Original Series Soundtrack) - Komponist: Nicholas Britell - Länge: 0'50
SPRECHERIN:
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trieb pure Not die Menschen dazu, sich gezielt und schriftlich um Anstellungen zu bewerben. Es gab noch keinen Sozialstaat. Und die Kommerzialisierung nahm zu, der Markthandel löste die Tauschgeschäfte ab. Man brauchte Geld, bares Geld in die Hand. Aus dem Militär entlassene Soldaten, gescheiterte Kaufleute und verzweifelte Familienväter mussten jetzt tatsächlich „in eigener Sache“ werben, auch wenn sie ihre Dienste eben nicht wie Kartoffeln oder Gemüse feilbieten wollten. Die frühen Bewerbungen folgen dem Muster klassischer Bittschreiben, sagt der Historiker Timo Luks. Zwar kursierte seit alters her auch der Begriff der Bewerbung:
O-TON 09: (Timo Luks)
„Der meint aber nichts, was sich irgendwie auf eine Stelle bezieht oder jedenfalls nicht nur. Wenn man sich bewirbt, dann bewirbt man sich um Freundschaft, um einen Gunstbeweis, um die Hand einer Frau oder einer Dame. Und in diesem breiten Feld kann man sich eben auch um eine Anstellung bewerben. Und der zweite Strang, der dann für die Stellenbewerbung wichtig ist, kommt tatsächlich eher aus der Tradition der Bittschreiben und Bittschriften. Dass man da gewissermaßen eine Obrigkeit oder ein höherstehendes Gegenüber bittet, um irgendeine Gunst oder irgendeine Gnade. Und in dem Zusammenhang kann man den eben auch um die Verleihung einer Stelle bitten.“
TC 08:29 – Die DNA einer Bewerbung
O-TON 10: (Böse)
„Wir brauchen den roten Faden, nicht nur in dem Anschreiben oder einem Motivationsschreiben, auch den roten Faden im Lebenslauf, was die DNA des Bewerbers darstellt.“
SPRECHERIN:
Die „DNA“ eines Bewerbers oder einer Bewerberin hat nichts mit Erbinformationen zu tun. Die moderne Coaching-Sprache meint damit den „Markenkern“ einer Person. Meist muss dieser für eine gute Bewerbung erst herausgeschält werden. Dazu ist es nötig, die eigene Biographie nach verwertbaren Details zu durchforsten. Ob dann der Trainerschein in rhythmischer Sportgymnastik zum „unique selling point“, also zum Alleinstellungsmerkmal wird, oder das Praktikum in Südostasien, ist im Grunde egal: Hauptsache, das Ego gewinnt an Kontur, sagt Klaus-Dieter Böse.
O-TON 11: (Böse)
„Ich steh mit jeder Bewerbung mit anderen Bewerbern im Wettbewerb. Und ich kann mich nur mit meiner Persönlichkeit, die ich besitze, was mich ausmacht, meine Individualität kann ich mich nur hervorheben. Und das ist das, was die Bewerber sich immer vor Augen halten müssen, gute Vorbereitung: zu wissen: Wer bin ich? Was kann ich? Und wo sind vielleicht auch meine Schwächen, die ich aber trotzdem gut integrieren kann und was motiviert mich?“
TC 09:40 – Der Ton macht die Musik und der Weg ist das Ziel
MUSIK 6
"Andante Con Moto: Strings in E-Flat Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Succession: Season 1 (HBO Original Series Soundtrack) - Länge: 0'50
ZITATOR:
Eine so zahlreiche Familie wie die von meinem Vater hinterlassene ist, erfordert zu viel, als daß meine Mutter sich nicht mit Recht auf die Stütze ihres einzigen Sohnes verlassen sollte, und als Stütze kann ich ihr nur dann dienen, wenn ich in die Stelle meines Vaters eingesetzt werde.
SPRECHERIN:
Der junge Henker betont nicht nur die Bedürftigkeit seiner Familie. Er vermittelt auch, dass er seiner Mutter eine Stütze sein will. Unter Christen gibt es hier 100 Punkte. Umso mehr hat der gute Sohn die „Verleihung“ dieser Stelle verdient, nicht wahr? Das kurze Bewerbungsschreiben aus dem Jahr 1806 erhöht geschickt Zeile für Zeile den moralischen Druck, ein Argument ergibt sich aus dem nächsten. Folgende Frage stellt sich Arbeitgebern sicher öfter:
O-TON 12: (Böse)
„Hat der die Bewerbung denn selber geschrieben oder hat das jemand anderes gemacht?“
MUSIK 7
"Andante Con Moto: Strings in E-Flat Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Succession: Season 1 (HBO Original Series Soundtrack) - Länge: 0'40
SPRECHERIN:
Nun, nicht jeder Handwerkersohn ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts des Schreibens mächtig. Professionelle Schreiber werden gern in Anspruch genommen, sofern man sie bezahlen kann. Sie beherrschen die notwendige Rhetorik aus dem FF, also auch die stilistische Zuspitzung eines Briefes, der dann in herabfallender Kurve förmlich auf den Knien endet.
ZITATOR:
Euer königlichen Majestät bitte ich in tiefster Unterthänigkeit um allergnädigste Übertragung dieses durch den Tod meines Vaters erledigten Postens.
SPRECHERIN:
„Ich freue mich auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.“ Schreiben diese Floskel nicht alle? Kommt der Lebenslauf ein- oder zweispaltig besser? Und weil wir gerade dabei sind: Empfiehlt es sich eigentlich, das Anschreiben als Fließtext zu verfassen oder wirken eingerückte, mit Aufzählungszeichen versehene Blöcke dynamischer? Heute hilft auf die Schnelle das Internet weiter. Außerdem gibt es ja Karriere-Coaches wie Klaus-Dieter Böse.
O-TON 13: (Böse)
„Ich empfehle immer einfache Schlichtheit und nicht so Verspieltheit mit Haken oder mit Pfeilen. Leute können dort sehr kreativ werden, und ich finde immer, man muss immer dem Motto feiern so schlicht wie möglich. Auffallen soll im Endeffekt die Leistung und das Können des einzelnen Bewerbers.“
SPRECHERIN:
Der Weg ist nicht das Ziel, sondern eine Bewerbung soll den geschätzten Leser, die sehr geehrte Leserin zum Handeln bewegen: Lad mich ein! Gib mir die Stelle oder wenigstens eine Chance! Bewerbungen folgen grundsätzlich dem teleologischen Prinzip. Man stellt die eigenen Bedürfnisse, Leistungen und Bemühungen so dar, als liefen sie zwangsläufig auf die angestrebte Stelle zu. Im Laufe der Zeit hat sich allerdings der Bezugsrahmen verschoben.
ZITATOR:
Und ich glaube, im Vertrauen auf die allerhöchste Gerechtigkeitsliebe gerechte Ansprüche darauf machen zu können.
SPRECHERIN:
Der potentielle Chef muss nur noch zustimmen. Schließlich hat die zukünftige Einzelhandelskauffrau schon als Kind gern mit dem Kaufladen gespielt. Das echte Leben mag von Zufällen und Gelegenheiten beherrscht sein, ein perfekter Lebenslauf besteht aus stringenten biographischen Etappen. Einiges fällt logischerweise unter den Tisch, das krachend gescheiterte Projekt xy zum Beispiel. Anderes muss aufpoliert oder umfrisiert werden. Außer man hat eh schon immer alles nur unter Karriere-Gesichtspunkten betrieben: Studium, Auslandsaufenthalte, Freundschaften, Hobbys… umso besser, vermutlich! Denn eine Bewerbung ist eine Erzählung über die eigene Person, die sich an den vermuteten Erwartungen des Gegenübers ausrichtet. Ein bisschen zu pokern, gehört also dazu. Vor 200 Jahren setzten die Bewerber noch ganz klar aufs Herz.
O-TON 14: (Timo Luks)
„Mich hat's teilweise sehr beeindruckt, wie dann kleine Handwerker auf der Suche nach einer Schreiberstelle im Grunde so Mini-Autobiografien sind das fast, wenn man das mit heutigen Bewerbungsschreiben vergleichen würde, das heißt, die machen sehr viel deutlicher und plausibler, warum sie sich in einer bestimmten Lebenssituation für eine bestimmte Stelle bewerben. Dann werden die Familienverhältnisse ausgeführt, dann wird ausgeführt, was sie für Schicksalsschläge hatten, wie die Familie leidet, wie das Einkommen schwindet, wie die Preise steigen, also das Gesamtpaket von Lebenslage wird da erzählerisch aufbereitet und darin flechten die einfach ein, was sie wann wie an Ausbildungen und Qualifikationen haben. Und das ist überhaupt nicht der Kernbereich, sondern es geht im Grunde darum, die Person eingebettet in die Familie und in die sozialen Verhältnisse irgendwie verständlich zu machen.“
TC 14:05 – „Ich bewerbe mich für den Bekannten meiner Schwester Neffen“
MUSIK 8
"Fatherhood" - Album: The Tree Of Life (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführender: Alexandre Desplat - Länge: 1'00
SPRECHERIN:
Bevor sich mit der Industrialisierung die moderne Arbeitsgesellschaft herausbildet, läuft vieles über Mundpropaganda. Einer hört von der schweren Erkrankung des Polizeidieners und empfiehlt sich sofort für dessen Amt, obwohl der Mann noch lebt. Bevor eine Sterbeanzeige erscheint, ist oft schon ein richtiggehendes Stellenkarussell in Gang gesetzt: Man bewirbt sich auf die vermutlich freiwerdende Position des vermutlich aufrückenden Nachfolgers des vermutlich bald dahinscheidenden Marktaufsehers oder Torsperrers. Oder ein Verwandter versucht stellvertretend, einen Fuß in die Tür zu kriegen.
ZITATOR:
Und übrigens dafür bürgen zu können glaube, dass mein Sohn sich dieser Höchsten Gnade durch seinen angewöhnten strengen Fleiß und bisher stets bezeigten Nüchtern- und Untadelhaftigkeit würdig zu machen sich thätigst beeifern werde.
O-TON 15: (Luks)
„Über dieses Weitergeben von Informationen und vor allem das Weitergeben von Bewerbern, wenn man so will, kommt man oft an die Stellen. Das heißt, da bewirbt sich gar nicht der Interessent selbst, sondern der Vater, ein wohlmeinender Onkel oder ein früherer Arbeitgeber oder dergleichen, schreibt im Grunde eine Art Empfehlung, die vom Tonfall total ähnlich ist wie das, was man selbst als Bewerbung schreiben würde, nur, dass sich eben der Bewerber nicht selbst bewirbt, sondern er wird beworben von jemandem anders.“
SPRECHERIN:
Um 1900 etabliert sich ein allgemeiner, dem heutigen vergleichbarer Arbeitsmarkt. Es gibt Berufsberatungen und Vermittlungsagenturen. In den Zeitungen erscheinen Stellenanzeigen sowie Gesuche. Viele Unternehmen verfügen inzwischen über eigene Personalabteilungen. Buchhandlungen verkaufen spezielle Ratgeberliteratur für Arbeitssuchende, etwa den Titel “Wie erzwinge ich mein Glück?“. Die Botschaft heißt jetzt, dass es an jeder einzelnen Person liegt, ob sie weiterhin zur Masse der Arbeitslosen gehört oder endlich einen Job findet. Nach dem Motto: aufpassen beim Löschen der Tinte mit Sand! Nicht, dass dem Direktor beim Öffnen des Bewerbungsschreibens ein halber Mittelmeerstrand auf den Anzug rieselt. Was können Arbeitssuchende seither nicht alles verkehrt machen! Nehmen wir als aktuelles Beispiel nur einmal die Sache mit der Suchmaschinenoptimierung. Kaum jemand schickt seine Unterlagen heute ja noch per Post oder radelndem Boten. Das Portfolio mit allem Pipapo wird auf den Bewerbungsportalen der Unternehmen digital hochgeladen. So sparen Jobsuchende Papier und Arbeitgeber menschliche Arbeitskraft ein.
TC 16:36 – Die Headhunter-Maschine KI
O-TON 16: (Böse)
„Wir müssen immer davon ausgehen, dass im Hintergrund mittlerweile die KI, die künstliche Intelligenz, diese Dokumente liest und entscheidet, anhand von vorgegebenen Stichwörtern: sind die vorhanden? Ja oder nein. Das heißt, ich muss gucken, dass ich die Fachbegriffe, die auch in der Stellenausschreibung gestanden haben, wie Stakeholder, Projektmanagement, Teamfähigkeit, Führungsverhalten, Kommunikationsstärke, das wären so Klassiker, die man in einer Stellenausschreibung findet. Und diese Begrifflichkeiten müssen sich dann wiederfinden in dem Anschreiben oder in dem Lebenslauf oder am besten in beiden Sachen.“
SPRECHERIN:
Ansonsten sortiert eine Maschine die „falsche“ Bewerbung gnadenlos aus. Egal, wie viele „unversorgte Kinder“ der arme Absender zu Hause haben mag.
Musik 9
"Lamentoso - Clarinets, Piano, Pizzicato Strings" - Album: Succession: Season 4 (HBO Original Series Soundtrack) - Komponist: Nicholas Britell - Länge: 0'25
ZITATOR:
Indem ich noch 8 unversorgte, sich sämtlich zu Haus befindliche Kinder, deren das älteste erst 15 Jahre alt ist, nebst einer Ehefrau zu ernähren habe.
TC 17:37 – Top oder Flop: Der erste Eindruck zählt
SPRECHERIN:
Die Bewerbung versucht eine Brücke zwischen Individuum und Arbeitswelt zu schlagen. Unter dem Druck der kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickelt sie sich zu einer komplexen Kulturtechnik der Selbstdarstellung: nur der oder die Beste kann gewinnen! Denkste. Zugleich erweist sich die hochformalisierte, standardisierte Textsorte als rigides Disziplinierungsinstrument. Dem wachsenden, sich stetig wandelnden bürokratischen Aufwand müssen die Bewerber eben auch gewachsen sein. Anfangs genügt noch ein Schreiben, dann wird die persönliche Handschrift wichtig. Ein Foto kommt hinzu. Zeugnisse müssen beigelegt, Referenzen genannt, Anschreiben und Lebenslauf voneinander getrennt werden. Nicht zuletzt kommt es auch noch auf den Auftritt beim Vorstellungsgespräch an.
O-TON 17: (Timo Luks)
„Im späten 19. und um 1900 spielt das eine Rolle, dass Sie dann wirklich eigene Kapitel haben in Ratgebern, die sagen: „okay, den Hut absetzen, aber in der Hand behalten. Niemandem Zeit stehlen, wenn man persönlich hinkommt, immer bereit sein, sofort zu gehen, wenn der Gegenüber scheinbar genug gefragt hat!“, also solche Ratschläge für das Verhalten im Kennenlernen, im Gespräch werden dann häufiger. Und in den Archivunterlagen selbst habe ich tatsächlich auch in der gleichen Zeit so im späten 19. Jahrhundert auch einige Verfahren gefunden, ich glaube, da ging es um so Aufsichtspersonen bei einem Armenhaus und also auch so halboffizielle Stellen. Und da gab es dann häufiger mal in so Bewerbereinschätzungen, in so vergleichenden Gutachten, die Bemerkung: ja, der sah noch ganz passabel aus in der Bewerbung, aber machte persönlich keinen günstigen Eindruck.“
MUSIK 10
"Smells Like Sheep" - Komponist: Nichoals Britell - Album: The Big Short (Music from the Motion Picture) - Länge: 1'16
O-TON 18: (Böse)
„Diejenigen, die aus den Universitäten rauskommen, die haben ja ein Career Coaching, was Universitäten heutzutage anbieten: wie bewerbe ich mich draußen? Die kriegen Kurse: wie präsentiere ich mich auf diesen sozialen Netzwerken? Was habe ich alles für Möglichkeiten? Die sind wirklich sehr gut darin. Die große Masse, die Probleme eigentlich hat, sind die, die sich lange nicht mehr beworben haben. Oder die sich fragen: warum kriege ich immer nur Absagen? Warum nimmt mich keiner? Warum werde ich nicht eingeladen?“
TC 19:32 – Woran hat’s gelegen?
SPRECHERIN:
Lag es am Alter? Oder am fremd klingenden Nachnamen? Hätte man besser nicht nach einem Teilzeitjob fragen sollen? Oder war es ein Fehler, das Thema Work-Life-Balance anzuschneiden? Brauchen sich Frauen gar nicht erst um traditionelle Männerberufe zu bemühen? War das Foto zu hübsch oder zu hässlich? Oder überhaupt fehl am Platz? Das Rätselraten findet kein Ende. Heute muss man wohl eh zur Dauerbewerbenden mutieren und ständig in digitalen Karriere-Netzwerken aktiv sein, etwa bei Xing und LinkedIn liken, Neues posten, kommentieren. Ob du dort dann aber wirklich von Headhuntern gefunden wirst, steht ebenfalls in den Sternen.
O-TON 19: (Timo Luks)
„Das ist tatsächlich immer so ein bisschen diese heikle Geschichte, die ja auch bei Ratgebern bisschen das Problem darstellt, ist: die guten Ratschläge, die vermeintlich zum Erfolg führen, werden dann ja von ganz, ganz vielen Leuten gelesen und umgesetzt. Und dann hat man dann einfach 50 perfekt optimierte Bewerbungen. Aber damit hat sich die Zahl der Stellen ja nicht vermehrt.“
SPRECHERIN:
Auch Fachkräftemangel führt in den betroffenen Branchen nicht zwangsläufig dazu, dass sich der Spieß umdreht. Also, dass sich die Unternehmen im Sinne potentieller Arbeitnehmer optimieren und zum Beispiel sehr viel höhere Löhne oder total familienfreundliche Bedingungen anbieten. Vielleicht finden sie ja doch noch andere Bewerber und Bewerberinnen, die keine „überzogenen“ Forderungen stellen. Das Machtgefälle zwischen denen, die Arbeit vergeben, und denen, die sie nehmen müssen, bleibt bestehen. Deshalb, sagt der Historiker Timo Luks, ganz ehrlich, dass eine optimale Bewerbung den Stich macht, ist eine Illusion.
O-TON 20: (Timo Luks)
„Es wird immer so getan, dass das hochkompetitiv ist, und am Ende gibt es nur einen Mann, der der allerbeste für diese Stelle ist. Aber faktisch ist in jedem Verfahren auch im neunzehnten Jahrhundert, ich habe mich das ja auch gefragt, wen würde ich nehmen, und dann kommt man immer zu dem Ergebnis: das sind mindestens zehn oder 15 Leute, die genauso gut und gleich gut diese Stelle als Magistratsschreiber oder als Polizeidiener ausfüllen könnten.“
SPRECHERIN:
Bewerbern und Bewerberinnen bleibt also auch im 21. Jahrhundert vermutlich nichts Anderes übrig, als den Zufall oder irgendeine für berufliche Fragen zuständige Schicksalsgöttin „untertänigst“ um Bevorzugung zu bitten. Insgeheim natürlich nur, versteht sich.
TC 21:47 – Outro
Die Gewerkschaften haben sich in den letzten 150 Jahren zu wichtigen wirtschaftlichen und politischen Akteuren entwickelt. Doch Antworten auf die herausfordernde Transformation von Arbeit wie Gesellschaft scheinen sie schwer zu finden. Können sie den Wandel mitgestalten - und gleichzeitig selber zukunftsfähig werden? Von Lukas Grasberger (BR 2023)
Credits
Autor/in dieser Folge: Lukas Grasberger
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Katja Bürkle, Benjamin Stedler
Technik: Adrian Thalhammer
Redaktion: Nicole Ruchlak
Linktipps:
planet wissen (2023): Gewerkschaften – Warum sie jetzt neu gefordert sind
Sie haben eine lange Geschichte und sie haben viel für uns erreicht – die Gewerkschaften. Rund 70 Prozent aller Deutschen halten starke Gewerkschaften für wichtig in unserer Gesellschaft, aber nur 18 Prozent sind auch dort organisiert. Vielen erscheinen sie veraltet, verkrustet, zu sehr mit sich beschäftigt. Dabei sind sie in Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung, der Leiharbeiter und Minijobber ganz neu gefordert und wichtiger denn je. Wo stehen die Gewerkschaften heute und wie haben sie sich gewandelt? Wie arbeiten sie und wie sind sie für die Zukunft aufgestellt?
Gewerkschaften – Warum sie jetzt neu gefordert sind - Planet Wissen - Sendungen A-Z - Video - Mediathek - WDR (planet-wissen.de)
Carolin Denise Fulda (2022): Gewerkschaften – Weniger Repräsentativität durch Strukturdefizite?
Im Jahr 2021 lag der gewerkschaftliche Netto-Organisationsgrad in Deutschland bei 17,4 Prozent. Damit ist, ähnlich wie 2018, jeder sechste Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied. Während sich die Konstellation des Arbeitsmarktes jedoch stetig verändert, entwickelt sich die Mitgliederstruktur der Arbeitnehmerverbände nicht immer im Einklang dazu.
Gewerkschaften: Weniger Repräsentativität durch Strukturdefizite? - Institut der deutschen Wirtschaft (IW) (iwkoeln.de)
planet Wissen (2023): Der längste Streik Deutschlands
Das stärkste Mittel, das Gewerkschaften im Arbeitskampf haben, ist der Streik. Der längste Streik in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zog sich ab 1956 mehrere Monate lang hin. Am Ende hatten die Metallarbeiter in Schleswig-Holstein durchgesetzt, dass sie ihren Lohn auch bei Krankheit weiter bekamen und dass Arbeiter und Angestellte rechtlich gleichgestellt wurden.
Der längste Streik Deutschlands - Planet Wissen - Sendungen A-Z - Video - Mediathek - WDR (planet-wissen.de)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 02:41 – Ein historisches Momentum: Die Revolution 1848
TC 03:24 – Meister gegen Gesellen
TC 05:19 – Unter Verfolgung zur „Partei der Arbeiter“
TC 08:29 – Der deutsche Sonderweg
TC 10:35 – Gesellschafspolitischer Einfluss blitzt auf
TC 11:44 – Das widerständige Rädchen im Kapitalismus
TC 12:51 – Fremdeln im Wandel der Arbeitswelt
TC 16:00 – Sind Gewerkschaften überhaupt noch legitimiert?
TC 22:11 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
Musik 1
"Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0'6
Atmo Streiks
O-Ton 1 Frank Deppe, em Prof. für Politikwissenschaft, Uni Marburg
„Das Jahr 2023 ist ein Jahr, in dem in Europa so viel gestreikt wurde wie seit den 70-er Jahren nicht mehr.“
Atmo Streiks nochmal hoch
O-Ton 2 Deppe
„Und wer streikt da? Das sind: Pflegepersonal, die, die arbeiten im Gesundheitssystem, Lehrer, Polizisten: Die ganzen Berufsgruppen, die da von England bis Portugal hinunter in Streik treten. (…) und sich zusammenschließen! Das ist untypisch. Auch Menschen, die nie etwas mit Gewerkschaften zu tun hatten...“
Sprecherin
…die nie etwas mit Gewerkschaften zu tun hatten, wie der Politikwissenschaftler Frank Deppe sagt. Ja, früher waren die Gewerkschafter die Fließbandarbeiter, ganz früher die Handwerker – jetzt, knapp 200 Jahre später organisieren sich Arbeitnehmer aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Und trotzdem trifft auf sie zu, was der Historiker Dr. Jürgen Schmidt für die Mitglieder der frühen Gewerkschaftsbewegung beschreibt. Damals, im 19. Jahrhundert, entstand die Gewerkschaft dort, wo Beschäftigte sich nicht nur selbst als politisches Subjekt, sondern auch in einer Gemeinschaft wahrnahmen.
O-Ton 3 Dr. Jürgen Schmidt
„...Man wollte als Arbeiter wahrgenommen werden, und dann eben auch verbunden mit Würde, Respekt und `ner Arbeiter-Identität. (…) Und so das Wissen: Unsere körperliche Arbeit trägt zum Wohlstand - und auch zum Aufblühen von Wirtschaft, Handwerk und Industrie bei.“
Musik 2
"Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0'10
Sprecherin
Mitte des 19. Jahrhunderts organisierten sich die ersten Arbeiter.
O-Ton 4 Schmidt
„Es gab einerseits so soziale Bedingungen, könnte man das im weitesten Sinne bezeichnen, um sich zusammenzuschließen. Das waren eben überlange Arbeitszeiten von zwölf, 14 Stunden am Tag. Das waren schlechte Löhne. Es war aber eben auch diese Missachtung als Arbeiter, die Unterordnung unter den Arbeitgeber.“
Musik 3
"Diary" - Album: La marque des anges - Miserere (Bande originale du film) - Ausführender und Komponist: Max Richter - Länge: 0'28
TC 02:41 –Ein historisches Momentum: Die Revolution 1848
Sprecherin
Dazu kam ein historisches Momentum: Die Revolution des Jahres 1848.
O-Ton 5 Schmidt
„...und durch die Revolution ergaben sich eben Möglichkeiten der Teilhabe und Partizipation. Die neuen Freiheiten haben dann eben Arbeiter und Handwerker genutzt, um sich zusammenzuschließen.“
Sprecherin
Den Boden für die „Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung“ – die Keimzelle der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung – hatten Handwerker bereitet. Vor allem Handwerksgesellen sahen ihre Arbeit durch den zunehmenden Einsatz neuer Maschinen wie Dampfmaschine oder mechanischen Webstuhl gefährdet, ihre handwerkliche Qualifikation entwertet.
TC 03:24 – Meister gegen Gesellen
Gegen die industrielle Herstellung von Waren, gegen die neue Konkurrenz des Marktes und gegen die Gewerbefreiheit hatten Handwerks-Meister und -Gesellen anfangs noch gemeinsam aufbegehrt. Aber sie wurden immer mehr zu Kontrahenten, die Interessen entwickelten sich immer mehr in gegensätzliche Richtungen. Konnten sich die Gesellen früher ziemlich sicher sein, zum selbstständigen Handwerksmeister aufzusteigen, war das nun für die meisten unerreichbar geworden. Sie blieben abhängig beschäftigte Arbeitnehmer – im Gegensatz zu den Meistern, die Unternehmer und Arbeitgeber waren.
Allerdings wussten sich die Handwerker-Gesellen zu organisieren: Jahrhunderte alte Erfahrungen aus den Zünften kamen ihnen dabei zu Gute. Sie waren die treibende Kraft bei einem Zusammenschluss der Beschäftigten, die in den neuen Industrie-Betrieben arbeiteten. Gemeinsam sollten sie nun eine neue Klasse des „Arbeiters“ bilden. Mit der so genannten „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung“ verschafften sie sich gemeinsam in großem Umfang Gehör.
O-Ton 6 Schmidt
„Die Arbeiter-Verbrüderung hatten eben den Anspruch, nicht mehr einzelne Berufe zu repräsentieren, sondern die Arbeiter an sich. Und das bedeutete eben auch eine Aufwertung des Arbeiterbegriffs.“
Musik 4
"Diary" - Album: La marque des anges - Miserere (Bande originale du film) - Ausführender und Komponist: Max Richter - Länge: 0'44
ZITATOR
„Wir Arbeiter waren einem großen Teile der deutschen Bürgerklasse fremde, unbekannte Wesen....an welche man die dunklen Begriffe von Rohheit und Feigheit, Unbildung und Demut, Dummheit und wilder Zerstörung knüpfte; konnten wir erwarten, dass man uns in einer geschichtlichen Bewegung sah? Dass man uns als eine Klasse in der Gesellschaft betrachtete, die ihre eigene selbständige Entwicklung durchmacht?“
Sprecherin
...schrieb 1848 Stephan Born, der Gründer der Arbeiterverbrüderung. Und weiter:
ZITATOR
„Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hände - und niemand soll sie uns wieder entreißen!“
TC 05:19 – Unter Verfolgung zur „Partei der Arbeiter“
Sprecherin
Die Regierenden waren alles andere als angetan von dieser Selbstermächtigung und dem wachsenden Selbst-Bewusstsein der „neuen“ Arbeiter. Ab 1850 reagierten die Machthaber des deutschen Staatenbundes mit Repression. Die Arbeiterverbrüderung wurde verboten. Vor allem die Forderung der Arbeiter nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung galt als unbotmäßig.
O-Ton 7 Schmidt
„Sie forderten ja Demokratie, Republik, politische Teilhabe... und stattdessen wurden sie ausgegrenzt und sogar verfolgt. Und gerade so eine Situation schweißt natürlich zusammen - und markiert eine klare Trennungslinie zwischen denen und uns.“
Sprecherin
Trotz – oder gerade wegen ihrer Verfolgung und Unterdrückung: die Arbeiter ließen sich nicht einschüchtern. Sie schlossen sich 1863 zum „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ zusammen, der bald die Gründung einer „Partei der Arbeiter“ beschloss: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Diese neue sozialdemokratische Partei wuchs und wuchs - Hand in Hand mit den Gewerkschaften ¬-, ungeachtet der Durchsuchungen und Verhaftungen, mit denen Kanzler Otto von Bismarck im neu gegründeten Kaiserreich die Arbeiterbewegung zu unterdrücken versuchte. Nach und nach erkannten Unternehmen die Gewerkschaften als Vertragspartner an: Erste Tarifverträge, also Vereinbarungen mit den Arbeitgebern auf bestimmte Löhne und Arbeitsbedingungen schlossen zunächst einige wenige Branchen - wie die Buchdrucker, Maler oder Maurer: Dann folgte der nächste Schritt und mit ihm ein Zuwachs an Macht: die Arbeitnehmerorganisationen gründeten einen Dachverband, die „Generalcommission der Gewerkschaften Deutschlands“. Erster Vorsitzender war Carl Legien – der entscheidende Weichen für die Entwicklung des deutschen Gewerkschaftswesens bis zum heutigen Tag stellen sollte:
Musik 5
"Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0'32
Sprecherin
Er nutzte die Novemberrevolution 1918 für die Sache der Arbeiter. Unter der Drohung der Enteignung und Verstaatlichung von Industrie und Banken rang er dem Großindustriellen Hugo Stinnes die offizielle Anerkennung der Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiterschaft ab. Dies bedeutete die flächendeckende Ausbreitung und die allgemeine Verbindlichkeit von Tarifverträgen. Ein Zugeständnis mit Hintergedanken, sagt Frank Deppe.
O-Ton 8 Deppe
„Ziel war die Niederschlagung der Revolution. Das war sozusagen der Kern dieser Vereinbarung, der dann aber Zugeständnisse der Arbeitgeberseite an die Gewerkschaften beinhaltete.“
Sprecherin
Dazu einigte man sich auf die Bildung von Arbeiterausschüssen – dem Vorläufer der heutigen Betriebsräte. Statt revolutionärer Konfrontation schrieb man also ein konstruktives Miteinander von Kapital und Arbeit im Betrieb fest.
Mit dem Stinnes-Legien-Abkommen war der Grundstein für das deutsche Modell von Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung gelegt. In den frühen Jahren der Bundesrepublik wurde diese Sozialpartnerschaft dann in Gesetzesform gegossen.
TC 08:29 – Der deutsche Sonderweg
O-Ton 9 Deppe
„Betriebsräte und Unternehmen müssen zusammenarbeiten zum Wohle des Unternehmens.“
Sprecherin
Die Gewerkschaften liefen jedoch Sturm gegen das Gesetz: Sozialpartnerschaft ja, aber nur, wenn die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gleichberechtigt vertreten sind. Dies war allerdings nicht vorgesehen. Und so kam es 1952 zum letzten legalen politischen Streik in der Bundesrepublik - und einer doppelten Niederlage für die Gewerkschaften: Denn weder der Ausstand der IG Druck und Papier, noch Massenkundgebungen der Gewerkschaften verhinderten, dass das Betriebsverfassungsgesetz zu ihrem Nachteil beschlossen wurde. Zum anderen verbot das Bundesarbeitsgericht 1954 Streiks aus politischen Gründen - sowie solche, die spontan abgehalten werden. Demnach dürfen bis heute...
O-Ton 10 Deppe
„...in der Bundesrepublik Deutschland nur Streiks durchgeführt werden (...), die sozial adäquat sind, also die sich auf soziale Belange des Betriebes richten oder der auch der Tarifpolitik richten, und die gleichzeitig nur von Gewerkschaften mit Arbeitgeberverbänden in der Auseinandersetzung geführt werden können.“
Sprecherin
Und nicht vom Staat, der Regierung.
Damit waren die Weichen für einen deutschen Sonderweg in der Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gestellt. Nicht die Fundamentalopposition gegen einen Kapitalismus, nicht die revolutionäre Umgestaltung eines als ausbeuterisch wahrgenommenen Systems prägte fortan die Arbeit der Gewerkschaften – sondern die Kooperation mit den Arbeitgebern: mit Regeln für Tarifverhandlungen und Streiks; mit Posten in Aufsichtsräten, in denen Arbeitnehmer nicht mehr direkt als Gewerkschafter, sondern indirekt als gewählte Betriebsrats-Vertreter neben den Managern ihrer Unternehmen Platz nahmen.
Dennoch: Außerhalb der Konferenzräume und Besprechungszimmer von Unternehmen ließen sich viele Gewerkschafter ihr gesellschaftspolitisches Engagement nicht nehmen. Der linke Flügel verknüpfte die Forderung nach Mitbestimmung -
O-Ton 11 Deppe
„...mit einer Perspektive noch weitergehender gesellschaftlicher Veränderungen.“
Musik 6
"48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 1'29
TC 10:35 – Gesellschafspolitischer Einfluss blitzt auf
Sprecherin
Dieser Anspruch der Gewerkschaften auch gesellschaftspolitisch Einfluss zu nehmen, sagt Frank Deppe, blitzte in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder auf. Im Engagement gegen die atomare Wiederbewaffnung, später in der Friedensbewegung. Besonders aber in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen rund um das Jahr 1968: Die geplanten Notstandsgesetze berührten die ureigenen Interessen der Gewerkschaften – sahen sie doch anfangs auch Einschränkungen der Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit von Beschäftigten und Arbeitnehmervertretern vor. Eine Schutzklausel, die die Anwendung des Notstands bei Arbeitskämpfen ausschloss, brachte die Gewerkschaften schließlich dazu, die Gesetze doch mitzutragen. Intellektuelle und Studierende wandten sich daraufhin enttäuscht von den Gewerkschaften ab: Sie hatten in ihnen einen Bündnispartner für einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel oder gar einen Systemsturz gesehen. Die zunehmend radikalen Proteste gegen den Vietnamkrieg oder das Schah-Regime im Iran bestritten die 68er schließlich ohne Unterstützung der großen Gewerkschaften.
TC 11:44 – Das widerständige Rädchen im Kapitalismus
Damit schienen die Gewerkschaften ihre Rolle im Gefüge der Bundesrepublik endgültig gefunden zu haben: Als selten widerständiges oder gar blockierendes Rädchen in einem – wie gut geölt laufenden – Kapitalismus funktionierten sie in Zeiten des Wirtschaftswunders – und bis weit darüber hinaus.
Musik 7
"I" - Album: Equilirium - Ausführender: PRSZR - Komponist: Peter Votava - Länge: 0'43
Sprecherin
Aber dann kamen die 1970er – die Ölkrise, Wirtschaftskrise und Inflation. Die Inflation schürte die Bereitschaft zu Arbeitskämpfen, mit denen die Gewerkschaften trotz massiver Kritik seitens der Wirtschaft Lohnerhöhungen von über zehn Prozent durchsetzen konnten. In dieser Zeit strömten Massen an neuen Mitgliedern in die Gewerkschaften. In den Augen von Klaus Dörre, der sich im wissenschaftlichen Beirat von Attac engagiert, ist Konfliktfähigkeit nicht nur eine Bedingung für die Durchsetzung der Interessen, sondern auch für eine sinnvolle Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmer.
O-Ton 12 Klaus Dörre, Professor für Soziologie, Uni Jena
„Wenn Sie nicht das Schwert an der Wand haben, also eine große gewerkschaftliche Organisationsmacht mit Bereitschaft zum Konflikt, bekommen Sie keine Sozialpartnerschaft.“
TC 12:51 – Fremdeln im Wandel der Arbeitswelt
Sprecherin
Diese „große gewerkschaftliche Organisationsmacht“, von der Klaus Dörre spricht, schwindet seit Beginn der 90er-Jahre langsam, aber stetig. Auch der kurzfristige Mitgliederzuwachs aus den neuen Bundesländern nach der deutschen Einheit hat letztlich nichts daran geändert. Mitgliederverluste...
O-Ton 13 Carolin Denise Fulda
„...vor allem natürlich aufgrund des demografischen Wandels.
Sprecherin
...sagt die Ökonomin Carolin Denise Fulda, Autorin der Studie „Gewerkschaften: Weniger Repräsentativität durch Strukturdefizite?“
O-Ton 13 Fulda Teil 2
„...das heißt, die Babyboomer-Generation geht in Rente. Es kommen aber nicht entsprechend viele junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach. Und noch dazu sind diese jüngeren Beschäftigten dann auch noch seltener in der Gewerkschaft organisiert.“
Sprecherin
Doch warum lassen diese Beschäftigen Vertreter ihrer ureigenen Interessen lieber links liegen? Ein Grund liege wohl nicht bei der Gewerkschaft selbst – sondern am zunehmenden Individualismus in der Gesellschaft, glaubt Fulda. Sie ist Expertin für Lohn- und Tarifpolitik am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln.
O-Ton 14 Fulda
„...Also Gewerkschaften sind ja nicht die einzigen Organisationen, die Mitglieder verlieren. Das Gleiche trifft für Sportvereine zu, aber zum Beispiel auch für die Kirche. Und auf dem Arbeitsmarkt konkret bedeutet das, dass viele Beschäftigte sich einfach lieber selbst vertreten und ihr Gehalt und ihre Arbeitsbedingungen individuell mit ihrem Arbeitgeber verhandeln.“
Sprecherin
Möglicherweise, sagt die Forscherin, habe das zunehmende Fremdeln von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit der Gewerkschaft auch mit einem Wandel der Arbeitswelt zu tun: Mit neuen Jobs in Büros, die weit weg sind von der klassischen „Malocher“-Arbeit in der industriellen Fertigung – einer traditionellen Domäne der Gewerkschaften.
O-Ton 15 Fulda
„Das liegt zum Beispiel daran, dass Angestellte und Akademiker zum Beispiel sich einfach in einem ganz anderen Arbeitsumfeld bewegen als das traditionelle Gewerkschaftsmitglied, also eine Person mit Ausbildungsberuf, die in der Industrie arbeitet.“
Sprecherin
Auch das Profil „älterer Arbeitnehmer“, „weiß“ und „männlich“ sei in den Gewerkschaften überrepräsentiert. Dagegen gebe es dort anteilsmäßig zu wenige Junge, zu wenige Frauen, zu wenige Akademiker. Nicht allein die Demographie – auch der Strukturwandel hat Klaus Dörre zufolge dazu beigetragen...
O-Ton 16 Dörre
„...dass die Branchen, wo die Gewerkschaften ihre Hochburgen hatten und auch die großem betrieblichen Strukturen, wo sie sie hatten, einfach von der Beschäftigung her geschrumpft sind, und die Beschäftigung expandiert in Bereichen, wo die Gewerkschaften traditionell schwach sind. Also nur,
um ein Beispiel zu nennen: der ganze Bereich prekärer Beschäftigung, der ja im Zuge der Hartz-Reformen eine dramatische, kann man sagen, Expansion erlebt: Niedriglohnsektor, Leiharbeit, Zeitarbeit, ungewollte Teilzeitarbeit, und so weiter… Also ein Leiharbeiter wechselt im Durchschnitt alle drei Monate den Betrieb. Wie wollen Sie den organisieren?“
Sprecherin
Die Gewerkschaften, meint Klaus Dörre, müssten auch dieses schwierige Terrain beackern – sie wären schlecht beraten, sich auf die eingespielte Arbeit in den gut organisierten, „alten“ Industriebetrieben zurückzuziehen.
O-Ton 17 Dörre
„Mit bloßem Besitzstandswahren wird man nicht weit kommen in Zukunft“
TC 16:00 – Sind Gewerkschaften überhaupt noch legitimiert?
Sprecherin
Zumal eine Stagnation oder ein weiterer Mitglieder-Rückgang die Legitimation der Gewerkschaften in Lohnverhandlungen mehr und mehr in Frage stellt.
Die Gefahr, es sich im etablierten Miteinander der Mitbestimmung zu gemütlich zu machen – sie ist nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Frank Deppe in der strukturellen Ausrichtung der deutschen Gewerkschaften auf die Sozialpartnerschaft hin angelegt. Der Marburger Professor zeichnet das Negativbild, in dem die Gewerkschafter immer wieder mal eher „Genossen der Bosse“ sind, die sich mit Managern gemein machen – statt auf Augenhöhe mit „ihren“ Beschäftigten zu agieren. Wozu das führen kann, zeigt der VW-Skandal:
O-Ton 18 Deppe
„Dass das eine Deformation von Machtpositionen ist, die die Gewerkschaften dort in den Betrieben haben, bis heute! Es ist eine Deformation, wenn die Vertreter [wie bei VW] korrupt sind. Oder sie schaffen es nicht, sich den Zwängen zu entziehen, die ihnen angeboten werden. (…) Wenn Kollegen aus den Gewerkschaften erzählen, dass sie Aufsichtsratsmitglieder sind von großen Unternehmen...und wenn solche Sitzungen sind, dass am Ende der Sitzung gesagt wird: wir gehen jetzt in diese und diese Bar. Dann ist das die primitivste Variante, wie Sozialpartnerschaft dann auch kulturell ausgreift.
Musik 8
"48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'38
Sprecherin
Mit der 2005 aufgeflogenen VW-Affäre stellte sich auch eine alte Frage neu: Was macht das Wesen von Gewerkschaft eigentlich aus? Ist es genug, wenn sich Teilhabe für Arbeitnehmer darauf beschränkt, betrieblichen Anliegen an hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre zu delegieren? Müssen sie weniger als der Sozialpartnerschaft dienen, sondern sich mehr als soziale Bewegung organisieren? Der Jenaer Professor Klaus Dörre glaubt, dass manchen Gewerkschaften gar nichts anderes übrig bleibt, als gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen in den Blick zu nehmen.
O-Ton 19 Dörre
„Ganz sicher müssen die Gewerkschaften auch mit Blick auf die Gesellschaft aktiv werden. (…) Das eine Beispiel ist sicherlich der ökologische Gesellschaftskonflikt, allem voran der Klimawandel... Da ist es ja so, dass die Gewerkschaften gar nicht anders können als gewissermaßen die klassischen Kämpfe um Verteilungsgerechtigkeit, um Löhne, Arbeitsbedingungen zu verbinden mit der Transformation in Richtung nachhaltige Arbeitsweisen und Produktionssysteme.
Sprecherin
Besonders für die als „Autogewerkschaft“ geltende IG Metall oder die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie würde dies einen langen und schmerzhaften Prozess bedeuten und radikale Veränderungen.
Musik 9
"48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'55
Sprecherin
Ein fundamentaler Zielkonflikt, der besonders die Metall-Gewerkschaft vor eine Zerreißprobe stellt. Dem Ausstieg aus der Verbrennertechnologie widersetzt sich die IG Metall zwar nicht mehr. Aber Uneinigkeit herrscht in der Frage: Wie soll der Ausstieg erfolgen? Wie kann die Situation für Arbeitnehmer gut gestaltet und eine sichere Zukunft ermöglicht werden?
Die Auseinandersetzungen um die so genannte Antriebswende, vom Verbrenner zum E-Motor, die Sorgen um Zehntausende zur Disposition stehende Arbeitsplätze, insgesamt die Umstellung auf eine CO2-arme oder -freie Produktion: das alles bedeute einen tiefgreifenden Wandel für Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt – und eine Zunahme von Unsicherheiten insgesamt. Auch wenn es in einzelnen Werken zunächst Beschäftigungsgarantien gibt. Klaus Dörre sieht hier die Gewerkschaften stark in der Pflicht.
O-Ton 20 Dörre
„Die Frage ist ja, was Gesellschaften leisten müssen, um ähnliche Sicherheitsgarantien geben zu können. Und das ist eine offene Frage, die die Gewerkschaften aber beeinflussen müssen.“
Sprecherin
Dabei betrifft die umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft auch die Gewerkschaften selbst. Frank Deppe erinnert sich an eine Begegnung, gemeinsam mit IG-Metall-Funktionären, in Stuttgart.
O-Ton 21 Deppe
„Und wir fuhren durch die Stadt, und fuhren offenbar an einer Kita vorbei, wo ein Transparent ist, und Menschen davorstanden. Und das waren die Pflegefrauen, die haben gestreikt dort. Und da sagt der Kollege von der Bezirksleitung der IG Metall: „Das ist doch gar kein richtiger Streik, was die machen! Die haben doch auch nur einen Organisationsgrad von unter 10 Prozent! Wenn wir beim Daimler sagen: ,Geht raus, Kollegen!´ - Dann stehen da 30.000 vor dem Werkstor! Sehen sie, das ist ein auch kultureller, riesiger Unterschied jetzt in den Gewerkschaften...und dass jetzt praktisch der Neuaufbau von Gewerkschaften in Rahmen von Verdi passiert...“
Sprecherin
An mancher Stelle erschüttert die Transformation also Selbstgewissheiten organisierter Arbeitnehmer – anderswo schafft sie neues Selbstbewusstsein: Da ist die stolze IG Metall, die größte Gewerkschaft der Welt, die sich gezwungenermaßen auf die Umstellung der Produktion auf Elektromobilität einlässt: Werkschließungen, Produktionsverlagerung und Abbau von Arbeitsplätzen inklusive - Ausgang ungewiss. Da ist Verdi, deren Mitglieder nicht Jobverluste fürchten, sondern die – im Gegenteil - an einem Mangel an Personal und permanenter Überlastung leiden. Die die fehlende, auch finanzielle Wert-Schätzung der Care-Arbeit beklagen - und die sich um die Zukunft des Sozialwesens insgesamt sorgen.
Schließlich ist da etwa die Eisenbahnergewerkschaft EVG, die den Schulterschluss mit Verdi und den jungen Klimaaktivisten von Fridays For Future übt: Die nicht nur höhere Löhne für ihre Mitglieder im Blick hat, sondern sich mit Klimastreiks für einen nachhaltigen Aus- und Umbau des Verkehrssystems einsetzt.
Musik 10
"Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0`29
Sprecherin
Hat im 18. Jahrhundert die industriellen Revolution die Gewerkschaften erst hervorgebracht - so könnten sich die multiplen Krisen der heutigen Zeit für sie als Chance für eine Erneuerung entpuppen: Gelingt es den Arbeitnehmerorganisationen, an Herausforderungen zu wachsen und zu gestaltenden Kräften zu werden, die die ihren im Fortschritt mitnimmt: So könnten sie wieder zu einer authentischen „Arbeiter-Bewegung“ werden.
TC 22:11 - Outro
Der Politiker und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger ist gestorben. Wie kaum ein anderer Politiker des 20. Jahrhunderts war er zugleich umjubelt und umstritten. 1923 in Fürth geboren, als Jude 1938 in die USA emigriert, wurde er unter Richard Nixon 1969 erst Nationaler Sicherheitsberater und später Außenminister der USA. Durch seine Verhandlungen mit China, der UdSSR und Vietnam gilt der Friedensnobelpreisträger den einen als Meister-Diplomat. Andere sehen ihn als Blender und Machtmenschen mit medialer Dauerpräsenz. Autor: Florian Kummert (BR 2023)
Credits
Autor/in dieser Folge: Florian Kummert
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:
Professor i.R. Dr. Bernd Greiner, Universität Hamburg
Linktipp:
Interview mit Henry Kissinger
19.08.1962 ∙ SWR Retro – Report Chronik ∙ SWR
Interview mit dem Politikwissenschaftler und Politikberater Henry Kissinger zu Fragen der amerikanischen Sicherheits- und Außenpolitik 1962.
JETZT ANHÖREN
Literaturtipp:
Bernd Greiner, Henry Kissinger – Wächter des Imperiums, München 2020
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Im Sommer 1973 legen tausende ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter in den Kölner Ford-Werken die Arbeit nieder. Sie fordern "Eine Mark mehr" - aber ihnen geht es nicht allein um mehr Lohn, sondern um Gleichbehandlung gegenüber ihren deutschen Kollegen. Es bleiben nicht die einzigen "wilden Streiks" in diesem Jahr, die von Betriebsräten und Gewerkschaften nicht unterstützt werden und denen meist die Polizei ein Ende setzt. 1973 ist aber auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik, denn in diesem Jahr stoppt die Bundesregierung die Anwerbung von sogenannten "Gastarbeitern", Männern und Frauen aus der Türkei, Italien, Griechenland oder Jugoslawien. Sie kamen seit den 1950er Jahren als billige Arbeitskräfte, viele von ihnen blieben - obwohl daran bei Abschluss der Anwerbeabkommen kaum jemand gedacht hat. Autoren: Michael Zametzer & Christian Schaaf
Credits
Autoren dieser Folge: Christian Schaaf, Michael Zametzer
Redaktion: Heike Simon, Eva Kötting, Nicole Hirsch
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Brauchtum oder nackte Selbstjustiz? - Mit vermummten oder geschwärzten Gesichtern zogen Gruppen von jungen Männern nachts vor das Haus eines oder einer Beklagten. Dort trugen sie in Versform angebliche moralische Vergehen vor. Oft kam das "Haberfeldtreiben" einem Rufmord gleich. Im 18. und 19 Jahrhundert wurde es in Teilen Bayerns als folgenschwerer Rügebrauch praktiziert und von der Obrigkeit verfolgt. Autor: Herbert Becker (BR 2007)
Credits
Autor/in dieser Folge: Herbert Becker
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Julia Fischer, Peter Weiß, Stephan Zinner, Andreas Borcherding, Alexander Duda
Redaktion: Hildegard Hartmann
Linktipp:
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Ein Thema, das gerade die Nachrichten beherrscht. Im Thema des Tages von BR24 erfahren Sie täglich, was dahintersteckt. Von Politik über Wirtschaft bis hin zu Kultur sprechen wir in jeder Folge mit unseren Korrespondentinnen und Korrespondenten im In- und Ausland oder Expertinnen und Experten. Wir bringen Sie auf den neuesten Stand, Sie erfahren die Hintergründe und was die Nachricht für Sie bedeutet. An jedem regulären Werktag in der Früh und am Abend bei BR24 im Radio und hier als Podcast.
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Weitere Folgen zur Staffel:
VERSCHWÖRUNG? - Die Illuminaten
VERSCHWÖRUNG? - Die Tempelritter
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:55 – Der Ursprung der Haberer
TC 03:22 – Selbstjustiz mit Ziegenfell?
TC 04:43 – Ein Schwur zur Verschwiegenheit
TC 06:40 – Gericht mit Gedicht
TC 08:21 – Ein Treiben ohne Strafe…
TC 12:21 - … oder doch sündhafter Unfug?
TC 17:48 – Die Bayern habern heute noch
TC 19:13 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 0:15 - Intro
Atmo: Geschrei und Lärm. (Band G 619, Take Nr. 1 und/oder Take bei 6´00´)
Haberer
He, Bauer! Schick´s aussi, dei´ Hur´.
noch Atmo: Der Krach nimmt zu
Haberer
Schick´s aussi! Mir wollen ihrer ´s Haberfeld treiben!
Sprecherin:
Ein Haberfeldtreiben!
Vor einem Bauernhaus im bairischen Oberland haben sich zwanzig oder dreißig Männer versammelt: die Haberer. Wahrscheinlich sind es junge Burschen – ganz sicher sagen kann man es nicht, denn sie haben sich Bärte aus Rosshaar umgebunden und ihre Gesichter schwarz angemalt. Sie verlangen vom Bauern, dass er seine Tochter vor die Tür schickt. Sie soll sich unsittlich benommen haben.
Haberer
Aussi mit ihrer, sonst zünd´ ma dir an Hof oo!
Sprecherin:
Die Haberer machen einen Höllenlärm. Außer Ratschen und Trommeln kommen Kuhglocken und Trompeten zum Einsatz, es wird auf Bretter geschlagen, mit Peitschen geschnalzt, gejohlt und geklatscht. Kein Wunder, dass es ihr Opfer mit der Angst zu tun bekommt. Aber es nützt nichts. Der Bauer fürchtet um seinen Hof, und so muss die Ärmste aus dem Haus.
noch Atmo + Geschrei (Band G 619, Take bei 8´10´)
Sprecherin:
Jetzt gibt einer der Versammelten – der Habermeister - ein Zeichen (mit der Hand). Es wird ruhig.
Haberer
Handelts recht und bleibts dabei g´scheit
Des woll´n am Kaiser Karl vom Untersberg seine Leit.
1. Zuspielung (Ende)
Sprecherin:
Dass er sich auf den Kaiser Karl im Untersberg beruft, gehört zum Ritual. Aber der Ursprung dieser Anrufung ist ebenso unklar der des Haberfeldtreibens insgesamt.
TC 01:55 - Der Ursprung der Haberer
Sprecher:
Der zeitgeschichtliche Hintergrund legt gewisse Vermutungen nahe: Die ersten Haberfeldtreiben, von denen wir wissen, haben im frühen 18. Jahrhundert stattgefunden. In dieser Zeit überzog der so genannte Spanische Erbfolgekrieg ganz Europa. Bayern, das von kaiserlich-österreichischen Truppen besetzt war, hatte schwer zu leiden. Aufstände wurden blutig niedergeworfen und feindliche Söldner traten Recht und Gesetz mit Füßen.
Sprecherin:
Die Menschen waren verzweifelt - und flüchteten sich in die Erinnerung an bessere Zeiten. Die Wundergläubigkeit blühte und alte Mythen erwachten zu neuem Leben.
Sprecher:
Einer Sage zufolge residierte der "große Kaiser Karl des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" mit seinen Getreuen im Untersberg und wartete darauf, den Unterdrückten als Retter und Befreier zu Hilfe zu kommen. Der Untersberg liegt im Berchtesgadener Land, ganz im Südosten Bayerns.
Sprecherin:
Es lässt sich ohne weiteres ausmalen, was in diesen Zeiten der äußersten Not, der Bedrängnis und Gesetzlosigkeit in den Herzen rechtschaffener, patriotischer Männer vorging.
Atmo: (Trompete auf Band G 619, Take Nr. 3)
Haberer:
Manner, so geht´s nimmer weiter. Mir derf ma ned dulden, dass´s bei uns a jeder Haderlump ostellt, was eahm grad gfoid, ohne, dass er dafür gstraft werd´. Mir miass ma uns auf d´ Hinterfiaß stellen! Und wenn uns sonst koaner huift, dann der Kaiser Karl im Unterschberg!
Zustimmendes Raunen.
Sprecherin:
Sie taten sich zusammen - zum so genannten Habererbund.
TC 03:22 – Selbstjustiz mit Ziegenfell?
Sprecher:
Woher die Begriffe "Haberer" und "Haberfeld" kommen, ist unklar. Als "Haber" bezeichnete man einst eine Ziege, mit "Feld" war vielleicht ein Fell gemeint. Das könnte bedeuten, dass bei den frühesten Treiben der Beschuldigte ein Ziegenfell übergezogen bekam.
Sprecherin:
Rätsel gibt auch der Habererbund auf.
Sprecher:
Es gibt Stimmen, denen zufolge er eine verschworene Gemeinschaft war, die zu ihrer Blütezeit rund 2000 Mitglieder zählte; andere neigen zu der Ansicht, dass er nie existierte.
Sprecherin:
In dem Fall hätte es sich bei den Teilnehmer an den Haberfeldtreiben um nichts anderes gehandelt, als um eine Zusammenrottung von ein paar Dutzend jungen Burschen, die sich einbildeten, die Bestrafung eines Übeltäters oder einer Übeltäterin selbst in die Hand nehmen zu können. Denn ein Gericht schalteten sie nicht ein – noch gaben sie ihrem Opfer die Möglichkeit, sich zu verteidigen.
Sprecher:
Etwas Neues wäre das nicht gewesen. So genannte Rügebräuche sind schon aus weit zurück liegenden Zeiten bekannt. Bei den Germanen sollen Ehebrecherinnen dadurch bestraft worden sein, dass man ihnen das Haar abschnitt und sie dann nackt und unter den Schmährufen der ganzen Sippe aus dem Haus jagte. In Bayern kam es vor, dass sexuelle Vergehen angeprangert wurden, indem man dem oder der Beschuldigen Sägespäne vor das Haus streute oder dieses gar mit Kot beschmierte.
Atmo: (Trompete auf Band G 619, Take Nr. 3)
TC 04:43 – Ein Schwur zur Moral
Sprecherin:
Auch bei den Haberfeldtreiben wurden oft sexuelle Vergehen bestraft. Was heißt Vergehen? Bestimmt sind die Treiben oft von Burschen angezettelt worden, die selber keine Gelegenheit gehabt hatten, den geahndeten Fehltritt zu begehen. Während aber das Sägespänestreuen oder das Kotverschmieren spontan erfolgen konnten, erforderte das Haberfeldtreiben eine gewisse Organisation. Egal, ob es den Habererbund gegeben hat oder nicht: Ehe ein Treiben stattfand, mussten sich die Mitwirkenden treffen, um ihr Opfer auszuwählen und einen Zeitpunkt für das Losschlagen festzulegen; sie wählten einen der ihren zum Habermeister und sie schworen die unbedingte Geheimhaltung ihrer Aktivitäten.
Haberer:
Manna, auf zum Schwur!
Sprecherin:
... sagt der Habermeister in Ulrich Ragers Erzählung "Aufstand der Haberer", die auf wahren Begebenheiten beruht. Dann liest er, zum Mitsprechen für die anderen, den Haberereid vor.
Haberer:
Ich schwöre bei meinem Leben unverbrüchliches Schweigen zu wahren über den Habererbund und über das heutige Treiben. Nicht List, nicht Gewalt, nicht Zuchthaus, nicht Tod soll mich bewegen, diesen Schwur zu brechen, so wahr mir Gott helfe. Amen.
Sprecher:
Nachdem sie diesen Eid abgelegt haben, marschieren die Haberer zum Treibplatz und stellen sich auf. Das Ziel des Treibens könnte ebenso ein betrügerischer Händler, ein meineidiger Bauer, ein bestechlicher Beamter oder ein Bierpantscher sein.
Sprecherin:
In unserem Fall ist die junge Frau mit der angeblich lockeren Moral aus dem Haus gekommen. Nach der Anrufung des Kaisers Karl steigt der Habermeister unter dem Johlen und Lärmen der anderen auf ein Fass oder einen Leiterwagen.
Atmo: (Geschrei auf Band G 619, Take bei 6´00´)
TC 06:40 – Zu Gericht durch ein Gedicht
Sprecher:
Das eigentliche Gericht beginnt. Es besteht im Wesentlichen aus dem Aufsagen oder Absingen von Versen. Sie sind alles andere als anspruchsvoll. Meistens stimmt das Versmaß nicht, dafür ist die Sprache umso derber.
Sprecherin:
Der Journalist und Brauchtumsforscher Georg Queri hat in seinem Buch "Bauernerotik und Bauernfehme in Oberbayern" viele der Verse gesammelt. Sie gehen ungefähr so:
Zitator:
Der Fanni, der kimmt so guad wie a jeder recht,
ich glaub', dass die die ganze Woch Tag und Nacht immer möcht´,
Mit ihrane Burschen kennt sie si´ scho lang nimmer aus,
die liefern ihr das ganze Jahr stehende Mittel ins Haus.
Sprecher:
Nach jedem dieser Verse folgt das gleiche Frage- und Antwortspiel. Der Habermeister fragt:
Habermeister:
Is des wahr?
Atmo: (Geschrei auf Band G 619, Take bei 6´00´ und/oder Take Nr. 1)
Sprecher:
Woraufhin ihm die Haberer lauten Halses bestätigen, dass es wahr ist, und er sie auffordert:
Habermeister:
Dann treibts es gscheid!
Sprecher:
Jetzt machen die Haberfeldtreiber mit ihren Lärminstrumenten ordentlich Krach - so lange, bis der Haberermeister ein Handzeichen gibt und einen weiteren Vers vorträgt. Zum Schluss droht er damit, im nächsten Jahr wieder zu kommen, falls sich die - oder der - Angeklagte nicht bessert. Noch einmal wird Krawall geschlagen, dann ziehen sich die Haberer zurück. Der Spuk ist zu Ende.
Sprecherin:
Allerdings nicht unbedingt für die Person, der das Treiben gegolten hat. Gerade in kleineren Gemeinden ist diese Art der Volksjustiz schon fast eine soziale Hinrichtung. Zur Polizei oder zum Gericht zu gehen, weil man sich zu Unrecht angeschuldigt fühlt, kann man kaum.
TC 08:21 – Ein Treiben ohne Strafe
Sprecher:
Das erste Haberfeldtreiben, das amtlich beurkundet ist, fand 1716 in Vagen, einem Dorf im Mangfalltal, statt. Es galt einer jungen Frau. Ursula Steindl hieß sie, und ihr Vater wollte die Schmähung seiner Tochter auf gar keinen Fall auf sich sitzen lassen. Er zeigte siebzehn Vagener an, von denen er behauptete, sie hätten ...
Zitator:
...allerhand iniuriosen, gschray, schnalzen und stain werfen sambt anderen Romorereyen veriebet.
Sprecher:
Keiner der Haberer wurde bestraft - jedenfalls nicht wegen der Schädigung des Rufes von Ursula Steindl. In dem Protokoll ist ausdrücklich vermerkt, dass es sich beim Haberfeldtreiben um einen von Justiz und Geistlichkeit tolerierten Volksbrauch handle. Das bedeutet: Der Brauch war zu dieser Zeit in der Gegend zwischen Isar und Inn längst bekannt und verbreitet.
Sprecherin:
Dass trotzdem sechzehn Haberer zu je zwei und ein gewisser Georg Sauerlacher sogar zu vier Schillingen Strafe verurteilt worden ist, kam daher, dass bei dem Treiben der Schuppen der Steindls beschädigt worden ist.
Haberer:
Wegen dem bläden Schupfa! Wahrscheinlich wer´n s´ hoid ein paar Brettln braucht ham, zum Draufhauen, damit´s a bissl an Krach gibt.
Sprecher:
Nur wegen des Schadenersatzes findet sich in den Akten ein Vermerk. Wäre nichts zu Bruch gegangen, hätten wir von dem Treiben nie erfahren. Fünfzig Jahre später sah es schon ein wenig anders aus. Nach einem Treiben in Parsberg bei Miesbach im Jahr 1766 nämlich behandelte die Obrigkeit die Haberer weit weniger nachsichtig.
Haberer:
Ei´gsperrt ham s´ es! Eine soichane Gemeinheit!
Sprecher:
Ihr Beschwerdebrief ist erhalten.
Zitator:
Da des Sterzls Tochter sich fleischlich vergangen und ein Kind zur Welt geboren, ... so verfügten wir uns nach dem in hiesiger Gegend altherkömmlichen Brauch ... zu gedachtem Sterzl und verrichteten mit Pritschen, Kuhschellen und Ketten, dann Abschießung einiger Terzerolen die gewöhnliche Musik, ohne jedoch dem Sterzl nur den mindesten Schaden in dessen Zaun, Fenstern oder anderem zuzufügen, sondern begnügten uns lediglich mit dieser für junge Burschen ausgesehenen Lustbarkeit, worauf uns aber das löbliche Pfleggericht Miesbach sogleich bei Wasser und Brot ... in die tiefste Malefizkeuche warf, sodann öffentlich durch den Amtmann in dem Markt herumführen und einen jeden ... um neun Gulden hat abstrafen lassen.
Haberer:
Und dass eahna die ungerechten Strafgelder restituiert wer´n, da drum ham s´ bitt´. Aber nix war´s.
Sprecherin:
Die Regierung hat anscheinend gar nicht recht verstanden, was die 23 Bestraften überhaupt angestellt haben sollten. Jedenfalls hat sie von dem Miesbacher Gericht eine Erklärung verlangt.
Sprecher:
Die Antwort erfolgte in einer zwar altmodischen, aber sehr deutlichen Sprache. In dem mehrere Seiten langen Schreiben wurde zunächst der Ablauf eines Haberfeldtreibens geschildert, und sodann erläutert, warum es sich dabei um einen unbedingt strafwürdigen Akt handelt.
Haberer:
Ah, gäh, strafwürdig!
Zitator:
Villfältig geschieht es, daß einige von diesen Purschen die mit Schindl belegte häußer abdeckhen, die fenster einschlagen vnd die zäun zusammen reissen. iederzeit aber springen sye in einem Creiß herumb, vnd tretten dieweils nit anderst auf, als wan ein hexen tanz daselbst Vorbeygegangen were."
Haberer:
Is´ dees vielleicht verboten, dass man im Kreis rumspringt?
Sprecher:
Das Miesbacher Gericht jedenfalls sah in einem Treiben, bei dem sich die Mitwirkenden wie Räuber und Diebe vermummen, durchaus keine für junge Burschen geeignete Lustbarkeit. Und die Regierung befahl, alles zu tun, ...
Zitator:
... das derley unzulässige Mißbräuche gänzlich außgerottet ... werden.
Haberer:
Aber do ham sa si brennt! Es ist weitergehabert wor´n, da ham de ganzen Erlasse nix gnutzt. Bis die Obrigkeit wos von am Treiben erfahren hod, war´s sowieso scho lang vorbei. Und dass dene Hanswurschten vom Landg´richt oaner was verraten häd – gäh! Des häd si´ gor koaner traut.
TC 12:21 - …oder doch sündhafter Unfug?
Sprecher:
Also breitete sich die Sitte – oder Unsitte – des Haberfeldtreibens weiter aus. Nicht nur das: Die Zahl der Männer, die an den einzelnen Treiben teilnahmen, wurde immer größer und immer öfter waren sie mit Gewehren bewaffnet. Längst beschränkten sie sich nicht mehr darauf, jungen Frauen und kleinen Betrügern Angst einzujagen. Nicht selten wurden nun die Gehaberten verprügelt, und in zunehmendem Maß wurden die Träger von Ämtern und Würden zum Gegenstand der Anschuldigungen.
Sprecherin:
Einer der von Georg Queri zitierten Verse geht – in einigermaßen verständliches Bairisch übersetzt – so:
Atmo: (Geschrei auf Band G 619, Take bei 8´10´)
Haberer:
Weils halt der Pfarrer, der Stier, duad gar a so treibn,
so sind wir halt heut kemma zum Haberfeldtreibn.
Die oafältign Bauern dan si beklagn,
weil da Pfarra nach eahnerne Weiba duad jag´n;
wenn oane krank is, hat s´ Sorgen beim Beichten,
weil er ihr allwei duad zwischen d' Fiaß einigreifen.
Das is a Graus!
Moant er denn, es fahrt d' Seel zwischn de Fiass raus?
Is´s ned a Schand
für an Pfarrvorstand?
Sprecherin:
Diese Anwürfe hat 1841 der Pfarrer von Irschenberg über sich ergehen lassen müssen. Anscheinend beruhte das, was man gegen ihn vorbrachte, durchaus nicht auf Erfindungen, denn der gehaberte Pfarrer wurde tatsächlich seines Amtes enthoben.
Musik: Die Interpreten: "Schlegellied" (auf: "Stollen 4"; # 10)
Sprecher:
Aber nun hatten die Haberer nach der Staatsgewalt auch die Geistlichkeit gegen sich. Erzbischof Gregor von Scherr nannte das Haberfeldtreiben...
Zitator:
... einen Unfug, der den Ruhm, den sich die Bewohner des Bayrischen Hochlandes durch ihr entschiedenes Festhalten am heiligen Glauben und durch ihre treue Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland erworben haben, nicht wenig verdunkelt.
Sprecher:
Und er drohte, es sei...
Zitator:
...über alle Anstifter und Teilnehmer dieses als schwer sündhaft ... bezeichneten Unterfangens der größere Kirchenbann auszusprechen.
Sprecherin:
Die Haberer leisteten sich wirklich allerhand. Kurz nachdem die Polizei ein paar Burschen verhaftet hatte, die bei dem Treiben gegen den Pfarrer dabei gewesen sein sollen, ging beim Miesbacher Gericht ein anonymes Schreiben ein. Darin drohten die anderen Haberer mit dem Niederbrennen des Gerichtsgebäudes, ja sogar mit der Ermordung eines Gerichts-Assessors, für den Fall, dass man ihre Freunde nicht frei lasse.
Haberer:
Des war bloß a Drohung.
Sprecherin:
Aber eine, die man sehr Ernst nehmen musste. Zwar äscherten sie nicht das Miesbacher Gerichtsgebäude ein, dafür verübten sie in Rosenheim eine Brandstiftung.
Sprecher:
Nun reagierte der Staat mit Härte: In mehreren Dörfern, in denen es zu Treiben gekommen war, wurden Soldaten einquartiert.
Musik: Die Interpreten: "Peter Reindl" (auf: "Stollen 4"; # 14)
Sprecherin:
Und die Stationierung musste von den Bauern bezahlt werden! Die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden versuchten alles Mögliche, um diese Last abzuwenden. Sie bemühten die Gerichte und wandten sich mit Eingaben und Bitten an die Behörden, ja sogar an den König. Derweil ging das Habern in anderen Gemeinden fröhlich weiter.
Sprecher:
Die Zahl der Treiben nahm sogar zu, und die Zahl derer, die daran mitwirkten, ebenfalls. Bis zu dreihundert Mann sollen es mitunter gewesen sein. Sie schossen scharf und sie zündeten Feuerwerkskörper. In einigen Fällen kam es zwischen den Haberern und der Polizei zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen.
Zitator:
Vergangene Nacht eineinhalbstündiger Kampf mit Haberfeldtreibern bei Rosenheim. Mehrere Verhaftungen worunter einige Leichtverwundete, ein Mann todt. Unsererseits kein Verlust.
Sprecher:
...heißt es in einem Telegramm des Bezirksamts von 1866.
Sprecherin:
Bei dem Gefecht hatten die Haberfeldtreiber nicht nur einen Mann verloren – sie büßten allmählich auch den Rückhalt bei der Bevölkerung ein. Nach und nach verkamen ihre Aktionen zu Besäufnissen mit Volksfestcharakter, bei denen es um alles Mögliche ging, aber gewiss nicht um die Aufrechterhaltung von Sitte und Moral.
Sprecher:
Dafür gewannen Polizei und Gericht an Ansehen. Das Verständnis für ihr Einschreiten wuchs.
Sprecherin:
Alte Haberer erzählten bereits voller Stolz von den großartigen Treiben in früheren Tagen, da entschloss sich in Miesbach eine Gruppe von Männern, an die alte Habererherrlichkeit anzuknüpfen. Ihren Anführer, den Daxer von Wall, bewunderte man dafür, dass er der Obrigkeit ab und zu eins auswischte. Leider war er von zweifelhaftem Charakter. Schon bei den Anklagen, die er in seinen Habererversen erhob, handelte es sich um reine Verleumdungen. Außerdem waren die Teilnehmer untereinander zerstritten; einer von ihnen verriet das Vorhaben, die Polizei schritt ein, es kam zu einer Schießerei.
Sprecher:
Das Haberfeldtreiben von Miesbach, in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1893 gilt als das letzte von Bedeutung. Bereits am 12. Oktober verpflichtete die Königliche Regierung von Oberbayern die Gemeindebehörden, ...
Zitator:
... in Vorbereitung befindliche Haberfeldtreiben zu verhindern und die in der Ausführung begriffenen zu unterdrücken; ... sie stellen einen Landfriedensbruch dar, welcher an den Teilnehmern mit Gefängnisstrafe bis zu 5 Jahren und an den Rädelsführern mit Zuchthausstrafe bis zu 10 Jahren zu ahnden ist.
Sprecherin:
Die Bevölkerung zeigte Verständnis. Sie fühlte sich von den Staatsorganen besser vertreten als von den Rügerichtern, die offensichtlich in erster Linie Freude am Radau hatten.
TC 17:48 – Die Bayern habern heute noch
Sprecher:
Es kam noch zu ein paar kleineren Treiben, alles in allem aber schlief der Brauch ein...
Sprecherin:
... um später – viel später – wieder entdeckt zu werden.
Sprecher:
Von den Gegnern des Flughafens im Erdinger Moos zum Beispiel, die der bayerischen Staatsregierung und den Betreibern der Flughafengesellschaft die Leviten lasen, von Demonstranten, die vor dem Landwirtschaftsministerium aufmarschierten, um gegen die Genmanipulation zu protestieren.
Sprecherin:
Und von Vereinen wie "D´Haberer e.V." in Miesbach. Ein Haberer alten Schlages allerdings würde sich wundern, wenn er deren Satzung lesen könnte.
Zitator:
Die Haberer sehen es als ihre wichtigste Aufgabe an, daß sie das altbayerische bäuerliche Trachtenbrauchtum des Haberfeldtreibens bewahren. Deshalb wirkt man bei Faschingszügen oder beim Bürgerfest mit, wo man in gewohnter derber Weise Haberfeld treibt.
Haberer:
Beim Faschingszug? ... Wos san denn des für oa?
Zitator:
Die Miesbacher Haberer bieten Gewähr, daß es sich bei ihrer Vereinigung um eine lustige Gesellschaft entsprechend der Oberlandler Sitte, aber auch um einen bodenständigen Brauchtums-Erhaltungs-Verein mit dem notwendigen ernsten Hintergrund handelt.
Haberer:
Soso. Brauchtums-Erhaltungs-Verein. Ja mei. Es hod hoid ois sei Zeit. Und die von uns Haberer, die is scheint´s vorbei.
Musik: Die Interpreten: "Andachtsjodler" (auf: "Stollen 4"; # 4); (anfängliches Glockengeläut unter den vorangegangenen Text gelegt)
TC 19:13 – Outro
Eigentlich wollten die Tempelritter nur das Grab Christi in Jerusalem und die Pilger schützen. Doch bald wurden die Templer Polit-Strategen und Bankiers. Ihr dramatisches Ende machte sie zu Stars in Mystery-Romanen. Wer hatte ein Interesse an ihrer Ausrottung? Haben sie in Form von Geheimgesellschaften überlebt? Und was haben die Templer mit dem heiligen Gral zu tun? Autor: Christian Feldmann (BR 2010)
Credits
Autor/in dieser Folge: Christian Feldmann
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Stefan Wilkening, Detlef Kügow
Technik: Cordula Wanschura
Redaktion: Brigitte Reimer
Linktipp:
Archivradio - Geschichte im Original
SWR2 / Podcast / ARD Audiothek
Das Radio: seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte.
ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
VERSCHWÖRUNG? - Die Illuminaten
VERSCHWÖRUNG? - Das Haberfeldtreiben
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:00 – Intro
TC 02:10 – Die Tempelritter – der Beginn
TC 04:27 – Zwischen Tapferkeit und Frömmigkeit
TC 07:23 – Die Macht der Tempelritter
TC 09:00 – Der König und die Scheiterhaufen
TC 15:10 – Justizskandal
TC 16:52 – Legenden und Verschwörungen
TC 18:51 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:00 – Intro
ATMO nächtliche Verhaftung: Pferdetrippeln und –wiehern, Kommandos, eingeschlagene Türen, Schreie (?)
Erzählerin:
An einem Freitag, dem Dreizehnten, brach die Katastrophe über die Tempelritter herein. Im Morgengrauen des 13. Oktober 1307 schwärmten in ganz Frankreich Verhaftungstrupps aus. In zahlreichen Burgen dasselbe Spiel: Man überrumpelte die Wachen, holte die schlaftrunkenen Ritter aus den Betten, legte sie in Ketten und führte sie ab. Genauso hatte es der König in versiegelten Briefen an die Justizbeamten befohlen, die bei Todesstrafe erst am Morgen dieses Tages geöffnet werden durften.
ATMO kurz hoch
Erzählerin:
Wie viele Tempelritter an diesem schwarzen Freitag in die Kerker des Königs geworfen wurden, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Verhört hat man in den folgenden Monaten jedenfalls an die neunhundert. Aber was heißt da verhört; die Krone hatte angeordnet:
Erster Zitator:
Die Wahrheit ist genau und nötigenfalls mit der Folter zu erforschen.
Erzählerin:
Was das bedeutete, lässt sich erahnen, wenn man die Aussagen der so Behandelten im späteren Gerichtsverfahren liest.
ATMO Folter: Mörderische Schreie, hallend (?)
Zweiter Zitator:
Man hat mir die Hände so auf den Rücken gebunden, dass das Blut aus den Nägeln lief. Dann warf man mich in eine Grube, für ungefähr eine Stunde.
Erzählerin:
So der Ritter Ponsard de Gisy. Sein Mitbruder im Orden, Gérard du Passage, berichtet, man habe seinen Körper hochgezogen und an die Gliedmaßen und Geschlechtsteile Gewichte gehängt, bis er ohnmächtig geworden sei.
Erzähler:
Weshalb diese Torturen? Was sollten die Ritter gestehen? Gotteslästerliche Handlungen, die Anbetung von Götzen, Kontakte zu Geheimbünden und muslimischen Bruderschaften und – besonders pikant – homosexuelle Praktiken. Wozu sich unter der Folter tatsächlich nicht wenige bekannten.
Erzählerin:
Götzendienst, Ketzerei, Sodomie? Ausgerechnet die Tempelritter, der Elite-Orden des Mittelalters, dessen Mitglieder im Heiligen Land zu Hunderten für ihren Glauben gestorben waren? Es ist eine sonderbare und traurige Geschichte.
Melancholische, vielleicht fremdländische Musik (Flöte? Laute?)
TC 02:10 – Die Tempelritter – der Beginn
Erzähler:
Diese Geschichte beginnt im Jahr des Herrn 1120 in Jerusalem. Da sprechen neun Ritter aus Burgund und der Champagne unter der Führung eines gewissen Hugue de Payens bei König Baudoin II. vor. Sie erläutern ihm ihre Absicht, eine Gemeinschaft zu gründen, um die Pilger auf ihrem Weg zu den heiligen Stätten vor Räubern und Wegelagerern zu schützen. Eine bewaffnete Truppe, die aber nach dem Vorbild frommer Stiftsherren in Armut, Keuschheit und Gehorsam zusammenleben soll.
Erzählerin:
König Baudoin ist begeistert. Er schenkt den Franzosen spontan einen Teil seines Palastes in Jerusalem, der auf den Fundamenten des salomonischen Tempels steht.
Dort baut die Gemeinschaft ihre erste Niederlassung, neben dem Felsendom, der heutigen Al-Aksa-Moschee, und von daher bekommt sie ihren Namen: die Ritter vom Tempel Salomons, die Templer.
Erzähler:
Neun Jahre später erhalten die Tempelritter auf der Synode von Troyes ihre kirchliche Anerkennung. Bald sind sie nicht nur in Palästina, sondern in allen Teilen Europas präsent, in England, Norditalien, Deutschland, Böhmen, Ungarn, Polen.
Erzählerin:
Anfang des 14. Jahrhunderts, als die große Verhaftungswelle durch Frankreich rollt, dürfte es im ganzen Abendland an die viertausend Templer gegeben haben. Sie sind berühmt für zwei Dinge: für ihren Kampfgeist und ihre disziplinierte, asketische Lebensweise. In Palästina schützen sie längst nicht mehr nur die Pilgerwege, sondern führen Kriege mit islamischen Truppen. 1167 heißt es in einem für Pilger bestimmten Traktat:
ATMO Schlacht: Pferdegetrappel, Hornsignale, Kommandorufe, Schwertergeklirr, Todesschreie
Erster Zitator:
„Die Templer sind ausgezeichnete Ritter, die in der Schlacht einen weißen Mantel mit rotem Kreuz tragen. Sie sind die Ersten, die in die Schlacht gehen, und die Letzten, die zurück kommen. Erklingt die Trompete, um den Befehl zum Vorrücken zu geben, singen sie fromm diesen Psalm Davids: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre!“, legen die Lanzen ein und stürzen sich auf den Feind. Einen Rückzug erlauben sie sich nie. Entweder werfen sie den Feind ganz nieder, oder sie sterben.“
TC 04:27 – Zwischen Tapferkeit und Frömmigkeit
Erzählerin:
Sie müssen tatsächlich ausgesprochen tapfere Krieger gewesen sein. Als sie 1187 bei Hattin in Galiläa eine Niederlage erleiden, stellt Sultan Saladin 230 gefangene Templer vor die Alternative, zum Islam überzutreten oder zu sterben. Alle 230 Ritter ziehen es vor, sich köpfen zu lassen.
Um 1219 entert eine sarazenische Übermacht vor Damiette ein Schiff der Templer: Kurz entschlossen schlagen sie das eigene Schiff leck und gehen zusammen mit den Feinden unter.
Zweiter Zitator:
„Wilder als Löwen und sanfter als Lämmer –
Erzählerin:
– nennt sie der mystische Theologe und Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux und trifft damit die andere Seite des Templer-Lebens. In ihren burgähnlichen Abteien leben sie wie Mönche, wenn sie sich auch mehr um ihre Waffen und Pferde kümmern müssen als um die Landwirtschaft oder das Abschreiben der Bibel, wie es andere Ordensleute tun. Das Chorgebet pflegen sie genauso intensiv, und ihre Armut beeindruckt viele Beobachter.
Zweiter Zitator:
„Jeder bekam ein gleiches Maß Wein; je zwei aßen von einem Teller, um sich gegenseitig zur Mäßigkeit anzuhalten. Freitags fastete jeder, mit Ausnahme der Kranken.“
Erzähler:
In diesen Zusammenhang gehört auch das Siegel der Templer, das zwei Ritter hintereinander auf einem Pferd sitzend zeigt. Als man ihnen den Prozess macht, führt man diese Darstellung als Beweis für homosexuelle Verirrungen an. Die Forschung ist sich aber ziemlich sicher, dass das Siegel die Armut der Tempelritter illustrieren soll, von denen sich zwei jeweils ein Pferd teilen. Geistliche Autoren wie Petrus Venerabilis haben ihnen jedenfalls ins Stammbuch geschrieben, sie sollten nicht nur gegen Heiden und Strauchdiebe kämpfen, sondern auch gegen die Versuchungen des eigenen Blutes:
Erster Zitator:
„Ihr seid Mönche in euren Tugenden, Ritter in euren Taten!“
Erzählerin:
In dieser ungewöhnlichen Doppelrolle des Mönchs und Kriegers liegt die Faszination des neuen Ordens, aber auch sein Verhängnis:
die Templer sind immer ein wenig anders als der kirchliche Mainstream, wenn man so sagen will, sie pflegen ihre Eigenheiten und scheinen unberechenbar. Das vermutet zumindest der Journalist und Buchautor Franjo Terhart, der die Geschichte des Ordens erforscht hat:
Zuspielung Terhart 3 (1’24“; bitte die beiden Streichungen noch vornehmen):
„Kämpfende Mönche, die, man kann schon fast sagen, die so ausgebildet sind wie Ninja-Krieger im japanischen Mittelalter, das ist schon sehr ungewöhnlich. Also das ist die eine Geschichte des Templerordens, die andere ist, dass sie das Christentum doch sehr anders gesehen haben. Wenn man Texte liest, dass sie, ja, auch bestimmte Stellen des Neuen Testamentes, Stellen aus dem Alten Testament völlig anders ausgelegt haben, eben nichtchristlich, ketzerisch. Das find ich sehr spannend, dass sie sich das getraut haben! Denn im Mittelalter traute sich niemand, freiheitlich zu denken.“
TC 07:23 – Die Macht der Tempelritter
Erzählerin:
Der Templerorden baut eine gewaltige Macht auf, sammelt Grundbesitz und Privilegien, rüstet eine eigene Flotte aus, betreibt Geldgeschäfte im großen Stil – doch damit beginnt auch sein Untergang. Die frommen und zugleich wehrhaften Mönche, die die Pilgerwege und Handelsstraßen im Heiligen Land schützen, fördern die politischen Mächte eine Zeit lang gern. Als die Templer aber zu Kaufherren und Bankiers werden, erscheinen sie als gefährliche Rivalen.
Zuspielung Terhart 7 (36“):
„Sie haben sich über ganz Europa ausgebreitet, haben eine Struktur geschaffen, auch eine logistische Struktur, die es ihnen ermöglichte, Nachrichten damals in sehr kurzer Zeit über mehrere Länder hinweg zu transportieren. Sie haben den Scheck erfunden, wenn man so will, den Euroscheck; das heißt: Wenn ein Kaufmann in England sagte, ich reise ins Heilige Land, aber ich will mein Geld nicht mitnehmen, aber ich will doch trotzdem was kaufen, was mach ich denn nun, da haben die Templer gesagt, hier hast du einen Brief von uns, einen Scheck, darauf zahlst du dein Geld ein, sagen wir mal die und die Summe, und wenn du dort in Jerusalem bist, dann kannst du sie vorlegen und dann zahlen wir dir das Geld wieder aus.“
Erzähler:
Zum Verhängnis wird den Templern auch, dass ihr Orden international agiert, von einer Art christlichem Völkerbund träumt und sich der Kontrolle durch die Nationalstaaten und ihre Könige mehr und mehr entzieht. Die Tempelritter machen so ziemlich alle Fehler, die man machen kann: Sie treten arrogant auf, zeigen ihre Schätze her, weil sie meinen, dass man sich an eine so reiche Truppe nicht heran wagen würde. Statt sich mit den anderen Ritterorden zu verbünden, verstricken sie sich in Rivalitäten und führen blutige Bruderkriege. Das bringt ihnen viele Feinde.
ATMO Königshof: Fanfaren, Trompetengeschmetter, Glocken, Stimmengewirr
TC 09:00 – Der König und die Scheiterhaufen
Erzählerin:
In unmittelbarer Nachbarschaft der Pariser Templerburg residiert der Mann, dem diese Entwicklung ausgesprochen gelegen kommt: König Philipp „der Schöne“, fromm, aber eiskalt und mit allen Anlagen zum Tyrannen, hat sich für seine vielen Kriege hoch verschuldet – unter anderem bei den Tempelrittern. Die Steuern hat er schon erhöht, die Währung abgewertet, den Besitz der französischen Juden konfisziert; jetzt bietet sich eine Gelegenheit, den sagenhaften Templerschatz in die Finger zu bekommen. Philipps engster Berater Guillaume de Nogaret sammelt seit Monaten eifrig belastende Aussagen käuflicher Denunzianten und aus dem Orden verstoßener Tempelritter. Am 13.10.1307 ist seine Stunde gekommen.
Erzähler:
Die Macht der Kirche haben Nogaret und sein König nicht zu fürchten. Papst Clemens V. ist ein verzagter Charakter und abhängig von Philipp. Außerdem kann man Papst Clemens, dessen Privatleben nicht gerade sauber ist, mit einem Konzil drohen, das ihn absetzen könnte. Schwach wie er ist, stellt er sich nicht entschieden genug gegen den König.
Melancholischer Musikakzent wie oben
Erzählerin:
Hat sie denn niemand gewarnt vor der großen Verhaftungsaktion? Haben die Templer keine Freunde am Königshof? Oder sind sie so blind, arrogant oder auch treuherzig, dass sie die drohende Gefahr nicht sehen wollen? Zwei Tage nach der Massenverhaftung soll König Philipp dem Ordensgroßmeister Jacques de Molay einen Deal vorgeschlagen haben: Er werde Molay entkommen lassen, seine Flucht freilich als Schuldeingeständnis an die große Glocke hängen. Molays Ordensbrüder raten ihm, die Chance zu nutzen, ausländische Monarchen und den Papst zu Hilfe zu rufen; doch der Großmeister antwortet ebenso redlich wie naiv:
Erster Zitator:
„Es liegt kein Grund zur Flucht vor, denn wir sind ohne Schuld, und der Orden ist gut und ehrenhaft. Verzweifelt nicht, Brüder!“
Erzählerin:
Währenddessen läuft in den Gefängnissen bereits die Foltermaschinerie an. König Philipp lässt die Ordensschätze inventarisieren. Scheinheilig ernennt er sich selbst zum Treuhänder aller Templergüter in seinem Reich, behauptet, man werde sie für den nächsten Kreuzzug verwahren. Papst Clemens braucht Wochen, um gegen die offensichtlichen Verstöße gegen kirchliches und weltliches Recht zu protestieren – und wird brüskiert: Seine Legaten werden am Pariser Königshof gar nicht vorgelassen. Als Papst Clemens den französischen Großinquisitor absetzt, der sich als Philipps willfähriges Werkzeug erwiesen hat, kanzelt ihn ein königlicher Minister beim Reichstag in Tours unverschämt ab:
Zweiter Zitator:
„Dem König verdankt die Kirche mehr als Euch. Wenn also König, Prälaten und Barone, dazu das ganze Volk auf rasche Erledigung dieses Geschäfts drängen, dann beeilt Euch gefälligst. Sonst müssen wir mit Euch eine andere Sprache reden.“
Dramatischer, peitschender Musikakzent
Erzähler:
So verschwinden die Templer in den Folterkellern des Königs. Erst nach mehr als zwei Jahren rafft sich der Papst auf: Er appelliert an die Templer, sich vor seiner Kommission zu verteidigen. Überraschenderweise öffnen sich die Gefängnisse, Hunderte von Folteropfern strömen nach Paris, um endlich für die Wahrheit Zeugnis abzulegen:
Zweiter Zitator:
„Die Anklagen sind sinnlos, schändlich, ehrlos und unerhört. Sie sind eine Lüge. (…) Alle Brüder des Tempels, die solche Lügen anerkannt haben, sagten aus Angst vor dem Tode aus.“
Erzähler:
Obwohl die Professoren der berühmten Sorbonne dem König das Recht bestreiten, über die Ordensritter zu urteilen, obwohl ähnliche Verfahren im Ausland, in Mainz, in Zypern, in Ravenna mit der glänzenden Rehabilitierung der Templer zu Ende gehen, verurteilt eine eilends einberufene Bischofssynode unter dem Vorsitz Marignys in Paris 54 Tempelritter zum Feuertod. Begründung: Mit dem Widerruf ihrer Geständnisse hätten sie sich als rückfällige Ketzer erwiesen.
Peitschender Musikakzent oder ATMO Feuertod: prasselnde Flammen, Glocken, Schreie (?)
Erzählerin:
Die übrigen Templer kommen zurück in ihre Gefängnisse. Noch einmal zwei Jahre päpstlichen Schweigens, dann erklärt Clemens am 3. April 1312 in der Bulle „Vox in excelsis“ den Orden für aufgehoben. Die gerade zum Konzil von Vienne versammelten Kardinäle und Bischöfe stimmen zu: Die Vorwürfe gegen den Orden seien zwar unbewiesen, aber sein Ruf habe durch den langen Prozess so gelitten, dass man ihn im Interesse der Kirche lieber aufheben solle.
König Philipp höchstpersönlich ist mit einer schwer bewaffneten Truppe in Vienne erschienen, um auf die Kirchenväter Druck auszuüben. Eine interessante Nuance: Die päpstliche Bulle enthält keine Verurteilung. Der Orden wird nicht einmal aufgelöst, sondern lediglich – per Verwaltungsakt – suspendiert.
Erzähler:
Den Besitz der Templer überschreibt der Papst zwar dem Konkurrenzorden der Johanniter. Doch Philipp und seine Berater wissen sich Rat: Sie stellen eine astronomische Rechnung für den Unterhalt der gefangenen Tempelritter auf und kassieren nach einigem Feilschen und Schachern tatsächlich fast das ganze Eigentum des in Ungnade gefallenen Ordens.
Verstörender Musikakzent
Erzählerin:
Noch einmal zwei Jahre unwürdiger Prozesse. Der Großmeister der Templer, Jacques de Molay, hat alle Folterorgien überlebt. Am 18. März 1314 soll der Schuldspruch fallen, öffentlichkeitswirksam vor dem Portal von Notre Dame.
ATMO Feuertod: prasselnde Flammen, Glocken, Schreie
Erzählerin:
Als man ihn zum Scheiterhaufen auf einer kleinen Seine-Insel schleppt, bittet er seine Henker, ihn mit dem Gesicht gegen Notre Dame anzubinden. Die Gottesmutter soll das Letzte sein, das seine Augen sehen.
Wenige Wochen danach stirbt Papst Clemens, ein umstürzender Leuchter steckt seinen Katafalk – also das schwarz verhängte Gerüst, auf dem sein Sarg steht - in Brand. Im November fällt König Philipp einem Jagdunfall zum Opfer. Für das abergläubische Volk lauter Anzeichen eines Gottesurteils.
Verstörender Musikakzent
TC 15:10 - Justizskandal
Erzähler:
Die Liquidierung des Templerordens war ein Justizskandal, ein durchsichtiger Trick, seine Macht zu brechen und an seine Schätze zu kommen, da sind sich viele Forscher, wie Andreas Beck sicher. Und deswegen sollten sie nachträglich rehabilitiert werden, meint Andreas Beck:
Zuspielung Beck 2 (1’08“; bitte den Schluss rausstreichen!):
„Das Urteil stand von vornherein fest: Ich will euer Geld; der Papst war zu schwach, sich dagegen zu wehren, die Templer selbst waren innerlich ausgehöhlt und konnten sich auch nicht wehren; wenn sie zusammengehalten hätten, hätten sie den Philipp den Schönen ohne weiteres das Fürchten lehren können. Aber man sollte diesen Templerprozess wieder aufrollen, weil er Unrecht war. Papst Johannes Paul II. hat sich bei allen möglichen Menschen entschuldigt, bei den Zwangsbekehrungen, bei den Inquisitionen, bei allen möglichen, aber nicht bei den Templern.“
Erzählerin:
Dem Papst könnte es die Rehabilitierung der Opfer erleichtern, dass die Historikerin Barbara Frale 2007 im vatikanischen Geheimarchiv hochbrisantes Aktenmaterial entdeckt hat: Aufzeichnungen mehrerer Kardinäle über den Prozess und vor allem ihre abschließende Entscheidung, die ausdrücklich im Namen und mit der Autorität des Papstes erfolgte. Daraus geht hervor: Die Templer hatten ihre Treue zur Kirche bekannt und für alles, was man ihnen vorgeworfen habe, Vergebung erbeten.
Zweiter Zitator:
„Daher ordnen wir an, dass sie losgesprochen und wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden.“
Erzählerin:
Warum Papst Clemens das entlastende Dokument damals nicht veröffentlicht hat, das kann Barbara Frale allerdings auch nicht erklären. Sie vermutet, König Philipp habe ihn eingeschüchtert und bedroht. Immerhin ließ der Papst dem Orden ein Hintertürchen offen, indem er ihn nur suspendierte, nicht auflöste.
Markanter Musikakzent
TC 16:52 – Legenden und Verschwörungen
Erzähler:
Was wurde aus den überlebenden Templern? Aus denen, die nach einem erzwungenen Widerruf aus den Gefängnissen entlassen wurden oder die sich der Verhaftung durch Flucht entzogen hatten? Franjo Terhart hat eine ganz bestimmte Vermutung:
Zuspielung Terhart 1 (1’17“, den ersten Satz bitte streichen):
„Wenige Tage vor diesem berühmten Freitag 1307 hat sich eine Flotte von Schiffen von La Rochelle, das war damals der größte Hafen am Atlantik, der größte Hafen der
Templer, abgesetzt, und diese Flotte wurde nie mehr gesehen. Also da ist die Frage: Wo ist diese Flotte geblieben, sind da Schiffe untergegangen? Nein, also ich denke, die werden nach Schottland gesegelt sein, denn es gibt dort etwas sehr Faszinierendes, ich hab mir das angeschaut, auf der Mall of Kentaire, einer großen Halbinsel, von dort aus kann man wunderbar nach Nordirland rüber schauen, da finden sich Gräber dieser Templer, die damals dorthin geflohen sein müssen. Also es ist schon davon auszugehen, dass die Schotten die Templer aufgenommen haben und dass sich einige Templer dorthin flüchten konnten.“
Erzählerin:
Die These vom Weiterleben der Templer in Schottland wird von etlichen durchaus seriösen Historikern vertreten. In Portugal und Spanien soll der Orden ebenfalls überlebt und bei der Reconquista, der Zurückeroberung christlichen Territoriums von den Mauren, hervorragende Arbeit geleistet haben. Das rote Templerkreuz leuchtete von den Schiffen von Vasco da Gama und Christoph Kolumbus.
All die anderen spannenden Theorien von Geheimgesellschaften und im Untergrund agierenden Ritterbünden, von einem mysteriösen Orden namens Prieuré de Sion [gespr.: Sión], von verschütteten Krypten und erpresserischen Abbés, all diese Geschichten gehören vermutlich ins Reich der Phantasie. Ebenso wie die immer wieder auflebenden Spekulationen, die Templer hätten esoterisches und magisches Geheimwissen gehütet, und deshalb habe man sie liquidieren müssen.
Stoff auf jeden Fall genug für hartnäckige Verschwörungstheorien und Legenden.
TC 18:51 – Outro
Adam Weishaupt war herrschsüchtig, eitel und einer der Professoren an der Universität Ingolstadt, die man gehört haben musste! Mit 28 Jahren gründete er 1776 einen Geheimbund, den Illuminatenorden - "Die Erleuchteten". Um keinen anderen Geheimbund ranken sich buntere Verschwörungstheorien. Autor: Hans Hinterberger (BR 2014)
Credits
Autor/in dieser Folge: Hans Hinterberger
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Julia Fischer, Peter Weiß, Friedrich Schloffer
Technik: Miriam Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Mythos: Das Geheimnis der Illuminaten
Die größten Rätsel der Geschichte / ZDFinfo Doku
Vor über 200 Jahren gründet Adam Weishaupt den Geheimbund der Illuminaten. Seitdem gelten sie als mysteriöse Weltverschwörer. Wer waren die Illuminaten wirklich? Und gibt es sie noch heute? Verfügbar bis 31.10.2026
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Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza
BR 24 / ARD Audiothek
Der Konflikt im Nahen Osten eskaliert. Die aktuellen Geschehnisse überholen sich teilweise selbst und bei Instagram, TikTok und Co. ist es schwer, den Überblick zu behalten: Was sind Infos, was sind Fake-News und was ist Propaganda? In diesem Podcast beantworten die Korrespondent:innen der ARD aus dem Studio Tel Aviv und Expert:innen Eure Fragen, ordnen ein und erklären die Lage.
ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:14 – Die Illuminaten … aus Ingolstadt?
TC 02:51 – Ein Kind der Aufklärung
TC 04:39 – Die Anfänge im Dunst der Tabakpfeife
TC 06:38 – Ein Geheimbund ohne Geheimnis?
TC 07:30 – Ein Herrschsüchtiger und sein Kreis der „Erleuchteten“
TC 10:19 – Was Goethe und Knigge mit den Illuminaten zu tun haben
TC 12:30 – Weit weg von Weltherrschaft
TC 14:03 – Die wahre Macht der Illuminaten
TC 15:36 – Die große Stunde der Verschwörungstheorien
TC 20:20 – Ein einfache Lösung
TC 21:40 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 0:15 – Intro
(Atmo: Filmmusik aus „Illuminati“, möglichst actionreich )
Erzählerin:
Es gibt sie… zumindest im Kino. 4,5 Millionen deutsche Kinobesucher wollten 2009 „Illuminiati“ sehen. Sie wollten mit Hauptdarsteller Tom Hanks hinter die Geheimnisse des Ordens blicken, der die Fäden der Welt angeblich in den Händen hält. Dass dieser Geheimbund unglaublich mächtig, weltweit agierend und alles unterwandernd sein soll, das weiß dank Hollywood jeder. Weit weniger bekannt ist, dass es sich bei den Illuminaten zunächst um eine … bayerische Sache handelt.
OT Michael Klarner
„(3x Klopfen) Die Loge ist eröffnet! Liebe Brüder, wer von Euch kann das Licht sehen?“
(Atmo aus Stadtführung weiter laufen lassen)
TC 01:14 – Die Illuminaten … aus Ingolstadt?
Erzähler
Ingolstadt. Der Stadtführer Michael Klarner steht in einer tiefschwarzen Kluft des 18. Jahrhunderts, mit weißer Perücke und schwarzen Dreispitzhut auf dem Kopf, in einer Seitengasse vor Dutzenden Zuhörern. Neben ihm steht ein Tisch mit schwarzer Decke, Totenschädel und Degen darauf. Gruselstimmung. Er liest aus illuminatischen Texten, wie sie in den Aufnahme-Ritualen der sogenannten Logen des Ordens benutzt wurden.
OT Michael Klarner
„Eure Augen sehen heller, Euer Geist ist heiterer, Ihr habt einen Schritt näher zum Lichte getan. Aber ganz ist die Finsternis und Blödigkeit noch nicht von Euch gewichen! .. Das ist bitte ein Originaltext aus dem 18 Jahrhundert….“
(Atmo aus Stadtführung weiter laufen lassen)
Erzähler
Seine „Illuminatenstadtführung“ ist einmal mehr ausverkauft. Aber warum genau in Ingolstadt? Ganz einfach: Hier, mitten in Bayern, wurde der legendäre Geheimorden am 1. Mai 1776 gegründet. Er ist das Werk des damals erst 28-jährigen Ingolstädter Universitätsprofessors Adam Weißhaupt.
(Atmo aus!)
O-Ton Prof. Marco Frenschkowski:
„Das Ganze fängt ja fast als eine Art Studentenbund an. Die ersten Anhänger waren ja Studenten, ganz klar. Und dann war es wohl erfolgreicher, als Weißhaupt es überhaupt vorhergesehen hat, nicht?“
Erzählerin
Sagt Professor Marco Frenschkowski, Religionswissenschaftler an der Uni Leipzig. Er befasst sich seit Jahren mit dem Thema Geheimbünde. Und die hatten gerade im 18. Jahrhundert Hochkonjunktur.
(Musik: Frühklassik, Heiter, Aufbruchstimmung, Klavier )
TC 02:51 – Ein Kind der Aufklärung
Erzählerin:
Es ist die Zeit der Aufklärung, der Vernunft. Naturwissenschaft und neue Gesellschaftsmodelle faszinieren die progressiven Geister jener Zeit. Auch Adam Weißhaupt. Freilich war seine Universität, die Hohe Schule zu Ingolstadt, nicht gerade die ideale Umgebung für neue Gedanken.
(Musikwechsel: Liturgische Orgel, dominierend, weihevoll, evtl. Bach)
Erzähler
Denn diese Hochschule war fest in der Hand eines bereits bestehenden Ordens: Der Jesuiten.
Und die hatten Ingolstadt, unter der wohlwollenden Förderung durch die bayerischen Herrscher, zu einer Hochburg des Katholizismus und der Gegenreformation geformt.
OT Michael Klarner
„So war etwa auf Grund des jesuitischen Widerstands die Modernisierung des Lehrangebotes und die Einführung fortschrittlicher Studienfächer, wie etwa Chemie oder Botanik lange Zeit nicht möglich. Und auch sonst war es mit wissenschaftlicher Freiheit nicht her. Und das freilich bekam die hohe Schule auch zu spüren. Die Studenten orientierten sich andernorts, besuchten andere Universitäten und die hohe Schule zu Ingolstadt verlor Ihre einstige Bedeutung.“
Erzähler
Erklärt der Illuminaten-Stadtführer vor dem alten Universitätsgebäude. Auch der Orden der Jesuiten, der selbst in vielen Staaten der Unterwanderung und verschwörerischer Machenschaften verdächtigt wird, ist damals nicht unumstritten. Unter dem Druck solcher Vorwürfe muss Papst Clemens XIV. den Orden 1773 sogar aufheben. Gerade in Ingolstadt ändert das … trotzdem nichts! Die Jesuiten sind offiziell verboten, aber das Personal bleibt das gleiche. Wo sollte man auch plötzlich so viele neue Professoren hernehmen?
OT- Michael Klarner
„In Ermangelung weltlicher Lehrer blieben viele der Ex-Jesuiten schlicht in Ihren Ämtern.“
TC 04:39 – Die Anfänge im Dunst der Tabakpfeife
Erzählerin
Und der Aufklärer Adam Weißhaupt bleibt so weiterhin ein isolierter Einzelgänger unter seinen ex-jesuitischen Kollegen. Schlecht für einen, der doch den intellektuellen Austausch sucht, der über neue Ideen, neue Zeiten sprechen möchte.
(Atmo Männer im Gespräch, Gemurmel)
Erzähler
Da hilft nur die Gesellschaft von Gleichgesinnten, und wenn er diese unter den Professorenkollegen schon nicht findet, dann eben unter seinen Studenten. Die Illuminatenstadtführung ist inzwischen an einem der ersten Treffpunkte in Ingolstadt angekommen:
OT Michael Klarner
„Dieses Haus in der Griesmühlgasse. Wohl dort formiert sich am 1. Mai 1776 der Bund der Perfektibilisten oder auch Bienenorden genannt, bestehend aus Professor Weißhaupt und vier seiner Studenten.“
Erzählerin
Viel mehr sollten es erst einmal auch nicht werden. In den ersten beiden Jahren wächst dieser Orden kaum. Was da in Ingolstadt Woche für Woche zusammenkommt, ist eher ein überschaubarer Akademiker-Stammtisch, als eine geheime Weltmacht. Man diskutiert im Dunst von Weishaupts Tabakspfeife über aufklärerische Werke, mögliche Rituale des Geheimordens, Codenamen für die Mitglieder wie Spartacus oder Ajax und schließlich auch einen endgültigen Namen für den Orden. Zu welchem Mythos der einmal werden sollte, kann man noch nicht ahnen: Illuminati – die Erleuchteten. Die Idee des „Geheimbundes an sich“ kommt aber nicht von Ihnen. Prof. Frenschkowski:
OT Prof. Marco Frenschkowski
„In der Tat. Das 18. Jahrhundert ist ja auch die Zeit, in der auch die Freimaurer ihre großen weltgeschichtlichen Erfolge sozusagen tätigen. Rituale üben eine große Faszination aus. Das hängt auch damit zusammen, dass vieles aus der Adelsgesellschaft in die Bürgergesellschaft hineinwandert. Und die meisten dieser Bünde, die in das weitere Umfeld der Freimaurer gehören, dazu zählen auch die Illuminaten, haben Einweihungsrituale und Initiationsriten genutzt.“
TC 06:38 – Ein Geheimbund ohne Geheimnis?
