SWR Kultur lesenswert – Literatur
Dieses Buch verfolgt eine einzige Spur im Leben Franz Kafkas, es ist die eigentlich naheliegende: Das Schreiben selbst und sein Kampf darum. Er selbst sagte von sich: „Ich habe kein litterarisches Interesse sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.“ In den ekstatischen Zuständen des Schreibens fühlte sich Kafka erst wirklich lebendig.Damit hat Safranski auch noch ein zweites Thema gefunden, an dem er sich abarbeitet: Kafka war mit dem Schreiben eng verbunden, entsprechend passen Frauen nicht in sein Leben, aber sie sind trotzdem immer da, die Schwester, aber auch die Freundinnen, Gefährtinnen, Verlobten, Geliebten, Felice Bauer, Grete Bloch, Julie Wohryzek, am Schluss Dora Diamant. An diesen Stationen macht Safranski auch die jeweiligen Schriften fest. Es ist ihm wichtiger als die Arbeit in der Versicherung, wichtiger als die Ausflüge und als die Zeitgeschichte und das wirkt plausibel.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
„Kafka, darin sind sich alle Interpreten einig, zeigt sich hier als Kritiker des modernen Industriekapitalismus in seiner fortgeschrittenen amerikanischen Variante, die er allerdings nur aus Büchern kannte.“Ob das so eindeutig ist, kann man hinterfragen – Karl Rossmann, der Held, bewundert Amerika, und die Kritik, um die es hier geht, ist sehr abstrakt. Eigentlich kommt im Roman nur das Gefühl des persönlichen Ungenügens heraus: Karl Rossmann scheitert am laufenden Band und fühlt sich fremd, Scheitern und Fremdsein sind zwei Empfindungen, die schließlich alle Kafka(?)-Helden mit sich herumtragen. Aber, das ist vielleicht der Knackpunkt bei Safranski: Man merkt die Selbstsicherheit Safranskis und man spürt, wie weit weg die vom vorsichtig tastenden Schreibstil Kafkas ist.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
Grete, die mit Felice befreundet blieb, wird viele Jahre später, 1940, in einem Brief an einen Freund berichten, dass sie im Spätsommer 1914 einen Sohn zur Welt gebracht habe. Ihre Andeutungen über dessen Vater haben die Spekulationen angeregt, es könnte sich dabei um Kafka handeln. Genaues weiß man nicht, nur dass dieser Sohn im Alter von sieben Jahren 1921 starb. Es gibt keinen einzigen Hinweis, dass Kafka selbst davon etwas gewusst hat.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
Es gibt da ein fundamentales Missverständnis zwischen Josefine und ihrem Volk. Josefine beklagt sich, sie würde vom Volk nicht verstanden. Sie denkt, was sie pfeift, sei das Entscheidende und das Volk würde das nicht verstehen. Sie selbst aber versteht nicht, was das Volk an ihr zu schätzen weiß. Und das ist eben nicht das Pfeifen selbst, sondern die Stille, die sich darum herum ausbreitet. Das Wunder ist, dass diese Stille es dem Volk erlaubt, sich selbst als Gemeinschaft zu erleben. … Was bleibt, ist eine Erinnerung an ihr Pfeifen. Doch, so heißt es am Schluss, war ihr wirkliches Pfeifen nennenswert lauter und lebendiger, als die Erinnerung daran sein wird?Das Pfeifen war leise, aber es ist bis heute sehr markant. Safranski lässt sich nicht ein auf die Frage, was die Erinnerung an Kafka heute so laut und lebendig sein lässt, was Kafka so außerordentlich erfolgreich macht. Sein Buch ist streng fokussiert auf Franz Kafka und sein Werk. Zu allem anderen muss man selbst in die Werke hineinschauen und sich fragen: Was macht das mit mir, dem Leser? Man kann Rüdiger Safranski für dieses genaue, zurückhaltende Buch dankbar sein.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben