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Ich glaube, mich interessiert einfach auch Abgründiges. Das kitzelt mich.Also Ekel geht ja weit darüber hinaus, auch in dem Buch. Menschen, aus denen es nicht trieft, können auch eklig sein. Und das in all seiner Härte zu beschreiben, das zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht.Quelle: Svea Mausolf, Autorin
Ich finde, in Überzeichnungen liegt ganz viel Wahrheit. Ich bin auch Fan von Kalauern, die immer funktionieren.Kristine Harthauer: Gleichzeitig sind diese Figuren ja auch ziemliche Stereotype. Da hast du keine Angst davor. Was gefällt dir an dieser Überzeichnung? Svea Mausolf: Ich finde, in Überzeichnungen liegt ganz viel Wahrheit. Ich bin auch Fan von Kalauern, die immer funktionieren. Kalendersprüche haben immer was Wahres. Ich finde, so wie es bei Memes funktioniert, funktioniert es im Literarischen auch und besonders, wenn es um Humor geht. Dass ich in der Überzeichnung immer den wahren Schmerz finde. Ich finde, Literatur kann auch gerne so was Comichaftes haben, was nicht im Alltag zu finden ist, aber gerade dann doch überall, wo man hinsieht. Weil es eben so detailliert und so überzeichnet beschrieben ist.Quelle: Svea Mausolf, Autorin
Es steckt sicherlich viel von Peggy in mir, aber von mir steckt auch viel in allen anderen Figuren.Kristine Harthauer: Du hast, so wie deine Figur Peggy, aber auch nie zu viel, würde ich sagen. Du hast wie Peggy auch ein Kunststudium abgebrochen. Du lebst, soweit ich weiß, auch in Köln. Wie weit bist du davon entfernt, den Weg von Peggy einzuschlagen? Oder wie viel von dir spiegelt sich da wieder? Svea Mausolf: Es ist kein autofiktionaler Roman. Es steckt sicherlich viel von Peggy in mir, aber von mir steckt auch viel in allen anderen Figuren. Ich sehe mich da in jedem, sogar in Martin, und würde fast sagen, dass ich am ehesten den Weg von Renate einschlagen wollen würde, die später im Buch vorkommt.
Der Schnee hat einen ganz eigenen Glanz, wenn der Wind nachlässt und die Abendsterne am Nachmittagshimmel funkeln. Der Himmel erstreckt sich in alle Richtungen. Noch nie habe ich so viele Sterne auf einmal gesehen. Wie viele vor uns schauen wir zurück, in Richtung der dichten Wälder, der Seen und Flüsse, in deren Nähe wir gewohnt haben, auf Gebäude, Blaubeerwiesen und Familien, die wir hinter uns gelassen haben. Sie, die anderen, drehen sich um, als die Weite um uns herum alles Gewohnte verschluckt. Ich nicht. Ich begrüße das Neue. Das Offene und Große.Ingeborg Arvolas präzise, detailgenaue Beschreibungen machen die Landschaft und das Leben der Menschen darin sinnlich erfahrbar. Die schneebedeckten Weiten und die Schilderungen scheinbar schlichter, urtümlicher Lebenswege werden zu einem mythisch beseelten Gegenentwurf zur unerbittlichen Modernisierung der Welt. Ingeborg Arvola hat den Roman in Oslo mit Blick auf Straßen und Häuser geschrieben. Die Finnmark aber war trotzdem präsent. „Ich sitze in Oslo und sehne mich nach dieser Natur. Ein Teil von mir will immer in der Finnmark sein. Es ist die schönste Natur. Ich glaube, die Kombination aus Wissen und Sehnsucht macht das Buch aus. Wenn ich in der Finnmark leben und schreiben würde, wäre es vielleicht schrecklich. Womöglich ist die Sehnsucht also ganz wichtig.“Quelle: Ingeborg Arvola – Der Aufbruch
Ja, es ist eine katastrophische Geschichte, und deshalb ist auch einer dieser Hauptmomente in der neueren deutschen Geschichte eben dieses Kriegerische, das weitgehend auch die Mentalität geprägt hat.Quelle: Uwe Timm
Ceridwen in ihrem langen Nachthemd unter dem Wildapfelbaum, das seidige Haar offen über den Schultern, ihr Blick wie unter Hypnose auf die Kamera gerichtet. Der leere Rollstuhl stand hinter ihr, und obwohl sich ihre Füße auf dem Boden befanden, wirkte sie schwerelos, als schwebte sie hinauf in die Falle der Fotografin.„Old Soul“ entfaltet sich in beklemmender Langsamkeit, präzise und unbestechlich. Bemerkenswert ist dabei die Rolle von Jake, der als Erzähler kaum in Erscheinung tritt – und das ist auch gut so. Denn nicht er steht im Mittelpunkt, sondern die Stimmen derjenigen, die zurückgeblieben sind. Diese Perspektivenvielfalt und die überzeugenden Lebenswelten in verschiedenen Zeiten und Kulturen, verleihen dem Roman eine fast dokumentarische Qualität.Quelle: Susan Barker – Old Soul
Die beste Methode, unsterblich zu werden, sagt die Frau, ist, nicht zu sterben.Kunst und Vergänglichkeit als Strategie der Konservierung. Das Gespenstische ist eben mehr als bloße Erscheinung. Und da steckt der Horror von „Old Soul“: in den existenziellen Fragen der Moderne.Quelle: Susan Barker – Old Soul
Als Hanna mit ihrem ersten Kind in den Wehen lag und dabei auf die Johanniskirche schaute, wusste sie noch keinen Namen. Die Hebamme drückte auf ihren Bauch, damit es schneller ging: „Wer Ostern mit den Eiern spielt, hat Weihnachten die Bescherung. Also Geschenk auspacken.“Insgesamt wird Hanna sechs Kinder auf die Welt bringen, von denen zwei vor ihr sterben. Für Lektorin Klobusiczky eine beeindruckende Frau. „Sie ist so unglaublich plastisch. Für mich ist sie auch ein freier Mensch, obwohl sie ja von einer Diktatur in die nächste stolpert.“ Trotz all der Schicksalsschläge und Widrigkeiten schlägt sich Hanna tapfer durchs Leben.Quelle: Annett Gröschner – Schwebende Lasten
…Studentenblume. Auch Tagetes genannt. Leuchtendes Gelb oder Orange. Aus der Familie der Korbblütler. Ist nur einjährig, aber sehr anpassungsfähig und robust. Riecht streng. Wenn im Strauß, dann nur 1-2 und mit angenehm duftenden Blumen.Hanna bekommt im Jahr 1938 von einem geheimnisvollen Fremden den Auftrag, das Bukett vom Gemälde nachzubinden. Damals unmöglich, niemals hätten Tulpen und Rosen gleichzeitig in einer Vase stehen können. „Das waren alles so Sachen, die musste ich selber erst lernen. Aber das Schöne ist, dass die Familie meiner Agentin, das sind Blumenhändler, und wir haben das dann ausprobiert.“ Bosschaerts Bild steht für die Schönheit der Schöpfung und Vanitas in einem, eine Metapher für die Ambivalenz des Lebens. „Ich wollte nicht nur dieses Leben einer Arbeiterin beschreiben, sondern es ging mir auch ein bisschen zu zeigen: das Blumenbinden ist ja auch eine Kunst.“ Auf wenigen Seiten erzählt Gröschner so viel: man lernt nicht nur die zupackende Hanna kennen, sondern auch ihr Umfeld, die ehelichen Dynamiken mit ihrem einbeinigen und im Alter stummen Mann Karl, man hört die Menschen reden, und man bekommt Eindrücke von einer Stadt, die heute so nicht mehr existiert. Wie das gänzlich im Krieg zerstörte Armenviertel „Knattergebirge“ – vor dem Zweiten Weltkrieg eines der am dichtesten bebauten Wohngebiete Europas. „Wenn Sie schon mal in Magdeburg waren, hinterm alten Markt, die Johanniskirche, wenn man da bis zur Elbe geht, ist alles Grünanlage und das war das Knattergebirge. Also auf dieser Grünanlage befanden sich 20, 30 Gassen und Straßen und davon ist nichts übrig geblieben. Aber die Keller sind noch da. Und das war etwas, was unsere Kindheit auch bestimmt hat.“Quelle: Annett Gröschner – Schwebende Lasten
Je besser sie den Kran beherrschte, desto mehr Gefallen fand sie an ihrer Position. Bald nannte sie ihren Kran Mimi. Sie redete mit Mimi, wie sie mit den Blumen geredet hatte. Und nicht selten dachte sie, dass sie mehr mit ihrem Arbeitsgerät redete als mit Karl.Nach der Lesung trägt Annett Gröschner ihr Blechschild stolz in den Keller. Dort wird ihr Roman mit Wein, Schichtbroten und vielen frühlingshaften Blumensträußen gefeiert.Quelle: Annett Gröschner – Schwebende Lasten
Ein Mittel gegen Lyrismen. Halten wir das Licht, besonders das honigfarbene Licht, von unseren Augen fern. Nur die Fakten, Mann – keine malerischen Effekte. Wir sind hier, um Verbrechen aufzulisten. Die Stadt ist ein Netz von schematischen Darstellungen. Versuchen wir, ein paar Nadeln in die Karte zu stecken.Dieses Vorhaben scheitert – glücklicherweise. Der Titel „Der Fall Brooklyn“ greift ganz bewusst auf juristisches Vokabular zurück. Lethem zeigt, wie Jugendliche in Brooklyn in den 1970er-Jahren, die er selbst dort erlebt hat, in einem Umfeld selbstverständlicher Kriminalität aufwachsen. Überfälle, Diebstähle, Drohungen und Machtkämpfe unter rivalisierenden Gangs sind der Normalfall. Lethem kennt die Sprüche, die Gesten, das Distinktionsgehabe bis ins kleinste Detail. Und er erzählt davon in einem swingenden, mitreißenden Tonfall, ohne den Ernst der Lage zu verharmlosen. Für die Straßenkriminalität und die Raubüberfälle unter den Jugendlichen wählt Lethem das Bild des Tanzes: Ein streng choreographierter Ablauf von Blicken, Bewegungen und Dialogen, von dem abzuweichen beinahe ein Vergehen ist und den nur die Jugendlichen untereinander verstehen:Quelle: Jonathan Lethem – Der Fall Brooklyn
Die Eltern werden es nie wirklich kapieren. Was draußen vor sich geht. Wie sich der Tanz wirklich anfühlt. Die Worte, die gesprochen werden, und das, was gemeint ist, die Bedeutung, die hinter den Worten der Straße lauert.Und weil das so ist, gilt für jeden Einzelnen da draußen auf der Straße: „Schütz dich selbst. Niemand anderes tut es für dich. Entwickle Methoden." Staat, Polizei, Hausbesitzer oder Behörden sind hier keine Autoritäten. Im Gegenteil: Sie sind Player im großen Getriebe, das Lethem in seinen Beschreibungen offenlegt. Auch die Mafia mischt natürlich kräftig mit. Und in einem Sprung in die zweite Hälfte der 1990er-Jahre wird beschrieben, welche Auswirkungen die restriktiven Polizeimaßnahmen unter Bürgermeister Giuliani hatten. Dass es trotz aller Härten auch zu kuriosen Situationen kommt, versteht sich: Da ist beispielsweise der Kunde eines Optikers, der regelmäßig einen dunklen Fleck auf seiner Brille moniert. Da sind Berichte von missglückten Überfällen, allen voran der kuriose Fall, in dem ein Pizzadieb scheitert, weil sein Opfer das Stück einfach schnell aufisst, woraufhin der fassungslose Täter empört protestiert, dass das so nicht gehe. Da ist aber auch die Geschichte der beginnenden Gentrifizierung des Stadtteils in Person eines angeblichen Millionärs, der eines der alten Häuser kauft, aufwendig renoviert und dort einzieht.Quelle: Jonathan Lethem – Der Fall Brooklyn
Es gab die, die abgehauen sind, und die, die geblieben sind; ich war einer von denen, die geblieben sind. Mehr will ich nicht verraten. Ich will lieber nicht deutlicher werden. Sagen wir einfach, ich bin für immer unter ihnen. Schwarzen, Braunen, Weißen, Jungen, Mädchen. Den Erinnerern und den Vergessern. Ich gehöre zu ihnen. Ich liebe sie zu sehr, um mehr sagen zu wollen.Eine Liebeserklärung an die Stadt. Manchmal nostalgisch, nie verklärend – und exzellent geschrieben: „Der Fall Brooklyn“ zeigt Jonathan Lethem endlich wieder in Bestform. Ein Stadtteil, der immer im Schatten des glamourösen Manhattan lag, wird zur Bühne für einen Reigen aus Träumen, Ängsten und sozialen Verwerfungen. Und was es mit den zersägten Münzen der beiden Vierzehnjährigen auf sich hat, wird hier selbstverständlich nicht verraten.Quelle: Jonathan Lethem – Der Fall Brooklyn
Gudrun ist tot. Meine beste Freundin während der Kindheit und Jugend. Die Nachricht verkündet mir meine Schwester, die immer noch am Leben ist – ganz offensichtlich. Die Nachricht lässt mich ungefähr drei Sekunden lang zusammensacken und dann denke ich: „Und ich dachte, die sei schon vor Jahren gestorben.“ [...] Ich streiche Gudrun von der Liste der Leute, die mich noch etwas angehen.Der Buchtitel „Letzte zärtliche Augenblicke“ klingt ein bisschen kitschig – und lockt auf eine falsche Fährte. Diese Heldin ist keine selbstgenügsam über die Welt und die kleinen Freuden des Alters meditierende Seniorin. Im Gegenteil.Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke
Man sagt, das Leben verlaufe zyklisch, doch der Vergleich hinkt. Irgendetwas fehlt. Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, fehlt etwas. Jedes Mal, wenn ich meine Hände betrachte, fehlt etwas. Ich weiß ganz genau, was da fehlt: Mir fehlt eine Zukunft.Doch Birgitte gibt die Hoffnung nicht auf. Zu Recht, wie sich zeigt. Javiér, ein Architekt, mit dem sie zunächst Chatnachrichten ausgetauscht hat, entpuppt sich von der ersten Begegnung an als ihre letzte große Liebe. Sie zieht zu ihm, auch wenn sie ihre eigene Wohnung in der idyllischen Rue des Thermopyles vorsichtshalber behält. Man hat Sex – einmal im Monat –, man trinkt Wein, man streitet ab und zu, man ist füreinander da. Aber wenn man erst über neunzig ist, kann es ganz schnell gehen. Gedächtnislücken und Demenz, Stürze und Brüche, Krankenhaus und Hospizbett, all das bleibt Birgitte und Javiér nicht erspart, und am Ende wartet unausweichlich – das Ende.Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke
Dann gibt er mir ein Glas St. Germain, legt mir eine Wolldecke über den Schoß und sagt mir, wie himmlisch ich dufte.Kjersti Anfinnsen, die Autorin von „Letzte zärtliche Augenblicke“, bleibt immer in der Perspektive ihrer Hauptfigur und hält Birgittes Ton: mal nüchtern, mal trauervoll, mal sarkastisch. Erzählt wird oft in inneren Monologen, aber auch Szenen und Dialogen. Die kurzen Kapitel fügen sich nicht nahtlos aneinander, sondern springen scheinbar spontan zwischen gerade Erlebtem und Erinnerungen hin und her. Vieles wird ausgelassen oder erst mehrere Seiten später wieder aufgegriffen. So stellt sich beim Lesen der Eindruck intensiver Intimität ein. Auch, weil diese nicht sonderlich sympathische Ich-Erzählerin mit Zweifeln, Selbstmitleid, Sehnsucht und Selbstsucht und der Beobachtung des eigenen Verfalls nicht hinterm Berg hält. Das gelebte Leben bleibt, und sei es in der Trauer um das Verlorene.Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke
Keine Küsse mehr. Keine Streitereien mehr. Keine Worte mehr [...], auch keine wie Schmetterlinge vor ihrem ersten Flug flatternden Blicke mehr. Keine Hände mehr auf der Haut. Keine Versöhnung andeutenden Füße unter der Bettdecke mehr, nachdem das Licht gelöscht ist. Lediglich eine winzige Hoffnung, ein kleiner Spatz, der sich erhebt und verrückt davonfliegt.Die Autorin, geboren 1975, hat sich mit Mitte vierzig an das Selbstporträt einer doppelt so alten Frau gewagt. Nicht immer entgeht sie dem Risiko, bei der Innensicht des sehr hohen Alters zu dick aufzutragen. Die leitmotivisch auftauchenden Perückenprobleme einer Pariserin zum Beispiel dürften die meisten deutschen Leserinnen befremden.Quelle: Kjersti Anfinnsen – Letzte zärtliche Augenblicke
Am 26. Februar 1881 feierten 600.000 Menschen in Paris den 79. Geburtstag Hugos, die Schule fiel aus und Strafarbeiten wurden den Kindern an diesem Tag erlassen, denn alle sollten dem Großvater der Nation zujubeln können. Es war die längste Prozession, die Paris seit den Tagen Napoleon Bonapartes gesehen hatte, und die größte Massenanbetung, die je einem Dichter zuteil wurde.Quelle: Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch
Mein Charles hat L’année terrible nicht gelesen, mein Victor hat Quatrevingt-Treize nicht gelesen. Vielleicht lesen sie es von dort oben.Näher kommen uns die Dutzenden Nebenfiguren, die Hülk auftreten lässt, während das Jahrhundert und mit ihm die Industrialisierung und die Vernetzung der Welt voranschreiten. Hugos Tochter Adèle etwa, eine begabte Musikerin, deren Jugend dem Familien-Exil auf den Kanalinseln zum Opfer fiel und die früh mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Oder Hugos Geliebte Juliette Drouet, die lebenslang neben Hugo wohnte und ihm zuarbeitete, ohne dass sie jemals einen offiziellen Platz an seiner Seite erhielt.Quelle: Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch
Er konnte blumig, ja kitschig sein, Pomp und Pathos gehören zu seinem Stil ebenso wie der lyrische Ton, die Satire, Arabeske und Groteske. Immer aber bewegte er Herz und Verstand und erzählte so, dass man glauben mochte, Erzählen helfe in allen Lebenslagen und könne selbst niemals in eine Krise geraten. Er ging durch das Leben und durch sein Jahrhundert als Passant in der Menge und als Streuner am Meeresstrand, und das Jahrhundert und das Leben kamen zu ihm.Quelle: Walburga Hülk – Victor Hugo. Jahrhundertmensch
Immer heftiger schlug die Forelle mit dem Schwanz, tanzte über den Sand. Lothar ließ das Messer fallen.
„Ich kann’s nicht“, sagte er verblüfft.
Schon hatte er den hüpfenden Fisch gepackt und zurück ins Wasser geworfen.
„Was kannst du nicht?“
„Grausam sein. Töten. Ich kann es nicht.“
Gesine lächelte aufmunternd: „Das lernst du schon noch!“Quelle: Arno Frank – Ginsterburg
Wie konnten Menschen so unberührt bleiben vom Gang der Dinge? War es so einfach, sich im Gleichschritt zum schweren Tritt der Zeit zu bewegen? Nicht einmal aus bösem Willen, einfach aus Instinkt?Darüber denkt einmal eine verzweifelte Frau nach, deren jüdischer Mann eingesperrt wurde. Es ist die zentrale Frage des Buches. Arno Frank zeigt auf so bedrückende wie eindrückliche Weise, wie es möglich war, unberührt zu bleiben, und wohin Gleichgültigkeit und Verblendung führen können.Quelle: Arno Frank – Ginsterburg
Man hat herausgefunden, dass die Tomatenpflanze ihre Blätter mit einem Stoff füllt, der dafür sorgt, dass die Raupen sich von den Blättern abwenden und ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf ihre Artgenossen richten. Die Raupen beginnen, sich gegenseitig aufzufressen.Quelle: Zoë Schlanger – Die Lichtwandler
Die Blüte wirkt wie ein Verstärker, ihre gesamte Form wie ein Resonanzlautsprecher… Das lässt vermuten, dass die Blüte diese Form aus demselben Grund angenommen hat, aus dem auch Satellitenschüsseln konkav sind.Womöglich haben Pflanzen auch visuelle Fähigkeiten. Schlanger beschreibt eine Kletterpflanze aus dem Regenwald, die ihre Wirtsgewächse perfekt im Aussehen imitiert und in Experimenten sogar Plastikpflanzen nachgeahmt hat. Pflanzen sind zudem sensibel für Berührungen. Zur uralten Bauernweisheit gehört es, dass man ihr Wachstum durch Stoßen, Schlagen oder Reiben beeinflussen kann. Die Pflanze reagiert darauf, indem sie kräftiger oder biegsamer wird oder ihr Immunsystem aktiviert. Aber kann man angesichts der erwiesenen Empfindlichkeit noch einen Brokkoli guten Gewissens ins kochende Wasser werfen? Dass Pflanzen Schmerz empfinden, wäre wohl doch zu anthropozentrisch gedacht, gesteht die Autorin ein.Quelle: Zoë Schlanger – Die Lichtwandler
Wie kann etwas, das kein Gehirn besitzt, überhaupt die Reaktion auf irgendeinen Stimulus koordinieren? (…) Kann es sein, dass wir nach dem Falschen suchen? Natürlich besitzen Pflanzen kein Gehirn – aber was, wenn die ganze Pflanze als SOLCHE einem Gehirn ähnelte?Wie bei Peter Wohlleben erfahren wir in Zoë Schlangers glänzend geschriebenem Buch, dass der Wald keineswegs still und schweigend dasteht, sondern ein Hotspot der Kommunikation ist, die über Pilz- und Wurzelgeflechte und andere subtile Kanäle läuft. Schlanger driftet dabei aber nie ins Esoterische. Sie geht nicht auf Konfrontation mit der biologischen Wissenschaft, sondern zeigt, wie diese in den letzten Jahren in ungeahnte Bereiche vorstößt. Ein Buch, das Augen öffnet.Quelle: Zoë Schlanger – Die Lichtwandler
Worüber kann man noch schreiben, was? Man macht die Augen auf und erschricktnotiert der Kölner Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann im Mai 1971. Er hat zu diesem Zeitpunkt gerade einen Karriereabsturz hinter sich und steckt in der Schreibkrise fest. Dabei hatte doch alles so verheißungsvoll angefangen – für ihn, den 1940 in Vechta geborenen Provinzflüchtling.Quelle: Rolf Dieter Brinkmann
Es war, vom Verlag geschickt lanciert, ein Erfolg, dessen Schattenseite ein Image war, das der Autor so schnell nicht wieder loswurde.Und in der Tat: Spätestens, als Brinkmann dann nur ein Jahr später, 1969, zusammen mit seinem Freund Ralf Rainer Rygulla die Anthologie ACID herausgab, war er auf die Rolle des Angry Young Man gebucht. Handelte es sich bei ACID doch um einen Sammelband mit Texten aus der anglo-amerikanischen Subkultur, in denen es ebenfalls schockierend vulgär um Sex und Drogen ging. Pünktlich zur Hippie-Revolte wurde ACID zum Kultbuch – und Brinkmann zum Vorzeige-Rebellen einer neu ausgerufenen, deutschen Pop-Literatur. Ein Image, das ihm jedoch schon bald auf die Nerven ging. Entsprechend gereizt reagierte er bei Auftritten – und steigerte sich immer mehr in die Rolle des beleidigenden Wüterichs hinein. Bis er im November 1968 den Kritikern Rudolf Hartung und Reich-Ranicki bei einer Diskussion in Berlin sogar androhte, sie mit einem Maschinengewehr niederschießen zu wollen.Quelle: Michael Töteberg und Alexandra Vasa – Ich gehe in ein anderes Blau
„An guten Tagen verbreitete [Brinkmann] Hohn und Spott, an schlechten Gift und Galle.“Vasas und Tötebergs Biografie kann man nun als Versuch lesen, neben dem Wüterich Brinkmann wieder stärker das sensible und erstaunlich hellsichtige Genie sichtbar zu machen. Denn das war der große Alles-Beschimpfer aus Köln eben auch: Ein empfindsamer, hochbegabter und visionärer Autor, der auf der Suche nach neuen Erzählformen neugierig mit Foto-Collagen und Super-8-Filmen experimentierte, zugleich aber bereits vor der Manipulation durch die Massenmedien warnte.Quelle: Reinhold Neven Dumont
Brinkmann weist in die Zukunft, dadurch, dass er zeigt, dass das Ich für immer gefährdet sein wird.Erkannte darum schon Peter Handke 1979. Unterm Strich hätte man Brinkmanns erster, akribisch recherchierter Biografie zwar etwas mehr Mut der Verfasser zum eigenen Urteil gewünscht, das sie leider oft lieber Weggefährten des Autors überlassen. Insgesamt aber ist ihnen ein wichtiges, hochspannendes Buch gelungen.Quelle: Peter Handke
Der erste Auftrag war ein sehr streng minimalistisches, gläsernes Cottage auf den Shetlandinseln gewesen, das er einrichten sollte. Er ließ alles steingrau streichen, Decken, Wände, Fußböden, Einbauschränke, einfach alles, und dann ließ er ein paar naturbelassene Felsen nebeneinander auf den frisch gestrichenen Fußboden des Wohnzimmers legen, so daß die Unterseite der Steine ganz leicht die frische graue Farbe reflektierte.Pauls Vorliebe für monochrome Gestaltungsideen erregt die Aufmerksamkeit eines anderen Schöngeists namens Cohen, der nicht nur eine ambitionierte Design-Zeitschrift herausbringt, sondern auch seltsame Aufträge zu vergeben hat. Paul möge doch bitte ein riesiges Rechenzentrum in Norwegen, in dem die digitalen Erinnerungen der Menschheit gespeichert sind, farblich umgestalten: „Und Cohen sagte nun, Paul solle alles weiß malen, die ganze Halle. Die Rechner, die Wände, die Decke, den Fußboden. Vermutungen, Vorstellungen und Erinnerungen würden sich in so großen Mengen im Green Mountain Datenzentrum ballen, daß ein weißgestrichener Raum für Aufgeräumtheit sorgen würde, und dafür bräuchte man nicht irgendein Weiß, sondern das perfekte, das einmalige Weiß."Quelle: Christian Kracht – Air
Wer allein schlafen wollte, galt als eigennütziger Sonderling und wurde sanft, aber mit Nachdruck davon überzeugt, daß die Kraft der Steinstadt einzig in der Gemeinschaft lag.Quelle: Christian Kracht – Air
Dinge, die aus der Erde wuchsen, schienen ihm mit einem Mal artifiziell, Blätter und Bäume wider die eigentliche Natur. Sich von etwas anderem als Seetang und Fisch zu ernähren und sich mit etwas anderem als Stein zu umgeben, erschien ihm als schlichtweg falsch.Quelle: Christian Kracht – Air
Es war überhaupt alles wie in Erinnerung oder wie im Film oder wie in einem Traum.Quelle: Christian Kracht – Air
Das erste von mir erfundene Lied hieß »Sister Gladys Glass«. Gladys nach Gladys Knight & the Pips. Ihre Single »Midnight Train to Georgia« war eines unserer All-Time-Lieblingslieder. Die Single hatte ein purpurnes Cover, auf dem ein lächelnder Lokomotivkopf frontal in den Betrachter hineinfährt. So klang auch Gladys, wenn sie sang; ich wollte auch so klingen, wenn ich sang.Die eigene Musik der Erzählerin nimmt immer mehr Raum in ihrem Leben ein. Sie tritt auf, bestreite ihren Lebensunterhalt in einem Züricher Restaurant kellnernd. Niemand und sie entfernen sich zunehmend. Dann die Chance für den Karriere-Kick: eine Einladung einer Plattenfirma. Niemand und die Erzählerin machen sich auf zum Vorspiel, im Bataclan in Paris.Quelle: Sophie Hunger – Walzer für Niemand
„Ich tippte abermals, diesmal bis zum letzten Track. Alben schließen meist versöhnlich. Ähnlich plötzlicher Milde am Sterbebett oder dem »mit freundlichen Grüßen« am Schluss einer Kündigung. Am Ende möchte keiner allein sein, dachte ich.“Sophie Hungers Art, Geschichten zu erzählen, folgt dem Prinzip eines Albums: ein harmonischer Gesamtklang, in dem die einzelnen Stücke aufeinander aufbauen, dennoch für sich stehen.Quelle: Sophie Hunger – Walzer für Niemand
Was der europäische Mensch … an erster Stelle für sich fordert, ist Urlaub von allem, was einmal eigene große Geschichte war.Die Selbstbescheidung eines postheroischen Europas nach dem Abschied von den großen Utopien ist nach Sloterdijks Ansicht problematisch, weil seine Schwäche von anderen ausgenutzt werden kann. Ein postimperiales Europa, das seine „phallische Strahlkraft“ verloren hat, ermutigt diejenigen Mächte, die es sei´s wirtschaftlich, sei´s militärisch herausfordern wollen. Sloterdijks Essay ist auf dem Hintergrund des aktuellen russischen Krieges gegen die Ukraine geschrieben: Für die aktuelle Situation findet er im Rückbezug auf Homers Odyssee die ebenso schlagende, wie elegante Formulierung:Quelle: Peter Sloterdijk – Der Kontinent ohne Eigenschaften
Während die mittleren Europäer zwischen Lissabon und Stettin sich zunehmend der Verniemandung überlassen, bilden ihre Feinde von Peking bis Ankara eine Polyphemische Internationale.Quelle: Peter Sloterdijk – Der Kontinent ohne Eigenschaften
Man könnte das freie Europa als eine Union von gelassenen Apostaten bezeichnen.Andere durchaus treffende Definitionen Europas findet Sloterdijk, indem er dessen revolutionäre Geschichte Revue passieren lässt. Deren Wirkung sei die „Tiefenaufhebung der Sklaverei“, d.h. eine stolze Kultur individueller Freiheit gewesen. Dagegen sei das von „Angst, Gier und Rachsucht“ geleitete Russland ins „Stadium der vorreformatorischen Unterwerfung zurückgekehrt.“ Zutreffend sei aber nicht Oswald Spenglers Szenario vom „Untergang des Abendlandes“. Die Europäer seien vielmehr stark, weil sie auf eine lange Kultur der Selbstbefragung und des Sich-selbst-Rechenschaft-Ablegens zurückgreifen und sich ihre eigenen „Verirrungen“ gestehen könnten. Der homo occidentalis seiQuelle: Peter Sloterdijk – Der Kontinent ohne Eigenschaften
als das Lebewesen geprägt, dem die Fähigkeit zur ‚Einkehr‘ … als erstes Merkmal seiner Emanzipation von der Banalität des Äußeren zukommt.Quelle: Peter Sloterdijk – Der Kontinent ohne Eigenschaften
Was zockst du eigentlich?“ Klapper zuckte. Die Frage war viel zu intim. „Ähhhh.“ „Komm schon, jetzt tu nicht so. Man sieht doch aus 100 Kilometern, dass du ein Gamer bist.“ „Warum denkst du das?“ „Schlaksig, hängende Arme, krummer Nacken. Klassischer Gamerneck. Das kommt nicht von selbst, das erarbeitet man sich, indem man den ganzen Tag vorm Bildschirm hängt.“ Ihre Analyse war treffend und brutal.Quelle: Kurt Prödel – Klapper
Klapper stockt und nimmt seine Finger von der Maus. Seine Augen schimmern, als wäre er ein Archäologe, der ein digitales Fossil entdeckt hat. Der Account heißt BÄR und hat einen kleinen Vermerk. BÄR, offline seit 4891 Tagen.Quelle: Kurt Prödel – Klapper
Dieses Schlüsselerlebnis ist der Grundstein meiner nunmehr zehn Jahre anhaltenden Beobachtungsreise. Eine Art Therapie, die mich – außer unzähligen Tassen Kaffee – nichts kostet. Von West nach Ost (Berlin) habe ich mich durch sämtliche Cappuccinos probiert. Mehr habe ich in den letzten zehn Jahren gefühlt nicht gemacht. Sitzen, Nippen, Beobachten, Tippen.Quelle: Linda Rachel Sabiers – Kleine Momente in der großen Stadt
Auf der Eingangstreppe des Gorki-Theaters sitzen ein Mann und eine Frau. Sie hält mit der einen Hand seine, in der anderen Hand ein Glas Rotwein. Er schluchzt, durch die offenen Flügeltüren hören wir den ersten Gong.
„Ich sagte doch nur, dass du dir endlich mal deine Gefühle eingestehen sollst.“
„Mach ich doch.“
„Aber doch nicht jetzt.“Quelle: Linda Rachel Sabiers – Kleine Momente in der großen Stadt
Neben mir in der U-Bahn sitzen zwei Männer und unterhalten sich.Wirklich lustig ist das nicht. Aber wenn Ressentiments gegen Minderheiten so ungeschützt und zweifelsfrei vorgetragen werden, freut man sich über die heimliche Zuhörerin, die sie möglichst laut weitererzählt!
„Warst du am Wochenende bei der Gaza-Solidaritätskundgebung?“
„Nee hab ich verpasst. Du?“
„Ja, aber es waren kaum Leute da. Und dieses eine Mädchen. Die bei der Merkel geweint hat. Die Durfte nichts sagen.(…)
„Wer hat es verboten?“.
„Bestimmt die Springer-Leute, ist doch alles in Judenhand. Die Polizei übrigens auch.“
„Sei leise. Nicht dass die uns hören!“
„Die Juden? Die sind doch reich.“
„Stimmt, ich hab noch nie einen Juden in der Bahn gesehen.“Quelle: Linda Rachel Sabiers – Kleine Momente in der großen Stadt
Geboren wurde sie in Sibirien, doch mit drei Jahren brachte Großmutter ihr Töchterchen ins wärmere Moldawien – die kleine Lara vertrug die russische Kälte nicht. Ihr russischer Vater war da schon über alle Berge und ließ die beiden zurück. In Moldawien wuchs meine Mutter zur Frau heran. Und diese Frau beschloss, einmal volljährig, in das große Kyjiw zu gehen.Quelle: Dmitrij Kapitelman – Russische Spezialitäten
Wobei nichts davon so sehr wehtut, wie wenn mir die russischen Wörter fehlen, um Mama und Papa mitzuteilen, was ich fühle. Und wenn die Wörter mal fehlen, dann nehmen diese fehlenden Wörter so unglaublich viel Platz in einem weg. Mein Kopf, meine Augen, mein Mund, meine Kehle, meine Brust, mein Herz – alles ist plötzlich voll mit fehlenden Wörtern. Als würden die fehlenden Wörter in einem anschwellen. Ich halte mich daher ständig bereit, so zu tun, als wäre alles, was ich auf Russisch sage, ein Witz gewesen.Quelle: Dmitrij Kapitelman – Russische Spezialitäten
Der Seite, die von der großen Gewalt bedroht ist, würde ich am liebsten sagen. Rostik von den Neo-Landtagen der neuen Nazis erzählen, und auch von den sogenannten Christdemokraten, die ihre größten Wahlhelfer sind. Von den gerissenen Wagenknechts, die stückchenweise russischen Autoritarismus importieren und sehr profitabel an die Deutschen weiterverkaufen.Auch in seinem neuen Roman spielt Dmitrij Kapitelman seine Stärken als Journalist und Autor aus: Er beobachtet, ordnet ein und erzählt einfach mitreißend. „Russische Spezialitäten“ überzeugt als kluger Blick auf die derzeitige Weltlage. Denn Dimitrij Kapitelman setzt vermeintlichen Gewissheiten die eigene Erfahrung und Empathie entgegen – und unserer mitunter trostlosen Gegenwart eine Menge Witz.Quelle: Dmitrij Kapitelman – Russische Spezialitäten
Ich habe mich immer danach gesehnt, von einem anderen Menschen erkannt zu werden, wirklich erkannt.Quelle: Chimamanda Ngozi Adichie – Dream Count
Er konnte das, einfach ungeschoren davonkommen, sich entscheiden, nichts zu tun, aber sie würde diese Option nie haben, denn es war ihr Körper, und ein Baby musste entweder zur Welt gebracht werden oder nicht.Quelle: Chimamanda Ngozi Adichie – Dream Count
Jemand las einen Roman über den Biafra-Krieg in Nigeria und meinte: „Echt interessant, aber ehrlich gesagt kapier ich noch nicht ganz, wieso die Igbo ermordet wurden“. Ich riet ihnen, sich die Igbo als sowas wie die Juden Nigerias vorzustellen: Man traut ihnen nicht, weil sie angeblich alles kontrollieren wollen, Geld lieben und dauernd Ansprüche anmelden. „O mein Gott“, rief da eine Frau, „das darfst du nicht sagen, niemanden darf man mit Juden vergleichen!“ Ich hatte keine Ahnung, dass es Menschen gibt auf dieser Welt, die so selbstverständlich das Hoheitsrecht über anderer Leute Köpfe beanspruchen.„Dream Count“ ist ein kraftvoller Roman über Frauen, die lieben, kämpfen und sich behaupten – nicht perfekt, nicht immer heldenhaft, aber mit einer Beharrlichkeit, die bewegt. Adichie gelingt es komplexe Themen in lebendige Erzählungen zu übersetzen. Ihre Figuren sind keine Symbole, sondern echte Menschen mit Widersprüchen und Schwächen. Gerade das macht diesen Roman so eindrücklich: Er zeigt, wie das Private und das Politische untrennbar verwoben sind – und dass es in der Suche nach Selbstbestimmung nicht nur um große Gesten geht, sondern oft um die kleinen, alltäglichen Entscheidungen, die das Leben prägen. „Dream Count“ist ein Buch, das nachhallt – weil es daran erinnert, dass jede Geschichte zählt.Quelle: Chimamanda Ngozi Adichie – Dream Count
Es lohnt sich zu rekonstruieren, was den verstörenden Ereignissen dieser Nacht vorausging, denn dahinter verbirgt sich eine moderne Parabel. Sie offenbart das zerfasernde Gewebe der britischen Gesellschaft, verschlissen durch den pausenlosen Abrieb des Spätkapitalismus.Was ist passiert? Im Landhaus eines Investmentbankers wurde auf einer Party ein Zwölf-Kilo-Goldbarren des Hausherrn als Schlagwaffe eingesetzt. Täter war der wohlstandsverwahrloste Sohn einer berühmten Kolumnistin, das Opfer gehörte zu einer Gruppe von Weltverbesserungsaktivisten.Quelle: Natasha Brown – Von allgemeiner Gültigkeit
Wir müssen darauf bestehen, dass die neue Arbeitnehmerschaft in ihrer Zusammensetzung das gesamte Vereinigte Königreich widerspiegelt, nicht bloß das ›multikulturelle‹ London.Es überrascht, wie viel Raum Natasha Brown als schwarze Autorin mit Rassismuserfahrungen solchen Tiraden kritiklos einräumt. Blanke Satire ist das nicht. Dafür verkörpert diese Anti-Woke-Kolumnistin eine zu lebendige, durch ihre selbstbewusste Präsenz privilegierte Figur. Das heißt, es bleiben Fragen offen bei diesem von grellen Effekten durchsetzten Gesellschaftsbild. Andererseits ist die Handlung manchmal so vorhersehbar wie der aktuelle Zeitgeist, den sie abbildet. Doch trotz alledem bietet Natasha Browns Roman „Von allgemeiner Gültigkeit" eine Lektüre, die mit zeitkritischem Witz amüsiert und mit zielsicheren Provokationen nicht spart.Quelle: Natasha Brown – Von allgemeiner Gültigkeit
Einige Freundinnen und Freunde fragten mich damals, ob ich denn wirklich so nah bei Großmutter leben wolle. Vielleicht wäre es doch besser, wenn die erste Wohnung mit der Familie bricht, und ob ich denn keine eigene Zukunft wolle, kein eigenes Leben. Bis heute nehme ich es ihnen nicht übel, verstehe allerdings immer noch nicht, wie das gehen soll und was das sein soll, das eigene Leben.Quelle: Ricarda Messner – Wo der Name wohnt
Der bloße ‚Herzenswunsch‘, einen anderen Familiennamen führen zu wollen, stellt grundsätzlich keinen wichtigen Grund für eine Namensänderung dar.Quelle: Ricarda Messner – Wo der Name wohnt
Ich war fünfzehn Jahre alt, und in den nächsten Jahren ging ich immer wieder zum Wohnzimmerschrank, um diese Dokumente zu lesen, meistens dann, wenn ich allein war und meine Mutter nicht bei jedem Geräusch fragte, was suchst du da, weil sie dachte, ich würde ihre Kleider zerschneiden.Das dunkle Zentrum dieses Romans, so viel soll verraten werden, das sind die blutigen Tage im Rigaer Ghetto im Jahr 1941; die Kollaboration der lettischen Nationalisten mit den deutschen Nationalsozialisten, die Ermordung zehntausender jüdischer Bürger in lettischen Konzentrationslagern oder Gefängnissen. Eine Verflechtung historischer Ungeheuerlichkeiten, die Spuren hinterlassen, sich eingegraben hat in die Familiengeschichte bis in die Gegenwart hinein. Ricarda Messner hat in ihrem Debüt eine schlüssige Form dafür gefunden, wie man davon erzählen kann. Der oft verwendete Begriff „transgenerationales Trauma“ wird in diesem schmalen, aber bemerkenswerten Roman anschaulich gemacht – mit literarischen Mitteln, dafür aber umso eindrücklicher.Quelle: Ricarda Messner – Wo der Name wohnt
Es wurden Aufnahmen der Synagoge mit den Worten „Tod den Jidden“ und einem Hakenkreuz gezeigt. Außerdem wurden Ausschnitte aus einem Interview mit Rabbi Mikhail Kapustin serviert. In dem Video packt er seine Sachen und sagt: „Ich will nicht weggehen. Aber ich möchte, dass sich meine Kinder sicher fühlen. Deshalb gehe ich.“ Tatsächlich handelt es sich aber nicht um eine Synagoge in Kiew, sondern um eine Synagoge in Simferopol, an der die Schmierereien erschienen, nachdem das russische Militär die Krim besetzt hatte, von wo Kapustin in die Ukraine geflohen war.Quelle: Irina Rastorgueva – Pop-up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung
Seinen Informationen zufolge erarbeiten amerikanische Ethnogenetiker Waffen, die für eine ethnische Gruppe ungefährlich und für eine andere tödlich sind. Die heutigen russischen Behörden beschuldigen die Vereinigten Staaten seit 2009 permanent, biologische Waffen auf dem Territorium der Ukraine, Georgiens, Kasachstans und Armeniens zu entwickeln. Und das ohne jeden Beweis.In einem Vierteljahrhundert Putin hat die Kremlpropaganda die Dimensionen einer eigenen Wirklichkeit angenommen, stellt Rastorgueva nüchtern fest. Wo immer man ihr Buch aufklappt, springt einem die russische Paranoia entgegen. Es bietet dem Leser eine wohl einzigartige Binnenperspektive auf das heutige Russland.Quelle: Irina Rastorgueva – Pop-up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung
Sie kann nicht glauben, dass Rebeca, die geschwätzigste Frau der Welt, all die Jahre ein Geheimnis vor ihr bewahrt hätte. Was kann ihre Mutter verbrochen haben, dass ihre Großmutter sie derart hasst? Dieser Groll würde erklären, warum sie ihr hartnäckig jedes Andenken verweigert. (Mit keinem Wort erwähnt ihre Großmutter die verstorbene Schwiegertochter.) Als hätte sie nie existiert.Silverio wiederum ist Friedhofswärter und hat in der Nacht des verheerenden Brandes Dienst. Nachdem er sich mit Mühe und Not vor den Flammen gerettet hat, sitzt er erschöpft im Wachhäuschen – da ruft ihn seine Teenager-Tochter Daenerys an, mit der er eigentlich keinen Kontakt hat.Quelle: Jorge Comensal – Diese brennende Leere
Ich mache mir solche Sorgen um die Giraffen, die Flamingos, die Kalifornischen Kondore, sie stehen auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten.“ – „Hör mal, meine Tochter …“ – Silverio waren die vom Aussterben bedrohten Tierarten sowas von egal –
„… als ich eben glaubte, mein letztes Stündchen hätte geschlagen, habe ich ganz doll an Dich gedacht. Ich will, dass wir uns häufiger sehen. Ich rede mit deiner Mamá, damit sie da nichts gegen hat, ja? Es ist nicht richtig, dass du so gar nichts von deinem Papá hast.“Quelle: Jorge Comensal – Diese brennende Leere
Wir möchten Licht auf die sich verdüsternden Zukunftsaussichten und den gefährdeten sozialen Zusammenhalt werfen – nicht aus Schadenfreude, sondern als konstruktiven Beitrag zu einer sich intensivierenden Debatte darüber, welchen Weg die Führungsmacht Europas in Zukunft einschlagen wird. Wir appellieren an die deutschen Bürger, zu der gemeinsamen Unerschrockenheit zurückzufinden, mit der ein Weg aus den Zerstörungen der Nazizeit gebahnt werden konnte.Quelle: Chris Reiter und Will Wilkes – Totally kaputt? Wie Deutschland sich selbst zerlegt
Merkel und ihr Team nahmen sich diese Lektion zu Herzen. Von nun an war sie eine andere Politikerin und stand nicht mehr für Wandel, sondern für Stabilität.Quelle: Chris Reiter und Will Wilkes – Totally kaputt? Wie Deutschland sich selbst zerlegt
Das Programm bietet eine Hilfestellung bei der Vermögensbildung und könnte zugleich die soziale Ungleichheit bekämpfen. Die Gesellschaft würde auch indirekt davon profitieren, da zusätzlicher Wohnraum den Wohnungsmarkt entspannt. Darüber hinaus würde es die Stimmung im Land heben, denn es wäre ja ein Beleg dafür, dass Fortschritt im traditionsverhafteten Deutschland doch möglich ist.Quelle: Chris Reiter und Will Wilkes – Totally kaputt? Wie Deutschland sich selbst zerlegt
Ein neues Deutschland während einer sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Krise aufzubauen, wird nicht leicht vonstattengehen. Aber was ist die Alternative? Wenn man diese Probleme nicht angeht, öffnet man den völkischen Nationalisten die Tore noch weiter.Chris Reiters und Will Wilkes' Buch “Totally kaputt. Wie Deutschland sich selbst zerlegt“ macht noch weitere Reformvorschläge und es wäre wünschenswert, dass Politik und Gesellschaft sie diskutieren.Quelle: Chris Reiter und Will Wilkes – Totally kaputt? Wie Deutschland sich selbst zerlegt
Ich bin einundzwanzig. Das Goldene Zeitalter meines Lebens. Ich hatte eine Menge extravaganter Träume, ich wollte lieben, ich wollte essen (…). Erst später wurde mir klar: Leben heißt, dass man in einem langen, qualvollen Prozess die Eier zertrümmert kriegt.Der Roman „Das goldene Zeitalter“ ist ein Aufbegehren gegen diese Kastrationsdrohung. Wenn Wang Er von der Zeit in der Produktionsbrigade berichtet, ist deshalb weniger von der Sklavenarbeit die Rede als von renitenten und drastisch erzählten Liebesfreuden. Seine Partnerin dafür ist die hübsche junge Ärztin Chen Qingyang.Quelle: Wang Xiaobo – Das goldene Zeitalter
Eigentlich hätten wir für unsere furchtbaren Verbrechen standrechtlich erschossen werden müssen, und es war allein der großen Gnade der Kader zu verdanken, dass wir nur Geständnisse schreiben mussten. (…) Die Kader behaupteten immer, meine Geständnisse seien nicht gründlich genug, ich müsse noch mehr gestehen.Quelle: Wang Xiaobo – Das goldene Zeitalter
Die plenitudo potestatis des Künstlers, seine nur Fürsten vergleichbare Souveränität, findet in Cellini einen ihrer selbstbewusstesten Träger.Quelle: Andreas Beyer – Cellini. Ein Leben im Furor
Cellini hat das Primat der unmittelbaren Herleitung der Kunst aus der Natur betont und so die zeitgenössische Doktrin von der nur geistigen Hervorbringung der Kunst konterkariert.Quelle: Andreas Beyer – Cellini. Ein Leben im Furor
Regen kehrt zum Klang seines Ursprungs zurück, wenn die Nacht sich ausbreitet; über dem Land ist die Nacht so lang wie die verlassenen Straßen einer Stadt ... oder der Weg zu fernen Galaxien.Quelle: Etel Adnan – Hochbranden
Niemand weiß, woraus das Leben entspringt, aber es entspringt, wie die Realität aus einem Heidegger-Buch. Normalerweise sehe ich einen Teppich auf dem Boden, Stühle, wahrscheinlich einen Hund, ganz einfach. Und wahrscheinlich alles falsch.Immer wieder versinnbildlicht Adnan mit solch unerwarteten Wendungen: Es gibt keine eindeutigen Antworten auf die großen existentiellen Fragen. Im Gegenteil: Fast lustvoll bricht die Autorin mit der Illusion, es gäbe so etwas wie ein letztes Wissen.Quelle: Etel Adnan – Hochbranden
Wir spüren nur zu gut dieses Hochbranden einer Angst in der Obskurität der Organe, diese Obskurität, diesen inzestuösen Schmerz.Quelle: Etel Adnan – Hochbranden
Berge steigen in uns auf, wie es die Sprache tut, machen aus der Analogie einen wesenhaften Teil des Denkens (somit des Daseins). Daher sind Berge Sprachen und Sprachen sind Berge. Wir sprechen beides.Diese Grenzenlosigkeit erlaubt es Adnan auch, Poesie und politische Realitäten mühelos miteinander zu verbinden. So lässt sie mit nur wenigen Worten das Bild einer scheinbaren Idylle in die Versehrungen einer Welt münden, die von Krieg und Vertreibung heimgesucht ist.Quelle: Etel Adnan – Hochbranden
Züge zu nehmen, ist beruhigend: Ihr gleichmäßiger Rhythmus durchdringt die Landschaften, die sie durchqueren, während viele Flüchtlinge, die am Rande von Kriegen leben, diesen Rhythmus in ihren Adern tragen. Aber in einer Stadt anzukommen, ist eine andere Geschichte: Es bedeutet, Kriegsherren in die Arme zu laufen, die ganze Ortschaften niedergemäht haben.Und doch: „Hochbranden“, von Klaudia Ruschkowski in ein glasklares Deutsch übertragen, spendet Trost: Denn auch Etel Adnans Liebe zu allem Seienden ist: grenzenlos. Wer sich mit ihr auf Reise begibt, ist gerüstet für eine ungekannte Zukunft.Quelle: Etel Adnan – Hochbranden
2. Mai: Ich bin es die Hormone nehmen muss, zwei Tabletten oral in den ersten fünf Zyklustagen um meine Eizellen zur Reife zu bringen, vielleicht kann ich zwei oder sogar drei produzieren, wie eine Käfighenne der man Gift spritzt damit sie schneller wächst, ich bin es die zum Ultraschall muss, und wenn die Eibläschen groß genug sind bin ich es der man in den Bauch sticht um den Eisprung in Gang zu setzen, und sechsunddreißig Stunden später bin ich es die mit Emils Samen befruchtet wird, und ich bin es die sich anschließend morgens und abends Zäpfchen in die Scheide stecken muss um meine Schleimhaut so zu stärken dass sie das Ei festhält. Vielleicht wäre es ganz gut wenn du damit aufhörst die ganze Zeit daran zu denken sagte Emil neulich und ich hätte schreien oder lachen können. Wie sollte das möglich sein? Ich bin allein ich fühle einen Hunger von dem ich nicht weiß ob er je gestillt wird.Dieser „Hunger“ nach einem Kind wird zur alles vereinnahmenden Obsession der Erzählerin Mia; ein Hunger, der alles andere verdrängt und ein Leben ohne Kind sinnlos erscheinen lässt.Quelle: Tine Høeg – Hunger
3. Juni: Negativer TestDer Roman „Hunger“ ist ein eindrucksvolles Protokoll davon, wie das gesellschaftliche Ideal einer eigenen biologischen Familie sich in sein dunkles Gegenteil verkehrt, sobald die Körper nicht entsprechend funktionieren. Denn obwohl es Emils Spermien sind, die zu großem Teil nicht zeugungsfähig sind, wird das Versagen einer ausbleibenden Schwangerschaft der Frau angelastet. In ihrem Körper wird der Kampf um ein Kind ausgetragen.
4. Juni: Ich will jetzt besser sein. Ich will fröhlicher sein, alles von der heiteren Seite betrachten. Meltdown gestern Abend. Lust zu sterben, ich will mich kneifen, mich blutig kratzen, ich will an einem dunklen Meer stehen und schreien. Eins werden mit meinem Schrei was ist los fragt Emil. Mia, was ist los? Ich glaube nicht, dass es klappt sage ich. Emil ist still. Dann sagt er verbissen: aber ich glaube es. Ich sehe ihn an und er weintQuelle: Tine Høeg – Hunger
24. November: Aber ich erlebe ja das alles weil ich mich so wahnsinnig danach sehne Mutter zu werden. Das ist das Brennglas durch das ich alles sehe, und ich empfinde tiefen Hass gegenüber allen bei denen dieses Bedürfnis gestillt ist. Ich denke an den Körper der Frau. Brutalität und Tod ob sie nun gebiert, abtreibt oder nicht schwanger werden kann, der Körper der Frau ist ein Ort der Gewalt. Du kultivierst deine schlechten Gefühle, sagt Emil. Gestern sagte er: manchmal habe ich das Gefühl ich bin nur Statist für deine GefühleDas einzige, an was Mia sich halten kann, ist ihr Schreiben, das schriftliche Festhalten ihrer Erlebnisse.Quelle: Tine Høeg – Hunger
10. Juli: Meine Arbeit muss sein: diesen Text schreiben. Ich hatte das Schreiben als eine Fluchtmöglichkeit gesehen. Ich wollte eine andere Welt schaffen, aber ich muss hierbleiben. Mit meinem Blut schreiben. Kein Schluss, keine Erlösung, kein Plot nur endloser langwieriger SchreckenQuelle: Tine Høeg – Hunger
5. Juli: Ich habe Angst die Verbindung zu meinem Körper zu verlieren. Ich hasse ihn, sage ich zu Emil. Ich ertrage es nicht ihn länger anzusehen. Ich habe Lust ihn abzuschrauben und ihn den Ärzten zu geben und nur ein Kopf zu sein bis ich schwanger bin. Ich habe Lust darauf von mir selbst befreit zu werden. Von jetzt an will ich nicht mehr hoffen, das ist zu hart.Ob Mia am Ende doch noch schwanger wird, lässt das Buch offen. Es endet nach neun Monaten Aufzeichnungen und entlässt ganz bewusst nicht in ein glückliches Ende. In jeder Zeile Schmerz „Hunger“ ist ein verstörend aufrichtiges und oft aufwühlendes Protokoll von der unbedingten Sehnsucht nach Mutterschaft. Tine Høeg hat ein eindrucksvolles autofiktionales Buch geschrieben, in dem aus jeder Zeile der Schmerz spricht. Darüber hinaus fragt es kritisch nach dem infrage gestellten Wert eines Frauenkörpers, wenn er nicht das leistet, was ihm kulturell und gesellschaftlich als Last auferlegt ist – nämlich: neues Leben in die Welt zu setzen.Quelle: Tine Høeg – Hunger
Aber es ist mir wichtig, dass es ein Roman ist, der viel mehr Perspektiven zeigt als die, die persönlich kenne. Und es ist ein Roman über autoritäre Gewalt und über Wahrheitsfälschung.Quelle: Dmitrij Kapitelman
Was sollte ich denn sagen: dass er mich verlassen hatte, obwohl er kein Recht dazu hatte? Oder dass ich so wahnsinnig brillant war und diese Brillanz sich abnutzte, weil Baby sie abnutzte?Obwohl Schunnesson die Geschichte aus Bibbs’ Perspektive erzählt und Einblick in ihre Gedanken gibt, fällt es schwer, sie als Person zu greifen und ihr Verhalten nachzuvollziehen. Sie denkt und handelt oft widersprüchlich. Auch ihre Einstellung Baby gegenüber ändert sich permanent. Diese Gefühlsschwankungen können beim Lesen durchaus Anstrengung abverlangen.Quelle: Tone Schunnesson – Reality, Reality
Kleine Lügen, dem Anschein nach unbedeutend, doch zusammengenommen legen sie sich zwischen den, der sie ausgesprochen hat, und die Welt. Man hat seine Ruhe, aber zu dem Preis, dass die Welt sich entfernt.Ganz selten lässt diese berechnende Protagonistin Momente der Einsamkeit und Verletzlichkeit hindurchschimmern. Die Frage, ob Bibbs im Laufe der Geschichte lernt, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und zu einem ehrlicheren Menschen wird, hält die Spannung bis zuletzt aufrecht. Die Handlung des Romans mag zunächst platt klingen – größtenteils ist sie das auch, von der Autorin aber sicherlich gewollt. Manche Szenen und Formulierungen sind zudem vulgärer als sie sein müssten. Doch die Autorin lässt uns mit Spannung, Komik und Empörung am Alltag ihrer erfolglosen Protagonistin teilhaben. In ihrem Roman „Reality, Reality“ kreiert Tone Schunnesson eine eigene Realität voller Erfolgswahn, Oberflächlichkeit und Lügenkonstrukten und trifft so den Nerv der Zeit.Quelle: Tone Schunnesson – Reality, Reality
Volkssturmführer Debrodt diskutiert das Vorhaben mit anderen Verantwortlichen: ‚Alle waren der Meinung, dass es nicht gut, aber notwendig sei.‘Vollendeter Irrsinn des Dritten Reichs – nur einen Tag später treffen die Amerikaner ein. Der Horror von Gardelegen ist eine der vielen erschütternden Szenen in Volker Heises Chronik des Jahres 1945.Quelle: Volker Heise – 1945
Der deutsche Nationalcharakter eignet sich nicht für den Partisanenkrieg.So zerfiel das Dritte Reich wie ein Spuk. Erich Kästner, der sich selbst glücklich durch den Untergang laviert hat, stellt fest:Quelle: Volker Heise – 1945
Die Unschuld grassiert wie die Pest. Sogar Hermann Göring hat sich angesteckt.Und selbst der SS-Führer Heinrich Himmler geht am 6. Mai noch davon aus, dass er dank seiner organisatorischen Talente „eine wichtige Rolle in der Nachkriegsordnung einnehmen kann“.Quelle: Volker Heise – 1945
All jene scheußlichen Grausamkeiten, denen gegenüber wir schon verhärtet scheinen, werden einzeln beschrieben und aufgezählt. Die Angeklagten langweilen sich, desgleichen alle anderen im Saal.Angenehm ist der nüchterne Ton des Buches, das weder von oben herab doziert noch – im Florian-Illies-Stil – die Einfühlung forciert, sondern ganz auf die starken Zeitzeugen-Zitate vertraut. Volker Heise ist ein fesselndes, aspektereiches Geschichtspanorama über jenes Jahr gelungen, über das man gar nicht genug wissen kann. Denn 1945 ist das Fundament der Bundesrepublik.Quelle: Volker Heise – 1945
GESUCHT!
VON DER ISTHMISCHEN KANALKOMMISSION.
4000 tüchtige Arbeitskräfte für Panama.
2-Jahres-Vertrag.
Kostenlose Fahrt in die Kanalzone und zurück.
Kostenlose Unterkunft und medizinische Versorgung.
Arbeit im Paradies!Quelle: Cristina Henríquez – Der große Riss
Männer, die von den schwingenden Armen der Dampfbagger erschlagen wurden; Männer, deren Beine von vorbeirasenden Zügen abgetrennt wurden; Männer, die von Stromkabeln verbrannt wurden; Männer, die von Klippen gestürzt waren; Männer, die von Kränen gestürzt waren. Einmal war ein Mann auf die Station gekommen, dessen Knöchel auf die Größe einer Kokosnuss angeschwollen war, und hatte behauptet, dass eine dreizehn Fuß lange Schlange ihren Kiefer um ihn gelegt habe, als er durch das Dickicht gestapft sei.Quelle: Cristina Henríquez – Der große Riss
Sie hielt ihre dunklen Augen auf ihn geheftet, und er fühlte sich seltsam gebannt. Es lag eine Art Zauber in der Tiefe dieser Augen. Ihre Freundin kicherte. Da bemerkte Francisco, dass er seine Hand noch immer in der Luft hatte. Er versuchte vergeblich, sie zu senken. Seine Hand wollte sich einfach nicht bewegen. Es war, als hätte sie sich in Stein verwandelt.„Der große Riss“ liest sich flüssig, auch wenn ihm das Süffige fehlt, das Isabel Allendes Romane über Ereignisse aus der lateinamerikanischen Geschichte ausmacht. Wer an tragische Familiengeschichten vor historischem Hintergrund keine allzu großen Ansprüche stellt, wird „Der große Riss“ von Cristina Henríquez dennoch mögen.Quelle: Cristina Henríquez – Der große Riss
Wie wir wissen, rief der Bürgerkrieg vor allem unter den städtischen Arbeitern des Nordens keine Begeisterungsstürme hervor, und Rassismus war unter ihnen weit verbreitet. Wenn Sklaverei als eine Bedrohung und Anomalie in einer demokratischen Gesellschaft gefürchtet war, dann war der Sklave in Wirklichkeit noch sehr viel mehr verachtet und gehasst. Die Ideologie der freien Arbeit fürchtete die Sklaverei, aber hasste den Sklaven.Quelle: Judith N. Shklar – Wählen und Verdienen
Was der Staatsbürgerschaft als Stellung ihre historische Bedeutung verlieh, ist nicht die Tatsache, dass sie für so lange Zeit so vielen verweigert wurde, sondern, dass diese Exklusion in einer Republik geschah, die nach außen hin der politischen Gleichheit verpflichtet war und deren Bürger glaubten, dass sie einer freien und gerechten Gesellschaft angehörten.Quelle: Judith N. Shklar – Wählen und Verdienen
Wie üblich haucht er auf das Glas, wischt mit seinem Taschentuch darüber, beugt sich näher heran und sagt: Ich hole dich hier raus, Nuco. Ich weiß zwar noch nicht, wann, aber ich hole dich hier raus. Nur Geduld.Quelle: Fernando Aramburu – Der Junge
Zwischen den Trümmern sah man geborstene Schreibpulte und verbogene Stühle. Überall lagen die Körper fünf und sechsjähriger Kinder auf der Straße, blutüberströmt, zerfetzt, die Kleidung zerrissen. Einige waren durch die Luft geflogen und verrenkt und entstellt auf einer Seite des Schulhofs gelandet. Und wo bis kurz vor Mittag noch die Klassenräume der Kleinsten gewesen waren, gähnten jetzt drei gewaltige Löcher (…)Diese reale Katastrophe bildet die Grundlage für Fernando Aramburus neuen Roman Der Junge. Die Geschichte konzentriert sich auf die Familie des bei dem Unglück gestorbenen kleinen Nuco. Aramburu erzählt das gemeinsame Trauma des kleinen Ortes anhand der Familie des toten Nucos – Großvater Nicasio, Mutter Mariaje und Vater José Miguel. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Mariaje und eines Erzählers geschildert. Zudem gibt es eine dritte, distanziertere Ebene: Der Roman, und durch ihn der Autor selbst, meldet sich zu Wort und reflektiert den eigenen Schreibprozess. Er sei, lässt der Text seine Leserinnen und Leser wissen, nur eine „Summe von Wörtern, die so angeordnet sind, dass sie eine Bedeutung erlangen“. Da sich das Unglück von Ortuella wirklich ereignet hat, es sich also nicht um fiktives Leid handelt, ist sich der Text seiner Verantwortung bewusst. Er kann, wenn der Autor nicht sorgfältig genug vorgeht, ins Melodramatische abrutschen. Oder schlimmer noch: er müsse sich vorwerfen lassen, eine „gute Geschichte“ auf Kosten des Leids der Hinterbliebenen zu erzählen.Quelle: Fernando Aramburu – Der Junge
Trotzdem bedrängt mich die Sorge, gegen meinen Willen zu kunstvoll, zu literarisch zu werden und am Ende ein Büchlein hervorzubringen, das wie ein Roman daherkommt und Gefahr laufen könnte, mögliche Leser zu Beifall oder sogar Lob zu bewegen, und dies auf Kosten einer Tragödie, die für viele Familien ein furchtbarer Schicksalsschlag gewesen ist.Quelle: Fernando Aramburu – Der Junge
Nicasio wollte in seiner Wohnung nicht nur Nucos Möbel wieder originalgetreu aufstellen, sondern desgleichen mit dem Inhalt der Schubladen verfahren, mit den Bildern an den Wänden, den Figürchen, Büchern, der herumliegenden Spielsachen. Zu diesem Zweck verbrachte er, da er keinen Fotoapparat besaß, einen ganzen Nachmittag in der Wohnung seiner Tochter, machte allerhand Notizen und zeichnete unzählige Pläne.Quelle: Fernando Aramburu – Der Junge
Mein Vati war der Bücherfreund. Ein blasser Mann, der das Wetter mied und Tag und Nacht über seinen Büchern saß. Das heißt, wenn er Zeit hatte, und Zeit hatte er viel. Er liebte seine Bücher mehr als die Menschen, denn die konnten ihm Böses antun. Die Bücher niemals und nie.Kurzversion als Legende Die Geschichte ihres Vaters hat Monika Helfer vor ein paar Jahren schon einmal in dem Roman „Vati“ erzählt. Jetzt liefert sie die Kurzversion als Legende, kondensiert aufs Wesentliche. Das Wesentliche aber sind die Bücher. Der Vater, kriegsversehrt, weil ihm als Soldat Hitlers in Russland ein Bein erfror und amputiert werden musste, verliebte sich im Lazarett in die Krankenschwester. Die beiden heirateten und leiteten nach dem Krieg ein „Kriegsopfererholungsheim“ hoch oben auf der Tschengla. Dort wurden Monika Helfer, ihre Schwester und ihr Bruder geboren. Ein Heidelberger Professor, dessen kriegsbeschädigter Sohn dort dauerhaft unterkam, spendete seine Büchersammlung, die der Vater sorgsam hütete. Zur 2998 Bände umfassenden Bibliothek hatte außer ihm selbst nur die Tochter Monika Zutritt.Quelle: Monika Helfer – Der Bücherfreund
Er zeigte mir, wie man ein Buch richtig aufschlägt, damit der Buchrücken nicht schief und die Fadenheftung nicht versehrt wird. Man nimmt ein Buch aus dem Regal, streicht mit den Fingern beider Hände darüber, dann öffnet man es leicht, steckt die Nase hinein und riecht, und dann erst blättert man und sucht eine Stelle, die man lesen möchte.Quelle: Monika Helfer – Der Bücherfreund
Beim Nachhausegehen fragte er mich aus. Was ich einmal werden möchte. Ich sagte, ich möchte Schriftstellerin werden. Da lachte er und fragte, warum. Ich sagte: „Ich möchte, dass irgendwann mein Name auf einem Buchrücken steht.“Wie wir wissen, hat dieser Wunsch sich erfüllt. Nach Monika Helfers Roman „Vati“ ist auch die Legende vom Bücherfreund ein Vermächtnis, mit dem die Welt der Bücher, der sich der Vater verschrieben hatte, auf ganz andere Weise bewahrt wird. Das Kindheitsparadies – nichts anderes war diese abgelegene Bergwelt mit dem Bücherschatz im Herzen – war wie jedes Paradies nicht von Dauer. Die Mutter starb, das Heim wurde aufgelöst und in ein Hotel umgewandelt, die Familie musste raus, die Bibliothek sollte im Antiquariat verramscht werden. Diesen Gedanken konnte der Vater nicht ertragen und suchte nach einem Weg, um die Bücher, wenigstens die guten, also fast alle, zu retten. Doch wie unterscheidet man gute von schlechten Büchern? Seine Antwort ist einfach: Am Geruch. Bei guten Büchern verwendet der Buchbinder besseres Papier und besseren Leim. Aber natürlich weiß er auch, dass erst die Lektüre wirklichen Aufschluss gibt. Der Vater kann sich von keinem einzigen seiner Bücher trennen.Quelle: Monika Helfer – Der Bücherfreund
Warum nimmst du sie nicht ab?Erzählt wird Maggies Geschichte aus der Ich-Perspektive in einem Wechsel aus Rückblende und Gegenwart. Maggie ist Mitte vierzig und lebt unter neuem Namen in den USA, als die Facebook-Nachricht eines Mannes sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Die Stationen ihrer Kindheit und Jugend sind nach Orten und Jahreszahlen geordnet. Wobei Ordnung hier eher als staatlich legitimiertes Chaos zu begreifen ist. Maggie lernt früh, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. „Ich war still und gewieft, und man bemerkte mich kaum“, erinnert sich die Erzählerin an ihre Rolle bei kindlichen Versteckspielen. Mit dieser Taktik überlebt sie das Trauma der Fürsorgejahre.
Darum.
Sag.
Damit ich weiß, wann er kommt.
Warum musst du wissen, wann er kommt?, fragte ich.
Du solltest dir auch so was besorgen, sagte sie.
Und so wusste ich, was mich erwartete, noch bevor das Training in mein Zimmer wechselte. Und wenn ich Jodies Perlenvorhang klackern und zittern hörte, kam mir reflexartig ein Gedanke: wenigstens nicht ich. Ich hängte mir ein Windspiel an die Tür.Quelle: Jennifer Down – Körper aus Licht
In der Aufführung lag eine kreative Trotzhaltung gegenüber dem Tod, in dem vom Priester angebotenen Ritual dagegen eine tröstliche Hinnahme des Todes. In mir selbst bestand ein unbehagliches Nebeneinander dieser beiden Wege, dem Tod zu begegnen.Sennetts essayistisch-erzählerischer Stil kennt keinen Soziologenjargon, und das ist gut so. Weniger schön ist es, dass seine Schlussfolgerungen in diesem Buch oft so nebulös wie hier ausfallen.Quelle: Richard Sennett – Der darstellende Mensch
Donald Trump in den USA und Boris Johnson in Großbritannien sind geschickte Darsteller. Bei bösartigen Darbietungen dieser Art werden allerdings dieselben Ausdrucksmittel eingesetzt wie bei anderen Ausdrucksformen.Das ist kurz und ungenau und da es nirgendwo weiter ausdifferenziert wird, schlichtweg nichtssagend. Andere historische Großdarsteller wie Lenin, Hitler oder Mao kommen überhaupt nicht vor, genauso wenig wie der Kurzschluss zwischen Führern und ihrer Gefolgschaft im Populismus. Das heißt, die Politik wird nur im Buchtitel genannt, ist aber im übrigen praktisch ein Totalausfall. Kurzum, der Fehler dieses Buches liegt in seiner Konstruktion. Die Ausgangsfrage des Essays, „wie hohe Kunst Bedeutung für das alltägliche Leben erlangen könnte“, gerät bald aus dem Blick. Greifbare Antworten darauf finden sich jedenfalls in diesen sprunghaft aneinandergereihten Reminiszenzen und Reflexionen eines Soziologen nicht. Richard Sennett hat schon großartige Bücher geschrieben, dieses gehört leider nicht dazu.Quelle: Richard Sennett – Der darstellende Mensch
Der Mond, die Meeresbrise, der Schweiß, das Parfüm, das nackte Fleisch des reifen Mannes und der reifen Frau, die Spuren der Fahrten auf See, die Reste der Erinnerung an die Häfen der Welt. Erst durch das Horn waren sie eine kosmische Verbindung eingegangen und hatten Einblick in den unentrinnbaren Kreislauf des Daseins gewährt.Quelle: Yukio Mishima – Der Held der See
Wir brauchen Blut! Menschliches Blut! Sonst wird unsere leere Welt verwelken und verdorren. Wir müssen das lebendige Blut aus diesem Mann herauspressen und es wie eine lebensspendende Transfusion dem sterbenden Universum, dem sterbenden Himmel, den sterbenden Wäldern und der sterbenden Erde zuführen.Yukio Mishima war eine der schillerndsten und zwiespältigsten Figuren der Literaturgeschichte: Mit seinen avancierten Romanen – gerade auch mit „Der Held der See“ – hat er Klassikerstatus erlangt. Zugleich war er ein glühender Nationalist und wird bis heute von Rechtsradikalen verehrt. Sein „Held der See“, übrigens in angemessener poetischer Kühle übersetzt von Ursula Gräfe, ist ein mit scharfen Kontrasten spielendes Werk: Meer und Land, Idealismus und Realismus, Glaube und Entfremdung, Dekadenz und Einfachheit, Oben und Unten.Quelle: Yukio Mishima – Der Held der See
Dessen Lebensgang – vom erfolgreichen Militär zum resignierten, zurückgezogen lebenden Gourmet und Genussmenschen – wurde zum anschaulichen Beleg für den Verfall und für die These vom längst überfälligen Ende der Republik und ihrer uneinsichtigen Verteidiger.Quelle: Peter Scholz – Lucullus
Die Popularität des Lucullus in Kleinasien fand ihren sichtbaren Ausdruck in den Statuen, mit denen ihn verschiedene Bürgerschaften der Provinz Asia in den Folgejahren ehrten.Doch Lucullus konnte seinen Ruhm nicht festigen. Der Mann der Stunde hieß Gnaeus Pompeius Magnus. Mit teils diktatorischen Mitteln zügelte er den Senat und stärkte seine Position durch enorme militärische Erfolge. Sein späteres Geheimbündnis mit Gaius Julius Caesar weist schon den Weg in die Zukunft: das Ende der römischen Republik. Peter Scholz weist aber nach, dass sich Lucullus nicht rein ins Privatleben zurückzog. Seine aktive Teilnahme an Senatssitzungen ist bezeugt.Quelle: Peter Scholz – Lucullus
In dieser Schwundstufe ging er in die allgemeine Erinnerung ein: Als Mann, der die Süßkirsche aus Kerasos nach Italien und Westeuropa gebracht hatte, und nicht als erfolgreicher Feldherr und Politiker, der um die Freiheit der Republik gekämpft hatte.In seinem Buch „Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik“ gelingt es Peter Scholz auf vorzügliche Weise, das bis heute geltende Bild von Lucullus als Genießer und Schlemmer zu revidieren. Mit dessen Lebensbild öffnet sich auch die historische Bühne der römischen Republik in ihrer Endzeit. Lucullus war jemand, der die Senatsdemokratie mit allen Mitteln verteidigte und mitansehen musste, wie diktatorisches Regieren an Macht gewann. Der Bürgerkrieg war die Folge, aus dem Julius Caesar als Sieger hervorgehen sollte. Damit bietet Peter Scholz nicht nur ein äußerst interessantes Sittenbild Roms, sondern auch eine Parabel auf heutige politische Gegebenheiten.Quelle: Peter Scholz – Lucullus
Isi will sich nicht länger der Herausforderung entziehen Und sich über entgangene Möglichkeiten ärgern. In der DDR kann auch eine Frau mit acht Kindern eine erfolgreiche Architektin sein. Den Beweis gilt es anzutreten. Für das Hochhaus in der Weber Wiese hat sie ihre ersten eigenen Entwürfe für funktionale Einbauküchen gemacht.Sie orientiert sich dabei an der berühmten Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Bezeichnend: keine Häuser oder Wohngebiete, eine Küche entwirft Isi Henselmann. Mehr ist nicht drin, auch nicht in der jungen DDR. Das Haus an der Weberwiese, in das diese Küchen eingebaut werden, hat ihr Mann Hermann entworfen. Allerdings nur mit Mühe und Trotz hat er sein modernes Punkthochhaus gegen den Willen der Partei durchsetzen können. Und mit dem Zuspruch seines Freundes Bertolt Brecht, der ihm Mut machte.Quelle: Florentine Anders – Die Allee
Hermann ist aufgebracht bringt laut und übersprudelnd all seine Argumente hervor. Brecht hört zu und reagiert dann reagiert ruhig und besänftigend. Die Arbeit der Klasse sei eben noch nicht reif für die Moderne. Der Künstler dürfe sich nicht über das Volk erheben, sondern müsse den Menschen kleinere Schritte zumuten und sie behutsam in die richtige Richtung bewegen. Erst wenn sich das Bewusstsein verändert habe, werde auch die neue Form populär werden.Quelle: Florentine Anders – Die Allee
Hermann gab mir jedes Mal ein Buch, bis zum nächsten Treffen sollte ich es gelesen haben, damit wir gemeinsam darüber reden können. Er gab mir selbstverständlich keine Kinderbücher, sondern Bücher von Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Jedes Mal lag eine kleine Auswahl, die er sich für mich überlegt hatte, auf seinem Schreibtisch und ich durfte mir ein Werk daraus auswählen.Die komplexe Persönlichkeit Henselmanns auf den Punkt gebracht hat die Schriftstellerin Brigitte Reimann, eine sehr enge Freundin der Familie, weiß Anders: „Brigitte Reimann hat einmal gesagt, wenn man Henselmann beschreiben will, dann muss man einfach alle Gegensätze die einem einfallen, aufzählen und dann liegt man so ganz richtig." Der Roman erzählt chronologisch und schaut dabei immer wieder auf die unterschiedlichen Lebensphasen und -entwürfe seiner drei Hauptpersonen Herrmann, seiner Frau Isi und Tochter Isa (eines der insgesamt acht Kinder!), blickt auf ihre Arbeitsweisen, Erfolge und Niederlagen, entwirft ein lebenspralles Bild dieser berühmten DDR-Familie.Quelle: Florentine Anders – Die Allee
Ich flog durch die Tür zur Lobby und blickte mich dann keuchend zum Unwetter um. Es war schlimm da draußen. Die Stadt bestand nur noch aus vagen Umrissen und schwebenden Lichtern; der Schnee trieb in Wellen über die Nineteenth Street.Quelle: Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
Sie waren Mitglieder eines eigenartigen Bunds, die einander instinktiv erkannten, Blicke wechselten, sich heimlich auf etwas vorbereiteten, vielleicht nicht mal auf das Gleiche, aber gleich in ihrem Sinnen und Trachten. Und mich hatten sie als einen von ihnen ausgemacht.Quelle: Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
Jacob war der Meinung, am besten käme man der Situation durch Zahlen, Fakten, Aufzeichnungen auf den Grund – kurz, durch alles, was sich irgendwie beobachten und festhalten ließ, denn nur auf diese Weise konnten Rätsel gelöst werden. Ronna dagegen vermutete, dass dieser Ort nicht solchen Regeln folgte.Noch gespenstischer wird es, als Sohn Max einfach nicht altert, während Jacob und Ronna älter werden und sich mehr und mehr entfremden. In einem der längsten Texte – „Ghost Image“ – verwandelt sich der Sohn des Erzählers insgeheim in dessen früheren Boss Joe Daly, einen Ausbund an Gewöhnlichkeit, der zu einer Art Symbol des Scheiterns wird. Die Geschichte steuert auf einen Ausflug in ein apokalyptisches Disney World zu – dorthin, „wo Träume wahr werden“. Allerdings ist das Schild mit dem Slogan übermalt und lautet nun: „wo Träume absterben“.Quelle: Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
Ich geriet in Panik. Er bewegte sich am Fernseher vorbei, aufs Fenster zu. Unser Kreislauf war ununterbrochen. Die Wiederholung hatte den Charakter eines Albtraums. Ich sagte ihm, er würde verhaftet werden, aber es kam in einem flehentlichen Ton heraus, und ich war mir auch nicht sicher, ob ich es selbst glaubte. Die Polizei, die gleich diese Treppe heraufkommen würde, in diese Situation hinein – das waren zwei unvereinbare Realitäten. (…) Ich wollte zu Boden sinken und den Kopf zwischen die Knie stecken, aber ich hatte den furchtbaren Gedanken, dass er einfach immer weitermachen könnte mit seinem absonderlichen Verhalten und jede neue Runde ihn dann an mir vorbeiführen würde.Quelle: Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
Er war einfach ein kleines, seltsames Ding.– aus dem Schrank heraus seiner attraktiven Frau beim Liebesspiel mit dem Erzähler zusieht. Nikolaj Gogol schaut über die Schulter, wenn einem kleinen Kind über Nacht ein weiterer Zeh wächst und sein Vater in einen Strudel irrationaler Gedanken gerät. Williams’ grotesk-fantastische Geschichten spiegeln unsere spätmoderne Welt wider – eine Zeit, in der Künstliche Intelligenz Kreativität simuliert, in der liberale Gewissheiten langsam zerbröckeln und traditionelle Strukturen zerfallen. Mit subtilem Grauen, surrealem Humor und gnadenloser Präzision fängt dieser Erzählband das Gefühl ein, den eigenen Platz in dieser unsicheren Realität zu verlieren. Zach Williams‘ Erzählungen verstören – und bleiben lange im Gedächtnis.Quelle: Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
(…) regiert von einem zwirbelbärtigen, einfältigen Kaiser, brutal, gemein, aber gleichzeitig hasenfüßig, also kein Gegner, vor dem man sich zu fürchten brauche, weshalb auch nur mit einem kurzen Krieg zu rechnen sei und er davon ausgehen könne, spätestens zum Ende des Jahres wieder heimzukehren, als Held mit Orden auf der Brust und Sold in der Tasche.Quelle: Jonas Lüscher – Verzauberte Vorbestimmung
Mit dem Zug brachte man sie nach Norden, über Avignon nach Anor an der belgischen Grenze. Von da an mussten sie marschieren, sechzig Kilometer kamen sie weit, bis kurz vor Charleroi, wo das Schlachten und Morden begann.Quelle: Jonas Lüscher – Verzauberte Vorbestimmung
Sein Geist sagte: kämpfen, rennen, laufen, flüchten. Sein Leib war ein einziges Zittern. Dann ein einzelner klarer Gedanke: Nicht mit ihm. Nicht Teil dieser Maschinerie sein. Nicht mehr rennen, nicht mehr feuern, nicht mehr töten, nicht mehr kämpfen. Einer musste damit aufhören.Quelle: Jonas Lüscher – Verzauberte Vorbestimmung
Ich war ein schlechter Reisender geworden, unsicher, gereizt, verletzlich. In nervöser Erwartung, die Mitreisenden könnten sich einer hygienischen Verfehlung schuldig machen, suchte ich nach freigelegten Nasen, nach unter dem Kinn hängen Masken. Die Essenden strafte ich mit strengen Blicken.Quelle: Jonas Lüscher – Verzauberte Vorbestimmung
Aber was war eigentlich sein Punkt? So genau wusste er das auch nicht, war doch der Sinn seines Erzählens weniger der, seinen Kindern und seiner Frau etwas klarzumachen, ihnen irgendein Faktum einzubläuen oder ihnen ein so ist recht und so ist falsch und so und so sollst du handeln vorzukauen. Eigentlich, so musste er sich eingestehen, erzählte er, um selbst zu verstehen, oder besser noch, um sein eigenes Nachdenken zu formen.Ja, was ist eigentlich der Punkt bzw. worin besteht der inhaltliche und sprachliche Kern dieses Romans, der in so viele Einzelteile zerfällt? Es geht zweifelsohne um das Verhältnis von Mensch und Maschine; es werden politische, technische und ökonomische Zwangläufigkeiten geschildert, die zumindest im Roman außer Kraft gesetzt werden.Quelle: Jonas Lüscher – Verzauberte Vorbestimmung
Ich hatte schon immer sehr lebendige Träume gehabt, wie wohl die meisten Kinder, aber irgendwann geschahen Dinge, die eben nicht normal waren.Das ist schon lange her. Inzwischen ist Mara Lux eine bekannte Schlafforscherin und lebt in London. Obwohl sie auf neurowissenschaftlicher Ebene sehr viel über das Phänomen Schlaf weiß, schläft sie selbst schlecht.Quelle: Melanie Raabe – Der längste Schlaf
Vor dem Eingang flackert Blaulicht und jetzt sehe ich auch die Polizisten, die auf dem Gehweg stehen. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Ein ganz, ganz schlechtes, dunkles, zähes, klebriges Gefühl. Die hübsche junge Frau aus dem ersten Stock wird auf mich aufmerksam und kommt zu mir. „Es ist Mrs. Jones“, sagt sie mit belegter Stimme. „Sie ist aus dem Fenster gesprungen, heute Nacht. Oder besser in den frühen Morgenstunden. Ist das nicht schrecklich?“Quelle: Melanie Raabe – Der längste Schlaf
Ich erinnere mich an das Gefühl des Laufens, so leicht, so frei. Ich erinnere mich, wie ich einen Blick über meine Schulter warf und sah, dass Kai mir dicht auf den Fersen war. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass ich nicht vergessen durfte, ihm zu sagen, dass er später beim Abendbrot auf keinen Fall erzählen sollte, dass wir im Wald gewesen waren, denn der Wald war verboten. Im Wald gab es einen alten Steinbruch und alte Schächte und all diese Dinge, vor denen Mama uns gewarnt hatte, seit wir klein waren. Ich erinnere mich, wie ich den Blick wieder nach vorne richtete, früh genug, um die morschen Planken vor mir zu sehen, nicht früh genug, um rechtzeitig innezuhalten. Und dann der Fall. Und dann die Hoffnung, Kai möge es geschafft haben, möge nicht ebenfalls in den alten Brunnen gestürzt sein. Und dann die Erkenntnis, dass wir beide hier gefangen waren.Chantal Busse gehört zu jenen Schauspielerinnen, die ihre junge Stimme problemlos einem zehnjährigen Mädchen geben können und natürlich dennoch über das ganze gestalterische Repertoire verfügen, um ihrer Lesung die nötige Tiefe zu geben, Emotionen zu transportieren und Atmosphäre zu erzeugen. Hier ist offenbar ein großes Unglück geschehen.Quelle: Melanie Raabe – Der längste Schlaf
Jetzt noch eine lange Dusche und ein ordentliches Frühstück und ich bin schon wieder ganz die Alte. Während ich noch das Badezimmer im Obergeschoss betrete, streife ich mir bereits das T-Shirt, in dem ich geschlafen habe, über den Kopf und… Mir entfährt ein kleiner, erstickter Schrei, als ich den Spiegel über dem Waschbecken sehe. Mein roter Lippenstift liegt im Waschbecken, die Verschlusskappe auf dem Boden. Jemand hat mir mit ihm eine Botschaft auf den Badezimmerspiegel geschrieben.„Ich sehe dich“, steht da. „Siehst du mich?“ Nicht gerade beruhigend. Autorin Melanie Raabe versteht ihr Handwerk. Nichts einfacher als einer jungen Frau nachts in einem leerstehenden Haus das Fürchten zu lehren, aber sie schafft es zudem, die Atmosphäre ganz langsam von bedrohlich in freundlich zu drehen, Verfolgte und Verfolger tauschen die Rollen. Schauspielerin Sithembile Menck vollzieht all das stimmlich mit. Gekonnt wechselt sie zwischen der selbstbewussten Forscherin zur verunsicherten jungen Frau und zurück, unterscheidet im Tonfall zwischen Traum und Wirklichkeit und hält die Spannung bis zuletzt. Einzig ein paar kleine grammatikalische Fehler im Text sind etwas ärgerlich, da hätten Lektorat oder Regie besser aufpassen müssen. Dennoch: „Der längste Schlaf“ ist ein gelungenes Hörbuch für alle, die es gerne mit dem Übersinnlichen aufnehmen – zum entspannten Hinübergleiten in die Nachtruhe ist es allerdings nicht zu empfehlen.Quelle: Melanie Raabe – Der längste Schlaf
Inwieweit gelingt es, so eine Lebenseinstellung auch in Alltag zu übersetzen? Man kann sich ja viele schöne Gedanken beim Kaminfeuer machen. Aber wenn dann der nächste Tag losgeht, wie viel davon kriegt man umgesetzt? Und deswegen war’s für mich wichtig zu gucken: Wie verzahnen sich diese Gedanken mit dem wirklichen Leben? Und wie ist das in Fionas Fall? Was für eine Geschichte hat sie?Quelle: John von Düffel
Deine Krisen und meine Krisen waren schon damals verschieden und sind es vermutlich nach wie vor. Insofern weiß ich nicht, ob ich dir so viel Kluges sagen kann. Anders als im Studium habe ich die letzten Jahrzehnte mehr gelebt als gelesen. Und du?Quelle: John von Düffel – Ich möchte lieber nichts
Fiona ist auch ein Beispiel für ein Ausbrechen aus sozialen Gefängnissen oder Käfigen. Und gleichzeitig ist sie aber auch ein Beispiel dafür, wie soziale Benachteiligung auf eine Art immer weitergeht, auch wenn man es vordergründig auf ein anderes Level schafft.Das Buch wirkt auf eigentümliche Weise disparat und unfertig. Verstärkt wird dieser Eindruck durch einen Mittelteil mit mal mehr, mal weniger überzeugenden philosophischen und kulturkritischen Betrachtungen. John von Düffel will davon erzählen, welcher Freiheitsgewinn in der Askese liegt. Doch dazu taugt die Begegnung in Edinburgh nur wenig. Das Treffen macht vielmehr deutlich, in welchem Maß die freie Entscheidung zum Verzicht eine privilegierte Entscheidung ist. Fionas Geschichte, eine Geschichte versperrter Möglichkeiten, skizziert das Buch nur. Gerade über ihr ganz anderes, nicht privilegiertes Leben hätte man jedoch gern mehr gelesen.Quelle: John von Düffel
1. Die fehlerbelastete Zelle dazu zu bringen, sich selbst zu zerstören, quasi Selbstmord zu begehen.Je mehr Zellen stillgelegt werden, desto schlechter arbeitet das entsprechende Organ, in dem sie sich befinden. Je weniger repariert wird, desto heftiger werden die Funktionen einzelner Organe beeinträchtigt. Das ist der unvermeidbare Alterungsprozess der Organe. Wenn die stillgelegten oder zerstörten Zellen die Überhand gewinnen, stirbt man. Man hofft, mit besserem Verständnis der Reparaturmechanismen die Fehler eindämmen oder sogar beseitigen zu können. Das könnte tatsächlich zu einer Verlängerung des Alters führen. Mehr als 120 Jahre aber sind kaum zu erreichen.
2. Die Zelle stillzulegen, so dass sie keinerlei Funktion mehr ausübt und sich nicht mehr vervielfältigen kann.
3. Sie zu reparieren, also alle Fehler zu beseitigen.Quelle: Venki Ramakrishnan – Warum wir sterben
Als Veteran im mentalen Mäandertal gehe ich heute mehr herum als früher, ohne allerdings noch einmal auf die Idee zu kommen, meine Abwege weiterzuempfehlen.Eine gewisse Melancholie macht sich in dieser an vielen Großen geschulten Formulierungskunst bemerkbar, und das hat Gründe, nicht nur, weil mehrere der hier versammelten Texte Nachrufe oder Grabreden auf Weggefährten sind. Seit 26 Jahren schreibt Joe Bauer seine Kolumnen, unterwegs in den Dreckecken wie den Glanzbildchen der Landeshauptstadt ist er als Journalist schon fast doppelt so lang. In dieser Zeit hat sich das ehedem behäbig-bürgerliche und vorbildlich integrationsbereite Stuttgart stark verändert. Zuletzt nicht zum Guten.Quelle: Joe Bauer – Einstein am Stuttgartstrand
So wunderte ich mich schon als junger Kerl, dass ich überhaupt noch geboren werden konnte. Dieses an sich schon absurde Ereignis brachte mich dazu, ein Leben als Pessimist zu führen. Nur auf diese Art konnte ich zusehen, wie die Stuttgarter Kickers bis in die fünfte Liga abstürzten. Ich habe ihnen das nie krumm genommen, weil sich für einen Pessimisten ‘Oberliga‘ immer noch verdammt glamourös anhört. Wenn du in einer Stadt lebst, in der sie auf dem Marktplatz einen metallenen Foodtruck mit Blumentrögen einzäunen und ,the ratskellerbar‘ nennen, spielst du ohnehin bar jeder Klasse in der Kreisliga.Bauers Spottlust ist offenkundig ungebrochen, allen alters- und gesamtsituationsbedingten Verfinsterungen zum Trotz. Auch wenn sie es nicht immer leicht zu haben scheint, sich durchzusetzen. Das liegt nicht nur am erwähnten Pessimismus. Joe Bauer will es nicht dabei belassen, glossierende Bemerkungen über Honoratioren-Ignoranz oder zweifelhaftes Stadt-Marketing, um es mit einem Modewort zu sagen, „abzuliefern“. Gerade in der Frage von Krieg und Frieden ringt er offen um Haltung, wehrt sich gegen die Schublade des „Lumpenpazifismus“, liest Clausewitz, sucht Argumente. An denen kann man sich reiben. In unseren Tagen der oft wohlfeilen Eindeutigkeiten ist das schon viel.Quelle: Joe Bauer – Einstein am Stuttgartstrand
Die Schimpansen leben im permanenten Zustand eines latenten Krieges. Zwischen Schimpansen-Gemeinschaften gibt es keinen Frieden.Trotzdem bleiben die Autoren zuversichtlich, denn die Archäologie liefert günstigere Indizien für ihre Kernthese, dass der Krieg kein Menschenschicksal sei. Zwar weisen Schädel, Skelette und Knochen aus urgeschichtlichen Grabstellen oft zahlreiche Spuren von Gewalttaten auf, aber von regelrechten Kriegen kann da noch keine Rede sein. Wandernde Wildbeutergruppen setzten eher auf Kooperation und wenn größere Konflikte hochzukochen drohten, konnte man sich in den dünn besiedelten Landschaften der Steinzeit leicht aus dem Wege gehen.Quelle: Harald Meller, Kai Michel, Carel van Schaik – Die Evolution der Gewalt
Darum ist auch die Kriegskunst von Natur aus eine Art Erwerbskunst, die man anwenden muss gegen Tiere und gegen Menschen, die von Natur aus zum Sklavendienst bestimmt sind.Quelle: Harald Meller, Kai Michel, Carel van Schaik – Die Evolution der Gewalt
Es ist eben nicht der Krieg aller Menschen. Es ist der Krieg von Staaten: Herrscher ziehen in den Krieg, Untertanen werden in den Krieg gezwungen. Der total gewordene Krieg ist ein Zivilisationsprodukt.Als Evolutionsgeschichte der Gewalt ist das Buch, ungeachtet kleinerer Unstimmigkeiten, informativ, lehrreich und spannend zu lesen. Weniger gut steht es um die schöne These von der ursprünglichen Friedfertigkeit der steinzeitlichen Menschen, auch wenn die Autoren mehrfach darauf verweisen, dass die Menschheit während 99 Prozent ihres Erdenwandels ohne Kriege ausgekommen sei. Der Vorschlag, daraus Folgerungen für heute abzuleiten, muss angesichts einer fünftausendjährigen Geschichte von kriegsgeprägten Zivilisationen als ziemlich unhistorisch erscheinen. Trotzdem kann der politische Rat, den die Autoren zum Schluss geben, im Sinne von Aufklärung und Menschlichkeit nützlich sein. Der Krieg, so sagen sie, ist weder naturgegeben noch gottgewollt, sondern meist von einseitigen Interessen geleitet. Und darum sei es wichtig, denen genau auf die Finger zu sehen, die ihn führen wollen.Quelle: Harald Meller, Kai Michel, Carel van Schaik – Die Evolution der Gewalt
Aus so miesen Verhältnissen stammend wird sie die Frau eines Dichters, der kein Geld verdient, sie hat eine Schwangerschaft nach der anderen, sie haben nie Geld, nur, was er erschreibt, kann man verbrauchen, und sie hat wirklich ein schweres Leben gehabt. Das hat mich fasziniert, dass sie daraus was gemacht hat, mit einer tiefen Zuneigung zu diesem Theodor Fontane verbunden gewesen ist und bei alledem immer wieder die Feder in die Hand genommen hat und immer wieder etwas aufgeschrieben hat.Hauptsächlich sind es Briefe. 3 bis 4000, schätzt Gotthard Erler. Die meisten davon sind unbekannt, 500 aber hat er gelesen, einige davon bereits im Ehebriefwechsel veröffentlicht und nun 150 ausgewählt und zusammen mit Christine Hehle herausgegeben: Eine Offenbarung. Lernt doch der Leser dieser Briefe eine wahrlich beeindruckende Frau kennen. Sie schreibt sechs Jahrzehnte lang Stiefmutter, Mann und Kindern, Freunden und Bekannten und berichtet über ihr Leben in Berlin oder London, über Sommeraufenthalte in Schlesien oder Reisen nach Karlsbad oder Kissingen. Immer sitzt zwischen ihren couragierten, wohlformulierten Zeilen auch Sorge über die stets prekären Verhältnisse der Familie. Besonders der innig geliebten Stiefmutter Berta vertraut sie ihre Not an, wie am 19. April 1860.Quelle: Gotthard Erler
Alles trägt sich doch leichter meine Herzensmama, als beständige Nahrungssorgen, zu denen ich bestimmt zu sein scheine; oft wird es mir recht schwer dieselben zu ertragen.Geldnöte haben die Fontanes immer – selbst in der wohl produktivsten Phase des Dichters zwischen dessen sechzigstem und siebzigstem Lebensjahr, in der er an „Effi Briest“ oder „Der Stechlin“ arbeitet. Aber nicht nur er allein ist so fleißig.Quelle: Gotthard Erler, Christine Hehle (Hg.), Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so
F. u. E. können doch nicht gleich in Liebe verfallen? Er wirkt außerdem schemenhaft, man würde nicht begreifen, dass er kam, sah u. siegte. Der Schluss des Kapitel’s, wo er seine Stellung zu ihr in Erwägung zieht [ist] doch fast zu zurecht gemacht u. grußlich.Emilie Fontane war, so legt es diese wunderbare Autobiografie in Briefen nahe, eine Partnerin auf Augenhöhe, eine Frau, die zaghaft lektorierte, frisch und frei berichtete, couragiert austeilte, bildhaft reportierte. Die Ehe- und Dichterfrau war Kopistin und Vorleserin, Gesprächspartnerin, Mutter und Netzwerkerin: rundum potent und patent.Quelle: Gotthard Erler, Christine Hehle (Hg.), Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so
Mir fiel irgendwann mal ein, ob sie nicht in gewisser Weise dem Frauenbild vom alten Dubslav von Stechlin entspricht: „Eine Dame und ein Frauenzimmer, so müssen Weiber sein.“ Das ist Emilie!Quelle: Gotthard Erler
Das Licht wird schwächer, Schatten sammeln und verdichten sich. Marguerite kennt dafür eine besondere Redewendung: l’heure entre chien et loup, die Stunde zwischen Hund und Wolf. Es ist die Zeit, in der die Dinge anders erscheinen können als sie sind, in der etwas Gutes bedrohlich wirken oder ein Feind in der Gestalt eines Freundes daherkommen kann.Etwas, das harmlos sein kann, entpuppt sich als gefährlich – oder etwas Gefährliches ist doch ganz harmlos. Das beschreibt das angestrebte Erzählverfahren: Die beiden personalen Erzählstimmen gehören zu James und Grace. Beide sind verdächtig, verschweigen Dinge, wissen nicht, wem und ob sie einander vertrauen können. Dazu kommen E-Mails, Zeitungsausschnitte und Tagebucheinträge von Vanessa. Ihr künstlerisches Ringen, ihr Kampf um Beachtung, die Frauenverachtung in der Kunstwelt der 1990er Jahre wird so anschaulich gemacht.Quelle: Paula Hawkins – Die blaue Stunde
In ihren Tagebüchern schreibt sie andauernd über Freiheit; auch in Interviews kommt sie häufig darauf zu sprechen. Ihre Freiheit scheint ihr über alles gegangen zu sein, sogar über Liebe, Freundschaft oder nette Gesellschaft. Becker fragt sich, wie weit sie wohl gegangen wäre, um wirkliche Freiheit zu erlangen.Quelle: Paula Hawkins – Die blaue Stunde
Dieses Buch wurde als philosophisches Buch über das Buch geschrieben. Aber was es wirklich ist und noch alles werden kann, liegt nie im Ermessen der Verfasser. Es liegt ganz bei Ihnen, dem Leser.Quelle: Bettina Stangneth – Club der Dilettanten
Das ist kein Grund zur Besorgnis. Jeder erlebt das früher oder später. Aber Sie können ziemlich sicher sein, dass es mit den Seiten leichter wird, wenn Sie sich bewusst machen, dass es immer der Leser ist, der das Ding in Ihren Händen überhaupt zum Buch macht.Machen wir uns also unseren eigenen Reim auf das Ganze: Ähnlich wie Kant einst seine Zeitgenossen ermutigte, sich ihres Verstandes zu bedienen, geht es der ausgewiesenen Kant-Expertin Bettina Stangneth darum, ihre Leserschaft zu bestärken, keine Angst vor anspruchsvollen Büchern zu haben. Und sich von keinen Deutschlehrern oder Tugendwächtern vorschreiben zu lassen, was sie zu lesen hätten und was besser nicht. Am besten, so der Ratschlag der Autorin, man liest einen Text einfach so, als hätte man ihn selbst geschrieben und schaut dann, ob etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Ein Rat, der, fürchte ich, zumindest bei einem Text von Kant rasch an seine Grenzen stoßen dürfte. Davon abgesehen stellt sich die Frage: Wer so anspruchsvolle Bücher liest wie jenes der Hamburger Philosophin – braucht der wirklich noch Ratschläge oder Ermutigungen, wie man die Welt der Bücher für sich entdeckt?Quelle: Bettina Stangneth – Club der Dilettanten
Seit Beginn der industriellen Revolution haben wir uns an die Vorstellung gewöhnt, dass wir in einer Art von Welt aufwachsen und in einer anderen Art von Welt sterben.Quelle: Sumit Paul-Choudhury – The Bright Side
Heute wie damals stirbt eine alte Welt. Unsere Aufgabe ist es, der neuen Welt zur Geburt zu verhelfen und dafür zu sorgen, dass sie nicht von Monstern zur Welt gebracht wird.Die Ideen und Technologien für positive Veränderungen sind eigentlich auch schon da: er nennt Geoengineering oder künstliche Intelligenz. Auch die Literatur kann helfen. Die ist meist ein Spiegelbild ihrer Zeit und reagiert auf Ereignisse – auf schlimme mit Dystopien, denkt man nur an Mary Shelleys „Frankenstein“, das sie im Jahr 1816 schrieb, nach dem größten Vulkanausbruch der Geschichte, als sich der Himmel derart verdunkelte, dass es in Europa ein Jahr ohne Sommer gab.Quelle: Sumit Paul-Choudhury – The Bright Side
Als das Tempo des Wandels jedoch irritierend wurde, widmeten sich die Autoren zunehmend fiktionalen Erzählungen über Reisen in die Zukunft. […] Heute scheint die krasse Dystopie zurück zu sein.Quelle: Sumit Paul-Choudhury – The Bright Side
Einmal wollte ich durch Afrika reisen.So beginnt das Buch des vielfach ausgezeichneten Romanciers und Essayisten, der zurzeit mit dem Ostafrika-Sachbuch „In die andere Richtung jetzt“ auf Lesereise ist.Quelle: Navid Kermani – Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest
„Nur meine linke Hand, die ... Achtung, jetzt beginnt die Geschichte ... die freute sich nicht.Mit „Papperlapapp“ hat noch niemals jemand irgendetwas besser gemacht. So auch hier. Die grummelige Widerspenstigkeit der linken Hand, die sich an der Heizung festhält und partout nicht loslassen will, setzt eine Kaskade der Hindernisse und Scheinlösungen in Gang, inklusive Klempnereinsatz, Problemen im Taxi und am Checkin-Schalter – und jeder Menge Diskussionen von Händen, Mund, Kopf und so weiter.
,Ich will nicht nach Afrika!‘ sagte die linke Hand, gerade, als ich zum Flughafen fahren wollte.
,Jetzt komm schon, linke Hand‘ sagte ich. ,Alle wollen nach Afrika, die Augen, die Ohren, die Nase, der Mund, der Bauch, der Kopf, das Herz, der Popo, die Beine, die Kehle, die Füße, sogar die rechte Hand will nach Afrika – warum du denn nicht?‘
,Zu Hause ist es schöner‘, sagte die linke Hand.
,Papperlapapp‘, rief ich, ,du kommst jetzt gefälligst mit!‘“Quelle: Navid Kermani – Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest
Ja, schneid sie ab (...) Die linke Hand wird völlig überschätzt.Keine gute Idee für einen Linkshänder-Organismus, weshalb ein anderer Ausweg gefunden werden muss. Und selbstredend findet der Erzähler am Ende einen, mit dem alle zufrieden sind und der Reise durch Afrika nichts mehr im Wege steht. Spoiler: dabei spielen zwei kuschelige Handschuhe mit elektronischem Heizkissen im Futter eine wichtige Rolle. Navid Kermanis Text für dieses Bilderbuch zeigt, dass der Autor, selbst zweifacher Vater, ziemlich gut weiß, was Kinder beim Vorlesen begeistert. Litaneiartige Wiederholungen etwa, die man mitsprechen kann:Quelle: Navid Kermani – Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest
„Ich zog an der linken HandDazu kommt ein leicht anarchischer Witz. So erinnert die Komik der Interaktion zwischen den Körperteilen an den Sketch „Der menschliche Körper“ von Otto Waalkes mit der unsterblichen Zeile „Milz an Großhirn: Soll ich mich auch ballen?“
und ich ZERRTE
und ich FLEHTE
und ich BETTELTE
und ich SCHIMPFTE
und ich SCHRIE die linke Hand an, dass wir das Flugzeug verpassen würden, wenn sie nicht sofort die Taxitür losließe.“Quelle: Navid Kermani – Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest
„Da hatte mein Kopf wieder eine seiner bekloppten Ideen, und mein Mund bot dem Fahrer an, die Taxitür zu kaufen, wenn der Fahrer sie schnell ausbaute, worauf der Fahrer einen irren Preis nannte, tausend oder zehntausend Euro.“Für kleine und große Selber-Leser hat das Buch auch optisch viel zu bieten. Der Illustrator Mehrdad Zaeri setzt auf Farbflächen in der Art von Gouachen, mit knalligen Kontrasten, Ton-in-Ton-Silhouetten, filigranen Details, starken Konturen. Die kubistisch-zweidimensional angelegte Figur des Ich-Erzählers mit Zwirbelbärtchen, großen Augen, flachem Kreissäge-Hütchen, rotem Jackett, grüner Hose und gelben Schuhen hat etwas von einem Torero in der Sommerfrische, aber auch vom HB-Männchen der Sechziger-Jahre-Reklame. Auf unterhaltsam-poetische Art erzählen Navid Kermani und Mehrdad Zaeri mit der rasanten Geschichte einer reiseunlustigen linken Hand zugleich von der Vorfreude auf das Neue und dem Magnetismus des Altvertrauten und davon, dass das Ganze erst in der Summe seiner Teile entsteht. Und seien es die verselbstständigten Körperteile, von denen jedes mindestens so wichtig ist wie der Kopf.Quelle: Navid Kermani – Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest
Gut gut, hier hast du 70 Pesos, (…).« Ich sehe also, dass er mich mit Geld abspeist; und nicht einfach mit Geld, sondern mit Kleingeld! Nach einer so schweren Beleidigung steigt mir das Blut in den Kopf, ich sage aber nichts. Ich sage erst: »Ich sehe, ich muss dem Hochwohlgeborenen Herrn sehr klein sein, denn Ihr speist mich auch mit Kleingeld ab, und sicher zählt Ihr mich unter die Zehntausend Literaten; aber ich bin nicht nur Literat, sondern auch Gombrowicz!
Er fragt: »Was für ein Gombrowicz?« Ich spreche: »Gombrowicz, Gombrowicz.« Er rollt das Auge und spricht: »Wohlan, wenn du Gombrowicz bist, so hast du hier 80 Pesos (…).“Quelle: Witold Gombrowicz – Trans-Atlantik
»Komme ich wieder nach Hause?«, fragte mein Vater. Ich hatte keine klaren Antworten, keine Versprechungen. Wir unterhielten uns über den Frühling, als Metapher für Hoffnung. Und um das ehrliche Schweigen zu füllen, erzählte ich von Peggys erstaunlicher Genesung. (…) Manchmal ist es einfach leichter, über Igel zu reden.Quelle: Sarah Sands – Das Igel-Tagebuch
Mit den eigenen Kräften haushalten: Damit kennt sich der Igel aus, in seinem Bett aus Blättern und voller Insekten. (…) Der Igel rollt sich zusammen, und sein Herzschlag verlangsamt sich. Seine Körpertemperatur fällt von 34 °C auf 2 °C, und er atmet kaum noch. Er fühlt sich kalt an. Ich weiß, worauf ich bei meinem Vater achten muss. Sein Puls darf nicht zu schnell hämmern, sein Blutdruck nicht zu stark absinken, (…) jede Anstrengung würde ihn umbringen. So sieht sein Gleichgewicht aus – ganz knapp zu überleben.Quelle: Sarah Sands – Das Igel-Tagebuch
Wenn ich meinen Vater vor meinem inneren Auge sehe, hält er ein Fernglas hoch. Er nahm die Natur in sich auf, und jetzt nimmt die Natur ihn in sich auf. (…) Ich trauere nicht mehr, sondern beobachte (…) Neben dem Teich ist ein dunkler, rundlicher Umriss zu erkennen. Ein Igel. Für den Augenblick ist mit der Welt alles in Ordnung.Uff, denkt man da, nochmals geschafft, aber mit der Ordnung der Erzählung hätte es ein Lektor genauer nehmen können.Quelle: Sarah Sands – Das Igel-Tagebuch
Dan grinst immer wie verrückt, wenn er mich sieht und will etwas spielen, das er „Monsterspiel“ nennt. Manchmal spiele ich mit ihm, weil es mir leidtut, dass er so ein schweres Leben hat, und ich versuche, nicht sauer zu werden, wenn er oder sein kleiner Bruder oder seine zähnefletschende Oma dummes Zeug reden.
Dans Oma: Dan, Junge, du gibst dich doch nicht mit Latinos oder Farbigen ab, oder?Quelle: Emil Ferris – Am liebsten mag ich Monster
Grant Park war voller Hippies. Es erinnerte mich irgendwie an ein Bild von Georgia O'Keefe. (...) Aber als die Bullen aufkreuzten, verwandelte sich der schöne Tag in ein Gemälde von Leon Golub oder Jackson Pollock.Auf der Seite zu sehen: prügelnde Polizisten, wie Golub sie malte, und Farbklekse in Blutrot, wie Pollock sie auf seinen Bildern verspritzte. Mit solchen Anspielungen auf die Realität jenseits des Comics bremst Ferris zwar den Lesefluss, öffnet dabei aber einen Reflexionsraum für das, was Karens Lebenswelt mit der ihrer Stadt und ihres Landes verknüpft. Wie sehr vor allem Gewalt die Geschichte der USA geprägt hat und wie sie bis heute fortwirkt – in Ferris‘ Graphic Novel wird es nachvollziehbar. Bei aller Gesellschaftskritik verliert sie dabei ihre Hauptfigur nicht aus den Augen. Ihre Karen Reyes mag eine ziemlich frühreife Zehnjährige sein. Doch weil sie glaubwürdig zwischen klaren Einsichten über ihr Umfeld und pubertärer Unsicherheit schwankt, folgt man ihr über 400 Seiten gern bei ihrer Entwicklung zur jungen Frau – oder wie sie es vorziehen würde, jungen Werwölfin. Ihre Geschichte macht „Am liebsten mag ich Monster“ trotz seiner Schwächen zu einem Solitär in der Comic-Welt. Ein Werk von Weltrang, wie es nur alle Jubeljahre erscheint.Quelle: Emil Ferris – Am liebsten mag ich Monster
Das Fortschrittsnarrativ wie es insbesondere in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Technik und Lebensführung verankert worden ist, basiert auf einem einfachen Plot: Erzählt wird die Geschichte eines Prozesses der permanenten Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse.Quelle: Andreas Reckwitz – Verlust
Das alte Paris – es ist nicht mehr (ach, die Form der Stadt / wandelt sich viel schneller als das Herz des Sterblichen)Das Gedicht „Der Schwan“ hat Charles Baudelaire in etwa um 1850 verfasst. Mit dem Bau des Boulevard Hausmann verschwindet das alte Paris. Der Dichter formuliert also klar eine existentielle Verlustangst. Andreas Reckwitz bringt zwar einige Beispiele aus der Belletristik und der Kunst, aber er nennt nicht Künstlergruppen, die jenseits allen Fortschrittsglaubens den Verlust in der Moderne klar markiert haben: Die Symbolisten, später dann die Dadaisten und Surrealisten. Die Künstler des Surrealismus versuchten sich sogar an einem Gegenmodell zum rationalen Fortschritt – nämlich indem sie das Unbewusste und den Traumbereich des Menschen erforschten.Quelle: Charles Baudelaire: Le Cygne / Der Schwan
Im Arrangement der modernen Gesellschaft ergibt sich eine prekäre Balance zwischen Fortschrittsorientierung, Verlustreduktion, Verlustpotenzierung, Verlustvisibilisierung und Verlustbearbeitung.Und genau diese „prekäre Balance“ von Verlusterkennung und Verlustvergessenheit ist nach Reckwitz entscheidend, um die „Spätmoderne“, also unsere Zeit zu begreifen. Denn die positive Fortschrittserzählung kommt an ein klares Ende.Quelle: Andreas Reckwitz – Verlust
Dass die katastrophische Zukunft eintreten kann, wird im spätmodernen Zeitregime zur neuen Gewissheit.Quelle: Andreas Reckwitz – Verlust
Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber Wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.Quelle: Thomas Brasch
Es hatte ganz simple Gründe, Ehrgeiz und auch das Bedürfnis, Dinge anders auszudrücken, (…) Dinge zu beschreiben, die man nicht leben kann, Dinge nochmals zu erfahren, indem man sie beschreibt als eine Gegenwehr, als ein Bedürfnis, sie nicht zu vergessen, indem man sie nochmals lebt, beschreibbar.Quelle: Thomas Brasch
Also der Brasch hat im Gefängnis gesessen, also muss er gelitten haben, also muss seine Literatur Leidensdruck haben, so eindimensional, und außerdem noch dilettantisch.Denn das ist die eigentliche Tragik des Künstlers Thomas Brasch. Er war immer gefährdet durch sein eigenes Leben, sein Image: gutaussehend, cool, Frauenheld, Dichter, Filmemacher, Rebell, Dissident. Oder wie er einmal bitter bemerkte: „Biographie war wichtiger als ein Stück, Gedicht oder Film.“ Vielleicht ist sogar etwas Wahres dran: Dass sein Leben den besten Roman schrieb.Quelle: Thomas Brasch
Ein neuer Tag. Aber einer, der fünf Kontinente mit sich bringt, Herbst und Frühling, Gletscher und Wüsten, Wildnis und Kriegsgebiete. Während sie die Erde umrunden, durch Anhäufungen von Licht und Dunkelheit reisen, sich der verwirrenden Arithmetik von Schubkraft und Fluglage, der Geschwindigkeit und den Sensoren hingeben, ertönt alle neunzig Minuten der Peitschenknall eines neuen Morgens.Quelle: Samantha Harvey – Umlaufbahnen
Oft weiß sie nicht, was sie Familie und Freunden zuhause erzählen soll, hat sie festgestellt, die kleinen Dinge sind zu banal, der Rest zu überwältigend, dazwischen scheint es nichts zu geben. (…) Sie denken viel darüber nach, wie es möglich sein kann, so schnell zu reisen und doch nirgendwo anzukommen.Quelle: Samantha Harvey – Umlaufbahnen
Ihr Herz und Pietros schlagen als einzige im All, zwischen der Erdatmosphäre und so weit hinter dem Sonnensystem wie man es sich nur vorstellen kann. Ihre beiden Herzschläge eilen friedlich durch den Weltraum, befinden sich nie zwei Mal am selben Ort. Werden nie an denselben Ort zurückkehren.Quelle: Samantha Harvey – Umlaufbahnen
Die menschenlose Klarheit von Land und Meer. Die Art, wie der Planet zu atmen scheint, ein ganz eigenes Lebewesen. Die Perfektion der Welt, ihre gleichgültigen Drehungen im gleichgültigen Raum, die alles Sprachliche transzendieren.Das Buch setzt ganz auf ein redundantes Umschreiben von Bildern und Zuständen. Dass dabei die Figuren so sehr in den Hintergrund treten, ist schade, denn damit verstärkt sich von Satz zu Satz der Eindruck, den sprachlichen Ambitionen der Autorin folgen zu müssen, statt glaubhaft in das Erleben der sechs Protagonisten einzutauchen.Quelle: Samantha Harvey – Umlaufbahnen
Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt sich an das. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Der Tod, den wir ihnen gaben, war ein schöner, kurzer Tod, gemessen an den höllischen Qualen von Tausenden und Abertausenden in den Kerkern der GPU. Säuglinge flogen in großem Bogen durch die Luft, und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube und ins Wasser flogen.Ein Auszug aus dem Brief eines Polizeisekretärs aus Wien, der 1941 aus dem Russlandfeldzug an seine Frau schreibt. Es sind nicht die einzigen schaurigen Zeilen im „Buch des Krieges“. Es geht um den Zweiten Weltkrieg, an dem Italien zunächst als Verbündeter Nazi-Deutschlands teilnahm. Das Buch umspannt den Zeitraum zwischen dem 28. Juni 1940, dem achtzehnten Tag der italienischen Kriegsbeteiligung, und dem 25. Juli 1943 – dem Tag, an dem Benito Mussolini vom Großrat des Faschismus abgesetzt und auf Königsbefehl verhaftet wurde. Denn der Diktator weigerte sich weiterhin, das militärische Debakel zur Kenntnis zu nehmen.Quelle: Antonio Scurati – M. Das Buch des Krieges
Dass die Italiener ihren deutschen Kameraden ebenbürtig sein und seine Faschisten mit den Nazi-Verbündeten Schritt halten mögen: Das ist an diesem Septemberende Benito Mussolinis höchstes Streben. Doch zu seinem großen Kummer bringen sie es nicht fertig. Deshalb geschieht es immer häufiger, dass die Mitarbeiter des Duce seine anti-italienischen Wutausbrüche ertragen müssen.Quelle: Antonio Scurati – M. Das Buch des Krieges
Wer die Kunst angreift, die wir lieben, der attackiert den Kern dessen, was wir sind.Quelle: Johannes Franzen – Wut und Wertung. Warum wir über Geschmack streiten
Konflikte über Kunst und Kultur sind eminent politisch – ein ständiger Schauplatz gesellschaftlicher Konflikte darüber, was gesagt und gezeigt werden darf.Quelle: Johannes Franzen – Wut und Wertung. Warum wir über Geschmack streiten
Außer dass schon ihre Annahme, dass Schwarze Menschen frei sind und selbstbestimmt handeln, in den USA eine politische Aussage ist.Quelle: Ayana Mathis
Mich interessiert wie jemand ein politischer Mensch wie Cass, der zielstrebig und hoffnungsvoll war, mit dem Scheitern dieser Bewegungen umgegangen ist. Wir haben so viel getan, viele von uns wurden getötet, eingesperrt. Und im Jahr 1985 gibt es Crack. Es gibt AIDS. Es gibt keine Sozialprogramme. Ronald Reagan ist Präsident.Quelle: Ayana Mathis
Eine Utopie erinnert uns daran, dass es eine andere Möglichkeit gibt: Die Dinge waren nicht immer so, wie es uns erzählt wurden – und sie müssen so auch nicht immer bleiben. Es gibt Alternativen – nicht einfach nur Fantasien oder Träume – sondern Orte, die tatsächlich existiert haben. Egal, wie es mit ihnen ausgegangen ist.Beide Utopien sind gescheitert. Aber dieser vielschichtige, kluge Roman erinnert daran, dass man den Kampf für eine bessere, eine gerechtere Welt fortführen sollte.Quelle: Ayana Mathis
Dieser vereinte und kombinierte verschiedene Strömungen der venezolanischen Linken und integrierte revolutionäre, progressive und auch konservative sowie autoritäre Elemente.Quelle: Tobias Lambert – Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez
Im Mai 2010 wurde entdeckt, dass über 1.000 Container mit mehr als 130.000 Tonnen Lebensmittel im Hafen von Puerto Cabello vor sich hin rotteten. Die betroffenen Importe waren über den staatlichen Lebensmittelkonzern PDVAL mit bewilligten US-Dollar zum Präferenzpreis abgewickelt, aber niemals ins Land gebracht worden.Quelle: Tobias Lambert – Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez
»Ich weiß, wohin das führt«, er spricht mehr zu sich selbst als zu mir, »ich werde dich ruinieren. Das will ich nicht. Ich kenne das schon.«
»Du wirst mich nicht ruinieren. Und wenn – dann will ich das.«Quelle: Maya Kessler – Rosenfeld
Wieso hat er mich […] dorthin mitgenommen? Weil er nicht weiß, wer du bist. Er weiß nicht, dass du der Todesengel jeglicher Mütterlichkeit bist, dass du jede Nabelschnur, die nicht sofort, sobald es eben geht, durchschnitten wird, bis aufs Blut verabscheust.Quelle: Maya Kessler – Rosenfeld
Die Erinnerung wird gleichsam neu konfiguriert: durch das seitdem Erlebte, durch den aktuellen Kontext, durch unsren emotionalen Zustand. In diesem Sinn ist das Gedächtnis lebendig und eine Erinnerung ist nie zweimal dieselbe.Ist es also möglich Belastendes, von uns zutiefst Abgelehntes, ja Beschämendes, das wir erlebt haben oder das unsere Herkunft mit sich bringt, zum Material zu erklären? Pépin zieht für seine Überlegungen auf nachvollziehbare Weise philosophische und literarische Erkundungen, besonders von Henri Bergson und Marcel Proust zu Rate, aber auch grundlegende neurowissenschaftliche Erkenntnisse.Quelle: Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben
Letztendlich geht es auch hier um eine Verabredung mit unserer Vergangenheit, aber diesmal nicht, um ihre Brutalität zu mildern, sondern im Gegenteil, ihre Zartheit neu zu erleben, ihr Bestes auszukosten. Es ist eine Art Würdigung dessen, was gewesen ist.Seien wir deshalb nachsichtig mit uns selbst und den anderen: Wir sollten dem, was wir geworden sind, mit Wohlwollen begegnen. Das reicht bis hin zum Umgang mit unseren Toten, die uns, wenn wir an sie denken, mit „behütender Präsenz“ umgeben können. Und so heißt es dann auch gegen Ende des Buches geradezu verschmitzt, aber eben durchaus auch charakteristisch für die Lebensphilosophie Pépins:Quelle: Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben
Wer möchte, dass die Geister der Verstorbenen ihn gelegentlich besuchen kommen, muss ihnen ein bisschen Luft und Freiheit lassen.Quelle: Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben
Unzählige Male hatte Hammer mich verprügelt, als ich jung war. Ich trug blutige Nasen davon, abgebrochene Zähne, Platzwunden im Gesicht, das volle Programm. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als seinen Tod. aber er war nicht gestorben, und jetzt, Jahrzehnte später, stand er vor mir und versperrte mir den Weg.Hammer, eigentlich Hanmo, ist nicht das einzige Hindernis, das sich Inmo fortan in den Weg stellt. Denn es dauert nicht lang, dann ziehen auch seine Schwester – die bereits zwei Ehen hinter sich hat – und deren Tochter, eine aufmüpfige Jugendliche, in die mütterliche Wohnung ein.Quelle: Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sei sie gerade von einem Wellnessaufenthalt in einem erstklassigen Spa zurückgekommen, ja sogar ihre Stimme klang einen Ton heller.Dass Cheon Myeong-kwan dabei die Geschichte aus Inmos Augen entfaltet, ist ein geschickter Schachzug. Erst allmählich begreifen wir nämlich, dass wir diesem Erzähler nicht ungetrübt Glauben schenken sollten: Hammer, laut Inmo ein pädophiles Monster, erweist sich mehr und mehr als liebenswürdiger Mensch; Inmos Schwester Miyŏn, vermeintlich eine leichtlebige Ehebrecherin, hat sich stets für ihre Familie aufgeopfert, um diese auch finanziell zu unterstützen. Mehr noch: dunkle, bis dato gut gehütete Familien-Geheimnisse kommen zutage.Quelle: Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Ich, Hammer, Miyŏn, wir alle, Mutter eingeschlossen, jeder von uns hatte etwas auf dem Kerbholz. Uns war das Stigma des Verlierers eingebrannt, wir waren Gefangene unserer Vergangenheit.Quelle: Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Er ist hochgewachsen, hat einen Bart und trägt einen langen nachtblauen oder schwarzen Mantel. Sein Gesicht wird von einem breitkrempigen Hut verdunkelt, doch man kann erkennen, dass er nur ein Auge hat. (…) Seine beiden Raben Hugin und Munin versorgen ihn mit Neuigkeiten aus aller Welt.Odin als Oberhaupt der heidnischen Götterwelt ist für Böldl aber – wie überhaupt der zugespitzte Gegensatz von „nordischen“ und klassisch-mediterranen Mythen – ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts. Zuvor war Odin gewissermaßen integriert in die gesamteuropäische Mythenwelt, bisweilen gleichgesetzt mit Odysseus, dem griechischen Okeanos oder gar dem fernöstlichen Buddha.Quelle: Klaus Böldl – Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte
Wenn es Odin nicht gäbe, müsste man ihn erfinden, so groß erscheint im entgötterten Anthropozän die Sehnsucht nach einer identitätsstiftenden numinosen Gestalt jenseits des Christentums zu sein.Quelle: Klaus Böldl – Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte
Von der Krone baumeln, dort und da, / die kleinen Nester des Frühlings. / Die Leute sagen: Jetzt erst sehe ich, wie gut sie war!Im Gedicht „Die gefallene Eiche“ findet sich ein Grundmotiv von Pascolis Lyrik: „Nester“ – so lautet auch folgerichtig der Titel des von Theresia Prammer zusammengestellten Auswahlbandes. Das „Nest“ ist nicht nur in der Tierwelt zuhause, sondern im übertragenen Sinn auch bei uns Menschen: „Sich ein Nest bauen“, sich also häuslich einrichten. Das „Nest“ bietet Schutz, Sicherheit – gerade auch in der Kindheit oder bei Tieren in der Aufzucht der Jungen. In Pascolis Gedicht „Die gefallene Eiche“ wird das Nest zerstört, weil der Mensch diese Eiche mit ihren Nistplätzen zu Fall bringt. Vergeblich irrt das Muttertier.Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Sie sucht nach ihrem Nest, das nicht mehr ist.Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
He! Du kehrst heim … Ich weiß: / Oh! In dein herrliches Nest, vor dem Regen gefeit!Allein, es bleibt ein Traum. Der Mensch, der Dichter ist förmlich aus der Natur gefallen. Der Gesang der Vögel wandelt sich in ein gräuliches Rauschen.Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Was geht vor in der Welt? / Unendliche Stille. / Doch tief unten, da schwelt, / einsam und irrend, / dieses schaurige Grollen.Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Erinnerung – Kindheit – Tod – Verlust. Pascoli schreibt vom Ende seiner Welt her; die Orte der Tragödie sowie die Friedhöfe sind immer gegenwärtig. Schatten sprechen den Dichter an, wo er geht und steht.Diese Schatten drängen sich bis in den Bereich der Träume. Im Gedicht „Traum eines Schattens“ schmiedet Pascoli den „Tod eines Alten“ existentiell an den „Tod eines Neugeborenen“. Was ist Leben? Was bedeutet es, eine Strecke des Lebens gehen?Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Der eine sah die Kinder / seiner Kinder; der andere nicht einmal sich. Ihr Leben / war das nämliche: Traum eines Schattens, ein Nichts.Dass der Lyrikband „Nester“ zweisprachig erscheint, ist auf jeden Fall ein großes Plus. Er erlaubt damit einer an Lyrik interessierten Leserschaft, diesen italienischen Dichter in gekonnter Übersetzung für sich zu entdecken. Giovanni Pascoli war sicher kein avantgardistischer Experimentator, aber seine in die Tiefe reichende Melancholie, seine stete Sehnsucht nach dem verlorenen Wundergarten der Natur und seine exzellente Sprachführung machen seine Gedichte zum bleibenden Gut europäischer Lyrik.Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Mr. Clavius Frederick Earbrass ist, wie man weiß, ein namenhafter Romancier. Von seinen Büchern werden wahrscheinlich „Ein moralischer Mülleimer“, „Wenn die Ketten klirren“ und die „Bis zur Hüfte-Trilogie“ am meisten geschätzt. Wir sehen Mr. Earbrass auf dem Krocket-Rasen seines Herrenhauses Hobbies Odd in der Nähe von Collapsed Pudding in Mortshire. Er meditiert über einen Spielzug einer Partie, die er Ende des Sommers abgebrochen hatte.Der viktorianische Gentleman Clavius Frederick Earbrass ist ein Bestseller-Autor. Sein Blick in die Welt ist mal besorgt, mal erschrocken. Und am meisten Unbehagen bereitet ihm seine eigene Kunst.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Am 18. November jedes zweiten Jahres beginnt Mr. Earbrass mit der Niederschrift seines neuen Romans. Den Titel hat er bereits Wochen zuvor willkürlich einer Liste entnommen, die er in einem kleinen grünen Notizbuch führt. Es ist zur Teestunde am 17. November, als er sich Sorgen zu machen beginnt, dass ihm immer noch kein brauchbarer Plot eingefallen ist, der zu „Eine Harfe ohne Saiten“ passen könnte. Doch seine Gedanken kehren immer wieder zurück zu dem letzten Keks auf der Servierplatte.Die große Kunst und der kleine Keks. So ernst der Autor Mr. Earbrass Leben und Schreiben nimmt, so staubtrocken ist der Humor, mit dem Edward Gorey von diesem Künstler-Leben erzählt.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Noch qualvoller als die ersten Kapitel des Romans sind die letzten für Mr. Earbrass. Seiner Figuren ist er nun ein für alle Mal überdrüssig geworden. Seine Verben kommen ihm verwelkt vor, und die Adjektive haben sich völlig unkontrolliert vermehrt. Außerdem leidet er in diesem Stadium zwangsläufig an Schlaflosigkeit. Nicht einmal die wiederholte Lektüre seines ersten Romans „Die Trüffelplantage“ bringt den ersehnten Schlaf.Der verzweifelte Autor wandert durch die dunklen Flure seines riesigen Anwesens. Und auch als alles geschafft ist, ist er nirgendwo angekommen, steht weiterhin neben sich und nicht mit beiden Beinen in der Welt.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Mr. Earbrass steht in der Dämmerung auf seiner Terrasse. Es ist trostlos und kalt, und die Unschuld ist aus allem gewichen. Worte driften zusammenhanglos durch sein Hirn: Pein, Rüben, Partys, keine Partys, Enttäuschung, Krallen, Schwund, Serviette, Fieber, Antipoden, Gletscher, Gezeiten, Betrug, Trauer, Anderswo.Auch der Autor und Zeichner Walter Moers, der Edward Gorey mit diesem wunderbaren Jubiläumsband würdigt, kennt das Anderswo. In seinem letzten Schuljahr schwänzte Walter Moers regelmäßig den Unterricht. Weil ihm die Schule nichts mehr beibrachte, las er sich stundenlang durch die Stadtbibliothek. Nicht in der Schule, sondern anderswo entdeckte er die Werke von Edward Gorey.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
An der Tür klingelts Sturm in windiger Nacht, | doch niemand ist da, als auf man sie macht.„Der Mensch Edward Gorey war kein Rätsel, aber sein Werk wimmelt von Rätseln.“ Schreibt Walter Moers. Mit leichter Hand und ohne irgendetwas überzuinterpretieren, verknüpft er das exzentrische Leben des meist in Pelzmantel, Jeans und weißen Canvas-Tennisschuhen gekleideten Edward Gorey und ein Werk, das nach Goreys eigenen Worten von Dingen handelt, die so wenig Sinn machen wie möglich.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Allein auf einer Urne stand und stierte | ein Gast, der alle irritierte.Die kurze Story „Der zweifelhafte Gast“ trifft genau diesen Punkt zwischen Leben und Kunst. Sie handelt von einem Wesen, das wie ein Pinguin aussieht, und einen langen gestreiften Schal und weiße Canvas-Tennisschuhe trägt. Ganz wie die, die Edward Gorey selbst bevorzugte. In stürmischer Nacht taucht dieser Gast in einem alten Herrenhaus auf und bringt das geordnete Leben der Bewohner durcheinander.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Er kam auch zum Frühstück und aß unverzüglich | ganz viel Sirup und Toast und den Teller vergnüglich.Der zweifelhafte Gast versteckt Handtücher, blickt stundenlang den Kaminschacht empor oder versenkt Wertgegenstände im Gartenteich. Die Geschichte endet schließlich mit einem Satz, der auch auf das Werk von Edward Gorey zutrifft.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Seit siebzehn Jahr´n will er nicht scheiden, | er ist gekommen, um zu bleiben.Bleiben, das wird sie, die Kunst von Edward Gorey: Sein fantasievoller Nonsense, seine fein skizzierten Albträume; bleiben, wie das Gefühl, das jeden Gorey-Leser irgendwann beschleicht, das Gefühl, in der Welt selbst ein zweifelhafter Gast zu sein. Mit seinem Gorey-Buch empfängt Walter Moers solche Gäste, als ebenso aufmerksamer wie nonchalanter Gastgeber.Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Wir bei der Stiftung Buchkunst sagen immer, ein schönes Buch ist eines, das in sich rund ist.Die Jurys beurteilten zwar nicht den Inhalt des Buches, dennoch sei dieser wichtig für die Gestaltung. Wie etwa bei dem ausgezeichneten Buch „An Rändern“ von Angelo Tijssens. Das Buch erzählt von einem Mann, der in seine Heimat reist und sich dort seinen schmerzhaften Erinnerungen stellt. Wie der Titel „An Rändern“ es bereits sagt, ist auch der Text im Buch an den Rand gerückt.Quelle: Birte Kreft, Geschäftsführerin Stiftung Buchkunst
In dem Buch gibt es auch schwarze Seiten, die das Thema Depression aufgreifen. Parallel dazu ist der Umschlag in einem hoffnungsvollen Rosa. Es geht auch darum, was für gute Ideen Gestalter:innen haben, um die immer kleiner werdenden Budgets in eine gute Gestaltung und damit in ein gutes Buch umsetzen.Genau das sei in Zeiten steigender Papier- und Druckkosten die Herausforderung. Es würden nicht nur die großen Publikumsverlage ausgezeichnet, sondern auch kleinere, die „auch mutige Entscheidungen treffen wie der Trottoir Noir Verlag aus Leipzig oder shift books aus Berlin“, so Kreft.Quelle: Birte Kreft, Geschäftsführerin Stiftung Buchkunst
Zum ersten Mal seit drei Monaten können sie wieder den Sand erkennen, der während ihrer Fahrt über den Atlantik vom Wasser verborgen war. Den Grund des Ozeans, den sie zuletzt flüchtig an dem Morgen sahen, als sie an Bord der Baleine gingen. Niemand hat ihnen mitgeteilt, wo sie am Abend übernachten, wann sie verlobt sein würden. Man sagt Frauen nicht alles.„Man sagt Frauen nicht alles“, schreibt Julia Malye auf der ersten Seite ihres Romans. Die Frauen, die im Jahr 1721 Französisch-Louisiana erreichten, hatten tatsächlich keine Ahnung, wie ihr neues Leben aussehen würde. Sie hatten auch nicht selbst entschieden, die beschwerliche Reise über den Ozean anzutreten. Der Gouverneur von La Louisiane hatte Ehefrauen für die Kolonie angefordert, möglichst robust und gebärfähig.Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Geneviève fällt es schwer, die wechselnden Geschehnisse zu begreifen: Noch zwei Wochen zuvor war sie in einem Heim der Salpêtrière eingeschlossen. Und heute, in Paris, wird sie die Kleidung erhalten, die sie auf der anderen Seite des Atlantiks tragen wird.Autorin Geneviève ist eine der Frauenfiguren, die Julia Malye erschaffen und zu den Heldinnen ihres Romans gemacht hat. Die junge Geneviève stammt aus der Provence, aus einer verarmten Familie. Nach dem Tod ihrer Eltern hat sie sich in Paris allein durchgeschlagen. Sie ist schwanger geworden, hat abgetrieben, hat anderen Frauen bei der Abtreibung geholfen. Deshalb ist sie in der Salpêtrière gelandet. Während der monatelangen Schiffsreise nach La Louisiane freundet sich Geneviève mit Pétronille, Étiennette und Charlotte an. Die rothaarige Charlotte ist die Jüngste – ein Waisenmädchen, das in ihrem Leben nichts anderes gesehen hat als die Salpêtrière. Bevor ihre neue Existenz als Siedler-Frauen in der Kolonie beginnt, überlebt die Gruppe einen Piraten-Überfall und das in La Louisiane grassierende Gelbfieber. Innerhalb kürzester Zeit sind dann alle unter der Haube.Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Pierre Duran ist der kleinste der drei Männer, die durch den Mittelgang kommen. (…) Er hat breite Schultern, ein markantes Kinn und helles Haar, das im Sommer sicher blond wird. Geneviève hat keine Angst vor ihm. Sie hat immer gewusst, dass es sie etwas kosten würde, die Salpêtrière zu verlassen. Später sollte sie sich kaum an die Zeremonie erinnern. Im Gegensatz zu Étiennette hat sie nie von Sträußen, Mitgift und Aufgebot geträumt. Noch in Paris, dachte sie nicht einmal, dass sie einmal heiraten würde.Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Elf. Pétronille. Nouvelle-Orléans, Januar 1731. Vierzehn Monate sind seit dem Angriff der Natchez vergangen, aber Pétronille stehen die Ereignisse dieses Wintermorgens so klar vor Augen, als wäre sie gestern geschehen. Nachdem Utu’wv Ecoko’nesel gegangen war, hatten sie ihre Kräfte verlassen. Sie war allein mit ihren Kindern am Ufer des Saint-Louis (…), auf der anderen Seite des Waldes tobten die Kämpfe.Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Sie nimmt sie in die Arme, und so verharren sie, mit verhakten Füßen, und hören ihrem Atem zu, dem sturen Gesang der Grillen im Garten. Das Zimmer wirkt verändert, als hätte Geneviève es nie zuvor betreten. Sie ist sich ihres Körpers besonders gewahr, auch Charlottes, der sich zugleich vertraut und fremd an sie schmiegt.Quelle: Julia Malye – La Louisiane
I was not expecting that. We were told that we weren’t allowed to swear.Na, wenn schon die Booker-Prize-Gewinnerin fluchen möchte ... Samantha Harveys preisgekrönter Roman „Umlaufbahnen“ katapultierte uns in diesem Jahr in intergalaktische Höhen. Eskapismus at its best! Sechs Astronauten auf der ISS, schwebende Existenzen auf der Suche nach Sinn, die Erde dreht sich unaufhörlich weiter. Ein bisschen Bradbury, ein Hauch Sartre – die Hölle, das sind eben die anderen. Das weiß auch Clemens Meyer.Quelle: Samantha Harvey bei der Verleihung des Booker Prize 2024
Yang Ning lehnte sich über das Bett, lag beinahe mit dem Oberkörper darauf, keuchend; atemlos strich sie mit beiden Händen über die Matratze, streichelte sie mit zitternden Fingern, die geradezu zärtlich über Insektenpanzer, sich windende weiße Maden und die undefinierbare Masse aus Urin und anderen Körpersäften glitten.
Ihr Geruchssinn, seit einem Jahr mausetot, war wieder zum Leben erwacht.Quelle: Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
‚Jetzt stell dir vor, du bist die Beute, und wenn du das Fürchten gelernt hast, stell dir vor, du bist der Jäger, und lerne, die Furcht zu beherrschen.‘ Er drängte sie zu lernen, Dominanz, Manipulation und Kontrolle zu genießen, die Freude an der Angst zu entdecken, das Licht im Dunkel des Bösen. Was für eine Frau, die vom Schnüffeln an einer Leiche einen Orgasmus bekam, gar nicht so neu war.Quelle: Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
‚Warum kann ich verdammt noch mal nicht bleiben, wo ich bin? Warum darf es nicht sein, dass ich mein Leben lang nicht darüber hinwegkomme?‘ Alles sprudelte aus ihr heraus. ‚Du hast dir nie überlegt, was ich wirklich will. Ich will nicht, dass es mir besser geht. Alle zerren an mir, wollen, dass ich glücklich bin. Was heißt glücklich? Warum muss ich unbedingt glücklich sein? Wie könnte ich, jemand wie ich? ›Du musst loslassen.‹ Ich kann nicht loslassen.‘Denn unter der brutalen Oberfläche, dem bewussten Provozieren olfaktorischen Ekels steckt in diesem mutigen, wilden Debütroman eine intensive Auseinandersetzung mit dysfunktionalen Familien und Trauer. Yang Ning verändert sich im Verlauf ihrer Nachforschungen. Sie lernt, ihre Impulsivität zu zügeln. Das macht sie gefährlicher. Und am Ende überschreitet dann auch sie eine Grenze in diesem überbordenden Debüt.Quelle: Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
Mir ist zuweilen so als ob Das Herz in mir zerbrach. Ich habe manchmal Heimweh. Ich weiß nur nicht, wonach ...Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Ein Kinoliebling lächelt auf Reklamen für Chlorodont und sieht hygienisch aus. Ein paar sehr heftig retuschierte Damen blühn bunt am Hauptportal vorm Lichtspielhaus.Mascha Kalékos Gedichte erschienen in den führenden Berliner Feuilletons, sie wurden auf Kabarettbühnen gesungen und von der Verfasserin selbst mit viel Lampenfieber vorgetragen. "Ich sang einst im deutschen Dichterwald, / Abteilung für Großstadtler-chen", schrieb sie später. Sie konnte so abgebrüht sein wie Erich Kästner, mit dem sie oft verglichen wurde, und von den neuen Frauen jener Zeit verstand sie ebenso viel wie Irmgard Keun. Den "nächsten Morgen" nach einer illusionslosen Liebesnacht beschreibt sie so:Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Ich zog mich an. Du prüftest meine Beine. – Es roch nach längst getrunkenem Kaffee. Ich ging zur Tür. Mein Dienst begann um neune. Mir ahnte viel ... Doch sagt' ich nur das Eine: »Ich glaub', jetzt ist es höchste Zeit! Ich geh ...«Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Nun schickt der Herr das Leuchten in die Wälder. Grellbunte Brände lodert jedes Blatt. Wie welkt das Herz dem wandermüden Fremden, Der nur die Einsamkeit zur Heimat hat.Auch wenn Mascha Kaléko nicht zu den ganz großen sondern, wie sie selbst sagte, zu den "zweitbesten Namen" zählt, wird niemand, der einmal davon gehört hat, ihre Verse und ihr Schicksal vergessen.Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Das ist ja das Problem beim Magazin durch das kleine Format. Das hat ja immer schon das iPad-Format, also die DIN-A5-Größe. Das ist ein Vorteil, wenn man es in der Hand hält und wenn man damit rumreist oder auch in der Badewanne.Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
„Also diese wirklich interessante Mischung aus leichter Erotik, Tingeltangel, sehr offenen Themen, wie zum Beispiel Rauschmittel. Das war ja in den Zwanzigern ein großes Thema.“Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
… manchmal auch Herren, soweit ich weiß, hat das Magazin die ersten Misswahlen in Deutschland ausgerufen …In der Jury: unter anderem Heinrich Mann und Carl Zuckmayer.Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
… so was gibt’s wahrscheinlich gar nicht mehr, und was ich immer gerne erzähle, ist, dass eine damals unbekannte Dame Model beim Magazin war: Marlene Dietrich.Unter den Nazis musste das Magazin kriegsbedingt eingestellt werden – in der DDR aber ist es dann „auferstanden aus Ruinen“. Musik andeuten Hymne? Nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 ändert die SED ihren „neuen Kurs“ und „erlässt“ die Gründung einer Zeitschrift, die die Massen unterhält und zerstreut. „Ab Dezember 1953 erscheint ein populäres, für den breitesten Leserkreis bestimmtes, monatlich erscheinendes Magazin. Mitte November sind dem Politbüro Probeexemplare der ersten Nummer vorzulegen.“ Im Januar 1954 erscheint das erste „Magazin“ – für die DDR, eine kleine Sensation. In der bis dahin eintönigen Presselandschaft tritt ein völlig neuer Ton, eine neue Farbe, ja, und die ersten Nacktaufnahmen.Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Auch Loriot habe ich gefunden. Die Namen sagen mir jetzt alle auch nichts, ach, guck mal, Anja Kling, die Schauspielerin, die war mal Model beim Magazin, Gerit Kling, die Schwester …Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Das ist interessant, das sind Lebenswelten, die ich nicht kenne, das sind Biografien, die anders sind als meine, aber durchaus Inspiration bieten fürs eigene Leben. Das sind solche Themen, wo man mit einem Erkenntnisgewinn rausgeht.Das Magazin ist sich in vielem treu geblieben. Noch immer findet man Berichte aus Kneipen oder fernen Ländern neben Reportagen, Kolumnen und Kultur-Tipps: von Sexualität ab 60 bis zum Boxen sind den Themen keine Grenzen gesetzt. Freundlich im Ton, mit Witz und Sinnlichkeit. Politik spielt praktisch keine Rolle und, ja, auch die geschmackvollen Erotik-Fotos sind geblieben.Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Wir sind, glaube ich, die einzige Publikumszeitschrift, also die eben nicht Erotik ist, die sowas noch macht. Das macht ja keiner mehr. Das ist ja komplett verschwunden aus der Presse.Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Kat hat Katzen oder Kater, und just als sie für uns angefangen zu zeichnen, war ihr Kater Boris gestorben und Boris lebt weiter im Magazin.Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Es gibt da natürlich auch den etymologischen Hintergrund, also das Wort „Gramm“ kommt aus dem Griechischen „Gramma“, das bedeutet so viel wie „Geschriebenes“. Man kennt es aus Autogramm, Telegramm oder auch aus dem Wort Grammatik. Und dann ist eben ein Gramm natürlich auch vor allem eine Einheit und ein Gramm als Gewichtseinheit finde ich als etwas sehr Sympathisches. Es ist sowas Leichtes und nichts Belastendes und doch ist es da. Es ist spürbar und kann durchaus einen Unterschied machen. Und das finde ich, passt gut zu dem, was dieses Magazin auch ist.… sagt Patrick Sielemann. Er ist hauptberuflich Lektor beim Kein und Aber Verlag und er ist der Herausgeber von „Das Gramm“. Anstoß für das Magazin war eine Frage:Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
In diesem Fall war es die Frage, wie man mehr Menschen für das Lesen begeistern kann. Oder im Umkehrschluss, was hält Menschen eigentlich vom Lesen ab?Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Erstens man hat zu wenig Zeit. Zweitens, man weiß nicht genau, was man lesen soll. Und vielleicht Drittens noch, wenn man sich entschieden hat, ist es vielleicht nicht das Richtige für einen.Diese drei Lesehürden, wie Patrick Sielemann sie nennt, möchte Das Gramm nehmen. Das Zeitproblem ist schnell gelöst, denn Kurzgeschichten sind von Natur aus kurz. Und anstelle von einem dicken Kurzgeschichten-Sammelband gibt es bei Das Gramm alle zwei Monate eine Geschichte.Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Das finde ich spannend an Texten, wenn man so…Da ist jemand und bittet einen in sein Haus hinein und winkt und ist freundlich und dann sieht man doch die Risse und den Schmutz unter dem Sofa. Das ist sowas, was ich an Texten spannend finde, wenn man erst mal reingelockt wird und dann doch irgendwie überrascht oder sogar vor den Kopf gestoßen wird.Wie im aktuellen Heft: „Dort sind auch Bären“ von Andrej Schulz. Darin verfolgt ein Mann Tag und Nacht den Livestream aus einem Bären-Gehege in Rumänien. Er sorgt dafür, dass die Zuschauerzahl im Livestream nie auf null runtergeht. Und er kennt alle Bären beim Namen. Besonders verbunden fühlt er sich dem Bären Bolik. Er kommt aus der Ukraine, wurde aus einem zerbombten Zoo gerettet. Etwas scheint in Bolik zerbrochen zu sein, denn er hebt kaum den Kopf. Auch das Leben des Ich-Erzählers der Geschichte ist von Splittern und Einsamkeit durchzogen. Andrej Schulz wurde in der Ukraine, in Donezk geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Er ist einer der vielen neuen literarischen Stimmen, die man Dank Das Gramm entdecken kann. Denn neben großen etablierten Namen wie Clemens J. Setz, Ulrike Draesner oder Judith Herrmann, die alle schon eine Kurzgeschichte bei Das Gramm veröffentlicht haben, bietet das Magazin auch unbekannten Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, sein Skript einfach einzuschicken.Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Und wir bekommen auch viel geschickt und aus diesen vielen Einsendungen haben wir auch schon was herausgefischt und gefunden. Die Suche nach tollen Texten ist immer so ein bisschen wie eine Goldsuche. Man hat so einen Berg an Texten vor sich und man sucht den einen Besonderen, also das Goldnugget. Und auf dem Weg dorthin findet man durchaus viele toll aussehende Mineralien oder auch Edelsteine. Aber man will eben das Goldnugget. Und das meine ich nicht als materiellen Wert, sondern als ideellen Wert. Man will diesen einen Text, der einen begeistert und überrascht. Und der so strahlt, dass man weiß, man hält was Besonderes in den Händen.Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Die Ausgabe heißt „Verliefen sich im Park“ und spielt in New York. Zum ersten Mal eine Das Gramm Geschichte, die in New York spielt. Es handelt von einer Familie, die dort einen Urlaub verbringen möchte und dort die wichtigsten Touristenattraktionen abklappert. Und irgendwie läuft alles ganz anders, als wie sie es sich vorgestellt haben.22 Gramm märchenhafte Begegnungen verspricht uns diese Kurzgeschichte. Ein gutes Pfund wiegen alle 25 Hefte zusammen. Sie zeigen: Das Gramm ist festes Gewicht im deutschsprachigen Magazin-Markt. Und verhilft so der etwas stiefmütterlich behandelten Kurzgeschichte zu einem Revival. Vor allem aber gibt es nun grammweise schwere Gründe, direkt mit dem Lesen loszulegen.Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Jeder Mensch braucht einen sicheren Ort. Das konnte ein großer Kleiderschrank sein, in den man komplett hineinpasste, eine morsche Bank an einem abgelegenen See oder ein Schrebergartenhäuschen mit bollerndem Holzkohleofen. Emily hatte eine Bibliothek.Und das ist nicht irgendeine Bibliothek, sondern die Anna Amalia Bibliothek in Weimar mit ihrem berühmten Rokokosaal. Autor Carsten Henn hat für seine jugendliche Heldin Emily ein namhaftes, ehrwürdiges Setting ausgesucht, das er ansonsten aber sehr frei behandelt. Er erfindet noch einen Nachfahren des nicht weniger berühmten Johannes Gutenberg, Eurich von Gutenberg, der die Bibliothek erbaut haben soll. Dort steht ein Ohrensessel, auf dem Emily lesend ihre Nachmittage verbringt. Eines Tages aber dringt ausgerechnet der Lehrer, den sie am wenigsten leiden kann, in ihren geschützten Ort ein. Dr. Dreskau ist streng, gemein und ungerecht – die schlechteste aller Kombinationen. Und nun beobachtet Emily heimlich, wie eben dieser Dr. Dreskau in ihrer Bibliothek ganz offensichtlich etwas sucht.Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Buch um Buch zog er hektisch hervor, jedes wurde wütender zurückgeschoben. Beim 31. geschah etwas Ungewöhnliches: Die Wolkendecke riss ein wenig auf, und die Sonne schickte einen warmen Strahl durch eines der Fenster. Nur ein, zwei Sekunden lang. Im Bücherregal glitzerte es golden. Als Emily genauer hinsah, war es schon wieder verschwunden.Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Noch etwas war merkwürdig in diesem Raum, der vor Merkwürdigkeiten strotzte. Die Einbände der Bücher changierten in den unterschiedlichsten Farben. Als könnten sie sich nicht richtig für eine einzige entscheiden und probierten ständig neue aus. Im Zentrum dieser Welt stand eine goldene Schreibmaschine auf einem silbernen Tisch. Davor ein kupferfarbener Stuhl. All das funkelte, als wäre es gerade erst poliert worden.Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Auf der letzten Seite dann: Drei getrocknete Tränen. Wie konnte das sein? Sie hatte beim Lesen nicht geweint. Ganz bestimmt nicht! Sie war wütend gewesen. Dann begriff Emily. Sie hatte ihre eigene Vergangenheit verändert. Ungläubig berührte sie die Worte, als wären sie aus Träumen gewoben und könnten bei Berührung zerfallen. Die goldene Schreibmaschine war ein mächtiges Werkzeug. Wie hatten sich wohl die beiden Folgebände verändert? Emily griff nach ihnen, doch sie standen nicht an ihrem Platz.Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Günther Dreskau wurde von vielen Menschen unterschätzt. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein Geschichts- und Mathelehrer und damit ein historisch gebildeter Mann und logisch denkender Mensch so verschlagen sein konnte. Und erst recht nicht, dass er eine Schülerin verfolgen würde.Quelle: Carsten Henn – Die goldene Schreibmaschine
Stefano reichte es!So bei Christiane Pöhlmann. Bei Leopold Federmair lautet er hingegen:Quelle: Maria Messina – Eine Blume ohne Blüte
Stefano war sehr verärgert!Quelle: Maria Messina – Eine Blume, die nicht blühte
Ob privat oder am Arbeitsplatz – dank autonomer Staubsauger, digitaler Tools und smarter Helferlein gewinnen wir angeblich mehr Zeit für Freundinnen oder Kunden. Das klingt gut. Aber ist es auch realistisch? Werden diese Versprechen eingelöst? Werden wir in zehn Jahren dank KI, automatisierter Produktion und neuer Services effizient, fokussiert und entspannt durch den Tag schweben?Quelle: Christian Uhle – Künstliche Intelligenz und echtes Leben
In der absehbaren Zukunft werden viele Menschen einen eigenen digitalen Assistenten nutzen, der sie vom Moment des Aufstehens bis zum Schlafengehen durch den Tag begleitet, der immer für sie da ist, der alles weiß und der ihnen das Gefühl gibt, verstanden zu werden und niemals mehr allein zu sein.Quelle: Christian Uhle – Künstliche Intelligenz und echtes Leben
Gesellschaften haben sich schon immer verändert, aber jetzt erleben wir nicht lediglich eine Veränderung in unseren Gesellschaften, sondern eine Veränderung darin, was eine Gesellschaft überhaupt ist. Es ist nicht mehr etwas, das lediglich zwischen Menschen passiert und an dem Menschen teilhaben.Uhle wendet sich mit seinem Buch bewusst an ein Publikum, das sich bislang noch nicht mit Fragen der Künstlichen Intelligenz beschäftigt hat. Sein Ratgeber für das Maschinenzeitalter ist zugleich eine gut verständliche Einführung in die logischen Grundlagen der neuen Anwendungen, denen wir bereits überall in unserem Alltag begegnen. Aber es ist vor allem eine gelungene Befragung unserer Erwartungen an eine bessere Zukunft.Quelle: Christian Uhle – Künstliche Intelligenz und echtes Leben
Wo in diesem selbstzufriedenen Bildungsbürgertum verstecken sich die Ungeheuer? Vielleicht bräuchte es gar nicht viel, sie wieder zu entdecken. Oder entsprachen diese Farblosigkeit und Niedergeschlagenheit ohne jegliche Grandezza auch damals schon der Wahrheit?Quelle: Carlo Levi – Die doppelte Nacht
Diese halbierten Welten beäugen einander finster, sie stehen einander wie zwei Vertreter unterschiedlicher Zivilisationen gegenüber. Und doch sind sie aus demselben Holz geschnitzt.Carlo Levi zeigt sich hier als ein ebenso guter Beobachter wie inspirierter Denker. Seine Ausführungen wirken nach wie vor lebendig und anregend. Darum ist die Deutschlandreise, die sich mit seinem Buch „Die doppelte Nacht“ nachvollziehen lässt, auch von heute aus gesehen nicht viel weniger spannend als damals.Quelle: Carlo Levi – Die doppelte Nacht
Zu dieser Zeit wurde Wien von Sozialdemokraten regiert und diese versuchten die Ideen des Goldenen Zeitalters anzuwenden. Es ging um die Verbesserung der Lebensumstände und letzten Endes darum, einen „neuen Menschen“ zu erschaffen, wie sie es nannten.Quelle: Richard Cockett
Da ging es nicht mehr nur um sehr reiche Patienten, die sich von Freud ihre Träume deuten ließen. Die Sozialdemokraten nahmen die Grundideen von Freud und verwandelten sie in Mittel für Sexualerziehung, Gesundheitserziehung, für all das, was man heute psychische Gesundheit nennen würde.Quelle: Richard Cockett
Zweifellos war der Erfolg der assimilierten Wiener Juden ein Schlag ins Gesicht für Hitler und seinesgleichen. Ein Frontalangriff auf ihre nationalistischen, großdeutschen Überzeugungen und ihre Blut-und-Boden-Ideologie.Die vom Logischen Empirismus geprägte geistige Landschaft Wiens, die unter anderem die moderne Küche oder die erste Studie über Langzeitarbeitslosigkeit hervorbrachte, wurde in den 1930er-Jahren von den Austrofaschisten und später von den Nazis zugrunde gerichtet. Aber jene ihrer Protagonisten, die rechtzeitig aus Österreich fliehen konnten, trugen ihre Ideen und Methoden in die Länder, die sie aufnahmen.Quelle: Richard Cockett
Ich denke, der Grund dafür, weshalb sie so wichtig wurden und weshalb ihre Arbeiten vor allem in Großbritannien und den USA rezipiert wurden, ist, dass sie Faschismus, Kommunismus und Totalitarismus viel früher und aus nächster Nähe erlebt hatten. Nämlich im Wien der 20er- und 30er-Jahre.Es ist ein ungewohnter, britisch-liberaler Blick, den Cockett auf dieses Stück österreichische Geschichte wirft. Seine originelle und kenntnisreiche Darstellung lässt das erstaunlich lebendige Erbe einer gewaltsam ausgelöschten Welt schillernd zutage treten.Quelle: Richard Cockett
Ich liebe meine wundervolle, unperfekte Tochter. (…) Doch hätte ich damals die Wahl gehabt, ich hätte mich für einen Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen entschieden.Quelle: Ada D’Adamo – Brief an mein Kind
Warum gerade ich? Man sucht nach einem konkreten Grund, weil man nicht hinnehmen kann, das Opfer eines simplen Zufalls zu sein.Als Mutter einer schwer behinderten Tochter machte D’Adamo dann die bittere Erfahrung, schlagartig zu einem „Menschen zweiter Klasse“ degradiert zu werden, wie sie schreibt. Zu einem sozialen Paria, der – genauso wie ihre Tochter Daria – von der tonangebenden Mehrheit der Gesunden im Alltag ständig übersehen, ausgegrenzt und manchmal sogar öffentlich beleidigt wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Opferberichten aber verblüfft an D’Adamos Mutterbeichte deren so gar nicht wütend-anklagender und unjammeriger, unpathetischer Tonfall. Ganz offensichtlich ging es der Autorin mit ihrem letzten Buch nicht darum, eine Abrechnung mit unserer oft ungerechten, unsolidarischen Leistungsgesellschaft vorzulegen.Quelle: Ada D’Adamo – Brief an mein Kind
Das ist keine Resignation, eher so etwas wie aktive Akzeptanz. Man hört auf, „dagegen“ zu kämpfen. Man konzentriert sich darauf, „für“ etwas zu kämpfen.Es ist dieser nicht mehr hadernde, nachsichtige und angenehm unaufgeregte Blick auf die eigene Tragödie, der D’Adamos Überlebensbericht so außergewöhnlich macht. Zwar äußert sie darin auch immer wieder durchaus scharfe Kritik an unserer, auf Profitmaximierung ausgerichteten Lebensweise, derentwegen wir heute oft so unfähig sind, angemessen auf Versehrtheit und Tod zu reagieren. Die Autorin gesteht aber auch eigene Fehler im Umgang mit Daria ein. Und: Sie verpackt ihre Klage insgesamt so freundschaftlich in die Du-Ansprache, dass ihr nichts Rachsüchtiges, Selbstmitleidiges oder Didaktisches anhaftet. Auf diese Weise wird D‘Adamos Brief letztlich zu einem ermunternden Aufruf an uns alle. Dafür, sich den Wert jeden Lebens bewusst zu machen, so schwierig, herausfordernd oder unperfekt es einem mitunter auch erscheinen mag.Quelle: Ada D’Adamo – Brief an mein Kind
Negative Freiheit ist die Idee, dass ICH gegen die Welt antrete. Dass das einzige Problem die Welt ist. Dass es da draußen eine Barriere gibt, die ich überwinden oder niederreißen muss. Negative Freiheit ist eine „Freiheit VON“. Positive Freiheit, wie ich sie verstehe, ist eine „Freiheit ZU.“Quelle: Timothy Snyder
And I deeply believe that it is the ability to choose among the good things. There are good things in the world, when we're in a condition or a state to choose among them, then we're free.In den USA, so Timothy Snyder, hingen viele Menschen einem im Großen und Ganzen eher schlichten Verständnis von Freiheit an. Von libertärer und rechtspopulistischer Seite wird Freiheit ja vor allem als Freiheit definiert, seine Interessen unbehelligt von staatlichen oder sonstigen Reglementierungen durchzusetzen, ob es nun ums Waffentragen geht oder um die Freiheit, für die Wohlfahrt anderer, möglicherweise unterprivilegierter Menschen nicht aufkommen zu müssen. Jeder ist, diesem Verständnis von Freiheit nach, sich selbst der Nächste.Quelle: Timothy Snyder
Wenn Sie ein negatives Freiheitsverständnis haben, werden Sie davon überzeugt sein, dass die Regierung ausschließlich Ihr Gegner ist. Sie werden die Regierung verkleinern, wenn Sie die Macht dazu haben, und die Regierung wird am Ende nicht mehr in der Lage sein, genau die Dinge zu tun, die sie tun müsste, um die Freiheit der Menschen zu gewährleisten.Quelle: Timothy Snyder
Eva entscheidet sich. Für Erkenntnis und Lust. Für Mut.
Die Konsequenzen nimmt sie in Kauf. Nehme ich Eva ernst,
ist die Vertreibung aus dem Paradies nicht Rauswurf, sondern
Auszug. Der Ausgang des Menschen in die Zeit. In Sterblichkeit.Quelle: Daniela Seel – Nach Eden
Vom Garten ist es nicht weit zur Plantage mit ihrer Sklav:innenarbeit,Daniela Seel blickt in ihren Gedichten auf Versuche, Unbegrenztes, Unbequemes und Unberechenbares einzuhegen, seien es Tiere und Pflanzen unbekannter Arten, seien es Frauen im Mittelalter, die als Hexen verbrannt wurden, seien es die Naturvölker, die Alexander von Humboldt auf seinen Reisen mit dem Blick der Kolonisators erforschte, seien es besonders bedürftige Kinder unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, seien es spätgebärende Frauen, deren Schwangerschaften als Risiko betrachtet wird:
Ausbeutung, Raub. Für und gegen wen will Garten Eden sein, Paradies –
das sich herüberliest von awestisch pairi daēza, »Einhegung«, »umwallt«?Quelle: Daniela Seel – Nach Eden
Als meine Kinder geboren werden, bin ich 43 und 45
Jahre alt. Risikoschwangerschaften der Statistik nach.
Aber auf welches Risiko wird hier gezielt?
Bei der obligatorischen Frühdiagnostik frage ich
den Arzt, ob sich durch gesündere ältere Mütter
und höhere Lebenserwartung nichts geändert habe.
Ohne aufzublicken, sagt er nein.Quelle: Daniela Seel – Nach Eden
Die Befunde bleiben »unauffällig«.Daniela Seel greift Themen auf, die in der Geschichte des Feminismus seit jeher Gewicht haben. Doch sind es nicht nur die Themen, die ihre Gedichte so wirkungsvoll machen. Vor allem durch unterschiedliche Register, die hier gezogen werden, um verschiedene Stimmen zum Klingen zu bringen, entsteht eine große Intensität. Mal spricht ein Totengräber der Idsteiner Pflegeeinrichtung Kalmenhof, die zur Zeit des Nationalsozialismus Zwischenanstalt für das Tötungslager Hadamar war:
Hätte ich mich für Abtreibung entschieden,
wenn nicht? Wäre ich dazu gedrängt worden
und von wem, bei welchem Befund?Quelle: Daniela Seel – Nach Eden
was wollt ich machen, gell. Hätt ichs nicht gemacht,
wärs auch mei eigens Leben gegange. Und dann,
wo hätt ich auch hingewollt, ich hat ja mit die Außenwelt gar keinen KontaktQuelle: Daniela Seel – Nach Eden
Mama, ich höre die Bäume. Ich höre die Bäume singen.Aus dieser Vielstimmigkeit bei fortwährender Konzentration auf das lyrische Ausgangsmotto „Eva ernst nehmen“ liegt mit „nach eden“ ein Gedichtband vor, der bewegt, produktiv befremdet und einiges riskiert.Quelle: Daniela Seel – Nach Eden
Ich bin Ari und dies ist die Geschichte meiner ersten Liebe. Sie geht nicht gut aus, das sag ich euch gleich. Also, wenn ihr auf Happy Ends steht, legt das hier lieber weg und geht euch ein Eis kaufen.Gebrochenen Herzens beginnt die siebzehnjährige Skaterin Ari Tagebuch zu schreiben und erzählt rückblickend von den zwei Wochen ihrer ersten Liebe. Erwachsene Leser*innen erinnern sich zurück: in zwei Wochen kann viel passieren, wenn man jung ist. Jüngere wissen das selbst nur zu gut. Das Tagebuch hat sie von Vater Bob, der ihr Auffangnetz ist, während die stets abwesende Mutter Fanni eher ein Leben auf dem Drahtseil führt. Familienstatus: Es ist kompliziert.Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
„Liebst du sie noch?“ fragte ich.Suchen nach Identität, erstes Begehren, Rollenklischees – alles ist hier sowohl präsent als auch gleichgültig. Dass es alles gibt und geben kann, Schubladen aber wirklich oldschool sind, ist selbstverständlich. Daher wird auch konsequent gegendert – Com‘on, es ist 2024. Damit muss man jetzt klarkommen. Die Erzählweise ist dicht und authentisch. Eva Rottmann schafft Nähe zur Normalität des jungen Mädchens und ihrer Freunde, die sich schon seit dem Kindergarten kennen. Bei kaum einer Familie reicht das Geld bis Monatsende, von Urlaub ist keine Rede, das schweißt zusammen. Bei Regen im Parkhaus, sonst auf der Halfpipe. Immer skaten, immer zusammen.
Bob erwiderte meinen Blick, dann sah er aus dem Fenster.
„Liebe“, sagte er, „Was heißt das? Will ich wieder mit Fanni zusammen sein? Nein, vielen Dank. Mache ich mir ständig Sorgen um sie und hoffe ich, dass es ihr gut geht? Ja, auf jeden Fall. Haben wir eine einfache Beziehung? Nein. Ist es Liebe? Ich glaube schon. Was für eine Art von Liebe? Keine Ahnung.“
„Hä?“ sagte ich und rührte einen Löffel Zucker in meinen Kaffee. „Wie meinst du das? Wieviele Arten von Liebe gibt es denn?“
Bob zuckte die Schultern. „Ich glaube, es gibt so viele, wie du willst“, sagte er.
„Was du mit Yasin, Lou und Teddy hast, das ist doch auch Liebe, oder nicht?“
„Ja“, sagte ich. „Irgendwie schon.“Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Das sind unsere Sommer, das ist unser Leben. Mehr ist nicht los. Aber uns reicht das. Beziehungsweise, es muss uns reichen. Wir haben ja keine andere Wahl.
„Na, dann Prost“, sagte Tom und hob seine Bierdose. „Da hab ich ja richtig Glück gehabt, dass meine Mutter hierherziehen wollte.“Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Seit dem vergangenen Abend glaubte ich irgendwie nicht mehr an den coolsten Typen der Stadt. Der coolste Typ der Stadt war eine Pappkulisse, die im Sand lag und über die ein paar Heuballen wehten. Ich wusste noch nicht, was das bedeutete. Aber irgendwas bedeutete es auf jeden Fall.Ari lernt, dass es Mut braucht zum Leben. Sei es, um im Morgengrauen auf dem Board den steilsten Berg der Stadt hinabzurasen, sei es, um Tom ihre Gefühle zu gestehen, sei es, um wieder aufzustehen, wenn man gefallen ist. Mit Hinfallen kennt sie sich zum Glück aus.Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
„Hey Mädchen, ist alles in Ordnung bei dir?“ fragte sie.
Unter Tränen guckte ich sie an und schüttelte den Kopf. Nee, bei mir war nichts mehr in Ordnung, gar nichts mehr.
„Bist du umgefallen?“ fragte die Frau und zeigte auf mein Skateboard. „Tut es dir irgendwo weh?“
Ich nickte. Es tat mir überall weh, im ganzen Körper, vor allem in der Brust. Ich hatte nicht gewusst, dass es solche Schmerzen überhaupt gab. Wie konnte es sein, dass ein einziger Mensch einem so wehtun konnte?Quelle: Eva Rottmann – Kurz vor dem Rand
Einige haben versuchtAls Poeta laureatus reflektiert Clemens Setz aktuelle Ereignisse und Begebenheiten, die er oft nicht genau einordnen kann. Die Form des Gedichts ermöglicht ihm, genau diese Verwirrung sichtbar zu machen. „Es ist ein hilfloses Gedicht. Das beschreibt aber auch sehr gut mein inneres Gefühl, ich bin innerlich vollkommen stumm dabei, ohne Erzählstimme. So, wie ich es erlebe, ist es mehr ein überfordernder Slapstick, und das Einzige, was dann kommt, sind private Assoziationen wie dieser total seltsame Satz über die Dinge, die kleiner werden, wenn man sie zusammensetzt.“ Clemens Setz findet in den Gedichten Worte und Bilder für diese Hilflosigkeit.
mit ihr zu verhandeln
durch improvisierte Gesten
oder sich, schwer verletzt, zu ergeben
bevor sie in sie flog
Dann der eine, der plötzlich
mitten im Rennen stehenblieb
auf einem offenen Feld
und uns bis kurz vorm Einschlag
seine zwei Mittelfinger zeigte
Alle Dinge werden kleiner
wenn man sie zusammensetzt
Alle Dinge werden kleiner
wenn man sie zusammensetzt
sagte vor einem Vierteljahrhundert
ein Kind zu mir
während wir ihm den von Sturmwind
verbogenen Schirm reparierten
Danke fürs Feedback, uns geht es sehr gutKaum hat Clemens Setz das Gedicht begonnen, nimmt er den Inhalt schon zurück. Die Schere im Kopf? Die Zurücknahme ist eine rhetorische Spielerei, denn die Zeilen bleiben bestehen, in denen er historische Hinrichtungen beschreibt. „Ich habe irgendwo auf CNN oder wo geschaut, was passiert in der Welt, und dann war da ein mich total fesselnder Bericht über eine 2000 Jahre lang gleich betriebene Art der brutalen Hinrichtungen. Wie kann das sein, 2000 Jahre, und immer sind es Frauenleichen, was ist da passiert?“ Den Hinweis auf die Hinrichtungen bekam Clemens Setz durch eine aktuelle Nachrichtensendung. Im weiteren Verlauf des Gedichts bezieht er sich auf die historische Figur Kaspar Hauser, der im 19. Jahrhundert als rätselhafter Findling auftauchte, der anscheinend vorher ohne jeden menschlichen Kontakt aufgewachensen war, seine Identität wurde nie geklärt, aber er hatte natürlich eine.
Die Bäume sind früh dran mit Blühen
Ich werde den Link genau studieren
und mich in Zukunft bemühen
Der Tod der Frauen geschah tatsächlich
zweitausend Jahre lang gleich
mit unübersehbarer Ähnlichkeit
der knienden Haltung der Frauenleichen
in Gräbern der Jungsteinzeit
Aber jetzt, nach den unvorhersehbar schweren
Angriffen habt ihr wohl recht
da nehm ich das raus
Das hatte zu tun mit Kaspar HauserDiese Geschichte beruht auf einer wahren Gegebenheit, die Clemens Setz aufgrund ihrer Symbolkraft fasziniert. Er zeigt dabei mit ironischem Augenzwinkern, dass jeglicher Inhalt in eines seiner Gedichte einfließen kann. Auch formal variiert Setz die Gestalt seiner Texte und spielt mit vielen Mitteln. Oft sind seine lyrischen Texte nah an der Prosa, doch ab und zu verwendet er auch Reime. „Ich reime eigentlich viel lieber als nicht. Weil es künstlich ist: So spricht man ja nie. Das mag auch damit zu tun haben, dass mein Alltag unwahrscheinlich viel reicher an Reimen geworden ist, seit ich ein Kind habe, nämlich durch die ganzen Kinderlieder, die einem ja wirklich wunderbarste Reimkunststücke vorführen wie zum Beispiel „links sind Bäume, rechts sind Bäume, in der Mitte Zwischenräume“, aus dem Lied „Was müssen das für Berge sein“. Reime sind frech und generell tut mir Frechheit immer gut.“
Der säte seinen Namen
aus Kresse in einem Nürnberger Garten
bis Nachbarkatzen kamen
und ihm den eigenen Namen zertraten
ach armer Kaspar Hauser
So schreibt er’s in einem Brief
Damals nahm mich mein Vater jeden SonntagDie Ausmaße dieser zerstörerischen Technik sind für Clemens Setz nicht abzuschätzen und deshalb hochgefährlich. Im Gedicht über die Kampfdrohnen im Zoo findet er als Lyriker eine Möglichkeit, die angsteinflößende Idee überhaupt zu ertragen, indem er sie als eine groteske liebevolle Begegnung inszeniert. „Es ist vielleicht der einzig mögliche Perspektivenwechsel, wenn man etwas Neues sieht, etwas total Entsetzliches anzuschauen als etwas Rührendes, Nostalgisches, mit persönlicher bittersüßer Poesie Aufgeladenes, das ist ja etwas, das man sonst nie tut. Mein Gefühl ist, dass wir nicht wissen, was wir gebären.“ Im Gedicht hat der Lyriker die Möglichkeit, die Figuren und Ereignisse mit Hilfe poetischer Bilder auf künstlerische Weise zu kommentieren und zu karikieren. Indem er zum Beispiel rechtspopulistische Hetzreden im Netz in einer absurd wirkenden märchenhaften Szenerie ansiedelt, distanziert er sich von ihnen. Er lässt ihre Verfasser auf diese Weise realitätsfern und naiv wie Märchenfiguren erscheinen. Die Antwort des Dichters auf Gewalt, Krieg und politische Willkür sind seine Gedichte. Allen voran die, die er in seinem Jahr als Poeta Laureatus schreibt.
mit in den Zoo um die alten Drohnen zu sehen
Erst bei der Fütterung um vierzehn Uhr
kam Leben in sie
Der Pfleger betrat die Umhegung
in Tarnfarbenjacke und schwarzen Stiefeln
ein Gewehr aus Holz an seiner Hüfte
Das Ich als perfektionierte Marke, das Ich als digitaler Avatar, das Ich als Datenmine, das Ich als idealisierter Körper, das Ich als rassistische und antisemitische Projektion, das Kind als Spiegel des Ichs, das Ich als ewiges Opfer. Diese Doubles haben eines gemein: Sie sind Strategien des Nichtsehens, des Vermeidens. Wir vermeiden es, uns selbst klar zu sehen (weil wir so sehr damit beschäftigt sind, eine idealisierte Version von uns zu präsentieren).Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
Wir wollen nicht, dass unsere Körper etwas mit dem massenhaften Artensterben zu tun haben. Wir wollen nicht, dass die Kleidungsstücke, in die wir unsere Körper hüllen, von anderen Körpern hergestellt werden, die erniedrigt, missbraucht und bis zur Erschöpfung ausgebeutet werden. Wir wollen keine Lebensmittel essen, die mit Erinnerungen an menschliches und nicht menschliches Leid belastet sind. Wir wollen nicht auf gestohlenem, von den Geistern der Vergangenheit heimgesuchtem Land leben. (…) Es ist unerträglich.Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
Missbrauch gedeiht in den Schattenzonen, weil er dort gedeihen kann. Und das muss mit Hilfe einer Verschwörung vertuscht werden, um nicht nur die Täter zu schützen, sondern auch uns als Konsumenten, die wir uns unsererseits miteinander verschwören, um unwissend und unschuldig durch die besser beleuchteten Bereiche der Versorgungskette schlendern zu können.Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
In diese Geschichte sind wir alle verstrickt, wo auch immer wir leben. Sie begann im Vorfeld der Inquisition mit Folterungen, Verbrennungen und der Vertreibung von Muslimen und Juden; setzte sich mit der blutigen Eroberung des amerikanischen Kontinents und der Plünderung Afrikas fort, wo man sich Reichtümer aneignen und menschlichen Treibstoff für die neuen Kolonien beschaffen konnte; verwüstete Asien im Zuge der Kolonialisierung und kehrte dann nach Europa zurück, wo Hitler die in den vorausgehenden Geschichtskapiteln entwickelten Methoden – wissenschaftlicher Rassismus, Konzentrationslager, Völkermord in den neuen Siedlungsgebieten – zu seiner Endlösung destillierte.Naomi Klein hat eine Selbstbefragung verfasst, die jeden Leser und jede Leserin zum Innehalten und Reflektieren der eigenen Person anregen kann. Ein sehr nachhaltiges Buch der Klimaaktivistin.Quelle: Naomi Klein – Doppelgänger
Er hat keine Lust auf Ostrog. Erstens muss er deswegen andere Fälle delegieren, und zweitens ist er alles andere als begeistert von der Aussicht, den dortigen Beamten den Hintern zu putzen. Außerdem war er schon mal in Ostrog. Wenn er an diese hermetische Kleinstadt zurückdenkt, fällt ihm wieder ein, wie wenig dieser gottvergessene Ort zu bieten hat. Vor Jahren hat er in einer großen Ermittlergruppe den dortigen Bürgermeister hinter Gitter gebracht, und seine Erinnerungen daran sind wahrscheinlich nicht angenehm.Quelle: Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür
Er könnte mit geschlossenen Augen die Gesichter der toten Teenager beschreiben und, wenn es nötig wäre, ganz ohne Verwechslungen ihre Lebensläufe wiedergeben. Was im Übrigen gar nicht so schwer ist, weil sie einander ja doch recht ähneln: überforderte Eltern und ein Kinderheim nach dem anderen. Die Erarbeitung dieses Wissens hat mehrere Stunden gedauert. Als er die Dokumente ordnet, stößt er auf ein weißes Blatt Papier. Er betrachtet es und denkt zum ersten Mal in seinem Leben, wie schwierig es doch ist, über Gefühle zu sprechen. Die passenden Formulierungen dafür zu finden. Nicht dem eigenen Wortschatz auf dem Leim zu gehen, es nicht dem Zufall zu überlassen, sondern nach den einzig richtigen Worten zu suchen.Quelle: Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür
Irgendwo fängt ein Hund zu bellen an. Andere stimmen ein. Klein und groß kläffen im Chor, und dann schließen sich, ganz gegen die Vorschrift, auch noch die Schäferhunde im Gefängnis an. Wie in einer europäischen Stadt das Glockenläuten ergießt sich das Echo des Hundegebells über Ostrog.Immer wieder nimmt der Roman Bezug auf die griechische Tragödie: Die Kapitel sind als Gesänge überschrieben und es wird bald klar, dass in dieser Geschichte so gut wie alle Menschen in Schuld verstrickt sind. „Der Schatten einer offenen Tür“ ist ein packender Roman, der als Gesellschaftsporträt genauso überzeugt wie als Kriminalfall.Quelle: Sasha Filipenko – Der Schatten einer offenen Tür
Kein Gericht der Welt kann deinen Anspruch durchsetzen, kein Parlament, keine Armee. Das musst du verstehen, sonst kannst du dich nie zu einer Art von erwachsenen Hoffnung durchringen. Diese Hoffnung ist vielleicht nicht das, was du erwartet hast, aber sie ist das Beste, was ich anzubieten habe.Quelle: Philipp Blom – Hoffnung
Hoffen können heißt vielleicht auch, sich über diese unerträgliche Brüchigkeit des Lebens hinwegzuretten, indem du deine eigene kleine und zerbrechliche Geschichte in eine größere Erzählung einfädelst.Quelle: Philipp Blom – Hoffnung
In den Monaten darauf hielten alle den Atem an. Die Verbindung in die Türkei war wie gekappt. Niemand aus der Familie traute sich, in die Türkei zu fliegen. Täglich hörte man von unzähligen Festnahmen. Es war ungewiss, in welche Richtung es ging. Alev beobachtete die Ereignisse aus der Ferne.Dass Alevs Vater ungern über die Familiengeschichte spricht, hat auch damit zu tun, dass er und seine Vorfahren einer religiösen Minderheit in der Türkei angehören: den Aleviten. Weil sie seit langer Zeit Verfolgung und Gewalt ausgesetzt sind, haben sich viele Aleviten angewöhnt, ihre Religion zu verstecken. Geschickt verschränkt Leyla Bektaş in ihrem Roman verschiedene Zeitebenen miteinander und wechselt vom Jahr 2017 in die Vergangenheit: Sie erzählt, wie Alevs Vater in den 70er Jahren nach Deutschland kommt, auch beeinflusst von den Pogromen gegen Aleviten.Quelle: Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
An den Barrikaden, die sich vor der jubelnden Menge auftürmen, entzünden sie das Feuer. Das Hotel, so hat Alev es woanders gelesen, war aus Holz gebaut. Darin befanden sich alle Teilnehmer des Festivals, denn die Menge hatte das Hotel eingekesselt, es gab keinen Hinterausgang. Die Barrikaden sind das letzte Zeichen von innen, das nach außen dringt.Quelle: Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
Etwas in Alev regte sich, aber sie traute sich nicht zu widersprechen. Sie wusste nicht, auf welche Beweise sie sich stützen sollte. Alles, was sie über Aleviten wusste, hatte sie in irgendwelchen Gesprächsfetzen aufgeschnappt, war für sie mit Rätseln belegt. Nichts davon schien gesichert. Alev öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Was hätte sie sagen können? Das Alevitentum ist all das, was der Islam nicht ist.Das Sprechen-Lernen, das schon im Titel anklingt, vollzieht sich auf mehreren Ebenen: Auch mit Hilfe ihres Onkels, der aus dem Koma erwacht ist, versteht Alev, wie sehr Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt die Familie geprägt haben. In dem sie sich diese Geschichten aneignet, trägt Alev auch dazu bei, sie zu bewahren. In Anbetracht der rasanten Geschwindigkeit, mit in der Türkei Geschichte über- und neu geschrieben wird, ist dieser präzise erzählte Familienroman auch politisch hochaktuell.Quelle: Leyla Bektaş – Wie meine Familie das Sprechen lernte
Weder das eine noch das andere. Als Caesar am Rubikon stand, ging es ihm nur darum – seine Ehre – dignitas. Caesars Ego war so groß, dass es nicht mehr in die Republik mit ihren ehernen Prinzipien von Kollegialität und Annuität passte. Das Denken in den Kategorien von Standessolidarität und senatorischer Disziplin war dem Bezwinger Galliens fremd.Quelle: Michael Sommer
Das war Zufall – und doch wieder auch nicht. Nichts geschah in der römischen Geschichte ganz zufällig. Das historische Gedächtnis war lang, und die Ahnen schwebten wirkungsmächtig über allem, was bedeutende Römer an großen Taten vollbrachten,So schreibt es Michael Sommer und spielt damit auf die Wirkmacht des mos maiorum der Römer an, dieses Destillat erinnerter Geschichte, das besagte, keinen Alleinherrscher zu akzeptieren. Wenn die Vertreibung des letzten Königs um 500 vor Christus zum Gründungsnarrativ der Republik werden konnte, warum gelang es den Caesarmördern nicht, Kapital aus ihrer Tat zu schlagen? Ja warum nicht? Es war ein mächtiges Narrativ, es hatte viele Menschen das Leben gekostet und noch viele mehr davon abgehalten, das Kollektiv der senatorischen Machtelite herauszufordern. Als Caesar tot am Boden lag, traten sofort Ereignisse ein, mit denen die Mörder nicht gerechnet hatten und die ihren Plan A über den Haufen warfen. Plan A lautete: Die Leiche Caesars wegschaffen und die Jubelstimmung ausnutzen, um das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Es gab aber keinen Jubel und das Rad der Geschichte lässt sich auch nicht zurückdrehen.Quelle: Michael Sommer - Mordsache Caesar
Stefano: Du hast nie abgedrückt. Nie wirklich draufgehauen! (…) Du bist nicht wie wir. Giuliano: Wie meinst du das, ich bin nicht wie ihr? Stefano: Das weißt du. Du bist nicht wie wir. Du bist anders. Deine Familie hat Geld. Wenn du in Schwierigkeiten steckst, reicht ein Anruf und deine Probleme sind gelöst.Quelle: Gipi – Geschichten aus der Provinz
Valerio: Sie stehen unter Hausarrest und sitzen gemütlich zu Hause. Sind aber keine Polizisten mehr. Die Pistolen sind futsch. Sind ganz normale Leute wie du und ich. Aber ich weiß, wo einer von ihnen wohnt.Dann die Überraschung: Aus der Rache wird nichts. Sein Freund hat seinen kleinen Neffen dabei. Und vor dem Kind einen Mord begehen? In der Figur des Jungen gönnt Gipi seinen Männern diesmal einen Ausweg aus der Gewalt. Wo in Gipis Comics die Frauen bleiben? Am Rand. Obwohl in „Sie haben das Auto gefunden" eine Frau für die entscheidende Wendung sorgt. In den Bildern sind sie Körper, vielleicht noch Stichwortgeberinnen. Gipis Geschichten führen in männliche Abgründe. Aber die sind immer wieder lesenswert.Quelle: Gipi – Geschichten aus der Provinz
Heute beginne ich wieder von vorn. Bei 118 Kilo fange ich erneut an. Es ist schrecklich. Alt werden ist ein einziges Leiden.„Ich beginne wieder von vorn“ lautet der Titel der dritten Tagebuchlieferung von Manfred Krug aus den Jahren 2000 und 2001. Das klingt wie ein Neuanfang, bedeutet aber, nicht nur was das Körpergewicht betrifft, die Wiederkehr des Immergleichen. Und doch ist Manfred Krug entschlossen, mit dreiundsechzig noch einmal durchzustarten: als Sänger. Nicht als Schauspieler. Am 1. Januar 2000 notiert er unmissverständlich:Quelle: Manfred Krug – Ich beginne wieder von vorn
Es wird das letzte Jahr sein, das man mich als Schauspieler sehen wird. Ich kann nicht mehr.Quelle: Manfred Krug – Ich beginne wieder von vorn
Manchmal stehn die Aktien hoch / und manchmal stehn sie niedrich, / ein Auf und Ab, grad wie beim Arsch / vom alten Kaiser Friedrich.„Bild“ hielt das für Verhöhnung der Aktionäre, musste aber schließlich eine Gegendarstellung drucken. In eigener Sache war Krug unerbittlich. Akribisch listete er auf, wer gerade woran und in welchem Alter gestorben ist: „Die Einschläge kommen näher.“ Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit gab ihm eine produktive Distanz zum gesellschaftlichen Leben und zum Weltgeschehen, das er gleichwohl mit großer Neugier verfolgte.Quelle: Manfred Krug – Ich beginne wieder von vorn
Wir werden keine Schamanen, indem wir Wild oder Nahrung aus unseren Gärten essen, sondern nur mit den Bäumen des Waldes. Es ist das Yakoana-Pulver, der von den Bäumen ausgeschwitzte Saft, der bewirkt, dass sich die Worte der Geister offenbaren und weithin ausbreiten.Yanomami-Schamanen inhalieren das Yakoana-Pulver, um einen tranceartigen, traumähnlichen Zustand zu erreichen. Dann nähern sich dem Schamanen die „Xapiri“ und führen ihre Tänze auf. „Xapiri“ sind Geisterwesen, sie können in vielen Formen auftreten. Als Tiere oder als Pflanzenwesen, oft sind sie auch menschenähnlich, manchmal verstorbene Ahnen. Das Entscheidende daran: Sie sind die Beschützer des „Waldes“, wie Davi Kopenawa sagt, also Hüter des Regenwaldes im Amazonasgebiet.Quelle: Davi Kopenawa, Bruce Albert – Der Sturz des Himmels
Man verspürt weder mehr Hunger noch Durst. Man kennt weder mehr Schmerz noch Schlaf. Die Geister der Yakoana haben unser Fleisch verschlungen und unsere Augen sind tot. In diesem Augenblick sehen wir eine heftige, blendende Klarheit anbrechen. Die Kohorte der singend auf uns zukommenden Xapiri ist zu erkennen.Quelle: Davi Kopenawa, Bruce Albert – Der Sturz des Himmels
Der Bauernkrieg hat mich immer fasziniert. (...) Und ich wollte wissen, wie so etwas zustande kommt und wie es sich anfühlt, an so einem Aufstand teilzunehmen.Für ihre Recherche fuhr die Historikerin die Schauplätze des Bauernkrieges viele hundert Kilometer mit dem Fahrrad ab. Die Tour führte sie vom elsässischen Straßburg bis nach Konstanz, aber auch in Thüringen sei sie unterwegs gewesen. "Das war eine ganz wichtige Erfahrung, durch die ich viel verstehen konnte", so Roper im Gespräch.Quelle: Lyndal Roper im Gespräch
Ihre Vorstellung war, dass wir nach Brüderlichkeit leben sollten, dass wir aufeinander acht nehmen sollen, dass wir fair miteinander umgehen und die Ressourcen gerecht geteilt werden sollen. Diese Fragen, mit denen sie konfrontiert waren, sind heute noch offen.Im Gespräch erklärt die Autorin, welchen Anteil Theologen wie Martin Luther oder Thomas Müntzer an der Eskalation der anfänglichen Proteste zum Krieg hatten. Außerdem geht sie auf den Freiheitsbegriff der Bauern ein und auf die Frage, weshalb man sich noch heute mit dem Bauernkrieg beschäftigen sollten.Quelle: Lyndal Roper im Gespräch
Rußland wurde nicht von Königen und Ständen, sondern von Tyrannen und Sklaven regiert.Denn unter Peter und unter seinen Nachfolgern litt das Riesenreich - anders als etwa Frankreich, England oder Preußen - unter einem fatalen Strukturproblem.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
In Rußland gab es keinen mächtigen, regional verwurzelten Adel mit Grundbesitz, dessen Wert schwer gewogen hätte. Die Adligen waren Knechte des Zaren und zugleich Herren der Bauern. Auf diesem Fundament ruhte das System der Selbstherrschaft.Mit Gewalt auf allen Ebenen, bis hinunter ins kleinste Dorf auf Kamtschatka. Nur so ließ sich das größte Land der Erde zusammenhalten. Dabei kann Baberowski zeigen, wie sich im 19. Jahrhundert durchaus freiheitliche Ideen ausbreiteten. Um 1880 schien in Petersburg gar eine regelrechte Aufbruchsstimmung zu herrschen. Kein anderer als Fjodor Dostojewski beschwor die Mission Russlands, die ganze Menschheit im Frieden zu vereinen. Seine Zuhörer reagierten euphorisch, wie Dostojewski seiner Frau schrieb:Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Ich kann Dir das Geheul, das Gebrüll der Begeisterung gar nicht beschreiben: Die Menschen im Publikum weinten, Fremde fielen sich in die Arme und brachen in Tränen aus und schworen einander, bessere Menschen zu sein, sich in Zukunft nicht mehr zu hassen, sondern zu lieben. Alle stürzten zu mir aufs Podium, vornehme Damen, Studenten, Staatssekretäre und wieder Studenten – all das umarmte und küßte mich. Alle, buchstäblich alle, weinten vor Begeisterung.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Die Vorstellung, der Mensch sei ein autonomes Wesen, verbreitete sich in Rußland erst zu einer Zeit, als sich der autoritäre Staat im Leben der Untertanen bereits fest verwurzelt hatte. In Rußland waren Freiheit und Individualität mit der Vorstellung verbunden, eine Person könne nur sein, wer sich dem Staat und seinen Formen widersetzte.Also ein anarchische Totalobstruktion, ähnlich wie sie heute mitunter in sogenannten sozialen Netzwerken en vogue ist. Unter diesen Umständen konnte man für sinnvolle Oppositionsarbeit kaum Anhänger finden. So hielt Kirchenminister Konstantin Pobedonoszew den Liberalen sein pessimistisches Menschenbild entgegen:Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Pobedonoszew glaubte nicht an die erzieherische Kraft vernünftiger Argumente. Schwach, selbstsüchtig, dumm, gegenüber jeder Vernunft immun seien die meisten Menschen. Demokratie und Rechtsstaat seien in den Ländern des Westens Schöpfungen einer gebildeten, selbstdisziplinierten Elite, die sich auf eine lange Tradition des Individualismus berufen könne. Worauf aber könnten die liberalen Petersburger Eliten schon verweisen?So gab es in Russland lange Zeit weder Parteien noch Gewerkschaften. Keine Organisation, die sich als oppositionelle Kraft tatsächlich auf nennenswerte Teile der Bevölkerung hätte stützen können. Diese Bevölkerung begehrte durchaus auf, wenn ihr etwas nicht passte. Aber, so Baberowski:Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Die meisten Arbeiter konnten weder lesen noch schreiben, wußten nicht, wie sich Bedürfnisse zur Sprache bringen und durchsetzen ließen. Arbeiter zerstörten Maschinen, verwüsteten Kontore und plünderten Läden, ballten sich auf den Straßen in Massen zusammen. Aber nie kam ihnen in den Sinn, daß sich Gewalt nur dann in produktive Energie verwandeln ließ, wenn man sie in den Dienst von Zwecken und Zielen stellte.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Alles blieb in der Schwebe, niemand wußte, wem der Zar sein Vertrauen schenken würde. Wie hätte sich unter diesen Umständen ein Gefühl für die Bedeutung rechtsstaatlicher Verfahren durchsetzen können?Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Die einen hielten das Oktobermanifest für ein leeres Versprechen, die anderen für einen Verrat an der Autokratie. Seine Versprechungen glätteten die Wogen nicht, sondern verwandelten den Proteststurm in einen Orkan. Es gab in den Jahren der ersten Revolution wahrscheinlich keinen Ort in Rußland, der nicht vom Terror heimgesucht wurde.Im ganzen Land ließen die Bauern ihrem aufgestauten Zorn freien Lauf. Sie wandten sich gegen ihre adligen Herren, steckten deren Schlösser in Brand. In Saratow an der Wolga beobachtete das die damals 20jährige Maria von Bock.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Was für eine Ironie der Geschichte. Das erste zerstörte Herrenhaus gehörte jenem liberalen Gutsbesitzer, der gewaltige Summen für die Subventionierung der linken Zeitungen geopfert hatte.Wittes Politik der Verständigung war steckengeblieben. Nur mit rücksichtslos harter Hand brachte Innenminister Iwan Durnowo die Lage unter Kontrolle.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Ohne die Entschlossenheit, ja Skrupellosigkeit Durnowos aber wäre der zarische Staat wahrscheinlich schon im Dezember 1905 zusammengebrochen.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Stolypin legte nicht nur dem Parlament, sondern auch dem Zaren Fesseln an. Witte hatte das Zarenreich in eine konstitutionelle Monarchie verwandelt. Stolypin bewahrte sie vor dem Untergang.Aber Stolypin wurde ermordet, 1911 in Kiew. Mit diesem Attentat schließt das Buch. Man legt es ungern aus der Hand. Reizvoll zu lesen wäre eine Fortsetzung: zu Russlands Weg in den Ersten Weltkrieg, zur Februarrevolution 1917, schließlich zu der Katastrophe für die Menschen in Russland, die übrigens von kaiserlich deutscher Seite eingefädelt wurde: Lenins Oktoberrevolution mit dem Beginn der jahrzehntelangen sowjetischen Tyrannei. In einem vergleichsweise knappen Buch hat Baberowski sich vor drei Jahren schon damit befasst. Hoffentlich schreibt er auch sein Monumentalwerk künftig noch dahingehend weiter. Für den Moment beschränkt er sich auf eine leise Mahnung:Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Man wird die Revolutionen der Jahre 1905 und 1917, Lenins Terror und Stalins Gewaltherrschaft, nicht verstehen, wenn man sie nur als Ausdruck eines Ideenkonfliktes und nicht auch als Versuche begreift, eine bedrohte Ordnung vor dem Zerfall zu bewahren.Nachdem durch immer neue Gewaltorgien im ganzen Reich ganze Generationen traumatisiert worden waren.Quelle: Jörg Baberowski – Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich
Faschismus ist kein politisches Phänomen‘, erklärte er mir. ‚Faschismus ist eine Geisteshaltung‘. Und für dich verwandte er den Begriff anständiger Faschist. Seither bin ich verwirrt, Papa.Melandri hat weite Teile ihres Buches in der Form eines Zwiegesprächs mit ihrem verstorbenen Vater Franco verfasst. Aber was soll ein anständiger Faschist sein? Rendina war 1942 mit dabei, als Franco Melandri als Kommandeur einer Truppe so genannter „Gebirgsjäger“ in der heutigen Ukraine gegen die Russen kämpfte. Die „Alpini“ waren Verbündete Nazideutschlands. Rendina stieg aus. Melandri blieb dabei, erkrankte schwer und wurde in Rom als Journalist beim Faschistenblatt „Gazzetta del Popolo“ eingesetzt. Dort trafen sich die beiden wieder: Rendina fungierte als Spion der Partisanen, Melandri schrieb seine Artikel, die mitunter neben der Tageslosung von Goebbels standen. Aber der Vater hat Massimo Rendina nicht verraten.Quelle: Francesca Melandri – Kalte Füße
Was hast du dir nur dabei gedacht, Papa?Melandri fährt in die Ukraine, um zu den Orten zu recherchieren, an denen ihr Vater Krieg führte. Wir kennen ihre Namen aus den Nachrichten: Isjum, Charkiw, Mykolajiwka. Für seinen Einsatz in Mykolajiwka erhielt Franco Melandri einen Tapferkeitsorden in Silber. Die Tochter, so lesen sich ihre hochemotionalen Ausführungen zum Krieg dort heute, ist entschlossen, vielleicht auch stellvertretend für den Vater, dieses Mal auf der richtigen Seite zu stehen. Die Russlandfreunde unter den Linken sind ihr suspekt geworden.Quelle: Francesca Melandri – Kalte Füße
Was bringt es, uns als stolze Antifaschisten zu fühlen und Bella Ciao zu singen, aber dann einen lupenreinen Faschisten wie Putin nicht zu erkennen, wenn er direkt vor uns steht?Quelle: Francesca Melandri – Kalte Füße
Da ist es wieder, Putins Projekt, das zukünftige Russland in die Windungen der Vergangenheit einzuwickeln.Quelle: Francesca Melandri – Kalte Füße
Utopie ist ganz wörtlich genommen der Nicht-Ort. Es handelt sich um Idealvorstellungen, die sich so nicht realisieren lassen. Hoffnungen haben dagegen immer etwas als Gegenstand, was einem als möglich und prinzipiell realisierbar erscheint.Es geht offenbar um eine beidseitige Beeinflussung: „Hoffnung“ ist von der jeweiligen Kultur geprägt – Grethlein zitiert den römischen Historiker Sallust, der in der Hoffnung einen Ausdruck eines Sittenverfalls sieht, spiegele sie doch die Gier römischer Hegemonialpolitiker; aber umgekehrt prägt sie auch das Denken der Menschen und führt zu einem kulturellen Paradigmenwechsel: Nur drei Generationen nach Sallust steht der positiv konnotierte Hoffnungsbegriff im Zentrum der Lehre des Apostels Paulus und wird zur folgenreichen Begründung einer Religion, welche die Hoffnung zur Tugend erhebt. Ist es vermessen, von einem Anzeichen des Endes der Antike durch diese paulinische relecture des lateinischen Begriffs „spes“ bzw. des griechischen Begriffs „elpis“ zu sprechen, die beide mit Hoffnung übersetzt werden?Quelle: Jonas Grethlein – Hoffnung
Paulus ist in der Geschichte der Hoffnungen eine wichtige Zäsur; war Hoffnung davor in der Antike etwas eher Ambivalentes, so wird Hoffnung jetzt als die Hoffnung auf das Ewige Leben ganz stark und positiv aufgeladen.Quelle: Jonas Grethlein – Hoffnung
»In dem Haus ist mein ganzes Leben.« Er schnaubt. »In dem Haus ist dein ganzes Leid.« Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um und geht. Ich bleibe zurück, sehe ihm hinterher. Der Himmel zieht zu. Wir haben beide recht.Gudelia – das wird in Thomas Knüwers Kriminalroman von Anfang an deutlich – hat etwas zu verbergen. Was genau? Das erzählt Knüwer auf drei Zeitebenen: Im Jahr 1984 stirbt Gudelias 15-jähriger Sohn Nico, nachdem er mit Schulfreunden auf einer Party war. Im Straßengraben findet sie ihn. „Schwuchtel“ steht auf seinem Unterarm mit Edding geschrieben. Vierzehn Jahre später – also 1998 – zerbricht ihre Ehe. Ihr Ehemann hat schon immer viel getrunken. Aber seit dem Tod seines Sohnes hat er kaum etwas anderes gemacht. In der Erzählgegenwart 2024 setzt das Hochwasser ein. Gudelia bewacht ihr Haus und sieht in der Nacht die Leichen zweier Menschen, deren Hände mit Kabelbindern gefesselt sind.Quelle: Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Beim Abendessen war draußen kein Mensch mehr. Die Straßen hatten Autos durch Wasser ersetzt. Ich habe mir ein Spiegelei gebraten und auf eine Scheibe Graubrot mit Butter und Schinken gelegt. Strammer Max. Habe ich Heinz und Nico oft gemacht. Schnell, einfach, sättigend. Für Nico mit Ketchup, für Heinz mit Bier.Quelle: Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Niemand darf hier sein. Niemand. Hinter dem Garten stehen drei Fichten. Bernhards Rhododendron ist gut gewachsen. Höher, als ich groß bin. Die Blätter glänzen braun, sie stinken. Der Garten hat die Fluten überstanden und mit Schönheit bezahlt. Die Pflanzen sind stark. Sie verbergen, was der Riss offenbart – was ich seit vierzig Jahren verstecke.Das Szenario, das Thomas Knüwer entwirft, ist erschreckend nah an der Realität, nicht nur eines Lebens in einem Dorf. Erst im Sommer gab es Hochwasser in Süddeutschland. Die Bilder von Wassermassen, überfluteten Häusern und zerstörten Gebäuden übermitteln aber nicht den bestialischen Gestank, der sich durch überflutete Gebiete zieht. In Unterlingen entstanden durch Schweinekadaver, Dreck und übergelaufene Kanalisation. Für Gudelia ist dieser Gestank eine Waffe. Er hält unerwünschte Eindringlinge fern. Doch gegen das Wasser gibt es kein Mittel. Unerbittlich dringt es in jede Ritze des Hauses ein. Und spült in diesem packenden Kriminalroman die ganzen dreckigen Geheimnisse nach oben.Quelle: Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt
Über das Pflegen zu sprechen fällt schwer, denn es geht auch ums Abschiednehmen. Niemand kann dir sagen, was die Zukunft bringt und all die Wünsche und Pläne dafür brauchen immer wieder ein Update.Der sich schnell verändernden Situation die besondere Schwere zu nehmen und in den permanenten Veränderungen ein Stück Normalität zu sehen, ist ein Anliegen des Buches. Den richtigen Zeitpunkt für Maßnahmen zu finden, die das Leben erleichtern, ist eine Kunst für sich. Häufig sind gerade die alten Eltern der Ansicht, dass alles „noch Zeit habe“. Das Zeitverständnis unterscheidet sich bei älteren Menschen grundlegend vom Tempo der um eine oder mehrere Generationen jüngeren Helferinnen. Und schnelle Lösungen sind eher nicht gefragt, stattdessen müssen Ideen sich erst allmählich entwickeln.Quelle: Peggy Elfmann – Meine Eltern werden alt
So ein Marmeladenglas mit feinen Momenten kann einen kleinen Beitrag leisten. Und: Jeder kann es füllen. Egal ob Enkel oder Freunde. Schnappt euch ein Marmeladenglas, genießt den Inhalt auf Frühstücksbrötchen oder Pancake und verwendet das Gefäß dann für deine, für eure süßen Erinnerungen.Im Gespräch unter Freunden mag dieser Vorschlag die Betroffenen aufmuntern. Liest man ihn in einem Buch, mutet er, solchermaßen munter ausgeschmückt, etwas zu pathetisch an. Zuhören, einander Zeit schenken, Tannenzapfen oder Beeren von einem Spaziergang mitbringen, um Erinnerungen zu wecken oder haptisch ein wenig Natur zu genießen, Musik aus der Jugendzeit zu hören, all das mag bereichern oder auch die Melancholie wecken. Dennoch: Peggy Elfmann, die selbst drei Kinder alleine großzieht und aus der Ferne sich gemeinsam mit den Geschwistern um die Eltern gekümmert hat, führt warmherzig an die Probleme heran.Quelle: Peggy Elfmann – Meine Eltern werden alt
Ich malte mir aus, wie ich in der halbleeren Kirche saß, während die restliche Hochzeitsgesellschaft mit dem Finger auf mich zeigte und ,Die arme Gail, habt ihr schon gehört?‘ flüsterte. Gefeuert. Mit einundsechzig. Weil sie keine Sozialkompetenz hat. […] Diese biedere Frau, diese blasse Person mit den Schnittlauchlocken, die sich nicht im Mindesten um ihr Aussehen schert!Anne Tyler lässt dieser Exposition ein Kammerspiel folgen, das sich zum Porträt einer Frau mit einem Leben auf emotionaler Sparflamme weitet. Ganz oder fast alltägliche Vorgänge wie ein ziemlich misslingender Friseurbesuch, der Kauf eines Anzugs für den Brautvater Max, Restaurantbesuche und Imbisse in der eigenen Küche, die Probe für die Trauung am nächsten Tag rufen Erinnerungen auf: an das Kennenlernen in der Studenten-WG, den ersten Kuss bei einem Picknick vor einem malerisch gelbgoldenen Getreidefeld, die ersten gemeinsamen Jahre.Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Grenzen – sein großes Problem. Er kannte keine Grenzen. Für mich waren Grenzen wahnsinnig wichtig.Wie zu erwarten war, geraten diese Grenzen bei Gail nach und nach ins Bröckeln. Die gemeinsam verbrachte Zeit, das erleichternde Gefühl des Einverständnisses gegenüber den Herausforderungen der Hochzeitsfeierlichkeiten, die geteilte Sorge um die Tochter führen Gail vor Augen, was Max vielleicht schon länger wusste: dass da noch etwas ist, woran man anknüpfen könnte. Er entpuppt sich nämlich als gar nicht so achtlos, wie Gail denkt, sondern kennt sie womöglich besser als sie selbst. So begegnet er ihrer gewohnheitsmäßigen Bedenkenträgerei mit einem fast rührenden Vergleich:Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Er musterte mich. ,Weißt du, was du brauchst? Du brauchst einen Donnermantel.‘ ,Einen was?‘ ,So ein eng anliegendes Mäntelchen, das man Hunden anzieht, die sich vor Donner fürchten. Meine Güte! Führst du eine Liste, auf der jede Sache, um die du dich sorgst, einzeln aufgeführt ist? Und wie merkst du dir das alles?‘Tatsächlich ist Gails Selbstbewusstsein prekär und schwankt zwischen Selbstzweifel, verdrängten Gefühlen von Schuld und Trauer und – ja, auch – Rechthaberei. Das macht es den anderen im Allgemeinen und Max im Besonderen nicht gerade leicht. Stichwort „fehlende Sozialkompetenz“.Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Was sollte ich mit dem Rest meines Lebens machen? Ich bin zu jung für diese Situation, dachte ich. Nicht zu alt, wie man hätte meinen können, sondern zu jung, zu unbeholfen, zu ahnungslos. Warum waren keine Erwachsenen in meiner Nähe? Warum nahmen alle an, dass ich wüsste, was ich tat? […] Warum war ich nur so verschlossen?Dass Menschen mitnichten immer wissen, was sie tun, kann bekanntlich fatale Folgen haben. Auch Anne Tylers in ihrer ganzen verschlossenen Unbeholfenheit bezwingende Heldin Gail hat dies einmal erfahren – und damit ihre Ehe ruiniert. Es kann aber auch ein Glück sein, vorausgesetzt, man tut das, was Gail künftig neu lernen wird: es auch mal gut sein lassen. Gut möglich, dass eine betagte Katzendame ihren Anteil daran hat. Anne Tylers „Drei Tage im Juni“ ist ein Kabinettstück aus der Mittelschicht der USA, deren Angehörige trotz allem mehr oder weniger erfolgreich versuchen, ihrem moralischen Kompass zu folgen. Ein kleiner, feiner Roman, den man gern zwei- oder dreimal liest, um herauszufinden, wie alles so kommen konnte.Quelle: Anne Tyler – Drei Tage im Juni
Ein Scharfschütze ist ein Scharfschütze ist eine stille Person. Sein Sturmgewehr ist ein Echo, das durch die Geschichte hallt. Diese Szene ist wie eine Seite aus einem Buch, dessen Worte sich in den Pausen zwischen den Schüssen entfalten. Während der Scharfschütze seine Geschichte in stiller Konzentration weiterspinnt. Und während er darauf wartet, dass sein Ziel auftaucht, wird sein eigenes Schicksal zu einem Teil dieser Geschichte, die das Leben selbst ist.Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Wer brachte ihn so versteckt nach Holland? Ein Schmuggler. Warum? Weil türkische Sicherheitskräfte Mezra über Nacht in Brand steckten. Warum? Sie führten einen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung, der schon begann, bevor Ali Hüseyin und seine Geschwister geboren waren.Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Auf der Baustelle lernte man die Sprache eines Landes viel schneller, weil auf der Baustelle immer alle Ausländer sind und sich eben über die neue Sprache verständigen, die sie mit ach und krach beim Arbeiten lernen, um sich besser zu verstehen, anstatt dass alle Ausländer in ihrer jeweiligen Ausländersprache miteinander sprechen und so nie jemand jemanden versteht. So reden alle schlecht Holländisch, aber die Männer auf der Baustelle reden besser als die Frauen, die in der Spielbank putzen gehen.Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Eine weite Landschaft. Die Sonne wandert über Hügel. Über Berge. Zoom auf einen Gipfel. Die Sonne blendet. Zoom auf ein Lehmhaus. Eine Ziegenherde läuft durch das Bild. Zoom auf einen Birnbaum, der vor dem Lehmhaus steht. Zoom out. Ein Bild von sechs Geschwistern. Voiceover: Dies ist die Geschichte von sechs Geschwistern: fünf Brüdern und einer Schwester, die ihr Dorf, auf Kurdisch: MEZRA, das in Dêrsim liegt, verlassen mussten.Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Zoom auf Agatha Christie. Agatha Christie bekommt einen denkwürdigen Auftritt. Natürlich.Was es mit dieser Figur auf sich hat, wird hier nicht verraten. Sahin überrascht immer wieder mit absurden und doppelbödigen Einfällen – und erzählt zugleich die Geschichte von prekären Existenzen, Schicksalsschlägen und der Sehnsucht nach einem Zuhause. Das macht „Kommando Ajax“ zu einem spannenden, rasanten Stück Gegenwartsliteratur. Ein kunstvoll gestaltetes Buch, das man gar nicht mehr weglegen mag. „Kommando Ajax“ - Kommando: lesen!Quelle: Cemile Sahin – Kommando Ajax
Falle Schnee, auf unsere Kindheit – / Zuflucht aus Treue und Klang, / hier waren wir vertraut / mit der dunklen Seite der Sprache / mit der Verdunklung der Zärtlichkeit, / hier lernten wir die Stimmen zusammen zu legen / wie Besitz …Eine „kurze Geschichte vom Schnee“ will die Stimme in diesem Gedicht von Serhij Zhadan zusammentragen, gestützt auf Nacherzählungen von Augenzeugen, ebenso auf Lieder und Erinnerungen von Passanten. Der Schnee wird dabei selbst auf den Weg geschickt, durch die nächtliche, dunkle Stadt, zu den Feldern vor ihren Toren, ebenso durch die Lebenszeit eines Menschen. Und nichts verschwindet hier unter dem Schnee. Im Gegenteil: Alles tritt ans Licht.Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Es erwarten Menschen den Abend, die Schnecken gleichen, / so hart schlafen sie auf den Bahnhöfen, so tief. / Gebrochen die Grenzlinie wie ein Kiefernzweig. / Der Weg ist schwer, wenn du dein Haus und dein Gestern auf dem Rücken trägst.Die Menschen, die den Schnecken gleichen, flüchten vor den russischen Aggressoren: Frauen und Kinder, auf der Odyssee westwärts, auf Wegen, die von Stimmlosigkeit markiert sind. „Das Haus ist euch genommen, nicht aber das Herz“, ruft ihnen die Stimme im Gedicht aus dem August 2022 nach. Die Poesie, so Serhij Zhadan, könne das aufnehmen, was auf den ersten Blick als unsagbar erscheint. Es könne hinter die Dinge, hinter das Sichtbare blicken. Das macht diese Form des Schreibens – in den Augen des Schriftstellers – besonders: „Und natürlich braucht es ein Bild, eine Metapher, eben genau die metaphorische Art zu sprechen, um diesen Dingen Klang zu verleihen, um sie aus dem Schatten zu holen, um sie aus dem Dunkel ans Licht zu holen. Vielleicht ist das eine Funktion der Dichtung in diesen Zeiten, in den Zeiten des Krieges, dass die Dichtung von etwas Zeugnis ablegen kann, wozu die gewöhnliche menschliche Sprache nicht in der Lage ist, wofür ihr die Sprachkraft, das Vokabular nicht reicht." Serhij Zhadans „Chronik des eigenen Atems“, begonnen im März 2021, führt bis in den Juni 23. Immer wieder durchstreifen die Gedichte, eindrücklich übertragen von Claudia Dathe, die große Stadt: Charkiw. Hier ähnelt die Metropole – vor der Ausweitung des Angriffskrieges – einem Liebesbrief, dort wird sie, im ersten Kriegswinter, von Sternsängern durchquert, dann schließlich wird sie von den Menschen verteidigt und vorgetragen „wie ein Gedicht“. Ebenso werden die Landschaften im Umland, darunter die Flussufer und die Weinberge, im Wandel der Jahreszeiten und Zeitläufte festgehalten in den Versen.Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Auch wenn es nicht um Liebe geht – es geht trotzdem um Liebe. / Auch wenn du nicht existierst – deine Abwesenheit / gibt denen Hoffnung, die überhaupt nichts haben, / die in den Trümmern alte Schulbücher finden.Je länger der russische Krieg gegen die freie Ukraine andauert, desto mehr findet auch das damit verbundene Geschehen konkreten Niederschlag in den Gedichten. Nur selten aber vordergründig, wie etwa dann, wenn, im ersten Winter und im Schnee, von Kämpfern die Rede ist, die dem Land ausgehen.Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Die Sprache brauche jene, die leise sprechen / und überzeugend schweigen.Das wäre auch eine treffende Umschreibung für diese Gedichte, Ausdruck eines tiefen Humanismus und einer stetigen Ermutigung. Wir sollten hören, was dem Schweigen inmitten von Krieg und Kälte erwächst.Quelle: Serhij Zhadan – Chronik des eigenen Atems
Das ist der Eingang der Bohomia.Martin Becker blickt durch die Toreinfahrt eines klassizistisch anmutenden Hauses, in dem heute das Ballett des Prager Nationaltheaters probt und sagt: „Man kann einen kleinen Blick in den Hof hineinwerfen und sehen, dass da hundertprozentig Platz war für allerlei Druckmaschinen."Quelle: Martin Becker
In Britisch-Indien begann ein Aufstand gegen die Kolonialherrschaft, wovon man in Prag wenig Notiz nahm. Und genauso wenig Nachhall hatte dort die Ermordung des ägyptischen Ministerpräsidenten durch einen jungen Medizinstudenten. Und die deutschen Schüler der Kunstgewerbeschule in Prag traten aus Protest gegen die Entlassung eines deutschen Mitschülers tagelang in den Schulstreik.Für größere Aufregung sorgte damals der Halley’sche Komet, der an der Erde vorbeiraste und dessen vermeintlich giftiger Schweif die Menschen in Angst und Schrecken versetzte.Quelle: Martin Becker, Tabea Soergel – Die Schatten von Prag
Wenn er hörte, dass es in manchen Familien zu Gerangel kam, weil jeder zuerst seine neue Gerichtsreportage lesen wollte, dann schmeichelte ihm das. Aber es reichte ihm nicht. Worauf Kisch seit Jahr und Tag lauerte, das war der große Scoop. Der Solokarpfen. Der ihn nicht nur in seiner Stadt, sondern im ganzen Land berühmt machen würde.In dem Fall voran kommt er allerdings nur mit Hilfe der Medizin-Studentin Lenka Weißbach. Sie ist von Berlin nach Prag zurückgekehrt, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern.Quelle: Martin Becker, Tabea Soergel – Die Schatten von Prag
Jemand schreit im Dunkeln. Ich hoffe, es ist Lourdes. Ich habe ihr Kakerlaken ins Kopfkissen gesteckt und den Bezug vernäht, damit sie nicht so leicht herauskönnen, damit sie unter ihrem Kopf krabbeln oder über ihr Gesicht. Hoffentlich kriechen sie ihr in die Ohren und nisten auf ihren Trommelfellen, hoffentlich spürt sie, wie die Brut ihr ins Gehirn dringt.Nichts für Zartbesaitete. Makabre Passagen gibt es immer wieder in Bazterricas Roman. Auch, wenn die Strafen geschildert werden, die die Nichtswürdigen beim geringsten Fehlverhalten ertragen müssen – wenn die Schwester Oberin mal wieder die Peitsche schwingt oder einer Nichtswürdigen noch Schlimmeres geschieht.Quelle: Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
Die Dienerinnen banden sie an einen Pfahl, um den Äste und Strünke gehäuft waren. Sie zündeten sie an, und Mariel stand in Flammen. Sie war wunderschön. Ein Feuervogel.Eine vom jahrelangen Kampf ums Überleben abgestumpfte Gemeinschaft, in der selbst im Verbrennen einer Frau Schönheit gesehen wird: Inmitten ihrer Dystopie einer unbewohnbaren Welt hat Agustina Bazterrica einen Ort ersonnen, an dem Frauen Unterdrückung und Folter aller Art ausgesetzt sind – auch die vermeintlich Privilegierten. Damit erfindet die Autorin aber nichts Neues, damit treibt sie nur Szenarien von misogyner Gewalt und Missbrauch auf die Spitze, die es immer schon gegeben hat.Quelle: Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
Lucía streckte einen Arm zum Himmel, als wollte sie die Sterne berühren. Wir sind Töchter des Mondes, sagte sie. Sie küsste mich, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte sie bloß ansehen, bloß streicheln mit den Fingerspitzen (…).Schade, dass in „Die Nichtswürdigen“ die Sprache oft so klischeehaft ist. Was die schockierenden Passagen des Romans angeht, so sind diese ein nachvollziehbares Mittel, um die Verrohung der Menschheit nach dem Zivilisations-Kollaps zu verdeutlichen. Die Autorin zeigt auf erschreckende Weise, wie aus dem Chaos ein allumfassendes System des Bösen entstehen könnte. Die Nichtswürdigen ist einer von vielen Romanen, die von der Apokalypse handeln – aber durchaus ein interessanter. Geschmälert wird das Leseerlebnis durch Allgemeinplätze, einige Redundanzen und ein nicht ganz überzeugendes Ende.Quelle: Agustina Bazterrica – Die Nichtswürdigen
… um die Bewertung und Sanktionierung bestimmter Weltanschauungen oder die politisch-moralisch begründete Auswahl von Sprechern in der Öffentlichkeit.Quelle: Jörn Knobloch, Christoph Sebastian Widdau – Was ist und was soll Political Correctness?
Wir vermuten (…), dass beide Positionen auf dem Liberalismus fußen. Zumindest, um dies vorsichtiger zu formulieren, lassen sich ihre Ursprünge auf liberales Denken zurückführen.Natürlich gibt es Rechtsextreme, die der Political Correctness aus durchschaubaren Gründen den Kampf ansagen. Das ignorieren Knobloch und Widdau keineswegs. Aber im Kern der Auseinandersetzung stünden sich unterschiedliche liberale Gesinnungen gegenüber. Dies eröffne die Möglichkeit, doch Übereinkünfte zu finden, die aufgrund der aufgeheizten Debatten schier unerreichbar scheinen.Quelle: Jörn Knobloch, Christoph Sebastian Widdau – Was ist und was soll Political Correctness?
Wenn sich aber die Streitparteien darauf einigen könnten, dass sie sich innerhalb liberaler Demokratien bewegen und den Liberalismus ernst nehmen, dann könnte man prüfen, ob von hier aus gesehen bestimmte Praktiken, Routinen und Konventionen, Sprechweisen und Handlungen sinnvollerweise als »korrekt« oder »inkorrekt« bezeichnet werden können.Quelle: Jörn Knobloch, Christoph Sebastian Widdau – Was ist und was soll Political Correctness?
Ich wurde in den Achtzigern in behütete, äußerst behagliche religiöse und literarische Kreise hineingeboren.Quelle: Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Die weitläufigen, weißen Schlafsäle, (…) und die Kapelle, in der ein schwerer Weihrauchduft lag, vermittelten ihr das Gefühl dieser disziplinierten Ordnung und Ruhe, nach der sie sich selbst sehnte und die sie einer Tochter nur zu gerne vermittelt hätte. (…) So rasch wie möglich sollte ich in dieser hochkirchlichen Festung eingekerkert werden.Quelle: Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Obgleich das Jahrbuch alle Berufe nannte, die eine Frau in jener Zeit hätte ergreifen können, von der Universitätsprofessorin bis zur Müllkutscherin (…) an den Hafendocks, wurde es mir zu meiner großen Bestürzung klar, dass ich ohne Beruf dastand. Unter diesen Umständen entschließe ich mich zu einem drastischen Schritt. „Ich werde Hygieneinspektorin“, verkünde ich meiner Familie. Sie brüllen vor Lachen.Mollys Berufssuche wird ebenso in Ehe und Mutterschaft enden wie die ihrer Schwestern. Vorher dürfen die jungen Mädchen in London noch ein wenig ihre Freiheit auf sittsamen Tanztees genießen. Die zahlreichen Anmerkungen des Herausgebers und Übersetzers Tobias Schwartz machen den beeindruckenden Bildungshintergrund deutlich, der für junge Mädchen der britischen Upperclass selbstverständlich war. Als Queen Victoria, Königin von Großbritannien und Kaiserin von Indien, 1901 stirbt, endet eine Epoche und mit ihr auch die Kindheit und Jugend der 19-jährigen Molly MacCarthy. Das sachkundige Vorwort bettet die Erzählung in den historischen Kontext der berühmten Bloomsbury Group ein, deren Mitglied Molly MacCarthy war. „Mit Neid und Entzücken“ habe sie Mollys Kindheitserinnerungen gelesen, schreibt Virginia Woolf 1924 in einem Brief an ihre Cousine. Auch hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung bereiten die anrührenden, nachdenklichen und amüsanten Kindheitserinnerungen große Lesefreude.Quelle: Molly MacCarthy – Kleine Fliegen der Gewissheit
Du wirst deinen Weg gehen, so wahr mir Gott helfe. Und du fängst da an, wo ich nach dreißig Dienstjahren aufhöre … mit gerade mal zwanzig. Ein junger Mann, der etwas werden will, denkt nur an sein Fortkommen, an sonst nichts, sollen die anderen sich den Strick nehmen!So spricht der kurz vor der Rente stehende Giovanni Vivaldi mit seinem Sohn Mario, der im Rom der 1970erJahre im gleichen Ministerium wie sein Vater eine Prüfung vor sich hat. Sie soll Mario für eine höhere Beamtenlaufbahn qualifizieren und ihm damit den sozialen Aufstieg und das Entkommen aus der kleinbürgerlichen Enge seiner Verhältnisse ermöglichen. Damit Mario der Aufstieg gelingt, legt sich Giovanni mächtig ins Zeug, konkurrieren schließlich 12.000 Bewerber um 2.000 Plätze. Er tritt auf Einladung seines Vorgesetzten, Dottor Spaziani, der Freimauerloge bei und macht sich dort erst einmal lächerlich. Doch durch diese Mitgliedschaft gelingt es ihm, sich die Fragen und Antworten für die Prüfung seines Sohnes schon vorab zu erschleichen:Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
‚Hier habe ich die Abschrift der Prüfungsaufgabe‘, raunte Dottor Spaziani und blickte sich misstrauisch um. Wie von einem Magneten in seinem Bauch angezogen, schnellte Giovanni nach vorn, packte die Hände des Vorgesetzten und bedeckte sie mit ungestümen Küssen. Er wollte sie gar nicht mehr loslassen und schwitzte und stöhnte. Zwischen Schmatzern, Speichelfluss und Seufzern stieß er ein Dutzend ‚Danke‘ hervor.Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Ein Wimpernschlag und zugleich eine Ewigkeit. Bevor Mario noch »Mamma« sagen konnte, war er schon tot. Einen Augenblick oder hundert Jahre zuvor der gellende Schrei einer Frau, wie er nur im höchsten Falsett möglich ist. Aus dem Hosenbein des Jungen floss Blut wie aus einem Wasserhahn. Die tödlichen Schüsse stammten aus Feuerwaffen.Von diesem Moment an, so stellt Ceramis atmosphärischer dichter Roman es dar, ist Giovannis Schicksal endgültig besiegelt. Es geht unerbittlich nur noch in eine Richtung: bergab.Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Sofort erkannten die beiden den Sonntag wieder: an den heruntergelassenen, mit Schmierfett geölten Rollgittern der Läden, an den Wohnhäusern mit ihren zu hohnlächelnden Mäulern aufgerissenen Toren, an den entlang der Bürgersteige geparkten Autos gleich einbalsamierten Hunden, an den menschenleeren Straßenbahnen – lahme, verschreckte Raupen – und schließlich an der einen, die ganze Stadt durchquerenden Häuserkette, die sich überallhin verzweigte wie Haarbüschel auf einem grindigen Kopf.Schilderungen wie diese von Giovannis und Marios Rückkehr von einer Angeltour am Rand der Stadt sind typisch für Ceramis Roman, der in seiner Klarheit und Genauigkeit von den ersten Seiten an so packend ist, dass man ihn kaum zur Seite legen, dass man erfahren möchte, welch traurigen Weg dieser ganz normale Bürger, eingezwängt in die Enge der Verhältnisse, gehen muss.Quelle: Vincenzo Cerami – Ein ganz normaler Bürger
Tove Ditlevsen war eine Vorreiterin des autofiktionalen Erzählens und damit war sie ihre Zeit total weit voraus.Durch den stetigen Wechsel der Erzählperspektiven sei die Übersetzung von "Vilhelms Zimmer" die schwierigste aller Ditlevsen-Übersetzungen gewesen, berichtet Übersetzerin Ursel Allenstein im lesenswert-Gespräch.Quelle: Ursel Allenstein - Übersetzerin von Tove Ditlevsen
Tove Ditlevsen ist eine Ikone der dänischen Literatur. Sie hat Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt. Sie ist auch heute, 50 Jahre später, noch wahnsinnig modern. Wie sie über weibliches Leben und Leiden schreibt, hat immer noch eine große Aktualität. Sie ist unglaublich kompromisslos und in ihrer Radikalität, dass sie wirklich immer alles von sich gibt, finde ich sie einzigartig.Quelle: Ursel Allenstein - Übersetzerin von Tove Ditlevsen
Jedes meiner Organe schien maßlos enttäuscht von mir zu sein und genug von mir zu haben.So beginnt er sein neues Buch „Man kann auch in die Höhe fallen“, das zwar die Genrebezeichnung Roman trägt, sich aber liest wie ein Memoire, eine sprachliche Verarbeitung von Gewesenem, und das mit den Nachwehen seines Schlaganfalls einsetzt.Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
So sehr ich mich auch bemühte, oft wurde ich eine mir völlig wesensfremde Gereiztheit nicht los. Dinge ärgerten mich, die mir früher in Wien, vor dem Schlaganfall, nicht einmal aufgefallen wären. Unordnung machte mich unverhältnismäßig nervös, ungemachte Betten ließen meine Unterlippe erzittern vor Empörung. Geräusche, welcher Art auch immer, Straßenlärm oder Kinderlärm, wurden mir schlagartig zu viel. Es war vorgekommen, dass ich durch eine neben mir plötzlich aufheulende Krankenwagensirene in Tränen ausgebrochen war.Meyerhoff verlässt Berlin, die Stadt, die ihm nach dem Schlaganfall in Wien zur neuen Heimat werden sollte und zieht sich zu seiner Mutter an die Ostsee zurück. Eine Art Privat-Sanatorium in mütterlicher Hand, nicht zu hart, aber auch nicht zu locker, soll ihn wieder in die Balance bringen und ihm auch über eine unerklärbare Schreibblockade hinweghelfen.Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
Tag für Tag schrieb ich, ohne zu wissen, wohin mich meine Erzählungen tragen würden. Es kam mir völlig absurd vor, nach einem Sujet zu suchen, nie hatte ich das getan, immer hatte ich das geschrieben, was mir unter den Nägeln gebrannt hatte. Unter Literaturgattungen herrscht eine brutale Hierarchie. Es gibt Versepen, Gesänge und tausendseitige Gesellschaftsromane, die alles überdauern. Es gibt unsterbliche Dramen, deren Personal unverwüstlich durch die Zeiten schreitet. Und natürlich Lyrik, die dem Wort unsterblich einen tieferen Sinn verleiht. Aber dann gibt es eben auch die kleineren Formen, die keine allzu lange Lebensdauer haben. Eintagsfliegen aus Worten.Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
»Morgen fährst du.«
»Ja.«
»War so schön, dass du da warst. Mal richtig mit Zeit.«
»Ja.«
»Bist du zufrieden mit dem, was du geschrieben hast?«
»Hm.«
»Glaubst du, es wird ein Buch?«
»Ich weiß es nicht, Mama.«
»Ich würde, ehrlich gesagt, lieber doch nicht drin vorkommen.«
»Na bravo.«Quelle: Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
'Demandsens' kennt nur den literarischen Massengeschmack. Wenn wir nicht aufpassen, gibt es bald nur noch Einheitsbrei und alles, was neu ist, findet nicht mehr statt.Der Algorithmus von "Demandsens" basiere sich in seiner Prognose aber lediglich auf Trends der Vergangenheit. Unvorhersehbares, wie etwa die Vergabe eines Literarturpreises, woraufhin Werke in manchen Fällen zu Bestsellern werden, könne das Programm in seine Berechnungen nicht einbeziehen, erklärt Montasser.Quelle: Thomas Montasser - Literaturagent aus München
Ich bin selbst nicht nur Agent, sondern auch Autor. Wenn ich heute einen Text schreibe, dann überlege ich mir am Ende regelmäßig: 'Hätte das auch eine KI schreiben können?' Und wenn ich zu dem Ergebnis komme: 'Ja, möglicherweise schon.' Dann muss ich den Text löschen, denn dann genügt er meinen eignen Ansprüchen nicht. Die KI hält uns den Spiegel vor. Wir müssen besser als die KI bleiben, denn sonst hat der Mensch keine Chance.Quelle: Thomas Montasser - Literaturagent aus München
In den acht Jahren, die er und Nastaran zusammen waren, waren sie noch nie ernsthaft miteinander in Streit geraten. Man konnte sie zu den unkomplizierten Paaren zählen…Amir Hassan Cheheltan im Gespräch: „In my apartment, in the building that I live in, 20 families live in this building, and we had two couples, who live together without marriage. And this is the real picture of my country, or at least the real picture of Tehran as the mega city and as the heart of Iran." Amir Hassan Cheheltan kennt zwei unverheiratete Paare im eigenen Haus, das sei heute Realität in Teheran, dem Herzen Irans, sagt er. Auch zwei seiner Romanfiguren, der Schriftsteller Nader und die junge Grafikdesignerin Nastaran, leben in „weißer Ehe“.
Seit ein, zwei Jahren aber fragt Mama Malli ständig: „Findet ihr nicht, dass es Zeit ist zu heiraten?“Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
Nastarans Gefühle waren echt… Nader bewunderte ihre dezente Unverblümtheit und ihre Zivilcourage.Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
Eine Rose, nicht feuerrot, aber wunderbar duftend.Amir Hassan Cheheltan ist Iraner und Weltbürger. In der Zeit der Massenhinrichtungen in Iran Ende der 90er-Jahre lebte er in Italien, später in Deutschland und den USA. Immer ging er nach Teheran zurück, das Land sei sein Zuhause, die Stadt sein Arbeitszimmer, sagt er:Quelle: Amir Hassan Cheheltan – Die Rose von Nischapur
Obwohl ich vor vielen Jahren weggegangen bin, habe ich die Orte, die ich bewohnt habe, nie verlassen, oder aber sie sind es, die mich immer begleiten, ich höre den Mispelbaum, höre das Pfeifen der Gräser, Domingas Warnung 'Vorsicht der Wind Menina, Vorsicht der Wind'.Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres
Die Lastwagen fuhren in Quela ein, ich gab den Soldaten den Befehl, in Schussposition auszusteigen, die Offiziere und die höheren Dienstgrade vorn, in einer Art Halbmond vor dem Hüttendorf, ich ließ die Bazooka zu mir bringen, seitlich davon zwei Maschinengewehre, während zwei Flugzeuge über den Bäumen auftauchten.Im Wechsel der Romankapitel reden die drei Protagonisten weder miteinander, noch zu irgendjemand sonst. Sie reden vor sich hin, gleichsam ins Leere - ein perfektes Bild der Einsamkeit. Im Bewusstseins- und Redestrom ihrer Monologe vermischen sich einschneidende und alltägliche Momente ihres Lebens, Vergangenheit und Gegenwart unablässig. Vorgefunden hat Antunes diese komplexen emotional geprägten Erzählmuster in seiner viele Jahre ausgeübten Praxis als Psychiater. Seine Figuren beherrschen nicht den Stoff ihres Lebens sondern werden von ihm beherrscht, sie sind ihm ausgeliefert. Dieses Erzählverfahren hat Antunes zu höchster Kunst entwickelt. Unverkennbar wird das selbstversunkene Monologisieren dieser Menschen angetrieben von Verletzungen und Verlusten aber auch von schal gewordenen Triumphen. Die Grundmelodie des Ganzen wird von Melancholie bestimmt.Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres
Wozu mich auf ein Schiff zurück zum anderen Ufer des Meeres begeben, wo ich dort schon niemanden mehr kenne, denn nach so vielen Jahren ist Lissabon natürlich anders, Häuser und Straßen, keine Ahnung, wie sie jetzt aussehen, Leute auf den Fußwegen oder, besser gesagt, Fremde, die mich nicht beachten.Antunes portugiesische Passionsgeschichten handeln von der Gefangenschaft des Menschen in der erdrückenden „Ordnung der Dinge", wie er einen seiner früheren Romane nannte, das heißt in der Ordnung ihrer seelischen Prägungen, ihrer sozialen Stellung und der historischen Verhältnisse. Mit unerbittlicher Konsequenz hat Antunes die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms weiterentwickelt zu einem Medium nationaler Befindlichkeiten und Traumata, die sich aber über Portugal hinaus ebenso gut auf die menschliche Existenz überhaupt beziehen lassen. Den Nobelpreis hat er bislang nicht bekommen. Aber die Anerkennung für sein großartiges Werk, für das auch dieser neue Roman stehen kann, ist ihm gewiss.Quelle: António Lobo Antunes – Am anderen Ufer des Meeres
Es ist Zufall, dass Uta und ich uns kennengelernt haben. Eine Freundin von mir war, im Rahmen ihrer Forschung in Leipzig, an einem Abend müde in eine Bar gegangen. An einem der Tische saß eine ältere Frau. Sie kamen ins Gespräch. Über vier Stunden erzählte Uta Einzelheiten aus ihrem Leben. Am nächsten Morgen rief die Freundin mich an, war verwirrt und überfordert und gleichzeitig eingenommen von einer Person, die sich ihr fast hemmungslos offenbart hatte.Diese Frau aus der Bar ist Uta Lothner, die (durchaus widersprüchliche) Heldin des Romans. Sie arbeitet in den frühen 1970er-Jahren als Möbelverkäuferin in ihrer Heimatstadt Zwickau. Uta sieht gut aus, ist erlebnishungrig und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt, kurz: eine ganz normale junge Frau, die in einem ganz und gar unnormalen, wenn auch grundspießigen Staat aufwächst. Im Jahr 1971 wirbt die Staatssicherheit Uta an, um rund um die internationalen Leipziger Messen Geschäftsleute und Besucher aus dem Westen auszuspionieren. Das funktioniert natürlich am besten, indem man mit ihnen schläft. Uta wird zur Sexarbeiterin und Agentin, die regelmäßig Berichte an ihre Kontaktleute abliefert, zugleich aber selbst immer unter Beobachtung steht. Clemens Böckmann beleuchtet Utas Biografie aus unterschiedlichen Erzählperspektiven: Sein Ich-Erzähler zeigt die Uta der Gegenwart als prekäre Alkoholikerin. Uta selbst erzählt im umgangssprachlichen Jargon aus ihrem Leben. Und große Teile des Romans schließlich bestehen aus Aktenvermerken des Ministeriums für Staatssicherheit:Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
In ihrer Begleitung befindet sich meistens die Verkäuferin aus der Konsumgenossenschaft Zwickau (schwarzer Balken)„Was du kriegen kannst“ ist ein komplexer, anspruchsvoll zu lesender Roman, eine Collage aus unterschiedlichen Textgattungen. Die Fülle an Informationen, die hier aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wird, dient im Grunde einem einzigen Zweck: Zu zeigen, dass es keine gesicherten Informationen gibt. Uta ist eine ambivalent gezeichnete Figur: Ist sie Täterin oder Opfer? Clemens Böckmann ist subtil genug, die Antwort auf diese Frage in der Schwebe zu halten. Er zeigt, wie man in die Maschinerie des Spitzelapparates hineingeraten kann. Er führt vor, wie ein Individuum komplett hinter einer Sprache verschwindet, die auf bloße Funktionalität ausgerichtet ist und in ihrer bürokratischen Verschraubtheit nahezu unlesbar ist.
wohnhaft in Zwickau, (schwarzer Balken)
sowie auch oftmals die Verkäuferin vom Warenhaus (schwarzer Balken) aus Schneeberg (schwarzer Balken)
wohnhaft in (schwarzer Balken).
Alle Genannten werden als Männertoll eingeschätzt.
Seit dem 30.1.1972 ist die Obengenannte Mitglied der SED. Gesellschaftliche Funktionen übt sie keine aus. Ansonsten kann gesagt werden, dass es sich bei der Obengenannten um eine attraktive Erscheinung handelt, die auch stets mit der neusten Mode gekleidet ist.“Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
Irgendwann später hat er mich mal besucht, und da hat er eine Einladung von der persischen Botschaft gesehen. Da hat er Augen gemacht! Meine Tochter beim Empfang in der persischen Botschaft! Da habe ich ihm alles erzählt. Also nicht das mit dem Sex, aber, dass ich da für die STASI hingehe, in deren Auftrag, und dass ich schon seit vier Jahren für die arbeite. Da war er stolz! Damit hatte er gar nicht gerechnet.Clemens Böckmann, so kann man nachlesen, hat für seinen Roman ausgiebig recherchiert. Es gab schon einige, durchaus gelungene Versuche, den Staatssicherheitsapparat der untergegangenen DDR in Literatur zu fassen, Wolfgang Hilbig mit seinem grandiosen Roman „Ich“ zum Beispiel. Aber in den vergangenen Jahren hat sich nun eine neue, junge Generation von Autorinnen und Autoren herausgebildet, die sich dem Leben in der DDR nicht aus eigener Erinnerung, sondern aus der Sicht der Nachgeborenen nähert. Der 1988 geborene Clemens Böckmann gehört zu diesen neuen Stimmen und bekommt nun für sein vielschichtiges, komplexes Debüt „Was du kriegen kannst“ den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung – verdientermaßen. Was genau in diesem Buch erfunden und was in Archiven entdeckt wurde, bleibt bewusst unklar. Wer Uta Lothner tatsächlich war, weiß man nach der Lektüre nicht und soll es auch nicht wissen. Aber wie kann man einer solchen versehrten Existenz mit all ihren Brüchen, die bis in die Gegenwart hineinreichen, gerecht werden? Die Antwort auf diese Frage ist dieses Buch: Indem man von ihr erzählt.Quelle: Clemens Böckmann – Was du kriegen kannst
Wir haben es hier mit der Frage Jude und Arier zu tun. Die Mischrasse stirbt aus; sie ist ein wertloses Produkt. Rom ging unter, als es nicht mehr auf den Erhalt seiner Rasse achtete. In der Literatur, im Film, in der Wissenschaft ist der Einfluss des Juden destruktiv. Wir gleichen einem Schwindsüchtigen, der nicht merkt, dass er dem Untergang geweiht ist, wenn er nicht die Mikroben aus seiner Lunge vertreibt. Wie Individuen tanzen auch Nationen in der Nähe des Abgrunds oft besonders wild. Deshalb sage ich, wir brauchen gewaltige Korrektive, starke Arznei, vielleicht Amputation.Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews
Man hat gesagt: Hitler bedeutet Krieg. Ich will Ihnen versichern: Mein Sieg wird die deutschen Beziehungen mit dem Ausland in keinster Weise ungünstig beeinflussen können. […] Der Frieden in Europa, ich sage es noch einmal, wird nicht gestört werden, es sei denn ein Land will das. Wir werden das nicht sein.Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews
Man kann sagen: Die wenigen Interviewer verhielten sich zuvorkommend gegenüber Hitler. Vielleicht war es eine gewisse complaisance oder eine Faszination, die er auf Journalisten aus dem Ausland ausübte. Oder zunehmende Rechtstendenzen spielten eine Rolle. Oder eine Selbsttäuschung, denn keiner wollte Krieg; alle wollten Hitler glauben, wenn er von Frieden sprach.Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews
Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.Quelle: Lutz Hachmeister – Hitlers Interviews
Das ist das Schöne am Dialog, dass er ein ganz anderes Metier hat als ich. Ich habe mein Metier als Autor und als Filmemacher. Er hat ein Metier: er macht feste und recht große Bilder. Er ist aber übrigens ein poeta doctus. D.h. er ist ein gelehrter Maler, der sich auch interessiert. Und das fügen wir zusammen und dabei gibt es Riss-Stellen. Wir überraschen uns gegenseitig. Das ist Dialog.Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben«
Für mich innerlich war das Thema: Was ist Verlässlichkeit in einer zerrissenen Welt. Das ist eigentlich meine Grundfrage, die mich die ganze Zeit, letztes Jahr, dieses Jahr beschäftigt.In Text-Collagen, Assoziationen, Zitaten und gemeinsamen Gesprächen kommentiert Alexander Kluge das Werk von Anselm Kiefer und reflektiert dabei seine eigene künstlerische Position. Im Hintergrund beider Biografien wummert der Krieg. Alexander Kluge ist 1932 in Halberstadt geboren, Anselm Kiefer im März 1945 in einem Luftschutzbunker in Donaueschingen. Als er auf die Welt kam, schreibt Kluge über Kiefer, „waren Süddeutschlands Himmel voller alliierter Flugzeuge“. Flugzeuge werden zu wiederkehrende Motiven in Kiefers Werk. Kluge vergleicht den Maler und Bildhauer mit einer Fledermaus. Die Tiere werfen Töne an die Wände und orientieren sich am Echo.Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben«
Und sie haben ein Ohr, sie sehen mit dem Ohr, das ist etwas sehr Interessantes. Und ich habe manchmal den Eindruck, dass Anselm Kiefer, wenn er malt, Musik macht.Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben«
Es müsste möglich sein, dass die Verschränkung von Texten, Bildern, Filmen, Dokumentationen und Poemen: die tausend Splitter und Fragmente, dazu führt, dass Tote auferstehen.Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben«
Er ist wie ein Alchimist tätig und schafft auf diese Weise unbekannte Materialien. Wenn ich sie als Hintergrund nehme für mein filmisches Emblem, dann ist das so, als ob eine Felsmalerei entsteht.„Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben“ – der unscheinbare Band birgt mehrere Stunden Film. Da sind zwei Systemsprenger am Werk. Getreu bleiben sich Anselm Kiefer und Alexander Kluge, indem sie immer wieder die Grenzen ihrer Kunst überschreiten.Quelle: Alexander Kluge und Anselm Kiefer – »Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben«
Mein Buch ist sehr populär bei Ukrainern, besonders bei denen im Osten, in den großen russischsprachigen Städten, die seit Kurzem ukrainische Patrioten sind. Das ist ein radikaler Wandel. Viele Ukrainer haben jetzt erst ihre nationale ukrainische Identität entdeckt.Hrytsaks Buch, das nun unter dem Titel „Ukraine. Biographie einer bedrängten Nation“ auf Deutsch erschienen ist, handelt von der Kiewer Rus, einer Art vornationalem Handelsbündnis, dessen Gründer im 9. Jahrhundert Wikinger waren – und von den globalen Folgen der Entdeckung Amerikas. Damals brachte ein intensiverer Warenverkehr entscheidende Impulse auch für Osteuropa, bis hin zur Gründung eines Kosakenstaats im Jahr 1648.Quelle: Yaroslav Hrytsak
Natürlich gibt es auch russische Kosaken: Donkosaken, Kubankosaken, Uralkosaken. Doch sie unterscheiden sich deutlich von den ukrainischen Kosaken. Die russische Geschichte kann man leicht ohne Kosaken schreiben, weil die Kapitel über sie etwas über den russischen Staat erzählen, nicht aber über die Kosaken. Die ukrainische Geschichte dagegen kann man nicht ohne die Kosaken erzählen, weil sie eine Geschichte von unten nach oben ist. Im Gegensatz dazu ist die russische Geschichte eine Geschichte von oben nach unten.Mit den Kosaken hat es auch zu tun, dass Russen Ukrainer bis heute gern „chochly“ nennen, nach der einzelnen Haarsträhne auf dem kahlgeschorenen Kopf.Quelle: Yaroslav Hrytsak
Was die meisten westlichen Beobachter, einschließlich der deutschen, nicht zur Kenntnis nehmen, ist die große Gruppe der Juden in der Ukraine, die sich ganz bewusst als Ukrainer fühlen. Da gab es jetzt einen sehr bewegenden Fall: Der oberste Rabbiner von Kiew hat seinen Sohn an der Front verloren. Das war ein tragischer Moment, der eine Menge darüber sagt, ob die Ukraine wirklich ein faschistischer Staat ist.Quelle: Yaroslav Hrytsak
War das nicht Verschwendung? Vielleicht wäre es richtig, dachte sie, wenn jeder Mensch in diesem Sinne für den Planeten arbeiten würde, für die Zukunft und für nichts sonst.Der Roman handelt nicht nur auf der inhaltlichen Ebene von Bruchzonen, auch formal tun sich Brüche auf: Da ist zum einen Groß’ sehr gegenwärtige Sprache: Da pulsieren Wolkenschichten cremig, da wird „geswervt ohne Demut“, da hat Lenell „Speedracerqualitäten“. Und der Text ist durchzogen von immer wieder auftauchenden und fein verbundenen Motiven, den Koräen-Kiefern, dem Meer oder den titelgebenden Plasma-Augentropfen. Was im Verlauf der Lektüre jedoch zunehmend stört, sind die sich häufenden Passagen, in denen die Figuren sich selbst reflektieren. Hier verschwindet Groß’ feiner literarischer Ton hinter einer abstrakten und in vielen Fällen aus Theoriefragmenten zusammengesetzten Sprache, die am Anfang lediglich irritiert, im Verlauf des Textes aber ermüdet und dazu führt, dass man blättern oder zumindest diese langatmigen Passagen überspringen möchte.Quelle: Joshua Groß – Plasmatropfen
Und wenn man müde war, gegen die Beschwichtigungen anzukämpfen, konnte man entweder indolent werden oder depressiv. Oder versuchen, im Fernmöglichsten die Misskonfigurationen auszuhalten, sie spürbar zu machen, wobei man sich eben ständig sagen musste, dass es kein Vorgeben war, kein Vorschieben. Und mündete das Aushalten der Misskonfigurationen nicht auch in einer Depression höherer Ordnung?Außerdem stört im Handlungsverlauf immer mehr der Eindruck der Wohlstandsblase, in der sich die Figuren befinden: Ständig wird guter Espresso aus Siebträgermaschinen getrunken, Müsli mit frischem Obst zubereitet und Basketball gespielt – oder Racinggames am Handy.Quelle: Joshua Groß – Plasmatropfen
Helen schüttete sich den zweiten Espresso rein. Sie verspeiste ein Croissant und steckte das andere in die Gepäckbox. Sie zahlte. Dann fuhr sie mit ziemlich viel Speed nach Osten. Bröckelnder Asphalt oder sogar Schotterstraßen. Diffuse Schilder. Aber ihr Navi war zuverlässig. Im Grunde musste sie sich auf die Helligkeit zubewegen, die am Horizont sengte.Quelle: Joshua Groß – Plasmatropfen
Dank der Globalisierung der Finanzwelt, der Vielfalt an Geldverstecken und der gütigen Duldung ausländischer Gaunereien durch Demokratien eröffnen sich Autokratien heute Möglichkeiten, von denen sie vor einigen Jahrzehnten nicht zu träumen gewagt hätten.Quelle: Anne Applebaum – Die Achse der Autokraten
Was sie verbindet, sind das Erdöl, der Antiamerikanismus, die Unterdrückung ihrer Demokratiebewegungen und die Notwendigkeit, Sanktionen zu umgehen.Detailliert schildert Applebaum den hierzulande wenig bekannten Fall von Simbabwe, dessen despotisches Regime sich mit Hilfe russischer Kampfjets und chinesischer Überwachungstechnologie an der Macht hält und sich dafür revanchiert, indem es seinen Helfershelfern Schürfrechte an Bodenschätzen und diplomatische Unterstützung zum Beispiel für Russlands Krieg gegen die Ukraine gewährt. Auch der Kooperation der Autokratien bei der Herstellung und Verbreitung von antidemokratischer Propaganda und Fakenews widmet Applebaum ein ganzes Kapitel ihres fesselnden Buchs.Quelle: Anne Applebaum – Die Achse der Autokraten
Wie löse ich mich von der Illusion des Immer-weiter-so? Welche Zeichen muss ich erkennen, welche Entscheidungen darf ich treffen? Welche muss ich treffen, gegen Vaters Willen? Wie behalte ich Zugang zu ihm, teile Schmerz, Freude, pendle in seine Welt – ohne meine verdorren zu lassen?Quelle: Volker Kitz – Alte Eltern
Ich hatte geglaubt, gut vorbereitet zu sein. Ich hatte Zeit eingeplant, um mich um meinen Vater zu kümmern. Womit ich nicht gerechnet hatte, waren die Schwernisse, die der bloße Anblick der Veränderungen mit sich brachte. Es ist nicht so, dass ich zuvor nie verzweifelt gewesen wäre. Doch eine so anhaltende, sich steigernde Verzweiflung kannte ich nicht.Quelle: Volker Kitz – Alte Eltern
Wir, die Kinder, machen scharenweise ähnliche Erfahrungen, während unsere Eltern alt werden: Zeichen erkennen, deuten, sich eingestehen. Konsequenzen aushandeln. Sie betreffen nicht nur die Eltern, sondern auch uns, im Kern unserer Lebensgestaltung. Die schwindende Selbstbestimmung der Eltern greift auch unsere Selbstbestimmung an, ein Gut, das unserer Generation so unentbehrlich schien.Volker Kitz hat mit dem Schreiben begonnen, als der Vater noch lebte. Es sind die persönlichen und unmittelbaren Beschreibungen des Alltags mit einem dementen Vater, die das Buch so wertvoll machen. Gerade weil Volker Kitz keine Lösung kennt und keine Ratschläge anzubieten hat, dürfte dieses Buch für viele Menschen ein Begleiter werden in einer Situation, auf die man sich emotional nicht vorbereiten kann.Quelle: Volker Kitz – Alte Eltern
Womöglich habe ich mich selbst in der Ruhestand versetzt. Aber gerade jetzt mag ich nicht das Richtige tun. Deshalb bin ich ja hier.Quelle: Tine Melzer – Do Re Mi Fa So
Ich stelle nichts her außer Zeit und lasse die Stunden über mich ergehen, weil ich es kann.Quelle: Tine Melzer – Do Re Mi Fa So
Ziellos wie Zugvögel ohne Magnetfeld bleibe ich, wo ich bin.Aber Zugvögel bleiben nun mal nicht, wo sie sind, und wenn das Magnetfeld sich verändert, fliegen sie in die Irre. Auch wenn es sich um Figurenrede handelt, muss man ja nicht jeden Unsinn zu Papier bringen. Zu derlei Ungenauigkeiten kommen Sätze, über die man lange und vergeblich nachdenkt:Quelle: Tine Melzer – Do Re Mi Fa So
Ich wohne der Geburt der Stimme aus dem Inneren des Radiomoderators bei.Quelle: Tine Melzer – Do Re Mi Fa So
Er hat also nicht eine Vorstellung davon, wie das Bild am Ende aussehen soll. Sondern er arbeitet so, dass er sich am Ende selbst überrascht. Deshalb ja der auf den ersten Blick merkwürdig klingende Satz von ihm: „Meine Bilder sind klüger als ich.“ Weil er eben immer über sich selbst hinaus zu gehen versucht in ein Neuland.Quelle: Uwe M. Schneede – Gerhard Richter
Und zwar ist ja das Informel geprägt durch den unmittelbaren, psychischen, schnellen Niederschlag auf der Leinwand, so dass auf der Leinwand auch die Emotionen des Schöpfers zu erfahren sind. Gerhard Richter arbeitet überhaupt nicht schnell, sondern überaus langsam und gezielt und mühsam auch und damit auch auf eine gewisse Art bewusst und nicht, um etwas Unbewusstes in sich hervorzubringen.Quelle: Uwe M. Schneede – Gerhard Richter
Also monumental finde ich sein Werk überhaupt nicht. Monumental enthält immer pathetische Elemente. Aber das ist es nicht. Ich denke, selbst da, wo er richtig große Werke wie für das Reichstagsgebäude in Berlin geschaffen hat, selbst da herrscht immer noch die ihm eigentümliche Skepsis. Er ist immer sehr zurückhaltend und in allem, was er äußert, auch was er malt, ein Skeptiker.Quelle: Uwe M. Schneede – Gerhard Richter
Gerhard Richter ist – finde ich – das Inbild eines bürgerlichen Künstlers. So versteht er sich auch selbst. Nur, dass er in seiner Malerei ein Revolutionär ist. Das ist ein gewisser Widerspruch. Ich finde den aber besonders interessant.Quelle: Uwe M. Schneede – Gerhard Richter
Diese Kultur gibt es schon lange, aber über die letzten Jahre hat sie mehr und mehr Leute erreicht, ist immer mehr zum Mainstream geworden. Und jetzt scheint irgendwie jeder in diese Art zu Denken verwickelt zu sein.Quelle: Liv Strömquist im SWR Kultur lesenswert Magazin
Es ist eher wie ein Spaziergang im Wald, bei dem man etwas findet und dann wieder etwas anderes, bei dem man etwas Schönes sieht und versucht, eine gewisse Stimmung zu erzeugen.Quelle: Liv Strömquist
Ich will die Liebe, den Sex, die Romanze, den Erfolg, die Selbstbestimmtheit, das Geld, die Sorglosigkeit, die Karriere, das Outfit, die Gesundheit, den Fame, die Geschenke. Ich will mich nicht dafür schämen müssen – weder dafür, dass ich über meine Grenzen gehe, um manches davon zu bekommen, noch dafür, dass ich manches davon bekomme, und es mich glücklich macht.Quelle: Jovana Reisinger – Pleasure
Meine Nägel sind fertig. Sie sind obszön, geschmacklos und hinreißend sexy. Vor allem aber sind sie ein Zeichen meiner Selbstfürsorge. In den 60 Minuten ihrer Produktionszeit gebe ich meine Hände ab, kann nicht arbeiten, nichts erschaffen, niemandem dienlich sein.Quelle: Jovana Reisinger – Pleasure
Leise verfallen die Lüfte am einsamen Hügel,
Die kahlen Mauern des herbstlichen Hains.
Unter Dornenbogen
O mein Bruder steigen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.Quelle: Georg Trakl – Dichtungen und Briefe
Seine Mutter wartete oben, während die Dienstboten den Gästen Mäntel, Shawls und Hüten abnahmen. Bis alle in den Salon geleitet worden waren, blieb Julia Mann in ihrem Zimmer. Thomas und sein älterer Bruder Heinrich und ihre Schwestern Lulu und Carlo sahen vom ersten Treppenabsatz aus zu.Da sind wir doch gleich mittendrin im Ambiente der wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie, in der Thomas Mann Ende des 19. Jahrhunderts aufgewachsen ist, und winken nicht auch leise die „Buddenbrooks“ im Hintergrund? Am Ende des Romans steht Thomas Mann wieder vor dem Lübecker Haus, das ist jetzt vernagelt. Über das ganze „Dazwischen“ – wie Thomas Mann zum legendären Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger wurde, seine Ehe mit Katia, das Exil, was ihn geprägt, geplagt und auch politisch bewegt hat, das wird mir Colm Tóibín in seinem Roman „Der Zauberer“ noch einmal erzählen, auf seine besondere, einfühlsame Weise. Hoffe ich.Quelle: Colm Toíbín – Der Zauberer
Auch im Gefängnis hatten ihm die Nachtstunden besonders zu schaffen gemacht. Er war zwar gewappnet, erwartete die Welle von Gedanken und Erinnerungen, aber wenn sie dann über ihn hereinbrach, erschütterte sie ihn doch jedes Mal stärker, als er befürchtet hatte.Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus
Er hatte alles falsch gemacht. Im Prozess hatten sie ihn gefragt, wie lange Signora Maldrigati gebettelt hatte, bis er einwilligte, ihr die tödliche Spritze zu geben. Er hätte vage bleiben sollen, sich nicht erinnern. Es war falsch gewesen genau zu antworten.Was treibt ihn an, diesen Arzt ohne Approbation. Es ist schwer zu erraten und die Zeichnungen von Paolo Bacilieri machen es einem nicht leicht. Das Gesicht von Duca Lamberti dominiert den Band, seine großen, mal suchenden, mal entsetzten Augen, die Adlernase, der verdrießliche Mund. Viele gezeichnete Stimmungswechsel in einem Gesicht. War es reines Mitleid, das ihn zur Sterbehilfe getrieben hat? Oder mehr der Abscheu vor seinen ärztlichen Kollegen, die am Bett der Todkranken gefühllos ihren baldigen Tod vorhersagen?Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus
Ich komme gerade aus dem Gefängnis, habe ein Urteil wegen Mordes auf dem Buckel. Immerhin mildernde Umstände. Hätte man mich heute Morgen hier mit einem Toten gefunden, nach einem feuchtfröhlichen Abend mit zwei leichten Mädchen… Sie ahnen nicht, wie fantasievoll Journalisten, wie argwöhnisch Polizisten sein können. Man hätte den Arzt ohne Zulassung postwendend wieder eingelocht.Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus
Hören Sie, allgemeine Fragen finde ich wirklich spannend, aber für meine Arbeit brauche ich mehr Details.Livia bringt Duca Lamberti auf die Spur des Mörders, der zwei ihrer Freundinnen auf dem Gewissen hat. Sie wird der Lockvogel für einen, der gnadenlos mordet, um seine Geschäftsinteressen zu schützen.Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus
Der Mann, den wir suchen, arbeitet ganz anders, auf einem ganz anderen Niveau. Er sucht Mädchen mit einem gewissen Stil. Wahrscheinlich beliefert er erstklassige Edelpuffs in Italien und im Ausland. Genau wie ein Import-Export-Unternehmen.Quelle: Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri – Private Venus
(…) was als Zeitverschwendung gilt, charakterisiert jeweils das Verhältnis einer gesellschaftlichen Gruppierung zur Arbeit und zum Müßiggang, zum Geldverdienen und zur Muße. Was eine Welt als Zeitverschwendung brandmarkt, sagt aus, wie diese Welt ist.„Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur“ lautet der Untertitel ihres umfangreichen Buches, das seinem Gegenstand mit detailgetreuen Nacherzählungen, genauen Analysen und theoretischem Überbau auf den Grund geht. Jedem Film und jedem Buch, jedem exemplarischen Gammler, jedem erbärmlich Wartenden und haltlosen Drifter stellt sie nämlich einen Theoretiker zur Seite, der nicht nur die jeweilige Figur erläutern helfen soll, sondern auch die spezifischen soziologischen und philosophischen Hintergründe, vor denen sich überhaupt von Zeitverschwendung sprechen lässt.Quelle: Michaela Krützen – Zeitverschwendung. Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur
Es gibt keine Zeitverschwendung; man kann Zeit lediglich als verschwendet bewerten.Quelle: Michaela Krützen – Zeitverschwendung. Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur
Ich war glücklich. Ich dachte, den Höhepunkt meines Lebens erreicht zu haben. Nie hätte ich etwas Derartiges zu hoffen gewagt. Wie auch? Keine Frau vor mir hatte je ein derartiges Gebäude ersonnen. Ich weiß nicht einmal, ob eine Frau jemals gewagt hatte, davon zu träumen.… sinniert die Romanheldin beim feierlichen Spatenstich der Villa, die sie im Auftrag des Abtes Elpidio Benedetti entworfen hatte. Dass dieser später behaupten wird, die Villa sei ein Werk von Plautillas Bruder gewesen, konnte sie zu dem Zeitpunkt nicht ahnen. Im Roman figuriert Elpidio auch als ihr heimlicher Geliebter und macht dabei eine ziemlich schäbige Figur. Aber nicht nur von ihm wird die Künstlerin zurückgesetzt, weil sie eine Frau ist.Quelle: Melania G. Mazzucco – Die Villa der Architektin
Bei jedem Schritt laufe ich Gefahr, dass mich eine Kutsche überfährt und mich plattdrückt wie eine Pizza. Denn ich stehe mit offenem Mund da und bestaune die Kutschen. Nur wer eine Kutsche besitzt, ist in Rom wer. Ich habe noch nie in einer gesessen, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, von oben herab die Straße zu betrachten und die Armen, die zu Fuß gehen. Vielleicht gerade so, wie wenn ich die Ameisen betrachte, die am Boden in Reih und Glied marschieren.Ihr Lebtag lang wird Plautilla unter einer doppelten Ungerechtigkeit leiden: jener der niederen Herkunft und jener des Frauseins in einer Welt, die für Frauen nur die Rollen der Gebärerin oder der Nonne vorsieht. Für die Männer, die ihre Zuneigung erwecken, kommt sie als Braut nicht infrage, weil sie keine Mitgift zu bieten hat. Zugleich scheint ihre künstlerische Berufung ein Eheleben auszuschließen. So umweht diese Romanheldin eine zutiefst melancholische Aura: Ihre Zeit verdammt sie dazu, weder ihre Ambitionen noch ihr Gefühlsleben vollends zu verwirklichen.Quelle: Melania G. Mazzucco – Die Villa der Architektin
An den EU-Außengrenzen herrscht mittlerweile eine quasi rechtsfreie Zone. Durch Bürgermilizen, (vermummte) Grenzpolizei und die europäische Grenzschutzagentur Frontex, die allesamt in Verdacht stehen, Treibjagden mit Hunden auf Geflüchtete zu veranstalten konnte sich entlang Europas Peripherie ein ,Gürtel der Gewalt‘ etablieren, der alles fernhalten soll, wovon die kontinentale Gesellschaft nicht berührt werden will.Quelle: Judith Kohlenberger – Gegen die neue Härte
Was hat denn diese anhaltende, zunehmende Grenzgewalt vor allem der letzten zehn Jahre mit der Gesellschaft im Inneren gemacht? In der Art und Weise, wie wir unser Zusammenleben gestalten, nehme ich eine immer stärkere Verhärtung, einen stärkeren Rückzug ins Eigene bei gleichzeitiger Abwendung vom Anderen wahr. Und diese Abwendung vom Anderen, diese Abschottung und Härte gegenüber dem Anderen, die wurde an den Grenzen erprobt, eingeübt, kann man sagen – aber die hat sich fortgesetzt in andere Dimensionen unserer Gesellschaft.Quelle: Judith Kohlenberger
Dieses Buch ist weder ein Plädoyer für endlose Weichheit noch für grenzenlose Offenheit. Grenzenlosigkeit ist im Persönlichen wie im Politischen selten eine gute und nie eine gefahrlose Idee. Statt grenzenloser Offenheit braucht es ein realistischeres Konzept, um der neuen Härte zu begegnen. Die Eigenschaft, zugänglich zu sein, aber ohne dabei das Eigene über das andere oder das andere über das Eigene zu stellen. Offen und durchdringbar zu sein.Judith Kohlenberger formuliert in ihrem Buch ein demokratisches Grenz-Konzept. Statt Europa zur „Festung“ auszubauen, mehr noch als bisher, sollten die EU-Außengrenzen zum einen stabil sein, zum anderen aber Austausch und Fluktuation ermöglichen, etwa durch die Schaffung legaler Flucht- und Migrationsrouten:Quelle: Judith Kohlenberger – Gegen die neue Härte
Ich sage immer, es braucht Durchlässigkeit an den Grenzen nach klaren Kriterien, wer kommen darf, wer bleiben darf – Kriterien, die gemeinsam erschlossen werden müssen, die gemeinsam auch aufrechterhalten werden müssen. Und wo klar nachvollziehbar ist für beide Seiten, wie denn Einreise und Ausreise gestaltet sind.Quelle: Judith Kohlenberger
Ein gut aussehender Mann trat an den Tisch der beiden. Die Haare streng zurückgekämmt, leuchteten unter einer hohen Stirn zwei blaue Augen. Lebhaft, mit einem Schuss Melancholie, strahlten sie die Weltläufigkeit und Empfindsamkeit eines Gentlemans aus, der nicht durch ein Erbe, sondern eigene Arbeit zu Wohlstand gekommen war.Quelle: Thomas Hüetlin – Man lebt sein Leben nur einmal
Es war ein anderes Deutschland, das dieser Mann verkörperte. Ein Deutschland der Großzügigkeit. Nicht des Größenwahns.Quelle: Thomas Hüetlin – Man lebt sein Leben nur einmal
Er nannte sie ein ‚ekelhaftes Biest‘, sie schimpfte ihn einen ‚Provinztölpel‘.Quelle: Thomas Hüetlin – »Man lebt sein Leben nur einmal«
Yusra: Und sonst ... Läuft alles gut? Hat sich Ihr Sohn schon ein bisschen eingewöhnt?
Gaëlle: Mein S... Ach ja, Wajdi! (zögerlich:) Wie Sie sehen, hat er eine recht ausgeprägt Neigung, sein Revier zu markieren! Er ist mitunter etwas wild. Aber mit der Zeit wird sich das geben. Ich vermute, dass das Leben in den Flüchtlingslagern, wo er die letzten zwei Jahre verbracht hat, nicht immer leicht war.Quelle: Zidrou und Arno Monin – Die Adoption: Wajdi
Es waren zwei Erwachsene nötig, um ihn daran zu hindern, dass er weiter auf diesen armen Jungen einschlägt. Das war keine Prügelei, (...), das war Krieg. (...) Wir haben diesen Jungen aufgenommen, wir schenken ihm ein Zuhause, wir schenken ihm all unsere Liebe ... und wie bedankt er sich dafür... ‚Er hat sein halbes Leben in der Hölle verbracht?‘ Tja, also seine Hölle hat er jetzt mit zu uns gebracht.Hier klingt der zentrale Konflikt an. Gaëlle sieht sich in ihren Erwartungen ans harmonische Familienleben enttäuscht. Da erstaunt es nicht, dass sie ein paar Seiten später die Adoption rückgängig machen will. Zidrou und Monin entlarven ihre Zuwendung als Bedürfnis, sich selbst aufzuwerten. Die Geschichte nimmt noch einmal Fahrt auf, als Wajdi aus seinem neuen Zuhause flieht.Quelle: Zidrou und Arno Monin – Die Adoption: Wajdi
‚Heute leidet und foltert man, mordet und stirbt, aber nicht mehr, um die eigene Seele zu retten, sondern nur, um die eigene Haut zu retten. (…) Diese ekelhafte Haut, seht Ihr?‘ Während ich dies sagte, kniff ich mit zwei Fingern die Haut auf dem Handrücken zusammen und zog sie hin und her.Irritierend und faszinierend ist der Aggregatzustand des Romans zwischen festen Tatsachen, flüssiger Kriegs-Kolportage und gasförmiger Phantastik. Soll man es denn glauben, dass noch während der Kämpfe die „sehnsüchtigen Scharen“ der Homosexuellen ganz Europas ihren Weg durch die deutschen Linien finden, um in Neapel mit den amerikanischen Soldaten Party zu machen?Quelle: Curzio Malaparte – Die Haut
‚What’s that?‘ schrie General Cork.Der „Clash“ der Zivilisationen wird als große Komödie inszeniert. Neapel, die „geheimnisvollste Stadt Europas“, ist für Malaparte, den mit allen Sümpfen vertrauten Moralisten, jedoch nicht zu begreifen mit hygienischer amerikanischer Vernunft.
‚Das Kolosseum!‘, erwiderte ich.
General Cork stand in seinem Jeep auf uns musterte das gigantische Skelett des Kolosseums lange, schweigend. Dann schrie er zu mir, einen Hauch Stolz in der Stimme: ‚Unsere Bomber haben gut gearbeitet, Malaparte!‘Quelle: Curzio Malaparte – Die Haut
Zum ersten Mal sah ich ein gekochtes, ein gesottenes Mädchen: und ich schwieg, von heiliger Ehrfurcht ergriffen. Alle um den Tisch waren bleich vor Entsetzen.„In Wahrheit“ handele es sich um einen seltenen, im Aquarium von Neapel gefangenen Sirenenfisch. Die Poetik der Verunsicherung hat Malaparte in dieser genialen Szene allegorisch verdichtet: Ist es ein Fisch? Ist es ein Mädchen? „Die Haut“ wurde vom Vatikan auf den Index gesetzt, die Stadt Neapel verhängte einen Bann über den Autor. Heute liest man das fesselnde Buch als düstere Zeitdiagnose und Meisterwerk wahrhaftiger Übertreibungskunst.Quelle: Curzio Malaparte – Die Haut
Ich halte es für die Pflicht aller klar und ruhig Denkenden in allen Ländern, dieses Spiel, das da mit Völkerleben gespielt wird, aufzudecken! Den Regierungen aller Länder zuzurufen: Es ist genug!Quelle: Philipp Scheidemann
Darf jemand wagen, zu jenem heiligen Tisch heranzutreten, zum Mahle des Friedens, der einen Krieg gegen Christen plant und sich anschickt, die zu vernichten, für deren Rettung Christus gestorben ist?Quelle: Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens
Die höchste Ehre erweise man denen, die einen Krieg verhindert und die Eintracht wiederhergestellt haben – schließlich auch dem, der alle Hebel in Bewegung setzt nicht dafür, daß er eine riesige Streitmacht auf die Beine stellt, sondern dafür, daß er ihrer gar nicht bedarf.Krieg sei also zu verhindern, konstatiert Erasmus, indem man zwei, drei Schritte vorausdenke: Wo könnte sich künftig Konfliktpotential zusammenbrauen – und wie macht man diesen Zündstoff möglichst schnell unschädlich?Quelle: Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens
Meinst du vielleicht, es falle dir ein Zacken aus deiner Krone, wenn du eine Rechtsverletzung nachsiehst? Nein, im Gegenteil, es gibt keinen zwingenderen Beweis für eine niedere und ganz und gar unkönigliche Gesinnung, als Rache zu üben. Wenn nun der Frieden irgendeinen in deinen Augen ungerechten Punkt zu enthalten scheint, so denke ja nicht gleich: Das und das verliere ich, sondern: Um diesen Preis erkaufe ich den Frieden.Erasmus' Ansatz lässt sich also bis in die Gegenwart weiterspinnen: hin zum Neorealismus - einer Denkrichtung, die unter dem Eindruck der beiden Weltkriege entstand. Neorealismus kalkuliert ein, dass Staaten nun einmal gegensätzliche Interessen haben. Er versucht, sie auszubalancieren, bevor es zu spät ist. Wohl der beste Weg, um die unübersichtliche Welt von heute zu befrieden. Und da erscheint die Klage des Friedens des Erasmus von Rotterdam in dieser modern übersetzten Neuedition vielleicht genau zur richtigen Zeit.Quelle: Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens
What do you choose? … Of course, Makatea’s political crisis is our political crisis. It is the question of the entire globe.Quelle: Richard Powers im Gespräch
Wofür entscheidest du dich? Für ein Krankenhaus und eine Schule? Für ein komfortableres Leben? Oder möchtest du, dass die Insel sich weiterhin erholt von den Folgen des früheren Rohstoffabbaus? Das ist die politische Herausforderung. Makateas politische Krise ist unsere Krise. Es die Frage für den gesamten Globus.Das Monster Kapitalismus zeigt sich in Richard Powers Roman in verschiedener Gestalt: In den „Seasteading“-Plänen, in den verlassenen Minen auf der Insel, im Plastik-Müll, der an den Stränden von Makatea liegt. Und ebenso in der Welt, aus der Todd Keane, eine der Hauptfiguren, stammt. Er ist ein Pionier der Computer-Technologie und mit der Entwicklung von Software stinkreich geworden. An einer unheilbaren Krankheit leidend diktiert er einer KI die Lebensgeschichte – eine Erzählebene im Roman.Quelle: Richard Powers im Gespräch
His family is much wealthier than my family… We see it as something holy new meaning of the world.Quelle: Richard Powers im Gespräch
Seine Familie ist viel wohlhabender als meine. Wir waren eher Eindringlinge in der North Side. Ich habe mich immer wie ein Spion gefühlt. Wir beide teilen aber auch den frühen Traum, dass wir die Welt unter Wasser erforschen können. Und es gibt eine Verbindung, die mit dem Beginn der digitalen Revolution zusammenhängt. Wie ich war Keane total fasziniert vom Programmieren. Für uns war das eine komplett neue Bedeutung der Welt.Später studiert Todd Keane – wie Richard Powers – an der University of Illinois, in Downstate. Ebenso Rafi Young, die zweite Hauptfigur. Er ist Schwarz und stammt aus dem Süden Chicagos, aus einer prekären Welt. Als kleiner Junge wird er von seinem Vater zum Lesen gedrillt, daraus erwächst aber eine große Liebe zur Literatur. Rafi besucht, keineswegs selbstverständlich für ein Kind seiner Herkunft, eine private katholische Schule und lernt dort Todd kennen. Sie werden Freunde und fanatische Schach- und Go-Spieler. „Das große Spiel“ erzählt auch von der Faszination des Spielens.Quelle: Richard Powers im Gespräch
In some ways their intellects are very different… the embrace of an irrational and unconscious that Rafi becomes dedicated to.Quelle: Richard Powers im Gespräch
Vom Intellekt her unterscheiden sie sich in einigen Punkten. Todd tendiert zum Technologischen, er profiliert sich in der Informatik. Rafi ist zuallererst ein Humanist. Es ist auch ein Wettstreit zwischen zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt. Hier die technologische und rationale Ordnung. Und dort die Welt der Gefühle, der Selbstbeobachtung, der Kunst. Rafi widmet sich dem Irrationalen und Unbewussten.Die Freundschaft zwischen Rafi und Todd zerbricht eines Tages, das Spiel der beiden gegeneinander geht derweil weiter und führt zu den „Seasteading“-Plänen.Quelle: Richard Powers im Gespräch
We, humans, live in just the tiniest fraction of the biosphere… If we really want to understand what life on earth is like, we have to say: it is an ocean planet.Quelle: Richard Powers im Gespräch
Wir Menschen leben im kleinsten Teil der Biosphäre. Die Geschichte, deren Teil wir sind, seit unvorstellbar langer Zeit, ist zum größten Teil eine Geschichte der Ozeane. Wenn wir wirklich verstehen wollen, was das Leben auf der Erde bedeutet, müssen wir sagen: Es ist ein Ozean-Planet.Evelyne Beaulieu, 92 Jahre alt, lebt auf Makatea. Auch sie soll abstimmen über die Zukunft der Insel. Mit ihrer Geschichte, inspiriert durch die Biographie der amerikanischen Ozeanographin Sylvia Earle, führt Richard Powers seine Leserinnen und Leser hinab in die Tiefe des Meeres, ins Herz der großen Ozeanmaschine, auf die Hauptbühne des Lebens, wie es heißt in „Das große Spiel“. Ein vielschichtiger Roman, der daran erinnert, wie beeindruckend dieses Reich unter Wasser ist. Und ebenso daran, dass wir uns sorgen müssen um die Zukunft dieses übergroßen Teils der Erde.Quelle: Richard Powers im Gespräch
Ein freier Tag, ein leerer Tag, die Straßen, die Häuser tot, das Leben klein, das Licht zu hell, die Angst so groß, allein, allein in der Stadt an einem Tag wie feuchte WatteWir kennen das: Bei Frau Berg wird gegähnt, geschuftet, gehasst, gestorben, getötet – in den dunkelsten Farben, die die Sprache in petto hat.Quelle: Sibylle Berg – Try Praying
nicht dass er von dem Glück wegrenntoder eine frustrierte Person gibt sich Gewaltfantasien hin:Quelle: Sibylle Berg – Try Praying
Ich säble euch die Knie ab. Ich steppe froh auf eurem Darm. Ich press euch das Gesicht ins Grab. Weil ich dann gute Laune hab.Für ihren fiesen Ton kann man Sibylle Berg lieben. Der hat etwas Schroffes, Echtes, auch erschreckend Welterkennendes. Die erzählerische Wucht, die ihr auf Romanlänge gelingt, funktioniert in ihrer Lyrik allerdings mäßig. Hier fehlt ihr offenbar der Raum, entscheidenden Kontext oder Atmosphäre mitzuliefern, was uns beim Lesen helfen könnte, ihr zu folgen. Vielleicht ist auch das formale Korsett schlichtweg zu eng für sie. Das liest sich wie eine ereignislose Fahrt im Pointen-Karussell. Nur manchmal springt ein Funke über. Etwa beim „Trennungsgedicht“:Quelle: Sibylle Berg – Try Praying
Der Durst ist nicht mit Tee zu stillen, wir sitzen fern – dazwischen leer. Da könnte man nicht drüber schwimmen, wir sind uns keine Insel mehrQuelle: Sibylle Berg – Try Praying
Muss Sieger sein, mit aller Macht – nicht angerührt, nicht ausgelacht, auch nicht bedrängt und kleingemacht. Ich werde meinen Körper stählen, fickt euch ins Knie und gute Nacht!Quelle: Sibylle Berg – Try Praying
Sie erscheinen auf der Oktoberheide, auf einem Rücken der Ebene, hinter dem es nichts zu geben scheint als immerzu treibende Wolkenmaserung: zwei Hundeschemen, dann der Hirte. Den Stecken in der Rechten, bleibt er im Gegenlicht, seine Gestalt so gebeugt, dass man ihn für einen alten Mann halten könnte.Der Mann, hinter dem sich eine große Schafherde versammelt hat, ist in Wahrheit gerade einmal 19 Jahre alt. Jannes heißt er. Kurz darauf rollt tatsächlich von Norden her der Donner über die Landschaft. Doch weder der Hirte noch seine Herde reagieren nervös auf das bedrohliche Geräusch, weil sie es kennen: Es ist das Explodieren der Panzermunition, die auf dem nahe gelegenen Fabrikgelände des Waffenherstellers Rheinmetall getestet wird, seit vielen Jahrzehnten bereits.Quelle: Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner
Wir sind am Ende auch nichts anderes wie einfache Bauern. Unsere Ernte im Sommer sind die reichen Knacker aus den Städten. Abgerechnet wird hier doch in Kaffeefahrten.Quelle: Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner
Spuk, denkt Jannes, und erschaudert, betrachtet die verformten Wesen im Stroh. Hier stimmt etwas nicht. Eine tiefe Gewissheit überkommt ihn. Es hat mit ihr zu tun. Sie hat ihn verflucht.Hin und wieder verfängt Thielemann sich in seinen Ambitionen. Dann verschwimmen in diesem Roman die Grenzen zwischen moderner Spukgeschichte und Geisterbahn. Trotzdem: „Von Norden rollte ein Donner“ ist ein ungewöhnliches, kluges und literarisch hoch interessantes Buch.Quelle: Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner
Für die Verarbeitung all dessen, was geschehen war, war das katastrophal. (...) Nur wenn die schmerzhafte Erinnerung Teil eines neuen Lebens, eines neuen Alltags wird, können die seelischen Narben allmählich heilen.Quelle: Sebastian Moll – Das Würfelhaus
Und das hat mich dann eben anhand unseres Reihenhauses interessiert, weil ich da ja an der eigenen Person erlebt habe, wie sich trotz dieser rationalen Oberfläche das Unterbewusste sein Recht sucht.Quelle: Zitat von Autor Sebastian Moll
Es ist die totale Erniedrigung meiner Mutter, in die ich als Komplize eingespannt werde. (...) Die Szene war zweifellos nur ein Ausschnitt aus einer andauernden sadomasochistischen Vierecksbeziehung, die meine Mutter immer tiefer in Alkohol und Verzweiflung trieb (...) Weitere Szenen geistern noch diffus und verschwommen in meinem Unterbewusstsein herum. Sie zu bergen und zu schärfen, habe ich jedoch weder den Mut noch die Kraft. Es bleibt zu viel, eine lebenslange Überforderung, eine Monstrosität, die verdaubar, Teil meines bewussten Ich zu machen, mich kapitulieren lässt.Als Sebastian sich allmählich aus der Familie „extrahiert“ – wie er es nennt – verstößt ihn der Vater. 30 Jahre nach dessen Tod will Sebastian Moll „Das Würfelhaus“ verkaufen. Die Auflösung führt ihn erneut in den Vaterkeller. Er schaut noch einmal ganz genau, ob er vielleicht doch etwas übersehen hat, ob er etwas findet, was die Leerstelle füllen könnte. Das Ergebnis ist dieses kluge, traurige, anrührende Buch. Sebastian Moll hat es geschrieben im Wissen, nicht allein zu sein mit seiner Vatersuche.Quelle: Sebastian Moll – Das Würfelhaus
Ich glaub, die Suche, die hört nie auf und die Auseinandersetzung damit. Das ist vielleicht auch ein bisschen der Fluch unserer Generation.Quelle: Zitat von Autor Sebastian Moll
Wie hast du das gemerkt mit dem Scammen?Es ergibt sich ein intensives Zwiegespräch, bei dem Junos Misstrauen langsam aufweicht. Bald wechseln die beiden zu Whatsapp und Videotelefonaten. Benu sitzt dabei oft im Kerzenschein, weil in seiner nigerianischen Stadt ständig der Strom ausfällt. Und irgendwann bekennt er seine Liebe; echt jetzt. Juno ist fassungslos.
Wer kann so etwas ernst nehmen. Owen Wilson aus der Ukraine, und dein albernes Profilbild. Das ganze Geschnulze auch noch.Quelle: Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Dass Juno mit einem fremden Menschen ausgiebig chattete, mit ihm aber oft nur ein paar hastige Sätze tauschte.Aber Jupiter weiß nichts von Benu. Und dann ist da noch eine dritte Liebe, nämlich die zu sich selbst und zum eigenen Körper, dessen lange, schöne Beine mehr als einmal hervorgehoben werden. Nur im narzisstischen Genuss des Tanzes ist Juno ganz bei sich selbst:Quelle: Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Eigentlich schauspielerte sie nur dann, wenn sie nicht auf einer Bühne stand. Da spielte sie, ein normaler Mensch zu sein.Quelle: Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Es ist nur ein kleines Blatt. Durch seine verklebten Wimpern kann er es unter der Mittagssonne nicht sehen. Nur das Blatt eines Baumes, nichts weiter. Grün und an den Rändern ausgebuchtet, liegt es wie ein Vorhang über seinen Augen, wenn er langsam und unter großer Anstrengung die Lider bewegt.Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Er hört Weinen, und er nimmt die Schemen einer Frau wahr. Aus der Art, sich seltsam hüpfend fortzubewegen, als wäre sie verärgert, schließt er, dass es seine Mutter ist. Die aufgeregten Stimmen, die er dann vernimmt, scheinen ihm von anderer Art zu sein. Das da ist sein Vater. Und seine verwitwete Schwester mit ihrem dicken Bauch.Erst allmählich wird klar, dass Ali sich an das Begräbnis seines älteren Bruders erinnert. Freiwillig hatte dieser sich zum Militär gemeldet – ganz im Gegensatz zu Ali, der von Natur aus und zum Missfallen seines Vaters ein Träumer war. Schon als Kind verbrachte er die Zeit am liebsten zwischen den Bäumen seines Dorfes. Humairuna, eine rätselhafte Weise, die in Alis Dorf lebte, lehrte ihn früh ihren mystischen Glauben, vor allem den an die Kraft der Bäume. Und doch kann Ali den bedrohlich anwachsenden Schatten im politischen Klima Syriens nicht entkommen: Eines Tages wird auch er zwangsrekrutiert.Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Er glaubt, dass sein vergangenes und sein gegenwärtiges Leben lediglich aus den wenigen Metern zwischen der Einschlagstelle der Granate und dem Baumstamm bestehen. Ein kurzes Leben, ein vollkommenes, ausreichend, um hier zu enden. Und als er spürt, dass diese verbleibenden Meter das komplette, ihm verbliebene Leben darstellen, fragt er sich, was er hier macht. Und gegen wen er kämpft. Und für wen.Am Ende lässt Samar Yazbek ihren heroischen Antihelden Trost finden in dem, was er am meisten liebt: in der Schönheit der Erde und der Natur. „Wo der Wind wohnt“ ist somit nicht nur ein eindringliches Dokument, das all jenen Stimme verleiht, die für und durch ein mörderisches Regime elend und ungehört sterben. Der Roman – dessen bestechende lyrische Intensität Larissa Bender so behutsam wie kunstvoll ins Deutsche übertragen hat – ist zugleich ein Manifest für das Leben selbst. Und womöglich bis dato Samar Yazbeks bester, ja schönster Roman.Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Am 7. Oktober sind verabscheuungswürdige Taten begangen worden, ABER… – Jüdische Frauen sind vergewaltigt worden, ABER… – Das Schicksal der Kinder im Gazastreifen ist furchtbar, ABER…Durch dieses ABER und unter dem Vorwand einer Kontextualisierung wird das Grauenhafte relativiert und eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Dabei lässt die Autorin keinerlei Zweifel daran, dass sie seit Jahren für die Rechte der Palästinenser und für eine Zweistaatenlösung eintritt. Und genauso unmissverständlich macht sie im Kapitel ‚Gespräch mit Israel‘ ihre Kritik an der Politik der Machthybris der amtierenden israelischen Regierung deutlich.Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Die extreme Dankbarkeit war das leuchtende Gewand, das elegant typisch jüdische Ängste und Schmerzen umhüllte: die Angst, nicht genauso geliebt zu werden wie man selbst liebt.Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Nur die Verwundbarkeit der Jüdinnen und Juden bleibt im Denken der antirassistischen Antisemiten stets einen Nachweis schuldig.Oder ist der Antisemitismus ein Aufstand gegen die Ursprünge, gegen die Anfänge der eigenen Religion, ja Kultur, die sich der älteren verdankt – und dies nicht will?Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Es ist deutlich einfacher, sich seiner Herkunft zu stellen, wenn die, die diese Herkunft verkörpern, elegant genug gewesen sind, sich aus dem Staub zu machenSo kommentiert Delphine Horvilleur mit einer Prise Sarkasmus. Im Kapitel ‚Gespräch mit denen, die mir guttun‘ schildert sie ihre Begegnungen mit dem libanesischen Autor und Filmemacher Wajdi Mouawad, die zeigen, dass Brücken und Verständigung zwischen Juden und Moslems möglich und bereichernd sind. „Weißt Du, dass man da, wo ich aufgewachsen bin, alle Araber, die eigenständig denken wollen, als Juden bezeichnet?“, sagt ihr in einem anderen Gespräch der algerische Journalist und Autor Kamel Daoud.Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Der Schnee war dicht überzogen mit den Spuren von Vögeln und Tieren – ein Archiv Hunderter Wegstrecken, aufgezeichnet seit dem Ende des jüngsten Schneefalls. (…) Auf der schrägen Feldfläche vertiefte das Mondlicht die näher gelegenen Abdrücke noch, sodass sie wie gefüllte Tintenfässer wirkten. Zu all diesen Spuren fügte ich noch meine hinzuschreibt Macfarlane. Schreiben und Gehen – diese Verbindung treibt Macfarlane an. Beide Wörter haben zumindest im Englischen eine gemeinsame Wurzel. Der Wanderer findet temporäre Begleitung oder besucht gezielt Ortskundige, manch einer seiner Gesprächspartner sammelt systematisch, was er am Wegesrand findet. Natur kann heilen, aber auch, wie Macfarlane schreibt „brutal schweigen und durch ihre Gleichgültigkeit erschüttern“, oft sind depressive Menschen wie Edward Thomas manische Wanderer. Je älter Macfarlane wird, desto weniger interessiert es ihn, unerforschtes Land zu betreten und desto spannender wird es für ihn, Pfaden zu folgen, die vor langer Zeit von unseren Vorfahren hinterlassen wurden.Quelle: Robert Macfarlane – Alte Wege
Der Pfad lockt das Auge, das äußere wie das innere. Der Kopf kann nicht umhin, dieser Linie über das Land zu folgen – nicht nur voran durch den Raum, sondern auch zurück durch die Zeit, hinein in die Geschichte des Weges und all derer, die ihn genutzt haben.Historische Fußwege sind in England vom Wegerecht geschützt und werden durch Benutzung erhalten: Im neunzehnten Jahrhundert hingen Sicheln am Rand von Trampelpfaden, die Benutzer schnitten die überhängenden Äste auf dem Weg ab und hingen die Sichel am Ende des Pfades wieder auf. Alte Pfade sind oft ehemalige Viehtriften, so zogen die Siedler in den USA auf den Spuren der Bisons gen Westen und auch Spanien kann ein riesiges Wegenetz ehemaliger Viehpfade aufweisen. MacFarlanes Buch, in all seiner Schönheit der Beschreibungen rauher und für den Ungeübten unwegsamer Landschaften, ist ein Lesegenuss, gerade auch für diejenigen die kaum selbst wandern, aber Landschaftsbeschreibungen lieben. Es weckt ebenso die Lust aufs Schauen wie auf Literatur.Quelle: Robert Macfarlane – Alte Wege
Die Schwestern möchten gerne glauben, es läge am Altersunterschied. Doch da ist noch etwas anderes. Beide spüren: Die Schwester lehnt es ab, wie ich lebe. Ich muss mich und meine Welt verteidigen, zugleich die ihre herabwürdigen. Sie spüren es, aber sie werden noch sehr lange keine Worte dafür finden.Luna fühlt sich in München fremd beim Vater und seiner neuen Familie. Lara ist in Wien unglücklich. Die Mutter fristet dort ihr Leben als Haushälterin eines Ukrainers: Grischa hatte sich am deutschen Völkermord beteiligt und musste deshalb aus der Sowjetunion fliehen.Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
Manchmal fängt er grundlos an zu toben. Es steckt so viel Gewalt und Wut und Geschrei in diesem Körper. An solchen Abenden nimmt Lara ihre Mutter und flüchtet mit ihr aus der Wohnung. Sie gehen langsam durch die Straßen der Stadt, bleiben immer wieder stehen und blicken in erleuchtete Fenster. Sie stellen sich vor, wie gemütlich es diese Menschen haben. Sie phantasieren, wie ein Leben ohne Grischa aussehen könnte.Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
Luna spürt plötzlich ein sehr altes Gefühl aufsteigen. Jetzt entdeckt sie zum zweiten Mal dieses verwandte Wesen neben sich. Ihr Vater hatte die Schwestern damals auseinandergerissen, jetzt führt er sie – wenn auch auf eine verquere Art – wieder zusammen. Luna und Lara hatten damals begonnen, eine Distanz zwischen sich zu spannen, eine Schutzvorrichtung gegen den Schmerz der Trennung. Diese Distanz brauchen sie doch längst nicht mehr.Auch hier belässt es Ljuba Arnautovic gekonnt bei Andeutungen. „Erste Töchter“ ist der gelungene Abschluss ihrer Familientrilogie. Für die Handlung selbst sind Nuancen noch wichtiger als etwa in „Junischnee“: Dort ging es etwa darum, wie der Vater in Moskau den Terror stalinistischer Verhöre durchlitt, wie er danach tagtäglich im Gulag zu überleben versuchte. „Erste Töchter“ hingegen bildet ab, wie die Wirren eines Zeitalters eine Familie zerreißen. Und so führt Ljuba Arnautovic in ihrer Trilogie letztlich vor Augen, wie Nationalismus und politischer Extremismus des 20. Jahrhunderts ganze Generationen ins Unglück gestürzt haben.Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
„Klischees und Stereotype durchbrechen“ und diverse „Schlagworte in den historischen und gesellschaftlichen Kontext stellen“.Damit die Leserinnen und Leser ...Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Brasilien, insbesondere seine Politik und Gesellschaft anhand ausgewählter Beispiele, besser verstehen können.Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
organisierte Kriminalität, Ordnungsmacht und Politik sind in Brasilien eng verwoben.Den politischen Machtfaktor der Evangelikalen, heute die Mehrheit der Gläubigen in Brasilien, betont Andreas Nöthen und zeigt, dass selbst ein eigentlich linker Präsident sie in sein politisches Kalkül einbeziehen muss. Insgesamt 13 verschiedene Aspekte behandelt er ausführlich, so z.B. den Rassismus und den Mythos von der Rassendemokratie; die rechtsfreien Räume, in denen Milizen und Drogenbanden ihr Unwesen treiben sowie das damit zusammenhänge Problem der Rechtsstaatlichkeit. Dabei will er jedoch nicht nur die aktuelle Problemlage, sondern auch ihre historischen Wurzeln analysieren. Von besonderer Aktualität ist das Thema „Amazonien – der Naturraum von globaler Bedeutung“, denn es brennt zurzeit in Brasilien wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr: in diversen Gebieten und vor allem am Amazonas.Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
die internationale Gier nach Rohstoffen in einem der größten und wichtigsten Ökosysteme des Planeten.Doch ebenso den nationalen Raubbau. Er verweist auf die Anstrengungen, die vor allem Lula da Silva immer wieder unternommen hat, und auf die kaum zu überwindende Grenze:Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Denn in der brasilianischen Binnenwahrnehmung ist das Areal nach wie vor in erster Linie ein unerschöpfliches Rohstofflager und ein wirtschaftlicher Entwicklungsraum. Das Thema Umweltschutz hat in der brasilianischen Politik derzeit keine Lobby.Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Ein Stein, schreibt er, der von einer äußeren Ursache angestoßen worden sei, wäre, wenn er ein Bewusstsein hätte, davon überzeugt, dass er ,nur darum in seiner Bewegung verharre, weil er es so wolle‘.Das Bild stammt vom Philosophen Baruch Spinoza, der bekanntlich von der Idee des freien Willens nicht viel hielt. Campbells Roman „Bei aller Liebe“ verbindet diesen Gedanken mit den undurchschaubaren Mechaniken unserer Seele, die besonders unrund laufen, wenn es um die Spielarten der Liebe geht, die „interpretations of love“, wie das Buch im Original heißt. Die Gegenwart der Handlung sind die Neunzigerjahre, Auslöser aber sind Dinge, die sich Jahrzehnte zuvor ereignet haben. Es geht um Erinnerungslücken, Reue und Vergebung und einige letzte Dinge. Neben Freud werden Joseph Conrad und C. G. Jung zitiert. „Bei aller Liebe“ ist also kein seichtes Lesefutter, vielmehr die Sorte gut gemachter, anspruchsvoller Unterhaltung, mit der etwa auch Campbells Landsleute Julian Barnes und Ian McEwan ihre Leserschaft fordern und erfreuen.Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe
Ich denke, es ist alles ein Haufen Mumpitz [...]. Und dennoch ist die Arbeit jenes alten Wiener Magiers unschätzbar, unersetzlich. Sie hat uns allen ein höchst raffiniertes, elastisches Netz komplexer Semantik verfügbar gemacht, in dem wir herumhüpfen und die Bedeutungen des Lebens, denen wir jeweils anhängen, prüfen können.Natürlich hat der Analytiker Joe diese Prüfung regelmäßig vorgenommen – und sich, dem Stein Spinozas vergleichbar, erfolgreich eingeredet, er sei Herr seiner Entscheidungen. Dabei ist es der Prügel des Begehrens, der ihn ebenso regelmäßig in unabsehbare Richtungen, sprich, zu neuen Frauen geschleudert hat. Doch auch Agnes kennt sich wenig. Am Morgen des Hochzeitsempfangs ihrer Tochter trennt sie sich von ihrem verheirateten Liebhaber, küsst mittags kurzentschlossen einen Mann, der sie seit langem verehrt, und landet am Ende des Tages doch wieder mit dem bisherigen Geliebten im Bett.Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe
Und so, wie zum Beweis, dass niemand von uns wissen kann, wie eine Geschichte enden wird, stellte sich heraus, dass ich letztlich doch an meiner eigenen Erlösung, wenn das das richtige Wort ist, mitgewirkt habe. Ausnahmsweise rückte ich einmal von den Rändern meines Lebens in dessen Zentrum, und Agnes, die schöne, kluge Agnes mit ihrer besonderen Bereitschaft, überschäumende Freude zu empfinden und zu schenken, hielt mich und tröstete mich und vergab mir, und ich spürte, wie mein Herz sich wieder bewegte.Der schonungslose Blick, der an Campbells Erzählungen gerühmt wurde, ist hier nicht selten tränenverschleiert. Zum Glück rumpeln die verschiedenen Beziehungsdreiecke so munter aneinander, dass sich über all den herzzerreißenden Wendungen eine milde Ironie ausbreitet. Es ist die Ironie des Lebens selbst, das ja immer auch ganz anders hätte verlaufen können. Ein paar kleinere doppelte Böden, die Campbell einbaut, lassen das wacklige Fundament aller menschlichen Erinnerung erkennen. Wer sich an ein paar Leerstellen und losen Enden der etwas zu ambitionierten Konstruktion nicht stört, wird einen Roman lesen, der zum Weinen und zum Lachen bringt – und vor allem dazu, sich nicht allzu sehr auf die Weisheit eigener Entscheidungen zu verlassen.Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe
Dass ein solcher König der geistigen Welt, wie es Unseld damals war, in der Erstbegegnung mit einem neuen Autor so entschieden erdig auf seine Physis und deren Vitalität hinweist, mit einer im bürgerlichen Kontext so ungewöhnlich deplatzierten Geste (…), das war ein Hinweis auf die immense Spannung von Unselds Naturell, die ihm in so einzigartig reicher Weise Zugang zu den unterschiedlichsten Welten, Ideen und vor allem eben Menschen ermöglicht hat.Rainald Goetz‘ Unseld-Würdigung ist zu finden in der aktuellen Ausgabe der „Zeitschrift für Ideengeschichte“, die – pünktlich zum hundertsten Geburtstag – dem „Unternehmen Unseld“ gewidmet ist. Goetz zeigt damit schlaglichtartig die Spannweite dieses Mannes, der im Suhrkamp-Verlag zwischen den Portalfiguren Hermann Hesse und Bertolt Brecht alles unterbrachte, was Rang und Namen hatte. Max Frisch, Martin Walser, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger machte er zu seinen engsten Beratern. Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und später Peter Sloterdijk prägten mit ihren Schriften das Land, in dem es ohne die edition suhrkamp kein 1968 gegeben hätte.Quelle: Stephan Schlak, Jan Bürger - Zeitschrift für Ideengeschichte Herbst 2024: Unternehmen Unseld
Bei der ersten Audienz / sah ich immer nur / Unselds Uhr / aus Verlegenheit / ging der Blick beiseite / von der Statur / des großen Verlegers / zum Handgelenk / in dieser Sternstunde / war es die Uhr / an Unselds Arm / die mich beruhigte / wie der solide MannDie Bedeutung Unselds für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist gar nicht hoch genug anzusetzen. Unseld wurde zum geistigen Patron einer ganzen Epoche und war zugleich ein umtriebiger Geschäftsmann. Linke schmähten ihn als Kapitalisten, der aus Büchern mit kapitalismuskritischer Theorie Rendite erwirtschafte. Doch für Unseld waren geistiger Einfluss und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze. Mit dem Tod Peter Suhrkamps 1959 zum Verlagsleiter aufgestiegen, verwandelte er den kleinen Suhrkamp-Verlag zielstrebig ein florierendes mittelständisches Unternehmen, dessen Umsatz 1990 an der hundert Millionen-Marge kratzte. Dabei verstand sich der Verleger immer auch als Förderer und finanzieller Rückhalt seiner Autoren, die er, wenn es sein musste, auch ein Leben lang unterstütze – so wie Wolfgang Koeppen mit seiner legendären Schreibblockade, wohl wissend, dass dessen nächster Roman niemals fertig und vielleicht noch nicht einmal angefangen werden würde.Quelle: Stephan Schlak, Jan Bürger - Zeitschrift für Ideengeschichte Herbst 2024: Unternehmen Unseld
Wissen Sie, dass ich am Morgen, beim Aufstehen, glücklich bin, wieder einen Tag, einen Arbeitstag vor mir zu haben?… schrieb er im Februar 1966 an den „lieben Max Frisch“, nachdem sein Schweizer Star-Autor ihm harsch die Meinung gegeigt und ein zunehmendes „Primat des Kommerziellen“ beklagt hatte. Unseld konnte jedoch für sich in Anspruch nehmen, nicht bloß einzelne Bücher, sondern ganze Werke zu verlegen. Frischs Vorwurf setzte er sein verlegerisches Credo entgegen:Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Der Verlag, jedenfalls der Verlag, den ich mir denke, mein Verlag, ist eben keine Firma, keine Agentur für Literaturverwertung, da bin ich, Sie haben ganz recht, Romantiker genug.Unselds Antwort an Frisch ist einer von hundert Briefen, die die beiden Herausgeber Ulrike Anders und Jan Bürger in der Bibliothek Suhrkamp vorlegen. Die „Hundert Briefe“ sind ein verschwindend kleiner Prozentsatz des Gesamtkonvoluts, das angeblich mehr als 50.000 Exponate aus mehr als einem halben Jahrhundert umfasst. Die kleine Auswahl bildet Unselds Lebenslauf vom Verlags-Lehrling in Ulm 1947 bis zum Tod des Patriarchen im Jahr 2002 ab, zeichnet ein intellektuelles Panorama und deutet die Verlagsgeschichte an. Als literarisches Großepos sind Unselds Briefe noch zu entdecken, auch wenn die Korrespondenzen mit Uwe Johnson, Peter Handke, Thomas Bernhard und Wolfgang Koeppen bereits in umfangreichen Einzelausgaben vorliegen. Neben dem Briefwerk erhebt sich mit Unselds seit 1970 geführter „Chronik“ ein weiteres Text-Gebirge, das von seiner unfassbaren Produktivität und Umtriebigkeit zeugt. Tag für Tag hat Unseld hier alle Begegnungen, Gedanken, Pläne, Ereignisse, Privates, aber vor allem Geschäftliches festgehalten. Die Begründung dafür lieferte er 1976 selbst:Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Indem ich diese Chronik schreibe, beurteile, bewerte ich das unmittelbar Vergangene, durch Auswahl oder durch meine Sicht. Ich halte das in der Chronik Geschriebene für die Geschichte des Verlages fest, damit der Hintergrund der Vorgänge nicht verloren gehe. (…) Nichts ist für mich so mächtig wie die Macht des Geschriebenen.Die Chronik gehört heute zum Bestand des Siegfried Unseld Archivs, dem wohl umfangreichsten Nachlass, der im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erschlossen wird. Zu Unselds Hundertstem wird sie nun online frei zugänglich.Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Es wäre jetzt schöner, säßen wir uns gegenüber, mit oder ohne Wein, lieber mit.Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Erfolg: das war oft harte Arbeit, aber im Ganzen bedeutete es doch Freude, Glück. Wer Erfolg hat, wird immer einsamer. Man kann Freundschaften empfinden, aber die Zahl derer, auf deren freundschaftliche Empfindung man zu vertrauen glaubt, schrumpft.Eine dieser Freundschaften, an der er über alle Differenzen hinweg festhielt, verband ihn mit dem späteren amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, seit er im Jahr 1955 das von ihm geleitete „International Seminar“ in Harvard besucht hatte.Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Touristen sind im Allgemeinen ein recht trübseliger Haufen. Ich habe schon bei Beerdigungen fröhlichere Gesichter gesehen als auf dem Markusplatz.Warum aber wird dann so viel gereist? Weil es dazugehört, weil es alle tun, weil es Sozialprestige bringt. Und so werden die Mythen des Reisens ein ums andere Mal nachgesprochen, etwa: „Paris ist einfach wunderbar.“Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Es sollte niemanden überraschen, dass die Menschen, die ihre Städte als Erste durch Krach und Dreck unbewohnbar gemacht haben, auch die ersten waren, die ihre Liebe zur Natur entdeckten.Ein wichtiges Thema ist die richtige Reiselektüre. Huxley schmäht den Baedecker. Stattdessen hat er überall einen handlichen Dünndruckband der „Encyklopädia Britannica“ dabei, egal welcher Buchstabe. Die kurzen, abgeschlossenen Einträge seien genau das Richtige für den kleinen Lektürehappen unterwegs.Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Beim Stöbern in diesem Angebot phantastisch unterschiedlicher Fakten, die der Zufall des Alphabets zusammenführt, fröne ich meinem geistigen Laster. Ein Band der „Encyclopädia“ ist wie das Gehirn eines gebildeten Wahnsinnigen – voll mit richtigen Ideen, zwischen denen es aber keine Verbindung gibt.Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Vierjährige Kinder transportieren Dreijährige auf der Lenkstange. Mütter strampeln fröhlich mit schlafenden Säuglingen hinten im Korb auf dem Gepäckträger dahin. Botenjungen finden nichts dabei, zwei Kubikmeter große Pakete auf dem Fahrrad zu transportieren.Zum Reisen gehören die Begegnungen mit Menschen. Größere Geselligkeit ist Huxley jedoch verhasst. Denn er weiß, er macht da keine gute Figur:Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Ich glänze nicht in Gesellschaft, ja, ich schimmere nicht einmal. Unterbelichtet zu sein und es auch noch zu wissen, ist demütigend.Wenn Huxley dann die Details seiner gesellschaftlichen Inkompetenz aufzählt, schimmert und strahlt immerhin sein Talent zu gewitzten, selbstironischen Formulierungen, die in Willi Winklers frischer Übersetzung gut zur Geltung kommen.Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
…bei den meisten wird der Kopf erst beschäftigt, wenn es gar nicht mehr anders geht. (…) Für einen Großteil der Menschen endet die intellektuelle Entwicklung bereits in der Kindheit, das weitere Leben durchschreiten sie mit den intellektuellen Fähigkeiten von Fünfzehnjährigen.„Along the Road“ ist eine Lektüre für Leser ab sechzehn, amüsant, anregend, mit ein paar Längen bei den Kunstbetrachtungen. Manche Seiten überblättert man, um andere dafür zweimal zu lesen. Im Ernst: Dass es bisher nie eine deutsche Ausgabe dieses charmanten Buches über das Reisen gab, ist beinahe ein Witz.Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Seit meiner Kindheit wollte ich wissen: Woher kommen meine Vorfahren?Deshalb hat Hape Kerkeling seine DNA auf seine Herkunft analysieren lassen und mit dieser Unterstützung Ahnenforschung betrieben. Vor allem hat er seine niederländischen Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt. Einige der recherchierten Verwandten präsentiert er in seinem neuen Buch „Gebt mir etwas Zeit“:Quelle: Hape Kerkeling
Da war alles dabei vom Seefahrer bis zum großen Händler, bis zum, ja, Sadisten, muss ich wohl leider sagen. Adlige. Also wirklich eine ganz verrückte Truppe. Fastnachtsdichter aus dem 14. Jahrhundert habe ich plötzlich aufgetrieben. Und so habe ich dann so peu à peu mein Familienpuzzle zusammenstellen können.
Quelle: Hape Kerkeling
Wir kennen ja diese Coffeeshops, in denen alles verkauft wird, nur kein Kaffee. Und so hatten die Holländer damals Hutläden. Und da der Hut und die Auswahl eines Hutes etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen und da in einen solchen Laden Männer und Frauen gehen können und da man auch mal den Vorhang zuziehen konnte bei der Hut-Anprobe, hat sich dann irgendwann durchgesetzt, dass die Hutläden eben die versteckten Bordelle waren.Als Sechsjähriger besucht Hape Kerkeling mit seinen Eltern Amsterdam und will dort gar nicht mehr weg. Später, als er als junger Mann im Fernsehen Karriere macht und darunter leidet, dass er seine Homosexualität nicht offen ausleben kann, besucht er gern das damals, also Mitte der 80er, schon tolerantere Amsterdam. Dort verliebt er sich in Duncan, einen Niederländer. Die beiden werden ein Paar. Aber dann hat Duncan AIDS.
Quelle: Hape Kerkeling
Der völlige Terror überfällt Duncans Körper. Eine normale Nachtruhe existiert nicht mehr. Als Partner eines Erkrankten entwickelt man im Laufe der Zeit absurde Kosymptome wie Fieber, Atemnot oder Bluthochdruck. Angst verspüre ich allerdings keine mehr. An ihre Stelle ist eine dumpfe Resignation getreten [...].1989 stirbt Duncan. Und so ist für Hape Kerkeling Amsterdam vor allem der Ort einer großen Liebe und einer noch größeren Tragödie:Quelle: Hape Kerkeling – Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse
Es hat mich Mut gekostet, darüber zu schreiben, weil das ist natürlich sehr privat.Als Menschenfreund vertraut Kerkeling uns Lesern das an. Und so leiden wir mit ihm, aber lachen auch viel über die skurrilen Geschichten. Wie gerne wäre man dabei gewesen, als er als Kind mit seiner Großmutter Bertha, die sich nach dem Suizid seiner Mutter liebevoll um ihn kümmerte, auf der Eckbank saß.Quelle: Hape Kerkeling
Das habe ich meiner Großmutter gesagt. Und dann ist sie puterrot angelaufen und hat darüber nicht weiter reden wollen. Und dann hat sich eben im Rahmen dieser Forschung herausgestellt, dass diese Ähnlichkeit kein Zufall ist und dass meine Großmutter tatsächlich ein uneheliches Kind von König Edward VII. ist, der eine Liebschaft hatte mit meiner Urgroßmutter, Omma Agnes, Agnes Sattler, aus Marienbad. Und aus diesem Gspusi, aus diesem Techtelmechtel, ist meine Großmutter hervorgegangen.Eine unfassbare Entdeckung, sollte es denn wirklich so gewesen sein. Seine Oma die uneheliche Tochter eines Königs, was bedeutet das für Hape Kerkeling?Quelle: Hape Kerkeling
Wäre sie in der Thronfolge gewesen, dann wäre ich heute in etwa auf Platz 111. Ob ich König werden will? Ja, aber ich werd's nicht. (lacht leise auf)„Gebt mir etwas Zeit“ ist ein unterhaltsames und anrührendes Buch über Herkunft und Zugehörigkeit. Nach der Lektüre ist uns der Mensch Hape Kerkeling wieder ein Stück näher gekommen. Und wir ertappen uns bei dem Gedanken, wer wohl unsere Vorfahren waren.Quelle: Hape Kerkeling
Wissen Sie, Mr. Dye, Städte sind faszinierende Mikrokosmen der Welt, in der wir leben. Natürlich zerstören wir sie, und im Gegenzug zerstören sie uns. Ach, ich meine nicht buchstäblich, wenn auch Smog und Verkehr und Feuer und Unruhen durchaus ihren Zoll verlangen. Aber die Rolle der Stadt hat sich in den letzten dreißig Jahren drastisch verändert – zu unseren Lebzeiten.„Die Narren sind auf unserer Seite“ ist im US-amerikanischen Original bereits 1970 erschienen, dennoch lassen sich mühelos Parallelen in die Gegenwart ziehen: Gentrifizierung, Verödung der Innenstädte, Rassismus und Bestechlichkeit haben ein „Klima der Apathie“ erzeugt – und damit ideale Voraussetzungen, um Menschen und Wahlkämpfe zu korrumpieren.Quelle: Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite
Wir haben einen Job, und Sie wissen, wie der aussieht, weil Sie ihn selbst einmal gemacht haben. Sie waren darin nie sonderlich gut, weil Sie nie wirklich daran geglaubt haben, aber die meisten von uns tun es, und das ist etwas, was Sie niemals begreifen werden, weil Sie nicht wirklich daran glauben, dass überhaupt irgendetwas wichtig ist, nicht mal Sie selbst.Mittlerweile sind 24 der 25 Romane von Ross Thomas in der Werkausgabe erschienen. Darunter ist kein schlechter. Auch „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist ein vielschichtiger, hochinteressanter Politthriller, ein Stück Editions- und Werkgeschichte. Es ist Zeit, Ross Thomas endlich zu entdecken. Er ist einer der besten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Fangen Sie direkt an. Am besten mit Band 1.Quelle: Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite
Seit Jahrzehnten wird seine Musik als tönende Lebenskunst rezipiert. Für viele wurden die Lieder Herbert Grönemeyers zum Soundtrack der eigenen Biographie.In das Leben von Autor Michael Lentz allerdings trat Herbert Grönemeyer verhältnismäßig spät und auch nicht mit seinen Liedern, sondern mit seiner Anfrage. Weil 2003 im Debütroman von Michael Lentz, „Liebeserklärung“, immer wieder Liedzeilen der CD „Mensch“ eine Rolle spielten, lud Grönemeyer den Schriftsteller nach London ein und unterhielt sich mit ihm. Das Gespräch landete auf der DVD des Albums und die Männer wurden Freunde.Quelle: Michael Lentz
Das war eine gewisse Herausforderung, da vielleicht auch ein wenig Neuland zu betreten, fernab auch eines generalisierenden poptheoretischen Zuschnitts, sondern ganz, wie man in der Literaturwissenschaft sagt „close reading“ diesmal dann „close hearing“ ganz nah am Stoff bleiben und den mal, sowohl von den Texten her als auch der Musik bis hin in die harmonischen Analysen auseinanderzunehmen.„Herbert Grönemeyer vertont keine Texte, sondern vertextet Musik. Töne sagen und erzählen bereits etwas, oft schon das Wesentliche. Es entsteht eine Stimmung, ein Bild, eine atmosphärische Temperatur. Der Text erklärt dann, führt aus, ergänzt und passt sich an, indem er an formale Vorgaben wie Takt und Silbenzahl, Rhythmus und Zeiteinheiten gebunden ist.“ (Michael Lentz - Grönemeyer)Quelle: Michael Lentz
Ich bin Dauersänger, sagt Herbert Grönemeyer von sich. Ich wollte aber nie Sänger werden, ich sang ja bereits.
Man muss, sage ich mal recht selbstbewußt, eine gewisse Kompetenz mitbringen, eine textliche, eine musikalische, und diese ganzen einzelnen Komponenten verbindende Kompetenz. Und das war die Herausforderung und deswegen: Der ideale Leser bin ich selber.Quelle: Michael Lentz
Der sexuelle Missbrauch eines Kindes ist keine Prüfung, kein unvorhergesehener Zwischenfall im Leben, sondern eine tiefe und systemische Erniedrigung, die die Grundfesten des Seins zerstört. Wer einmal Opfer gewesen ist, der ist immer Opfer. Selbst wenn man auf die Füße fällt, wird man es nie wieder ganz los.Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger
Was genau ist ein Monster, wenn nicht ein Wesen so weit außerhalb der Norm, dass man es nicht verstehen kann, dass es sich selbst nicht verstehen kann? Warum sind sie keine Monster, diese Typen, die ihr erigiertes Glied in den Körper ihrer Kinder gesteckt und ihnen dabei ganz leise, damit niemand sie hört, ins Ohr geflüstert haben, sie liebten sie mehr als alles auf der Welt? Sie wollen nicht, dass man sie einzig und allein über ihre Taten definiert. Wahrscheinlich haben sie, wie meine Mutter sagt, auch gute Seiten.Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger
Mir wurde beigebracht, dass die großen Werke der Literatur imstande sind, die einfache und gewöhnliche Erfahrung, die kleine persönliche Geschichte zu übersteigen, sie zu transzendieren, indem sie sprachliche und ästhetische Schöpfungen werden. Ich will ‚in der Sprache sein‘. Das wollte ich schon immer. Andererseits widert es mich an, aus meiner Geschichte Kunst zu machen.Neige Sinno berichtet auch von der Angst, mit ihrem Buch nur zu Radiosendungen zum Thema Inzest eingeladen zu werden. Die Sorge hat sich jedoch als unbegründet erwiesen. Ihr Buch hat in Frankreich zahlreiche Preise erhalten. Verdientermaßen. „Trauriger Tiger“ ist ein bedrückendes, vor allem aber ein radikal aufklärerisches Buch. Neige Sinno gelingt es, in einer präzisen Sprache von extremen Erfahrungen zu erzählen, über die sich kaum sprechen lässt.Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger
Ich fühle mich, als würde ich in zwei verschiedenen Welten leben. Die eine betrete ich, sobald ich im Zug mein Handy einschalte und mir Talkshows oder Bundestagsdebatten ansehe. Die andere Welt ist belebt von Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise in ihrem Viertel oder Dorf engagieren.Wie ein roter Faden zieht sich eine Grundthese durch Tangerdings Buch, die sich so zusammenfassen lässt: Die aufgeregten politischen und medialen Debatten mit ihrem oftmals hochtönenden Gesinnungseifer reden an der Lebenswirklichkeit der Menschen im Lande weitgehend vorbei.Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Würde ich gefragt werden, welche Trends ich im Konfliktverhalten der Menschen sehe, würde meine Antwort eindeutig ausfallen: Nichts ist derzeit so beliebt wie Distanzierung.Obwohl ständig an Dialogbereitschaft appelliert wird, konstatiert Tangerding einen Mangel an Verständigung und einen Überschuss an Brandmauern und Gesprächsverweigerung.Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Ich möchte uns allen empfehlen, die Lautstärke der Debatte ab und zu herunterzudrehen. Und zurückzukehren an die Orte, wo die leiseren Töne der persönlichen Erfahrungen stattfinden: in unsere Straße, unser Viertel, auf unsere Arbeitsstelle, in unseren Verein und in unser Wohnzimmer.Zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltungen plädiert Tangerding für eine Rückkehr aus den abgehobenen Debattenräumen, wo gerne von „den Menschen draußen im Lande“ fabuliert wird, zurück zur sozialen Basis, kein neuer aber nach wie vor bedenkenswerter Vorschlag. Denn schließlich sind Demokratie und Pluralismus zu wertvoll, um sie allein den Schaukämpfen und Spiegelfechtereien auf den medialen Bühnen der Republik zu überlassen.Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Sergej war derjenige, der Ljuda, meinen Kosenamen, zu Lou abkürzte, was mir gefiel, denn so hatte er nichts mit mir zu tun und gab mir eine neue Identität.Quelle: Olga Grjasnowa – Juli, August, September
Der Roman hat natürlich autobiographische Züge. Und es ist auch etwas, womit der Roman spielt. Es ist nicht wirklich meine Autobiographie, aber es sind sehr viele Dinge, die ich mit Lou gemeinsam habe. Es ist zum Beispiel unser beidseitiges Unverständnis der klassischen Musik, es sind bestimmte biographische Anhaltspunkte. Und ich glaube, im Prinzip ist es einfach so, dass ich den Roman so geschrieben habe, dass ich mir überlegt habe, wie mein Leben unter Umständen auch hätte verlaufen können.Im Juli, zu Beginn des Romans, stellt sich Lou und Sergej, dem wohlsituierten Künstlerpaar aus Berlin, immer drängender die Frage, wie jüdisch sie eigentlich seien und ihre kleine Tochter erziehen wollen – als nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden im Land der Täter. Jüdisch sein? Hier? Heute?Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa
Tatsächlich hat für mich angefangen, mein Jüdischsein eine größere Rolle zu spielen, als ich selbst Mutter war, weil sich dann die Frage gestellt hat: Was gebe ich weiter? Wie erziehe ich meine Kinder? Und vor allem bin ich nicht wirklich religiös. Das heißt, mein Judentum hat per se etwas von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion. Die Kultur spielt eine sehr große Rolle, aber nicht die Religion. Und wenn das dann so ist, was mache ich dann mit meinen Kindern? Gebe ich ihnen bestimmte Teile der Kultur mit? Kann man überhaupt sagen, was eine jüdische Kultur ist? Was ist denn dann das Spezifische, was ich weitergeben möchte?Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa
Ich glaube nicht, dass es bei jüdischen Familien etwas anderes ist, sondern ich glaube, dass tatsächlich Lügen zum Familienalltag mitunter gehören. Vielleicht auch noch nicht einmal Lügen, sondern in jeder Familie gibt es bestimmte Geschichten, die man im Laufe des Lebens unterschiedlich erzählt. Man fängt an, dass man manche Geschichten zum Beispiel für die Kinder runterbricht, sie einfacher gestaltet, das Traumatische daran wegnimmt oder auslässt. Und irgendwann hat sich dieses Narrativ verfestigt, und nach und nach fangen die Leute an, mehr zu erzählen, oder sie lassen es einfach. Und die Erinnerung ist auch nicht immer gleich. Man erinnert sich mal besser, mal weniger besser, mal erscheinen andere Sachen in der Erinnerung wichtiger zu sein, Manchmal sind es Lügen, manchmal sind es auch einfach nur Auslassungen, manchmal ist es das Schweigen und all das macht eine Familie eben auch aus.In Lous Familie ist es – wie bei so vielen jüdischen Familien – die Frage danach, welche Katastrophe der Holocaust unter ihnen angerichtet hat und welche traumatischen Folgen er bis heute hinterlässt. Für Lou ist auf Gran Canaria die Chance gekommen, die Geschichten, die ihre Tante Maya darüber verbreitet, mit denen der Mutter abzugleichen.Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa
In meiner Kindheit war der Holocaust allgegenwärtig gewesen, an ihn wurde überall von Nachbarn oder Freunden erinnert. Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. Sie stellte sich selbst in den Mittelpunkt, was ihr gutes Recht war, nur hätte das nicht auf Kosten von Rosa geschehen müssen. Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte. Darum galt nun Mayas Wort, und ich hatte das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen.Quelle: Olga Grjasnowa – Juli, August, September
Lou verbringt in Israel ja eigentlich nur ein paar Tage. Sie versucht einfach nur, kurz auszureißen und sich noch ein bisschen mehr Zeit zu verschaffen. In Berlin erwarten sie nicht die schönsten Sachen, sondern ziemlich viele Probleme. Ich glaube, sie sehnt sich einfach nur danach, noch einmal auf die Pausentaste zu drücken und sich eine ganz winzige Auszeit zu verschaffen. Aber natürlich kann sie sich das nicht selber eingestehen, sie tut es vielleicht sogar an der ein oder anderen Stelle, sondern sie flieht einfach nur und möchte etwas Zeit rausschinden.Und so kehren Lou aus Spanien bzw. Israel und Sergej von einer Konzertreise mit einem potenziellen Seitensprung fast gleichzeitig nach Berlin zurück. Ende Juli aufgebrochen haben sie sich drei Monaten lang um sich selbst und im Kreis gedreht, ohne irgendwie weitergekommen zu sein. Entwicklung ist nicht erkennbar. Olga Grjasnowas neuer Roman ist zwar so souverän und temporeich wie dessen Vorgänger, aber leider deutlich weniger erkenntnisreich. Wenig, was man über heutiges jüdisches Selbstbewusstsein oder eben auch jüdische Selbstzweifel nicht längst gewusst hätte. Wenig, was man als originelle Wendung oder Einsicht verbuchen könnte. Lous Identitätssuche bringt leider nicht weiter. Sie nicht. Und uns nicht. Schade.Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa
Die Wahrheit ist, sie wollen uns nicht.„Sie“, das sind die Weißen: mißtrauische Fischer, die rassistische Lehrerin, der aggressive Polizist, der in seiner Machtlosigkeit mit der Pistole droht, Ruby, das vernachlässigte Mädchen, das, manipuliert und vom Leben betrogen, von der Freundin zur Rivalin wird, und ihr Vater, der im Suff versinkt.Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt
Sein Leben war ein frühes Grab.Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt
Gerade zertrümmerte er eines der Fenster mit einem Besenstiel, als eine Kugel durch seinen Kopf schlägt. Dann fliegen Fackeln durch die zerbrochenen Scheiben.Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt
Im Sommer 2023 wuchs das Gras weiter, als wäre nichts geschehen: es wuchs, als ginge es gar nicht anders, wie um ein weiteres Mal zu zeigen, dass es an seiner Absicht festhielt, aus der Erde zu sprießen, ganz egal, wie viel auf deren Oberfläche gemordet wurde.Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung
Die Stadt im Ausland, wo M. jetzt wohnte, war voll mit Menschen, die aus beiden Ländern geflohen waren, und diejenigen, über die M.s Landsleute hergefallen waren, blickten mit Schrecken und Argwohn auf die einstigen Nachbarn, als hätte deren Leben vor dem Krieg, wie auch immer es ausgesehen hatte, keinerlei Bedeutung mehr, als diente es nur zur Tarnung ihrer Verwandtschaft mit diesem Untier, das immer weiter fraß.Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung
… und doch schien auch sie plötzlich von einer verdächtigen Schleimschicht bedeckt.Im Gegensatz zu M., die eine halbtote Maus im Mund zu verspüren meint, wenn sie nach Worten sucht, verfügt Stepanova über Sprache: Sie schickt ihre haltlose Heldin auf eine Reise. Eigentlich ist das Ziel ein Literaturfestival. Aber die Bahn macht ihr einen Strich durch die Rechnung, ein Anschluss wird verpasst; das Handy gibt den Geist auf, die Veranstalter versetzen sie; so werden die Pläne zugunsten eines ziellosen Treibens aufgegeben. Wir durchstreifen nicht nur M.s Gedanken, sondern mit ihr auch eine fremde Stadt, folgen mit ihr einem Mann, der sie fasziniert und den sie später kennenlernt. Es scheint, als würde der geplatzte Termin eine Last von ihr nehmen. Fast ist es, als würde sie sich für einen Moment ihrer Identität entledigen, sich häuten, den Absprung schaffen. Sie heuert als zersägte Jungfrau bei einem Wanderzirkus an, gerät immer weiter in eine märchenhaft anmutende Szenerie, und am Ende scheint sie im Zirkusdirektor Peter Cohn einen blinden Seher vor sich zu haben.Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung
Du bist keine Rumänin, sagte Cohn noch einmal; in seinen schwarzen Brillengläsern schaukelten zwei große Glühbirnen. Du bist eine von uns, Liebes, eine Jüdin, ja? Und M., die sich seit Monaten immer nur als Russin bezeichnet hatte, als russische Schriftstellerin, als russischsprachige Person, wiederholte beinahe verwundert: ja.Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung
Am nächsten Tisch streckt Ivan seinen Arm üben den Kopf, legt die Hand zwischen die Schultern und massiert sich den unteren Nacken mit den Fingerspitzen. Unter den Armen hat er zwei dunkle Schweißflecke. Er ist nicht besonders warm in dem Raum, obwohl es sehr hell ist, also schwitzt er wahrscheinlich vor Konzentration.Quelle: Aus: Sally Rooney – Intermezzo
Morgens, zischendes Eisen, gebuttertes Brötchen, Milligramm Alprazolam, blaue oder grüne Krawatte. Er steht am Esstisch, sortiert seine Papiere, während der Kaffee abkühlt, Gedanken rasen in abgebrochenen Sätzen, Diskussionsfetzen, Ideen strömen auseinander und treffen sich wieder, schweißkalte Hände beim Umblättern der Seiten.Das ist die Grundkonstellation dieses Romans.Quelle: Aus: Sally Rooney – Intermezzo
Die deutsche Einheit ist nicht nur längst vollzogen. Sie ist auch eine Erfolgsgeschichte geworden. Das ist nur noch nicht durchgedrungen.Aus Kowalczuks Sicht nämlich haben viele Ostdeutsche nie begriffen, dass Demokratie im Kern nicht D-Mark, Mallorca-Reisen und Rundumversorgung bedeutet. Sondern dass Diktatur-Sozialisierte zu citoyens heranreifen müssen:Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock
Freiheit ist eine Angelegenheit, die nur funktionieren kann, wenn sich der Einzelne bewegt und sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt.Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock
Genau das wird einem in der Diktatur mit allen Mitteln abgenommen, abtrainiert, brutal weggenommen.Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock
Sie erfanden einen Westen, den es nie gab. Sie konstruierten eine Idylle, die sie am 18. März 1990 herbeiwählen wollten. Eine Fehlwahrnehmung, die fast niemand dem eigenen Unvermögen anlastete, sondern dem Westen selbst, der sie angeblich getäuscht, betrogen, belogen hätte.Hier muss man Kowalczuk allerdings entgegenhalten, dass alle bundesdeutschen Parteien außer den Grünen den Volkskammerwahlkampf aktiv gekapert hatten - und mit ihm die eigene Demokratie-Bewegung der DDR. Ost-Oppositionelle wie Rainer Eppelmann, Markus Meckel, Konrad Weiß, Jens Reich - sie bekamen nie wirklich die Chance, ihre Landsleute adäquat mit den Anforderungen der parlamentarischen Demokratie vertraut zu machen. In der großen Unsicherheit danach wurde die DDR bald rosarot verklärt. Und Kowalczuk trifft ins Schwarze, wenn er über diese Verklärer schreibt:Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock
Sie repräsentieren eine große ostdeutsche Mehrheit, die mit ihrer unverarbeiteten Diktatursozialisation weder die Vergangenheit verarbeitet, noch die Herausforderungen der repräsentativen Demokratie und die Kraft der Freiheit verarbeitet hat. Es gab keine Demokratie- und Freiheitsschulung im Osten. So etwas wie Re-Education in Westdeutschland fehlte.Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock
Ausländer sind dumm und laut, und wenn sie an einem vorbeigehen, betäubt einen der Gestank, den sie absondern. Wenn man ihnen Arbeit gibt, stehlen sie Geld. Und gibt man ihnen eine Wohnung, machen sie darin alles kaputt, auch wenn sie nicht einmal selbst dafür bezahlen.Auf der zweiten Erzählebene beginnt Bekims Mutter Emine ihre Lebensgeschichte mit ihrer Verheiratung im Jahr 1980, einem archaischen, kosovarischen Fest, das nach festen Regeln abläuft. Es findet ein abruptes Ende, weil Tito stirbt und das Land in Trauer versinkt. Früher, so erfährt Emine vor der Hochzeitsnacht, sei es Brauch gewesen, dass der Ehemann eine Katze ins Schlafgemach brachte, um sie vor den Augen der Braut zu erwürgen und so seine Macht zu demonstrieren.Quelle: Pajtim Statovci – Meine Katze Jugoslawien
Erst in dem Moment begriff ich, dass ich mein ganzes restliches Leben mit ihm verbringen würde, und dieser Gedanke schlug in meine Rippen ein wie eine Abrissbirne in ein Haus. (…) Und wenn wir nie lernen würden, uns zu lieben? Was würde dann geschehen?Quelle: Pajtim Statovci – Meine Katze Jugoslawien
Bessere Technologie sorgt nicht einfach für bessere Arbeitsbedingungen oder bessere Bezahlung. Diese Veränderungen mussten in der Vergangenheit und müssen auch heute noch erkämpft und erstritten werden.Dass das auch in Hinblick auf KI der Fall ist, zeigt Weber anhand des Streiks der Drehbuchautorinnen und -autoren in Hollywood. Die Gewerkschaft forderte unter anderem, dass die KI bei tarifgeschützten Projekten kein literarisches Material schreiben darf. Damit soll sichergestellt werden, dass KI die Autorinnen und Autoren auch in Zukunft nicht ersetzt. Bekannte Schauspieler wie George Clooney unterstützen die Forderungen. Zudem erläutert Weber, welche Strategien verschiedene politische und gesellschaftliche Akteure für den Umgang mit KI entwickeln: Etwa den AI-Act der Europäischen Union, der den Einsatz von KI in Forschung und Wirtschaft regulieren soll. Vieles davon ist weitläufig bekannt und die zugehörigen Argumente nicht unbedingt neu. Doch Webers kompakte Zusammenstellung des Status Quo macht deutlich, wie vielschichtig die KI-Debatte ist.Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen!
Wir fragen die KI: Hat der Patient Vorerkrankungen? Es dauert kurz, dann erscheint ein ausführlicher Satz, der alle Vorerkrankungen beschreibt. Weil die KI nicht nur eine These ausspuckt, sondern auch die Quellen angibt, können die Ärztinnen und Ärzte nachsehen, ob alles stimmt, ohne sich durch Berge an Dokumenten zu wühlen. Eine Zeitersparnis, die gleichzeitig die medizinische Versorgung verbessert.Bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten verliert Weber nicht aus den Augen, dass der Einsatz von KI auch höchst problematisch sein kann: Wenn etwa Konzerne wie Amazon mithilfe von algorithmischem Management ihre Mitarbeitenden überwachen oder KI in Bewerbungsprozessen vorhandene Ungleichheiten reproduziert. Denn:Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen!
Am Ende formalisiert die KI ja nur die Muster, mit denen sie trainiert wird – und wenn diese Muster sexistisch oder rassistisch sind, wird es eben auch die KI.Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen!
Technologien sind kein Selbstzweck. Wir als Menschen, als Gesellschaft müssen aktiv überlegen, entscheiden und umsetzen, wie eine positive Zukunft unserer Arbeitswelt aussehen soll, die gut für möglichst viele von uns ist. Dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Denn die KI-Revolution ist weitreichender als viele glauben – und sie hat längst begonnen.Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen!
Ein Geschöpf, das auf ihrer Insel nicht heimisch war und nicht zu ihrem Leben gehörte, war trotzdem gekommen. Es war meilenweit durch die nasse schwarze Nacht geschwommen, um an ihrer Haustür zu landen. Es galt als aggressiv, war aber eher sanft. Es galt als wild, verhielt sich aber zahm.Julia Phillips spielt in „Cascadia“ ganz bewusst mit Märchenelementen. Ihrem Roman hat sie ein Zitat aus „Schneeweißchen und Rosenrot“ voran gestellt. Der Bär wird in „Cascadia“ zu einem symbolischen Gefäß, in dem die unterschiedlichen Gefühle der beiden vermeintlich symbiotischen Schwestern gesammelt werden: Sehnsucht, Furcht, Glückserwartung, Zuneigungsbedürfnis.
‚Ist das nicht toll?‘, fragte sie Sam. ‚Kommt dir das nicht auch magisch vor?‘Quelle: Julia Phillips – Cascadia
Wir mussten eine Hypothek auf das Haus aufnehmen, Sam. Du hast keine Ahnung, wie viele Schulden sich durch Moms Arztrechnungen angehäuft haben. Seit Jahren steht uns das Wasser bis zum Hals. Wenn wir verkaufen, hat nur die Bank etwas davon, und wir hätten kein Dach mehr über dem Kopf.‘Julia Phillips kommt mit „Cascadia“ nicht an die Qualität ihres Debütromans heran. Ja, auch dieses Buch ist passagenweise spannend; die Verbindung von Landschaft und Figuren ist schlüssig. Aber hin und wieder knarrt die Mechanik der Konstruktion allzu laut, und auch das Verhältnis der beiden Halbschwestern ist recht schematisch gezeichnet. Dass eine solche Geschichte nicht gut ausgehen kann, versteht sich: Wie in den Grimm‘schen Märchen liegen Grausamkeit und Erlösung auch hier dicht beieinander.
Sam hörte Elenas Worte, doch ihre Bedeutung war fragmentarisch, wie Bruchstücke eines Spiegels.Quelle: Julia Phillips – Cascadia
Sie trug ein hellgelbes ärmelloses Kleid mit schwachem Blümchenaufdruck, es war peinlich sauber, wie wir später sahen, wenn auch nicht neu, und sie drehte sich ein paar Mal zu uns um, als ahnte sie, dass wir ihretwegen gekommen waren.Wie lernen Eltern und Kind sich kennen und lieben? Was bedeutet es, wenn dieses Kind von einer anderen Frau geboren wurde, dazu in einem anderen Land, es zunächst keine gemeinsame Sprache gibt und das alles für Außenstehende ganz offensichtlich ist?Quelle: Ulrike Draesner - zu lieben
Ah, adoptiert“, sagt man zu mir. Ein „nur“ schwingt mit. Das Zweiteklassegefühl stellt sich ein. „Aus Sri Lanka“, sage ich. Mein Gegenüber sagt: „Ach deswegen.“ Ich nehme an, er oder sie meint unser „diverses“ Äußeres. Jetzt ist es erklärt.: „Nur adoptiert.“Draesner widerlegt dieses „nur“ auf knapp 350 Seiten eindringlich. Es geht um Überwindung von anfänglicher Fremdheit mit Liebe, Mut und Zutrauen. Auch das Kind hat Angst. So duldet Mary lange keine Berührung von der Frau, die ihre Mutter werden will und wird.Quelle: Ulrike Draesner - zu lieben
Mary ließ sich gern Dinge zeigen. Wir schwitzten und führten vor, wir waren erschöpft und grinsten, wir sprangen durch den Sand, und die Flöhe bissen uns in Füße und Waden. Wir wurden angelächelt, sie winkte uns zum Abschied vom Arm einer Helferin.Auch formal ist dieses Buch von Ulrike Draesner (wieder) hochspannend. Auf dem Cover steht Roman – allerdings ist das Wort durchgestrichen, beinhaltet also das „Ja“ und das „Nein“, und tatsächlich ist „zu lieben“ beides, autobiographische Erzählung UND Roman. Im Text finden sich ebenfalls ab und zu durchgestrichene Sätze oder Worte, die von der Suche nach dem passenden Ausdruck zeugen sowie am Beginn einzelner Kapitel aus Buchstaben und Worten geformte Vignetten, zum Beispiel eine Fahne aus den Worten schwarz rot gold.Quelle: Ulrike Draesner - zu lieben
Hunter sagte, ich sollte erwachsen sein. Sagte es leise, wie nebenbei, als wäre es nichts. Während er es sagte, verlor ich seine Augen, ich meine, sie wurden leer, es war, als spiegelte ich mich nicht mehr in ihnen, als rutschte ich an ihm ab. Ich rutschte aus ihm heraus.Dieses Buch trifft ins Herz, so dicht, so unmittelbar ist es erzählt, doch immer wieder wechselt die Autorin den Ton, analysiert, reflektiert, fragt: In welcher Gesellschaft wollen wir leben – mit welchem Familienbild? Das Thema Mutterschaft ist ein großes in den Neuerscheinungen dieses Herbstes, hier wird es auf noch einmal andere Weise erzählt. Eine ebenso schmerzhafte wie beglückende Lektüre:Quelle: Ulrike Draesner - zu lieben
Ich sage: „Mary ist meine Tochter.“ Es ist ein sehr genauer Satz. Mein genauester Satz. „Ever“, würde Mary sagen. „Dein genauester Satz, Mama, ever.“ Wir haben ihn uns erlebt. Wir erleben ihn uns jeden Tag.Quelle: Ulrike Draesner - zu lieben
Wenn er im Auto sang, bewegte er die Arme dazu wie Windmühlenflügel, unterstrich einzelne Verse mit feierlichen Gesten und rief: »Verstehst du? ›Le grandi gelaterie di lampone che fumano lente‹ – die großen, qualmenden Himbeereisfabriken. Was für Poesie!« »Lass die Hände am Steuer! Wenn wir draufgehen, ist Schluss mit Poesie«, erwiderte ich trocken. Aber meistens sang ich mit, genauso falsch und mit beinahe genauso wilden Gesten.Es ist einer der wenigen unbeschwerten Momente an die sich Marta Barone in „Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand“ erinnert. Die beiden teilen die Leidenschaft für die Literatur, die Poesie und das Meer. Und doch erlebte die Autorin ihren 1945 geborenen Vater Leonardo meist als distanzierten, oft rätselhaften Mann.Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Rasch blätterte ich [die Verteidigungsschrift] durch. Sechzehn Seiten, Fotokopien des maschinengeschriebenen, paginierten Originals. ‚In erster Instanz wurde der Berufungskläger der Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung Prima Linea für schuldig befunden, da als erwiesen angesehen wurde, dass „der Barone“ […] der Organisation substanzielle Dienste geleistet hat, indem er die medizinische Versorgung eines ihrer Aktivisten übernahm […]‘Jedes Gespräch und jedes Dokument fördern neue Erkenntnisse zutage – und werfen zugleich neue Fragen auf, die Archivfotos und Akten nicht beantworten können: Warum kehrt der reflektierte junge Mann dem akademischen Leben den Rücken? Was führt dazu, dass der examinierte Arzt einer Parteiideologie folgend als Straßenbahnputzer arbeitet? Marta Barone weiß, dass diese Fragen nach dem Tod Leonardos für immer unbeantwortet bleiben. Und doch versucht sie, sich dem Unbekannten vorsichtig anzunähern. Ihre Gedankenspiele ermutigen auch Leserinnen und Leser dazu, Situationen wie etwa Leonardos Ausharren in der Untersuchungshaft nachzuempfinden.Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Was mag er da drin wohl empfunden haben, abends, wenn es nichts zu tun gab? Während er in der stickigen Zelle saß und das Tageslicht schräg durch das kleine Fenster fiel? Wenn er auf einen Stuhl stieg, so schreibt er in einem Brief, konnte er die umliegenden Dächer sehen. Fragte er sich, wann er wieder echtes Tageslicht zu sehen bekäme, außerhalb der Mauern?Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
[…] Tonino Miccichè, ein fünfundzwanzigjähriger Sizilianer [...] war ein geschickter Organisator […] und hatte alles so hervorragend geregelt, dass man ihn scherzhaft den »Bürgermeister von Falchera« nannte. Dort, in Falchera, war einem der »offiziellen« Wachmänner versehentlich eine zweite Garage zugeteilt worden, und die Besetzer hatten ihn mehrfach gebeten, sie ihnen für ihre Treffen zu überlassen, damit sie abends nicht immer so viel Lärm auf der Straße veranstalten mussten. Doch der Wachmann blieb eisern. Eines Abends brachen sie deshalb kurzerhand die Garagentür auf und schoben das Auto davor. […] Ein paar Minuten später schnappte der Wachmann sich seine Pistole und kam […] herunter. Miccichè trat versöhnlich lächelnd auf [ihn][…] zu. Der Wachmann schoss ihm genau zwischen die Augen.Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Meine Vergangenheit erschien mir wie ein einziger, langer Tag […] Vage, aber deutlich wahrnehmbar, empfand ich völlige Kontinuität zwischen meinem Bewusstsein von mir selbst mit acht, zwölf oder zwanzig Jahren und dem von heute. Das meiste, was ich gesehen und erlebt hatte […], war mir so präsent wie meine gelbe Obstschale, wie die Grille, die den Sommer überlebt hatte und noch immer einsam vor meinem Fenster zirpte, wie das Glucksen des Neugeborenen von nebenan.Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Wenn Zeitreisen möglich sind, wird es sie geben. Wenn es sie geben wird, gibt es sie bereits. Aber glaubt ihr im Ernst, dass die Menschen, die die Macht haben, durch die Zeit zu reisen, das verraten würden? Natürlich nicht!Es beginnt mit einer Panne, die etwas Tragikomisches hat: Die fünfzigjährige Durga will die Asche ihrer Mutter verstreuen, aber ein Windstoß weht sie ihr und den Trauergästen ins Gesicht, zwischen die Zähne. Durga aus Köln ist Drehbuchautorin. Das Verhältnis zu ihrer deutschen Mutter war schwierig, ihr Vater ist aus Indien. Und die Mutter lässt sie nicht los, die lineare Zeit wird löchrig.Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie
Mein Bauch war nicht nur so flach wie seit Jahren nicht mehr, er kurvte auch nach innen zu seidigen Schamhaaren, und darunter … schaute … ein … Penis hervor. Gebannt streckte ich meine Hand aus und tippte vorsichtig mit dem Mittelfinger dagegen.Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie
Literatur ist ein wildes, neugieriges Gespräch über die Generationen hinweg. Und die Funktion von Krimis ist dabei, Verborgenes sichtbar zu machen. In unserem Fall die unsichtbare Kolonialgeschichte in der Popkultur. Durga war von sich selbst beeindruckt.Wie Mithu Sanyal Gandhi hier als gar nicht so sympathische Figur zeichnet, wie sie an die Wurzel von Freiheitskampf und Terrorismus geht, ist elektrisierend. Durgas Zeitreise im Körper eines Mannes ist erotisch, witzig und gleichzeitig von Trauer durchsetzt: Die Asche fliegt uns als Lesenden zurück in den Mund. Als die Geschichte, die wir ignorieren, unterdrücken, nicht sehen wollen. Brillant.Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie
Memory Lane / Nur einmal traben Pferde die Memory Lane hinunter, / die Spuren ihrer Hufe jedoch bleiben für immer …In diesen schlagerhaften Zeilen verbirgt sich das Geheimnis des Erinnerns und die Poetologie Modianos: Die Spuren von Begegnungen und Ereignissen mögen verwischen, aber da sind sie gleichwohl. Manchmal genügt eine unscheinbare Gefühlsregung, um das Verlangen zu wecken, ihnen nachzugehen, ihnen zurück in eine andere Zeit zu folgen, zurück in die Jugend. Das hat etwas Detektivisches, und auch wieder nicht. Denn bei Modiano werden keine Fälle gelöst. Im Gegenteil: Das Mysterium des Verschwundenen, der Toten oder eines längst nicht mehr existierenden Paris wird nur immer größer, niemals jedoch zu den Akten gelegt.Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
Paul Contour: sein Leichtsinn, aber auch sein Gesicht, das mir zerfurcht schien in der Sonne von Antibes. Maddy: sie hielt besser stand, dank ihrer schön geschwungenen Brauen, ihrer Augen, in denen Fjorde aufblitzten, und ihres Lächelns. Bourdon: er trug oft eine Seglermütze, hatte seine Pfeife im Mund, und es ging einem zu Herzen, dass er aussehen wollte wie ein Südseekapitän.Dazu kommt Bourdons Kindheitsfreund Winegrain mit seinem leeren Blick und dessen Freundin Françoise, schüchtern und ihrem Liebhaber hoffnungslos ergeben. Da ist der alte Antiquitätenhändler Claude Delval. Und der Amerikaner Doug „mit dem roten, pockennarbigen Gesicht“, immerzu „Memory Lane“ vor sich hin singend. Der Krieg ist noch nicht lange vorbei, das Leben muss in vollen Zügen genossen werden, aber es ist ein Vergnügen auf Kredit – hinter der Fassade entdeckt man eine Müdigkeit und Melancholie.Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
Ich, der so oft bei den anderen das Älterwerden beobachtete, musste mich nun meinerseits an die Vorstellung gewöhnen, dass meine Jugend zu Ende ging.Mit welcher unaufdringlich simplen Eleganz und in welch schwebend-dämmriger Stimmung das erzählt wird, ist wie immer bei Patrick Modiano betörend und schmerzhaft zugleich. Je stärker das Vergangene sich in die Gegenwart schiebt, desto deutlicher spürbar wird die Vergänglichkeit. Pierre Le-Tans Zeichnungen sind realistische Illustrationen von Interieurs und vage bleibender Figuren, versehen mit Unterzeilen, die nicht dem Text entnommen sind, sondern ihn weiterführen. „Memory Lane“ ist zweifelsohne ein Nebenwerk Modianos, schmaler noch als seine üblicherweise schmalen Romane. Aber kondensiert ist auch hier das Besondere dieses Autors zu spüren.Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
You see mystery is an intellectual process, like in a „Who-done-it“. But suspense is essentially an emotional process. Therefore you can only get the suspense element going by giving the audience information.Im Buch macht Hitchcock seine Idee von „Suspense“ noch deutlicher:
Das Geheimnisvolle ist ein intellektueller Prozess, wie in einem Who-done-it. Aber „Suspense“ ist ganz wesentlich ein emotionaler Prozess. Und den bringt man nur in Gang, wenn man dem Publikum Informationen gibt.
Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es. Es weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55. Die unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: ‚Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe und gleich wird sie explodieren!‘.Quelle: Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock
Unter großen Mühen erhebt er sich vom Stuhl, fällt einmal in diesen zurück, erhebt sich erneut und hält seine Dankesrede. Es ist eine Liebeserklärung vor einem Millionenpublikum. Es hat etwas sehr Ergreifendes, wenn diese pragmatische, selbst so schwerkranke Frau, Alma Reville, kurz ihr Gesicht hinter den Händen verbirgt und die Tränen zu sehen sind, die ihr in den Augen stehen.Quelle: Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock
Am Abend auf Reisen zu gehen hat etwas unabweisbar Beglückendes, man kann es sich eigentlich nicht recht erklären, aber da es anhält, vertraut man irgendwann darauf.Zitiert sie den Autor Steffen Kopetzky, der im Buch immer wieder auftaucht. Bevor es aber losgehen kann, gibt es oft jede Menge Hürden zu überwinden: Da gibt es Verbindungen, die im Internet nicht angezeigt, Fahrkarten, die online nicht gebucht werden können, Fahrkartenschalter, die kaum zu finden sind und deren Personal teilweise nicht in der Lage ist, sagen wir, ein Ticket von Berlin nach Istanbul zu buchen.Quelle: Steffen Kopetzky
Erstens: Die Bewegung des Zuges und mein Ruhezustand innerhalb dieser Bewegung schärfen die Aufmerksamkeit. Zweitens, weil ich hier die Muße habe, meiner Ausdruckslust freien Lauf zu lassen.In dreizehn Kapiteln, denen jeweils eine Karte der betreffenden Fahrtstrecke vorangestellt ist, umkreist Hyatt verschiedene Aspekte ihrer Nachtzugreisen, die sie unter anderem nach Edinburgh, Valencia, Athen oder sogar ins georgische Tbilissi führen.Quelle: Millay Hyatt – Nachtzugtage
Ich löse mich auf, werde unsichtbar, es bleibt nichts von mir übrig als mein Beobachtungsvermögen.Wenn sie dem Streit fremder Paare lauscht oder beobachtet, wie sich eine Frau auf einem Bahnhofsklo verstohlen den Schritt wäscht, ist Millay Hyatt immer auch Voyeurin, aber eine, die stets versucht, sich dies bewusst zu machen und das Bewusstsein für den eigenen Blick zu schärfen. Hyatt gibt darüber hinaus oft Einblick in ihr Leben, etwa wenn sie über ihre Trennung schreibt oder an der Pariser Gare de l’Est einer vor kurzem wieder aufgeflammten Liebe nachspürt.Quelle: Millay Hyatt – Nachtzugtage
Liebe sei eine Kunst, die sie nicht beherrsche. Jeder ihrer Versuche sei gescheitert. Sie taumele von Affäre zu Affäre. Es sei eine Sucht. Sie sehe keinen Ausweg aus der Grundmelodie ihres Lebens, der Klage, dem Lamento. Für sie gebe es nirgendwo einen Platz, nicht in einer Familie, nicht in einer Gruppe, nicht innerhalb der Gesellschaft oder einer anderen sozialen Ordnung.Gerade einmal 110 Seiten umfasst „Die letzte Patientin“. Das ist selbst für Ulrike Edschmid ein kurzes Buch. Ein Buch allerdings, in dem die Stärken der mittlerweile 84 Jahre alten Schriftstellerin voll zum Tragen kommen. Auf den ersten Blick erscheint die Ich-Erzählerin nur als Medium, das aus Briefen Telefonaten und Tonbandaufzeichnungen ein Leben rekonstruiert. Doch das, was den Roman ausmacht, seine Kälte und seine ungeheure Verdichtung, ist das Werk derjenigen, die all diese Informationen ordnet und versprachlicht.Quelle: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Sie nahm Drogen und war mit vierzehn Jahren von zu Hause zum Sozialamt geflohen und hatte Hilfe gesucht. Die Eltern getrennt. Zur Mutter kein Kontakt. Vater Geschäftsmann mit Unternehmen im Ausland. Sie war sechzehn. Schwer traumatisiert, hatte die Leiterin der Anlaufstelle gesagt, sei ihr Inneres angefüllt mit Schreckensbildern.Die junge Ausreißerin wird in den letzten Jahren der Luxemburgerin zu deren Lebensthema: N., so wird das Mädchen genannt, spricht nicht. Über zehn Jahre hinweg sitzt N. in der Praxis ihrer Therapeutin und schweigt, unwillig oder unfähig, die eigenen Verletzungen in Worte zu fassen.Quelle: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Meine Aufzeichnungen handeln zunächst von Deinem Willen zum Leben, ich werde nicht einmal die Bezeichnung der Krankheit benutzen, die Dich getroffen hat. Die Aufrichtigkeit rufe ich auf als Begleiterin meiner Reise. Es kann nicht anders sein, als dass ich dabei an Grenzen gehe. Genau wie Du es getan hast.So wie hier spricht der Autor seine Gefährtin oft direkt an, er schreibt nicht über sie, sondern gleichsam im Dialog mit ihr. Begründet ist das durch die emotionale Nähe, zugleich ist es aber auch ein Kunstmittel, das diesen Aufzeichnungen ihre lebendige, ergreifende Form verleiht.Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Niemals habe ich erlebt, dass Du versucht hättest, Deiner Erkrankung eine Sinnhaftigkeit abzugewinnen. Oder Dich und andere zu fragen, weshalb sie Dich getroffen hat, warum in dieser Form. Sie war einfach da und es galt, daraus das Beste zu machen. Für Dich und für uns.Ruth Schweikert war eine Schriftstellerin der harten Lebensprobleme, der unglücklichen Herkunft, der jugendlichen Nöte, der fortwährenden Konflikte zwischen Rückschlägen und Freiheitslust. Auf ein vergeleichbares Konfliktfeld des nervenaufreibenden Auf und Ab wurde sie durch die Krankheit gezwungen. Über das Werk seiner Gefährtin sagt Bergkraut:Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Was Du schreibst ist nicht Bekenntnis, es ist Literatur. Deine Erlebnisse flossen in Dein Werk, auch die schlimmen.Ähnliches lässt sich über Bergkrauts Buch sagen. In der Konfrontation mit dem Tod verwandelte sich die Intimität der Paarbeziehung in einen schwierigen Balanceakt, von dem der Autor mit Offenheit und sicherem literarischem Feingefühl Zeugnis ablegt.Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Manchmal klappe ich auf dem Sofa sitzend den Laptop auf und notiere etwas, mein Gedächtnis lässt nach. Meine Notizen sind auch dazu da, besser zu verstehen, was Dir - und damit auch mir und uns - widerfährt.Das Verstehen einer solchen Extremsituation ist das, was Bergkraut auch seiner Leserschaft ermöglicht. Und obwohl er völlig freimütig Einblick gewährt, wird niemand durch die Lektüre in eine voyeuristische Position gedrängt. Mit dieser Geschichte eines Abschieds hat Eric Bergkraut ein leidenschaftliches, klarsichtiges Stück Literatur geschrieben. Es atmet den Geist von Liebe, Empathie und Vernunft. Und zugleich weitet sich dieser Abschied zu einem sehr lebendigen Porträt der Schriftstellerin und des Menschen Ruth Schweikert. Ein schöneres Epitaph lässt sich kaum denken.Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
'Kleines Haus am Wald/Morgen komm ich bald…' diesen Herbert-Roth-Schlager aus der Zeit ihrer Jugend hatte Ida vor sich hin gesummt, während sie ihren Koffer packte, um am nächsten Tag bei Elvira einzuziehen.Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole
Elviras ‚Eigenheim‘, ein rauputzgrauer Würfel mit Eternitdach, befindet sich auf einem Eckgrundstück am Rande eines Dorfes nahe der Hauptstadt, von der aus es per Auto gut, per Regionalbahn und Bus aber nur bis neun Uhr abends zu erreichen ist. Elvira nannte ihre abgelegene Gegend einmal „das letzte Loch im Berliner Speckgürtel“.Es ist also nicht direkt das schlagersehnsüchtige „kleine Haus am Wald“, in das die stets perfekt geschminkte, auf Kleidung wertlegende Ida zieht. Sie muss keine Miete zahlen. Als Ausgleich soll sie der Freundin im Haushalt zur Hand gehen und bei der Betreuung des halbwüchsigen, titelgebenden Enkel Ole helfen.Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole
Sein Intelligenzquotient soll etwa bei vierzig liegen, zudem gilt er als autistisch. Von der allgemeinen Schulpflicht ist er jedenfalls befreit und in die Sonderschule geht er auch nicht. Seine Oma Elvira hat ihn unterrichtet, so gut es ging. Lesen, schreiben, rechnen kann er nicht, dafür hantiert er gern mit Buntstiften und Elvira gefielen seine Bilder…Oma Elvira war wohl nicht unschuldig an der Behinderung des Neugeborenen. Jedenfalls erzählt Katja Lange-Müller eine ziemlich schreckliche Mutter-Tochter-Geschichte, in deren Folgen ein hirngestörter Säugling auf die Welt kommt. Überhaupt gelingt es ihr, die Lebensgeschichten dieser drei Frauen in Rückschauen lebendig werden zu lassen.Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole
Die Ruhe kam mit den Wochen. Das Ausbleiben ewiger Forderungen war eine Tatsache. Kein schmerzerfülltes Stöhnen von Herrn Weiß, keine gehässige Stimme von Frau Weiß. (…) Kein ‚Schrubb!‘. Kein ‚Saug!‘. Kein ‚Kriech!‘. Kein ‚Trag!‘. Kein ‚Joooohhhlaaa!‘.Dass Deutsche Jolas Vornamen partout falsch, nämlich mit einem langen O, aussprechen, wird im Roman zum Zeichen für die fehlende Empathie auf der Gegenseite. Zu Romanbeginn wagt Jola trotzdem einen Neuanfang, bei einer gut situierten Familie in Hamburg, mit Arbeitsbedingungen, die fast zu schön klingen, um wahr zu sein. Weshalb man bei der Lektüre, quasi gemeinsam mit der Protagonistin, immer wieder auf den unvermeidlichen Haken wartet.Quelle: Mia Raben – Unter Dojczen
‚Theo … wir fahr’n nach Lodsch!‘, sang Uschi und lachte. Jola hasste es, wenn Deutsche dieses bescheuerte Lied von Vicky Leandros anstimmten, sobald es um ihre Heimatstadt ging. Ihre Lehrerin hatte ihnen damals erzählt, dass Überlebende des Ghetto Litzmannstadt berichtet hatten, dieses Lied sei von SS-Männern an der Rampe gesungen worden, aber Jola fehlte jetzt die Kraft, Uschi darauf hinzuweisen.Wie sich trotz aller Unterschiede eine Art Freundschaft zwischen den beiden Frauen entwickelt, ist durchaus anrührend zu lesen und erinnert ein wenig an den Kinohit „Ziemlich beste Freunde“. Zumal die Zeit bei den von Klewens Jola erlaubt, wieder zu sich zu kommen und endlich wieder zu träumen. Etwa davon, eine eigene Vermittlungsagentur zu gründen, mit fairen Arbeitsbedingungen für ihre Kolleginnen. Die Unterstützung der von Klewens macht es am Ende möglich.Quelle: Mia Raben – Unter Dojczen
Wie keine andere hat die bundesdeutsche 68er-Generation die politischen Debatten im Land geprägt. Die Intervention der Jungen hatte Wirkung und war ein Katalysator für die Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft. Und im Osten? Dort hatte der korrumpierte Buchenwald-Komplex die Gesellschaft ins gedächtnispolitische Nirwana geschickt.Die Opfer des Holocaust kamen in der Legende von den kommunistischen Buchenwald-Kämpfern nicht vor. Der instrumentalisierte, rote Antifaschismus kreiste – schreibt die Autorin - „um die 72 deutschen Kommunisten, die in Buchenwald ums Leben gekommen waren. 72 von insgesamt 56.000“. Ines Geipel dagegen geht ganz anders vor: Sie berichtet von ihrer eigenen Familie: von Täterfamilien, von einem doppelten Schweigen, das zu einem doppelten Trauma führte.Quelle: Ines Geipel – Fabelland
Anders als der Generation im Westen war es im Osten nicht möglich, sich auf die Siegerseite der Geschichte hinüberzuerzählen.Quelle: Ines Geipel – Fabelland
Sie wollen es anders machen. Sie wollen auf der Bühne gemeinsam über Sehnsucht nachdenken. Die Sehnsucht nach Aufarbeitung. Das sagen sie wirklich.Es ist eine aufregende Reise durch das verminte Gelände der Schuldverdrängung, die die Autorin unternimmt. Auf jeden Fall lesenswert.Quelle: Ines Geipel – Fabelland
In solch finsteren Momenten kommt es mir dann fast verrückt vor, zig Stunden, Tage, Wochen, ja schon etliche Monate lang meine ganze Energie darauf gerichtet zu haben, im 31. Jahr in Folge, unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und unter dem wachsenden Druck der ausufernden Bürokratie, eine neue GEDICHT-Ausgabe auf die Beine zu stellen. Aber dann werde ich schnell wieder ganz ruhig und entspannt, wenn ich mich hochkonzentriert und mit allen Sinnen hineingebe in die lyrische Welt meiner Mitpoetinnen und Mitpoeten.Quelle: Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise
die Stille dort wie der Wind im Glas/Die Verse aus diesem eindrucksvollen Gedicht des 1962 geborenen, noch viel zu wenig bekannten Heinz Peter Geißler herauszugreifen, mag angesichts der Breite dieser 31. Ausgabe von „Das Gedicht“ zwar ungerecht erscheinen.
ob es damit zusammenhängt, weiß ich nicht/
im Zimmer meiner Mutter gibt es ein Sofa/
auf dem seit fünfzig Jahren nur eine Puppe sitzt/
ehe ich jedenfalls zu Ende abwäge/
ob die Stille dort wie der Wind im Glas oder/
doch eher wie eine Gegenwartsschleppe ist/
verschwindet der laut dröhnende/
Mittagsflieger über mir und/
Nimmt seinen ganzen Schall mit […]Quelle: Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise
Mein berufliches Engagement für die Themen Solarenergie und Nachhaltigkeit ließ bei mir gar nicht erst den Gedanken aufkommen, die Menschheit könnte den Wettlauf gegen die Erderhitzung verlieren. Bis mich auf einer Strategietagung bei einer hitzigen Debatte über Klimaschutz einer meiner engsten Kollegen abends beim Bier mitleidig ansah und meinte: „Du bist doch verrückt. Sei mal realistisch: Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten. Genieß Dein Leben und gib Ruh!“Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Dieses Handlungsmuster des Wegschauens und Augenverschließens ist natürlich zutiefst menschlich und sogar verständlich. Es entspricht den ersten Reaktionen auf eine schlimme Nachricht, die uns überfordert, sei es eine lebensbedrohliche medizinische Diagnose, [..] die Aussicht auf einen ruinösen Rechtsstreit oder eben die Prognose der Klimawissenschaften.Mit gut nachvollziehbaren Zusammenfassungen und Vergleichen appelliert Bubenzer an das Verständnis seiner Leserinnen und Leser, vergleicht die Atmosphäre mit einer Allmende, deren Nutzung ebenso wie zum Beispiel die des Wassers gemeinsamer Regeln bedürfe. Und Eile sei geboten.Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Es besteht die konkrete und akute Gefahr, dass in 50 bis 100 Jahren weite Teile unserer Erde nicht mehr bewohnbar und Millionen von Menschen auf der Flucht vor Hitze, Überflutung, Hunger und Krieg sein werden.Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Mit dem Klima [..] kann man keine Deals aushandeln. Die Natur ist der Boss. Und der ist völlig leidenschaftslos, weder gut noch böse. Aber: er ist fair und berechenbar. Denn er hat seine Regeln, die Naturgesetze, ihre Zusammenhänge und komplexen Wechselwirkungen, unseren Naturwissenschaftlern zur Erforschung offengelegt.Achim Bubenzer setzt auf einen grünen Kapitalismus im Kampf gegen die Klimakrise. Andere bedeutende Ansätze der internationalen Debatte, die den kapitalistischen Markt und seinen Wachstumszwang als Grundproblem betrachten, spielen bei seinen strategischen Erwägungen keine Rolle. Und, anders als es der Titel nahelegt, enthält sein Buch überhaupt keine Dialoge mit der Enkelgeneration. Achim Bubenzer hat das Buch offensichtlich für ein konservativ eingestelltes, älteres Lesepublikum geschrieben, dem es sicher einige Denkanstöße geben kann.Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Jede neue Kassette aus der Videothek ist für den Jungen eine Versprechung, dass da noch viel mehr ist auf der weiten Welt als die eine Wirklichkeit, die ihn umgibt. Und dann geht von diesem aufregenden Leben aus dem Filmen auch noch der Reiz des Verbotenen aus. Er schaut ja vor allem Filme, die nicht für sein Alter freigegeben sind, und meint, dass man als einer, der die Prüfung dieses Schauens besteht, mit einer besonderen Macht ausgestattet und dem Leben in der Kleinstadt begegnen kann.Quelle: Roman Ehrlich
Im Kern des Buches steht die Erkenntnis, dass wir Fiktionen erschaffen, wenn wir uns erinnern, und dass Erinnern deshalb immer auch eine Frage des Glaubens an die fantastischen Gestalten und Ereignisse dieser Fiktion ist.„Videotime“ gehört zu den Höhepunkten der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre. Ein Roman, der auf vielen Ebenen zeigt, welchen Einfluss Prägungen unterschiedlicher Art durch die Jahrzehnte hindurch auf Menschen haben. Ein indirektes und dennoch scharf gezeichnetes Epochenbild. Und ein Buch, das die Kunst und ihre Wirkmacht ernstnimmt. Im Klappentext steht zu lesen, dass die Familie des Autors nicht mit den Figuren im Roman verwandt sei. Das ist eine beruhigende Nachricht.Quelle: Roman Ehrlich
Als wir die Kneipe verließen, griff ich Tosch zwischen die Beine. Das war neu. Tosch legte mich vor dem Joseph Pub mit Krawumm auf die Motorhaube eines parkenden Autos.Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
Ich war gern unten. Dr. T tippte das Thema an; verstanden habe ich es erst mit Tosch.Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
bereitete es Freude ganz oben mitzuspielen. … Der Sohn eines Politikers kannte sich aus mit den ungeschriebenen Gesetzen der höheren Kreise.„Die vorletzte Frau“ wirkt beeindruckend ungestelzt und würde als reine Geschichte einer Mesalliance gut funktionieren, aber es gibt noch eine weitere Ebene. Denn gleichzeitig ist das Buch ja nun mal nah am Leben Katja Oskamps. Der Held, der Tosch genannt wird, ähnelt schon sehr Thomas Hürlimann, dem Schweizer Großschriftsteller, der z. B. durch „Fräulein Stark“ bekannt wurde und von dem man weiß, dass er sehr lange mit Katja Oskamp zusammen war. Das Buch erzählt von seiner schweren, mehrfach lebensgefährlichen Krebserkrankung.Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
Ich meinte Vögel zu hören, kurz bevor es hell wurde, nachdem ich aufgeschreckt war voller Angst vor Männern so weiß, dass sie blau wirkten. Ich hatte oft Träume von blauen Männern mit blauem Atem, das Vogelgezwitscher wurde zum Quietschen träger Räder, als im Morgengrauen Gebirgsgeschütze auf unser Lager zurollten.Die Erfahrung des brutalen Massakers schreibt sich in Körper und Psyche der Kinder, Enkel und Urenkel ein. Tommy Orange schreibt über Indianer im Hier und Jetzt . Mit seinem Erstlingserfolg „Dort, dort“ hat Orange ein Thema gefunden, das bisher kaum literarisch bearbeitet wurde: Das Leben der indigenen Amerikaner in den Städten. Von den etwa fünf Millionen Native Americans leben heute circa siebzig Prozent in Städten, nicht in Reservaten.Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne
Er hegt den Verdacht, dass sich noch etwas Schlimmeres unter seinen schlimmsten Erinnerungen an die Schule verbirgt, unter den Haarschnitten und dem Abbürsten, den Märschen, den Prügeln, dem Hunger und dem Arrest und den zahllosen Bloßstellungen, weil er Indianer blieb, während sie sich fortwährend bemühten, ihn zu bilden, zu christianisieren, zu zivilisieren. (…) Selbst manche der anderen Indianerkinder hänselten ihn, weil er halb weiß war.Dass die Kinder aus Verbindungen zwischen Indianern und weißen Amerikanern besonderen Anfeindungen ausgesetzt sind, zieht sich als Thema durch den Roman, bleibt aber im Vagen.Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne
Ich habe gelebt, wie die Indigenen damals, als unsere Welt das erste Mal untergegangen ist. Frei sein und umherziehen und es alles verstehen, (…) nur das wollte ich. (…) Ich war kein guter Mensch, habe nichts zur Gesellschaft beigetragen, aber andererseits auch nichts zu den Arschlochkonzernen und der US-Regierung, die mehr Leben zerstören, als man zählen kann, (…) .Auch wenn der Roman bisweilen unter inhaltlicher Überfrachtung leidet, wird er seinem aufklärerischen Anspruch gerecht. Durch seine historischen Bezüge regt er dazu an, sich die oft vergessenen Grausamkeiten bewusst zu machen, die mit der Vertreibung der Indigenen verbunden waren. Allein das ist Grund genug, um „Verlorene Sterne“ zu empfehlen.Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne
Eigentlich sind es intensive Figurenporträts, über die mir etwas über die amerikanische Gesellschaft erzählt wird.Der Roman erzählt von Familientragödien, Drogen, Skandale, sogar Mord. All das entspinnt sich vor einem hochpolitischen Hintergrund. Inez Victor ist der Angelpunkt des Geschehens, die Gattin des Präsidentschaftskandidaten. Es ist 1975. „Demokratie“ spielt vor der Kulisse des endenden Vietnamkriegs, auf Hawaii, in New York, in Jakarta.Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie
Gleichzeitig, aber das ist bei Didion auch immer der Fall, sagt sie, dass es eine Verpflichtung gibt über diese Schwachstellen und Schattenräume unbedingt zu reden, wenn man denn in einer Demokratie leben will und daran erinnert auch dieser Roman wieder.Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie
Sie hat gesagt, jede Gesellschaft ist fehlerhaft, jede Form von Gesellschaft, weil das Herz der Finsternis den Menschen im Blut liegt. Also, alles, was Menschen tun, dort gibt es immer Fehler und deswegen müssen wir sie genau angucken.Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie
Hoa Binh: Er hat mich gezwungen, einen Schuldschein zu unterschreiben: 25.000 Dollar! Das sollte ich dann abarbeiten. (...)Hoa Binhs Flucht ist an sich dramatisch genug. Der Comiczeichner verknüpft sie zusätzlich mit der Geschichte von Alex, einem Mitschüler von Tâm. Der verfolgt seinerseits den Schleuser, aus ganz persönlichen Gründen. Doch als er dabei zusammen mit Tâm einen abgetrennten Finger findet, will er nicht die Polizei einschalten. Viel Stoff für einen Krimi. Und das sind nicht die einzigen losen Enden, die Mikael Ross auf über 300 Seiten immer neu verknüpft. Seine komplexe Dramaturgie hält auch Leserinnen und Leser jenseits der Teenagerjahre in der Spur.
Tâm: Aber warum bist du dann nicht einfach abgehauen?
Hoa Binh: Ich hab's versucht. Das erste Mal vor zwei Wochen. Aber er hat mich wieder gekriegt. Er war schrecklich wütend, weil er dachte, ich wäre zur Polizei gegangen. Dann steckte er mich in den Van. Wir fuhren zwei Tage lang bis zu dem Parkplatz, wo ihr mich gesehen habt.Quelle: Mikael Ross –Der verkehrte Himmel
Dennis: Damit muss sie zur Polizei!Weder Tâm noch den anderen Figuren bietet Mikael Ross ein Happy End. Trostlos lässt einen die Lektüre von „Der verkehrte Himmel“ trotzdem nicht zurück. Selten vereint ein Comic so gelungen Action mit Nachdenklichkeit, Komik und Abwechslung fürs Auge. Auch beim zweiten oder dritten Lesen.
Tâm: Nein! Die würden sie sofort abschieben! Sie ist illegal hier.
Dennis: Illegal? Tâm, das ist kein Kinderspiel!
Tâm: Sie hat keinen Ort, an den sie gehen kann, okay? Und wir können ihr helfen. Was ist dein Problem damit?
Dennis: Dass es uns nichts angeht! (...)
Tâm: Aber mich geht es an.Quelle: Mikael Ross –Der verkehrte Himmel
Ich versuche zu verstehen, warum ich jetzt Angst habe wie noch nie zuvor. Warum ich das Gefühl habe, durch die Straßen einer zerstörten Stadt zu fahren. Schließlich hat jeder, der lange genug hier lebt, schon Katastrophentage erlebt.Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Die Zahl der Kriegsopfer steigt minütlich, so wie die der Ermordeten am 7. Oktober in Israel. Unter den Hunderten von Toten sind viele Kinder. Eltern tragen ihre Kinder auf dem Arm zu den Krankenhäusern. Auf unseren Nachrichtenkanälen dagegen bekommt man Gaza so gut wie nicht zu sehen, wird nicht einmal darüber berichtet, dass die Bodenoffensive bereits begonnen hat.Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Aus Sicht meiner Mutter ist die Teilhabe am Krieg durch das Anschauen von Videoaufnahmen des Massakers und den fortlaufenden Nachrichtenkonsum so etwas wie ein Initiationsritus in Israelisch-Sein für unbeschwerte Jungen und Mädchen, die gedacht haben, das Leben bestehe nur aus Katzenvideos auf TikTok oder Taylor-Swift-Songs. So eine Art Bund der Beschneidung, eine nationale Brit-Mila.Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Ich schlage vor, (Kunst-)Objekte nicht primär als ästhetische, sondern als soziale Objekte zu verstehen. (…) Vielmehr bin ich daran interessiert, auf welche Weise die als ›afrikanische Kunst‹ bezeichneten Werke in jenen historischen Prozessen und sozialen Interaktionen erscheinen, die das Feld der afrikanischen Kunstgeschichte konstituieren.Quelle: Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst?
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Primitiver, und zwar ein echter Primitiver. Ein Primitiver, der jenseits der Zivilisation lebt, ein Primitiver im Zustand eines immerwährenden Genusses, ein Primitiver des Exzesses. Ich glaube, mir würde das wirklich Spaß machen.Mit seinem Buch „Was ist afrikanische Kunst?“ leistet Peter Probst einen kaum zu unterschätzenden Beitrag. Auf der einen Seite hat er stets den geschichtlich-sozialen Raum im Blick, in dem afrikanische Kunst sichtbar wird. Andererseits liefert er eine detaillierte Übersicht zu zeitgenössischen Kunstmanifestationen, die in immer stärkerem Maße von kreativer Eigenständigkeit zeugen. Wer über Kunst aus Afrika mehr wissen möchte, wird an Peter Probsts „Was ist afrikanische Kunst?“ nicht vorbeikommen.Quelle: Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst?
Er stichelte oft gegen die Persona, die ich mir aufgebaut hatte. Warum bestand ich darauf, so seltsam zu sein? Was veranlasste mich, immer das ungewöhnlichste Gericht auf der Speisekarte zu bestellen? War das nicht alles ein Trick, um andere auf mich aufmerksam zu machen? Insbesondere, sagte er, ‚künstlerisch veranlagte, alternative‘ Mädchen?Quelle: Hua Hsu – Stay True
Ich dachte nie daran, meinesgleichen im Kino oder im Fernsehen zu sehen. Wir waren viel zu cool für diesen Mist. Es geht ums Prinzip, sagte er. Unsere Generation ist aufgeklärter und toleranter und bunter als je eine zuvor. Wir hatten Mauern fallen sehen. Und doch gab es in der Version der Realität dieser mächtigen Casting-Agentin keinen Platz für Leute wie uns?Quelle: Hua Hsu – Stay True
Niemand kennt den Ausgang. Der zu Recht so heißt. Alle müssen irgendwann hindurch. Und niemand kommt zurück. ‚Hier kommen wir nicht lebend raus‘, hatte Tig früher immer gewitzelt, obwohl es kein Witz war.Nell und Tig sind ein älteres, innig verbundenes Paar. In der ersten Geschichte erinnert sich Nell an einen Erste-Hilfe-Kurs, Vorbereitung auf eine Kreuzfahrt, bei der sie Vorträge über Naturthemen halten und sich im Notfall auch um ohnmächtig oder seekrank werdende Passagiere kümmern sollen, die meisten um einiges älter als sie selbst. Es sind die späten 80er Jahre, und die Erinnerung an den kauzigen, für alle Lebenslagen gerüsteten Rettungssanitäter Mr. Foote, der sie unterrichtet, hat etwas äußerst Erheiterndes. Der Kurs setzt zugleich Gedanken an „lebensbedrohliche Erlebnisse“ in Gang, eine ironische Bestandsaufnahme des gemeinsamen Lebens, das doch immerzu ziemlich glimpflich und glücklich verlaufen ist. Nell kommt dabei eben jener Satz in den Sinn: „Hier kommen wir nicht lebend raus“. Ja, ein Witz, aber einer der trifft und zugleich dabei hilft, mit der gar nicht so witzigen Unausweichlichkeit des Todes zurecht zu kommen.Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus
Sie streicht den Zettel vorsichtig glatt und verstaut ihn in ihrem Koffer. Es ist eine Botschaft, die Tig für sie hinterlegt hat. Magisches Denken, das weiß Nell genau, aber sie gönnt es sich trotzdem, weil es tröstend ist. (…) Was macht man mit diesen kryptischen Botschaften der Toten?Mit den Toten ist es eine merkwürdige Sache: Obwohl verschwunden, beanspruchen sie Zeit und Raum. In einer Geschichte entdeckt Nell einen Brief im Nachlass von Tigs Vater, den alle den „Lustigen Alten Brigadegeneral" genannt haben, den L.A.B. Der Brief stammt von der berühmten Kriegsreporterin Martha Gellhorn, und dieser unerwartete Fund setzt nicht nur eine Recherche über das Leben des L.A.B. in Gang, ein Gedankenspiel über diese rätselhafte Episode mitten im Zweiten Weltkrieg, als Tigs Vater längst verheiratet war, aber möglicherweise eine romantische Begegnung mit Martha Gellhorn hatte. Sogar Gedichte hat der „Lustige Alte Brigadegeneral" geschrieben, auch die entdeckt Nell in einer Mappe mit der Aufschrift „Vaters Gedichte“.Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus
Also hat Tig diese Gedichte gelesen, die sein Vater geschrieben hatte. Was hatte er gedacht? Als sie sie selbst liest, kann sich Nell kein rechtes Bild machen. Die Entdeckung eines vergrabenen Schatzes? Ein Eingriff in die Privatsphäre? Es hat immer etwas Heimtückisches, dieses Ausspionieren der Toten.Was weiß man über die Lebenden, und was können einem die Toten noch von sich verraten? Margaret Atwood hat ein genaues Gespür für die Fragen, Zweifel und Wunderlichkeiten; sie ist unsentimental und manchmal ironisch, aber das erzeugt eine noch größere Nähe zu den Trauernden, zu Nell, den anderen älteren Frauen und Witwen in diesen Texten. Ihr Buch ist unter anderem Graeme Gibson gewidmet, dem kanadischen Schriftsteller und Ornithologen, mit dem Atwood 45 Jahre lang verheiratet war und der vor fünf Jahren starb. Man darf vermuten, dass Tig und Nell viele autobiographische Züge tragen.Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus
Aber kann denn Lynne ihr allen Ernstes so böse sein? Böse genug, um den Kontakt mit Csilla abzubrechen? Sie ist zu alt für finale Szenen und Türenknallen, sie schafft es nicht mehr, die angemessene Selbstgerechtigkeit und Empörung aufzubringen. Du bist für mich gestorben, das wär’s, was die jüngere Generation vielleicht sagen würde. Aber Csilla ist für sie alles andere als tot.Im Alter relativiert sich alles, und die Schrullen der anderen werden mit Wohlwollen übergangen. Alle Storys haben eine Klugheit und Raffinesse, Charme und Witz und einen besonderen erzählerischen Dreh, aber nicht alle sind so eindrücklich wie jene über „Nell und Tig“. Mehr literarische Neuerscheinungen:Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus
Meine klitzekleine Schneckenseele, eine durchscheinende Spirale aus sanft phosphoreszierendem Licht, schoss in die Luft – in die Geisterwelt, wo etwas andere Regeln herrschen, müsst ihr verstehen – und bahnte sich ihren Weg durch irisierende Regenbogenwolken und klimpernde Glöckchen und das Theremin-Gejammer dieser Regionen, um geradewegs im Körper einer Angestellten (mittleres Management) im Kundendienst einer namhaften Bank zu landen.Eine Frau, die sich in die Schneckenhaut zurücksehnt, muss allerhand allzu Menschliches durchleiden – Kafkas „Verwandlung“ verkehrt herum, ein bisschen zu sehr auf Effekt geschrieben. Mäkeleien auf hohem Niveau: Weil Margaret Atwood selbst in ihren schwächeren Texten noch schillernde und erkenntnisstiftende Sätze gelingen, souverän übersetzt von Monika Baark, ist „Hier kommen wir nicht lebend raus“ eine große Leseempfehlung.Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus
Der Cowboy ist mit dem Staat aneinander geraten, mit dem Kommunismus. Aber tragischerweise sagt er immer noch von sich, bis in die 70er, 80er Jahre hinein: Ich bin Kommunist. Was bleibt mir auch anderes übrig? Und er glaubt an Jugoslawien, an die Gemeinschaft der südslawischen Völker. Trotz der Tatsache, dass er auf dieser Insel gesessen hat.Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren
Die Wintermorgen waren sehr dunkel, und er lief durch die Straßen Richtung Schule, Richtung Zeitungskiosk, und er sah die Schemen der anderen Schulkinder auf anderen Fußwegen, in den Seitenstraßen, wie durch einen Nebel, denn die Kälte drückte den Rauch in die Straßen des Viertels, in die Straßen der Stadt, der morgendliche Kohleatem der Häuser, Schornstein an Schornstein, schwarzrote Ziegeldächer, gesprenkelt vom Schnee, den der Rauch der Fabriken schwarz gefärbt hatte im langsamen Fall der Flocken; große Fabriken, Kombinate, Heizkraftwerke lagen um die Stadt herum.Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren
Diese Figur – Georg – ist sieben Jahre älter als ich. Der ist Jahrgang 1970. Aber dass es in der DDR Neonazismus gab, dass diese maroden, kaputten Städte der DDR, dass da auch moralische Kaputtheiten und gesellschaftliche Kaputtheiten unter dem Deckmantel des Sozialismus stattfanden, das war mir immer bewusst. Und das gehörte da für mich hinein.Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren
Der Vater des Cowboy liest ihm schon in den 40er oder 30er Jahren ein Buch vor – oder zeigt ihm ein Buch, wo erwähnt wird, dass dort angeblich „Doktor May“ gesessen hätte. Denn der wäre ja verrückt. Und den soll er gar nicht lesen. Er soll lieber Kleist lesen, Heine und Büchner – und nicht den Doktor May. Der war verrückt. Der hat schon bei diesem Doktor Güntz gesessen, 1870 oder so. Da taucht das auch schon auf. Die sind überall unterwegs, die verrückten Dottores.Rätsel, Grotesken, Verwirrspiele. Wer „Die Projektoren“, einen Roman von über 1.000 Seiten, in wenigen Sätzen angemessen wiedergeben will, scheitert unweigerlich. Die kühne literarische Konstruktion erlaubt gar nichts anderes. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Jugoslawien im Frühjahr 1941 unterhält sich der Junge, der später zum Cowboy wird, mit seinem Vater über den Unterschied zwischen Film und Literatur. Der moderne Roman, so heißt es da, sei ein Monolith, ein Chaos aus Stimmen. Genau das führt Clemens Meyer vor. Und vermag es, das Chaos erzählend lustvoll zu bändigen.Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren
Dann kamen die Einschläge näher. Für eine Stunde fielen die Frequenzen aller beliebten Radiostationen zur Hauptsendezeit aus. Wir konnten nur Informationssender und Dauernachrichtenprogramme anwählen, und mein Vater erzählte uns, wie seine Fahrt im Feierabendverkehr sich wie eine einzige ausgedehnte Gesprächsstunde ohne irgendeine musikalische Untermalung anfühlte.Quelle: Eckhart Nickel – Punk
Lambert öffnet feierlich die Tür, winkt uns durch und endlich kann ich einen Blick in den Rest der Wohnung werfen: Der Flur ist an der Wand mit quadratischen Klarsichthüllen gekachelt, in denen Plattencover stecken, und führt am anderen Ende in eine lichtdurchflutete Küche. Er beeilt sich, die Tür hinter uns zu schließen und malt ein Viereck in die Luft.Quelle: Eckhart Nickel – Punk
Das ist leider auch schon die einzige Form von Dekoration, die wir erlauben. Aber Pssst! Derartig verbotenes Zeug zeigen wir sonst niemandem. Es gibt auch nur eine Band, die wir für genial genug halten, um für sie Kopf und Kragen zu riskieren: The Smiths!Karen ist nicht nur ein Fan der britischen Band, die 1982 von dem Gitarristen Johnny Marr und dem Sänger Morrissey in Manchester gegründet wurde. Sie kennt sich auch gut aus in der Geschichte von Punk, Post-Punk, Rock und Independent. Und doch kann sie hier noch etwas lernen, beispielsweise über ein Lied, das ihren Namen trägt. In einem schalldichten Extraraum lagern die wahren Plattenschätze, die hier ohne Angst vorm weißen Lärm und den Kontrolleuren der musikfeindlichen Behörden bewundert werden können.Quelle: Eckhart Nickel – Punk
Ezra reicht mir die Hülle, die gar nicht so aussieht wie das, was ich höre. Giftgrüne Äste vor tiefblauem Himmel, in dessen Mitte wie ein blasslila Ufo der Name steht: «The Go-Betweens 1978–1990».Quelle: Eckhart Nickel – Punk
Karen war die erste Single. Schau nur, eine total seltene Tape-Compilation auf Beggars Banquet, wahrscheinlich neben Rough Trade das legendärste Independent Label aus England.Nickels Roman lebt auf vielen Seiten von einem Nerdtalk, der zum Nachhören animiert. Fast erstaunlich, dass es kein Verzeichnis aller erwähnten Titel und eine passende Playlist auf Spotify gibt. Ezra und Lambert suchen aber nicht nur eine Partnerin fürs gemeinsame Plattenauflegen. Sie wollen mit Karen, gewissermaßen als Protest gegen die musikarmen Zeiten, eine Punk-Band gründen. Und sie soll die Sängerin sein! Karens Sorge, sie treffe keinen Ton, entkräftet Ezra mit der nötigen Punk-Expertise.Quelle: Eckhart Nickel – Punk
Alison Statton, die Sängerin der Young Marble Giants, hat auch keine Gesangsausbildung gehabt und als Zahnarzthelferin gejobbt, als sie die Band gegründet haben. Und sie ist unser absolutes IDOL. Das einzige Album heißt Colossal Youth und sie haben es im Rekordtempo von nur fünf Tagen in einem idyllischen Studio auf dem Land aufgenommen.Quelle: Eckhart Nickel – Punk
1. Das Wort ist draußen. 2. Wer sprechen kann, der kann auch singen. 3. Es gibt keinen Soundcheck. 4. Wer ein Instrument richtig spielt, ist selber schuld. 5. Jeder Auftritt ist eine Katastrophe. 6. Was am Ende aus den Boxen kommt, ist egal. 7. Das Publikum hat keine Ahnung. 8. Ihr könnt das alle genauso. 9. Wir ziehen eine Linie, die Tinte ist Angst. 10. Ausdruck ist nichts, Haltung alles.Quelle: Eckhart Nickel – Punk
Was war ich? „Du hast das Beste von beiden Welten“, erklärten sie mir (…) Draußen in der Welt, mit nur einem von ihnen, begann ich ein tiefes Gefühl der Entwurzelung zu verspüren. Wenn ich mit meinem Vater unterwegs war, registrierte ich die höflichen Reaktionen von Weißen, die Art, wie sie ihn mit „Sir“ oder „Mister“ ansprachen. Meine Mutter dagegen nannten sie „Gal“, nie „Miss“ oder „Ma’am,“ wie es sich doch angeblich gehörte.Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter
Mein Leben lang haben sich Leute gefragt, „was“ ich bin, welcher ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität. (…) Einmal, in einem Kaufhaus, war der weiße Verkäufer (…) zu ängstlich oder zu höflich, um zu fragen - (…) Ich beobachtete sein Gesicht, als er nach einem (…) Blick auf (…) mein glattes, feines Haar, meine Hautfarbe und meine Kleidung mit sich zurate ging. Er bezog wohl auch ein, wie ich sprach und ob irgendwelche dieser Faktoren seiner Vorstellung von bestimmten Menschen entsprachen – Schwarzen Menschen.Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter
Ich wusste immer, dass ich aus meiner Ehe rauswollte. Sie gehörte zu den Dingen, zu denen es nie hätte kommen dürfen. (… ) Ich habe meinen Mann nie geliebt und hatte deswegen Schuldgefühle, darum stürzte ich mich in das Bemühen, die beste Hausfrau/Mutter und Arbeitskraft weit und breit zu sein. Er wusste, dass ich ihn nicht liebte …Als Gwendolyn sich nach zehn qualvollen Ehejahren von Joel scheiden lässt, fühlt sich der kontrollsüchtige Kriegsveteran als betrogenes Opfer. Am 5.Juni 1985 erschießt er seine Ex-Frau Gwendolyn. Nach heutiger Definition ein „Intim-Femizid“. In kunstvollen erzählerischen Schleifen, Metaphern und Montagen von Erinnerungen und Aufzeichnungen kommt Natasha Trethewey zur Kernfrage: War der Tod der Mutter unausweichlich? Wie weit hat ihr eigenes Schweigen dazu beigetragen? „Sie hätten sie retten können“, schreibt Trethewey an die Polizei gerichtet. Aber so einfach ist es nicht, weil die Geschichte viel komplexer ist. Und genau deshalb ist dieses Buch über Rassismus, Klassenzugehörigkeit und die Folgen männlich-toxischerGewalt unbedingt empfehlenswert.Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter
Erstmal haben sich zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften verbunden. Und dann war die Wiedervereinigung selbst ein Ereignis der Ungleichheit, in dem der Westen dominant war, auch häufig die Spielregeln vorgegeben hat, und der Osten gesagt hat, wir treten zu euch bei. Und dann hat man im Osten viele Jahre der Transformation mit Massenarbeitslosigkeit, Deindustrialisierung in der Fläche, auch vielen sozialen Disruptionen. Und die haben auch Folgeschäden hinterlassen.Quelle: Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt
Ostdeutschland ist ein Land der kleinen Leute geblieben, auch mit einfachen arbeitnehmerischen Mentalitäten. So eine gehobene Mittelschicht hat sich im Osten nicht ausgeprägt. Das ist extrem wichtig für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Was sind die tragenden Milieus? Wie werden soziale Veränderungen verarbeitet? Und das sieht im Osten und Westen jeweils anders aus.Quelle: Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt
Die Stärke dieses Models ist sicher, dass es immun ist gegen den Vorwurf, dass sich ein Elitenkartell etwas ausgedacht hat. Und dann gibt es die Einübung in die demokratische Praxis, indem man eben einander zuhören muss, indem man sich mit Respekt begegnetGerade weil die Not im Osten groß ist, könnte hier auch das Rettende wachsen, hofft der Autor. Steffen Mau betrachtet den Osten als „Labor der Demokratie“, in dem „alternative Formen der Partizipation“ erprobt werden. Solche Modelle in den Westen zu übertragen, könnte ein später Beitrag der Ostdeutschen dazu sein, die Demokratie weiterzuentwickeln. Darin mag viel Wunschdenken stecken. Doch nachdenkenswert sind Ideen, wie sich der Radikalisierung der Gesellschaft entgegenwirken lässt, allemal.Quelle: Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt
Denn wir leben zwei Leben, die beide dem Ende geweiht sind: Da ist zum einen das physische Leben aus Fleisch und Blut, und zum anderen das, was sich in den Köpfen der Menschen abspielt, die uns geliebt haben.Quelle: Emanuele Trevi – Zwei Leben
Je näher man einem Menschen kommt, desto mehr erinnert er an ein impressionistisches Gemälde oder an eine Mauer, bei der im Lauf der Zeit und aufgrund der Witterung der Putz abgeplatzt ist: Irgendwann ist da nur noch ein Wirrwarr aus bedeutungslosen Flecken, Klumpen, unergründlichen Spuren. Entfernt man sich hingegen, ähnelt derselbe Mensch nach und nach unzähligen anderen. Das Einzige, worauf es bei solchen literarischen Porträts ankommt, ist, die richtige Distanz zu finden (…).Quelle: Emanuele Trevi – Zwei Leben
Er war einer von diesen Menschen, die dazu bestimmt sind, ihrem Namen im Lauf der Zeit immer ähnlicher zu werden. Ein unerklärliches Phänomen, aber gar nicht mal so selten. Rocco Carbone klingt tatsächlich nach einem geologischen Gutachten. Und viele Facetten seines wahrhaftig nicht einfachen Charakters sprachen deutlich für eine Sturheit, eine Härte aus dem Reich der Mineralien.Quelle: Emanuele Trevi – Zwei Leben
In der maschinellen Programmierbarkeit von Texten, erkennt Bense nun das theoretische Ideal einer mathematisch-rationalen Texterzeugung, mit der das individuelle Autorsubjekt ausgeklammert werden kann.Schnell wurde jedoch klar, dass sich Innovation, Genie oder Originalität nicht durch maschinensprachliche Programmierungen herstellen ließen. So entstand die Frage, wie sich Kreativität in die künstliche Texterzeugung hineinbringen ließ, ein Problem mit vielen Antworten, doch nach wie vor ohne befriedigende Lösung.Quelle: Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden
Die Kreativität soll den Nachweis liefern, dass Maschinen mehr sind als ihr Code, was der Kreativität die Rolle zumisst, die dem Genie in der Romantik zugekommen ist.Quelle: Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden
Die Normalisierung der romantischen Maschine ist auch ein Zeichen dafür, dass die digitalen Technologien tief in die Gesellschaft und Lebensrealität der Einzelnen eingedrungen sind und sogar die computergenerierte Literatur mainstreamfähig geworden ist.Quelle: Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden
Heute Nachmittag bin ich zu Johanna gegangen, um ihr mit den Hunden zu helfen. Ich habe einen kleinen Umweg gemacht, weil ich zum Martin-Luther-King-Park wollte, um mir das Monument für die Grippeopfer anzusehen.In dieser dystopischen Geschichte sterben an der sogenannten Grippe ausschließlich junge Menschen, nur die Alten überleben. Die Pandemiefolgen sind auf die Spitze getrieben, von Restaurantschließungen und Regierungskrise bis zu Übergriffen und Plünderungen. Die entleerten Kitas werden von Johanna zu Tier-Asylen umfunktioniert, denn die Herrchen sind ja alle tot.Quelle: Rob van Essen – Hier wohnen auch Menschen
Ich dachte, es würde schwer werden, nach all dem Wein einen hochzukriegen, aber nein, die Vorstellung, Erik zu zeugen, macht ihn offensichtlich an, und mich auch, und nicht nur in dieser Nacht, wir haben eine Mission, wir vögeln in dieser Nacht und in den folgenden, als ginge es um unser Leben, oder zumindest um das von Erik.Das Schillern zwischen Tragik und Komik, Unheimlichem und Banalem, Realismus, Fantastik und Absurdität ist das Charakteristikum dieser Geschichten. Auch formal spielt Rob van Essen auf unterschiedlichen Registern, von scheinbar ganz einfacher Szenenfolge bis zu ambitionierter zeitlicher Verschachtelung. Manche erstrecken sich geradezu episch über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte.Quelle: Rob van Essen – Hier wohnen auch Menschen
Um 19:14 Uhr passierte ein intensives Nichts, ein Taumel, der nicht von den Nerven oder dem Gehirn herrührte. Es würde mir später als eine Art Drogenrausch im Gedächtnis bleiben. Als es vorbei war, hatte ich das Gefühl, Leo und Benjamin wären verschwunden, doch ich tat es schnell als Albernheit ab. Ich sah zum Zelt, wo das Tablet leuchtete, ein belebter Flecken. Ich rief nicht nach ihnen. Ich wollte Benjamin nicht wecken und gab mich wieder meinen Gedanken hin.Alle Menschen mit einem XY-Chromosom verschwinden Jane ist mit ihrem Mann Leo und ihrem 5-jährigen Sohn Benjamin in den kalifornischen Bergen zelten. Sie verbringt die Nacht draußen auf der Hängematte und merkt erst am nächsten Morgen, dass die beiden verschwunden sind. Und nicht nur sie: Alle Menschen mit einem Y-Chromosom. Alle Männer, trans Frauen und nicht binäre Menschen. Auch alle ungeborenen Föten mit einem Y-Chromosom verschwinden und mit ihnen ganze Regierungen und Sportmannschaften. Flugzeuge stürzen ab, weil das Cockpit leer ist, Raffinerien und Kraftwerke schließen, weil qualifizierte Arbeitskräfte fehlen, Strom- und Wasserversorgung stürzen in der ersten Zeit nach dem Schock ein. Und noch etwas ist weg: Das Patriarchat.Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden
Herrenclubs. Männerrechte. Frauenzeitschriften. Feminismus. Verschwunden. Die breite Hand auf deiner Schulter. »Du bist wunderschön«, gesprochen mit dieser bestimmten Autorität. Vorbei. Oder wenn du an einer Straßenecke auf eine Gruppe von Männern triffst. Wie sie verstummen und dich anstarren. Deinen Körper, nicht dein Gesicht. Schritte hinter dir in der Dunkelheit. Große Hände um deinen Hals. Ihn nicht aufhalten können. Vorbei.Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden
Und da war der Moment – in dem mich die Erkenntnis traf, dass die neue Welt die bessere war. Schon jetzt war sie besser. Es gefiel mir hier. Der Gedanke brachte mich zum Weinen. In meinem Kopf behauptete ich Gott gegenüber das Gegenteil. Ich sagte Gott, dass ich in einer Welt ohne Männer nicht leben wollte, selbst wenn meine eigene Familie wundersamerweise verschont geblieben wäre. Dieser Welt würde eine ganze Dimension von Erfahrung fehlen.Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden
Später in dem hübschen Hotel, nach Mitternacht und nachdem wir stundenlang gevögelt hatten, stand Evangelyne auf und stellte sich nackt ans Fenster. Natürlich liefen die Frauen zu dieser Zeit oft nackt herum; die ganze Welt war eine Mädchenumkleide.Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden
Wir schauten „The Men“, während Nord- und Südkorea wiedervereinigt wurden und die ersten weiblichen Kardinäle die erste weibliche Päpstin wählten. Kanada wurde von Waldbränden und Südamerika von Dürre heimgesucht. Die Fischpopulationen im Atlantik erholten sich, und auf Moskaus Straßen wurden Elche gesichtet.Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden
Eine Ampel schaltete auf Grün, eine siebzehnjährige Fahrradfahrerin mit blondem Pferdeschwanz und lauter Musik in den Ohren trat in die Pedale ihres Rennrads, ein LKW-Fahrer, der vergessen hatte, in den Seitenspiegel zu schauen, bog über den Radweg nach rechts ab.Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben
Sie wollen, dass er sich ebenso aufgibt, wie Sie es tun. Aber er lebt weiter. Und das nehmen Sie ihm übel…Auf dem schmalen Grad zwischen Leben und Tod hat er sich für das Leben entschieden, während Sie versucht haben, ihn zu den Toten hinüberzuziehen.Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben
Die Freunde der alten Linda trugen Sneaker zu teuren Leinenkleidern oder lässigen Anzügen, fuhren Rennrad und hängten sich Taschen aus recycelten Tetra Paks über die Schulter…und sobald sie Kinder bekamen, pachteten sie einen Schrebergarten, in den sie ein schwedisch anmutendes Holzhäuschen stellten.Daniela Krien lädt ihrer Heldin eine zu große Portion Moral auf. Ein Beispiel: Nach dem Verkauf der alten Familienwohnung steht ihr plötzlich viel Geld zur Verfügung. Einleuchtend, dass sie Menschen unterstützt, die ihr in der Verzweiflung Halt gegeben haben. Aber dass sie an lauter fremde Hilfsorganisationen spendet, passt nicht zu ihrem nüchternen Wesen. Zuviel des Guten. Zum Glück gibt es Richard, die heimliche Hauptfigur in diesem Roman.Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben
Niemand tue Gutes, ohne etwas dafür zu bekommen, sagte Richard, und sei es das Gefühl von Überlegenheit.Linda zieht zurück nach Leipzig, sie sieht Lichtblicke im Leben und lässt es Richard wissen. Als er ihre Hilfe braucht, steht sie ihm bei. Daniela Krien erzählt von einem unerträglichen Verlust. Aber sie erzählt auch von einer großen Liebe. Was sie in einem früheren Roman angerissen hat, wird hier lebendig: „Liebe ist keine Romantik. Liebe ist eine Tat. Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten.“Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben
Lila Mae war ab und zu im O’Connor’s, wenn ein Baseballspiel oder ein Boxkampf übertragen wurde, und bei jedem Jubeln sah sie sich nach einer potenziellen Waffe um. Da hilft es wenig, dass der Wirt stets mit einer großen Messingglocke läutet, wenn ein Gast kein Trinkgeld gibt; sie erschrickt jedes Mal. Sie erschrickt bei diesem Geräusch und auch bei dem der Startpistole, mit der hier Streit unterbunden wird, etwa hitzige Debatten über die diversen Vor- und Nachteile der Kühlung der Bremssysteme von United Elevator. Die Leute können jederzeit tollwütig werden; das ist das wahre Resultat verbesserter Integration: Der sichere Ausbruch von Gewalt wird durch den verzögerten Ausbruch von Gewalt ersetzt.Quelle: Colson Whitehead – Die Intuitionistin
Sie irrt sich nie.Also muss detektivisch alles andere durchgespielt werden: Wer könnte ihr schaden wollen? Einer Schwarzen Frau, die aufsteigt? Was hat dieser Fall mit den zwei Lagern unter den Fahrstuhl-Experten zu tun? Es gibt die Empiristen – die jede Schraube von Aufzügen kontrollieren – und die Intuitionisten – die das Kontrollieren intuitiver angehen – und gerade stehen sich die beiden Seiten so verfeindet gegenüber wie heute Demokraten und Republikaner.Quelle: Colson Whitehead – Die Intuitionistin
Ich bin in New York City aufgewachsen und da gab es ein Gesetz, nach dem Aufzüge dieses Inspektions-Zertifikat aufweisen müssen, das ich im Buch beschreibe. Und ich dachte: Wäre es nicht witzig, wenn ein solcher Aufzugs-Inspektor einen Kriminalfall lösen müsste? Also bin ich in die Bibliothek, habe nachgelesen, was ein solcher Inspektor an Fähigkeiten für einen Kriminalfall mitbringen würde. Und die Antwort war – natürlich – keine. Der inspiziert halt Aufzüge. Also dreht sich das Mysterium jetzt um Aufzüge und ich musste eine Welt erfinden, in der Aufzüge sehr wichtig sind. Eine alberne Idee, nüchtern durchgezogen.Albern nur auf den ersten Blick, denn je länger Colson Whitehead diese Idee durchzieht, umso vielschichtiger und produktiver wird sie. Das Spiel mit Hell und Dunkel, schwarz, weiß, oben, unten, Absturz und Höhenflug steckt im Aufzug.Quelle: Colson Whitehead
Eine banale Entscheidung also: Wäre das witzig, eine postmoderne Detektivgeschichte mit einem Aufzugsinspektor als Protagonisten? Aber als ich begann, darüber nachzudenken, wurde der Aufzug keine rhetorische Spielerei, sondern eine Quelle von Metaphern ganz verschiedener Art.Quelle: Colson Whitehead
Je älter ein Buch ist, umso mehr scheue ich mich, es nochmal in die Hand zu nehmen. Aber ich fühl mich gut damit – der junge Colson hat getan, was er konnte. (lacht) Er war 29, klar, würde ich heute was anders machen, aber: Ich hab das Beste gegeben und so werde ich das auch beim nächsten Buch machen: Das Beste geben, es nicht verderben.Quelle: Colson Whitehead
Ich glaube, es ging ihm um seine Person. Er wollte sich selber retten. Das ist mein Karl. Er ordnete sich diesen Ämtern unter und dann sagt er: Schluss, ich mag nicht mehr. Und das sind schwere Kronen, die er da vom Kopf herunternimmt.Quelle: Arno Geiger
Er erkennt nur, dass er nichts Wichtiges über sich weiß und dass wenig Zeit bleibt, dahinterzukommen. Manchmal meint er, das Königtum habe ihn verbraucht und besitze weiterhin alle Macht, und er selbst ist abgereist nach Yuste als leerer Knochen.Die Fallhöhe ist kaum zu übertreffen für dieses Thema: das Loslassen nämlich. Das Zurücktreten. Die Frage, was danach kommen kann. Tizian, Karls Hofmaler, von dem mehrere Porträts des Kaisers existieren, hat seine eigene Weisheit dazu, die er seinem Herrscher bei einer Porträtsitzung mitgibt. Der letzte Pinselstrich, meint Geigers Tizian, sei eigentlich immer überflüssig. Und er ist dem Autor da sehr nahe.Quelle: Arno Geiger – Reise nach Laredo
Als Künstler muss man eben auch loslassen können, an einem bestimmten Punkt seines Lebens. Also ich bin kein Freund des Überarbeitens / ... mache dann schon noch diese zwei drei Pinselstriche, aber dann ist das Aufhören wichtig, um die Lebendigkeit des Geschaffenen zu bewahren.Quelle: Arno Geiger
Das ist ein schöner Kontrast, dieser Mann, der immer an Vergangenheit und Zukunft denken muss, und dieser 11jährige, der sich jeden Morgen freut auf das was der Tag bringt.Quelle: Arno Geiger
Karl sagt sich: So war ich nie, so frei, so unabhängig. Vielleicht könnt ich’s jetzt, für einige Augenblicke, für drei Tage, das wäre immerhin etwas. Kann man Unbeschwertheit lernen? Wird man so geboren? ... Wäre das gut? Will ich tanzen oder kotzen?Quelle: Arno Geiger – Reise nach Laredo
Ich habe gedacht, das läuft rein über die Kommunikation und übers Erklären, jeder erkennt die Gefahr und verhält sich entsprechend. Ich lag bei meiner persönlichen Einschätzung zur Freiwilligkeit von Verhaltensänderungen komplett falsch.Quelle: Christian Drosten, Georg Mascolo – Alles überstanden?
Man sieht die Krankheit nicht, die man verhindert hat, und ist dann blind für die Folgen, die ohne Präventionsmaßnahmen eingetreten wären. Man sieht also nur den Schaden der Präventionsmaßnahmen und übersieht den Nutzen.Wissenschaftler wie Drosten, die sich damals öffentlich exponiert haben, wurden durch ihre klaren Stellungnahmen verschiedentlich belästigt, angegriffen und mit Hassmails überschüttet. Die Charité schickte die Mails gleich weiter an eine Anwaltskanzlei, sodass inzwischen viele der Absender angezeigt bzw. schon verurteilt sind.Quelle: Christian Drosten, Georg Mascolo – Alles überstanden?
Larry Stack schweigt lange. Damit ich Sie richtig verstehe, sagt er, Sie fordern mich auf, Ihnen zu beweisen, dass mein Verhalten nicht staatsgefährdend ist? Ja, das ist korrekt, Mr. Stack.Quelle: Paul Lynch – Das Lied des Propheten
Sie sieht vor sich das Bild einer zerschlagenen Ordnung. Die Welt ergibt sich dem Chaos, der Boden, auf dem man geht, fliegt in die Luft.Gegen das diktatorische Regime erhebt sich eine Rebellenarmee, der sich Eilishs ältester Sohn anschließt. Die Städte werden zum Schlachtfeld mit wechselnden Frontlinien. Als Eilish in den Krankenhäusern nach ihrem verletzten jüngeren Sohn sucht, gerät sie in das Visier von Heckenschützen.Quelle: Paul Lynch – Das Lied des Propheten
Sie sieht ihre Kinder in eine Welt von Hingabe und Liebe geboren und sieht sie verdammt zu einer Welt des Terrors, und sie sieht, dass aus Terror Mitleid entsteht und aus Mitleid Liebe.So geht, durchaus in biblischer Tradition, „Das Lied des Propheten”, auf das der Titel des Romans verweist. Wie es zu dem totalitären Regime in Irland kommen konnte, das lässt der Autor weitgehend im Dunkeln. Umso ausführlicher hebt er die Parallelen zu Krisenregionen wie dem Nahen Osten hervor, deren Bewohner durch Krieg und Gewaltherrschaft zur Flucht gezwungen werden. Die Botschaft des Romans lautet: Das Unglück der Welt kann überall zuschlagen. Paul Lynch entfaltet diese Einsicht mit beklemmender Intensität und erzeugt damit genau das, worauf es bei jeder dystopischen Schwarzmalerei ankommt: Hochspannung, Schrecken und Anteilnahme.Quelle: Paul Lynch – Das Lied des Propheten
Es regnete den ganzen September, den ganzen Oktober und den ganzen November lang.Über diesen etwas eintönigen Satz denkt Luisa Fischer seit geraumer Zeit nach, weil es vor ihrer Tür offenbar dauernass ist. Das Wetter und die sogenannte Wirklichkeit bieten Luisa den Stoff für einen ersten Roman. Sie ist zurückgekehrt in die oberösterreichische Heimat und möchte sich als Schriftstellerin neu erfinden. In der von landwirtschaftlichen Betrieben geprägten Region sieht sie auch ihre Halbbrüder Alexander und Jakob wieder, die in Kaiser-Mühleckers Prosawerken „Fremde Seele, dunkler Wald“ bzw. „Wilderer“ im Mittelpunkt standen: Während der ehemalige Soldat Alexander unter den psychischen Nachwirklungen eines Auslandseinsatzes leidet, hat Jakob den verschuldeten Bauernhof der Eltern übernommen. Beide Söhne schaffen es nicht, sich von familiären Prägungen zu lösen und ein glückliches Leben zu führen. Weil Luisa lange Zeit im Ausland lebte, stand sie bislang am Rand der Verwicklungen im heimischen Rosental. Sie hat zwei Kinder, die in Schweden und Dänemark bei unterschiedlichen Vätern leben und die in Luisas Gedankenraserei gar nicht gut wegkommen.Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
Ihre beiden Ex-Männer, die Väter ihrer Kinder waren schrecklich gewesen, der eine wie der andere, in gewisser Hinsicht eigentlich richtige Monster, von denen sich zu trennen ihr im Innersten nicht schwergefallen war.Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
Andere Menschen waren schon eigenartige Wesen, und wie war man selbst eigentlich? Sich kannte man schließlich auch nicht besonders gut, wenn man ehrlich war.Das Spiel mit Fremd- und Eigenzuschreibungen, die Projektion eigener Leiderfahrung auf andere Familienmitglieder ist ein zentrales Thema in „Brennende Felder“. Nach dem Scheitern der Ehen beendet Luisa ihre amourösen Eroberungsfeldzüge keineswegs. Auf die „Liste ihrer Liebhaber“ gerät auch Robert Fischer und damit jener Mann, der sie zwar aufgezogen hat, aber nicht ihr leiblicher Vater ist. Die Mutter hatte einen One-Night-Stand, und der Erzeuger war noch in der ersten Liebesnacht verschwunden. Kein Wunder, dass Luisa oft im „Nebel der Erinnerung“ herumirrt und selten zur Ruhe kommt. Kaum hat sie einen Typen verführt, wird ihr auch schon wieder langweilig.Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
…allmählich spürte sie, wie diese Unrast und diese Unzufriedenheit zurückkehrten.Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
Seine eine Gesichtshälfte war völlig zerschlagen, am Jochbein war die Haut abgeschürft und nässte, es sah aus, als wäre er mit dem Gesicht über Asphalt geschleift worden.Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
…seit er sich so viel mit dem Thema Wasserrückhaltung und Wasserspeicherung beschäftigte und überall auf der Hofstätte, an den Fallrohre der Dachrinnen, aber auch andernorts, hässliche Wassertonnen und Wassertanks aufstellte.Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
Ja, Hass. Und wann war er aufgekommen in ihr, dieser Hass, über den sie seit Wochen, ja Monaten Abend für Abend wieder nachdachte, weil sie ihn nicht verstand? Den sie gar nicht wollte. Den sie nicht einmal kannte. Nie empfunden hatte (…). Und jetzt auf einmal doch?Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder
als eine naturhistorische Tatsache (…) als unvermeidliche Folge der Entstehung komplexer Systeme und schließlich des Lebens im All.Mit der Herstellung von Feuer aber wird erstmals ein Energiestrom zum Kochen genutzt, ohne dass man ihn selbst körperlich verzehrt. Mit dem Verbrennungsrückstand ist auch der Müll in der Welt. Schlaudt spricht von einem „unheilbaren Riss“:Quelle: Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland
Die Moderne ist dreckig – dreckig wie noch keine Zeit zuvor. Dahinter (…) steckt die Entwicklung des „exosomatischen“ Stoffwechsels, also die Auslagerung körperlicher Funktionen in externe Technologien, mit der erstmals in der Natur- und Kulturgeschichte Müll anfällt, der von der Biosphäre nicht mehr resorbiert werden kann.Quelle: Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland
Der industrielle Dreck ermöglicht uns die Illusion von Reinheit, und diese lässt uns umgekehrt jenen übersehen. Hygiene ist die Form, in welcher unser Müllregime sich selbst verhüllt. Diese Einsicht ergänzt die Kritik der Hygiene um eine ganz neue Dimension: Hygiene als Ideologie (...) ohne die die Müllmoderne nicht funktionieren würde, weil der Müll dann als das erschiene, was er ist: ein unhaltbarer SkandalRecycling ist nur bedingt eine Lösung.Quelle: Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland
Vielleicht sollte ich als Untertitel hinzufügen: Nicht während des Essens lesen!Tatsächlich geht es über weite Strecken dieser autobiographischen Erzählung von Hiromi Itō um Fäkalien in diversen Aggregatzuständen. Der nett-niedliche Titel „Hundeherz“ führt in die Irre. Denn vor allem macht sich hier der Hundedarm geltend. Kaum erstaunlich, denn es geht ums Altern und Hinsterben. Heldin des Buches ist die vormalige 40-Kilo-Schäferhündin Take. Am Ende ist sie – in Menschenjahren gerechnet – eine abgemagerte Hundertjährige, dement und inkontinent und kaum noch fähig zu laufen. Und dennoch ein unverzichtbarer Teil im Rudel der Schriftstellerin. Dazu gehören weitere Hunde, darunter ein an Epilepsie leidender Papillon, ein bissiger Schuppenpapagei, drei Töchter und der zweite Ehemann, ein erklärter Hundefeind, der hier viel zu erdulden hat.Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Mein Vater ist so schwach, dass er mit offenem Mund schläft, wie eine Mumie kurz vor der Vollendung. Take liegt mit schlaffen Gliedmaßen da, wie ein toter Kojote am Straßenrand. (…) Ihre hilflose Haltung, wenn sie gestürzt ist, ihr trauriger Gesichtsausdruck, das alles sieht so sehr nach meinem Vater aus, als sei mein Vater in sie gefahren.Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Wenn ich mit meinem Vater telefoniere, sprechen wir meistens über Durchfall und Stuhlgang; manchmal rührt es mich, wie wesentlich die Ausscheidung das menschliche Leben bestimmt. Es fängt mit der Ausscheidung an und endet mit der Ausscheidung.Hiromi Itō erscheint die tätige Hilfe bei der Notdurft als größte Probe auf die Liebe zu einem Wesen, ob Mensch oder Hund. Take einschläfern? Das kommt für sie nicht in Frage.Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Das habe ich häufiger erlebt. Ein Ausdruck, der besagte, sie wäre jederzeit bereit, eine Ehe zwischen Mensch und Tier einzugehen, wenn die Männer es nur wünschten.„Hundeherz“ ist ein Tierbuch wie kein anderes, ungemein ehrlich und erfahren, voller scharfer Beobachtung und freundlichem Verzeihen; Elend und Ekel mit Komik bändigend. Und es ist mehr als ein Tierbuch: eine tabulose Reflexion über Gebrechlichkeit und Fürsorge.Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Von der Uhlandstraße herunter marschierten einige Männer mit Fahnen und im Gleichschritt. Dieses Bild sah man jetzt häufiger, seit das Verbot der SA aufgehoben worden war, und ich hatte mich schon daran gewöhnt, wie man sich mit Baulärm oder zankenden Nachbarn abfindet. Wenn jemand bereit sei, sein Leben für ein Idee zu opfern, ob man dafür, fragte Magda, nicht doch mehr Achtung empfinden müsse als für jene, die im ewigen Einerlei immer weitermachten wie Zirkustiere, die dressiert im Kreis liefen.(…) Sogar Hellmut sah sie verwundert an, denn ihre Bemerkung passte so gar nicht zu dem, was man in Neubabelsberg zu sagen pflegte.Quelle: Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Magda bat mich, das Licht zu löschen. Im Halbdunkel öffnete ich den Rückenverschluss ihres Kleides, und sie ließ es von ihren Schultern hinuntergleiten. Sie stand in schlichter Unterwäsche vor mir, setzte sich aufs Bett, um die Seidenstrümpfe anzurollen, hielt inne und wartete, bis ich mich entkleidet hatte. (…) Kurz öffnete sie die Lider und erschrak, als sie merkte, dass ich ihr ins Gesicht blickte. Ich habe sie nie wieder derart nackt gesehen, und später, als sie für die Zeitungen posierte, ihre Kinder vorzeigte als Beweis ihrer gewonnenen Kämpfe, dachte ich wieder daran. Sie wollte so unbedingt gesehen werden, und sie hatte so unbedingte Angst davor erkannt zu werden.Quelle: Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Quandt tat noch einmal, was er im Frühsommer getan hatte, er setzte Menschen vor die Tür. Anders als bei Magda trauerte er ihnen nicht nach, und er zahlte ihnen auch keine Abfindung. Er handelte wie fast jeder Unternehmer in diesem Herbst, und die Stadt war plötzlich überfüllt mit Zeit. Niemand brauchte noch die Minuten und Stunden und Jahre der Arbeiter, sie waren keine Sekunde eines Günther Quandt mehr wert, und die Entlassenen drängten sich vor den Volksküchen oder saßen mit einer Flasche Bier in der Hand auf dem Bordstein und blickten ins Nichts.Quelle: Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Kritik an Clemens SetzEin Clemens Setz-kritisches Gedicht von Clemens Setz. Es steht im wirklich beeindruckenden Buch „Das All im eigenen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitter-Poesie.“ Achtung: Man muss hier zwischen Poesie und Lyrik unterscheiden. Es geht nicht immer um Gedichte, es geht darum, dass Dinge eine poetische Wirkung haben, dass sie den Lesenden mit seltsamer Paradoxie überraschen, mit Unstimmigkeiten, über die man nachdenkt – dadurch wird der Kopf frei, selbst zu denken. Und das ist etwas, was man im Netz gut gebrauchen kann, bei stundenlangem Gedaddel an Handy oder PC. Im Netz ist man schnell verloren, die Erfahrung hat wahrscheinlich jeder schon mal gemacht.
Du postest nur noch Hasenbilder
Von Löffelohrn und Pfoten
Du bist wie diese Bodybuilder
Die sich nur selbst promoten
Du schreibst von Ziegen sehr genau
Der Rest bleibt unerwähnt
Wo bleibt die Politik du Sau
Wer hat dich so verwöhntQuelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
IDEE FÜR KINDERBUCHMan muss schon poetisch sehr unterbelichtet sein, um keine Bilder im Kopf zu entwickeln und sich Gedanken, um das Schicksal des strampelnden Kanarienvogels zu machen. Die Einsamkeit ist zum Heulen, es ist aber auch ein Akt des Empowerments, der Selbstermächtigung. Kurz – es ist ein Bild des Menschen, der conditio humana schlechthin, ein geradezu faustisches Bild des Satzes: „Wer immer strebend sich bemüht, den werden wir erlösen“ – und das auf 276 Zeichen komprimiert. Man will gleich noch ein Gedicht – bitte schön. Da postet Setz ein Bild seines Knies, in dem man mit etwas Phantasie eine seltsam unheimliche, wie von einer Strumpfmaske überzogene, Visage erkennen kann.
Ein Mann breitet abends ein Tuch über den Vogelkäfig. Nachts kommt er daran vorbei und sieht ein Glühen dahinter. Er hebt das Tuch und sieht: Der Kanarienvogel strampelt auf einem winzigen Fahrrad, das Licht erzeugt, um in der Dunkelheit keine Angst zu haben.Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Es wohnen neue WesenDutzende eigene Tweets hat Clemens Setz für den Band zusammengestellt und kommentiert. Die Gedichte verlieren nichts dadurch, im Gegenteil, sie sind ikonisch geworden – und endlich kann man sie lesen, ohne immer das Handy vor dem Gesicht zu haben.
in meinem rechten Knie
Bei ihrem Anblick sinkt man
in Allmelancholie
Geschnäbelt wie die Geier
wie Venen aufgestaut
verharren sie und atmen
stumm unter meiner Haut
Warum sind sie in mir
Warum in meinen Knien?
Ich fühle ihre Schnäbel
und gehe so durch WienQuelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Ich las sie jeden Tag, sogar mehrmals, das heißt, ich las zusammengerechnet weit mehr von ihnen, als ich von meinen herkömmlichen Lieblingsautor:innen in Buchform konsumieren könnte, und zugleich wusste ich praktisch nichts über sie, meist nicht einmal, wie sie heißen oder wie sie aussehen. Ihr Profilbild könnte weiß Gott wen darstellenDavon ist heute nichts mehr übrig – außer ein paar versprengten Dateien auf alten Festplatten bei Setz oder irgendwelchen Sammlern. Twitter selbst hat sie gelöscht, die Reste trägt Clemens Setz hier zusammen – und endet melancholisch mit zwei Bots, die sich gegenseitig in Kochrezepten adressieren, die, weil sie immer nur die Fehler des anderen replizieren und variieren, einsam in die Depression versinken. „Alle zerplaten“, so heißt eine der letzten Nachrichten, für das Z war beim Zerplatzen schon keine Zeit mehr.Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Armer Doombot. Ich kann ihn nicht mehr ohne Mitleid lesen. Tapfer ersinnt er Tag für Tag neue Variationen über das Weltende. Und er ahnt dabei nicht, dass sein eigener Verstand nachzulassen beginnt, dass ihm von jenen, die ihn erschaffen haben, die eigene Auflösung mitgegeben wurdeClemens Setz hat mit „Das All im Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie“, Literaturgeschichte geschrieben. Wie quasi alles, was er anfängt, baut das Buch Brücken in eine Welt, die alles Digitale immer noch als etwas minderwertig abstempelt. Mancher glaubt ja mit Kafka, Bücher müssten immer Äxte sein für das gefrorene Meer in uns. Dieses gefrorene Meer aber ist längst in der Klimakrise geschmolzen, meint Setz. Im Fluiden der Poesie von Heute wenigstens einmal schwimmen kann heute, wer dieses kleine, kluge Buch liest.Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Die tiefsten Schichten dessen, was Peru als Nation ausmachte, dieses Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, zusammengehalten von ein und denselben Nachrichten und Verordnungen, sie waren durchdrungen von volkstümlicher Musik und volkstümlichen Gesängen.Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Es war Weisheit, Konzentration, meisterliche Beherrschung, ein Wunder.Dieses geradezu erleuchtende Erlebnis weckt neue Energien: Toño schreibt nun über Jahre an einem Buch, das ihm schließlich mindestens so viel Begeisterung wie Spott einträgt. Immer mehr verrennt er sich in seine Idee, Peru sei Dank der Huachafería entstanden – ein Wort mit schillernder Bedeutung, das eigentlich so etwas wie Kitsch oder Affektiertheit bedeutet, mit dem Toño aber die eigentümliche Sentimentalität der kreolischen Musik zu beschreiben sucht. Der „proletarische Intellektuelle“ Toño ist einer jener in Vargas Llosas Werk öfter auftauchenden Träumer und Utopisten –obsessiv, sich unverstanden fühlend, leidgeprüft.Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Als wären da Ratten, die an meinem Rücken knabbern. Und dann möchte ich das Hemd ausziehen, die Hose. Und mich kratzen, bis ich tot umfalle.„Die große Versuchung“ ist der Roman über einen Mann, dessen Leidenschaft mit seinem Hang zur Depression konkurriert. Dazu ein Künstlerroman, den Toño dem musikalischen Erneuerer Lalo Molfino widmet, einer schemenhaften Gestalt. Und es ist eine Geschichte der kreolischen Musik – zahlreiche Namen bekannter Interpretinnen und Interpreten tauchen auf. Bald merkt man: In eingefügten Kapiteln lesen wir den Essay, den Toño schreibt, in dem er den Spuren Felipe Pinglo Alvas folgt oder den Liedern der gefeierten Sängerin Chabuca Grande lauscht. In Essays und Artikeln hat der Literaturnobelpreisträger immer wieder den Niedergang der Hoch- und den Siegeszug der Massenkultur angeprangert. In seinem Roman versucht er nun mit seiner Hauptfigur in der Musik des Volkes eine alle Unterschiede überwindende Kunst heraufzubeschwören – ein romantischer Gedanke, ein naiver auch, denn die Kraft der Musik reicht kaum aus, alle Gegensätze zu überwinden. Diese Ambivalenz – das Überschwängliche und Unbedarfte – ist dem Buch durchaus eingeschrieben. Und eine Trauer darüber, dass Peru den Weg der Einheit immer wieder verfehlt.Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Ihnen widme ich mein Schweigen.Fast scheint es, als sei Vargas Llosas Buch um diesen auch an uns Leser gerichteten Satz herum geschrieben worden.Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Faschistische Anführer sind ‚Männer der Tat‘, die für Beratungen und Überlegungen nichts übrighaben. (...) In der gegenwärtigen Phase der US-Politik, in der Trump und seine Anhänger die Klimaforschung verspotten und verhöhnen, erleben wir einen Siegeszug der Verunglimpfung wissenschaftlichen Sachverstands.Der faschistische Anführer ist ein Mann, ein Patriarch. Denn die Frau gehört wie früher an Heim und Herd. Dass allerdings gerade ein paar weibliche Rechtsaußen in Europa an der Spitze ihrer Parteien stehen, ist ein Widerspruch, den Stanley nicht weiter beachtet.Quelle: Jason Stanley – Wie Faschismus funktioniert
Solche Verschwörungstheorien sind wirksam, weil sie rationale Erklärungen für ansonsten irrationale Emotionen wie Ressentiments oder fremdenfeindliche Ängste angesichts einer vermeintlichen Gefahr liefern. Die Vorstellung, Obama sei in Wirklichkeit ein Muslim (...) begründet das irrationale Gefühl der Bedrohung, das viele Weiße bei seinem Amtsantritt hatten.Quelle: Jason Stanley – Wie Faschismus funktioniert
Manche leben von Kindergeld. Ihre Onkel sind im Gefängnis, ihre Tanten auf Crack, ihre Cousins in Gangs, ihre Schwestern auf dem Strich. Das sind die Geschichten, auf die alle geil sind. Der Scheiß, der vielleicht einmal im Jahr passiert. Da quatschen die niggas heut noch von, als wäre es gestern gewesen.Wer das liest, braucht keinen Stadtplan, um zu wissen, wo die Geschichten spielen. Sidik Fofana schreibt über das Leben in einer Schwarzen Nachbarschaft und der Übersetzer Jens Friebe hat das N-Wort politisch korrekt im englischen Original belassen. Für diese authentischen, frischen Stimmen wünscht man sich sofort ein Hörbuch, das die forschen Töne ebenso zum Klingen bringt wie die bedrückende Hilflosigkeit. Man hat die Protagonist*innen also im Ohr und fast vor Augen, während man ihre Geschichten liest, die alle aus der Ich-Perspektive erzählt werden: Da ist zum Beispiel Mimis Ex-Freund Swan, der kaum Geld für den gemeinsamen Sohn abdrückt und bei seiner Mutter wohnt, die mit zwei Jobs die Miete finanziert. Oder der schwule Nachbar Dary, der die Kellnerin Mimi bei ihrer Schwarzarbeit als Haarstylistin unterstützt. Ein bisschen Glamour im trüben Alltag. Der amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg lässt die Mieter*innen in dem verwohnten Hochhaus mit kaputten Waschmaschinen und defekten Aufzügen nicht aufgeben.Quelle: Sidik Fofana – Dünne Wände
Kann man sich nicht vorstellen, man würde es einfach aus Spaß machen? Seit meiner Geburt war mir klar, aus mir wird mal was Großartiges. Ich hab das volle Paket, einnehmendes Wesen, Talent, fotogen bin ich auch. Weißt du, wie viele Menschen da draußen keinen Traum haben, für den sie leben? Du musst immer bereit sein für den großen Durchbruch.„Das Thema, das die Geschichten verbindet, ist der amerikanische Traum und die Enttäuschung des amerikanischen Traums“, sagt Sidik Fofana. Das ist ihm literarisch so überzeugend gelungen, dass man dieses realitätssatte Buch mit dem gleichen Erkenntnisgewinn liest wie eine gut recherchierte Reportage.Quelle: Sidik Fofana – Dünne Wände
Es kamen immer mehr. Die Diebe, die Vergewaltiger, und hatte Bialik – oder war es Ben Gurion? – nicht geschrieben: »Erst wenn wir unseren eigenen hebräischen Dieb, unsere eigene hebräische Hure und unseren eigenen hebräischen Mörder haben, haben wir wahrhaftig einen Staat.« Hier wurde es wahr, dachte Benny. Hier wurde es Wirklichkeit.Das denkt der Verbrecher Benny auf der Party eines russischen Milliardärs in Tel Aviv 1994, auf der Politiker und Armee-Generäle mit Callgirls feiern – und fasst damit das programmatische Anliegen dieses Romans zusammen. Ein brisantes Vorhaben: In Israel ist der im Original auf Englisch geschriebene Roman bisher nicht erschienen.Quelle: Lavie Tidhar – Maror
Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden.Das ist die Überzeugung des korrupten Chief Inspector Cohen, der in diesem gewaltigen Epos im Hintergrund alle Strippen zieht. Ein Mann mit eiskalten Augen, stets ein Bibelzitat auf den Lippen. Ein Polizist, der auch fürs organisierte Verbrechen arbeitet, um die Stabilität des Landes zu wahren. Nach seiner Auffassung. Ob Attentat, Waffenschmuggel oder Landbesetzung, er tut, wovon er glaubt, was getan werden muss. Als der Libanonkrieg die Drogengeschäfte stört, sorgt er für einen neuen Lieferweg. Ab den 1980er Jahren führt ihn der Handel mit Drogen und Waffen bis nach Lateinamerika und Kalifornien. Nie zweifelt er, nie ist er zu fassen. Auch erzählerisch bleibt er im Hintergrund. Eine kluge Entscheidung: So spiegelt die Erzählung sein Wirken, wird er von den Figuren mal als eiskalter Mörder, mal als manipulierender Helfer wahrgenommen.Quelle: Lavie Tidhar – Maror
Für die Menschen ist dieser Ort eine Qual, besonders die Kinder finden nachts kaum Schlaf. Sie schreien vor Schreck auf, springen aus dem Bett und rennen barfuß aus dem Haus. Sie laufen und laufen durch die engen Gassen, sobald sie stehen bleiben, erstarren sie vor Kälte. Ihre Eltern kommen erst im Morgengrauen, um sie einzusammeln. Die Väter und Mütter sind ganz schwarze, ganz magere Leute, solche, in deren Gesichtern man nur noch die Augäpfel hin und her rollen sieht.Quelle: Can Xue – Schattenvolk
Ich hörte etwas an einem Knochen nagen und dachte, es sei die Katze. Also sprang ich vom Ofen hinunter und lief hin, um nachzusehen. Ah, es war nicht die Katze, es war eine Hausratte, sie war doppelt so groß wie eine gewöhnliche Hausratte. Verdammt! Sie nagte an Großväterchens Ferse. Ich sah den nackten weißen Knochen, doch kein Blut. Die Hausratte war freudig erregt, zitterte am ganzen Körper, als knaknakna-knabbere sie am besten Knochen der Welt.Solch rabenschwarze und zugleich märchenhafte Elemente sind immer wieder kunstvoll in Can Xues Geschichten eingestreut. Subtiler Horror wirkt da, aber auch dezenter Humor. Auch Träume und Alpträume, Fakt und Fiktion, Surreales und Reales – wie etwa der Verweis auf Hunger und Not – gehen darin Hand in Hand. Das macht die Lektüre so rätselhaft wie spannend. Lange fragt man sich etwa in dieser Geschichte, wer und was eigentlich der Ich-Erzähler ist: ein Mensch – oder ein Tier?Quelle: Can Xue – Schattenvolk
Was konnte man schon tun? Die Zikaden, Pappeln und Weiden wuchsen und gediehen zusammen, und die Zikaden waren nicht auszurotten, es sei denn, man fällte die Bäume. Dann aber würde die Temperatur im gesamten Wohnviertel um mindestens drei Grad steigen.Can Xue spielt damit womöglich auf die 1958 von Mao ausgerufene Kampagne „Ausrottung der vier Arten“ an, die einst mit zur Großen Hungersnot beitrug. Vor allem aber erzählt sie von den Abgründen der menschlichen Seele im Spiegel der Tiere. Diese durchleben das ganze Register an Leid, Verzweiflung und Gewalt, das allen widerfährt, die unter die Räder des sich modernisierenden Chinas geraten. Wie die Menschen sind auch die Tiere konfrontiert mit dem Verlust von Heimat und Zugehörigkeit. Die Landschaften in allen Erzählungen sind entsprechend feindlich gezeichnet: extrem heiß oder heimgesucht von sintflutartigen Unwettern; gleißend grell oder beklemmend dunkel. Leben, so macht Can Xue in solchen Bildern deutlich, bedeutet hier eher Überleben. Statt Konstanz herrscht Kontingenz: durch Entwurzelung, durch Umsiedelung, ob erzwungene oder freiwillige. So gesteht gleich zu Beginn der titelgebenden Erzählung „Schattenvolk“ der Ich-Erzähler, dass er falschen Verheißungen von einem besseren Leben in der Stadt aufgesessen ist:Quelle: Can Xue – Schattenvolk
Es war ein langer und mühsamer Weg in die Feuerstadt. Bis heute erinnere ich mich an den Durst, die Sehnsucht, die ich unterwegs verspürte. Mir war, als ginge ich zum Kristallpalast! In den Sagen und Märchen ist der Kristallpalast der allerschönste Ort. Ich kam nachts an. Ich erinnere mich, wie mich zwei Hände in ein altes Haus zogen, wo es nach Fleischbrühe roch, und dann irgendjemand sagte: »Der läuft uns nicht weg.«Quelle: Can Xue – Schattenvolk
Jetzt ist Montag ½ 11 Uhr vormittag. Seit Samstag ½ 11 Uhr warte ich auf einen Brief und es ist wieder nichts gekommen.Das schreibt Franz Kafka an seine künftige Verlobte Felice Bauer am 4. November 1912. Eine leichte Verzweiflung ist in diesen Zeilen enthalten, aber auch ein behutsamer Vorwurf.Quelle: Franz Kafka
In den düsteren siebziger Jahren verkörperte Quevedo für die Künstlerkreise des Landes das Böse schlechthin. Er war ein bestenfalls mittelmäßiger Dichter, hatte einen ebenfalls bloß mittelprächtigen militärischen Dienstgrad inne und entsprach in jeder Hinsicht dem Typus des unerbittlichen Politikers, der krank vor Hass und Neid gegen alle Andersdenkenden vorgeht und seine Macht dabei rücksichtslos missbraucht. (…) Offensichtlich wegen seiner ausgeprägten inquisitorischen Neigung und angeborenen Boshaftigkeit hatte man ihn zum Anführer einer mit der Verfolgung, Schikanierung und Ausgrenzung von kubanischen Schriftstellern und Künstlern beauftragten Gruppe bestimmt, die jahrelang ungehindert ihr Unwesen trieb.Mit der Unterdrückung der kubanischen Kunstwelt, die in den 1970er Jahren besonders brutal war, berührt Leonardo Padura ein kaum aufgearbeitetes Kapitel der jüngeren Geschichte seines Landes. Dass die beiden Morde in seinem Roman etwas mit diesen schmerzhaften Geschehnissen zu tun haben, wird rasch klar.Quelle: Leonardo Padura – Anständige Leute
Anständig, was für ein schönes Wort, nicht wahr? Auch ich war zeitlebens ein anständiger Mensch. (…) Ach ja, und vergessen Sie nicht: Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen, und die Geschichte geht nie zu Ende.schreibt der Mörder des Kunst-Zensors, nachdem er aufgeflogen ist, an den Ermittler Conde. Paduras Roman kommt immer wieder auf den Begriff der Anständigkeit zurück. Kann man einen Mord begehen und trotzdem anständig sein – weil das Opfer ein skrupelloses Monster war? Oder: Wie bleibt man anständig, wenn Doppelmoral und Korruption alles beherrschen? – ob nun in der heutigen Diktatur oder vor 100 Jahren, als Prostitution, Drogenhandel und Glücksspiel auf Kuba blühten und auch Polizei und Politik durchdrangen. Leonardo Padura schlägt mit diesen Fragen gekonnt einen Bogen zwischen beiden Handlungssträngen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.Quelle: Leonardo Padura – Anständige Leute
Die Leute tun so, als wäre die Schule aus, dabei ist das hier bloß die kleine Pause. Die Lehrer und ihre Helfer stehen immer noch mit dem Stock in der Hand da und überwachen alles, aber das scheinen die Leute überhaupt nicht mitzubekommen.Quelle: Leonardo Padura – Anständige Leute
Der Ort, in den ich hineinpasse, wird nicht existieren, bis ich ihn schaffe.Ein Satz von James Baldwin. Seine Zitate trenden in den sozialen Medien, Madonna ist Fan, es gibt Kinofilme über ihn – und trotzdem: Man muss James Baldwin auch heute noch vielen Menschen vorstellen, gerade in Deutschland. Dabei war er eine wirklich wichtige Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. 1924 in den ärmlichen New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Sein Stiefvater, ein Baptistenprediger, ungeheuer streng und selten da. Seine Mutter neunmal, also eigentlich immer schwanger. Es ist die Zeit der strengsten Rassentrennung, des Antikommunismus, der Homophobie.Quelle: James Baldwin
wechselte zwischen zwei unterschiedlichen Modi der Wahrnehmung, des Sprechens, der Arbeit: ein Modus der Entschiedenheit, ein Modus der Ambivalenz.Quelle: René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge
Bezogen auf die Aufgabe an der Schreibmaschine betont die Zeugenschaft, dass es dem Schreiben nicht um Kunst um der Kunst willen, sondern um etwas in der Welt geht. Bezogen auf den politischen Protest rückt sich der selbsternannte Zeuge ein wenig an den Rand der Arena: Er war dabei, aber nicht im Zentrum; er lief mit, aber mit dem Notizbuch in der Hand.Damit ist auch ein bisschen erklärt, warum James Baldwin fast 40 Jahre nach seinem Tod so eine Bekanntheit erlangt in Deutschland? Er macht uns verständlich, was wir lange geahnt haben: Nämlich, wie die weiße Dominanzgesellschaft große Teile der Gesellschaft außen vor lässt. Baldwin meinte:Quelle: René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge
Die Welt ist nicht mehr weiß, und sie wird nie mehr weiß seinQuelle: James Baldwin
James Baldwin ist unser Zeitgenosse.Das glaubt man, wenn man Baldwins Romane gelesen hat, und man versteht es nach diesem Buch noch sehr viel besser.Quelle: René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge
Ihr abendliches Ritual nach dem Duschen bestand darin, den Babyarm anzuziehen. […] Der Arm war jetzt dick und kräftig, die Muskulatur fester als zuvor. Sie massierte ihn ein wenig. Jede Woche schnitt sie ihm die Fingernägel.Quelle: Ling Ma – Glückscollage
Weißt du, wie sich die Welt dir fügt, wenn du dich in einem unsichtbaren Kokon durch sie hindurchbewegst? Niemand sieht dich an, niemand beurteilt dich. Der kleine Amboss der Unsicherheit hebt sich. Du kannst überall hingehen, ungehindert von den Mikroaggressionen Fremder, den gezwungenen, bleischweren Höflichkeiten von Freunden und Bekannten.Quelle: Ling Ma – Glückscollage
Wenn man an die 70er und frühen 80er Jahre denkt, (...) bin ich mir nicht sicher, ob seine Botschaft und seine Präsenz so sehr durchgesickert sind wie jetzt, wo er im Grunde das Zentrum darstellt, wenn wir an Studien über schwarzes Bewusstsein oder sogar an Schriften über die schwarze Diaspora denken. Baldwin steht dabei im Mittelpunkt. Ungeheuerlich. (...) Baldwin wurde uns in der Schule als Romancier nahegebracht, weniger als Aktivist. Ich denke, das hat sich jetzt völlig geändert, denn Baldwin ist in erster Linie ein Aktivist.]Quelle: Rowan Ricardo Phillips
Als Schwarzer in diesem Land – und das hat Ralph Ellison sehr treffend formuliert – wirst du eigentlich nie gesehen. Was weiße Leute sehen, wenn sie dich anschauen, ist nicht sichtbar. Was sie sehen, wenn sie dich anschauen, sind ihre Zuschreibungen. Und das sind Qual und Schmerz, Gefahr, Lust und Pein. Sie wissen schon, Sünde, Tod und Hölle – davor fürchtet sich jeder in diesem Land.Die Gespräche drehen sich um dieses Nicht-gesehen-Werden. Sie drehen sich um die Entwicklung schwarzen Bewusstseins, um die Identität als Amerikaner, um das unverbrüchliche Aneinandergebundensein von Schwarzen und Weißen, um die eigene Rolle als Wortführer, um eine Revolution, die das ganze Land verändern sollte, die Unterdrücker sogar noch stärker als ihre Opfer. Befreit werden müssten, laut Baldwin, nicht die Afroamerikaner, sondern die Weißen selbst.Quelle: James Baldwin – Ich weiß, wovon ich spreche
Von den Schrecken, die sie plagen, von ihrer Unwissenheit, von ihren Vorurteilen und vor allen Dingen von dem Recht, Unrecht zu tun, auch wenn man weiß, dass es Unrecht ist. Die Weißen in den Südstaaten sind, glaube ich, die ärgsten Opfer und die traurigsten Geschöpfe auf der ganzen Welt. Sie wissen, dass es unrecht ist, sie wissen, dass man nicht einen Hund auf ein Kind hetzen oder einen Wasserstrahl auf ein Kind richten kann, ohne sich bewusst zu sein, dass man etwas Unrechtes tut.Das Großartige an diesen Gesprächen – ob mit Margaret Mead oder Audre Lorde, mit Nikki Giovanni oder Fritz J. Raddatz – ist die äußerst sorgfältige Auseinandersetzung mit Argumenten, Geschichte und Vorurteilen. Man kann den Sprechenden bei ihrer sorgsamen, tastenden Suche nach Wahrheiten und Erkenntnissen förmlich zuhören, aber auch die wütende Unbedingtheit im Reden spüren. Baldwin ist ein mitreißender, genauer, immer wieder seine Punkte deutlich und prägnant hervorhebender Intellektueller, der sich selbst gerade in den Diskussionen mit jüngeren Vertretern des Schwarzen Kampfes hinterfragt oder um Verständnis für eigene Positionen wirbt. Die Interviews decken gründlich das öffentliche, gesellschaftliche Engagement Baldwins ab. Der Schriftsteller, der Künstler, der sich davon nicht trennen lässt, kommt lediglich am Rande vor. Wer ein komplettes Bild dieses Lebens erhalten will, sollte etwa auf die neue Biographie von René Aguigah zurückgreifen – und neben den Essays und Gesprächen Baldwins auch dessen Romane lesen.Quelle: James Baldwin – Ich weiß, wovon ich spreche
Auf, Atem,Nur wenige Verse genügen Engeler, um mit kleinsten Mitteln eindrucksvoll wirkende Verse entstehen zu lassen, die deutliche Anklänge an das bekannte Gedicht „Im Atemhaus“ der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer aufweisen, das vom Spannen unsichtbarer Brücken zu Menschen und Dingen spricht, und an dessen Ende sich das lyrische Ich vorstellt, im Atemhaus zu wohnen, eine Menschenblumenzeit. Wie das Gedicht der berühmten Vorgängerin, richten sich auch Urs Engelers Verse allesamt auf ein Gegenüber. Dieses Gegenüber kann ein geliebter Mensch oder ein besonderer Gegenstand sein, eine Blume oder eine Katze. Es kann die Flüchtigkeit, die Vergänglichkeit, selbst das Sterben sein, also gewichtige philosophische Entitäten oder Existenzialien, denen sich das sprechende Subjekt meist vertrauensvoll, zugleich aber mit Behutsamkeit nähert, langsam, in winzigen Sprachgesten:
den andern ein-,
das andere Haus
atmen.Quelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Ganz nun aufgegangenDie starke Neigung dieser Verse zum Verstummen, die schon Paul Celan dem Gedicht der Moderne in seiner Büchnerpreis-Rede „Der Meridian“ attestierte, kulminiert im Titel des Englerschen Bandes. „nicht nichts“ ist in seiner doppelten Verneinung zwar etwas, aber nicht eben viel. Und doch prägen sich diese kleinen, vorsichtigen, fast scheuen Gedichte ein, die manchmal nur aus einem einzigen Vers bestehen. Er fasst sich kurz dieser Dichterverleger, der mit großem Enthusiasmus und organisatorischem Geschick viele bedeutenden Lyriker und Lyrikerinnen durch sein Wirken bestärkt und befördert hat. Doch trotz ihrer Kürze, oder besser gesagt aufgrund ihrer Kürze: Urs Engelers Gedichte sind etwas, in ihrer Luftigkeit erinnern sie an den göttlichen Lebensatem, sie verneigen sich vor Ariel, dem Luftgeist aus William Shakespeares „Der Sturm“, der den Geist der Poesie verkörpert, sie bezaubern in ihrem gestischen und kreatürlichen Ton, der Worte bewegt wie Gräser im Wind. Oder wie seltene, unauffällige Nachtschattengewächse, die in lyrische Prosa übergehen:
im langen Schatten –
–so ganz verstummt
und nur mehr AugQuelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Man möchte ein Haus haben mit vielen Zimmern nur mit Pflanzen und den Stimmen von Vögeln und Bewegungen von Schmetterlingen und einen Tisch an dem man schreibt und ein Bett in dem man liegt und liest und liebt. Man bewohnte ein Treibhaus und wäre selber ein Pflänzchen und würde ein dunkles Leben führen tief unterirdisch und in der Wärme der Erde und in der Weite der Nacht. Man würde Blüten treiben und ein bisschen bunt sein in dem vielen Grün und ein bisschen weich und feucht bis in alle Ewigkeit.Urs Engelers „nicht nichts“ ist ein Gruß an die Sterblichkeit und ein leises Zwinkern hin zu der Ewigkeit, nach der sich das dichterische Wort nun einmal sehnen muss, um überhaupt aufgeschrieben zu werden, um Jahr um Jahr aufzublühen wie der Flieder, dem die abschließenden beiden Verse des Bandes gewidmet sind, die nur aus zwei Wörtern bestehen:Quelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
wieder
fliederQuelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Doch er wird nicht verschwinden. Über kurz oder lang wird die durchsichtige kleine Wasserperle wieder zum Himmel aufsteigen und dort auf den rechten Augenblick zu warten, um erneut auf die Erde zu fallen ... und wieder und wieder.Derselbe Tropfen landet viele Jahrhunderte danach in London als Schneeflocke im Mund eines Neugeborenen. Die kleine Wasserperle wird im Irak die Lippen einer verdurstenden Jesidin netzen und später als Träne aus dem Auge einer jungen Wasserwissenschaftlerin rinnen.
Das Wasser erinnert sich.
Nur die Menschen vergessen.Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Der die Tiefe sah ...Fasziniert von der Dichtung, deren Sintflut-Erzählung viel älter ist als die des Alten Testaments, setzt Arthur alles daran, zu den Ausgrabungen in Ninive zu reisen. Während seine Entdeckungen zu Hause in England als Sensation gefeiert werden, taucht er tief ein in die Rätsel Assyriens und die Geheimnisse der Jesiden, die dort seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden siedeln. Wo einst Bewässerungssysteme die Gärten Ninives speisten, findet Arthur um 1870 eine Wüste vor.
Einen weiten Weg legte er zurück, müde und erschöpft.
All seine Mühsal ist niedergeschrieben
auf einem Gedenkstein ...Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Als sie erfuhr, dass die Leute dort ganze Wannen mit Wasser füllten und sich darin einseiften, machte sie das fassungslos und traurig. Sie konnte nicht glauben, dass man so töricht sein kann und sich in sauberes Wasser setzt, ohne sich zuvor gewaschen zu haben.Die Jesiden werden in der muslimischen Welt seit Jahrhunderten als „Teufelsanbeter“ verunglimpft und mit Pogromen überzogen. Den Hass bekommt auch Narin zu spüren. Am Berg Sindschar im Nordirak gerät sie in das genozidale Massaker des IS an tausenden jesidischer Frauen und Kinder, das die deutsch-jesidische Autorin Ronya Othmann kürzlich in ihrem Buch „Vierundsiebzig“ dokumentiert hat. Narin wird verschleppt, versklavt, vergewaltigt und nach Anatolien verkauft.Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Sie liegen mit ineinander verschränkten Fingern in dem Einzelbett unter Deck und lauschen dem Wasser, das an den Bootsrumpf schlägt.Mit großer Freude am sinnlichen Detail schildert Elif Shafak London, den Moloch des 19. Jahrhunderts und bis heute die Stadt der Gegensätze zwischen Arm und Reich, ebenso das osmanische Konstantinopel, die unbekannte, oft verkannte Kultur der Jesiden und deren herzzerreißendes Geschick. Die „vergessenen Flüsse“, die Zaleekhah hört, werden zum Bild des bedrohten Gedächtnisses, der Auslöschung alten Wissens und überlieferter Erfahrung. Sei es durch Staudammprojekte, die steinerne Zeugen der mesopotamischen Vergangenheit verschwinden lassen, sei es durch deren lange Zeit unhinterfragte Entführung in westliche Sammlungen, sei es durch die Erinnerungspolitik der assyrischen Könige, die weibliche Urgottheiten durch männliche Götter ersetzten. Der spannend geschriebene Roman fesselt auch mit seiner aufwendig recherchierten Faktenfülle. Zwar knirscht die Konstruktion gegen Ende hin, Shafaks Stil ist zuweilen allzu blumig, zuweilen hölzern und ihr Erzählen nicht frei von Klischees. Dennoch überwiegt beim Lesen die Lust, in diese detailreichen Welten einzutauchen, immer wieder Überraschendes über die Figuren und ihren Platz in der Geschichte zu erfahren, mit ihnen zu hoffen und zu leiden und das Wasser auf diesem Planeten mit anderen Augen zu sehen.
,Ich höre vergessene Flüsse‘, sagt Zaleekhah.
,Ich höre dein Herz‘, sagt Nen.Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Die Helden rüsten sich, / Unser Haus zu zerstören, / und wir – – / schleifen die Argumente.Der Alltag der meisten Menschen geht wie gewohnt weiter, mit Bootstouren und Spielen, die wie eine absurde Ablenkung vor der drohenden Apokalypse erscheinen. Anders als diese „Oper des kleinen Mannes“ sieht das Drama der Intellektuellen aus: Die mahnenden Reden sind gehalten, die politische Entwicklung war nicht aufzuhalten. Das lyrische Wir zieht sich ins Private zurück. Michael Köhlmeier hat den Band seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer gewidmet. Sie ist das vertraute Gegenüber in diesen autobiographischen Versen, in denen Liebeserklärung und politische Verzweiflung miteinander verbunden sind.Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Deine Sorgen sind berechtigt, / dein Lachen ist schön. / Was soll ich nach größeren Worten suchen, / wenn die großen uns nicht schützen konnten.Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Die Kerzen auf dem Grab unserer Tochter – sind sie würdig / genug? / Die Gedanken an ihr Gesicht, wenn sie Sorgen hatte – sind sie / sorgenvoll genug?„Ich habe eine kleine Novelle geschrieben, die heißt: ‚Idylle mit dem trinkenden Hund‘, die sich um den Tod unserer Tochter dreht, aber erzählerisch das so auszubreiten, das habe ich nicht geschafft. Das geht vielleicht auch gar nicht, weil die Gedanken und alle diese Dinge, die mich an meine Tochter erinnern, sich nicht in eine wohl organisierte Erzählung fassen lassen. Da ist die die Lyrik näher. Da schützt mich die Lyrik mehr vor der Verzweiflung als die Erzählung.“Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Haben nicht die Kühnsten unserer Generation sich nach der / Katastrophe gesehnt, die ihnen die Nadel in der Beuge, die / Flasche am Hals, die Selbstmordgedanken in der Freizeit, die / heimlichen Hochzeiten im späten Herbst, die Karrieren ins / Graue, die Blamagen vor den diversen Vermittlungsinstituten erspart hätte? / Und die Klügsten, haben sie nicht gehofft, ihre Genossen retten zu / dürfen am Tag der Rache? / Und was ist mit den Frommen, glaubten sie nicht, einen Unter- / gang verdient zu haben, wenigstens einen?Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Mangel an Schönheit machte mich unglücklich und böse. / Mangel an Schönheit machte mich zynisch und bleich. / Mangel an Schönheit machte, dass ich mich langweilte und zu den / Sternen aufsah, ohne zu staunen. / Mangel an Schönheit machte mich verlegen vor meinem eigenen / Leben. / Mangel an Schönheit machte mich müde und lebensmüde. / Mangel an Schönheit machte mich neidisch und missgünstig. / Mangel an Schönheit machte mich feige. / Mangel an Schönheit verheerte die Welt, und ich frohlockte / darüber.“Im dritten und letzten Teil des Buchs gibt es eine „Landkarte eines Verbrechens“ mit biographischen Fetzen. In wenigen Zeilen werden die Lebensläufe von Menschen umrissen, die aus unterschiedlichen Gründen schuldig geworden sind. Ob nun aus einem „Mangel an Schönheit“ oder einfach nur, weil es in den gegenwärtigen Verhältnissen offenbar kaum Chancen auf einen alternativen Lebensweg gab:Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Alwin war / der jüngste Sohn / der letzten Familie, deren Leben / darin bestand, / vor die Hunde zu gehen. Drei / seiner Brüder / saßen / im Gefängnis, / da war er / erst dreizehn.„Das ist ein abwesender Roman. Wenn man sagen würde, schreib einen Roman und dann hau neunzig Prozent raus. Das sind kleine Anhaltspunkte, die dem Leser sagen: Lass deine Einbildungskraft spielen und ergänze das dazwischen.“Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Kentucky war schon immer der Vorbote für die Drogenprobleme Amerikas gewesen. Die Opioid-Krise hatte hier ihren Ursprung, das Opioid OxyContin war … von Ärzten massenhaft … verschrieben worden . … In den Jahren darauf stieg die Zahl der Abhängigen und Toten massiv an, der Hersteller … hatte das hohe Abhängigkeitsrisiko verschwiegen.Als abstrakten Fakt mag man sich solche Informationen nur schwer merken, aber verbunden mit Stephens deprimierender Familiengeschichte brennen sie sich ins Gedächtnis ein. Dass der junge Südstaatler im Januar 2021 schließlich die Absperrung zum Kapitol niederreißt, ist einer Kette von Zufällen geschuldet und seiner politischen Radikalisierung. Kohlenbergs Reportagekunst ist es zu verdanken, dass wir uns vom Klischee des gewaltbereiten, stupiden Kapitolstürmers verabschieden können und den verlorenen Menschen Stephen sehen, dem das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten nie eine wirkliche Wahl ließ.Quelle: Kerstin Kohlenberg – Das amerikanische Versprechen
Magalis Eltern waren nicht wegen der Idylle nach Iowa gekommen. Denison war schon lange keine beschauliche Kleinstadt mehr. … In Denison wurden jeden Tag 10.000 Schweine geschlachtet, dazu Rinder und Hühner, …. Wenn der Wind von Westen blies, konnte man … den Gestank der Tierexkremente überall riechen.Kerstin Kohlenberg hat ein wichtiges Aufklärungsbuch über Amerika geschrieben, in dem sie mit einer Mischung aus Distanz und Empathie auf ein Land blickt, das uns zunehmend fremd geworden ist. Das Ergebnis der anstehenden Wahlen kennen wir nicht. Aber wer Kohlenbergs Buch liest, wird es einordnen und besser verstehen können.Quelle: Kerstin Kohlenberg – Das amerikanische Versprechen
Was hast du dir denn gedacht, Johanna? Dachtest du, das wär so einfach? Das hättest du einfach so drauf? Nur vom Zugucken gelernt? Könntest es nachmachen, ohne es geübt zu haben? Warum denkst du, sind hier überall Surfschulen? Nur du brauchst keine? Weil du den Cartoon mit den surfenden Pinguinen so mochtest? Was ist los mit dir? Wirst du endlich mal wieder normal?Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Ich wurde die deutsche Feststimme von zwei sehr berühmten und drei mittelberühmten Schauspielerinnen. Ich habe Hörbücher und Lerneinheiten eingelesen und mich im Alltag aus unangenehmen Situationen herausgewunden, indem ich auf Synchrongeknödel umschaltete – ein Trick, mit dem sich jede Unterhaltung ad absurdum führen lässt: so sprechen, als würde man das synchronisieren, was man sagt. Wirkt Wunder, auch bei Streits, wenn man sagt:
– Oh man ey, das macht mich echt wütend, das macht mich verdammt nochmal wütend, verstehst du das? - anstatt wirklich wütend zu werden.Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Ich hab Rosa im Ohr, die mir vorwirft, dass ich immer jemanden brauche, der oder die oder dey mir Sätze gibt, die ich nachplappern kann. Erschreckend glaubwürdig kann ich jeden Satz abliefern, oft beim ersten, spätestens aber beim dritten Take. So dass man sich im Umkehrschluss immer fragen muss, ob ich wirklich meine, was ich sage, oder ob es nur so klingt.Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Vor dem Wettkampf lösen die Sportlerinnen ihre Zöpfe und Dutts, um sich anschließend mit wedelnden Zotteln in die Wellen zu stürzen. Das sei zum einen extrem unpraktisch, wie man sich ja vorstellen könne, weil die Haare einem so ständig ins Gesicht fliegen, und zum anderen auch die schlechtere Option für die kostbaren Haare, die eh unter dem ständigen Salzwasser leiden. Dennoch sei Haare auf eines der ungeschriebenen sexistischen Gesetze bei Surf-Wettkämpfen. Je länger die Haare, desto besser für die Karriere.Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Ich habe ernsthaft befürchtet, dass sie sofort das Handtuch werfen, die weiße Fahne herausholen und die Invasion, so sie denn kommt, gleichgültig über sich ergehen lassen werden. „Na ja, jetzt kommen eben die Russen. Das ist auch in Ordnung.“ Doch nun geschieht etwas völlig anderes. Die Leute halten zusammen. Sie lehnen sich gegen die Besatzer auf. Das erfüllt mich mit Stolz. Sie haben etwas gelernt und verhalten sich nicht mehr so, wie es die Ukrainer jahrhundertelang getan haben.Quelle: Alex Lissitsa – Meine wilde Nation
Der wahre Ukrainer hat sehr wohl das neueste iPhone, aber er nutzt es als Taschenlampe, um nachts draußen den Weg über den dunklen Hof zum Plumpsklo zu finden.Kulturhistorische Exkurse, politische Reflexionen und die mit spitzer Feder gezeichneten Portraits seiner ukrainischen Landsleute verbindet Lissita auf eine zwanglose Weise. Sein Buch über die „Ukraine auf dem Weg in die Freiheit“, wie der Untertitel lautet, ist ebenso spannend wie lehrreich zu lesen. Und es ist das Plädoyer eines engagierten Patrioten, der sein Land fit machen will für die Aufnahme in die EU.Quelle: Alex Lissitsa – Meine wilde Nation
Weil dieser Fluss ein so weites, reiches und tiefes Land durchfließt; und weil so wenige, auch wenn sie schon mal in Hamburg eine Hafenrundfahrt gemacht oder die Dresdner Semperoper besucht haben, ihn wirklich kennen.Quelle: Burkhard Müller – Die Elbe
Überhaupt, was für Berufsbilder es damals am Strom gab! Jedes Schiff hatte seine Mannschaft. Es gab Wassermüller, die auf Schiffsmühlen arbeiteten (diese schwammen auf dem Fluss, hoben und senkten sich mit ihm und waren daher immun gegen Hoch- und Niedrigwasser), Waschfrauen, die heftig scheuernd ihre Wäsche im Fluss reinigten, auch sie ausgerüstet mit eigenen Waschschiffen, Fischer, Gastwirte, Blumenverkäuferinnen ... Die Elbe muss damals ein anderes Bild geboten haben als heute, wo sie über die längsten Strecken so gut wie menschenleer ist (immer die Elbradler abgerechnet).Die Elbe, so hält Müller fest, war einmal „die Achse Preußens“ und des Kaiserreichs. Die Bedeutung, die ihr aufgrund der Mittellage einmal zukam, entfiel jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Russen und Amerikaner trafen sich 1945 als Verbündete an der Elbe. Aber nur wenige Jahre später wurde ein Teil des Flusslaufs zur innerdeutschen Grenze und zugleich zur Grenze zweier Machtblöcke. Für den Rheinländer Adenauer begann östlich der Elbe die asiatische Steppe. Jahrzehntelang lag der Hauptteil des Flusslaufs in der DDR, die Mündung aber in der Bundesrepublik. Als wichtiger Schiffsweg fiel die Elbe deshalb größtenteils aus, und so ist es bis heute geblieben.Quelle: Burkhard Müller – Die Elbe
Bitterfeld verfügt heute über eine Weiße Flotte, die über die alten Kohlelöcher fährt; das tief im Binnenland gelegene Leipzig hat sich eine weitgefächerte Badezone zugelegt. So ungeheuer sind die Abmessungen dieser Umwälzung, dass noch längst nicht alles davon entwickelt worden ist. Manche der alten Tagebaue laufen erst allmählich voll und werden dafür noch Jahre brauchen.Burkhard Müller ist nicht der erste Fluss-Biograf. Es gibt Biografien der Donau und des Rheins. Und auch über die Elbe wurde schon geschrieben. Es sind Reisen in den Raum und in die Zeit, zu denen all diese Autoren einladen. Einem so kenntnisreichen und eloquenten Führer wie Burkhard Müller vertraut man sich gerne an.Quelle: Burkhard Müller – Die Elbe
Die mittleren Jahre können sich als eine Zeit erweisen, in der wir hoffentlich von unserer Lebenserfahrung profitieren und gefestigt im Leben stehen, zugleich aber den jugendlichen Übermut abgelegt haben, weil wir bereits erfahren konnten, dass sich Langmut, Sorgfalt und Geduld auszahlen. Sie werden damit – aristotelisch verstanden – zu ‚Jahren des Mittleren‘, in denen wir zu den besten Versionen unserer selbst heranzuwachsen vermögen.Quelle: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
…indem wir uns die Freiheit nehmen – aber auch immer von Neuem den Mut aufbringen -, uns dem zuzuwenden, was uns überzeugt, begeistert und erfüllt. Dabei ist dieser Prozess stets ein suchender, schrittweiser, ein Vor und Zurück, nicht zuletzt auch weil das, was wir erfahren, uns seinerseits wieder prägt und formt und wiederum anders und neu wählen lässt.Quelle: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
Lieber überschäumend vor Träumen und Sehnsüchten sein und einsehen müssen, dass nicht alles gelebt werden kann, was einen reizt, als ein langweiliges Schalentier oder eine deprimierte Person, die gar keine Sehnsucht kennen.Quelle: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
Am 2. März 1991 erfuhr ich in einer Seilbahn vom Tod Serge Gainsbourgs. Ich bin in dem Wintersportort, in dem meine Mutter siebzehn Jahre zuvor gestorben ist. Ich nehme Gainsbourgs Tod zu ernst. Irgendwas läuft hier schief. Ich wusste kaum etwas vom Tod meiner Mutter, also weine ich um Serge Gainsbourg.Quelle: Joann Sfar – Der Götzendiener
Ein Elefant im Raum. Ich kann ohne Ende essen. Ich fühle mich nie voll. Manchmal tusche ich sogar schwarze Flächen mit einer Schreibfeder. Das ist sehr befriedigend. Aber es hört nie auf.Gespräche prägen diesen Band, Gespräche von Joann Sfar mit seinem Psychotherapeuten und einem Rabbi in Nizza. Aber Theologie und Psychoanalyse bilden nur einen Rahmen. Wirklich persönlich ist dieser Comic, weil Joann Sfar sich auf die Suche macht, nach den Ursprüngen seiner Kunst. Warum ist er Zeichner geworden? Mit dem Zeichnen und Malen haben jedenfalls die wenigen Erinnerungen an seine Mutter zu tun.Quelle: Joann Sfar – Der Götzendiener
Zum Beispiel Asterix: Meine Mutter lebt da noch. Ich male mit dem Kugelschreiber in ihren Asterix-Erstausgaben herum. Nicht, um sie zu beschädigen. Sondern, weil ich betört bin von Uderzos Zeichnungen und davon träume, das auch zu können. Oder besser, mich auf die eine oder andere Weise an seinen Zeichnungen zu beteiligen. Aber diesmal bekomme ich wenige Komplimente. Und auch nicht, als Mama geweint hat, weil ich die weißen Tiere auf einer Kinderdecke ausgemalt hatte. Ich sehe meine Mutter mit hochgekrempelten Jeans im Bad, wie sie weinend die Decke reinigt. Ich weiß, dass es meine Schuld ist, und es macht mich noch heute traurig. Denn es ist eine der lebendigsten Erinnerungen an sie.Wenn sein Therapeut ihn auf das Fehlen der Mutter anspricht, antwortet Sfar, dass er lieber ein Buch darüber zeichnen würde. Das Zeichnen, das Leben in Bildern, das Leben als Bildermacher: Wenn es die Leere füllt, wird es dann zum Lebensersatz, eine Flucht vor dem Leben?Quelle: Joann Sfar – Der Götzendiener
Wenn du ein Bild mehr liebst als die Wirklichkeit, bist du verloren. Hier ein konkretes Beispiel: Ich bin bei einer Brünetten und verschüchtert. Sie will unbedingt, dass ich mit ihr schlafe. Wir haben uns gerade kennengelernt. Ich fühle mich unwohl. Sie anzusehen, würde mir reichen. Sie macht alles viel schneller als ich. Sie ist vor mir nackt. Das stresst mich. Ich ziehe mich mental zurück. Ich fange an, sie in meinem Kopf zu zeichnen. Wussten Sie das? Dass ein Zeichner sogar ohne Stift in der Hand zeichnet? Wenn ich zeichne, krieg ich keinen hoch. Mit einer Autorität wie der von Francois Mitterand oder meiner Großmutter väterlicherseits, erklärt sie: Und doch wird es passieren müssen! Schließe die Augen! Und sobald ich die Augen schließe, krieg ich einen hoch. Verstehen Sie? Zeichnen und Leben, beides gleichzeitig ist nicht so einfach.Quelle: Joann Sfar – Der Götzendiener
Man muss in der Küche arbeiten, oder im Wohnzimmer, inmitten seiner Liebsten. Man braucht Cafés, Bänke, den Wind und dass man unentwegt gestört wird. Das Zeichnen wird nicht abhandenkommen. Zu versuchen, weniger zu zeichnen, wenn man es so sehr liebt, ist morbid. Wenn Du das Gefühl hast, bei deinen Toten zu sein, wenn du schreibst, brich alles ab. Zeichnen, das ist das Leben!Quelle: Joann Sfar – Der Götzendiener
…standen mit wenigen Ausnahmen also nicht die Verfolger und Henker am Pranger, sondern ihre Opfer. Während für die einen Pensionen gezahlt, Rechtsbeistand geleistet und Ehrenerklärungen abgegeben wurden, waren die anderen weiterhin Verleumdungen ausgesetzt – und die Regierung ließ es geschehen.Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war ein…Quelle: Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi
…Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft.Quelle: Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi
Über die Jahre verfestigte sich so das immer gleiche Muster: Widerstand, das war der 20. Juli 1944. (…) und von einer Schuld der Deutschen war praktisch nie die RedeQuelle: Ruth Hoffmann – Das deutsche Alibi
Ika: U..und? Was macht er? Hat er seinen Job schon gekündigt? Hat er schon einen Flug. Glaubst du, er macht dieses Mal Ernst? Hat er was darüber gesagt, ob er das Haus verkauft? Lernt der schon spanisch? Lässt er sich dann auch scheiden? Und was ist dann mit uns? Was genau ist dann sein Plan? Was passiert dann mit dem Hund? (kurze Pause)
Bella: Ika. Das kannst du ihn gleich alles selbst fragen.Quelle: Ika Sperling – Der große Reset
Aber ich muss mich beeilen. Die scheinen ihre Pläne schneller umzusetzen als gedacht. Der Krieg für Europa war erst für 2024 vorhergesagt. Und gerade sieht es so aus, als ob sie das vorgezogen hätten. Wahrscheinlich weil immer mehr Leute wie ich aufwachen und bei dem Mist nicht mehr mitmachen und sich jetzt wehren. Zuerst Corona, dann der Krieg, jetzt die Inflation. Es ist alles so gekommen, wie ich gesagt habe. Wach endlich auf!Quelle: Ika Sperling – Der große Reset
(...) dass in den vergangenen fünf Jahren jeder der zehn reichsten britischen Milliardäre mindestens 10 Milliarden Pfund besaß oder das Äquivalent von zehntausend Dreizimmerwohnungen mitten in London. Zehntausend Dreizimmerwohnungen.Quelle: Ingrid Robeyns - Limitarismus
Damals belief sich der geschätzte Wert seines Vermögens auf 219 Milliarden US-Dollar. Welchem lebenslangen Stundenlohn entspricht Musks Vermögen? Antwort: 1.871.794 US-Dollar pro Stunde. Annähernd zwei Millionen Dollar pro Stunde. Fünfundvierzig Jahre lang für jede Arbeitsstunde.Robeyns macht in ihrem gut lesbaren Buch mit solch eindrücklichen Beispielen klar, was es heißt, unermesslich reich zu sein. Sehr große Vermögen, so schreibt sie, wurden meist nicht nur auf saubere Weise angehäuft, sondern profitierten von Steuerbetrug, Korruption oder Geldwäsche und bauten auf ausbeuterischen Gewinnen aus der Kolonialzeit auf. Robeyns schreibt großen Vermögen auch zu viel politischen Einfluss zu, etwa durch Lobbyismus. Dadurch werde das Prinzip „eine Person – eine Stimme“ ausgehebelt. Wachsende Ungleichheit und Armut seien jedoch noch weitaus gefährlicher für die Demokratie:Quelle: Ingrid Robeyns - Limitarismus
Wenn unterschwellige Unzufriedenheit über die Verhältnisse herrscht, kann ein einziges Ereignis sehr schnell eine Eskalation auslösen und zu Protesten, Aufständen und sogar Regimewechseln führen. Die einzige Möglichkeit, solche dramatischen Umwälzungen zu verhindern, ist, den Gesellschaftsvertrag so zu überarbeiten, dass er allen einen gerechten Nutzen gewährleistet.Quelle: Ingrid Robeyns - Limitarismus
Erst als sie 17 wurde, erfuhr Mutti, dass Karla schon lange ihre Tage hatte und war enttäuscht, sie hätte das gern gewusst, es sei doch eine große Sache, man wird zur Frau. Karla fühlte sich überhaupt nicht als Frau, nur weil sie einmal im Monat ultrafiese Schmerzen und eklige Suppe im Schlüpfer hatte. Sie wartet noch heute auf das Gefühl. Auch ihr Körper hat sich nicht verändert. Sie ist bis heute dünn und flach, sie findet sich viereckig. Sie ist eine Sache.Quelle: Paula Irmschler - Alles immer wegen damals
Karla ist ein unzugänglicher Millennial, obendrauf ist sie noch, wie sie ist, und dann steckt da leider auch immer ein unaufgeschlossener Ossi in ihr, der skeptisch gegenüber allen ist, die ihr fremd sind, also alle, die sie kürzer als ein Jahr kennt. Wann wird sie endlich zur Kölnerin und schmatzt einfach alle ab?Quelle: Paula Irmschler - Alles immer wegen damals
Die Lebensgeschichten der beiden sind jetzt Systembiografien. Das Leben von damals befindet sich nun in Museen und Dokus, aber nirgendwo findet Gerda ihres. Vieles war eigentlich so unspektakulär, findet sie. Ja, richtig langweilig, ergänzt Karin. Aber dann sagt sie: Das sollte man nicht öffentlich sagen, sonst verharmlost man die Diktatur.Weil sowohl Karla als auch Gerda im November geboren sind, schenken ihnen die Geschwister zum 30. bzw. 60. Geburtstag schließlich eine gemeinsame Reise nach Hamburg, die Karla nur zähneknirschend antritt und die sie unverhofft an die Ostsee führt. Dort kommen Tochter und Mutter sich immerhin wieder so nahe, dass sie erst über Wessis und deren Macken lästern und sich dann ihre Versionen der gemeinsamen Geschichte erzählen können. Der Titel von „Alles immer wegen damals“ ist also Programm, ein manchmal trauriges, oft komisches, aber immer unterhaltsames Programm. Paula Irmschler schafft es, das zumindest im Osten immer noch heiße Eisen der ungleichen Verhältnisse anzufassen ohne in Larmoyanz zu verfallen. Dass der Roman ein bisschen zerfasert und kein richtiges Ende findet, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache: Familie ist nie zu Ende und auch die deutsche Wiedervereinigung ist, wenn man ehrlich ist, noch in vollem Gange.Quelle: Paula Irmschler - Alles immer wegen damals
Werden wir sterben?10 Jahre alt ist der Sohn – und genauso lange irrt der Vater mit ihm durch die kaputte Welt. Das geht aus einem Brief hervor, den der Vater im Comic auseinanderfaltet. Es ist der Abschiedsbrief der Mutter, die ihren Sohn kurz nach der Katastrophe entbunden hat. Sie hatte keine Hoffnung, menschenwürdig in dieser zerstörten Welt zu leben und erschoss sich. Nun irrt der Vater mit der Pistole durch die Welt und hat noch genau zwei Kugeln übrig.
– Irgendwann schon.
– Und was… würdest Du machen, wenn ich sterben würde?
– Dann würde ich auch sterben wollen.Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Geht´s? Dir ist kalt, mh?Cormac McCarthy lässt in seinem Roman „Die Straße“ abwechselnd Vater und Sohn von ihrer Odyssee erzählen. Manu Larcenet streicht den Text des gut 250-Seiten Romans radikal zusammen. Sprache ist in dieser unmenschlichen Umwelt kein facettenreiches Kommunikationsmittel, das Grauen ist unaussprechlich. Vater und Sohn haben keine Namen und unterhalten sich fast ausschließlich über Praktisches. Umso bedrohlicher werden die kleinsten Wendungen in der kargen Kommunikation.
– Ja. Können wir anhalten?Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Ich versuche, ein Feuer zu machen. Gib mir die Streichhölzer.Im Roman bezeichnen sich Vater und Sohn als diejenigen, die „das Feuer bewahren“. Damit meint Cormac McCarthy, dass sie trotz aller Widrigkeiten ein moralisch integres Leben führen. Das wird bei all dem Hunger und dem Schrecken immer wieder auf die Probe gestellt. Als der Sohn von einem Kannibalen gefangen wird, befreit ihn der Vater mit einem Kopfschuss. Die halb verhungerten Menschen, die sich andere Kannibalen in einem Keller als Vorratslager halten, werden dagegen von Vater und Sohn nicht befreit, aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen.
– Ich… Ich hab sie verloren, Papa.
– Was?
– Ich hab sie verloren, ich weiß nicht wann. Ich wollte es Dir nicht sagen, tut mir leid, Papa.Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Papa?Und dann werden sie auch noch beraubt. Alles Hab und Gut, das die beiden in einem Einkaufskorb den weiten Weg bis ans Meer geschoben haben, die Konserven, die sie in mühevoller Arbeit zwischen Leichen und anderen grausigen Funden zusammengeklaubt haben, um zu überleben, ist nach der ersten Nacht am Meer weg. Wie ein Wahnsinniger sucht der Vater nach dem Dieb, flitzt von der Deckung eines Autos über die Straße, findet einen verlotterten Mann mit dem Einkaufswagen - und rächt sich.
– Mmh?
– Was sind unsere langfristigen Ziele?
– Wo hast Du das denn her?
– Das hast Du gesagt.
– Wann?
– Vor langer Zeit.
– Und was war die Antwort?
– Das weiß ich nicht mehr.
– Ich auch nicht.Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Das Messer runter… Zieh dich aus, alles runter – und zwar schnell… Leg alles in den Wagen.In einem Anfall von Wut und Verzweiflung hat der Vater seinen Vorsatz vergessen, moralisch integer zu bleiben. Will man in so einer Welt wirklich überleben? Cormac McCarthy gibt darauf keine Antwort. Stattdessen zeigt er den Niedergang aller Menschlichkeit in einer zerstörten Welt. Als der Roman vor knapp 20 Jahren erschien, vermuteten viele Kritiker, dass McCarthy die Folgen des Klimawandels (beschrieben/aufgezeigt) hat. Heute erscheint das noch wahrscheinlicher. Manu Larcenet hat die Sprache des Romans in eindrückliche und zeitgemäße Bilder des Grauens verwandelt, mit facettenreichen Grauschattierungen. Das ist keine erbauliche Sommerlektüre, sondern ein postapokalyptisches Meisterwerk.
– Mach das nicht.
– Die Schuhe auch. Ich verhungere.. Du hättest dasselbe getan. Du weißt, ohne Kleider verrecke ich.
– Du wolltest uns töten. Ich lass Dich genauso zurück, wie Du uns.Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Ab einem gewissen Punkt in seiner Laufbahn begann der Künstler G – vielleicht weil er keine andere Möglichkeit sah, sich zeitlich und räumlich in der Geschichte zu orientieren -, auf dem Kopf zu malen.Quelle: Rachel Cusk – Parade
Als Gs Frau die umgedrehten Bilder zum ersten Mal sah, fühlte sie sich, als hätte jemand sie geschlagen. Das Gefühl, dass alles richtig erschien und doch grundlegend falsch war, erkannte sie auf Anhieb wieder. Dies war ihre Befindlichkeit, die Befindlichkeit ihres Geschlechts.Damit ist auch schon das Thema auf dem Tisch, das fast das ganze Werk von Rachel Cusk beherrscht: Wo findet die Frau, vor allem die künstlerische Frau ihren Platz? Wie kann sie ihre Talente erkennen und umsetzen? Und wie schützt sie sich vor den Anforderungen des Alltags, der Familie, der Liebe, die sie von ihrem Weg abbringen? Das fragt sich auch Gs Frau, findet dann aber einen Ausweg, mit dem sie einigermaßen leben kann:Quelle: Rachel Cusk – Parade
Seine Erfolge - seine Leistungen – waren auch ihre, besser gesagt hatte sie ihm ihr Leben und ihre Kraft gewidmet und auf die Möglichkeit verzichtet, es selbst zu etwas zu bringen. Deshalb beanspruchte sie nun einen Teil seiner Macht für sich.Quelle: Rachel Cusk – Parade
Manchmal scheinen in dieser Stadt alle Kinder zu weinen. Sie werden in Buggys durch die Straßen geschoben und heulen wie Sirenen.stellt sie genervt fest.Quelle: Rachel Cusk – Parade
Während die Kinder schreien, erscheint mir meine eigene Geschichte der Mutterschaft wie ein hoch flussaufwärts gelegener Ort, von dem ich weit abgedriftet bin. (…) Das Geschrei der Kinder weckt meine Ungeduld und so etwas wie Angst, als verkörperten sie eine universelle Einsatztruppe, aus der ich niemals entlassen werde.Später wird dieser Gedanke aus der Sicht einer Tochter aufgegriffen.Quelle: Rachel Cusk – Parade
Denkt denn nicht jeder, seine Mutter hätte eine Künstlerin sein können? Vielleicht glauben wir das, weil wir uns schuldig gemacht und das Leben unserer Mutter ruiniert haben.Rachel Cusk ist nicht ohne Grund eine hochgelobte Schriftstellerin - wenn auch in Deutschland weniger bekannt als im englischsprachigen Raum. Schon zu Beginn ihrer literarischen Karriere 1993 wurde sie als eine der besten jungen britischen Autorinnen gefeiert und dann auch mit Preisen überhäuft. In nahezu allen ihren Büchern umkreist sie Themen wie Mutterschaft und weibliches Künstlertum. Fast zornig verteidigt sie das Recht der Frau, eine eigene Sicht auf die Welt zu haben und die auch kreativ umzusetzen. 2022 sagte sie in einem Interview: „Muss eine weibliche Stimme denn ungelebt und unentdeckt bleiben? Besteht ihr Wert darin, überhaupt nicht oder nur stumm zu existieren? Nicht frei zu sein, keine Dinge zu besitzen und nicht das Wissen, das daraus entsteht? Oder ist sie in Wirklichkeit eine eigenständige Existenz und ein als eigenständig erkennbares geistiges Wesen?“Quelle: Rachel Cusk – Parade
Einem Mann ihre Alpträume aufzubürden, war womöglich ihr Abschiedsgeschenk an das männliche Geschlecht. Vielleicht lässt mich dieser Gedanke heute Nacht besser schlafen.Leider hat Rachel Cusk ihrem Roman eine ziemlich komplizierte Form verpasst. Er zerfällt in oft unverbundene Einzelteile. Männliche und weibliche Künstler tauchen auf und verschwinden wieder und alle heißen sie G. Oft rätselt man, an welchem Ort und in welcher Zeit man sich denn jetzt befindet. Doch immer wenn man kurz davor ist, das Buch beiseite zu legen, genervt von dem ewigen Hin und Her und dem vielen Theoretisieren, fegen wunderbar dichte und klare Passagen allen Frust weg.Quelle: Rachel Cusk – Parade
Nach der Parade bedeckte eine flockige Schicht aus Müll und Glasscherben die Straße (…) An manchen Stellen lag er fast einen halben Meter hoch, größtenteils leere Flaschen und Verpackungen. Wie Tiere, die in freier Wildbahn einen abgenagten Kadaver zurücklassen, hatte die Leute gegessen, getrunken und die Behältnisse einfach zu Boden geworfen. In den Schaufensterscheiben spiegelte sich der rosa Himmel.Solche sprechenden Bilder sind eine der großen Stärken von Rachel Cusk. Sie ist eine erbarmungslos genaue Beobachterin von Menschen, von kleinen, erhellenden Szenen, in denen sie viel mehr erkennt, als an der Oberfläche erscheint. Besonders genau aber beobachtet sie sich selbst, klug und fast übersensibel. Es lohnt sich also, sie näher kennenzulernen, mit ihren Gedanken und ihrer Dünnhäutigkeit – doch „Parade“ ist dafür leider kein guter Einstieg: zu theoretisch, zu kopflastig, zu kompliziert. Deshalb lieber „Arlington Park“ oder „Der andere Ort“. Oder die vielgelobte „Outline“-Trilogie. Alle aber mit punktgenauen Erkenntnissen wie diese:Quelle: Rachel Cusk – Parade
Gottseidank sind wir nicht verheiratet, sagte sie, denn so kann ich ihn trotzdem lieben.Quelle: Rachel Cusk – Parade
So wie hier würde es nicht ewig sein – daran erinnere ich mich noch genau –, das haben sie gesagt (…). Es gebe Türen in andere Zeiten, Korridore, die sich durch die Epochen schlängeln würden, es sei möglich, so weit zu reisen, dass alle Kriege und Hungersnöte überwunden seien, vor und wieder zurück, die Jahrhunderte überspringen. Am liebsten hätte ich mich ihnen sofort angeschlossen.Quelle: Franz Friedrich – Die Passagierin
Jede Epoche verfügt ja auch über Potenziale, das Bestreben, es besser zu machen, schöner und gerechter, das finde ich viel interessanter, Chancen, an denen sie sich zu messen hat. (…) Der Fokus auf das individuelle Leid verstellt da manchmal den Blick.Quelle: Franz Friedrich – Die Passagierin
Achilles also stirbt jung. Er ist dafür der schönste unter den Männern, die vor Troja stehen, und der kühnste Krieger. Wir sehen einen James Dean der Antike. Erfüllt kann ein Leben ohne weite zeitliche Ausdehnung sein; auch Romeo und Julia mag man sich nicht alternd vorstellen.Auf der anderen Seite ergründet er die Lebenskunst derjenigen, die uralt wurden, wie Ernst Jünger oder Hans-Georg Gadamer. Gemeinsam ist ihnen, dass sie schon früh damit begonnen haben, weiträumig ins Überzeitliche, Überhistorische zu denkenQuelle: Lorenz Jäger – Die Kunst des Lebens, die Kunst des Sterbens
Die Vision der Transhumanisten ist die furchtbarste, die man sich je von der Unsterblichkeit gemacht hat. Wenn die Menschen fünfhundert Jahre alt werden, würden Kinder nicht mehr gebraucht, eigentlich müssten sie dann verboten werden. (…) Utopien sehen meistens schön aus, betrachtet man sie aber näher, so ähneln sie einem Sanatorium – sie sind nur möglich, wenn man sich den Abbau aller Spannungen zwischen den Menschen ausmalt. Das hätte nicht mehr viel mit dem Menschen zu tun, wie er uns bekannt ist.Im Kapitel „Die Gräber“ entwickelt Jäger eine kurze Geschichte der Erd- und Feuerbestattung. Bei Homer werden Leichen der Helden feierlich verbrannt. Anders in der Bibel. Bei einem eingeäscherten Jesus wäre die Auferstehung weniger plausibel gewesen, weshalb die christlichen Kirchen bis vor kurzem die Feuerbestattung abgelehnt haben. Die Aufklärung plädierte auch aus antiklerikalen Motiven für die Kremierung. Dieser Stoßrichtung folgten der Nationalsozialismus, der die Feuerbestattung 1934 rechtlich gleichstellte, und die DDR. Heute dominieren zunehmend Asche und Urne. Ein unauffälliges, ressourcenschonendes und preisgünstiges Verschwinden scheint angeraten. Sagt dies – jenseits der Sonntagsreden über die „unantastbare Würde“ – etwas über den gegenwärtigen Wertverfall des Menschenlebens?Quelle: Lorenz Jäger – Die Kunst des Lebens, die Kunst des Sterbens
Er hätte nicht herkommen dürfen, das ist die einzige Gewissheit, über die er an diesem Morgen verfügt.Mit Gärtners Vernehmung im Hauptquartier der Polizei in Shanghai beginnt Stephan Schmidts Kriminalroman „Die Spiele“. Vorangestellt ist ein kurzer Prolog, der davon erzählt, wie Gärtner Charles Murandi vor über 30 Jahren zum ersten Mal traf: 1990 war er Auslandskorrespondent in Afrika, Murandi führte einen Protest in Maputo an, bei dem ehemalige DDR-Vertragsarbeiter die Auszahlung ihres noch ausstehenden Lohns einforderten. Damit sind die Orte gesetzt: Zwischen Mosambik, China und Deutschland entspinnt sich die nicht ganz unkomplizierte Handlung, die nach und nach die Hintergründe des Mordes in Shanghai offenbart. Erzählt in zwischen den Zeiten und Orten wechselnden Kapiteln. Grundsätzlich ein gutes Mittel, das Spannung erzeugen kann. In „Die Spiele“ aber stimmt die Struktur nicht: Der Einstieg ist mühsam, der Mittelteil überfrachtet – und am Ende dann wird jedes kleine, bisher offen gebliebene Detail der Handlung noch auserklärt. Diese Schwächen im Aufbau des Romans erstaunen. „Die Spiele“ ist zwar das Krimi-Debüt von Stephan Schmidt, aber unter dem Namen Stephan Thome hat der in Taiwan lebende Autor bereits einige hochgelobte Romane geschrieben. Hier aber stehen kluge Passagen über hochbrisante politische Fragen neben schematischen und flachen Handlungselementen. So ist Thomas Gärtner zunächst der moralisch aufrechte Journalist, der alles riskiert, und dann der romantische Held, seit Jahren verliebt in die deutsche Botschaftsangestellte Lena Hechfellner, die gerade in Shanghai arbeitet – und bereit, alles für sie zu tun. Langweilig! Lena Hechfellner ist die zweite Hauptfigur, wie eine femme fatale attraktiv und eiskalt. Fast alle Männer wollen sie.Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele
Am liebsten wäre er einer der Wassertropfen, die von ihrem Hals abwärtsrollten.Solche kitschigen Passagen gibt es immer wieder.Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele
Nein, am allerliebsten wäre er eines ihrer Handtücher: das kleine zum Abrubbeln oder das große karierte, auf dem sie sich danach bäuchlings ausstreckte.Unerwiderte Liebe ist ein altbackendes Handlungsmotiv, das gerade bei diesem Kriminalroman unnötig wäre. Allein eine polizeiliche Ermittlung in China bietet durch die allgegenwärtige Überwachung viel Spannungspotential. Das lässt Schmidt weitgehend ungenutzt, sondern greift stattdessen auf überholte Mittel zurück: So zieht ein vermeintlich geheimnisvoller Mitarbeiter der chinesischen Staatssicherheit im Hintergrund die Fäden – und hat ein Muttermal mit fingerlangen Haaren am Kinn, damit klar wird: Diesem Mann ist nicht zu trauen! Dass Stephan Schmidt bessere Figuren kann, beweist er mit dem chinesischen Kommissar Luo, der die Ermittlungen formell durchführt und jahrelang gelernt hat, sich innerhalb des kommunistischen Staatsapparats zu bewegen.Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele
Scheiß drauf, denkt er. Irgendwann beißt jeder ins Gras, aber wenn er je an etwas geglaubt hat, dann an ein Leben vor dem Tod.Diese Egal-Haltung führt nicht zu einer Ermittlung, die die Wahrheit zutage fördert, naiv ist Stephan Schmidt nämlich nicht. Aber er vertraut nicht seiner hochspannenden und guten Idee, Menschen aus verschiedenen politischen Systemen aufeinandertreffen zu lassen – mit allen historischen Altlasten und verlorenen kommunistischen Idealen. Stattdessen lässt er sie ständig aus rein persönlichen Motiven handeln. Verschenkt! Wie die abschließende Notiz des Autors, dass die Corona-Pandemie absichtlich nicht vorkommt. In einem Roman, der 2021 in China spielt. Fazit: Überfrachtet, fehlkonstruiert und überraschungsfrei – „Die Spiele“ ist ein Kriminalroman mit hochbrisanter Ausgangslage und völlig verstaubter Krimielemente.Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele
Ähnlich wie man sich Ende der achtziger Jahre von der Idee des sozialistischen Umbaus der kapitalistischen Industriegesellschaft verabschiedete, verabschiedet man sich heute […] heimlich von der Utopie der sozialökologischen Transformation der Gesellschaft.Quelle: Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit
[…] der Schutz der Unversehrtheit von Natur und Umwelt unter dem Vorzeichen der Autonomie des Selbst oder des Subjekts […] bedeutet einen Widerspruch in sich: Die Integrität der Natur erfordert die Begrenzung und Unterordnung des Subjekts; die Autonomie des Subjekts hingegen bedeutet das Überschreiten vermeintlich natürlicher Grenzen und die Beherrschung der Natur.Dieser Selbstwiderspruch wird für Blühdorn besonders anschaulich an dem Umstand, dass es gerade der emanzipatorische Erfolg der Bewegung war, der das Erreichen ihrer Ziele verunmöglichte. Denn keine andere Bewegung habe einen derart großen Anteil an der Entstehung eines Ich-Ideals, bei dem die Selbstverwirklichung an erster Stelle stehe und das keinen allgemeinen Imperativ mehr als gesellschaftliche Autorität anerkenne.Quelle: Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit
[…] der Glaube an die vernunftbestimmte Welt freier Subjekte erscheint als illusionär, als untragbare Belastung und – mit ihren ökologischen Imperativen, demokratischen Zumutungen und sozialen Verpflichtungen – als inakzeptable Beschränkung aktualisierter Vorstellungen von Freiheit und Selbstverwirklichung.Übrig bleibt unter diesen Umständen nur noch, die Resilienz der Gesellschaft für die kommenden Katastrophen zu erhöhen. Das ist das nüchterne Fazit, das Blühdorn zieht. Man mag seinen Argumenten nicht in allen Punkten folgen, aber eine Auseinandersetzung mit ihnen ist überaus lohnend.Quelle: Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit
Ich denke, dass es der Zusammenbruch des sowjetischen Systems ist, der das Unvorstellbare möglich gemacht hat, und dass ich das werde erklären müssen. Ergründen, wie dieses kleine Even-Kollektiv, das durch die Kolonisatoren nacheinander kontaminiert, dezimiert, beraubt und unterjocht und schließlich genau deshalb von der Geschichte vergessen wurde, die systemische Krise zu nutzen wusste, um seine Autonomie zurückzugewinnen.Quelle: Nastassja Martin – Im Osten der Träume
In Itscha ist keine Handlung je völlig belanglos, und alles zieht potenziell Folgen nach sich. Insofern würde Darja nie erwähnen, dass jemand oder eine Gruppe von Lebewesen im Verschwinden begriffen ist. Denn diese Eventualität könnte, wenn sie in Worte gefasst – in die Welt gesetzt – würde, durchaus eintreten.Quelle: Nastassja Martin – Im Osten der Träume
Der Mann packte ihren Arm, schüttelte sie und überhäufte sie mit Flüchen. Sie aber heftete den Blick immer weiter auf Philippe und rief: ‚Monsieur!‘, mit einer rauen und leisen Stimme, dass er erstarrte. Er blieb reglos; durch sein ganzes Wesen ging ein Zögern, das nicht länger dauerte als ein Herzschlag, ihm jedoch schien es endlos. Vielleicht hatte er sich vor dieser Minute noch niemals erkannt.Quelle: Julien Green – Treibgut
Hier treten die Häuser weit auseinander, und die Straße dazwischen öffnet sich schließlich zum Fluss. Eine Treppe führt mit hundert Stufen vom Boulevard hinunter zu dieser Sackgasse; Gaslaternen erleuchten nur schlecht die drei aufeinanderfolgenden Absätze. Rechts von der Treppe fesselt eine Art Abgrund den Blick.Quelle: Julien Green – Treibgut
Vielleicht hatte kein anderer Mensch eine so vollkommene Einsamkeit erlebt wie dieser Mann im Herzen einer übervölkerten Hauptstadt.Quelle: Julien Green – Treibgut
Dass ein Reisender immer zwei Taschen brauche: eine voller Geld und die andere voller Geduld. Andere Reisende meinten, es brauche noch eine dritte – die des Glaubens.Quelle: Anthony Bale – Reisen im Mittelalter, Seite 52
Wo es nach Fürzen und Blähungen stinkt / und manches von den menschlichen Eingeweiden sinkt / und niemand sich vorsieht vor menschlichen Winden. / Der Ekel bringt dir die Sinne zum Schwinden!Auch wenn europäische Pilgerstätten, Jerusalem und der Orient einen Gutteil von Bales Buch ausmachen, waren sie bei weitem nicht die einzigen Destinationen im Spätmittelalter. Auf der „Seidenstraße“ gelangten europäische Händler, Diplomaten und Mönche nach Persien, Indien und China. Der Venezianer Marco Polo avancierte zum Vertrauten des mongolischen Herrschers Kublai Khan und der russische Handelsreisende Afanassi Nikitin diente auf seinen Expeditionen Herrschern in Indien und Persien. Nach Anthony Bale gilt für diese beiden Abenteurer eines.Quelle: Anthony Bale – Reisen im Mittelalter, Seite 163
Er ist der unabhängige Reisende, der in der Fremde „heimisch” wird oder für den das Reisen Elemente der Assimilation und eigenen Veränderung beinhaltet.Quelle: Anthony Bale – Reisen im Mittelalter, Seite 323
Ich kann Texte, in denen Gegenstände sprechen, nicht ausstehen, ich hasse den Kleinen Prinzen, ich hasse Harry Potter, das geht mir auf den Nerv.Um einen Tag später das von ihm an dieser Stelle beklagte „Kindergartenniveau“ zu widerlegen, als er Henrik Szantos begeistert feierte:Quelle: Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
Hier erzählen die Wände und Räume eines Hauses in der ersten Person Plural.Was aber wie in den beiden vergangenen Jahren auffiel: Die jeweiligen Literatur- und Kritikbegriffe sind mehr und mehr politisch eingefärbt. Ästhetische Kriterien werden dann schon mal zur Auslegungssache und hängen eng zusammen mit der politischen Haltung.Quelle: Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
Schon als Kind hatte er vermutet, dass er beim Erwachsenwerden vieles von dem vergessen würde, was für das Leben, das glückliche Erleben des Alltags, unverzichtbar war. Wie zutreffend war diese Intuition gewesen, wie begründet seine panische Angst davor, erwachsen zu werden. Er würde vergessen und sich selbst untreu werden, das hatte er befürchtet.Quelle: Eric de Kuyper – An der See
In den ersten Jahren nach dem Krieg waren die Häuser am Zeedijk fast alle vernagelt. Manche waren total zerstört, andere standen nur leer und waren unbewohnt. Von Jahr zu Jahr zeigten sie mehr Anzeichen von Leben: Hotels, Restaurants und Café-Terrassen öffneten, und kleine Läden kamen hinzu, in denen Postkarten, Fischernetze, Bälle, Tennisschläger, Badeanzüge, -kappen und Sonnenöl verkauft wurden.Für den jungen Ich-Erzähler stellen die Wochen am Strand das eigentliche Leben dar: Die Sinne sind geschärft, er beobachtet das Treiben um sich herum, die Verhaltensweisen der Erwachsenen, deren Benehmen untereinander, deren Schwärmereien und Genervtsein, den gedankenverlorenen Blick rüber zur englischen Küste. Er erinnert sich an die endlosen Stunden des Spiels und Müßiggangs, an Freundschaften und die ersten erotischen Impulse, ritualisierte Freuden und überraschende Wendungen. Ostende ist Paradies und Schule in einem, eine sich endlos dehnende Zeit des Sammelns von Eindrücken und Empfindungen.Quelle: Eric de Kuyper – An der See
…denn sie lebten schließlich einen ganzen Sommer lang am Strand, und zwar jedes Jahr, seit Menschengedenken und für immer und ewig.Für immer und ewig, manchmal sogar in den geruhsamen, merkwürdig ereignislosen Tagen außerhalb der Saison – denn für das kränkliche Kind ist die Luft an der See auch eine Therapie. Dass der ältere Erzähler mit einer gewissen Schwermut zurückschaut, verwundert nicht und ist ihm nicht zu verdenken: Der Kindheit wohnt eine pralle, gedankenlose Gegenwärtigkeit inne, die der Schreibende durch die Sprache zurückbringen muss. Das Wunder des puren Daseins am Meer – es kann heraufbeschworen, aber nicht neuerlich erlebt werden. Eric de Kuyper gelingt die sprachliche Vergegenwärtigung auf betörende Weise. Das liegt an seiner Fähigkeit, das jugendliche Ich in diesen autobiographischen Aufzeichnungen nicht zu sehr durch Erfahrungen des Erwachsenen zu trüben, seine Lust und Angst nicht nachträglich zu verniedlichen; und es gelingt ihm durch einen feinen Humor, der gerade in den Schilderungen von Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins aufblitzt und eine Stimmung erzeugt, die in uns nur einen Wunsch entfacht: sofort ans Meer zu fahren und in Erinnerungen zu baden.Quelle: Eric de Kuyper – An der See
Die tieferliegende Ursache war eine jahrzehntelange Dürre in Syrien, die wahrscheinlich die schlimmste seit mindestens einem Jahrtausend ist. Die beispiellose Dürre, die durch den Klimawandel verschärft, wenn nicht gar verursacht wurde, dezimierte die Landwirtschaft in der Region. Sie zwang die Landwirte in die Städte Aleppo und Damaskus, wo sie mit den dort lebenden Menschen um Nahrung, Wasser und Platz konkurrierten. Der daraus resultierende Konflikt, die Unruhen und die Gewalt schufen ein ideales Umfeld für Terrororganisationen.Quelle: Michael E. Mann – Moment der Entscheidung, S. 56
Die Hürden, die dem Handeln im Wege stehen, sind nicht physischer oder gar technologischer Natur, sondern – zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt – ausschließlich politischer Natur. Die Auswirkungen des Klimawandels stellen zweifelsohne eine existenzielle Bedrohung dar, wenn wir nicht aktiv werden. Aber wir können handeln.Quelle: Michael E. Mann – Moment der Entscheidung, S. 295
Politische Entscheidungsträger, Meinungsführer und Unternehmen müssen in die Verantwortung genommen werden. Denn obwohl die Bevölkerung selbst inzwischen mit überwältigender Mehrheit konzertierte Klimaschutzmaßnahmen befürwortet, kann sie die notwendigen Veränderungen nicht selbst herbeiführen. Wir als Individuen können zwar als Verbraucher klimafreundliche Entscheidungen treffen. Aber wir können nicht die Subventionierung der Erneuerbaren Energien-Branche erzwingen oder gar die Beihilfen für die fossile Brennstoffindustrie abschaffen.Hoffnung machen ihm Australien und Neuseeland, wo es trotz einer mächtigen Presse rund um den Klimaleugner Rupert Murdoch bei Wahlen Mehrheiten für eine effizientere Klimapolitik gab. Der US-amerikanische Klimawissenschaftler hat ein wichtiges Buch vorgelegt: mit seinem Wissen über die Erdgeschichte rückt er die beschwichtigenden Aussagen von Politikern und Konzernchefs, deren Denken häufig nicht über die nächste Wahl und Aktionärsversammlung hinaus reicht, in ein anderes Licht.Quelle: Michael E. Mann – Moment der Entscheidung, S. 319
Der letzte Eremit wird über seine Vorgänger und Lehrer, über seine Nachfolger und Schüler zu Gericht sitzen. Dann war zu lesen, dass als Beisitzer und stellvertretende Richter die weltbekannten Clowns Jack, Mac und Schlimm-Schlammassel auftreten würden. Und ferner hieß es, das Publikum werde großen Spaß haben, weil sicher alle Angeklagten zum Tod durch Verbrennen verurteilt werden würden. (S. 84)Es ist ein schwacher Trost, dass sich ein Teil dieser Schrecknisse als Alptraum eines Betrunkenen entpuppt. Denn so oder so ist dem Außenseiter, der die von der Gesellschaft gesetzten Grenzen überschreitet, ein böses Ende beschieden.Quelle: Pinchas Kahanovitsch (Der Nister) – Von meinen Besitztümern
Am Ende blieb nur – und es gab keinen anderen Ausweg –, dass der Nister alles dem Doktor des Irrenhauses schreiben solle und sich wegen der ungebetenen Gäste und der häufigen Besuche beklagen solle. Der Vorschlag wurde angenommen und es blieb dabei. Der Nister schrieb alles auf, aber weil er keine Finger mehr hatte, schmierte er dem Doktor die ganze Geschichte mit Blut hin, und seitdem wartet er auf eine Antwort. (S. 131)Quelle: Pinchas Kahanovitsch (Der Nister) – Von meinen Besitztümern
Als wir aufs Land zogen, dachten wir, wir zögen von der Stadt an den See, aus den engen Straßenschluchten in die Weite der Natur, aus der stickigen Wohnung in das großzügige Haus mit dem sonnigen Garten. Das war jedoch eine viel zu oberflächliche Sicht der Dinge. Tatsächlich zogen wir aus der Gesellschaft in die Gemeinschaft. Der Umzug aufs Land ist ein Auswandern in eine andere Kultur, eine andere Zeit.In Kapiteln wie Mia san mia, Im dunklen Tale der Gemeinschaft, Scham und Beschämung, Ekel und Macht oder Überkompensation und dicke Hosen arbeitet Vedder die Mechanismen heraus, mit denen das Dorf versucht, anders Denkende, anderes Ausschauende, anders Handelnde nicht nur auf Linie zu bringen, sondern auch Hierarchie innerhalb der dörflichen Gemeinschaft herzustellen. Besitz und ökonomische Verteilung spielen dabei eine bedeutende Rolle.Quelle: Björn Vedder – Das Befinden auf dem Lande
Meiner ganzen Generation war die Existenz der Kritischen Theorie eine geistige Überlebensfrage angesichts von Eltern und Lehrern, die vom Nationalsozialismus entweder kompromittiert waren oder in einer Vermeidungsstrategie die verspäteten Analysen umgingen.Quelle: Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik
Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.Für die Verbreitung dieses Imperativs spielte das Institut für Sozialforschung eine zentrale Rolle. Ohne diese Einrichtung an der Frankfurter Universität wäre die enorme Wirkung der Kritischen Theorie nicht möglich gewesen. Gegründet wurde das Institut 1924, seine Gründer waren enttäuscht von der Novemberrevolution. Ihre Absicht war es, eine Theorie der Gesellschaft zu entwickeln, mit der die Klassenkämpfe der Weimarer Republik besser zu verstehen waren als mit der orthodoxen marxistischen Lehre.Quelle: Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik
In Wahrheit habe nicht ich meine Position geändert, sondern jene die ihre, oder vielmehr die meine, da sie ja doch unendlich viele Kategorien von mir, besser: von der Frankfurter Schule überhaupt bezogen haben. So war’s nicht gemeint.Als Adorno 1969 starb, hinterließ er ein weit verzweigtes Netz von treuen Anhängern. Sein wichtigster Schüler Jürgen Habermas begleitet die Bundesrepublik bis heute. In seiner brillant geschriebenen Studie geht Jörg Später diesem Netz mit großer Genauigkeit nach. Vor allem aber macht er deutlich, wie wichtig die jüdische Erfahrung für die Begründer der Kritischen Theorie war, ein Umstand, der heute viele Jahrzehnte später selbst an den deutschen Universitäten in Vergessenheit zu geraten droht.Quelle: Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik
Da war eine Ratte in meinem Klo. Ihr Kopf war ganz schmal, die Nase spitz, und ihr Fellhaar schwamm im Klowasser. Und noch bevor ich irgendwie hysterisch werden konnte, zog sich ihr Kopf wieder zurück.Was Judith, die Ich-Erzählerin in „Aufrappeln“, die zufällig genauso heißt wie Judith Poznan, die Autorin des Buches, was Judith also dann tut, ist sehr, sehr lustig. Sie schnappt sich eine Rolle Gaffa-Klebeband, das ist dieses ganz feste, klebrige mit dem man fast alles irgendwo anpappen kann, und dann „verbarrikadiert“ sie die Rattentoilette mit dem Dichtungsband.Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Fünf silberne Streifen verschlossen das Tor zur Hölle. Und ich packte einen hohen Stapel alter Bildbände und Graphic novels drauf. Ratten, las ich, sind stark. Sie konnten ohne Weiteres das Dreifache ihres Körpergewichts stemmen und sich nahezu überall hindurchquetschen. Die hier würde aber keine Chance haben, rauszukommen.Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Ich wollte aus unserer Wohnung ein Zuhause machen, mit Schnittblumen und zu vielen Bilderrahmen. Ich wollte Kinder, die es eklig finden, wenn wir uns küssen. Ich wollte den Markt, auf den wir jeden Samstag Händchen haltend rübergehen. Ich wollte die Hochzeit, die trotz des Regens eine schöne war. (...) Ich wollte das ganze Leben, die Höhen und die Tiefen, den Tag und die Nacht, ich wollte die große Liebe und im wenigen das Glück.Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
In dieser Zeit war ich das, was man von einer Jugendlichen erwarten konnte. Trockene Haut, fettige Haare, besessen von Leonardo di Caprios müdem Blick und ohne meine beste Freundin kein ganzer Mensch. Meine Emailadresse lautete [email protected]. Wie sich ein Zungenkuss anfühlen könnte, war die alles beherrschende Frage.Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Am nächsten Morgen stehe ich erst spät auf. Die Freude über den Umzug in die Wohnung, der Schmerz über die Trennung von Bruno, beides hat meinen Kopf zu einem Geschwür aus Verwirrung anschwellen lassen. Anstatt nach draußen zu gehen, die Sorgen abzulegen, gammle ich allein vor mich hin. Ich warte einfach nur darauf, dass alles besser wird.Judith Poznans zweiter Roman „Aufrappeln“ hat kein Stilproblem. Wer ihren schnodderigen Berliner-Schnauze Ton mag, der kann sich an vielen unterhaltsamen Passagen erfreuen. Und dass ihr der Schreibprozess selbst wichtig, dass er heilsam für sie ist, wird auch klar. Was dem Buch fehlt, ist Relevanz oder Gewicht. Kleine Anekdötchen, witzige Wortspiele hier und da reichen vielleicht für Posts in den sozialen Netzwerken, sind aber nichts für die Langstrecke.Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Wo einst die Orangen- und Zitronenbäumchen standen, wo einst die grünen Maisfelder waren, da stöhnten und ratterten jetzt fauchende Lastautos. Der Boden war schlammig und sumpfig von Öl, das entsetzlich stank und die Luft verpestete.In seinem früheren deutschen Leben war B. Traven links und Anarchist, doch in keiner ideologischen Richtung linientreu. 1924 gelangte er nach etlichen Stationen auf abenteuerlichen Wegen nach Mexiko und wurde aus dem Stand zum literarischen Chronisten der regionalen Ausbeutungsverhältnisse im Schatten der übermächtigen USA.Quelle: B. Traven – Die weiße Rose
Betty, du sollst die eleganteste Jacht haben, und wenn du die Jacht des Königs von England außerdem noch haben willst, ich mache ihn bankrott und kaufe alle seine Jachten, Pferde und Schlösser auf der Auktion.Traven liefert böse schillernde Ansichten vom Auftrumpfen der Superreichen. Natürlich ist das holzschnittartig. Doch genauso stellte sich die Realität der damals so genannten „Räuberbarone“ des amerikanischen Kapitalismus dar. Ganz abgesehen davon, dass weibliche Schönheit, Yachten und alles Hochpreisige nach wie vor zu den beliebtesten Statusobjekten von Milliardären gehören. Kurt Tucholsky feierte Traven kurz nach Erscheinen von „Die weiße Rose“ im Jahr 1929 für das treffende Porträt des Ölmagnaten Mr. Collins. Die scharfsichtige Schilderung von dessen ebenso gewinnbringendem wie skrupellosem Handeln erreichte in seinen Augen das Niveau von Balzac.Quelle: B. Traven – Die weiße Rose
Mr. Collins sah einen Menschen, und wusste, wie er ihn zu gewinnen hatte. Die einen brüllte er nieder, die andern redete er nieder, und wieder andere streichelte er nieder. Und wenn nichts half, schlug er sie zu Boden.Natürlich ist die Hacienda vor dem Zugriff der Ausbeuter, die schließlich Gangstermethoden anwenden, nicht zu retten. Die ökonomische Logik und das gerade anbrechende Zeitalter ölhungriger Motoren lassen keinen Ausweg. Travens ebenso farbig wie präzise ausgemalte Urszenen eines ungezähmten Kapitalismus sind nach wie vor ein fesselndes Lehrstück über Macht und Unterwerfung. Und gerade im Licht der postkolonialen Debatten von heute gewinnen sie eine ganz neue Brisanz.Quelle: B. Traven – Die weiße Rose
Der Großteil dessen, was wir heute als „typisch italienisch“ wahrnehmen – Esskultur, Aperitivo-Tradition, Caffé-Rituale, Mode, Kino, Musik – ist ein Produkt der Nachkriegszeit und des „Boom economico“, des wirtschaftlichen Aufschwungs. „Abbronzatissima“ ist in diesem Sommer 1963 mithin der Soundtrack zur Erschaffung der italienischen Leichtigkeit.Quelle: Eric Pfeil – Ciao Amore, ciao
Man denkt weniger national als regional – als piemontese, napoletano oder pugliese. Sich kollektiv unter dem Banner Italia zu versammeln, fällt den Bewohnern des Bel Paese bis heute schwer. In Italien spricht man vom Campanilisimo, der extremen Bezogenheit auf den örtlichen Glockenturm.Quelle: Eric Pfeil – Ciao Amore, ciao
Ich fürchtete das Urteil eines unsichtbaren Gottes, das in jedem Blick anderer lauerte. Eine Art jagender Heiliger Geist, der von Körper zu Körper sprang und mich umkreiste wie ein Geier, der auf die endgültige Kapitulation eines verwundeten Tiers wartete. (…) Ich war zutiefst davon überzeugt, dass jeder Versuch, mich als das Mädchen, die Jugendliche oder die Frau, die ich war, zu behaupten, irgendeine unerträgliche Art der Korrektur nach sich ziehen würde.Quelle: Alana S. Portero – Die schlechte Gewohnheit
Der Raum füllte sich schnell, und wir kamen alle zusammen – Gehörnte mit Geflügelten, Stachelrücken mit Paarhufern, Feuerhäute mit Moosumhängen. Als die bucklige Mondkönigin hervorkam und ihr Licht in unsere Münder ergoss, boten wir ihr, wie es sich gehörte, unsere unsterbliche Seele dar, um den Tanz einzuläuten.Quelle: Alana S. Portero – Die schlechte Gewohnheit
Keine Frage, Schönheit ist eine Form von Macht. [...] Beklagenswert ist jedoch die Tatsache, dass es die einzige Form von Macht ist, nach der zu streben Frauen ermuntert werden. Diese Macht definiert sich immer im Verhältnis zu den Männern: Es ist nicht die Macht, zu tun, sondern die Macht, Anziehung auszuüben. Es ist eine Macht, die sich selbst negiert.Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Alle Frauen leben in einer »imperialistischen« Situation, in der die Männer die Kolonialherren und die Frauen die Kolonialisierten sind.Hier erweist sich eine Anmerkung der Autorin als hilfreich: Sie erläutert, dass der Beitrag in der sozialistischen Frauenzeitschrift Libre erschienen ist, was die revolutionär-sozialistische Rhetorik erklärt. Eine Kontextualisierung wäre auch bei dem Beitrag über die umstrittene Regisseurin Leni Riefenstahl hilfreich gewesen. Dieser weicht nämlich inhaltlich von den vorigen Texten etwas ab und befasst sich vor allem mit Ästhetik und Faschismus.Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Die Demokratisierung der Familienarbeit ist einer der erforderlichen Schritte, um die repressive Definition der Rollen von Ehemann und Ehefrau, Mutter und Vater zu verändern.Der Band knüpft also eng an heutige Diskurse an und ist beinahe erschreckend aktuell. Darüber hinaus können wir von der Philosophin einiges lernen, was den Umgang mit kontroversen Themen und festgefahrenen Debatten betrifft.Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Meiner Ansicht nach verdient nur eine kritische, dialektische, skeptische, jeder Vereinfachung entgegenwirkende Intelligenz, verteidigt zu werden.Wer entlang von Parteilinien denkt, so Susan Sontag weiter, produziere nichts als „intellektuelle Monotonie und schlechte Prosa“.Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Das ist keine Geschichte einer strammen Nazifamilie. Das glaube ich schon behaupten zu können. Aber eben eine Familie, die wie so viele so langsam immer weiter in diese Zahnräder dieses Regimes hineingezogen werden, weil alles andere mit großer großer Gefahr verbunden gewesen wäre.Quelle: Tobi Dahmen
Da waren Briefe aus dem ersten Weltkrieg drin von meinem Großvater. Und da war so ein kleinerer Stoß mit Briefen meiner Onkels von der Ostfront. Dann dass da noch Fotoalben auftauchten. Da hat man wirklich gesehen, wie so ein Leben von fröhlichen Urlauben am Timmendorfer Strand und Kinderbildern bis zum Abitur schließlich in so einer Soldatenkarriere mündet, was seit 33 vorgegeben war. Das hat einen dann sehr betrübt, wie vorgegeben so ein Leben war und dann auch sein Ende gefunden hat.Quelle: Tobi Dahmen
Mein Großvater war sehr katholisch, sehr streng. Gleichzeitig war er Patriot, wie die meisten Leute, glaube ich. Und leider finden sich in einem Brief auch antisemitische Denkweisen, die ich dann auch wieder aus dem Alltagsrassismus wiedererkenne, der uns heute so begegnet. Ich glaube nicht, dass das so ein rassischer Antisemitismus war, sondern eher aus einem gläubigen Hintergrund. Aber natürlich findet man so was nicht schön. Aber ich wollte das auch nicht unter den Teppich kehren wie so viele das getan haben. Ich habe das dann in einen Dialog mit seinem Sohn eingebaut.Quelle: Tobi Dahmen
Darüber hinaus waren die Pogrome in Düsseldorf so massiv. Das hat jeder mitbekommen. Und so habe ich halt die Reflektion eines zerstörten Spielzeugladens in einer Straßenbahnscheibe gezeichnet, die mein Großvater dann bemerkt. Das ist aber tatsächlich was, was jeder mitbekommen hat. Das Foto stand sogar in der Zeitung. Das Mantra nach dem Krieg war ja, wir haben von nichts gewusst. Aber wenn man sich das Maß der Zerstörung anschaut in Düsseldorf, dann kann man das nicht behaupten.Quelle: Tobi Dahmen
Nicht schwarz-weiß, aber mit ganz vielen Grautönen. Wir versuchen uns das immer so ganz eindeutig vorzustellen. Das waren die Nazis und die Mitläufer und das die Gruppe der Widerstandskämpfer. Aber es ist natürlich ein sehr viel diffuseres Bild.Quelle: Tobi Dahmen
Ich schreibe keinen Bericht über eine Affäre, ich schreibe keine Geschichte mit einer präzisen Chronologie … Für mich gab es so etwas in dieser Beziehung nicht, ich kannte nur An- oder Abwesenheit.Die Ich-Erzählerin der knapp achtzig Seiten kurzen Geschichte ist unschwer als alter Ego der Autorin zu erkennen. Sie ist geschieden, Mutter zweier Söhne, ungefähr Mitte vierzig, beruftstätig. Wie sie A., - Zitat - „einen Ausländer“ kennengelernt hat, erfahren wir nicht. Er kommt aus Ost-Europa, ist etwas jünger als sie, verheiratet und erinnert, so heißt es im Text, an Alain Delon. Die Affäre erstreckt sich über ein gutes Jahr. „Ich habe das gelebt. Ich habe alles komplett akzeptiert, was so eine Leidenschaft bedeutet: Der Mann ist verheiratet, ist also nicht mehr frei und unterliegt Zwängen. Das habe ich akzeptiert und diese Leidenschaft als eine wunderbare Erfahrung wahrgenommen und nicht als Entfremdung. Ich würde sagen, letztendlich ist es ein Luxus, wenn man eine Leidenschaft leben kann.“ Annie Ernaux, hier in einem Interview im französischen Fernsehen aus dem Jahr 1992, hat fast alle Phasen ihres Lebens – die Eltern, die verstorbene Schwester, die Abtreibung, die soziale Herkunft – in Literatur verwandelt. Auch „Eine Leidenschaft“ ist ein autofiktionaler Text, in dem die „Ethnologin ihrer selbst“, wie sie sich bezeichnet, in ihrer schnörkellosen Sprache, ohne Pathos und Larmoyanz, das Private mit dem Gesellschaftlichen verknüpft. Eines der Hauptthemen ihres Werkes, das Zerrissensein zwischen den gesellschaftlichen Klassen, streift sie in diesem Roman nur ganz kurz. Wie in all ihren Büchern skizziert sie mit knappen Strichen die Zeit, in der die Geschichte spielt, die ausgehenden 1980er Jahre: sie erwähnt den Fall der Berliner Mauer, die Unruhen in Algerien und hört Sylvie Vartans Chanson „C’est fatal, animal“ das – passenderweise - von einer wilden, leidenschaftlichen Liebe erzählt. „Ich habe mich zuweilen gefragt: ist das jetzt eine Art Geständnis, wie man sie in manchen Frauenzeitschriften findet? Das Protokoll einer Passion? Ein Manifest der Leidenschaft? Das ist es ja in gewisser Weise. Aber wie dem auch sei - ich hatte das Bedürfnis, alles zu erzählen. Denn zweifelsohne gibt es diesen heimlichen Wunsch: wenn man etwas sehr Schönes erlebt hat, liegt die wahre Vollendung vielleicht darin, darüber zu schreiben.“ In Frankreich hat Annie Ernaux ihren kleinen Roman 1991 veröffentlicht und für Aufsehen gesorgt. Gut dreißig Jahre später hat die Geschichte allerdings nicht mehr die gleiche Brisanz wie damals. Eine Frau schreibt über ihre Affäre, über Sex und ihre Abhängigkeit von einem eigentlich Unbekannten - das ist nichts Neues mehr. Aber Annie Ernaux wäre nicht Annie Ernaux, wenn ihr dabei nicht etwas Anderes am Herzen läge: das Schreiben als Frau über ein Thema, das meist Männern vorbehalten ist. In ihrer Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises hatte Annie Ernaux gesagt, es gehe ihr darum, den Zorn auf den diskriminierenden Umgang mit Frauen und die Wertschätzung des eigenen Körpers auszudrücken. Dafür ist „Eine Leidenschaft“ ein gutes Beispiel. Wie auch der im letzten Jahr auf Deutsch erschienene Kurztext „Der junge Mann“, in dem sie eine Affäre mit einem dreißig Jahre jüngeren Studenten beschreibt. In beiden Geschichten erinnert sich Annie Ernaux an das traumatische Erlebnis einer illegalen Abtreibung. In „Eine Leidenschaft“ kehrt sie - nachdem A. in sein Land zurückgekehrt ist, - in das Haus zurück, in dem sie damals, als junge Studentin, eine sogenannte Engelmacherin aufgesucht hat. Ihr Fazit:Quelle: Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
Ich ging zurück zur Station Malsherbes und nahm die Metro. Dieser Schritt hat nichts geändert, aber ich war froh, ihn gegangen zu sein, noch einmal mit dem Gefühl absoluter Verlorenheit in Kontakt getreten zu sein, deren Ursache auch damals ein Mann gewesen war.2004 gab es bereits eine Übersetzung, die Annie Ernaux‘ Roman in der Ecke erotischer Frauenliteratur platzierte: „Eine vollkommene Leidenschaft. Die Geschichte einer erotischen Faszination.“ Diese Ecke, in die sie ja nie gehört hat, hat die Autorin längst verlassen. Die Neuübersetzung von Sonja Finck hat dazu beigetragen.Quelle: Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
Ich bin mit meinem Mann hierher aufs Land gezogen– so beginnt der Roman „Das Loch“ von der japanischen Autorin Hiroko Oyamada. Doch von Idylle keine Spur. Vielmehr entpuppt sich das Landleben für die 30-jährige Asahi als ein Mix aus zu viel Tagesfreizeit und bizarren Zwischenfällen. Eine mäandernde Sommergeschichte, zwar knapp gehalten, aber ohne zwingende Dramaturgie. Das beginnt schon damit, dass Asahi gemeinsam mit ihrem Mann in ein Haus zieht, das neben dem seiner Eltern steht. Bloß war ihr dieses Haus vorher nie aufgefallen. Stand es wirklich schon früher da? Und warum wurde ihr nie erzählt, dass ihr Mann einen älteren Bruder hat, der im Gartenhaus wohnt, ein Hikikomori-Einsiedler? Oder bildet sie sich diesen Bruder bloß ein? Und was arbeiten ihre Schwiegereltern eigentlich? Ständig sind sie weg.Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
Meinem Schwiegervater war ich noch nicht so oft begegnet. Er war zu unserer Verlobungsparty und zur Hochzeit gekommen. Ich hatte ihn auch im Sommer zu Obon gesehen und als wir Neujahr zu Besuch gewesen waren, aber ich hatte keinen richtigen Eindruck von ihm, da meist meine Schwiegermutter die Unterhaltung bestritt. Er war längst im Rentenalter, aber in irgendeiner Funktion arbeitete er noch, vielleicht in einem Aufsichtsrat.Reimt sich Asahi zusammen. Sie weiß kaum, wie der Schwiegervater aussieht, was an die groteske Erzählung „Feierabend“ des Koreaners Cheon Myeong-kwan erinnert (zu finden in der Zeitschrift „Krachkultur“). Darin lebt ein Familienvater nur noch im Büro und im Restaurant. Sein Sohn denkt, er habe die Familie vor vielen Jahren verlassen, doch es ist anders: Papa hat einfach bloß nie Feierabend.Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
Ich fiel in ein Loch. Ich fiel mit den Beinen zuerst und landete mit beiden Füßen auf dem Boden. Erstaunt blickte ich in das Schilf, das nun auf Augenhöhe stand, aber das Tier war darin verschwunden, eine Weile raschelte es noch, dann hörte ich nichts mehr. Direkt neben meinem Gesicht sprang ein Schnellkäfer aus dem Grün hervor. […] Schmerzen hatte ich keine. Das Loch reichte mir bis zur Brust, es musste etwa einen Meter tief sein. Ich passte gerade hinein, so eng war es, um mich herum war kaum Platz. Es war wie geschaffen für mich.Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
In dem Gebüsch am Deich zeigte sich hier und dort etwas Schwarzes und verschwand wieder. Es waren die Köpfe von noch mehr Kindern. Hatten sie keine Angst, sich an dem Schilf zu schneiden? Oder vor Zecken? Inmitten dieser Festung aus Gewächsen, die sie um einiges überragten, spielten sie ein Spiel, dessen Regeln ich nicht durchschaute. Ab und zu sprang eins der Kinder aus dem Dickicht hervor und schrie etwas, worauf die anderen Kinder vor Lachen grölten.Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte, und blieb, solange er wollte. […] Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden.Mit diesem Auszug aus Zweigs Autobiographie „Die Welt von Gestern“ beginnt Tara Zahra ihr Buch „Gegen die Welt“, ihre Geschichte über „Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit“. Doch die Historikerin interessiert sich nur einleitend für die Perspektive des österreichischen Schriftstellers.Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Vor dem Ersten Weltkrieg konnten Zweig und [John Maynard] Keynes vor allem deshalb frei von bürokratischen Hindernissen durch die Welt reisen, weil sie wohlhabende, gebildete, weiße Europäer waren. […] Die Welt hatte vor 1914 durchaus nicht allen gehört, wohl aber Menschen wie Keynes und Zweig.Die erste „Globalisierung“, die massive Ausdehnung von Welthandel und Arbeitsmigration im späten 19. Jahrhundert, hatte ihre Gewinne höchst ungleich verteilt, schreibt Zahra, und dabei enormen Unmut auf sich gezogen. Die Versorgungskrise durch den lahmgelegten Welthandel während des Ersten Weltkriegs verschärfte insbesondere in Mitteleuropa das Misstrauen gegen die wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Die Spanische Grippe mit ihren Millionen von Toten ließ Einwanderung auf einmal als öffentliches Gesundheitsrisiko erscheinen. Der Quarantänezustand, einmal eingeübt, blieb aufrecht. Und die Weltwirtschaftskrise gab dem geschwächten System der internationalen Zusammenarbeit den letzten Rest.Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Antiglobalistische Bewegungen beginnen typischerweise an der Basis, mit aus der Masse kommenden Forderungen nach Land, nach Nahrung oder nach einer Entlastung von der Instabilität und Ungleichheit, die mit der Weltwirtschaft assoziiert werden.Fast überall scheiterten die Versuche einer nationalen „Autarkie“ kläglich, urteilt Zahra, wenn sie nicht gar, wie im Fall Nazideutschlands, in einen beispiellosen Vernichtungskrieg um sogenannten Lebensraum mündeten.Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Die Vergangenheit soll uns helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. In diesem Fall war ich jedoch eher überrascht, wie sehr die Gegenwart meine Sicht der Vergangenheit veränderte. […] Ich hoffe, dieses Buch wird einiges Licht auf die Vergangenheit und die Gegenwart werfen und seine Erkenntnisse reichen über den Augenblick hinaus, in den sie so eindeutig eingebettet sind.Erkenntnisreich ist dieses Buch. Aber nicht nur das. Die originelle Konstruktion und Zahras prägnante Sprache verleihen dem schwierigen Stoff und der komplexen Argumentation eine wundersame Leichtigkeit. Dem Sog dieser großen, weltumspannenden Erzählung kann man sich nicht entziehen.Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Wer dem Mammon hörig ist, Muss ein armes Hascherl sein, Geld ist letztlich großer Mist - Trichter das dem Krämer ein.Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Der Flapper stellt verspielt sich dar, Bildschön und singulär. Sie ist nicht mehr, wie Oma war - Eher denkt man, au contraire. Witz, Geist und Abgründe der MelancholieObwohl nicht alle über ihre Witze lachen konnten, wurde Parkers Ruhm mit dem Superlativ „die geistreichste Frau Amerikas“ gekrönt. Allerdings spielte ihr Humor oft ins Tiefschwarze hinein, genauso wie ihre Melancholie sich mehr als einmal zu Selbstmordversuchen steigerte. Ihr Liebesleben war bewegt und stürzte sie oft genug in einen Tumult aus Glück und Unglück. Das schärfte ihr Gespür für Liebesqualen jeder Art.Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Hab ich's mit meiner Technik versiebt? Das frage ich mich bis ins Grab. Schlau bin ich, schwach und schnell verliebt - Warum krieg ich keinen Lover ab?Ulrich Blumenbachs Übersetzung ist eine Gratwanderung. Es ist bestimmt richtig, dass er die Reimformen erhalten hat, die für Tonlagen und Rhythmus entscheidend sind. Für diese schwierige Aufgabe hat er oft gute Lösungen gefunden, nicht selten aber knirscht es im Klangbild und im Bedeutungsgefüge recht vernehmlich. Doch da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, lässt sich das verschmerzen.Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
In der Regel loben die Gäste die Landschaft über den grünen Klee Und haben nur Gutes über die Luft zu sagen. - Sie können sie geschenkt haben. Ich hasse Ferienparadiese; sie verhageln mir den Urlaub.Es ist erstaunlich und amüsant, wie viele Parallelen zwischen den rasanten Modernisierungen von damals und heute in diesen Gedichten sichtbar werden. Parkers Daseinsgefühl mit all seiner Überreiztheit und Verletzlichkeit lässt sich auch aus gegenwärtiger Sicht sehr gut nachempfinden.Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Freiheit. Es ist ein Wort, das beschadet und beschmutzt ist, das an den mörderischen Hohn im KZ erinnert, rechter Kampfbegriff geworden ist, Parole für jeden noch so kleinen Anlass, selbst wenn es um einen Impfstoff oder um die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn geht, ist am Ende wieder von Freiheit die Rede. (…)Freiheit. Das ist dieses Wort, das trotz allem treffend formuliert, wofür wir kämpfen müssen und wofür es sich zu kämpfen lohnt.Quelle: Tanja Raich (Hg.) – Frei sein. Das Ringen um unseren höchsten Wert
Und dann fühlte sie sich stark genug, den Schritt zu tun, der ihr in ihrem ganzen Leben nicht einmal im Traum eingefallen wäre, und sie tat ihn ungeniert: „Gehen wir hinauf?“. Er hatte nicht mehr das Heft in der Hand. „Ich wohne nicht hier“, sagte er. Sie fiel ihm ins Wort, sagte „Ich aber“ und stand auf, schüttelte gerade mal ihren Kopf, um ihn zurechtzurücken. „Zweiter Stock, Zimmer zweihundertdrei, rechts von der Treppe. Nicht klopfen, nur die Tür aufdrücken.Damit beginnt eine Liebesnacht, die Ana Magdalena bisheriges Leben einer angepassten Ehefrau und Mutter verändern wird. Fortan erwacht bei jeder ihrer Reisen auf die Insel eine unbezähmbare Lust auf außereheliche Affären. García Márquez, dem begnadeten Erzähler, gelingt es mühelos, dass wir uns Ana Magdalena vorstellen können: wie die reife, attraktive Frau in der Hitze der Insel aufblüht und erwartungsfroh die Lokale des Urlaubsorts aufsucht. Der Literatur-Nobelpreisträger beschreibt seine Romanfigur mit warmherzigem Blick. Gespannt und amüsiert begleiten wir sie bei ihrer verwegenen Suche nach sinnlichen Erlebnissen. Man könnte diese als erotische Phantasie eines alternden Autors abtun, das wäre aber zu kurz gegriffen. Es ist interessant, dass García Márquez versucht, sich in eine Frau einzufühlen, die eine Art Midlife Crisis durchlebt – und sich sexuell so ausleben will, wie es oft eher die Männer tun. Warum genau allerdings seine Heldin nach vielen Jahren ehelicher Treue plötzlich die Moral über den Haufen wirft, das überlässt García Márquez weitgehend der Interpretation der Lesenden. Dass wir über Anna Magdalenas Beweggründe und über ihre Ehe nicht mehr erfahren, ist eine Schwäche des Romans. Weniger schlimm ist hingegen, dass es ihren Liebhabern, die wie skizziert wirken, an Tiefenschärfe fehlt. Ob „Wir sehen uns im August“ veröffentlicht werden sollte, daran schieden sich schon vor dem Erscheinen die Geister. Der Vorwurf, hier solle mit einem minderwertigen, viel zu kleinen Text des großen Schriftstellers Geld gemacht werden, blieb nicht aus. García Márquez hatte die Geschichte ursprünglich als Teil eines größeren Werks geplant, das erklärt ihre Kürze. Natürlich reicht der Roman nicht an opulente Meisterwerke wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ mit ihrer bildgewaltigen Sprache heran – der Vergleich macht auch nicht viel Sinn. Gabriel García Márquez schrieb an dem Text auch noch, als seine geistigen Kräfte bereits nachließen. Die Sprache ist schlichter, im Aufbau gibt es kleine Inkonsistenzen. Dennoch bietet das Buch eine kurzweilige Lektüre – und ist ein origineller Beweis dafür, dass es den Autor in fortgeschrittenem Alter umtrieb, über veränderte Geschlechterbeziehungen zu schreiben.Quelle: Gabriel Garcia Márquez – Wir sehen uns im August
Die Pressekameras klicken, und der Bürgermeister steht in seinem zu groß geschnittenen Anzug vor den weiß glänzenden Toren des Logistikzentrums. Als er das rote Samtband mit der comichaft riesigen Schere durchtrennt, grinst er mit dem Selbstbewusstsein eines schüchternen Jungen, dem der Schulfotograf gesagt hat, er soll jetzt mal so richtig fröhlich lächeln. Er sagt, er war selten so stolz auf seine Gemeinde. Ich trete die Zigarette aus und schreibe einen Artikel über zehn Prominente, die wir im neuen Jahr vermissen werden.Die Ich-Erzählerin, die hier ins Spiel kommt, verdient ihren Lebensunterhalt nämlich mit dem Verfassen von Listicles. Solche in Listenform aufgeführten Pseudofakten über garantiert wirksame Haushaltstricks, schlimmste Reiseziele, unglaublichste Ufo-Sichtungen oder eben Promi-Skandälchen waren mal als angeblich Internet-taugliche Form von Journalismus gedacht. Mittlerweile wird von Content-Schrott wie diesem nicht nur Social Media verstopft, sondern das komplette Netz.Quelle: Elias Hirschl – Content
Ihr Instagram-Account hat in letzter Zeit ordentlich an Followern zugelegt. Ich bin offenbar diverse Verträge mit Sponsoren eingegangen, deren Produkte ich jetzt auf Instagram und TikTok ausprobiere und weiterempfehle. Anscheinend lebe ich in einem Loft mit Dachterrasse, meistens aber in Wellnesshotels, Thermen, japanischen Onsen, Sponsoren in meinem Gesicht, Sponsoren auf meiner Haut, Sponsoren unter meinen Füßen, die Wände um mich herum zeigen weitere Sponsoren.Während die Doppelgänger-Inszenierung durchgezogen wird bis zum bitteren Ende, wird die reale Stadt da draußen, die ganze Staublunge, mitsamt den gefluteten Wohngebieten, den einstürzenden Industriebauten und Logistikzentren von sich häufenden Erdbeben erschüttert. Aus der Entsprechung von inneren und äußeren Implosionen gewinnt Elias Hirschl tatsächlich eine Menge fesselnden Content. Immer neue Einfälle zieht er aus dem Fundus seiner Gegenwartsbeobachtung heraus wie ein Zauberer die Kaninchen aus dem Zylinder. Es gibt einen Journalisten, der hinter der Content-Schmiede Smile Smile Inc. die Chinesen, die Russen oder noch viel Schlimmeres vermutet, einen jungen Gründer, der unverzichtbare öffentliche Institutionen bis hin zur Feuerwehr reihenweise in dysfunktionale Start-ups verwandelt, streikende Fahrradkuriere, die flugs gefeuert und durch Drohnen ersetzt werden.Quelle: Elias Hirschl – Content
Der Geruch flutete ihr entgegen, als die Fahrstuhltüren sich im achtzehnten Stock öffneten. Derselbe Geruch, derselbe noch nach fünfundzwanzig Jahren, dachte Vilja, und auch wenn sie sich unter anderen Umständen den Schal vor das Gesicht gedrückt und sich vor dem Gestank des Müllschluckers geschützt hätte, ließ sie jetzt den süßlich-fauligen Geruch in sich hineinströmen.Quelle: Meri Valkama – Deine Margot
Das Gefühl war stark, es errichtete um sich herum tief im Boden verankerte Pfähle und bestand, überraschend für Vilja selbst, aus der Gewissheit: Sie hatte das Recht, ihre eigene Vergangenheit aufzuklären, das Recht, ihre eigene Geschichte zu kennen, und auf jede Art von Fragen, die ihr helfen würden, zu verstehen und weiterzukommen. Warum war das für die Mutter so unmöglich zu akzeptieren?Quelle: Meri Valkama – Deine Margot
Ich ging zurück zum Auto und versuchte, mir im Klaren darüber zu werden, was los war, wie diese Frau sich plötzlich wie eine Jalousie vor meine Erinnerung legen konnte. Zwanzig Jahre später war aus der dürren Kettenraucherin von früher die Herrin eines Märchenreichs geworden. - Jay? Ich wollte nur noch, dass der Moment vorbeiging. Einfach wegfahren und nicht mehr an sie denken.Mit seinem filmischen Erzählen, versetzt Hari Kunzru im Nu in die klaustrophobische dunkle Szenerie im Wald, fern von New York, wo Pandemie und Panik herrschen und Polizeihub-schrauber die Demonstranten überwachen, wie es Hari Kunzru selbst im Lockdown erlebte.Quelle: Hari Kunzru – Blue Ruin
New York mit all den Protesten in der Nachbarschaft fühlte sich an wie eine belagerte Stadt, das Land wurde zum Überwachungsstaat. Das Leben in den Wäldern von Up State New York, ohne Masken, schien dagegen wie unwirklich.Quelle: Hari Kunzru – Blue Ruin
Die USA seien in vielerlei Hinsicht zum Polizeistaat geworden. Die Demokratie sei ein Chaos mit häßlichen Auswüchsen, aber die Alternative umso schrecklicher.Seine Romanfiguren im Wald, Vertreter der Reichen in der Pandemie, ficht das alles nicht an. Sie sind egoman verstrickt in ihrem Kokon bis zum westernähnlichen, parodistischen Showdown. „Blue Ruin“, blue wie der Gin und ruinös wie die Gesellschaft, ist keine Apokalypse wie „Red Pill“, eher ein Beziehungsdrama von psychologischer Tiefe und grotesker Komik, mit versöhnlichem Ende; das szenisch erzählte, ungemein facettenreiche und fesselnde Psychogramm eines Mannes und einer gefährdeten Demokratie wie den USA, die der Roman schemenhaft spiegelt. „Was, wenn der Überwachungsapparat in die Hände von Diktatoren fällt“, fragt Hari Kunzru besorgt. „Wir, die Demokratie weltweit, befinden uns in einem gefährlichen politischen Moment“.Quelle: Hari Kunzru
In der Bibliothek war es gemütlich und still. Manchmal suche ich solche Orte auf, um bei den Büchern zu sein, diesen schweigenden Gelehrten, die mich immer gern daran erinnern, was es auf der Welt doch alles gibt und was die Menschen nicht alles erinnern und erforschen.Quelle: Volha Hapeyeva – Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber
Waren die Charakterzüge die Folge einer bestimmten Lebensweise oder waren sie angeboren, so dass der Mensch von Beginn an weder Freude noch Leid empfinden konnte und Mitgefühl für andere gänzlich fehlte.Quelle: Volha Hapeyeva – Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber
Stellt es nicht ein Hindernis für das wechselseitige Verstehen dar, wenn es nur noch den Angehörigen der eigenen Kultur erlaubt sein soll, über deren Geschichte und gegenwärtige Lebensformen zu forschen?Was wie eine vorsichtige Anfrage an diejenigen klingt, die jegliche Beschäftigung mit dem Fremden unter den Verdacht ‚kultureller Aneignung‘ stellen, ist ein Plädoyer für die Anverwandlung des ursprünglich einmal Fremden und damit für eine Ethnologie, die sich mit Interesse und ohne Überheblichkeit den außereuropäischen Kulturen widmet. In seinem Buch ‚Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne‘ plädiert der Ethnologe Karl-Heinz Kohl dafür, die Moderne nicht lediglich als ein europäisches Phänomen zu betrachten, das indigene Kulturen darauf reduziert, einer früheren Entwicklungsstufe anzugehören. Wirklich auf Augenhöhe könne man indes – um nur drei indigene Völker zu nennen – den brasilianischen Tupinambá, den Bewohner/-innen von Palau und Tahiti oder den Hopi im Südwesten der USA begegnen, wenn man sie nicht darauf reduziert, die europäische Tradition zu spiegeln. Stattdessen geht es um ihre jeweils eigenen Weltsichten.Quelle: Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Benjamin Franklin hatte sogar vorgeschlagen, den zunächst als Einkammersystem konzipierten amerikanischen Kongress in Analogie zum Großen Rat der Irokesen als Grand Council zu bezeichnen.Und was die Gleichstellung der Frau angeht: die war bei den Irokesen seit jeher vorhanden, während in Europa so viele Jahrhunderte dafür gekämpft worden war. Aber nicht nur die Kultur nordamerikanischer Indigener lässt die Wurzeln der Moderne in einem neuen Licht erscheinen: Die Kritik an dem das europäische Denken nicht erst seit Darwin dominierenden Evolutionismus entstand durch die Erforschung der elementaren Formen der Religion, zu der Émile Durkheim durch die Beschäftigung mit den australischen Aranda motiviert wurde – ein Jahr später veröffentlichte Sigmund Freud seine Studien über Totem und Tabu, um „auf einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“ aufmerksam zu machen.Quelle: Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Seine Verwendung gleich im ersten Satz der Weimarer Verfassung, die sich ‚das Deutsche Volk, einig in seinen Stämmen‘ im Jahr 1919 gab, zeigt, dass man es keineswegs allein auf die ‚Eingeborenenstämme‘ bezog.Und waren es nicht die 12 Stämme Israels, deren Religion zu einem zentralen Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte geworden ist? Karl-Heinz Kohl lässt keinen Zweifel daran, dass der Beitrag der von ihm vorgestellten neun Stämme auf den verschiedenen Kontinenten dieses Planeten zu einer Welt-Kultur ebenso hoch zu schätzen ist.Quelle: Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
… einem Kafka-Bild widersprechen, das sein Schreiben als schwierige, einsame und geniale Geburt eines Einzelgängers jenseits aller Kontexte versteht (…). Dagegen richtet das Verständnis von Kafkas Texten als Hypertexten den Blick auf die direkte sowie auch indirekte Verarbeitung von Gelesenem. Kafkas Texte erweisen sich dann förmlich als „Krypto-Konferenzen“, als mehr oder weniger verdeckte „Lektüreprotokolle“.Abgesehen davon, dass die Magie von Kafkas Sätzen nun wirklich nichts mit einem „Protokollstil“ zu tun hat, muss man fragen, wer eigentlich noch ernsthaft dem Bild vom einsamen Genies Kafka anhängt? Ist die ausufernde Kafka-Forschung nicht seit langem damit beschäftigt, vielfältige Kontexte an dessen Werke heranzutragen?Quelle: Andreas Kilcher – Kafkas Werkstatt
All die negativen Bestimmungen des Diaspora, die im zionistischen Diskurs auf zahlreichen publizistischen Kanälen zirkulierten, erscheinen in der Figur Odradeks kongenial verdichtet und verflochten: Odradek ist nicht kohärent, sondern ‚verfitzt‘, nicht verwurzelt, sondern ‚von unbestimmtem Wohnsitz‘, nicht tätig und produktiv, sondern untätig und zwecklos. Odradek ist mithin die syndromartige Ausgestaltung all dessen, was dem Zionismus am eigenen Judentum so unheimlich geworden war.Quelle: Andreas Kilcher – Kafkas Werkstatt
Von dort könnten sie, für Äonen auf dem Rücken liegend wie tote Kaiser, mit neuen, ungeheuren Augen versehen, zuschauen, wie sich die Kähne an der Oberfläche bewegten und mit welch anrührenden, arabesken Silberspuren ihre Kollegen von oben herab in die Namenlosigkeit einschlügen.Lehrs Etüden sind keine Geschichten, die sich nacherzählen ließen. Diese literarisch-philosophischen Grenzgänge entziehen sich den üblichen Begrifflichkeiten und Handlungsschemata. Und es sind nicht nur Künstlerfiguren, die der Autor aus dem Kafka-Kosmos in eine ganz eigene Gegenwart überführt. Ein Lehrscher Etüden-Titel wie „Die Babylonischen Maulwürfe“ könnte auch über einem der klar konturierten, symbolisch aufgeladenen Prosatexte Kafkas stehen, und „Das Kinesische Zimmer“ scheint Vorstellungen Kafkas direkt weiterzuschreiben, der seine Phantasie gelegentlich bis in asiatische Wüsten und Mauern austreiben ließ.Quelle: Thomas Lehr – Kafkas Schere
In freundlicher Abstimmung mit der uns noch verbleibenden Zeit wählt das Zimmer die Geschwindigkeit, mit der es unser Dasein aufblättert, um es vorbeirauschen zu lassen, auf Wänden, Decke und Boden wie die Bilder der grandiosesten Achterbahnfahrt, angefangen beim Anblick jenes Lindenblatts, das aufbrach, uns zu suchen, und sacht auf den noch kaum gewölbten Bauch unserer Mutter fiel.Quelle: Thomas Lehr – Kafkas Schere
Schwer zu sagen, wie und mit welchem Ergebnis ich ihn damals gelesen habe; ich sehe die Dunkelheit, vor allem sie; dass ich alles gut kannte oder zu kennen glaubte – die Figur des übermächtigen Vaters, dass die Liebe schwierig bis unmöglich ist und der Einzelne klein und für sich, verdammt und zugleich seltsam frei.Quelle: Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie
Da wurden Stimmungen, die ich bestens kannte, in Worte gefasst, in einprägsamen, repetitiven Bildern festgehalten. Nie mehr würden sie wieder formlos, als beunruhigende Ahnungen um mich schweben. Es war bei Kafka, wo ich die wirksamen Bannsprüche gegen die Angstlähmungen fand, das Gegengift für meine Erfahrungen von Diktatur und Willkür.Quelle: Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie
Da in der von Kafka geschaffenen Realität so vieles nicht stimmt, wäre es – jedenfalls in den umfangreicheren Werken – sowieso fast unmöglich, aus derartigen Konglomeraten ein rundes Ganzes zu erschaffen. Auf das sogenannte „Process“-Fragment bezogen: Kann sich jemand vorstellen, wie Kafka Josef K. vor irgendwelchen unteren, mittleren oder hohen Richtern antreten lässt?Vorstellen können wir uns, dass diese Anthologie die Neugier weckt auf Kafka. Und dass sie dazu führt, ihn neu oder wieder zu lesen. Es wäre sicher der schönste Ertrag dieses Buches.Quelle: Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie
Im übrigen ist meine jüngste Schwester (schon über 20 Jahre alt) meine beste Prager Freundin, und auch die zwei anderen sind teilnehmend und gut. Nur der Vater und ich, wir hassen einander tapfer.Quelle: Hans-Gerd Koch – Kafkas Familie. Ein Fotoalbum
„Dabei sieht mich infolge vorteilhafter Anlage der nächsten Umgebung kaum irgendjemand, was bei der komplicierten Zusammenstellung meines Liegestuhles und bei meiner Halbnacktheit sehr angenehm ist. [...] Vielleicht werde ich noch Dorfnarr werden, der gegenwärtige, den ich heute gesehen habe, lebt eigentlich wie es scheint in einem Nachbardorf und ist schon alt.“Franz Kafka ließ sich nicht gern fotografieren. Von den bekannten Kinderbildnissen und Passfotos abgesehen, ist er nur auf wenigen der Schnappschüsse und Gruppenbilder vertreten. Umso reichlicher sind die Aufnahmen der Verwandtschaft. Auf diese Weise vervollständigt sich nicht nur das Porträt Franz Kafkas, es entsteht auch ein Zeitbild jüdischen Aufstiegs in den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreichs und der Umbrüche, die Weltkrieg und Gründung der tschechoslowakischen Republik mit sich brachten. Hans-Gerd Koch fasst in seiner Nachbemerkung zusammen, wie es für die Familie nach Kafkas Tod am 3. Juni 1924 weiterging. Während der deutschen Besatzung starben alle drei Schwestern Anfang der Vierzigerjahre in Konzentrationslagern, auch viele der Nichten und Neffen, deren Kinderbildnisse in diesem Album versammelt sind, wurden ermordet. Angesichts dessen wirken die fotografischen Zeugnisse dieses lebendigen Familienzusammenhangs umso eindrücklicher.Quelle: Hans-Gerd Koch – Kafkas Familie. Ein Fotoalbum
Meer und Wald-in diesen beiden Worten liegt der Zauber Müritz. Still und friedlich ist Müritz, kein Luxusbad, doch auch nicht altmodisch, sondern ein wirkliches Erholungsbad.Für Franz Kafka wird der verträumte Ort an der Ostsee mit viel Wald und Wellen, Sonne und Strand einen letzten, ungeahnten Sommer bereithalten: vier Wochen des Jahres 1923, die sein Leben noch einmal und grundlegend verändern. Davon ahnt Kafka noch nichts, als er sich am 10. Juli auf die Reise begibt. Es geht ihm sehr schlecht.Quelle: Günter Karl Bose – Kafka im Ostseebad Müritz (1923)
Die schrecklichen Zeiten, unaufzählbar, fast ununterbrochen. Spaziergänge, Nächte, Tage, für alles unfähig außer für Schmerzen.notiert der Niedergeschlagene am 12. April 1923 in sein Tagebuch. Wenige Wochen später aber wagt er zusammen mit seiner Schwester Elli und deren Kindern die Fahrt nach Müritz. Sie wohnen im Haus „Glückauf“, Kafka bezieht ein Zimmer im zweiten Stock mit Blick auf den Wald.Quelle: Franz Kafka
50 Schritte von meinem Balkon ist ein Ferienheim des jüdischen Volksheims in Berlin. Durch die Bäume kann ich die Kinder spielen sehen. Fröhliche, gesunde, leidenschaftliche Kinder. Die halben Tage und Nächte ist das Haus, der Wald und der Strand voll Gesang. Wenn ich unter ihnen bin, bin ich nicht glücklich, aber vor der Schwelle des Glücks.Quelle: Franz Kafka
Als ich von meiner Arbeit aufblickte – der Raum hatte sich verdunkelt, es stand jemand draußen vor dem Fenster – erkannte ich den Herrn vom Strand wieder . Dann trat er ein – ich wusste nicht, dass es Kafka war und dass die Frau, mit der ich ihn am Strande zusammen gesehen hatte, seine Schwester war. Er sagte mit sanfter Stimme: ‚So zarte Hände, und sie müssen so blutige Arbeit verrichten!‘Quelle: Dora Diamant
Sie ist die erste Frau, mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen kann, ein „anderes Leben“ in Berlin, nicht in ferner Zukunft, vielleicht im nächsten Monat schon. Nun hat er dafür eine „Komplizin“ gefunden. Erzählen wird er es niemandem. Noch können die Dämonen, die seit Jahren seinen Spuren folgen, die Pläne durchkreuzen.befürchtet mit Kafka der in Wort und Gestaltung feinsinnige Günter Karl Bose. In seinem wunderbar gestalteten Buch „Franz Kafka im Ostseebad Müritz (1923)“ beschreibt und bebildert der Germanist und Typograf die letzte große Vision des todgeweihten Autors.Quelle: Günter Karl Bose – Kafka im Ostseebad Müritz (1923)
Ich glaube, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Und dass das, was zwischen den Menschen entsteht, was wir gemeinsam erschaffen, mehr ist als das, was jeder für sich ist. Und dass das vielleicht eine Form des Göttlichen ist.Quelle: Karl Ove Knausgård
In zwei Tagen wird ein Stern am Himmel aufsteigen. Die Tore zum Totenreich werden sich öffnen. Du wirst sehen, was kein anderer sehen kann. Das ist unser Geschenk an dich.All das sind spannende Geschichten, die Knausgård auch in diesem Band nicht zu Ende erzählt, sondern gekonnt in der Schwebe hält. Doch es geht ihm nicht primär um den Plot, sondern viel mehr um die Frage, was der Mensch überhaupt ist und was die Substanz des Lebens ist. Auch in diesem dritten Band lotet er immer wieder die Grenze von Leben und Tod aus und stellt dem detailversessen dargestellten Alltag das Unerklärliche, Unbegreifliche gegenüber. Dafür steht symbolhaft der neue Stern als Menetekel am Nachthimmel. Seit er erschienen ist, so stellt sich heraus, sind in ganz Norwegen keine Menschen mehr gestorben. Selbst ein Mann, der nach einem Unfall mit schweren Hirnschäden im Koma liegt und der von den Ärzten schon für tot erklärt wurde, zeigt zum Erstaunen der Mediziner Spuren von Bewusstsein. Knausgård wagt es sogar, ein Kapitel aus der Perspektive dieses Komapatienten zu schreiben und dessen traumartige Gedankenschleifen abzubilden. Die Experten, die sich über ihn beugen, versuchen, das Bewusstsein zu messen und zu verstehen, was ein Gedanke ist. Kann es Gedanken geben, wo kein Bewusstsein ist? Oder umgekehrt? Was ist ein Gedanke überhaupt? Und wie kann es sein, dass die fleischliche Materie des Leibes Immaterielles wie das Bewusstsein hervorbringt?Quelle: Karl Ove Knausgård – Das dritte Königreich
Es war wie ein Blick ins Unbekannte. Es war eine Sprache, aber so fremd und unverständlich, dass sie aus den Tiefen des Weltalls zu uns hätte gesandt sein können. Es war unfassbar, dass wir uns selbst sahen. Dass unsere Kodierung der Welt und all dessen, was wir waren, sichtbar wurde. Das Mysterium bestand darin, dass es sich von innen nicht wie ein Code anfühlte, sondern wie die Welt.Quelle: Karl Ove Knausgård – Das dritte Königreich
Ein costa-ricanischer Kollege, den ich sehr schätze, Carlos Cortés, eröffnete seinen Roman Kreuz des Vergessens mit den ironischen Worten: „Über was soll man in einem Land schreiben, in dem nichts passiert bis zum Big Bang.“ Es ist nun mal so: Anders als in Nachbarländern wie Guatemala oder Nicaragua oder El Salvador, deren Geschichte eine Fülle von Gewalttaten, von politischen und klimatischen Katastrophen charakterisiert, kennzeichnet Costa Rica ein fortgesetzter Frieden. Deshalb dürfte unsere Literatur weniger sichtbar geworden sein als die der anderen Länder. Aber auch sie besitzt eine reiche Tradition.Quelle: Carlos Fonseca
Wir leben ja nicht in einem luftleeren Raum, sondern inmitten von Plänen und Ideen unserer Vorgänger, die ähnliche Fragen wie wir heute zu beantworten versuchten. Und deshalb bewegen sich meine Figuren auf den verschiedenen Ebenen der Vergangenheit, erinnern sich an Utopien und Dystopien, um von ihnen zu lernen. Ich möchte die Ideengeschichte, zumindest ihre Restbestände sichtbar machen, und so ist eine Collage von Geschichten anstelle einer linearen, klassischen Erzählweise entstanden.Quelle: Carlos Fonseca
Julio ist Akademiker wie ich, ist Costa-Ricaner, lebt seit langem in den USA und beginnt sich irgendwann zu fragen, ob er überhaupt noch Lateinamerikaner ist oder nicht überall ein Fremder. Er glaubt sogar, seine Sprache zu verlieren, denn er vergisst spanische Wörter. Er fühlt sich als Fremder, als Tourist in Lateinamerika und denkt daran, zurückzukehren. Im Roman gelingt ihm das, weil er dieses Manuskript herausgeben will. Dabei findet er seine alten Wurzeln wieder. Aber was bedeutet wirklich Rückkehr? Das sind Fragen, die auch ich mir immer wieder stelle nach so vielen Jahren im Ausland.Quelle: Carlos Fonseca
Er hat für mich einen sehr großen Stellenwert, denn durch ihn wird eine literarische Region wie Costa Rica, wie Mittelamerika wieder einmal sichtbar gemacht. Aber er hat auch durch den großen Namen von Anna Seghers besonderes Gewicht. Kurioserweise habe ich in der letzten Zeit an einer Studie über den berühmten kubanischen Künstler Wifredo Lam geschrieben, der auf demselben Schiff wie Anna Seghers von Marseille aus seine Reise nach Lateinamerika angetreten hat. Für ihn eine Rückreise, für sie eine Fahrt ins Exil. Als ich von dem Preis erfuhr, steckte ich also bereits tief in dieser transatlantischen Vorstellungswelt von Anna Seghers und der Beziehung zwischen Europa und Lateinamerika.Dem zentralen literarischen Thema von Carlos Fonseca, einem außergewöhnlichen Autor aus Costa Rica.Quelle: Carlos Fonseca
da ist die hosentasche, da der strohhalm, da das feuerzeug in„Gute Enden“ heißt der neue Gedichtband von Max Czollek – ein Titel wie eine Irreführung, denn es ist ja gar nichts gut in unserer Gegenwart und wird wahrscheinlich auch nicht gut enden. Seit dem erweiterten Angriffskrieg auf die Ukraine, seit dem 7. Oktober 2023, seit Hanau oder seit dem Treffen Rechtsradikaler in Potsdam – ist die Hoffnung endgültig verschüttet, dass die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts beendet wurde. „Und plötzlich sind wir in einer Situation, die auf so vielen Ebenen klar macht, wir sind jenseits dieser Guten Enden. Und welche Sprache, auch welche Sprache für die Emotionen, die das auslöst, brauchen wir jetzt eigentlich? Und ich habe schon den Eindruck - und aus diesem Eindruck heraus ist glaub ich auch dieser Gedichtband gehoben, wenn man so will – dass wir in einer ziemlich heftigen Verleugnungsphase gerade sind: wir wollen uns dieser neuen Realität nicht stellen.“
der zigarettenschachtel aus papier, das ist unser land,
unberechenbar wie april
das ist unser körper, eine durchgeschüttelte flasche krimsekt,
die wir huckepack richtung morgenlicht tragenQuelle: Max Czollek – Gute Enden (Gedicht: Gemeinsame Kriege)
manche stehen schon in flammen / andere riechen nicht einmal den rauch.In dem Eröffnungsgedicht des Bandes „Eigentlich hätten wir ja den Reichstag stürmen müssen“ werden die Ereignisse in einem poetischen Akt des Widerstands umgedichtet. Lyrik als Ort der Trauer, aber auch als Möglichkeit, für einen Moment die Dinge umzukehren:Quelle: Max Czollek – Gute Enden
treffen uns am wannsee, laden alle ein
die verstreut auf feldern, unter trümmern verschüttet
verbrannt in wohnungen, aus straßenbahnen geschleudert
abschied genommen haben
schreiben tausendfach:
wir vermissen euch, wir sind weiter
ohne jede fassung, wir hätten euch verdammt
nochmal gebraucht all die tage, jahreQuelle: Max Czollek – Gute Enden (Gedicht: Eigentlich hätten wir ja den Reichstag stürmen müssen )
denke meine gedichte als lunte, die in eure herzen reicht. eure„Ich schreibe doch keinen ganzen Gedichtband über die Guten Enden oder das, was danach kommen wird, wenn es mir egal wäre. Ich glaube, es gibt eine große Trauer, die im Zentrum meiner Arbeit steht, die ist familiär, die ist über Generationen jetzt weitergegeben worden – und diese Trauer wächst natürlich auch aus einem großen Verlust. Sicher auch aus einer großen Liebe zu dem, was nicht mehr da ist oder zu dem, was man verliert gerade - immer und immer wieder. Und was das eigentlich heißt, dass diese Dinge einem andauernd verloren gehen? Und ich glaube, sich darüber immer wieder zu empören, dieses Gefühl nicht fallen zu lassen – das scheint mir doch eine Aufgabe meiner Kunst zu sein, vielleicht auch eine Aufgabe einer Kunst, die mich interessiert.“ „Gute Enden“ ist ein Buch der Unruhe - ein großer Gedichtband, der an der Erkenntnis festhält, dass wir durch die Trauer und Traurigkeit hindurchmüssen. Sprache, die klarmacht, nur so sind die Kontinuitäten von der Gewalt der Geschichte zu verstehen. Gedichte, die auf schreckliche Weise gegenwärtig sind und zum Glück gekommen, uns zu stören.
ohren als letztes streichholz in meiner aufgeweichten packungQuelle: Max Czollek – Gute Enden (Gedicht: Unsere gemeinsamen Kriege)
Die Wirtschaft boomt, Italien hebt ab ins scheinbar ewige Blau, und da darf es an leichtfüßigem Liedmaterial nicht mangeln. Doch nicht genug damit, dass hier eine italienische Musiktradition ihre Geburt erlebt; wir dürfen gewissermaßen dabei sein, wie Italien, so wie wir es kennen, sich überhaupt erst erfindet. Der Großteil dessen, was wir heute als „typisch italienisch“ wahrnehmen – Esskultur, Aperitivo-Tradition, Caffé-Rituale, Mode, Kino, Musik – ist ein Produkt der Nachkriegszeit und des „Boom economico“, des wirtschaftlichen Aufschwungs. „Abbronzatissima“ ist in diesem Sommer 1963 mithin der Soundtrack zur Erschaffung der italienischen Leichtigkeit.Quelle: Eric Pfeil - Ciao Amore, ciao
Man denkt weniger national als regional – als piemontese, napoletano oder pugliese. Sich kollektiv unter dem Banner Italia zu versammeln, fällt den Bewohnern des Bel Paese bis heute schwer. In Italien spricht man vom Campanilisimo, der extremen Bezogenheit auf den örtlichen Glockenturm.Quelle: Eric Pfeil - Ciao amore, ciao
Ich gehör erstmal auch zu diesen Leuten, die sich unschuldig in dieses Land verknallt haben – sah einfach alles besser aus, war sehr überzeugend, zumal wenn man wie ich aus Bergisch Gladbach kommt. Irgendwann läuft man dann natürlich vor sehr viele Wände. Dann stehen die Widersprüche im Raum herum. Der Katholizismus, die Frauen, die Männer, die Mütter, die Mafia…. Die Musik, die für mich immer parallel lief, die ich auch immer faszinierend fand, weil sie so ein anderes Flirren hatte als anglo-amerikanische Musik, hat sich für mich irgendwann als das Mittel herausgestellt, mit dem man das Land wirklich verstehen kann.Quelle: Eric Pfeil
Ich träume den irrationalen, extrem simplen Traum von GÜTE, dass die Leute nett miteinander umgehen, rücksichtsvoll, zartfühlend, vernünftig, höflich. Das wäre eine Revolution, das schon, aber die könnte nur jeder für sich selbst machen, wenn er sie machen wollen würde.Quelle: Rainald Goetz – Wrong
Was sind das für Leute? Wie reden sie, wie bewegen sie sich, wie schauen sie aus und was haben sie an? Wie also drückt ihr körperliches Sein, ihre Kleidung und ihr Habitus das aus, was sie gedanklich sind. Wie steht das im Verhältnis zueinander, wie passt es zusammen?Quelle: Rainald Goetz
Ich dachte, dass die größten Umweltprobleme der Verlust von Biodiversität, der Zusammenbruch von Ökosystemen und Klimawandel seien. Aber ich lag falsch. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Apathie.Quelle: Daniel Etter – Feldversuch
Stattdessen kriegte sie eine betrübte, mit Rüge gewürzte Miene serviert.
„Na ja“, sagte Tim. „Sie hatte zuletzt einen ganz schön schweren Packen wegzustecken.“
Was? Na super. Jetzt sah Tim sie als den Snob, der auf gute Weine und hausgemachte Senfsorten stand und gern auf der weißen Proll-Lady rumhackte, wenn sie schon am Boden lag? Eine oberflächliche Elitäre, die die Wohnmobil-Tussi disste?Quelle: George Saunders – Tag der Befreiung
Wie kann es einvernehmlich sein, wenn ihr Opfer ein leergefegtes Hirn hat, an eine Wand fixiert ist und sich an nichts außerhalb des Raumes erinnern kann? Erklären sie uns das doch mal. Ist es aber, sage ich.Dieses „Ich“, das hier dazwischenfunkt, ist die Hauptfigur der Geschichte, der Künder Jeremy. Weil er sich in die Hausherrin verliebt hat, schlägt er sich auf die Seite seiner Unterdrücker und sabotiert die Aktion. Es ist ein altes Lied: Die Ausgebeuteten verweigern sich der Revolution, wollen sich partout nicht befreien lassen. Diese Geschichte ist voller grotesker Einfälle, und sie entfaltet eine komplexe Psychologie des Herr-Knecht-Verhältnisses. Dennoch wirkt sie allzu ausgetüftelt und konstruiert. George Saunders hat uns so viel über die wirklichen Verstrickungen zwischen Menschen mitzuteilen, dass er sich eigentlich keine dystopischen Gleichnisse ausdenken muss, in denen ausgebeutete Menschen an Wänden hängen. In den besten Geschichten dieses Bandes werden die inneren und äußeren Gefangenschaften, in denen Menschen feststecken, mit den Mitteln eines nuancierten Realismus deutlich genug.Quelle: George Saunders – Tag der Befreiung
Er versteht sein Geschäft, ihr Mann. Ich wette, er ist sehr gefragt.“ Er hielt kurz inne, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte. „Bei uns zuhause hat er alles perfekt erledigt“, sagte er weiter und zeigte mit dem Finger auf sie, “er hat sogar etwas mehr gemacht als vereinbart. Ja, er ist regelmäßig wiedergekommen, wenn er wusste, dass die Frau im Haus sein würde und ich nicht. Und er ist so gut im Rohrverlegen, dass sie im August ein Kind von ihm kriegt.Schnell und nachhaltig ist die Welt von Eilis erschüttert: ihre jahrzehntelange Beziehung zu ihrem Mann Tony, zu ihren halb erwachsenen Kindern, denen sie ein verlässliches Elternpaar waren.Quelle: Colm Tóibín – Long Island
‚Und euch anderen will ich eins sagen‘, hat Fräulein Heumann ihre Belehrung fortgesetzt, ‚ich will nicht, dass ihr euren Mitschüler hänselt, bloß weil er ein Mischling ist. Kein Mensch kann etwas für sein Aussehen. Es ist nicht seine Schuld, dass er anders ist als ihr, habt ihr das verstanden?‘Gut gemeint, auch wenn es nach den heutigen Maßstäben nicht politisch korrekt klingt. Aber darum geht es André Kubiczek nicht.
‚Ja‘, hat die Klasse im Chor geantwortet.Quelle: André Kubiczek – Nostalgia
Sie übersetzt Sachen für Intertext oder sie dolmetscht, wenn eine Delegation aus ihrer alten Heimat kommt, was häufiger passiert, seit Laos ein fortschrittliches Land geworden ist. Es gibt Fotos, auf denen Mama redet und daneben steht Erich Honecker mit seinen Männern und hört ihr zu. (…) Alle haben weiße Kittel an und tragen weiße Helme, denn die Fotos wurden in einer Melkanlage aufgenommen.Erzählt wird der Roman aus der Perspektive des 1969 geborenen Sohnes André. Zunächst erleben wir mit ihm die Unannehmlichkeiten des realsozialistischen Schulalltags, lernen Freunde und Freundinnen aus der Nachbarschaft von Potsdam-Waldstadt II kennen und erhalten Einblicke in die Popsozialisation eines Ostjugendlichen um 1980, der heimische musikalische Gewächse wie die Puhdys schlimm findet und lieber Hitparadenmaterial aus dem Westen auf seinen Cassettenrecorder schmuggelt. Und dann ist Weihnachten 1981, und mit großer Ausführlichkeit wird erzählt, wie der Junge seine Großeltern aus dem Harz vom Bahnhof abholt und wie es im Verlauf der Feiertage nicht nur Freuden, sondern auch Streit und das eine oder andere Malheur gibt. Wird die Geduld der Leser hier womöglich überstrapaziert?Quelle: André Kubiczek – Nostalgia
‚Bringst Du das bitte in den Mülleimer‘, hat Frau Gottschalk gesagt und ihm das Päckchen mit dem benutzten Beutel in die Hand gedrückt. Vorsichtig wie eine entsicherte Handgranate hat er das Päckchen in die Küche getragen.Ost-West-Motive, wohin man blickt und wo man sie nicht vermutet. Das ganze Leben scheint damals durchwirkt von der Systemkonkurrenz. Auch Andrés ein Jahr jüngerer Bruder Alain leidet an einer Krankheit, einer sich von Jahr zu Jahr verschlimmernden geistigen Einschränkung. Für André taugt er nur schlecht zum Spielkameraden, weil er vieles nicht begreift. Irgendwann büßt er auch seine gewisse liebenswerte Niedlichkeit ein und wird von den Menschen offenbar nur noch als Zumutung empfunden. Hier ist der Bruderblick erbarmungslos, weil mitbetroffen. Als seine erste kurzzeitige Freundin André fragt, ob er Geschwister habe, verleugnet er den Bruder und bringt sich damit selbst in die Klemme.
‚Keine Angst‘, hat Frau Gottschalk ihm hinterhergerufen, ‚da läuft nichts aus. Die Beutel sind aus dem Westen und haben ein Ventil.“Quelle: André Kubiczek – Nostalgia
Er kann morgen im Orion schlecht sagen: ‚Entschuldige, Bianca, ich habe mich geirrt. Kurz vor dem Einschlafen ist mir eingefallen, dass ich doch einen Bruder habe, und zwar einen, der geistig behindert ist.‘Zur Tragik gehört es, dass sich die Krankheiten von Bruder und Mutter durch medizinische Fehlbehandlungen und missglückte Operationen verschlimmern.Quelle: André Kubiczek – Nostalgia
Ich weiß als Naturwissenschaftler, dass die Vögel von ähnlichen oder gleichen Hormonen gesteuert werden wie wir. Kann man davon ausgehen, dass sie nicht nur negative Gefühle empfinden wie Stress und Schmerz und Trauer, sondern auch positive Gefühle wie Freude und Liebe.Ernst Paul Dörfler ist der erste, der das Liebesleben der in Deutschland heimischen Vögel auf über 200 Seiten gründlich erfasst und allgemein verständlich zusammengefasst hat. Das sind bei ihm immerhin über drei Dutzend porträtierte Vogelarten. Immer wieder zieht er Analogien zum menschlichen Verhalten. So nennt er Singvögel, die oft nur einen Sommer eine Ehe eingehen: Lebensabschnittsgefährten, wie wir das auch kennen. Aber immerhin verbringen Männchen und Weibchen bei nur zwei bis drei Lebensjahren immer noch fast ihr halbes Leben miteinander.Quelle: Ernst Paul Dörfler – Das Liebesleben der Vögel
Der Zaunkönig legt sich auch noch ins Zeug und baut und baut und baut und zwar baut er Nester und nicht nur eines, zwei, drei, bis zu sieben Nester baut er für ein Weibchen. Das imponiert natürlich dem Weibchen, dem fällt es nicht schwer, ja zu sagen, einzuziehen und eine Ehe zu führen.Quelle: Ernst Paul Dörfler – Das Liebesleben der Vögel
Wir haben ja lange Zeit angenommen, dass sich ein Männchen, ein Weibchen in Freud und Leid die Zeit und die Arbeit teilen: Man ist davon ausgegangen, dass sie auch sexuell treu sind. Und siehe da, bei den allermeisten Singvögeln, wenn man so ins Nest schaut, die Nestlinge untersucht, die stammen eben nicht nur von einem Vater, meist von zwei Vätern, manchmal von drei Vätern und nun musste man einfach die Monogamie neu definieren und Monogamie heißt, Singvögel leben vorrangig sozial monogam, d. h. sie erledigen die täglichen Arbeiten gemeinsam, bravourös, aber sie führen keine sexuelle Monogamie.Die Beziehungen in der gesamten Vogelwelt sind allerdings noch viel variantenreicher: Es gibt Vielweiberei, Haremspflege, Inzest, auch lesbische und schwule Partnerschaften. Man mag Dörflers Interpretation des Vogelverhaltens bisweilen für allzu menschlich halten, jede Analogie hat ihre Schwächen, das gibt er auch wiederholt zu. Doch das schmälert nicht die Faszination des Buches, das sich in all seinen Aussagen auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse stützt: eine fröhliche und witzige Entdeckungsreise durch das Liebesleben der Vögel.Quelle: Ernst Paul Dörfler – Das Liebesleben der Vögel
So ist er, der italienische Faschismus, proletarisch und doch von pathetischer Gelehrsamkeit, futuristisch und gleichzeitig historistisch, gewalttätig und würdevoll, eine Mischung aus Sportstunde, Schlägertrupp und Lateinunterricht.Quelle: Golo Maurer – Rom. Stadt fürs Leben
Nichts ist einnehmender und zugleich verunsichernder, als diese graziöse, delikate, irgendwie antikische Bipolarität, der gegenüber der Macho sich plump und der Schöngeist sich schwächlich vorkommt.Quelle: Golo Maurer – Rom. Stadt fürs Leben
Si le corps a beaucoup d’importance dans ce livre, c’est tout simplement parce que c’est dans le mouvement de la liberté – on sait très bien, c’est toujours la contrainte de la liberté, c’est une contrainte sur le corps. Donc à un moment où ce personnage qui est la narratrice qui est un peu moi, essaie de devenir plus libre évidemment elle fait plus usage de son corps. C’est tout. Que ce soit par le sport ou par l’amour. –
Der Körper spielt in meinem Buch eine so große Rolle, weil es um das Streben nach Freiheit geht. Gesellschaftlicher Zwang ist ja immer ein Zwang in Bezug auf den Körper. In dem Moment, in dem die Erzählerin, in der etwas von mir selbst steckt, sich zu befreien versucht, nutzt sie ihren Körper. Sei es durch Sport oder durch Sex.Quelle: Constance Debré in einem Radiointerview auf France Culture
...die vielleicht bedeutendste Theorie der gesamten Wissenschaftsgeschichte.Quelle: Michael Schmidt-Salomon – Die Evolution des Denkens. Das moderne Weltbild und wem wir es verdanken
weil sie Gedanken formuliert haben, die uns dabei helfen können, ein zeitgemäßes Weltbild zu entwickeln, mit dessen Hilfe wir die Probleme der Menschheit im 'Anthropozän' rationaler angehen können.Neun der zehn sind Europäer. Ihre Auswahl ist aber keine ausschließliche, Schmidt-Salomon führt zahlreiche weitere Forscher und Denker jener Zeiten an:Quelle: Michael Schmidt-Salomon – Die Evolution des Denkens. Das moderne Weltbild und wem wir es verdanken
Kein Kopf denkt allein, kein Werk hat nur einen Schöpfer.Quelle: Michael Schmidt-Salomon – Die Evolution des Denkens. Das moderne Weltbild und wem wir es verdanken
Lizitanti hatte hellblaue Augen, die sahen alles. Und sie sprach auch so eine Sprache. Das war Deutsch, aber es pikste, rollte und stach. Sie sah streng zu Judiths Füßen: ‚Warum hast du deine Schuhe nicht an?‘ Kurt wollte erklären, dass Kinder keine Schuhe brauchten, aber die Mutter zwickte ihm in die Hand.Es ist bemerkenswert, dass mit Dorothee Riese und der in Siebenbürgen geborenen Iris Wolff in diesem Frühjahr zwei Schriftstellerinnen viel beachtete Bücher veröffentlicht haben, die in ihrer Machart unterschiedlich sind und sich trotzdem ergänzen. Das Dorf, in dem Judith und ihre Eltern sich niederlassen, könnte einer jener tristen und verarmten postkommunistischen Weiler sein, die Wolffs Protagonist Lev im Roman „Lichtungen“ mit dem Fahrrad durchquert. Dass ein armes, abgehängtes Dorf im Rumänien der frühen Neunzigerjahre keine Idylle ist, versteht sich. Sprachlich geschickt verdichtet Dorothee Riese aus der engen Perspektive des Kindes heraus die ethnischen Konflikte in Sarmizegetusa.Quelle: Dorothee Riese – Wir sind hier für die Stille
Der Pfarrer sprach von der Auswanderung der Sachsen, von der neuen Regierung und den alten Kommunisten, die sich gegenseitig die Ämter zuschacherten, wie er sagte. Und auch er redete gerne über die Roma. Er erzählte, dass sie es wären, die stahlen, dass sie zu viele Kinder bekämen, und dass sie vor allem die Dörfer und Städte der Gegend zerstören würden.Judith hingegen lernt Rumänisch, macht sich das Dorf auf ihre eigene, unschuldige Weise vertraut, schließt Freundschaften, entwickelt Zuneigungen und gerät dabei immer wieder in oft politisch und historisch bedingte Interessenskonflikte. Dorothee Riese begleitet dieses verständige Mädchen auf seinem Weg vom Vorschulkind bis zur Jugendlichen. Und hat auf diese Weise einen ungewöhnlichen Bildungsroman geschrieben.Quelle: Dorothee Riese – Wir sind hier für die Stille
Ich bin in der Diaspora aufgewachsen. Doch weil ich aus dem Sudan stamme, hat er in meinen Gedanken einen besonderen Platz.Sagt die Schriftstellerin Fatin Abbas. Geboren 1981 in Sudans Hauptstadt Khartum ist sie als Neunjährige mit ihrer Mutter in die USA gegangen. Ihr Vater saß zu der Zeit im Gefängnis, ihre Familie war in dem ostafrikanischen Land unter dem damaligen Herrscher Umar al-Bashir nicht mehr sicher. Ihr erster Roman „Zeit der Geister“ spielt in einer fiktiven Grenzstadt zwischen Nord- und Südsudan vor der offiziellen Unabhängigkeit des Südsudan 2011.Quelle: Fatin Abbas
Als jemand, die größtenteils im Ausland aufgewachsen ist und natürlich sehr enge Verbindungen und Familie im Sudan hat, habe ich mich selbst und meine Autorität als Schriftstellerin in Frage gestellt – wie ich zum Sudan stehe und ihn literarisch repräsentieren kann. Aber dann wurde mir klar, dass es nicht die eine authentische Version des Sudan, sondern dass es viele Darstellungsformen gibt. Und meine ist eine davon.Im Roman „Zeit der Geister“ gibt es vier zentrale Figuren, die verschiedene Perspektiven auf und innerhalb des Sudans repräsentieren: einen weißen US-amerikanischen NGO-Mitarbeiter, eine sudanesisch-amerikanische Fotografin, eine muslimische Köchin aus einer Nomadenfamilie, die aufgrund der Dürre sesshaft werden musste, und einen gut ausgebildeten Sudanesen aus dem Süden, der als Englisch-Übersetzer in der Grenzregion arbeitet, weil er in Khartum keine Arbeit gefunden hat. Ein vielschichtiger Mikrokosmos dieser Region.Quelle: Fatin Abbas
Was mich am Sudan am meisten interessiert ist, dass er da liegt, wo der arabische Nahe Osten, das arabische Nordafrika und Sub-Sahara-Afrika aufeinandertreffen. Das macht ihn zu einem Gebiet, in dem man all diese verschiedenen kulturellen und politischen Strömungen verhandeln muss.Das spannungsreiche Neben- und Miteinander verschiedener Kulturen spiegelt sich in der Literatur wider: Im Sudan schreibt man auf Arabisch, im Südsudan wird meistens auf Englisch geschrieben. Die Autorin Stella Gaitano ist Südsudanesin, hat sich aber wie einige Autorinnen und Autoren ihrer Generation bewusst fürs Arabische entschieden – auch für ihren neuen Erzählband „Endlose Tage am Point Zero“ –, wie sie im Zoom-Interview erzählt.Quelle: Fatin Abbas
Als ich anfing, auf Arabisch zu schreiben, war es für die Menschen im Norden das erste Mal, dass sie Literatur über Südsudanesen auf Arabisch lesen konnten. Sie wussten nicht viel über den Südsudan, die Gefühle der Menschen dort und verstanden nicht, was sie durchmachten.Stella Gaitano ist in Sudans Hauptstadt Khartum aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat dort studiert. Aber ihre Eltern kamen aus dem Süden und so musste sie mit der Unabhängigkeit des Südsudan 2011 Karthum verlassen. In ihrem intensiven und einsichtsvollen Kurzgeschichtenband erzählt sie von unzerstörbaren Bäumen, die Schutz und Heimatgefühle vermitteln. Von dem Weggehen-Müssen aus dem Norden in den Süden, dem oft jahrelangen Dasein in Flüchtlingscamps kurz vor der neu geschaffenen Grenze.Quelle: Stella Gaitano
Ich dachte, dass ich das dokumentieren sollte. Damals hat man die humanitäre Frage nicht in den Mittelpunkt gestellt. Während der Trennung der beiden Länder konzentrierten sich die Politiker nur auf ihre politischen Streitereien.Die Unabhängigkeit des Südsudan ist mehr als ein politischer Prozess – das machen Gaitanos oft nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten eindrücklich klar. In einer Geschichte kauft sich eine Frau ein Gewehr, nachdem ihr die Entschädigung geraubt wurde, die sie dafür bekommen hat, dass ihr Mann als Soldat im Unabhängigkeitskrieg gestorben ist.Quelle: Stella Gaitano
Die Menschen denken, dass sie sich selbst schützen müssen. Die Regierung ist weit weg, Gesetze nützen dir nichts. Es herrscht einfach Chaos. Jeder kann machen, was er will. Jeder kann eine Waffe bekommen, um sich zu schützen. Jeder kann jeden töten. Die Menschen entscheiden selbst, weil die Regierung schwach ist oder nicht funktioniert, um die Bürger zu schützen.Quelle: Stella Gaitano
Und Politiker lesen nicht.Was ein Teil des Problems ist, findet Abelaziz Baraka Sakin, einer der wichtigsten Autoren des Sudan. Er lebt seit 2012 in Europa.Quelle: Abelaziz Baraka Sakin
Falls sie lesen, verstehen sie nicht. Und falls sie es verstehen würden, würden sie nicht daran glauben, dass Literatur etwas voraussagen kann. Sie denken, Literatur ist nur etwas für die Freizeit.Auch in seinem Werk sind es die Politiker und Generäle, die versagen und aus Eigennutz handeln. In seinem 2012 im Sudan, dann 2021 in Deutschland erschienenen Roman „Der Messias von Darfur“ geht es um den Darfur-Konflikt, in dem von Khartum bezahlte Djandjawid-Kämpfer an der Seite der Regierungsarmee gegen lokale Rebellengruppen kämpften. Seine weibliche Hauptfigur Abdelrahman aber nimmt es mit den Milizen der Djandjawid auf: Sie will sich an ihnen rächen, weil sie ihr Dorf in Darfur vernichtet, ihre Familie ausgelöscht und sie vergewaltigt haben.Quelle: Abdelaziz Baraka Sakin
In diesem Roman erzählte ich, was in Darfur passiert ist und welche Auswirkungen dies auf die Zukunft haben wird. Ich wollte, dass meine Leute das verstehen und dass sie darauf vorbereitet sind. Die Regierung fand, dass ich bloß Ärger machen wollte. Ich würde etwas erzählen, was nicht passieren werde – aber dann, 15 Jahre später, passiert genau das, was ich beschrieben habe.Denn gegenwärtig bekämpfen die sudanesische Regierungsarmee und die RSF-Truppen einander, die aus den Djandjawid hervorgegangen sind. Diese komplexen Beziehungen, Verwicklungen und Hintergründe entlarvt Abdelaziz Baraka Sakin in seinem Roman mit knallharter Ironie und oft sehr bitterer Komik.Quelle: Abdelaziz Baraka Sakin
Aktuell schreibe ich wieder einen Roman über den Krieg, über das, was die Menschen, Frauen und Männer, auch Kinder, jeden Tag durch die Bombardierungen, durch Soldaten, durch Milizionäre erleiden.Das Schreiben helfe ihm dabei, die Gegenwart psychologisch zu verarbeiten. Baraka Sakin ist einer der meistgelesenen Autoren des Sudan – paradox, denn: Seine Bücher sind seit 2011 im Sudan verboten.Quelle: Abdelaziz Baraka Sakin
Sie haben mein Buch „Der Messias von Darfur“ verboten. Deshalb habe ich es jedem, der es herunterladen möchte, gratis als PDF-Datei zur Verfügung gestellt. Man braucht sie nur herunterzuladen und kann loslegen. Sie können nicht das Internet verbieten, denn das gibt es überall.Zugänglichkeit spielt eine Rolle für die Literatur im Sudan. Auch für Stella Gaitano. Sie schreibt auch deshalb Kurzgeschichten…Quelle: Abdelaziz Baraka Sakin
…weil sie leicht zu verbreiten sind. Es ist einfach, veröffentlicht zu werden. Wenn ich sie nicht in einem Buch unterbringen konnte oder wenn eine Zeitung sie abgelehnt hat, kann ich sie einfach auf meine Seite stellen.Dort können auch wir die Geschichten finden. Oder wir kaufen die sehr gelungenen deutschen Übersetzungen. Die Autorinnen und Autoren und ihre Romane sind im globalen Norden immer auch Stimmen aus ihren Heimatländern.Quelle: Stella Gaitano
Romanautoren setzen sich wirklich intensiv mit dieser Art von Trauma auseinander, mit der traumatischen Geschichte, mit der der Sudan zu kämpfen hat.Deshalb vermitteln diese stilistisch unterschiedlichen, aufschlussreichen und lohnenden Bücher auch Einblicke in eine Region, in der fast unbeachtet von der Weltöffentlichkeit die weltweit größte Flüchtlingskrise entstanden ist. Rund neun Millionen Menschen sind auf der Flucht, fast fünf Millionen Menschen leiden an akutem Hunger.Quelle: Fatin Abbas
Deshalb bin ich sehr froh, wenn meine Bücher über mein Land informieren, über die Menschen dort und über den Krieg. Vielleicht hilft es jemanden. Denn wir brauchen aktuell wirklich die Hilfe von außen, auch von Menschen in Deutschland. Wir brauchen ihre Stimme.Quelle: Abdelaziz Baraka Sakin
Es war ja auch nicht so, als könnte ich mich irgendwie nützlich machen – es trieb kein Baum vorbei, in dessen Zweigen ein Kleinkind hing. Da war nur Schlamm. Eine gewaltige Schlammsuppe.Im Zug spricht eine Frau mit einem freundlichen jungen Computernerd über das mörderische Attentat an einer Schule. Er kannte den Täter:Quelle: T.C. Boyle – I walk between the Raindrops. Stories
Er hatte eine Seele. Eine große Seele.Bei einem anderen Mann steht plötzlich sein unbekannter Sohn vor der Tür:Quelle: T.C. Boyle – I walk between the Raindrops. Stories
Der Junge war wie ein Hündchen, einer dieser Straßenköter in der Anzeige eines Tierheim, dem alle Bedürftigkeit, der Herzschmerz und die Sehnsucht der Welt aus den Augen blutete.Nichts Besonderes also – eigentlich. Die Menschen in diesen Geschichten sind durchweg gutwillig, doch so eingebunden in das eigene Leben, dass sie nur zu schnell an die Grenzen ihres Mitgefühls stoßen. Irritierende Einbrüche versuchen sie wegzustecken wie einen lästigen Schluckauf, doch die Folgen sind – oft nur schwebend angedeutet - verheerend: Der junge Mann im Zug zeichnet das Psychogramm des Amokläufers als sei es ein Bild von sich selbst. Der distanzierte Beobachter wehrt in einer Bar eine aufdringliche, gestörte Frau ab – sie bringt sich um, Kopf auf den Schienen. Der uneheliche Sohn kehrt müde vor Traurigkeit in sein altes Leben als saufender Loser zurück. Sie haben eben Pech gehabt.Quelle: T.C. Boyle – I walk between the Raindrops. Stories
Ich spreche von Gnade - oder nennen Sie’s Glück, wenn Sie wollen. Ein stochastisches Glücksrad.Der amerikanische Autor T.C.Boyle hat in seinen erfolgreichen Romanen schon viele Aspekte des amerikanischen Lebens ausgeleuchtet, mal in Form von Biographien, mal durch Konstellationen, in denen ganze Gruppen durch aktuelle Probleme angezählt werden, wie zuletzt in „Blues Skies“ beim Thema Klimawandel. Boyles großartige Stories dagegen sind weit weniger bekannt, doch das erzählerische Ziel ist das gleiche, sogar noch prägnanter und fokussierter. „I walk between the raindrops“ zeigt Ausschnitte vom schwierigen Tanz seiner Protagonisten zwischen den Einschlägen: In „Die Hyäne“ verfällt ein ganzes Dorf durch kontaminiertes Mehl dem Wahnsinn; in „Nicht Ich“ verfolgt ein junger Lehrer hilflos die verbotenen Liebesbeziehungen von Kolleginnen mit minderjährigen Schülern – ein umgekehrtes “MeToo“; „Der dreizehnte Tag“ bringt die Erlösung von der qualvollen Quarantäne, die ein älteres Ehepaar während der Pandemie auf einem Kreuzfahrtschiff durchlitten hat – oder doch nicht?Quelle: T.C. Boyle – I walk between the Raindrops. Stories
Der Zauber des Augenblick hielt an, es war überaus schön. Aber dann (…) rang ich plötzlich nach Luft. Im nächsten Moment musste ich husten und konnte nicht mehr aufhören. (…)sah meiner Frau in die Augen und sagte:‘Es ist gleich vorbei’.Die Stories – von Dirk van Gunsteren und Annette Grube virtuos übersetzt – sind zwar unterschiedlich in Qualität und Thema, doch gemeinsam ist ihnen der gelassene Erzählton: wie beiläufig, ohne dramatische Zuspitzungen. Und wenn doch mal Drama, kommt es auf Samtpfoten daher, durchtränkt vom trockenen, oft schwarzen Humor des Autors, der bei allem Verständnis für seine gebeutelten Protagonisten auch die Komik ihrer egozentrischen Begrenztheit auslotet. Selbst in einer nicht weit entfernten Zukunft, die er in kleinen Science Fiction-Entwürfen schraffiert: die totale Überwachung durch den Staat oder die KI im Auto, die das Kommando übernimmt:Quelle: T.C. Boyle – I walk between the Raindrops. Stories
Mach die Tür auf.- „Ich halte das für unklug“.- Weißt du was? Das ist mir scheißegal. Hast du mich gehört? Ob du mich gehört hast?„I walk between the Raindrops“ heißt 13 Spiele zwischen Realität und Vision, phantasievoll und klug, oft makaber, immer psychologisch treffsicher. Typische T.C. Boyle-Geschichten und Beweise seiner literarischen Souveränität.Quelle: T.C. Boyle – I walk between the Raindrops. Stories
So sind die großen Autoren. Sobald sie die Gelegenheit haben, schenken sie einander ein signiertes Exemplar ihres neuen Buchs. Oder schlimmer: Sie schicken ein Widmungsexemplar mit der Post. [...] Und wenn man erst mal ein Buch eines der großen dänischen Autoren im Haus hat, kriegt man es schier unmöglich wieder los. Wo soll man denn hin damit?Leider, so spinnt Madame Nielsen ihren Faden weiter, kann man es ja weder in die Altpapiertonne werfen noch ins Antiquariat bringen, denn in einem kleinen Land wie Dänemark besteht die Gefahr, dass der Autor es dort in die Finger kriegt und die eigene Widmung samt dem Adressaten liest, und das ist dann peinlich für alle Beteiligten.Quelle: Madame Nielsen – Mein Leben unter den Großen
[...] da ich mit meinen fünf-, sechsundzwanzig Jahren noch nicht viel anderes gelesen hatte als Jungsbücher, Troels Kløvedahl und ,Ayla und der Clan des Bären‘, klang der Titel ,Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert‘ zunächst mal sehr anspruchsvoll.Ein Buch von Peter Høeg. Das ist witzig. Leider gefällt sich die Erzählstimme ein bisschen zu sehr in der pseudonaiven Koketterie des selbsternannten Simplicius, der in dem ganzen Betrieb wie überhaupt im Leben ahnungslos herumstolpert.Quelle: Madame Nielsen – Mein Leben unter den Großen
Ich fand, ich sollte etwas sagen, sie wenigstens grüßen, ihr danken für all das, was sie mir gezeigt hat, all das, was es gibt, dass es es gibt, und dass ich es sehen und festhalten soll auf die einzig menschenmögliche Art,nämlich: in der Sprache,Quelle: Madame Nielsen – Mein Leben unter den Großen
die etwas ganz anderes ist, eine andere Welt, genau wie diese, die auch in einem langen und grausamen Prozess entstanden ist, sich verzweigt, geteilt und wiederholt hat auf alle möglichen und nicht zuletzt völlig unmöglichen Arten, eine Welt, die nicht sterben darf, sondern am Leben gehalten werden muss, rücksichtslos, kompromisslos, jedes Mal anfangen aus demselben beinahe Nichts, dem ersten kleinen Wort, das heißt: das.Genaue Beobachtung der Einzelheiten, eine elastische Sprache, viel Wahres über die Tragikomik der Literaten, gepaart mit der ein wenig selbstgefälligen Position des tiefer blickenden Außenseiters – es bleibt ein zwiespältiger Eindruck von diesem Buch. Freude bereiten dürfte es vor allem den skandinavistisch informierten unter den Fans von Madame Nielsen.Quelle: Madame Nielsen – Mein Leben unter den Großen
Ich wünschte, mein Mann wäre tot. Noch mehr wünschte ich mir, er würde leben. Aber derzeit lebt er mit mir tot zusammen. Und dieses Zwischenreich als Existenz zu akzeptieren, ist schwerer als die Trauer um Tote.Quelle: Katrin Seyfert – Lückenleben
Er geht im dicken Mantel dieses Gemurmels, drunter nackt, und öffnet ihn, wenn er spricht.Volker Braun, vor 85 Jahren in Dresden geboren. Mit seinem Vater, der später im Krieg bleibt, hat er vom Waldschlösschen jenseits der Elbe aus oft auf die historische Silhouette geschaut. Über idyllische Wiesen hinüber zur Altstadt. Als er fünf Jahre alt ist, brennt Dresden.Quelle: Volker Braun – Fortwährender Versuch, mit Gewalten zu leben
Er blickte immer wieder bereitwillig auf, aber Dresden gab es nicht mehr, nur die Skelette der Türme, vom Mittagslicht legiert. Er hatte, am Aschermittwoch, den glutroten Himmel gesehn, der schwarze Ruß war aus der Tiefe heraufgeweht und die Ausgebombten mit rußschwarzen Gesichtern.Quelle: Volker Braun – Fortwährender Versuch, mit Gewalten zu leben
Das sind natürlich diese Felderhöhen über Dresden, die Felder, die Natur, und es ist die zerstörte Stadt. Und dieser Widerspruch von Grauen und Schönheit ist vielleicht die Grunderfahrung.Quelle: Volker Braun
Wie muss die Kunst beschaffen sein, fragte Adorno, um dem Kapitalismus gewachsen zu sein? – die Poesie, liest der Dichter Raimondi, »einer dynamischen Gegenwart … einer globalen Dimension«. Welche Form soll sie annehmen in dieser allgegenwärtigen Formation der technischen, merkantilen, militärischen Zusammenbindung der Welt, bei der Territorien verbraucht und Halbkontinente umgepflügt werden.Quelle: Volker Braun
Der Vater war gefallen, die Mutter zog uns Fünfe auf. Und ich wuchs also unter Brüdern auf. Und das ist auch etwas, was wohl das Naturell prägt. Und das Wort Brüder, was später dann so einen politischen und geradezu ideologischen Klang bekam, das ist für mich etwas ganz Natürliches. Das Mitdenken, Mitleben mit den anderen.Quelle: Volker Braun
Es hing in der Lower Circular Road, kündigte irgendein Theaterstück an mit dem Titel „Autobiographie“. Darunter stand: „Das Epos vom letzten Jahr des 20. Jahrhunderts“.Kulbhushan staunt. Denn der Schauspieler heißt wie er. Und so beginnt er, ein Hindu und Nachfahre einer eingewanderten Marwari-Handelsfamilie, sich zu erinnern: an seine ehemalige Heimat im heutigen Bangladesch, an seinen Freund Shyama – einen muslimischen Wäscher – und an den Fluss Gorai, der einst Teil seines Lebens und seiner Seele war. Denn all das hat Kulbhushan verloren. Er ist „Entwurzelt“, wie auch der neue Roman von Alka Saraogi heißt: Während seine Brüder unmittelbar vor der Teilung 1947 auswanderten und in Kalkutta Fuß fassen konnten, verließ er die geliebte Heimat erst 1964, aufgrund von sich mehrenden Unruhen gegen Hindus.Quelle: Alka Saraogi – Entwurzelt
Die drei älteren Brüder waren verheiratet und mit Familie und Geschäft in Kalkutta etabliert. Nur er war auf der Strecke geblieben. Weder gehörte er richtig zu Indien noch zu Pakistan. Niemand war sein Freund, niemand half ihm.Zwar hat er irgendwann geheiratet. Doch seine Frau ist keine Marwari. Seitdem meiden seine Brüder ihn noch mehr; sie fürchten, sich am Essen dieser Frau zu verunreinigen. Kulbhushans Vater wiederum überquert erst 1971 mit Millionen von Flüchtlingen die Grenze, als sich Bangladesch in einem Krieg gewaltsam von Pakistan lossagt. Es ist dieser Krieg, in dem auch Kulbhushans einziger Freund Shyama sterben wird. Wie Kulbhushan ist er ein Außenseiter in der eigenen Familie:Quelle: Alka Saraogi – Entwurzelt
Als er seiner Mutter mitteilte, er wolle heiraten, entgegnete sie: „Wer wird dir denn seine Tochter zur Frau geben? Ich habe dich von Jogi Baba bekommen. Da warst du schon beschnitten. Du bist weder ein richtiger Muslim noch ein richtiger Hindu. Alle hier wissen das.Wie Kulbhushan widersetzt auch Shyam sich dem wachsenden Hass: Er nimmt eine hinduistische Witwe zur Frau und akzeptiert ihr ungeborenes Kind als seins.Quelle: Alka Saraogi – Entwurzelt
Für mich transportiert der Paravent neben privaten Erinnerungen heute vor allem koloniale Geschichte und unsere familiäre Involviertheit. Der Blick darauf hat sich geändert, angestoßen durch ein gewachsenes postkoloniales Bewusstsein.Quelle: Nicola Kuhn – Der chinesische Paravent. Wie der Kolonialismus in deutsche Wohnzimmer kam
Mich interessierte, wie sie sich in den Kolonien zu Rassismus und Unrecht verhielten, welche Wendung dadurch ihr Leben nahm, was die Folgen ihres Handelns für die lokale Bevölkerung waren. Und ich wollte wissen, welche Position die Angehörigen heute zu dieser Vergangenheit beziehen, wie sie mit dem Erbe in Form eines mitgebrachten Hockers oder Silbergeschirrs umgehen, das einst möglicherweise gewaltsam entwendet wurde.Quelle: Nicola Kuhn – Der chinesische Paravent. Wie der Kolonialismus in deutsche Wohnzimmer kam
Ich habe versucht, in meinem Buch drei zentrale Konfliktfelder zu entfalten. Das ist einmal die Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Stichwort: die Türken – keine korrekte Bezeichnung für das Osmanische Reich, aber es ist auch immer von den „Türken“ und den „Türkenkriegen“ gesprochen worden in der Zeit. Das Zweite ist die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt, also die Errichtung einer ziemlich grausamen Herrschaft über bis dahin völlig unbekannte Gebiete. Und das dritte ist die Reformation. Und ich glaube, man kann das charakterisieren mit den drei Worten: die „Türken“, die „Heiligen“ und die „Wilden“. Und dann hat man dieses Jahrhundert, glaube ich, angemessen charakterisiert, wobei man immer bedenken muss, dass man kein Jahrhundert quasi vollständig aus erzählen kann.Quelle: Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Die Eroberung des südamerikanischen Kontinents hat erhebliche Diskussionen ausgelöst. Zum einen gibt es sowohl auf kirchlicher als auch auf weltlicher Seite eine ganze Reihe von Leuten, Theologen oder Juristen, die das vehement als gerechtfertigt vertreten. Es gibt aber auch überaus scharfe Kritik daran. Bartolomé de Las Casas ist der berühmteste Name in diesem Kontext – ein Dominikaner, der ursprünglich selbst mal einer von diesen Eroberern gewesen ist, sich dann aber bekehrt hat und danach tatsächlich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht hat, die sogenannten Indios, zu schützen. Und das ist schon spannend, diese Diskussion, die es da gibt.Quelle: Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Das ist ein Eindruck, der sich aufdrängt, dass die Kommunikation im 16. Jahrhundert eine Dynamik entfaltet und auch eine hasserfüllte Aggressivität, wie wir sie heute auch wieder sehen, ohne dass ich denken würde, man muss das zu direkt vergleichen. Eher kann man sagen, es zeigt sich, dass der Konfliktaustrag in dem Moment ein anderer wird, in dem eine dynamische mediale Situation besteht. Und das ist im 16. Jahrhundert eben der Fall, dadurch, dass die Flugschrift sich entwickelt, dass es die sogenannten neuen Zeitungen gibt, und dass jetzt alle Konflikte sehr schnell in viel breitere Schichten getragen werden. Und interessanterweise geht das mit einer Sprache einher, die sehr stark auf Verunglimpfung, Schmähung, Herabsetzung setzt.Mit ihrem Epochenpanorama, flüssig und wohltuend unakademisch geschrieben, gelingt Marina Münkler das eindrucksvolle Porträt eines Jahrhunderts, das in vielem auch unsere Gegenwart noch prägt.Quelle: Marina Münkler – Anbruch der Neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert
Fast alles, was sie nach Hause brachte, bereitete sie mit einer Leichtigkeit und einer Geschicklichkeit zu, die Cathal für Liebe hielt.Es ist glänzend, wie Claire Keegan es gelingt, ihren Protagonisten auf subtile Art und Weise zu entblättern, zu seinem kleingeistigen und misogynen Kern vorzudringen, ohne ihn explizit anzuklagen oder zu denunzieren. Es sind wie immer bei Claire Keegan die sprechenden Details, die ihre Figuren indirekt charakterisieren; unbewusste Gesten, unkontrollierte Reaktionen. Sabine will, das ist die Schlüsselszene der Erzählung, im Supermarkt Kirschen für einen Kuchen kaufen; Cathal erklärt sich bereit, sie zu bezahlen. Mehr als sechs Euro kosten sie. Dieser vermeintlich unverschämte Preis wird noch Wochen später Thema sein zwischen den beiden. Der Heiratsantrag, den Cathal Sabine am selben Abend macht, wenn man ihn überhaupt so nennen kann, fällt dementsprechend aus:Quelle: Claire Keegan – Reichlich spät
Willst du nicht mal darüber nachdenken?‘
‚Worüber genau?‘
‚Darüber, ein gemeinsames Leben aufzubauen, ein Zuhause zu schaffen, hier mit mir. Es gibt keinen Grund, weshalb du nicht hier wohnen solltest, statt woanders Miete zu zahlen. Dir gefällt es hier – und du weißt, dass keiner von uns beiden jünger wird.‘Quelle: Claire Keegan – Reichlich spät
Falls ein Teil von ihm sich fragen wollte, wie er sich wohl entwickelt hätte, wäre sein Vater ein anderer Typ Mann gewesen und hätte nicht gelacht, so unterdrückte Cathal den Gedanken. Er sagte sich, dass der Vorfall nichts zu bedeuten habe.Quelle: Claire Keegan – Reichlich spät
Die Menschen in den einfachen Vierteln, Natifs und Bourgeois, wollen nicht länger den Bankiers, den schmarotzenden Rentiers, den großen Patrizierfamilien unterworfen sein. König Ludwig XVI., der eine Demokratie vor den Toren seines Reiches fürchtet, nennt die Genfer «die Wütenden».Quelle: Daniel de Roulet – Die rote Mütze
Nur wenige im Regiment von Châteauvieux wollten Soldat werden. Manche von ihnen hatten Schulden, eine Familie zu ernähren, oder es war auf ihrem Hof das Heu gegoren, Feuer ausgebrochen und am Morgen trotz des Schnees alles verkohlt und qualmend. Der Rekrutierer hatte sie gedrängt, sein Formular zu unterschreiben. Er nennt es treffend Kapitulation.„Für die Leute, die arm waren und keine Möglichkeit hatten, war der Söldnerdienst der Schweizer eine sehr wichtige Sache. Da waren mehr als 2 Millionen Schweizer als Söldner in ganz Europa gegangen und die waren berüchtigt und und teuer verkauft - also richtig als Söldner. Und du hast überhaupt keine Möglichkeit. Was? Wofür kämpfst du eigentlich? Und das ist eine richtige Geschichte.“Quelle: Daniel de Roulet – Die rote Mütze
Der Gefreite André Soret wird in aller Öffentlichkeit lebendig gerädert werden. Statt vor seinen Richtern zusammenzubrechen, lässt André seine Ketten rasseln und zitiert schlagfertig einen Satz von Rousseau: „Die Reichen sind wie ausgehungerte Wölfe, die, sobald sie Menschenfleisch nur einmal gekostet haben, alle andere Nahrung verwerfen und nichts als Menschen verschlingen wollen.“Jahrelang recherchierte Daniel de Roulet in Archiven über die armen Söldner im Besitz seines Vorfahren – und machte sie zu heldenhaften Romanfiguren. Wobei das Wort „Roman“ auf dem Buchtitel in die Irre führt: „Die rote Mütze“ ist vielmehr ein langes Prosagedicht, eine Ballade in Versen. Kurz, knapp, rhythmisch, mitreißend. „Irgendwie eine Art von Lyrik. Ich nenne das auf Französisch prose coupée – geschnittene Prosa.“Quelle: Daniel de Roulet – Die rote Mütze
Die Mächtigen erdrücken einen mit ihrem Erfolg. Ihren Sklaven, den weniger vom Glück Begünstigten, erteilt nur die Literatur das Wort.Quelle: Daniel de Roulet – Die rote Mütze
Marigold hatte sich in ihr Buch vertieft; sie war schon beim V. Rose machte sich nichts aus Büchern von der Sorte, wie Marigold sie gerade las und in denen Tiere vorkamen statt Menschen. Rose war gesellig. Sie mochte Aktivitäten, bei denen andere eine Rolle spielten, baden beispielsweise.Quelle: Louise Glück – Marigold und Rose
Keiner der Zwillinge konnte lesen, sie waren noch Babys. Aber wir haben, dachte Rose, ein Innenleben.Ein reiches, muß man sagen. Denn da wir nicht wissen, was in ihnen vorgeht, erlaubt sich die Dichterin die Freiheit, den Babygedanken keine Grenzen zu setzen. Es wird mehr reflektiert als erzählt. Darauf muss man sich als Leserin, als Leser einlassen.Quelle: Louise Glück – Marigold und Rose
Manchmal überlegte sie sich, das Sprechen einfach zu überspringen und aufs Schreiben zu warten.Das klingt wie das Paradies der Schriftstellerin Louise Glück, die auf die nicht nur für sie überraschende Nachricht vom Literaturnobelpreis 2020 mit Panik reagiert hat, weil sie, wenn nur möglich, Öffentlichkeit meidet. Oder zugespitzt: Schreiben ist für sie - und Marigold - Freiheit, Sprechen das Gegenteil: ein Gefängnis.Quelle: Louise Glück – Marigold und Rose
Bevor ihm die Dinge entglitten waren, hatte mein Vater jahrelang im Büro der Wasserbehörde in Gulioni gearbeitet. Jobs in der öffentlichen Verwaltung waren sicher und hoch angesehen. Ich war damals noch jung und kenne diesen Abschnitt seines Lebens nur aus Erzählungen. In meinen späteren Erinnerungen arbeitet er an einem Marktstand oder sitzt untätig in seinem Zimmer herum. Sehr lange hatte ich keine Ahnung, was schief gelaufen war, und nach einer Weile fragte ich nicht mehr nach. Es gab so vieles, was ich nicht wusste.Quelle: Abdulrazak Gurnah – Das versteinerte Herz
Die neuen Machthaber taten sich dabei besonders hervor, stellten den Frauen, die sie begehrten, ungeniert nach und mussten kaum befürchten, irgendwen damit zu verletzen. Oder vielleicht gingen sie absichtlich indiskret vor, gerade um andere zu verletzen, so wie ein Mann den geschlagenen Rivalen demütigt, indem er dessen Mutter, Schwester oder Frau respektlos behandelt. Sie prahlten mit ihren Eroberungen und der angerichteten Verwüstung, belegten einander mit Namen aus dem Tierreich und lachten sich über die eigenen Frivolitäten kaputt.Quelle: Abdulrazak Gurnah – Das versteinerte Herz
Einige der Texte, die ich fürs Studium lesen musste, befremdeten mich durch ihre zur Schau gestellte Kunstfertigkeit, ihre gnadenlose Besserwisserei und ihre, wie mir damals schien, absolute Sinnlosigkeit. Andere konnte ich beim besten Willen nicht verstehen, und dann schwankte ich zwischen Bewunderung und Verachtung für diese Leute, die ihr Leben lang an Artefakten von überbordender Hässlichkeit gefeilt hatten. Als ich später selbst zu schreiben anfing, stellte ich fest, dass ich anscheinend doch etwas gelernt hatte, dass der Weg sich mir langsam offenbarte.Quelle: Abdulrazak Gurnah – Das versteinerte Herz
… eine dunkle, gleißende Welle [brach] aus dem Hang heraus, ergoss sich bergab und riss die restliche Halde mit sich.Der gewaltige Strom stürzte ins Tal, das Dorf wurde buchstäblich verschüttet – und mit ihm 144 Menschen. Dieses Unglück weckte das Interesse des 42-jährigen Psychiaters John Barker, der ein leitender Facharzt am Shelton Hospital und ein aufstrebender Wissenschaftler war. Allerdings fuhr er nicht nach Aberfan, um den Hinterbliebenen psychologischen Beistand zu leisten, sondern vielmehr weil er von einem außergewöhnlichen Phänomen Kenntnis genommen hatte: Mehrere Einwohner hätten Tage vor der Katastrophe Vorahnungen geäußert. Barker war fasziniert von außergewöhnlichen Geisteszuständen, arbeitete gerade an einem Buch über Menschen, die aus Furcht sterben, und hier erhoffte er sich, neues Material für seine Untersuchungen des Unheimlichen und Unerklärlichen zu finden. Er, der angesehene Schulmediziner, war sogar Mitglied der British Society for Psychical Research, einer Organisation zur Erforschung paranormaler Phänomene.Quelle: Sam Knight – Das Büro für Vorahnungen
Barker glaubte, dass die Psychiatrie um eine ‚neue Dimension‘ erweitert werden könnte, die nur darauf wartete, in die derzeitige etablierte Wissenschaft integriert zu werden, sofern Ärzte sich nur davon überzeugen lassen wollten, (psychische) Störungen oder Zustände zu erforschen, die gemeinhin als randständig oder übernatürlich galten.Der Journalist Sam Knight, der vornehmlich für den New Yorker arbeitet, hat nun ein verstörendes, beunruhigendes, spannendes Buch über diesen wissenschaftlichen Outsider, über „Vorauswissen“ und paranormale Erscheinungen geschrieben – und über das „Büro für Vorahnungen“, das Barker zusammen mit dem Redakteur Peter Fairley vom London Evening Standard ins Leben rief.Quelle: Sam Knight – Das Büro für Vorahnungen
Ein Jahr lang sollten die Leser der Zeitung die Möglichkeit haben, ihre Träume und Vorahnungen einzureichen, die im Büro für Vorahnungen gesammelt und mit tatsächlichen Ereignissen rund um die Welt abgeglichen würden.Quelle: Sam Knight – Das Büro für Vorahnungen
Am 1. November fühlte sich die Musiklehrerin akut depressiv. Sie saß in ihrer Küche in Edmonton. ‚Langsam tauchte ein Streifen vor mir auf, dann ein Lichtblitz, dann eine Art grauer Nebel. Ich versuchte herauszufinden, wo genau das war‘, sagte sie später. ‚Das Wort ›Zug‹ drang immer wieder durch. Zug … Zug.‘ Miss Middleton schrieb ihre Vision nieder und sandte sie an das Büro: ‚Ich sehe einen Unfall … auf einer Bahnstrecke vielleicht … auch ein Bahnhof könnte betroffen sein … wartende Menschen am Bahnsteig … die Worte Charing Cross … ich hörte es buchstäblich KRACHEN.‘Quelle: Sam Knight – Das Büro für Vorahnungen
Meine Mutter hat recht, ich habe einen schlechten Charakter. Das ist angeboren, unabänderlich. Zum Glück kann ich noch schöne Dinge machen. Es könnte schlimmer sein.Ja, es könnte schlimmer sein: Da ist zwar der Mutterkomplex, da ist die verkorkste Liebesgeschichte mit ihrem viel älteren Professor, eine Fehlgeburt in jungen Jahren, heimlich geschriebene Werbejingles als Brotjob, die Ehe mit einem wirklichkeitstüchtigen Finanzjuristen und der plötzlich aufkeimende Kinderwunsch, der sich nicht bändigen lässt. Da ist aber auch die ernste Musik, die ungeheure Klangwelt in ihrem Innern, in der sie sich verlieren kann und zu sich selbst kommt. Neurotisch-kompliziertes Leben und weltentbundene Klangkunst – zwischen diesen beiden Sphären herrscht eine unangenehme Spannung.Quelle: Anna Enquist – Die Seilspringerin
Ach ja, sie sitzen in einem Restaurant, da muss bestellt und gegessen werden. Jetzt mit dem Kopf dabeibleiben, denkt sie, gib jetzt nur nicht dieser Mutlosigkeit nach, später darf ich wieder an den Schreibtisch, ans Klavier, etwas machen, etwas, wohinter ich stehe und worüber ich mich freuen kann, etwas, das wirklich meins ist. Denk an Haydn, der konnte seinen Erfolg aufrichtig genießen und sich als wertvoller Komponist fühlen. […] Er ist ihr Vorbild.Die Wucht der Biologie gegen die Unbedingtheit der Kunst – das ist ein bisschen apodiktisch, antiquiert, reduktionistisch. Aber zum Glück gibt es bei Enquist genug Störmomente und Irritationen, die Eindeutigkeiten bis zum Finale im Amsterdamer Konzerthaus unterlaufen. Ein ambivalentes Urteil also: ein etwas einfach gestrickter Roman mit einer komplex tickenden Figur.Quelle: Anna Enquist – Die Seilspringerin
Die meisten Beurteilungen erinnerten an Berichte, wie sie in dunkelsten Feudalzeiten die Kreishauptmänner Seiner Kaiserlichen Hoheit erstattet hatten und überschlugen sich in Empfehlungen, wie mit mir zu verfahren sei. Die netteren gaben irgendeinem Vorgesetzten den Tipp, mich zur Umerziehung in die Schwerindustrie zu schicken.Die 1933 geborene Zdena Salivarová hat in ihren ersten Roman durchaus einige autobiographische Details einfließen lassen. Wie Jana war auch sie selbst einst Sängerin und Tänzerin im staatlichen tschechoslowakischen Folkloreensemble, auch ihr Vater floh in die USA und ihr Bruder verbüßte ebenfalls eine zehnjährige Haftstrafe mit Zwangsarbeit in den Uranminen von Jáchymov. Dennoch ist ›Ein Sommer in Prag‹ kein autofiktionaler Text, der sich am eigenen Erleben entlanghangelt, denn die Geschehnisse sind kunstvoll verwoben, mit einem guten Gespür für Dramatik arrangiert und zugespitzt und haben ja auch eine profunde politische und zeitdokumentarische Bedeutung.Quelle: Zdena Salivarová – Ein Sommer in Prag
Das Wasser fing an zu kochen, und ich bereitete drei Tassen Tee zu. Das wär natürlich ´n Desaster. Noch ein Baby. In dieser engen Bude. Und den Landser als Dreingabe. Wo waren verflixt noch mal die Untertassen, ich konnte nirgends welche finden. Egal, so konnte er gleich mal sehen, dass Andula keine gute Partie war. Ich stellte die Tassen auf ein angeschlagenes Tablett und trug es rüber in die Stube.Beklemmend ist im Verlauf der Lektüre vor allem die Allgegenwart der Spitzelei. Nicht nur, weil Herr Sedláček Jana so bedrängt, sondern weil Jana sich bei ihrem Gegenüber nie sicher sein kann, ob es sie aus ehrlichen Motiven kennenlernen oder nur etwas über ihre Gesinnung in Erfahrung bringen will. Derart Beklemmendes so zu schreiben, dass es sich leicht liest und trotzdem nichts von seiner existentiellen Dringlichkeit einbüßt, das ist große Kunst. Dass dies im Deutschen ebenso gut aufgeht wie im Original, ist nicht zuletzt der hervorragenden Übersetzung zu verdanken.Quelle: Zdena Salivarová – Ein Sommer in Prag
Die Türkei, deren Gebiet sich zu drei Prozent auf der europäischen Balkanhalbinsel befindet, bildet den Übergang zum Nahen Osten. Studiert man die Karte, dann sieht man, dass die Ägäis mit Inseln gespickt ist. Eine der größten ist wie ein Dreieck geformt und liegt unmittelbar vor der Küste zur Türkei bei der schmalen Meerenge von Mytilini. Knapp zehn Kilometer trennen die Nordspitze der Insel und das türkische Festland. Dennoch ist Lesbos eine der 2000 Inseln, die zu Griechenland gehören. Das ist Europa.Quelle: Guro Kulset Merakeras / Katrin Glatz Brubakk – Inside Moria
Wir töten Kinder. Wir führen Pushbacks durch. Das sind wir, Griechenland und die EU. Nicht die Türken, sondern wir“, sagt Vicky mit Tränen in den Augen. Ihre griechischen Freunde auf dem Festland weigern sich zu glauben, was sie erzählt, sie aber ist hier auf der Insel und weiß, was sie sieht. Weiß, was geschieht.Quelle: Guro Kulset Merakeras / Katrin Glatz Brubakk – Inside Moria
15 Jahre in einem griechischen Gefängnis ist nicht gerade das, wovon ich geträumt habe, sagte Knut am Tag, nachdem er aus der U-Haft gekommen war, trocken zu mir. Würde er ein solches Urteil bekommen, würde er vor seiner Freilassung 90 Jahre alt werden. Er war besorgt. Er hatte viele Beispiele willkürlicher Behandlung seitens griechischer Behörden gesehen und spürte plötzlich die Furcht, dass dies auch ihn treffen könnte.Quelle: Guro Kulset Merakeras / Katrin Glatz Brubakk – Inside Moria
Sich auf nichts weniger als das Universum zu beziehen gibt Halt und Beistand. Erst recht, da dieses Universum noch kaum erforscht ist, fast zur Gänze unbekannt. Obendrein unendlich. Kann es im Unendlichen ein Zu-spät geben? Gelegentlich wird die Menschheit von Entdeckungen ihrer Teleskope überrascht. (…) Der Mensch merkt auf. Er spürt, es bleibt etwas ungesagt: Wir leben im Ungewissen.Quelle: Angela Krauß – Das Weltgebäude muß errichtet werden. Man will ja irgendwo wohnen.
Die Welt ist unbenannt, wenn der Mensch in sie gleitet, ein Alles und ein Nichts, ein jäh aufklingender Raum der Erwartung, und alle Räume dieses Weltgebäudes sind vorerst verschlossene Orte des Wissens, das vergessen wurde.Die Kapitelüberschriften bilden aneinandergereiht den Gang durch das Gebäude nach. Auf die „Hallen der Erwartung“ und „Tore der Verwandlung“ folgen „Küchen und Keller“ und „Kinderzimmer“. Letztere sind, wie auch andere Räume im Haus, von Erinnerungen bewohnt, so dass das Haus auch ein Gehäuse für biographische Bruchstücke ist. Die Orts- und Selbstbetrachtung endet schließlich in der Sternwarte unterm Dach. Da darf sich das erzählende, erlebende Ich schon einmal auf die Ewigkeit einstellen und an andere Dimensionen des Daseins gewöhnen. Um nicht weniger geht es der 73-jährigen Angela Krauß in ihrem kleinen, groß angelegten Versuch der Daseinsverwandlung.Quelle: Angela Krauß – Das Weltgebäude muß errichtet werden. Man will ja irgendwo wohnen.
Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will.
Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen.Quelle: Immanuel Kant
Sapere aude! (Habe Mut, dich deines eigenen Verstands zu bedienen!) ist also der Wahlspruch der Aufklärung.Quelle: Immanuel Kant
Allein zu essen ist für einen philosophierenden Gelehrten ungesund. Der genießende Mensch, der im Denken während der einsamen Mahlzeit an sich selbst zehrt, verliert allmählich die Munterkeit.So diszipliniert Kants tägliches Leben war, so deutlich stand ihm sein berufliches Ziel schon früh vor Augen. Er arbeitete als Hauslehrer, Unterbibliothekar und Privatdozent, lehnte alle Angebote von anderen Universitäten ab, bis er erreichte, was er sich vorgenommen hatte. Im Jahr 1770 wurde er auf den Lehrstuhl für Logik und Metaphysik in Königsberg berufen. Ab dieser Zeit schrieb er an seinen Hauptwerken, die sich um nichts Geringeres als um den Entwurf eines modernen Menschen bemühten, der sich vor allem auf sich selbst verlassen muss. Denn die einzigen Quellen für das Wahre und das Gute in der Welt konnten für Kant nur der Verstand und der Wille der Menschen sein:Quelle: Immanuel Kant
Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.Quelle: Immanuel Kant
Bei jedem anderen Paar wäre „Der Bräutigam hat die Braut wahrscheinlich vor ein paar Jahren mit der Brautjungfer betrogen“ schon die Megakatastrophe. Aber für dieses glückliche Paar an diesem glücklichen Tag lief das total unter business as usual.Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Celine hat echte Klavierfinger. Mit abgekauten Nägeln. Wenn sie spielt und ein Klicken hört, wird das Problem auf der Stelle gelöst. Die Haut an ihren Händen ist schwielig, dabei cremt sie sie abends ein. Jeden Abend. Versucht mal, jemandem zu glauben, der im Taxi zu euch sagt: „Ich will dich jetzt sofort“ und zu Hause geht sie immer, ohne Ausnahme, zuerst ins Bad und cremt sich die Hände ein. Und nicht, um mir einen runterzuholen, das müsst ihr mir bitte glauben.Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Sie hatte ihm schon viele Vertrauensvorschüsse gegeben, hatte ihre gesamte Beziehung mit dem Vorschießen von Vertrauen verbracht, war eine alte, erfahrene Vertrauensvorschießerin. Wenn sie ihm nicht mehr vertraute, wurde sie ins Straucheln geraten. Es wäre das Aus für die Wohnung in der Nr. 23, die Katze und das gesamte Leben, das Celine kannte. Das wollte sie nicht. Und deswegen würde sie ihm vertrauen.Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Das Lukespezifische ist, dass du deine Partner beschissen behandelst, nur um rauszufinden, ob sie dich hinterher immer noch lieben.Ob Celine Luke immer noch liebt, das ergründet Naoise Dolan in „Das glückliche Paar“ auf ermüdende Weise: Anstatt ihre Figuren interagieren oder wenigstens ins Gespräch kommen zu lassen, ergehen sich die Protagonisten in Selbst-Analyse und Nabelschau. Und obwohl dieser Text Nähe zu seinen Figuren suggeriert, bleiben diese lediglich Archetypen. Holzschnittartige Beispiele von Millennials: Die Künstlerin, der Workaholic, der bindungsscheue Typ, die Schwarze beste Freundin. Es gibt keinen Raum für eine überraschende, moderne Liebesgeschichte. Stattdessen serviert Dolan eine Textmischung bestehend aus Rückblicken und Grübeleien garniert mit SMS-Chatverläufen in Kapiteln, die manchmal nur aus drei Wörtern bestehen.Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Natürlich kam Maria.Dazwischen streut Dolan banale und sehr kitschige Beobachtungen ein - zum Beispiel über einen zerbrochenen Schwan aus Glaskristall:Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Die Brauttasche lag immer noch auf Celines Schoß. Sie hatte beide Schwanenhälften in einen Socken gesteckt, um ihre Hände zu schützen, und Satinhandschuhe angezogen, man wusste ja nie. Das Glas konnte ihr nicht wehtun. Aber Luke konnte es.Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.Quelle: Lea Ypi – Die Architektonik der Vernunft
Vor allem ein Ort des geistigen Austauschs, der produktiven Erinnerung sollte die Buchhandlung sein, im geistigen Raum Tübingens der Horizont, der über seine beschränkenden Grenzen hinausginge. Denn die gab es genug.Vor wenigen Monaten hat die Buchhandlung Gastl Konkurs angemeldet und musste endgültig schließen. Damit ging ein Stück Tübinger Geschichte zu Ende. Gert Uedings Buch ist also auch ein Nachruf auf diesen verschwundenen Ort, ein Rückblick auf die heroische Epoche der Intellektuellen, als Philosophen noch über die Universität hinaus und in die Gesellschaft hinein wirkten und die Tübinger ihre Professoren auf der Straße grüßten.Quelle: Gert Ueding – Bloch, Jens und Mayer
… an Kunst und Literatur [vergehen], (…) sie wollen (Literatur)Geschichte umschreiben, indem sie sie moralisch bereinigen, mögen die Gründe für ihr Vorgehen auch mit der Zeit wechseln.Zurückgreifend auf klassische Texte von Homer bis Ovid, die sie mit modernen Klassikern etwa Louis Ferdinand Célines, Joseph Brodskys oder auch Astrid Lindgrens verknüpft, möchte sie mit ihrem Buch auf fortdauernde Versuche der Umarbeitung, Verkürzung oder Veränderung aufmerksam machen.Quelle: Melanie Möller – Der entmündigte Leser
Das Gute ist ja, dass auch Leser im Leben anständig, menschlich, bleiben können, selbst die, die Freude am Bösen, ›Verletzenden‹ in der Kunst haben. Das geht, sehr einfach sogar.Was Melanie Möller aber doch vorgeworfen werden darf: An vielen Stellen hat man das Gefühl, dass sie einen Popanz errichtet – so, als würde es ein hegemonial gewordenes Bündnis von moralinsauren Besserwissern geben, das inzwischen dabei ist, ganze weltliterarische Bibliotheken umzuschreiben oder unwiderstehlichen Druck auf Verlage und Wissenschaftlerinnen auszuüben. Beispiele für solchen Übereifer gibt es, gewiss. Es werden auch einzelne Protagonisten aus dem akademischen Betrieb zitiert, die vielleicht über das Ziel hinausschießen, aber so ist das nun mal in einem heterogenen kulturellen Feld.Quelle: Melanie Möller – Der entmündigte Leser
Salem war für mich wie ein leeres Blatt, das ich beschreiben musste, eine weiße Leinwand, auf die ich meine eigene Zukunft zeichnen konnte, wenn auch nicht nach Belieben, da ich eine Reihe von Vorgaben befolgen musste. Die Sünde lauere allenthalten, sagten sie. Und doch hatten uns die Gründerväter einen dünnen Faden gegeben, an dem wir ziehen konnten. (…) Uns Frauen überließen sie den häuslichen Bereich und die Aufgabe, einander Moral und Glauben zu predigen. Und entsprach das nicht unserer Vorstellung vom Paradies?Romanautorin Lucía Lijtmaer fiktionalisiert Deborahs Geschichte. Sie erzählt von ihrer unglücklichen Ehe – damals, in der Alten Welt – und davon, wie in der Männer-dominierten englischen Kolonie so etwas wie Sisterhood entsteht: Frauen, die sich im Verborgenen treffen und solidarische Netze spannen, sich unterstützen, sich Mut und Trost zusprechen. Am Ende flieht Deborah dann noch einmal: Vor religiöser Intoleranz und der Unterdrückung des Patriarchats.Quelle: Lucía Lijtmaer – Die Häutungen
»Sie sehen aus wie eine Prostituierte.«Stolz ist die Schwester auf die Empörung, die ihr Äußeres auslöst. Aus diesem Text macht Almodóvar 2004 den Film „Schlechte Erziehung“.
»Guter Riecher …«Quelle: Pedro Almodóvar
Die Sammlung zeigt die enge Verbindung zwischen dem, was ich schreibe, was ich filme und was ich lebe.Es sind mal mehr, mal weniger offensichtliche Wiedersehen mit Figuren, Konflikten und Fragen aus Almodóvars Schaffen. So erfindet er zum Beispiel in einer dieser Erzählungen 1979 die Porno-Darstellerin Patty Diphusa, die er später zur Heldin einer Kolumne macht – und die er eine zeitlang als sein Alter Ego empfindet. Er schreibt über toxische Beziehungen am Filmset, über einen lichtscheuen Grafen aus Transsilvanien und er wagt das Experiment, das Leben seiner Figur Miguel rückwärts zu erzählen.Quelle: Pedro Almodóvar
Wenige Tage später steht seine Mutter aus dem Bett auf, ihr Bauch ist aufgebläht, weil Miguel sich darin befindet. Während der nächsten neun Monate wird Miguel nach und nach in ihr erlöschen.Quelle: Pedro Almodóvar
Chavela Vargas hat aus Verlassenheit und Trostlosigkeit eine Kathedrale errichtet, in der wir alle Raum fanden und die man versöhnt mit den eigenen Fehlern verließ, bereit, sie weiter zu begehen, alles noch einmal zu versuchen.Quelle: Pedro Almodóvar
Für einen Erzähler ist es eine zentrale Lektion. Mit der Zeit habe ich sie begriffen.Ein fein-komponiertes Buch, das Selbstporträt und Sammlung von Erzählungen gleichzeitig ist. Und ein bisschen auch: Lebensfazit des Geschichtensuchers Pedro Almodóvar.Quelle: Pedro Almodóvar
Dieser seltsame Oktopus ist wie ein neues Unterwasserboot, eine zweite Nautilus… Ein Nautipus, genau!Als ob ein riesiger Oktopus die Nautilus, das legendäre Boot des Kapitän Nemo halb verschluckt hätte, so sieht es aus. Aber statt des ewigen Kampfes der Technik gegen die Natur, haben sich Technikmonster und Meeresungeheuer hier miteinander verbunden, sind eins geworden, eine lebende, denkende Maschine.Quelle: François Schuiten und Benoît Peeters – Die Heimkehr des Kapitän Nemo
Wo sind wir jetzt? Wir haben den Ozean schon vor Tagen verlassen. Der Nautipus kommt lange Zeit ohne Wasser aus, und er bahnt sich seinen Weg durch vielfältige, sogar feindliche Umwelten. Der Nautipus scheint genau zu wissen, wohin er will.Ganzseitig illustriert mit feinem Strich, der die atmosphärischen Radierungen aus den alten Jules Verne-Bänden zum Vorbild hat, findet die Reise des Nautipus jeweils rechts auf jeder Doppelseite statt. Und links sehen wir den, der diese Reise erlebt und erzählt, eingeschlossen in den Nautipus.Quelle: François Schuiten und Benoît Peeters – Die Heimkehr des Kapitän Nemo
Kapitän, ich war Kapitän… ich bin Kapitän Nemo… Die Nautilus… versunken… Der Vulkan… Die Lincoln-Insel… zerstört… vernichtet… Wie durch ein Wunder bin ich dem Tod entronnen.Quelle: François Schuiten und Benoît Peeters – Die Heimkehr des Kapitän Nemo
Mein Vaterland war unterjocht, mein Volk versklavt. Mein Leben auf der Erde hatte keinen Sinn mehr. Ich entschied mich für die Tiefen des Meeres, wohin mir niemand folgen konnte. Damals wurde ich zu Nemo… Kapitän Nemo… Mein zweites Leben begann.Während Kapitän Nemo in den Parallelwelten seiner Erinnerungen versinkt, uns seine Abenteuer nacherzählt, nähert sich der Nautipus beharrlich seinem Ziel. "Ich spürte, auch ich war am richtigen Ort angekommen. Der Nautipus hielt auf eine riesige Halle zu, als wäre seine Reise zu Ende. Als hätte er seinen Platz gefunden. Nur mit allergrößter Mühe konnte ich den Nautipus verlassen. Aber ich verspürte die Dringlichkeit. Sobald ich an Land war, erstarrte der Nautipus, als wäre er versteinert." Der Nautipus wird zur Statue und Kapitän Nemo ist angekommen, in Amiens, dem Wohnort von Jules Verne nördlich von Paris. In seiner Tasche findet er den Schlüssel zum Haus des Schriftstellers und die Heimkehr vollendet sich.Quelle: François Schuiten und Benoît Peeters – Die Heimkehr des Kapitän Nemo
Nichts schien verändert. Ich wusste, weshalb ich zurückgekommen war. Die Möbel, die Gemälde, alles war mir vertraut. Kein Zweifel, hier war ich zu Haus.Vor dem Porträt von Jules Verne verharrt Nemo. Er hat ganz die Gestalt des Schriftstellers angenommen, setzt sich an den Schreibtisch und bringt dann die ersten Sätze des Romans aufs Papier, der Jules Verne berühmt gemacht hat: „20.000 Meilen unter dem Meer“.Quelle: François Schuiten und Benoît Peeters – Die Heimkehr des Kapitän Nemo
Gewiss, manche Menschen laufen bei seinem Anblick davon. Andere wiederum heißen ihn wie ein legendäres Wesen willkommen. Der Nautipus kann zwar bedrohlich wirken, aber ich habe nie erlebt, dass er jemanden angreift, der sich friedlich nähert.Quelle: François Schuiten und Benoît Peeters – Die Heimkehr des Kapitän Nemo
Was waren alle neidisch auf mich, die bella negritaHier spricht: Zuleika. Eine junge Frau, oder besser: ein Mädchen, das mit 11 Jahren verheiratet wird – ein echter Glücksfall, der Mann ist Römer, und will sie trotzdem, diese schöne Schwarze ohne Geld, eigentlich ja noch ein wildes Kind, das bisher unbehelligt, mit nichts als einer Freundin durch die Straßen zog, jetzt aber das Haus nur noch auf einer Sänfte verlassen darf. Ein Glücksfall also – immerhin für die Eltern, für das Mädchen, das sich nach der ersten gemeinsamen Nacht wie tot fühlt, nicht ganz:
aus einem Hinterzimmer an der Gracechurch Street,
die sich ’nen Patrizier aus Rom geangelt hat,
obwohl ihre Eltern übers Meer aus Khartum kamen,
ganz ohne glänzenden Thron und goldenes Heck,
stattdessen proppenvoll mit kotzenden Blagen
und Kühen, die ihnen dampfende Fladen
auf die nackten Füße kackten. So parfümiert
zogen sie nach Londinium ein, auf einem Esel,
mit schmalem Geldbeutel und fetten Träumen.Quelle: Bernadine Evaristo – Zuleika
Rund um das Hochzeitsbett flackerten Flammen.
Er drapierte mich, schälte die Schichten von mir ab
wie feuchte Rosenblätter, lutschte an meinen Zehen,
nannte mich mea delicia, spreizte mir die Beine
und hielt mir eine Kerze an die Vulva, bis die Flammen
drohten, als Schrei aus meinem Mund zu lodern,
aber da lag ja seine Hand. ((Ich sackte weg.
Pluto griff in dieser Nacht nach mir,
und jedes Mal, wenn ich erwachte, war es wieder
meine erste Nacht im Reich des Todes.))Quelle: Bernadine Evaristo – Zuleika
Ich kam dann zu Clarissa, einer arrogantenDiese Sprache ist nie fauler Kompromiss, nie scheinbar zeitlos oder bloß gemäßigt antiquiert. Es wirkt, als wären Tonspuren aus verschiedenen Jahrhunderten, verschiedenen Stadtvierteln übereinandergelegt – und mal wird die eine Spur hochgezogen, dann die andere. Das 2. Jahrhundert ist es: nie ganz. Nie ganz: Hier und Jetzt. Jeder Satz operiert im unheimlichen Grenzgebiet des Dazwischen – und das nicht bloß sprachlich. Evaristo arbeitet in diesem Versroman an den Grenzen von Räumen, Zeiten, Genres. Rom ist zu dieser Zeit Aggressor, wie es Großbritannien in der jüngeren Geschichte war – die imperiale Gewalt des römischen Reiches stößt einen direkt auf die koloniale Gewalt Großbritanniens, von der Antike zu lesen, ohne an die Moderne zu denken: ausgeschlossen.
Römer-Bitch, die mir Benimmstunden erteilte, ich lernte reden, essen, furzen,
mein amo amas amat runterbeten und mein Plebejer-Kreolisch in die Tonne treten.
Zuleika accepta est.
Zuleika delicata est.
Zuleika Scheiß-Musterkind vom Dienst est.Quelle: Bernadine Evaristo – Zuleika
Er hat mir die Ilias von Homer zu lesen aufgedrängt,Das hier ist ein früher Text von Bernadine Evaristo. Ihr zweiter Roman. Aber der Mut, der aus ihm spricht, ist der Mut einer reifen Autorin. Einer, die sich vorgenommen hat, in jedem Buch etwas zu riskieren, in jedem Buch zu testen, was Literatur kann, und sich selbstbewusst der klassischen Mythen und Motive zu bemächtigen. Eine Venus gibt’s zum Beispiel in diesem Text, aber eine Liebesgöttin ist sie nicht. Oder vielleicht schon – aber nichts da mit stiller Größe. Ganz „Glamourschein aus Glitzerwitz“ ist sie. Queer, Kneipenbesitzerin, Zuleikas Alma mater, liebevoll, derb, lebensklug. „Entweder du bist ‘n Fickfigürchen oder ‘n verfickter Freak“ – eine ihrer Weisheiten. Und unrecht hat sie nicht.
die ich, ganz ehrlich, so richtig öde fand.
Nichts als Belagerung von Troja. Wen interessiert das?
Geht’s vielleicht noch altmodischer?
(…)
(…) weißt du, Dad, was ich eigentlich lesen
und hören will, ist etwas über uns und jetzt,
über Leute aus Nubia in Londinium, über Männer,
die sich anziehen wie Frauen, über außereheliche
Betrügereien, über Mädchen, die ältere
Männer heiraten, und apropos,
wie sagt es Plinius, der große Gott, so schön?
Die eine ist zu früh, der andere zu spät (räusper!).Quelle: Bernadine Evaristo – Zuleika
Diese weißen Jungs, Huck und Tom, beobachteten mich. Sie spielten immer irgendein Phantasiespiel, in dem ich entweder ein Schurke oder ein Opfer war, auf jeden Fall aber ihr Spielzeug. Es lohnt sich immer, Weißen zu geben, was sie wollen, deshalb trat ich in den Garten und rief in die Nacht hinaus:
‚Wersndas da draußnim Dunkeln?‘
Sie rumorten unbeholfen herum, kicherten.Quelle: Percival Everett – James
‘Aber was sagst du ihr morgen, wenn sie dich fragt, ob es dir geschmeckt hat?‘, fragte ich.
Lizzie räusperte sich. ‚Miss Watson, dassja ma n Cornbread, wie ich’s noch nie in meim Leem gegessn hab.‘
‚Probier’s mit ›wo ich‹‘, sagte ich. ‚Das wäre die korrekte falsche Grammatik.‘
‚Dassja ma n Cornbreard, wo ich noch nie in meim Leem gegessn hab‘, sagte sie.
‚Sehr gut‘, sagte ich.Quelle: Percival Everett – James
(…) je besser sie sich fühlen, desto sicherer sind wir.Quelle: Percival Everett – James
‘Was ist das Ganze hier eigentlich?‘, fragte ich. ‚Das Gesinge?‘Percival Everetts Hommage an Mark Twain – an seinen Humor und seine Menschlichkeit – nimmt viele Wendungen. „James“ schreibt die Geschichte weiter und um. Auch wenn der Roman im 19. Jahrhundert spielt: Er ist absolut zeitgenössisch, radikal, inspirierend. Er spricht von der Freiheit der Literatur, Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen und Randfiguren ins Rampenlicht zu rücken.
Er blickte sich um. ‚Die neueste Mode ist, dass Weiße sich schminken und sich zu ihrer Unterhaltung über uns lustig machen.‘
‚Sie singen unsere Songs?‘Quelle: Percival Everett – James
Vor 2014 kennt man die Eziden in Deutschland nicht. Wenn ich gefragt werde, sage ich: Wir sind Kurden aus Syrien. Nein, wir sind keine Muslime. […] 2014 wissen die Leute, dass es Eziden gibt. In den Schlagzeilen aller Zeitungen ist von uns zu lesen. Berge, Staub und Menschen, die um ihr Leben rennen. Titelbilder. Tagesschau. Wir werden ermordet.Quelle: Ronya Othmann – Vierundsiebzig
Fast 6000 ezidische Frauen und Mädchen, lese ich, waren in IS-Gefangenschaft. Nahezu jede wurde vergewaltigt. Bis heute wurde nur die Hälfte aus der Gefangenschaft befreit oder konnte fliehen.Othmann befasst sich auch mit Definitionen des Begriffs „Genozid“, sie studiert Dokumente der Vereinten Nationen und Sachbücher über den Islamischen Staat, scheut auch nicht zurück vor den Blogs und Hinrichtungsvideos der Islamisten. Ausgiebig referiert sie die Reisebeschreibung des britischen Archäologen Austen Henry Layard, der im 19. Jahrhundert die Jesidengebiete erkundete und bereits von grausamen Verfolgungswellen und der Versklavung zu berichten wusste, welche die als „Teufelsanbeter“ angefeindete Glaubensgemeinschaft zu erdulden hatte – allein 1832 sollen 12.000 Menschen am Ufer des Tigris ermordet worden sein. Auch wenn „Roman“ auf dem Umschlag steht – „Vierundsiebzig“ ist keiner, es gibt keine Spielfreiheit der Fiktion. Die Instanz des erzählenden Ichs ist dennoch wichtig, denn sie hält den ausufernden Text zusammen und macht das Umkreisen des Unbegreifbaren psychologisch plausibel. Wenn die Beschreibung des Unbeschreiblichen immer nur eine Annäherung sein kann, dann braucht es eine Figur, die diese Annäherung vollzieht.Quelle: Ronya Othmann – Vierundsiebzig
Ich schreibe, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was der Kopf weiß, und dem, was er erfassen kann.Das größte Problem des Buches ist sein Ehrgeiz. Othmann belässt es nicht bei den Nöten der Jesiden, sie erzählt auch vom Völkermord an den Armeniern, von den Massenmorden Saddam Husseins, von den zum Minenräumen missbrauchten Kindersoldaten im iranisch-irakischen Krieg, von der der Folter in türkischen Gefängnissen und der nicht endenden Misere der staatenlosen Kurden, deren Milizen die Jesiden während der Angriffe des IS teils unterstützt, teils aber auch schmählich im Stich gelassen haben. So droht das Buch zu einem unübersichtlichen, seine Form nicht recht findenden Materialkonvolut zu werden. Die Rettung ist das letzte Viertel. Othmann beschreibt hier in atmosphärischer Prosa, wie sie gemeinsam mit ihrem alle Religionen für Unsinn erklärenden Vater in die Gebiete der religiösen Fanatiker reist – ohne männliche Begleitung wäre das nicht möglich. In der nordirakischen Region Shingal nimmt sie die Orte des Völkermords in Augenschein, fährt mit beklommenen Gefühlen durch die Dörfer der vormaligen IS-Anhänger, unversehrt neben den zerstörten Orten der Jesiden. Oft sind die Ruinen wegen der Sprengfallen noch immer nicht begehbar. Überlebende berichten, wie sich viele arabische Nachbarn an den Morden beteiligten.Quelle: Ronya Othmann – Vierundsiebzig
IS-Kämpfer aus dem Ausland, das waren Zwanzigjährige aus Tschetschenien, China, Deutschland, Saudi-Arabien oder Libyen. Aber das, was uns angetan wurde, geschah mit Hilfe unserer sunnitischen Nachbarn. Sie haben ihnen gesagt: Das sind Eziden, Kuffar, Ungläubige. […] Faris wiederholt das, was alle ständig wiederholen, als könnten sie es immer noch nicht begreifen: Es waren unsere Nachbarn, die uns verraten haben.Ungeachtet ihrer multikulturellen Toleranz findet Othmann die islamischen Gebetsrufe an den Orten des Grauens schwer erträglich. Sie überlegt, ob sie ihr Unbehagen wegzensieren soll, schreibt es aber dennoch auf:Quelle: Ronya Othmann – Vierundsiebzig
Wir stehen an einer Straßenecke, als plötzlich der Gebetsruf ertönt. Ich erschrecke, versuche mir nichts anmerken zu lassen, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Sage mir, das ist doch jetzt albern, und werde wütend. Wie können die noch auf unseren Gräbern herumbrüllen.Auch wenn „Vierundsiebzig“ durch etwas mehr Straffung und Formung gewonnen hätte – es ist gut, dass Ronya Othmann mit einer Gründlichkeit, die sich und ihren Lesern keine mildernden Umstände gönnt, das Massakrieren im Namen des Islam dokumentiert. Mit sogenannter „Islamophobie“ hat das nichts zu tun. Denn eine Phobie ist ja die krankhafte Furcht vor etwas eigentlich Harmlosem.Quelle: Ronya Othmann – Vierundsiebzig
Wo die Stadt aufhört und die Vorstadt anfängt, ist in Paris klar definiert, da gibt es keine fließenden Übergänge. Die Stadt ist recht klein für eine europäische Hauptstadt: Nur was innerhalb des Périphérique, des Autobahnringes, liegt, gehört dazu, jenseits davon beginnt die Banlieue. Wer die Stadt meint, spricht daher auch gern von Paris intra muros, von dem Paris innerhalb der Stadtmauern.Anne Weber ging mit 19 Jahren nach Paris und lebt heute noch dort. Mit Blick auf den Sacre Coeur kam es ihr nie in den Sinn, diese Grenze des Périphérique zu überschreiten und sich in den Banlieues umzusehen, die mutmaßlich nichts zu bieten haben als Schnellstraßen und Autobahnen, massive Wohnblocks neben Lagerhallen und gewaltigen Supermärkten, vor allem aber Menschen, die ihr und fast jedem anderen Pariser fremd vorkommen.Quelle: Anne Weber – Bannmeilen
Ich drehe mich um und habe das Gefühl, man müsse mir ansehen, dass ich nicht von hier, dass ich keine Vorstädterin bin. Aber natürlich haben die Passanten anderes zu tun, als mich zu beäugen. Zielstrebig kommen sie aus dem Bahnhof oder gehen auf ihn zu. Schließlich setze ich mich auf einen Betonklotz, den ich ungeschickt erklimme, ziehe ein Bein an und versuche, halbwegs lässig auszusehen.Quelle: Anne Weber – Bannmeilen
Das Café ist eine kleine Welt für sich, ein familienartiges, aber nach außen offenes Gebilde. In den meisten innerstädtischen Cafés ist es ein ständiges grußloses Kommen und Gehen, während es hier, auch weil der Raum so klein ist, unmöglich scheint, ohne ein Wort einzutreten und sich einfach an einen Tisch zu setzen.Hier sitzt ein stummer Dominospieler neben einem Mann, der sich den Rotwein direkt in den Magen spritzt, der alten Mutter des Besitzers und einem Algerier, der kaum etwas weiß von der Heimat seiner Eltern.Quelle: Anne Weber – Bannmeilen
Wir sind alle, denke ich jetzt, weder das, was wir sein wollen, noch was andere in uns sehen, sondern eine unentwirrbare Mischung aus beidem, und was wir für freie Entscheidungen halten, ist oft nur das Ergebnis einer Kettenreaktion, die von Generation zu Generation weiterläuft und mal in diese, mal in jene Richtung ausschlägt.Quelle: Anne Weber – Bannmeilen
Die Feuerwehrleute konnten die Tür nicht aufbrechen: zu schwer, zu massiv. Sie hätten den Rahmen aus der Wand schlagen müssen. Daraufhin fuhren sie die Drehleiter an der Außenwand aus und verschafften sich Zugang zur Wohnung, indem sie die Scheibe der Balkontür einschlugen. Meine Mutter lag auf dem Boden. Sie war gestürzt und nicht wieder hochgekommen. […] Sie war nackt. Die eigene alte Mutter nackt auf dem Boden liegen zu sehen, mit verwirrtem Blick, als wäre sie nicht ganz da, war unerträglich.Der Umzug in ein Pflegeheim lässt sich nicht vermeiden, für die Mutter wie auch für den Sohn eine beklemmende, erschütternde Erfahrung. Eribon kritisiert das unmoralische Pflegesystem, das zur Überlastung des Personals und zur Vernachlässigung der Heimbewohner führe. Und sieht die Schuld bei den üblichen kapitalistischen Verdächtigen: „Kostensenkung“, „Profitmaximierung“ und „Neoliberalismus“. Stark sind seine Analysen der Gespräche zwischen pflegebedürftigen Alten und ihren Angehörigen. Beide Seiten wissen, dass es unweigerlich bergab geht, aber das wird überspielt mit einem Repertoire an aufmunternden, beschönigenden, zur sogenannten Vernunft mahnenden Floskeln. Alle tun so, als würden sie die Wahrheit nicht kennen. Eribon verurteilt das nicht, denn es ist eine ausweglose Situation, ohne die wechselseitige Täuschung kaum zu bewältigen.Quelle: Didier Eribon – Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben
Sie ist nicht mehr ganz richtig im Kopf‘, sagte einer meiner Brüder zu mir. E-Mails wurden verschickt, Anrufe getätigt, und der Tenor war immer der gleiche: ‚Sie hat was mit einem anderen Mann angefangen, dabei ist Papa erst drei Jahre tot.‘Eribon aber, der Praktiker und Theoretiker stigmatisierter Sexualität, entgegnet, die Mutter sei jetzt achtzig. Ob sie denn warten solle, bis sie neunzig sei?Quelle: Didier Eribon – Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben
Sie war ein ungewolltes, im Waisenhaus aufgewachsenes Kind und hatte mit vierzehn Jahren angefangen zu arbeiten, erst als Dienstmädchen, dann als Putzfrau, später als Fabrikarbeiterin. Sie hatte mit zwanzig geheiratet und fünfundfünfzig Jahre mit einem Mann zusammengelebt, den sie nicht liebte. Jetzt, mit über achtzig, entdeckte sie ihre Freiheit und war fest entschlossen, jeden Moment davon zu genießen.Auch wenn ihr Geliebter von Hitler schwärmt – Eribon gönnt der Mutter das späte Glück nach der Ehe mit seinem Vater, der mit wütender Eifersucht über sie wachte. Trennung war in jenen Zeiten und Verhältnissen noch keine wirkliche Option.Quelle: Didier Eribon – Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben
Seit meinem Studium hatte ich mir meinen Alltag so eingerichtet, dass ich solche Äußerungen, mit denen ich in meiner Kindheit und Jugend täglich konfrontiert gewesen bin, nicht mehr hören musste. Jetzt brachen sie wieder in mein Leben ein, noch brutaler als früher, und ich konnte mich ihnen nicht entziehen. Meine Mutter war eine alte Rassistin, aber ich musste sie so akzeptieren, wie sie war.Quelle: Didier Eribon – Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben
Das schien mir dann aber inhaltlich als Thema nicht genug. Ich wollte auch eben nicht, dass es dann ein Buch wird über Frau sein oder Gender oder Feminismus, weil ich eigentlich denke, dass das Frauen auch zu sehr in eine Schublade steckt.
Vor allem Künstlerinnen, die natürlich zu allen Themen arbeiten sollen oder dürfen. Und so bin ich dann auf das Thema Zukunft gekommen, weil ich finde, dass es einfach im Moment ein sehr wichtiges Thema ist. Es wird sehr viel darüber gesprochen.
Ein Beispiel wäre die Klimakrise, die natürlich in den Medien, aber auch im Privaten schon viele Diskussionen beherrscht, oder jetzt auch seit einigen Monaten die Frage nach künstlicher Intelligenz. Und viele dieser Themen sind natürlich im Moment auch sehr dystopisch oder wirken sehr dystopisch, sehr negativ aufgeladen. Man hat den Eindruck, dass es eigentlich für die Menschheit im Moment nicht so besonders viel Hoffnung gibt.
Und so hat sich mir dann die Frage gestellt was ist denn alles in der Zukunft möglich? Wie könnte man sich diese Geschichten vorstellen? Und wie würden Zeichnerinnen die dann auch künstlerisch umsetzen?Quelle: Lilian Pithan
Ich fand einige Geschichten sehr interessant, weil sie ganz neue, andere Aspekte aufgenommen haben – zum Beispiel das Thema fremde Wesen, mit denen wir als Menschen zusammenleben.
Dazu gibt es auch extra ein Kapitel, das heißt: leben lassen. Und ein Beispiel wäre die Geschichte von Marijpol, in der eine Schulklasse von Menschen oder Kindern auf eine Schulklasse Aliens trifft.
Und diese Aliens sind Bodennebel, das heißt, sie haben keine Gesichter. Und in der Geschichte geht es dann darum, wie diese Kinder mit den Spuren-Kindern kommunizieren können. Und was es da alles auch für Missverständnisse geben kann. Das ist eine ganz tolle Geschichte, die so ein bisschen die Idee vom Babelfisch eigentlich weiterdenkt.Quelle: Lilian Pithan
Nicht nur der Schöpfungsbericht der Bibel und die Würde des Menschen als höchste Kreatur waren damit hinfällig, sondern auch die christliche Vorstellung eines richtenden Gottes, der seine Geschöpfe nach ihrem Verhalten bewertet und am Ende der Zeit das Urteil über sie spricht, denn wenn die Zeit so unendlich war wie der Raum, konnte es kein Jüngstes Gericht geben.Bruno war ein Gegner aller Religionen, da diese die Massen bloß verdummten. Jesus hielt er nicht für Gottes Sohn, sondern für einen Hochstapler und gemeinen Betrüger. Nicht von ungefähr hält die katholische Kirche bis heute an ihrer Frontstellung gegenüber Giordano Bruno fest, während etwa der Naturforscher Galileo Galilei oder der Theologe Jan Hus rehabilitiert wurden. Die Hinrichtung sei zwar Unrecht gewesen, erklärte der Papst im Jahr 2000, eine weiterreichende versöhnliche Erklärung war mit diesem Eingeständnis allerdings nicht verbunden.Quelle: Volker Reinhardt – Der nach den Sternen griff
Mit dem Urteil, dass Giordano Bruno als „unbußfertiger, hartnäckiger Ketzer“ seiner kirchlichen Weihen entkleidet und der weltlichen Obrigkeit zur Bestrafung übergeben werden sollte, wurde in juristisch und theologisch unhaltbarer Form ein „Ausnahmeverbrechen“ konstruiert, ein Exempel für die Pilger des Heiligen Jahres statuiert und nach den ureigenen Kriterien der Inquisition ein Justizmord angeordnet.Quelle: Volker Reinhardt – Der nach den Sternen griff
Eines flüchtigen Blickes würdigte Vito sie, und Yase legte alles hinein. Sie hatte einmal gelesen, wenn man der Liebe seines Lebens in die Augen sehe, dann spiegelten sich alle nachfolgenden Generationen darin. Genau das passierte ihr – so erzählte sie es Imma – am elften Januar um sieben Uhr siebenundzwanzig, sieben Wochen vor ihrem vierzehnten Geburtstag.Quelle: Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend
Allem anheim war ein garstiger Umgang mit sich und der Welt; [Yasemin] versuchte, alles Schlechte und Unangenehme auszutreiben und alles Angenehme auf ein Minimum zu beschränken, aus Angst, es wieder zu verlieren.Der Ton Ohdes, das merkt man an diesem Zitat, ist nicht ganz frei von Manierismen. Die Leidenschaft für Vito, das Schwindelgefühl der Pubertät – all das geht ohne Pathos nicht ab. Alles in diesem Text ist getragen von großer Ernsthaftigkeit. Wer kein richtiges Zuhause besitzt und innerlich zaudert, hat mit Selbstironie nichts am Hut. Beim Lesen denkt man dennoch manchmal: too much, ein paar weniger aufgeladene Worte, ein paar weniger Bilder hätten dem Buch nicht geschadet.Quelle: Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend
(…) was für Yase zählte, war der Eindruck, dass sie erst jetzt in ihrem Körper ankam. Dass sie sich erst jetzt darüber bewusst wurde, einen Körper zu haben. Als hätte sie ihm durch die stundenlangen Übungen, das tiefe Einatmen in den Unterbauch, die langen F beim Ausatmen, eigentlich erst den Lebensatem eingehaucht. War sie es selbst, die da atmete, oder jemand anderes?Mit der Entdeckung des eigenen Körpers geht allerdings die verwirrende Erkenntnis einher, dass andere diesen Körper auch entdecken – als Sexualobjekt. Für die 14-Jährige ist das zu viel. Wo eben noch die unschuldige Hingabe an Vito war, wendet sie sich nach ihrer Rückkehr aus der Klinik von ihm ab. Er ist drei Jahre älter, sie ist zu jung. Vito leidet; Yasemin scheint ihn aus Selbstschutz zu vergessen. Zeit vergeht. Ausbildung, ein solider kaufmännischer Beruf, einige Liebschaften folgen, dann eine zukunftsfähige Beziehung, von den Eltern ist keine Rede mehr – das alles wird ausführlich und als geradezu folgerichtiger Lebensweg erzählt. Aber es wird auch so genau erzählt, um das Ungeheuerliche, den Bruch, die Umkehr nur umso überraschender erscheinen zu lassen: Denn Yasemin trifft Vito wieder. Sie ist nun Anfang 30; er, der Ältere, erscheint heruntergekommen, haltlos, lebensuntüchtig – und doch ist da dieser Glanz, den sie vor fast 20 Jahren in ihm erblickt hat.Quelle: Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend
Wieder war es dieses Einrasten zweier Blicke, we locked eyes, wie man im Englischen sagte, die passende Wendung für das, was geschah.Quelle: Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend
Der Literaturbetrieb sucht sich einen Gewinner oder eine Gewinnerin aus – attraktiv genug, cool und jung und, mal ehrlich, wir denken es doch alle, also sprechen wir es doch aus, »divers« genug – und überschüttet diese Person mit Geld und Unterstützung. Es ist so verdammt willkürlich.Die Handlung nimmt mit einem absurden Unfall ihren Lauf: In einer Partynacht erstickt Athena bei einem Pancake-Wettessen mit June. June nutzt die Gelegenheit und steckt das unveröffentlichte Manuskript der Toten ein. „Die letzte Front“ ist der Titel, es handelt von der Geschichte chinesischer Arbeiter, die von der britischen und französischen Armee im Ersten Weltkrieg an die alliierte Front geschickt wurden. June gibt den Text als den ihren aus, allerdings nicht, ohne ihn zu überarbeiten. Wenig sensibel streicht June chinesische Namen, Zeichen oder kulturelle Anspielungen. Die weißen Figuren macht sie etwas weniger rassistisch. Sogar eine Liebesgeschichte baut sie ein. Natürlich nur um der Lesbarkeit für das Publikum willen – so rechtfertigt die Erzählerin ihr Handeln zumindest.Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface
Sie schlagen vor, dass ich anstelle von June Hayward unter dem Namen Juniper Song veröffentliche (»Dein Debüt hat nicht ganz die Zielgruppe erreicht, die wir uns jetzt erhoffen, und da ist es besser, einen Neuanfang zu wagen. Und Juniper ist so einzigartig. Was ist das für ein Name? Klingt fast ›Native American‹«). Niemand spricht darüber, dass »Song« vielleicht anders wahrgenommen werden könnte als »Hayward«. Niemand spricht explizit darüber, dass man »Song« für einen chinesischen Namen halten könnte (…).„Yellowface“ greift die Fragen auf, die bei den Neuveröffentlichungen der Gegenwart stets mitschwingen, Fragen nach Repräsentation in der Kreativindustrie: Wer darf welche Geschichten schreiben? Wer welche Perspektiven einnehmen? Welche Rollen spielen Kategorien wie Herkunftsgeschichte, sexuelle Identität, Gender oder Race dabei?Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface
Ich muss einen Schritt weiter gehen. Ich muss über Dinge schreiben, die weiße Menschen nicht jeden Tag zu Gesicht bekommen.Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface
Die Wahrheit ist fließend. Man kann die Geschichte immer in eine andere Richtung drehen, immer Sand in das narrative Getriebe streuen. Das habe ich aus der ganzen Sache gelernt, wenn auch sonst nicht viel.Während Kuangs Fantasyromane „Babel“ oder die Mohnblumen-Trilogie durch vielschichtige Charaktere, aufwendiges Worldbuilding und überraschende Elemente überzeugen, ist „Yellowface“ ein vergleichsweises schlichtes Buch. Trotzdem lohnt sich die Lektüre: „Yellowface“ ist ein spannender, dynamischer Roman einer klugen Autorin über aktuelle Diskursthemen. In der Bildsprache der Sozialen Medien gesprochen: Herzemoji für „Yellowface“.Quelle: Rebecca F. Kuang – Yellowface
Damals, als sie noch sprach, war ihre Stimme leise. Das lag nicht an ihren Stimmbändern und auch nicht an ihrer Lungenkapazität. Sie wollte einfach ihre Möglichkeiten nicht ausnutzen. Jeder Mensch füllt so viel Raum aus, wie es dem Volumen seines Körpers entspricht, aber die Stimme kann darüber hinausgehen. Sie jedoch wollte sich nie über ihre Grenzen hinweg ausbreiten.Quelle: Han Kang – Griechischstunden
In diesem Traum saß ich bei Sonnenuntergang in einem Bus, und die Zeichen, die ich durch die Fensterscheiben sah, konnte ich nicht einordnen, weder als deutsch noch als koreanisch. Daraufhin wollte ich sofort aussteigen, denn offensichtlich war ich hier falsch. Aber an welcher Station? Welchen anderen Bus musste ich nehmen, sollte ich überhaupt aus diesem herauskommen? Das Schlimmste war, dass ich mich nicht einmal erinnern konnte, wohin ich eigentlich wollte. So blieb mir nichts anderes übrig, als reglos hinten im Bus zu sitzen und auf die immer dunkler werdende Straße zu starren.Quelle: Han Kang – Griechischstunden
Es kam vor, dass sie sich gegenseitig beobachteten und auf den rechten Augenblick warteten. Während des Kurses. Während der Pause auf dem Gang, vor dem Verwaltungsbüro. Immer vertrauter wurde ihr sein Gesicht. Seine Narbe, seine übliche Gestik und Mimik wurden zu einer besonderen Narbe, einzigartiger Bewegung und individuellem Mienenspiel. Aber sie maß dem keine Bedeutung bei. Weil sie diesen Prozess noch nie in Sprache verwandelt hatte.Mit Sprache entsteht Vereindeutigung. Was ein Handeln nach sich zieht. Was dann – wie im altgriechischen „Medium“ – auf die Figuren zurückwirkt. Tatsächlich führt Han Kang die kapitelweise getrennten Erzählstränge ihrer beiden Figuren schließlich zusammen, als der Dozent seine Brille verliert und seine Schülerin ihn nach Hause begleitet. So erleben die beiden etwas Verbindendes und erweitern damit ihrer beider Möglichkeitsraum.Quelle: Han Kang – Griechischstunden
Es ist Alba Fantoni, zur zierlichen Statuette versteinert, in dunkel glänzendem Onyx. Sie steht auf Zehenspitzen, die Arme dicht am Körper, das Köpfchen im Nacken, einem emporschießenden Vogel gleich. Ihr Mund ist aufgerissen, zum Himmel hin, als würde sie verzückt rufen: `Damenwahl!´Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Nur gelegentlich würde sie an ihn denken, beim Schreiben, sehnsüchtig.Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Das Schreiben ging ihr leicht von der Hand. Wörter flogen ihr zu, Sätze, Rhythmen. Sie schrieb sich in einen Rausch – ein schneller Tanz, in heimlicher Freude über ihre Allmacht, jeden Akkord und auch jeden Schritt in diesem Raum vorherbestimmt zu haben.Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Ihre Zeit ist abgelaufen, wenn Sie verstehen, was ich meine.Quelle: Dana Grigorcea – Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
„Draußen zieht Iowa an uns vorbei, in der Dunkelheit erkennt man allerdings nicht viel. Rote Windräderlichter blinken am Horizont und scheinen auf und ab zu hüpfen. Die Fast-Food-Kettenrestaurants am Wegrand sind dagegen unbeleuchtet, die Straßen kaum befahren. Alles ist still, es ist, als flögen wir durch ein Vakuum.“Quelle: Stefanie Sargnagel – Iowa. Ein Ausflug nach Amerika
„Der graue Himmel hängt seit Tagen tief über Grinnell, und die mit toten Tieren übersäten Straßen strahlen noch intensiver als sonst die Anmutung aus, sie würden nirgends hinführen. Wenn wir einfach eine Straße irgendwohin nehmen würden, wären wir am Ende wahrscheinlich wieder in Grinnell. Man kann sich schon vorstellen, wie man zwischen Beton und Wolken langsam zerquetscht wird. Allerdings wirken die Menschen hier zufriedener, als wir Besucherinnen aus der Großstadt mit unserem herablassenden Mitgefühl vermutet hätten. Sie sind wahrscheinlich ausgelastet mit ihren Beziehungen. Und ein bisschen Programm gibt es dann doch immer: Ich entdecke eine neue Veranstaltungsankündigung an der Scheibe, durch die man auf den Parkplatz blickt. Ein älteres Pärchen tritt als Double von Dolly Parton und Kenny auf. Leider war auch das schon gestern.“Quelle: Stefanie Sargnagel – Iowa. Ein Ausflug nach Amerika
„Selten habe ich die unerschrockene Stefanie Sargnagel so hilflos erlebt. Als am Busbahnhof in Chicago – anders, als es die App versprochen hatte – kein Linienbus anhielt, brach ihre schöne Google-Maps-Welt zusammen und sie verlor jeglichen Halt. Auf was in der Welt ist Verlass, wenn noch nicht mal Google Maps funktioniert! Zum Glück erinnerte ich mich der alten Kulturtechnik des Vorbeifahrenden-Taxis-mit-Handzeichen-signalisieren-dass-man–mitfahren-will, und wir wurden gerettet."Quelle: Stefanie Sargnagel – Iowa. Ein Ausflug nach Amerika
„Die StudentInnen reisen zwar regelmäßig in die Welt, um globale soziale Krisen zu analysieren, sie machen Freiwilligendienste in Burkina Faso oder Praktika in bulgarischen Elendsvierteln. Kommen soziale Probleme allerdings an ihren Campus, ohne dass sie bestellt wurden, ohne Vor- und Nachbereitung, ohne dass man weiß, wie lange der Aufenthalt dauert, sieht man die Ratlosigkeit in ihren Blicken.“Der Blick Sargnagels auf die sie umgebende Welt ist eben nicht nur einer, der nach Skurrilität zur bestmöglichen, unterhaltsamsten Textaufarbeitung giert. Sondern durchaus ein erkenntnissuchender und schonungsloser. Das gilt, wenn sie andere zur Kenntlichkeit überzeichnet. Aber auch, wenn sie über sich selbst ohne allzu große Rücksicht nachdenkt. In Deutschland sind solche lustigen, aber eben auch nicht ganz blöden Bücher anders als in angelsächsischen Ländern ja eher eine Seltenheit. Wer also mal nicht unter seinem Niveau lachen will, sollte zu „Iowa“ greifen.Quelle: Stefanie Sargnagel – Iowa. Ein Ausflug nach Amerika
Dieses Buch verfolgt eine einzige Spur im Leben Franz Kafkas, es ist die eigentlich naheliegende: Das Schreiben selbst und sein Kampf darum. Er selbst sagte von sich: „Ich habe kein litterarisches Interesse sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.“ In den ekstatischen Zuständen des Schreibens fühlte sich Kafka erst wirklich lebendig.Damit hat Safranski auch noch ein zweites Thema gefunden, an dem er sich abarbeitet: Kafka war mit dem Schreiben eng verbunden, entsprechend passen Frauen nicht in sein Leben, aber sie sind trotzdem immer da, die Schwester, aber auch die Freundinnen, Gefährtinnen, Verlobten, Geliebten, Felice Bauer, Grete Bloch, Julie Wohryzek, am Schluss Dora Diamant. An diesen Stationen macht Safranski auch die jeweiligen Schriften fest. Es ist ihm wichtiger als die Arbeit in der Versicherung, wichtiger als die Ausflüge und als die Zeitgeschichte und das wirkt plausibel.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
„Kafka, darin sind sich alle Interpreten einig, zeigt sich hier als Kritiker des modernen Industriekapitalismus in seiner fortgeschrittenen amerikanischen Variante, die er allerdings nur aus Büchern kannte.“Ob das so eindeutig ist, kann man hinterfragen – Karl Rossmann, der Held, bewundert Amerika, und die Kritik, um die es hier geht, ist sehr abstrakt. Eigentlich kommt im Roman nur das Gefühl des persönlichen Ungenügens heraus: Karl Rossmann scheitert am laufenden Band und fühlt sich fremd, Scheitern und Fremdsein sind zwei Empfindungen, die schließlich alle Kafka(?)-Helden mit sich herumtragen. Aber, das ist vielleicht der Knackpunkt bei Safranski: Man merkt die Selbstsicherheit Safranskis und man spürt, wie weit weg die vom vorsichtig tastenden Schreibstil Kafkas ist.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
Grete, die mit Felice befreundet blieb, wird viele Jahre später, 1940, in einem Brief an einen Freund berichten, dass sie im Spätsommer 1914 einen Sohn zur Welt gebracht habe. Ihre Andeutungen über dessen Vater haben die Spekulationen angeregt, es könnte sich dabei um Kafka handeln. Genaues weiß man nicht, nur dass dieser Sohn im Alter von sieben Jahren 1921 starb. Es gibt keinen einzigen Hinweis, dass Kafka selbst davon etwas gewusst hat.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
Es gibt da ein fundamentales Missverständnis zwischen Josefine und ihrem Volk. Josefine beklagt sich, sie würde vom Volk nicht verstanden. Sie denkt, was sie pfeift, sei das Entscheidende und das Volk würde das nicht verstehen. Sie selbst aber versteht nicht, was das Volk an ihr zu schätzen weiß. Und das ist eben nicht das Pfeifen selbst, sondern die Stille, die sich darum herum ausbreitet. Das Wunder ist, dass diese Stille es dem Volk erlaubt, sich selbst als Gemeinschaft zu erleben. … Was bleibt, ist eine Erinnerung an ihr Pfeifen. Doch, so heißt es am Schluss, war ihr wirkliches Pfeifen nennenswert lauter und lebendiger, als die Erinnerung daran sein wird?Das Pfeifen war leise, aber es ist bis heute sehr markant. Safranski lässt sich nicht ein auf die Frage, was die Erinnerung an Kafka heute so laut und lebendig sein lässt, was Kafka so außerordentlich erfolgreich macht. Sein Buch ist streng fokussiert auf Franz Kafka und sein Werk. Zu allem anderen muss man selbst in die Werke hineinschauen und sich fragen: Was macht das mit mir, dem Leser? Man kann Rüdiger Safranski für dieses genaue, zurückhaltende Buch dankbar sein.Quelle: Rüdiger Safranski – Kafka. Um sein Leben schreiben
Der Patient in der Suite Nr. 7 saß auf dem Hometrainer und schwang seine Hinterbacken.Tatsächlich ist dies der einzige Satz, den die puppenhaft ins Groteske verzerrte Figur von sich gibt. Denn mit Putins Russland hatte Sorokin, der seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs nun dauerhaft in Berlin lebt, bereits 2006 ungeheuer hellsichtig in „Der Tag des Opritschniks“ abgerechnet. Bereits mit diesem Buch wurde Sorokin zu einem der wortmächtigsten Oppositionellen. Auch sein Doktor Garin ist ein Widergänger. Hatte er in dem Roman „Der Schneesturm“ noch Menschen gegen eine rätselhafte Krankheit impfen wollen, die jeden Infizierten zum Zombie macht, so ist er hier eine Art Wunderheiler mit einem magischen Elektroschocker, den auch die Mitarbeiter genießen dürfen. Die Hypermodernität dieses Romans allerdings ist eine ganz eigene. Hier wird die Form der russischen Erzählung aus dem 19. Jahrhundert in eine postmoderne Vielfalt überführt, die klassische Abschweifung zum linearen Stilmittel und keine der Fragestellungen aufgelöst.
≫Guten Morgen, Wladimir!≪, begrüßte Garin ihn.
≫Ich war’s nicht≪, brummte Wladimir, ohne aufzuhören.
≫Wie haben Sie geruht?≪
≫Ich war’s nicht.≪
≫Wünsche?≪
≫Ich war’s nicht.≪Quelle: Vladimir Sorokin – Doktor Garin
Wladimir rutschte schweigend zur Tischmitte. Er lüftete seinen durchtrainierten, gepflegten, mithilfe chinesischer Arzte schon mehrmals gelifteten Hintern und erstarrte. Zuerst erklang eine Art dumpfes Grunzen, das rasch in ein drohendes Knurren überging, sich in ein lautes Knattern verwandelte und noch mal und noch mal knatterte, bis diesem gepflegten Hintern plötzlich ein Zischen entfuhr, in dem man einzelne Laute ausmachen konnte, die an ein menschliches Flüstern erinnerten, aber dieses Zischen wurde immer schauerlicher, nahm kein Ende und versiegte so lange nicht, bis alle am blauen Tisch wie betäubt waren.Großartig allerdings, wie Sorokin immer wieder aus der Absurdität der Verwandlung reale Bezüge aufblitzen lässt. Wenn Garin zum Beispiel in die Gefangenschaft von merkwürdigen Mutanten gerät, die er Zottelorks nennt, und damit die Beschreibung des Gulags gekonnt persifliert, oder wenn er den Leser am Schluss in eine sibirisch anmutende raue Wildnis führt. Was er dort findet, ist aber nicht die vielbeschworene russische Seele, sondern die Vereinigung mit seiner verlorenen Geliebten. Nicht ganz im Wortsinn, aber doch immer noch hoch erotisch.Quelle: Vladimir Sorokin – Doktor Garin
»Wenn ich als Verteidigerin in Sexualstrafsachen Frauen vernommen habe, bin ich davon ausgegangen, die Beweise ließen sich klar und logisch aufdröseln wie ein ordentlich verschnürtes Päckchen. (…)« Ich atme tief durch. Die Luft im Saal ist geladen. »Jetzt weiß ich, dass das nicht richtig war. Nicht angemessen. Denn jetzt weiß ich, aus eigener Erfahrung, sowohl als Frau als auch als Anwältin, dass die gelebte Erfahrung sexualisierter Gewalt sich nicht als ordentliches, stimmiges und systematisches Päckchen einprägt. Dennoch geht das Gesetz genau davon aus.« (336 f.)Quelle: Suzie Miller – Prima facie
Nie habe ich eine Frau als Lügnerin bezeichnen müssen, um zu demonstrieren, dass ihre Geschichte Schwachstellen aufweist. Ich muss es lediglich suggerieren. Jurys sind gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen, besonders, wenn man auf eine bestimmte Art und Weise mit den Klägerinnen spricht. Wenn man sie nicht fertigmacht, sondern nur entlarvt. (253 f.)Quelle: Suzie Miller – Prima facie
»Und wenn er behauptet, wir hätten gar keinen Sex gehabt? Wie soll ich das beweisen?«
Aber dann fällt mir ein: »Natürlich wird er zugeben, dass wir Sex hatten. Er wird nur behaupten, dass es einvernehmlich war … oder?«
Der Polizist lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, eine Hand im Nacken. »Sobald er so einen Verteidigerarsch an seiner Seite hat, kann er alles behaupten.« (205)Quelle: Suzie Miller – Prima facie
„Vor lauter Klammern und Fußnoten verstand er kein Wort, und wenn er gewissenhaft mit den Augen den Sätzen folgte, war ihm, als drehe eine alte, knöcherne Hand ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopf. Als er nach einer halben Stunde erschöpft aufhörte, war er nur bis zur zweiten Seite gelangt, und Schweiß stand auf seiner Stirn.“So lässt es Robert Musil seinem Helden Törleß ergehen, als dieser sich im Internat freiwillig an Kants Philosophie wagt. Daniel Kehlmann und Omri Boehm agieren dagegen mit erstaunlicher Leichtigkeit im schwergewichtigen Kant-Kosmos. Kehlmann wollte über Kants Ästhetik promovieren, als ihm die Schriftstellerkarriere dazwischenkam. Kant blieb dann nur die Rolle des dementen Philosophen in Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“. Vielleicht ist jetzt dieses neue Buch ja eine kleine Wiedergutmachung? Der Philosoph Omri Boehm wiederum hat in seinem Werk „Radikaler Universalismus“ das Potential des Königsberger Denkers für unsere heutigen Debatten neu justiert.Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant
„Wir weisen Kant keine Stelle zu, wir würdigen ihn nicht, und wir sprechen auch nicht von „der Gegenwart“, sondern von uns. Wir versuchen, Kant aus seinen eigenen historischen Voraussetzungen zu verstehen und zugleich ein Bild davon zu gewinnen, wie er uns dabei helfen kann, weiterzukommen auf jenem langen Weg, an dessen Ende wir hoffen dürfen, das zu sein, für das wir uns in voreiligen Momenten jetzt schon halten, eine Gemeinschaft denkender und freier Menschen.“Natürlich kann ein Gesprächsband keiner systematischen Linie folgen, aber die großen Themen werden angesprochen: Kant, biographisch, die Verortung in der Philosophiegeschichte - Stichworte: Leibniz, Spinoza, David Hume. Die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis in der „Kritik der reinen Vernunft“, die Konsequenzen für den Glauben an einen Gott, die Ästhetik Kants in der „Kritik der Urteilskraft, die Moralphilosophie der „Kritik der praktischen Vernunft.“ Ihr ist auch der Titel entnommen: „Der bestirnte Himmel über mir“. Aber die eigentliche Pointe steckt im zweiten Teil des Satzes:Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant
„Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“Sie besteht darin, dass das Gefühl der erhabenen Unendlichkeit des Himmels, das uns zu kleinen Menschlein macht, konterkariert wird von der einzigartigen Fähigkeit des Menschen, moralisch handeln zu können. Und das heißt nach Kant überhaupt frei handeln zu können. Genau in dieser Fähigkeit ist auch die Würde des Menschen verborgen. Eine Würde, daran erinnern Boehm und Kehlmann, die einem nicht einfach nur zugehört, sondern die erworben werden muss.Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant
„Ihr nennt uns Menschen, wartet noch damit.“Kant ist für die beiden Gesprächspartner ein Aufklärer der Aufklärung. Das bedeutet, die Träume, mit der Vernunft die Welt vollständig verstehen zu können, sind mit Kant ausgeträumt. Sein Ziel: klar zu definieren, was wir wissen können. Und was nicht. Oder in Kants berühmten Worten aus der „Kritik der reinen Vernunft“:Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant
„Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“Unsere Vernunft hat also Grenzen. Und diese Grenzen werden durch Denkmechanismen bestimmt, die uns alle prägen. Ohne diese Strukturen in unserem Kopf können wir keine Strukturen da draußen in der uns zugänglichen Welt erkennen. Die überraschende Folgerung: Wenn wir wissen, was wir wissen können, dann gibt es auch ein Wissen davon, was wir nicht wissen. Und somit Platz für metaphysische Spekulationen, für den Glauben.Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant
„Es geschieht, dass der eigentlich primär nicht besonders kunstinteressierte Professor Immanuel Kant das wichtigste Werk der Kunsttheorie überhaupt schreibt.“Nämlich die „Kritik der Urteilskraft“ mit dem faszinierenden Gedanken:Quelle: Omri Boehm und Daniel Kehlmann – Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant
„Es gehört zur Kunst, dass wir ein unendliches Gespräch führen …“Warum? Weil das Urteil über Kunst ein Geschmacks-Urteil ist. Aber das ist nach Kant nie nur subjektiv, sondern zugleich ein allgemeines Urteil. Das heißt: wir wollen, dass uns die anderen in unserem Urteil folgen, wenn wir etwas als schön erkennen. Darum müssen wir mit ihnen reden, wir müssen argumentieren. Und so kommt eben auch der Verstand mit ins Spiel.Quelle: Nämlich die „Kritik der Urteilskraft“ mit dem faszinierenden Gedanken:
„Ich würde die Anthropologie gar nicht zum philosophischen Werk zählen. Eigentlich wäre der korrekte Titel: „Verstreute Meinungen und Vorurteile des älteren Herrn Professor Kant.“Es ist Kant selbst, der die Kriterien liefert, mit denen Kant kritisiert werden kann. Was in seiner Anthropologie, seiner Lehre vom Menschen, an Vorurteilen, abwertenden und rassistischen Bemerkungen fällt, gehört der Welt der Erscheinungen an, dem, wie Kant es nennt „empirischen Ich“. Hier wird geirrt, Falsches behauptet, korrigiert, überprüft. Sein philosophisches Werk, das ist der gewaltige Anspruch Kants, ist von Empirie frei. Weil es sich darum kümmert, wie wir überhaupt die Dinge da draußen erkennen können.Quelle: Nämlich die „Kritik der Urteilskraft“ mit dem faszinierenden Gedanken:
„Wenn meine damalige Freundin und ich mit unserem gelben Renault 4 aus der Schweiz anreisten, bogen wir in Sichtweite des Hauses von der Strada Provinciale ab und schlingerten auf einem Feldweg hinunter zu einem ausgetrockneten Bachbett, das wir mit Karacho durchqueren mussten, um es auf der anderen Seite den steilen Hang hinauf bis zum Haus zu schaffen.“Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang
„Es waren die neunziger Jahre, wie erwähnt, damals rauchte man noch. Was haben wir geraucht! Wir rauchten alle, und wir rauchten überall und jederzeit. (…) Keine Ahnung, warum wir dermaßen geraucht haben. Irgendetwas muss schon dabei gewesen sein. Sonst hätten wir’s doch nicht getan.“Das ist alles recht unterhaltsam, fein beobachtet und fein beschrieben … Und als man sich gerade zu fragen beginnt, warum eigentlich Alex Capus das alles erzählt, stellt man fest, dass in diesem Buch doch viel mehr steckt als eine Reihe nostalgisch-skurriler Ferienerlebnisse.Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang
„Wir kommen zur Welt und dann geschehen ein paar Dinge, die nicht unbedingt miteinander in Zusammenhang stehen, und dann sind wir tot. Diese Vorstellung ertragen wir schlecht. Uns verlangt es nach Sinn, deshalb schmieden wir Kausalketten und erzählen einander Geschichten. Grimms Märchen sind Kausalketten, und zwar lückenlose, sonst könnten die Kinder nicht einschlafen.“Diese Überlegungen sind sympathisch lebensnah. Und dabei immer wieder leise ironisch.Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang
„Oder Hollywood: Zwei junge Leute verlieben sich an Bord der Titanic, dann kommt ein Eisberg und Leonardo DiCaprio ertrinkt.
Kausalketten, soweit das Auge reicht.“Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang
„Das mag als Experiment bahnbrechend gewesen sein, macht das Buch aber, seien wir ehrlich, für die meisten Menschen unlesbar.“Ganz im Gegensatz zu dem, was Capus hier serviert. Auf sehr leicht lesbare Weise, in der Art eines Feuilletons, jubelt dieses Buch seiner Leserschaft eine ganze Menge Überlegenswertes zum Leben und zum Schreiben unter, verbindet autofiktionales Erzählen mit einer kleinen, vielleicht gar nicht mal so kleinen Poetik. Die Jahre in der Abgeschiedenheit des Piemont, im kleinen Haus am Sonnenhang, gehen irgendwann zu Ende, mit einem Schuss, einem entwendeten Kachelofen und einem endlich fertig geschriebenen Romanmanuskript. Einiges lässt Alex Capus so in der Schwebe, dass es als produktive Unruhe im Gemüt weiterwirkt. Allgemeingültigkeit beansprucht das alles natürlich nicht. Aber wo gäbe es die je in der Literatur?Quelle: Alex Capus – Das kleine Haus am Sonnenhang
„… Schriftsteller, dem man nicht glaubt, was er schreibt.“Was aber kein Problem ist. Im Gegenteil.Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Gesagt werden soll es. Und wenn es keiner glaubt, umso besser.“Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Es war Bürgerkrieg. Und ein Bürgerkrieg ist immer auch ein Krieg der Armen und Ungebildeten, der Dummen und Bösartigen gegen die Intelligenzija. Zur Intelligenzija gehörte, wer nicht schwitzte, nicht stank und seine Arbeit im Sitzen tat. Das traf auf meine Eltern zu.“Köhlmeier lässt die hochbetagte Anouk sehr anschaulich von der Vergangenheit berichten, vom „Hungermundgeruch“ der Menschen, von den Versuchen, inmitten des Elends – nämlich draußen im Park – kleine Momente der Freiheit, des Glücks und der Schönheit zu erleben.Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Da hat man einen ganzen Nachmittag lang getanzt, jeder mit jedem, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern sowieso (…) alle Kombinationen. Sogar einen Hund habe ich gesehen, der hat mit seinem Frauchen getanzt.“Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Sie sagten, wir müssen Russland verlassen. Man wird uns nichts tun. Aber wir müssen gehen. Es sei ein Entgegenkommen der Regierung. Eine Art Gnade der Regierung. Eines Tages würden wir es verstehen und dankbar sein.“Der Roman, der von Ereignissen handelt, die vor über 100 Jahren angesiedelt sind, hat eine schreckliche Aktualität. Das betrifft nicht nur die gefährliche Rede von der angeblich „heiligen“ Gewalt von Mördern, die als „Märtyrer“ verklärt werden, sondern bezieht sich generell auf Terror und Vertreibung als politisches Mittel. Anouk und ihre Eltern müssen ihre Besitztümer zurücklassen und werden auf ein Schiff verfrachtet. Noch glauben sie nicht, dass sie lange überleben werden. Es sind nicht viele Passagiere an Bord des hochseetauglichen und gut ausgestatteten Schiffs, aber alles Leute, die als Feinde der proletarischen Revolution gelten.Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Intellektuelle. Philosophen. Wissenschaftler. Ein Architekt. Künstler. Unser Luxusdampfer war ein Philosophenschiff.“Die sogenannten Philosophenschiffe hat es tatsächlich gegeben, wie eine Ausstellung in Moskau unlängst zeigen durfte. In Köhlmeiers Roman aber geschehen seltsame, gewiss erfundene Dinge: Denn das Schiff treibt einige Tage auf dem Meer herum, bis sich ein weiteres Boot nähert und ein geheimnisvoller Gast an Bord gebracht wird. Weil nun eine Zeitlang wieder nichts passiert, klettert die neugierige Anouk heimlich aufs Sonnendeck in der 1. Klasse. Dort sieht sie einen einsamen Mann im Rollstuhl. Sie beobachtet ihn, doch er entdeckt das Mädchen und fragt sie aus. Wie sie heiße, was die Eltern täten und warum sie auf dem Schiff seien.Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Ich sagte: Der Lenin hat es befohlen. (…) Und da sagte er es: Der Lenin, das bin ich. Ich bin der Lenin. Lenin bin ich. Und ich glaubte ihm.“Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
„Er wollte mir erklären, was Macht ist. Ob ich es wissen will. Nicht unbedingt, sagte ich. Wenn ich herumfrage, was Macht bedeutet, sagte er, dann werde ich verschiedene Antworten bekommen, Antworten von den gescheiten Philosophen, die so dumm sind. Die Macht zu gestalten, die Macht, das richtige zu tun, die Macht, einen Staat zu lenken. Und so weiter. Das werden sie sagen. Alles Ausreden. Es gibt nur eine Macht. Die Macht zu töten. Von ihr leitet sich alle andere Macht ab. Die Macht, über ein Leben zu entscheiden. Ob ja oder nein. Über tausend Leben zu entscheiden. Ja oder nein.“Was als Spiel mit dem biografischen Erzählen begann, endet bitterernst. Michael Köhlmeiers Roman „Das Philosophenschiff“ könnte daher als Abgesang auf die literarische Mode der Autofiktion gelesen werden, zumindest als Aufforderung, sich auch in der Literatur wieder intensiver mit drängenden Themen, etwa mit den Gefahren ideologischer Radikalisierung und des politischen Terrorismus zu befassen.Quelle: Michael Köhlmeier – Das Philosophenschiff
Die Mittelschicht versteckt sich, während die Arbeiterklasse ihnen die Sachen bringt.« Eine andere Version: Weiße verstecken sich, während schwarze und braune Menschen ihnen die Sachen bringen.Quelle: Sigrid Nunez – Die Verletzlichen
Ein Mittel gegen viele Krankheiten wird es genannt. Für die Linderung von Stress und Angst; als Trost bei einem Trauerfall, bei Traurigkeit und Verlust: Finde jemanden, der deine Hilfe braucht. Es waren nicht nur in Isolation lebende Menschen, die sich während des Lockdowns dafür entschieden, ein Tier zur Pflege aufzunehmen oder zu adoptieren.Die Erzählerin zieht in das Luxusapartment der Bekannten, findet Trost und Erfüllung darin, mit dem Ara namens Eureka Freundschaft zu schließen, ihn nicht nur zu füttern, sondern vor allem zu unterhalten – ein intelligentes Tier, dem Langeweile zusetzen würde. Eine Win-Win-Situation also. Eigentlich ist das fast alles, was in diesem Roman geschieht. Aber natürlich ereignen sich die eigentlichen Dinge unter der Oberfläche, und nicht nur die Nähe zu einem Tier, sondern auch die Themen, die verhandelt werden, erinnern an Nunez‘ Erfolgsroman „Der Freund“: „Die Verletzlichen“, der Titel spielt auf die vulnerable Gruppe von Menschen an, zu denen auch die Erzählerin gehört, ist ein geradezu kathartisches Buch.Quelle: Sigrid Nunez – Die Verletzlichen
(…) die Wohnung ist auch groß genug für uns beide. Aber es ist so anders, wenn er da ist. Er kann nichts dafür, ich weiß, aber die ganze Wohnung ist voller Testosteron. Violet lachte. Das ist das eigentliche Problem, nicht wahr, sagte sie. Da lebst du in großer Nähe zu diesem sehr attraktiven, sehr sexy jungen Mann, eine unübersehbare Erinnerung an das, was du nicht mehr haben kannst, was du verloren hast, dieser aufregende Teil des Lebens, der jetzt hinter dir liegt und nie wiederkommt, und obwohl es nicht sein Fehler ist, gibst du ihm die Schuld.Quelle: Sigrid Nunez – Die Verletzlichen
Lev hatte es nie gemocht, wenn sie ihn vereinnahmen wollten. Er verweigerte sich der Zuteilung in Deutsch oder Rumänisch. Manche setzten einen Bindestrich dazwischen, doch das kam ihm für seine Familienverhältnisse nicht stimmig vor. Er hatte eine siebenbürgische Mutter und einen rumänischen Vater; sein Großvater berief sich auf seine österreichischen Vorfahren. Lev, eine Mischung aus all dem, fühlte sich nicht verpflichtet, sich irgendwo einzuordnen.Die Bevölkerungsgruppen konkurrieren um ihren Status in dörflichen und städtischen Gesellschaften, deren historische Bausubstanz zerfällt, deren katholische, protestantische und orthodoxe Kirchen nur mühsam in Schuss gehalten werden. Hier mag das Ende von Ceausescu zwar seinen Sicherheitsapparat weggefegt haben, aber nicht die Erinnerung an dessen Macht bis in die Familien hinein. Viele gehen weg, nach Westen. Und die Angepassten von damals sind die Karrieristen der Gegenwart. Nach und nach wird klarer, dass Kato und Lev seit Kindheitstagen verbunden sind, nach und nach zeigt sich der Charakter ihrer Beziehung, in der es Lev früh um Liebe und Zugehörigkeit ging und Kato immer um Freundschaft und Freiheit. Erst als das Buch in der Gegenwart angekommen ist, zeigt sich, dass beides, Freundschaft und Liebe, vielleicht doch zusammengeht. Aber auch Levs frühes Trauma enthüllt sich und all die anderen Verluste seines Lebens. Zu denen zählt, dass Kato fünf Jahre zuvor das Dorf hinter sich ließ, um mit einem durchreisenden Deutschen die Welt zu erkunden.Quelle: Iris Wolff – Lichtungen
Kato sah verändert aus; das Dorf, das Haus, vielleicht auch Lev, waren schon aus ihren Gesten, ihrem Gesicht verschwunden. In ihren Augen stand helles, flackerndes Licht, stand Aufbruch.Quelle: Iris Wolff – Lichtungen
In allem gab es diese Dunkelstellen, wo die Erfahrung aufhörte und die Erinnerung anfing. Etwas blieb, und etwas ging verloren, manches schon im Augenblick des Geschehens, und wie sehr man sich bemühte, es tauchte nie wieder auf. Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen. Man begegnete ihnen nur zufällig und wusste nie, was man darin fand. Die eindrücklichsten Momente, das was sich nie verlor, gehörte einem nie alleine. Die Angst gehörte einem alleine. Das Vergessen. Alles sonst, dachte Lev, bleibt nur durch andere gegenwärtig.Quelle: Iris Wolff – Lichtungen
„…und so drehte ich, während ich auf meinen Autor wartete, die erste Seite seines Manuskripts um und beschrieb die leere Rückseite. Ich nahm an, es würde ein Gedicht, denn ich schrieb damals hauptsächlich Lyrik, doch zu meiner Überraschung zogen sich die Zeilen immer mehr in die Länge. Der Autor erschien mit einer Stunde Verspätung zu unserer Lektoratsbesprechung, und da hatte ich bereits zehn beschriebene Seiten. Nicht nur beschriebene, sondern brennende Seiten. Als ich sie am Ende des Tages wieder las, erschrak ich. Das war so anders als die Gedichte, die ich damals schrieb (…).“Was sie damals mit Erstaunen las, und was wir jetzt mit 30 Jahren Verspätung in der flüssigen Übersetzung von Anne Birkenhauer lesen können, sind Traum- oder besser Alptraumsequenzen, die sich aus bestimmten Konstellationen und Konflikten und Ängsten zusammensetzen. Es wirkt wirklich so, als sei das in einem einzigen langen Rausch geschrieben, ohne kompositorische Linie, ohne klare Konturen, ohne eine kenntlich gemachte Erzählerin.Quelle: Zeruya Shalev – Nicht ich
Der Körper des Geliebten (…) ist mit Kies gefüllt, und wenn er geht, hört man den Kies knirschen. Das Mädchen ist mit Honig und Milch gefüllt und von süßer Asche überzogen, und mein Körper besteht aus klebrigem Pappmaché und zerplatzten Luftballons. Sie müssen mir zustimmen, dass all diese verschiedenen Materialien eine Mischung ergeben, die absolut unzumutbar ist.Quelle: Zeruya Shalev – Nicht ich
Nachdem wir uns höflichst verabschiedet hatten, wusste ich, ab jetzt würde ich niemanden mehr anrufen, nicht mehr lachen, nicht mehr flüstern. Ich wusste, ich war schon hart und spitzig; ich würde nie mehr liebbar sein.Quelle: Zeruya Shalev – Nicht ich
[Die Erzählerin] war nicht ich, aber sie schrie (…) aus mir heraus, in einem wilden und gnadenlosen Monolog, einer Art Seelenstrip oder Stand-up-Tragödie, mal klagend, mal anklagend, mal Liebe erflehend, mal ihre Geliebten verhöhnend – voller Ungereimtheiten.Kurz: Ein aufschlussreiches, gewagtes, angestrengtes, ja, nervig aufgeregtes Debüt, das am ehesten jene Leserinnen und Leser interessieren dürfte, die Shalevs weiteres Werk bereits kennen und schätzen.Quelle: Zeruya Shalev – Nicht ich
Ich mag alle drei Bücher. Aber das von Boris von Brauchitsch ist mit kleinem Vorsprung mein persönlicher Favorit. Januar 2024 – das Caspar-David-Friedrich-Jahr ist eröffnet!
Dieser Roman ist sehr warmherzig, aber auch traurig. Und es ist ein Roman, der mir die Schönheit der Mathematik nähergebracht hat, denn in Mathe war ich als Kind gar nicht gut. Ich empfehle diesen Roman sehr gern.Hören Sie die Autorin im O-Ton!
Sein Leid war manchmal das einzige Reale, bis die Hündin nach Magdas Tod zur Welt für ihn wurde, weil er die Welt für sie war.Ascha ist Gefäß der Trauer und in ihrer grundsätzlichen Scheu vor Menschen auch ein Spiegel ihres Besitzers. Sein eigener Alterungsprozess wird Schongauer täglich vor Augen geführt. Den ersten Stent am Herzen hat man ihm bereits gesetzt, seine Beine sind knochig, seine Fußnägel zu lang. Die Art und Weise, wie Kirchhoff den Blick auf den Körper seines Protagonisten richtet, ist kalkuliert unbarmherzig; die Schilderung seiner Schrullen mit Ironie abgefedert. Das misanthropische Existenzgefüge Schongauers kommt durch die Ankunft eines weiteren Gastes ins Wanken.Quelle: Bodo Kirchhoff – Seit er sein Leben mit einem Tier teilt
Sie trinkt einen Schluck und bedeutet ihm nur durch ein kurzes Fingerheben, dass die Temperatur stimmt, alles Übrige aber, das glaubt er ihr anzusehen, nicht stimmt. Und auf einmal glaubt er auch zu wissen, was es ihm schwer macht, einfach nur ihre Fragen zu beantworten: dass er sie verheerend gern ansieht.Mit dem Roman „Die Liebe in groben Zügen“ trat Bodo Kirchhoff 2012 in die Spätphase seines Werks ein. Er schreibt Bücher über gereifte Beziehungen, über unterdrückte Sehnsüchte, über versteckte Türen, die sich unvermittelt öffnen und lange Verstecktes freilegen. Mit dem neuen Roman erweitert Kirchhoff dieses Themenspektrum, und das auf formal raffinierte Weise: „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“ ist eine Passionsgeschichte, ein Roman in sorgsam komponierten und ausgestatteten Bildern und in sich abgeschlossenen Aufzügen. An der Oberfläche geschieht wenig – ein Ausflug auf dem See, ein Abendessen, ein Telefonat. Doch stets liegt unter den Szenen eine untergründige Anspannung, ist ein Umkippen des Augenblicks vorstellbar, sei es ins Tragische, sei es ins Peinliche.Quelle: Bodo Kirchhoff – Seit er sein Leben mit einem Tier teilt
Er zieht sich aus, abgewandt vom Spiegel über dem Waschbecken, seinem Anblick, dann tritt er unter die Dusche, und wieder ist da der Wunsch, in der Zeit ein Stück weiter zu sein, schon an das zurückdenken zu können, was ihn in dieser Nacht in ein Glück stürzen könnte, aus dem es keinen Ausweg mehr gibt. Er lässt kaltes Wasser über sich laufen, minutenlang, als könnte es ihn so auflösen wie den Schweiß auf seiner Haut und im Abfluss verschwinden lassen.Man könnte dazu neigen, diesen Roman zu unterschätzen. Untergründig inszeniert Kirchhoff seine Hauptfigur als einen Mann mit durchaus zweifelhaftem Charakter. Doch das Ambiente und die eleganten Satzbögen tauchen Schongauers Abgründe in ein mildes, melancholisches Licht. Ein Alterswerk mit Falltüren.Quelle: Bodo Kirchhoff – Seit er sein Leben mit einem Tier teilt
Was ist das: die Wahrheit!? Ich verstehe es völlig, wenn mir jemand sagt, also gestern hast Du mich wirklich angelogen. Aber: Was Die Wahrheit ist, da hab ich keine Ahnung. Es scheint mir aber wo das Wort DIE WAHRHEIT auftaucht, dass derjenige Mensch, der von der Wahrheit spricht, immer seine Privatphilosophie darunter mit einschiebt und sagt: Da es so und so ist, müssen wir es eben so machen, nicht wahr?Neben seinem Hauptwerk „Wider den Methodenzwang“ galten „Wissenschaft als Kunst“ und „Erkenntnis für freie Menschen“ als Feyerabends bekannteste Bücher. Mit ihren griffigen Thesen und Polemiken gegen die Allmacht wissenschaftlicher Institutionen rüttelten sie am Selbstverständnis einer eurozentrierten Weltsicht.Quelle: Paul Feyerabend
Also es hat wirklich etwas von einer Show. Das Problem ist nur, dass man das sehr schwer in eine schriftliche Form transferieren kann, weil es einfach sehr von der Spontaneität und manchmal sicherlich auch von der Gestik und Mimik lebt, die wir natürlich nicht rekonstruieren können. Da haben wir keinen Zugang dazu. Das heißt also, davon haben wir nicht so viel hinüberretten können in unserer Edition. Aber wir haben natürlich auch alles dafür getan, dass dieser Text nicht in einen Friedhof verwandelt wird.Quelle: Michael Hagner
Sie können und sollen mich immer unterbrechen, wenn Sie sich danach fühlen. Und was ich noch sagen möchte: Bei der Diskussion sollte eigentlich jeder, der teilnimmt, darunter auch ich, Abstand zu seinen Gefühlen halten. Das gelingt mir nicht immer. Ich stürze mich da ins Kampfgetümmel wie ein Wilder.In seinen Vorlesungen ist Feyerabend auf der Höhe seines Ruhmes, und dabei nicht unumstritten in seiner Art, sich lässig zu inszenieren. Er ist Kult, aber kein Guru, da Feyerabend sich keiner Schule verpflichtet fühlt und auch keine ins Leben gerufen hat. Mitte der 1980iger Jahre ist die Zeit kurz vor der Tschernobyl-Katastrophe, das Ende des Kalten Krieges bahnt sich an, und das Internetzeitalter steht vor der Tür. Fragen der Klimakatastrophe, und Kritik an einem arroganten und selbstgefälligen Eurozentrismus spielen in diesem Vorlesungs-Zyklus eine zentrale Rolle. Aber auch Fragen der Ethik, wie Feyerabend am Beispiel von Tierversuchen emotional diskutiert.Quelle: Paul Feyerabend
Nehmen wir Tierversuche. Ein von mir sehr geliebter Mensch ist von einer schweren Krankheit bedroht. Es scheint von einer großen Wahrscheinlichkeit zu sein, dass wenn man einen bestimmten Tierversuch anstellt, der dieses Tier umbringt und diese Person eben rettet. Vor solch eine Entscheidung möchte ich die Leute gestellt sehen, nicht im Allgemeinen. Ich bin gespannt wie ein Antivivisektionist, wie die Leute sich da entscheiden werden. Ich würde mich für die geliebte Person entscheiden, was denn sonst.Quelle: Paul Feyerabend
Ein Beispiel ist die Frage, die in den 1980er Jahren ein großes Thema war: der Saure Regen, der den Tod der Wälder hervorruft. Und da sagt er: Ja, jetzt haben wir diese Diagnose, und die Grünen haben vollkommen recht. Aber natürlich darf man nicht erwarten, dass jetzt sich die Politik erst einmal umstellt und dass da also Gesetze gemacht werden und diese Situation versucht wird zu verändern. Es sei denn, wenn ökonomische Interessen davon betroffen sind. Das heißt, dass also erst, wenn es quasi den Leuten an den Geldbeutel geht, erst wenn eine unmittelbare Beeinträchtigung der sozialen, ökonomischen Situation droht, dann kommt es zu Veränderungen. Das heißt, Feyerabend sieht sehr klar, dass Grüne Politik ohne ökonomische Grundlagen und ohne diesen Faktor überhaupt nicht realistisch ist.Quelle: Michael Hagner
Ich glaube, man kann Feyerabend nicht in Anspruch nehmen, dafür, dass die Astrologie ganz toll ist, dass die Homöopathie ganz toll ist, dass die Regentanz ganz toll sind. Das ist ein Missverständnis, sondern es ist eher die Frage: Was aus welcher Position heraus kritisieren wir da eigentlich? Müssen wir uns nicht erst einmal an die eigene Nase fassen und schauen Welche Arten von Wissen bieten wir den Menschen an? Und was haben die eigentlich davon? Er sagt: Wir müssen diese Vorteile untersuchen, wir müssen schauen, was bringt es und was bringt es nicht. Und wenn wir irgendwelchen Leuten, die nur eine Erkältung haben, gleich Antibiotika geben, dann schaden wir ihnen. Ganz einfach.So erleben wir in den rekonstruierten Texten der Züricher Vorlesungen einen streitbaren, polemischen Philosophen, den wir beim Denken, Formulieren, Assoziieren beobachten können. Kein Wissenschaftsfeind spricht da, sondern ein Denker, dem fest gemauerte Theorien und Ideologien suspekt waren. Paul Feyerabend war ein leidenschaftlicher Freigeist und Aufklärer, der nach Wissens-Alternativen suchte, auch wenn sie dem Wissensbetrieb nicht gefielen. Es lohnt sich anhand der wiederentdeckten Vorlesungen Feyerabend als einen streitbaren und unbequemen Hochschullehrer kennenzulernen, der mit ätzendem Witz auf Probleme aufmerksam gemacht hat, die heute genauso aktuell sind wie 1985.Quelle: Michael Hagner
Zwischen 1960 und 1992 wurde in Deutschland der Rhein-Main-Donau-Kanal gebaut, in den auch der Teil der Regnitz integriert wurde, in dem meine Mutter einst ihr Leben gelassen hat. In meiner Vorstellung fließen seitdem Tag für Tag ein paar Tropfen der fränkischen Regnitz ins Asowsche Meer. Ganz allmählich kehrt meine Mutter mit dem Wasser der Donau zurück in ihre alte Welt, die Tropfen der Regnitz erreichen über Ungarn, Bulgarien, Rumänien das Schwarze Meer, passieren die Meerenge von Kertsch und gehen ein ins Asowsche Meer, in dem meine Mutter vielleicht einmal gebadet hat und dessen Wellen immer noch ans Ufer von Mariupol schlagen.„Der Fluss und das Meer“- in ihrer Erzählung schnürt Natascha Wodin noch einmal die ganze Tragik, die das Leben ihrer Mutter bestimmt, in wenigen sehr dichten Momenten zusammen. Sie tut das in der für sie typisch lakonischen Art, beiläufig und zugleich voller Wucht. Dabei spannt sie den Bogen schmerzhaft bis in die Gegenwart.Quelle: Natascha Wodin – Der Fluss und das Meer
An Schlaflosigkeit leide ich bis heute, und in besonders unruhigen Nächten höre ich wieder Bellos Bellen. Ich bin wieder die junge Frau von damals, die glaubt, Ihre Mörderin zu sein, Frau Meisinger. Sie waren gestorben, weil ich es gewollt hatte. Ich hatte Ihren Tod nicht nur nicht verhindert, ich hatte ihn herbeigeführt – mit der Macht meines Wünschens, mit meinem unbändigen Willen, die Vergangenheit für immer aus meinem Leben zu verbannen. Ich hatte in Ihnen mich selbst umgebracht, diejenige, die ich nie wieder sein wollte.Ein schonungsloses Geständnis, mit dem sich die Ich-Erzählerin direkt an die vor ihrer Nase in Einsamkeit und Elend verstorbene Nachbarin wendet. Ein Eingeständnis aber auch der eigenen Verwundung: zu erkennen, wie unheilvoll das Kindheitstrauma - Ausgrenzung, Diffamierung, Tod der Mutter, Gewalt des Vaters – fortwirkt. Wieder ein Zeitsprung. In „Notturno“ umkreist Natascha Wodin eine lange, sehr intensive Brieffreundschaft, die die Ich-Erzählerin mit einem in der geschlossenen Psychiatrie untergebrachten Mann führt: Heiner Fuchs, der auch aus ihrer Heimat F. kommt, der wohl, in dieselbe Schule gegangen ist. Das „Desaster“ beider Leben verbindet, es entwickelt sich eine zarte Romanze, die durch die gemeinsame Leidenschaft für Musik, für Schuberts Notturno insbesondere, an Fahrt gewinnt. Aber auch diese Umarmung misslingt, scheitert an der Unfähigkeit, die eigenen inneren Ketten zu sprengen.Quelle: Natascha Wodin – Der Fluss und das Meer
Was konnte ich als Kind russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter gemeinsam haben mit den deutschen Studenten der 68er-Generation? Mein Deutschland war nie das ihre gewesen, sie rebellierten gegen Verhältnisse, die ich nicht kannte, gegen Täter-Eltern, die nicht die meinen waren, gegen Wohlstandseltern, die ich nie gehabt hatte. Ich wollte so sein wie sie, ich wollte dazugehören, aber ich konnte nicht zu etwas gehören, das ich in seinem Wesen weder kannte noch verstand. Ich gehörte zu gar nichts. Weder zu Deutschland noch zu Russland oder zur Ukraine und immer weniger auch zu mir selbst. Ich gehörte zu Sri Lanka. Hier war ich in meiner eigenen inneren Wildnis angekommen, in genau jener Fremde, in der ich immer schon war.„Der Fluss und das Meer“ – der neue Erzählband von Natascha Wodin schlägt inhaltlich zwar keine neuen Kapitel auf. Es ist die Suche nach dem inneren Grund, ein Ringen um Erkenntnis, eine Sehnsucht nach Heilung. Das ist schonungslos – für die Ich-Erzählerin, bisweilen auch für die Leserinnen und Leser. Doch es ist eine starke, nachhaltige Prosa: wortkarg und wortgewaltig zugleich.Quelle: Natascha Wodin – Der Fluss und das Meer
Hello, my name is Sean Sherman, I am a Chef. I am here to talk about native American Food.Er ist nicht nur ein Profi-Koch, nicht nur der Sioux-Chef, der die indigene Küche Nordamerikas wieder auf den Speiseplan der Welt bringen möchte – er ist auch ein Medien-Profi. Hier zum Beispiel ist er Gast bei einem TED-Talk.Quelle: Sean Sherman
I was born and raised in Pine Ridge, Minnesota, I started my company called the Sioux Chef – it’s a game with words – in 2014.Beim Ted Talk trägt Sherman ein schwarzes Jackett, ein schwarzes T-Shirt – und die langen dunklen Haare zu zwei Zöpfen geflochten. Dieses Outfit ist eine Mischung aus Start-up und Tradition, ähnlich wie seine Küche ist Shermans Kleidung ein Statement. Auch beim Interview für SWR2 lesenswert in einem Hotel in Berlin trägt Sherman wieder dunkle Kleidung und Zöpfe, seine Botschaft bringt er routiniert rüber.Quelle: Sean Sherman
Also, ich heiße Sean Sherman, ich komme aus dem Reservat Pine Ridge in South Dakota. Und ich bin gerade in Berlin, weil mein Kochbuch auf Deutsch erscheint, es heißt: „Der Sioux Chef. Indigen kochen“.Es ist ein kleines Wunder, dass Sherman hier in Berlin sitzt, dass er indigenes Essen kocht und auch dass er überhaupt eine Karriere als Koch begonnen hat. Für einen Jungen, der 1974 in einem Reservat geboren wurde, ist all das nicht selbstverständlich:Quelle: Sean Sherman
Pine Ridge ist das drittgrößte Reservat in den USA und seit seiner Gründung um 1900 ist es auch die ärmste Gegend des Landes. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 Prozent und es gibt viele gesundheitliche Probleme wegen des schlechten Essens dort und auch sonst gibt es viele Probleme dort. Meine Familie lebt noch immer dort. Mit meiner Arbeit versuche ich, Lösungen für diese Probleme zu finden.Eines der vielen Probleme in Reservaten wie Pine Ridge ist die Ernährung, sagt Sherman:Quelle: Sean Sherman
Im Reservat leben die meisten Familien von den Lebensmittelhilfen der Regierung. Also von Dosenfleisch, Dosengemüse, Dosenobst, Milchpulver, haltbarem Käse und großen Flaschen Mais-Sirup.Kochen war für Sean Sherman schon in jungen Jahren eine Berufung – er arbeitete in verschiedenen Restaurants, lernte französisch zu kochen, italienisch, spanisch. Und – so erzählt er es - irgendwann ging ihm auf: Es gibt so gut wie keine Restaurants für die Küche der native americans. In seinem Kochbuch, das unter dem Titel „Der Sioux Chef. Indigen kochen“ gerade auf Deutsch erschienen ist, beschreibt Sherman diese Erkenntnis:Quelle: Sean Sherman
Was hatten meine Vorfahren gegessen, bevor die Europäer auf unserem Land auftauchten? (…) Ich wollte unbedingt alles über die Pflanzen und ihre Verwendungsweisen wissen. Es gab für mich von da an kein „Unkraut“ mehr – diese Pflanzen waren Nahrungs- und Heilmittel. Ich fing an zu begreifen, dass auf unserer Welt alles in der Natur einen Zweck hat, fing an, Respekt für Pflanzen und Tiere, unsere Nahrungsquellen, zu entwickeln.Shermans Kochbuch ist das Ergebnis einer langen Recherche, er las in botanischen Büchern, darüber wie die native americans die Pflanzen und Wildtiere Nordamerikas zubereitet haben. Oder besser: zubereitet haben könnten. Denn auch wenn er lange Gespräche mit den Ältesten verschiedener Ethnien führte – vieles von dem Wissen über die ursprüngliche Küche war nicht mehr vorhanden. Denn mit der räumlichen Eroberung Nordamerikas ging auch eine kulinarische Verdrängung einher – sagt der Ethnologe und Journalist Sebastian Scheelhaas, der vor allem zur Indigenen Ernährung in Nordamerika geforscht hat. Für ihn öffnen indigene Köche wie Sean Sherman ein Fenster in eine Welt, über die man meist nur wenig weiß.Quelle: Sean Sherman – Der Sioux-Chef. Indigen Kochen
Was kriegt man denn mit von indigenen Gesellschaften? Man kriegt irgendwas über Landclaims mit, irgendwas von wegen, dass sie irgendwie nicht arbeiten müssten angeblich und alle so negative Stereotypen. Aber die tatsächliche Lebenswelt und die Kulinarik, die lernt man eigentlich so gut wie nicht kennen, weil die an Orten stattfindet, zu denen man keinen Zugang hat, Reservationen zum Beispiel. Reservationen zum Beispiel. Bücher wie das von Sherman öffnen ein Fenster in eine Welt, in die man sonst nicht blicken kann. Und ermöglichen damit, das eigene Bild, was man von indigenen Gesellschaften hat, extrem zu diversifizieren. Ob das authentisch ist, ist die falsche Frage – es gibt kein authentisches Indigenes.Sherman selbst versteht unter indigener Küche keine ethnologisch korrekte Museumsküche, eher ein Experiment, in seinem Kochbuch „Der Sioux-Chef“ verwendet er wilde Zwiebeln, wilden Knoblauch, Knollen, Kartoffeln. Aber auch Gräser, Gewürze, Beeren, Wachteleier, Elch, Bison und Ente – das sind einige der Hauptzutaten seiner Küche.Quelle: Sebastian Scheelhaas
… hyperlokal, ultrasaisonal, megagesund: ohne industriell verarbeitete Lebensmittel, ohne Zucker, ohne Weizen (oder Gluten), ohne Milchprodukte oder tierische Produkte mit hohem Cholesterinwert. Sie ist von Natur aus niedrigglykämisch, eiweißreich, salzarm, vorwiegend pflanzlich, mit vielen Körnern, Saaten und Nüssen. Vor allem aber ist sie mehr als köstlich. (…) Es ist eine Ernährungsweise, die uns alle so unmittelbar und profund wie möglich mit der Natur und miteinander verbindet.Zu Shermans Buch-Promotiontour in Europa gehört auch ein Dinner im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Der Saal des Restaurants „Weltwirtschaft“ ist ausgebucht, an meinem Tisch sitzen drei junge Frauen. Das Menü beginnt mit Süßkartoffel, Ahorn Chilli-Crisp und frittiertem Salbei. Warm, süss und cremig. Später gibt es Kürbis-Apfel-Suppe, Maisbrei und gebratene Ente, mariniert mit Ahornsirup und Zeder. Lilly, Therinka, Pheli und ich finden: alles schmeckt sehr nach dem, was es ist. Der Kürbis schmeckt vor allem nach Kürbis, die Ente nach Ente. Lilly sagt, es schmecke sogar „clean“. Mir fehlt etwas Salz und Pfeffer. Was während des Dinners auch deutlich wird: Sean Sherman ist nicht nur Koch und Marketing-Profi – er hat eine politische Agenda, sein Kochbuch ist Teil einer indigenen Bewusstseinswerdung.Quelle: Sean Sherman – Der Sioux-Chef. Indigen Kochen
Dieses Essen ist politisch, denn es erzählt eine andere Geschichte als die US-Regierung. Die US-Regierung stellt die eigene koloniale Geschichte besser da als sie war. Denn tatsächlich gibt es noch immer so viel Schmerz und Trauma, dass durch den Kolonialismus und die US-Form der Vernichtung entstanden ist, durch die Vertreibung der Indigenen. Die USA haben noch immer nicht verarbeitet, dass sie nur deshalb eine Weltmacht sind, weil sie riesige Ländereien von den Indigenen geraubt haben. Land, das den Indigenen seit Generationen gehörte. Und gleichzeitig haben sie sehr viele Menschen aus Afrika verschleppt, die dann das aufgebaut haben, was heute die Vereinigten Staaten sind.Essen ist also nicht nur Essen – es ist eine Haltung. Wobei – neben dem Bedürfnis nach Salz und Pfeffer bleibt auch der Nachgeschmack eines Zweifels haften. Denn: immerhin sitzen beim Dinner im Haus der Kulturen der Welt nicht nur Lilly, Therinka, Pheli und ich am Tisch, sondern auch die eigene Prägung, literarische Figuren wie Winnetou und die sehr alte Idee vom edlen Wilden. Was bleibt, ist die vage Befürchtung, dass man sich hier auch den antikolonialen Gestus als exotische Zutat übers Essen träufelt.Quelle: Sean Sherman
„Bis heute gilt ‚Alabama‘ als Referenzstück für politischen Jazz und als Beleg für Coltranes politische Gesinnung: Die Jazzforscherin Ingrid Monson beschreibt in ihrer profunden Studie Freedom Sounds – Civil Rights Call Out to Jazz and Africa, Coltranes ‚Alabama‘ als die ‚vielleicht bewegendste Komposition, die einem spezifischen Civil-Rights-Ereignis gewidmet ist.‘“Quelle: Peter Kemper
„Als primär afroamerikanisches Akkulturationsprodukt bewegt sich diese Musik immer schon im Konfliktfeld zwischen schwarzer und weißer Politik und Praxis. Es fand eine Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen statt: der westafrikanischen und der nordamerikanischen.“Kemper interessiert sich auf der anderen Seite dafür, ob sich in den Sounds, im Klang, in der ins Offene weisenden Improvisation, im rauen, warmen, kreischenden Ton des Saxophons etwa, in radikalen Avantgardismen oder Rückbezügen auf den Blues jene behauptete politische Ebene auch musikalisch abbildet. Es gibt jene, die sagen, Musik sei eine Sprache für sich, sie könne gar nicht auf Politisches rekurrieren. „Alabama“ ließe sich so auch als trauriges Liebeslied hören, wisse man nichts von seinem Kontext.Quelle: Peter Kemper
„Für unsere Untersuchung des Sprachcharakters von Musik und Jazz im Besonderen ist hier die Kategorie des ‚Dazwischen‘ entscheidend: Der ‚Gestus‘ eines Musikers, wie er sich als Klanggeste manifestiert, charakterisiert seine ‚Haltung‘ im Sinne seiner gesellschaftlichen Bestimmtheit. Deshalb lässt sich die Erfahrung des Gestischen als der bedeutungstragende Sinn von Musik verstehen. Adorno hat dies unnachahmlich prägnant formuliert, wenn er schreibt: ‚Der Ausdruck zieht die Musik zur Geste zusammen und staut sie im Ton.‘“Diese grundsätzlichen Reflexionen stehen ganz am Ende des 750-Seiten starken Buches – aber alles, was davor kommt, führt zu diesen Überlegungen hin: Kempers umfangreiche und zugleich dichte Emanzipationsgeschichte, die entlang des Jazz geschrieben wird, ist nämlich zunächst eine faszinierende Erzählung von musikalischen Wegmarken, symptomatischen Episoden und legendären Musikern, deren Schaffen stets in einem sozialen Rahmen stattfand, den sie mit ihrer Kunst zu sprengen suchten. Selbst bei einem bis heute als unpolitischer Entertainer geltenden Virtuosen wie Louis Armstrong entdeckt Kemper einschneidende Momente, an denen er sein Image als „Onkel Tom des Jazz“ aufbrach und konterkarierte.Quelle: Peter Kemper
„Ich habe 40 Jahre lang ein wundervolles Leben mit der Musik gehabt, aber ich spüre die Unterdrückungssituation so wie jeder andere Schwarze auch. […] So, wie sie meine Leute im Süden behandeln – die Regierung kann von mir aus zur Hölle fahren.“Zitiert Kemper Louis Armstrong. Jazz sei für Satchmo immer auch die klangliche Verkörperung schwarzer Erfahrung in den USA gewesen. Oder wie Armstrong es ausdrückte:Quelle: Louis Armstrong (zit. nach Kemper)
„Was wir spielen, ist unser Leben.“Glänzend erzählt Kemper von Billie Holiday, die als harmlose Sängerin vermarktet werden sollte, aber selbst in ihren Liebesliedern und dann erst recht mit dem Song „Strange Fruit“ auf unhintergehbare Weise gegen männliche und rassistische Unterdrückung ansang. Und Kemper erzählt, wie genau diese Formen von Repression sie am Ende – mit nur 44 Jahren – zu Tode bringen. Kemper schreibt über Miles Davis, der mit seiner coolen Arroganz den Spieß gesellschaftlicher Hierarchie umdrehen wollte; über den bilderstürmerischen Albert Ayler, über den wütenden Archie Shepp, der sein Saxophon in den 60ern als „Maschinengewehr des Vietkong“ verstand. Er sucht mit Sun Ra in den weiten des Weltalls nach afrofuturistischen Befreiungspotentialen, begleitet Roland Kirk bei einem subversiven Fernsehauftritt, bei dem er eine größere Präsenz ernstzunehmender schwarzer Künstler in den Medien forderte, untersucht das Scheitern der Musikerselbstorganisation Jazz Composers Guild; zeigt uns, wie das Art Ensemble of Chicago mit Rückgriffen auf afrikanische Traditionen eine „Great Black Music“ propagierte, offenbart auch im Spiritualismus eines Pharoah Sanders und dem revolutionären Experimentiergeist eines Cecil Taylor politisches Potential.Quelle: Louis Armstrong (zit. nach Kemper)
„… als ›Bausteine einer politischen Ästhetik des Jazz‹ verstanden werden.“Diese Sozialgeschichte des Jazz und der Musik ist nicht nur meisterlich erzählt, sondern auch von umfassenden Recherchen und großem Einfühlungsvermögen geprägt. Und sie ist theoretisch auf Höhe der verhandelten Themen. Weil Kemper tief in die Problematiken des Themas eingedrungen ist, versäumt er es nicht, auch seine eigene Rolle als Chronist und Interpret zu hinterfragen: In einem „Nachwort in eigener Sache“ setzt er sich gewissenhaft mit damit auseinander, ob er als „alter weißer Mann“ über die in der schwarzen Musik ausgefochtenen Emanzipationskämpfe schreiben darf, ob das nicht anmaßend sei. Seine Antworten wählt er sorgsam und abwägend; sie zeigen, dass er seinen Gegenstand ernst nimmt und ein Bewusstsein für mögliche Schieflagen hat, dass aber auch eine gewisse wissenschaftliche Distanz produktiv sein kann. Die beste Antwort gibt allerdings ein schwarzer Musiker selbst:Quelle: Peter Kemper
„Es ist ein Fehler zu glauben, dass nur Schwarze über Black Music schreiben können. Der Diskurs zu diesen Fragen sollte so vielfältig wie möglich sein.“Wer den Segen von Archie Shepp hat, muss keinen woken Vorwurf fürchten.Quelle: Archie Shepp (zit. nach Kemper)
„Wer an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert erfahren wollte, wohin sich die Welt bewegt, musste ins Kaffeehaus.“Das Kaffeehaus – und da hat der Autor völlig Recht! – war nicht bloß ein Ort, an dem man sein heißes, koffeinhaltiges Getränk schlürfte, sondern es war eine Zusammenkunft Gleichgesinnter, ein „Debattierclub“, ja, eine „Art von öffentlichem Salon“, wie es im Buch heißt. Liesemer hat aber nicht irgendwelche große Kaffeehäuser im Visier, die es im damaligen Europa in großer Zahl gab, sondern drei bestimmte: das „Café Griensteidl“ in Wien, das Berliner „Café des Westens“ und das in München ansässige „Café Stefanie“. Diese drei firmierten unter einem durchaus ironisch gemeinten Begriff: „Café Größenwahn“. Zuerst wurde dieser im Wiener Satiremagazin „Figaro“ für das Griensteidl erfunden. Doch bald schon hörte und las man diesen eigenwilligen Terminus außerhalb der österreichischen Monarchie.Quelle: Dirk Liesemer – Café Größenwahn 1890 - 1915
„Der Name macht in den Kreisen der Bohème jedenfalls rasch Karriere und wird bald nach München und Berlin exportiert. So einprägsam ist er, dass er einmal als Metapher für die vielen geistigen und künstlerischen Aufbrüche rund um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert gelten wird.“Quelle: Dirk Liesemer – Café Größenwahn 1890 - 1915
„Gut sein ist sehr gut, aber gut zusammen wohnen ist Blödsinn.“Natürlich kommen in Dirk Liesemers Buch noch eine Menge anderer Akteure vor, denn der Größenwahn erfasste viele – Künstler, Schauspieler oder stillere Beobachter – und trieb sie ins Café. Lotte Pritzel, Puppenkünstlerin und Modedesignerin, war im Berliner Café Größenwahn nicht nur eine erotische Erscheinung, nein, sie beherrschte auch den Wortwitz. Bei einem ausgelassenen Gelage dichtete sie das Lied von den zwei Königskindern stehgreifmäßig um.Quelle: Dirk Liesemer – Café Größenwahn 1890 - 1915
„Es waren einmal zwei Molche, die hatten einander so lieb; das Männchen jedoch griff zum Dolche, denn die Molchin war eine Solche: Und das Wasser war viel zu tief."Quelle: Dirk Liesemer – Café Größenwahn 1890 - 1915
„Jeder darf ihn anpumpen, und braucht einer mal Wechselgeld, greift der Kellner in seine Tasche und wirft es dem Gast auf den Tisch. Mal passt es, mal weniger.“Im Berliner Café des Westens regiert Oberkellner Hahn. Lasker-Schüler nennt ihn „König mit dem Zauberstab“.Quelle: Dirk Liesemer – Café Größenwahn 1890 - 1915
„Er notiert penibel alles, was die Bohemiens bestellen, aber ihre Rechnungen lösen sich dann stets in Luft auf. Tatsächlich legt der Kellner sie nicht seinen Habenichtsen, sondern deren Mäzenen vor, die still all die Kaffees, Kuchenstücke und Mineralwasser ihrer Künstler übernehmen.“Und die Kellner in Wien? Die sind sowieso alle halbe Künstler und Literaten – also größenwahnsinnige Strizzis!Quelle: Dirk Liesemer – Café Größenwahn 1890 - 1915
und ( ) sie lassen den Kuss länger und länger dauern und es ist, als ob es keine Zeit gäbe, denkt Asle und dann denkt er, sie können doch nicht am helllichten Tag auf Dem Busbahnhof stehen und sich küssen, denkt er und ich liege da und jetzt ist sicher bald Morgen, denke ich und heute ist Heiligabend und ich muss wohl bald aufstehen, aber es ist so dunkel, und es ist so kalt in der Stube, denke ich und ich schließe die Augen und ich sehe Ales und Asle vor dem Haus Universitetsgata 7 …Quelle: Jon Fosse – Ein neuer Name
Ich erfand ein Wort für meine Prosa „langsame Prosa“, (lacht) ich wollte langsame Prosa schreiben, aber wie und wann das wußte ich nicht, und es war schwierig anzufangen.Quelle: Jon Fosse
und ich liege da auf der Bank und es ist dunkel in der Stube, aber ich bin sicher, es ist Morgen und heute ist Samstag und Heiligabend, denke ich und jetzt muss ich aufstehen …„Der neue Name“, das sind zwei Tage auf gut 300 Seiten, in Auflehnung gegen die Zeit. Asle sitzt da, apathisch, verfolgt von der Erinnerung, allein in seiner Stube, seinem Atelier, immer wieder mit dem Blick durchs Fenster aufs Wasser, auf einen Peilpunkt in den Wellen des Fjords. Das ist das Betörende dieses Romans: seine Sprache in der Sprachlosigkeit, das äußere Schweigen und der innere Bewusstseinsstrom, aufs Wesentliche reduziert, ohne Punkt, nur Kommas und diese Melodie der Wiederholung wie die Wellen des Fjords.Quelle: Jon Fosse – Ein neuer Name
Ich wuchs in einer kleinen Gemeinde auf, in Strandebarm, am Hardangerfjord, mit dem Blick auf den Fjord. Wenn wir zur Schule mußten, gingen wir am Ufer des Fjords entlang und hörten dem Klang der Wellen zu. Als ich dort aufwuchs, gab es keine Straßenbeleuchtung, nur ab und zu ein Haus mit Licht, ich spreche von der Winterzeit, wenn es sehr dunkel in Norwegen ist. Diese Atmosphäre, diese Dunkelheit, da und dort ein Haus mit Licht und immer diese Wellenbewegung, das ist schon eine grundlegende Atmosphäre in meinem Werk.Quelle: Jon Fosse
Gott ist so fern, dass man nichts über ihn sagen kann und darum sind alle Vorstellungen, die man sich von Gott macht, falsch und zugleich ist er so nah, dass wir ihn auch fast gar nicht merken können, denn er ist der eigentliche Grund im Menschen, oder auch Abgrund, ( ) denke ich und ich denke oft daran wie an mein innerstes Bild, und es ist immer ebenso richtig oder falsch, egal wie man es nennt, oder ich denke daran als an Gottes leuchtendes Dunkel in mir, ein Dunkel, das auch Licht ist und das auch ein Nichts ist, …Quelle: Jon Fosse – Ein neuer Name
und ja da steht ja, lieber Himmel, die leuchtende Gestalt vor uns, ja die Gestalt, die weiß schimmert in ihrem Leuchten, und sie sagt: komm mit, und dann gehen wir ihr nach, langsam, Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug, der Mann im schwarzen Anzug ohne Gesicht, meine Mutter, mein Vater und ich, wir gehen barfuß hinaus ins Nichts, Atemzug um Atemzug, und plötzlich gibt es keinen einzigen Atemzug mehr, nur noch die glänzende, schimmernde Gestalt, die in einem atmenden Nichts leuchtet, das jetzt wir atmen, von ihrem Leuchten.Quelle: Jon Fosse – Ein neuer Name
Sie hatte den Umhang tief ins Gesicht gezogen und war zierlich, sowohl schlank als auch kindlich klein, und vom Hunger gehagert, nur noch Faden und Faser und Sehne und Kern. Selbst derart ausgezehrt und im Dunkeln halb blind, bewegte sie sich flink. Sie rappelte sich auf, stolperte beim ersten Schritt und stürzte beinahe, fing sich aber wieder und rannte los, geduckt über die gefrorenen Ackerfurchen und all die toten Maisstängel, die im Sommer aus der Erde gewachsen waren und nun schon schwarzbraun und fruchtlos und voller Mehltau.
„Schneller, Mädchen“, trieb sie sich an, und in ihrer Angst und ihrem Schmerz trugen ihre Beine sie noch schneller.
Quelle: aus: Lauren Groff: Die weite Wildnis
„In der Tat interessieren uns die Fragen rund um Hochkultur, Subkultur – auch um eine Sehnsucht vielleicht nach einem anderen Ort, eine Sehnsucht auch nach Heiligkeit, nach der Sakralität. Das sind alles Fragen, die glaube ich sehr viel damit zu tun haben, welche Rolle Literatur für uns alle spielt, auch welche Orte einer alternativen Erfahrung wir aufsuchen in unserer Gegenwart.“Gegenwärtige Tempel könnten zum Beispiel ein Fitness-Studio, der Körper oder ein Technoclub sein, sagt Miryam Schellbach, die auch Programmleiterin beim Claassen-Verlag ist. Mit diesem Thema hätten sich Schriftsteller*innen schon seit Jahren befasst. Die Idee für das erste Heft war es jetzt, all diese literarischen Positionen zusammen zu führen.Quelle: Miryam Schellbach, Mitherausgeberin von „Delfi“
„Uns interessiert die Zusammenkunft von Texten: Wie treten Texte eigentlich in einem Gespräch ein miteinander? Das sieht man ja schon daran, dass wir versuchen, verschiedene Genres miteinander aufzunehmen. [...]. Ganz viele verschiedene Textarten sprechen hier miteinander und das ist es auch, was uns interessiert.“„Man soll die Texte einer Literaturzeitschrift wie Delfi ja nicht nur online kurz durchklicken – sondern man soll sich in sie vertiefen“, sagt Miryam Schellbach. Den Bogen ins Digitale aber möchte sie trotzdem schlagen: „Wir wollen das Gespräch, das die Printzeitung beginnt, in den Sozialen Medien gern fortführen.“Quelle: Miryam Schellbach
„Wie heißt du?“, fragt er. Oh-oh. Ich spüre seine Stimme bis tief in meinen Bauch hinein und das ist nicht gut. Stimmen sollten nur die Ohren erreichen. Allerdings gibt es manche – wenige – Menschen mit Stimmen, die in meinem ganzen Körper nachhallen. Er hat so eine Stimme. Dunkel und selbstbewusst und zugleich butterweich.Quelle: aus: Colleen Hoover: It ends with us
Er trägt wieder OP-Kleidung und hat diesmal sogar ein Stethoskop um den Hals hängen. Frisch von der Arbeit. Sehr sexy. Ich kann mir nicht helfen. Der Look macht mich nun mal an. „Hallo, Herr Doktor.“Ohne Sex kommen die Hoover-Geschichten nicht aus. Und die Autorin setzt ihn geschickt ein, meint Christine Lötscher: „(…) und zwar schafft sie es ihre Leserinnen in ein erotisches Verhältnis, eine erotische Spannung zwischen der Leserin und ihren Büchern herzustellen. Man kann es wirklich nicht anders erklären, und zwar läuft das über Suspense, also sie schafft, so ganz klassisch, Spannung, man will wissen, wie es weiter geht, man will wissen, was am Ende passiert. Es passiert meistens dann gar nicht so wahnsinnig Verrücktes, also man ist auch oft dann ein bisschen enttäuscht von den Plottwists und den Enden, die sie bringt, aber es gelingt ihr einfach diese wahnsinnige Spannung aufrecht zu erhalten. Und das macht sie auch oft über tatsächlich auch diese Beschreibung sexueller Anziehung, also wie es zwischen den Figuren dort hin und hergeht, wie es sich ewig lang hinzieht, bis sie sich näherkommen und es ist klar, sie begehren sich, aber irgendwie geht’s dann doch nicht – und das macht sie wirklich sehr gut."Quelle: aus: Colleen Hoover: It ends with us
En liten tjänst av I'm With Friends. Finns även på engelska.