Erzähler
Exklusive Zeremonien, das Geheime, das macht eben eine Sache besonders - sowohl bei den noch jungen Illuminaten als auch bei den schon etablierten Freimaurern. Weißhaupt hatte sich Freimauer-Logen angesehen. Dass er dann lieber seinen eigenen Bund gründet, mag zunächst daran liegen, dass die Freimaurer sich zu dieser Zeit intern im Streit befinden. Manche Kräfte schlagen, im Widerspruch zu den rationalen Aufklärern, eher mystifizierende und okkulte Töne an. Nicht nur Weißhaupt, sondern auch manche Freimaurer können damit nichts anfangen und wechseln in Lauf der Zeit zu den nüchterneren Illuminaten.
OT Prof. Marco Frenschkowski:
„Sie waren ein stückweit rationaler, aufgeklärter. Nur im Rückblick, in unseren Filmen, Romanen, gesellschaftlichen Phantasien, da werden sie dann mystifiziert. Aber eigentlich waren sie eine sehr aufgeklärte Sache.“
TC 07:30 – Ein Herrschsüchtiger und sein Kreis der „Erleuchteten“
Erzählerin:
Ein anderer Grund, warum Weißhaupt einen eigenen Bund ins Leben ruft, ist deutlich simpler. Er ist ein sehr von sich überzeugter, herrschsüchtiger und stets unzufriedener Mensch, der sich nicht gerne unterordnet. Der Tonfall, den er in Briefen gegenüber seinen Mitbrüdern an den Tag legt, zeugt davon.
Zitator:
„Wenn der Winterhalten einer von uns werden soll, so muss er noch ziemlich geschliffen werden. Erstmal gefällt mir sein Gang gar nicht. Seine Manieren sind roh und ungeschliffen. (…) Sucht junge, schon geschickte Leute, und keine solch rohe Kerls!“
Erzählerin:
Und als ein Ordensbruder ihm eine Abhandlung vorlegt, die nicht Weißhaupts Erwartungen entspricht, bekommt er das zu hören:
Zitator:
„Das Manuskript habe ich erhalten. Es ist nicht einmal die Auslage für den Bothen werth. Lieber war es mir gewesen, wenn sie die Zeit zum Abschreiben auf eine reellere Arbeit verwendet hätten.“
Erzähler:
Er möchte sich den Orden seiner persönlichen Träume bauen, leitet mit harter Hand – und ist vielleicht gerade deshalb in den ersten Jahren wenig erfolgreich in der Mitgliederwerbung. Aber dennoch: Einige folgen Weißhaupt - fasziniert von der Aura des Geheimen, des Neuen, des freieren Denkens – trotzdem der Orden intern nicht gerade freigeistig-liberal, sondern straff hierarchisch geführt ist.
OT Prof. Marco Frenschkowski:
„Weißhaupt ist nicht im modernen Sinne Demokrat, das ist nicht das Thema. Aber sagen wir mal so: Die traditionellen Adelsstrukturen, die fürstlichen Strukturen, die wurden sehr hinterfragt.“
Erzähler:
Das ist revolutionär. Und findet Zuhörer. Im kleinen Kreise denkt man neue Zeiten an, mit denen man als „Erleuchtete“ die Welt beglücken möchte.
OT Prof. Marco Frenschkowski
„Also, was man will, ist natürlich Verbesserung der Gesellschaft, es spielen utopische Ideen eine Rolle, nicht so sehr im Sinne von Gerechtigkeit, sondern von Bildung und Kultur, das sind wichtige Güter. Aufklärung ist ein ganz wichtiges Gut. Aber die Idee, sagen wir mal, dass die Menschheit gelenkt werden müsse durch eine weise Gesellschaft, das ist natürlich schon so im Hintergrund. Das kann sich dann auch auswachsen zu Phantasien, dass man dann natürlich auch ein bisschen mehr das Sagen haben möchte in der Gesellschaft.“
(Atmo spannende Musik, geheimnisvoll)
Erzählerin:
Die Herrschaftsphantasien der Illuminaten. Da sind sie. Keinesfalls die ungebildeten Volksmassen, sondern eine Elite der erleuchteten Köpfe sollte den Lauf der Dinge beeinflussen – allerdings ohne offene Revolution gegen die herrschenden Mächte der Zeit. Es genüge, im Hintergrund zu wirken. Dieser Gedanke, dass eine Elite ohne zu viele Mitwisser zu herrschen habe, wurde auch innerhalb des Ordens so gehandhabt.
Erzähler
(Atmo aus)
Denn den meisten Mitgliedern wurden diese letzten Ziele Weißhaupts gar nicht offenbart. Für die meisten Ordensbrüder bleibt es nicht mehr als ein Diskussionszirkel mit besonderer Symbolik.
TC: 10:19 – Was Goethe und Knigge mit den Illuminaten zu tun haben
Die Zahl seiner Mitglieder sollte jedoch ab 1780 rapide steigen. Vor allem dank des Eintritts eines Mannes: Freiherr Adolf von Knigge
OT Michael Klarner
„Knigge wird recht schnell zum zweitwichtigsten Mann des Illuminatenordens. Er bekommt den Ordensnamen Philo, und dieser umtriebige und zugleich pragmatische Philo wird zu einem gesellschaftlichen Türöffner für den gesamten Orden.“
Erzählerin
Sagt Stadtführer Michael Klarner über den bekannten Aufklärer, der es schaffte, dass Weißhaupts Illuminatenorden nun weit über Ingolstadt hinauswuchs und dem im Übrigen später völlig zu Unrecht eine Rolle als Benimm-Apostel angedichtet wurde. Die Illuminaten werden durch ihn zum überregionalen Gesprächsthema. Adelige, Akademiker, Beamte und sogar regierende Fürsten treten aus Neugier und Aufklärungsbegeisterung ein. Sogar ein Johann Wolfgang von Goethe.
OT Prof. Marco Frenschkowski:
„Goethe wollte bei allem dabei sein, wollte bei allem mitreden, wollte auch wissen, worum es geht. Auch die Freimaurer haben ihn ja interessiert. Aber er hat sich da nicht weiter engagiert. Das ist nur so ein kurzer Flirt.“
Erzähler
Überhaupt bleiben Kapazitäten vom Format Goethes eher die Ausnahme. Es gelingt den Illuminaten zwar auf rund 1.500 Mitglieder zu wachsen und vielerorts neue Logen zu errichten, doch wirklich die geistige Elite zu bündeln, das gelingt nicht. Mancher, bei weitem nicht herausragende Kopf, tritt lediglich nur ein, weil er sich von dem Netzwerk persönliche Karrierevorteile erhofft.
(Atmo Schritte, Aufbruch, Kutsche oder ähnliches)
Erzählerin
Selbst Knigge verlässt, nur vier Jahre nach seinem Eintritt, wieder den Orden. In Verbitterung. In einem Brief schreibt er:
Zitator:
„So konnte ich eine solche Beschimpfung nicht länger ertragen. Und nach dem Spartakus noch dazu grob wird, sehe ich nicht ein, mich länger soll wie ein Student behandeln lassen von so einem „Professor aus Ingolstadt“. Also habe ich ihm jeden Gehorsam aufgekündigt. Ein Orden, der auf diese Art seine Mitglieder missbraucht und tyrannisiert, ja der stellt doch seine Mitbrüder unter ein ärgeres Joch als die Jesuiten.“
TC 12:30 – Weit weg von Weltherrschaft
Erzähler
Es besteht also Mitte der 1780er-Jahre ein Orden, der nur bedingt gefestigt ist. Immer noch war er viel zu schwach, um tatsächlich sämtliche Schaltzentralen der Macht zu unterwandern.
Ein Orden, der sich zwar von Ingolstadt aus vor allem auf Bayern und einige Thüringische Kleinstaaten ausgedehnt hatte, der jedoch weit davon entfernt ist, globale Verschwörungen anzetteln zu können. Doch er war offenbar groß genug geworden, um jetzt die Aufmerksamkeit des Bayerischen Staates zu erregen. Der Kurfürst wird misstrauisch – und greift durch.
OT Prof. Marco Frenschkowski
„Das ist ja heute auch so, dass, wenn Gesellschaften so etwas elitäres, geheimes haben, für sich sind, Rituale nicht öffentlicher Art, Inhalte haben, die zum Teil confidential, vertraulich sind, ja dann werden die auch in unserer Gesellschaft durchaus mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Und das war natürlich gerade in Bayern, sagen wir es mal, sehr ausgeprägt. Also 1784 verbot dann der bayerische Kurfürst Karl Theodor, übrigens auch durch seinen Beichtvater beeinflusst, ich zitiere: „Alle Communitäten, Gesellschaften und Verbindungen, die ohne seine landesherrliche Bestätigung begründet wurden.““
Erzählerin
In insgesamt drei Erlässen werden von 1784-1787 die Illuminaten verboten. Bayern betreibt also durchaus einen gewissen Aufwand in der Sache, bleibt bei den Bestrafungen aber milde. Lange Haftstrafen oder gar Hinrichtungen gibt es nicht. Auch wenn im letzten Edikt von 1787 zumindest formell die Todesstrafe angedroht wird.
(Atmo Kutsche)
TC 14:03 – Die wahre Macht der Illuminaten
Erzähler
Weißhaupt muss aus Ingolstadt fliehen. Seit er den Orden in Bayern gegründet hatte, waren gerade einmal acht Jahre vergangen. Doch nun gründete sich, diesmal ohne sein Zutun, aber mit umso größerem Zutun des bayerischen Staates, wieder etwas in Bayern. Es sollte schon bald weit mächtiger erscheinen, als es der tatsächliche Orden jemals war: der Mythos der Illuminaten.
OT-Prof. Marco Frenschkowski
Bei den Illuminaten liegt es vielleicht gerade daran, dass es sie nicht mehr gab. Die Freimaurer gab es eben, die konnte man auch besuchen und dann stellte man fest, dass die nicht ganz so spannend waren, wie man vielleicht gedacht hätte. Bei den Illuminaten ist es so: Man konnte vieles hineingeheimnissen, weil sie eben nicht mehr greifbar waren.“
(Musik, spannend)
Erzählerin
Der Gedanke liegt nahe: Warum sollte der Kurfürst sich über Jahre so intensiv mit dem Thema befassen? Das zeige doch, dass dieser Orden offensichtlich sehr mächtig sein musste – und eben nicht so einfach aufzuheben sei. Für Prof. Frenschkowski steigert sich Bayern hier schlicht in einen Trend der Zeit hinein:
OT Prof. Marco Frenschkowski:
„Unterwanderung durch Geheimgesellschaften ist ein zentrales Thema im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Es hat sich gegen die Jesuiten gerichtet, es richtet sich gegen die Freimaurer, dann, als die Französische Revolution ausgebrochen war wenige Jahre später, hat man eben auch da Geheimbünde im Hintergrund gesehen, zum Teil auch die Illuminaten, die damit sicherlich gar nichts zu tun haben, also die Ängste vor der Unterwanderung, das ist eine zentrale gesellschaftliche Angstphantasie dieser Ära.“
(Musik: „In der Halle des Bergkönigs“, oder ähnlich)
TC 15:36 – Die große Stunde der Verschwörungstheorien
Erzähler
Und so schlägt die Stunde der Verschwörungstheoretiker, die unmittelbar damit beginnen die Illuminaten für so gut wie alles verantwortlich zu machen und bis heute nicht damit aufgehört haben. Die Französische Revolution, die Kornkreise in England, ja sogar, dass am Wochenende nie ein Klempner zu erreichen sei –
für all das sollen die im Verborgenen fortbestehenden Illuminaten verantwortlich sein. Selbstverständlich soll auch die Weltmacht USA schon seit Ihrer Gründung – die übrigens der ausgewanderte und in George Washington umbenannte Adam Weißhaupt höchst selbst vorgenommen haben soll – von den Illuminaten gelenkt sein.
(Musik aus)
Erzählerin
Beliebtester Beweis dafür: Der 1-Dollar-Schein. Der sei voller Illuminaten-Symbole. Zum Beispiel, sehr raffiniert versteckt, diese ganz winzig kleine Eule, seit jeher Zeichen der Illuminaten, dort rechts oben… Prof. Marco Frenschkowski hält von alledem ... nichts:
OT Prof. Marco Frenschkowski:
Das hat damit gar nichts zu tun. Da gibt es auch eigene Untersuchungen drüber. Natürlich gehören zum Selbstbild der USA auch Elemente aus dem 18. Jahrhundert, die eben aus diesem Aufklärungspathos stammen, nicht umsonst ist die USA eine Gründung dieser Jahre, nicht? Aber jetzt speziellere oder gar geheime Querverbindungen kann ich nicht wirklich sehen.“
Erzähler
Wenn man sie offen sehen könnte, wären sie ja nicht geheim – könnten jetzt die Verschwörungstheoretiker sagen. Und spekulieren munter weiter. Sei es in mehr oder minder seriösen „Forschungen“, sei es in Filmen oder Romanen. Den deutschen Illuminatenforscher Karl Koch hat das alles 1989 sogar in Wahnsinn und Selbstmord getrieben. 1998 entsteht aus seinem Schicksal ein Kinofilm, der den Mythos im Endeffekt wieder nur stärkt: „23 - nichts ist so wie es scheint“.
Erzählerin
(Musik spannend an)
23… das soll eine geheime Zahl der Illuminaten sein. Ihre Macht erkenne man daran, dass die Quersumme wichtiger Daten, wie zum Beispiel beim Anschlag auf das World-Trade-Center am 11.9.2001, „immer“ 23 ergäbe. (Musik aus).
Erzähler
Und die Bedeutung dieser Zahl 23 lasse sich auch in Ingolstadt belegen,
(Atmo Stadtführung Schritte an)
schließlich habe der damalige Versammlungsraum der Illuminaten nicht zufällig diese eine Adresse gehabt, die heute jeder Ingolstädter kennt: Theresienstraße 23. Der Illuminatenstadtführer Michael Klarner ist mit seiner Gruppe inzwischen dort angekommen und verdirbt den Verschwörungstheoretikern die Freude…
OT Michael Klarner
„Wir sind jetzt hier in der Theresienstraße vor dem Haus mit der Nummer 23. Und eine bronzene Plakette hier drüben erinnert daran, dass sich hier einst der Versammlungsort der Illuminaten befunden haben soll. Doch wer in die Geschichte eintaucht findet dafür keinen wirklichen Beleg. Und auch die Hausnummer 23 hat keine Historische Bedeutung, denn im 18. Jahrhundert hatte dieses Haus die Bezeichnung „am Weinmarkt 298“ und wenn sie das mal durch 23 teilen, kommt in jedem Fall keine gerade und damit sinnvolle Zahl heraus. Also einzelne von vielen Legenden, die sich heute um die Illuminaten ranken.“
(Atmo Stadtführung, Michael Klarner spricht)
Erzählerin
Die Stadtführung durch Ingolstadt geht dem Ende zu. 69 Minuten, also 3x23, hat sie gedauert.
Und die Zuhörer scheinen überzeugt zu sein, dass es alles nicht so weit her war, mit diesen Illuminaten. Eine Episode bayerischer Landesgeschichte, aber nichts von globaler Bedeutung. Aber wie kann man sicher sein? Was, wenn sämtliche Gegenbeweise zur Existenz und Macht der Illuminaten auch nur gezielt gefälscht und gestreut sind? Immerhin verabschiedet sich selbst der Illuminatenstadtführer mit diesem Gedanken von seinem Publikum:
OT Michael Klarner
„Ob sie meinen Ausführungen natürlich Glauben schenken wollen, das steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht sind es ja nur Nebelkerzen und Strohfeuer, die von der wirklichen Existenz der Illuminaten bis zum heutigen Tage ablenken wollen.“
(Atmo Beifall)
Erzähler
Auch wenn er es hier mit einem Lächeln gesagt hat: Kann es nicht genau so sein? Kann es Sie also doch noch geben?
(Atmo Schritte)
TC 20:20 – Eine einfach Lösung
Als die Gäste weg sind, setzt sich der Stadtführer – nun ohne seine Weißhaupt-Perücke- noch kurz auf eine Bank um etwas Mineralwasser zu trinken. Er selbst, sagt er, glaubt nicht daran, dass es die Illuminaten noch gibt. Nicht nur, weil viele Quellen dagegen sprechen. Vor allem, weil es bei dem ganzen Illuminaten-Mythos eigentlich um etwas vollkommen anderes als geschichtliche Fakten gehe: Um ein menschliches Bedürfnis in einer immer komplizierter werdenden Welt:
OT Michael Klarner:
„Also ich glaube es sind die Menschen generell immer auf der Suche nach Erklärungen. Und es gibt nun mal Dinge die passieren, die auf den ersten Blick nicht zu erklären sind. Ob das jetzt in der Wirtschaft komplexe Zusammenhänge des globalen Handels sind oder in anderen Bereichen. Man weiß nicht: Wieso passiert das so, wie es passiert? Und da ist es natürlich einfach zu sagen: Naja, das hat ja eigentlich den Ursprung in einer finsteren Verschwörung. Da drehen irgendwelche finsteren Mächte irgendetwas und deswegen passiert das jetzt. Dass man sich also Erklärungen sucht, für Dinge, die man vielleicht gar nicht erklären kann. Aber mit der Begründung, da stecken die Illuminaten dahinter, kann man es eigentlich jedem plausibel machen….
TC 21:40 - Outro
München, 9. November 1923. Vor der Münchner Feldherrnhalle scheitert Adolf Hitlers Putschversuch kläglich. Doch die Folgen sollten sich als drastisch erweisen - für Deutschland und die Welt. Von Astrid Freyeisen (BR 2014)
Credits
Autor/in dieser Folge: Astrid Freyeisen
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Rainer Bock, Guntram Brattia, Katja Amberger
Technik: Christiane Schmidbauer-Huber
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Paula sucht Paula
Podcast / Alles Geschichte / ARD Audiothek
Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche:
Paula Schlier und der Hitlerputsch 1923 (1/3)
FOLGE 1 JETZT ANHÖREN
Paula Schlier und #MeToo vor 100 Jahren (2/3)
FOLGE 2 JETZT ANHÖREN
Paula Schlier und die Gestapo (3/3)
FOLGE 3 JETZT ANHÖREN
Hitlerputsch 1923: Das Tagebuch der Paula Schlier
Dokumentation / ARD History / BR Fernsehen / Geschichte im Ersten
Deutschland 1923: Inflation, Hunger, instabile politische Verhältnisse. In dieser Zeit schleicht sich die 24-jährige Paula Schlier undercover beim "Völkischen Beobachter", dem Kampfblatt der NSDAP, ein und gerät mitten in Hitlers Putschversuch.
(Verfügbar bis 07.11.2025)
JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
00:15 – Intro
02:22 – Die Stenotypistin Paula Schlier
04:48 – Das Krisenjahr 1923
06:21 – Der Aufstieg Hitlers
08:39 – Die Unterstützer des Putschs
10:37 – Die Landtagsabgeordnete Ellen Ammann
11:47 – Der Marsch auf die Feldherrnhalle
15:47 – Ein Putsch mit Nachspiel
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK: Z8003086 101 (00‘36‘‘)
Erzähler:
Es muss eine gespenstische Szene gewesen sein: Da sitzt die Elite der bayerischen Politik im überfüllten Münchner Bürgerbräukeller. Am Rednerpult steht der sogenannte Generalstaatskommissar, ein Mann mit diktatorischer Macht: Gustav Ritter von Kahr, ein nuschelnder Redner mit Schnauzbart. Plötzlich stürmen Bewaffnete den Saal. Es sind Rechtsradikale. Darunter der Chefredakteur des Nazi-Blattes Völkischer Beobachter Alfred Rosenberg. Er würde sich später so erinnern:
MUSIK ENDE
O-Ton Alfred Rosenberg:
Und als mit einem großen Krach das erste Maschinengewehr in den Saal rollte, zogen wir unsere entsicherten Pistolen aus den Taschen und gingen durch die Versammlung zum Rednerpult.
MUSIK: Z8003086 101 (00‘15‘‘)
Erzähler:
An der Spitze: Adolf Hitler, 34 Jahre, Österreicher, vorbestraft wegen Landfriedensbruchs. Er steigt auf einen Stuhl, schießt in die Decke erklärt die Regierung für abgesetzt:
MUSIK ENDE
Zitator:
Eine deutsche nationale Regierung wird in Bayern hier in München heute noch ernannt. Ich schlage vor: Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die Deutschland tief zugrunde richten, übernehme die Leitung der Politik ich.
Erzähler:
Es ist der Abend des 8. November 1923. Adolf Hitlers Putsch hat begonnen. In der rechtsradikalen Szene brodelte es. Hitler hatte der bayerischen Regierung eigentlich versprochen, nicht gegen sie vorzugehen. Jetzt aber nahm Hitler den Diktator Kahr, dessen Militärkommandanten und den Polizeichef in einem Hinterzimmer des Bierkellers als Geiseln. Sie gaben ihm ihr Wort, an seiner Regierung mitzuwirken. Zu der sich auch Erich Ludendorff bekannte, der Weltkriegsheld vieler Deutscher – Hitlers Trumpf-As, der große Name, den er unbedingt brauchte für seinen Plan vom Sturm auf das sündhafte Berlin und die verhasste Demokratie. Denn Hitler beherrschte die rechte Szene noch nicht alleine.
TC 02:22 – Die Stenotypistin Paula Schlier
Atmo Schreibmaschine
Erzähler:
Paula Schlier war 24, als sie sich als Stenotypistin beim Völkischen Beobachter einschlich. Sie, die normalerweise für den Nürnberger Anzeiger Artikel gegen die Nazis verfasste. Die junge Frau aus Neuburg an der Donau wollte wissen, wie der Gegner denkt. Ihre Erlebnisse beim Parteiorgan der Nazis veröffentlichte sie 1926 als Buch. Es heißt "Petras Aufzeichnungen", heute einsehbar im Nachlass der Paula Schlier, den die Universität Innsbruck verwaltet. Hitlers Adjutanten Hermann Esser beschrieb die junge Frau als jähzornigen, unwissenden, naiven Knaben. Er ist erst 23, ein Jahr jünger noch als Paula Schlier. Sie nennt ihn E.
Zitatorin:
Hinter dem schreienden und heftig gestikulierenden E. taucht plötzlich ein Mann im gelben Gummimantel auf. Es ist Hitler selbst. „Dieses dreimal, als Plakat, als erste Seite für den Anschlag und in die Zeitung! Darüber meine Fotografie und mein Name dick darunter!“ brüllt er, lauter noch als E., aber mit tiefer Stimme und mit Gebärden, als wolle er den ganzen Raum durchfegen. Blitzartig, wie er gekommen, war er wieder verschwunden. Unten hupte das Auto, ein neuer Benz-Wagen, und staute sich das Volk.
Atmo Schreibmaschine
Erzähler:
Dieser Vorfall ereignete sich Anfang Oktober 1923. Zu dieser Zeit versuchte Hitler noch, jene Männer zu einem Putsch zu überreden, die er vier Wochen später im Bürgerbräukeller dazu zwingen würde. Darunter General Otto von Lossow, den Befehlshaber der Reichswehr in Bayern:
Zitator:
Die bekannte hinreißende und suggestive Beredsamkeit Hitlers hat auf mich anfangs einen großen Eindruck gemacht. Je öfter ich aber Hitler hörte, desto mehr schwächte sich der erste Eindruck ab. Ich merkte, daß die langen Reden doch fast immer das Gleiche enthielten, und daß Hitler der Wirklichkeitssinn abgeht. Im Allgemeinen führt Hitler bei derartigen Gesprächen allein das Wort. Einwendungen sind schwer zu machen, sie sind auch vergeblich. Hitler hielt sich für den deutschen Mussolini, und seine Gefolgschaft bezeichnete ihn als den deutschen Messias. Er war der Berufene, und die damalige Misere verstärkte natürlich diesen Glauben.
TC 04:48 – Das Krisenjahr 1923
MUSIK: Z8003086 106 (00‘50‘‘)
Erzähler:
Die damalige Misere – 1923 war in vieler Hinsicht ein Krisenjahr. Als Spätfolge des Ersten Weltkriegs besetzten die Franzosen zu Jahresbeginn das Ruhrgebiet – den Alliierten ging es um die dortige Kohle als Zahlungsmittel für überfällige Reparationszahlungen. Die Franzosen wollten das Herz der deutschen Industrieproduktion unter ihre Kontrolle bekommen. Monatelang herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Regierung in Berlin rief zu Generalstreik und passivem Widerstand auf. Was sie in große Schwierigkeiten brachte: Denn nun musste der Staat zwei Millionen streikenden Arbeitern die Löhne zahlen. Berlin druckte deshalb Geld. Es folgte eine Inflation, die immer atemberaubender Tempo aufnahm. Paula Schlier beschreibt die Lage so:
MUSIK ENDE
Atmo Schreibmaschine
Zitatorin:
20. Oktober 1923: Es ist wahr, das Verhängnis, dass ein ganzes Volk vor dem Verhungern steht, schreit nach einer erlösenden Tat. Heute gingen die Leute mit leeren Händen aus den Bäckerläden heim, weil sie eine Milliarde Mark für ein Pfund Brot nicht zahlen konnten (Atmo Schreibmaschine). Niemand in München schien mehr einen Gedanken fassen, ein Wort aussprechen zu können, ohne die Erwägung, wie er das Vaterland retten könne. Kein Vater war so stolz wie der, dessen Sprössling gar schon singen konnte: „Sieg-reich woll’n m’r Frank-reich schla-gen, sterben als ein tapf-rer Held!“
Atmo Schreibmaschine
MUSIK: Z8003765 110 (00‘42‘‘)
TC 06:21 – Der Aufstieg Hitlers
Erzähler:
Das war die Stimmung im Herbst 1923. Zwischen den Machthabern in München und Berlin knirschte es gewaltig. Der vom Reich als Generalstaatskommissar eingesetzte Kahr war nicht der richtige Mann, antidemokratische Tendenzen einzudämmen. Dies trug sicher zum rasanten Aufstieg Adolf Hitlers bei. Zunächst war er bloß einer in der Masse der Kriegsrückkehrer in München. Er blieb in der Reichswehr, ließ sich dort zum Propagandaredner gegen die Revolution von 1919 ausbilden. Und nicht nur das, sagt Andreas Heusler, Leiter der Abteilung Zeitgeschichte im Münchner Stadtarchiv:
MUSIK ENDE
O-Ton Andreas Heusler:
Ja, also soweit ich das beurteilen kann und die Vita von Hitler kenne, wurde er auch gezielt eingesetzt, um vor Ort als informeller Mitarbeiter Erkenntnisse über politische Entwicklungen zu sammeln und die dann an seine vorgesetzten Dienststellen weiterzugeben. Also er war so was wie ein Spion, ein Agent im Dienste der Militärs.
Erzähler:
Klar ist: Der V-Mann Hitler entschied sich für eine Seite. Er schloss sich der grade gegründeten deutschen Arbeiterpartei DAP an, der Urzelle der Nationalsozialisten. Dies ist ein Schlüsselmoment für Thomas Weber. Der Historiker von der renommierten US-Universität Harvard sucht nach Erklärungen für Hitlers plötzlich enorm aufgeblähtes Selbstbewusstsein:
O-Ton Thomas Weber:
Auch im Reichswehrgruppenkommando 4 scheint es so gewesen zu sein, dass nach einiger Zeit Hitler einfach in ein Einzelzimmer verlegt wird, weil er den anderen ein bisschen auf die Nerven geht. Auch wenn sie ihn vielleicht jetzt politisch nicht blöd finden oder grundsätzlich, aber die wollen nicht mit ihm auf einem Zimmer sein. Und jetzt taucht er auf einmal, dieser suchende Mensch, im Herbst 1919 bei der DAP auf. Und merkt auf einmal, hier sind Leute, wenn ich den Mund aufmache, lachen die nicht, sondern die finden das gut. Bei Hitler war es ja durchaus schon so, auch während des Ersten Weltkrieges und so, dass er immer vor sich her geredet hat, auch durchaus mal politisch geredet hat, aber sich eigentlich niemand dafür interessiert hat, so: Lasst den Adolf mal reden. Ich glaube, von daher ist die DAP für ihn auch erst mal ein neues Zuhause, was über das Politische hinaus eine Bedeutung hat.
MUSIK: Z8003086 107 (00‘31‘‘)
TC 08:39 – Die Unterstützer des Putschs
Erzähler:
Viele frühe Nationalsozialisten stammen aus kleinen Verhältnissen. Doch Hitler gelingt es, die Münchner Oberschicht zu gewinnen. Mit viel Pathos schließt sich im Bürgerbräukeller Erich Ludendorff dem Putsch an - also jener trotz der Kriegsniederlage verehrte General, der sich sogar mit Exzellenz anreden lässt. Für Historiker Andreas Heusler ist das bis heute eins der großen Rätsel in der Geschichte des Hitlerputsches:
MUSIK ENDE
O-Ton Andreas Heusler:
Das ist schwer zu deuten, wie diese Weltkriegsikone, die Ludendorff ja war, also jetzt plötzlich diesem Gefreiten nachläuft, der – ja – ihm nicht auf Augenhöhe begegnen kann. Ludendorff ist ja nicht der Einzige. Es gibt ja unglaublich viele sehr arrivierte, großbürgerliche Persönlichkeiten, die diesen Emporkömmling plötzlich zum Mittelpunkt ihres bürgerlichen Lebens machen, denken sie an den Herrn Hanfstaengl, die Bruckmanns, die Bechsteins, und so weiter, also das ist sehr rätselhaft. Und ich denke, es ist ein ähnliches Phänomen wie bei Ludendorff auch.
Erzähler:
Die Verlegerfamilien Hanfstaengl und Bruckmann, die Klavierbauer Bechstein - Hitler war in den Villen der Münchner Reichen ein gern gesehener Gast, viele unterstützten ihn finanziell. Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, der jüngere Bruder des renommierten Verlegers von Kunst, stürmte am Abend des 8. November an Hitlers Seite in den Bürgerbräukeller.
Atmo Druckerpresse
Erzähler:
Sofort ließen die Putschisten Plakate drucken. Sie erklärten die sogenannte Regierung der Novemberverbrecher in Berlin für abgesetzt und Ludendorff, Hitler, den Militärkommandanten Lossow und den Polizeichef von Seißer zur provisorischen Reichsregierung. Was die siegessicheren Nationalsozialisten nicht ahnten: Im Hintergrund entwickelte sich die Sache ganz anders, als sie dachten.
TC 10:37 – Die Landtagsabgeordnete Ellen Ammann
Atmo Telefon
MUSIK: Z8003086 110 (01‘02‘‘)
Erzähler:
Als Hitler im Bürgerbräukeller losschlug, bekam die Landtagsabgeordnete der Bayerischen Volkspartei Ellen Ammann einen warnenden Anruf. Sie reagierte sofort. Schon im Frühjahr hatte die Sozialpolitikerin vergeblich versucht, den Österreicher Hitler aus Bayern ausweisen zu lassen. Jetzt trommelte sie ihre Parteifreunde und Regierungsmitglieder zusammen. Um den stellvertretenden Ministerpräsidenten Franz Matt zu warnen, schickte Ellen Ammann einen ihrer Söhne mit dem Fahrrad los. Ellen Ammann versammelte die Politiker in der karitativen Frauenschule, die sie gegründet hatte. Gemeinsam formulierte man eine Resolution, die den Putsch als verbrecherisch verurteilte. Die Reichswehr in Berlin wurde verständigt – vielleicht der entscheidende Schachzug. Ellen Ammann besorgte ein Auto, um die Regierung nach Regensburg und somit aus der Schusslinie zu bringen. Franz Matt würde später urteilen:
MUSIK ENDE
Zitator:
Ellen Ammann hatte damals mehr Mut bewiesen als manche Herren.
MUSIK: Z8003086 110 (00‘19‘‘)
TC 11:47 – Der Marsch auf die Feldherrnhalle
Erzähler:
Gleichzeitig zeigte sich, dass Hitler seine Mit-Putschisten nicht im Griff hatte. So entließ er Kahr, Lossow und Seißer, von denen er eben noch die Zusage erpresst hatte, sich an seiner Regierung zu beteiligen, aus dem Bürgerbräukeller (MUSIK ENDE). Doch anstatt den Putsch durchzuziehen, entschlossen die sich nun, ihn niederzuschlagen. Sie tauchten ab, besetzten Kasernen und waren nicht mehr zu sprechen für die selbsterklärten neuen Machthaber. Einem Boten Ludendorffs sagte Militärkommandant Lossow, Hitler habe sein Wort gebrochen, nicht zu putschen. Weitere Verständigung - ausgeschlossen. Aber schon rückten rechtsradikale Kampfverbände vor. Polizeimajor Sigmund Freiherr von Imhoff wollte gerade in den Feierabend aufbrechen, als ein schockierter Kollege die Nachricht vom Putsch in die Polizeidirektion brachte. Imhoff wartete keine Befehle von oben ab:
Zitator:
Das erste, was ich tat, war, daß ich die Landespolizei alarmierte, um weitere Kräfte bereitzustellen. Außerdem beauftragte ich den Führer der Stationsverstärkung in der alten Schwere-Reiter-Kaserne mit Einleitung der Erkundung. Außerdem veranlasste ich auf eigene Verantwortung die Besetzung von Hauptpost und Telegrafenamt, um die Fernleitungen in der Hand zu haben.
Erzähler:
Kahr, Lossow und Seißer erklärten am Morgen des Putsches öffentlich auf Plakaten, sie hätten sich im Bürgerbräukeller nur zum Schein Hitler angeschlossen. Den Putschisten wurde langsam klar, dass sie voreilig triumphiert hatten. Es muss eine seltsame Stimmung geherrscht haben in dieser Stadt, deren Bürger sich noch allzu gut an die blutige Revolution von 1919 erinnerten. Carl Christian Bry, 31, Korrespondent des Argentinischen Tag- und Wochenblatts, schrieb:
Zitator:
Auf meiner Bank wird das Ereignis ruhig und nüchtern aufgenommen, obwohl bekannt ist, dass Hitler wirtschafts- und währungspolitische Mitarbeiter mit finsteren Plänen hat. Man glaubt, dass wenn irgendetwas Ernstes an der Sache wäre, Hitler jetzt nicht im Münchner Bürgerbräu, sondern in der Berliner Wilhelmstraße sein müßte. Prachtvoll benehmen sich die Straßenbahnen. Nur auf ganz kurze Zeit ist streckenweise der Verkehr unterbrochen.
MUSIK: Z8003765 (00‘36‘‘)
Erzähler:
Fassungslos beschrieb Carl Christian Bry jedoch die Enttäuschung vieler Münchner. Sie empfanden es als Verrat, dass sich Kahr, Lossow und Seißer doch noch gegen Hitler stellten. Der marschierte am Mittag an der Spitze seiner etwa 2.000 Mann starken Kampftruppen auf den Odeonsplatz. Vor der Feldherrnhalle trafen sie auf die Landespolizei. Oberleutnant Michael von Godin, 26, berichtete hinterher im bayerischen Kurier:
MUSIK ENDE
Zitator:
Ich hatte sofort den Eindruck: Hier liegt die Entscheidung des Tages und trat mit meinen Leuten zum Gegenstoß gegen den gelungenen Durchbruch der Hitlertruppen an. Beim Einbruch in den Gegner wurden wir mit gefälltem Bajonett, entsichertem Gewehr und vorgehaltenen Revolvern empfangen. Plötzlich gab ein Hitlermann einen Pistolenschuss auf meinen Kopf ab. Der Schuss ging an meinem Gesicht vorbei und tötete den hinter mir stehenden Unterwachtmeister Hollweg. Noch bevor es mir möglich gewesen wäre, einen Befehl zu geben, gaben meine Leute Feuer, was die Wirkung einer Salve hatte. Zu gleicher Zeit feuerten die Hitlertruppen und es entspann sich ein regelrechter Feuerkampf, der ungefähr 25 Sekunden dauerte.
Erzähler:
Wer vor der Feldherrnhalle zuerst schoss, das sollte später für Spekulationen sorgen. Die Putschisten behaupteten nämlich, die Polizei habe das Feuer eröffnet. Die Bilanz des Putsches an der Feldherrnhalle: 20 Tote. Ein unbeteiligter Passant, vier Polizisten, 15 Rechtsradikale. Ludendorff wurde festgenommen, Hitler floh. Er versteckte sich in der Villa seines Gönners Hanfstaengl in Uffing am Staffelsee. Am 11. November wurde er festgenommen, NSDAP und Völkischer Beobachter verboten.
Atmo Marschieren
MUSIK: Z8003765 (00‘36‘‘)
TC 15:47 – Ein Putsch mit Nachspiel
Erzähler:
Ist dies das Ende des Hitlerputsches? Nein. Es folgte ein Nachspiel, das auf lange Sicht das Ende der Demokratie einleiten sollte.
MUSIK ENDE
Erzähler:
Am 18. November 1923 schrieb Paula Schlier:
Zitatorin:
Da in der Redaktion zu arbeiten polizeilich verboten ist, werden im Geheimen Flugblätter herausgegeben. Die Freunde der Bewegung stellen dafür gerne Privatsalons im vornehmsten Stadtviertel, nahe dem Englischen Garten, zur Verfügung.
Atmo Schreibmaschine
Erzähler:
Was das verbotene Naziblatt berichtete, begeisterte seine Anhänger: Hitler werde in der Untersuchungshaft überschüttet mit Geschenken und sei der Alte geblieben. Unterdessen geriet Generalstaatskommissar Kahr immer stärker unter Druck. Die Schmähungen, Kahr sei ein Verräter, nahmen kein Ende, und so trat er am 24. Februar 1924 zurück. Zwei Tage später begann vor dem sogenannten Volksgericht in München der Prozess gegen die Putschisten – ein Justizskandal, denn allein schon die Existenz dieses Sondergerichts war ein Bruch der Weimarer Verfassung. Andreas Heusler vom Stadtarchiv München:
O-Ton Andreas Heusler:
Vom Delikt her, es war ein Hochverratsverfahren, hätte das beim Reichsgericht in Leipzig stattfinden müssen. Die Münchner haben dieses Verfahren an sich gezogen und hatten dadurch natürlich Einfluss auf die Prozessgestaltung. In diesen völkisch-reaktionären Kreisen, zu denen auch der Richter Neithart zu rechnen ist, galt Hitlers Hochverrats-Handeln als respektables Handeln. Es war ja auch kein Geheimnis, wie dieser Prozess geführt wird. Er wurde in den Tageszeitungen unglaublich breit und intensiv dargestellt. Es wurde berichtet. Ich denke auch, die Prozessführung hat gewusst und hat sehenden Auges akzeptiert, dass dieses Prozessgeschehen politisch instrumentalisiert wird.
O-Ton Adolf Hitler:
Der scheinbare Fehlschlag ist trotzdem zur Geburt der großen nationalsozialistischen Freiheitsbewegung geworden. Denn in der Folge dieses Fehlschlags kam der berühmte Prozess, der es uns ermöglichte, zum ersten Mal vor aller Öffentlichkeit große Massen unseres Volkes mit unserem Gedankengut vertraut zu machen.
Erzähler:
Hitler als Rädelsführer wurde nur zu einer Minimalstrafe verurteilt, von der er grade einmal ein halbes Jahr verbüßte. Sein Adjutant Fritz Wiedemann berichtete später:
Zitator:
Bezeichnend war, dass Hitler sich wiederholt über die bayerische Regierung lustig machte, die ihn für einige Zeit auf die Festung Landsberg schickte und dann wieder freiließ, anstatt ihn zu liquidieren. Er selbst ließ keine Zweifel daran, dass er im umgekehrten Falle restlos durchgegriffen hätte.
Erzähler:
1933 würden die herrschenden Eliten auch deshalb die Regierungsgewalt an Hitler übergeben, weil sie ihn als Person unterschätzten, sich aber vor der schieren Masse seiner Anhänger fürchteten. Hitler nutzte diese Konstellation, um ganz legal an sein Ziel zu kommen. Für Historiker Thomas Weber ist der Putsch eine wichtige Lektion:
O-Ton Thomas Weber:
Hitler lernt 1923, dass er es halt doch nicht richtig kann, und vor allen Dingen, dass er vieles dilettantisch angegangen ist und taktisch nicht richtig angegangen ist. Und ich glaub, man muss wirklich die Jahre danach als Versuch sehen, aus den Fehlern zu lernen.
O-Ton Adolf Hitler:
Das Schicksal selber hat es dann gut gemeint mit uns. Es hat eine Aktion nicht gelingen lassen, die wenn sie gelungen wäre, am Ende an der inneren Unreife der Bewegung und ihrer ganzen organisatorischen und geistigen Grundlagen hätte scheitern müssen. Das wissen wir heute ganz genau.
Atmo „Helden“gedenken: Am Siegestor tritt die Spitze des Zuges an…
Erzähler:
Das jährliche Spektakel vor der Feldherrnhalle zur Erinnerung an den Putsch wurde während des Dritten Reiches live im Radio übertragen. Historiker Andreas Heusler:
O-Ton Andreas Heusler:
Für das Selbstverständnis des Nationalsozialismus oder der NS-Bewegung spielt das Ereignis November 1923 und auch der Prozess selber, vor allem aber das Ereignis eine Schlüsselrolle in der Inszenierung. So dass man die Menschen quasi – ja – einer Gehirnwäsche unterzogen hat. Das ist etwas, was man vielleicht auch nochmal verfolgen müsste, wie geht diese Bewegung mit diesem Schlüsseldatum um, um den Menschen irgendetwas vorzugaukeln, über die Größe, über die Bedeutung der Bewegung
Atmo „Helden“gedenken: …dass ich für meine Heimat tapfer kämpfen und lieber sterben werde
MUSIK: Z8003086 (00‘29‘‘)
Erzähler:
Der Putsch und seine Folgen werfen zentrale Fragen im Umgang mit dem Nationalsozialismus auf: Hätte man damals nicht schon erkennen können, welch tödliche Brutalität später kommen würde? In seinem Zeitungsartikel über die Stimmung in München am Tag des Putsches schreibt Carl Christian Bry:
MUSIK ENDE
Zitator:
Ein junger jüdischer Gehilfe, also einer der von Hitler unmittelbar Bedrohten, treibt den Scherz soweit, für den Nachmittag um Urlaub zu bitten: Er müsse sich doch noch Kochgeschirr und Proviant für das Konzentrationslager kaufen, das Hitler und seine Leute seit langem allen „jüdischen Blutsaugern“ verheißen haben.
MUSIK: Z8003086 (00‘53‘‘
Erzähler:
Allerdings glaubte der junge Journalist Bry, dass Hitler nach dem Putsch erledigt sei. Eine fatale Fehleinschätzung. Noch einmal Andreas Heusler vom Stadtarchiv München:
O-Ton Andreas Heusler:
Der Prozess stellt sicher im negativen Sinne ne Zäsur dar in der Geschichte der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn dieser Prozess anders gelaufen wäre, wenn man diesem Hauptangeklagten Hitler nicht so viel Raum gegeben hätte, dann hätte die deutsche, die europäische und die Weltgeschichte sicher einen anderen Verlauf genommen.
Erzähler:
Der Putsch vor der Feldherrnhalle war also der Anfang vom Ende der Demokratie.
TC 22:13 - Outro
Kaum ein archäologischer Fund hat die Welt je wieder so berührt, wie der des Grabes von Tutanchamun. Am 4. November 1922 entdeckte der britische Archäologe Howard Carter im Tal der Könige eine unter antikem Schutt verborgene Felstreppe: Der Eingang zum Grab des ägyptischen Königs. Eine perfekte Sensation. Bis heute ist an jedem 4. November Tutanchamun-Tag" oder einfach - King Tut Day. Autorin: Silvia Rabehl (BR 2022)
Credits
Autor/in dieser Folge: Silvia Rabehl
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Peter Weiß
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion:
Boudicca. Die Keltenkriegerin
Eine wahre Geschichte: Die Königin der keltischen Icener führt um 60 n. Chr. in Britannien den legendären "Boudicca-Aufstand" gegen die römische Besatzung an, um Rache für erlittenes Unrecht zu nehmen und wieder frei, unabhängig und selbstbestimmt leben zu können. Heute gilt sie als Ikone des britischen Feminismus.
ZUM PODCAST
ARDalpha hat einen spannenden Artikel mit Bildern, Audios und Videos zu Tutanchamun:
TUTANCHAMUN - Die Geheimnisse um den jungen Pharao
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
00:14 – Intro
01:20 –Der bislang unbekannte König Tutanchamun
02:50 – Die ausgelöschten Herrscher
06:58 - Die Entdeckung einer Weltsensation
07:45 – Auf den Spuren Tutanchamuns
10:53 – Ein Kind auf dem Thron
12:31 – Ordnung in das Chaos bringen
14:06 – Die schwierige Familie des Tutanchamun
15:53 – Eine ganz neue Ästhetik
17:45 – Tutanchamun heute
19:31 – Zwischen Vergessenheit und Hype
23:02 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC: 00:14 – Intro
SPRECHERIN
18. Oktober 1922: Der britische Archäologe Howard Carter trifft in Luxor ein. Er weiß, dies ist vielleicht seine letzte Chance, sich den Traum von der Entdeckung eines noch unberührten Pharaonengrabs im Tal der Könige zu erfüllen. Seinen Förderer und Inhaber der Grabungskonzession für das „Tal“, Lord Carnarvon (Betonung a.d. zweiten Silbe), hat er nur mit Mühe davon überzeugen können, dem Vorhaben noch einen letzten Winter zu widmen.
SPRECHER
Carters Notizen und Tagebucheinträge, heute im Griffith Institute in Oxford archiviert und online für jeden zugänglich, zeugen von seinem hartnäckigen Optimismus:
ZITATOR
„Außerdem war noch immer die Stelle mit den Arbeiterhütten und den Feuersteinen am Fuß des Grabes Ramses VI. näher zu untersuchen, und ich hatte stets eine Art abergläubischen Gefühls, daß gerade in dieser Ecke des „Tals“ einer der fehlenden Könige, möglicherweise Tut-anch-Amun, gefunden werden könne.“
TC 01:20 –Der bislang unbekannte König Tutanchamun
SPRECHERIN
Dabei wird der Name Tutanchamun in den offiziell aus der Antike überlieferten Listen ägyptischer Könige gar nicht erwähnt. Doch es existierten durchaus Hinweise darauf, dass ein König dieses Namens im „Tal“ bestattet sein könne. Bevor nämlich Lord Carnarvon im Jahr 1915 die Grabungskonzession für das berühmte „Valley of the Kings“ erhielt, lag diese lange Jahre bei Theodore M. Davis, einem wohlhabenden amerikanischen Geschäftsmann. Davis war sehr erfolgreich im Tal der Könige unterwegs gewesen: Mit Unterstützung verschiedener Grabungsleiter, darunter für kurze Zeit auch Howard Carter, war ihm die Entdeckung mehrerer – wenn auch bereits geplünderter – Königsgräber gelungen.
SPRECHER:
So fand Davis im Jahr 1906 einen Fayencebecher mit der Kartusche des Thronnamens von Tutanchamun, Neb-Cheperu-Ra. Und sein Grabungsteam entdeckte in unmittelbarer Nähe eine kleine Grube, eine Cachette, die verschiedene Gegenstände enthielt: Ganz offensichtlich handelte es sich um Reste einer Bestattungszeremonie – möglicherweise der von Tutanchamun, da Leinenbinden und Lehmsiegel seine Namenskartusche trugen. Davis maß dem Fund - im Gegensatz zu Howard Carter - keinerlei Bedeutung bei. Sicher, die Form seines Thronnamens und die Lage des Fundes wiesen Tutanchamun als einen möglichen König der sogenannten Amarnazeit gegen Ende der 18. Dynastie aus.
Musik: C1588530103 Belly dance in Egypt 1‘03
TC 02:50 – Die ausgelöschten Herrscher
SPRECHERIN
Eine Epoche, die durch König Echnaton und seine radikale Abkehr von den alten Göttern geprägt und begründet worden war; und die ihre moderne Bezeichnung von jenem mittelägyptischen Ort erhalten sollte, an dem die Ruinen von Echnatons einst aus dem Sand gestampfter Reichshauptstadt Achet Aton liegen – Tell el-Amarna! Mit Echnatons Tod fielen nicht nur seine religiösen Neuerungen, sondern auch seine Familienangehörigen einer radikalen Auslöschungspolitik zum Opfer. Ihre Namen wurden bewusst aus dem kulturellen Gedächtnis der Ägypter getilgt, und auch Tutanchamun findet keine Erwähnung in den altägyptischen Königsannalen. Erst Ausgrabungen in Tell el-Amarna zu Beginn der 1920er Jahre führten schließlich zu mehr Erkenntnissen über diese rätselhafte, ausgelöschte Zeit und ihre Herrscher. Kein Wunder also, dass Davis mit diesem Fund keine großen Erwartungen verbunden hatte.
Gleichzeitig erkannte Herbert Winlock, der spätere Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, zu Beginn der 1920er Jahre die wahre Bedeutung des Fundes, der sich in seiner Obhut befand: Diese Reste einer Bestattungszeremonie ließen kaum Zweifel daran, dass ein König Tutanchamun im Tal der Könige bestattet sein musste.
1 O-TON: PROF. HOFFMANN (Hoffmann 1 / 00:04 – 00:59)
„Also, was historische Quellen zu Tutanchamun anbelangt: Historische Quellen in der Ägyptologie, das ist ein weiter Begriff. Man kann natürlich im weitesten Sinne alles als eine historische Quelle betrachten, aus der man irgendeine Information in unserem Sinne herausbekommt. Also etwas zur Ereignisgeschichte. Dazu gehören zum Beispiel die Weinkrugaufschriften von den Krügen, die im Grab von Tutanchamun gefunden worden sind. Da weiß man, bis zu dem und dem Jahr hat er noch Wein bekommen – und danach eben nicht mehr! Also hat er nur so und so viel Jahre regiert.
SPRECHER
… erklärt Professor Friedhelm Hoffmann, Leiter des Münchner Instituts für Ägyptologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, die Bedeutung solcher Funde.
Musik: Z8037642105 Anxious 0‘45
TC 05:01 – „Ich sehe wunderbare Dinge“
SPRECHERIN
Howard Carter konzentriert sich in diesem November 1922 also zunächst auf die Arbeiterhütten aus der Zeit der 19. Dynastie. Sie werden dokumentiert und danach abgeräumt, um Preis zu geben, was vielleicht unter ihnen liegt. Am Morgen des 4. November dann die Entdeckung: Der Arbeitertrupp stößt auf in den Felsen gehauene Stufen – der erste Hinweis auf ein Grab. Die Spannung Carters und seines Teams, als am Ende der Stufen eine versiegelte Tür zum Vorschein kommt, mag man sich kaum ausmalen. Was mochte sich wohl dahinter verbergen – und waren Grabräuber, wie so oft im Tal, bereits vor ihnen da gewesen?
ZITATOR
„Etwas gab mir zu denken, und das war die Kleinheit der Öffnung im Vergleich zu den anderen Talgräbern. Die Anlage war sicher die der 18. Dynastie. Konnte es das Grab eines Vornehmen sein, der hier mit Erlaubnis des Königs bestattet war? Oder war es wirklich das Grab des Königs, auf das zu finden ich so viele Jahre verwandt hatte?“
Musik: CD538040009 Lebanon 1‘03
SPRECHER
Der 26. November 1922 soll das Rätsel lösen: Am Nachmittag erreicht das Grabungsteam endlich die zweite, nun freigeräumte und ebenfalls versiegelte Tür. Im Beisein von Lord Carnarvon und seiner Tochter Evelyn sowie dem Ägyptologen Arthur Callender bohrt Carter ein kleines Loch in die linke obere Ecke der Tür. Mit einer Kerze verschafft er sich vorsichtig Einblick in das unbekannte Dunkel auf der anderen Seite – und bleibt sprachlos. Ungeduldig bricht Lord Carnarvon endlich das Schweigen, „ob er denn etwas sähe?“. Carters legendäre Antwort „Ja, wunderbare Dinge“ ist in der Ägyptologie längst zum geflügelten Wort geworden.
TC 06:58 - Die Entdeckung einer Weltsensation
SPRECHERIN
Was waren das nun für „wunderbare Dinge“, die Howard Carter zunächst die Sprache verschlugen? Die Ägyptologin Professorin Regine Schulz vom Hildesheimer Pelizaeus-Museum:
2 O-TON SCHULZ (Schulz 1 /00:26 – 01:23)
„Generell muss man sagen, die Entdeckung des Grabes war schon einmal eine ganz aufregende Geschichte, nicht nur, weil es ein Grab war, das bisher einmal unbekannt, und zweitens dann eben nicht wirklich in großem Maße zerstört war.
Das ging durch die Presse weltweit. Das ging über viele Monate, Jahre eigentlich hinweg, dass man neue Stücke angeguckt hat, über diese Stücke geredet hat. Also Tutanchamun wurde Teil, eigentlich muss man sagen, der kulturellen Weltcommunity.“
TC 07:45 – Auf den Spuren Tutanchamuns
SPRECHER
Über den Besitzer von Grab Kings Valley - kurz KV - Nr. 62, König Tutanchamun selber, wusste man damals allerdings wenig. Sein Name wurde in den überlieferten Königslisten nicht erwähnt. Grablage und Architektur, sowie die Grabbeigaben und Beschriftungen, alles deutete jedoch darauf hin, dass er den Königen der Armarnazeit zuzurechnen war, also jenen Königen, deren Gedenken und Namen bewusst - auch physisch - ausgelöscht worden waren, indem man beispielsweise ihre Namenskartuschen und Abbildungen aushackte oder überschrieb.
Dazu Prof. Hoffmann:
3 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 6 / 00:14 – 00:35)
„Tutanchamun gehörte für die Ägypter des Neuen Reiches und dann später, zu den Amarnakönigen. Also zu Echnaton, Semenchkare, Tutanchamun – und Eje gehört auch dazu. Und die sind in der nachfolgenden Überlieferung einfach totgeschwiegen worden. Die gibt es in der offiziellen Überlieferung nicht mehr: Damnatio memoriae.“
SPRECHERIN
Die Auslöschung der Erinnerung.
4 O-Ton Prof. Hoffmann: (Hoffmann 6 / 00:36 – 00:44)
„Wenn die Ägypter dann, zum Beispiel in der Ramessidenzeit, eine Königsliste aufgeschrieben haben, dann werden die Amarnakönige einfach ausgelassen.“
SPRECHER
Ein weiterer Hinweis, der Tutanchamun direkt mit Amarna verbindet, findet sich auf einem in Hermopolis in Mittelägypten entdeckten Steinblock, der ursprünglich aus dem nahen Tell El-Amarna stammt:
5 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 2 / 00:07 - 00:44)
„Ja, dann ist auch noch interessant, was es so an Inschriften gibt, unter anderem auch noch ein Block, aus dem sich der ältere Name von Tutanchamun ergibt: Der hieß nämlich, weil er ja noch im wahrsten Sinne des Wortes ein Kind der Amarna-Zeit ist, hieß er Tut-Anch-Itn. Und als er dann, als König, Amarna verließ und dann nach Memphis ging zu seiner neuen Hauptstadt – oder der neuen Hauptstadt Ägyptens, dann hat er sich umbenannt zu Tutanchamun.
Musik: Z8032965114 Parts of breath (reduced)0‘45
SPRECHERIN
Die ägyptische Hieroglyphenschrift schreibt, ähnlich den semitischen Schriftsystemen, keine Vokale. Daher ist die eigentliche Aussprache der Worte nicht bekannt, und in der Ägyptologie wird dann gelesen, was dasteht, und Vokale werden nur angedeutet oder gänzlich weggelassen. Die Aussprache von Personen- oder Götternamen lässt sich jedoch zum Teil über Korrespondenz, die in anderen Schrift- und Sprachsystemen geführt wurde, herleiten, wie etwa die in Amarna gefundenen keilschriftlichen Briefe. Doch die tatsächliche Aussprache bleibt wohl für immer eine Grauzone, da Altägyptisch eben eine „tote“ Sprache ist.
6 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 3 / 00:07 – 00:39)
„Ja, und der Name Tutanchamun - und natürlich auch der ältere Name Tutanchaton – Tutanchamun heißt nicht, wie meistens vertreten wird „Lebendes Bild des Amun“. Das geht aus grammatikalischen Gründen nicht. Da müsste er dann nämlich Tut-Anch-n-Imn heißen. Mit einem sogenannten „indirekten Genitiv“. Der Name kann also nur bedeuten sowas wie „Der, der ähnlich ist dem Leben des Amun“ meinetwegen.“
Musik: Z8027679103 Middle east borders 1‘02
TC 10:53 – Ein Kind auf dem Thron
SPRECHER
Die frühen Könige der 18. Dynastie hatten das ägyptische Neue Reich begründet und ein ägyptisches Großreich erschaffen, wie es bisher noch nie da gewesen war. Insbesondere Thutmosis III. (sprich: Thutmoses der Dritte), der mit seiner Armee weite Territorien in Kleinasien und dem heutigen Sudan eroberte, hatte dem Land sowie den Tempeln ungeheure Macht und Reichtümer gebracht. Bereits unter König Amenophis III. (sprich: Amenophis dem Dritten) und seiner Frau Teje, den Großeltern Tutanchamuns, war jedoch eine Abgrenzung gegenüber der zu mächtig gewordenen Priesterschaft des Amun in Theben zu beobachten. Amenophis‘ Sohn Echnaton, Amenophis IV., brach dann endgültig mit den alten Traditionen: Er schuf sich weit weg vom oberägyptischen Theben mit seiner mächtigen Priesterschaft ein neues Wirkungszentrum im mittelägyptischen Tell El-Amarna. Und er machte den Gott Aton in Gestalt der omnipräsenten Sonnenscheibe zum Gott über alle Götter Ägyptens, mit der Königsfamilie als Mittler zwischen Volk und Aton. Als Echnaton etwa 1336 vor unserer Zeitrechnung starb, gingen aus der Ehe mit seiner Frau Nofretete keine männlichen Nachkommen hervor. Die genaue Abfolge der „Amarnakönige und -königinnen“ nach ihm ist bis heute umstritten. Etwa drei Jahre nach Echnatons Tod, wurde das Kind Tutanchamun, unter der Vormundschaft eines Mannes namens Eje, zum König ausgerufen. 10 Jahre sollte der kränkliche junge König auf dem Thron bleiben, bevor er viel zu früh und ohne Nachkommen starb.
Musik: Z8027679103 Middle east borders 0‘35
TC 12:31 – Ordnung in das Chaos bringen
ZITATOR
„Es erschien aber seine Majestät als König auf dem Thron, als der Tempel der Götter und Göttinnen von Elephantine bis zu den Marschen des Deltas im Verfall und ihre Rituale in Auflösung begriffen waren, als ihre Heiligtümer verkommen und zu pflanzenbewachsenen Hügeln geworden waren, und ihre Allerheiligsten waren, als seien sie nie gewesen, und ihre Gebäude ein Fußweg.“
SPRECHERIN
So lautet ein Auszug aus der sogenannten Restaurationsstele, einer Gedenktafel, deren Bruchstücke zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Tempelbezirk von Karnak gefunden wurden. Sie dokumentiert die wichtigste Aufgabe eines jeden ägyptischen Königs, in diesem Fall die des Tutanchamun, nämlich, die „Ordnung“, altägyptisch MAAT, im Land wiederherzustellen – insbesondere nach der anarchischen Zeit des Echnaton!
7 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 1 /02:21 – 03:01)
„Tutanchamun, der quasi beschreibt oder jedenfalls die Aussage macht, das Land war völlig durcheinandergeraten, die Gottesopfer, die Gottesverehrung, all das hat nicht mehr funktioniert. Und er ist jetzt der König, der das wiederherstellt. Diese Stele ist natürlich nicht von Tutanchamun selbst verfasst. Das ist auch logisch. Der war noch ein Kind. Sondern das haben natürlich seine Berater und die maßgeblichen Leute gemacht. Aber natürlich, im ägyptischen Geschichtsbild ist es der König, der solche Sachen macht. Also steht Tutanchamuns Name drauf.“
Musik: Z8027679109 Oriental conspiracy 0‘30
TC 14:06 – Die schwierige Familie des Tutanchamun
SPRECHER
Erst Haremhab, der zunächst unter Tutanchamun ein steile militärische Karriere machte und dann, nach Eje, den Thron selber bestieg, wird wieder in den offiziellen Königslisten genannt, in direkter Nachfolge von Amenophis III. Offenbar war es ihm gelungen, die Spuren der Amarnaherrscher zu eliminieren, ihre Denkmäler in seinem Namen zu usurpieren – und den Kult für die alten Götter wiederherzustellen.
8 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 6 / 01:02 – 01:26)
„Möglicherweise hat Haremhab, der dann die Amarna-Zeit wirklich beendet hat, auch politisch, sich diese Regierungsjahre dann einfach in seine eigene Zählung miteingeschlossen. Darum kommt Haremhab auf relativ viele Regierungsjahre, aber nur dadurch, dass er die Vorgängerkönige aus der Amarna-Zeit seinen eigenen Jahren dazuschlägt.“
SPRECHERIN
Der Ägyptologe Zahi Hawass (Hauwás -Betonung a.d. letzten Silbe) veranlasste 2010 eine DNA-Untersuchung unter anderem an denjenigen königlichen Mumien, die eindeutig dem Ende der 18. Dynastie zuordenbar sind. In der Folge wurde der Inhaber von Grab Tal der Könige KV 55 als Tutanchamuns Vater identifiziert. Ausgerechnet dieses Grab, noch unter dem Amerikaner Theodore Davis entdeckt, wurde äußerst unsachgemäß ausgegraben und dokumentiert! Die Mumie befand sich in einem denkbar schlechten Erhaltungszustand, und ihr Sarg war ursprünglich für eine andere Bestattung gedacht gewesen. Ob es sich hier tatsächlich um Echnaton handelt, wie oft vorgeschlagen, oder um einen jüngeren Angehörigen, bleibt bis heute umstritten, auch weil sich die Forscher nicht auf das genaue Alter der Mumie festlegen können.
Musik: Z8027679117 Threatened arabic tradition 0‘42
TC 15:53 – Eine ganz neue Ästhetik
SPRECHER
Echnaton, der „Einzige des Aton“ und möglicherweise auch Vater des Tutanchamun, hatte für seinen Gott den künstlerischen Ausdruck in Architektur, Malerei und Rundplastik gänzlich neu erschaffen, und zwar bewusst im Widerspruch zum Schönheitsideal seines Vaters und Vorgängers Amenophis III. Im Namen Tutanchamuns mussten seine Berater nun alles dafür tun, dass das Wissen um Echnaton und sein Wirken in Vergessenheit geriet. Professorin Schulz sieht genau darin einen Grund für die Faszination, welche das Grab und seine Ausstattung noch heute auf Menschen haben.
9 O-TON SCHULZ (Schulz 2 / 06:11 – 06:43)
„Die Ästhetik der Zeit des Tutanchamun beruht natürlich auch ein bisschen darauf, dass wir eine Gegenreaktion haben! Wir haben eine sehr hohe Ästhetik unter Amenophis III. Aber dann haben wir Amarna, und in Amarna wollte man bewusst etwas ganz Anderes. Wenn ich mir einfach einmal ein Gesicht, eine Plastik von Amenophis III. anschaue, von Echnaton und von Tutanchamun, dann liegen Welten dazwischen…
9 O-TON SCHULZ (Schulz 2 / 07:05 – 07:29)
Generell muss man natürlich überlegen, wenn ich mir die Amarna-Phase anschaue, da gibt es höchste Ästhetik. Aber es gibt natürlich auch verstörende, schwierige Darstellungen eines Gesichtes eines Amenophis IV., Echnaton, das einen ein bisschen nervös macht. Und warum ist dieses Gesicht so außerhalb der Proportionen?
SPRECHERIN:
… Groteske, fratzenhaft in die Länge gedehnte Gesichtszüge …
10 O-TON SCHULZ (Schulz 2 / 07:30 – 07:48)
Und wir haben diese höchste Ästhetik unter Amenophis III. Das wird bewusst von Echnaton völlig verändert – und Tutanchamun möchte zurück. Er möchte zurück zu diesen hochentwickelten ästhetischen Wurzeln, und das ist das Spannende.
MUSIK: Z8027679132 Arabic suffering 0‘20
TC 17:45 – Tutanchamun heute
SPRECHERIN
Das Tal der Könige mit dem Grab von Tutanchamun gehört heute zum Aufgabenbereich von Dr. Fathi Yassin, General Director of Antiquities of Upper Egypt für den Bezirk Luxor.
11 O-TON DR. FATHI YASSIN (Yassin – langes i) (Yassin 1 / 00:12 – 00:43)
OVERVOICE
Tutanchamun begeistert noch immer viele Menschen, sowohl in Ägypten als auch weltweit: Es ist nämlich so, dass jeder, der nach Luxor kommt, sich hauptsächlich für zwei Dinge interessiert – den Karnak-Tempel und Tutanchamun. Aus diesem Grund ist Tutanchamun für uns, sagen wir, zu einer Art Ikone geworden, die gleichzeitig das Kernstück des Valley of the Kings ist.
SPRECHER
Als Howard Carter das Grab des Tutanchamun entdeckte, kannte er das Tal der Könige bereits gut. Eine Zeit lang war er dort sogar in der Position eines Chief Inspector of Antiquities of Upper Egypt für den Ägyptischen Antikendienst tätig.
12 O-TON DR. FATHI YASSIN (Yassin 1 / 02:15 – 02:58)
OVERVOICE
„Carter, würde ich sagen, war ein Mensch, der sehr viel Glück hatte – einerseits. Andererseits war er ein unglaublich hartnäckiger Mensch – warum? Lange Jahre hat er mit wenig Erfolg im Tal der Könige gegraben, in der Hoffnung, doch noch die ganz große Entdeckung zu machen. Und dann war er kurz davor, die finanzielle Unterstützung durch seinen Geldgeber endgültig zu verlieren, er musste ihn um etwas mehr Zeit förmlich bedrängen … und in diesen zwei oder drei Wochen, die ihm dann blieben, entdeckte er tatsächlich das Grab des Tutanchamun!
(Yassin 1 / 03:06 – 03:13)
Ehrlich, ich glaube, er hat mehr erreicht, als er sich in seinen kühnsten Träumen je vorgestellt hat.“
MUSIK: Z8027679126 Suspicious bazaar 1‘10
TC 19:31 – Zwischen Vergessenheit und Hype
SPRECHERIN
Die Arbeiten am Grab des Tutanchamun kamen nach achtjähriger Tätigkeit 1930 zum Abschluss: Alles war sorgfältig dokumentiert, verpackt und nach Kairo gebracht worden. Nur Tutanchamun selbst „ruht“ bis heute in seinem Grab im Tal der Könige. Lord Carnarvon, Carters finanzkräftiger Förderer und Mitausgräber, konnte die Früchte seiner großartigen Entdeckung nicht wirklich auskosten: Er verstarb bereits im Frühjahr 1923 in Kairo. Schuld war keinesfalls der vielzitierte „Fluch des Pharao“, sondern eine Blutvergiftung, verursacht durch einen ganz banalen Mückenstich.
SPRECHER
Mit dem Zweiten Weltkrieg und danach flaute das Interesse an Tutanchamun und seinem Grab langsam ab. Die Welt hatte andere Sorgen. Fast schien der geheimnisvolle junge Pharao schon in Vergessenheit geraten, doch dann kamen die siebziger Jahre! Prof. Schulz erinnert sich:
13 O-TON PROF. SCHULZ (Schulz 1 / 01:36 – 01:44)
„Und dann begann ein riesen zweiter Hype durch die großen Ausstellungen! Tutanchamun begann zu reisen (Schulz 1 / 01:52– 02:05)
Es wurden die ersten Tutanchamun-Ausstellungen zusammengestellt. Und ich weiß noch, als kleine Studentin in Berlin – ich fand das so aufregend! Ich durfte ein bisschen Führungen machen, ich durfte ein bisschen mitmachen – das war atemberaubend!
SPRECHERIN
Da war er wieder, der jugendliche Pharao mit seinem goldenen Antlitz und dem geheimnisvollen Lächeln, dem die Welt zu Füßen lag!
14 O-TON PROF. SCHULZ (Schulz 2 / 03:07 – 03:28)
„Die Frage, die sich stellt: Was hat eigentlich die Leute damals so begeistert? Und was begeistert uns heute so? Eigentlich kennt doch jeder die Goldmaske. Warum gucken wir immer wieder drauf und sind immer wieder fasziniert. Das ist wie mit der Mona Lisa – es ist ein Meisterwerk! Und je genauer man draufguckt, man entdeckt immer wieder ein bisschen was Neues.“
SPRECHER
Jahr für Jahr zieht das „Land der Pharaonen“ riesige Besucherströme magisch an – und ein Ende ist nicht in Sicht!
15 O-TON PROF. SCHULZ (Schulz 3 / 01:24 – 02:03)
„Und die Begeisterung, die viele Menschen für Ägypten haben, beruht natürlich auch auf der hohen Ästhetik der ägyptischen Kunst. Und Tutanchamun spielt da natürlich eine ganz wichtige Rolle: Auf der einen Seite kunsthistorisch, auf der anderen Seite natürlich aber auch Tourismus- und Marketing technisch. Und das ist nicht verwerflich, sondern das ist etwas Positives. Und wenn wir die Menschen dafür begeistern können, und wenn sie nach Ägypten kommen, oder wenn sie sich generell für das ägyptische Kulturerbe begeistern, und uns gelingt das mit Hilfe von Tutanchamun, dann ist das mit Sicherheit eine ganz tolle Sache.“
MUSIK: Z8027679131 Children of war 0‘53
SPRECHERIN
Entspannt können Besucher heute den Grabschatz von unvorstellbarem Wert im neuen Grand Egyptian Museum bestaunen, ohne dabei die Mühe und den Schweiß eines Howard Carter auf sich nehmen zu müssen! Und doch kann man sich beim Anblick all der golden und farbig funkelnden Gegenstände, die über Jahrtausende, tief verborgen in einem kleinen Grab im Tal der Könige, den jungen Pharao umgaben, einer tiefen Ergriffenheit nicht erwehren - Es bleibt die Bewunderung für jene altägyptischen Künstler, die all das für die Ewigkeit geschaffen haben – eben „wunderbare Dinge“!
TC 23:02 - Outro
1923 ging in Deutschland die erste Radiosendung über den Äther. Ein neues Zeitalter hatte begonnen: das Radio als Massenmedium. Die ersten Empfangsgeräte waren recht einfach. Überall gab es Hobbybastler, unter anderem in den Arbeiterradioverbänden. Am Ende der Weimarer Republik wurde aus dem "Kulturfaktor" Radio immer mehr ein Instrument der nationalistischen Kräfte. Autor: Michael Marek (BR 2020)
Credits
Autor/in dieser Folge: Michael Marek
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Christopher Mann
Technik: Peter Preuß
Redaktion: Nicole Ruchlak
Linktipps:
BR
100 Jahre Radio
Radio lebt, seit 100 Jahren. Denn am 29. Oktober 1923 startete in Deutschland das erste Rundfunkprogramm. Unter dem Motto "100 Jahre Radio - Hört. Nie. Auf." feiert der Bayerische Rundfunk den 100. Geburtstag des Hörfunks. Mit einer bunten Auswahl an Archivschätzen aus der Rundfunkgeschichte des BR.
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19.10.2023 ∙ Abendschau ∙ BR Fernsehen
100 Jahre Radio
Am 29. Oktober 1923 war die Geburtsstunde einer technischen und medialen Revolution. Es wurde die allererste Radiosendung in Deutschland ausgestrahlt, in Berlin. Kurz danach war es auch in Bayern soweit. Rückblick auf 100 Jahre Radiogeschichte ... / verfügbar bis 18.10.2025
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100 Jahre Radio – Deutschland On Air
"Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin!" – mit diesen Worten bricht in Deutschland am 29. Oktober 1923 das Zeitalter der elektronischen Massenmedien an! Das Radio geht "on air". Schnell werden die Radio-Macher gute "Bekannte", die sich im Leben einnisten, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen... in Weimarer Republik, Diktatur und dem Neubeginn 1945 / verfügbar bis 23.10.2024
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Brüder - Französische Revolution als Hörspiel-Serie
Der Hörspiel-Podcast nach dem Roman von Hilary Mantel nimmt uns mit in eine Zeit, die unsere Welt veränderte: Drei junge Männer in den Wirren der Französischen Revolution. Maximilien Robespierre, gewissenhaft und furchtsam. Georges Danton, ehrgeizig und hoch verschuldet. Und Camille Desmoulins, das wankelmütige Rhetorikgenie. Die drei geraten in den berauschenden Sog der Macht und müssen erkennen, dass ihre Ideale auch eine dunkle Seite haben.
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In den 1920er Jahren wird ein neues Medium geboren: Das Radio. Die menschliche Stimme im Äther überwindet Grenzen, ergießt sich über Kontinente. Das Radio erreicht bald Millionen - und wird zum ersten wahren Massenmedium der Moderne. Durch das Radio wird der sowjetische Mensch erschaffen. In den USA entwickelt sich das neue Medium zur kommerziellen Unternehmung, die verarmte Bürger mitten in der großen Depression am American Dream teilhaben lässt. Radio ist Zauber, Verheißung, Verführung. Autor: Jerzy Sobotta (BR 2022)
Credits
Autor/in dieser Folge: Jerzy Sobotta
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Peter Weiß
Technik: Michael Krogmann
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
BR
100 Jahre Radio
Radio lebt, seit 100 Jahren. Denn am 29. Oktober 1923 startete in Deutschland das erste Rundfunkprogramm. Unter dem Motto "100 Jahre Radio - Hört. Nie. Auf." feiert der Bayerische Rundfunk den 100. Geburtstag des Hörfunks. Mit einer bunten Auswahl an Archivschätzen aus der Rundfunkgeschichte des BR.
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19.10.2023 ∙ Abendschau ∙ BR Fernsehen
100 Jahre Radio
Am 29. Oktober 1923 war die Geburtsstunde einer technischen und medialen Revolution. Es wurde die allererste Radiosendung in Deutschland ausgestrahlt, in Berlin. Kurz danach war es auch in Bayern soweit. Rückblick auf 100 Jahre Radiogeschichte ... / verfügbar bis 18.10.2025
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ARD History ∙ Das Erste
100 Jahre Radio – Deutschland On Air
"Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin!" – mit diesen Worten bricht in Deutschland am 29. Oktober 1923 das Zeitalter der elektronischen Massenmedien an! Das Radio geht "on air". Schnell werden die Radio-Macher gute "Bekannte", die sich im Leben einnisten, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen... in Weimarer Republik, Diktatur und dem Neubeginn 1945 / verfügbar bis 23.10.2024
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ARD Audiothek
Radio macht Geschichte
Am 29. Oktober 1923 wurde aus dem Berliner Vox-Haus die erste Radiosendung in Deutschland ausgestrahlt. Wie hat das damals revolutionäre Medium den Gang der Geschichte beeinflusst? Wann gab es die erste Live-Reportage eines Fußball-Länderspiels? Inwieweit hat Radio dem Jazz und der Popmusik zum Durchbruch verholfen? Was brachte der Rundfunk neues für die Kultur? Und welche Revolutionen hat das Radio erst möglich gemacht? - Der 15-teilige Podcast "Radio macht Geschichte" liefert einen Streifzug durch 100 Jahre Radio mit vielen spannenden Momenten und einmaligen O-Tönen. RBB Kultur, SWR Wissen und MDR Kultur haben sich für diese außergewöhnliche Produktion zum 100. Geburtstag des Radios zusammengetan.
ZUM PODCAST
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Am 29. Oktober 1923 ging die allererste Sendung des "Unterhaltungsrundfunks" in den Äther. Seither ist die Erfolgsgeschichte nicht mehr aufzuhalten. Das Radio hat das 20. Jahrhundert geprägt, abgebildet und auch mitgestaltet. Heute, nach 100 Jahren und in Zeiten von Podcasts und Streaming-Plattformen, ist das Radio immer noch nicht aus dem Alltag wegzudenken. Von Michael Zametzer und Christian Schaaf
Credits
Autor/in dieser Folge: Michael Zametzer, Christian Schaaf
Redaktion: Eva Kötting, Heike Simon
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Napoleon hatte Europa mit seinen Feldzügen und Grenzverschiebungen buchstäblich umgepflügt. Im Frühjahr 1814 war der Franzosenkaiser fürs erste bezwungen und ins Exil auf Elba verbannt worden. Nun trafen sich die Siegerstaaten in Wien, um Europa neu zu ordnen. "Nie wieder Revolution, nie wieder Chaos!" war das Motto der Regenten auf dem Wiener Kongress. Autor: Thomas Grasberger (BR 2015)
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Autor/in dieser Folge: Thomas Grasberger
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Christoph Jablonka, Julia Fischer, Peter Weiß
Technik: Cordula Wanschura
Redaktion: Thomas Morawetz
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Kann man dem Mörder seines Kindes verzeihen? Die südafrikanische Wahrheitskommission wollte die Gesellschaft nach Ende des Apartheid-Staatsterrors versöhnen. Eine unvorstellbare Aufgabe angesichts der Verbrechen, die während der Aparheid verübt wurden - mehr als 20.000 haben Menschen von den dunkelsten Abgründe der Apartheid erzählt: über systematische Einschüchterungen, Folter, Verstümmelungen, Mord... Bis heute ist umstritten, ob der Wahrheits- und Versöhnungskommission die Versöhnung gelungen ist. Autorin: Cathrin Hennicke (BR 2017)
Credits
Autor/in dieser Folge: Cathrin Hennicke
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Andreas Neumann, Julia Cortis, Stefan Wilkening, Michael Hafner, Florian Schrei
Technik: Christian Schimmöller
Redaktion: Nicole Ruchlak
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Südafrika in den 70er Jahren: Gnadenlos lässt die Regierung jeden Widerstand gegen das brutale Apartheidregime nieder knüppeln. Das Ausland ist fassungslos aber nicht handlungsunfähig: Die Konsumenten boykottieren Importe aus dem brutalen Paria-Staat. US-amerikanische Städte und Gemeinden werfen Aktien mit Südafrika-Bezug aus ihren Pensionsfonds. Die UNO beschließt ein Waffenembargo gegen Südafrika. Aber ist die rassistische Apartheidregierung tatsächlich von den teils jahrzehntelangen, weltweiten Boykotten und Sanktionen in die Knie gezwungen worden?
Ein radioWissen-Feature über den Boykott in Südafrika:
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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30 Jahre tobt der Dreißigjährige Krieg auf deutschem Boden, 30 Jahre erbitterten Kampfs der europäischen Mächte. Tod und Elend sind allgegenwärtig, die Bevölkerung im Reich ist um ein Drittel geschrumpft. Wie nur soll man in diese verfahrene Lage wieder Ruhe und Frieden bringen? 1643 startet ein Friedenskongress, wie es ihn in Europas Geschichte noch nicht gegeben hat. Über 100 verschiedene, oft tief verfeindete Gesandtschaften nehmen daran teil. 1648 kommt es zum "Westfälischen Frieden". Ob er Vorbild für die Konflikte unserer Tage sein kann? Autor: Hans Hinterberger (BR 2023)
Credits
Autor/in dieser Folge: Hans Hinterberger
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Ferrigan Ditte, Frank Manhold, Johannes Hitzelberger
Technik: Adele Meßmer
Redaktion: Nicole Ruchlak
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Über Jahrhunderte sind die Deutschen keine geschlossene Nation gewesen, sondern eine äußerst zerrissene Großgruppe in der Mitte Europas. Doch ob Kulturnation, ob Reich oder geteilte und wiedervereinigte Republik - die deutsche Geschichte legt nahe: Nation ist nichts Naturwüchsiges, sie ist historisch gewachsen und kann sich immer wieder verändern.Von Brigitte Kohn (BR 2015)
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Autor/in dieser Folge: Brigitte Kohn
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Frank Manhold
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Thomas Morawetz
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Was ist deutsch? Klischees und gesellschaftliche Realität
RESPEKT ∙ ARD alpha / Video, Länge 28 min / verfügbar bis 1.3.2028
Was ist deutsch? Dazu gibt es viele Klischees. Dagegen steht die gesellschaftliche Realität einer Einwanderungsgesellschaft mit entsprechender Vielfalt. Wir fragen Menschen, die einen besonderen Blick auf Deutschland und das Deutsch-Sein haben.
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Deutschsein und Heimatfinden
RESPEKT ∙ ARD alpha / Video, Länge 29 min / verfügbar bis 5.6.2028
Was ist deutsch? Wie werde ich Deutsche oder Deutscher? Diesen Fragen geht RESPEKT nach. Denn Deutschsein ist mehr als nur die deutsche Staatsangehörigkeit. Für viele Menschen in Deutschland gehört es zum Heimatgefühl dazu.
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Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
26.02.2023 ∙ ttt - titel, thesen, temperamente ∙ Das Erste / verfügbar bis 27.2.2024
Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gelte der "Westen" schlechthin als die Norm und der "Osten" als die Abweichung, so Dirk Oschmann. Er wagt in seinem Buch eine Bestandsaufnahme des kommunikativen Gefälles.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
Der Podcast „BRÜDER“ nach dem Roman von Hilary Mantel nimmt uns mit in eine Zeit, die unsere Welt veränderte: Drei junge Männer in den Wirren der Französischen Revolution.
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem sich die Bevölkerung nach der Sprache betitelt hat und nicht nach dem Land. Dabei war es lange Zeit gar nicht ausgemacht, dass wir heute ein einheitliches Hochdeutsch haben, das im ganzen Land verstanden wird. Tatsächlich hätte es auch gut und gern Latein, Französisch oder sogar Sächsisch sein können. Von Markus Mähner (BR 2021)
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Autor/in dieser Folge: Markus Mähner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Hemma Michel, Patrick Zeilhofer
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak
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Was ist deutsch? Klischees und gesellschaftliche Realität
RESPEKT ∙ ARD alpha / Video, Länge 28 min / verfügbar bis 1.3.2028
Was ist deutsch? Dazu gibt es viele Klischees. Dagegen steht die gesellschaftliche Realität einer Einwanderungsgesellschaft mit entsprechender Vielfalt. Wir fragen Menschen, die einen besonderen Blick auf Deutschland und das Deutsch-Sein haben.
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Deutschsein und Heimatfinden
RESPEKT ∙ ARD alpha / Video, Länge 29 min / verfügbar bis 5.6.2028
Was ist deutsch? Wie werde ich Deutsche oder Deutscher? Diesen Fragen geht RESPEKT nach. Denn Deutschsein ist mehr als nur die deutsche Staatsangehörigkeit. Für viele Menschen in Deutschland gehört es zum Heimatgefühl dazu.
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Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
26.02.2023 ∙ ttt - titel, thesen, temperamente ∙ Das Erste / verfügbar bis 27.2.2024
Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gelte der "Westen" schlechthin als die Norm und der "Osten" als die Abweichung, so Dirk Oschmann. Er wagt in seinem Buch eine Bestandsaufnahme des kommunikativen Gefälles.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
Der Podcast „BRÜDER“ nach dem Roman von Hilary Mantel nimmt uns mit in eine Zeit, die unsere Welt veränderte: Drei junge Männer in den Wirren der Französischen Revolution.
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Der Ort Paestum - südlich von Pompeji gelegen - begann als griechische Kolonie. Ausgerechnet dort, in Italien, entdeckte die junge Klassische Archäologie das alte Griechenland wieder. Die Wiederentdeckung sollte Paestum zum Traumort der griechischen Antike machen. Nirgendwo sonst waren für die bildungshungrigen Kulturbegeisterten Europas Größe und Formen griechischer Tempel so nah. Autor: Johannes Marchl (BR 2019)
Credits
Autor/in dieser Folge: Johannes Marchl
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Stefan Merki, Jerzy May
Technik: Regine Elbers
Redaktion: Thomas Morawetz
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Es war eine Explosion des Siedlungsraums: Um die Mitte des 8. Jahrhunderts v.Chr. begannen die Griechen, in den Mittelmeer- und Schwarzmeerraum zu expandieren. Nach 200 Jahren hatte sich ein dichter Kranz griechischer Pflanzstädte um die beiden Meere gelegt. Was waren die Beweggründe für diese ungeheuer weiträumige Expansion - und was waren ihre Folgen? Wie lief das Ganze technisch ab? Autor: Ulrich Zwack (BR 2019)
Credits
Autor/in dieser Folge: Ulrich Zwack
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Herbert Schäfer, Carsten Fabian
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Thomas Morawetz
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Mythen sind flexibel. Wenn sich die Umwelt ändert, ändert sich auch die Götterwelt. So konnten aus reinen Kraftprotzen der frühen Erzählungen echte Geistesarbeiter werden, als die griechischen Gemeinwesen wirkliche politische Gebilde wurden. Auserzählt sind Mythen eigentlich bis heute nicht. Die Zeiten, als Zeus die Welt in Atem hielt, stecken uns immer noch in den Knochen. Autor: Thomas Morawetz (BR 2009)
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Autor/in dieser Folge: Thomas Morawetz
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Armin Berger, Rahel Comtesse, Christian Baumann
Redaktion: Bernhard Kastner
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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Wer sie hat, denkt meist nicht groß darüber nach. Die Staatsangehörigkeit. Wer sie dagegen verliert oder nie hatte, kommt immer wieder in Schwierigkeiten. Millionen Menschen weltweit sind staatenlos - das ist oft das Ergebnis historischer Zufälle oder Unfälle. Doch der internationale Wille, die Situation der Betroffenen zu verbessern, fehlt meist. Autor: Linus Lüring
Credits
Autor/in dieser Folge: Linus Lüring
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Christian Baumann, Andreas Neumann
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Was ist eine Staatsangehörigkeit?
Sendereihe "Respekt" auf ARD alpha
Verfügbar bis 25.01.2028
Wer bestimmt, welche Staatsbürgerschaft man hat? Und was ergeben sich für Rechte und Pflichten daraus?
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Deutscher Pass, fremde Wurzeln: Wann gehört man dazu?
„Tagesgespräch“ auf Bayern 2 / ARD alpha
Verfügbar bis 15.07.2025
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Was hat der Reisepass für Ausländer mit dem Stress von staatenlosen Menschen zu tun?
Bayern 2: Die Sache ist die ...
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Keine Reise ohne das richtige Dokument. Das galt schon für Martin Luther, als er 1521 mit einem Geleitbrief des Kaisers nach Worms reiste. Aus einem individuellen Schreiben wurde über die Jahrhunderte ein maschinenlesbares Dokument, das weltweit einheitlichen Standards folgt. Doch sein Zweck ist geblieben: Der Reisepass bestätigt die Identität des Reisenden und gibt die Erlaubnis, unterwegs sein zu dürfen. Dahinter steht das Bedürfnis von Machthabenden und Staaten, die Bewegung der Menschen zu kontrollieren. Autorin: Isabel Röder
Credits
Autor/in dieser Folge: Isabel Röder
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Christoph Jablonka, Katja Amberger, Frank Manhold
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
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Was ist eine Staatsangehörigkeit?
Sendereihe "Respekt" auf ARD alpha
Verfügbar bis 25.01.2028
Wer bestimmt, welche Staatsbürgerschaft man hat? Und was ergeben sich für Rechte und Pflichten daraus?
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Deutscher Pass, fremde Wurzeln: Wann gehört man dazu?
„Tagesgespräch“ auf Bayern 2 / ARD alpha
Verfügbar bis 15.07.2025
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Was hat der Reisepass für Ausländer mit dem Stress von staatenlosen Menschen zu tun?
Bayern 2: Die Sache ist die ...
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
"Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung." Das gilt bei den Vereinten Nationen als gesetzt. Aber wo steht eigentlich, was ein Volk überhaupt sein soll? Seit Jahrhunderten ist das schwer umstritten und sogar Anlass für Konflikte und Kriege. (BR 2012) Autorin: Sabine Strasser
Credits
Autor/in dieser Folge: Sabine Strasser
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Detlef Kügow, Katja Amberger, Clemens Nicol
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Nicole Ruchlak
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Was ist eine Staatsangehörigkeit?
Sendereihe "Respekt" auf ARD alpha
Verfügbar bis 25.01.2028
Wer bestimmt, welche Staatsbürgerschaft man hat? Und was ergeben sich für Rechte und Pflichten daraus?
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Deutscher Pass, fremde Wurzeln: Wann gehört man dazu?
„Tagesgespräch“ auf Bayern 2 / ARD alpha
Verfügbar bis 15.07.2025
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Was hat der Reisepass für Ausländer mit dem Stress von staatenlosen Menschen zu tun?
Bayern 2: Die Sache ist die ...
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Ausgezeichnet mit dem Deutschen Radiopreis 2023 in der Kategorie "Bestes Informationsformat": Bald nach dem Attentat ermittelt die Polizei einen der Drahtzieher und stößt dabei auf eine weitere Spur: Offenbar hatte der Terrorist eine Helferin, die mit ihm im Vorfeld das Olympische Dorf ausgekundschaftet hat. Zufällig wird genau diese Frau an der deutsch-französischen Grenze aufgehalten. Aber nicht etwa wegen ihrer Kontakte zum Attentäter, sondern wegen eines abgelaufenen Reisepasses. (BR 2022) Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE (Folgen 1-4)
Bis heute sind noch viele Fragen zum Olympiaattentat am 5.9.1972 offen. Eva Deinert und Yvonne Maier durchforsten monatelang im Münchner Staatsarchiv zehntausende Akten, Einsatztagebücher, Berichte, Fotos, Briefe, Telegramme. Und stellen fest: Eine Spur haben die Behörden möglicherweise bis heute übersehen.
Weitere Folgen zur Staffel:
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 1: Die heiteren Spiele
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 2: Die Geiselnahme
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 3: Der Befreiungsversuch
CREDITS
Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
Erzählerin: Katja Bürkle
Produktion: Ron Schickler
Technik: Robin Auld
Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
Entdecken Sie Geschichte ganz neu über Virtual Reality!
Was als fröhliches Sportfest der Nationen begann, wurde überschattet von dem furchtbaren Attentat auf die israelische Nationalmannschaft. Was damals geschah, wird jetzt in einer virtuell begehbaren Dokumentation erfahrbar, die der Bayerische Rundfunk zum Jubiläum der Olympischen Spiele und des Gedenkens an das Olympiaattentat in München veröffentlicht:
BR.DE | MÜNCHEN ´72 | SOCIAL VR EXPERIENCE
Weitere Podcast-Tipps:
In „Himmelfahrtskommando“ erzählt Patricia Schlosser die Geschichte ihres Vaters, der 1972 als Polizist beim Olympia-Attentat eingesetzt war und sich seitdem fragt, ob er Mitschuld am tödlichen Ausgang hat.
BR PODCAST | Himmelfahrtskommando - Mein Vater und das Olympia-Attentat
Mehr zum Thema gibt es bei radioWissen:
Die Olympischen Spiele 1972 haben die Gastgeberstadt München grundlegend verändert. Der Olympiapark mit den markanten Zeltdächern und natürlich auch die U-Bahn sind heute kaum wegzudenken. All das wurde in Rekordzeit erschaffen und erforderte viel Mut und Planungsoptimismus. Diese aufregende Aufbruchphase Münchens ist Thema einer weiteren spannenden Podcastfolge:
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Sprint zu den Olympischen Spielen - München wird moderner
Das Münchner Olympiadorf von 1972 ist heute eine beliebte Wohnoase, in der rund 6000 Menschen leben. Das Konzept, die Athleten-Unterkünfte auch nach den Spielen sinnvoll zu nutzen, ist also aufgegangen. Das ist allerdings nicht überall auf der Welt geglückt. Was ist aus den einstigen Olympischen Dörfern früherer Spiele geworden? Korrespondentinnen aus den USA, Südamerika, Australien und Europa haben für radioWissen recherchiert:
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Olympische Dörfer in aller Welt - Was wurde aus den Unterkünften?
Es gilt als ein statisches Wunder und selbst ein halbes Jahrhundert nach seiner Erbauung als triumphales Bauwerk: visionär, radikal modern, offen - das Münchner Olympiastadion. Organisch eingefügt in eine künstlich geschaffene, gleichwohl natürlich anmutende Landschaft.
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Münchens Olympiastadion - Spinnennetz und Sensation
Die Hymne der olympischen Bewegung, Nationalhymnen und kommerzielle Pathos-Songs reihen sich bei Olympia aneinander. Doch was macht eine Hymne eigentlich zur Hymne? Und warum sind sie für die Rituale sportlicher Events inzwischen unerlässlich?
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Olympia-Hymnen - Musikalisches Olympia-Branding
Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
STREITKRÄFTE UND STRATEGIEN #UKRAINE liefert das Update zum Krieg in der Ukraine. Mit welchen Waffen greift Russland an und wie verteidigt sich die Ukraine? Der Podcast informiert über die Entwicklung in der Krisenregion und ordnet ein, welche militärischen Strategien erfolgreich sind oder scheitern. Der NDR-Experte für Sicherheitspolitik Andreas Flocken spricht mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten Carsten Schmiester über den Krieg und die Folgen.
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Radiopreis 2023 in der Kategorie "Bestes Informationsformat": Eine deutsche Delegation verhandelt den ganzen Tag mit den Geiselnehmern. Die Terroristen lassen sich auf Verlängerungen ihres Ultimatums ein. Gleichzeitig bereitet die Polizei die Befreiung der Geiseln vor. Doch alle Pläne scheitern katastrophal. Der israelische Geheimdienst Mossad bietet vor Ort vergeblich Unterstützung an. Auf dem Militärflughafen in Fürstenfeldbruck kommen alle Geiseln ums Leben. (BR 2022) Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE (Folgen 1-4)
Bis heute sind noch viele Fragen zum Olympiaattentat am 5.9.1972 offen. Eva Deinert und Yvonne Maier durchforsten monatelang im Münchner Staatsarchiv zehntausende Akten, Einsatztagebücher, Berichte, Fotos, Briefe, Telegramme. Und stellen fest: Eine Spur haben die Behörden möglicherweise bis heute übersehen.
Weitere Folgen zur Staffel:
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 1: Die heiteren Spiele
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 2: Die Geiselnahme
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 4: Die unbekannte Frau in den Akten
CREDITS
Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
Erzählerin: Katja Bürkle
Produktion: Ron Schickler
Technik: Robin Auld
Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
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Was als fröhliches Sportfest der Nationen begann, wurde überschattet von dem furchtbaren Attentat auf die israelische Nationalmannschaft. Was damals geschah, wird jetzt in einer virtuell begehbaren Dokumentation erfahrbar, die der Bayerische Rundfunk zum Jubiläum der Olympischen Spiele und des Gedenkens an das Olympiaattentat in München veröffentlicht:
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Weitere Podcast-Tipps:
In „Himmelfahrtskommando“ erzählt Patricia Schlosser die Geschichte ihres Vaters, der 1972 als Polizist beim Olympia-Attentat eingesetzt war und sich seitdem fragt, ob er Mitschuld am tödlichen Ausgang hat.
BR PODCAST | Himmelfahrtskommando - Mein Vater und das Olympia-Attentat
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Die Olympischen Spiele 1972 haben die Gastgeberstadt München grundlegend verändert. Der Olympiapark mit den markanten Zeltdächern und natürlich auch die U-Bahn sind heute kaum wegzudenken. All das wurde in Rekordzeit erschaffen und erforderte viel Mut und Planungsoptimismus. Diese aufregende Aufbruchphase Münchens ist Thema einer weiteren spannenden Podcastfolge:
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Sprint zu den Olympischen Spielen - München wird moderner
Das Münchner Olympiadorf von 1972 ist heute eine beliebte Wohnoase, in der rund 6000 Menschen leben. Das Konzept, die Athleten-Unterkünfte auch nach den Spielen sinnvoll zu nutzen, ist also aufgegangen. Das ist allerdings nicht überall auf der Welt geglückt. Was ist aus den einstigen Olympischen Dörfern früherer Spiele geworden? Korrespondentinnen aus den USA, Südamerika, Australien und Europa haben für radioWissen recherchiert:
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Olympische Dörfer in aller Welt - Was wurde aus den Unterkünften?
Es gilt als ein statisches Wunder und selbst ein halbes Jahrhundert nach seiner Erbauung als triumphales Bauwerk: visionär, radikal modern, offen - das Münchner Olympiastadion. Organisch eingefügt in eine künstlich geschaffene, gleichwohl natürlich anmutende Landschaft.
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Münchens Olympiastadion - Spinnennetz und Sensation
Die Hymne der olympischen Bewegung, Nationalhymnen und kommerzielle Pathos-Songs reihen sich bei Olympia aneinander. Doch was macht eine Hymne eigentlich zur Hymne? Und warum sind sie für die Rituale sportlicher Events inzwischen unerlässlich?
BR PODCAST | RADIOWISSEN | Olympia-Hymnen - Musikalisches Olympia-Branding
Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
STREITKRÄFTE UND STRATEGIEN #UKRAINE liefert das Update zum Krieg in der Ukraine. Mit welchen Waffen greift Russland an und wie verteidigt sich die Ukraine? Der Podcast informiert über die Entwicklung in der Krisenregion und ordnet ein, welche militärischen Strategien erfolgreich sind oder scheitern. Der NDR-Experte für Sicherheitspolitik Andreas Flocken spricht mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten Carsten Schmiester über den Krieg und die Folgen.
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Radiopreis 2023 in der Kategorie "Bestes Informationsformat": Am 5. September kurz nach 4 Uhr morgens klettern acht Terroristen über das Tor ins olympische Männerdorf und nehmen Sportler des israelischen Teams als Geiseln. Wie die Polizei versucht, sich ein Bild von der Lage zu verschaffen und welche Fehler dabei passieren, das steht in den Polizeiakten. So geht die Polizei viel zu lange von nur fünf Geiselnehmern aus, mit verheerenden Folgen. (BR 2022) Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE (Folgen 1-4)
Bis heute sind noch viele Fragen zum Olympiaattentat am 5.9.1972 offen. Eva Deinert und Yvonne Maier durchforsten monatelang im Münchner Staatsarchiv zehntausende Akten, Einsatztagebücher, Berichte, Fotos, Briefe, Telegramme. Und stellen fest: Eine Spur haben die Behörden möglicherweise bis heute übersehen.
Weitere Folgen zur Staffel:
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 1: Die heiteren Spiele
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 3: Der Befreiungsversuch
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 4: Die unbekannte Frau in den Akten
CREDITS
Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
Erzählerin: Katja Bürkle
Produktion: Ron Schickler
Technik: Robin Auld
Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
Entdecken Sie Geschichte ganz neu über Virtual Reality!
Was als fröhliches Sportfest der Nationen begann, wurde überschattet von dem furchtbaren Attentat auf die israelische Nationalmannschaft. Was damals geschah, wird jetzt in einer virtuell begehbaren Dokumentation erfahrbar, die der Bayerische Rundfunk zum Jubiläum der Olympischen Spiele und des Gedenkens an das Olympiaattentat in München veröffentlicht:
BR.DE | MÜNCHEN ´72 | SOCIAL VR EXPERIENCE
Weitere Podcast-Tipps:
In „Himmelfahrtskommando“ erzählt Patricia Schlosser die Geschichte ihres Vaters, der 1972 als Polizist beim Olympia-Attentat eingesetzt war und sich seitdem fragt, ob er Mitschuld am tödlichen Ausgang hat.
BR PODCAST | Himmelfahrtskommando - Mein Vater und das Olympia-Attentat
Mehr zum Thema gibt es bei radioWissen:
Die Olympischen Spiele 1972 haben die Gastgeberstadt München grundlegend verändert. Der Olympiapark mit den markanten Zeltdächern und natürlich auch die U-Bahn sind heute kaum wegzudenken. All das wurde in Rekordzeit erschaffen und erforderte viel Mut und Planungsoptimismus. Diese aufregende Aufbruchphase Münchens ist Thema einer weiteren spannenden Podcastfolge:
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Das Münchner Olympiadorf von 1972 ist heute eine beliebte Wohnoase, in der rund 6000 Menschen leben. Das Konzept, die Athleten-Unterkünfte auch nach den Spielen sinnvoll zu nutzen, ist also aufgegangen. Das ist allerdings nicht überall auf der Welt geglückt. Was ist aus den einstigen Olympischen Dörfern früherer Spiele geworden? Korrespondentinnen aus den USA, Südamerika, Australien und Europa haben für radioWissen recherchiert:
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Es gilt als ein statisches Wunder und selbst ein halbes Jahrhundert nach seiner Erbauung als triumphales Bauwerk: visionär, radikal modern, offen - das Münchner Olympiastadion. Organisch eingefügt in eine künstlich geschaffene, gleichwohl natürlich anmutende Landschaft.
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Die Hymne der olympischen Bewegung, Nationalhymnen und kommerzielle Pathos-Songs reihen sich bei Olympia aneinander. Doch was macht eine Hymne eigentlich zur Hymne? Und warum sind sie für die Rituale sportlicher Events inzwischen unerlässlich?
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
STREITKRÄFTE UND STRATEGIEN #UKRAINE liefert das Update zum Krieg in der Ukraine. Mit welchen Waffen greift Russland an und wie verteidigt sich die Ukraine? Der Podcast informiert über die Entwicklung in der Krisenregion und ordnet ein, welche militärischen Strategien erfolgreich sind oder scheitern. Der NDR-Experte für Sicherheitspolitik Andreas Flocken spricht mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten Carsten Schmiester über den Krieg und die Folgen.
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Radiopreis 2023 in der Kategorie "Bestes Informationsformat": Die Wettkämpfe 1972 laufen unter dem Motto "die heiteren Spiele". Alles soll anders werden als bei der letzten Olympiade 1936 in Berlin. Und zunächst geht das Konzept auch auf. Doch die Ermittlungsakten zeigen: Schon seit Monaten hält sich einer der Drahtzieher des Attentats in Deutschland auf und bereitet den Anschlag vor. (BR 2022) Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE (Folgen 1-4)
Bis heute sind noch viele Fragen zum Olympiaattentat am 5.9.1972 offen. Eva Deinert und Yvonne Maier durchforsten monatelang im Münchner Staatsarchiv zehntausende Akten, Einsatztagebücher, Berichte, Fotos, Briefe, Telegramme. Und stellen fest: Eine Spur haben die Behörden möglicherweise bis heute übersehen.
Weitere Folgen zur Staffel:
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 2: Die Geiselnahme
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 3: Der Befreiungsversuch
DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 4: Die unbekannte Frau in den Akten
CREDITS
Autorinnen: Eva Deinert und Yvonne Maier
Erzählerin: Katja Bürkle
Produktion: Ron Schickler
Technik: Robin Auld
Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
Entdecken Sie Geschichte ganz neu über Virtual Reality!
Was als fröhliches Sportfest der Nationen begann, wurde überschattet von dem furchtbaren Attentat auf die israelische Nationalmannschaft. Was damals geschah, wird jetzt in einer virtuell begehbaren Dokumentation erfahrbar, die der Bayerische Rundfunk zum Jubiläum der Olympischen Spiele und des Gedenkens an das Olympiaattentat in München veröffentlicht:
BR.DE | MÜNCHEN ´72 | SOCIAL VR EXPERIENCE
Weitere Podcast-Tipps:
In „Himmelfahrtskommando“ erzählt Patricia Schlosser die Geschichte ihres Vaters, der 1972 als Polizist beim Olympia-Attentat eingesetzt war und sich seitdem fragt, ob er Mitschuld am tödlichen Ausgang hat.
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Die Olympischen Spiele 1972 haben die Gastgeberstadt München grundlegend verändert. Der Olympiapark mit den markanten Zeltdächern und natürlich auch die U-Bahn sind heute kaum wegzudenken. All das wurde in Rekordzeit erschaffen und erforderte viel Mut und Planungsoptimismus. Diese aufregende Aufbruchphase Münchens ist Thema einer weiteren spannenden Podcastfolge:
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Das Münchner Olympiadorf von 1972 ist heute eine beliebte Wohnoase, in der rund 6000 Menschen leben. Das Konzept, die Athleten-Unterkünfte auch nach den Spielen sinnvoll zu nutzen, ist also aufgegangen. Das ist allerdings nicht überall auf der Welt geglückt. Was ist aus den einstigen Olympischen Dörfern früherer Spiele geworden? Korrespondentinnen aus den USA, Südamerika, Australien und Europa haben für radioWissen recherchiert:
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Es gilt als ein statisches Wunder und selbst ein halbes Jahrhundert nach seiner Erbauung als triumphales Bauwerk: visionär, radikal modern, offen - das Münchner Olympiastadion. Organisch eingefügt in eine künstlich geschaffene, gleichwohl natürlich anmutende Landschaft.
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STREITKRÄFTE UND STRATEGIEN #UKRAINE liefert das Update zum Krieg in der Ukraine. Mit welchen Waffen greift Russland an und wie verteidigt sich die Ukraine? Der Podcast informiert über die Entwicklung in der Krisenregion und ordnet ein, welche militärischen Strategien erfolgreich sind oder scheitern. Der NDR-Experte für Sicherheitspolitik Andreas Flocken spricht mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten Carsten Schmiester über den Krieg und die Folgen.
Es beginnt tatsächlich mit dem Traum eines Jungen. Mit 14 Jahren montiert Wernher von Braun Feuerwerksraketen auf einen Bollerwagen und erschreckt Berliner Spaziergänger. Der Junge will zum Mond. Viele Jahr später, am 16. Juli 1969, startet tatsächlich der Countdown für den ersten Flug von Menschen zum Mond. Wernher von Braun hat die Raketen-Entwicklung geleitet. Doch seine Himmelreise führte lange Jahre durch die Hölle. Zunächst setzte er sein Talent für Hitler ein. Von Thomas Morawetz (BR 2012)
Credits
Autor/in dieser Folge: Thomas Morawetz
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Nicole Ruchlak
Linktipps:
Interview mit Wernher von Braun zur Zukunft der Weltraumforschung
02.09.1965
BR Retro / BR Fernsehen / 7 Min.
Gunter Niehus interviewt 1965 Wernher von Braun in München zur Zukunft der Weltraumforschung und bemannten Raumfahrt. BR Retro Oberbayern
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Sehnsucht nach dem Mond - Was bringt das Nasa-Programm "Artemis"?
Bayern 2 / IQ - Wissenschaft und Forschung / 6.7.2022 / 8 Min.
Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat den kleinen Capstone-Satellit ins All geschickt. Er soll in einen langgezogenen Orbit um den Mond einschwenken - quasi als Vorhut für die Raumstation "Lunar Gateway". Die soll sowohl Landungen auf dem Mond als auch Flüge zum Mars möglich machen. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Wissenschaftsastronauten Prof. Ulrich Walter.
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Mit einem gewaltigen Damm wollte der Architekt und Geovisionär Herman Sörgel das Mittelmeer vom Atlantik trennen. "Atlantropa" sollte dabei entstehen, ein gewaltiger neuer europäisch-afrikanischer Kontinent. Der wirtschaftlichen Übermacht Amerikas und der Übermacht Asiens an Bevölkerungsaufkommen sollte dieser neue Super-Kontinent eine starke politische und wirtschaftliche Einheit entgegenstellen. Von Markus Mähner (BR 2016)
Credits
Autor/in dieser Folge: Markus Mähner
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Axel Wostry, Heinz Peter
Technik: Birgit Vetter
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipps:
Broschüre zum Projekt:
EXTERNER LINK | https://www.nextroom.at/data/media/med_binary/original/1181304490.pdf
Dammbau am Mittelmeer
Beitrag von „W wie Wissen“ (Das Erste, Stand 20.02.2013)
Hermann Sörgels Traum wird weitergeträumt.
Es ist ein gigantisches Bauwerk: Ein Damm, 27 Kilometer lang und an seiner Basis 600 Meter breit. Eine Milliarde Kubikmeter Stein sind dafür notwendig. Noch existiert er allerdings nur als Idee. Der österreichische Architekt Michael Prachensky träumt von einem riesigen Damm, der Mittelmeer und Atlantik voneinander trennt. Den möchte er zwischen Marokko und der spanischen Stadt Tarifa bauen. Und zwar dort, wo das Meer zwischen Europa und Afrika nicht mehr ganz so tief ist, wie an der schmalsten Stellen, der Straße von Gibraltar. Wie viele andere Wissenschaftler auch, denkt Prachensky darüber nach, wie die Mittelmeerländer und ihre Bewohner vor den Auswirkungen des sich verändernden Klimas geschützt werden können.
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Im Jahr 1476 gelingt es dem erst 18-jährigen Hans Böhm, tausende von Anhängern mit seinen charismatischen Laienpredigten zu begeistern. Der Pfeifer von Niklashausen mischt religiöse mit sozialrevolutionären Ideen. Als an die 40.000 Begeisterte zu dem winzigen Wallfahrtsort im Taubertal zusammenströmen, bekommen Kirche und weltliche Herrschaft Angst. Sie beenden den hysterische Züge tragenden Massenauflauf mit aller Härte. Von Christian Lappe (BR 2019)
Credits
Autor/in dieser Folge: Christian Lappe
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Irina Wanka, Johannes Hitzelberger
Technik: Birgit Vetter
Redaktion: Thomas Morawetz
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Der Bahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen: Am 27. Juli 1993 will die Anti-Terror-Einheit GSG-9 hier endlich zum großen Schlag gegen die Reste der Roten Armee Fraktion ausholen. Im Visier der Fahnder: die Top-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Doch an diesem Sonntag läuft einiges schief. Kein kontrollierter Zugriff, stattdessen eine wilde Schießerei. Am Ende steht ein schlimmer Verdacht im Raum: Wurde hier ein Terrorist von GSG-9-Beamten hingerichtet? Der Einsatz von Bad Kleinen bringt die Bundesrepublik im Sommer 1993 an den Rand einer Staatskrise. Von Michael Zametzer und Christian Schaaf
Credits
Autor/in dieser Folge: Michael Zametzer, Christian Schaaf
Redaktion:Eva Kötting, Heike Simon
Linktipps:
WDR-Zeitzeichen: Unaufklärbar? Der Skandal-Einsatz von Bad Kleinen
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Kalenderblatt – Deutschlandfunk: Die Auflösung der RAF 1998 – Als der Terror an sein Ende kam
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Bayern 2 Radiowelt-Serie: 45 Jahre Deutscher Herbst
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Von wegen, Reden ist Silber, Schweigen ist Gold - eine einzige gute Rede kann das Weltgeschehen verändern. Das hat man schon in der Antike begriffen und sich gründlich Gedanken gemacht, wie man das für seine Absichten nutzen könnte. Manche Menschen sind bis heute berühmt, weil es von ihnen bedeutende Reden gibt: Yes, we can! I have a dream! Ick bin ein Berliner! Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen! Ich habe nichts zu bieten, als Blut, Schweiß und Tränen... Von Susi Weichselbaumer (BR 2017)
Credits
Autor/in dieser Folge: Susi Weichselbaumer
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Caroline Ebner, Peter Weiß, Peter Veit
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Petra Hermann-Boeck
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John F. Kennedy - Der Traum von einem besseren Amerika
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Martin Luther King - Gewaltloser Kämpfer für Menschenrechte
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Kaum ein Beruf der Neuzeit ist so geheimnisumwittert, wie der des Diplomaten. Im Vergleich scheint selbst die Tätigkeit eines Spions greifbarer. Begonnen hat alles damit, dass Herrscher nicht die Zeit hatten, sich ständig zu treffen und miteinander zu verhandeln. Von Anja Mösing
Credits
Autor/in dieser Folge: Anja Mösing
Regie: Anja Mösing
Es sprachen: Andreas Neumann, Friedrich Schloffer, Gert Heidenreich
Technik: Tim Höfer
Redaktion: Thomas Morawetz, Brigitte Reimer
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Sein Gesicht wahren - Philosophische Gedanken
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Protokoll und Etikette - Anleitungen zum guten Auftritt
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Was ist Wahrheit? - Philosophische Annäherungen
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Der Hofnarr begann seine Karriere im Mittelalter als Gegenbild des Königs. Allein durch seine Anwesenheit zeigte er, wie nah Gut und Böse beieinander liegen. Erst später wurden Narren nach Schlagfertigkeit ausgesucht. Von Johannes Munzinger (BR 2014)
Credits
Autor/in dieser Folge: Johannes Munzinger
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Thomas Loibl, Laura Maire, Carsten Fabian
Technik: Martin Rößner
Redaktion: Thomas Morawetz
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Der Bosporus ist eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Die Meerenge verbindet das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer. Für den Reichtum von Byzanz war der Bosporus von großer Bedeutung. Auch heute haben die Istanbuler eine sehr innige Beziehung zum Bosporus. Er teilt die Millionenmetropole in europäische und asiatische Stadtviertel. Von Claudia Steiner (BR 2018)
Credits
Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Peter Weiß
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipp:
Planet Wissen | Der Bosporus – die Lebensader Istanbuls
Der Bosporus ist die Meerenge zwischen Europa und Asien. Er verbindet das Schwarze Meer im Nordosten mit dem Marmarameer im Südwesten von Istanbul, und ist bis zu 3,2 Kilometer breit. Auf 32 Kilometern Länge teilt er Istanbul in zwei Kontinente. Ein Dossier von planet wissen mit vielen weiteren Link-Tipps.
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Spanier, Engländer, Portugiesen, Malteser... - sie alle nutzten Gibraltars strategisch günstige Lage am Ausgang des Mittelmeers zwischen Europa und Afrika, um Handel zu treiben. Für viele wurde Gibraltar auch zum "sicheren Hafen" vor Verfolgung, etwa durch den spanischen Diktator Franco. Die Erfahrungen immer wiederkehrender Belagerungen, Bedrohungen und Blockaden: Sie haben eine einzigartige Gesellschaft geschaffen. Von Lukas Grasberger (BR 2018)
Credits
Autor/in dieser Folge: Lukas Grasberger
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Anne-Isabelle Zils, Peter Weiß, Werner Härtl, Carsten Fabian, Hemma Michel
Technik: Lydia Schön-Krimmer
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipp:
ARD Mediathek | Gibraltar - Brücke zwischen den Welten
Für Fische und Meeressäuger ist die Straße von Gibraltar Passage zwischen Mittelmeer und Atlantik, den Vögeln dient sie als Brücke für ihren jährlichen Zug zwischen den Kontinenten. Meeresströmungen und starke Winde beeinflussen das Leben in und entlang der Meeresstraße. Bernhard Rübe und Walter Sigl zeigen in "Gibraltar - Brücke zwischen den Welten" die Tierwelt über und unter Wasser. Doku von BR Fernsehen in der ARD Mediathek, Länge 44 min / verfügbar bis 2.12.2023
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Zypern war aufgrund seiner strategisch wichtigen Lage schon immer für verschiedene Mächte interessant. Lange gehörte Zypern zum Osmanischen Reich. 1925 wurde die Insel britische Kronkolonie. Doch schon damals verfolgten die griechische und die türkische Bevölkerung eigene Ziele. Seit 2004 ist die Republik Zypern EU-Mitglied. EU-Recht gilt aber nur im griechischen Teil im Süden. Im Norden befindet sich die Türkische Republik Nordzypern. Sie wird nur von der Türkei anerkannt. Von Claudia Steiner (BR 2020)
Credits
Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Katja Amberger
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Thomas Morawetz
Linktipp:
Planet Wissen | Zypern – Die geteilte Mittelmeerinsel
Zypern ist eine heiß begehrte Insel. Sowohl für den Handel als auch für das Militär hat die Mittelmeerinsel eine wichtige strategische Lage. Seit der Antike wurde sie deshalb von verschiedenen Kulturen erobert. Sie alle hinterließen ihre Spuren. Fernseh-Doku von planet wissen, Länge: 58 min / verfügbar bis 30.09.2027
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Schnell nach der BRD wird auch die Deutsche Demokratische Republik gegründet - am 7.Oktober 1949 auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone. Dass sich mit der DDR ein eigener Arbeiter- und Bauernstaat entwickeln würde, war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht absehbar. Zunächst verfolgte die sowjetische Besatzungsmacht - wie die anderen Siegermächten auch - das Ziel, einen demokratischen deutschen Nachkriegsstaat zu errichten.
Autor/in dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger
Technik: Robin Auld, Regina Staerke
Redaktion: Thomas Morawetz
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
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Weitere Infos zur Folge:
Die Doku beleuchtet die Zeit der frühen DDR – von 1949 bis 1961:
Das war die DDR: Aufbruchstimmung und Enttäuschung (1949 -1961) - ZDFmediathek
Ein großes Archiv der DDR-Geschichte und DDR-Geschichten auf der MDR-Seite:
1949 bis 1990: Alltag, Politik und Persönlichkeiten der DDR | MDR.DE
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Sie spiegelt die Chancen und ein erstes Scheitern der DDR wider: die Stalinallee in Ostberlin. Die Straße, die heute wieder Frankfurter Allee heißt, wurde geplant und ausgeführt als Zeichen des Aufbauwillens eines "Arbeitervolkes". Ausgerechnet von dieser Baustelle gingen allerdings am 17. Juni 1953 die Protestzüge der Arbeiter gegen den neuen "Arbeiter- und Bauernstaat" aus.
Autor/in dieser Folge: Markus Mähner
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Heinz Peter, Sabine Kastius
Technik: CHristiane Gerheuser - Kamp
Redaktion: Thomas Morawetz
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
11KM - Der tagesschau-Podcast. Ein Thema in aller Tiefe
Neue Folgen immer montags bis freitags HIER
Weitere Infos zur Folge:
Ein historischer Beitrag aus 1967, der über den 17. Juni berichtet:
Panorama: Der Aufstand: 17. Juni 1953 | ARD Mediathek
Die Doku zeigt die Vorgeschichte, den Verlauf und die Folgen des Aufstandes im Juni 1953:
MDR Dok: Wehe den Besiegten - Der 17. Juni 1953 | ARD Mediathek
Die Doku beleuchtet die Zeit der frühen DDR – von 1949 bis 1961:
Das war die DDR: Aufbruchstimmung und Enttäuschung (1949 -1961) - ZDFmediathek
Die Dokumentation macht sich auf die Suche nach Frauenschicksalen rund um den 17. Juni 1953:
ARD History: Aufstand der Frauen – Frauenschicksale rund um den 17. Juni | ARD Mediathek
Ein großes Archiv der DDR-Geschichte und DDR-Geschichten auf der MDR-Seite:
1949 bis 1990: Alltag, Politik und Persönlichkeiten der DDR | MDR.DE
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
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Ein Lichtblick! Knapp elf Jahre nach dem Bau der Mauer können sich Familien und Freunde aus Ost und West wieder häufiger begegnen. Dafür gab es 1972 den ersten völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zwischen BRD und DDR, den "Verkehrsvertrag". Doch mittlerweile ist auch schon ein wechselseitiger Entfremdungsprozess im Gange.
Autor/in dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Anja Scheifinger
Es sprachen: Katja Amberger, Johannes Hitzelberger, Peter Lersch
Technik: Gerhard Wicho
Redaktion: Thomas Morawetz
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
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Weitere Infos zur Folge:
Die Pressekonferenz 1972 nach dem Abschluss des „Verkehrsvertrages“ zwischen der DDR und der BRD:
Aktuelle Kamera: Vertragsverhandelungen zum Verkehrsvertrag | MDR.DE
Übersichtsartikel zum Transitabkommen
Transitabkommen zwischen der BRD und der DDR | MDR.DE
Seite des Stasi-Unterlagen-Archivs zum Transitabkommen:
Transitabkommen - Stasi-Unterlagen-Archiv
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Vor siebzig Jahren, am 17. Juni 1953, erhob sich in der DDR ein Volksaufstand gegen das SED-Regime. Die Bürgerinnen und Bürger forderten bessere Lebensbedingungen, den Rücktritt der Staatsführung, freie Wahlen und die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Sowjetunion als Besatzungsmacht schickte Panzer und Soldaten und schlug den Protest mit Gewalt nieder. In Westdeutschland war der 17. Juni bis 1990 ein Feiertag, der Tag der deutschen Einheit. In der DDR wurde dieser Tag verschwiegen.
Autoren: Michael Zametzer, Christian Schaaf
Redaktion: Nicole Hirsch, Eva Kötting, Heike Simon
Linktipps:
Der Liveticker zu den Ereignissen rund um den 17. Juni der Bundesstiftung Aufarbeitung als kostenlose App: 17.juni.berlinhistory.app
Die komplette Darstellung der Ereignisse und der Fakten des 17. Junis auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung und des Deutschlandradios: HIER
Die Toten des 17. Junis: HIER
Faktensammlung des Hauses der deutschen Geschichte in Bonn zum 17. Juni : HIER
Italiener oder Imbiss. Puccini oder Punkrock. Die Herkunft prägt den Geschmack ein Leben lang. Davon war der Franzose Pierre Bourdieu überzeugt. Unser sogenannter Habitus präge unseren Geschmack und unsere Vorlieben. Und zwar zeitlebens. Selbst nach der steilsten Karriere oder der besten Ausbildung sehe man einem Menschen immer noch an, aus welchem "Stall" er oder sie komme. Bourdieu war der Mann, der die Soziologie als Kampfsport bezeichnete. (BR 2020) Autorin: Maike Brzoska.
Credits:
Autorin: Maike Brzoska
Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki und Andreas Dirscherl
Technik: Roland Böhm
Regie: Christiane Klenz
Redaktion: Nicole Ruchlak
Interviewpartner/-innen dieser Folge:
Franz Schultheis, Professor für Soziologie an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und Präsident der Fondation Bourdieu;
Irene Dölling, emeritierte Professorin für Soziologie an der Universität Potsdam
Eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Tee mit Warum - Die Philosophie und wir
Ein Podcast von NDR Kultur
Die großen Fragen bei einem Becher Tee besprechen. Warum? Diese Frage stellen sich unsere beiden Hosts ständig in ihren eigentlichen Berufen, Denise M‘ Baye als Schauspielerin bei ihrer Arbeit an neuen Rollen, Sebastian Friedrich als Journalist bei der Recherche. Was gibt uns Sinn? Wann fühlen wir uns sicher? Kann Sprache gerecht sein? Die beiden diskutieren miteinander, schauen in die Philosophiegeschichte, sprechen mit Philosophinnen und Philosophen und hören Menschen aus dem Alltag. Neue Folgen gibt es jeden zweiten Donnerstag.
ZUM PODCAST
Ein weiterer Linktipp:
Kurzbiographie über Pierre Bourdieu:
WDR | ZeitZeichen | 01.08.1930 - Geburtstag vom Pierre Bourdieu
ZUM BEITRAG
Literaturtipp:
Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 2023.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Marienthal - ein kleines Dorf in der Nähe von Wien. Die Weltwirtschaftskrise trifft 1930 die traditionsreiche Textilfabrik mit voller Wucht. 80 Prozent des Dorfes leiden unmittelbar unter den Folgen der Arbeitslosigkeit. Eine soziale Katastrophe. Sozialforscherinnen und Sozialforscher machen sich ins Dorf auf und untersuchen diese Extremsituation. Was macht Arbeitslosigkeit mit dem Einzelnen, was mit der Gemeinschaft? Eine bahnbrechende Sozialstudie aus den 1930er Jahren sucht Antworten durch ungewöhnliche Methoden und verändert die Forschung bis heute. (BR 2021) Autorin: Marlen Fercher
Credits:
Autorin: Marlen Fercher
Es sprachen: Katja Amberger, Marlen Reichert, Julia Cortis,
Frank Manhold und Katja Schild
Technik: Andreas Lucke
Regie: Frank Halbach
Redaktion: Nicole Ruchlak
Interviewpartner dieser Folge:
Reinhard Müller, Prof. em. beim “Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich” an der Universität Graz Soziologe
Eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Tee mit Warum - Die Philosophie und wir
Ein Podcast von NDR Kultur
Die großen Fragen bei einem Becher Tee besprechen. Warum? Diese Frage stellen sich unsere beiden Hosts ständig in ihren eigentlichen Berufen, Denise M‘ Baye als Schauspielerin bei ihrer Arbeit an neuen Rollen, Sebastian Friedrich als Journalist bei der Recherche. Was gibt uns Sinn? Wann fühlen wir uns sicher? Kann Sprache gerecht sein? Die beiden diskutieren miteinander, schauen in die Philosophiegeschichte, sprechen mit Philosophinnen und Philosophen und hören Menschen aus dem Alltag. Neue Folgen gibt es jeden zweiten Donnerstag.
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Weitere Linktipps:
Eine kurze Besprechung der Studien-Veröffentlichung von „Die Arbeitslosen von Marienthal“:
EXTERNER LINK | FERNUNIVERSITÄT IN HAGEN | Die Arbeitslosen von Marienthal – Eine Besprechung
Artikel über die bahnbrechende Sozialforschung:
EXTERNER LINK | OE1 | ORF | Die Arbeitslosen von Marienthal
Literaturtipp:
Die Sozialstudie über die Arbeitslosen von Marienthal wurde 1933 erstmals veröffentlicht. Sie gilt als ein Meilenstein der Sozialforschung:
Hans Zeisel, Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, 2021. Suhrkamp
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Der ESC, oder der Grand Prix d´Eurovision ist wohl die größte Schlagerparty der Welt. In den Statuten des Gesangswettbewerbes steht, dass der ESC keine politischen Aussagen transportieren soll. Eine Regel, die schon immer großzügig umgangen worden ist. Der ESC ist durchaus mehr als nur "Sing Sang Song" und "La La La" - das zeigt der Blick auf die 67jährige Geschichte des Grand Prix, die auch so einiges über die Geschichte Europas erzählen kann. Von Christian Schaaf und Michael Zametzer
Credits
Autoren: Michael Zametzer, Christian Schaaf
Redaktion: Nicole Hirsch, Eva Kötting, Heike Simon
Linktipps:
Bayern 2 | Einmal noch in Liverpool
Ein Talk mit Peter Urban, ESC-Moderator
In diesem Jahr ist er zum letzen Mal beim Eurovision Song Contest zu hören. Peter Urban ist aber nicht nur die Stimme des ESC, er moderiert seit 50 Jahren Radiosendungen im NDR und blickt auf unzählige Begegnungen mit berühmten Pop- und Rockmusikern zurück. Diese lässt er jetzt in seiner Autobiografie "On Air" Revue passieren. Moderation: Stefan Parrisius
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BR | Erinnerungsschnappschüsse
Bayern 2-Musikchef Claus Kruesgken fährt seit über 10 Jahren zum ESC.
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Wiedergutmachung - das ist ein großes Versprechen. Vor allem, wenn das ein Abkommen leisten soll, das nur sieben Jahre nach dem Ende des Holocaust zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel geschlossen wird. Das Luxemburger Abkommen, auch Wiedergutmachungsabkommen genannt, wird am 10. September 1952 im Luxemburger Rathaus unterzeichnet. (BR 2012) Autorin: Ulrike Beck
Credits
Autor/in dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Reinhard Glemnitz, Irina Wanka
Technik: Birgit Vetter
Redaktion: Brigitte Reimer
Programmschwerpunkt im BR:
75 Jahre Staatsgründung Israel
Am 14. Mai jährt sich die Staatsgründung Israels zum 75. Mal. Der Bayerische Rundfunk widmet dem Jubiläum in den Wochen vor dem Jahrestag einen Programmschwerpunkt im BR Fernsehen, in ARD alpha, im Hörfunk und online. Dokumentationen und Reportagen, aktuell produzierte Gespräche, ein Podcast, Radio-Features und weitere Sendungen zeichnen ein facettenreiches Bild von Geschichte und Gegenwart des Vielvölkerstaates.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Weitere Folgen zur Staffel
DIE GRÜNDUNG ISRAELS - Von der Idee zum Staat
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DIE GRÜNDUNG ISRAELS - Amin al Husseini und der NS
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In der islamischen Welt wurde die jüdische Bevölkerung benachteiligt, aber nicht verfolgt. Im 19. Jahrhundert brachten die Europäer ihre aggressive Judenfeindschaft in den Orient. Arabische Nationalisten griffen sie auf. Und ihr Führer Amin al-Husseini, Anhänger von Adolf Hitler, machte den Antisemitismus des NS im Islam gesellschaftsfähig. (BR 2022) Autorin: Renate Eichmeier
Credits
Autor/in dieser Folge: Renate Eichmeier
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann
Technik: Daniela Röder
Redaktion: Thomas Morawetz
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75 Jahre Staatsgründung Israel
Am 14. Mai jährt sich die Staatsgründung Israels zum 75. Mal. Der Bayerische Rundfunk widmet dem Jubiläum in den Wochen vor dem Jahrestag einen Programmschwerpunkt im BR Fernsehen, in ARD alpha, im Hörfunk und online. Dokumentationen und Reportagen, aktuell produzierte Gespräche, ein Podcast, Radio-Features und weitere Sendungen zeichnen ein facettenreiches Bild von Geschichte und Gegenwart des Vielvölkerstaates.
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. (BR 2018) Autorin: Ulrike Beck
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Autor/in dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Johannes Hitzelberger
Technik: Miriam Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz
Programmschwerpunkt im BR:
75 Jahre Staatsgründung Israel
Am 14. Mai jährt sich die Staatsgründung Israels zum 75. Mal. Der Bayerische Rundfunk widmet dem Jubiläum in den Wochen vor dem Jahrestag einen Programmschwerpunkt im BR Fernsehen, in ARD alpha, im Hörfunk und online. Dokumentationen und Reportagen, aktuell produzierte Gespräche, ein Podcast, Radio-Features und weitere Sendungen zeichnen ein facettenreiches Bild von Geschichte und Gegenwart des Vielvölkerstaates.
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"Kinder der Flucht - Frauen erzählen". Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen? Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde. Zu hören in der ARD Audiothek: https://1.ard.de/kinder-der-flucht-frauen-erzaehlen-audiothek-podcast
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Außerdem empfehlen wir die TV-Doku-Serie:
ARD History – Kinder der Flucht
Doku-Serie | ARD Mediathek
Sie gehören zu den letzten noch lebenden Zeitzeug:innen von Flucht, Vertreibung und Deportation am Ende des Zweiten Weltkrieges. Heute sind sie weit mehr als 80 Jahre alt; damals waren sie Kinder. Noch nie haben sie in der Öffentlichkeit so emotional und schonungslos über ihre traumatischen Erlebnisse am Kriegsende und in den frühen Nachkriegsjahren berichtet.
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Die Brooklyn Bridge: Die Verbindung zwischen der Insel Manhattan und Brooklyn ist heute ein berühmtes Symbol von New York City. Doch ihr Bau vor 150 Jahren war mit Skandalen verbunden, mit unendlichen Strapazen - und zahlreichen Opfern. Autorin: Marlen Fercher (BR 2019) // Und hier noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen? Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde. KINDER DER FLUCHT - FRAUEN ERZÄHLEN Jetzt in der ARD Audiothek anhören: https://1.ard.de/kinder-der-flucht-frauen-erzaehlen-audiothek-podcast // Außerdem empfehlen wir die TV-Doku-Serie: ARD History - Kinder der Flucht Doku-Serie | ARD Mediathek Sie gehören zu den letzten noch lebenden Zeitzeug:innen von Flucht, Vertreibung und Deportation am Ende des Zweiten Weltkrieges. Heute sind sie weit mehr als 80 Jahre alt; damals waren sie Kinder. Noch nie haben sie in der Öffentlichkeit so emotional und schonungslos über ihre traumatischen Erlebnisse am Kriegsende und in den frühen Nachkriegsjahren berichtet. Jetzt in der ARD Mediathek ansehen: https://www.ardmediathek.de/serie/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2tpbmRlciBkZXIgZmx1Y2h0
Linktipps:
Im laufenden Betrieb - Tunnelbau unter der Großstadt
Planet Wissen | ARD alpha
Bauingenieure wissen häufig nicht, auf welche Überraschungen sie im Untergrund stoßen werden. Fundamente von Wohn- und Geschäftshäusern müssen gesichert werden. Tunnelbau unter der Großstadt ist eine komplexe technische Herausforderung. (Verfügbar bis 11.02.2024)
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Emily Warren Roebling vollendet die Brooklyn Bridge
Frauengeschichte – Frauen schreiben Geschichte | ARD alpha
Der deutsche Einwanderer John August Roebling entwarf die berühmte Hängebrücke, verunglückte aber tragisch. Sein Sohn Washington und dessen Frau Emily führten seine Mission fort und betraten dabei technisches Neuland. Ihr gelang es schließlich, die Brücke fertigzustellen.
ZUM BEITRAG
Brücken dieser Welt
Von Seilen und Bögen | ARD alpha
BILDERGALERIE ANSEHEN
Und hier noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Kinder der Flucht – Frauen erzählen
Podcastserie mit 4 Folgen | ARD Audiothek
Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen?
Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde.
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Und die TV-Doku-Serie:
ARD History – Kinder der Flucht
Doku-Serie | ARD Mediathek
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
50 Kilometer quer durch ein Gebirgsmassiv: Moderne Tunnelbau-Technik macht es möglich. Doch schon die Römer bahnten sich ihren Weg durch etliche hundert Meter Fels und Gestein - ohne Maschinen und die Hilfe von Geologen. Autor: David Globig (BR 2019) // Und hier noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen? Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde. KINDER DER FLUCHT - FRAUEN ERZÄHLEN Jetzt in der ARD Audiothek anhören: https://1.ard.de/kinder-der-flucht-frauen-erzaehlen-audiothek-podcast // Außerdem empfehlen wir die TV-Doku-Serie: ARD History - Kinder der Flucht Doku-Serie | ARD Mediathek Sie gehören zu den letzten noch lebenden Zeitzeug:innen von Flucht, Vertreibung und Deportation am Ende des Zweiten Weltkrieges. Heute sind sie weit mehr als 80 Jahre alt; damals waren sie Kinder. Noch nie haben sie in der Öffentlichkeit so emotional und schonungslos über ihre traumatischen Erlebnisse am Kriegsende und in den frühen Nachkriegsjahren berichtet. Jetzt in der ARD Mediathek ansehen: https://www.ardmediathek.de/serie/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2tpbmRlciBkZXIgZmx1Y2h0
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Im laufenden Betrieb - Tunnelbau unter der Großstadt
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Bauingenieure wissen häufig nicht, auf welche Überraschungen sie im Untergrund stoßen werden. Fundamente von Wohn- und Geschäftshäusern müssen gesichert werden. Tunnelbau unter der Großstadt ist eine komplexe technische Herausforderung. (Verfügbar bis 11.02.2024)
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Emily Warren Roebling vollendet die Brooklyn Bridge
Frauengeschichte – Frauen schreiben Geschichte | ARD alpha
Der deutsche Einwanderer John August Roebling entwarf die berühmte Hängebrücke, verunglückte aber tragisch. Sein Sohn Washington und dessen Frau Emily führten seine Mission fort und betraten dabei technisches Neuland. Ihr gelang es schließlich, die Brücke fertigzustellen.
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Brücken dieser Welt
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Und hier noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Kinder der Flucht – Frauen erzählen
Podcastserie mit 4 Folgen | ARD Audiothek
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Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde.
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Was tun, wenn es brennt - im Atomkraftwerk? 1966 hätte in Gundremmingen die Freiwillige Feuerwehr noch mit der Trompete zum Einsatz gerufen. Im Podcast "Wie war das damals...?" erzählen Christian Schaaf und Michael Zametzer von der Euphorie, der Ernüchterung, der Skepsis und schließlich dem offenen Widerstand gegen die Atomkraft in der BRD. Die Geschichte der deutschen Atomkraftwerke geht nun, am 15. April 2023, zu Ende. (BR 2023)
Credits
Autoren: Christian Schaaf/Michael Zametzer
Redaktion: Eva Kötting und Heike Simon-Gerleit
Link-Tipps:
Bayern und die Kernkraft - Politik unter Strom
(Mit dem Trompeter der Freiwilligen Feuerwehr Gundremmingen)
05.04.2023 | Kontrovers | BR Fernsehen
Der Freistaat und die Atomenergie - eine wechselvolle und spannungsreiche Geschichte. Garching, Kahl am Main, Gundremmingen, Ohu, Wackersdorf. Mit diesen Ortsmarken sind Aufbruch, Ängste, Rückschläge und jetzt das atomare Ende eng verwoben. Kontrovers - Die Story zeigt auf, wie Politiker, Anwohner, Umweltschützer und Forscher in der Kernkraft-Frage von den Anfängen bis heute gespalten sind.
(Online bis 04.04.2028)
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Zur Kernkraft in der DDR:
Atomkraftwerke in Ostdeutschland - Atomenergie in der DDR: Statt 20 nur zwei Atomkraftwerke
Nach dem Reaktorunglück von Fukushima beschloss Deutschland den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022. Für Ostdeutschland bedeutete aber bereits die Wende das Aus ihrer beiden Atomkraftwerke in Rheinsberg und Greifswald. Ein drittes, geplantes wurde nie fertiggestellt.
(Stand: 14. Dezember 2018)
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Mikrochips sind mittlerweile unentbehrlich: Sie stecken im Kühlschrank, im Auto oder der EC-Karte. Seit Intel 1971 den ersten integrierten Schaltkreis in Serie produzierte, hat die Technologie einen globalen Siegeszug angetreten. Doch das kostbare Gut sorgt immer wieder für Streit unter Wirtschaftsmächten. (BR 2022) Autor: Lukas Grasberger
Credits
Autor/in dieser Folge: Lukas Grasberger
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Katja Amberger, Jerzy May, Julia Fischer
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak
Linktipps:
Die Zauberlinse - Fotografie und Mikroskop
Ein Kurzdossier (nicht nur) für die Schule von ARDalpha
Optische Linsen haben unser Weltbild geformt. Ohne sie hätten wir nie die Ringe des Saturn gesehen. Wir wüssten auch nicht, dass in jedem Wassertropfen Milliarden winziger Lebewesen wimmeln.
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11. September 1908 - Anfang vom Ende des Fahrstuhlführers
Das Kalenderblatt
Fahrstuhlführer - sogar zum Aufzugfahren brauchte man einst beherzte Profis, bis die Reise nach oben plötzlich ohne Liftboy auskam. Mit dem 11. September 1908 fand ihn sogar die deutsche Bau-Polizeiverordnung überflüssig. Autor: Michael Reitz
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Wolkenkratzer - Architektur im Höhenrausch
Eine Bildergalerie von ARDalpha
ZUM BEITRAG
Mikrotechnologe/-technologin - Ich mach's!
Auf ARD alpha. Eine Sendung vom 26.06.2017 ? Verfügbar bis 21.12.2025
Mikrotechnologen stellen winzig kleine Dinge her. Ob Mikrochips für Computer und Autos, bunt strahlende Leuchtdioden oder Motoren so klein wie ein Geldstück - ihre Produkte sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen, haben aber eine enorme Bedeutung für unseren Alltag.
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Aufzüge gab es schon im alten Ägypten, doch der große Durchbruch für den Lift kam erst im 19.Jahrhundert - vor allem mit der Absturzsicherung von Elisha Graves Otis. Jetzt war der Weg frei zum Wolkenkratzer. (BR 2013) Autorin: Sylvia Schopf
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Autor/in dieser Folge: Sylvia Schopf
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Andreas Neumann, Hemma Michel
Technik: Birgit Vetter
Redaktion: Thomas Morawetz
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Ein Kurzdossier (nicht nur) für die Schule von ARDalpha
Optische Linsen haben unser Weltbild geformt. Ohne sie hätten wir nie die Ringe des Saturn gesehen. Wir wüssten auch nicht, dass in jedem Wassertropfen Milliarden winziger Lebewesen wimmeln.
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11. September 1908 - Anfang vom Ende des Fahrstuhlführers
Das Kalenderblatt
Fahrstuhlführer - sogar zum Aufzugfahren brauchte man einst beherzte Profis, bis die Reise nach oben plötzlich ohne Liftboy auskam. Mit dem 11. September 1908 fand ihn sogar die deutsche Bau-Polizeiverordnung überflüssig. Autor: Michael Reitz
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Wolkenkratzer - Architektur im Höhenrausch
Eine Bildergalerie von ARDalpha
ZUM BEITRAG
Mikrotechnologe/-technologin - Ich mach's!
Auf ARD alpha. Eine Sendung vom 26.06.2017 ? Verfügbar bis 21.12.2025
Mikrotechnologen stellen winzig kleine Dinge her. Ob Mikrochips für Computer und Autos, bunt strahlende Leuchtdioden oder Motoren so klein wie ein Geldstück - ihre Produkte sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen, haben aber eine enorme Bedeutung für unseren Alltag.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an [email protected].
Ein Tuchhändler war der erste Mensch, der Dinge sah, die noch niemand vor ihm sehen konnte. Antonie van Leeuwenhoek hatte sich seinen eigenen Zahnbelag abgekratzt und durch eine selbst entwickelte Linse angeschaut: drinnen sah er so etwas wie Würmchen, Tierchen - was das sein sollte, hat er nicht verstanden. Aber es war der erste Schritt ins Zeitalter des Mikroskops. (BR 2018) Autorin: Inga Pflug
Credits
Autor/in dieser Folge: Inga Pflug
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Michael Atzinger
Technik: Regina Stärke
Redaktion: Nicole Ruchlak
Linktipps:
Die Zauberlinse - Fotografie und Mikroskop
Ein Kurzdossier (nicht nur) für die Schule von ARDalpha
Optische Linsen haben unser Weltbild geformt. Ohne sie hätten wir nie die Ringe des Saturn gesehen. Wir wüssten auch nicht, dass in jedem Wassertropfen Milliarden winziger Lebewesen wimmeln.
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11. September 1908 - Anfang vom Ende des Fahrstuhlführers
Das Kalenderblatt
Fahrstuhlführer - sogar zum Aufzugfahren brauchte man einst beherzte Profis, bis die Reise nach oben plötzlich ohne Liftboy auskam. Mit dem 11. September 1908 fand ihn sogar die deutsche Bau-Polizeiverordnung überflüssig. Autor: Michael Reitz
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Mikrotechnologen stellen winzig kleine Dinge her. Ob Mikrochips für Computer und Autos, bunt strahlende Leuchtdioden oder Motoren so klein wie ein Geldstück - ihre Produkte sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen, haben aber eine enorme Bedeutung für unseren Alltag.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Wer entscheidet darüber, was ein Volk ist? Denn eigentlich heißt es ganz eindeutig: "Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung" - Doch was in der Theorie logisch und einfach klingt, birgt in der Praxis erhebliches Konfliktpotential. Autor: Niklas Nau (BR 2019)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
Katalonien ist etwas größer als Belgien und will mehr politischen Einfluss. Separatisten träumen von Zuständen wie im Mittelalter, als die Region ein wichtiger Akteur am Mittelmeer war. Doch Spanien will seinen Wirtschaftsmotor nicht ziehen lassen. Autorin: Brigitte Kramer (BR 2020)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
SIE WOLLEN UNABHÄNGIGKEIT – Kurden
SIE WOLLEN UNABHÄNGIGKEIT – Das Selbstbestimmungsrecht der Völker
Die Kurden gelten als größtes Volk ohne eigenen Staat. Dabei gibt es DIE Kurden gar nicht. Tatsächlich stellt das Volk keine Einheit dar - zu groß sind die ethnischen, sprachlichen, religiösen und politischen Unterschiede. Trotzdem gibt es bei vielen Kurden den gemeinsamen Traum von mehr Freiheit, Unabhängigkeit und einem eigenen Staat. Autorin: Claudia Steiner (BR 2019)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Weitere Folgen zur Staffel:
SIE WOLLEN UNABHÄNGIGKEIT – Katalanen
SIE WOLLEN UNABHÄNGIGKEIT – Das Selbstbestimmungsrecht der Völker
Mehrere Milliarden Mark für eine Semmel. Auf dem Höhepunkt der Inflation in Deutschland war das Geld nahezu wertlos. Die Menschen heizten mit Banknoten den Ofen an. Grund waren die enormen Schulden des Deutschen Reiches. Die Währungsreform 1923 brachte die Wende. Die Erinnerung an die Hyperinflation prägt Deutschland bis heute. Autorin: Maike Brzoska
Credits
Autorin dieser Folge: Maike Brzoska
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening
Technik: Peter Urban
Redaktion: Nicole Ruchlak, Andrea Bräu
Interviewpartner:
Harald Jähner, Autor des Buches Höhenrausch;
Sebastian Teupe, Juniorprofessor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bayreuth
Linktipps:
1923! Der lange Schatten der Inflation
ARD Mediathek
Die aktuelle Inflation weckt besonders in Deutschland tief verwurzelte Ängste. Die Hyperinflation von 1923 ist fast 100 Jahre her und hat sich dennoch tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gefressen. Die Geldentwertung war eine der radikalsten einer großen Industrienation, lag damals bei über 29.000 Prozent und vernichtete Sparguthaben und Existenzen. Eine Spurensuche bei Wirtschaftsexpert*innen, Historiker*innen und in Familiengeschichten: Was können wir aus der Geschichte lernen? (Verfügbar bis 12.12.2023)
ARD History: 1923! Der lange Schatten der Inflation | ARD Mediathek
Dossier zum Thema „Inflation“ – mit Erklärungen zu wirtschaftlichen Zusammenhängen und Wissensquiz
Inflation: Die Geschichte eines Phänomens | Soziale und politische Bildung | radioWissen | Bayern 2 | Radio | BR.de
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Benjamin Ferencz kämpfte sein Leben lang gegen Krieg, Folter und Massenmord. 1947 wird er Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppenprozess der die Verbrechen der Nationalsozialisten in der Sowjetunion verhandelt. Heute engagiert er sich immer noch für den Weltfrieden. (BR 2016)
Linktipp:
Zeitenwende – Zurück zum Kalten Krieg?
21.11.2022 ? ARD History ? Das Erste
Die einstündige TV-Doku zur Podcastfolge von Julia Grantner
Frieden war selbstverständlich, der Kalte Krieg Geschichte. Aber mit Putins Überfall auf die Ukraine gab es eine Zeitenwende. Jetzt ist Rüstung wieder ein Thema. Ehemalige Friedensaktivistinnen fordern Waffenlieferungen, die Bundeswehr rüstet auf. Aber hatten wir bis dahin wirklich Frieden In Europa? Dies erkunden Julia, Sophie und Danijel, die alle nach dem Mauerfall geboren wurden. Die Recherche führt an den Todesstreifen zwischen Ost und West, in Atombunker und nach Srebrenica.
Verfügbar bis 21.11.2023
ARD Mediathek | Das Erste | Zeitenwende – Zurück zum Kalten Krieg?
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Die Trümmer auf den Schlachtfeldern Europas rauchten noch, als im Januar 1919 die Friedenskonferenz in Paris beschloss: Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein. Stattdessen sollte ein Art Plattform entstehen, auf der die Staaten der Welt ihre Konflikte austragen konnten - ohne Waffen, sondern in Verhandlungen. Im Versailler Friedensvertrag wurde deshalb die Gründung des Völkerbundes festgeschrieben. (BR 2019)
Linktipp:
Zeitenwende – Zurück zum Kalten Krieg?
21.11.2022 ? ARD History ? Das Erste
Die einstündige TV-Doku zur Podcastfolge von Julia Grantner
Frieden war selbstverständlich, der Kalte Krieg Geschichte. Aber mit Putins Überfall auf die Ukraine gab es eine Zeitenwende. Jetzt ist Rüstung wieder ein Thema. Ehemalige Friedensaktivistinnen fordern Waffenlieferungen, die Bundeswehr rüstet auf. Aber hatten wir bis dahin wirklich Frieden In Europa? Dies erkunden Julia, Sophie und Danijel, die alle nach dem Mauerfall geboren wurden. Die Recherche führt an den Todesstreifen zwischen Ost und West, in Atombunker und nach Srebrenica.
Verfügbar bis 21.11.2023
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Im Frühjahr 2022 hat Bundeskanzler Olaf Scholz eine "Zeitenwende" ausgerufen. Der nüchterne Fakt dahinter - 100 Milliarden Extra-Budget für die Bundeswehr. Doch was bedeutet das weiter? Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist die Sorge über einen Krieg mitten in Europa für junge Menschen an die erste Stelle der Zukunftsängste getreten. Die junge Journalistin Julia Grantner macht sich deshalb auf eine Reise durch Deutschland und versucht in der Geschichte Antworten zu finden.
Linktipp:
Zeitenwende – Zurück zum Kalten Krieg?
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Verfügbar bis 21.11.2023
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Er war weder gelernter Diplomat noch Mitglied einer Volkspartei. Trotzdem gilt Gustav Stresemann als herausragender Staatsmann der Weimarer Republik. 1923 wurde er Reichskanzler und Außenminister - in einem Jahr der Krise. Zwar dauerte Stresemanns Kanzlerzeit nur wenige Monate, doch schaffte er in dieser Zeit den Umschwung.
Unsere Empfehlung:
1923! Der lange Schatten der Inflation
Es halten sich viele Mythen rund um die Inflation von 1923. Sind tatsächlich die Armen am stärksten betroffen gewesen oder hat die Inflation die Schere zwischen arm und reich verringert? War die Inflation von Anfang an eine Katastrophe oder hat sie womöglich dabei geholfen, die Wirtschaft im Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufzubauen? War die Inflation Ursache für die Machtergreifung der Nazis? Und: Wiederholt sich die Geschichte gerade? – Doku (2022) auf ARD alpha, 44 min, verfügbar bis 22.07.2027
ARD Mediathek | ARD alpha | 1923! Der lange Schatten der Inflation
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Weitere Folgen zur Staffel:
WEIMAR IN DER KRISE - Völkische Strömungen in Bayern
WEIMAR IN DER KRISE – Katastrophenjahr 1923
1923 - das Jahr ohne Pausen. In Deutschland jagt eine Krise die nächste, von der Ruhrbesetzung über die Hyperinflation bis hin zum Hitlerputsch. Die junge Demokratie der Weimarer Republik scheint am Ende - und doch wird sie diese Prüfung bestehen.
Unsere Empfehlung:
1923! Der lange Schatten der Inflation
Es halten sich viele Mythen rund um die Inflation von 1923. Sind tatsächlich die Armen am stärksten betroffen gewesen oder hat die Inflation die Schere zwischen arm und reich verringert? War die Inflation von Anfang an eine Katastrophe oder hat sie womöglich dabei geholfen, die Wirtschaft im Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufzubauen? War die Inflation Ursache für die Machtergreifung der Nazis? Und: Wiederholt sich die Geschichte gerade? – Doku (2022) auf ARD alpha, 44 min, verfügbar bis 22.07.2027
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
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DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
WEIMAR IN DER KRISE - Völkische Strömungen in Bayern
WEIMAR IN DER KRISE – Lichtblick Gustav Stresemann
Mit Rassismus, Antisemitismus und esoterisch-okkulten Ideen vergiften völkische Gruppen schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Atmosphäre in München. Sie machen Bayern zum Sammel- und Rekrutierungsbecken gewaltbereiter Republikfeinde - und zum Nährboden für den Aufstieg der Nationalsozialisten. (BR 2021)
Unsere Empfehlung:
1923! Der lange Schatten der Inflation
Es halten sich viele Mythen rund um die Inflation von 1923. Sind tatsächlich die Armen am stärksten betroffen gewesen oder hat die Inflation die Schere zwischen arm und reich verringert? War die Inflation von Anfang an eine Katastrophe oder hat sie womöglich dabei geholfen, die Wirtschaft im Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufzubauen? War die Inflation Ursache für die Machtergreifung der Nazis? Und: Wiederholt sich die Geschichte gerade? – Doku (2022) auf ARD alpha, 44 min, verfügbar bis 22.07.2027
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Weitere Folgen zur Staffel:
WEIMAR IN DER KRISE – Katastrophenjahr 1923
WEIMAR IN DER KRISE – Lichtblick Gustav Stresemann
Selten hat sich eine Nachricht in der Wissenschaftswelt so rasch verbreitet wie die über "eine neue Art von Strahlen": Im November 1895 hatte der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen Strahlen entdeckt, die unterschiedlichste Materialien durchdringen. Kurz darauf erlangte das Röntgenbild von der Hand seiner Frau Berühmtheit. Seitdem wurde die Technik immer weiterentwickelt. (BR 2015)
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Der Molekularbiologe und Leibniz-Preisträger Prof. Dr. Jörg Vogel erläutert, wie maßgeschneiderte Antibiotika Krankheiten heilen können. Und der Produktentwicklungsforscher Prof. Dr. Albert Albers vom Karlsruher Institut für Technologie sagt: Zum Glück gibt es Probleme! Wie kreative Erfinder daraus Innovationen machen. Ein Campus Talk auf ARDalpha (Verfügbar bis 19.08.2026):
Maßgeschneiderte Antibiotika & Kreative Erfinder
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Unfall, Herzinfarkt oder Entbindung per Kaiserschnitt - für Operationen und schmerzhafte Untersuchungen benötigen Patienten eine Narkose. Diese verantworten Ärzte - und Anästhesietechnische Assistenten unterstützen sie dabei. Ein Beitrag auf ARDalpha (Video verfügbar bis 03.08.2015):
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Wir leben im Zeitalter des Antibiotikums. Krankheiten wie Tuberkulose sind heilbar, entzündete Wunden können uns kaum etwas anhaben. Doch unvernünftiger Umgang mit Antibiotika in Krankenhäusern oder der Tiermast lässt Resistenzen immer häufiger werden. Endet das Zeitalter des Antibiotikums noch in unserem Jahrhundert? (BR 2019)
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Wer war Robin Hood? Ein edler Gesetzloser oder nur die Verkörperung der Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, ein Traum von der großen Freiheit in den Wäldern? Greifbar ist lediglich der Widerhall seiner Geschichte in zahllosen Balladen und Bühnenspielen. Eine faszinierende Spurensuche durch Jahrhunderte. (BR 2015)
Lust auf eine Expedition am Nordpol?
Karsten Schwanke über die Fahrt der "Polarstern". Seit dem 4. Oktober 2019 driftete der Forschungseisbrecher über den Arktischen Ozean.
Ein großes Arktis-Abenteuer in 20 mal 5 Minuten:
ARD Mediathek | ARD alpha | Expedition am Nordpol
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ALLES ERFUNDEN? Die Bayern
ALLES ERFUNDEN? Der Norden
Norden ist da, wo der Süden nicht ist. So einfach könnte es sein; doch was "der Norden" ist, hat sich die Menschheit im Laufe von Jahrtausenden zusammengereimt und -erfunden. So entstand mit viel Fantasie ein bunter Strauß von Klischees, die unserem Nord-Bild bis heute anhaften.(BR 2021)
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ALLES ERFUNDEN? Robin Hood
So sagt man: Der Baier ist mitunter saugrob, trunksüchtig, aber gut katholisch. Solche (Vor-)Urteile sind uralt, und zwar als Fremdwahrnehmung wie als Selbstwahrnehmung der Bayern. Woher kommen solche Stereotype? Wie wurden "die Bayern" erfunden? (BR 2018)
Lust auf eine Expedition am Nordpol?
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Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland schätzungsweise zehn bis zwölf Millionen entwurzelter Menschen, meist Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Um ihnen zu helfen, wurde die UNRRA gegründet. (BR 2019)
Linktipps:
Kontrovers - Die Story stellt vor:
Traumberuf: Feuerwehr
BR Fernsehen, 18 Min, Online bis 16.11.2027
Das Abenteuer beginnt: Albina (23), Max (23) und Christoph (36) sind drei von 22 Auserwählten, die die Chance auf einen der begehrten Ausbildungsplätze bei der Berufsfeuerwehr in München bekommen haben. Was erwartet sie? Wie werden sie sich schlagen? Kontrovers ist ein Jahr hautnah mit dabei. In der ersten Folge: Der Startschuss. Zwischen Vorfreude und Aufregung.
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Berufe: Unterwegs mit der Feuerwehr
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Sie löschen Brände, springen in reißende Fluten und klettern auf Hochhäuser, um Menschenleben zu retten: Feuerwehrmänner scheuen keine Risiken. Und täglich droht der Ernstfall.
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GERETTET UND GESTRANDET - JÜDISCHE DISPLACED PERSON NACH 1945 IN BAYERN
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Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stranden vor allem in der amerikanischen Besatzungszone in Süddeutschland Hunderttausende Überlebende des Holocaust, der Shoá. Vor allem in München und in Bayern entstehen in kürzester Zeit zahlreiche jüdische DP-Camps.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
RETTUNG! - Geschichte der Feuerwehr
RETTUNG! - Hilfe auf hoher See
Schiffbruch - das bedeutete Tausende von Jahren für die meisten Seefahrer der sichere Tod. Doch irgendwann beschlossen sie, gegen diese Ausweglosigkeit aufzubegehren: Was, wenn man einsatzbereite Seenotretter an Land hätte, die man zu Hilfe rufen könnte? An den deutschen Küsten wurde die Rettung Schiffbrüchiger ab 1865 auf professionelle Füße gestellt. Die Herausforderungen waren gewaltig. (BR 2020)
Linktipps:
Kontrovers - Die Story stellt vor:
Traumberuf: Feuerwehr
BR Fernsehen, 18 Min, Online bis 16.11.2027
Das Abenteuer beginnt: Albina (23), Max (23) und Christoph (36) sind drei von 22 Auserwählten, die die Chance auf einen der begehrten Ausbildungsplätze bei der Berufsfeuerwehr in München bekommen haben. Was erwartet sie? Wie werden sie sich schlagen? Kontrovers ist ein Jahr hautnah mit dabei. In der ersten Folge: Der Startschuss. Zwischen Vorfreude und Aufregung.
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alpha Lernen:
Berufe: Unterwegs mit der Feuerwehr
BR FFernsehen, 10 Min
Sie löschen Brände, springen in reißende Fluten und klettern auf Hochhäuser, um Menschenleben zu retten: Feuerwehrmänner scheuen keine Risiken. Und täglich droht der Ernstfall.
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BR Klassik / alpha Wissen / planet Wissen
GERETTET UND GESTRANDET - JÜDISCHE DISPLACED PERSON NACH 1945 IN BAYERN
58 Min
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stranden vor allem in der amerikanischen Besatzungszone in Süddeutschland Hunderttausende Überlebende des Holocaust, der Shoá. Vor allem in München und in Bayern entstehen in kürzester Zeit zahlreiche jüdische DP-Camps.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
RETTUNG! - Geschichte der Feuerwehr
RETTUNG! - UNRRA hilft Displaced Persons
Notruf 112 wählen, maximal 15 Minuten warten - dann ist sie da: die Feuerwehr. Das war nicht immer so. Dass wir schnelle und effektive Hilfe in der Not bekommen, ist das Ergebnis einer ereignisreichen Entwicklungsgeschichte.
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Kontrovers - Die Story stellt vor:
Traumberuf: Feuerwehr
BR Fernsehen, 18 Min, Online bis 16.11.2027
Das Abenteuer beginnt: Albina (23), Max (23) und Christoph (36) sind drei von 22 Auserwählten, die die Chance auf einen der begehrten Ausbildungsplätze bei der Berufsfeuerwehr in München bekommen haben. Was erwartet sie? Wie werden sie sich schlagen? Kontrovers ist ein Jahr hautnah mit dabei. In der ersten Folge: Der Startschuss. Zwischen Vorfreude und Aufregung.
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Berufe: Unterwegs mit der Feuerwehr
BR FFernsehen, 10 Min
Sie löschen Brände, springen in reißende Fluten und klettern auf Hochhäuser, um Menschenleben zu retten: Feuerwehrmänner scheuen keine Risiken. Und täglich droht der Ernstfall.
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GERETTET UND GESTRANDET - JÜDISCHE DISPLACED PERSON NACH 1945 IN BAYERN
58 Min
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stranden vor allem in der amerikanischen Besatzungszone in Süddeutschland Hunderttausende Überlebende des Holocaust, der Shoá. Vor allem in München und in Bayern entstehen in kürzester Zeit zahlreiche jüdische DP-Camps.
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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RETTUNG! - Hilfe auf hoher See
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Wenn im eigenen Zuhause Angst und Gewalt herrschen, bieten Frauenhäuser eine sichere Zuflucht. Die ersten Frauenhäuser wurden in Deutschland 1976 gegründet. (BR 2018)
Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Als Lawrence von Arabien ist Thomas Edward Lawrence zum Mythos geworden - als selbstloser Kämpfer für die Sache der Araber während des Ersten Weltkriegs. Er selbst sagte: "Ich ziehe Lügen der Wahrheit vor, besonders, wenn es um mich geht." Wer war er wirklich? (BR 2015)
Fußball, Gas und Menschenrechte: Was verbindet Bayern mit Katar?
14.11.2022 ? DokThema ? BR Fernsehen (Video verfügbar bis 14.11.2027)
Katar am Persischen Golf gehört zu den kleinsten Staaten der Welt. Seit der Entdeckung gigantischer Erdgasvorkommen verwandelte sich das Emirat, das in etwa so groß wie Niederbayern ist, zu einem Global Player. Auch für Bayern wird es immer wichtiger. Egal ob Fußball-WM, Politik oder Wirtschaft: Die Kontakte des Freistaats sind eng. Gleichzeitig steht Katar im Verdacht, islamistische Organisationen zu finanzieren und Menschenrechte zu missachten. Welche Strategie verfolgt Katar?
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Die Vereinigten Arabischen Emirate stellen ihren Reichtum durch spektakuläre Stadtlandschaften zur Schau. Die Staatsföderation wurde 1971 gegründet. Ihre kurze Geschichte gibt Einblick in die Beziehung zwischen der arabischen Welt und dem Westen. (BR 2021)
Fußball, Gas und Menschenrechte: Was verbindet Bayern mit Katar?
14.11.2022 ? DokThema ? BR Fernsehen (Video verfügbar bis 14.11.2027)
Katar am Persischen Golf gehört zu den kleinsten Staaten der Welt. Seit der Entdeckung gigantischer Erdgasvorkommen verwandelte sich das Emirat, das in etwa so groß wie Niederbayern ist, zu einem Global Player. Auch für Bayern wird es immer wichtiger. Egal ob Fußball-WM, Politik oder Wirtschaft: Die Kontakte des Freistaats sind eng. Gleichzeitig steht Katar im Verdacht, islamistische Organisationen zu finanzieren und Menschenrechte zu missachten. Welche Strategie verfolgt Katar?
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Katar - ein kleiner Staat, der zur Fußball-WM 2022 groß rauskommt. Er erregt die Gemüter. Er wird von Menschenrechtsaktivisten gebrandmarkt, von Wirtschaftspolitikern hofiert. Aber was ist seine Geschichte? (BR 2022)
Fußball, Gas und Menschenrechte: Was verbindet Bayern mit Katar?
14.11.2022 ? DokThema ? BR Fernsehen (Video verfügbar bis 14.11.2027)
Katar am Persischen Golf gehört zu den kleinsten Staaten der Welt. Seit der Entdeckung gigantischer Erdgasvorkommen verwandelte sich das Emirat, das in etwa so groß wie Niederbayern ist, zu einem Global Player. Auch für Bayern wird es immer wichtiger. Egal ob Fußball-WM, Politik oder Wirtschaft: Die Kontakte des Freistaats sind eng. Gleichzeitig steht Katar im Verdacht, islamistische Organisationen zu finanzieren und Menschenrechte zu missachten. Welche Strategie verfolgt Katar?
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Warum sind Mammuts, Säbelzahntiger und Wollnashorn ausgestorben? Lag es an Temperaturveränderungen oder war der Mensch daran schuld? Weltweit wird das Schicksal der damaligen Megafauna erforscht. Der tauende Permafrostboden gibt neue Hinweise frei. Vielleicht können wir die ausgestorbenen Riesen bald zu neuem Leben erwecken? (BR 2021)
Linktipps:
STAHL DER STEINZEIT
Feuerstein - Früher Rohstoff der Zivilisation
Fred und Wilma Feuerstein lassen in der TV-Serie die Funken sprühen: Feuerstein diente aber nicht nur zum Feuermachen, er war auch der Stahl der Steinzeit, aus dem Waffen und Werkzeuge gemacht wurden. Ein Dossier von Bernd-Uwe Gutknecht auf ARD alpha.
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Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig
Je mehr wir über unsere Vorfahren wissen, desto mehr Rätsel geben sie uns auf! Warum sind einige von ihnen ausgestorben? Steckt vielleicht von Neandertaler und Co auch noch etwas in uns?
Svante Pääbo, Leiter des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat 2022 den "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" bekommen. (Video verfügbar bis 12.11.2026)
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Weitere Folgen zur Staffel:
DIE STEINZEIT - Höhlenmalerei in Altamira
DIE STEINZEIT - Der Denisova-Mensch
DIE STEINZEIT - Löwenmenschen und Mammutflöten
Es sind die ältesten bisher gefundenen Kunstwerke der Welt: der berühmte Löwenmensch aus einer Höhle nahe Ulm, Knochenflöten und kleine Figuren aus Elfenbein. Entstanden vor 40.000 Jahren - im Zeitalter, das wir Aurignacien nennen, in dem Homo Sapiens und der Neandertaler noch nebeneinander lebten. (BR 2017)
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STAHL DER STEINZEIT
Feuerstein - Früher Rohstoff der Zivilisation
Fred und Wilma Feuerstein lassen in der TV-Serie die Funken sprühen: Feuerstein diente aber nicht nur zum Feuermachen, er war auch der Stahl der Steinzeit, aus dem Waffen und Werkzeuge gemacht wurden. Ein Dossier von Bernd-Uwe Gutknecht auf ARD alpha.
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Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig
Je mehr wir über unsere Vorfahren wissen, desto mehr Rätsel geben sie uns auf! Warum sind einige von ihnen ausgestorben? Steckt vielleicht von Neandertaler und Co auch noch etwas in uns?
Svante Pääbo, Leiter des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat 2022 den "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" bekommen. (Video verfügbar bis 12.11.2026)
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DIE STEINZEIT - Höhlenmalerei in Altamira
DIE STEINZEIT - Der Denisova-Mensch
DIE STEINZEIT - Ökologie der Eiszeit
Sie war eine Sensation - die genetische Analyse eines Fingerknöchelchens. Gefunden wurde es in einer Höhle im sibirischen Altai-Gebirge. Die Analyse hat 2010 eine bisher unbekannte, archaische Menschenform zutage befördert - den Denisova-Menschen. Dank neuer genetischer Daten und Knochenfragmenten nimmt er immer mehr Gestalt an. (BR 2021)
Linktipps:
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Feuerstein - Früher Rohstoff der Zivilisation
Fred und Wilma Feuerstein lassen in der TV-Serie die Funken sprühen: Feuerstein diente aber nicht nur zum Feuermachen, er war auch der Stahl der Steinzeit, aus dem Waffen und Werkzeuge gemacht wurden. Ein Dossier von Bernd-Uwe Gutknecht auf ARD alpha.
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Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig
Je mehr wir über unsere Vorfahren wissen, desto mehr Rätsel geben sie uns auf! Warum sind einige von ihnen ausgestorben? Steckt vielleicht von Neandertaler und Co auch noch etwas in uns?
Svante Pääbo, Leiter des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat 2022 den "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" bekommen. (Video verfügbar bis 12.11.2026)
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DIE STEINZEIT - Höhlenmalerei in Altamira
DIE STEINZEIT - Löwenmenschen und Mammutflöten
DIE STEINZEIT - Ökologie der Eiszeit
Altamira, eine Höhle im Norden Spaniens: Hier tauchten 1868 etliche ca. 15.000 Jahre alte Malereien aus der Steinzeit auf. Dass sie von "Urmenschen" stammen sollten, konnte man zunächst nicht glauben. Die Zeichnungen wirkten so plastisch und lebendig, dass sie damals prompt zur Fälschung erklärt wurden.Wer waren die Künstler? Und wozu dienten die Zeichnungen? (BR 2017)
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Feuerstein - Früher Rohstoff der Zivilisation
Fred und Wilma Feuerstein lassen in der TV-Serie die Funken sprühen: Feuerstein diente aber nicht nur zum Feuermachen, er war auch der Stahl der Steinzeit, aus dem Waffen und Werkzeuge gemacht wurden. Ein Dossier von Bernd-Uwe Gutknecht auf ARD alpha.
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Jean-Francois Champollion war ein glühender Verehrer der ägyptischen Kultur. Ihm gelang 1822 der entscheidende Schritt zur Entzifferung der Hieroglyphen. (BR 2016)
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Zu Besuch im Neuen Museum Berlin
Doku auf ARD alpha vom 3.4.2021
Direktor Matthias Wemhoff bringt uns die Geheimnisse eines goldenen Zauberhuts aus der Bronzezeit näher und er zeigt uns Fundstücke aus Troja, die der große Archäologe Heinrich Schliemann vor 150 Jahren dem Museum übergab. In der ägyptischen Sammlung treffen wir Frederike Seyfried. Die Direktorin erklärt uns unter anderem, wie Hieroglyphen gelesen werden.
ARD MEDIATHEK | ARD alpha | ZU BESUCH IM NEUEN MUSEUM BERLIN
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Ursprung der Schrift
Von der Lehmkugel zum Tintenfass
Vom Tagebuch über die Email bis zum Einkaufszettel - mit der Schrift halten wir fest, was uns bewegt, was wir sagen wollen, was wir nicht vergessen möchten. Doch wo kommt die Schrift eigentlich her? Und wer hat sie erfunden? Von: Yvonne Maier
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Wie sah das Alltagsleben der alten Ägypter aus? Vieles, was die alten Ägypter erfunden und praktiziert haben, wirkt heute überraschend modern - von der Konstruktion des Kartons über die Zugewinngemeinschaft im Eherecht bis hin zum ersten Streik der Arbeiter beim Bau der Pyramiden. (BR 2007)
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Hatschepsut gilt als kraftvollste Herrscherin der ägyptischen Geschichte. In mehr als zwanzig Jahren Regierungszeit bescherte sie ihrem Land eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Doch warum wurden nach ihrem Tod ihre Baudenkmäler entweiht, ihre Porträts zerstört, ihre Spuren in den Königslisten getilgt? (BR 2012)
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ALTES ÄGYPTEN - Die Entzifferung der Hieroglyphen
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Wer war Mohammed? Seine Kindheit ist von Trennungserfahrungen geprägt. Als angesehener Kaufmann wird er mit etwa 40 Jahren zum Aussteiger - und zum Propheten des Islam. (BR 2010)
Die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschehen“ von der Bundeszentrale für politische Bildung hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema:
Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam
von Karl-Heinz Ohlig, Juni 2007
EXTERNER LINK | https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30392/zur-entstehung-und-fruehgeschichte-des-islam/
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ANFÄNGE DES ISLAM - Die Kaaba
ANFÄNGE DES ISLAM – Die Kalifen
ANFÄNGE DES ISLAM – Die Scharia
Seit mehr als 2.000 Jahren steht die Kaaba mitten in der Stadt Mekka. Für jeden gläubigen Muslim ist sie das Zentrum der Welt, ihr Nabel und das Herz seiner Religionsgemeinschaft. In ihre Richtung verneigt er sich fünf Mal am Tag. Für alle anderen ist sie erst einmal das, was Kaaba heißt: Ein Würfel. (BR 2010)
Die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschehen“ von der Bundeszentrale für politische Bildung hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema:
Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam
von Karl-Heinz Ohlig, Juni 2007
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ANFÄNGE DES ISLAM – Der Prophet Mohammed
ANFÄNGE DES ISLAM – Die Kalifen
ANFÄNGE DES ISLAM – Die Scharia
Die Kalifen waren die Nachfolger des Propheten Mohammed, religiöse Führer und Befehlshaber der Gläubigen. 1924 schaffte Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, das Kalifat ab. (BR 2016)
Die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschehen“ von der Bundeszentrale für politische Bildung hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema:
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von Karl-Heinz Ohlig, Juni 2007
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ANFÄNGE DES ISLAM – Der Prophet Mohammed
ANFÄNGE DES ISLAM – Die Kaaba
ANFÄNGE DES ISLAM – Die Scharia
Gnadenloses Gottesrecht oder islamische Ethik? Der Begriff Scharia polarisiert. Die Scharia ist kein Buch, sie ist kein feststehender Codex, den man kaufen und nachschlagen kann. Scharia bezeichnet die Summe von Pflichten und Verboten, die das Leben eines gläubigen Muslims prägen. (BR 2019)
Die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschehen“ von der Bundeszentrale für politische Bildung hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema:
Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam
von Karl-Heinz Ohlig, Juni 2007
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ANFÄNGE DES ISLAM – Die Kalifen
Der Nanga Parbat im Westhimalaya gilt als einer der gefährlichsten Berge der Welt. Vom nationalsozialistischen Deutschland wurde er zum "Schicksalsberg" hochstilisiert, den es um jeden Preis zu bezwingen galt. Die Risikobereitschaft der Alpinisten kostete und kostet bis heute Viele das Leben. (BR 2022)
Wollen Sie noch mehr über Bergsteigerinnen hören? Dann empfehlen wir:
Pionierinnen in Fels und Eis - Frauen im Alpinismus.
Von Königin Marie von Bayern bis zu den Munich Mountain Girls: Ein Expeditionsbericht, der von beschwerlichen und beglückenden Touren der Bergsteigerinnen erzählt. Eine kleine Geschichte des Alpinismus aus Frauenperspektive von Justina Schreiber.
BAYERN 2 | BAYERISCHES FEUILLETON | FRAUEN IM ALPINISMUS
Und natürlich den Bayern 2-Podcast:
Bergfreundinnen
Anna, Toni und Kaddi lieben Berge. Ständig zieht es die drei hinaus und hinauf – und wenn sie nicht am Berg sind, reden sie darüber. Die Bergfreundinnen sprechen sich Mut zu, halten einander und schöpfen am Gipfel neue Kraft – für die nächste Tour und fürs ganze Leben. Sie hören zu und diskutieren Fragen wie: Wie kriegt man mehr Selbstvertrauen am Berg? Wie schaffe ich es nachhaltig Bergzusteigen? Und wie ist das eigentlich mit der Menstruation, wenn ich unterwegs bin? Es sind also eher die großen Themen des Lebens, die im Bergfreundinnen-Podcast behandelt werden.
BR PODCAST | BAYERN 2 | BERGFREUNDINNEN
Auch im BR Fernsehen sind die Bergfreundinnen zu sehen – in der vierteiligen Dokuserie Alpenüberquerung:
BR MEDIATHEK | BERGFREUNDINNEN - ALPENÜBERQUERUNG Folge 1 von 4
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Weitere Folen zur Staffel:
BERG EXTREM - Drama am Mount Everest 1924
BERG EXTREM - Unbekannte Heldinnen
Haben sie es geschafft? Im Juni 1924 brechen George Mallory und Andrew Irvine auf, um den Mount Everest zu besteigen. Einige hundert Meter unterhalb des Gipfels werden die Briten zuletzt gesehen. Was mit ihnen dann geschah, ist bis heute umstritten. (BR 2018)
Wollen Sie noch mehr über Bergsteigerinnen hören? Dann empfehlen wir:
Pionierinnen in Fels und Eis - Frauen im Alpinismus.
Von Königin Marie von Bayern bis zu den Munich Mountain Girls: Ein Expeditionsbericht, der von beschwerlichen und beglückenden Touren der Bergsteigerinnen erzählt. Eine kleine Geschichte des Alpinismus aus Frauenperspektive von Justina Schreiber.
BAYERN 2 | BAYERISCHES FEUILLETON | FRAUEN IM ALPINISMUS
Und natürlich den Bayern 2-Podcast:
Bergfreundinnen
Anna, Toni und Kaddi lieben Berge. Ständig zieht es die drei hinaus und hinauf – und wenn sie nicht am Berg sind, reden sie darüber. Die Bergfreundinnen sprechen sich Mut zu, halten einander und schöpfen am Gipfel neue Kraft – für die nächste Tour und fürs ganze Leben. Sie hören zu und diskutieren Fragen wie: Wie kriegt man mehr Selbstvertrauen am Berg? Wie schaffe ich es nachhaltig Bergzusteigen? Und wie ist das eigentlich mit der Menstruation, wenn ich unterwegs bin? Es sind also eher die großen Themen des Lebens, die im Bergfreundinnen-Podcast behandelt werden.
BR PODCAST | BAYERN 2 | BERGFREUNDINNEN
Auch im BR Fernsehen sind die Bergfreundinnen zu sehen – in der vierteiligen Dokuserie Alpenüberquerung:
BR MEDIATHEK | BERGFREUNDINNEN - ALPENÜBERQUERUNG Folge 1 von 4
Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folen zur Staffel:
BERG EXTREM - Mythos Nanga Parbat
BERG EXTREM - Unbekannte Heldinnen
Der frühe Alpinismus war reine Männersache. Aber willensstarke Pionierinnen zeigten, dass Frauen auf dem Weg nach ganz oben mithalten können. Im Bergsport spiegelt sich beispielhaft ein Kapitel weiblicher Emanzipationsgeschichte. (BR 2019)
Wollen Sie noch mehr über Bergsteigerinnen hören? Dann empfehlen wir:
Pionierinnen in Fels und Eis - Frauen im Alpinismus.
Von Königin Marie von Bayern bis zu den Munich Mountain Girls: Ein Expeditionsbericht, der von beschwerlichen und beglückenden Touren der Bergsteigerinnen erzählt. Eine kleine Geschichte des Alpinismus aus Frauenperspektive von Justina Schreiber.
BAYERN 2 | BAYERISCHES FEUILLETON | FRAUEN IM ALPINISMUS
Und natürlich den Bayern 2-Podcast:
Bergfreundinnen
Anna, Toni und Kaddi lieben Berge. Ständig zieht es die drei hinaus und hinauf – und wenn sie nicht am Berg sind, reden sie darüber. Die Bergfreundinnen sprechen sich Mut zu, halten einander und schöpfen am Gipfel neue Kraft – für die nächste Tour und fürs ganze Leben. Sie hören zu und diskutieren Fragen wie: Wie kriegt man mehr Selbstvertrauen am Berg? Wie schaffe ich es nachhaltig Bergzusteigen? Und wie ist das eigentlich mit der Menstruation, wenn ich unterwegs bin? Es sind also eher die großen Themen des Lebens, die im Bergfreundinnen-Podcast behandelt werden.
BR PODCAST | BAYERN 2 | BERGFREUNDINNEN
Auch im BR Fernsehen sind die Bergfreundinnen zu sehen – in der vierteiligen Dokuserie Alpenüberquerung:
BR MEDIATHEK | BERGFREUNDINNEN - ALPENÜBERQUERUNG Folge 1 von 4
Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folen zur Staffel:
BERG EXTREM - Mythos Nanga Parbat
BERG EXTREM - Drama am Mount Everest 1924
Mediterranes Leben mitten im Allgäu: Das gab es bereits vor 2000 Jahren. Damals wurde die Römerstadt Cambodunum - heute Kempten - gegründet. Die Römer in der neuen Nord-Provinz Rätien verband eine wechselvolle Beziehung mit den Kelten, die zögernd zivilisatorische Errungenschaften der Römer übernahmen.
Rätselhafte Grenze – Wissenschaft am Donaulimes
Er trennte das einst das Römische Reich und die Barbaren: Der Donaulimes. Vom Nachbau eines römischen Militärschiffs erhoffen sich Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse über die 2.000 Kilometer lange Grenze. Mehr dazu in der BR-Dokumentation (online bis 13.10.2027):
JETZT ANSEHEN
Wie könnte es wirklich im römischen Cambodunum gewesen sein? Beim Live-Rollenspiel lässt sich gemeinsam viel herausfinden! Auf twitch suchen wir nach einem vermissten Keltenfürst:
Pen & Paper: Cambodunum – Die Suche nach dem Keltenfürst
Am Sonntag 24.07., Dienstag 26.07. und Donnerstag, 28.07.2022 um 19:00 Uhr
Wo: EXTERNER LINK | www.twitch.tv/ard_alpha
Präsentiert von ARD alpha, organisiert von BR Next
Spielleiterin + Autorin: Mháire Stritter
Spieler*innen: Florentin Will, Sofia Kats, Liza Grimm und Stephan Bliemel
Projektorganisation: Laura Urban, Tim Pfeilschifter, Benedikt Angermeier, Günter Rank, Birgit Schindlbeck
Videos und mehr Infos über Römer und Kelten in Bayern gibt es auf ARD alpha:
Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Römer
ZUR BEITRAGSSEITE
Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Kelten
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Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
WELTMACHT ROM – Der Limes
WELTMACHT ROM – Die Legion
WELTMACHT ROM – Badekultur und Herrschaft
WELTMACHT ROM – Brot und Spiele
Über 5000 Kilometer lang war das Grenzsicherungssystem, das sich um das römische Imperium herum spannte. Einer der spannendsten Abschnitte der Nordgrenze verläuft durch Bayern. (BR 2017)
Rätselhafte Grenze – Wissenschaft am Donaulimes
Er trennte das einst das Römische Reich und die Barbaren: Der Donaulimes. Vom Nachbau eines römischen Militärschiffs erhoffen sich Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse über die 2.000 Kilometer lange Grenze. Mehr dazu in der BR-Dokumentation (online bis 13.10.2027):
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Pen & Paper: Cambodunum – Die Suche nach dem Keltenfürst
Am Sonntag 24.07., Dienstag 26.07. und Donnerstag, 28.07.2022 um 19:00 Uhr
Wo: EXTERNER LINK | www.twitch.tv/ard_alpha
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Videos und mehr Infos über Römer und Kelten in Bayern gibt es auf ARD alpha:
Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Römer
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Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Kelten
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Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
WELTMACHT ROM – Cambodunum, aka Kempten
WELTMACHT ROM – Die Legion
WELTMACHT ROM – Badekultur und Herrschaft
WELTMACHT ROM – Brot und Spiele
Die Legionen Roms waren Jahrhunderte lang die gefürchtetste Armee der Welt. Doch die Legionäre waren mehr als nur Soldaten. Sie brachten auch kulturellen, technischen und zivilisatorischen Fortschritt. (BR 2019)
Rätselhafte Grenze – Wissenschaft am Donaulimes
Er trennte das einst das Römische Reich und die Barbaren: Der Donaulimes. Vom Nachbau eines römischen Militärschiffs erhoffen sich Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse über die 2.000 Kilometer lange Grenze. Mehr dazu in der BR-Dokumentation (online bis 13.10.2027):
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Wie könnte es wirklich im römischen Cambodunum gewesen sein? Beim Live-Rollenspiel lässt sich gemeinsam viel herausfinden! Auf twitch suchen wir nach einem vermissten Keltenfürst:
Pen & Paper: Cambodunum – Die Suche nach dem Keltenfürst
Am Sonntag 24.07., Dienstag 26.07. und Donnerstag, 28.07.2022 um 19:00 Uhr
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Spielleiterin + Autorin: Mháire Stritter
Spieler*innen: Florentin Will, Sofia Kats, Liza Grimm und Stephan Bliemel
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Videos und mehr Infos über Römer und Kelten in Bayern gibt es auf ARD alpha:
Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Römer
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Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Kelten
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Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Weitere Folgen zur Staffel:
WELTMACHT ROM – Cambodunum, aka Kempten
WELTMACHT ROM – Der Limes
WELTMACHT ROM – Badekultur und Herrschaft
WELTMACHT ROM – Brot und Spiele
Die Badekultur war ein allgegenwärtiger Bestandteil römischen Lebens, in Rom selbst wie an den unwirtlichen Außengrenzen des Reichs. Der Aufwand, der dafür betrieben wurde, war gewaltig. (BR 2021)
Rätselhafte Grenze – Wissenschaft am Donaulimes
Er trennte das einst das Römische Reich und die Barbaren: Der Donaulimes. Vom Nachbau eines römischen Militärschiffs erhoffen sich Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse über die 2.000 Kilometer lange Grenze. Mehr dazu in der BR-Dokumentation (online bis 13.10.2027):
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Wie könnte es wirklich im römischen Cambodunum gewesen sein? Beim Live-Rollenspiel lässt sich gemeinsam viel herausfinden! Auf twitch suchen wir nach einem vermissten Keltenfürst:
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Am Sonntag 24.07., Dienstag 26.07. und Donnerstag, 28.07.2022 um 19:00 Uhr
Wo: EXTERNER LINK | www.twitch.tv/ard_alpha
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Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Römer
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Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Kelten
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DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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WELTMACHT ROM – Cambodunum, aka Kempten
WELTMACHT ROM – Der Limes
WELTMACHT ROM – Die Legion
WELTMACHT ROM – Brot und Spiele
Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe begeisterten im alten Rom die Massen und gelten heute oft als Zeichen für eine dekadente, unpolitische Öffentlichkeit. Doch Spiele in Rom waren immer auch Politik. (BR 2016)
Rätselhafte Grenze – Wissenschaft am Donaulimes
Er trennte das einst das Römische Reich und die Barbaren: Der Donaulimes. Vom Nachbau eines römischen Militärschiffs erhoffen sich Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse über die 2.000 Kilometer lange Grenze. Mehr dazu in der BR-Dokumentation (online bis 13.10.2027):
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Am Sonntag 24.07., Dienstag 26.07. und Donnerstag, 28.07.2022 um 19:00 Uhr
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Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Römer
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Reisen in die Vergangenheit – Wie lebten die Kelten
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Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
WELTMACHT ROM – Cambodunum, aka Kempten
WELTMACHT ROM – Der Limes
WELTMACHT ROM – Die Legion
WELTMACHT ROM – Badekultur und Herrschaft
1915 besiegelte die Regierung des Osmanischen Reichs das Schicksal der Armenier, die bis dahin in Anatolien lebten. Mehr als eine Million Armenier wurden vertrieben, verschleppt, umgebracht. (BR 2010)
Hier noch zwei Tipps zum Thema Türkei und Deutschland:
alpha-thema Gespräch: 60 Jahre deutsch-türkische Geschichte
Zwischen "ihr" und "wir"
Vor genau 60 Jahren schloss die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen, um den Arbeitskräftebedarf im damaligen Wirtschaftswunder-Deutschland zu decken. Viele dachten, dass die „Gastarbeiter“ nach ein paar Jahren wieder in die Türkei zurückkehren würden, weshalb übersehen wurde, wirksame Integrationsstrategien zu entwickeln. Dies wirkt sich bis heute auf unsere Gesellschaft aus. (Online bis 10.11.2026)
JETZT ANSEHEN
"Das Türkenmariaendl und der Django"
Einblicke in 300 Jahre türkisch-bayerischer Migrationsgeschichte
Was haben Django Asül, Latife Summerer, Mehmet Scholl, Annemie Sungur, Sigrid Thaller, Verena Laschinger und Nikolaus Strauß gemeinsam?
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
UMBRUCH ZUR TÜRKEI - Das Ende des Osmanischen Reichs
UMBRUCH ZUR TÜRKEI - Mustafa Kemal Atatürk
Im 19. Jahrhundert wird das Osmanische Reich vor allem als "Kranker Mann am Bosporus" wahrgenommen. Der erstarkende Nationalismus im Reich bedeutet das Ende des Vielvölkerstaates. (BR 2015)
Hier noch zwei Tipps zum Thema Türkei und Deutschland:
alpha-thema Gespräch: 60 Jahre deutsch-türkische Geschichte
Zwischen "ihr" und "wir"
Vor genau 60 Jahren schloss die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen, um den Arbeitskräftebedarf im damaligen Wirtschaftswunder-Deutschland zu decken. Viele dachten, dass die „Gastarbeiter“ nach ein paar Jahren wieder in die Türkei zurückkehren würden, weshalb übersehen wurde, wirksame Integrationsstrategien zu entwickeln. Dies wirkt sich bis heute auf unsere Gesellschaft aus. (Online bis 10.11.2026)
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"Das Türkenmariaendl und der Django"
Einblicke in 300 Jahre türkisch-bayerischer Migrationsgeschichte
Was haben Django Asül, Latife Summerer, Mehmet Scholl, Annemie Sungur, Sigrid Thaller, Verena Laschinger und Nikolaus Strauß gemeinsam?
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
UMBRUCH ZUR TÜRKEI - Der Völkermord an den Armeniern
UMBRUCH ZUR TÜRKEI - Mustafa Kemal Atatürk
Atatürk, "Vater der Türken", ist der Beiname von Mustafa Kemal. Er hat aus den Trümmern des Osmanischen Reiches einen modernisierten Staat nach westlichem Vorbild gegründet - die Republik Türkei. (BR 2015)
Hier noch zwei Tipps zum Thema Türkei und Deutschland:
alpha-thema Gespräch: 60 Jahre deutsch-türkische Geschichte
Zwischen "ihr" und "wir"
Vor genau 60 Jahren schloss die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen, um den Arbeitskräftebedarf im damaligen Wirtschaftswunder-Deutschland zu decken. Viele dachten, dass die „Gastarbeiter“ nach ein paar Jahren wieder in die Türkei zurückkehren würden, weshalb übersehen wurde, wirksame Integrationsstrategien zu entwickeln. Dies wirkt sich bis heute auf unsere Gesellschaft aus. (Online bis 10.11.2026)
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"Das Türkenmariaendl und der Django"
Einblicke in 300 Jahre türkisch-bayerischer Migrationsgeschichte
Was haben Django Asül, Latife Summerer, Mehmet Scholl, Annemie Sungur, Sigrid Thaller, Verena Laschinger und Nikolaus Strauß gemeinsam?
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
UMBRUCH ZUR TÜRKEI - Der Völkermord an den Armeniern
UMBRUCH ZUR TÜRKEI - Das Ende des Osmanischen Reichs
In der Antike wurden arme Menschen verhöhnt, im Mittelalter wurden sie kriminalisiert, im vorindustriellen England hat man sie in Arbeitshäuser interniert. Und heute? (BR 2019)
Was ist Armut?
Weltweit leben über 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Wie wird "extreme" Armut definiert? Wann gilt ein Mensch als armutsgefährdet? Und wer ist besonders von Armut betroffen? Ein Erklärvideo von ARD alpha (3 min, online bis 18.11.2025):
ARD alpha | Was ist Armut?
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Armut und Ausgrenzung
In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, gelten etwa 20 Prozent als arm oder sind von Armut bedroht. Betroffen sind auch viele Kinder und Jugendliche. RESPEKT fragt nach den Ursachen und zeigt die Folgen - für den Einzelnen und die Gesellschaft: RESPEKT kompakt auf ARD alpha (15 min, online bis 14.01.2025):
ARD alpha | RESPEKT kompakt | Armut und Ausgrenzung
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Und hier noch ein besonderer Tipp:
"Himmelfahrtskommando":
War mein Vater ein Feigling? Immer wieder mussten er und seine Kameraden sich das anhören. Terroristen nehmen bei den Olympischen Spielen in München 11 israelische Sportler als Geiseln. Mein Vater und seine Kollegen sollen sie befreien. Aber kurz bevor es losgeht, brechen die Polizisten die Aktion ab und ziehen sich zurück. Das Olympia-Attentat endet in einer Katastrophe. Seitdem lässt meinen Vater eine Frage nicht los: Hat er eine Mitschuld am Tod der Geiseln? Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach einer Antwort. Ein BR-Podcast:
Bayern 2 | Himmelfahrtskommando – Mein Vater und das Olympia-Attentat
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Info zum Podcast "Himmelfahrtskommando" auf BR24:
BR24 | "Himmelfahrtskommando": Neue Erkenntnisse zu Olympia-Attentat
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Weitere Folgen zur Staffel:
DIE ARMEN - Pauperismus und Elend
DIE ARMEN - Galbraiths Ideen gegen Armut
DIE ARMEN - Bettelei als Lebensform
John Kenneth Galbraith war einer der einflussreichsten Ökonomen der Nachkriegszeit. Der Berater von Roosevelt und Kennedy stritt zeitlebens für einen starken Sozialstaat. Dieser sollte die Armut, die seiner Meinung nach der Kapitalismus produziert, abmildern. (BR 2016)
Was ist Armut?
Weltweit leben über 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Wie wird "extreme" Armut definiert? Wann gilt ein Mensch als armutsgefährdet? Und wer ist besonders von Armut betroffen? Ein Erklärvideo von ARD alpha (3 min, online bis 18.11.2025):
ARD alpha | Was ist Armut?
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Armut und Ausgrenzung
In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, gelten etwa 20 Prozent als arm oder sind von Armut bedroht. Betroffen sind auch viele Kinder und Jugendliche. RESPEKT fragt nach den Ursachen und zeigt die Folgen - für den Einzelnen und die Gesellschaft: RESPEKT kompakt auf ARD alpha (15 min, online bis 14.01.2025):
ARD alpha | RESPEKT kompakt | Armut und Ausgrenzung
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Und hier noch ein besonderer Tipp:
"Himmelfahrtskommando":
War mein Vater ein Feigling? Immer wieder mussten er und seine Kameraden sich das anhören. Terroristen nehmen bei den Olympischen Spielen in München 11 israelische Sportler als Geiseln. Mein Vater und seine Kollegen sollen sie befreien. Aber kurz bevor es losgeht, brechen die Polizisten die Aktion ab und ziehen sich zurück. Das Olympia-Attentat endet in einer Katastrophe. Seitdem lässt meinen Vater eine Frage nicht los: Hat er eine Mitschuld am Tod der Geiseln? Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach einer Antwort. Ein BR-Podcast:
Bayern 2 | Himmelfahrtskommando – Mein Vater und das Olympia-Attentat
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BR24 | "Himmelfahrtskommando": Neue Erkenntnisse zu Olympia-Attentat
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Weitere Folgen zur Staffel:
DIE ARMEN - Bedürftige und Arbeitshäuser
DIE ARMEN - Pauperismus und Elend
DIE ARMEN - Bettelei als Lebensform
Weite Landstriche verarmten, Hungersnöte wüteten, Aufstände drohten: Ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kam es in den deutschen Territorialstaaten zu einer massenhaften Verelendung vor allem in den ländlichen Gebieten. Schon die Zeitgenossen nannten diese Verelendung Pauperismus. (BR 2019)
Was ist Armut?
Weltweit leben über 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Wie wird "extreme" Armut definiert? Wann gilt ein Mensch als armutsgefährdet? Und wer ist besonders von Armut betroffen? Ein Erklärvideo von ARD alpha (3 min, online bis 18.11.2025):
ARD alpha | Was ist Armut?
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Armut und Ausgrenzung
In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, gelten etwa 20 Prozent als arm oder sind von Armut bedroht. Betroffen sind auch viele Kinder und Jugendliche. RESPEKT fragt nach den Ursachen und zeigt die Folgen - für den Einzelnen und die Gesellschaft: RESPEKT kompakt auf ARD alpha (15 min, online bis 14.01.2025):
ARD alpha | RESPEKT kompakt | Armut und Ausgrenzung
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Und hier noch ein besonderer Tipp:
"Himmelfahrtskommando":
War mein Vater ein Feigling? Immer wieder mussten er und seine Kameraden sich das anhören. Terroristen nehmen bei den Olympischen Spielen in München 11 israelische Sportler als Geiseln. Mein Vater und seine Kollegen sollen sie befreien. Aber kurz bevor es losgeht, brechen die Polizisten die Aktion ab und ziehen sich zurück. Das Olympia-Attentat endet in einer Katastrophe. Seitdem lässt meinen Vater eine Frage nicht los: Hat er eine Mitschuld am Tod der Geiseln? Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach einer Antwort. Ein BR-Podcast:
Bayern 2 | Himmelfahrtskommando – Mein Vater und das Olympia-Attentat
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Weitere Folgen zur Staffel:
DIE ARMEN - Bedürftige und Arbeitshäuser
DIE ARMEN - Galbraiths Ideen gegen Armut
DIE ARMEN - Bettelei als Lebensform
Betteln war schon immer vor allem ein städtisches Phänomen - oft ausgelöst durch Krankheit, Alter oder den Wunsch, die armselige ländliche Heimat hinter sich zu lassen. Im Spätmittelalter wuchs die Zahl der Bettelnden rapide an. Die Zünfte schlossen zugewanderte Arbeitswillige in der Regel vom Arbeitsmarkt aus. (BR 2017)
Was ist Armut?
Weltweit leben über 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Wie wird "extreme" Armut definiert? Wann gilt ein Mensch als armutsgefährdet? Und wer ist besonders von Armut betroffen? Ein Erklärvideo von ARD alpha (3 min, online bis 18.11.2025):
ARD alpha | Was ist Armut?
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Armut und Ausgrenzung
In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, gelten etwa 20 Prozent als arm oder sind von Armut bedroht. Betroffen sind auch viele Kinder und Jugendliche. RESPEKT fragt nach den Ursachen und zeigt die Folgen - für den Einzelnen und die Gesellschaft: RESPEKT kompakt auf ARD alpha (15 min, online bis 14.01.2025):
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War mein Vater ein Feigling? Immer wieder mussten er und seine Kameraden sich das anhören. Terroristen nehmen bei den Olympischen Spielen in München 11 israelische Sportler als Geiseln. Mein Vater und seine Kollegen sollen sie befreien. Aber kurz bevor es losgeht, brechen die Polizisten die Aktion ab und ziehen sich zurück. Das Olympia-Attentat endet in einer Katastrophe. Seitdem lässt meinen Vater eine Frage nicht los: Hat er eine Mitschuld am Tod der Geiseln? Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach einer Antwort. Ein BR-Podcast:
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Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
DIE ARMEN - Bedürftige und Arbeitshäuser
DIE ARMEN - Pauperismus und Elend
DIE ARMEN - Galbraiths Ideen gegen Armut
Mit Stalingrad und dem Vorrücken der Alliierten an allen Fronten war der Krieg für NS-Deutschland verloren. Doch die letzten Regime-Anhänger leisteten Widerstand, bis die Alliierten Ort für Ort einnahmen. Am 8. und 9. Mai 1945 kam endlich die Kapitulation - die Befreiung.
Ein Beitrag mit vielen Fotos über Bayerns „Stunde Null“ bietet BR24:
In Bayern dauert die Stunde Null mehrere Wochen. Während mancherorts Anfang April schon die US-Armee paradiert, wütet nebenan noch die SS, verbreiten sich in Ostbayern noch im Mai Falschmeldungen über einen Einmarsch der Russen:
BR24 | KRIEGSENDE 1945 | BAYERNS „STUNDE NULL“
Was verändert der aktuelle Krieg in der Erinnerungskultur?
Kann man den früheren Befreiern und jetzigen Invasoren noch einen Gedenktag widmen? Ein Beitrag des MDR in der ARD-Mediathek (verfügbar bis 4.6.2022):
ARD MEDIATHEK | 8. MAI: IRRITATIONEN ZUM „TAG DER BEFREIUNG“
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Der Schock war groß im Oktober 1973: Erdöl und Benzin waren mit einem Mal nahezu doppelt so teuer wie noch kurz zuvor. Der Grund: Im Nahen Osten war der Jom-Kippur-Krieg ausgebrochen. Mehrere Opec-Staaten beschlossen daraufhin, ihr Öl als Waffe einzusetzen. Sie belieferten die USA und deren westliche Verbündete nicht mehr mit Erdöl. Die Ölkrise hat die westliche Welt erschüttert. (BR 2014)
Zum Thema Energiehunger empfehlen wir weitere spannende Beiträge:
alpha-demokratie weltweit
Der Hunger nach Energie (30 Min)
Die sprunghaft gestiegenen Preise für Öl, Gas und Benzin haben uns zum Nachdenken über unseren Energieverbrauch gebracht. Seit Jahrzehnten ist er weltweit stetig gewachsen. Der Anteil erneuerbarer Energien hat inzwischen deutlich zugenommen, vor allem in Europa - aber noch nicht genug, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Und seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine steht die Debatte um die Energiewende plötzlich unter ganz neuen Vorzeichen.
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BR24 Thema des Tages
Europa macht sich unabhängig - Wie es ohne russisches Öl und Gas gehen soll (8 Min)
Am 2. Mai haben sich die EU-Energieminister bei einem Sondertreffen in Brüssel beraten, wie man sich unabhängig von russischem Gas machen kann. Welche Möglichkeiten die EU dabei hat, darüber spricht Florian Haas mit dem ARD-Brüssel-Korrespondenten Stephan Ueberbach. Außerdem blicken unsere Korrespondenten nach Italien und Bulgarien, die vor besonderen Herausforderungen stehen.
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BR24 Reportage
Gas und Öl ade - Bayern muss anders heizen (22 Min)
Bayern soll bis 2040 klimaneutral werden. Am schwierigsten wird es dabei sein, die Öl- oder Gas-Gebäudeheizungen auf CO2-freie Varianten umzustellen. Lorenz Storch hat sich die Transformation in nord- und ostbayerischen Privathäusern ebenso angeschaut wie die energetische Sanierung staatlicher Liegenschaften. Noch läuft der Abschied von fossilen Brennstoffen langsam.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
ENERGIEHUNGER - Not macht erfinderisch
ENERGIEHUNGER - Die industrielle Revolution
Eine nahezu perfekte Energiespar-Wand vor 3.500 Jahren: eine Doppelmauer mit Grasfüllung. Ein solcher Wärmeschutzstandard wurde erst wieder Mitte der 1990er Jahre üblich. Nicht die einzige clevere Energiespar-Idee aus weit zurückliegenden Zeiten! (BR 2015)
Zum Thema Energiehunger empfehlen wir weitere spannende Beiträge:
alpha-demokratie weltweit
Der Hunger nach Energie (30 Min)
Die sprunghaft gestiegenen Preise für Öl, Gas und Benzin haben uns zum Nachdenken über unseren Energieverbrauch gebracht. Seit Jahrzehnten ist er weltweit stetig gewachsen. Der Anteil erneuerbarer Energien hat inzwischen deutlich zugenommen, vor allem in Europa - aber noch nicht genug, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Und seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine steht die Debatte um die Energiewende plötzlich unter ganz neuen Vorzeichen.
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BR24 Thema des Tages
Europa macht sich unabhängig - Wie es ohne russisches Öl und Gas gehen soll (8 Min)
Am 2. Mai haben sich die EU-Energieminister bei einem Sondertreffen in Brüssel beraten, wie man sich unabhängig von russischem Gas machen kann. Welche Möglichkeiten die EU dabei hat, darüber spricht Florian Haas mit dem ARD-Brüssel-Korrespondenten Stephan Ueberbach. Außerdem blicken unsere Korrespondenten nach Italien und Bulgarien, die vor besonderen Herausforderungen stehen.
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BR24 Reportage
Gas und Öl ade - Bayern muss anders heizen (22 Min)
Bayern soll bis 2040 klimaneutral werden. Am schwierigsten wird es dabei sein, die Öl- oder Gas-Gebäudeheizungen auf CO2-freie Varianten umzustellen. Lorenz Storch hat sich die Transformation in nord- und ostbayerischen Privathäusern ebenso angeschaut wie die energetische Sanierung staatlicher Liegenschaften. Noch läuft der Abschied von fossilen Brennstoffen langsam.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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ENERGIEHUNGER - Die Ölkrise der 1970er
ENERGIEHUNGER - Die industrielle Revolution
Rauchende Fabrikschlote und dampfende Lokomotiven, grau- schwarze Fördertürme und rasselnde Stahlwerke: Das sind die Bilder der Industriellen Revolution. Sie stellte das Leben der Menschheit auf den Kopf und erzeugte einen nie dagewesenen Energiehunger. (BR 2011)
Zum Thema Energiehunger empfehlen wir weitere spannende Beiträge:
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Der Hunger nach Energie (30 Min)
Die sprunghaft gestiegenen Preise für Öl, Gas und Benzin haben uns zum Nachdenken über unseren Energieverbrauch gebracht. Seit Jahrzehnten ist er weltweit stetig gewachsen. Der Anteil erneuerbarer Energien hat inzwischen deutlich zugenommen, vor allem in Europa - aber noch nicht genug, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Und seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine steht die Debatte um die Energiewende plötzlich unter ganz neuen Vorzeichen.
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BR24 Thema des Tages
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Am 2. Mai haben sich die EU-Energieminister bei einem Sondertreffen in Brüssel beraten, wie man sich unabhängig von russischem Gas machen kann. Welche Möglichkeiten die EU dabei hat, darüber spricht Florian Haas mit dem ARD-Brüssel-Korrespondenten Stephan Ueberbach. Außerdem blicken unsere Korrespondenten nach Italien und Bulgarien, die vor besonderen Herausforderungen stehen.
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BR24 Reportage
Gas und Öl ade - Bayern muss anders heizen (22 Min)
Bayern soll bis 2040 klimaneutral werden. Am schwierigsten wird es dabei sein, die Öl- oder Gas-Gebäudeheizungen auf CO2-freie Varianten umzustellen. Lorenz Storch hat sich die Transformation in nord- und ostbayerischen Privathäusern ebenso angeschaut wie die energetische Sanierung staatlicher Liegenschaften. Noch läuft der Abschied von fossilen Brennstoffen langsam.
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Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Weitere Folgen zur Staffel:
ENERGIEHUNGER - Die Ölkrise der 1970er
ENERGIEHUNGER - Not macht erfinderisch
Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre hat John Maynard Keynes auf die Idee gebracht: In Krisen soll der Staat gezielt in die Wirtschaft eingreifen, um ihr wieder auf die Beine zu helfen. Damit vertrat er genau das Gegenteil von der Idee einer Wirtschaft, die sich am besten selbst helfen könne. Bis heute scheiden sich am Keynesianismus die ökonomischen Geister. (BR 2010)
Steigende Preise, schwache Wirtschaft: Droht eine Stagflation?
Die Inflationsraten steigen und steigen, gleichzeitig stockt die Konjunktur. Eine Situation, die an die 1970er Jahre nach dem Ölpreisschock erinnert. Ein Beitrag von Christine Bergmann für BR24:
BR24 | STEIGENDE PREISE, SCHWACHE WIRTSCHAFT: DROHT EINE STAGFLATION
Arbeit, Zins und Geld – Keynesianismus
Die Folge der Doku-Serie von ARD alpha „Das 1x1 der Wirtschaft“ erklärt in kurzen 15 Minuten Kernaussagen des Keynesianismus:
BR MEDIATHEK | DAS 1x1 DER WIRTSCHAFT: ARBEIT, ZINS UND GELD - KEYNESIANISMUS
Unser Podcast-Tipp:
Zeitkapsel – Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?
Irene Hasenberg ist 13 Jahre alt, als sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wird. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder ist sie 1937 aus Berlin nach Amsterdam geflohen. Aber die Nationalsozialisten haben sie eingeholt. Todesangst, Misshandlung, Hunger - jeder Tag könnte der letzte sein. „Wie hast du den Holocaust überlebt?“, wollen Milla, Ida, Lonneke und Mathilda von Irene wissen. Dieser neunteilige Podcast ist aus den Gesprächen der vier 16-jährigen Schülerinnen mit der heute 91-jährigen Irene entstanden. Jeden Dienstag erscheint eine neue Episode.
ARD AUDIOTHEK | ZEITKAPSEL - IRENE, WIE HAST DU DEN HOLOCAUST ÜBERLEBT
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel:
RAUS AUS DER KRISE! Roosevelts Kampf um die Wirtschaft
RAUS AUS DER KRISE! Der Marshall-Plan als Hilfe zur Selbsthilfe
RAUS AUS DER KRISE! Das Wunder von Wörgl
Es war ein Schock: Im Oktober 1929 brach der Börsenhandel an der amerikanischen Wall Street ein, es folgte eine schwere Wirtschaftskrise. Bald war ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung arbeitslos. Dann wurde der Demokrat Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten gewählt. Er versprach den Leuten einen New Deal. Bald kam es zu etlichen Wirtschafts- und Sozialreformen, Elemente eines US-amerikanischen Sozialstaats. (BR 2016)
Steigende Preise, schwache Wirtschaft: Droht eine Stagflation?
Die Inflationsraten steigen und steigen, gleichzeitig stockt die Konjunktur. Eine Situation, die an die 1970er Jahre nach dem Ölpreisschock erinnert. Ein Beitrag von Christine Bergmann für BR24:
BR24 | STEIGENDE PREISE, SCHWACHE WIRTSCHAFT: DROHT EINE STAGFLATION
Arbeit, Zins und Geld – Keynesianismus
Die Folge der Doku-Serie von ARD alpha „Das 1x1 der Wirtschaft“ erklärt in kurzen 15 Minuten Kernaussagen des Keynesianismus:
BR MEDIATHEK | DAS 1x1 DER WIRTSCHAFT: ARBEIT, ZINS UND GELD - KEYNESIANISMUS
Unser Podcast-Tipp:
Zeitkapsel – Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?
Irene Hasenberg ist 13 Jahre alt, als sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wird. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder ist sie 1937 aus Berlin nach Amsterdam geflohen. Aber die Nationalsozialisten haben sie eingeholt. Todesangst, Misshandlung, Hunger - jeder Tag könnte der letzte sein. „Wie hast du den Holocaust überlebt?“, wollen Milla, Ida, Lonneke und Mathilda von Irene wissen. Dieser neunteilige Podcast ist aus den Gesprächen der vier 16-jährigen Schülerinnen mit der heute 91-jährigen Irene entstanden. Jeden Dienstag erscheint eine neue Episode.
ARD AUDIOTHEK | ZEITKAPSEL - IRENE, WIE HAST DU DEN HOLOCAUST ÜBERLEBT
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Weitere Folgen zur Staffel:
RAUS AUS DER KRISE! Keynes' folgenreicher Plan für die Wirtschaft
RAUS AUS DER KRISE! Der Marshall-Plan als Hilfe zur Selbsthilfe
RAUS AUS DER KRISE! Das Wunder von Wörgl
Nach dem Zweiten Weltkrieg liegen Deutschland und Europa in Trümmern. Da beschließen die USA den Marshall-Plan und vergeben großzügige Kredite an Europa. Die Wirtschaft erholt sich, es kommt zum westdeutschen Wirtschaftswunder. Hätte das ohne Marshall-Plan nicht stattgefunden? (BR 2017)
Steigende Preise, schwache Wirtschaft: Droht eine Stagflation?
Die Inflationsraten steigen und steigen, gleichzeitig stockt die Konjunktur. Eine Situation, die an die 1970er Jahre nach dem Ölpreisschock erinnert. Ein Beitrag von Christine Bergmann für BR24:
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Arbeit, Zins und Geld – Keynesianismus
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Irene Hasenberg ist 13 Jahre alt, als sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wird. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder ist sie 1937 aus Berlin nach Amsterdam geflohen. Aber die Nationalsozialisten haben sie eingeholt. Todesangst, Misshandlung, Hunger - jeder Tag könnte der letzte sein. „Wie hast du den Holocaust überlebt?“, wollen Milla, Ida, Lonneke und Mathilda von Irene wissen. Dieser neunteilige Podcast ist aus den Gesprächen der vier 16-jährigen Schülerinnen mit der heute 91-jährigen Irene entstanden. Jeden Dienstag erscheint eine neue Episode.
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DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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RAUS AUS DER KRISE! Keynes' folgenreicher Plan für die Wirtschaft
RAUS AUS DER KRISE! Roosevelts Kampf um die Wirtschaft
RAUS AUS DER KRISE! Das Wunder von Wörgl
Michael Unterguggenberger war ein Arbeitersohn aus ärmsten Verhältnissen. Doch er erreichte für seine österreichische Gemeinde Wörgl Weltruhm. 1932, mitten in der Weltwirtschaftskrise, erfand er gegen den Widerstand aus Wien eine eigene Währung für seinen Ort. Tatsächlich schaffte er es damit, einen Konjunkturaufschwung auszulösen. (BR 2019)
Steigende Preise, schwache Wirtschaft: Droht eine Stagflation?
Die Inflationsraten steigen und steigen, gleichzeitig stockt die Konjunktur. Eine Situation, die an die 1970er Jahre nach dem Ölpreisschock erinnert. Ein Beitrag von Christine Bergmann für BR24:
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BR MEDIATHEK | DAS 1x1 DER WIRTSCHAFT: ARBEIT, ZINS UND GELD - KEYNESIANISMUS
Unser Podcast-Tipp:
Zeitkapsel – Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?
Irene Hasenberg ist 13 Jahre alt, als sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wird. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder ist sie 1937 aus Berlin nach Amsterdam geflohen. Aber die Nationalsozialisten haben sie eingeholt. Todesangst, Misshandlung, Hunger - jeder Tag könnte der letzte sein. „Wie hast du den Holocaust überlebt?“, wollen Milla, Ida, Lonneke und Mathilda von Irene wissen. Dieser neunteilige Podcast ist aus den Gesprächen der vier 16-jährigen Schülerinnen mit der heute 91-jährigen Irene entstanden. Jeden Dienstag erscheint eine neue Episode.
ARD AUDIOTHEK | ZEITKAPSEL - IRENE, WIE HAST DU DEN HOLOCAUST ÜBERLEBT
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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RAUS AUS DER KRISE! Keynes' folgenreicher Plan für die Wirtschaft
RAUS AUS DER KRISE! Roosevelts Kampf um die Wirtschaft
RAUS AUS DER KRISE! Der Marshall-Plan als Hilfe zur Selbsthilfe
"Wer drin ist, ist sicher. Wer nicht drin ist, ist weniger sicher"- dieses Credo des ehemaligen NATO-Generalsekretärs Manfred Wörner über die NATO findet bei vielen Staaten Anklang. Inzwischen umfasst das Bündnis auch einige Länder des ehemaligen Ostblocks. Als die NATO 1949 gegründet wurde, wäre dies undenkbar gewesen. Zu ersten Kampfeinsätzen kam das westliche Verteidigungsbündnis nach Ende des Kalten Krieges im ehemaligen Jugoslawien. (BR 2009)
Seit den 1990er-Jahren hat die NATO ihr Einflussgebiet nach Osten ausgedehnt: Neue Mitgliedsstaaten sind dazugekommen. In der aktuellen Krise flammt der alte Streit darüber wieder auf. Einen Beitrag von BR 24 / „Dossier Politik“ auf Bayern 2 gibt es HIER.
Was ist das eigentlich: Die "Nato-Ostflanke"? Was der Artikel 4? Und was hat es mit der Nato-Osterweiterung auf sich? BR24 klärt HIER, was hinter den Begriffen in unserer Berichterstattung steckt.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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UDSSR UND DER WESTEN - Der Warschauer Pakt
UDSSR UND DER WESTEN - Alexander Solschenizyn
Mit dem Warschauer Pakt reagierte die Sowjetunion auf die Gründung der NATO und die Aufnahme der Bundesrepublik in das westliche Verteidigungsbündnis. Der Ministerpräsident der DDR Otto Grotewohl nannte den Warschauer Vertrag 1955, im Jahr seiner Unterzeichnung, eine "kraftvolle Demonstration des Friedens- und Verständigungswillens der beteiligten Staaten". 1991 wurde der Pakt aufgelöst. (BR 2011)
Seit den 1990er-Jahren hat die NATO ihr Einflussgebiet nach Osten ausgedehnt: Neue Mitgliedsstaaten sind dazugekommen. In der aktuellen Krise flammt der alte Streit darüber wieder auf. Einen Beitrag von BR 24 / „Dossier Politik“ auf Bayern 2 gibt es HIER.
Was ist das eigentlich: Die "Nato-Ostflanke"? Was der Artikel 4? Und was hat es mit der Nato-Osterweiterung auf sich? BR24 klärt HIER, was hinter den Begriffen in unserer Berichterstattung steckt.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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UDSSR UND DER WESTEN - Die Nato
UDSSR UND DER WESTEN - Alexander Solschenizyn
Alexander Solschenizyn bekam 1970 den Literaturnobelpreis. Mit seinem Werk "Archipel Gulag" durchbrach der Schriftsteller das Schweigen über den Roten Terror und setzte den Opfern von Stalins Lagern ein Denkmal. Vier Jahre später bürgerte ihn die Sowjetunion aus. Erst viel später kehrte er zurück. Solschenizyns Biographie ist nicht frei von Widersprüchen. Auch Putin beruft sich heute auf den Autor. (BR 2017)
Seit den 1990er-Jahren hat die NATO ihr Einflussgebiet nach Osten ausgedehnt: Neue Mitgliedsstaaten sind dazugekommen. In der aktuellen Krise flammt der alte Streit darüber wieder auf. Einen Beitrag von BR 24 / „Dossier Politik“ auf Bayern 2 gibt es HIER.
Was ist das eigentlich: Die "Nato-Ostflanke"? Was der Artikel 4? Und was hat es mit der Nato-Osterweiterung auf sich? BR24 klärt HIER, was hinter den Begriffen in unserer Berichterstattung steckt.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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UDSSR UND DER WESTEN - Die Nato
UDSSR UND DER WESTEN - Der Warschauer Pakt
Der Polarforscher Ernest Shackleton rettete seine Mannschaft aus auswegloser Lage in der Antarktis. Dem Kapitän der Endurance gelang es immer wieder, seine Leute umso mehr aufzubauen, je schrecklicher und aussichtsloser die Situation schien. (BR 2013)
1915 ist die Endurance, das Expeditionsschiff Ernest Shackletons, in den eisigen Gewässern des Weddell-Meeres vor der Antarktis gesunken. Jetzt wurde das Wrack in rund 3000 Metern Tiefe entdeckt. Ein spektakulärer Fund!
Das Video sehen Sie HIER (Video bis 16.03.2022 online)
Dazu auch der Bericht von IQ – Wissenschaft und Forschung auf Bayern 2:
SHACKLETONS "ENDURANCE" IN DER ANTARKTIS GEFUNDEN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast TATORT GESCHICHTE sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Der Krieg gilt als männliches Terrain. Frauen spielen eher eine untergeordnete Rolle. Umso wichtiger sind weibliche Berichterstatterinnen. Denn Tod und Gewalt machen nicht vor Geschlechtergrenzen Halt. (BR 2020)
Zum Thema Desinformation empfehlen wir den BEITRAG VON BR24:
Der russische Präsident Putin hat immer wieder das Narrativ verbreitet, die Ukraine sei der Aggressor. Unter anderem belegte er das mit angeblichen Vorfällen im Donbass. An der Echtheit einiger dieser Meldungen gibt es Zweifel. Eine #Faktenfuchs-Recherche.
Der Krieg in der Ukraine breitet sich als Propagandaschlacht von beiden Seiten in die sozialen Medien aus. Ein BEITRAG VON BR24
Empfehlenswert für Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:
„Zusammenhänge verstehen: Die Geschichte Russlands und der Ukraine“, eine Beitragssammlung in der ARD-Audiothek finden Sie HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast TATORT GESCHICHTE sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Weitere Folgen zur Staffel:
Als im Kosovo die Luftschläge der NATO begannen, gab es nur wenige Journalist:innen in der Provinzhauptstadt des Kosovo. Und "embedded" war damals so gut wie niemand - eingebettet in die jugoslawische Armee oder die NATO-Streitkräfte, so wie man das von den "Medienkriegen" heute kennt, die vor laufenden Kameras geführt werden. (BR 2011)
Zum Thema Desinformation empfehlen wir den BEITRAG VON BR24:
Der russische Präsident Putin hat immer wieder das Narrativ verbreitet, die Ukraine sei der Aggressor. Unter anderem belegte er das mit angeblichen Vorfällen im Donbass. An der Echtheit einiger dieser Meldungen gibt es Zweifel. Eine #Faktenfuchs-Recherche.
Der Krieg in der Ukraine breitet sich als Propagandaschlacht von beiden Seiten in die sozialen Medien aus. Ein BEITRAG VON BR24
Empfehlenswert für Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:
„Zusammenhänge verstehen: Die Geschichte Russlands und der Ukraine“, eine Beitragssammlung in der ARD-Audiothek finden Sie HIER.
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Der Erste Weltkrieg war auch der erste totale Propagandakrieg. Es galt, den jeweiligen Feind zum Unmenschen zu stempeln. Die Waffen: Parolen, Lügen, Symbole. Die Schlachtfelder: Zeitungen, Plakate, das Kino. (BR 2014)
Zum Thema Desinformation empfehlen wir den BEITRAG VON BR24:
Der russische Präsident Putin hat immer wieder das Narrativ verbreitet, die Ukraine sei der Aggressor. Unter anderem belegte er das mit angeblichen Vorfällen im Donbass. An der Echtheit einiger dieser Meldungen gibt es Zweifel. Eine #Faktenfuchs-Recherche.
Der Krieg in der Ukraine breitet sich als Propagandaschlacht von beiden Seiten in die sozialen Medien aus. Ein BEITRAG VON BR24
Empfehlenswert für Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:
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Im Podcast TATORT GESCHICHTE sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Vor 40.000 Jahren formen Menschen aus Elfenbein Statuetten: Pferde, Mammuts, die Figur einer Frau und heute ganz prominent: einen Löwenmenschen. Es sind die ältesten bisher gefundenen Kunstwerke der Welt. Überbleibsel aus einem Zeitalter, das wir Aurignacien nennen. Doch warum ersinnen diese ersten modernen Menschen Kunst? (BR 2017)
Eine Doku zur ERFINDUNG DER KUNST AUF DER SCHWÄBISCHEN ALB bietet Südlicht im BR Fernsehen
Ein PORTRÄT VON JEAN FRANCOIS CHAMPOLLION, des Wunderkinds und Workaholics, der die Hieroglyphen knackte, bietet radioWissen:
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast TATORT GESCHICHTE sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wenn Sie sich für eine spannende TV-Serie aus der Zeit direkt nach Mauerfall und Wiedervereinigung interessieren, empfehlen wir Ihnen: ZERV – Zeit der Abrechung in der ARD Mediathek:
Berlin 1991: Die Ost-Berliner Kriminalkommissarin Karo Schubert ermittelt im Mordfall an einem hochrangigen Mitarbeiter des DDR-Abrüstungsministeriums. Der neu eingesetzte West-Kommissar Peter Simon aus der Sondereinheit ZERV, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, beansprucht den Fall für sich. Beide müssen von nun an zusammenarbeiten. Es geht um Waffengeschäfte im Zuge der NVA-Abrüstung, alte, grenzüberschreitende Seilschaften und um politisches und gesellschaftliches Unrecht.
ZWERV ist fiktional, erzählt sich aber entlang auch an wahren Begebenheiten.
Weitere Folgen zur Staffel:
ANFÄNGE DER KULTUR - Erfindung des Ackerbaus
ANFÄNGE DER KULTUR - Erfindung der Schrift
Ohne Landwirtschaft wäre die Menschheit nicht das, was sie heute ist: Der Übergang von der Kultur der Jäger und Sammler zur Kultur der Bauern bildet die Grundlage unserer Zivilisation. Aber wie hat alles angefangen? Warum setzte sich die neue Lebensweise überhaupt durch? Anfangs hatten die Bauern sogar sehr viel schlechtere Überlebenschancen als die Jäger und Sammler. Und doch sind sie heute die Gewinner der Geschichte. (BR 2014)
Eine Doku zur ERFINDUNG DER KUNST AUF DER SCHWÄBISCHEN ALB bietet Südlicht im BR Fernsehen
Ein PORTRÄT VON JEAN FRANCOIS CHAMPOLLION, des Wunderkinds und Workaholics, der die Hieroglyphen knackte, bietet radioWissen:
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast TATORT GESCHICHTE sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wenn Sie sich für eine spannende TV-Serie aus der Zeit direkt nach Mauerfall und Wiedervereinigung interessieren, empfehlen wir Ihnen: ZERV – Zeit der Abrechung in der ARD Mediathek:
Berlin 1991: Die Ost-Berliner Kriminalkommissarin Karo Schubert ermittelt im Mordfall an einem hochrangigen Mitarbeiter des DDR-Abrüstungsministeriums. Der neu eingesetzte West-Kommissar Peter Simon aus der Sondereinheit ZERV, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, beansprucht den Fall für sich. Beide müssen von nun an zusammenarbeiten. Es geht um Waffengeschäfte im Zuge der NVA-Abrüstung, alte, grenzüberschreitende Seilschaften und um politisches und gesellschaftliches Unrecht.
ZWERV ist fiktional, erzählt sich aber entlang auch an wahren Begebenheiten.
Weitere Folgen zur Staffel:
ANFÄNGE DER KULTUR - Erfindung der Kunst
ANFÄNGE DER KULTUR - Erfindung der Schrift
Schrift ist eine ziemlich neue Erfindung innerhalb der Menschheitsgeschichte. Vor rund 5.200 Jahren tauchen im heutigen Irak erste Tontafeln auf, in die strukturierte Zeichen eingeritzt wurden. Doch es waren keine Texte im heutigen Sinn. Und im Gegensatz zu heute gab es einen eigenen Beruf des "Schreibers": Schon fünfjährige Kinder wurden dafür ausgewählt und über viele Jahre hinweg ausgebildet. (BR 2018)
Eine Doku zur ERFINDUNG DER KUNST AUF DER SCHWÄBISCHEN ALB bietet Südlicht im BR Fernsehen
Ein PORTRÄT VON JEAN FRANCOIS CHAMPOLLION, des Wunderkinds und Workaholics, der die Hieroglyphen knackte, bietet radioWissen:
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast TATORT GESCHICHTE sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wenn Sie sich für eine spannende TV-Serie aus der Zeit direkt nach Mauerfall und Wiedervereinigung interessieren, empfehlen wir Ihnen: ZERV – Zeit der Abrechung in der ARD Mediathek:
Berlin 1991: Die Ost-Berliner Kriminalkommissarin Karo Schubert ermittelt im Mordfall an einem hochrangigen Mitarbeiter des DDR-Abrüstungsministeriums. Der neu eingesetzte West-Kommissar Peter Simon aus der Sondereinheit ZERV, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, beansprucht den Fall für sich. Beide müssen von nun an zusammenarbeiten. Es geht um Waffengeschäfte im Zuge der NVA-Abrüstung, alte, grenzüberschreitende Seilschaften und um politisches und gesellschaftliches Unrecht.
ZWERV ist fiktional, erzählt sich aber entlang auch an wahren Begebenheiten.
Weitere Folgen zur Staffel:
1932/33 herrschte in der Sowjetunion eine Hungersnot, die in der Ukraine Millionen Opfer forderte. Noch heute ist umstritten, inwieweit Stalin den Hungertod als politische Waffe gegen die renitenten Ukrainer benutzte. (BR 2019)
Zur Eskalation der Lage in der Ukraine empfehlen wir Ihnen auch noch diese Beiträge:
Johannes Grotzky, langjähriger Ost-Europa-Korrespondent des BR und der ARD lehrt heute an der Uni Bamberg Osteuropa-Wissenschaften. Für ihn erklärt sich Putins Handeln nicht einfach durch pure Machtpolitik:
https://www.br.de/kultur/gesellschaft/ukraine-putin-geschichtsrevisionismus-100.html
Horst Teltschik, der ehemalige Berater Helmut Kohls und Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, zur Verantwortung für den Konflikt:
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowelt/horst-teltschik-russland-ukraine-krise-100.html
Sondersendung am 22.02. zur russischen Invasion in die Ukraine: Holger Romann spricht mit unseren Korrespondenten in Moskau, Berlin, Brüssel und Washington sowie mit dem Politikwissenschaftler und sicherheitspolitischen Experten Prof. Christian Hacke:
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast „Tatort Geschichte“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
https://www.br.de/mediathek/podcast/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/854
Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/kalenderblatt-708.html
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei radioWissen.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/radiowissen202.html
Weitere Folge zur Staffel:
Die Ukraine ist ein junger Staat im Osten Europas mit einer turbulenten, leidvollen Geschichte. Ist das Land zerrissen zwischen Ost und West? Oder ein modernes multiethnisches Staatsgebilde? Die Deutung der Vergangenheit beeinflusst, wie die Ukraine heute gesehen wird. (BR 2021)
Zur Eskalation der Lage in der Ukraine empfehlen wir Ihnen auch noch diese Beiträge:
Johannes Grotzky, langjähriger Ost-Europa-Korrespondent des BR und der ARD lehrt heute an der Uni Bamberg Osteuropa-Wissenschaften. Für ihn erklärt sich Putins Handeln nicht einfach durch pure Machtpolitik:
https://www.br.de/kultur/gesellschaft/ukraine-putin-geschichtsrevisionismus-100.html
Horst Teltschik, der ehemalige Berater Helmut Kohls und Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, zur Verantwortung für den Konflikt:
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowelt/horst-teltschik-russland-ukraine-krise-100.html
Sondersendung am 22.02. zur russischen Invasion in die Ukraine: Holger Romann spricht mit unseren Korrespondenten in Moskau, Berlin, Brüssel und Washington sowie mit dem Politikwissenschaftler und sicherheitspolitischen Experten Prof. Christian Hacke:
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast „Tatort Geschichte“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
https://www.br.de/mediathek/podcast/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/854
Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/kalenderblatt-708.html
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei radioWissen.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/radiowissen202.html
Weitere Folge zur Staffel:
Haben Deutschland und Russland ein ganz besonderes Verhältnis zueinander? 1922 wurde der Vertrag von Rapallo zwischen zwei Außenseitern der Weltpolitik geschlossen: Sowjetrussland und Deutschland wollten damit ihre internationale Isolierung durchbrechen. Besonders Frankreich, Polen und Großbritannien waren geschockt. Bis heute spricht man von dem "Rapallo-Komplex", wenn eine zu starke Annäherung Deutschlands an Russland befürchtet wird. (BR 2022)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast „Tatort Geschichte“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
https://www.br.de/mediathek/podcast/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/854
Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/kalenderblatt-708.html
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei radioWissen.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/radiowissen202.html
Alles begann mit einer Reise der jungen Ida B. Wells im Jahre 1883. Der Schaffner will sie aus dem Wagen der Ersten Klasse gewaltsam in den Wagen für Schwarze Fahrgäste zerren. Sie wehrt sich. Später wird Ida B. Wells als eine der ersten Schwarzen investigativen Journalistinnen der USA gegen die grausamen Lynchmorde ankämpfen. Ihnen fielen Tausende zum Opfer. (BR 2022)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast „Tatort Geschichte“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
https://www.br.de/mediathek/podcast/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/854
Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/kalenderblatt-708.html
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei radioWissen.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/radiowissen202.html
Weitere Folgen zur Staffel:
BLACK HISTORY - Martin Luther King
BLACK HISTORY - We shall overcome
Bei der Geburt der Vereinigten Staaten von Amerika galten keineswegs für alle Bevölkerungsgruppen dieselben Rechte. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 gab es mehr als 460.000 Sklaven und Sklavinnen. Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges rund 100 Jahre später hatte sich ihre Zahl in den Südstaaten nahezu verzehnfacht. Der Weg der afro-amerikanischen Bevölkerung zu einer vollen Gleichberechtigung mit der weißen Mehrheit war lang und schwierig. Er ist noch nicht zu Ende. (BR 2014)
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast „Tatort Geschichte“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
https://www.br.de/mediathek/podcast/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/854
Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/kalenderblatt-708.html
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei radioWissen.
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/radiowissen202.html
Weitere Folgen zur Staffel:
Systematische Haftstrafen wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt. Vorher gab es vor allem Leibes- und Todesstrafe, Verbannung und Geldbußen. Im 16. Jahrhundert entstanden die ersten Vorläufer von Gefängnissen im modernen Sinn. Sie waren zunächst Einrichtungen der Armenpflege und verpflichteten zur Arbeit. (BR 2015)
Weitere Folgen zur Staffel:
VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik
VERBRECHEN FRÜHER - Hamelns verschwundene Kinder
Mit der Abschaffung der Folter im 18.Jahrhundert stand die Kriminalistik vor einem Problem: Das Geständnis als "Krone der Beweise"" verlor sein Gewicht. Neue Beweisführungen mussten her. Berühmte Kriminalfälle aus der Geschichte zeigen, welche wissenschaftlichen Errungenschaften den Weg in die moderne Kriminaltechnik ebneten. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel:
VERBRECHEN FRÜHER - Das Gefängnis
VERBRECHEN FRÜHER - Hamelns verschwundene Kinder
Wer war Anton Hermann? Der Spiegelbeleger in Lohr am Main arbeitete mit Quecksilber und wurde dadurch schwer krank. Um sich Medizin kaufen zu können, zweigte er heimlich Überschüsse der giftigen, aber teuren Substanz ab. 1776 flog sein verzweifelter Handel auf. Vom Arbeiter Anton Herrmann wissen wir nur durch Prozessakten. (BR 2020)
Weitere Folgen zur Staffel:
VERBRECHEN FRÜHER - Das Gefängnis
VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik
Auf der ganzen Welt wird die Sage vom Rattenfänger von Hameln erzählt. Von den USA bis China ist sie Schullektüre. Dass die Sage einen wahren Kern hat, ist unbestritten. Doch was geschah damals wirklich in Hameln? Die historische Spurensuche führt zurück ins Mittelalter. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel:
VERBRECHEN FRÜHER - Das Gefängnis
VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik
Wasserburg am Inn, 2. Februar 1942: Die junge Magd Cäcilie Bauer findet auf einem Hof die blutverschmierte Leiche des fast 60jährigen Fuhrknechts Leonhard Eder. Zunächst sieht alles nach einem "Selbstmord" aus. Rekonstruktion eines authentischen Kriminalfalls. (BR 2020)
Weitere Folgen zur Staffel:
VERBRECHEN FRÜHER - Das Gefängnis
VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik
Wer war Homer? Das ist heute umstrittener denn je. Traditionell gilt er als der Verfasser der ersten literarischen Werke des Abendlands, der Ilias und der Odyssee. Bei genauerem Hinsehen stößt man auf Rätsel. Eines ist aber klar: Homer ist der Urvater beinahe aller nervenaufreibenden Geschichten. Der Archäologe Heinrich Schliemann hatte versucht, diesen Geschichten in der Wirklichkeit einen Ort zu geben. Im Januar 2022 wäre er 200 Jahre alt geworden. (BR 2010)
Wenige Forschende verkörpern den Traum von Archäologie so sehr wie Heinrich Schliemann. Vor 200 Jahren, am 6. Januar 1822, wurde er geboren. Lange galt er als der Mann, der nur mit Homers Ilias in der Hand das alte Troja wiederentdeckt hatte, einen längst überwachsenen Hügel an den Dardanellen. Inzwischen ist jedoch auch Frank Calvert ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er war es, der Schliemann damals den entscheidenden Tipp mit dem Hügel Hissarlik gegeben hatte. Auch er war ein begeisterter Amateur-Archäologe, genauso wie Schliemann, bis der am Hügel mit seinen großangelegten Grabungen begann.
Doch mit seiner Troja-Grabung hat Schliemann nicht nur einen einzigartigen archäologischen Fundplatz erschlossen, er hat auch den Startschuss für die Entdeckung einer ganzen Epoche gegeben. Mit ihm begann die Erforschung der griechischen Bronzezeit, einer Zeit, die um 1200 vor Christus mit dem rätselhaften Zusammenbruch der meisten Mächte des östlichen Mittelmeers zu Ende ging. Fiel auch Troja diesem Geschehen zum Opfer? Und welche Rolle spielt Homer mit seinen Epen Ilias und Odyssee für diese Ereignisse? Immerhin hat Homer erst rund 500 Jahre später gelebt. Bis zu Schliemann hatten die meisten Forschenden Helden und Heroinnen wie Agamemnon und Klytaimestra, Helena, Menelaos und Paris, Achill und Patroklos, Hektor und Andromache, Odysseus und Penelope für reine mythologische Fiktion gehalten. Kein Wunder, sind sie in den Epen doch nur das irdische Personal eines gewaltigen Dramas, das immer kräftig von den olympischen Göttinnen und Göttern befeuert wird. Doch seit Schliemann lag plötzlich die Frage nahe: Gab es Homers Trojanischen Krieg wirklich?
Literatur-Tipps:
· Justus Cobet, Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. C.H. Beck, München (2.akt. Aufl. 2007)
· Dieter Hertel, Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. C. H. Beck, München (3. akt. Auflage 2008)
· ders., Das frühe Ilion. Die Besiedlung Troias durch die Griechen (1020–650/25 v. Chr.). C. H. Beck, München 2008
· Barbara Patzek, Homer und seine Zeit, Beck, München 2003
· dies., Homer und die frühen Griechen. De Gruyter, Berlin u. a. 2017
Mediathek / TV-Tipps:
Zu Heinrich Schliemanns Geburtstag bringt ARD alpha am Mittwoch, 5. Januar zwei Sendungen zum Thema, die dann auch in der Mediathek verfügbar sind:
Geheimnisvolle Orte: Troja und der Schatz des Priamos
21:00 bis 21:45 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314368.html
alpha-thema Gespräch: Geheimnisvolle Schätze?
Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann
Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte
21:45 bis 22:15 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314370.html
Weitere Folgen zur Staffel:
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Rätsel Troja
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Heinrich Schliemann im Porträt
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Das historische und mythische Mykene
Troja - kaum ein anderer Ausgrabungsort weckt so viele Phantasien. Troja ist der Ort des Krieges, den Homer besang, an dem Helden wie Achill und Hektor starben, der Göttinnen und Götter entzweite und der in einem Inferno unterging. Troja ist aber auch der reale Ort, den Heinrich Schliemann ausgrub. Hat der Mythos eine reale Grundlage? Im Januar 2022 wäre Heinrich Schliemann 200 Jahre alt geworden. (BR 2022)
Wenige Forschende verkörpern den Traum von Archäologie so sehr wie Heinrich Schliemann. Vor 200 Jahren, am 6. Januar 1822, wurde er geboren. Lange galt er als der Mann, der nur mit Homers Ilias in der Hand das alte Troja wiederentdeckt hatte, einen längst überwachsenen Hügel an den Dardanellen. Inzwischen ist jedoch auch Frank Calvert ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er war es, der Schliemann damals den entscheidenden Tipp mit dem Hügel Hissarlik gegeben hatte. Auch er war ein begeisterter Amateur-Archäologe, genauso wie Schliemann, bis der am Hügel mit seinen großangelegten Grabungen begann.
Doch mit seiner Troja-Grabung hat Schliemann nicht nur einen einzigartigen archäologischen Fundplatz erschlossen, er hat auch den Startschuss für die Entdeckung einer ganzen Epoche gegeben. Mit ihm begann die Erforschung der griechischen Bronzezeit, einer Zeit, die um 1200 vor Christus mit dem rätselhaften Zusammenbruch der meisten Mächte des östlichen Mittelmeers zu Ende ging. Fiel auch Troja diesem Geschehen zum Opfer? Und welche Rolle spielt Homer mit seinen Epen Ilias und Odyssee für diese Ereignisse? Immerhin hat Homer erst rund 500 Jahre später gelebt. Bis zu Schliemann hatten die meisten Forschenden Helden und Heroinnen wie Agamemnon und Klytaimestra, Helena, Menelaos und Paris, Achill und Patroklos, Hektor und Andromache, Odysseus und Penelope für reine mythologische Fiktion gehalten. Kein Wunder, sind sie in den Epen doch nur das irdische Personal eines gewaltigen Dramas, das immer kräftig von den olympischen Göttinnen und Göttern befeuert wird. Doch seit Schliemann lag plötzlich die Frage nahe: Gab es Homers Trojanischen Krieg wirklich?
Literatur-Tipps:
· Justus Cobet, Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. C.H. Beck, München (2.akt. Aufl. 2007)
· Dieter Hertel, Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. C. H. Beck, München (3. akt. Auflage 2008)
· ders., Das frühe Ilion. Die Besiedlung Troias durch die Griechen (1020–650/25 v. Chr.). C. H. Beck, München 2008
· Barbara Patzek, Homer und seine Zeit, Beck, München 2003
· dies., Homer und die frühen Griechen. De Gruyter, Berlin u. a. 2017
Mediathek / TV-Tipps:
Zu Heinrich Schliemanns Geburtstag bringt ARD alpha am Mittwoch, 5. Januar zwei Sendungen zum Thema, die dann auch in der Mediathek verfügbar sind:
Geheimnisvolle Orte: Troja und der Schatz des Priamos
21:00 bis 21:45 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314368.html
alpha-thema Gespräch: Geheimnisvolle Schätze?
Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann
Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte
21:45 bis 22:15 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314370.html
Weitere Folgen zur Staffel:
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Homer
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Heinrich Schliemann im Porträt
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Das historische und mythische Mykene
Heinrich Schliemann kam aus kleinen Verhältnissen. Früh gelang ihm der Aufstieg zum steinreichen Kaufmann. Doch einen Lebenssinn fand er nicht. Wonach er sich wirklich sehnte, waren die Geheimnisse der Vergangenheit, ihre Ergründung durch die Wissenschaften. Die Entdeckung Trojas erfüllte Heinrich Schliemanns Lebenstraum. Und die Archäologie entdeckte: Homers Dichtung hat mit der Wirklichkeit zu tun! Anfang 2022 wäre Heinrich Schliemann 200 Jahre alt geworden. (BR 2008)
Wenige Forschende verkörpern den Traum von Archäologie so sehr wie Heinrich Schliemann. Vor 200 Jahren, am 6. Januar 1822, wurde er geboren. Lange galt er als der Mann, der nur mit Homers Ilias in der Hand das alte Troja wiederentdeckt hatte, einen längst überwachsenen Hügel an den Dardanellen. Inzwischen ist jedoch auch Frank Calvert ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er war es, der Schliemann damals den entscheidenden Tipp mit dem Hügel Hissarlik gegeben hatte. Auch er war ein begeisterter Amateur-Archäologe, genauso wie Schliemann, bis der am Hügel mit seinen großangelegten Grabungen begann.
Doch mit seiner Troja-Grabung hat Schliemann nicht nur einen einzigartigen archäologischen Fundplatz erschlossen, er hat auch den Startschuss für die Entdeckung einer ganzen Epoche gegeben. Mit ihm begann die Erforschung der griechischen Bronzezeit, einer Zeit, die um 1200 vor Christus mit dem rätselhaften Zusammenbruch der meisten Mächte des östlichen Mittelmeers zu Ende ging. Fiel auch Troja diesem Geschehen zum Opfer? Und welche Rolle spielt Homer mit seinen Epen Ilias und Odyssee für diese Ereignisse? Immerhin hat Homer erst rund 500 Jahre später gelebt. Bis zu Schliemann hatten die meisten Forschenden Helden und Heroinnen wie Agamemnon und Klytaimestra, Helena, Menelaos und Paris, Achill und Patroklos, Hektor und Andromache, Odysseus und Penelope für reine mythologische Fiktion gehalten. Kein Wunder, sind sie in den Epen doch nur das irdische Personal eines gewaltigen Dramas, das immer kräftig von den olympischen Göttinnen und Göttern befeuert wird. Doch seit Schliemann lag plötzlich die Frage nahe: Gab es Homers Trojanischen Krieg wirklich?
Literatur-Tipps:
· Justus Cobet, Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. C.H. Beck, München (2.akt. Aufl. 2007)
· Dieter Hertel, Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. C. H. Beck, München (3. akt. Auflage 2008)
· ders., Das frühe Ilion. Die Besiedlung Troias durch die Griechen (1020–650/25 v. Chr.). C. H. Beck, München 2008
· Barbara Patzek, Homer und seine Zeit, Beck, München 2003
· dies., Homer und die frühen Griechen. De Gruyter, Berlin u. a. 2017
Mediathek / TV-Tipps:
Zu Heinrich Schliemanns Geburtstag bringt ARD alpha am Mittwoch, 5. Januar zwei Sendungen zum Thema, die dann auch in der Mediathek verfügbar sind:
Geheimnisvolle Orte: Troja und der Schatz des Priamos
21:00 bis 21:45 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314368.html
alpha-thema Gespräch: Geheimnisvolle Schätze?
Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann
Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte
21:45 bis 22:15 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314370.html
Weitere Folgen zur Staffel:
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Homer
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Rätsel Troja
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Das historische und mythische Mykene
Hat der Held Agamemnon wirklich gelebt? Der griechische Sagenkreis verortet ihn in Mykene, einer der bedeutendsten Städte der Bronzezeit. Heinrich Schliemann hat Mykene ausgegraben und war sich sicher: Ja! Hier war er zuhause. Doch wer hier wirklich lebte, und wie das Leben dort aussah, ist bis heute eher rätselhaft. Anfang 2022 wäre Heinrich Schliemann 200 Jahre alt geworden. (BR 2016)
Wenige Forschende verkörpern den Traum von Archäologie so sehr wie Heinrich Schliemann. Vor 200 Jahren, am 6. Januar 1822, wurde er geboren. Lange galt er als der Mann, der nur mit Homers Ilias in der Hand das alte Troja wiederentdeckt hatte, einen längst überwachsenen Hügel an den Dardanellen. Inzwischen ist jedoch auch Frank Calvert ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er war es, der Schliemann damals den entscheidenden Tipp mit dem Hügel Hissarlik gegeben hatte. Auch er war ein begeisterter Amateur-Archäologe, genauso wie Schliemann, bis der am Hügel mit seinen großangelegten Grabungen begann.
Doch mit seiner Troja-Grabung hat Schliemann nicht nur einen einzigartigen archäologischen Fundplatz erschlossen, er hat auch den Startschuss für die Entdeckung einer ganzen Epoche gegeben. Mit ihm begann die Erforschung der griechischen Bronzezeit, einer Zeit, die um 1200 vor Christus mit dem rätselhaften Zusammenbruch der meisten Mächte des östlichen Mittelmeers zu Ende ging. Fiel auch Troja diesem Geschehen zum Opfer? Und welche Rolle spielt Homer mit seinen Epen Ilias und Odyssee für diese Ereignisse? Immerhin hat Homer erst rund 500 Jahre später gelebt. Bis zu Schliemann hatten die meisten Forschenden Helden und Heroinnen wie Agamemnon und Klytaimestra, Helena, Menelaos und Paris, Achill und Patroklos, Hektor und Andromache, Odysseus und Penelope für reine mythologische Fiktion gehalten. Kein Wunder, sind sie in den Epen doch nur das irdische Personal eines gewaltigen Dramas, das immer kräftig von den olympischen Göttinnen und Göttern befeuert wird. Doch seit Schliemann lag plötzlich die Frage nahe: Gab es Homers Trojanischen Krieg wirklich?
Literatur-Tipps:
· Justus Cobet, Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. C.H. Beck, München (2.akt. Aufl. 2007)
· Dieter Hertel, Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. C. H. Beck, München (3. akt. Auflage 2008)
· ders., Das frühe Ilion. Die Besiedlung Troias durch die Griechen (1020–650/25 v. Chr.). C. H. Beck, München 2008
· Barbara Patzek, Homer und seine Zeit, Beck, München 2003
· dies., Homer und die frühen Griechen. De Gruyter, Berlin u. a. 2017
Mediathek / TV-Tipps:
Zu Heinrich Schliemanns Geburtstag bringt ARD alpha am Mittwoch, 5. Januar zwei Sendungen zum Thema, die dann auch in der Mediathek verfügbar sind:
Geheimnisvolle Orte: Troja und der Schatz des Priamos
21:00 bis 21:45 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314368.html
alpha-thema Gespräch: Geheimnisvolle Schätze?
Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann
Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte
21:45 bis 22:15 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314370.html
Weitere Folgen zur Staffel:
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Homer
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Rätsel Troja
Paläste gingen in Flammen auf, die Hauptstädte fielen in Schutt und Asche, ganze Landstriche wurden entvölkert. Um 1200 vor Christus brachen die reichen Kulturen der Bronzezeit im ganzen östlichen Mittelmeerraum zusammen. Das dramatische Ende der Epoche gilt als ein "Jahrhundert-Rätsel" der Archäologie. Heinrich Schliemanns Entdeckung von Troja hatte erste Hinweis auf das dramatische Geschehen gegeben. Anfang 2022 wäre er 200 Jahre alt geworden. (BR 2018)
Wenige Forschende verkörpern den Traum von Archäologie so sehr wie Heinrich Schliemann. Vor 200 Jahren, am 6. Januar 1822, wurde er geboren. Lange galt er als der Mann, der nur mit Homers Ilias in der Hand das alte Troja wiederentdeckt hatte, einen längst überwachsenen Hügel an den Dardanellen. Inzwischen ist jedoch auch Frank Calvert ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er war es, der Schliemann damals den entscheidenden Tipp mit dem Hügel Hissarlik gegeben hatte. Auch er war ein begeisterter Amateur-Archäologe, genauso wie Schliemann, bis der am Hügel mit seinen großangelegten Grabungen begann.
Doch mit seiner Troja-Grabung hat Schliemann nicht nur einen einzigartigen archäologischen Fundplatz erschlossen, er hat auch den Startschuss für die Entdeckung einer ganzen Epoche gegeben. Mit ihm begann die Erforschung der griechischen Bronzezeit, einer Zeit, die um 1200 vor Christus mit dem rätselhaften Zusammenbruch der meisten Mächte des östlichen Mittelmeers zu Ende ging. Fiel auch Troja diesem Geschehen zum Opfer? Und welche Rolle spielt Homer mit seinen Epen Ilias und Odyssee für diese Ereignisse? Immerhin hat Homer erst rund 500 Jahre später gelebt. Bis zu Schliemann hatten die meisten Forschenden Helden und Heroinnen wie Agamemnon und Klytaimestra, Helena, Menelaos und Paris, Achill und Patroklos, Hektor und Andromache, Odysseus und Penelope für reine mythologische Fiktion gehalten. Kein Wunder, sind sie in den Epen doch nur das irdische Personal eines gewaltigen Dramas, das immer kräftig von den olympischen Göttinnen und Göttern befeuert wird. Doch seit Schliemann lag plötzlich die Frage nahe: Gab es Homers Trojanischen Krieg wirklich?
Literatur-Tipps:
· Justus Cobet, Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. C.H. Beck, München (2.akt. Aufl. 2007)
· Dieter Hertel, Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. C. H. Beck, München (3. akt. Auflage 2008)
· ders., Das frühe Ilion. Die Besiedlung Troias durch die Griechen (1020–650/25 v. Chr.). C. H. Beck, München 2008
· Barbara Patzek, Homer und seine Zeit, Beck, München 2003
· dies., Homer und die frühen Griechen. De Gruyter, Berlin u. a. 2017
Mediathek / TV-Tipps:
Zu Heinrich Schliemanns Geburtstag bringt ARD alpha am Mittwoch, 5. Januar zwei Sendungen zum Thema, die dann auch in der Mediathek verfügbar sind:
Geheimnisvolle Orte: Troja und der Schatz des Priamos
21:00 bis 21:45 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314368.html
alpha-thema Gespräch: Geheimnisvolle Schätze?
Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann
Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte
21:45 bis 22:15 Uhr
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-3314370.html
Weitere Folgen zur Staffel:
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Homer
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Rätsel Troja
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Heinrich Schliemann im Porträt
SCHLIEMANNS VERMÄCHTNIS - Das historische und mythische Mykene
Selbstbedienung im Supermarkt! 1917 wurde diese Idee patentiert. Die Kunden haben das als Revolution empfunden: mehr Freiheit beim Einkauf! Aber es hat sich noch viel mehr getan: Das neue Konzept brachte neue Produkte, neues Design, Massenproduktion und Massenkonsum. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel:
MAHLZEIT! - Esskultur von Jägerschnitzel zu Sushi
MAHLZEIT! - Geschichte der Konservendose
"Kochen ohne Zucker" und "fettarm im Alltag" - das Kochkursangebot einer Volkshochschule von heute. Eine Hausfrau im Jahr 1945, kurz nach dem Krieg, hätte über ein solches Angebot den Kopf geschüttelt. Sie war froh um jedes Gramm Fett, jede Prise Zucker. Denn in den Jahren nach dem Krieg war Deutschland am Verhungern. Die Zeiten haben sich geändert - und auch die Esskultur. (BR 2020)
Weitere Folgen zur Staffel:
MAHLZEIT! - Die Geburt der Supermärkte
MAHLZEIT! - Geschichte der Konservendose
Sie sollte die Kriegsführung erleichtern: Die Konservendose. Der gefährlichste Gegner auf Europas Schlachtfeldern der frühen Neuzeit war der Hunger. Tausende Soldaten unterwegs - die Versorgung der Männer mit Nahrung war eine logistische Herausforderung. Damit seine Soldaten nicht hungern mussten, lobte Napoleon Bonaparte 1795 einen Preis für denjenigen aus, der eine Lösung fand. Ein paar Jahre war sie da: Die Konservendose. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel:
MAHLZEIT! - Die Geburt der Supermärkte
MAHLZEIT! - Esskultur von Jägerschnitzel zu Sushi
Wenn Gourmets die kunstvoll arrangierten Kreationen in Sterne-dekorierten Restaurants genießen, werden sie von internationalen Starköchen und -köchinnen verwöhnt. Heute kennt man sogar ihre Namen. Das war nicht immer so. Die Geschichte weist sie etwa in der Antike als namenlose Sklaven aus. Ihre soziale Rolle hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Sie sind zu Künstlerinnen und Künstlern geworden. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel:
MAHLZEIT! - Die Geburt der Supermärkte
MAHLZEIT! - Esskultur von Jägerschnitzel zu Sushi
Fleisch von kranken Tieren, gestrecktes Mehl, gefälschte Gewürze - das alles gab es schon im Mittelalter. Scharfe Strafen vom Pranger bis hin zum Strang sollten abschreckend wirken. Lebensmittelskandale sind also keine Erscheinung der Moderne. Wo wachsende Bevölkerungen ernährt werden mussten, wie beim mittelalterlichen Wachstum der Städte, war schon immer Tür und Tor offen für "Fälscherei und Beschiss". (BR 2016)
Weitere Folgen zur Staffel:
MAHLZEIT! - Die Geburt der Supermärkte
MAHLZEIT! - Esskultur von Jägerschnitzel zu Sushi
Stark und leistungsfähig, schön und gesund - das ist das Idealbild des menschlichen Körpers. Das war nicht immer so. Erst mit der Aufklärung wurde das Individuum und auch sein Körper zum Thema. Leistungs- und Arbeitsfähigkeit bestimmten immer mehr das Maß gesellschaftlicher Anerkennung. Industrialisierung und ihr mechanistisches Naturverständnis verstärkten den Trend. (BR 2019)
KÖRPER UND GESELLSCHAFT - Körperbehinderung
KÖRPER UND GESELLSCHAFT - Mensch am Fließband
Bild: "Allegorie auf Beuth, den Pegasus reitend", Aquarell über Vorzeichnung mit Graphitstift von Karl Friedrich Schinkel, 1837. 37,4 x 35,9 cm, Kupferstichkabinett, Berlin.
"Krüppel", so nannte man früher Menschen mit körperlicher Behinderung. Die medizinischen Möglichkeiten, ihre Leiden zu lindern, waren gering, der Umgang im besten Falle geprägt von herablassender Fürsorge. Im schlimmsten Falle - das galt vor allem für Kinder, die bereits mit einer Behinderung zur Welt kamen - sprach man ihnen sogar das Lebensrecht ab. Erst langsam änderte sich der Umgang mit Menschen mit Behinderung. (BR 2015)
Der Autofabrikant Henry Ford führte 1914 das Fließband ein. Das sparte ihm und den Kunden Kosten - zu Lasten der Arbeiter. Nicht mehr der Rhythmus der Natur oder der einzelnen handwerklichen Arbeitsschritte gab dem arbeitenden Menschen den Takt vor, sondern die Geschwindigkeit des Fließbands. Immer gleiche Handgriffe an immer gleichen Teilen trieben die Arbeitenden zur Erschöpfung und in die Abstumpfung. (BR 2014)
"Innovationen made in Germany" - damit warb die deutsche Autoindustrie Jahrzehnte lang. Doch ausgerechnet als es darum ging, etwas für die Umwelt zu tun, mauerten die Konzerne. Die Einführung des Fahrzeugkatalysators ist die Geschichte einer erfolgreichen Verzögerungstaktik. (BR 2011)
Weitere Folgen zur Staffel:
UMWELT UND POLITIK - Die Geschichte der Umweltbewegung
UMWELT UND POLITIK - Von rauchenden Schloten zum Klimagesetz
1971 ist ein Schlüsseljahr für die Umweltpolitik in beiden Teilen Deutschlands: Im Westen formuliert die Bundesregierung unter Willy Brandt erstmals ein Umweltprogramm, im Osten finden die ersten Wochen der sozialistischen Landeskultur statt. Aber während dieser Elan im Osten sehr bald zum Erliegen kommt und Umweltdaten unter Verschluss bleiben, gibt es im Westen immer neue Grenzwerte und Gesetze. (BR 2021)
Weitere Folgen zur Staffel:
UMWELT UND POLITIK - Die Geschichte der Umweltbewegung
UMWELT UND POLITIK - Katalysator, Autolobby und Wirtschaftspolitik
Ob Atomkraft oder Waldsterben, ob im badischen Wyhl oder am Amazonas: Die Umweltbewegung ist grenzenlos und ihre Protagonisten sind bunt zusammengewürfelt. Sie kommen aus der Wissenschaft, der Politik, den Universitäten und Schulen, aber auch von Initiativen vor Ort. Seit den 70er Jahren schließen sie Bündnisse oder bekämpfen sich. Denn oft ziehen Naturschutz und Umweltschutz nicht an einem Strang. Ein Rückblick auf die Geschichte der Umweltbewegung vor "Fridays for Future". (BR 2012)
Weitere Folgen zur Staffel:
UMWELT UND POLITIK - Von rauchenden Schloten zum Klimagesetz
UMWELT UND POLITIK - Katalysator, Autolobby und Wirtschaftspolitik
Der Krieg war aus, die ehemaligen Eliten entmachtet oder zumindest geschwächt. Hoffnungen auf eine moderne Gesellschaft blühten auf, Sehnsüchte nach Neuanfang. In der Weimarer Republik wurde der Mensch neu gedacht. Linke und rechte Utopien prallten dabei aufeinander.
Weitere Folgen zur Staffel:
NEUANFÄNGE - Aussteiger um 1900
Lange Haare, wilde Bärte, Kittel und weite Hosen: Die Aussteiger, die um 1900 auf der Suche nach einem alternativen Leben auf dem Monte Verità im Tessin zusammenfanden, waren leicht zu erkennen. "Man glaubte unter Urwaldmenschen zu sein", schrieb der Bildhauer Max Kruse. Neuanfang - das hieß ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur.
Weitere Folgen zur Staffel:
NEUANFÄNGE - Weimar, Republik der Erwartungen
Automaten und Maschinen gab es vereinzelt schon seit der Antike, doch sie dienten vor allem dem Showeffekt. Im 18. Jahrhundert wurde das Unterhaltungsmoment jedoch fast völlig von der Nutzanwendung verdrängt. Erst jetzt wurde aus der technischen Machbarkeit eine technische Revolution. Warum?
Weitere Folgen zur Staffel:
NEUANFÄNGE - Weimar, Republik der Erwartungen
"1968" hat einer ganzen Generation ein Etikett verpasst, das sie nie wieder losgeworden ist: Die "68er" gelten bis heute als Generation der Revolte, des Aufbegehrens gegen den Muff der Nachkriegsjahre. Aufbrüche und Neuanfänge, politisch, künstlerisch, sexuell, sozial waren schon in den Jahren zuvor unverkennbar.
Weitere Folgen zur Staffel:
NEUANFÄNGE - Weimar, Republik der Erwartungen
Bayerische Jüdinnen und Juden - davon gibt es heute wieder viele. Unsagbar vielfältig sind nicht nur ihre Familiengeschichten, sondern auch ihre Sorgen, ihre Träume und ihr Blick auf ihre Heimat - Bayern. (BR 2021)
Noch mehr Frauen und Männer kennenlernen, die ihr Jüdischsein in Bayern leben? Die Dokumentation "Siebenmal jüdisches Leben in Bayern" von Karin Becker und Julia Zantl gibt es in der BR Mediathek zu sehen:
Unser Hörfunkfeature "Jüdisches Leben in Bayern" hat Interviews verwendet, die bei den Recherchen zu dieser TV-Doku entstanden sind.
Schalom 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland:
https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Seit mindestens 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland – nachweislich seit dem 11. Dezember 321, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln gestattete.
Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden steht am Anfang einer wechselvollen Geschichte. Einer Geschichte mit tiefen Zäsuren und Brüchen. Aber auch einer Geschichte der Vielfalt und der Bereicherung in allen Lebensbereichen – in Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport.
Das Jubiläum der Ersterwähnung jüdischen Lebens hierzulande ist Anlass für ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr. Dieses begleitet der Bayerische Rundfunk das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online mit einem umfangreichen, laufend um neue Beiträge erweiterten BR-Thema: "Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".
Weitere Folgen zur Staffel:
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Walther Rathenau
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Jüdische Berufsarbeit früher
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Die Wallachs und das Dirndl
Als Erbe des AEG-Konzerns war Walther Rathenau einer der prominentesten Männer seiner Zeit. Früh fand er Zugang zur künstlerischen und intellektuellen Avantgarde. In der Weimarer Republik unterstützte er die liberale DDP und versuchte, die Isolation Deutschlands zu durchbrechen. Für kurze Zeit wurde er sogar Reichsaußenminister, ehe ihn rechte Extremisten ermordeten.
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Noch mehr Frauen und Männer kennenlernen, die ihr Jüdischsein in Bayern leben? Die Dokumentation "Siebenmal jüdisches Leben in Bayern" von Karin Becker und Julia Zantl gibt es in der BR Mediathek zu sehen:
Unser Hörfunkfeature "Jüdisches Leben in Bayern" hat Interviews verwendet, die bei den Recherchen zu dieser TV-Doku entstanden sind.
Schalom 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland:
https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Seit mindestens 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland – nachweislich seit dem 11. Dezember 321, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln gestattete.
Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden steht am Anfang einer wechselvollen Geschichte. Einer Geschichte mit tiefen Zäsuren und Brüchen. Aber auch einer Geschichte der Vielfalt und der Bereicherung in allen Lebensbereichen – in Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport.
Das Jubiläum der Ersterwähnung jüdischen Lebens hierzulande ist Anlass für ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr. Dieses begleitet der Bayerische Rundfunk das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online mit einem umfangreichen, laufend um neue Beiträge erweiterten BR-Thema: "Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".
Weitere Folgen zur Staffel:
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Gestern und heute in Bayern
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Jüdische Berufsarbeit früher
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Die Wallachs und das Dirndl
Das Klischee, dass Juden besonders gut mit Geld umgehen könnten und daher bevorzugt im Bankenwesen arbeiteten, hat sich bis heute gehalten. Dieser längst widerlegte Mythos wurzelt im Mittelalter. Juden durfte viele Berufe nicht ausüben, sie hatten nicht viel Auswahl, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. (BR 2021)
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Noch mehr Frauen und Männer kennenlernen, die ihr Jüdischsein in Bayern leben? Die Dokumentation "Siebenmal jüdisches Leben in Bayern" von Karin Becker und Julia Zantl gibt es in der BR Mediathek zu sehen:
Unser Hörfunkfeature "Jüdisches Leben in Bayern" hat Interviews verwendet, die bei den Recherchen zu dieser TV-Doku entstanden sind.
Schalom 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland:
https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Seit mindestens 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland – nachweislich seit dem 11. Dezember 321, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln gestattete.
Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden steht am Anfang einer wechselvollen Geschichte. Einer Geschichte mit tiefen Zäsuren und Brüchen. Aber auch einer Geschichte der Vielfalt und der Bereicherung in allen Lebensbereichen – in Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport.
Das Jubiläum der Ersterwähnung jüdischen Lebens hierzulande ist Anlass für ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr. Dieses begleitet der Bayerische Rundfunk das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online mit einem umfangreichen, laufend um neue Beiträge erweiterten BR-Thema: "Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".
Weitere Folgen zur Staffel:
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Gestern und heute in Bayern
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Walther Rathenau
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Die Wallachs und das Dirndl
Bis vor wenigen Jahren befand sich im Zentrum von München das traditionsreiche Geschäft "Wallach", spezialisiert auf Trachten und bunt bedruckte Stoffe. Wallach war entscheidend am Siegeszug des "Dirndls" beteilig, stattete Oktoberfestzüge aus und prägte entscheidend das folkloristische Bayern-Bild. (BR 2007)
Noch mehr Frauen und Männer kennenlernen, die ihr Jüdischsein in Bayern leben? Die Dokumentation "Siebenmal jüdisches Leben in Bayern" von Karin Becker und Julia Zantl gibt es in der BR Mediathek zu sehen:
BR MEDIATHEK I BAYERN ERLEBEN
Unser Hörfunkfeature "Jüdisches Leben in Bayern" hat Interviews verwendet, die bei den Recherchen zu dieser TV-Doku entstanden sind.
Schalom 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland:
1700 JAHRE JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND AUF BR.DE
Seit mindestens 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland – nachweislich seit dem 11. Dezember 321, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln gestattete.
Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden steht am Anfang einer wechselvollen Geschichte. Einer Geschichte mit tiefen Zäsuren und Brüchen. Aber auch einer Geschichte der Vielfalt und der Bereicherung in allen Lebensbereichen – in Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport.
Das Jubiläum der Ersterwähnung jüdischen Lebens hierzulande ist Anlass für ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr. Dieses begleitet der Bayerische Rundfunk das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online mit einem umfangreichen, laufend um neue Beiträge erweiterten BR-Thema: "Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".
Das verwendete Bild stammt übrigens aus einer Ausstellung des Jüdischen Museums München aus dem Jahr 2007 (Fotograf: Andreas Gebert). Weitere Details dazu gibt es hier:
ZUR WEBSITE DES JÜDISCHEN MUSEUMS MÜNCHEN
Weitere Folgen zur Staffel:
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Gestern und heute in Bayern
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Walther Rathenau
JÜDISCHES LEBEN IN DEUTSCHLAND - Jüdische Berufsarbeit früher
Stress pur für die Hochzeitsplaner: Zehntausend Gäste drängten 1475 nach Landshut, als Herzog Ludwig der Reiche seinen Sohn mit einer polnischen Prinzessin vermählte. Doch waren auch alle glücklich? Eine Liebesheirat war es jedenfalls nicht. Hatte damals auch niemand erwartet. (BR 2005) Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel "Pen&Paper - Das Turnier" auf Twitch. Mehr dazu in den Shownotes.
Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel:
"Pen & Paper - Das Turnier" [https://1.ard.de/DasTurnier?BR=PT]
am 28.09.2021 19:00 Uhr auf Twitch.
Im niederbayerischen Landshut findet ein großes Ritterturnier statt. Auch der Ritter Walter von Donnerstein will dort um Ruhm und Ehre kämpfen. Doch schon bald werden er und seine Familie in ganz andere Machenschaften hineingezogen...
Organisiert von BR Next
Spielleiterin + Autorin:
Mháire Stritter (orkenspaltertv)
Spieler*innen:
Florentin Will
Daniel Feith (GameTube)
Dorjee Lhamo Gerhard
Stephan Bliemel (Steinwallen)
Weitere Folgen zur Staffel:
MITTELALTER ERLEBEN - Stadtgründungen
MITTELALTER ERLEBEN - Gelehrte Frauen
Städte brachten Ordnung und Geld. Im 12. Jahrhundert war Städtegründen der Trend der Zeit. Auch Bayern sähe heute ganz anders aus, wenn die frühen Wittelsbacher dabei nicht aufwendig mitgemischt hätten. (BR 2020) Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel "Pen&Paper - Das Turnier" auf Twitch. Mehr dazu in den Shownotes.
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"Pen & Paper - Das Turnier" [https://1.ard.de/DasTurnier?BR=PT]
am 28.09.2021 19:00 Uhr auf Twitch.
Im niederbayerischen Landshut findet ein großes Ritterturnier statt. Auch der Ritter Walter von Donnerstein will dort um Ruhm und Ehre kämpfen. Doch schon bald werden er und seine Familie in ganz andere Machenschaften hineingezogen...
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Weitere Folgen zur Staffel:
MITTELALTER ERLEBEN - Die Landshuter Hochzeit
MITTELALTER ERLEBEN - Gelehrte Frauen
Wissensgesellschaft damals - reine Männersache? Zahllose Frauen waren in mittelalterlichen Schreibstuben tätig, auch wenn sie immer wieder gegen männliche Vorurteile angehen und sich den Zugang zum Wissen erkämpfen mussten. Weil sie an Schulen und Universitäten nicht studieren durften, fanden sie im Kloster eine Heimat. (BR 2018) Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel "Pen&Paper - Das Turnier" auf Twitch. Mehr dazu in den Shownotes.
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Weitere Folgen zur Staffel:
MITTELALTER ERLEBEN - Die Landshuter Hochzeit
MITTELALTER ERLEBEN - Stadtgründungen
Warum benahmen sich Ritter ritterlich? Warum beschützten sie Witwen, Waisen und Priester? Denn Ritter sein bedeutete doch auch: kämpfen, töten, erobern. Erst der Klerus machte aus den bewaffneten Reitern die "ritterlichen" Ritter. Entsetzt von der Brutalität der damaligen Kämpfer erfand er einen Ehrenkodex für die Krieger. (BR 2013) Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel "Pen&Paper - Das Turnier" auf Twitch. Mehr dazu in den Shownotes.
Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel:
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Im niederbayerischen Landshut findet ein großes Ritterturnier statt. Auch der Ritter Walter von Donnerstein will dort um Ruhm und Ehre kämpfen. Doch schon bald werden er und seine Familie in ganz andere Machenschaften hineingezogen...
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Weitere Folgen zur Staffel:
MITTELALTER ERLEBEN - Die Landshuter Hochzeit
MITTELALTER ERLEBEN - Stadtgründungen
Das Leben der mittelalterlichen Menschen war oft hart: zugige Hütten, finstere Burgen, wenig Licht, Wärme und Nahrung. Das Risiko, im Kampf zu sterben, war hoch. Umso wichtiger war die Heilsgemeinschaft der Kirche. Vieles vom scheinbar so Fremden der damaligen Welt, prägt unsere Wirklichkeit heute noch. (BR 2010) Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel "Pen&Paper - Das Turnier" auf Twitch. Mehr dazu in den Shownotes.
Mittelalter erleben! - Auch möglich im Rollenspiel:
"Pen & Paper - Das Turnier" [https://1.ard.de/DasTurnier?BR=PT]
am 28.09.2021 19:00 Uhr auf Twitch.
Im niederbayerischen Landshut findet ein großes Ritterturnier statt. Auch der Ritter Walter von Donnerstein will dort um Ruhm und Ehre kämpfen. Doch schon bald werden er und seine Familie in ganz andere Machenschaften hineingezogen...
Organisiert von BR Next
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Mháire Stritter (orkenspaltertv)
Spieler*innen:
Florentin Will
Daniel Feith (GameTube)
Dorjee Lhamo Gerhard
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Weitere Folgen zur Staffel:
MITTELALTER ERLEBEN - Die Landshuter Hochzeit
MITTELALTER ERLEBEN - Stadtgründungen
Nie zuvor wurde in Deutschland so viel vererbt wie heute. Dementsprechend viel Debatten gibt es rund um das Thema "Erbe". Ein Blick in die Geschichte des Erbens zeigt: Ums Erbe wurde schon immer gestritten. Egal, ob es um Familienzoff vor Gericht oder die Debatte um faule Erben geht: Die Streitmuster sind bis heute aktuell. (BR 2018)
Weitere Folgen zur Staffel:
KAPITAL UND EIGENTUM - Kapitalismus
KAPITAL UND EIGENTUM - Meins und deins
KAPITAL UND EIGENTUM - Die frühen Sozialisten
Ein alter Traum: Die Güter der Erde werden gerecht verteilt oder gemeinsam besessen! Mit der Französischen Revolution gewannen solche Utopien politische Stoßkraft. Die Frühsozialisten waren keine Arbeiter, sondern emanzipierte Bürger wie der Textilindustrielle Robert Owen, der mit Genossenschaften zu experimentieren begann. Die Bewegung wollte teilweise noch viel mehr: Charles Fourier etwa verband die soziale Revolution mit einer befreiten Sexualität. (BR 2008)
Weitere Folgen zur Staffel:
KAPITAL UND EIGENTUM - Kapitalismus
Privateigentum: Für die einen ist es Freiheit in Reinform, für die anderen der Treiber sozialer Ungerechtigkeit. Das private Eigentum ist fest in unserer Kultur verankert - und war trotzdem in der Geschichte immer wieder umstritten: Wo liegen die Grenzen, und wann darf der Staat Eigentumsrechte zugunsten des Gemeinwohls verletzen? (BR 2020)
Weitere Folgen zur Staffel:
KAPITAL UND EIGENTUM - Kapitalismus
Seit mehreren Jahrhunderten gibt es immer wieder neue Spielarten des Kapitalismus. Und ebenso lange gibt es die Kritik daran: Der Kapitalismus zerstöre Menschen und Umwelt, er ist schuld an Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Er müsse daher dringend abgeschafft werden. Trotzdem hat es der Kapitalismus bislang immer geschafft, sich neu zu erfinden. (BR 2020)
Weitere Folgen zur Staffel:
KAPITAL UND EIGENTUM - Meins und deins
Im Prinzip kann alles als Geld genutzt werden. Es muss nur zum Tauschen geeignet und als Zahlungsmittel in der Gesellschaft anerkannt sein. Muscheln, Vieh und Steine - all das haben Menschen schon als Zahlungsmittel genutzt. Später kamen Münzen dazu, Banknoten und Kreditkarten. Die Geschichte des Geldes ist vielseitig und hat sehr viel mit Vertrauen zu tun... (BR 2015)
Weitere Folgen zur Staffel:
Inflation gab es schon immer. In der Antike kam es zur ersten Hyperinflation der Geschichte. Als Geld noch aus edlen Metallen geprägt wurde, sorgten Herrscher oft für Inflation, indem sie die Münzen mit billigem Metall aufstockten. Mit der Druckerpresse war es noch simpler: Es mussten nur mehr Banknoten gedruckt werden. Meist verlief die Geldentwertung moderat, aber immer wieder gipfelte sie in Hyperinflationen wie in Deutschland 1923. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel:
Gefälschte 5-Pfund-Noten: Das war ein Teil der deutschen Kriegsstrategie gegen England - die Währung des Kriegsgegners sollte ruiniert, deren Wirtschaft zerstört werden. Eine Kriegsführung, die schon Napoleon anwandte. (BR 2021)
Weitere Folgen dieser Staffel:
Im November 1938 brennen in Deutschland die Synagogen. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger werden ermordet, verletzt, gedemütigt. Vor den Augen der Welt geht das NS-Regime zum offenen Terror gegen Juden über. Doch was die NS-Propaganda als spontanen Ausbruch des "Volkszorns" darstellt, ist ein vom Regime gelenktes Pogrom. (BR 2013)
Weitere Folgen dieser Staffel:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-3-das-reformjudentum/1834927
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-3-die-anfaenge/1834928
Die Anfänge jüdischen Lebens in Deutschland reichen mehr als 1700 Jahre zurück. Eine urbane Blütezeit setzte im 10. Jahrhundert vor allem in den Bischofsstädten am Rhein ein. Dann: Mit dem Aufruf zum Ersten Kreuzzug 1096 erschüttert ein Pogrom die jüdischen Gemeinden. (BR 2021)
Weitere Folgen dieser Staffel:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-3-das-reformjudentum/1834927
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-3-die-reichspogromnacht/1834929
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Hamburg die erste Reformsynagoge der Welt errichtet. Wenige Jahre vorher hatten sich Hamburger Juden zum Israelitischen Tempelverein zusammengeschlossen. Im Geiste der Aufklärung wurde das Reformjudentum zu einem wichtigen Pfeiler des deutsch-jüdischen Lebens. (BR 2021)
Weitere Folgen dieser Staffel:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-3-die-anfaenge/1834928
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-3-die-reichspogromnacht/1834929
Als Kind wurde Jiang Qing von ihrem Vater verprügelt und von Schulkameraden gemobbt. Dann der Aufstieg: Mit gut 20 Jahren war sie eine gefeierte Schauspielerin, mit 40 Madame Mao, die "First Lady" Chinas. Zehn Jahre später war sie die mächtigste Frau des Landes. Als Mitglied der berüchtigten "Viererbande" sorgte sie für Angst und Schrecken. (BR 2016)
Ein spannende TV-Doku zu „Chinas Wirtschaftsimperialismus“ zeigt alpha-demokratie in der BR-Mediathek:
Von Chinas geistiger Welt vor dem Kommunismus berichtet die vierteilige Serie „Konfuzius sagt...“, zu sehen in der BR-Madiathek:
In China ist er bis heute Kult. Kein anderer marxistischer Führer - nicht einmal Stalin - stand so sehr im Zentrum eines Personenkultes wie der "Himmelssohn" und "große Vorsitzende" Mao Zedong. Der Diktator, der den "Sprung nach vorne" initiiert und die Kulturrevolution ausgerufen hat, ist verantwortlich für den Tod von Millionen Menschen. (BR 2018)
Ein spannende TV-Doku zu „Chinas Wirtschaftsimperialismus“ zeigt alpha-demokratie in der BR-Mediathek:
Von Chinas geistiger Welt vor dem Kommunismus berichtet die vierteilige Serie „Konfuzius sagt...“, zu sehen in der BR-Madiathek:
Die Roten Garden sollten gegen bourgeoise Ideen kämpfen und gegen alles Althergebrachte: Millionen Oberschüler und Studierende zogen während der Kulturrevolution plündernd durch Chinas Städte. Zuerst traf es Lehrer und Professoren, dann auch Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas. Die Kulturrevolution war Maos Versuch, sein ideologisches Erbe zu retten. (BR 2013)
Ein spannende TV-Doku zu „Chinas Wirtschaftsimperialismus“ zeigt alpha-demokratie in der BR-Mediathek:
Von Chinas geistiger Welt vor dem Kommunismus berichtet die vierteilige Serie „Konfuzius sagt...“, zu sehen in der BR-Madiathek:
Eine Partei mit fast 100 Millionen Mitgliedern: Im Juli 1921 wurde in China die kommunistische Partei gegründet. Seit 1949 regiert sie die neugegründete Volksrepublik China. Prägende Kräfte waren und sind Mao Zedong, Deng Xiaoping und Xi Jinping. Heute wird die KPCh sehr kritisiert wegen Verletzungen von Menschen- und Bürgerrechten. (BR 2021)
Ein spannende TV-Doku zu „Chinas Wirtschaftsimperialismus“ zeigt alpha-demokratie in der BR-Mediathek:
Von Chinas geistiger Welt vor dem Kommunismus berichtet die vierteilige Serie „Konfuzius sagt...“, zu sehen in der BR-Madiathek:
Heute haben die meisten beim Sport vor allem ein Ziel: fit und gesund bleiben. Anders früher, als sich nur der Adel sportlich amüsieren durfte. Allerdings war Sport lange Zeit Männersache, denn es ging häufig um die Wehrtüchtigkeit der Jugend. Auch in den Schulen sollte Sport zunächst vor allem erziehen und disziplinieren. (BR 2020)
Einen spannenden und unterhaltsamen Überblick über die Geschichte der Olympischen Spiele:
Klaus Zeyringer, Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute. Band 1: Sommer, Frankfurt a. M. 2016 / Band 2: Winter, Frankfurt a. M. 2018
Am Anfang, im antiken Griechenland, starteten die Olympischen Spiele als Zeus-Kult, mitmachen durften nur Männer, alle waren nackt. - Was aus dieser ersten Idee bis heute geworden ist, erklärt der Kulturwissenschaftler Professor Klaus Zeyringer im Gespräch mit Iska Schreglmann. (BR 2016)
Einen spannenden und unterhaltsamen Überblick über die Geschichte der Olympischen Spiele:
Klaus Zeyringer, Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute. Band 1: Sommer, Frankfurt a. M. 2016 / Band 2: Winter, Frankfurt a. M. 2018
Pierre de Coubertin setzte sich energisch für die Wiederbelebung der antiken Olympischen Spiele ein. Er war nicht nur der Gründer des Internationalen Olympischen Komitees, er entwarf auch die fünf Olympischen Ringe. Und noch mehr: Er selbst wurde unter einem Pseudonym der erste Olympiasieger - in der Disziplin Literatur. (BR 2012)
Einen spannenden und unterhaltsamen Überblick über die Geschichte der Olympischen Spiele:
Klaus Zeyringer, Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute. Band 1: Sommer, Frankfurt a. M. 2016 / Band 2: Winter, Frankfurt a. M. 2018
Auch eine Erfindung des Mittelalters: Staatsanleihen. Der Stadtstaat Florenz gibt Ende des 14. Jahrhunderts die ersten Schuldscheine aus, um seine Kriege zu finanzieren. Bürger leihen der Regierung Geld und bekommen es später mit Aufschlag zurück. Um 1800 verschulden sich England und Frankeich massiv - aber die Folgen könnten unterschiedlicher kaum sein. (BR 2013)
Weitere Folgen zur Staffel STAAT UND GELD:
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Wenn einem Land das Geld ausgeht, ist das brandgefährlich. Häufig kommt es zu Unruhen, Aufständen, Umstürzen, etwa, wenn Renten oder Gehälter für Staatsbedienstete nicht mehr ausgezahlt werden. Staatspleiten - historisch gesehen sind sie keine Seltenheit. Der Umgang damit war aber schon immer sehr unterschiedlich - ebenso wie die Folgen. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel STAAT UND GELD:
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Steuern gibt es seit Jahrtausenden. Beliebt waren sie nie, dafür manchmal kurios, wie die Fenstersteuer oder Steuern auf Bärte. Schon im Altertum lieferten die Bauern beim Fürsten den Zehnten ab, also ein Zehntel ihres Ertrags. Steuerhinterziehung gab es allerdings auch schon, genauso wie deren Bestrafung. Wer den Zehnten nicht gab, bekam 100 Schläge. Immer sind Steuern auch ein Instrument der Macht. (BR 2017)
Weitere Folgen zur Staffel STAAT UND GELD:
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Die Wohnungsnot war groß. Der soziale Wohnungsbau war wichtig für den Wiederaufbau in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde zu einer Erfolgsgeschichte, doch heute ist das Konzept umstritten. (BR 2019)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Margarete Schütte-Lihotzky ist die erste Stararchitektin. Sie hat die erste Einbauküche entworfen - die "Frankfurter Küche". Ab 1927 wurden 10.000 ihrer Küchen in Sozialwohnungen eingebaut. Sie vereinfachten den Arbeitsablauf revolutionär. Schütte-Lihotzky ist in die Architekturgeschichte der Moderne eingegangen. (BR 2016)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Die industrielle Revolution lockte die Menschen mit Arbeit und Brot in die Fabriken. Doch in den Städten fehlte es an Wohnraum. So entstanden Arbeiterwohnviertel mit so genannten "Miets- oder Wohnkasernen", einförmige monotone Gebäudekomplexe mit mehreren hintereinander gestaffelten, engen Hinterhöfen. (BR 2015)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Sie mussten sich nicht um Mietendeckel und Mietpreisbremse kümmern: die Reichen und Vornehmen. Im 14. und 15. Jahrhundert lebten sie in Palästen, die das Bild vieler italienischer Städte bis heute prägen. Auch Gewerbetreibende und Bedienstete wohnten hier, jede Gruppe in dem für sie vorgesehenen Stockwerk. (BR 2009)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Hochhäuser gab es schon in der Antike, aber die Geschichte der Wolkenkratzer begann erst im 19. Jahrhundert - mit der Erfindung des Fahrstuhls. Heute bestimmen sie die Skylines der Metropolen und stehen für wirtschaftliche und politische Macht. (BR 2018)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Mieten zum Spottpreis und tägliche Gebete für den Stifter und seine Nachkommen. Mit diesem Konzept gründete 1521 Jakob Fugger seine Sozialsiedlung in Augsburg - die Fuggerei. Sie ist die älteste Sozialsiedlung der Welt. (BR 2014)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Tatort Geschichte
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Singapur heute - eine Stadt im Rausch wirtschaftlicher Erfolge! Eine multikulturelle Metropole und ein Drehkreuz der Globalisierung. Im Jahr 1819 legte sie der Engländer Thomas Stanford Raffles an. An der Südspitze Malaysias fand er den idealen Knotenpunkt für die Seewege zwischen Europa und Ostasien, vor allem Indien und China. (BR 2020)
Literatur-Tipp zur Episode:
Singapur heute - ein spannendes Städteporträt
Harmonie, Toleranz und Miteinander : Das Credo von Singapur | Breitengrad | Bayern 2 | Radio | BR.de
Weitere Folgen zur Staffel Asien und der Westen:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-die-seidenstrasse/1822334
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-der-boxeraufstand-in-china/1822333
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-japans-oeffnung-zum-westen/1822332
Die Seidenstraße ist wohl die älteste Handelsroute der Welt. Sie führt zur größten Sandwüste, zu den höchsten Bergen und durch die seit Jahrhunderten umkämpftesten Gebiete der Welt. Wahrscheinlich haben ihr die Chinesen den Buddhismus und die Europäer das Schwarzpulver, das Papier und die Nudel zu verdanken. (BR 2018)
Literatur-Tipp zur Episode:
Dossier zur Seidenstraße mit Karten und vielen Illustrationen
Die Seidenstraße: Ein alter und neuer Handelsweg | BR Wissen
Weitere Folgen zur Staffel Asien und der Westen:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-singapur-1/1822621
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-der-boxeraufstand-in-china/1822333
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-japans-oeffnung-zum-westen/1822332
Ende des 19. Jahrhunderts stand China unmittelbar davor, in Kolonien aufgeteilt zu werden. Auch das Deutsche Reich war mit von der Partie. Als sogenannte "Boxer" wurde eine chinesische Geheimgesellschaft bezeichnet. Für sie war es eine patriotische Pflicht, die Fremden wieder zu vertreiben. (BR 2011)
Literatur-Tipp zur Episode:
Ein Überblick über deutsche Kolonialgeschichte – ein Blick auf die Zeit, als Deutschland einen “Platz an der Sonne” verlangte und damit koloniale Weltgeltung meinte
Deutsche Geschichte: Kolonien - Deutsche Geschichte - Geschichte - Planet Wissen (planet-wissen.de)
Weitere Folgen zur Staffel Asien und der Westen:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-singapur-1/1822621
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-die-seidenstrasse/1822334
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-japans-oeffnung-zum-westen/1822332
Über 200 Jahre lang durfte kaum ein Ausländer Japan betreten. Doch Mitte des 19. Jh. erzwang der Westen die Öffnung des Reichs zu Handelszwecken. Die erste Folge: ein gegenseitiger Kulturschock. Auf Dauer schienen die Japaner gezwungen, westlichen Lebensstil zu übernehmen, eine Phase, die als Meiji-Zeit bis heute berühmt und berüchtigt ist. (BR 2016)
Weitere Folgen zur Staffel Asien und der Westen:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-singapur-1/1822621
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-die-seidenstrasse/1822334
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/asien-und-der-westen-der-boxeraufstand-in-china/1822333
1945 warfen die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. Hunderttausende Menschen starben sofort oder an den Folgen der Strahlung. Die Begründung für den Einsatz der Atomwaffe damals: So wurde Japan zur Kapitulation gezwungen und der Zweite Weltkrieg verkürzt. Heute gibt es Zweifel an diesen Annahmen. (BR 2020)
Literatur-Tipps zur Episode:
Über die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs in Japan den heutigen Umgang Japans mit seiner Vergangenheit (Breitengrad):
https://www.br.de/mediathek/podcast/breitengrad/hiroshima-wie-die-bombe-bis-heute-nachwirkt/1801834
Über die Folgen der Bombenabwürfe und die bis heute schwierige Aufarbeitung (BR24):
Weitere Folgen der Staffel Atomwaffen:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-overkill-und-abruestung/1820343
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-das-bombenprogramm-der-nazis/1820339
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-die-kubakrise/1820336
Mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki brach ein neues Zeitalter an. Nun war es möglich, Kriege mit einer nie dagewesenen Zerstörungskraft zu entscheiden. Gleichzeitig wuchs die Erkenntnis, dass Atomwaffen die Menschheit an den Rand ihrer Auslöschung bringen konnten. Die Welt stand zwischen Overkill oder Abrüstung. (BR 2015)
Literatur-Tipps zur Episode:
5. März 2020: Der Atomwaffensperrvertrag wird 50 Jahre alt. Was hat er gebracht? (Bayern2)
https://www.br.de/radio/bayern2/50-jahre-atomwaffensperrvertrag-100.html
Die Situation Anfang 2021: Der Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen zwischen den USA und Russland, "New Start", wurde verlängert. Parallel dazu trat der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen (TPNW) in Kraft. (Dossier Politik)
Weitere Folgen der Staffel Atomwaffen:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-bomben-auf-hiroshima-und-nagasaki/1820344
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-das-bombenprogramm-der-nazis/1820339
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-die-kubakrise/1820336
Gab es ein Atombomben-Programm der Nazis? Berichte über angebliche geheime Atomtests haben sich inzwischen als unwahrscheinlich herausgestellt. War "Hitlers Bombe" also eher eine amerikanische Schreckensvision? Oder steckt doch mehr hinter der Geschichte der deutschen Atomforschung im Zweiten Weltkrieg? (BR 2016)
Literatur-Tipps zur Episode:
Ein Porträt über den Physiker Werner Heisenberg und seine Rolle beim Atomprogramm der Nationalsozialisten (ARD-alpha):
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/werner-heisenberg/angst-vor-der-bombe100.html
Eine spannende Würdigung des Physik-Genies Werner Heisenberg in sechs Folgen (ARD-alpha):
https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/werner-heisenberg/index.html
Weitere Folgen der Staffel Atomwaffen:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-bomben-auf-hiroshima-und-nagasaki/1820344
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-overkill-und-abruestung/1820343
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-die-kubakrise/1820336
Im Oktober 1962 standen die Supermächte kurz vor einem Atomkrieg. Kennedy und Chruschtschow lieferten sich einen brandgefährlichen Machtkampf vor Fidel Castros Kuba. Was hat den Atomkrieg am Ende verhindert? Warum ist die Kubakrise nicht zu einem globalen Desaster geworden? War es diplomatisches Geschick oder schlichtweg nur Glück? (BR 2012)
Literatur-Tipps zur Episode:
Die Situation kurz vor der Eskalation
Ein Zeitdokument im BR-Archiv zur Kuba-Krise 1962 (#br24 zeitreise)
https://www.br.de/mediathek/video/br24-zeitreise-kubakrise-1962-av:5ed268bb6e86f0001bbdda8b
Angstkäufe in Deutschland? Auswirkungen der Kuba-Krise.
Ein Zeitdokument im BR-Archiv zur Kuba-Krise 1962 (#br24 zeitreise)
Ein Porträt des Máximo Lider Fidel Castro (radioWissen):
https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/fidel-castro-revolutionsikone-und-m-ximo-lider/32638
Weitere Folgen der Staffel Atomwaffen:
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-bomben-auf-hiroshima-und-nagasaki/1820344
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-overkill-und-abruestung/1820343
https://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/atomwaffen-das-bombenprogramm-der-nazis/1820339
Als Samuel Oppenheimer 1703 stirbt, löst das ein Erdbeben in der Finanzwelt aus. Oppenheimer hat die Politik des Habsburger Kaiserhauses mit Hilfe eines ausgeklügelten, europaweiten Netzwerks vorfinanziert. Er war ein Finanzgenie. Ohne ihn wäre der Kaiser dauerpleite gewesen. (BR 2010)
Jüdisches Leben in Deutschland: Auf dem Gebiet, das einmal Deutschland werden sollte, gibt es seit mindestens 1700 Jahren jüdisches Leben. Das weiß man so genau durch ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin: Am 11. Dezember 321 erging die Erlaubnis für Juden, Ämter in der Kölner Stadtverwaltung einzunehmen. Köln war damals freilich noch keine deutsche Stadt, sondern eine typische Stadt im alten Römischen Reich. Dieser Beleg ist der Anlass, im heutigen Deutschland ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr zu begehen. Der Bayerische Rundfunk begleitet das Thema das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online. Die Beiträge werden laufend erweitert gesammelt unter: „Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Auch „Alles Geschichte“ wird das Jahr mit mehreren Staffeln begleiten, die vom Leben und den Schicksalen von Jüdinnen und Juden erzählen, die hier schon sehr viel länger leben, als es überhaupt einen deutschen Staat gibt.
Literatur-Tipps für die Staffel:
Max Grunwald, Samuel Oppenheimer und sein Kreis, Verlag Wilhelm Braumüller 1913 (inzwischen auch als Neuausgabe im Taschenbuch)
Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter, Berlin 1925. Inzwischen online: https://archive.org/details/KischGW05/page/n3/mode/2up
Friederike Kempner, Dichterleben, Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte, hrsg. von Nick Barkow und Peter Hacks, Rütten und Loening 1989
Friederike Kempner, Kennst Du das Land, wo die Lianen blühn? Gedichte des schlesischen Schwans, hrsg. von Frank Möbus, Reclam 2009
Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp 2004
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-else-lasker-schueler/1818619
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-egon-erwin-kisch/1818617
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-friederike-kempner/1818615
Die Exzentrikerin Else Lasker-Schüler war eine vielbegabte Dichterin und Zeichnerin, die sich ihr eigenen Traumwelten schuf. Sie ist eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Expressionismus. 1932 musste sie vor den Nazis fliehen. Sie starb einsam in Jerusalem. (BR 2013)
Jüdisches Leben in Deutschland: Auf dem Gebiet, das einmal Deutschland werden sollte, gibt es seit mindestens 1700 Jahren jüdisches Leben. Das weiß man so genau durch ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin: Am 11. Dezember 321 erging die Erlaubnis für Juden, Ämter in der Kölner Stadtverwaltung einzunehmen. Köln war damals freilich noch keine deutsche Stadt, sondern eine typische Stadt im alten Römischen Reich. Dieser Beleg ist der Anlass, im heutigen Deutschland ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr zu begehen. Der Bayerische Rundfunk begleitet das Thema das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online. Die Beiträge werden laufend erweitert gesammelt unter: „Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Auch „Alles Geschichte“ wird das Jahr mit mehreren Staffeln begleiten, die vom Leben und den Schicksalen von Jüdinnen und Juden erzählen, die hier schon sehr viel länger leben, als es überhaupt einen deutschen Staat gibt.
Literatur-Tipps für die Staffel:
Max Grunwald, Samuel Oppenheimer und sein Kreis, Verlag Wilhelm Braumüller 1913 (inzwischen auch als Neuausgabe im Taschenbuch)
Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter, Berlin 1925. Inzwischen online: https://archive.org/details/KischGW05/page/n3/mode/2up
Friederike Kempner, Dichterleben, Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte, hrsg. von Nick Barkow und Peter Hacks, Rütten und Loening 1989
Friederike Kempner, Kennst Du das Land, wo die Lianen blühn? Gedichte des schlesischen Schwans, hrsg. von Frank Möbus, Reclam 2009
Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp 2004
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-samuel-oppenheimer/1818625
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-egon-erwin-kisch/1818617
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-friederike-kempner/1818615
Egon Erwin Kisch, "der rasende Reporter", setzt sich sein ganzes Leben lang für die Wahrheit ein. Damit wird er zu einem der berühmtesten Journalisten und zum Erfinder der modernen Reportage. Er deckt handfeste Skandale auf und kämpft für die "Underdogs" der Gesellschaft. (BR 2018)
Jüdisches Leben in Deutschland: Auf dem Gebiet, das einmal Deutschland werden sollte, gibt es seit mindestens 1700 Jahren jüdisches Leben. Das weiß man so genau durch ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin: Am 11. Dezember 321 erging die Erlaubnis für Juden, Ämter in der Kölner Stadtverwaltung einzunehmen. Köln war damals freilich noch keine deutsche Stadt, sondern eine typische Stadt im alten Römischen Reich. Dieser Beleg ist der Anlass, im heutigen Deutschland ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr zu begehen. Der Bayerische Rundfunk begleitet das Thema das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online. Die Beiträge werden laufend erweitert gesammelt unter: „Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Auch „Alles Geschichte“ wird das Jahr mit mehreren Staffeln begleiten, die vom Leben und den Schicksalen von Jüdinnen und Juden erzählen, die hier schon sehr viel länger leben, als es überhaupt einen deutschen Staat gibt.
Literatur-Tipps für die Staffel:
Max Grunwald, Samuel Oppenheimer und sein Kreis, Verlag Wilhelm Braumüller 1913 (inzwischen auch als Neuausgabe im Taschenbuch)
Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter, Berlin 1925. Inzwischen online: https://archive.org/details/KischGW05/page/n3/mode/2up
Friederike Kempner, Dichterleben, Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte, hrsg. von Nick Barkow und Peter Hacks, Rütten und Loening 1989
Friederike Kempner, Kennst Du das Land, wo die Lianen blühn? Gedichte des schlesischen Schwans, hrsg. von Frank Möbus, Reclam 2009
Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp 2004
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-samuel-oppenheimer/1818625
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-else-lasker-schueler/1818619
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-friederike-kempner/1818615
Das Publikum hielt sich die Bäuche vor Lachen, wenn Friederike Kempner mit einem neuen Gedichtband aufwartete. Als "Schlesischer Schwan" wurde zur sie zur Stammmutter der schrägen Lyrik. Doch sie nahm ihre Dichtung ernst, genauso wie ihren Kampf gegen Tosdesstrafe und Tierquälerei. (BR 2013)
Jüdisches Leben in Deutschland: Auf dem Gebiet, das einmal Deutschland werden sollte, gibt es seit mindestens 1700 Jahren jüdisches Leben. Das weiß man so genau durch ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin: Am 11. Dezember 321 erging die Erlaubnis für Juden, Ämter in der Kölner Stadtverwaltung einzunehmen. Köln war damals freilich noch keine deutsche Stadt, sondern eine typische Stadt im alten Römischen Reich. Dieser Beleg ist der Anlass, im heutigen Deutschland ein bundesweites deutsch-jüdisches Festjahr zu begehen. Der Bayerische Rundfunk begleitet das Thema das ganze Jahr über in Hörfunk, Fernsehen und online. Die Beiträge werden laufend erweitert gesammelt unter: „Schalom – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. https://www.br.de/extra/juedisches-leben/juedisches-leben-in-deutschland-106.html
Auch „Alles Geschichte“ wird das Jahr mit mehreren Staffeln begleiten, die vom Leben und den Schicksalen von Jüdinnen und Juden erzählen, die hier schon sehr viel länger leben, als es überhaupt einen deutschen Staat gibt.
Literatur-Tipps für die Staffel:
Max Grunwald, Samuel Oppenheimer und sein Kreis, Verlag Wilhelm Braumüller 1913 (inzwischen auch als Neuausgabe im Taschenbuch)
Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter, Berlin 1925. Inzwischen online: https://archive.org/details/KischGW05/page/n3/mode/2up
Friederike Kempner, Dichterleben, Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte, hrsg. von Nick Barkow und Peter Hacks, Rütten und Loening 1989
Friederike Kempner, Kennst Du das Land, wo die Lianen blühn? Gedichte des schlesischen Schwans, hrsg. von Frank Möbus, Reclam 2009
Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp 2004
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-samuel-oppenheimer/1818625
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-else-lasker-schueler/1818619
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-egon-erwin-kisch/1818617
Der Siegeszug der Unterwäsche war auch mit der Entdeckung der Bakterien verbunden. Sie half etwa beim Schutz vor Fleckfieber. (BR 2017)
Weitere Folgen der Staffel Hygiene:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-die-toilette/1817725
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-das-kanalsystem-in-deutschland/1817724
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-lebensmittelkontrolle/1817723
Jahrhunderte lang funktionierte die Notdurftentsorgung in etwa so: ab ins Töpfchen und raus damit auf die Straße. Die moderne Toilette ließ lange auf sich warten. (BR 2017)
Weitere Folgen der Staffel Hygiene:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-unterwaesche/1817726
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-das-kanalsystem-in-deutschland/1817724
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-lebensmittelkontrolle/1817723
Auf die Klospülung gedrückt und alles verschwindet im Kanalsystem - in Tausenden von Kilometern unter unseren Städten. Selbstverständlich? Lange wurde über Kanalisation heftig gestritten. (BR 2015)
Weitere Folgen der Staffel Hygiene:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-unterwaesche/1817726
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-die-toilette/1817725
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-lebensmittelkontrolle/1817723
Lebensmittelskandale sind keine Erscheinung der Moderne. Wo eine wachsende Bevölkerung ernährt werden muss, gab es schon immer "Fälscherei und Beschiss". (BR 2016)
Weitere Folgen der Staffel Hygiene:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-unterwaesche/1817726
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-die-toilette/1817725
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/hygiene-das-kanalsystem-in-deutschland/1817724
Mit der Wahl von Abraham Lincoln zum Präsidenten brechen die Fronten endgültig auf und der Bürgerkrieg beginnt. An dessen Ende steht die Sklavenbefreiung in den USA - ein Schritt, der die Welt verändert. (BR 2011)
Weitere Folgen der Staffel US-Präsidenten in der Krise:
Die Schüsse von Dallas zerstörten den Aufbruchstraum einer ganzen Generation. Noch Jahrzehnte lang fragten die Leute einander: Wo warst du, als John F. Kennedy erschossen wurde? (BR 2007)
Weitere Folgen der Staffel US-Präsidenten in der Krise:
Wann geht ein US-Präsident in die Geschichtsbücher ein als "guter" - oder als "schlechter" Präsident? Bei Richard M. Nixon, der den "Watergate-Skandal" zu verantworten hat, ist die Sache gar nicht so klar. (BR 2014)
Weitere Folgen der Staffel US-Präsidenten in der Krise:
Ab 1939 mussten jüdische Deutsche ihrem Vornamen den Namen Sara oder Israel hinzusetzen - ein Schritt zur Entrechtung. Die Namen jüdischer Bürgerinnen und Bürger waren seit dem Mittelalter ein Politikum. (BR 2018)
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-regensburg/1814063
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-die-frau-im-judentum/1814062
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-felix-mendelssohn-bartholdy/1814059
Regensburger Bürger zerstörten 1519 das jüdische Viertel und vertrieben die Menschen, die darin gewohnt hatten. Bis dahin hatte Regensburg eine reiche jüdische Kultur. (BR 2014)
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-die-geschichte-der-juedischen-namen/1814067
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-die-frau-im-judentum/1814062
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-felix-mendelssohn-bartholdy/1814059
In einer streng orthodoxen jüdischen Gemeinde bekennt man sich zwar zur absoluten Gleichwertigkeit von Mann und Frau als Gottes Geschöpfe. Trotzdem besteht man auf einer klaren Rollentrennung. (BR 2014)
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-die-geschichte-der-juedischen-namen/1814067
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-regensburg/1814063
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-felix-mendelssohn-bartholdy/1814059
Für seine Zeitgenossen war der 1809 geborene Felix Mendelssohn Bartholdy ein Star. Das Dritte Reich erklärte ihn zur jüdischen "Unperson". Kaum ein anderer Komponist wurde so sehr zum ideologischen Spielball. (BR 2011)
Weitere Folgen der Staffel Jüdisches Leben in Deutschland:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-die-geschichte-der-juedischen-namen/1814067
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-regensburg/1814063
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/juedisches-leben-in-deutschland-die-frau-im-judentum/1814062
Für die Männer gab es Schützengräben, für die Frauen "Heimatfront". Zu Hause im Deutschen Reich alleine die Stellung zu halten, bedeutete für viele Frauen Erschöpfung, Elend und sogar den Tod. (BR 2014)
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-hausfrau/1813772
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-waschfrauen/1813773
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-das-fraeulein-vom-amt/1813776
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-naeherinnen/1813775
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-aufbrueche-um-1900/1813777
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-abigail-adams-erste-first-lady-im-weissen-haus/1813771
Um 1900 sollten Töchter nicht auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden, sondern sich eine gute Partie angeln. Die deutsche Frauenbewegung wehrte sich dagegen. (BR 2018)
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-hausfrau/1813772
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-waschfrauen/1813773
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-das-fraeulein-vom-amt/1813776
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-naeherinnen/1813775
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-heimatfront-im-ersten-weltkrieg/1813778
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-abigail-adams-erste-first-lady-im-weissen-haus/1813771
Das Kino hat sie als geheimnisvolle Unbekannte verklärt. Doch die Arbeit als Telefonistin war hart, prekär und unsicher - und mit dem heutigen Datenschutz völlig unvereinbar... (BR 2018)
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-hausfrau/1813772
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-waschfrauen/1813773
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-naeherinnen/1813775
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-aufbrueche-um-1900/1813777
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-heimatfront-im-ersten-weltkrieg/1813778
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-abigail-adams-erste-first-lady-im-weissen-haus/1813771
Näherinnen konnten sich mit einem eigenständigen Beruf ihren Lebensunterhalt verdienen. Endlich waren sie nicht mehr auf das Wohlwollen von Männern angewiesen. Nadel und Faden waren Teil der Emanzipation.
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-hausfrau/1813772
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-waschfrauen/1813773
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-das-fraeulein-vom-amt/1813776
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-aufbrueche-um-1900/1813777
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-heimatfront-im-ersten-weltkrieg/1813778
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-abigail-adams-erste-first-lady-im-weissen-haus/1813771
Ende des 19. Jahrhunderts ist "Wäscherin" - oft notgedrungen - der Beruf mit dem meisten Zulauf und einer der härtesten. Nur wenigen Frauen gelingt es dabei, einen leidlich bezahlten Auftrag in gehobenen Haushalten zu ergattern. (BR 2013)
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-hausfrau/1813772
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-das-fraeulein-vom-amt/1813776
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-naeherinnen/1813775
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-aufbrueche-um-1900/1813777
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-heimatfront-im-ersten-weltkrieg/1813778
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-abigail-adams-erste-first-lady-im-weissen-haus/1813771
Eigentlich ist die "traditionelle" Hausfrau eine junge Erfindung. Erst das Bürgertum hat der Ehefrau einen unbezahlten Arbeitsplatz zu Hause zugewiesen und zu einem Rollenbild gemacht. (BR 2019)
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-waschfrauen/1813773
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-das-fraeulein-vom-amt/1813776
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-naeherinnen/1813775
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-aufbrueche-um-1900/1813777
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-heimatfront-im-ersten-weltkrieg/1813778
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-abigail-adams-erste-first-lady-im-weissen-haus/1813771
Abigail Adams zog ins Weiße Haus, als die Wände noch feucht waren. Sie war die zweite First Lady der jungen USA - ohne sie wäre ihr Mann John Adams kaum Präsident geworden. (BR 2019)
Weitere Folgen der Staffel Frauenarbeit:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-hausfrau/1813772
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-die-waschfrauen/1813773
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-das-fraeulein-vom-amt/1813776
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-naeherinnen/1813775
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-aufbrueche-um-1900/1813777
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/frauenarbeit-heimatfront-im-ersten-weltkrieg/1813778
Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten zwei Medizinier die ersten Impfstoffe gegen Kinderlähmung. Bis dahin waren jährlich hunderttausende Menschen an Polio erkrankt - manche von ihnen mit fatalen Folgen wie etwa Lähmungserscheinungen. Aber der Kampf gegen Polio war im Kalten Krieg nicht nur ein medizinisches Wettrennen, sondern auch ein politisches: Ost gegen West.
Weitere Folgen der Staffel Epidemien:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-und-ihre-dna-3/1813629
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-im-mittelalter-1/1813476
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-geschichte-der-schwindsucht-tbc-1/1813469
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-pocken-und-die-erste-impfung-der-geschichte-1/1813475
Bis heute lassen sich alte Krankheitserreger etwa von Lepra und Pest nachweisen - z.B. in Skeletten und Zähnen ihrer Opfer. Was erzählen sie der Wissenschaft? Sind sie immer noch gefährlich? (BR 2017)
Weitere Folgen der Staffel Epidemien:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-im-mittelalter-1/1813476
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-pocken-und-die-erste-impfung-der-geschichte-1/1813475
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-geschichte-der-schwindsucht-tbc-1/1813469
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-das-wettrennen-um-die-polio-impfung/1822682
Früher haben die Pocken Millionen Menschen das Leben gekostet. Heute gelten sie weltweit als ausgerottet - dank der Entwicklung eines Impfstoffs. (BR 2017)
Rückblick über die Geschichte des Impfens, die mit der Immunisierung gegen die Pocken begonnen hat:
Geschichte im Ersten: Immun! Die Geschichte des Impfens | ARD Mediathek
Weitere Folgen der Staffel Epidemien:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-und-ihre-dna-3/1813629
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-im-mittelalter-1/1813476
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-geschichte-der-schwindsucht-tbc-1/1813469
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-das-wettrennen-um-die-polio-impfung/1822682
Zuerst war die Schwindsucht eine Modekrankheit. Vor allem Frauen, die zu sehr liebten, schienen gefährdet. Dann erkannte man: Die TBC ist schlicht eine tödliche Seuche. (BR 2018)
Rückblick über die Geschichte des Impfens, die mit der Immunisierung gegen die Pocken begonnen hat:
Geschichte im Ersten: Immun! Die Geschichte des Impfens | ARD Mediathek
Weitere Folgen der Staffel Epidemien:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-und-ihre-dna-3/1813629
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-im-mittelalter-1/1813476
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-pocken-und-die-erste-impfung-der-geschichte-1/1813475
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-das-wettrennen-um-die-polio-impfung/1822682
Im Mittelalter wütete die Pest. Schnell breitete sie sich in ganz Europa aus. Etwa ein Drittel der Bewohner raffte der "Schwarze Tod" dahin. (BR 2014)
Weitere Folgen der Staffel Epidemien:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-pest-und-ihre-dna-3/1813629
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-pocken-und-die-erste-impfung-der-geschichte-1/1813475
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-die-geschichte-der-schwindsucht-tbc-1/1813469
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/epidemien-das-wettrennen-um-die-polio-impfung/1822682
Bis in die 1950er Jahre kosteten Lynchmorde in den USA vielen tausend Schwarzen Menschen das Leben - unfassbare Grausamkeiten, geduldet und oft aktiv unterstützt von Polizei und Justiz, öffentlich als Massenspektakel begangen. In dem Song "Strange Fruit" beschreibt Abel Meeropol die Grausamkeiten, Billie Holiday hat ihn als erstes gesungen und berühmt gemacht.
Weitere Folgen zur Staffel Rassismus und Sklaverei:
Der Mensch als Ware und Werkzeug
Menschenrassen und Ungleichheit
#blacklivesmatter? Von wegen! Seit Jahrtausenden werden Schwarze und People of Colour versklavt. Menschen sind Ware und Werkzeug. Versuche, die Sklaverei zu verbieten, sind vergleichsweise jung. Wann wurde die Sklaverei abgeschafft, und wo gibt es sie heute noch? (BR 2017)
Weitere Folgen der Staffel Rassismus und Sklaverei:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-harriet-tubman-die-schwarze-sklavenbefreierin/1810325
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-verschleppt-von-afrika-nach-amerika/1810326
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-menschenrassen-und-ungleichheit/1810327
Menschen sind unterschiedlich, überall. Aber die Vorstellung von "Menschenrassen" ist entstanden, um die einen den anderen auszuliefern. Eine Geschichte der Rassentheorie - die pseudo-wissenschaftliche Basis der Ungleichheit. (BR 2019) #blacklivesmatter
Weitere Folgen der Staffel Rassismus und Sklaverei:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-harriet-tubman-die-schwarze-sklavenbefreierin/1810325
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-verschleppt-von-afrika-nach-amerika/1810326
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-der-mensch-als-ware-und-werkzeug/1810328
Globalisierung at its worst: Rund 12 Millionen Menschen raubten Händler und Freibeuter über die Jahrhunderte in Afrika, um sie in Amerika gewinnbringend zu verkaufen. Ein grausames Geschäft - mit düsteren Konsequenzen bis heute. (BR 2019) #blacklivesmatter
Weitere Folgen der Staffel Rassismus und Sklaverei:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-der-mensch-als-ware-und-werkzeug/1810328
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-harriet-tubman-die-schwarze-sklavenbefreierin/1810325
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-menschenrassen-und-ungleichheit/1810327
Geboren als Sklavin, gestorben als Befreierin: In den USA ist Harriet Tubman bis heute eine Heldin. Als junge Frau schloss sie sich Fluchthelfern an und führte viele Schwarze über die "Underground Railroad" in den Norden, in die Freiheit. Eine Geschichte aus dem sumpfigen Flussdelta östlich von Washington. (BR 2019) #blacklivesmatter
Weitere Folgen der Staffel Rassismus und Sklaverei:
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-der-mensch-als-ware-und-werkzeug/1810328
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-verschleppt-von-afrika-nach-amerika/1810326
https://br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/geschichte-von-rassismus-und-sklaverei-menschenrassen-und-ungleichheit/1810327
Lange Zeit durfte ausschließlich einer Spaß am Sex haben: der Mann. Sogar Mediziner versicherten, nur "Flittchen" würden Sex genießen, keinesfalls anständige Frauen. Die weibliche Lust - lange unterdrückt, missverstanden und ignoriert. (BR 2011)
Weitere Folgen der Staffel Frauengeschichte:
Das Verbrechen der Katharina Hochstrasser: Liebe. Die niederbayerische Bauerntochter wurde 1732 verurteilt wegen "Leichtfertigkeit", das heißt, wegen vorehelichem Sex. Die Folgen: Schandgeige und Geldstrafe. Damals kein Ausnahmefall. (BR 2019)
Weitere Folgen der Staffel Frauengeschichte:
Ihr Kampf hält an bis heute: Helene Stöcker wollte, dass Frauen finanziell unabhängig sein können und nicht durch Schwangerschaft erpressbar. Die Nationalsozialisten entzogen ihr die Staatsbürgerschaft. Begründung: Ihr Einsatz für die "Verfeinerung und Vertiefung der sexuellen Beziehungen". (BR 2018)
Weitere Folgen der Staffel Frauengeschichte:
Partnerschaftskolumnen und Sex-Tipps gibt es heute in vielen Magazinen und Sendern. Doch noch in den 80er Jahren war Dr. Ruth Westheimer die erste Frau, die in den USA öffentlich über Sex sprach. In Frankfurt geboren und unter den Nazis emigriert, wurde "Dr. Ruth" mit ihren Kolumnen in Amerika zum Superstar. (BR 2016)
Weitere Folgen der Staffel Frauengeschichte:
Spannend und undurchsichtig: Wie in kaum einem anderen demokratischen Land hat das Wahlsystem der USA viele Besonderheiten, die man nur historisch erklären kann. Die Verfassungsväter wollten es so: Am "Election Day" wird der oder die US-Präsident*in vom Volk nur indirekt gewählt. Über den Ursprung von Wahlmännern, Mehrheitswahlrecht und der Verzerrung des Wählerwillens.
Weitere Folgen der Staffel Historische Wurzeln der USA:
Vereinigte Staaten, verfeindete Parteien: Republikaner und Demokraten haben in ihrer Geschichte radikale Kehrtwenden vollzogen und dabei sogar ihre Stammwählerschaften ausgetauscht. Und wo sie früher Kompromisse geschlossen haben, sind heute die Fronten verhärtet. Ist die Gesellschaft der USA wirklich gespalten wie nie?
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"Indianer!" - Vor ihnen haben Lewis und Clark die größte Angst, als sie mit ihrer Expedition in den noch unbekannten amerikanischen Westen aufbrechen. Doch ohne die indigenen Völker, die sie treffen, hätten sie ihre Expedition nicht überlebt. Für die Ureinwohner hat die Besiedelung des Westens hingegen nur negative Konsequenzen. (BR 2016)
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Es gehört bis heute zum amerikanischen Traum: Das wilde Grenzland, seine Verheißungen und Herausforderungen. Tatsächlich war das Leben an der "Frontier" ein ständiger Kampf ums Überleben - und gegen die Vereinsamung. Das Image der "Frontier" prägt die USA bis heute. (BR 2017)
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Heute erscheinen die USA komplett gespalten. Doch die ersten weißen Siedler glauben, sie würden ins gelobte Land kommen. Der Pietist Franz Daniel Pastorius blickt voll Ekel zurück aufs alte Europa. Er baute die erste deutsche Siedlung in Amerika auf: Germantown sollte eine perfekte fromme Gemeinschaft sein. (BR 2019)
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1619: Ein englisches Freibeuterschiff landet in Jamestown, Nordamerika. Der Kapitän tauscht Proviant gegen schwarze Menschen aus Westafrika. Es ist der Beginn des Sklavenhandels und eines Systems, dessen Folgen die USA bis heute prägen. (BR 2019)
Weitere Folgen der Staffel Historische Wurzeln der USA:
Amerikaner gegen Amerikaner: Der Bürgerkrieg steckt den USA bis heute in den Knochen. Über 620.000 Soldaten verlieren ihr Leben, es ist einer der ersten modernen Kriege. Am Ende steht die Befreiung der schwarzen Sklaven. Doch besiegt sind Rassismus und Diskriminierung damit noch lange nicht. (BR 2015)
Weitere Folgen der Staffel Historische Wurzeln der USA:
Heißen sie Indianer, First Nations oder Indigene? Im Kino sind sie lange schlicht "Wilde” und haben eine eindeutige Rolle: Zielscheiben zu sein für weiße Helden. Erst langsam bekommen sie individuelle Gesichter. Doch in der Popkultur finden sich die Stereotype bis heute. (BR 2017)
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En liten tjänst av I'm With Friends. Finns även på engelska.